Okkultes Lesen und okkultes Hören
GA 156
6 Oktober 1914, Dornach
Vierter Vortrag
[ 1 ] Gestern versuchte ich von einigen inneren Erlebnissen zu sprechen, die man nennen könnte «Vokalismus der geistigen Welt». Wir haben ja gerade dabei sehen können, wie dasjenige, was man okkultes Lesen und okkultes Hören nennen kann, etwas Lebendiges ist, wie es verläuft in inneren Erlebnissen, bei denen man seine ganze Persönlichkeit, seine ganze seelische Wesenheit eben einsetzen muß. Ich habe drei solcher Erlebnisse, die man sorgfältig vorbereiten muß, erwähnt: zunächst dasjenige, das entsteht, wenn man allmählich lernt, in die übersinnliche Welt, in der man ja unbewußt immer darinnen ist, sich bewußt zu versetzen, und dadurch an die Pforte des Todes gelangt. Ich habe ferner das Erlebnis angeführt, zu dem man kommt, wenn man sich die sogenannte Verwandlungsfähigkeit in andere Wesen aneignet. Und ich habe dann versucht zu zeigen, wie einem das Böse in der Welt so vor Augen stehen kann, daß man seinen Ursprung erkennt, herrührend von einem Mißbrauch von höheren geistigen Kräften, die an ihrem Orte in ihrer Weise ganz berechtigt sind.
[ 2 ] Ein anderes solches Erlebnis stellt sich ein, wenn man etwas, wovon schon öfters gesprochen worden ist, ganz im Ernste nimmt, etwas, das sich im Grunde genommen anschließt an das zuletzt Besprochene: Man muß sich in ein anderes verwandeln, aber es ist notwendig bei diesem Verwandeln, daß man den Faden der inneren seelischen Erlebnisse festhalten kann. Könnte man diesen Faden nicht festhalten, so erginge es einem geradeso wie auf dem physischen Plan einem Menschen, der sich nicht an das erinnert, was gestern, vorgestern oder vor Jahren im physischen Leben erfahren worden ist. Wie diese Kontinuität des Bewußtseins festgehalten werden muß im normalen physischen Leben, so muß der Mensch den Faden der Erinnerung durch die Verwandlungen in der geistigen Welt festhalten. Das heißt, er darf in dem Augenblick, wo er sich in ein bestimmtes Wesen oder in einen bestimmten Vorgang verwandelt hat, sich nicht aus der Seele heraus verlieren. Er muß gleichsam etwas wie eine höhere, rein geistige Erinnerung behalten an andere Gestaltungen, Vorgänge und Wesenheiten der geistigen Welt. Mit andern Worten, der Mensch muß ein Vielfaches sein, muß sich in der geistigen Welt zersplittern, zerteilen können, muß in die Zahl aufgehen können. Dieses ruft, ganz innerlich erlebt, ein eigenartiges Gefühl hervor, das Gefühl: Du bist da, du bist dieses Wesen, du bist aber auch ein anderes Wesen; du bist in getrennten Wesenheiten im Grunde genommen darin.
[ 3 ] Ohne dieses entwickelte Gefühl von der Vielfältigkeit würde man gar nicht in der Lage sein, eine wirkliche geistige Vorstellung zum Beispiel von den Wesen der höheren Hierarchien zu erringen. Man kann noch auf dem Wege, den wir gestern eingeschlagen haben, oder auf den Wegen, die wir in anderen Fällen gegangen sind, von den Wesen der ersten über uns stehenden Hierarchie, den Wesenheiten der Angeloi, eine Vorstellung gewinnen. Aber schon wenn man aufsteigen will zu einer genauer zutreffenden, ich möchte sagen, geistgemäßen Vorstellung der Wesenheiten der Archangeloi, muß man etwas durch innerliches Fühlen verstehen von der Vervielfältigung. Denn wie es sich eigentlich mit diesen Wesenheiten der höheren Hierarchien verhält, das lernt man nur ganz allmählich erkennen. Man lernt es deswegen nur allmählich erkennen, weil von der physischen Welt her alles menschliche Vorstellen, alles menschliche Denken an die gewöhnlichen Verhältnisse des Raumes und der Zeit gebunden ist. Aber es sind ganz andere Raum- und Zeitverhältnisse vorhanden, wenn man zum Beispiel zu den Wesenheiten der Hierarchie der Archangeloi hinaufsteigt.
[ 4 ] Wenn wir vom gewöhnlichen physischen Bewußtsein ausgehen, dann haben wir immer ein gewisses Grundgefühl, ein Gefühl, das ganz natürlich ist für dieses physische Bewußtsein. Ich will es durch das Folgende charakterisieren. Wenn ich zum Beispiel durch das Sehertum zu einem Menschen kommen will, der zwischen Tod und neuer Geburt lebt, so habe ich — ich meine mit «ich» nicht mich selbst, sondern im allgemeinen einen Menschen, der durch Seherkraft einen Toten aufsucht — zunächst das Gefühl: Nun ja, der Tote ist da, zugleich mit dir selber eben da, und in bezug auf die Zeit kannst du ihn aufsuchen, wie du auf dem physischen Plan einen andern Menschen aufsuchen kannst, von dem du dir auch klar bist, er lebt mit dir in derselben Zeit, und du brauchst nur die Wege zu ihm zu finden. — Man hat, wenn man einen Toten aufsucht, mit dieser Vorstellung auch vollkommen recht. Man hat sogar in gewissem Sinne noch recht, wenn man eine Wesenheit aus der Hierarchie der Angeloi finden will. Aber man hat nicht mehr eine richtige Vorstellung von dem, um was es sich handelt, wenn man in derselben Weise eine Wesenheit aus der Hierarchie der Archangeloi aufsuchen will, weil eine Wesenheit aus der Hierarchie der Archangeloi ihr Bewußtsein in einer ganz bestimmten Zeit, die nicht die jetzige ist, konzentriert hat.
[ 5 ] Nehmen wir einmal an, diese Linie stellt den Lauf der Zeit vor, und der Seher lebte hier in einem Zeitpunkte, 1914, so setzt er voraus, daß er einen Toten oder eine Wesenheit aus der Reihenfolge der Angeloi irgendwo in der geistigen Welt in derselben Zeit findet (siehe Zeichnung, X X X). Das geht aber nicht, wenn man zum Beispiel eine bestimmte Wesenheit aus der Hierarchie der Erzengel, der Archangeloi aufsuchen will. Da muß man aus der Zeit hinausgehen, da muß man die Gleichzeitigkeit überwinden. Beispielsweise muß man, sagen wir, um einen bestimmten Erzengel zu finden, zurückgehen, sagen wir, ins 15. Jahrhundert.
[ 6 ] Also man kann nicht sagen: Ich bleibe in meiner eigenen Zeit —, (siehe Zeichnung: 1914), sondern man muß zurückgehen, meinetwillen in das Jahr 1465 oder so etwa, und muß dann hier die betreffende Wesenheit des Erzengels suchen (siehe Zeichnung). Ist diese Wesenheit auch nicht in der Gegenwart zu finden, so strahlt doch ihre Wirkung bis in unsere Zeit aus. Aber man findet in unserer Zeit eben nur ihre Wirkung, man findet nicht sie selbst in ihrer eigenen Selbstigkeit.
[ 7 ] Andere Erzengel muß man wiederum in einem anderen Zeitpunkt suchen (siehe Zeichnung: Kreise). Man muß aus der Zeit hinausgehen. Das ist zwar eine sehr schwierige Vorstellung, meine lieben Freunde, aber man muß zu dieser Vorstellung kommen. Man muß sich klar sein, daß Erzengel immer in gewissem Sinne ihren Namen mit Recht tragen. Man weiß eigentlich erst, warum sie diesen Namen tragen, wenn man in dem eben charakterisierten Sinn auf ihre Wesenheit kommt. Sie heißen «Engel des Anfangs», das heißt, sie sind immer an den Anfängen von Zeiträumen, sagen wir, wo Völker entstehen, wo Völker zum ersten Mal in die Weltgeschichte eintreten, da sind sie mit ihrem vollen Bewußtsein, mit ihrem eigenen Selbst vorhanden. Das bleibt in der übrigen Zeit vorhanden in den Wirkungen. Die Wirkungen fließen in die Zeit hinein. Und will “man sie finden, so darf man nicht bloß in der Gleichzeitigkeit bleiben, sondern man muß aus der Zeit herausgehen, die Zeitanfänge aufsuchen. Niemand also, der als Seele nur leben will, sagen wir, im Oktober 1914, ist imstande, etwa alle Erzengel zu finden — vielleicht nicht einmal einen —, wohl aber derjenige, der imstande ist, sich mit seiner Seelenwesenheit zurückzuversetzen in andere Zeiträume so, daß diese andern Zeiträume für ihn unmittelbar erlebbar werden, so daß er selber lebt in diesen anderen Zeiträumen. Dabei muß man dann aber, wenn man sich hineinversetzt in andere Zeiträume, notwendig haben, nicht zu vergessen, wie man da hineingekommen ist, so wenig man das gestern Getane heute vergessen darf in der physischen Welt. Das ist so etwas wie ein Gesetz der Vervielfältigung, des Ausgießens in die Zahl.
[ 8 ] Und die Urbeginne, die Geister der Persönlichkeit, die Archai, man findet sie überhaupt nur, wenn man sich zurückversetzt in die Mitte der lemurischen Zeit, wo die Erde am Anfange des physischen Werdens ist. Wo die Erde die Anfänge ihres physischen Daseins durchgemacht hat, da findet man die Archai in ihrer eigenen Selbstigkeit. Wenn man in der Gleichzeitigkeit bleibt, kann man sie nicht finden.
[ 9 ] Sie sehen also, wie das ganze Verhältnis der Seele zu der Zeit ein anderes werden muß, wenn man in die geistige Welt wirklich erkennend eindringen will. Dasjenige, was man so erlebt — oder auch nur dadurch, daß man sich eine Vorstellung von diesen Dingen macht und immer weiter geht in dem inneren Erleben der Vorstellung —, das gibt wiederum in der Seele eine Stimmung innerlicher Hingegebenheit, etwas wie ein Hineingegossensein in die reale geistige Wirklichkeit. Das ist wiederum ein solcher Vokal der geistigen Welt.
[ 10 ] Sie können einsehen, daß so der Mensch in diesem beschriebenen weiteren Erleben immer unabhängiger und unabhängiger wird vom Raumesstandpunkt und vom Zeitstandpunkt, auf dem er in der physischen Welt ist. Sie sehen, daß er nicht nur aus sich herausgeht, sondern bei diesem Herausgehen gleichzeitig auch in das lebendige Weben und Wesen des Kosmos hineingeht, nicht nur einseitig, indem man sich gleichsam in den räumlichen Sphären ausdehnt, sondern vielseitig, indem man sich auch erlebt in der Zeit als ein Lebewesen, das in sich selbst die Bewußtseinspunkte — möchte ich sagen der Wesenheiten der höheren Hierarchien hat. Wenn man also nicht mehr bei sich lebt, auch nicht mehr lebt in dem Raum und der Zeit, die einem angewiesen sind als physisches Wesen, wenn man gleichsam den Raum zu seinem Leib, die Zeit zu seiner Seele angenommen hat — merken Sie wohl das Wort, man lernt es erst allmählich in seiner vollen Bedeutung verstehen, wenn man viel darüber meditiert hat —, wenn man gleichsam den Raum zu seinem Leib, die Zeit zu seiner Seele angenommen hat, dann hat man sich vereinigt mit dem, was nicht ein abstraktes Fühlen im Allgemeinen ist, sondern ein lebendiges Weben und Wesen in sinnvollem Weltensein. Überall, wohin man sich versetzt, ist Sinn. Und überall, wohin man sich versetzt, sprießt in die eigene Seele Sinn herein. Und aus Einzelsinn setzt sich ein Allgemeinsinn zusammen und webt und west in der Welt. Aus vielen ihrer Punkte sprießt vielfach wie fruchtend der Sinn der Dinge hervor. Und das Geistige, was in den einzelnen Sinnen aufsprießt, aus den Einzelwesen, das webt sich zusammen zu einem all-sinnvollen Weltenwort, und man webt und lebt im Weltenwort darinnen. Und dieses Drinnenweben, Drinnenleben im Weltenworte, das ist wiederum ein anderer Vokal der geistigen Welt. Das ist, ich möchte sagen, der Ur-Urvokal der geistigen Welt selber. Mit diesem Erleben des Weltenwortes, das man sich in einer Viellebendigkeit, nicht bloß in einem geistigen Hören vorzustellen hat, ist alles das gegeben, was man im höheren Sinne Inspiration nennen kann. Mit ihm ist all das gegeben, wovon man so sprechen kann, daß man sagt: Was ich in diesem Weltenworte weiß, das weiß die Welt in mir; ich bin im Grunde genommen ganz unschuldig an all dem, was ich so weiß, denn es weiß die Welt es in mir. Ich kann schuldig werden an dem Wissen des Weltenwortes nur dadurch, daß ich ein unvollkommenes Instrument bin, das nur in gebrochenen Strahlen dieses Weltenwort in mich hereintönen läßt. Aber es ist das Weltenwort, das in mir selber ertönt. — Und je bescheidener man geworden ist, je weiter man es dahin gebracht hat, selbstlos hingegeben zu sein, ohne noch irgendwelche Prätentionen zu haben in bezug auf eigenes Schaffen, Denken, Fühlen und Wollen, je mehr man es dazu gebracht hat, das Weltenwort walten zu lassen im Weben des eigenen Wesens, desto besser, desto objektiver gibt man wieder, was durch das Weltenwort als Geheimnis die Welt durchflutet.
[ 11 ] So haben wir wiederum von einem solchen Vokale gesprochen, dem fünften Weltenvokale. Ich wollte, da ich in diesen vier Vorträgen nur das Prinzipielle und Wesentliche geben kann, Ihnen nur einen Begriff, wenn auch nur einen ganz primitiven, erwecken von dem, was der Vokalismus des Weltenwesens ist.
[ 12 ] Nun, wenn man es dazu gebracht hat, innerlich geübt zu sein in solchen Gefühlen, wie ich sie in diesen fünf Weltenvokalen geschildert habe, wenn man das, was gleichsam wie ein Niederschlag aus der geistigen Welt ist, in der Seele erleben kann, dann kann die Seele hinhören auf das, was in der geistigen Welt vorgeht; dann kann die geistige Welt zu ihr sprechen.
[ 13 ] Und wie ist es denn nun, wenn wirklich Umgang gepflogen wird mit der geistigen Welt auf dem Wege, der sich durch das Geschilderte eröffnet? So ist es, daß wir mit unserem Ich und Astralleib — aber das Ich ist auf eine höhere Stufe dadurch gebracht, daß es in der vorher geschilderten Weise selbstlos herabgedämpft und im Astralleib untergegangen ist — außerhalb unseres physischen und Ätherleibes sind. Man ist ja mit seinem Ich und Astralleib außerhalb seines physischen und Ätherleibes, wenn man hier im Leben zwischen Geburt und Tod steht und geistig wahrnimmt; aber man blickt da doch auf den Ätherleib zurück, und der Ätherleib spiegelt einem gerade den Vokalismus. Er hat die Möglichkeit, siebenfältig zu spiegeln. Fünf von den Spiegelungen, fünf Vokale habe ich angeführt. Es kommen noch zwei andere Vokale dazu, über die bei anderer Gelegenheit ausführlicher gesprochen werden soll. Aber das eigentümliche Wallen und Wogen des ätherischen Leibes, das, was er in seinen LebensProzessen spiegelt, wenn man außerhalb seiner selbst steht, das kündet sich als solche Vokale an. Das heißt, im ätherischen Leib geschieht etwas, wenn man solche Gefühle entwickelt wie das, was man erleben kann durch die Vorbereitung, daß man an der Pforte des Todes steht, oder durch das andere, daß man dem Bösen verständnisvoll gegenübersteht, oder daß man im lebendigen Weltenwort lebend und webend darinnensteht. Je nachdem man das eine oder das andere der geistigen Welt entgegenhält, spiegelt sich etwas anderes im Ätherleib, auf das man dann gleichsam zurückschaut. Man kann das schwer schildern.
[ 14 ] Ich möchte sagen, siebenfältig spiegeln sich die Weltenwesen im Ätherleib. Ich möchte das schematisch so darstellen (siehe Zeichnung): Wenn dieses des Menschen Ätherleib darstellt — ganz schematisch —, dann würde, wenn ihm zum Beispiel das Gefühl des An-der-Pfortedes-Todes-Stehens entgegengehalten wird, das entsteht durch die Vorbereitung, dann würde der Ätherleib wie zusammengezogen hier in der obersten Gegend (siehe Zeichnung, a), er bekommt ein gewisses Leuchten und Tönen. Und aus diesem Leuchten und Tönen geht etwas hervor, was man einen Vokal der geistigen Welt nennen kann.
[ 15 ] Wenn man nun ein anderes Gefühl entwickelt, zieht sich gleichsam der Ätherleib nach einer andern Gegend, sagen wir nach der Herzgegend, b, zusammen. Dann sieht man ein anderes Leuchten und vernimmt ein anderes Tönen, wie aus einer Wesenheit heraus, in die man sich versetzt hat mit dem Ich und dem Astralleib.
[ 16 ] Was ich nun bisher gesagt habe, bezieht sich auf die Vokale der geistigen Welt. So wie es sieben Vokale gibt, so gibt es nun aber auch Konsonanten der geistigen Welt, zwölf an der Zahl. Diese zwölf Konsonanten, auf die kommt man am leichtesten dadurch, daß man so, wie man den Ätherleib in seiner, ich möchte sagen, vokalischen Wesenheit also begriffen hat, wie wir es getan haben, nun ebenso den physischen Leib begreift. Der physische Leib zeigt sich dann in einer Zwölfgliedrigkeit.
[ 17 ] Es reicht die Zeit natürlich hier nicht aus, um auch nur einigermaßen anzudeuten, wie man in derselben Weise zu der Zwölfgliedrigkeit des physischen Leibes kommt, wie zu der Siebengliedrigkeit des Ätherleibes. Aber das muß ich sagen: Für den außerhalb seines physischen und Ätherleibes Stehenden wird eben dieser Ätherleib und dieser physische Leib gleichsam etwas ganz anderes, als sie sind, wenn wir in ihnen leben. Wenn wir in ihnen leben, ist der Ätherleib das, was unsere Lebensprozesse unterhält, was uns zu lebenden Wesen macht, und der physische Leib ist das, was vorzugsweise unseren Sinnesorganismus aufbaut. Da stecken wir darinnen. Wir brauchen unseren Äther- und physischen Leib dazu, daß wir solche Menschen auf dem physischen Plan sind, wie wir eben sind. Sobald wir aber in dem jetzt in dieser Stunde angedeuteten Sinn außerhalb des physischen und des Ätherleibes sind, verhalten wir uns zu ihnen wie zu Zeichen. Wirklich, der Ätherleib ist dann zwar ein lebendiges Wesen, aber die Aufgabe, die Funktion, die er hat, als Lebensprinzip unserem physischen Organismus zugrunde zu liegen, die zeigt er dann gar nicht. Er zeigt sich uns als Zeichen der sieben Vokale. Er wird etwas Objektives, das wir anschauen, und das in seiner Variabilität, in seiner Veränderlichkeit eine Widerspiegelung des Vokalismus des Weltenganzen ist. Wir werden gleichsam so fremd diesem Ätherleib, wie wir es den Vokalen der äußeren physischen derben Schrift gegenüber sind. Und wir werden unserem physischen Leib so fremd — er wird zu einer Summe von zwölf Zeichen, die in ihm zusammengefügt sind —, wie wir den Konsonanten der gewöhnlichen derben Schrift gegenüber fremd sind. Und so, wie sich Konsonanten und Vokale in den Worten der gewöhnlichen Schrift durchdringen, so daß wir das eine oder andere Wort lesen können, je nachdem wie Vokale und Konsonanten miteinander verknüpft sind, so lesen oder hören wir in der geistigen Welt verschiedenes, je nachdem der Ätherleib, der siebenfach sich offenbaren kann, mit dem einen oder dem anderen Konsonanten des physischen Leibes zusammentönt oder verbunden ist. Wie wir, wenn wir einem Menschen auf dem physischen Plane entgegentreten, uns mit ihm verständigen dadurch, daß er zu uns spricht, wir aber Augen haben müssen, um zu beobachten, Ohren haben müssen, um das Wort zu hören, seine Sprache in die Seele eindringen zu lassen, wie also alles das, was ein Verhältnis zu anderen Menschen bildet, durch unsere Sinne vermittelt wird, so geschieht ein Ähnliches in der geistigen Welt.
[ 18 ] Man macht sich bereit, sagen wir, eine Menschenseele zu finden, die lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Man weiß durch inneres Erleben, daß man jetzt mit dieser Seele vereint ist; man weiß, man erlebt mit ihr zu gleicher Zeit, an derselben Stelle der geistigen Welt. Wie man aber in der physischen Welt Sinnesorgane braucht, um sich mit anderen Menschen zu verständigen, so braucht man in der geistigen Welt das Zurückschauen auf den Ätherleib und den physischen Leib. Sie spiegeln zurück das Wechselspiel, wie sich die vokalischen Vorgänge des Ätherleibes zusammenfügen mit den konsonantischen Vorgängen des physischen Leibes. Und wie diese ineinanderspielen, das drückt einem aus, was man mit dem Toten spricht, mit dem man vereint ist, was also zur Verständigung mit dem Toten notwendig ist.
[ 19 ] Also stellen Sie sich vor, Sie sind in der geistigen Welt mit einem Toten vereint, mit einer Seele, die da lebt zwischen Tod und neuer Geburt. Sie betrachten die menschliche physische Gestalt, in der Sie selber auf dem physischen Plan leben, und Sie betrachten die menschliche ätherische Gestalt. Auf diese schauen Sie zurück, und durch diese spiegelt sich zurück alles das, was der Tote mit Ihnen zu sprechen hat, was er Ihnen mitzuteilen hat, was er denkt, fühlt und will. Zu einem Gesamtsinnesorgan zugleich sind der menschliche physische Leib und der menschliche Ätherleib geworden. Und wir können sagen: Wir haben innerhalb unseres physischen Lebens den physischen und den Ätherleib bekommen, damit wir für die geistige Welt Sinnesorgane haben. Wir werden nun wiederum in einer neuen Weise aufmerksam gemacht darauf, daß das Leben in der physischen Welt nicht bloß das Leben in einem Jammertal ist, aus dem man sich hinauszusehnen hat, wie es eine falsche Asketik will, sondern wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß das Leben in der physischen Welt eine große, erhabene, eine göttliche Mission hat. Innerhalb des physischen Lebens eignen wir uns an das, was zu Sinnesorganen für die geistige Welt wird.
[ 20 ] Noch genauer werden Sie das verstehen, wenn ich Sie aufmerksam mache auf die Art, wie die Wahrnehmung der geistigen Wesenheiten und Vorgänge dann stattfindet, wenn wir selber in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt sind, wenn wir also nicht vom physischen Plan aus die geistige Welt hellseherisch wahrnehmen, sondern in der geistigen Welt vereint sind mit geistigen Wesenheiten. Solange wir eben einen physischen und einen Ätherleib als unser Kleid tragen, so lange haben wir etwas zum Spiegeln, so lange dienen uns diese als Sinnesorgane. Wenn wir sie mit dem Tod ablegen, so haben wir natürlich als äußere Realität diese Sinnesorgane nicht mehr. Sie könnten nun leicht fragen: Können wir dann in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt nicht wahrnehmen, was wir im Zusammenhang mit den andern Wesenheiten und Vorgängen der geistigen Welt erleben? — Ja, dann ist es eben anders, dann nehmen wir es anders wahr. Auch der Seher muß hier in der physischen Welt in seinem physischen und Ätherleib dasjenige gespiegelt erhalten, was er in der geistigen Welt erlebt. Das ist recht, solange sie vorhanden sind in der physischen Welt, solange nicht der physische Leib durch Verwesung, der Ätherleib durch Auflösung, durch Ergießen in die geistige Welt verloren ist. Wenn wir nun in der geistigen Welt sind und keinen physischen und Ätherleib mehr haben, dann sind wir imstande, aus dem, was die Substanz der geistigen Welt ist, uns die Zeichenwelt, aus welcher der physische Leib und der Ätherleib zusammengesetzt waren, entsprechend hinzuzeichnen. Alles wird von uns eingezeichnet der geistigen Welt. Nehmen Sie an, Sie leben als Seele zwischen Tod und neuer Geburt mit einer anderen Menschenseele zusammen. Dasjenige, was sie Ihnen sagt, oder was Sie ihr sagen, alles das, was sich sonst gespiegelt hätte in Ihrem physischen und Ätherleib, das drückt sich nun in der geistigen Welt in die Akasha-Chronik hinein. Das, was sich sonst im Spiegelbild des physischen oder Ätherleibes ausdrückte, vokalisch oder konsonantisch, das schreiben Sie wirklich jetzt aus eigener Macht in die geistige Welt, in die Akasha-Chronik hinein, um es dann, wenn es nicht mehr nötig ist, selbst wieder auszulöschen, bildlich gesprochen.
[ 21 ] Die erste Andeutung davon habe ich in meinem Buche «Theosophie» gegeben, im Beginn jenes Kapitels über das sogenannte Geisterland, wo davon gesprochen wird, daß der Mensch in einer bestimmten Entwickelungsstufe im Devachan, im Geisterland, seine vorhergehende Inkarnation daliegen sieht, im «Kontinentalgebiet» des Geisterlandes, wie ich es dort genannt habe. Das ist so eine Einzeichnung einer geistigen Schrift.
[ 22 ] Ja, das Idealste wäre, wenn das Studium eines solchen Buches, wie die «Theosophie» es ist, so eifrig betrieben würde, daß gar mancher Leser selber aus solchen Andeutungen, wie sie dort gegeben sind, auf so etwas kommen würde, wie es jetzt auseinandergesetzt worden ist. Es liegt vieles in diesen Büchern drin, und man könnte schon durchaus nur durch eigenes Lesen darauf kommen, wenn man mit dem Herzen, mit dem ganzen inneren seelischen Erleben liest. Aber Bücher, die auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft geschrieben sind, die werden in der Regel ja nicht mit der für sie nötigen Aufmerksamkeit gelesen. Das werden sie wirklich nicht, denn sonst hätten, nachdem «Theosophie» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und vielleicht auch noch die «Geheimwissenschaft im Umriß» geschrieben worden sind, alle Zyklen von irgend jemand anderem geschrieben oder gehalten werden können als von mir selber. Es steht im Grunde genommen alles in diesen Büchern drin, man glaubt es nur gewöhnlich nicht. Und wie vieles könnte erst geschrieben werden, wenn alles herausgeholt würde, was in den vier Mysteriendramen enthalten ist! Ich sage das nicht, um zu renommieren — ich habe schon genugsam über die Demut des Okkultisten, des Geistesforschers gesprochen —, ich sage es, um anzueifern zum wirklichen Lesen dieser Schriften, die gerade in unserer Zeit gegeben werden mußten, und an denen man persönlich eigentlich so wenig wie nur möglich Verdienst hat.
[ 23 ] Sie sehen also, daß der Mensch, so wie er auf dem physischen Plan lebt, mit Bezug auf die geistigen Welten etwas entwickelt, was Keim ist für die Erlebnisse der höheren Welten. So, wie der Mensch seinen ätherischen Leib hier in der physischen Welt hat, ist dieser nicht nur Lebensprinzip des Menschen, sondern er ist zugleich Vorbereitungsmittel, um den Sinn für den Vokalismus der geistigen Welt zu erleben. Und der physische Leib ist Vorbereitungsmittel, um den Konsonantismus der geistigen Welt zu erleben.
[ 24 ] Man kann viel tun, wenn man in ernstem Sinn versucht, allmählich loszukommen von der rein materialistischen Auffassung des menschlichen physischen Leibes. Man kann dadurch viel tun, um sich vorzubereiten, damit die Gefühle — die man nennen kann Gefühle für den Vokalismus und den Konsonantismus des Kosmos —, diese inneren Erlebnisse und Impulse in der Seele erwachen. Nur muß man zu dieser Vorbereitung eine Empfindung in sich hervorrufen, die wirklich in bezug auf die Entwickelung in die höheren Welten hinein etwas Ähnliches ist, wie das, was in der physischen Welt das Kind tun muß, damit es die Worte unserer äußeren physischen Menschensprache lesen und verstehen lernt.
[ 25 ] Fassen wir nur einmal ins Auge, wie man im gewöhnlichen Dasein in der materialistischen Auffassung den physischen Menschenleib hinnimmt. Man nimmt ihn so, wie er sich eben physisch darbietet. Man nimmt ihn wirklich so, wie man es tun würde, wenn jemand diese Zeichen aufschreiben würde «TINTE», und ein anderer würde kommen und sagen: Ich will das jetzt untersuchen —, und ginge dabei folgendermaßen zu Werke. Er würde sagen: Da ist ein Schnörkel, da ist ein Strich, dieser geht rauf, dieser geht runter, hier biegt ein Strich so herum und so weiter; kurz, er würde die Formen der Buchstaben beschreiben. Geradeso geht man heute an den physischen Leib heran. Man beschreibt anatomisch, physiologisch Herz, Lunge, Leber und so weiter, so wie sie sich äußerlich darbieten. Das ist so, wie wenn man bei einem Wort beschreiben würde, aus welchen Strichen es besteht; aber nur derjenige hat doch erst etwas davon, der gelernt hat, aus den Strichen das Wort «Tinte» zu lesen.
[ 26 ] So muß man schon auf dem physischen Plan aufrücken zum Lesen in den geistigen Welten, wie es heute besprochen worden ist. Was man okkultes Lesen und okkultes Hören nennt, ist wirklich eine individuelle Erfahrung. Man bereitet sich dazu vor, wenn man schon in der physischen Welt versucht, den menschlichen physischen Leib in einer gewissen Beziehung in seiner Zeichenartigkeit zu erfassen. Was meint man damit? Ich will Ihnen ein Beispiel geben von dieser Erfassung der Zeichenartigkeit. Ich kann allerdings nur ein kurzes Beispiel geben, und muß es Ihrem eigenen Meditieren und ernsten Nachsinnen überlassen, was eigentlich damit gemeint ist. Denn die Sprache reicht wirklich in manchen Fällen nicht aus, um sich über diese Dinge zu verständigen. Sie wird erst ausreichen, wenn die Geisteswissenschaft eine Weile in der Welt gewirkt und die Sprache so verändert hat, daß die Worte so geprägt sind, daß sie sich anschmiegen an das geistig Wirkliche und Wesentliche. Die Sprache muß dazu noch viel biegsamer werden. Das ist aber erst möglich, wenn durch einige Jahrhunderte hindurch die Geisteswissenschaft wirksam gewesen ist, wenn man aus dem Umgang mit ihr gewöhnt sein wird, die Worte anders zu nehmen als heute, wo sie nur angewendet werden für Dinge und Vorgänge des physischen Planes.
[ 27 ] Wir finden dasjenige, was im menschlichen Haupte verläuft, eingeschlossen in der Knochenbildung des physischen Schädels; da steckt es gleichsam darinnen. Da ist es, mit geringen Ausnahmen, nach allen Seiten hin physisch umschlossen. Schematisch können wir das so aufzeichnen, indem wir das den Kopf und seine UmhülJung sein lassen:
[ 28 ] Dieser Kopf, wenn man anfängt ihn zu deuten — nicht einfach ihn so zu beschreiben, wie er sich sinnlich darbietet —, so ist er etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, daß in seinem Inneren sich komplizierte Vorgänge abspielen, die von einer Knochenschale fast allseitig umschlossen sind. Dadurch gliedert sich von der gesamten physischen menschlichen Wesenheit ein Teil ab, der durch die härteste menschliche Substanz, nämlich die Knochensubstanz, allseitig umschlossen ist. Das ist aber ein Teil der menschlichen Wesenheit, des menschlichen Organismus. Der Mensch ist wirklich kein so einfaches Wesen, daß man von ihm eben nur als von dem Menschen sprechen kann. Welche primitiven Vorstellungen man über die Sache, die hier gemeint ist, in der Gegenwart hat, das zeigte sich besonders, als meinen Büchern gegenüber getadelt worden ist, daß da jemand von der menschlichen Seele als von einer Empfindungs-, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele spricht, während man es doch so herrlich weit gebracht hat, die Seele als ein einheitliches Organ zu erfassen. Man kann aus unserer materialistischen Kultur heraus diese Bevorzugung des allgemeinen Mischmasches und Wischi-Waschis über das Seelische, dessen Beschreibung man heute Psychologie nennt, verstehen, gegenüber dem, wie man in der Geisteswissenschaft die wirklichen realen Wesensglieder geschildert findet. Nicht weil man in abstrakter Weise sich das zusammendenkt, teilt man die Seele in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele ein, sondern weil sie in bezug auf ihre Entstehung verschiedenen Zeiten angehören, und mit verschiedenen Zuständen zusammenhängen. Man kann begreifen, daß die gegenwärtige Geisteskultur so etwas töricht finden kann, aber es charakterisiert sich diese Gegenwarts-Geisteskultur damit nur selber, nicht das, was sie tadelt. |
[ 29 ] So ist des Menschen physischer Organismus schon ein recht kompliziertes Wesen, und man kann, indem man eingeht auf diese physische Organisation, zum Beispiel folgende Gedanken daraus entwikkeln, die natürlich für den, der sich heute Wissenschafter nennt, dumm erscheinen können. Gewiß! Aber der heilige Paulus sagt schon: Gar manches ist Weisheit vor Gott, was Torheit vor den Menschen ist. — So könnte es doch vielleicht «Weisheit vor Gott» sein, wo die Wissenschaft nur Torheit sieht.
[ 30 ] Man könnte zu der Vorstellung kommen: Mit unseren Händen, was ist es denn da? Unsere Hände sind ganz entschieden mit unserem Seelenwesen in irgendeinem Zusammenhang. Und wenn jemand ein lebendiges Gefühl hat für das, was in den Händen vorgeht, und er steht dem oder jenem Menschen gegenüber und spricht, so ist es nicht gleichgültig, wie er das, was er sagt, zum Ausdruck bringt in der Geste seiner Hände. Das hat etwas für sich. Nun will ich viele Zwischenglieder auslassen und es Ihrem eigenen Ermessen überlassen, dies zu ergänzen. Denken Sie sich einmal, es würde, nicht durch einen Vorgang von seiten des Menschen aus, sondern durch einen Vorgang, der im Weltenwesen begründet ist, so sein, daß unsere Hände nicht so gebildet wären, daß wir sie völlig frei bewegen und sie ohne weiteres unserem Willen folgen lassen können, sondern sie wären so mit uns verbunden, daß wir sie ganz stillhalten müßten, sie wären angewachsen von Natur aus. Was wäre denn dann, wenn wir Hände hätten, aber sie nicht bewegen könnten? Selbst wenn wir Hände hätten, die wir nicht bewegen könnten, weil sie uns angewachsen wären, so würden wir doch den Willen entwickeln, sie zu bewegen. Wenn wir sie auch physisch nicht bewegen könnten, würden wir doch in jedem Augenblick, wo wir sie bewegen wollen, die Ätherhände heraufreißen und diese bewegen. Die physischen Hände würden still liegen, die Ätherhände würden sich bewegen. So machen wir es mit unserem Gehirn in Wirklichkeit. Gewisse Lappen unseres Gehirnes, die heute innerhalb unserer Schädeldecke eingeschlossen liegen, waren während der Mondenentwickelung noch frei beweglich. Heute sind sie festgebunden, können sich nicht physisch bewegen. Aber ätherisch bewegen sie sich, wenn wir denken. Das ätherische Gehirn bewegen wir, wenn wir denken. Wenn wir nicht diese feste Hirnschale bekommen hätten, die diese Gehirnlappen zusammenhält, dann würden wir mit unseren Gehirnlappen greifen und würden Gesten machen wie jetzt mit unseren Händen. Damit wir aber denken lernen konnten, dazu mußten erst unsere Gehirnlappen physisch festgehalten werden, und der ätherische Teil des Gehirns mußte die Möglichkeit bekommen, herausgerissen zu werden.
[ 31 ] Das, was wir sagen, ist kein Spiel der Phantasie. Es wird einmal eine Zeit kommen, wo unsere Hände festgewachsen sein werden, wo noch manches andere fest sein wird an unserem mittleren Körper, in der Nähe des Herzens, das jetzt frei an uns erscheint; das wird dann umschlossen sein von einer Hülle, so wie jetzt das Gehirn umschlossen ist von einer Hirnschale. Das wird in der Jupiterzeit sein. Das, wovon unsere Hände der sichtbare Ausdruck sind, ist etwas, was in Vorbereitung ist, einmal ein Denkorgan zu werden. Und wir haben davon vorläufig nur rudimentäre Organe, die gegenwärtig nicht ganz ausgewachsen sind, die klein bleiben. Wie wenn wir hier vorne an der Stirne nur Stücke hätten von der Hirnschale, so haben wir hinten unsere Schulterblätter liegen in der Fläche, die später einmal unser Zukunftsgehirn umschließen wird. Und Sie deuten die Schulterblätter im menschlichen Leibe richtig, wenn Sie sie ansehen als kleine Knochenstücke, die eigentlich zu einem Schädel gehören, der sich darüber schließt, nur ist das andere noch nicht ausgebildet.
[ 32 ] So haben Sie gleichsam einen zweiten Menschen in den ersten eingeschlossen. Und jetzt werde ich etwas scheinbar ganz Paradoxes sagen: Es gibt noch andere Organe im menschlichen Organismus, die auch solche Stücke sind von einer weiteren Hirnschale, die erst in noch späterer Zeit ausgebildet werden wird, Organe, die jetzt ganz winzig sind gegenüber dem übrigen Organismus, das sind die Kniescheiben. Die Kniescheiben haben es nur zu diesen kleinen Flächen gebracht. Sie sind bis jetzt nur Andeutungen von etwas, das in anderer Richtung später den Menschen zu einem Geistesorgan machen wird. Wir lernen den menschlichen Organismus deuten, wenn wir zum Beispiel — es ist nur ein herausgerissenes Beispiel — uns sagen lernen: Du hast eigentlich drei Schädeldecken; die eine ist leidlich ausgebildet, sie ist nach allen Seiten abgeschlossen; die zweite ist bis jetzt nur in zwei Stücken vorhanden, den Schulterblättern; die dritte Schädeldecke besteht gar nur in den Kniescheiben. — Die beiden letzteren, Schulterblätter und Kniescheiben, lassen sich denkend ergänzen, kugelig abrunden zu dem, was sie erst zum Teil sind. Dann bekommt man drei Gehirne. Wenig ausgebildet in unserem äußeren Menschen ist das, was einmal unser zweites Gehirn sein wird. Jetzt zeigt es sich äußerlich, nachher wird es innerliches Gehirn sein. Wenn Sie heute Gesten machen mit Ihren Händen, bereiten sie spätere Gedanken vor, Gedanken, die dann ganz so real auffassen werden die Vorgänge der elementarischen Welt, wie Sie jetzt mit den Gedanken Ihres Hauptes auffassen die Vorgänge der physischen Welt. So kurios und paradox es klingt: was außerhalb der Kniescheiben liegt, also die Unterschenkel, die Füße, sie sind ganz unvollkommene Organe, die zusammenhängen mit der Schwerkraft der Erde. Die Kniescheiben bereiten sich vor, im Zusammenhang mit dem, was sie heute geistig aus der Erde aufnehmen, einstmals, wenn sie nicht mehr als physische Organe vorhanden sind, geistige Organe zu werden und in die geistigen Welten hineinzuführen, wenn die Erde verwandelt sein wird in den späteren Venuszustand. Dazu muß die heutige physische Gestalt erst abfallen und etwas anderes an deren Stelle treten.
[ 33 ] Sie sehen, es steckt viel darin in der okkultistischen Betrachtung der Welt. Denn das Wichtigste, was man sich aneignet, ist nicht, daß man weiß, das und das Buch gibt es, und das und das wird über die höheren Welten gesagt. — Das ist nicht das Wichtigste. Das muß man sich natürlich auch aneignen, weil man nur dadurch auf das Richtige kommt. Das Wichtigste aber ist eine gewisse Stimmungsart, eine gewisse Seelenverfassung, wodurch man lernt, sich in neuer Weise der Welt gegenüberzustellen und die Dinge in anderer Weise zu nehmen, als man sie vorher genommen hat. Das ist das Wichtige, daß man sich vorbereiten läßt durch das, was man da liest in innerlicher Beweglichkeit des Gedankenwebens, des Gedanken-in-sich-Erlebens, um dadurch alles, auch das, was physisch in der Welt gegeben ist, anders anzuschauen. Denn die Dinge sind in ihrer äußeren Form gar nicht so, wie sie wirklich sind, so paradox das klingt. Unser Schulterblatt ist nicht bloß Schulterblatt, wie Sie es äußerlich sehen; das ist eine Maja, das ist falsch. Das Schulterblatt ergänzt sich einem erst, wenn man darangeht, es wirklich zu erfassen als ein ausführlicheres Organ.
[ 34 ] Wenn man einen knieenden Menschen sieht, so kann man allmählich die Impression bekommen: Es ist ganz falsch, diese Kniescheiben wie sie da liegen, nur als kleine Teile zu betrachten; das ist ganz falsch. Der Mensch, der knieend betet, bereitet sich vor, in der Sphäre zu leben, die ihn einmal umschließen wird, wenn seine Kniescheiben sich dehnen werden, sich erweitern werden zu einer mächtigen Rundung wie eine Kugeloberfläche, wovon sie nur erst kleine Teile sind. Der betende Mensch zeigt einem schon in seiner Form das, was einst die Menschen werden sollen, wenn die Erde sich im Venus-Zustande befinden wird.
[ 35 ] So lernt man schon allmählich, in der physischen Welt zu lesen. Man sieht nicht bloß hin auf den knieenden Menschen oder auf eine andere Geste des Menschen. Man lernt erkennen, wie das, was man an einem Menschen sieht, was sich einem unmittelbar darbietet, trotzdem es Realität ist, falsch und unwahr sein kann. Man lernt in den Buchstaben, was der Kosmos nicht in seinem gegenwärtigen Sein, sondern was er in seinem Werden ausdrücken will. So lernt man allmählich entziffern, erdeuten, wesenhaft lesen und ergreifen dasjenige, was die Welt wirklich ist, und von dem die physische Welt nicht mehr ist als ein beschriebenes Blatt, das vor uns liegt und das wir nicht nur angaffen, sondern lesen müssen, sonst wissen wir nicht, was darauf steht. Ebensowenig wissen wir von der Welt, wenn wir sie nur anschauen mit dem, was die physische Wahrnehmung gibt und nicht gewahr werden, daß wir sie entziffern und in sie eindringen müssen, geradeso wie wir ja ein beschriebenes Blatt nicht nur anstarren, sondern es lesen müssen, um den Sinn zu verstehen.
[ 36 ] Wenn wir immer mehr und mehr so das Bewußtsein davon aufnehmen, daß die Welt ein Buch ist, welches die Hierarchien für uns geschrieben haben, damit wir darin lesen, dann werden wir im vollsten Sinn des Wortes erst ganz Mensch werden. Und im Grunde genommen soll unser Bau, den wir hier aufgerichtet haben, in seiner Form und Konfiguration nichts anderes sein als eines von den Dingen, die, indem sie uns umschließen, solche Gefühle, solche intime Seelenstimmungen und Seelenverfassungen von unserem Inneren herausfördern können, welche uns fähig machen, die Welt zu lesen, die Geheimnisse der Welt zu hören. Deshalb mußte der Bau so sein, wie er ist, damit er das, was in unserem Inneren liegt, herausfördere, wenigstens ein gewisses Stückchen.
[ 37 ] Es ist gut, meine lieben Freunde, wenn man manchmal so meditierend sich eine Vorstellung davon macht, was für eine Aufgabe Geisteswissenschaft in der Welt haben kann gegenüber dem, was jetzt schon in der Welt darinnen ist, was sich aus ihr entwickeln muß, wie sie sich einleben soll in das, was geschichtlich sich weiterentwickeln soll. Könnte sich nur unter unseren Freunden in der Anthroposophischen Gesellschaft eben derjenige Kreis finden, der von dem lebendigen Bewußtsein getragen wird, daß so etwas der Entwickelung der Menschheit eingewirkt und eingewebt werden muß.
[ 38 ] Nicht um Wahrheiten bloß mitzuteilen, sondern um solch ein Gefühl in den Seelen anzuregen, dazu möchte ich solche Vorträge gehalten haben, wie diese es waren.
