Okkultes Lesen und okkultes Hören
GA 156
5 Oktober 1914, Dornach
Dritter Vortrag
[ 1 ] Aus den Auseinandersetzungen, die wir gestern und vorgestern gepflogen haben, werden Sie ersehen haben, daß okkultes Lesen und okkultes Hören in Erlebnissen der menschlichen Seele bestehen. Ich habe verschiedene Vergleiche gebraucht, um darzulegen, wie man eins werden muß erstlich schon mit den Zeichen, die sich in der Imagination dem Seher darbieten, und dann selbstverständlich des weiteren mit dem, was diese Zeichen von geistigen, von spirituellen Realitäten bedeuten.
[ 2 ] Ich möchte Ihnen nun zunächst eine genauere Vorstellung geben soweit das bei der Kürze, die durch die wenigen Vorträge, die gehalten werden können, möglich ist, und wenn das auch wegen der Kürze der Zeit nur eine annähernde Vorstellung sein kann — von all dem, was notwendig ist, um vom ungeordneten Hellsehen aufzusteigen zu geregeltem wirklichem Hellsehen, das man eben okkultes Lesen, okkultes Hören nennen kann. Das erste, was ich auseinandersetzen möchte, könnte man nennen den Vokalismus der geistigen Welt. Die Art, wie man gewissermaßen — es ist natürlich doch im Grunde vergleichsweise ausgedrückt — die Vokale der geistigen Welt hören und lesen lernt, das ist natürlich ein viel innerlicherer Prozeß, als alle Prozesse des gewöhnlichen Lebens sind, und wir werden durch mancherlei Umschreibungen uns nur nähern können demjenigen, was man Erleben der Vokale, der Selbstlaute des Kosmos nennen könnte. Aus dem, was ich gestern angedeutet habe, werden Sie auch ersehen haben, daß man von sieben solchen Vokalen sprechen kann; denn wir können sie symbolisch parallelisieren mit dem planetarischen System.
[ 3 ] Nun gehen wir noch einmal zurück auf das, was ich gestern beispielsweise erwähnt habe: das Aufsuchen eines Toten. Davon bin ich ja ausgegangen. Ich versuchte bei dieser Gelegenheit namentlich die Art der Erlebnisse zu erörtern, durch die man allmählich hineinwächst in das Erfahren der geistigen Welt. Wir haben gehört, daß man zunächst durch die verschiedenen Vorbereitungen, die der Seher durchzumachen hat, dazu kommt, eine Bilderreihe zu schauen. Dieser Bilderreihe steht man im Grunde genommen eigentlich so gegenüber wie den Dingen der Außenwelt. Man steht auch einem Traumbild so gegenüber wie den Dingen der Außenwelt. Erst nach und nach gelangt man dazu, wie wir gesehen haben, sich zu identifizieren mit den Bildern, sie gleichsam aufzuzehren, eins zu werden mit diesen Bildern, ganz darin zu leben in diesen Bildern.
[ 4 ] Nun aber muß man genau ins Auge fassen, wenn man wirklich den geistigen Realitäten gegenübersteht — das heißt, wenn diese Bilder zuletzt dazu führen, sagen wir, den Toten zu finden oder irgendein anderes Geschehnis oder Wesen der geistigen Welt, wie das gestern erörtert worden ist —, daß das Zeichen sind von spirituellen Realitäten. Dann sind sie als Bilder eben selber Realitäten, die selber eine spirituelle Wirklichkeit ausdrücken. Und die Bilder sind eine Wirklichkeit, denn sie sind da, diese Bilder.
[ 5 ] Die Frage muß nun entstehen: Sind denn diese Bilder nur dann da, wenn der Seher sich entsprechend vorbereitet und es dazu bringt, diese Bilder zu schauen? Sie sind nicht nur dann da, diese Bilder, und das ist sehr wichtig, daß man das ins Auge faßt. Nehmen Sie an, Sie stünden oder säßen irgendwo, Sie wären genügend vorbereitet, irgend etwas zu schauen, und eine Bilderreihe träte so fluktuierend, ablaufend vor Ihre Seele. Wenn nun, statt daß ein Seher sich in dieser Lage befindet, ein anderer Mensch dazu kommt, diese Bilderreihe zu schauen, der gar nichts von Sehergabe hat und nur die gewöhnlichen Bilder von der physischen Welt in seiner Umgebung sieht sind dann diese Bilder nicht da? Sie sind immer da, sie sind richtig immer da.
[ 6 ] Anders gesprochen, wie ich es vorgestern auseinandergesetzt habe: Wir sind in Wirklichkeit in diesem Bukettchen drinnen; daß wir es wahrnehmen, beruht auf der Spiegelung durch unseren eigenen Organismus. In dem Augenblick, wo der Seher, ausgehend von seiner Vorbereitung, dazu kommt, ein entsprechendes Geistiges imaginativ vor seiner Seele zu haben, da ist er auch darinnen. Durch die spätere Prozedur, sich damit zu identifizieren, vollführt er nur einen Bewußtseinsprozeß; in Wahrheit ist er drinnen. Aber nicht nur der Seher ist darinnen, sondern auch jeder andere Mensch. Wenn man mit den gewöhnlichen physischen Augen und dem physischen Vorstellen einem Gegenstand gegenübersteht, ist man nicht nur in dem physischen Gegenstand darin — der ja, wie wir gesehen haben, überhaupt nur eine Täuschung ist —, sondern man ist auch in dem geistigen Wesen drin. Man ist immer auch in den geistigen Wesen, die nicht physisch verkörpert sind, drinnen. Also in den Bildern, von denen der Seher ein Stück schaut, steckt der Mensch immer darin. Sie sind immerzu in der Umgebung da, der Mensch steckt immer darin. Sie bleiben unwahrnehmbar, unsichtbar aus dem Grunde — könnte man abstrakt sagen —, weil das menschliche Wahrnehmungsvermösgen zu dumpf und zu grob ist, um diese feinen, webenden Wesenheiten und Gebilde mit seinen gewöhnlichen groben Sinnen wahrzunehmen.
[ 7 ] Das ist abstrakt gesprochen. Wir könnten aber noch ein anderes Warum aufwerfen: Warum ist es überhaupt so in der Welt, daß wir das, was geistig in der Welt herumflutet, in dem wir doch darinnen sind, nicht wahrnehmen? Warum ist es eigentlich so? Warum das so ist, das erfährt man erst, wenn man anfängt, sich zu identifizieren mit den Imaginationen, wenn man den Prozeß wirklich ausführt, den ich gestern besprochen habe. Dann erfährt man, warum der Mensch nicht bewußt darin sein kann in der geistigen Welt, die doch rings um ihn herum ist. Wie erfährt man es?
[ 8 ] Noch einmal sei es gesagt: Eine Bilderreihe steht vor der Seele. Man versucht, sich zu identifizieren mit ihr, man verdaut sie gleichsam, man vereinigt sich mit der Bilderreihe, man ist in ihr nunmehr. Das weiß man jetzt. Nun kann man sich aber auch in diesem Augenblick die Frage beantworten, warum man denn nun eigentlich aus seinem Leibe draußen bleiben muß, warum man sozusagen hinausgehen muß aus seinem Leibe, draußen sich identifizieren muß mit der Bilderreihe, wenn man sie wahrnehmen will, und sie nur, wie wir gesehen haben, zurückgespiegelt erhalten kann vom eigenen Ätherleib. Man erfährt, warum das notwendig ist, warum das so eingerichtet ist in der Welt, wenn man es erlebt.
[ 9 ] Durch das, was man nun mit diesen Bildern erlebt, wenn man sich mit ihnen identifiziert hat, weiß man unmittelbar dieses: Würde man jetzt identisch, identifiziert mit der Bilderreihe, zurückgehen in den physischen Leib, würde man nicht draußen bleiben und warten, bis der Ätherleib das Wesen der Bilder spiegelt, würde man alles das, womit man eins geworden ist, in seinen physischen Leib hineintragen, also in den Raum, der von der Haut umschlossen ist, so würde man sofort den physischen Leib bis zur Todesreife zerstören. Es würde sofort der Keim des Todes im physischen Leibe sein. Es ist nicht möglich, dasjenige, womit man sich da identifiziert hat, hineinzutragen in den physischen Leib. Der Mensch kann sich nur damit identifizieren, wenn der Tod wirklich eintritt. Wenn der Tod im Erdendasein wirklich eintritt, dann ist die Seele so weit, daß sie sich identifizieren kann mit dem, was draußen als Imagination lebt im natürlichen Verlauf des Lebens. Dann tritt aber eben auch der Tod ein.
[ 10 ] Also Sie sehen, man kann in tiefstem Ernst dasjenige nehmen, was wie ein Motto gewaltiger Art durch alle okkulten Betrachtungen hindurchgeht. Das ist der Ausspruch, den alle Okkultisten getan haben, die wirklich im echten, wahren Sinne des Wortes Okkultisten geworden sind: Man gelangt in dem Augenblick, wo man zum wirklichen Hellsehen kommt, zu einem Erlebnis, durch das man dem Tod gegenübersteht. Man gelangt an die Pforte des Todes. — Ich habe das oftmals von andern Seiten her betont: man lernt erkennen, wie es mit dem Menschen steht, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Man kann nicht zum Hellsehen kommen, ohne diesen ernsten, gewaltigen Augenblick durchzumachen, der von den Okkultisten als das Stehen an der Pforte des Todes bezeichnet wird.
[ 11 ] Aber man lernt noch etwas anderes. Ich habe in einem Münchner Vortragszyklus schon einmal darauf hingedeutet, aber von einer andern Seite. Man lernt nämlich nunmehr in tiefstem Ernst eine Frage aufwerfen, die eine Lebensfrage der Geisteswissenschaft ist. Man lernt die Frage aufwerfen: Ja, wie steht es denn eigentlich mit uns Menschen, da wir doch im Grunde immerfort leben im fluktuierenden Gewebe geistiger Wesenheiten, das wir nicht in unseren physischen Leib hineintragen können, ohne den Todeskeim hineinzutragen? Draußen sind wir immer umgeben von Imaginationen, wir sind gleichsam in einer Sphäre von Imaginationen drinnen; die dürfen aber nicht in uns herein. Was kommt denn von diesen Imaginationen in uns herein? Schattenbilder, Reflexionen, Spiegelbilder, als unsere Gedanken, als unsere Vorstellungen. Da draußen sind die vollsaftigen realen Imaginationen. Sie spiegeln sich in uns, wir erleben sie in der abgeschwächten, schattenhaften Form unserer Gedanken und Vorstellungen. Würden wir sie in ihrer Vollsaftigkeit hereintragen in uns, würden wir sie nicht bloß zur Spiegelung bringen, so würden wir in jedem Augenblick vor der Gefahr des Todes stehen.
[ 12 ] Was liegt denn da eigentlich vor? Es liegt nichts Geringeres vor, als daß wir durch die Welteneinrichtung davor bewahrt werden, die geistigen Wesenheiten und Vorgänge, die uns umgeben, in ihrer Vollsaftigkeit zu erleben. Wir sind geschützt dadurch, daß uns im gewöhnlichen Alltagsbewußtsein nur Schattenbilder dieser vollsaftigen geistigen Wesenheiten berühren. Und doch, eine ganze Summe von diesen Imaginationen gehört zu uns, gehört zu den Kräften, die schöpferisch an uns tätig sind. In dieser Welt der Imaginationen leben die Schöpferkräfte in uns selber. Wir dürfen sie nicht in der ursprünglichen Form erleben, nur in der abgeschatteten Form, in der sie als Gedanken in uns sind. Das kann nur dadurch sein, daß uns jemand im gewöhnlichen Erleben abnimmt dieses Erleben der Imaginationen, die zu unseren Gedanken gehören. Erlebt müssen sie doch werden. Wir können sie nicht erleben, erlebt müssen sie von stärkeren Wesen werden, als wir sind, von solchen Wesen, die sie ertragen können in ihrer Geist-Seelenorganisation, ohne daß sie in die Gefahr des Todes kommen. Während wir denken, während wir mit unserer Seele leben, muß fortwährend ein Wesen über uns walten, welches uns das Erleben der unseren Gedanken und Vorstellungen zugrunde liegenden Imaginationen abnimmt. Haben Sie irgendeinen Gedanken, irgend etwas, was Sie in Ihrer Seele erleben, so entspricht diesem Erlebnis eine Welt von Imaginationen draußen. Und ein Wesen muß über Ihnen walten, das Sie gleichsam beschützt, behütet und bewacht, das Ihnen abnimmt, was Sie nicht selber ausführen können.
[ 13 ] Jetzt sind wir an einer Stelle, wo wir in noch realerem Sinne, als es bisher geschehen ist, von den Wesenheiten der nächsthöheren Hierarchie, von den Angeloi sprechen können. Da sind sie gleichsam zum Greifen nahe, diese Wesen. Da sehen wir, wie sie wachen und behüten müssen dasjenige, was wir nicht selber ausführen können. Aber es kann eintreten, und muß eintreten für den Seher, daß er das, was ich eben gesagt habe, noch viel, viel deutlicher wahrnimmt. Das ist dann der Fall, wenn er eine Stufe weitergeht in seinem Sehertum.
[ 14 ] Wir haben gestern ja dasjenige erwähnt, was dazu führt, sich zu identifizieren mit der Imagination, der Bilderreihe, die vor uns auftritt. Dieses Identifizieren wird so erlebt, daß man gleichsam die Imagination verdaut, sie in sich aufsaugt. Dadurch verschwindet sie als Imagination, die außer uns steht, aber wir erleben uns in ihr, wir sind eins mit ihr. Aber es kann die Sache noch weiter gehen. Ich will zunächst von der Schilderung des subjektiven Erlebens ausgehen. Ich habe gestern gesagt, man kommt zu dem, was ich wiederholt beschrieben habe, wenn man sich in Meditation, in Konzentration versenkt. Da kommt man dazu, eine solche Bilderreihe zu erleben, mit der man sich identifizieren kann. Ich habe schon gestern erwähnt, daf3 wenn man durch Meditation und Konzentration hervorgerufen hat eine solche Bilderreihe, den Versuch gemacht hat, in diese Bilderreihe gleichsam hineinzukriechen, daß dann gar nicht gleich das okkulte Lesen und Hören auftreten muß, das wirkliche Wahrnehmen der geistigen Wesenheit des Toten, den man sucht. Es kann abbrechen, wie ein Vorgang im Traume abbricht, und später kann das eintreten, was als Folge eintreten soll.
[ 15 ] Aber wenn man immer weiter und weiter schreitet, wenn man die nötige Geduld und Ausdauer hat, um durch Meditation und Konzentration immer weiterzukommen in seiner okkulten Entwikkelung, dann erfährt man den Vorgang noch in einer anderen Art. Man kann ihn in folgender Weise erleben: Man stellt sich die Aufgabe, ein Wesen, einen Vorgang in der geistigen Welt zu beobachten. Man versetzt sich in die Meditation, in die Konzentration. Man zieht sich dadurch heraus aus dem physischen Leib, kommt dann in jenen Zustand, wo der Inhalt der Seele, den man durch die Meditation selber hervorgerufen hat, abflutet, wo man den Übergang verspürt und bemerkt: jetzt wird es gleichsam finster. Was Sie in Ihrer Seele hervorgerufen haben, das flutet ab, und aus dem Unbestimmten taucht eine Bilderreihe auf, lebendiger, viel lebendiger, als die Träume sind.
[ 16 ] Jetzt steht man bewußt der Bilderreihe gegenüber. Und wenn man weiß, man steht dieser Bilderreihe gegenüber, dann taucht man bewußt unter. Indem man untertaucht, kann wiederum der Moment eintreten, wo man weiß: Ja, du hast dich jetzt identifiziert mit der Bilderreihe, du bist eins geworden mit ihr, du bist darinnen. Aber man fühlt schon eigentlich sich selbst nicht mehr, man fühlt sich wie untergehend im Weltenall, im Kosmos, man fühlt sich wie im allgemeinen Nichts darin. Man hat sich identifiziert, hat ganz ausgelöscht die Bilderreihe, hat nichts an deren Stelle bekommen. Aber durch die Praxis des Meditierens muß man die Kraft erhalten, daß man nicht verzagt, nicht verzweifelt, nicht dazu kommt zu glauben, man löse sich jetzt auf in die Nichtigkeit. Man hat die Zuversicht, daß man nicht zu dem Gefühl völligen Verlassenseins kommt, zu dem man leicht kommen könnte. Kurz, man taucht, wie in das Nichts hineinschwimmend, in den allgemeinen Kosmos unter. Und dann ist es, wie wenn man aufwachte, aber nicht aus dem Schlaf, sondern aus etwas voll Bewußtem. In dem Moment, wo man aufwacht, weiß man: Das war nicht ein Schlaf, in dem du jetzt warst. Das hast du nicht so durchlebt, wie du die Bewußtseinsleerheit des Schlafes durchlebst. Das war etwas anderes. Da ist etwas geschehen in der Zwischenzeit, etwas, bei dem du dabei warst. Und jetzt bist du wieder aufgewacht. Jetzt kommen in dein Bewußtsein herein diese Geschehnisse, die du nicht voll bewußt erleben konntest, bei denen du aber nachher ganz genau weißt: Du hast sie erlebt. — Es ist wie eine Erinnerung. Man erinnert sich an etwas, das man nicht mit dem gewöhnlichen Selbst durchgemacht hat, das man aber so erlebt hat, daß man aus dem gewöhnlichen Selbst herausgehoben war. Und nun, wo es ins Bewußtsein hereinkommt, da erlebt man das, worauf man ausgegangen ist, worauf man losgesteuert ist, was man zu schauen als Aufgabe sich gestellt hat. Jetzt weiß man, du hast etwas durchlebt, man möchte sagen denkend durchlebt, — «denkend» hat nur hier eine viel höhere Bedeutung als im Physischen —, du hast etwas denkend durchlebt. Aber wenn du auch noch so entwickelt bist als Mensch, was du als Mensch sein kannst, das kann nicht das erleben, was du da durchgemacht hast, während du gleichsam untergetaucht warst in das relative Nichts. Das kann ein Mensch nicht durchdenken, kann er nicht denkend durchleben. Deshalb mußte in der Zeit zwischen dem Untertauchen und dem Wiederauftauchen ein anderes Wesen die Funktion des Denkens für dich übernehmen, in dir drinnen denken. Du kannst nicht selber denken. Du kannst dich nur nachher erinnern, was dieses Wesen, das Angeloswesen, in dir gedacht hat. Man weiß, man war in der Zwischenzeit verwoben gewesen mit seinem Angeloswesen, das hat für einen gedacht, während das Bewußtsein herabgedrückt war. Jetzt wacht man auf, und man erinnert sich mit dem gewöhnlichen Gedankenerleben an das, was der Angelos in einem erlebt und gedacht hat.
[ 17 ] Das ist der Vorgang. So erringt man sich in der Regel Erlebnisse geistiger Art, wie die sind, von denen wir öfter gesprochen haben. Man erringt sie so, daß man weiß, man muß erst in einen Zustand kommen, wo ein Wesen der nächsthöheren Hierarchie in einen eintritt, sich selber mit einem identifiziert, so daß man, was man in seiner eigenen Schwäche nicht könnte, durch das in einem ruhende Wesen der nächsthöheren Hierarchie vermag, aber bei herabgedrücktem Bewußtsein. Es darf zunächst nicht erlebt werden in der Realität, sondern erst hinterher in der Erinnerung im vollen IchBewußtsein.
[ 18 ] Das macht es, daß eigentlich jene geistigen Erlebnisse, die uns gewährt werden, zu einer gewissen Zeit erlebt, und zu einer anderen Zeit uns bewußt werden. Wenn ich zum Beispiel so etwas erlebt habe, wie ich es erzählt habe über unseren lieben Freund Christian Morgenstern, so haben Sie ein solches reales Erlebnis. Selbstverständlich wird es aber bewußt erst nach dem Erleben, weil während des Erlebens eine Wesenheit der nächsthöheren Hierarchie die Funktion des Wissens übernehmen mußte.
[ 19 ] Wiederum können Sie bedenken, warum das so sein muß. Würden wir erst das hereintragen in unseren eigenen Organismus, was in uns ein Wesen der höheren Hierarchie erlebt, dann würden wir nicht nur unseren eigenen Organismus töten, sondern wir würden ihn in seiner Organisation zersprengen in seine Atome. Wir sorgten nicht nur für seinen Tod, sondern im Moment zugleich für seine Verbrennung.
[ 20 ] Jetzt sehen Sie wiederum, daß uns das Sehertum in Zusammenhang bringt mit dem, was wir die Pforte des Todes nennen. Man kann sagen, daß man eigentlich das, was Tod ist, was Tod bedeutet, nur dadurch anschauen kann, daß man sich aufschwingt zu den Seelenstimmungen, die herauskommen durch die geschilderten Erfahrungen. Denn dadurch ergreift man die menschliche Individualität außerhalb des physischen Leibes, und man weiß dann, wie sie außerhalb des physischen Leibes sogleich aufgenommen werden muß in den Schoß der Wesenheiten der höheren Hierarchien, damit sie nicht zerstörend, nicht todbringend wird dem eigenen Wesen auf dem physischen Plan. Und real, unendlich real wird das Gefühl des Ruhens der menschlichen Seele im Schoße eines Wesens der höheren Hierarchien. Nun lernt man erst wissen, wie es jenseits des Todes aussieht. Man weiß: Hier auf der Erde sind wir umgeben vom Mineralreich, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich. Jenseits des Todes treten wir ein in den Schoß der höheren Hierarchien, deren Umgebung wir ebenso angehören wie hier der Umgebung der uns umgebenden physischen Wesenheiten. Ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Wesen der höheren Hierarchien greift in unserer Seele Platz. Mit diesem Gefühl können wir uns durchdringen. Und wir lernen so recht kennen, daß ein wahrhaftiges Eindringen in die geistigen Welten gar nicht möglich ist, ohne gewisse Gefühle mit sich zu bringen, die man religiös-fromme Gefühle nennen kann, Gefühle des Hingegebenseins an die höhere geistige Welt.
[ 21 ] Diese Gefühle, die ich eben geschildert habe, sind so nuanciert, daß sie eine bestimmte Seelenstimmung hervorrufen. Diese Seelenstimmung, die ich nicht anders bezeichnen kann als eine Stimmung des Ruhens im Schoße geistiger Wesenheiten, die braucht man für das wirkliche Erleben der geistigen Welten so, wie man in der physischen Menschenwelt, damit man sich mit den andern Menschen verständigen kann, in die Notwendigkeit versetzt ist, durch seinen Kehlkopf und die anderen Sprechwerkzeuge ein I hervorzubringen. Was in der gewöhnlichen Menschensprache möglich macht, ein I hervorzubringen, das macht in den höheren Welten die Seelenempfindung, die aus der Hingegebenheit fließt. Das Erleben dieser Art von Hingegebensein ist einer der Vokale der höheren Welten. Und man kann nichts wahrnehmen, nichts lesen und hören in den höheren Welten, wenn man nicht gleichsam diese Seelenstimmung hinhalten kann — und dann abwartet, was einem die Wesenheiten der höheren Welten mitzuteilen haben, weil man ihnen diese Seelenstimmung entgegenbringt. Aus solchen Stimmungen der Seele, aus solcher Art den höheren Welten gegenüberzustehen, setzt sich der Vokalismus des Kosmos zusammen.
[ 22 ] Also, wenn man das Gefühl hat: Dich umgibt eine Welt, aber du kannst mit deinen schwachen Menschenkräften nicht leben in dieser Welt, es darf dasjenige, was dich da umgibt, indem du in deinem physischen Leibe lebst, nur im Schattenbilde deiner Gedanken und Vorstellungen wahrgenommen werden, oder, besser gesagt, aus dir sich spiegeln, du darfst nicht unmittelbar diese Imaginationen erleben, das muß dir im gewöhnlichen Leben abnehmen das dich schützende Engelwesen — wenn man das innerlich empfindet mit dem nötigen Timbre des innerlichen Frommseins, dann hat man die Fähigkeit, einen der Vokale der geistigen Welt wahrzunehmen.
[ 23 ] Eine nächste Stufe hängt davon ab, daß man etwas entwickelt, worauf schon hingedeutet ist in meinem Buche «Die Schwelle der geistigen Welt». Man lebt sich so, wie ich es da beschrieben habe, ein in die geistige Welt. Der Vorgang zeigt ja, daß man gleichsam aus sich selber herauskommt, sich mit anderem identifiziert. Das genügt aber noch nicht, genügt keineswegs. Notwendig ist, daß man sich nicht nur identifizieren kann, sondern daß man sich auch zu verwandeln vermag in andere Wesenheiten, daß man wirklich nicht nur das bleibt, was man war, als man aus sich herausgegangen ist, sondern daß man sich in andere Wesenheiten zu verwandeln vermag, daf man wirklich das werden kann, in das man hineingeht.
[ 24 ] Eine gute Vorbereitung, um das zu können, ist das immer und immer wieder Üben des liebevollen Interesses für alles, was uns in der Welt umgibt. Man kann gar nicht sagen, wie unendlich bedeutungsvoll es für den werdenden Okkultisten ist, immer mehr und mehr zu sehen, daß das liebevolle Interesse für alles, was uns in der Welt umgibt, erwacht. Es ist dies ein Wort, das man leider gewöhnlich nicht tief genug nimmt, daher kommen die geringen Erfolge, die oftmals im Okkultismus gemacht werden. Es ist ja im Grunde nur zu natürlich, daß der Mensch in der Regel sich doch mit der nötigen Kraft des Interesses nur für sich selbst interessiert. Wirklich, auch wenn man es nicht recht glauben will und dem Ding einen anderen Namen gibt, am allermeisten interessiert man sich doch für sich selbst, und im allergeringsten Maße für etwas anderes.
[ 25 ] Nun muß man allerdings auch sagen, daß durch die Einrichtung des Weltenalls dafür gesorgt ist, daß man immerfort für sich selber Interesse haben muß. Man muß sich wirklich schon anstrengen, um sich nicht fortwährend für sich selber zu interessieren. Denn, nicht wahr, das Leben auf dem physischen Plane bringt es ja mit sich, daß man sich für sich selber interessiert. Ich will absehen davon, daß selbstverständlich, wenn einen eine Krankheit befällt und einem dies oder jenes weh tut oder nicht in Ordnung ist, man sich natürlich für sich interessiert. Da ist das in der Ordnung, da kann man nicht anders, als sich für sich selber interessieren. Es könnte selbst in einem solchen Falle durch Anstrengung errungen werden die Möglichkeit, sich nicht für sich selbst zu interessieren; das ist aber außerordentlich schwierig. Es könnte sein, daß man von einer Krankheit befallen wird und sich eigentlich nicht besonders dafür interessiert, daß man diese Krankheit hat, daß es einem vielmehr im höchsten Grade gleichgültig ist, daß man diese Krankheit hat, aber daß man sich dafür interessiert, wie aus dem ganzen Kosmos heraus so etwas entstehen konnte, wie es dieser Prozeß ist. Das kann einen interessieren, daß da an einem Punkte des Kosmos etwas auftritt, das innerhalb der eignen Haut liegt, also daß man sich so interessierte auch für eine schwere Krankheit, wie man sich interessiert für etwas, was außerhalb von einem selber ist.
[ 26 ] Sie werden zugeben, daß das, was ich geschildert habe, recht schwierig ist. Und so ist es auch mit den allermeisten Dingen, die man auf dem physischen Plan erlebt. Es wird schon sehr schwierig, das Allergewöhnlichste, das unsere Sinne erfahren und das unser Denken erfährt, so zu nehmen, wie wenn man außerhalb seiner Haut steht, und es zu betrachten als ein Objekt. Aber gerade das ist es, was man versuchen muß; nur weil es so ungeheuer schwierig ist, so wird es in der Regel gar nicht angestrebt. Wer gewissenhaft und mit Eifer die Übungen macht, die in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben sind, der kommt nach und nach dazu, bis zu einem gewissen Grade einen solchen Standpunkt zu erreichen, wie er eben geschildert worden ist. Man wird ihn nur auf Umwegen erreichen, weil es unendlich schwierig ist. Aber man wird ihn bis zu einem gewissen Grade erreichen, nämlich in demselben Maße, in dem das Interesse für einen selber abnimmt, so daß man sich nicht mehr ein interessantes Subjekt ist, sondern nur ein interessantes Objekt. Das kann man sein, das schadet nichts, das ist sogar sehr nützlich, sich für sich selbst zu interessieren, wenn man Objekt geworden ist. Aber man verwechsle nur nicht das Objekt-Werden des eigenen Subjektes mit dem Subjekt selbst.
[ 27 ] In demselben Maße, in dem man so anfängt, sich Objekt zu werden, beginnt man sich zu interessieren für alles, was außer einem ist, was um einen herum ist. Dann gewinnt man wirklich die liebevolle, interessevolle Hingabe an die Welt und ihre Erscheinungen. Und wenn man dieses liebevolle Sich-Hingeben an die Welt und ihre Erscheinungen immer mehr und mehr ausbildet, dann kann in der Seele diese Stimmung jenen Grad erreichen, der notwendig ist, daß man aus sich herausgehen und sich in andere Wesenheiten verwandeln, metamorphosieren kann. Man gelangt allmählich dazu, solches zu können. Aber man muß, damit dieses liebevolle Sich-Hingeben möglich ist — der menschlichen Seele sind solche Dinge wirklich schwierig —, man muß versuchen, allerlei Unterstützungen zu finden.
[ 28 ] Ich will heute eine solche angeben, die einem helfen kann. Man kann nämlich damit beginnen, die physische Welt, die einem ja zunächst gegeben ist, zum Anlaß einer Art von okkultem Lesen zu benützen. Ich habe oftmals ein Bild gebraucht, und es ist gut, von diesem Bild auszugehen. Wenn wir einem Menschen gegenüberstehen und sein Antlitz anschauen, dann sind wir uns klar, daß das, was das Auge sieht, diese Grenzen, diese Linien der Haut, nicht das ist, worauf es ankommt. Worauf es ankommt, das ist die Seele, die hinter diesem physiognomischen Ausdruck lebt. Und wenn man die physiognomischen Linien in Papiermache nachbilden würde, so würden die Linien nicht das sein, worauf es ankommt; auf die Seele kommt es an, die den Linien die Form gibt. So kann man auch das, was in der äußeren Natur uns umgibt, so ansehen, wie wenn es eine äußere Physiognomie wäre. Die materialistischen Forscher und der gewöhnliche Mensch treten den Dingen in der äußeren Natur so gegenüber, wie wenn man von einem Menschen nur die äußere Form studieren würde. Es ist so, wie wenn man von einem Menschen sagen würde: Was da Seelisches darinnen ist, das ist Wischi-Waschi, das ist so ein vertrackter Aberglaube von Phantasten. Mich geht nur das an, was die Formen sind, die man genau messen und untersuchen kann. So untersuchen die gewöhnlichen Menschen die äußere Natur. Aber man kann sich sagen: Wie es naheliegt, das menschliche Antlitz als Ausdruck, als Physiognomie seiner Seele zu sehen, so kann man auch die ganze äußere Natur nicht nur so ansehen, wie sie sich gewöhnlich zeigt, sondern man kann sie als Physiognomie ansehen für das, was dahinter als geistige Wesenheiten steht. Und da ist es gut, als Physiognomie der Natur anzuschauen die ganze Tierwelt.
[ 29 ] Nun bedarf es allerdings eines weiteren Gemütsstudiums, um in den Tieren nicht dasjenige zu sehen, was man gewöhnlich sieht, sondern etwas zu sehen, was man so schildern kann: Da fliegt der Adler in der Luft und erhebt sich zur Sonne hin; das ist die Richtung nach aufwärts, in die Höhe, in die geistigen Welten. Ich will den Adler betrachten als das Symbolum des Sich-Erhebens in die geistigen Welten. Ich sehe hinter der menschlichen Hirnschale die Gedanken, die ahnungsvoll, adlerartig emporstreben in die geistigen Welten. Ich sehe, wie sich dieses Emporstreben im aufwärtssteigenden Adler ausdrückt, so wie sich die menschliche Seele ausdrückt in der Physiognomie. Der Adler gehört zur Physiognomie der äußeren Natur. Ich empfinde im aufwärts fliegenden Adler etwas, was so anmutet wie die Stirn in der menschlichen Physiognomie.
[ 30 ] Ich schaue mir den Stier an, der wiederkäuend daliegt, an die physische Natur, an die irdische Materie gebunden, wie er sozusagen in seinem Element nur dann in Wirklichkeit lebt, wenn er ganz aufgeht im Verdauen, wie er verbunden bleibt in seinen ganzen Lebensprozessen mit dem, was er der Erde entnimmt. Erdenschwer erscheint er mir. Ich blicke auf den Menschen und fühle im Geiste: da ist auch etwas Erdenschweres, aber es wird durch das Adlerhafte im Gleichgewicht gehalten. Das Stierhafte kommt nicht auf. Ich empfinde, wie das Stierhafte dem Menschen innewohnt; aber es kommt nicht so auf, wie mir draußen das Stierhafte entgegentritt. Physiognomisch wird für den Menschen das Stierhafte, Erdenschwere der äußeren Natur.
[ 31 ] Ebenso ist es mit dem Löwenhaften. Physiognomisch ist das Herz des Menschen dasjenige, was der Löwe in der äußeren Natur ist. Und so kann es für die ganze höhere und niedere Tierwelt werden. Ein Abbild, ein Symbolum haben diejenigen uns gegeben, die auf das menschliche Seelenwesen bezogen haben Adler, Stier und Löwe. Sie haben versucht, das zu lesen, was für uns aufgeschrieben ist in der äußeren Tierwelt, und aus ihr zu vernehmen, in einzelne Lettern, einzelne Buchstaben getrennt, dasjenige, was im Menschen zusammen erlebt wird. Kurz, man könnte sagen: Die Physiognomie der Natur ist die Tierwelt.
[ 32 ] Aber uns interessiert am Menschen nicht nur die Physiognomie. Uns interessiert, wenn wir noch intimer auf die Seelen einzugehen versuchen, das, was wir die Miene, das Mienenspiel nennen, also dasjenige, was entsteht, wenn die Physiognomie in Bewegung kommt. Da stehen wir gleichsam der Seele, die wir durch das Mienenspiel wahrnehmen, noch näher als der Seele, die wir nur durch die Physiognomie wahrnehmen. Und wiederum können wir auch in der äußeren Natur dasjenige aufsuchen, was Mienenspiel ist der dahinterstehenden geistigen Welt, wenn wir in ähnlicher Weise, wie wir das für die Tierwelt gesehen haben, die Pflanzenwelt betrachten. Wenn wir die Pflanzenwelt betrachten in ihrem Aufblühen im Frühling, in all dem, was sie den Sommer hindurch tut, wie auf der einen Seite die Erde sie herausschickt, wie auf der anderen Seite die Kräfte der Sphären in sie eindringen und herauslocken das lebendige Leben, das erscheint in den unendlichen Nuancierungen der Pflanzenblühungen, -wachsungen und -grünungen mit ihrem Wimmeln und Weben, wenn wir sie so betrachten und sie beziehen auf ein dahinterstehendes geistiges Wesen des Kosmos, so wie wir das Mienenspiel des Menschen auf seine Seele beziehen, dann haben wir wiederum etwas getan, das wir üben sollen. So daß wir sagen können: Die Miene der Natur ist die Pflanzenwelt.
[ 33 ] Was wir weiter an der Seele beobachten, was über das Mienenspiel hinausgeht, das sind die Gesten, die aus der Seele herausfließenden Bewegungen. Ebenso, wie wir die Tierwelt als die Physiognomie der Natur bezeichnen können und die Pflanzenwelt als die Miene der Natur, so können wir als die Geste der Natur, als die Gebärde der Natur die Formen der Mineralwelt ansehen. Und es gehört für denjenigen, der in Einzelheiten okkultes Lesen und okkultes Hören üben will, zum Schönsten, was er erleben kann, die mineralische Welt so zu erleben, daß er in der Form der Begrenzungsflächen und ihres eigentümlichen Verhältnisses zum äußeren Kosmos, in dem Durchscheinenden, in der Durchsichtigkeit, in der Kristallhelligkeit des Bergkristalles, des Quarzes, des Kalkspates, des Smaragds, Chrysopras, überall die unendlich verschiedenen Gesten der geistigen Wesen der Natur sich allmählich aneignet.
[ 34 ] Wenn man solche Übungen macht, wenn man dahin kommt, daß man wirklich miterleben kann in dem sonst toten Steinreich das, was durch dieses tote Steinreich zum Ausdruck kommt, und was so ist, wie wenn eine Seele in lebendiger Gebärde dasjenige zum Ausdruck bringt, was in ihr lebt, wenn man in solcher Weise übt, dann kommt man sich zu Hilfe in dem Gewinnen von liebevollem Interesse für alle Wesen, die außer einem sind. Dann steigt man allmählich wirklich zu einer solchen Phase, einem solchen Zustande seiner Entwickelung auf, in dem es möglich wird — wenn man sich das Sehertum hinzu erwirbt —, sich auch zu verwandeln in die Wesenheiten draußen. Man merkt, man hat in sich die Kraft, sich in die Wesenheiten draußen zu verwandeln. Man kann sich in alle andern Menschen verwandeln. Der Mensch ist unendlicher Metamorphosen fähig in dieser Beziehung, aber es muß in der geschilderten Weise geübt werden.
[ 35 ] Wiederum können wir jetzt eine Frage aufwerfen. Aber bevor ich diese Frage aufwerfe, möchte ich das Gefühlselement dessen, was ich auseinandergesetzt habe, betonen. Bringt uns das erste, was ich erwähnt habe, zu einer Stimmung gegenüber den Hierarchien, zu dem Bewußtsein «du bist beschützt», zu einem Gefühl, das von Frömmigkeit durchschauert ist, so bringt uns das Gefühl, daß man sich verwandeln kann in die verschiedensten Wesenheiten, dazu, die Menschlichkeit der Menschenwesen hochzuachten, sie erst wahrhaftig zu schätzen in ihrer vollen Würde, aber die Menschlichkeit, die man nicht in der physischen Welt in sich hat, sondern die man erst findet, wenn man ein anderer wird. Erlangt man das Gefühl der Verwandlungsfähigkeit wirklich, so kann es einen nicht zum Hochmut bringen; denn jede einzelne Verwandlung sagt einem, daß man nicht so viel wert ist wie das Wesen, in das man sich erst verwandeln muß. Daß man das Gefühl der Verwandlungsfähigkeit hat, bringt einen dazu, demütig zu werden. Ein Gefühl tiefster religiöser Demut ist verbunden mit dem Gefühl der Verwandlungsfähigkeit.
[ 36 ] Aber eine andere Frage können wir aufwerfen: Wir rufen aus unserem Inneren diese Kräfte der Verwandlungsfähigkeit heraus; sind sie also nicht fortwährend in uns? Ja, die Kräfte sind immer in uns. Geradeso, wie die Kräfte der Imagination immer in uns sind, wir sie aber hervorrufen müssen, um geistige Wesen wahrzunehmen, so sind auch die Kräfte des Sich-Verwandelns immerfort in uns. Nur, um sie bewußt zu haben, müssen wir sie auf die geschilderte Weise entwickeln. Wir sind in jedem Augenblick nicht nur wir selber, sondern auch jedes andere Wesen, nur entwickeln wir uns nicht dazu, weil wir unser Bewußtsein nicht zu dem andern Wesen erweitern. Warum ist das so? Das wird uns am besten klar, wenn wir einen der Fälle im Leben betrachten, wo der Mensch auf dem gewöhnlichen physischen Plan sich in ein anderes Wesen verwandelt.
[ 37 ] Es kommt allerdings vor auf dem physischen Plan, daß man die Kräfte gebraucht, die sonst die Verwandlungskräfte sind. Man gebraucht sie, ohne daß man davon etwas weiß. Man gebraucht sie jedesmal, wenn man seinen Mitmenschen dadurch Unrecht zufügt, daß man seinen eigenen Willen in ungerechtfertigter Weise zum Herrn über andere macht. Es fängt schon damit an, wenn man den anderen anlügt. Durch die Lüge fügt man ihm ein Stück Unrichtiges ein. Man gewinnt eine gewisse Macht über ihn, weil die Lüge in dem anderen weiterwirkt.
[ 38 ] So ist es auch, wenn man etwas Böses tut. Die Kräfte, mit denen man etwas Böses tut in der Welt, das sind diese Verwandlungskräfte, nur am unrechten Orte angewendet. Alles Böse in der Welt ist die unrechtmäßige Anwendung dieser Verwandlungskräfte. Es gestattet wahrhaftig, tiefe Blicke hineinzutun in das Geheimnis des Daseins, wenn man weiß, woher das Unrecht, das Böse, das Verbrechen und das Unheil kommt, das in der Welt geschieht. Dadurch geschieht es, daß der Mensch die besten, heiligsten Kräfte, die vorhanden sind, nämlich die Verwandlungskräfte, in verkehrter Weise anwendet. Es gäbe kein Böses in der Welt, wenn es nicht die heiligsten Verwandlungskräfte gäbe. Ich habe sogar einmal in einem öffentlichen Vortrag auf diese Eigentümlichkeit hingedeutet, daß das Böse eine verkehrte Anwendung von Kräften ist, die, an ihrem Ort angewendet, zu einem höchsten Guten führen würden. Diese Stimmung in der menschlichen Seele: Ich weiß, hier in der Seele ist etwas darin, was sich einerseits in alle anderen Menschen und Wesen verwandeln kann, was sich andererseits verwandeln kann in Egoismus —, diese Stimmung muß man entgegenhalten können dem Kosmos, wenn man geistig hören will. Das ist ein zweiter Vokal.
[ 39 ] Die Stimmung, die man haben kann gegenüber dem Geheimnis des Bösen, wie ich es jetzt dargelegt habe, das ist der dritte Vokal, also das, was man erlebt, wenn man weiß, wodurch der Mensch böse werden kann. Wenn man dieses Geheimnis kennt, daß es höchste Kräfte sind, die im Bösen in verkehrter Weise angewendet werden, dann hat man die Stimmung eines dritten kosmischen Vokals. Man _ muß solche Seelenstimmungen erleben; das ist es, worauf es ankommt.
[ 40 ] So haben wir heute von drei kosmischen Vokalen gesprochen. Von anderen Vokalen werden wir morgen sprechen. Ich mußte heute erst das Prinzip erörtern, auf das es ankommt, damit wir im inneren Erleben jene innere Verwandtschaft zum Kosmos herstellen, wodurch wir in Hingabe unserer eigenen Seelenkräfte zu Hörern und Lesern dessen werden, was draußen in der geistigen Welt vorgeht.
