Die okkulten Grundlagen der Bhagavad Gita
GA 146
5 Juni 1913, Helsingfors
Neunter Vortrag
[ 1 ] Die Schlußpartien der Bhagavad Gita werden durchströmt von Empfindungen und Gefühlen, die durchdrungen sind von Sattva-, Rajas- und Tamasbegriffen. Es muß in diesen letzten Partien der Bhagavad Gita gleichsam das ganze auffassende Empfinden eingestellt sein darauf, die Dinge, die einem da entgegentreten, im Sinne der Ideen von Rajas, Sattva und Tamas aufzufassen. Im vorigen Vortrage versuchte ich mehr mit Zuhilfenahme von Erlebnissen der Gegenwart diese drei wichtigen Begriffe zu zeichnen. Derjenige freilich, der die Bhagavad Gita vornimmt und sich in all das vertieft, der muß sich klar sein darüber, daß seit jener Zeit, in welcher die Bhagavad Gita entstanden ist, sich die Begriffe etwas verschoben haben. Aber es würde dennoch nicht richtig gewesen sein, rein aus den wörtlichen Übertragungen der Bhagavad Gita die Begriffe Sattva, Rajas, Tamas zu charakterisieren, aus dem einfachen Grunde, weil ja unsere Empfindungen verschieden sind von jenen und man doch nicht sich die ganz anderen Empfindungen aneignen kann. Wenn man so charakterisieren wollte, so würde man doch das Unbekannte durch das Unbekannte charakterisieren.
[ 2 ] So werden Sie finden, daß in bezug auf das Essen zum Beispiel in der Bhagavad Gita ein wenig verschoben sind die Begriffe, die wir im vorigen Vortrage entwickelt haben, weil alles das, was für den heutigen Menschen von der Pflanzennahrung gilt, für den Inder von jener Nahrung galt, die Krishna die milde sanfte Nahrung nennt, während die Rajasnahrung, die wir als die mineralische Nahrung charakterisierten, wie es für den jetzigen Menschen richtig ist — Salz gibt zum Beispiel den Charakter einer Rajasnahrung —, der Inder zur Bhagavad Gita-Zeit als das Sauere, das Scharfe bezeichnete. Und Tamasnahrung ist für unsere Organisation im wesentlichen die Fleischnahrung. Der Inder bezeichnete damit eine Nahrung, die in unserer Zeit überhaupt nicht recht als Nahrung aufzufassen ist, die allerdings eine gute Vorstellung gibt, wie anders die Menschen damals waren: Der Inder bezeichnete als Tamasnahrung das Faulgewordene, Abgestandene, Stinkende. Für unsere heutige Inkarnation würden wir nicht mehr gut das als Tamasnahrung bezeichnen können, denn die Organisation des Menschen hat sich bis in die Physis hinein verändert.
[ 3 ] So müssen wir gerade zum besseren Verständnis dieser Grundempfindungen der Bhagavad Gita von Sattva, Rajas und Tamas auf unsere Verhältnisse reflektieren. Und wenn wir dann uns einlassen auf dasjenige, was eigentlich Sattva ist, so nehmen wir am besten zunächst den augenfälligsten Begriff von Sattva: Es ist der Mensch ein Sattvamensch, der in unserer Zeit sich hingeben kann einer Erkenntnis, die so eindringlich ist wie eine Erkenntnis des mineralischen Reiches heute. Für den Inder war ein Sattvamensch nicht ein solcher, der diese Art Erkenntnisse hat, sondern einer, der verständnisvoll, klug im gewöhnlichen Sinne, mit Kopf und Herz durch die Welt geht. Jemand, der unbefangen und vorurteilsfrei das aufnimmt, was ihm die Welterscheinungen darbieten, jemand, der so durch die Welt geht, daß er all sein Gehen durch die Welt mit dem verständnisvollen Auffassen dieser Welt begleitet, indem er das Licht der Begriffe und Ideen, das Licht der Gefühle und Empfindungen, das von aller Schönheit und Herrlichkeit der Welt ausgeht, aufnimmt, jemand, der allem Häßlichen der Welt ausweicht, der eben in richtiger Weise sich ausbildet, jemand, der das tut der physischen Welt gegenüber, ist ein Sattvamensch. Auf leblosem Gebiete zum Beispiel ist ein Sattvaeindruck der Eindruck einer nicht zu grellen Fläche, so beleuchtet, daß sie uns unterscheiden läßt die Einzelheiten der Farben in einer richtigen Helligkeit und dabei hellfarbig ist. Eine solche Fläche wäre der Sattvaeindruck von der Außenwelt. Rajaseindruck ist derjenige, wo der Mensch in einer gewissen Weise gehindert ist, durch seine eigenen Emotionen, durch seine Affekte und Triebe, oder auch durch die Sache selber, vollständig in die Sache einzudringen, in das, was er um sich hat, so daß er sich nicht hineinbegibt in den Eindruck, sondern ihm gegenübertritt mit dem, was er ist. Er lernt zum Beispiel das Pflanzenreich kennen: er kann das Pflanzenreich bewundern, aber er bringt seine Emotionen dem Pflanzenreiche entgegen und kann deshalb nicht in die Untergründe des Pflanzenreiches eindringen. Tamas ist da, wenn der Mensch ganz hingegeben ist dem Leben seiner Leiblichkeit, stumpf und apathisch ist demjenigen gegenüber, was um ihn ist, so stumpf und apathisch, wie wir einem anderen Bewußstsein gegenüber hier auf dem physischen Plan sind. Wir wissen nichts von dem Bewußtsein eines Hundes, eines Pferdes, solange wir auf dem physischen Plan verweilen, auch nicht einmal von dem Bewußtsein eines anderen Menschen. Da ist der Mensch im allgemeinen stumpf, da zieht er sich sozusagen in seine eigene Leiblichkeit zurück, da ist er in Tamaseindrücken. Der Mensch muß allmählich so stumpf werden der physischen Welt gegenüber, damit er die geistigen Welten hellsehend aufnehmen kann. So werden sich uns die Begriffe von Sattva, Rajas, Tamas am besten ergeben. In der äußeren Natur wäre ein Rajaseindruck der Eindruck einer mäßig hellen Fläche, nicht in heller Farbe, sondern etwa grün, eine gleichmäßig grüne Nuance. Eine dunkle Fläche mit dunklen Farben wäre ein Tamaseindruck. Da, wo der Mensch in die äußerste Finsternis des Weltenraumes hinausschaut, bringt er es, selbst wenn sich ihm der herrliche Anblick des freien Himmelsgewölbes darbietet, zu nichts anderem als zu der blauen, fast Tamasfarbe. Durchdringen wir uns mit den Empfindungen, die diese Ideenbestimmungen darbieten, dann können wir sie auf alles, was uns umgibt, anwenden, nicht nur in dem einen oder anderen Gebiete. Tatsächlich sind diese Ideen umfassend. Und das bedeutet für den Inder der Bhagavad Gita-Zeit nicht nur ein gewisses Verständnis der Außenwelt selber, sondern auch ein gewisses Beleben des menschlichen Innenkernes: Bescheid zu wissen über die Sattva-, Rajas- und Tamasnatur der Umgebung.
[ 4 ] Der Inder empfand ungefähr in der folgenden Weise. Durch einen Vergleich will ich das klarmachen: Nehmen wir an, ein einfacher, primitiver Mensch vom Lande sieht um sich herum die Natur, die Schönheit der Morgenröte, die Schönheit der Sonne, der Sterne, all dessen, was er eben sehen kann, aber er denkt nicht darüber nach, er macht sich keine Vorstellungen und Begriffe der Welt; gleichsam im innigsten Einklang mit dem, was ihn umgibt, lebt er dahin. Wenn er anfängt sich zu unterscheiden mit seiner Seele von dem, was ihn umgibt, wenn er anfängt sich als Eigenwesen zu empfinden, dann muß er das dadurch erreichen, daß er durch Vorstellungen von der Umgebung verstehen lernt seine Umgebung, daß er lernt sich abzusondern von der Umgebung. Es ist immer eine Art von Ergreifen der Wirklichkeit des eigenen Wesens, wenn man objektiv die Umgebung hinstellt. Der Inder der Bhagavad Gita-Zeit sagte: Solange man nicht durchschaut Sattva-, Rajas- und Tamaszustände der Umgebung, solange lebt man noch in seiner Umgebung, solange ist man in seinem Eigenwesen nicht selbständig da, solange ist man verbunden mit der Umgebung, solange hat man sich nicht ergriffen in seinem Eigenwesen. Wenn aber einem die Umgebung so objektiv wird, daß man sie überall verfolgt: das ist ein Sattvazustand, das ist ein Rajaszustand, und das ist ein Tamaszustand, dann wird man auch von ihr freier und immer freier und daher selbständiger in seinem Wesen. Daher ist es ein Mittel zum Selbständigwerden, in aller äußeren Natur, in allem, was außerhalb des Geistes und der menschlichen Seele lebt, diese drei Zustände kennenzulernen. Ein Mittel, den Zustand des Selbstbewußtseins herbeizuführen, ist, zu begreifen in allem, was uns umgibt, Sattva, Rajas, Tamas. Und im Grunde genommen kommt es dem Krishna darauf an, frei zu bekommen des Arjuna Seele von dem, was den Arjuna gerade in der entsprechenden Zeit umgibt. «Sieh einmal an», so will Krishna klarmachen, «was da alles lebt auf dem blutigen Schlachtfelde, wo Brüder den Brüdern gegenüberstehen. Du fühlst dich mit alle dem verbunden, verschmolzen und dazugehörig. Lerne erkennen, daß alles, was da draußen ist, sich abspielt in Sattva-, Rajas- und Tamaszuständen. Dadurch wirst du dich davon abheben, unterscheiden, dadurch wirst du wissen, daß du nicht mit deinem höchsten Selbst dazugehörst, dadurch wirst du dein besonderes, von allem abgesondertes Wesen in dir erleben, du wirst den Geist in dir erleben.»
[ 5 ] Das gehört wieder zu den Schönheiten der kompositionellen Steigerung der Bhagavad Gita, daß wir am Anfange eingeführt werden, um mehr abstrakte Begriffe zu erfahren, daß diese abstrakten Begriffe aber immer lebendiger und lebendiger werden und sich auf den verschiedensten Gebieten in Sattva-, Rajas- und Tamasbegriffen lebendig gestalten, und dann die Absonderung des Seelenwesens von Arjuna sich gleichsam vor unserem geistigen Auge vollzieht. So erklärt Krishna dem Arjuna, man müßte loskommen von alledem, was in diesen drei Zuständen verläuft, loskommen von alledem, worin sonst die Menschen verschlungen und verwoben sind. Sattvamenschen gibt es, die sind mit dem Dasein so verwoben, daß sie an demjenigen hängen, was sie aus der Umwelt ziehen an glückbringender Seligkeit. Diese Sattvamenschen durcheilen die Welt so, daß sie durch ihre glückliche Seligkeit saugen können aus allen Dingen, was sie selig macht. Rajasmenschen sind Menschen, die fleißig sind, Taten tun, aber sie tun diese Taten, weil eine gute Tat oder diese oder jene Tat diese oder jene Folgen hat; sie hängen an den Folgen der Tat, sie hängen an der Tatenlust, das heißt an dem Eindruck, den die Tat macht. Die Tamasmenschen hängen an der Nachlässigkeit, Bequemlichkeit, Faulheit; sie wollen eigentlich nichts tun. — So teilen sich die Menschen, und diejenigen Menschen, die mit ihrem Geiste, mit ihrer Seele verwoben sind in die äußeren Zustände, gehören zu einer dieser Gruppen. Aber du sollst einen Einblick erhalten in das anbrechende Zeitalter des Selbstbewußtseins, du sollst absondern lernen deine Seele, du sollst weder ein Sattvamensch, noch ein Rajasmensch, noch ein Tamasmensch sein. — Dadurch ist der Krishna in der Bhagavad Gita der große Lehrer des menschlichen selbständigen Ich, daß er so vorführt die Absonderung des Ich von den Zuständen der Umgebung. Und auch gewisse Seelenbetätigungen erklärt der Krishna dem Arjuna, nach den Zuständen Sattva, Rajas und Tamas verlaufend. Wenn aber der Mensch seinen Glauben hinauflenkt zu demjenigen, was die schöpferischen Gottwesen der Welt sind, so ist er ein Sattvamensch. Aber gerade in der damaligen Zeit, in welcher die Bhagavad Gita entstand, gab es Menschen, die gewissermaßen gar nichts wußten von den führenden göttlich-geistigen Wesenheiten, die ganz hingen an den sogenannten Naturgeistern, an jenen Geistern, die hinter den unmittelbaren Naturwesenheiten stehen: das sind die Rajasmenschen, die nur bis zu den Naturgeistern kommen. Die Tamasmenschen sind diejenigen, die in ihrer Weltkenntnis kommen zu dem, was man gespenstisch nennen kann, das dem Materiellen in seiner Geistigkeit am nächsten steht.
[ 6 ] Also auch in bezug auf das religiöse Fühlen sind die Menschen einzuteilen in Sattvamenschen, Rajasmenschen und Tamasmenschen. Wir würden in unserer Zeit sagen können, wenn wir diese Begriffe anwenden wollen auf das religiöse Gefühl: Die zur Anthroposophie strebenden Menschen sind Sattvamenschen — ohne Schmeichelei —. Diejenigen Menschen, welche einem äußeren Glauben anhängen, sind Rajasmenschen. Und die, welche entweder materiell oder spirituell nur Körperhaftes glauben, die Materialisten und Spiritisten, sind Tamasgläubige. Der Spiritist fordert ja nicht geistige Wesenheiten, an die er glauben will. Er will ja gewiß an Geister schon glauben, aber er will nicht zu ihnen heraufgehen, er will, daß sie zu ihm herunterkommen, sie sollen klopfen, weil man Klopfen mit physischen Ohren hören kann, sie sollen in Lichtwolken erscheinen, weil man Lichtwolken mit physischen Augen sehen kann; das heißt, sie sollen nicht geistig, sondern materiell ausgestattet sein. In einer gewissen bewußten Weise sind solche Menschen Tamasmenschen. Das ist ganz im Sinne der Tamasmenschen der Krishnazeit. Es gibt auch unbewußte Tamasmenschen: Das sind diejenigen, die materialistische Denker sind, die ableugnen alles Geistige unserer Zeit. Eine materialistische Versammlung redet sich heute ein, daß sie aus Logik am Materialismus festhält. Das ist aber eine Täuschung. Materialisten sind Leute, die nicht aus logischen Gründen, sondern aus Furcht vor dem Geiste Materialisten sind. Aus Ängstlichkeit vor dem Geiste leugnen sie den Geist, weil eben die Logik der unbewußten Seele sie dazu zwingt, die zwar hinaufdringt, aber nicht durch die Pforte des Geistes schreiten kann. Die Furcht vor dem Geiste ist es, und derjenige, welcher die Wirklichkeit überschaut, sieht in einer materialistischen Versammlung, daß jeder Materialist in den Untergründen seiner Seele Furcht vor dem Geiste hat. Materialismus ist nicht Logik, sondern ist Feigheit gegenüber dem Geiste. Und das, was er ausspinnt, ist nichts anderes als das Opiat, um diese Furcht zu betäuben. In Wirklichkeit sitzt jedem Materialisten Ahriman im Genick, der Bringer der Furcht. Es ist eine groteske, aber eine gründlich ernste Wahrheit, die man, wenn man irgendwo in eine materialistische Versammlung geht, erkennt. Wozu ist eine solche Versammlung in Wahrheit einberufen? Die Maya ist, daß die Leute reden von Weltanschauungen. In Wirklichkeit ist sie da, um Ahriman, um den Teufel wirklich zu beschwören, um Ahriman in ihre Gemächer hineinzulocken.
[ 7 ] Dieselbe Einteilung in bezug auf die Bekenntnisse gibt auch Krishna dem Arjuna, aber auch in bezug auf die Art, sich praktisch im Gebet zu den Göttern zu verhalten. Man kann des Menschen Seelenverfassung immer nach diesen drei Zuständen charakterisieren. Die Sattva-, Rajas- und Tamasmenschen unterscheiden sich ganz beträchtlich in bezug auf die Art, wie sie zu ihren Göttern stehen. Die Tamasmenschen sind diejenigen, welche Priester sind, deren Priestertum aber aus einer Art von Gewohnheit hervorgeht, die ihr Amt haben, aber keinen lebendigen Zusammenhang mit der geistigen Welt, die daher Aum und Aum und Aum wiederholen, weil eben dies zunächst aus der Dumpfheit, aus dem Tamaszustande des Gemütes hervorströmt. Die Aum-Sager, das sind die Tamasmenschen auf dem Gebiete des Gebetes; sie strömen ihr Subjektives aus in dem Aum. Die Rajasmenschen sind diejenigen, welche hinschauen auf die Umwelt und schon eine Empfindung haben, daß diese Umwelt wie etwas zu ihnen selbst Gehöriges werde, daß diese Umwelt als mit ihnen verwandt verehrt werden müsse. Es sind die Menschen des «Tat», die Menschen, die das «Das», das Weltenall als mit sich verwandt anbeten. Die Sattvamenschen sind diejenigen, die einen Blick haben dafür, daß, was im Inneren lebt, eins ist mit dem, was in aller Welt uns umgibt. Es sind die Menschen, die in ihrem Gebet den Sinn des «Sat», des All-Seins haben, des All-Seins und Eins-Seins außen und innen, die den Sinn haben für das Eins-Sein des Ojektiven und Subjektiven. Daß derjenige, der wirklich frei werden will mit seiner Seele, der weder in der einen noch in der anderen Beziehung bloß ein Sattva-, Rajas- oder Tamasmensch sein will, diese Zustände in sich selbst so verwandeln muß, daß er sie wie ein Kleid an sich trägt, aber darüber mit seinem eigentlichen Selbst herauswächst: das ist es, wovon Krishna sagt, daß es erreicht werden muß. Das ist es ja auch, was Krishna anregen muß als der Schöpfer des Selbstbewußtseins.
[ 8 ] So steht Krishna vor Arjuna, ihn lehrend: Betrachte alle Zustäinde der Welt, betrachte sie mit dem, was dem Menschen das Höchste und Tiefste ist, aber werde vom Höchsten und Tiefsten der drei Zustände frei, werde in deinem Selbst ein dich selbst Ergreifender, lerne erkennen, daß du leben kannst, ohne daß du dich fühlst mit Rajas, Tamas oder Sattva verbunden, lerne! — Das mußte man lernen dazumal, das war ein Anbrechen der Morgenröte, das Selbst frei zu bekommen.
[ 9 ] Aber auch auf diesem Gebiete ist dasjenige, was dazumal äußerste Anstrengung sein mußte, heute auf der Straße zu finden. Und daß es auf der Straße zu finden ist, ist vielfach die Tragik des heutigen Lebens. Heute sind die Seelen nur zu häufig, die in der Welt stehen und sich in der Seele verbohren und keinen Zusammenhang finden mit der Außenwelt, die in den Gefühlen und Empfindungen, in ihren inneren Erlebnissen einsame Seelen sind, die weder sich verbunden fühlen mit einem Tamas-, Sattva- oder Rajaszustand, noch frei davon sind, die eigentlich in die Welt hineingeworfen sind wie ein verzweifelt sich drehendes Rad. Diese Menschen, die in sich nur leben und die Welt nicht verstehen können, die unglücklich sind, weil sie mit ihrer Seele ganz abgesondert sind von allem äußeren Dasein, sie stellen die Schattenseite jener Frucht dar, die Krishna bei Arjuna und allen seinen Zeitgenossen und Nachfolgern ausbilden mußte. Dasjenige, was höchstes Streben werden mußte für Arjuna, für viele heutige Menschen ist es höchstes Leid geworden. So ändern sich die aufeinanderfolgenden Zeitalter. Und heute müssen wir sagen: Wir stehen am Ende desjenigen Zeitalters, das eingeleitet wurde damals, als die Bhagavad Gita-Zeit war. Damit ist etwas sehr Bedeutsames für unsere Empfindung gesagt. Es ist aber auch damit gesagt, daß gerade so wie in der Bhagavad Gita-Zeit diejenigen, die das Selbstbewußtsein suchten, hören sollten, was Krishna dem Arjuna sagte — jene, die heute das Heil ihrer Seele suchen und die am Ende dieses Selbstbewußtseinszeitalters so dastehen, daß dieses Selbstbewußtsein in ihnen bis zur Krankhaftigkeit gesteigert ist, hören sollten auf dasjenige, was wiederum hinführt zu einem Verständnis der drei äußeren Zustände. Was aber führt zu einem Verständnis dieser äußeren Zustände hin?
[ 10 ] Setzen wir ein paar Vorstellungen noch voraus, bevor wir diese Fragen beantworten. Fragen wir noch: Was will denn Krishna in der Realität sein für den Arjuna, für den Menschen, der sich in seiner Zeit richtig stellt zu den äußeren Zuständen? Was sagt Krishna in einer wunderbaren Weise, mit aller göttlichen Ungeschminktheit und göttlichen Ungeniertheit? Mit wirklicher göttlicher Unbefangenheit und Ungeniertheit enthüllt Krishna, was er sein will bis zu dieser Zeit.
[ 11 ] Wie konnte man denn leben in seiner Seele? Wir haben es dargestellt, wie ein bildhaftes Bewußtsein die Seelen durchhellte, wie darüber schwebte gleichsam, was heute das Selbstbewußtsein ist, das damals die Menschen anstreben mußten und das heute auf der Straße zu finden ist. Fassen wir den Seelenzustand von dazumal, wie er war, bevor Krishna das neue Zeitalter eingeleitet hat, ins Auge. In dem bildhaften Bewußtsein lebten die Seelen innerhalb der Welt, so daß diese nicht klare Begriffe und Ideen hervorrief in den Seelen, sondern Bilder wie die heutigen Traumbilder. Ein gewisses bildhaftes Bewußtsein war die unterste Region des Seelenlebens, die von der oberen Region, von der Region des Schlafbewußtseins aus erhellt wurde durch die Inspiration. So war es mit diesen Seelen, und dann stiegen sie auf in die entsprechenden anderen Zustände. Und dieses Hinaufleben nannte man — und das ist der konkrete Begriff — das Sich-Einleben in Brahma.
[ 12 ] Heute von einer Menschenseele verlangen, sie solle sich einleben in Brahma, heute von einer Menschenseele das verlangen, die in westlichen Ländern lebt, das ist ein Anachronismus, ein Unding. Man könnte mit demselben Recht von einem Menschen, der auf der halben Höhe eines Berges steht, verlangen, er solle auf dieselbe Weise hinaufkommen wie einer, der noch unten im Tale steht. Mit demselben Recht könnte man das verlangen, wie wenn man heute eine abendländische Seele morgenländische Übungen machen läßt und sie eingehen läßt in Brahma. Dazu muß man auf dem Bilderbewußtseinsstandpunkte stehen, auf dem in einer gewissen Weise heute noch bestimmte Morgenländer stehen. Wer Abendländer ist, der hat das, was die Bhagavad Gita-Menschen beim Heraufsteigen in Brahma fanden, die Gefühle, die der Morgenländer haben kann beim Eingehen in Brahma, schon in seinen Begriffen und Ideen. Es ist wirklich wahr: noch würde Shankaracharya die Ideenwelt von Solovieff, Hegel und Fichte als den Anfang des Hinaufsteigens in Brahma vorführen seinen ihn verehrenden Schülern. Es kommt nicht auf den Inhalt, sondern auf die Mühe des Weges an. Wir müssen uns vor allem versetzen in jene Seelen, die dieses Heraufsteigen zu Brahma anstrebten.
[ 13 ] Das charakterisiert Krishna nun sehr schön, indem er auf ein Hauptmerkmal dieses Hinaufsteigens hinweist. Man muß eine ganz andere Geistes- und Seelenkonstitution voraussetzen, wenn man die Seelen der Bhagavad Gita-Zeit begreifen will. Da ist alles passiv, da ist ein Sich-Aussetzen der Bilderwelt, da ist alles wie ein SichHingeben an die strömende Bilderwelt. Man vergleiche damit unsere ganz andersartige gewöhnliche Welt. Uns hilft die Hingabe nichts, um zum Verständnis zu kommen. Allerdings gibt es viele Menschen, die am Zurückgebliebenen noch hängen, die nicht heraufkommen wollen bis zu dem, was in unserer Zeit geschehen muß. Aber das muß für unser Zeitalter geschehen: wir müssen uns anstrengen, aktiv tätig sein, um die Begriffe und Ideen von der Umwelt zu bekommen. Daß dies fehlt, ist ja die Misere unserer Erziehung! Wir müssen unsere Kinder dahin erziehen, daß sie dabei sind bei der Bildung ihrer Begriffe von der Umwelt. Aktiver muß heute die Seele sein als damals, in der Zeit vor der Entstehung der Bhagavad Gita. So können wir es aufschreiben:
[ 14 ] Bhagavad Gita-Zeit = Aufsteigen zu Brahma in der Passivität der Seele.
[ 15 ] Intellektuelle Zeit — unsere Zeit = Aktives Sich-Hinaufleben in die höheren Welten.
[ 16 ] Was mußte also Krishna sagen, indem er einleiten will das neue Zeitalter, in dem allmählich beginnen soll das aktive Erarbeiten des Weltverständnisses? Er mußte sagen: Ich muß kommen, ich muß dir, dem Ich-Menschen, eine Gabe geben, die dich anregt, aktiv zu sein. — Würde das alles wie bisher passiv geblieben sein, wäre dieses SichHingeben an die Welt ein Verstricktsein geblieben, so wäre das neue Zeitalter nicht angebrochen. Alles das, was in der Zeit vor der Bhagavad Gita-Zeit zusammenhängt mit dem Eindringen der Seele in die geistigen Welten, nennt Krishna Hingabe. Alles ist Hingabe an Brahma. Alles das vergleicht er mit einem Weiblichen im Menschen. Dasjenige, was das Selbst im Menschen ist, das Tätige, Aktive, was das Selbstbewußtsein erzeugen soll, was von innen ausstrahlt als der Quell des Selbstbewußtseins, das da kommen soll, nennt Krishna das Männliche im Menschen. Was der Mensch in Brahma erreichen kann, muß von ihm, dem Krishna, befruchtet werden. Das sagt Krishna dem Arjuna, gleichsam die Lehre gibt er dem Arjuna: Brahmamenschen waren die Menschen bisher alle. Brahma ist alles dasjenige, was sich ausbreitet als der Mutterschoß der ganzen Welt. Ich aber bin der Vater, der kommt in die Welt, um den Mutterschoß zu befruchten. Und dasjenige, was dadurch entsteht, ist das Selbstbewußtsein, das fortwirken soll in den Menschen und zu allen Menschen kommen muß. Das wird mit aller Deutlichkeit auseinandergesetzt. Wie Vater und Mutter verhalten sich Krishna und Brahma in der Welt. Und was stiften sie? Sie stiften miteinander dasjenige, was der Mensch haben muß im weiteren Verlauf seiner Evolution: das Selbstbewußtsein, jenes Selbstbewußtsein, welches macht, daß der Mensch als Einzelwesen immer vollkommener und vollkommener werden kann. Ganz und gar hat es das Krishna-Bekenntnis mit dem einzelnen Menschen, mit dem individuellen Menschen zu tun. Restlose Hingabe an die Krishna-Lehre bedeutet Streben nach Vervollkommnung des einzelnen Menschen. Wie kann diese Vervollkommnung aber nur erreicht werden? Sie kann so nur erreicht werden, daß dieses individuelle Selbstbewußtsein, diese Gabe des Krishna, herauskommt durch Ablösen, durch das Ablösen des Selbstes von alledem, was mit den äußeren Zuständen behaftet ist. Lenken Sie den Blick hin auf diesen Grundnerv der Krishna-Lehre, darauf, daß die Krishna-Lehre dem Menschen die Anweisung gibt, alles äußerlich in den Zuständen Lebende liegen zu lassen, frei zu werden von allem «Tat», von allem, was abläuft als das Leben in seinen verschiedenen Zuständen, und sich zu ergreifen nur in dem Selbst, um dieses Selbst immer weiter und weiter zu höherer Vervollkommnung zu tragen. Lenken Sie den Blick hin darauf, daß abhängt die Vervollkommnung davon, daß der Mensch hinter sich läßt alle äußeren Konfigurationen der Dinge, daß er sich schält aus dem ganzen Außenleben heraus, daß er frei wird und in sich immer belebter wird. Selbstbewußtseinsstreben als die Lehre des Krishna ergibt sich dadurch, daß der Mensch sich losreißt von seiner Umgebung, nicht mehr frägt, was draußen sich vervollkommnet, sondern wie er sich vervollkommnen soll.
[ 17 ] Krishna, das heißt der Geist, der durch Krishna wirkt, erschien ja nun wiederum in dem Lukas-Jesusknaben aus der nathanischen Linie des Hauses David. In dieser Persönlichkeit war also im Grunde alles dasjenige, was an Impulsen vorhanden war zur Verselbständigung im Menschen, zum Loslösen von der äußeren Wirklichkeit. Was wollte denn der Krishna oder, sagen wir, diese nicht in die Menschheitsevolution eingetretene Seele, die im Krishna wirkte und dann im Jesusknaben des Lukas, was wollte sie eigentlich? Sie hat es erleben müssen, daß sie einstmals draußen bleiben mußte aus der Menschheitsentwickelung, weil der Gegner gekommen war, der Luzifer, der gesagt hat: «Eure Augen werden geöffnet werden, und ihr werdet unterscheiden das Gute und Böse und werdet sein wie Gott.» Im alten indischen Sinne trat Luzifer vor die Menschen und sagte: Ihr werdet sein wie die Götter und werdet finden können die Sattva-, Rajas-, Tamaszustände in der Welt. — Luzifer hat die Menschen hingewiesen auf die Außenwelt. So mußten die Menschen kennenlernen auf Anstiften des Luzifer das Außen, so mußten sie durch die Evolution hindurchgehen bis in die Christus-Zeit hinein. Da kam derjenige, der damals zurückgewichen war vor Luzifer, in Krishna und im Lukas-Jesusknaben. In zwei Etappen lehrte er nun dasjenige, was von der einen Seite her der Gegenpol sein sollte gegen die LuziferLehre des Paradieses. Er hat die Augen euch öffnen wollen für die Sattva-, Rajas- und Tamaszustände. Schließt die Augen vor den Sattva-, Rajas- und Tamaszuständen: dann werdet ihr euch als Menschen, als selbstbewußte Menschen finden. — So tritt für uns die Imagination auf: auf der einen Seite die Imagination des Paradieses, wo Luzifer der Menschen Augen öffnet für die Sattva-, Rajas- und Tamaszustände, und sich eine Weile zurückzieht derjenige, welcher der Gegner des Luzifer ist. Dann machen die Menschen eine Entwickelung durch und kommen an den Punkt, wo ihnen in zwei Etappen eine andere Lehre vom Selbstbewußtsein entgegenkommt, aber so, daß sie die Augen schließen sollen vor den Sattva-, Rajas- und Tamaszuständen. Beides sind einseitige Lehren. Wäre nur dageblieben der Krishna-Jesus-Einfluß, dasjenige, was im Jesusknaben des Lukas lebte, dann wäre nur die eine Einseitigkeit zu der anderen gekommen, dann hätte der Mensch Abschied genommen von allem, was ihn umgibt, er hätte alles Interesse auch an der äußeren Entwickelung verloren, dann hätte jeder nur seine eigene Vervollkommnung auf der Erde gesucht. Streben nach Vervollkommnung ist recht, aber das Streben, erkauft durch Interesselosigkeit an der ganzen Menschheit, ist eine Einseitigkeit, wie das Luziferische eine Einseitigkeit war. Daher trat das Allumfassende entgegen, der Christus-Impuls, die höhere Synthese beider Einseitigkeiten. In der Person des Lukas-Jesusknaben selber lebte drei Jahre hindurch der ChristusImpuls, der in die Menschheit kam, um diese beiden Einseitigkeiten zusammenzubringen. Durch die beiden Einseitigkeiten wäre die Menschheit in die Schwachheit und Sünde gekommen: durch den Luzifer wäre sie verurteilt zum einseitigen Leben in den äußeren Zuständen Sattva, Rajas, Tamas; durch den Krishna sollte sie für die andere Einseitigkeit erzogen werden: die Augen zu schließen und nur die eigene Vollkommenheit zu suchen. Der Christus nahm auf sich die Sünde, er gab den Menschen dasjenige, was die beiden Einseitigkeiten ausgleicht. Er nahm auf sich die Versündigung des Selbstbewußstseins, das die Augen schließen wollte gegenüber der Außenwelt; er nahm auf sich die Sünde des Krishna und aller, die Krishnas Sünde begehen wollten. Er nahm auf sich die Luzifer-Sünde und aller, die sie begehen wollten, indem sie nur einseitig den Blick auf Sattva, Rajas und Tamas geheftet hielten. Indem er die Einseitigkeiten auf sich nimmt, gibt er den Menschen die Möglichkeit, allmählich wieder einen Zusammenklang zu finden zwischen Innenund Außenwelt, in welchem Zusammenklang allein das Heil der Menschen zu finden ist.
[ 18 ] Aber eine Entwickelung, die begonnen hat, kann nicht sogleich auslaufen. Die Entwickelung zum Selbstbewußtsein, die begonnen hat mit dem Krishna, ist weiter gegangen, in gleicher Weise das Selbstbewußtsein immer steigernd, immer mehr und mehr die Entfremdung von der Außenwelt hervorrufend. Diese Entwickelung hat die Tendenz, weiter und weiter zu gehen auch in unserer Zeit. Zur Zeit, als der Krishna-Impuls vom Lukas-Jesusknaben aufgenommen worden ist, war die Menschheit gerade in dieser Entwickelung darinnen, das Selbstbewußtsein immer mehr noch zu steigern, sich der Außenwelt immer mehr noch zu entfremden. Das war dasjenige, was die Menschen erfuhren, welche die Johannestaufe im Jordan empfingen. Sie sahen, wie das Selbstbewußtsein auf dem Wege ist, immer stärker und stärker zu werden. Daher verstanden sie den Täufer, als er zu ihnen davon sprach: Ändert den Sinn, wandelt nicht nur in der Krishna-Bahn. — Wenn er auch nicht das Wort gebrauchte: wir können diese Bahn, die damals eingeschlagen worden ist, die Jesus-Bahn nennen, wenn wir okkultistisch sprechen wollen. Und diese bloße JesusBahn ist tatsächlich durch die Jahrhunderte immer weiter und weiter gegangen; denn auf vielen Gebieten des menschlichen Kulturlebens in den Jahrhunderten, die auf die Begründung des Christentums folgten, war nur eine Anlehnung an Jesus vorhanden, nicht an den Christus, der in dem Jesus drei Jahre lebte, von der Johannestaufe an bis zum Mysterium von Golgatha. Eine jede Entwickelungslinie aber treibt sich bis zu einer gewissen Spannung. Immer mehr wurde diese Sehnsucht nach individueller Vervollkommnung dahin getrieben, daß die Menschen in einer gewissen Weise ins Tragische gerieten, sich immer mehr und mehr von der Göttlichkeit der Natur, von der Außenwelt entfremdeten. Heute haben wir ja vielfach dieses Tragische der Entfremdung von der Umgebung so, daß viele Seelen unter uns herumgehen, die nicht mehr viel von ihr verstehen. Deshalb muß gerade in unserer Zeit das Verständnis des Christus-Impulses einschlagen: die Christus-Bahn muß zur Jesus-Bahn hinzukommen. Es war die Bahn des einseitigen Vervollkommnungsstrebens zu stark geworden. In unserer Zeit erst ist sie so, daß die Menschen in vieler Beziehung ganz fern stehen der Göttlichkeit der Umgebung. Weil, wenn irgendeine Richtung auftritt, sie sich sogleich überspannt, und die Sehnsucht nach dem Gegenteil erwacht, fühlen in unserer Zeit viele Seelen, wie wenig der Mensch heute aus dem gesteigerten Selbstbewußtsein herauskommen kann. Das erzeugt den Drang, die Göttlichkeit der Außenwelt zu erkennen. Und in unserer Zeit ist es so, daß gerade solche Seelen das durch die wahre Anthroposophie geöffnete Verständnis des Christus-Impulses suchen werden, des Christus-Impulses, der nicht bloß die einseitige Vervollkommnung der einzelnen Menschenseele will, sondern der ganzen Menschheit, der dem ganzen Menschheitsprozeß angehört. Den Christus-Impuls verstehen heißt nicht bloß streben nach Vervollkommnung, sondern auch in sich aufnehmen etwas, was wirklich getroffen wird mit dem Pauluswort: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» «Ich», das ist das Krishna-Wort; «Nicht ich, sondern der Christus in mir» ist das Wort des christlichen Impulses. So sehen wir, wie eine jegliche menschliche Geistesströmung ihre gewisse Berechtigung hat. Niemand kann sich denken, daß der Krishna-Impuls hätte ausbleiben können, aber niemand sollte jemals daran denken, daß einmal eine menschliche Geistesströmung in ihrer Einseitigkeit eine Vollberechtigung habe. Die beiden Einseitigkeiten, die luziferische und die KrishnaStrömung, mußten im höheren Sinne ihre Einheit finden in der Christus-Strömung.
[ 19 ] Derjenige, der in wirklich anthroposophischem Sinne verstehen will das, was heute walten muß als notwendiger Impuls der weiteren Entwickelung der Menschheit, der muß in Anthroposophie das Instrument sehen, das hineinleuchten kann in alle Religionen. Auch in diesem Zyklus versuchten wir zu zeigen, wie die menschliche Evolution weiterschreitet und die einzelnen Strömungen ihren Zufluß zu dieser gemeinsamen Evolution senden. Ein dilettantisches Beginnen wäre es, wenn jemand das, was im Christentum sich findet, wiederfinden wollte im Krishnatum. So betrachtet, versteht man diese Dinge erst, versteht erst, was es heißt, Einheit zu suchen in allen Religionen. Man kann das auch auf andere Weise. Man kann immer wieder deklamieren: In allen Religionen ist dieselbe Grundwesenheit enthalten. — Das würde das gleiche bedeuten wie: dieselbe Grundwesenheit ist in der Wurzel, in dem Stamm, in den Blättern, in den Blüten, in den Staubgefäßen und in der Frucht enthalten. — Das ist wahr, aber das ist eine abstrakte Wahrheit. Es ist nicht geistreicher, als wenn man sagt: Was braucht man Unterschiede? Salz, Pfeffer, Essig, Milch steht doch alles auf dem Tisch, alles ist eins, denn alles ist Stoff. — Da merkt man nur das Abstrakte, Unzulängliche einer solchen Betrachtungsweise. Das merkt man aber nicht sogleich auf dem Gebiete der Religionsvergleichung. Es geht nicht, so abstrakt das Chinesentum, das Brahmanentum, das Krishnatum, das Buddhatum, das Persertum, das Mohammedanertum und das Christentum zu vergleichen, zu sagen: Seht, überall dieselben Prinzipien, überall ein Erlöser! Die abstrakten Dinge kann man überall suchen: es ist dilettantisch, weil es unfruchtbar ist. Man kann für das Leben Gesellschaften, Vereine gründen, in denen man das Studium aller Religionen vorführt und das Studium dann so betreibt, wie wenn eben jemand sagen würde: Pfeffer, Salz, Essig und Öl seien eins, weil sie auf dem Tische stehen, weil sie alle Stoff sind. -— Darauf kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daß man die Dinge in ihrer Wahrheit, in ihrer Wirklichkeit betrachtet. Einer Betrachtungsweise, die so weit zum okkulten Dilettantismus sich versteigt, daß sie immer wieder die Gleichheit aller Religionen deklamiert, kann es ja auch gleich sein, ob das, was im Christus-Impuls lebt, der Schwerpunkt ist in der Menschheitsentwickelung, oder ob das in irgendeinem Menschen, den man auf der Straße oder sonstwo auftreibt, wieder erscheint. Wer aber aus der Wahrheit heraus leben will, für den ist es ein Greuel, in Zusammenhang zu bringen irgend etwas anderes mit demjenigen Impuls in der Weltgeschichte, der mit dem Mysterium von Golgatha verknüpft ist und für den der Christus-Name aufbewahrt worden ist als das, was er in Wahrheit ist: der Mittelpunkt der Erdenevolution.
[ 20 ] In diesen Vorträgen versuchte ich Ihnen ein Bild zu geben an einem besonderen Beispiel, versuchte ich an diesem Beispiel zu zeigen, wie der gegenwärtige Okkultismus erstrebt, Licht zu werfen auf die verschiedenen Geistesströmungen, die im Verlaufe der Menschheitsevolution aufgetreten sind, die jede einen berechtigten Angriffspunkt haben, die man aber so unterscheiden muß, wie man den Stengel vom grünen Blatt, das grüne Blatt vom gefärbten Blumenblatt unterscheiden muß, obwohl alle diese zusammen wieder eine Einheit bedeuten. Wenn man mit diesem wahrhaft modernen Okkultismus versucht, selber mit seiner Seele einzudringen in dasjenige, was in den verschiedenen Strömungen in die Menschheit geflossen ist, dann erkennt man, daß wahrhaftig die einzelnen Religionsbekenntnisse nichts dabei verlieren, nichts an Größe, nichts an Erhabenheit. Welche erhabene Größe ist uns in der Gestalt des Krishna entgegengetreten auch da, wo wir ihn nur im Sinne der konkreten Erfassung der Menschheitsevolution in diese Menschheitsevolution hineinzustellen versuchten! Es ist eine jede solche Betrachtung, die man nur skizzenhaft geben kann, unvollkommen genug, gewiß recht, recht unvollkommen. Sie können aber versichert sein, niemand ist mehr überzeugt von der Unvollkommenheit dessen, was hier wiederum gegeben wurde, als der, welcher sich erlaubte, hier vor Ihnen zu sprechen. Aber was angestrebt worden ist, das ist, Ihnen ein wenig zu zeigen, wie wahre Betrachtung der einzelnen Geistesströmungen der Menschheit zu geschehen hat. Gerade an einem uns fern stehenden Geistesprodukt, an der Bhagavad Gita, versuchte ich anzuknüpfen, um zu zeigen, wie der abendländische Mensch schon empfinden und fühlen kann, was er dem Krishna verdankt, was Krishna heute noch als Nachwirkung bedeutet für sein Aufstreben in der Welt. Aber auf der anderen Seite muß die Geistesrichtung, die hier vertreten wird, verlangen, daß man liebevoll auf die Selbsteigenheit einer jeden Strömung ganz konkret eingehe. Das hat eine gewisse Unbequemlichkeit, denn das bringt einem die bescheidene Idee nur allzunahe, wie wenig man doch eigentlich in diese Tiefen eindringt. Und es folgt die andere Idee allerdings auch in unserer Seele: daß wir immer weiter streben müssen. Beides Unbequemlichkeiten! Diejenige Geistesströmung, die hier Anthroposophie genannt wird, sie macht vielen Seelen — dazu ist sie verurteilt — gewisse Unbequemlichkeiten. Sie verlangt ein energisches Eintreten in die konkreten Tatsachen des Weltengeschehens, zugleich aber auch, daß man sich in seiner Seele sagt: Ich kann ja zu Höherem kommen, ich will auch dahin kommen, aber ich habe doch nur immer einen Standpunkt erreicht, ich muß immer weiter und weiter streben. Niemals ein Ende!
[ 21 ] So war es ja immer mit einer gewissen Unbequemlichkeit verknüpft, zu derjenigen Geistesströmung zu gehören, welche durch uns versucht, in das, was man anthroposophisches Leben nennt, sich hineinzustellen. Unbequem war es ja, daß man gar bei uns streben lernen sollte, lernen soll, um endlich dahin zu kommen, immer tiefer und tiefer in die heiligen Geheimnisse hineinzuschauen. Aber wir konnten nicht aufwarten mit etwas so Bequemem, das sich ergeben würde, wenn wir irgendeinen Sohn oder auch eine Tochter genommen hätten und sie vorgeführt und gesagt hätten: Ihr braucht nur warten: in diesem Sohn oder in dieser "Tochter wird das Heil physisch verkörpert erscheinen. — Das konnten wir nicht, das ging wirklich nicht, denn wir mußten wahr sein. Und doch, für den, der die Sache durchschaut, ist schließlich alles das, was da zuletzt zutage getreten ist, nur die letzte, groteske Konsequenz jener dilettantischen Religionsvergleicherei, die sich auch so bequem hinstellen läßt, und die immer mit der Selbstverständlichkeit auftritt, mit der äußersten Trivialität auftritt: Alle Religionen enthalten dasselbe!
[ 22 ] Die letzten Wochen und Monate haben immerhin gezeigt — und daß ich vor Ihnen hier sprechen konnte über ein so bedeutungsvolles Thema, hat es neu gezeigt —, daß sich eben doch ein Kreis von Menschen findet in der Gegenwart, wenn es darauf ankommt, die spirituellen Wahrheiten zu suchen. Uns wird es auf nichts anderes ankommen, als diese spirituellen Wahrheiten zu vertreten. Ob nun viele oder alle von uns abfallen, das wird nichts ändern an der Art, wie man die spirituellen Wahrheiten hier vertritt. Die heilige Verpflichtung zur Wahrheit, sie wird die Strömung, von welcher aus auch dieser Zyklus gehalten worden ist, leiten und lenken. Und wer mitmachen will, muß es tun unter den Bedingungen, die nun einmal notwendig geworden sind. Bequemer ist es allerdings, in anderer Weise zu verfahren, nicht so einzugehen auf die andere Seite, wie wir es tun, indem wir wirklich aufmerksam machen auf alles, wie es in der Realität ist. Aber das gehört ja eben auch schon zur Wahrheitsverpflichtung. Einfacher ist es, den Menschen mitzuteilen die Gleichheit der Religionen, die Einheit der Religionen, den Menschen zu verkünden, daß sie warten sollen, bis sich ein Heiland verkörpert, den man vorbestimmt, den man nicht aus sich selbst, sondern auf Autorität hin anerkennen soll. Das aber werden die menschlichen Seelen der Gegenwart selber zu entscheiden haben, inwieweit die reine Hingabe an das Streben nach Wahrhaftigkeit eine geistige Strömung tragen und halten kann. Es mußte schon einmal in unserer Zeit zu jener scharfen Scheidung kommen, die dadurch eingetreten ist, daß die Präsidentin sich zuletzt soweit selber demaskiert hat, diejenigen, die nichts weiter wollten, als für das Wahre, Echte in der Menschheitsevolution aus Wahrhaftigkeit einzutreten, als Jesuiten zu bezeichnen. Es ist ja dieses auch eine bequeme Art gewesen, sich zu scheiden, aber es ist die äußere Dokumentierung gewesen des Arbeitens mit objektiver Unwahrheit. Daß bei uns nicht in einer einseitigen Ideenrichtung gearbeitet worden ist, das möge Ihnen auch dieser Vortragszyklus wieder-., um gezeigt haben, der Gegenwart, Vergangenheit und Vorvergangenheit beherzigt, um den wahrhaftigen einzigen Grundimpuls der Menschheitsevolution zeigen zu können. So darf ich wohl auch hier sagen, wie es mich selber, der ich diesen Zyklus habe halten dürfen, mit tiefster Befriedigung erfüllt, daß Hoffnung vorhanden ist — und daß Sie hier sitzen, ist ein Beweis dafür —, noch Menschenseelen zu finden, welche den Trieb, die Neigung, die Hinlenkung haben zu dem, was auch auf übersinnlichem Gebiete mit nichts anderem arbeitet als mit der bloßen ehrlichen Wahrhaftigkeit.
[ 23 ] Ich muß schon dieses Schlußwort noch anfügen an den Vortragszyklus, weil es im Grunde doch notwendig ist in Anbetracht alles dessen, was uns entgegengetreten ist im Laufe der Zeit bis zu dem Zeitpunkte, wo man uns aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen hat. In Anbetracht alles dessen, was uns getan worden ist und was jetzt in zahlreichen Broschüren in sein Gegenteil verkehrt wird, mußte ich dies zum Ausdruck bringen, obwohl mich die Besprechung dieser Dinge immer außerordentlich schmerzhaft berührt. Aber es ist notwendig, daß diejenigen, die mit uns arbeiten wollen, wissen, daß wir zu unserer Devise haben: unbedingtes, bescheidenes, aber ehrliches Wahrheitsstreben hinauf in die höheren Welten.
