Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt?
Das Einfließen geistiger Impulse aus der Welt der Verstorbenen
GA 154
17 April 1914, Prague
Glauben und Wissen Johannifest und Osterfest
[ 1 ] Sich bekanntzumachen mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft ist bei der reichlichen Literatur, die vorhanden ist, immer möglich, wenn die anthroposophischen Gruppen miteinander arbeiten. Da wir, wie jetzt, so beisammen sind, will ich einiges unmittelbar aus den Impulsen der geistigen Welt heraus Orientierendes besprechen, was mehr esoterisch anknüpft an dasjenige, was gestern mehr exoterisch im öffentlichen Vortrag gesprochen worden ist.
[ 2 ] Es gibt heute noch viele Menschen, die an dem alten Gegensatz von Glauben und Wissen, Glauben und Erkennen festhalten. Sie sagen: Die Wissenschaft kann uns unterrichten über die Dinge der äußeren Welt, darüber kann man etwas Sicheres wissen. Mit den Dingen der geistigen Welt muß der Glaube uns in Zusammenhang bringen. — Dies ist, wie es scheint, im Widerspruch mit der Geisteswissenschaft, die ein wirkliches Wissen, ein Erkennen der geistigen Welt geben will. Gerade in dieser Form des Erkennens, des Wissens, muß sie hereindringen in die Seelen unserer Gegenwart. Unsere eigenen Seelen waren in einer früheren Inkarnation in einer ganz anderen Lage, als wir jetzt sind. Sie waren mehr primitiv, aber es gab damals große Individualitäten, und solche, die mit ihnen in Beziehung gestanden haben. Sie gaben Vorstellungen über die übersinnliche Welt. Wir finden das bei den einzelnen Stämmen und Völkern, was von diesen Individualitäten, wie Hermes, Zarathustra, Moses, Buddha, Krishna herrührt. Geistige Vorstellungen mußten den Seelen eingeflößt werden.
[ 3 ] Wir leben auf dem physischen Plan. Das Leben auf dem physischen Plan ist nicht nur Mühe und Arbeit, sondern Abmühen und Abarbeiten. Und das meiste Mühen und Arbeiten ist durchaus nicht im Sinne des «nach des Tages Müh’ und Arbeit», sondern im Sinne desjenigen, was unbewußt vor sich geht und das eigentlich bewirkt wird durch unser Denken, unser ganzes Seelenleben, wie es auf dem physischen Plan sich vollzieht.
[ 4 ] Bei dem Kinde wirken die Kräfte unbewußt. Das Geistige ergreift den Organismus. Dieser wird durchorganisiert. Wenn wir geboren werden, sind wir einander viel gleicher, als wir unmittelbar meinen. Die Menschen gleichen sich nicht äußerlich, aber in der Struktur. Dann erst beginnt das Ausmeißeln, das Ausziselieren unserer Nerven. Das geht ohne unseren Verstand vor sich, geht vor sich, wenn wir diesen Verstand noch gar nicht handhaben können. Dann kommt die Zeit, wo wir beginnen, uns als ein Ich zu fühlen. Da hört die andere Weisheit auf, die wir von den Göttern, aus der geistigen Welt, mitbringen. In dieser ersten Zeit haben wir sozusagen nur Lebenskräfte; es ist nur ein Fortsetzen der geistigen Welt. Ein Kind, das da stirbt, stirbt nur durch äußere Gründe des Leibes. Es ist nicht mit der Seele daran beteiligt. Dann beginnt die Zeit, wo der Mensch anfängt, mit jedem Gedanken, mit jeder Empfindung zu zehren an der äußeren Organisation. Deshalb muß er in Schlaf versinken, als Ausgleich für das, was wir verzehren während des Taglebens. Würden wir nicht verzehren, würden wir ein sprossendes Leben haben. Der Ätherleib hat immer das Bedürfnis, zu sprossen und zu fruchten, aber der Astralleib hat das Bedürfnis, abzuzehren das, was der Ätherleib aufbaut. Er unterdrückt den Ätherleib. Während wir unbewußt im Schlafe sind, strömt ein aus den geistigen Welten das, was Ersatz schaffen kann für das, was abgezehrt wurde, was ertötet worden ist, damit es immer wiederum ausgeglichen werde. Der normale Schlaf gleicht immer nur soviel aus, als gerade weggezehrt worden ist. Würde der Mensch den Schlaf willkürlich verlängern, wie es mancher Rentner tun kann, würde er zuviel schlafen. Das ist kein Einwand gegen viel Schlaf. Gerade weil die geistige Arbeit viel zehrt an der physischen Organisation, braucht der geistige Arbeiter viel Schlaf. Aber zuviel Schlaf gibt zuviel neue Lebenskraft, die dann wuchert, richtig wuchert, so daß der Mensch strotzt von Lebenskraft. Solche überwuchernde Lebenskraft ist zugleich Krankheit, führt zu Krankheit selbstverständlich. Das, was der einzelne Mensch sich nun zuführen soll, damit er nicht nur ausgleicht die Arbeit des Tages, sondern geistig weiterkommt, das muß er bewußt aus der geistigen Welt herausholen. Die Religionsstifter konnten sich sagen: Mir ist auferlegt, zu führen, Lebenskraft aufzuzehren, das wird ausseglichen. Was aber im Menschen sich entwickeln soll, damit die Menschheit weiterkommt, damit dasselbe nicht erstirbt im physischen Erdendasein, das muß bewußt aus der geistigen Welt herausgeholt werden. — Daher haben die Religionsstifter Vorstellungen gegeben, die sie aus der geistigen Welt herausholten. Diese wirklich geistigen Vorstellungen sind die Nahrung der Seele. Sie sind es allein, welche das wirklich Seelische im Menschen aufrechterhalten. Es bedeutete für die Seelen den Tod, wenn sie nicht leben könnten in solchen Vorstellungen, die nicht aus der physischen Welt entnommen wurden. Das waren in früherer Zeit die Glaubensvorstellungen. Dieser Zyklus ist bei der Menschheit abgelaufen, und wir leben jetzt in der Zeit, in welcher die Menschen auf dem physischen Plan immer weniger die Fähigkeit haben werden, aufzunehmen, was nur zu ihrem Gemüt, ihrem Glauben spricht. Man kann diesen Glauben noch für einige Zeit konservieren, sozusagen galvanisieren, aber nicht mehr für die Zukunft festhalten. Anstelle des Grundsatzes: Ich glaube —, muß kommen: Ich glaube, was ich weiß. — Das werden die Menschen schon fühlen, daß dieser Grundsatz gelten muß. Sonst verliert man alle Möglichkeit, noch etwas zu wissen von dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Menschen würden in jammervolle Zustände in der nächsten Inkarnation zurückkommen. Alle Begeisterung für sonstige Ideale, die noch so sehr berechtigt sein können, ist gewiß sehr schön, sie muß da sein. Verglichen mit dem, was der Geisteswissenschaft zugrunde liegt, lassen sie sich aber nicht unmittelbar realisieren. Sie können nur Vorläufer der Geisteswissenschaft sein, aber ohne ihr Wissen.
[ 5 ] In dem Geistesforscher bildet sich immer, wenn er vorrückt, das Bedürfnis heraus, nicht zu reden, sondern zu schweigen. Wenn er trotzdem spricht, ist es aus der Erkenntnis der Bedingungen, die der Zeit notwendig sind. Erkenntnis allein macht den Menschen frei, und Freiheit der Menschenseele zu erringen, ist gewiß die Aufgabe der Menschen in die Zukunft hinein.
[ 6 ] Innerliche Vorstellungen, die große geistige Spannkraft gaben, kamen von den Religionsstiftern. Es waren Glaubensvorstellungen, die in wunderbarer Weise das Gebiet nach dem "Tode erhellen konnten. Sie wandelten sich in echtes, wahres Geisteslicht, das den Menschen ihre Umgebung post mortem zeigte. Aber Zeiten kommen, wo die Menschen in Freiheit werden leben müssen. Und wenn auch Religionsstifter kommen würden, die im Sinne der alten Glaubenslehren mit Götterstimme und mit Götterkraft reden könnten, die Menschen würden sie nicht mehr verstehen können. Wir haben es ja schon erlebt. Die äußere Wissenschaft ist gekommen, mußte kommen. Ein großer Wissenschafter unserer Zeit, Max Müller, sagte: Und wenn ein Engel heruntersteigen würde und würde den Menschen die Dinge von der geistigen Welt verkündigen, die Menschen würden ihn nicht verstehen können und niemals daran glauben. — Diese Entwickelung nimmt die Menschheit. Dann bliebe eigentlich nur das übrig, daß die Menschen verlören die Möglichkeit, überhaupt mit Vorstellungen sich zu durchdringen, die auf die geistigen Welten gehen. Das bedeutet aber, weniger Licht haben nach dem Tode, um die geistige Umwelt von sich aus zu beleuchten. Keine äußere Sonne beleuchtet uns dann die Außenwelt, das Licht muß von uns kommen. Wir stehen in der Sonne und beleuchten unsere Umgebung nach dem Tode. Menschen, die nicht leuchten, müssen nochmals herunterkommen und das Leben wiederholen, um Vorstellungen, die fruchtbar sind für das Leben nach dem Tode, aufzunehmen. Wenn man das durchschaut, wirkt nicht bloß die gewöhnliche Begeisterung für die Verbreitung der Geisteswissenschaft, die die Worte von der Zunge löst. Glauben, was man weiß —, das wird das Bedürfnis der kommenden Menschheit sein. In alten Zeiten waren die religiösen Vorstellungen, auch Mythen und Märchendichtungen das, was den Seelen Licht gab für die Geisteswelt. Es ist leicht zu sagen, die Mythen und Märchen sind Vorstellungen, die den Kindheitsstufen der Menschheit entsprungen sind. Gewiß haben die Menschen den Engeln nicht physisch gegenübergestanden, von denen die Mythen und Märchen gesprochen haben. Aber mit dem Nachdenken durch Philosophie ist in der geistigen Welt nichts anzufangen. Dieses Wissen hat keine Bedeutung in den geistigen Welten. Es ist leicht zu sagen, Märchen beruhen auf keiner Wahrheit. So gescheit ist der Geistesforscher auch immer gewesen, daß er gewußt hat, daß feurige Drachen nicht durch die physische Luft fliegen, aber gewußt hat er immer, daß die Imagination des feurigen Drachen zu bilden notwendig ist. Denn indem diese Vorstellung in der Seele ist, wirft sie Geisteslicht auf die geistige Welt. Kraftvorstellungen sind das. So sind alle Mythen beschaffen, weniger um äußerlich abzubilden, sondern um in der geistigen Welt wirklich leben zu können. Die Materialisten sagen: Mythen und Märchen entspringen der Kindheitsstufe der Menschheit. — Aber die Menschen wurden eben in ihrer Kindheit von Göttern unterrichtet. Die Mythen und Märchen gehen so in dieser Weise der Menschheitsevolution verloren, aber die Kinder sollte man nicht so aufwachsen lassen. Es ist ein großer Unterschied, ob man das Kind mit oder ohne Märchen aufwachsen läßt. Die die Seele beschwingende Kraft der Märchenbilder tritt erst später hervor. In einem Lebensüberdruß zeigt es sich später, wenn nicht Märchen gegeben wurden, in einer Langeweile. Ja sogar physisch kommt es zum Ausdruck, auch gegen Krankheiten können Märchen helfen. Was durch die Märchen hineingeträufelt wird, das kommt als Lebensfroheit, Lebenssinn später heraus, kommt als Möglichkeit, mit dem Leben fertigzuwerden, noch im spätesten Alter zum Vorschein. Es müssen die Kinder in ihrer Jugend, wo sie sie noch erleben können, erleben die Kraft des Märcheninhaltes. Wer nicht vermag mit Vorstellungen zu leben, die für den physischen Plan keine Wirklichkeit haben, der stirbt für die geistige Welt. Und viele Philosophien, die sich nur stützen wollen auf den physischen Plan, sind Sterbemittel für die Seele. Aus der äußeren Evolution werden die Sterbemittel für die geistige Welt. Die Menschheit muß kommen zu einem Urteil, das nicht gestützt ist auf Äußeres, sondern in sich selbst sich stützt. Immer mehr muß sie kommen zu dem: Ich glaube, was ich weiß.
[ 7 ] Aber man wird lernen müssen, auf die Symptome des geistigen Lebens zu achten. Ein Beispiel soll hier gegeben werden. Als ich einmal in einer süddeutschen Stadt einen Vortrag hielt, kamen nachher zwei katholische Pfarrer zu mir, die sagten: Sie reden nur für die Gebildeten, wir aber sprechen für alle Menschen. — In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Man kann Anthroposophie allen Menschen bringen, wenn man nur den Weg findet zu den einfachsten Gemütern. Viel besser würde der Bauer sie verstehen als der sogenannte Gebildete, wenn nur nicht der Weg durch die sozialen Verhältnisse verbaut wäre. Man muß bei solchen Dingen ganz von sich selbst absehen können, nicht fragen, was man selbst für das Richtige hält, sondern was die Menschenseelen einer gewissen Zeit fordern. So mußte ich den Priestern erwidern: Ihr Gefühl sagt Ihnen, Sie sprechen für alle Menschen, aber die Tatsachen sagen Ihnen, Sie sprechen nicht für alle Menschen, weil zu Ihnen nicht alle kommen. Und für die, die nicht zu Ihnen kommen, für die spreche ich.
[ 8 ] Unser Wissen und unsere Erkenntnis eignen wir uns an auf dem physischen Plan durch den physischen Leib und den Ätherleib. Bedenken wir überhaupt einmal so recht gründlich, wieviel von dem, was in unserer Seele ist, von dem physischen Plan herkommt. Das Licht zum Beispiel kommt durch das Auge, der Prozeß, der sich da vollzieht, beginnt schon im Auge ein Zersetzungsprozeß zu sein. An der Hinterwand des Auges beginnt schon die Auflösung. Der Prozeß löst sich aus dem Leben heraus. Am Morgen, nach dem Schlaf, ist das Auge so hergestellt, daß es innen lauteres Leben ist. Durch das Wahrnehmen bildet sich aus dem lebendigen Gewebe etwas heraus, was nicht mehr lebt, sondern bloß noch mineralisch ist. Und dadurch, daß sich das fortsetzt durch das Nervengewebe, dadurch nehmen wir wahr, spiegelt sich, was von der äußeren Welt auf uns wirkt. So daß der physische Leib dadurch, als Träger dieser Prozesse, nichts Lebendiges ist.
[ 9 ] Der Ätherleib ist der Träger der Gedanken, die auch Spiegelungen sind. Die Menschen würden leicht darauf kommen können, daß Gedanken Spiegelungen eines Übersinnlichen sind. Unter einem Mikroskop werden niemals Gedanken sich präparieren lassen. Gedanken leben in Wahrheit im Ätherleib. Es prägt sie das Denken aus, und das wird im physischen Leib gespiegelt. Daraus kann man ersehen, daß Erkenntnis, Wissen abhängt vom physischen Leib und Ätherleib. Zum physischen und Ätherleib sprechen nur die Eindrücke vom physischen Plan. Andere Vorstellungen aber müssen in der Menschenseele Platz greifen. Sie müssen auch den astralischen Leib ergreifen, das ganze Fühlen und Wollen und das Denken, das nicht nur auf dem physischen Plan sich erschöpft. Der Mensch bleibt sonst innerlich tot. Alle Vorstellungen, die etwas abbilden, haben nur Bedeutung für den physischen Plan. Schon die Frage: Ist eine Vorstellung berechtigt, die nicht etwas abbildet? — besagt das. Allein die Vorstellungen, die frei im Geiste leben, die frei leben im astralischen Leib und im Ich, mit denen erkennt man nicht nur, sondern man lebt mit ihnen. Das sind Vorstellungen, die nicht nur etwas abbilden, sondern die innerlich regsam, lebendig sind, die etwas aus sich und aus uns machen.
[ 10 ] In der Kunst herrscht heute der Naturalismus. Es ist sehr notwendig, sich einmal mit alten Zeiten bekanntzumachen, wie Seelenvorstellungen da waren, die die Vorstellungen des astralischen Leibes in Aktion brachten. Was nur Äußeres abbildet, hat keine Bedeutung für die geistige Welt. Wir müssen uns wieder durchdringen mit neuen Vorstellungen, die wieder bedeutungsvoll die Seele durchdringen können. Oft glaubt man etwas zu haben, was nur in der Phantasie lebt, von dem man meint, daß es wirklich Phantasie ist. Es ist aber oft nur eine Reminiszenz von dem, was vom physischen Plan herkommt. Nur indem wir die Vorstellungen beleben mit dem, was nicht vom physischen Plan herkommt, was nicht durch solche Phantasie gegeben werden kann, beleben wir wieder, was sonst erstirbt in der Seele.
[ 11 ] Es wird immer mehr Mißbrauch getrieben mit dem Spruch: In einem schönen Leib wohnt eine schöne Seele, in einem gesunden Leib eine gesunde Seele. — Das war ein Ausspruch für die Erkenntnis früherer Zeiten, heute wird er als ein Kausalausspruch betrachtet: Jemand hat einen gesunden Leib, also kann ich daraus schließen, daß darin eine gesunde Seele wohnt. Was diesen Leib gesund macht, macht es auch die Seele.
[ 12 ] Schon in der Kindheit werden die Menschen später mineralische Einschlüsse haben, werden sie als Krankheitsursachen mitschleppen, wenn sie nicht Vorstellungen entwickeln werden, die den astralischen Leib innerlich regsam erhalten. Sonst würde der Mensch nach dem Tode eintreten in eine geistige Welt, die ihm unklar bleibt, weil er selber kein Licht ausstrahlt. Die Sonne fällt auf eine Fläche, und davon hängt es ab, daß wir die Dinge sehen. In der geistigen Welt aber erstrahlt das Licht von uns aus, wir beleuchten das Feld, das wir sehen sollen. Die Seele, die Geisteswissenschaft zu pflegen den Trieb hat, ist sich vielleicht nicht dieser Verhältnisse bewußt, aber in den Uhtergründen der Seele lebt es. So wie in der physischen Welt das Sonnenlicht von außen kommt, so muß in der geistigen Welt der Mensch sich selbst sonnenhaft machen. Das geistige Brennmaterial, die innere Flamme, die die geistige Welt beleuchtet, müssen wir in uns entzünden, um die Welt zu beleuchten. Es träumen die Physiker davon, daß das Rot der Rose nur Wellenbewegung sei, auf Schwingungen zurückzuführen sei. Man sagt, es gäbe keinen Schall da draußen, sondern nur Luftschwingungen. Was ich als Schall empfinde, lebt nur in meinem Ohr. Ein einfaches Experiment kann uns aber eines anderen belehren: Wenn wir uns nämlich aufwecken lassen durch Klopfen an der Tür. Wenn der Mensch aufmerksam ist, wird er bemerken, daß er noch nicht bewußt war während der Nacht, als er noch schlief, dann aber schon selber in dem Klopfen darinnen war. Wir müssen in die Klopflaute selber hineingehen, wir benützen den anderen als Klopfer, weil unsere Seele nicht selbst klopfen kann. Hätten wir den festen Entschluß, aufzuwachen, dann könnten wir es selbst tun, so benützen wir den anderen nur als ein Mittel.
[ 13 ] Werden die materialistischen Auffassungen noch einige Generationen anhalten, so wird wirklich das Rot der Rose verschwinden. Die Menschen werden wirklich die kleinen grauen Atome draußen sich schwingen sehen, als Atomwirbel, nicht weil der Mensch sie sehen muß, weil sie da sind, sondern weil er sich selber dazu bereitet hat, sie zu sehen. Das ist es, was notwendig macht, Geisteswissenschaft zu verkündigen, daß nicht nur physische Atomwirbel in der Zukunft bloß da sein werden. Wir reden auch nicht von dem physischen Äther, sondern von demjenigen Äther, der lebendiges Gedankenwesen ist. Das muß zuerst erkannt werden, daß in der Rose nicht Atome wirbeln, sondern daß Lebendes, Webendes, aber wirklich lebende, webende Elementarwesen hinter der Rose stehen. Die Theorie von der geistigen Welt ist Nebensache, die Hauptsache ist, daß die Empfindung sich zusammendrängt, daß wir uns fühlen lebend und webend in dieser für uns neu erwachten Empfindung der Realität der geistigen Welt. Das ist das Auferstehen der geistigen Welt in unserer Seele, das wahrhafte, interkonfessionelle Osterereignis.
[ 14 ] Unsere Vorfahren brauchten ein anderes Ereignis, das geknüpft war an den Hochstand der Sonne. Wenn die ganze Natur sprießend und sprossend war, dann war das eine Ekstase für sie, wodurch ihnen die geistige Welt bekräftigt wurde. Was man damals im Johannifest durchlebte, das muß jetzt im Frühling zu Ostern, erlebt werden. Jetzt müssen wir Erwachen der Seele, Auferstehen der Seele feiern können, wenn Geisteswissenschaft zu uns spricht, nicht nur als Theorie, sondern als lebendiges Wissen.
