Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein
Das Einwirken der Toten in die Welt der Lebenden
GA 150
14 März 1913, Augsburg
1. Zwei Stromungen Innerhalb der Fortlaufenden Entwickelung des Menschen Sind bei der Erziehung zu Berücksichtigen
[ 1 ] Wenn man heute in unserer Gegenwart einen öffentlichen anthroposophischen Vortrag hält — und was hier gesagt wird in bezug auf einen öffentlichen Vortrag, das muß in Betracht gezogen werden bei allem, was wir von Anthroposophie an die Außenwelt heranbringen, an die Menschen, welche sich nicht einer anthroposophischen Vereinigung anschließen —, dann muß immer berücksichtigt werden, daß die Seelen der heutigen Menschen zwar in ihren Tiefen, in ihren Untergründen eine große Sehnsucht nach Anthroposophie haben, daß aber in den Teilen des Seelenlebens, von denen sie selber wissen, doch recht wenig Zusammenhang mit den spirituellen Wahrheiten vorhanden ist. Es kommt deshalb natürlich bei einem öffentlichen Vortrag nicht darauf an, zu beachten, was bei solchen Persönlichkeiten beliebt oder unbeliebt ist. Man sollte darum sich niemals fragen, was sie gerne oder nicht gerne hören, aber man muß darauf Rücksicht nehmen, daß schon einmal unser Zeitalter Denkgewohnheiten hat, Vorstellungsarten hat, welche in vieler Beziehung ganz direkt entgegengesetzt sind demjenigen, zu dem wir uns hinaufarbeiten durch die anthroposophische Erkenntnis. Gerade was da beachtet werden muß, das bemühe ich mich immer sorgfältig zu berücksichtigen, wenn ich festzustellen versuche den Unterschied des Tones, in dem ein öffentlicher Vortrag gehalten werden muß, und des Tones, in dem gesprochen werden kann zu unseren anthroposophischen Freunden. Und wir sollten uns gewöhnen, diesen Unterschied durchaus wirklich einzuhalten. Wenn auch dann die Leute, die der Anthroposophie noch ferne stehen, vielleicht auch unangenehm berührt werden von dem, was man ihnen sagt, so braucht uns das nicht irgendwie im schlimmen Sinne zu berühren, wenn wir nur das Bewußtsein in uns tragen, daß wir das an sie herangebracht haben, was gerade ihren Seelen frommt. Dann aber, wenn wir gewissermaßen unter uns sind, dann müssen wir eben durchaus versuchen, in die Dinge tiefer und immer tiefer hineinzudringen. Wir können ganz bestimmte Wahrheiten, die heute schon für unsere Gegenwart außerordentlich wichtig und bedeutsam sind,.und die wir unter uns verhandeln müssen, damit sie, von uns ausgehend, immer tiefer und tiefer in das Geistesleben der Zeit eindringen, sozusagen noch nicht in ganz deutlich ausgesprochenen Worten an das äußere Publikum heranbringen.
[ 2 ] Wir müssen gerade diese Sache ganz richtig verstehen. Nehmen wir einmal an, wir sprechen von dem, was ja in das Menschenleben fortwährend hereinspielt, von dem Durchdrungensein alles menschlichen Lebens auf der Erde durch die ahrimanischen, durch die luziferischen Gewalten, oder wir sprechen von gewissen Dingen, die sich beziehen auf das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das, was uns abhalten soll, so ohne weiteres über diese Dinge vor Unvorbereiteten zu sprechen, das soll nicht dasjenige sein, was oftmals gerade in einer solchen Gesellschaft, wie die unsrige ist, auftritt, und was man nennen könnte eine gewisse Geheimniskrämerei, bei der sich die meisten dann nicht einmal die rechte Vorstellung machen, warum sie getan wird. Das, was uns abhalten soll, so ohne weiteres über diese Dinge vor Unvorbereiteten zu sprechen, das ist, daß die Menschen, die unvorbereitet sind, die Dinge nicht ernst genug nehmen können, nicht tief genug nehmen. Es soll dem Anthroposophen das Wort «ahrimanische», «luziferische» Gewalten nach und nach etwas für das Leben so Bedeutsames werden, etwas, wobei er in seinen Gefühlen und Empfindungen so tief innerlich ergriffen wird, wenn diese Dinge ausgesprochen werden, daß man das Gefühl hat: Wenn man diese Worte den Unvorbereiteten an den Kopf wirft, so wird ihnen das, was man an innerer Kraft fühlen soll, wenn sie ausgesprochen werden, genommen, und auch wir selber schaden uns, wenn wir im gewöhnlichen Leben bei jeder Gelegenheit, die uns gerade paßt, diese Worte ohne weiteres anwenden. Wenn wir zum Beispiel in unsere Geldbörse greifen und da zu tun haben mit dem Geld, so haben wir es ja ganz richtig mit ahrimanischen Gewalten zu tun. Aber es ist nicht gut, das Wort «ahrimanisch» so ohne weiteres immer wieder anzuwenden auf die alltäglichen Verhältnisse. Dadurch, daß wir ein solches Wort auf die alltäglichen Verhältnisse anwenden, stumpft es sich ab für unser Empfinden, für unser Gefühl, und wir haben dann gar nicht die Möglichkeit, noch Worte zu haben, die, wenn wir sie denken oder aussprechen, auf uns jenen elementaren, bedeutsamen Sinn ausüben, den sie ausüben sollen. Das ist außerordentlich bedeutsam, daß wir nicht im alltäglichen Leben mit diesen Dingen gar zu sehr herumwerfen, denn wir kommen dadurch tatsächlich allmählich um das Beste, um das Wirksamste, was uns Anthroposophie geben kann. Je mehr wir in bezug auf die alltäglichen Verhältnisse die anthroposophischen Worte im Munde führen, desto mehr nehmen wir uns die Möglichkeit, daß Anthroposophie für uns wirklich etwas unsere Seele Tragendes, unsere Seele tief Durchdringendes wird. Wir brauchen nur die Macht der Gewohnheit ins Auge zu fassen und wir werden sehen, daß ein Unterschied besteht, wenn wir mit einer gewissen heiligen Scheu, mit einem gewissen Bewußtsein, daß wir von anderen Welten sprechen, Worte gebrauchen, wie, sagen wir, die Worte «Aura» oder «ahrimanische Gewalten» oder «luziferische Gewalten». Wenn wir immer fühlen, wir müssen sozusagen haltmachen, bevor wir solche Worte gebrauchen, müssen sie nur anwenden, wenn es uns eben wirklich darauf ankommt, unsere Beziehung zur übersinnlichen Welt ins Auge zu fassen, dann ist das etwas ganz anderes, als wenn wir im alltäglichen Leben bei jeder beliebigen Gelegenheit von diesen Dingen der höheren Welt sprechen und Worte, die von diesen Welten hergenommen sind, immerfort im Munde führen.
[ 3 ] Ich mußte diese Einleitung bringen, weil wir einmal gerade in dieser Stunde auf etwas in der Menschenseele hinweisen wollen, was zwar immer in unserem Bewußtsein vorhanden sein soll, was wir aber doch nur richtig betrachten, wenn es mit einer gewissen heiligen Scheu geschieht. Nehmen Sie einmal in die Hand die kleine Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Da wird sozusagen gezeigt, wie die Vorgänge am sich entwickelnden Menschen von sieben zu sieben Jahren sind. Da wird gezeigt, daß bis zum siebenten Lebensjahre, bis zum Zahnwechsel, wir es vorzugsweise in der Hauptsache mit der Entwickelung des physischen Leibes zu tun haben, daß wir es zu tun haben im nächsten Zeitraum, vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre, bis zur Geschlechtsreife, mit einer Entwickelung des Ätherleibes und so weiter. Wenn Sie diese Entwickelung des Menschen von sieben zu sieben Jahren ins Auge fassen, dann haben Sie es vorzugsweise zu tun mit dem, was die sozusagen normalen Wesenheiten der höheren Hierarchien an der menschlichen Evolution bewirken. Das ist so recht die fortschreitende Evolution, die da von sieben zu sieben Jahren verläuft, so daß wir sagen können: Die eigentlich fortschreitenden göttlich-geistigen Mächte, die leiten und lenken diese Evolution von sieben zu sieben Jahren. Würden nur diese fortschreitenden göttlich-geistigen Mächte an dem Menschen tätig sein, dann würde überhaupt das ganze menschliche Leben anders verlaufen, im ganzen anders verlaufen, als es tatsächlich verläuft. Dann würde vor allen Dingen der Mensch einem kleinen Kinde in ganz anderer Weise entgegentreten. Er würde bei dem kleinen Kinde immer das Gefühl haben: Da spricht durch das Kind eine geistige Individualität. Man würde sogar immer das Gefühl haben, daß das kleine Kind, bei alldem, was es tut, was es vornimmt, aus höheren Welten heraus die Antriebe, die Impulse empfängt. Und die Menschen würden sicher gar kein anderes Gefühl bekommen, als daß das Kind aus weit höheren Impulsen heraus handelt, als diejenigen sind, die sie selbst mit ihrem Verstand durchdringen können. Und das würde verhältnismäßig noch recht lange dauern.
[ 4 ] Das, was den Menschen heute so sehr wünschenswert erscheint, daß die Kinder möglichst früh recht gescheit sind im menschlich-irdischen Sinne, das würde dann den Menschen höchst unwillkommen erscheinen, denn von einem Kinde, das heute das Entzücken seiner Umgebung hervorruft, weil es schon gar so gescheite Dinge sagt oder tut, von dem würden, wenn die Menschen nur Kinder hätten, die von den fortschreitenden göttlich-geistigen Mächten gelenkt werden nach den siebenjährigen Perioden, es würden die Menschen sagen, wenn das Kind möglichst früh im heutigen Sinne gescheit redete und sie an die anderen Verhältnisse gewöhnt wären: Wie früh ist das Kind gottverlassen! Worüber man heute entzückt ist, würde man dann als eine Strafe empfinden. Und einen jungen Menschen von fünfzehn Jahren, der so gescheit wäre, wie man es heute verlangt, den würde man als ein ganz gottverlassenes Wesen ansehen. Denn durch die fortschreitenden göttlich-geistigen Mächte ist eigentlich der Mensch erst berufen, nach und nach mit seinem Ich zwischen dem einundzwanzigsten und achtundzwanzigsten Jahre völlig herauszurücken, und vorher würde das, was er tut, viel mehr so erscheinen, daß durch ihn durchwirken höhere geistige, übersinnliche Impulse. Allerdings würde ein gewisses nach außen hin träumerisches Leben den Kindern eigen sein; aber man würde dieses träumerische Leben empfinden als Gott- oder Geistgesegnetheit, und man würde gar nicht das Bestreben haben, die Kinder zur Frühreife im heutigen Sinn irgendwie zu erziehen.
[ 5 ] Nun fällt, wie wir wissen, etwas anderes in diese Entwickelungsperioden des Menschen auch hinein. Das ist, was wir oftmals hervorgehoben haben, die Ausgestaltung des Ich-Bewußtseins im dritten, vierten, fünften Jahre, in jenem Zeitpunkt, den wir im allgemeinen so charakterisieren können, daß wir sagen: Es ist der Zeitpunkt, bis zu dem der Mensch im späteren Leben sich zurückerinnert. Es ist das Auftreten jenes Momentes, von dem aus der Mensch anfängt, zu sich «Ich» zu sagen. — Sie müssen nun eigentlich die ganze Entwickelung des Menschen sich als zwei Strömungen denken: als die der Evolution, an der die fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten wirken, und dazu die andere Strömung, durch welche der Mensch innerhalb des ersten siebenjährigen Zeitraumes anfängt, innerlich ein Selbstbewußtsein zu entwickeln, ein solches Gedächtnis zu entwickeln, das ihn später im Bewußtsein sich zurückerinnern läßt bis zu jenem Zeitpunkt. Das rührt nun gar nicht von den fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten her. Die würden uns viel länger recht träumerisch sein lassen, würden durch uns hindurch in die Welt hereinwirken. Daß wir so frühzeitig zum Selbstbewußtsein kommen, daß wir so frühzeitig zu uns Ich sagen, das ist lediglich das Ergebnis der luziferischen Kräfte, die in den Menschen hereinwirken. So haben wir es mit zwei Strömungen zu tun, mit einer gleichsam regulären fortschreitenden göttlich-geistigen Strömung, die uns aber eigentlich erst zwischen dem einundzwanzigsten und achtundzwanzigsten Jahre zu einem deutlichen, klaren Ich-Bewußtsein führen würde, und mit einer luziferischen Strömung in uns. Diese luziferische Strömung wirkt in ihren Impulsen so in uns, daß sie die andere Strömung ganz durchkreuzt, so daß sie in uns etwas ganz anderes macht, als was die fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten von uns eigentlich haben wollen. Sie wirken so, daß wir also mittendrinnen im ersten Zeitraum schon lernen, zu uns «Ich» zu sagen, lernen die Egoität innerlich seelisch auszubilden und uns zurückzuerinnern in unserem Gedächtnis.
[ 6 ] Wenn wir das so recht ins Auge fassen, so können wir uns ein Bild machen von dieser unserer fortlaufenden Entwickelung. Denken Sie sich einmal den eben charakterisierten luziferischen Einschlag weg und nur das, was die fortschreitenden Wesenheiten aus dem Menschen als ein ruhig dahinfließendes Wasser machen würden. Wir denken uns dieses ruhig dahinfließende Wasser als ein Bild des fortschreitenden Lebensstromes des Menschen unter dem Einfluß der eigentlich guten göttlichen Wesenheiten. Und jetzt gehen wir an dem Wasser, das so ruhig dahinfließt, ein Stück hin, nehmen dann eine blaue oder rote Substanz, gießen sie hinein in das ruhig dahinfließende Wasser und lassen, indem wir eine chemische Flüssigkeit wählen, die sich getrennt halten läßt von dem klaren Wasser, da eine zweite Strömung von einem bestimmten Punkt an neben der ersten Strömung mitfließen. So fließt in unserer richtigen, ruhig fortschreitenden, wir möchten sagen Jahve-Christus-Strömung, die luziferische Strömung von der Mitte ungefähr unseres ersten siebenjährigen Zeitraumes in unserem Inneren mit uns fort. Und so lebt Luzifer in uns. Würde dieser Luzifer in uns nicht leben, so würden wir diese zweite Strömung nicht haben. Aber lebten wir nur in der ersten Strömung, dann würden wir eben bis in die Zwanzigerjahre herein das Bewußtsein haben: Wir sind eigentlich ein Glied der göttlich-geistigen Mächte. — Das Bewußtsein von Selbständigkeit, von innerer Individualität und Persönlichkeit erlangen wir durch die zweite Strömung. So sehen wir zugleich, daß es weisheitsvoll ist, daß diese luziferische Strömung in uns sich hineinergießt.
[ 7 ] Aber auch im zweiten siebenjährigen Zeitraum tritt etwas ein, was wir in einer gewissen Weise als eine nicht mit den bloß fortschreitenden göttlichen Wesenheiten zusammenhängende Strömung auffassen können. Es wurde ja von einem gewissen Gesichtspunkt aus auch das schon wiederholt gekennzeichnet bei uns. Es tritt so um das neunte, zehnte Jahr, also im zweiten siebenjährigen Zeitraum auf. Da kommen für die einen, die sinnigen Menschen, die Erfahrungen, wie ich sie zum Beispiel von Jean Paul angeführt habe. Bei ihm trat es vielleicht etwas früher auf, bei anderen tritt esin der Regel um das neunte, zehnte Jahr auf. Da kann auftreten eine wesentliche Verstärkung, man möchte sagen Verdichtung des Ich-Gefühls. Aber es kann die Tatsache, daß da etwas Besonderes vorgeht, auch noch auf eine andere Weise konstatiert werden. Ich möchte aber nicht empfehlen, daß diese andere Weise eine besondere Erziehungsregel werden sollte. Es kann nur gesagt werden, daß wenn es einmal, man möchte sagen, von selbst geschieht, es beobachtet werden kann, aber man sollte ja nicht damit spielen, es ja nicht zum Erziehungsprinzip machen. Wenn man nämlich ein Kind, namentlich um das neunte, zehnte Jahr herum, unbekleidet in einen Spiegel schauen läßt, und das Kind nicht abgestumpft ist durch unsere heutigen oftmals sonderbaren Erziehungsprinzipien, so wird es immer auf naturgemäße Weise von dem Anblick dieser seiner Gestalt Furcht empfinden, eine gewisse Angst, wenn es nicht früher kokett gemacht worden ist durch vieles In-den-Spiegel-Schauen. Dieses kann gerade bei natürlich empfindenden Kindern, die nicht vorher viel in den Spiegel geschaut haben, beobachtet werden, weil nämlich in dieser Zeit in dem Menschen etwas heranwächst, was wie eine Art Ausgleich zu der luziferischen Strömung wirkt, die in der ersten Periode da ist. In dieser zweiten Periode, um das neunte, zehnte Jahr herum, da ergreift Ahriman nämlich den Menschen und bildet eine Art von Ausgleich mit seiner Strömung zur luziferischen Strömung. Wir können nun dasjenige vollbringen, was dem Ahriman den größten Gefallen tut, wenn wir gerade in diesem Zeitpunkt den Verstand, der auf die äußere Sinneswelt gerichtet ist, beim heranwachsenden Kinde ausbilden, wenn wir uns sagen: Das Kind muß in dieser Zeit möglichst so abgerichtet werden, daß es überall zu einem eigenen, selbständigen Urteil kommt. Sie wissen, daß ich da ein Erziehungsprinzip erwähne, das heute ziemlich allgemein in der Pädagogik ausgesprochen wird. Selbständigkeit heranerziehen, gerade in diesen Jahren, wird heute fast allgemein verlangt. Man stellt sogar Rechenmaschinen hin, damit die Kinder nicht einmal veranlaßt werden, das Einmaleins ordentlich gedächtnismäßig zu lernen. Das beruht durchaus auf einem gewissen Wohlwollen unseres Zeitalters gegenüber dem Ahriman. Unser Zeitalter wünscht, unbewußt natürlich, die Kinder so zu erziehen, daß Ahriman möglichst stark in der Menschenseele kultiviert werden kann. Und wenn wir heute die gangbaren Erziehungsmethoden durchnehmen, so sagen wir uns als Okkultisten: Diese Leute, die diese Erziehungsmethoden vertreten, sind nur Stümper. Wenn Ahriman selber diese Erziehungsprinzipien schreiben würde, er würde es gescheiter machen! — Aber es ist eine rechte Schülerschaft des Ahriman, was da ganz besonders über die Selbständigkeit, über das eigene Urteilen der Kinder gesagt wird. Es wird dies, was damit angedeutet ist, noch immer mehr und mehr überhandnehmen in der nächsten Zeit. Denn Ahriman wird ein guter Lenker werden für die äußeren Mächte und Geistesführungen unseres Zeitalters.
[ 8 ] Nun nehmen Sie eine solche Sache, wie wir sie jetzt ausgesprochen haben. Wir müssen es als etwas ansehen, was ganz naturgemäß und selbstverständlich ist, daß es an den Menschen herankommt; daß der Mensch Luzifer und Ahriman an sich herantreten fühlt. Es wäre ganz falsch, zu glauben, daß es besser wäre, wenn wir nun überhaupt Luzifer und Ahriman ausschalten würden. Das würde ganz unmöglich sein. Wie unmöglich es sein würde, das kann Ihnen etwa die folgende Betrachtung darlegen. Wenn nicht unser Leben reguliert würde gleichsam von einem Zusammenwirken der fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten mit den ahrimanischen und luziferischen Gewalten, wenn also nur die fortschreitenden Mächte an uns arbeiten würden, dann würden wir viel später zu einer gewissen Selbständigkeit kommen, und wir würden auch diese Selbständigkeit so haben, daß, so wie wir jetzt Farben, Licht wahrnehmen, wir dann gar nicht daran zweifeln würden, daß hinter den Farben und dem Licht, hinter dem also, was wir äußerlich wahrnehmen, auch wirklich göttlich-geistige Wesenheiten walten. Wir würden zugleich mit unseren Sinneswahrnehmungen die Weltgedanken wahrnehmen. Wir würden zwar, aber erst in den Zwanzigerjahren, zu unserer Selbständigkeit kommen, aber wir würden dann auch außen Weltgedanken wahrnehmen. Wir würden dann unsere Jugend verträumen, weil in uns göttlich-geistige Mächte wirken würden, und wenn diese aufhören würden von innen zu wirken, dann würden sie uns von außen entgegentreten. Wir würden von außen ihre Gedanken so wahrnehmen, wie wir jetzt nur die Sinneswahrnehmungen empfangen. Wir würden also, mit Ausnahme einiger Jahre, so gegen das zwanzigste Jahr hin, wo wir uns sichtbar würden, sonst gar niemals eine ordentliche Selbständigkeit haben. Wir würden als Kinder träumerische Wesen sein, wir würden im mittleren Lebensalter gar nicht so recht aus unseren Impulsen und unseren Entschließungen heraus über uns bestimmen können, sondern wir würden überall, wo wir der Außenwelt entgegentreten, einfach sehen, was wir zu tun haben, ähnlich wie es die Menschen in der alten Atlantis noch gekonnt haben. Die Selbständigkeit fließt in uns herein dadurch, daß Luzifer und Ahriman in uns wirken.
[ 9 ] Nun kommt natürlich ungeheuer viel darauf an, daß wir nicht so reden, wie die törichte Pädagogik von heute über den Menschen redet, die immer von Entwickelung redet, daß man gleichsam das Innere aus dem Menschen herausholen solle. Gescheit redet man in pädagogischer Beziehung nur dann über den Menschen, wenn man weiß, daß ein Dreifaches an seiner Seele beteiligt ist: die fortschreitenden guten göttlichgeistigen Wesenheiten und Luzifer und Ahriman, und wenn man diese auseinanderhalten kann. Es ist nun von besonderem Wert, zunächst einmal den Hauptgesichtspunkt von den fortschreitenden göttlichgeistigen Wesenheiten aus zu nehmen und vor allem zu berücksichtigen: Was sind die Anforderungen, wenn wir auf die siebengliedrigen Perioden der Entwickelung des Menschen sehen? Denn in bezug darauf können wir jedem Menschen wirklich einfach dadurch helfen, daß wir uns sinngemäß zu diesem Menschenkinde verhalten. Wenn wir in den ersten sieben Jahren des Kindes Verhältnisse herbeiführen, daß es in einer Umgebung lebt, die auf seinen physischen Leib gesundend wirkt, so tun wir unter allen Umständen dem Kinde etwas Gutes. Wenn wir in der zweiten Periode uns so verhalten, daß wir gute, im edelsten Sinne so zu nennende Autoritäten um den Menschen herum schaffen, so daß der Mensch nicht ein Klugredner wird in diesen Zeiten, sondern daß er ein Wesen wird, das auf die Menschen seiner Umgebung als auf Autoritäten baut, vor denen das Kind Respekt hat, zu denen es Hingabe hat, dann tun wir ihm unter allen Umständen etwas Gutes Wir tun etwas Gutes, wenn wir heranerziehen solche Kinder, die nicht im neunten, zehnten Jahre alles schon selber wissen wollen, sondern die, wenn man sie fragt: Warum ist dieses oder jenes richtig oder gut? — dann sagen: Weil der Vater, weil die Mutter es gesagt hat, es sei gut, oder weil der Lehrer es gesagt hat. — Wenn wir so die Kinder erziehen, daß in ihrer Umgebung eben die Erwachsenen als selbstverständliche Autoritäten walten, dann tun wir den Kindern unter allen Umständen etwas Gutes. Und wenn wir gegen diese siebenjährigen Perioden verstoßen, wenn wir also herbeiführen etwa einen solchen Zustand, daß schon gerade in dieser Zeit die Kinder anfangen, diejenigen, die selbstverständliche Autoritäten sind, zu kritisieren, wenn wir das nicht vermeiden, daß diese Kritik eintritt, so tun wir unter allen Umständen etwas Schlimmes für den heranwachsenden Menschen. Und wenn wir nicht die Gelegenheit finden, zu einem Menschen zwischen dem vierzehnten, fünfzehnten und einundzwanzigsten Jahre so zu sprechen, daß man sich in naturgemäßer Weise mit ihm zu Idealen erheben kann, zu Idealen, die das Herz mit Freude durchdringen, so tut man diesem jungen Menschen auch wiederum nichts besonders Gutes. Mit Menschen in diesen Jahren muß man von Idealen sprechen, von dem, was das spätere Leben unter allen Umständen dem richtig heranwachsenden Menschen bringen muß. Man darf sagen: Heute könnte einem da wirklich manchmal das Herz brechen, wenn da achtzehnjährige Knaben — pardon, Persönlichkeiten — kommen und ihre Feuilletons schon in die Zeitungen tragen. Wenn man, statt von ihnen etwas anzunehmen, sich unterhalten würde mit ihnen von dem, was durchaus noch nicht eingreift in das äußere Leben, sondern was sie später erst realisieren sollen, wenn man mit ihnen reden würde von den großen Idealen des Menschenlebens und sich mit ihnen begeistern würde, dann würde man sich in richtiger Weise zu ihnen verhalten. Eigentlich tut derjenige, der etwa als Redaktor das Feuilleton annimmt eines Menschen, der noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht hat, unter allen Umständen etwas schlimmeres als jener, der, wenn der junge Mensch mit diesem Feuilleton kommt, zu ihm sagt: Ja, sieh einmal, das ist ja sehr schön, was du gemacht hast. Aber wenn du zehn Jahre älter sein wirst, dann wirst du darüber ganz andere Ideen haben. Lege dir das jetzt hübsch in deine Schublade und nimm es in zehn, zwölf Jahren wieder vor. — Der, welcher das macht, dann einen Blick hineinwirft in das Manuskript und über die Lebensideale, die man daran anknüpfen kann, mit dem Betreffenden spricht, der tut an ihm etwas Gutes.
[ 10 ] Ich will damit nur charakterisieren, daß diejenigen Dinge, die da gesagt worden sind in meiner Schrift «Die Erziehung des Kindes», unter allen Umständen eigentlich in der Erziehung immer berücksichtigt werden sollten. Alles andere, wo es auf Luzifer und Ahriman ankommt, das läßt nicht allgemeine Regeln zu, das ist tatsächlich bei jedem Menschen anders, denn das bezieht sich gerade auf das Persönliche. Da handelt es sich vielfach um den persönlichen Takt des Erziehers, da kann man nicht eingreifen mit allerlei pedantischen Regeln in diese Dinge. Ich wollte Ihnen charakterisieren, was alles in der menschlichen Seele ist, und wie wir berücksichtigen müssen Luzifer und Ahriman, wenn wir die volle Menschennatur verstehen wollen, wenn wir wirklich alles ins Auge fassen wollen, was wir nicht nur so anzusehen haben, daß wir sagen: Bekämpfen müssen wir Luzifer und Ahriman. — Wenn wir den Luzifer unter allen Umständen bekämpfen wollten, so könnten wir das. auf sehr sichere Weise tun: wir brauchten den Menschen nur davor zu bewahren, ein Gedächtnis zu entwickeln. Denn wie es wahr ist, daß in unsere Erdenentwickelung gewisse Mondwesen hereingebracht wurden, so wahr ist es, daß alles Gedächtnis eine luziferische Kraft ist. Wir müßten also unser Gedächtnis einfach nicht entwickeln! Wir müssen uns jedoch klar sein, daß wir dieses Gedächtnis in der richtigen Weise zu entwickeln haben. Und deshalb wurde gesagt in jener Schrift, daß der richtige Zeitraum für die Erziehung des Gedächtnisses derjenige zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre ist. Im vorhergehenden Zeitraum, da brauchen wir nicht besonders das Gedächtnis systematisch zu erziehen, denn da entwickelt es sich selber, weil da am meisten der Luzifer im Menschen steckt. Da überlassen wir den Menschen sich selber. Dann aber, nach dem Zahnwechsel, wenn Ahriman am deutlichsten herangetreten ist an den Menschen, dann fangen wir mit der Ausbildung des Gedächtnisses an. Denn da hat Ahriman schon sein Gegengewicht gegen Luzifer geschaffen, da werden wir nicht mehr geradezu dem Luzifer in die Hand arbeiten, wenn wir das Gedächtnis ausbilden. Daß wir etwa Ahriman bekämpfen wollen, das dürfen wir uns gar nicht einfallen lassen. Es gäbe wieder ein sehr einfaches Mittel, die gröbsten ahriimanischen Wirkungen zu bekämpfen, aber es würde dem Menschen nicht gut bekommen. Man müßte dann, wenn der Mensch die zweiten Zähne bekommt, sie ihm einschlagen, denn da sind die allerschärfsten ahrimanischen Wirkungen. Von den fortschreitenden Mächten hat der Mensch nur seine sogenannten Milchzähne. Das, was der Mensch als seine durch das Leben hindurchwirkende selbständige Bezahnung bekommt, ist eine rein ahrimanische Wirkung.
[ 11 ] So müssen wir uns an diesen Dingen klarmachen, daß vieles von dem, was überhaupt an uns ist, gar nicht anders an uns sein kann, als dadurch, daß die ahrimanischen und luziferischen Gewalten in uns sind. Es gelingt uns manchmal, sogar recht unzufrieden zu sein mit unserem, dem Ahriman unbewußten Entgegenwirken. Im Laufe des Lebens bereiten wir uns schon vor, gewisse Kräfte zu haben, wenn wir. durch den Tod geschritten sind, so daß Ahriman uns nicht gar zu viel zu tun vermag zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber manchmal lassen wir deutlich uns selber merken, daß uns der Kampf gegen Ahriman nicht einmal willkommen ist, zum Beispiel, wenn wir jeden Zahnverlust bedauern. Aber mit jedem Zahn, der uns ausfällt, wächst uns eine Kraft zu, die wir sehr gut gebrauchen können. Ich rede selbstverständlich nicht gegen das Plombieren oder Einsetzen der Zähne, denn es wächst uns nichts Ahrimanisches zu dadurch, höchstens das Gold selber, aber darauf kommt es nicht an. Also davon kann keine Rede sein, daß das etwas Schlimmes ist. Daß wir nach und nach unsere ahrimanischen Zähne verlieren, kommt davon her, daß wir in der Evolution auch gewisse Impulse bekommen, die den Ahriman besiegen. Und gleichgültig ob wir einen Zahn wieder einsetzen lassen oder nicht, wenn er einmal verlorengegangen ist, so ist uns dadurch ein Impuls zugewachsen, der uns hilft in den Kräften, die wir entwickeln müssen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt auf der alleruntersten Stufe. Es ist eine rechte Kleinigkeit zunächst, aber sie kann uns zeigen, wie wir im Grunde genommen wirklich uns angewöhnen müssen, wenn wir an die Wirklichkeit herantreten und über den Schein und die große Täuschung hinausblicken, die uns gewöhnlich umgibt, die Dinge ganz anders im Leben anzusehen, als sie gewöhnlich angesehen werden. Und auch die Schwäche des Alters zum Beispiel, ist eine Kraft, die, indem wir sie empfinden, uns direkt zuwächst, um wiederum etwas zu haben gegen den Ahriman, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Während wir hier zwischen der Geburt und dem Tode in der Tat böse sein können, wenn wir zu früh altern, müssen wir mit Bezug auf das, was wir nach dem Tode wollen, um mit Ahriman zurechtzukommen, froh sein, daß wir altern.
[ 12 ] Und jetzt sehen Sie, wie wunderbar schön sich damit zusammenfügt, daß uns der innere geistig-seelische Kern verbleibt, der durchaus, in dem er sich zwischen Geburt und Tod fortentwickelt, mit den fortschreitenden Mächten zu tun hat. Denn dieser Keim, der durch die Pforte des Todes hindurchschreitet, ist da, wo er seine stärksten innerlichen Spannkräfte entwickelt hat, rein beherrscht von den fortschreitenden Mächten. Das, was außer ihm ist, was äußerlich abwelkt, das ist dasjenige, worin die ahrimanischen Kräfte sind. Und wir müssen nun berücksichtigen, was eigentlich dem Seher dieser Ahriman ist.
[ 13 ] Wenn unsere Pflanzen herauswachsen aus unserer Erde, gegen den Herbst zu verwelken und die Blätter herunterfallen, dann erscheinen überall die Elementargeister, die Ahriman an die Oberfläche der Erde schickt. Da heimst er ein alles Ersterbende; das heimst er durch seine Elementargeister ein. Wenn man im Herbst durch die Fluren geht und die ersterbende Natur hellseherisch sieht, dann streckt überall Ahriman seine Kräfte aus, und überall hat er seine Elementarboten, die ihm zutragen das, was abwelkende physische und ätherische Wesenheit ist. Aber wir sind als Menschen den ganzen Tag über eigentlich auch gewissermaßen in einer Art von Herbst- und Winterstiimmung. Wahrhaftig, die Seelensommerstimmung ist eigentlich nur vorhanden, wenn die Seele schläft. Das ist wirklich so, daß der schlafende Menschenleib, physischer Leib und Ätherleib, von dem Werte einer Pflanze ist; und das, was draußen ist, das Ich und der astralische Leib, die werfen ihre Strahlen zurück auf den physischen und ätherischen Leib, wirken wie Sonne und Sterne und lassen da heraussprossen die Kräfte, die wir den Tag über zerstört haben. Da wächst das vegetabilische Leben, und das Tagesdenken ist eigentlich nur dazu da, um das, was die Nacht hat aufsprossen lassen, wiederum hinwegzuschaffen. Wenn wir aufwachen, dann huschen wir hin über unser vegetabilisches Leben, genau wie der Herbst über die Pflanzen der Erde. Und was der Winter tut an der Vegetation der Erde, das tun wir genauso im Tagwachen an unserem physischen und ätherischen Leib, an dem, was sie an sprießendem, sprossendem Leben in der Seelensommerzeit, nämlich zur nachtschlafenden Zeit hervorbringen. Wenn wir wachen, ist Winterzeit, richtig Winterzeit der Seele, und wenn wir Frühling der Seele haben wollen, so müssen wir einschlafen. Es ist so. Und von diesem Standpunkt aus ist es eigentlich leicht begreiflich, warum Menschen, die nicht wenigstens etwas aus der Seelensommerzeit hineinmischen in ihr tagwachendes Leben, so leicht vertrocknen. Trockene Gelehrte, dürre Professorenmännlein, das sind solche, die nicht gern das aufnehmen, was nicht ganz vollbewußt ist, die nicht gern aufnehmen etwas von der Seelensommerzeit. Dann vertrocknen sie, dann werden sie ganz ausgesprochene Wintermenschen. Und dem Seher stellt sich die ganze Entwickelung des menschlichen Tageslebens damit schon dar als ganz ähnlich dem, was ich Ihnen eben für die Natur gesagt habe. Wenn nämlich der Mensch seine gewöhnlichen, auf das Äußere bezüglichen Gedanken bildet, wenn er so recht materialistisch dasjenige nur denkt, was äußerlich geschieht, dann greifen seine Gedanken in das Hirn so ein, daß dieses Hirn Stoffe ausscheidet, die Ahriman gut gebrauchen kann, so daß eigentlich Ahriman das wache Tagesleben fortwährend begleitet. Und je materialistischer wir gesinnt sind, desto besessener sind wir von Ahriman. Kein Wunder, daß wahr ist, daß der Materialismus mit der Furcht zusammenhängt. Denn wenn Sie sich erinnern an den «Hüter der Schwelle», so werden Sie gewahr werden, wie die Furcht wiederum mit Ahriman zusammenhängt.
[ 14 ] Wir sollen das Gefühl erhalten, daß wir in der Tat im Leben komplizierten geistigen Welten gegenüberstehen. Und was wir von der Anthroposophie erhalten sollen, ist nicht allein das, daß wir dieses oder jenes wissen, daß wir wissen, es gibt den Ahriman, den Luzifer, einen physischen Leib, einen Ätherleib. Das ist das Allerwenigste. Was wir uns aneignen sollen aus der Anthroposophie, das ist eine gewisse Stimmung der Seele, ein Grundgefühl des menschlichen Lebens, was da eigentlich in diesen Untergründen der Seele ist. Daher ist es notwendig, daß wir mit einer gewissen heiligen Scheu die Worte bewahren, die mit diesen höheren Dingen zusammenhängen. Wenn wir sie immer auf den Lippen führen, dann geschieht es nur allzu leicht, daß ihr Ernst und ihre Würde sich für uns abstumpfen.
[ 15 ] So sehen wir den Menschen zwischen der Geburt und dem Tode, in seinem Verhältnis zu den fortschreitenden geistigen Wesenheiten, in einer gewissen Weise zwischen Luzifer und Ahriman stehen. Und damit die gesamte Entwickelung des Menschen in der richtigen Weise sich vollziehen kann, muß dieses Verhältnis auch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so bleiben, nur daß, was zwischen der Geburt und dem Tod innerlich ist, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt äußerlich wird. Innerlich hat Luzifer von dem Momente an, bis zu dem wir uns zurückerinnern, seine Krallen mit der menschlichen Seele verbunden. Innerlich — der Mensch weiß nichts davon, wenn er nicht durch Geisteswissenschaft etwas erfährt und darüber fühlen lernt. Nach dem Tode ist die Sache anders. Da tritt in einem bestimmten Zeitpunkt Luzifer, ebenso sicher wie zwischen der Geburt und dem Tode innerlich, in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt äußerlich aüf. So steht er dort in voller Gestalt vor uns, so steht er uns zur Seite, so wandeln wir mit ihm! So wenig nämlich der Mensch den Luzifer kennt, bevor er durch die Pforte des Todes getreten ist, so sicher und klar kennt er ihn, wenn er an seiner Seite geht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Nur daß im jetzigen Zeitenzyklus dieses Bewußtsein ein recht unangenehmes werden kann. Wir können so durch das Gebiet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchgehen, daß wir den Luzifer — der ja auch nicht nur etwas Furchtbares hat, sondern auch etwas Schönes, Herrliches in bezug auf seine äußere Gestalt-, daß wir gewissermaßen Luzifer neben uns haben und seine Notwendigkeit für die Welt einsehen. Immer mehr und mehr kommt die Zeit heran, wo die Menschen nur so das Leben nach dem Tode mit Luzifer durchschreiten können, wenn sie hier im Leben schon ordentlich die luziferischen Impulse in der Menschenseele haben ahnen- und kennengelernt. Die Menschen — und solche wird es ja auch gegen die Zukunft immer mehr und mehr geben —, die nichts wissen wollen von Luzifer, und das ist ja wohl gut die Mehrzahl, die werden um so mehr wissen von Luzifer nach dem Tode. Denn nicht nur, daß er an ihrer Seite stehen wird, sondern er wird an ihrer Seite fortwährend von ihren Seelenkräften abzapfen, er wird die Menschen vampirisieren. Das ist es, wozu man sich durch Unkenntnis vorbereitet, zum Vampirisiertwerden durch Luzifer. Dadurch entzieht man sich Kräfte für das nächste Leben, denn die gibt man an Luzifer in einer gewissen Weise ab.
[ 16 ] In einer ganz ähnlichen Weise ist es mit Bezug auf Ahriman. Mit Bezug auf ihn steht die Sache so. Die beiden Geister sind ja immer da zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber das eine Mal ist der eine mehr und der andere weniger da, das andere Mal ist es umgekehrt. Wir gehen hin, und dann wiederum zurück im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Bei dem Hingang ist besonders Luzifer, beim Zurückgehen gegen die neue Geburt zu besonders Ahriman an unserer Seite. Denn der führt uns wiederum zur Erde zurück, der ist bei der Rückwanderung in der zweiten Hälfte eine wichtige Persönlichkeit. Und auch er kann denjenigen Menschen, die nicht an ihn glauben wollen in ihrem Leben zwischen der Geburt und dem Tode, gewissermaßen Schlimmes zufügen. Er gibt ihnen nämlich dann zuviel von seinen Kräften. Er verleiht ihnen das, was er immer übrig hat, diejenigen Kräfte, die mit der irdischen Schwere zusammenhängen, die über die Menschen Krankheit und frühzeitigen Tod verhängen, die allerlei Unglücksfälle, die wie Zufälle aussehen, in das Erdendasein hineinbringen und so weiter. Das alles hängt zusammen mit diesen ahrimanischen Gewalten.
[ 17 ] Von einem etwas anderen Gesichtspunkte habe ich die Sache drüben in München dargestellt. Da habe ich nämlich aufmerksam darauf gemacht, daß die menschliche Seele nach dem Tode der dienende Geist sein kann für die Mächte, die Krankheit und Tod hereinsenden aus den übersinnlichen Welten in die sinnliche. Das, was gerade das Leben schwach macht, ist es, was Ahriman so sehr willkommen ist, und was es ihm möglich macht, unser Leben weiter zu schwächen. Aber wiederum dürfen wir nicht einseitig urteilen. Ganz falsch wäre es, wenn wir sagen wollten: Also ist es sehr schlimm, daß Ahriman uns hereingeführt hat in das Leben und daß wir etwa unter seinen Nachwirkungen im Leben zu leiden haben. — Nein, das ist gut, weil unter Umständen eine Krankheitswirkung das sein kann, was zu unserer aufsteigenden Entwickelung am allermeisten beiträgt.
[ 18 ] Es ist immer so, daß, wenn wir herantreten an die Schwelle, welche trennt die übersinnliche von der sinnlichen Welt, wir bereit sein müssen, unser Urteil etwas zu modifizieren und nicht so zu urteilen, wie wir das gewohnt sind in der gewöhnlichen physischen Welt. Denn nicht wahr, in der physischen Welt, da ist ja Maja vorhanden in Hülle und Fülle. Woher kommt denn der Materialismus in der physischen Welt, jener Materialismus, der sagt: Es gibt ja gar keinen Ahriman, gibt ja gar keinen Teufel! Wer schreit am lautesten: Es gibt keinen Teufel? — Der am meisten von ihm besessen ist. Denn der Geist, den wir Ahriman nennen, hat das allergrößte Interesse daran, daß sein Dasein am allermeisten verleugnet wird von demjenigen, der am meisten von ihm besessen ist. «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie am Kragen hätte!» Das ist also eine arge Maja, nicht an Ahriman zu glauben, denn da hat er einen am allermeisten am Kragen, wenn man nicht an ihn glaubt, da gibt man ihm die allergrößte Macht über einen. So daß man falsch urteilt, wenn da Monisten auftreten und gegen den Teufel wettern, und man sagt: Die bekämpfen den Teufel. — Nein, eine materialistisch-monistische Versammlung, die gegen den Teufel wettert, ist dazu eingerichtet, den Teufel zu beschwören. Und viel mehr, als es die alten Hexen getan haben sollen, beschwören die modernen Materialisten den Teufel, viel, viel mehr! Das ist die Wahrheit und das andere ist die Maja. So müssen wir uns angewöhnen, anders urteilen zu lernen. Und derjenige, der in eine monistische Versammlung hineingeht, die materialistisch nuanciert ist, sagt die Unwahrheit, wenn er sagt: Die Leute befreien die Menschen vom Teufel. — Er müßte sagen: Jetzt gehe ich in eine Versammlung, wo der Teufel mit allen Machtmitteln, die die Menschen haben, in die Menschenkultur hereingerufen wird. — Das ist das, was wirklich uns zum Bewußtsein kommen sollte, daß wir sozusagen hineinwachsend in das geistige Leben, nicht nur Begriffe und Ideen aufnehmen lernen, sondern daß wir lernen umdenken, umfühlen und doch, wenn wir der äußeren Welt gegenüberstehen, vernünftig genug bleiben, nicht diese äußere Welt immerzu in schwärmerischer Weise zu vermischen mit dem, was für die übersinnlichen Welten die Wahrheit ist. Wenn Menschen in bezug auf die äußere physische Welt immerzu mit Worten herumwerfen, die eigentlich nur für die übersinnlichen Welten den rechten Wert haben, dann nehmen sie sich das weg, was gerade das Wichtigste ist: daß wir lernen zu unterscheiden, nicht zusammenzuwerfen sinnliche und übersinnliche Welten, daß wir lernen, die Worte im richtigen Sinne anzuwenden.
[ 19 ] Das sei so einzelnes, was an Andeutungen heute gegeben werden sollte, wo wir uns hier versammelt haben, zum erstenmal in so großer Anzahl auch mit auswärtigen Freunden, in unserem vor kurzem begründeten Augsburger Zweig. Und es sollte heute, wo wir hier in unseren Seelen die Gedanken sammeln wollten, die helfend sein sollen der Arbeit an diesem Ort, es soll auch ein ernstes Wort, ein recht ernstes Wort wie eine Art Eröffnungswort für diesen unseren Augsburger Zweig gesprochen werden. Denn dann gedeiht ganz sicher unter der Führung und Lenkung der den fortschreitenden göttlich-geistigen Wesen dienenden Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen die Arbeit eines Zweiges, wenn diese spirituelle Arbeit sich harmonisch eingliedert einer größeren spirituellen Arbeitsströmung. Und unsere Freunde von auswärts sind hierhergekommen zu Euch, meine lieben Augsburger Freunde, um heute auch räumlich neben Euch Gedanken der Liebe und Hingebung für die allgemeine anthroposophische Sache und für jeden einzelnen anthroposophisch Strebenden mit Euch hier in ihren Seelen zu entwickeln. Und in diesen Seelen wird das zurückbleiben, was von diesen Stunden an seinen Ausgangspunkt genommen hat, was sich wie ein Quell der Zusammengehörigkeit in diesen Seelen entwickelt hat. Ihr werdet, meine lieben Augsburger Freunde, wiederum allein hier arbeiten von Woche zu Woche, von Zeit zu Zeit, aber nur scheinbar, nur äußerlich räumlich allein. Das Zusammensein vieler Freunde mit Euch wird sein der Ausgangspunkt jener stärkenden Kräfte, die eigentlich jeder Einzelarbeit innerhalb unserer spirituellen Bewegung von all denen zufließen kann, die zu dieser spirituellen Bewegung gehören, auch dann, wenn wir räumlich nicht mit den Freunden irgendeiner Gruppe verbunden sind. Darum ist es so schön, wenn einmal die Möglichkeit geboten ist, daß ' in größerer Zahl unsere Freunde sich mit einem jungen Zweig zusammenfinden. Denn dann ist der Punkt, in dem sie sich zeitlich zusammengefunden haben, auch ein äußeres Zeichen, wie wir es als Menschen schon einmal brauchen, dafür, daß von da aus auch wirklich der Wille gehen könne, wieder und wiederum hinzudenken zu der Einzelarbeit, die da geleistet wird von unseren Freunden an diesem oder jenem Ort. Und wenn Ihr, meine lieben Augsburger Freunde, die Ihr jetzt schon seit einer gewissen Zeit treulich an der Anthroposophie arbeitet, auch in Zukunft treulich weiterarbeitet, so denkt daran, daß es Freunde in der Welt geben wird, die in der Absicht zu Euch hierher denken, daß Eure Arbeit ein würdiges, echtes, gutes Glied sein könne in unserer gesamten spirituellen Bewegung. So üben wir unsere Zusammengehörigkeit und verlieren im Geiste unsere Zusammengehörigkeit niemals aus dem Auge. Halten wir sie uns immer klar, aber auch stark gegenwärtig, denn nur so können uns jene Mächte wirklich helfen, die über unserer wahrhaften Arbeit walten, die Kräfte der Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen. Diese Kräfte werden unsichtbar durch Eure Gedanken hindurchhuschen, wenn Ihr im rechten Sinne diese unsere anthroposophische Arbeit auch hier an diesem Orte leistet. Die lieben hiesigen Mitglieder, sie haben durch so vieles in ihrem anthroposophischen Auftreten und Tun bisher gezeigt, wie treu und wahrhaftig sie mit uns arbeiten wollen. Und deshalb tun wir auch alle etwas Wichtiges, wenn wir jetzt, wo wir eben durch dieses Zusammensein Gelegenheit haben, unsere Gedanken in dem Ziel vereinigen, das uns hier zusammengeführt hat: Es möge durch die Kräfte, an die wir immer appellieren, gesegnet und gestärkt sein die Arbeit unserer Augsburger Schwestern und Brüder! Von dieser Gesinnung aus rufe ich denn auch für diesen Zweig den Segen der Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen an, jenen Segen, von dem ich weiß, daß er bei unserer Arbeit ist, wenn wir uns seiner würdig machen.
