Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt?
Das Einfließen geistiger Impulse aus der Welt der Verstorbenen
GA 154
5 May 1914, Basel
3. Die Erweckung Spiritueller Gedanken als Zeitforderung
[ 1 ] Es ist mir eine besondere Befriedigung, daß wir uns hier zusammenfinden können, gewissermaßen herausgerissen aus unserer Dornacher Bauarbeit. Allein es schien mir eine Unmöglichkeit, so rein räumlich in unmittelbarer Nähe unseres Baues zusammenzusein, und nicht auch zusammenzukommen, um anthroposophische Dinge zu besprechen. Hoffentlich ergibt sich die Möglichkeit, dies ab und zu während des Jahres mehrmals zu tun, da ja sonst gerade unsere am Bau arbeitenden Freunde weniger Gelegenheit haben würden, an solchen Besprechungen teilzunehmen, als sie schließlich in den Zeiten haben, in denen sie ihre Kräfte nicht diesem Bau widmen.
[ 2 ] Womit wir heute beginnen möchten, das sollen einzelne Betrachtungen sein über das geistige Leben, die uns nützlich sein können, wenn wir einmal in ruhiger Stunde eine Überschau halten über die Frage: Welche Bedeutung kann für uns als menschliche Seelen die Geisteswissenschaft, welche Bedeutung kann das anthroposophische Leben haben? — Es könnte ja, insbesondere demjenigen Menschen der Gegenwart, der noch wenig sich eingelebt hat in anthroposophisches Denken und Fühlen und Empfinden, sehr leicht scheinen, als ob die Frage berechtigt sein könnte: Ja, wozu braucht man sich eigentlich zu kümmern um das geistige Leben, um die geistige Welt, da wir doch jedenfalls so könnte ja auch der materialistisch Gesinnte sagen — nach dem Tode in diese geistige Welt hineinversetzt werden und dann schon erfahren werden dasjenige, was wir über sie zu erfahren haben. Warum sollten wir uns nicht damit begnügen können, hier in diesem Leben zwischen Geburt und Tod einfach dasjenige zu tun, was sich aus dem Leben in der physischen Welt eben ergibt, und warum sollten wir unserem Leben einen Nachteil bringen, wenn wir unsere physischen Pflichten tun, die sich in der physischen Welt ergeben, und im übrigen im Unbestimmten lassen dasjenige, wie es sich mit der geistigen Welt verhalten mag? — Es ist das ein Ausspruch und eine Frage, die man ja oftmals gehört hat, als die materialistische Hochflut, namentlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, über die Menschheitsentwickelung dahin ging. Und es waren gar nicht immer die ethisch schlechtesten Seelen, die sagten: Seien wir doch während unseres Lebens auf Erden bedacht auf die Pflichten, die uns auf Erden erwachsen, und überlassen wir das übrige einer Welt, die wir nach dem Tode etwa betreten. — Oft hat man das hören müssen.
[ 3 ] Nun sei zunächst auf eines aufmerksam gemacht, welches für den Verständigen, der nun beginnt sich einzuleben, man möchte nicht einmal sagen in Geisteswissenschaft, sondern nur in ein wirklich logisches Denken, es sei etwas erwähnt, was für ihn sogleich einleuchtend sein kann. Der Mensch verbringt ja eigentlich nur einen Teil der Zeit zwischen Geburt und Tod wirklich in der physischen Welt, das heißt, er verbringt in der physischen Welt die Zeit, in der er wach ist. Und mindestens müßte derjenige, der vielleicht noch wenig an das Denken über die geistige Welt herangetreten ist, jedoch logisch denken kann, zugeben, daß der Mensch in seinem bewußten Seelenleben über das Schlafleben zunächst ebensowenig unterrichtet ist wie über das Leben nach dem Tode. Und nicht gut kann schließlich ein logisches Denken das Fortleben im Schlafe ableugnen, es müßte dann ein solches logisches Denken sich abfinden können mit der Behauptung, daß man wirklich an jedem Abend zugrunde geht und am morgen neu entsteht. Das wird ein logisches Denken wohl nicht tun, aber ebensowenig wird sich ein wirklich logisches Denken entschließen können zu behaupten, daß in dem schlafenden Leibe, der im Bette liegt, wirklich der ganze Mensch enthalten sei. Mindestens müßten die Leute über die Tatsache des Schlafes nachdenklich werden. Und wenn die Leute über die Tatsache des Schlafes nachdenklich werden, wird ihnen das schon einen Impuls geben, sich doch ein wenig auseinanderzusetzen mit dem, was Geisteswissenschaft der Welt zu geben hat. Gerade die Naturwissenschaft wird immer mehr und mehr dazu kommen, einzusehen, daß in dem schlafenden Menschen, das heißt in dem physischen Leib des schlafenden Menschen, das eigentlich seelische Wesen des Menschen nicht vorhanden ist, nicht da ist. Aber wohl kaum wird dieses Jahrhundert naturwissenschaftlicher Entwickelung zu Ende gehen, ohne daß die Naturwissenschaft auch aus sich heraus diese Erkenntnis, die eben angedeutet worden ist, haben wird. Dann wird diese Naturwissenschaft schon anfragen bei der Geisteswissenschaft, und dann wird sie durch sich selbst gezwungen werden, diese Naturwissenschaft, anzuerkennen, daß das, was wir des Menschen geistig-seelische Wesenheit nennen, wirklich außer Verbindung ist mit dem Leiblich-Physischen im Schlaf. Und dann wird wichtig werden, immer wichtiger werden für die Menschen des 20. Jahrhunderts, etwas über diesen Schlaf zu wissen. Und uns eine Vorstellung zu machen über dasjenige, was im Laufe des 20. Jahrhunderts die Menschen werden wissen müssen über die Natur des Schlafes, damit wollen wir heute beginnen.
[ 4 ] Wir wissen ja aus unseren geisteswissenschaftlichen Studien, daß der Mensch mit den zwei Gliedern seiner Wesenheit, dem Ich und dem Astralleib, aus dem physischen und dem Ätherleib heraus ist, wenn der Mensch schläft. Wir können die Frage aufwerfen: Ja, wo sind denn Ich und Astralleib während des Schlafes? — Zunächst können wir antworten: Nun, in der geistigen Welt. — Ja, in dieser geistigen Welt sind wir ja aber eigentlich immer. Wir sind in der geistigen Welt wirklich immer drinnen, weil ja diese geistige Welt nicht irgendwo abgesondert ist von der äußeren Welt; sondern wie uns physisch die Luft überall umgibt, so umgibt uns geistig die geistige Welt. Wir sind also auch im wachenden Zustand in der geistigen Welt immerfort drinnen. Aber wir sind im Schlaf anders in dieser geistigen Welt, als wir im Wachzustand darin sind. Nun genügt es ja gewissermaßen, ich möchte sagen für die gewöhnlichsten nächsten Bedürfnisse der Geisteswissenschaft, die Sache so zu sagen: Man ist mit seinem Ich und Astralleib außerhalb des physischen und Ätherleibes im Schlaf. Aber man sagt, indem man dieses ausspricht, doch im Grunde genommen nur die halbe Wahrheit. Die halbe Wahrheit sagt man ja, aber man sagt eben nur die halbe Wahrheit. Es ist so im Grunde genommen, als wenn man sagte: In der Nacht ist die Sonne außerhalb der Erde. — Nur für diejenigen Bewohner, nicht wahr, die in Europa leben, ist in der Tat die Sonne außerhalb ihrer Erde während der Nachtzeit. Aber wir wissen: nicht für alle Bewohner der Erde ist es so. Im Grunde genommen ist es so mit unserer Wesenheit, insofern wir ein Ich und ein Astralleib sind, im Schlaf. Wirklich außerhalb, man möchte sagen, völlig außerhalb unseres physischen und Ätherleibes sind wir mit unserem Ich und Astralleib erst nach dem Tode. Während des Schlafes sind wir, streng genommen, mit unserem Ich und Astralleib außerhalb unseres Blutes und unseres Nervensystems. Aber wenn gleichsam die Sonne unseres Wesens, unser Ich und Astralleib, untergehen für unser Blut und unser Nervensystem, die sie während des Tages durchdringen, so gehen sie auf für die andere Hälfte des Menschen, für die Organe, die nicht Blut und Nervensystem sind. Mit denen steht der Mensch während des Schlafes in einer innigen Verbindung. Wirklich, wie unsere Sonne, die uns während des Tages scheint, wenn sie für uns untergeht, für andere Erdbewohner aufgeht, so ist es mit Ich und Astralleib. Wenn sie untergehen für unser Blut und Nervensystem, so gehen sie auf für die anderen Organe und sind mit diesen dann um so energischer verbunden. Nun sind diese anderen Organe, mit denen nun während der schlafenden Zeit unser Ich und Astralleib verbunden sind, in der Tat diejenigen, welche geradeso wie alles, was in der Welt existiert, aus der Geistigkeit heraus aufgebaut sind. Und nun liegt für unsere Schlafenszeit das Merkwürdige vor, daß wir von unserem Ich und Astralleib aus stark beeinflussen diese außerhalb unseres Nervensystems und unseres Blutes gelegenen Organe unseres Leibes. Während wir bei tagwachender Zeit von unserem Ich und Astralleib aus stark unser Nervensystem und unser Blut beeinflussen, beeinflussen wir unsere anderen Organe und auch das an unseren anderen Organen, was nicht gewissermaßen von Blut und Nerven selber ausgeht, sondern was von unseren Nerven in das Blut hineinspielt, beeinflussen wir dies alles von unserem Ich und Astralleib aus besonders stark im Schlaf.
[ 5 ] Wenn das der Fall ist, so ergibt sich etwas anderes, ich möchte sagen, leicht Begreifliches. Das leicht Begreifliche ergibt sich daraus, daß es nicht gleichgültig ist, wie wir mit unserem Ich und Astralleib in den Schlaf hineingehen. Dem Materialisten kann das zunächst ja ganz gleichgültig sein, wie es mit seinem Ich und Astralleib, von denen er ja gar nicht spricht, sich verhält im Schlaf. Derjenige, der die Dinge durchschaut, weiß, daß unsere Organe, insofern sie nicht direkt in Betätigungen des Blutes und des Nervensystems, also im bewußten Leben sich äußern, abhängig sind von dem, was in unserem Ich und Astralleib so ist, daß es sich insbesondere während des Schlafes betätigt. Vielleicht kann man über eine solche Sache am besten durch ein Beispiel sprechen. Ein naheliegendes Beispiel sei genommen.
[ 6 ] In unserer Zeit gibt es bekanntlich eine Furcht, die sich ganz sinngemäß vergleichen läßt mit der mittelalterlichen Furcht vor Gespenstern. Das ist die heutige Furcht vor den Bazillen. Die beiden Furchtzustände sind sachlich ganz dasselbe. Sie sind auch insofern ganz dasselbe, als ein jedes der beiden Zeitalter, das Mittelalter und die Neuzeit sich so verhalten, wie es sich für sie schickt. Das Mittelalter hat einen gewissen Glauben an die geistige Welt; es fürchtet sich selbstverständlich dann vor geistigen Wesenheiten. Die neuere Zeit hat diesen Glauben an die geistige Welt verloren, sie glaubt an das Materielle, sie fürchtet sich also vor materiellen Wesenheiten, wenn diese auch noch so klein sind. Ein Unterschied könnte, nicht wahr, sachlich höchstens darin gefunden werden, daß die Gespenster doch wenigstens gewissermaßen anständige Wesen sind gegenüber den kleinwinzigen Bazillen, die keineswegs eigentlich, ich möchte sagen, wirklich Staat machen können mit ihrem Wesen, so daß man sich wirklich so ernsthaftig fürchten könnte vor ihnen wie vor einem anständigen Gespenst. Nun soll ja damit selbstverständlich nicht gesagt werden, daß die Bazillen durchaus gepflegt werden sollen, und daß es etwas Gutes ist, recht viel sozusagen mit Bazillen zusammenzuleben. Das soll durchaus nicht gesagt werden. Aber es widerspricht auch nicht dem, was gesagt wurde, denn schließlich Bazillen sind gewiß da, aber Gespenster waren auch da. Für diejenigen, die an die geistige Welt wirklich glauben konnten, ist nicht einmal in bezug auf Realität ein Unterschied in dieser Beziehung.
[ 7 ] Nun handelt es sich darum, und das ist das Wesentliche, was heute hervorgehoben werden soll, daß Bazillen nur dann gefährlich werden können, wenn sie gepflegt werden. Pflegen soll man die Bazillen nicht. Gewiß, da werden uns auch die Materialisten recht geben, wenn wir die Forderung aufstellen, Bazillen soll man nicht pflegen. Aber wenn wir weitergehen und vom Standpunkt einer richtigen Geisteswissenschaft davon sprechen, wodurch sie am meisten gepflegt werden, dann werden sie nicht mehr mitgehen, die Materialisten. Bazillen werden am intensivsten gepflegt, wenn der Mensch in den Schlafzustand hineinnimmt nichts anderes als materialistische Gesinnung. Es gibt kein besseres Mittel für diese Pflege, als mit nur materialistischen Vorstellungen in den Schlaf hineinzugehen und von da, von der geistigen Welt, von seinem Ich und Astralleib aus zurückzuwirken auf die Organe des physischen Leibes, die nicht Blut und Nervensystem sind. Es gibt kein besseres Mittel, Bazillen zu hegen, als mit nur materialistischer Gesinnung zu schlafen. Das heißt, es gibt noch wenigstens ein Mittel, das ebensogut ist wie dieses. Das ist, in einem Herd von epidemischen oder endemischen Krankheiten zu leben und nichts anderes aufzunehmen als die Krankheitsbilder um sich herum, indem man einzig und allein angefüllt ist mit der Empfindung der Furcht vor dieser Krankheit. Das ist allerdings ebensogut. Wenn man nichts anderes vorbringen kann vor sich selber als Furcht vor den Krankheiten, die sich rundherum abspielen in einem epidemischen Krankheitsherd und mit dem Gedanken der Furcht hineinschläft in die Nacht, so erzeugen sich in der Seele die unbewußten Nachbilder, Imaginationen, die durchsetzt sind von Furcht. Und das ist ein gutes Mittel, um Bazillen zu hegen und zu pflegen. Kann man nur ein wenig mildern diese Furcht durch werktätige Liebe zum Beispiel, wo man unter den Verrichtungen der Pflege für die Kranken etwas vergessen kann, daß man auch angesteckt werden könnte, so mildert man auch durchaus die Pflegekräfte für die Bazillen.
[ 8 ] Diese Dinge werden ja in der Geisteswissenschaft nicht bloß vorgebracht, um auf den Egoismus der Menschen zu spekulieren, sondern um Tatsachen der geistigen Welt zu schildern. So sehen wir, daß wir es eigentlich im Leben in diesem konkreten Fall sehr wohl mit der geistigen Welt zu tun haben, denn wir wirken tatsächlich selber aus der geistigen Welt heraus vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und wahrhaftig mehr als durch alle Mittel, die jetzt von der materialistischen Wissenschaft vorgebracht werden gegen all das, was Bazillen heißt, wahrhaftig mehr, unsäglich reicher für die Menschheitszukunft könnte man wirken, wenn man den Menschen Vorstellungen überlieferte, durch die sie vom Materialismus weggebracht werden und zu werktätiger Liebe vom Geiste aus angespornt werden könnten. Immer mehr und mehr muß sich im Laufe dieses Jahrhunderts die Erkenntnis verbreiten, wie die geistige Welt auch für unser physisches Leben absolut nicht gleichgültig ist, wie sie für die physische Welt ihre durchdringende Bedeutung hat, weil wir in der Tat vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen Welt drinnen sind und da von ihr aus wirksam bleiben für den physischen Leib. Wenn sich das auch nicht unmittelbar zeigt, so ist es doch der Fall.
[ 9 ] Nun wird man sich an eines gewöhnen müssen, wenn man diese Dinge im richtigen Lichte betrachten will. Man wird sich daran gewöhnen müssen, daß dasjenige, was man direkt als Heilkraft der Geisteswissenschaft zu betrachten hat, wirken muß durch die menschliche Gemeinschaft. Denn man möchte sagen, was hätte es für eine Bedeutung, wenn irgendein einzelner Mensch da oder dort in die geistigen Welten beim Einschlafen hineingeht jedesmal mit denjenigen Gedanken, die der geistigen Welt zugeneigt sind, und ringsherum sind die anderen, die mit materialistischen Gedanken, materialistischen Empfindungen und Furchtempfindungen — die ja immer mit dem Materialismus zusammenhängen —, Heger und Pfleger der Bazillenwelt sind. Was ist sie eigentlich, diese Bazillenwelt? Ja, da kommen wir auf ein Kapitel, über das etwas zu wissen, recht wesentlich ist für das menschliche Leben. Wenn wir draußen in der Natur die Luft erfüllt finden mit Vogelgattungen aller Art, das Wasser mit Fischen, wenn wir verfolgen dasjenige, was kriecht über die Erde, was sich auf ihr tummelt und so den äußeren Sinnen zeigt, was da lebt in der Natur, da haben wir es zu tun mit Wesenheiten, von denen wir eigentlich durchaus ganz richtig sprechen, wenn wir sagen: Sie sind doch in irgendeiner Form, selbst dann, wenn sie da oder dort schädlich eingreifen in die Naturwirkungen, sie sind doch Geschöpfe der sich fortentwickelnden Gottheit. In dem Augenblick aber, wo wir auf diejenigen Wesen kommen, die den Wohnplatz ihres Wirkens in anderen lebenden Wesen haben, in Pflanzen, Tieren oder Menschen, da haben wir es zu tun, insbesondere wenn es sich handelt um bazillenähnliche Geschöpfe, die im tierischen oder menschlichen Leibe, namentlich die im menschlichen Leibe sind, da haben wir es allerdings auch zu tun mit Geschöpfen von geistigen Wesenheiten, aber mit Geschöpfen Ahrimans. Und richtig betrachtet man die Anwesenheit solcher Geschöpfe innerhalb unserer Welt, wenn man sich klar darüber ist, daß alle diese Wesenheiten zusammenhängen mit geistigen Tatsachen, mit den Beziehungen des Menschen zu Ahriman. Und diese Beziehungen des Menschen zu Ahriman werden hergestellt, wie wir wissen, durch materialistische Gesinnung oder rein egoistische Furchtzustände. Und richtig betrachtet man das Verhältnis, in dem vorhanden sind solche parasitäre Wesenheiten in der Welt, wenn man sagt: Da wo sich diese parasitären Wesenheiten zeigen, sind sie ein Symptom für das Eingreifen Ahrimans in die Welt. Und wenn wir an einem solchen Beispiel sehen, daß es tatsächlich nicht einerlei ist, ob der Mensch, wenn er des Abends einschläft, in die geistige Welt, in der er ist zwischen Einschlafen und Aufwachen, hinübernimmt reine materialistische Vorstellungen oder geistige Vorstellungen, wenn wir einsehen, daß das nicht einerlei ist, dann hören wir auch auf, davon zu sprechen, daß es etwa einerlei sein könnte, schon in dieser Welt etwas zu wissen vom Geiste oder nichts zu wissen vom Geiste. So müssen wir allerdings an einem bestimmten Punkte einsetzen, wenn wir uns so recht vor Augen rücken wollen die große Bedeutung der geisteswissenschaftlichen Forschung schon für dieses menschliche Leben zwischen Geburt und Tod.
[ 10 ] Aber wir können auch in ganz andere Gebiete unsere geistigen Augen hinrichten. Immer mehr und mehr wird uns auffallen, wie dieses Leben zusammenhängt mit dem geistigen Leben. Da brauchen wir als Menschen die andere, gleichsam unter dem Menschen stehende Natur, von der wir uns ernähren, aus der wir also unsere Nahrung ziehen. Dasjenige, wovon zunächst eine Zeitlang nach dem Tode die Toten ihre Nahrung ziehen, das sind die Vorstellungen, die Empfindungen, die unbewußten Empfindungen und Gefühle, die die Menschen hier auf Erden in den Schlaf hinübertragen. Für die Toten ist es ein gewaltiger Unterschied, ob irgendwo, sagen wir, eine Schar von Menschen schläft, die sich nur anfüllen während ihres Wachlebens mit lauter materialistischen Empfindungen und Vorstellungen und diese in den Schlaf hinübertragen und im Einschlafen durchdrungen sind von den Nachwirkungen dieser Materialismen, oder ob irgendwo schläft eine Schar von Menschen, die während des Wachens sich ganz und gar durchdrang mit geistigen Vorstellungen und die auch während des Schlafes noch von solchen durchdrungen ist. Wie eine öde Oberfläche, die nichts von Nahrungsmitteln enthält und auf welcher die Menschen verhungern müßten, sich verhält zu einer fruchtbaren Gegend, die den Menschen Nahrung bietet, so verhält sich für diejenigen, welche durch den Tod gegangen sind, eine Schar von Menschen, die mit materialistischer Gesinnung schläft, zu einer Schar von Menschen, die mit geistigen Vorstellungen schläft. Denn aus dem Erfülltsein der Seelen, die hier auf Erden schlafen, mit geistigen Vorstellungen, ziehen die Toten zunächst viele Jahre nach dem Tode Lebenskraft, die ähnlich ist, nur geistig, nur ins Geistige versetzt, dem, was wir als physische Menschen aus den uns Nahrung gebenden Wesenheiten der unter uns stehenden Naturreichen ziehen. Im buchstäblichen Sinne machen wir uns zum fruchtbaren Acker für die Toten, wenn wir uns erfüllen mit den Vorstellungen, die uns von der Geisteswissenschaft kommen. Und wir machen uns zum öden Felde, durch das wir die Toten aushungern, wenn wir uns zu Schläfern mit materialistischen Vorstellungen und Gesinnungen machen.
[ 11 ] Von Geisteswissenschaft jetzt in unserer Zeit zu sprechen, entspringt nicht einem solchen Enthusiasmus, wie der ist, der zu vielen anderen Vereinigungen, zu menschlichen Gesellschaften und dergleichen führt. Sondern es entspringt der Drang, von Geisteswissenschaft zu sprechen, derjenigen Notwendigkeit des Herzens, die einsieht, daß die Menschen im kommenden 20. Jahrhundert diese Geisteswissenschaft brauchen werden. Wie sich auch die Verhältnisse in der äußeren Welt gestalten, derjenige, der intensiv durchschaut, wie notwendig der Welt die Geisteswissenschaft ist, der hat es gar nicht in seiner Gewalt, etwa nicht die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft auf die Zunge und in den Mund fließen zu lassen, um sie den Mitmenschen mitzuteilen. Und man empfindet jede Kraft des Wortes, die man gebrauchen kann, als viel zu gering gegenüber der Notwendigkeit, die besteht, die Geisteswissenschaft in immer steigenderem Maße zuzuführen derjenigen Menschheit, die sonst immer mehr und mehr in den Materialismus hineintauchen müßte.
[ 12 ] Und wenn wir noch von einer anderen Seite fragen: Wie steht es mit unserem Verhältnis zu denjenigen Verstorbenen, mit denen wir im Leben in Verbindung gestanden haben, von denen wir uns deutliche Vorstellungen machen können, zu denen wir alle solche Beziehungen haben, daß oft an diese gedacht wird? Wie verhält es sich mit unserem Verhältnis zu den Toten in noch anderer Beziehung, als wenn wir eben den Toten geistige Nahrung bieten dadurch, daß wir in den Schlaf hinein geistige Vorstellungen tragen? Wie verhält es sich im Wachleben mit unseren Beziehungen zu den Toten?
[ 13 ] Ist dasjenige, was die Toten zu ziehen haben aus dem, was in den Seelen der schlafenden Menschen ist, etwas wie eine Nahrung für die Toten, so ist jeder Gedanke, der in die geistigen Welten hineingeht, der sich mit den geistigen Welten und geistigen Wesenheiten beschäftigt, jeder Gedanke, der so ist, daß er zu den geistigen Welten Beziehung hat, etwas, was die Toten wahrnehmen können, was sie entbehren müssen, wenn wir keine solche Gedanken hegen. Vorstellungen, die bloß auf die materielle Welt sich beziehen, auf dasjenige, was draußen in der Natur ist, die leben in unserer Seele so, daß die Toten sie nicht sehen können, die haben keine Bedeutung für die Toten. Wir können noch so gelehrt, noch so weise über die Dinge der äußeren Natur nachdenken, unsere Gedanken sind ein Nichts für die Toten. In dem Augenblick, wo wir Gedanken hegen, die sich auf die geistige Welt beziehen, sind die Gedanken unmittelbar da für die Toten, nicht nur für die Lebendigen, sondern auch für die Toten.
[ 14 ] Daher ist es öfters schon unseren Freunden empfohlen worden: Wenn irgendeine Persönlichkeit, mit der sie in Verbindung gestanden haben, in der geistigen Welt weilt, so lese man ihr vor in Gedanken. Man verbildliche sich die betreffende Persönlichkeit und gehe in Gedanken lesend das durch, was von der geistigen Welt handelt. Dann liest der Tote mit. Man darf nicht glauben, daß das bedeutungslos ist. Der Tote in der geistigen Welt ist zwar in derjenigen Welt, von der wir wissen aus der Geisteswissenschaft. Aber die Gedanken über die geistige Welt müssen auf Erden erzeugt werden. Der Tote soll nicht nur die geistige Welt wahrnehmen, die allerdings um ihn herum ist. Er braucht die Gedanken derjenigen, die auf Erden leben. Diese Gedanken sind für ihn etwas wie eine Wahrnehmung. Das Schönste, Bedeutsamste, was wir den Toten schenken können, ist, ihnen vorzulesen in dieser geschilderten Weise. Immer wiederum, wenn gefragt wird, womit wir den Toten etwas geben können, so muß geantwortet werden: Mit dem Vorlesen irgendeines geistigen Inhaltes. — Und wenn jemand doch Zweifel haben sollte, ob das nützlich ist, da der Tote ja in der geistigen Welt weilt, braucht man nur zu überlegen, daß in der sinnlichen Welt einer ebenfalls ringsherum von Dingen und Wesenheiten umgeben sein kann, aber doch keine Ideen von ihnen haben kann. Die muß man sich erst erwerben. So kann der Tote in der geistigen Welt sein; er ist da. Aber die Gedanken müssen ihm strömen von der Erde hinauf. Wie der segnende Regen aus der Wolke für die physische Erde strömen muß, so die leuchtenden Gedanken in diejenigen Regionen hinauf, in denen der Tote zu verweilen hat.
[ 15 ] Alle diese Beispiele zeigen uns, was für eine große, was für eine unendliche Bedeutung das Erleben der geistigen Welt in Gedanken schon hat auch für unsere physische Welt und wie unberechtigt der Einspruch ist, daß man ja warten könnte bis nach dem Tode mit dem Wissen über das, was in der geistigen Welt vorhanden ist. Wahrhaftig, gerade eine genaue Betrachtung der geistigen Welt zeigt so recht, daß der Mensch nicht umsonst auf der Erde ist, daß er auf der Erde ist, um auf der Erde etwas zu erwerben, was nirgends anderswo in der Welt erworben werden kann als nur auf der Erde, was ein Gut ist von solcher Bedeutung, daß der Lebende es dem Toten noch schenken kann.
[ 16 ] Und auch in vielen anderen Beziehungen zeigt sich der innige Zusammenhang zwischen dem Leben hier auf Erden zwischen Geburt und Tod und dem Leben unmittelbar nach dem Tode. Nur ist es schwer, über diesen Zusammenhang im Konkreten zu sprechen, weil sie so furchtbar leicht mißverstanden werden, diese Worte. Der Mensch ist zur Einseitigkeit ganz veranlagt, und wenn man von irgendeiner Sache spricht, dann ruft das, insbesondere wenn es sich auf die geistige Welt und auf geistige Wesenheiten bezieht, ein Mißverständnis aus gewissen Beweggründen des menschlichen Herzens hervor. Wenn man erzählt in einem Einzelfall, daß dieser oder jener Zusammenhang eines menschlichen Lebens hier auf Erden und nach dem Tode besteht, dann wird so leicht aus der Schilderung eines solchen Einzelfalles aus einem leicht begreiflichen menschlichen Egoismus heraus etwas ganz Mißverständliches gefolgert, nämlich man wendet den Fall auf sich selber an. Wenn von einem besonderen, konkreten Menschen erzählt wird, er erlebt dieses oder jenes, so denkt der Mensch so leicht: mit mir verhält es sich ganz anders, daher erlebe ich nicht etwas so Schönes. Und statt daß der Zuhörer Befriedigung hätte über die Mitteilung der Erlebnisse, empfindet er etwas, was aus dem Gefühl des Egoismus heraus geboren ist: daß er nicht ebenso Schönes haben kann nach dem Tode.
[ 17 ] Sobald man auf einen einzelnen Fall eingeht, nicht so im Allgemeinen herumredet, muß der Mensch das selbstlose Gefühl entwickeln, auf das Schicksal eines anderen hinzuschauen, ohne Schlüsse auf das eigene Leben zu ziehen und nun etwa zu sagen: Habe ich es nicht ebenso, entgeht mir das, was da erzählt wird. — Also dieses und ähnliches sind wirklich Beweggründe zu Mißverständnissen. Und ich muß vorausschicken, daß solches Mißverständnis leicht entstehen kann, weil ich vermeiden will, indem ich dieses sage, daß sich solches Mißverständnis bilde.
[ 18 ] Vor kurzem ist ein sehr lieber Freund von uns verstorben, dessen Einäscherung eine große Anzahl der hier versammelten Freunde beigewohnt hat. Er hätte morgen seinen dreiundvierzigsten Geburtstag gehabt, am 6. Mai. Der Betreffende hat in den letzten Jahren seines Lebens hier viel gelitten. Ich möchte sagen, wie in Parenthese möchte ich einflechten eine wunderbare Ausführung seiner letzten Zeiten, von denen mir seine Gattin vor kurzem gesprochen hat. Unser Freund hat sich gewehrt in der Zeit, in der er viel litt, nicht dagegen etwa, sich tatsächlich zuzugestehen, daß er leiden müsse, aber er hat sich gewehrt dagegen, krank zu sein. Er sei nicht krank, sagte er. Er litte zwar, aber er sei nicht krank. Und er wollte durchaus, daß ein solcher Ausspruch nicht als Wortklauberei aufgefaßt werde, sondern daß dadurch wirklich etwas gesagt werden soll. Es war diese von ihm geprägte Definition: Ich leide zwar, aber ich bin nicht krank — entsprungen aus dem Bewußtsein, dasjenige, was ich als geistige Wissenschaft in mir tragen kann, was mich als geistige Wissenschaft innerlich hält und trägt, macht alle Anfechtungen des Krankseins zunichte. Ich spüre, daß ich leide, aber die Gesundheit meiner Seele ist so groß, daß, wenn ich dagegen auf meine körperlichen Zustände blicke, ich mich nicht krank nennen darf. Man könnte noch viel reden über diese Definition. Es ist etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, etwas, was so recht geeignet ist, als Empfindung die menschliche Seele zu durchdringen.
[ 19 ] Aber nun, wenn man den Betreffenden verfolgt, wie er seine letzten Erdenjahre in einem kranken Leib, in einem leidenden Leib, in dem er sich nicht krank wußte, sondern nur leidend, zubrachte, wenn man dies vergleicht mit dem jetzt nun beginnenden geistigen Leben des betreffenden Freundes, so bekommt man ein würdiges Bild von den Zusammenhängen des Lebens zwischen Geburt und Tod und dem Leben nach dem Tode. Vorbereitet hat sich — ich erzähle eine Tatsache der geistigen Welt — in diesem Leibe, der das äußerliche Symptom des Krankseins hatte, eine Summe von Imaginationen. Eine Summe von Imaginationen lebte sozusagen in den kranken Gliedern, starke Imaginationen. Er war ganz erfüllt von dem Inhalt der geistigen Welten, und sie lebten so, daß sie in all diejenigen Organe hineinwirkten, deren sich der Mensch nicht so bewußt ist im täglichen Leben, wie er sich seines Gehirns oder Nervensystems bewußt ist — die er also mehr in seinem unterbewußten Leben durchlebte —, sie lebten dadrinnen und sie konnten um so leichter darin leben, je äußerlich kränker diese Organe waren. Und sie präparierten sich und stehen nun als ein gewaltiges Tableau der geistigen Welt vor der Seele des Toten, der nun in diesen Vorstellungen lebt, die eingefangen waren gerade während seiner letzten Lebensjahre in den Kerker seiner kranken Organe, aber die sich vorbereitet haben in solcher Dichte, daß er sie jetzt als seine Welt außer sich im Geiste hat.
[ 20 ] Schönere Welten, oder vollkommener, auf schönere Art sehen den geistigen Kosmos, als zu sehen, wie er erblüht, sich aufbauend mit geistiger Kunst, schöner dies Phänomen zu beobachten, ist nicht leicht möglich als durch eine solche Tatsache. Alles das, was etwa der Künstler schafft, der hier auf dem physischen Plan steht und in Schöne erstehen läßt ein Stück Welt — so daß wir durch das Bild, das er auf die Leinwand oder im Marmor hinzaubert, mehr sehen von der Welt, als wir von uns aus sehen können, ist eine Kleinigkeit gegenüber dem, wenn wir sie wieder sehen, die geistige Welt, wie sie da ist auf der einen Seite, man möchte sagen, so wie sie an sich ist und dann wieder, wie sie ersteht, aufblühend aus der Seele eines Toten, der durch sein Karma in solcher Weise, wie ich es ausgeführt habe, vorbereitet ist. Wie er vorbereitet war, das werden besonders seine Dichtungen zeigen, die jetzt im Druck sind und demnächst erscheinen werden. Denn sie werden zeigen, daß diese ganze Art des geistigen Lebens, des Hinübergehens auch in die geistige Welt nach dem Tode, innig zusammenhängt mit dem, was wir seit Jahren innerhalb unserer Geisteswissenschaft den Christus-Impuls nennen. Schön lebt dieser geisteswissenschaftlich gemeinte Christus-Impuls in diesen Dichtungen.
[ 21 ] Im Zusammenhang mit dieser Tatsache, von der ich sprach, die wahrhaftig fühlen lassen kann das Verhältnis der Welt, die wir durchlaufen zwischen Geburt und Tod mit derjenigen wiederum zwischen Tod und neuer Geburt, steht nun etwas, was ich daranschließen möchte, so anschließen möchte, daß ich nicht in abstrakten Gedanken den Zusammenhang ausführe, sondern so, daß ich Sie erfühlen lasse den Zusammenhang. Sehen Sie, man kann hier auf dem physischen Plan ein törichter oder ein gescheiter Mensch sein, man kann auch ein gelehrter Mensch sein: für das Leben nach dem Tode hat das nicht viel Bedeutung, ob man auf dem physischen Plan ein törichter, ein gescheiter oder ein gelehrter Mensch war, wenn sich das Törichte, Gescheite, Gelehrte auf Dinge der physischen Welt bezieht. Wir können noch so gescheit über die Dinge der physischen Welt denken, die Gedanken, namentlich die Art des Denkens über die physische Welt, nützt uns gar nichts, sobald wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Dies hat dann gar keine Bedeutung. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, braucht er Gedanken, Vorstellungen, Empfindungen, die sich nicht auf die physische Welt beziehen, die haben dort allein Bedeutung.
[ 22 ] Nun möchte ich Ihnen zunächst dasjenige, was ich gesagt habe, in einer etwas grotesken, paradoxen Weise mitteilen. Aber stoßen Sie sich nicht an dem Paradoxen, es wird sich uns gleich zeigen, was ich damit sagen will. Nehmen wir an, ein Mensch würde ablehnen irgend etwas zu denken, wozu er nicht aufgefordert wird durch die Sinneswahrnehmungen. Und sobald irgend etwas an ihn herankommt und irgendwelche Gedanken in ihm keimen, sagt er: Ich will dich nicht, ich gehe von dem aus, was die Augen sehen, was die Ohren hören, darüber will ich denken. Mit dem anderen bleibt mir vom Leibe, ich selber bleibe mir damit vom Leibe. — Ein solcher Mensch nimmt keine Kraft auf, die er nach dem Tode gebrauchen könnte. Er kommt blind hinein in die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Nehmen wir nun weiter an, ein Mensch hätte eine lebhafte Phantasie und fände es unbequem, heranzukommen an die Geisteswissenschaft, allerlei zu lernen, so nach und nach erst etwas zu lernen. Er fände es viel bequemer, sich alle möglichen Vorstellungen zu machen aus der Phantasie heraus über die geistige Welt, er dächte sehr viel aus bloßer Phantasie heraus über die geistige Welt, so daß er auf einer Seite hätte alles dasjenige im Vorstellungsleben, was von der Sinnenwelt handelt und dann auf der anderen Seite noch alle möglichen Phantasievorstellungen über die geistige Welt. Ein solcher Mensch unterschiede sich allerdings von dem, der sagt: Bleibt mir vom Leibe mit den Vorstellungen von der geistigen Welt —, denn derjenige, der nichts wissen will von der geistigen Welt, der geht wie ein Blinder in die geistige Welt. Derjenige, der sich wenigstens Phantasievorstellungen macht, hat solche Seelenkräfte, daß er allerdings als ein Sehender in die geistige Welt hineinkommt, aber er wird ein solcher Sehender, wie in der physischen Welt einer ein Sehender ist, der lauter Fehler in seinem Auge hat, so daß er überall falsch sieht. Und das bedeutet in der geistigen Welt noch viel Schlimmeres als in der physischen Welt, denn wenn einer in der geistigen Welt alles falsch sieht, so heißt das, auf Schritt und Tritt in der geistigen Welt Verwirrung stiften. Aber wir können eines sehen aus dem, was gesagt worden ist, wenn auch in grotesker Weise, wir können sehen, daß der Mensch Vorstellungen braucht, die über das sinnliche Leben hinausgehen, wenn er wirklich ein Bürger der geistigen Welt sein will, und das muß er sein. Er kann es entweder in verkrüppeltem Zustande sein — so ist der, der nur sinnliche Vorstellungen aufnehmen will, oder der seiner Phantasie die Zügel schießen läßt —; sonst braucht er Orientierung, die über die sinnliche Welt hinausgeht.
[ 23 ] Damit die Menschen nun, so wie sie sich auf Erden entwickeln, nicht bloß Vorstellungen hatten, die von physischen Dingen angeregt sind, oder damit sie sich über die geistige Welt nicht nur Phantasievorstellungen machten, erschienen im Laufe der Zeit die einzelnen Religionsstifter. Wenn wir sie durchnehmen mit den Lehren, die sie den Menschen gegeben haben, so war das Ziel aller dieser Religionsstifter, den Menschen solche Vorstellungen zu geben über die übersinnliche Welt, daß sie in unverkrüppeltem Zustand in diese übersinnliche Welt hineinkommen konnten. Je nach dem Bedürfnis der Zeitalter und der Völker haben die Religionsstifter den Menschen solche Vorstellungen gegeben.
[ 24 ] Unser Zeitalter ist ein anderes als diejenigen vergangener Zeiten. Unser Zeitalter ist ein solches, daß wir heranwachsen müssen — und ich bitte, dieses Wort nicht im äußeren Sinn zu nehmen, sondern in tief innerem Sinne — zu einer mündigen Menschheit. Zu einer mündigen Menschheit, die durch die eigene Seele finden muß den Weg in die geistigen Welten hinauf. Die Religionsstifter der alten Zeiten redeten vor einer unmündigen Menschheit. Sie redeten zu der Menschheit, durch die alle unsere Seelen auch durchgegangen sind. Die Religionsstifter dieser alten Zeiten kannten ihre Zeiten und sie wußten, daß sie so, wie sie einstmals zur Menschheit gesprochen haben, zu der Menschheit, die der Zukunft entgegenleben soll, nicht würden sprechen können. Denn diese muß mündig werden. Nehmen wir an, der Angehörige eines Volkes der alten Zeiten, er hätte sich entweder auf die sinnlichen Vorstellungen beschränken oder aber zu Phantasievorstellungen greifen müssen, je nachdem würde er verkrüppelt oder wenigstens doch verwirrt in die geistige Welt hineingekommen sein. Da kam der Religionsstifter. Er brachte wahre Vorstellungen aus der geistigen Welt heraus. Der Angehörige eines Volkes der verflossenen Zeit sagte sich: Nicht ich, insofern ich sinnlich wahrnehme, insofern ich in meiner Phantasie arbeite, sondern die Religionsstifter, Zarathustra, Buddha, Krishna, sie sind es, die Vorstellungen in mir anregen, durch die ich den Einlaß in die geistige Welt finde. — Ob das Ich Verwirrung stiftet oder blind wird, der Mensch dieses Zeitalters muß mündig sein. Daß er als Mündiger den Weg finden kann in die geistige Welt, dazu hat sich vollzogen das Mysterium von Golgatha. Nicht mehr erscheint der Religionsstifter als solcher vor der äußeren Menschheit, wie er früher erschienen ist. Denn diejenigen, die den Christus mit den alten Religionsstiftern auch nur vergleichen, die verstehen gar nichts von dem Christus. Denn der Christus hat zunächst gewirkt durch eine Tatsache, die anderen Religionsstifter durch die Lehren. In dem Augenblick, wo man den Christus einen Weltenlehrer nennt, bezeugt man, daß man gar nicht weiß, wer der Christus ist. Dasjenige, worauf es bei dem Christus ankommt, ist die Tat, die er vollbracht hat, die sich vollzogen hat von dem Ereignis an, welches wir sehen in der Johannestaufe bis zu der Kreuzigung auf Golgatha. Was da für die Menschheit geschieht, ist im Geistigen dasjenige, worauf es ankommt. Was da geschehen ist, das ist das, was die Menschenseelen beseligen kann seit jener Zeit, das Wort, das Paulus ausgesprochen hat: «Nicht ich, der Christus in mir.» Denn der Christus ist der Weg in die geistige Welt geworden, weil er in diese Welt hereingebracht hat die geistige Welt, die der Mensch braucht, wenn er nicht ein Krüppel oder ein Blinder in der geistigen Welt sein soll. Man kann ja heute den Christus ableugnen, man kann herumgehen in der Welt und kann sagen: Es ist kein Beweis dafür da, daß der Christus in der Außenwelt gelebt hat im Leibe des Jesus von Nazareth. — Gewiß, man hat es sogar bewiesen, daß kein historischer Christus da war. Man beweist aber damit nur, daß man nicht weiß, worauf es ankommt. Hätte der Christus irgendwo an einen Felsen eingekratzt, für alle späteren Geschlechter: Ich bin da gewesen —, so hätten alle späteren Geschlechter aus der Sinnenwelt heraus die Tatsache gewußt, dann hätten sie es nicht zu glauben brauchen. Daß eben dieses nicht der Fall war, daß man ihn nicht erkennen kann mit sinnlichen Mitteln, sondern daß man ihn erkennen muß mit der Kraft des Geistes, das ist das Erlösende, das ist die tiefe Bedeutung, die in ihm liegt. So muß man es auffassen, dann findet man ihn in unmittelbarer Verbindung mit demjenigen, was den Menschen schon hier auf Erden heraushebt aus der sinnlich-physischen Welt und ihn in die geistige Welt hinein erhebt. Denn für den, der sich nicht in die geistige Welt erheben kann, ist alles das gar nicht da, regt immer wiederum den Zweifel an.
[ 25 ] Damit hängt es zusammen, daß es eine so ungeheure Wohltat ist, wenn ein Mensch, der gerade so ganz in der modernen Bildung und Gesittung, in Wissen und Kunst darin lebt, auf eine Christus-Vorstellung stoßen kann, die so sich entwickelt hat, daß sie der ganzen modernen Gesittung wohl angemessen ist. Das wird die anthroposophische Christus-Vorstellung unserer Geisteswissenschaft sein. Manches wird sie uns lehren. Sie wird uns lehren, auch den richtigen Standpunkt zu gewinnen gegenüber der äußeren Welt.
[ 26 ] Oh, diese äußere Welt! Auf welchem Wege ist sie heute! Ich habe einiges schon letzthin im Vortrag, den ich öffentlich halten durfte, angedeutet. Hier kann man noch genauer darüber sprechen. Gewiß, man muß sie bewundern, diese materielle Kultur und alles dasjenige, wozu Technik, Industrie und so weiter es gebracht haben. Unendliche Geisteskraft ist hineingeflossen in dieses materielle Leben, und es beansprucht viele menschliche Geisteskräfte. Aber diese menschlichen Geisteskräfte, wern dienen sie denn? Sofern sie die materiellen Bedürfnisse der modernen Menschheit befriedigen, dienen sie dem Ahriman. Was der Christus Jesus einmal durchlebt hat — die Versuchung durch Ahriman —, wahrhaftig, die gewöhnlichen Menschenseelen, sie können nicht auf einmal diese Erschütterung durchleben. Es muß sich für die Menschen verteilen diese Versuchung. Aber es gehört zu dieser Verteilung der Versuchung, daß der Mensch zugerufen erhält von Ahriman: Ja, denke nur mit der Kraft deiner Wissenschaft, mit alldem, was du herausfinden kannst durch die auf Technik, Industrie und so weiter angewandte Wissenschaft. Denke nur mit alldem, und wende das auf nichts anderes an als auf das äußere Erdenleben. Mir kann es schon recht sein. Wenn du mich nicht siehst, finde ich es allerdings — so meint Ahriman — angemessen meinen Zwecken. Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft: da habe ich dich schon unbedingt, wenigstens so lange du mich nicht siehst. Da flöße ich dir ein den 'Trieb, Vernunft und Wissenschaft nur für irdische Dinge zu verwenden!
[ 27 ] Da muß es dann schon etwas anderes geben, was dem Dienste, der dem Ahriman geleistet wird, das Gleichgewicht halten kann. Deshalb ist es nicht ohne Bedeutung, daß einmal zusammengenommen wird dasjenige, was durch moderne Technik und so weiter geleistet werden kann und daß etwas gebaut wird, was nicht dem äußeren Leben dient, was rein dem geistigen Leben dienen soll.
[ 28 ] In alten Zeiten brachte man den Göttern Opfer dar, die Erstlingsfrüchte der Herde und des Feldes. Man brachte sie den Göttern zum Opfer. Ich will heute nicht über den Sinn des Opfers sprechen. Aber fühlen werden Sie den Sinn dieses Opfers, wie es in neuer Zeit vorhanden sein soll. Als die Menschen hingegangen sind mit den Früchten und sie den Göttern geopfert haben, da haben sie, trotzdem sie die Früchte des Feldes geopfert haben, die anderen genossen, nachdem sie die Erstlingsfrüchte den Göttern zum Opfer hingetragen haben. Wahrhaftig, nicht von falscher Askese geht Geisteswissenschaft aus. Nicht wird sie sich der Unmöglichkeit schuldig machen, zu donnern gegen die moderne Kultur mit allen ihren materiellen Segnungen. Die erkennt sie an. Aber sie muß, wenn sie nicht bloß dem Ahriman dienen will, etwas von den Erstlingen dieser äußeren materiellen Kultur den Göttern zum Opfer bringen.
[ 29 ] Sie sehen, es ist ein tiefer Gedanke, der dem Bau zugrunde liegt, der sich draußen auf dem Hügel in Dornach erhebt, der Gedanke, daß wir darbringen wollen die Erstlinge der modernen materiellen Kultur den Göttern zum Opfer. Alles ist anders geworden in der Zeit, in der wir leben, gegenüber der Zeit, durch die in vorhergehenden Inkarnationen unsere Seelen durchgegangen sind. Aber verstehen müssen wir, was wir zu tun haben, so wie wir verstanden haben, was zu tun war, indem wir in den früheren Inkarnationen unter den Leitungen der geistigen Leuchten wirkten. Wahrhaftig, schwierig ist es in unserer Zeit, weil wir auf das Wesen unserer Zeit, auf die Eigenschaften unserer Seelen Rücksicht nehmen müssen und weil uns nicht mehr jene äußere Autorität zu Hilfe kommen kann, die den Religionsstiftern zu Hilfe kam, und weil wir durch ganz andere Kräfte wirken müssen. Und so wie Christus das «Wort» war, so wird wahre Geisteswissenschaft nur durch das Wort wirken wollen und darf durch nichts anderes wirken.
[ 30 ] Wir sehen durch solche Betrachtungen den Zusammenhang der Welt, in der wir auf Erden leben im physischen Leib, und der geistigen Welt. Und wir sehen, wie uns, wo wir auch die Betrachtungen einsetzen, überall das Mysterium von Golgatha wie die Seele dieser Betrachtungen entgegenleuchtet. Aber wir müssen uns auch wirklich — auch das sei hier gesagt — reif machen, richtig reif machen, um dasjenige, was die neuere Geisteswissenschaft sein soll, wirklich zu verstehen, wirklich in diese Geisteswissenschaft so einzudringen suchen, daß wir niemals außer acht lassen: diese Geisteswissenschaft muß da sein, weil die Menschheit mündig werden muß.
[ 31 ] Wahr ist es, ganz wahr, daß in einer gewissen Weise die Menschheit heruntergestiegen ist aus höheren geistigen Regionen, daß sie von dem alten atavistisch gewordenen Hellsehen abgekommen ist, indem sie durch ihren Verstand und die übrige Wissenschaftlichkeit eine Weltanschauung begründete. Und wahr ist es auch, daß wir den Fortschritt der Entwickelung ernst nehmen müssen, daß wir uns klarwerden müssen, wie wir jetzt in dem Zeitpunkt leben, in dem der Mensch die Mission hat, sein Denken zu entwickeln, wirklich durch sein Denken vorwärtszukommen, durch das Studium zu lernen. Die Geisteswissenschaft ist dasjenige, wovon wir ausgehen müssen. Wir müssen suchen, uns hinein zu vertiefen in diese Vorstellungen, damit diese Vorstellungen in uns anregen das, was unsere Seelen in Zukunft brauchen. Jeder kann das, was Geisteswissenschaft gibt, wirklich verstehen und begreifen. Diejenigen, die sagen, man müsse glauben, man könne nicht begreifen, was in der Geisteswissenschaft gegeben wird, die reden, ohne zu wissen, wie die Dinge wirklich sind.
[ 32 ] Wenn uns in unserer Zeit Menschen entgegentreten, die nicht durchgehen durch das geistige denkerische Verständnis, sondern die wie von selbst heraufkommend gewisse psychische, seelische Fähigkeiten zeigen, so sollen wir uns auch nicht beirren lassen durch solche Tatsachen. Verstehen wir die ganze Mission der Geisteswissenschaft, so wissen wir, daß die Seelen, die heute denken, deshalb denken können, weil das Hellsehen der früheren Zeiten zurückgedrängt worden ist. Wenn solche Menschen auftreten, die von selber das Hellsehen haben, die es nicht erworben haben, so sollen wir in ihnen Menschen sehen, die auf einer früheren Stufe zurückgeblieben sind, und die heute in einer solchen Gesellschaft eher gehegt und gepflegt werden müssen, als daß man sie als besonders vollkommen ansehen dürfte. Falsch ist das Urteil, das jemand haben würde, der so sagen würde: Da ist jemand, bei dem dämmern die Hellseherkräfte auf, der ist eine besonders reife Seele, der hat besonders hohe Inkarnationen durchgemacht. — Ein solcher Mensch, der wie durch Naturgabe hellsichtige Kräfte hat, der hat viel weniger durchgemacht als derjenige, der ein Denker ist, heute. Das soll schon verstanden werden innerhalb unserer Gesellschaft. Dann könnte unsere Gesellschaft — ich muß das sagen, es ist mir auferlegt — eine Pflegestätte sein auch für solche Seelen, welche psychische Kräfte entwickeln. Ste würden gerade in unserer Gesellschaft diese psychischen Kräfte auf einen rechten Weg bringen können. Und die Gesellschaft gerade könnte das geben, was ihnen sonst nirgends gegeben werden kann: Ordnung für ihre psychischen Kräfte. Dann muß aber unsere Gesellschaft in ihrer Mehrzahl Mitglieder haben, welche, wie es gesagt worden ist, tief, tief innerlich wissen, welches die Mission wahrer Geisteswissenschaft in der Gegenwart ist. Dann würde sich nicht wiederholen der Fall, der uns in den letzten Tagen so betrübt hat: daß ein Mitglied, welches aufgenommen worden ist in der Meinung, daß unsere Gesellschaft die Pflegestätte sein könnte auch für noch hellseherisch wirkende psychische Kräfte, daß dieses Mitglied gerade da das Wirkungsfeld finden konnte, wo es gleich wirken konnte wie ein Prophet. Dadurch kommt natürlich alles das, was, wenn es durchdringen würde, unsere Gesellschaft zu dem genauen Gegenteil von dem machen würde, was sie sein soll nach den Intentionen der geistigen Mächte, von denen sie sich getragen fühlt. Wir haben leider erfahren müssen den Fall ..., der aus nordischen Landen gekommen ist, der vielleicht ein gutes Mitglied hätte werden können, wenn er in Bescheidenheit seine psychischen Kräfte weitergebildet hätte. So aber verbreitete sich sogleich eine Art Nimbus um ihn. Überall trat er heilend auf in einer Weise, die nur bedauerlich gefunden werden muß. Das muß schon gesagt werden. Die Notwendigkeit war gegeben, zu erklären, daß er nicht mehr weiter als Mitglied unserer Gesellschaft angesehen werden kann, weil unsere Gesellschaft gerade in das Gegenteil von dem verwandelt würde, was sie sein soll, wenn wir nicht mit aller Sorgfalt immer hinweisen würden auf diesen Psychismus, der sich nicht durchdringen will mit wahrer Geisteskraft, die doch die wahre Kraft des Christus ist. Nicht das Psychische, sondern der Christus in mir muß wirken. Alles das muß so behandelt werden, daß wir sagen: Unsere Gesellschaft hat damit nichts zu tun. Sie weiß kein anderes Mittel als das, was in den letzten Tagen gewählt wurde. Es mußte leider dasjenige, wofür man sonst prinzipiell gar nicht ist, geschehen: es mußte der Ausschluß vollzogen werden.
[ 33 ] So hängt allerdings dieses zusammen mit der ganzen ernsten und würdigen Auffassung der Mission der Anthroposophischen Gesellschaft. Und wahrhaftig, wenn man prinzipiell Gegner jedes Ausschließens ist und dennoch in solchem Fall sich nicht widersetzen kann dem Ausschluß, werden Sie verstehen, daß man nur mit dem tiefsten Leidwesen so etwas durchleben kann, was in den letzten Tagen durchlebt werden mußte. Es wird immer weniger durchlebt werden, wenn sich unsere lieben Freunde immer mehr durchdringen werden mit dem, was so oftmals gesagt wird und was auch wiederum mit den Ausführungen dieses Abends gemeint war.
[ 34 ] Damit will ich diese Ausführungen abschließen und sie Ihnen, meine lieben Freunde, in die Seele legen.
