Die okkulten Grundlagen der Bhagavad Gita
GA 146
30 Mai 1913, Helsingfors
Dritter Vortrag
[ 1 ] Es kam mir im vorigen Vortrage darauf an, zu zeigen, wie das gegenwärtige, mehr ins Abstrakte gehende menschliche Denken nicht eigentlich eine Gabe der äußeren physischen Welt ist, sondern wie es eine Gabe ist der spirituellen Welt, wie im Grunde genommen dieses abstrakte menschliche Denken in die menschliche Seele genau auf dieselbe Weise hereinkommt wie die Offenbarungen der Wesenheiten höherer Hierarchien. Das Wesentliche ist also dieses, daß wir wirklich im alltäglichen, im gewöhnlichen Leben etwas in uns tragen, was ganz die Natur der hellseherischen Erkenntnis schon hat.
[ 2 ] Wir tragen aber nun auch als Menschen etwas anderes noch in uns, das im Grunde genommen noch viel mehr die Natur hellseherischer Erkenntnis hat, nur in einer, man möchte sagen, noch versteckteren Weise. Das ist jenes Bewußtsein des Menschen, welches auftritt zwischen dem gewöhnlichen alltäglichen Wachzustand und dem Schlafzustand: es ist das Traumbewußtsein. Man kann nicht gut kennenlernen, in wirklich praktischer Weise, den Aufstieg der menschlichen Seele in die höheren Welten, wenn man nicht Aufklärung sich zu verschaffen versucht über jenes merkwürdige Leben der menschlichen Seele in dem Dämmerzustande des Träumens. Was ist denn eigentlich dieser Traum? Betrachten wir ihn zunächst einmal so, wie er uns im gewöhnlichen Leben entgegentritt.
[ 3 ] Der Mensch hat um sich herum oder auch vor sich Bilder, gewissermaßen flüchtigere, nicht mit ebenso festen Konturen auftretende Bilder, als es die Wahrnehmungen des gewöhnlichen alltäglichen Lebens sind. Es huschen gleichsam vor der Seele vorbei die Traumvorstellungen, und wenn man dann eintritt in eine, man möchte sagen, nüchterne Untersuchung dieser Traumvorstellungen, dann kann einem auffallen, daß doch in den meisten Fällen diese Traumvorstellungen in irgendeiner Weise zusammenhängen mit dem äußeren Leben, wie wir es verbringen auf dem physischen Plane. Gewiß, es gibt Menschen, die leichten Herzens in den Träumen gleich etwas Hohes, etwas Wunderbares, ja, Offenbarungen von höheren Welten sehen wollen. Es gibt Menschen, welche leichten Herzens glauben, wenn dieser oder jener Traum auftritt, er gäbe ihnen etwas, was sie im gewöhnlichen Leben noch nicht erfahren hätten, er rufe in die Seele etwas herein, was gegenüber diesem gewöhnlichen Leben ein Neues, ein nie Dagewesenes sei. In vielen Fällen, ja vielleicht in den weitaus meisten Fällen wird man hierin sich täuschen, wenn man einen solchen Traum so auffaßt; man wird einfach sozusagen aus Flüchtigkeit nicht bemerken, wie in das Traumgewebe und -gewoge doch irgendwelche Erlebnisse hineinragen, die wir vor mehr oder weniger kurzer Zeit, oder sogar vor vielen Jahren, äußerlich auf dem physischen Plan erlebt haben. Aus diesem Grunde hat es auch das materialistische Erkennen unserer Zeit so leicht, die Offenbarungen der Träume als etwas Besonderes einfach zurückzuweiisen, und vielmehr darauf hinzuweisen, wie diese Träume denn doch nichts anderes sind als Nachbilder des äußerlichen, im physischen Leben Erfahrenen. Wenn man die materialistische Traumwissenschaft der Gegenwart kennt, so weiß man ja, daß diese materialistische Traumwissenschaft immer sich bemüht, gerade zu zeigen, wie der Traum eigentlich nichts anderes gibt als dasjenige, was die Menschengehirne in sich tragen an Nachbildern aus der äußeren physischen Welt.
[ 4 ] Man muß gestehen, daß diese äußere materialistische Traumwissenschaft auf diesem Gebiete wirklich es recht leicht hat, zurückzuweisen jede höhere Bedeutung des Traumlebens. Man kann ja so leicht nachweisen, daß die Menschen die höheren Offenbarungen, die sie im Traume zu haben glauben, in Bildern sehen in einem gewissen Zeitalter, und wie sie in einem anderen Zeitalter diese Bilder nicht hätten sehen können. $o zum Beispiel träumen die Menschen heute öfters in Bildern, die hergenommen sind von Erfindungen und Entdeckungen, die doch erst im 19. Jahrhundert gemacht worden sind. Das kann man ja also sehr leicht nachweisen, daß aus dem äußeren Leben sich Bilder einschleichen in das Traumgewebe und -gewoge. Derjenige, der sich aufklären will über die Traumerlebnisse, so daß diese Aufklärung ihm etwas geben kann zum Eindringen in die okkulten Welten, der muß gerade auf diesem Gebiete die allergrößte Sorgfalt verwenden. Er muß sich daran gewöhnen, sorgfältig allen verborgenen Wegen nachzugehen, und es wird sich ihm zeigen, wie der Traum in den meisten Fällen nichts anderes gibt als das, was in der äußeren Welt erfahren worden ist. Aber gerade derjenige, der sorgfältiger und immer sorgfältiger wird in der Durchforschung seines Traumlebens — und das sollte im Grunde jeder angehende Okkultist —, der wird dennoch nach und nach bemerken, daß aus dem Gewebe des Traumes ihm Dinge hervorquellen, von denen er ganz und gar nicht in seinem bisherigen Leben, in dem Leben dieser Inkarnation äußerlich hat erfahren können. Und wer solche Anweisungen befolgt, wie sie gegeben sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», der wird bemerken, wie sich nach und nach sein Traumleben wandelt, wie die Träume in der Tat einen anderen Charakter annehmen. Er wird als eine der ersten Erfahrungen die folgende machen können.
[ 5 ] Er wird vielleicht einmal lange, lange nachgesonnen haben über irgend etwas, was ihm rätselhaft erschienen ist, und wird vielleicht zu dem Schlusse gekommen sein: Ja, so wie du jetzt bist, reicht deine Intelligenz doch nicht aus, dieses Rätsel dir aus der eigenen Seele zu lösen, und auch dasjenige, was du bisher von außen gelernt hast, reicht nicht dazu aus. Dann wird dieser Mensch vielleicht — das wird der häufigere Fall sein — nicht das Bewußtsein haben: Du träumst, und im Traum löst sich dir dieses Rätsel auf. — Dies Bewußtsein wird er nicht gleich haben. Aber ein höheres Bewußtsein wird er auf verhältnismäßig früher Stufe haben können. Er wird gleichsam sich fühlen wie aufwachend aus einem Traum, wie sich erinnernd an einen Traum. Sein Bewußtsein wird sich so gestalten, daß er sich sagt oder doch sagen könnte: Ja, jetzt träume ich nicht dasjenige, um das es sich handelt. Ich war mir auch irgendeines Traumes, den ich etwa früher gehabt hätte, nicht bewußt. Aber jetzt taucht es wie eine Erinnerung auf, daß so etwas wie ein Wesen an mich herangetreten ist, das mir dieses Rätsel gelöst hat, indem es mir die Lösung gleichsam gegeben oder zugesprochen hat. — Solch eine Tatsache wird von demjenigen, der sich daran gewöhnt, sein Bewußtsein allmählich durch die genannten Anweisungen zu erweitern, verhältnismäßig leicht erfahren werden. Man wird wissen, sich erinnernd an wie im Traum Durchlebtes, daß man damals es nicht wußte, daß man es erlebte. Wie aus dunklen Untergründen der eigenen Seele heraufleuchtend, wird so etwas erscheinen, dem gegenüber man sich sagt: Als du selbst mit deiner Gescheitheit, mit deiner Intelligenz nicht dabei warst, als du deine Seele gleichsam davor hütetest, durch deine Intelligenz beraten zu sein, als du deine Seele vor deiner eigenen Intelligenz hütetest, da konnte deine Seele mehr, da konnte sie in Zusammenhang kommen mit der Rätsellösung, der gegenüber du mit deiner Intelligenz ohnmächug bist. — Gewiß wird es den materialistischen Gelehrten auch oftmals leicht sein, eine materialistische Erklärung für eine solche Erfahrung zu finden, aber der, welcher diese Erfahrung selber macht, weiß in der Tat, daß dasjenige, was ihm da entgegentritt, was dann wie ein erinnertes Traumerlebnis sich entpuppt, ganz anderes enthüllt als bloß eine Reminiszenz des gewöhnlichen Lebens. Vor allen Dingen ist die ganze Stimmung der Seele, die man solchen Erlebnissen gegenüber hat, eine solche, daß man sich sagt: Ja, diese Seelenstimmung hast du eigentlich wirklich noch gar nicht gehabt. — Es ist die Stimmung einer wunderbaren Seligkeit darüber, daß man in den Tiefen der Seele mehr trägt als im gewöhnlichen Tagesbewußtsein. Aber es kann noch deutlicher, noch viel deutlicher sein, dieses Erkennen des Seelenlebens, dieses Heraufdrängen wie eine Erinnerung an etwas, was man nicht auffassen konnte, als es sich zugetragen hat in der Seele. Es kann viel deutlicher etwas heraufragen in das bewußte Erkennen des Seelenlebens. Das geschieht im folgenden Falle.
[ 6 ] Wenn der Mensch mit Energie und Ausdauer, vielleicht oftmals durch recht lange Zeiten hindurch, vielleicht durch Jahrzehnte hindurch, fortsetzt solche Übungen, wie sie gegeben sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann bekommt er in ganz ähnlicher Weise, wie geschildert worden ist, das Herauftauchen eines Seelenerlebnisses in das Bewußtsein. Dieses kann zum Beispiel das folgende sein: Nehmen wir an, in dieses Seelenerlebnis sei hineingemischt die Erinnerung an ein gewöhnliches Erlebnis des äußeren Tageslebens, das uns vor Jahren getroffen hat, vielleicht ein recht unangenehmes, fatales Erlebnis, das wir einen schweren Schicksalsschlag nennen, von dem wir immer wissen, daß wir nur mir Bitternis an ihn denken konnten die ganze Zeit hindurch. Gegenüber einem solchen Erlebnis kann man wirklich ein deutliches Bewußtsein haben, wie bitter man es bisher erlebt hat, wie man immer ein bitteres Gefühl gehabt hat, wenn es in der Erinnerung aufgetaucht ist. Jetzt nun taucht wiederum etwas wie die Erinnerung an einen Traum auf, aber an einen sehr merkwürdigen Traum, der uns sagt: In deiner Seele leben Gefühle, welche dir mit aller Macht als etwas außerordentlich Willkommenes dieses bittere Erlebnis herangezogen haben; es lebt in deiner Seele etwas, das mit einer Art Wonne empfunden hat, alle Verhältnisse so herbeizuführen, daß dich dieses Schicksal treffen konnte. — Und jetzt, wenn man eine solche Erinnerung hat, dann weiß man auch: In dem gewöhnlichen Bewußtsein, das man in sich trägt zur Ordnung der äußeren Angelegenheiten, gab es keinen Moment, in dem du nicht schmerzlich und bitter diesen Schicksalsschlag empfunden hast. Keinen Moment gab es in deiner jetzigen Inkarnation, da du das nicht schmerzlich und bitter empfunden hast. Aber in dir ist etwas, das ganz anders sich verhält zu diesem Schicksalsschlage, etwas, das mit aller Gewalt die Verhältnisse herbeizuführen suchte, die dir diesen bitteren Schicksalsschlag brachten. Das hast du damals nicht gewußt, daß in dir etwas ist, was sich zu diesem Schicksalsschlage wie mit magnetischer Kraft angezogen fühlte, das hast du nicht gewußt. — Jetzt aber merkt man, daß hinter dem alltäglichen Bewußtsein eine andere, tiefere Schicht des Seelenlebens weisheitsvoll waltet. Wer eine solche Erfahrung macht und wer die Übungen, wie sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben sind, energisch befolgt, kann wirklich ein solches Erlebnis haben —, der weiß von da ab: Ja, du lebst ein Seelenleben, welches sich zur äußeren Welt in einer gewissen Weise verhält, welches Sympathien und Antipathien hat für dasjenige, was als Schicksal dir vor Augen steht, und mit diesem Bewußtsein fühltest du damals dem Schicksalsschlage gegenüber. Du empfandest ihn als bitter, antipathisch. Du wußtest aber nicht, daß in dir ein weiteres Seelenleben war, welches mit allerhöchster Sympathie dazumal sich hindrängte dazu, das zu erfahren, das zu erleben, was dein gewöhnliches Alltagsbewußtsein so unsympathisch empfindet.
[ 7 ] Wenn man ein solches Erlebnis hat, dann mag jeder materialistische Forscher kommen und mag davon sprechen, daß solche Erlebnisse nur Reminiszenzen des Alltagslebens seien; wir wissen, wie sich solche bloße Reminiszenzen unterscheiden von demjenigen, was man da erlebt. Denn in diese Reminiszenzen müßte sich doch die Bitterkeit hineinmischen, mit der man immer an dieses gedacht hat. Das aber, was man so erlebt, spielt sich ganz anders ab, nimmt sich ganz anders aus als jede Reminiszenz. Denn man ist in seinem tiefsten Inneren ein ganz anderer Mensch, als man ahnt. Das tritt einem vor die Seele. Und es tritt einem vor die Seele wahrhaftig so, daß man weiß: Man hat da Offenbarungen aus Regionen bekommen, in die unser Alltagsbewußtsein nicht hineinkommen kann.
[ 8 ] Wenn man solch eine Erfahrung hat, dann erweitert sich die ganze Vorstellung, die man von dem Seelenleben hat, dann weiß man aus Erfahrung, daß dieses Seelenleben allerdings noch etwas ganz anderes ist als dasjenige, was umfaßt wird von der Geburt an bis zum Tode. Wenn man nicht untertaucht in die charakterisierten tieferen Seelenregionen, so bekommt man für sein gewöhnliches Bewußtsein keine Ahnung davon, daß man unter der Schwelle des Bewußtseins noch ein ganz anderer Mensch ist, als man im Alltagsleben meint. Und wenn dann ein bedeutsames anderes Fühlen und Empfinden gegenüber dem Leben in der Seele entsteht, dann erweitert sich für dieses Empfinden und Erleben der Kreis dessen, was wir Welt nennen, um eine neue Region. Dann treten wir in der Tat in eine neue Region des Frlebens ein. Eine ganz andere, neue Region tut sich vor uns auf, und wir wissen dann, warum wir im gewöhnlichen Leben in diese Region nur, man möchte sagen, unter gewissen Voraussetzungen eintreten können.
[ 9 ] Ich habe im Grunde genommen, indem ich versuchte, Ihnen gleichsam die okkulte Entwickelung des Traumlebens zu schildern, zwei ganz verschiedene Dinge jetzt schon hingestellt. Auf der einen Seite das alltägliche Traumleben, das für die weitaus meisten Menschen immer wieder eintritt auf der Grenze des Wachens und Schlafens. Aufmerksam habe ich darauf gemacht, daß dieses alltägliche Traumleben sich nährt von den Nachbildern des alltäglichen Lebens. Aber ich habe auf der anderen Seite Ihnen gezeigt, daß durch eine ähnliche Art des inneren Erlebens, wie es sich vollzieht bei den gewöhnlichen Traumbildern, nach bestimmten Voraussetzungen, durch eine Schulung, eine ganz neue Welt vor uns auftauchen kann, von der wir bisher, bevor wir in sie eingetreten sind, ganz gewiß nichts gewußt haben, von der wir uns sagen können: Wir sind in der Lage, in die Regionen des Traumlebens auch anders hinunterzutauchen, so daß wir in ihnen eine neue Welt uns aufgehend finden. — So haben wir die Traumwelt auf der einen Seite durchzogen von den Reminiszenzen des gewöhnlichen Lebens, von den Nachbildern des Alltagslebens, und auf der anderen Seite haben wir eine Welt, ähnlich der Traumregion, in welcher Welt wir aber neue Erlebnisse, wirkliche, reale Erlebnisse haben, von denen wir nur sagen können, daß es Frlebnisse realer Art der anderen, geistigen Welten sind. Aber eine Bedingung muß erfüllt sein, wenn wir diese neuen Erlebnisse machen wollen im nächtlichen Halbschlaf. Die Bedingung muß erfüllt sein, daß wir auszuschalten vermögen die Reminiszenzen des alltäglichen Lebens, die Bilder des alltäglichen Lebens. Solange diese hineinspielen in die Traumregion, so lange machen sie sich darin wichtig, möchte ich sagen, und verhindern, daß die realen Erlebnisse der höheren Welten hereinkommen. Warum ist dieses? Warum tragen wir in eine Region des Erlebens, in der wir höhere Welten erleben könnten, hinein die Nachbilder des alltäglichen Lebens? Warum tragen wir diese Nachbilder des alltäglichen Lebens in diese Region, in welcher sie sich so wichtig machen?
[ 10 ] Wir tun das aus dem Grunde, weil wir im alltäglichen Leben, ob wir es nun gestehen oder nicht gestehen, das allergrößte Interesse haben an dem, was gerade uns betrifft, an unseren eigenen äußeren Erlebnissen. Es kommt dabei gar nicht darauf an, daß sich irgendwelche Menschen vorspiegeln, ihr Leben interessiere sie gar nicht mehr besonders. Durch solche Vorspiegelungen läßt sich nur derjenige beirren, der nicht weiß, wie die Menschen auf diesem Gebiete sich den allerärgsten Illusionen hingeben. Der Mensch hängt tatsächlich einmal an den Sympathien und Antipathien des alltäglichen Lebens. Wenn Sie nun wirklich einmal durchgehen dasjenige, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als Anleitung gegeben ist für menschliche Seelenentwickelung, dann werden Sie sehen, daß im Grunde alles darauf hinausläuft, unser Interesse uns abzugewöhnen für das alltägliche Leben. Die Ausführung der dortigen Anweisungen machen ja nun die Menschen in ganz verschiedener Weise. Es wird dieses Buch von dem oder jenem gelesen, es wird gelesen aus verschiedensten Gründen, und von den verschiedensten Gründen aus wird sich ein Verhalten des Menschen zu diesem Buche ergeben. Da hört einmal jemand, vielleicht mit den schönsten Gefühlen: Wenn man diese Anweisung befolgt, dann kann man sich entwickeln so, daß man in die höheren Welten einen Einblick erhält. — Das ist ja wahr, aber davon wollen wir nicht sprechen. Es regt sich dann aber die Neugierde — und warum sollte man auch nach anderen, höheren Welten nicht neugierig werden —, es regt sich oft die Neugierde, wenn man auch zunächst mit schönen Gefühlen an das Buch herangetreten ist. Dann beginnt nun jemand diese Übungen zu machen, aber eigentlich nur in Neugierde zu machen. Das will aber nur eine gewisse Zeit hindurch gehen, denn allerlei innere Gefühle, vor allem Gefühle, über die man sich meistens nicht recht klar werden will, halten einen später nach einer gewissen Zeit ab: man läßt die Sache liegen. Aber die Gefühle, über die man sich nicht klar werden will, die man manchmal ganz anders interpretiert, das sind keine anderen, als daß, wenn man diese Übungen wirklich ausführen will, man sich dann in ganz anderer Weise Dinge abgewöhnen muß — in Wahrheit gewöhnt man sie sich eben nicht ab —, die mit Sympathie und Antipathie zusammenhängen. Diese Dinge gewöhnt man sich nicht gerne ab. Man sagt zwar, daß man sich das gerne abgewöhnt, aber man tut es nicht. Und der wirkliche Erfolg, den solche Übungen haben können, der zeigt sich ja bei demjenigen Menschen, der es energisch ernst meint, doch eigentlich recht bald, der zeigt sich eben darin, daß die Sympathien und Antipathien gegenüber dem Leben sich etwas ändern. Nur muß gesagt werden: Schon ein wenig selten macht man diese Erfahrung, daß sich einer dem Einfluß der Übungen so hingibt, daß sich auch wirklich die Empfindungen über Sympathie und Antipathie ändern. Wenn aber die Übungen energisch ernst genommen werden, dann geschieht das. In energischer Weise ändern sich Sympathie und Antipathie gegenüber dem alltäglichen Leben.
[ 11 ] Das bedeutet viel, sehr viel, das bedeutet in der Tat, daß wir gerade diejenigen Kräfte bekämpfen, die so wirken, daß sich die alltäglichen Erlebnisse als Nachbilder, als Reminiszenzen in die Träume hineinschleichen. Denn sie tun das nicht mehr, wenn wir es auf irgendeinem Gebiete, ganz gleich auf welchem, so weit gebracht haben, unsere Sympathie und Antipathie zu ändern. Man macht ja auf diesem Gebiete ganz prägnante Erfahrungen. Diese Änderung der Sympathiekräfte braucht gar nicht einmal auf einem besonders hohen Gebiete zu liegen. Auf irgendeinem Gebiete muß nur energisch durchgeführt werden, daß sich die Sympathien und Antipathien ändern. Es kann in den alleralltäglichsten Dingen liegen, aber irgendwo muß eine solche Änderung eintreten. Da gibt es Menschen, die sagen: Ich übe täglich, morgens und abends, und auch sonst noch Stunden lang, aber ich kann nicht einen Schritt in die geistigen Welten hinein machen. — Es ist wirklich manchmal recht schwierig, solchen Menschen klar zu machen, wie leicht das zu verstehen ist, daß sie das nicht können. Oftmals brauchen ja die Menschen nur zu bedenken, daß sie heute, vielleicht nach zwanzig, fünfundzwanzig, vielleicht sogar nach dreißig Jahre langen Übungen, noch auf dieselben Dinge schimpfen, auf die sie damals vor fünfundzwanzig Jahren ebenso geschimpft haben. Ja, genau dieselbe Form des Schimpfens ist ihnen noch immer eigen wie dazumal.
[ 12 ] Aber noch etwas Gewöhnlicheres: Es gibt ja Menschen, die sich bemühen, auch äußerliche Mittel, die im Okkultismus gewisse Folgen zeigen, anzuwenden. Sie werden zum Beispiel Vegetarier. Aber siehe da, nun gibt es Menschen, die mit allem Ernste sich vornehmen, wirklich sich etwas abzugewöhnen und die zunächst mit allem Ernst herangehen, dann aber, trotzdem sie Übungen durch Jahrzehnte hindurch gemacht haben, nichts erlangen. Ein solcher Mensch sagt sich: Wenn ich doch nur ein klein winziges Stückchen von den Geisteswelten erlebte! — Er müßte eben nur bedenken, daß er vielleicht immer wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückgekehrt ist, weil er eben die alte Sympathie für das Fleisch doch nicht hat niederkämpfen können. Er selbst denkt an ganz andere Gründe, denkt, daß er das Fleisch nötig hat. Er sagt zum Beispiel: Mein Gehirn verlangt es.
[ 13 ] Stellen wir uns daher die Sache, welche die Umänderung der Sympathie und Antipathie betrifft, nicht so leicht vor. Leicht ist es, doch — so möchte man mit einer Reminiszenz an ein «Faust»-Zitat sagen —: «Leicht ist es zwar, doch ist das Leichte schwer.» Gerade mit diesem Paradoxon muß man oftmals die sich entwickelnde Seelenstimmung dessen schildern, der hinaufsteigen will in die höheren Welten. Es kommt nicht darauf an, diese oder jene Sympathie oder Antipathie zu ändern, sondern es kommt nur darauf an, überhaupt irgendeine Sympathie oder Antipathie ernsthaft zu ändern. Dann kommt man nach bestimmten Übungen in die Region des Traumlebens so hinein, daß man gleichsam nichts hineinbringt von dem alltäglichen Leben, von den Sinneserlebnissen. Dadurch aber haben die neuen Erlebnisse gewissermaßen Platz darinnen.
[ 14 ] Jetzt weiß man, wenn man wirklich praktisch durchgemacht hat ein solches Erlebnis durch eine okkulte Entwickelung, daß gewissermaßen noch eine Schicht des Bewußtseins im Menschen vorhanden ist. Das tägliche Bewußtsein kennt ja jeder Mensch: es ist das wache Tagesbewußtsein, durch das er denkt, fühlt und will, von dem er gewohnt ist zu wissen seit dem Bewußtwerden seiner selbst in seiner Kindheit, von welchem Augenblicke an er bis zum Tode gleichsam ein bewußtes Seelenleben führt. Wenigstens bei den meisten Menschen ist es so. Hinter diesem tagwachen Bewußtsein liegt eine andere Schicht des Bewußtseins. In diesem anderen sind für das alltägliche Erleben die Träume darinnen. Daher können wir sagen: es ist dieses das Traumbewußtsein. — Aber wir haben auch gesehen, es ist nicht bloß das Traumbewußtsein. Traumbewußtsein wird es nur dadurch, daß wir vom täglichen Bewußtsein dasjenige hineintragen, was wir in diesem täglichen Bewußtsein erleben. Wenn wir das nicht tun, wenn wir es von diesen Erlebnissen leer machen, dann können aus den höheren Welten Erlebnisse in diese Region unseres Seelenlebens hineinkommen, Erlebnisse, welche eben wirklich auch in der uns umgebenden Welt da sind, von dem gewöhnlichen Bewußtsein aber nicht wahrgenommen werden können, auch in dem Traumbewußtsein nicht, weil aus diesem erst die Reminiszenz herausgetrieben werden müßte an das tägliche Leben, damit es leer wird, Platz geben kann diesen Erlebnissen.
[ 15 ] Wenn solche Erlebnisse, wie ich sie sozusagen als elementare geschildert habe, auftreten, dann weiß man allerdings, daß wir gar nicht mehr im richtigen Sinne sprechen, wenn wir von diesem Bewußtsein als von einem Traumbewußtsein reden würden, sondern wir wissen, daß in der Tat unser alltägliches Bewußtsein zu dem, was wir da erleben können, nach und nach selber sich wie ein Traum zur Wirklichkeit verhält. Es wird für uns dann für die höhere Erfahrung richtig, daß das alltägliche Bewußtsein gerade eine Art Traumbewußtsein ist, und hier erst die Wirklichkeit beginnt.
[ 16 ] Nehmen wir das zweite Beispiel, und versuchen wir uns klar zu machen, wie der Mensch in seinem Gefühle dazu kommt, sich wirklich zu sagen, daß ein höheres Bewußtsein für ihn beginnt. Wir sagen uns: Wir haben mit einem Schicksalsschlage gelebt, den wir als bitter empfunden haben, aber wir haben bemerkt, daß in unserer Seele etwas war, was diesen Schicksalsschlag gesucht hat. Und jetzt fühlen wir auch, daß wir für unsere Seele diesen Schicksalsschlag brauchten, jetzt fühlen wir praktisch zum ersten Male, was Karma ist. Wir fühlen, wir mußten diesen Schicksalsschlag suchen. Wir traten herein in diese unsere Inkarnation mit einer Unvollkommenheit unserer Seele, und weil wir diese Unvollkommenheit fühlten, zwar nicht im Bewußtsein, sondern in den Tiefen der Seele, deshalb zog es uns magnetisch dazu hin, diesen Schicksalsschlag wirklich zu erleben. Dadurch haben wir eine Unvollkommenheit unserer Seele bezwungen, abgeschafft, dadurch haben wir ein Wichtiges, Reales getan. Wie oberflächlich ist dagegen das Urteil des Alltags, das dies oder jenes als antipathisch empfindet. Die höhere Wirklichkeit ist diese, daß unsere Seele fortschreitet von Inkarnation zu Inkarnation, nur eine kurze Zeit lang kann sie das Antipathische dieses Schicksalsschlages empfinden. Wenn sie aber über den Horizont dieser Inkarnation blickt, dann fühlt sie ihre Unvollkommenheiten, dann fühlt sie die Notwendigkeit — ja, sie fühlt es stärker als mit dem gewöhnlichen Bewufßstsein —, dann fühlt sie als das Notwendige, vollkommener und immer vollkommener zu werden. Das gewöhnliche Bewußtsein hätte, wenn es vor diesen Schicksalsschlag vorher gestellt worden wäre, sich feige an diesem Schlag vorbeigeschlichen, hätte nicht die Notwendigkeit gewählt. Könnte es wählen, so schliche es sich feige vorbei an dem ihm antipathischen Schicksalsschlag. Aber das tiefere Bewußtsein, von dem wir nichts wissen, das schleicht sich nicht feige vorbei, das zieht es gerade herbei; das läßt das Schicksal, das es als einen Vervollkommnungsprozeßß empfindet, so wirken, daß es sich sagt: Ich bin hineingetreten in dieses Leben, bin mir bewußt gewesen, daß ich von meiner Geburt an mit einer Unvollkommenheit der Seele behaftet gewesen bin. Will ich die Seele entwickeln, so muß diese bereitet werden. Dann aber muß ich hineilen zu diesem Schicksale. — Das ist das stärkere Element in der Seele, das ist das Element, gegenüber dem das Gespinst des gewöhnlichen Bewußtseins mit seinen Antipathien und Sympathien sich wie ein Traum ausnimmt. Drüben tritt man in das Fühlen und Erleben der Seele ein, das tief in den Untergründen derselben für das Alltagsbewußtsein schlummert, von dem man sich hier sagt, daß es mehr weiß von uns, daß es stärker ist in uns als unser gewöhnliches Bewußtsein.
[ 17 ] Und jetzt merken wir auch noch ein anderes. Wenn man wirklich dieses, was eben jetzt auseinandergesetzt worden ist, als ein eigenes Erlebnis der Seele hat, wenn man es nicht nur theoretisch kennt, sondern wenn man einmal solch ein Gefühl wirklich erlebt hat, dann hat man mit diesem notwendigerweise noch ein anderes Erleben. Man hat das Erleben: Ja, du kannst schon hinein in diese Regionen, wo alles anders wird als im gewöhnlichen Bewußtsein. — Aber man fühlt zugleich, und tief fühlt man es: Ich will nicht. — In der Regel ist bei den meisten Menschen die Neugierde, da hineinzukommen, gar nicht so groß, daß sie überwinden könnten dieses schauerliche: Ich will nicht. Dieses Nichtwollen, das da auftritt, mit ungeheurer Macht tritt es auf in diesem Gebiete, das wir gerade jetzt berühren. Da können die mannigfachsten Mißverständnisse entstehen. Nehmen wir an, jemand habe sogar ganz persönliche Anweisungen bekommen. Er kommt zu demjenigen, der sie gegeben hat, und sagt: Damit erreiche ich gar nichts, deine Anweisungen sind gar nichts wert. — Das kann ein ehrlicher Glaube sein, ein ganz ehrlicher Glaube. Aber das, was als Antwort gegeben werden müßte, das kann ganz unverständlich demjenigen sein, der diesen ehrlichen Glauben hat. Die Antwort müßte nämlich sein: Du kannst schon hinein, aber du willst nicht. Das ist wirklich die Antwort. Aber das weiß der andere ja nicht, er glaubt ja ehrlich, daß er den Willen hat, denn dieser Nichtwille selbst bleibt im Unterbewußtsein. So versteht er es nicht, daß er eigentlich nicht will. Denn in dem Moment, wo er sich das eigentlich klar machen wollte, dämpft er schon diesen Willen ab. Der Wille, nicht hineinzukommen, berührt ihn so schauerlich, daß er ihn sofort abdämpft, wenn er auftritt. Denn dieser Wille ist recht fatal, sehr, sehr fatal. Nämlich dasjenige, was man da bemerkt, aber sobald man es bemerkt, auslöschen will, das ist: Mit dem Ich, mit dem Selbst, das du dir herangezogen hast, kannst du da nicht hinein.
[ 18 ] Wenn der Mensch sich höher entwickeln will, so fühlt er sehr stark: Dieses Selbst mußt du zurücklassen. — Das aber ist etwas sehr Schwieriges, denn die Menschen hätten dieses Selbst nie ausgebildet, wenn sie nicht das tägliche Bewußtsein hätten. Das ist da, damit wir unser gewöhnliches Ich haben, das ist gekommen in die Welt, damit der Mensch sein niederes Selbst entwickelt. — Der Mensch spürt also, wenn er hinein will in die wirkliche Welt, daß er das zurücklassen soll, was er da draußen hat entwickeln können. Da hilft nur eines, ein einziges: daß dieses Selbst im täglichen Bewußtsein sich stärker entwickelt hat, als es notwendig ist für das tägliche Bewußtsein. Gewöhnlich hat der Mensch es nur so weit entwickelt, als es notwendig ist. Wenn Sie den zweiten Punkt des Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ins Auge fassen, dann werden Sie finden, daß dieser zweite Punkt der ist, das Selbst stärker zu machen, kräftiger zu machen, als man es braucht für das tägliche Leben, damit man nachts herausgehen kann aus seiner Leiblichkeit und noch etwas hat, was man gewissermaßen nicht gebraucht hat. Nur dann hat man also nicht den Willen, zurückzubeben vor dieser höheren Welt, wenn man in seinen Übungen verstärkt und erkraftet hat das gewöhnliche Selbst, wenn man einen Überschuß an Selbstgefühl hat.
[ 19 ] Da entsteht aber eine neue Gefahr, eine ganz beträchtliche Gefahr. Man bringt jetzt vielleicht nicht die Reminiszenzen an das alltägliche Leben im Traume herauf, aber man bringt erweitertes, durchkraftetes Selbstbewußtsein herauf, man füllt gleichsam diese Region mit seinem gekräftigten Bewußtsein, mit seinem höher ausgebildeten, kraftvoll ausgebildeten Selbst an. Wer durch solche Übungen, wie sie in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben sind, Erfahrungen hat, wie ich sie im vorigen Vortrage als innere Seelenerfahrungen bei Arjuna geschildert habe — ob man auf sozusagen künstlichem Wege, durch Schulung sein Selbst erkraftet und erweitert, oder vom Schicksal dazu bestimmt ist, sein Selbst in einer bestimmten Zeit zu erweitern, das Ergebnis ist dasselbe —, wer solche Erfahrungen macht, der gelangt in die Region des Traumlebens mit seinem erweiterten, erkrafteten Selbst hinein. Bei Arjuna ist das der Fall, er steht sozusagen an der Grenze zwischen der Alltagswelt und der Welt des Traumlebens. Er lebt sich hinein in diese höhere Region so, daß er durch sein Schicksal — und diesen Punkt werde ich noch weiter ausführen —, daß er durch sein Schicksal in dieser Region ein kraftvolleres Selbst hat als er sonst braucht im alltäglichen Leben, im alltäglichen Bewußtsein. Wir werden hören, warum gerade Arjuna sein kraftvolleres Bewußtsein hat. Aber siehe da, indem er dort eindringt, nimmt ihn sogleich Krishna auf. Krishna hebt den Arjuna über das Selbst hinauf, das in ihm veranlagt war, und so wird Arjuna nicht derjenige Mensch, der er hätte werden müssen, wenn er mit seinem erweiterten Selbst nicht dem Krishna begegnet wäre. Was wäre dann geschehen, wenn Arjuna nicht dem Krishna begegnet wäre? Dann hätte er sich auch gesagt: Da kämpfen Blutsverwandte gegen Blutsverwandte, da treten Ereignisse auf, welche die alte, heilsame Kasteneinteilung in Trümmer schlagen, welche die Frau ruinieren, den Manendienst in Trümmer schlagen; Verhältnisse treten auf, die uns verbieten, unseren Manen Opferfeuer aufzurichten. — Die heilsame Kasteneinteilung zu verehren, Opferfeuer den Ahnen aufzurichten, ein treuer Nachkomme der Ahnen zu sein, gehörte für Arjuna zu seinem alltäglichen Bewußtsein. Er ist durch sein Schicksal aus diesem alltäglichen Bewußtsein herausgerissen, er muß stehen auf dem Boden, wo er brechen muß mit seinem heiligen Gefühl, Opferfeuer aufzurichten den Ahnen, die Kasteneinteilung zu schätzen und den Zusammenhang des Blutes zu verehren. Jetzt mußte er sich sagen: Hinweg mit alle dem, was mir heilig ist im alltäglichen Bewußtsein, hinweg mit alle dem, was mir überkommen ist, hineinstürzen will ich mich in die Schlacht. — Nein, das geschieht nicht, sondern Krishna tritt dem Arjuna entgegen, und Krishna redet gleichsam dasjenige, was so als die äußerste Rücksichtslosigkeit, als auf die Spitze getriebener Egoismus erscheinen müßte bei Arjuna. Krishna bricht das ab, macht das nicht möglich, indem er sich selbst sichtbar macht dem Arjuna, indem er, was sonst Arjuna erlebt hätte, was sonst Arjuna gebraucht hätte, um in sich zu leben, indem Krishna diesen Überschuß Arjunas als Kraft gebraucht, um sich dem Arjuna sichtbar zu machen. Wir können auch sagen, um uns diesen Gedanken noch klarer vor die Seele zu stellen: Wenn Arjuna einfach dem Krishna entgegentreten würde, und Krishna auch wirklich zu Arjuna kommen würde, wissen würde Arjuna von Krishna nichts, ebensowenig wie wir von der Sinnenwelt etwas wissen würden, wenn wir nicht aus der Sinnenwelt selbst etwas herausbekommen hätten, um unsere Sinne für diese Welt zu bilden. So muß auch Krishna aus dem Arjuna herausnehmen dessen erweitertes, erkraftetes Selbstbewußtsein. Er muß es gewissermaßen ihm ausreißen, wenn er sich mit Hilfe dessen, was er dem Arjuna entrissen hat, selber dem Arjuna zeigen will. So macht er aus dem, was er entrissen hat, gleichsam den Spiegel, um sich dem Arjuna zeigen zu können.
[ 20 ] Wir haben den Punkt aufgesucht in dem Bewußtsein des Arjuna, wo Krishna dem Arjuna hat begegnen können. Unerklärlich bleibt in diesen Auseinandersetzungen nur noch, wie Arjuna denn überhaupt es bis dahin gebracht hat. Denn nirgends tritt uns eine Mitteilung entgegen, daß Arjuna okkulte Übungen gemacht hätte, und die hat er auch nicht gemacht. Woher kommt es, daß er dem Krishna begegnen kann, was hat denn eigentlich dem Arjuna ein erhöhtes, erkraftetes Selbstbewußtsein gegeben? Von dieser Frage wollen wir im nächsten Vortrage ausgehen.
