Okkultes Lesen und okkultes Hören
GA 156
19 Dezember 1914, Dornach
Wie bekommt man das Sein in die Ideenwelt hinein? III
[ 1 ] Heute wollen wir eine Betrachtung anstellen, die vielleicht scheinbar herausfällt aus der Folge von Betrachtungen, die wir hier gepflogen haben, die uns aber doch zum Verständnisse des Ganzen nützlich sein wird.
[ 2 ] Es ist eine uralte Frage, wie der Mensch dasjenige, was in der Welt draußen wirklich ist, hereinbekommen kann in sein Wissen, in seine Ideenwelt. Für uns ist die Frage nicht so brennend, als sie für die außerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Strömung stehenden Menschen sein muß, weil wir ja wissen, daß die Möglichkeit besteht, sich hinaufzuleben in die geistigen Welten und durch das Eindringen in die geistigen Welten Sicherheit zu gewinnen über ein wahres Sein, über eine wahre Wirklichkeit hinter der äußeren Wirklichkeit, die uns auf dem physischen Plane vorliegt. Allein, die allgemeine Menschheit wird sich erst von der Gegenwart an in die Zukunft hinein zu einem solchen Gesichtspunkte des gleichsam außerleiblichen Erkennens aufschwingen können, und es wird noch lange die Frage eine unendlich große Bedeutung haben, wie man in das Wissen, in die Ideenwelt das Sein, die Wirklichkeit hereinbekommen kann.
[ 3 ] Für uns ist es wichtig, über diese Frage etwas Bescheid zu wissen, weil wir versuchen müssen, eine Verständigung anzubahnen mit denjenigen, die noch etwas außerhalb oder auch stark außerhalb unserer geistigen Bewegung stehen. Wir müssen Auskunft geben können über die Rätsel und Fragen, welche die noch nicht dieser geistigen Bewegung Nähergetretenen empfinden, wenn sie das eine oder das andere von den Ergebnissen der Geistesforschung hören. Die Frage, die ich meine, ist geradezu die tiefste, die tragischste Frage, die sich die Menschheit bisher gestellt hat. Denn so viel auch philosophische und andere wissenschaftliche Untersuchungen gepflogen worden sind, zuletzt geht doch die Frage, die ich angedeutet habe, aus einer Gemütsverfassung des Menschen hervor und wirkt auf die ganze Gemütsverfassung und die Gemütsstimmung des Menschen wieder zurück.
[ 4 ] Der Mensch - fassen wir die Sache einmal von diesem Gesichtspunkte an - wacht des Morgens auf aus einer Welt heraus, die ihm unbekannt und rätselhaft bleiben muß, wenn er nicht in die Geisteswissenschaft eindringt, und er macht sich über die Welt, in die er eintritt mit dem Aufwachen, seine Gedanken. In diesen Gedanken will er sich dann dasjenige verschaffen, was man eine Weltanschauung nennen kann. Da empfindet der Mensch, der wirklich mit seiner ganzen Seele empfindend an diese Dinge herantritt, etwas von Schwäche des Gedankenlebens, des Vorstellungslebens. Er empfindet, man könnte sagen, dieses: daß er ja in seinem Inneren dazu verurteilt ist, in Vorstellungen über das Wesen der Vorgänge der Außenwelt zu leben, sich solche Vorstellungen zu machen; und er findet wiederum, daß diese Vorstellungen gewissermaßen doch nur Vorstellungen sind, daß sie nicht stark genug sind, das wirkliche Sein in sich hinein aufzunehmen.
[ 5 ] Besonders dann empfindet der Mensch diese Schwäche des Vorstellungslebens, wenn er sich besinnt auf die Erinnerungsvorstellungen. Aus vergangenen Lebensepochen holen wir herauf, was wir an Tatsachen, an Erlebnissen durchgemacht haben. Wir holen es herauf, indem wir es uns hinterher, vielleicht nach langer Zeit, vorstellen. Wir müssen uns dabei immer wieder und wieder sagen: Ja, wir haben das Erlebnis nur in der Vorstellung, und die Vorstellung hat nicht die Macht, die Wirklichkeit neu heraufzuzaubern.
[ 6 ] Das ist das eine, wo wir so recht fühlen, wie ohnmächtig der Mensch gewissermaßen gegenüber der vollsaftigen, vollinhaltlichen Wirklichkeit mit seinem Vorstellungsleben ist. Das andere ist, wenn wir eintreten in die Welt der schaffenden Phantasie. Wir können in dieser Welt der schaffenden Phantasie uns vor die Seele rufen Gebilde des Schönen, Gebilde des Befriedigenden, und wir können fühlen, wie wir nicht imstande sind, mit dem, was wir da in unserer Phantasie gewissermaßen uns vorzaubern, irgendwie hineinzudringen in das wirkliche Sein. Von den Empfindungen, die man gegenüber dieser Welt von Phantasiebildern haben kann, gehen ja die mehr materialistisch gesinnten Menschen aus. Sie sagen: Wenn ihr euch Vorstellungen macht über eine höhere geistige Welt, über Gott und die Geisteswelt, was verbürgt euch denn, daß diese Vorstellungen, die ihr euch da macht, etwas anderes sind als Gebilde der Phantasie? Was verbürgt euch denn, daß ihr mit diesen Vorstellungen, wenn sie euch auch eine noch so tiefe Beseligung verschaffen, eindringt in eine Welt echter Wirklichkeit? Was den Empfindungen zugrunde liegt gegenüber dieser Ohnmacht des Vorstellens, des Ideenbildens, das hat geführt zu dem, man kann sagen, jahrtausendealten philosophischen Ringen in bezug auf die Frage: Wie kann der Mensch mit seinen Begriffen, seinen Vorstellungen, in eine Wirklichkeit hineindringen ?
[ 7 ] Es wird genügend philosophische Richtungen geben, selbst wenn wir von dem äußersten Skeptizismus absehen, welche des Glaubens sind, daß eine befriedigende Antwort auf diese Frage, eine befriedigende Lösung dieses Rätsels des menschlichen Gemütslebens bis heute nicht gefunden ist. Gewiß, die Menschen können vorbeigehen in einer gewissen Gedankenbequemlichkeit an diesen Weltenrätseln, an diesen Fragen. Aber auch wer mit seinem Bewußtsein vorbeigeht und so daraufhin lebt, wird dennoch fühlen, daß dieses Unbefriedigtsein über die Welträtsel in seinem Astralleibe Wellen schlägt und gewisse Stimmungen gegenüber der Welt hervorruft, melancholische Stimmungen; Stimmungen, über die man sich vielleicht durch Zynismus hinweg hilft, können sich einstellen. Zu wirklicher Befriedigung im innern Seelenleben, zur Harmonie der Seele kann aber ein solches Vorbeigehen an den Welträtseln gewiß nicht führen.
[ 8 ] Für uns liegt die Notwendigkeit vor, uns diesen Weltenrätseln auch so zu nähern, wie wir uns gar vielem nähern müssen; es liegt für uns die Notwendigkeit vor, einmal in das Wesen der menschlichen Natur hineinzuschauen und zu fragen, woher dieses Rätsel kommt, warum es vorhanden ist. Daß es unendlich tragisch empfunden werden kann, haben gewisse Philosophen gezeigt, die geradezu verzweifelt sind an der Lösung dieser Rätsel, und die von einer Gottheit gesprochen haben, welche die Menschheit gleichsam irreführe in dem Chaos der Welterscheinungen und die menschliche Natur so angelegt habe, daß sie zu einer befriedigenden Weltauffassung nicht kommen könne.
[ 9 ] Nun erinnern wir uns an etwas, was öfter besprochen worden ist in diesem oder jenem Zusammenhange, was uns aber gerade gegenüber diesen Welträtseln nützlich sein kann. Es ist oft davon gesprochen worden, was unser Gedanken-, Sinnes- und Vorstellungsleben eigentlich ist. Ich habe gesagt, es ist im Grunde genommen eine Art Spiegelung. Es ist in der Tat so — ich habe das hier einmal besonders deutlich auseinandergesetzt —, daß wir es beim Menschen zu tun haben mit dem, was ich schematisch hier etwa so andeuten will: Dies ist der physische Leib. Außerhalb dieses physischen Menschen lebt gleichsam in dem unendlichen Weltenall ergossen dasjenige, was das eigentlich seelisch-geistige Wesen des Menschen ist, und im wachen Tagesleben erstreckt sich dieses geistig-seelische Wesen in das leiblich-seelische Wesen hinein. Dadurch entsteht eine Spiegelung, und diese Spiegelung ist eigentlich das, was wir als den Inhalt unseres wachen Tageslebens empfinden. Wirklich, unser Leib ist wie ein Spiegel, und wie wir den Spiegel nicht sehen, sondern das, was sich im Spiegel abspiegelt, so sehen wir, wenn der Mensch wach ist, im Grunde genommen nicht das, was im Leibe vorgeht, sondern wir sehen das Spiegelbild, das, was sich in ihm von der äußeren physischen Welt spiegelt.
[ 10 ] Aber insofern wir im wachen Tagesbewußtsein darinnen sind, ist ja im Grunde genommen auch unser Ich, das, was wir als seelisches Wesen sind, in dieser Welt der Spiegelbilder. Denn die Welt ringsherum ist Maja, sie ist eine Summe von Spiegelbildern. Es ist unser wachendes Ich in dieser Summe von Spiegelbildern darinnen, und wir sind im Grunde genommen als Wesen auf dem physischen Plane auch nichts anderes als ein Spiegelbild unter Spiegelbildern.
[ 11 ] Machen wir uns das nur einmal klar. Was bleibt denn, insofern wir auf dem physischen Plane sind, von unserem ganzen Vorstellungsleben, wenn wir das Tagesbewußtsein auslöschen? Dann löscht sich das Ich mit aus. Wenn es sich nicht spiegelt, wie es im tiefen traumlosen Schlafe der Fall ist, dann ist auch das Ich ausgelöscht. Und wenn wir aufwachen und die Welt der Spiegelbilder vor uns haben, so ist in dieser Spiegelbilderwelt auch unser Ich darinnen; so daß wir, insofern wir auf dem physischen Plane leben, auch von uns selber nichts anderes haben können als ein Spiegelbild.
[ 12 ] Wir gehen durch die Welt als Wesen des physischen Planes und haben niemals von uns etwas anderes als ein Spiegelbild. Wir leben in der Welt; aber insofern wir uns bewußt sind, haben wir nicht die lebendige Tatsächlichkeit, sondern die Abspiegelung dieser lebendigen Tatsächlichkeit vor uns. Wir leben als Spiegelbild unter Spiegelbildern; und das, was wir so erkennen lernen durch die Geisteswissenschaft — daß wir als Spiegelbild unter Spiegelbildern leben, als Maja unter den Bestandteilen der großen Maja —, das empfindet der Mensch, wenn er die Ohnmacht alles seelischen Erlebens gegenüber der vollsaftigen Wirklichkeit empfindet. Der Mensch sagt sich im gewöhnlichen Leben nicht: Ich bin ein Spiegelbild unter Spiegelbildern —, aber er empfindet es, und er empfindet es eben dann so recht, wenn er fühlt: Wie kann ich mit diesem Spiegelbild das reale vollsaftige Sein erreichen?
[ 13 ] Machen wir uns einmal klar, was da vorliegt. Denken Sie sich, Sie haben vor sich eine spiegelnde Wand; sie spiegelt das wider, was im Raume ausgebreitet ist, zum Beispiel einen Tisch. Sie sehen aber nicht den Tisch, sondern Sie sehen das Spiegelbild. Denken Sie sich, sie wollten in das Spiegelbild hineingehen, den Tisch herausnehmen und etwas daraufstellen. Das würden Sie nicht können, denn auf den gespiegelten Tisch können Sie keine Teller und keine Suppenschüssel stellen. So unmöglich es ist, auf den gespiegelten Tisch Teller und Suppenschüsseln zu stellen, so unmöglich ist es, aus dem, was der Mensch auf dem physischen Plan erlebt und um sich hat zwischen Geburt und Tod im Wachzustande, das Wesen der Unsterblichkeit der Seele abzuleiten. Denn unsterblich ist die wirkliche Seele, nicht ihr Spiegelbild, das wir auf dem physischen Plan erleben. Bedenken Sie das nur ganz klar.
[ 14 ] Der Mensch ersehnt, das zu erkennen, was sich ihm fortwährend verbirgt und was, indem er auf dem physischen Plane lebt, ihm nur fortwährend ein Spiegelbild vorzeigt. Die Philosophien aller Zeiten haben sich bemüht, aus den Spiegelbildern die Wirklichkeit abzuleiten, aus den Spiegelbildern die Unsterblichkeit zu beweisen. Sie haben sich der Aufgabe unterzogen, symbolisch gesprochen, aus dem Spiegelbild den Tisch herauszuholen, ihn ins Zimmer zu stellen und Teller und Schüsseln daraufzustellen.
[ 15 ] Wenn man die Philosophien durchgeht, die nicht befruchtet sind von der Geisteswissenschaft, so erscheinen sie einem wie ein solches vergebliches Bemühen. Im Grunde genommen, wenn Sie mein Buch «Die Rätsel der Philosophie» durchzunehmen versuchen, so werden Sie darin erzählt finden, wie seit dem Beginne des philosophischen Ringens der Menschheit die Philosophie gleichsam sich bemüht hat, aus dem Spiegel den Tisch heraus zu bekommen und Teller und Schüsseln daraufzustellen. Deshalb mußte jetzt, wo wir doch eine solche geisteswissenschaftliche Bewegung haben, dem Buche ein Schlußkapitel hinzugefügt werden, welches zeigt, daß das, was vorher da war, ergänzt werden muß durch die Geisteswissenschaft, die es nicht mit Spiegelbildern, sondern mit Realitäten zu tun hat. Nun könnten Sie sagen: Dann ist das Buch gewiß ein solches, das wir nicht zu lesen brauchen, denn wozu sollen wir uns mit dem vergeblichen Ringen der Menschheit befassen? Warum sollten wir überhaupt auf die Philosophie Rücksicht nehmen, da sie sich doch nur mit einem vergeblichen Mühen der Menschheit befaßt? — Ja, so ist die Sache denn doch nicht, so ist sie wirklich nicht! Dasjenige, was wir treiben, indem wir uns in dieses von einem gewissen Gesichtspunkte allerdings vergebliche Ringen vertiefen, ist dennoch etwas unendlich Bedeutungsvolles, etwas, was durch nichts anderes ersetzt werden kann. Für die Erkenntnis der unsterblichen Seelennatur, für die Erkenntnis der geistigen Welt und auch des göttlichen Wesens wird die Philosophie gewiß immer unfruchtbar bleiben, aber sie wird nicht unfruchtbar bleiben für die Entfaltung gewisser menschlicher Kräfte, für die Heranentwickelung gewisser menschlicher Fähigkeiten. Gerade weil die Philosophie als solche sich nicht als tauglich erweist, die genannten Dinge zu erreichen, weil sie gewissermaßen stumpf bleibt gegenüber diesen Dingen, stärkt sie um so mehr die Kräfte der menschlichen Seele. Und wenn sie auch nicht Erkenntnisse überliefern kann, so bereitet sie doch — dadurch, daß sie konzentriertes Gedankenleben ist — die Seele vor, sich geeignet zu machen, um in die geistige Welt hinaufzudringen. Was wir durch die Erarbeitung der Philosophie gewinnen, das hebt uns in die geistige Welt hinein, mehr als irgend etwas anderes. Gerade weil keine Kräfte zur Erwerbung von realen Erkenntnissen verloren gehen, deshalb werden alle Kräfte angewendet für die Erhöhung der menschlichen Fähigkeiten. Das aber müssen wir gerade aus dieser Betrachtung hinnehmen, daß das Erleben auf dem physischen Plane, weil es ein Erleben in Bildern ist, etwas Unreales, etwas Unwirkliches hat, und daß wir im Grunde genommen, indem wir uns in die philosophische Welt einleben, seelisch-geistig ein Unwirkliches durchleben. Aber hat es denn einen Sinn, hat es eine Bedeutung, daß wir Seelisch-Geistiges auf dem physischen Plane als ein Unwirkliches erleben? Können wir darin eine Weisheit der Weltenordnung finden? Eine solche Frage müssen wir uns stellen, und um diese Frage zu beantworten, müssen wir einige Erkenntnisse der Geisteswissenschaft uns vor die Seele rücken.
[ 16 ] Wenn der Mensch durch Meditation, durch Konzentration, kurz, durch Verstärkung seines seelisch-geistigen Erlebens ein wenig weitergekommen ist, so geht er ja über in ein Erleben, das gleichsam ein waches Schlafen ist, in ein Darinnenleben in der geistigen Welt. Und die erste Erfahrung, die der Mensch macht, wenn er gewissermaßen am Ausgangspunkte der Initiation ist, wird eine solche Erfahrung sein, daß der Mensch Augenblicke erlebt, wo wie glitzernd-flimmernd, wie traumhaft, die geistige Welt in sein Bewußtsein hereindringt — das weiß er eigentlich erst hinterher, wo er sich sagen muß: Jetzt hast du etwas von der geistigen Welt erlebt. Gewöhnlich wird diese Erfahrung von den Schülern der Initiation zu wenig beachtet, sonst würden sie leichter vorwärtskommen.
[ 17 ] Würde der Mensch nicht im Schlafe sein Bewußtsein verlieren, so würde er während der ganzen Zeit, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in dieser geistigen Welt leben. Er ist wirklich die ganze Zeit darin in einer Welt des objektiven Gedankenwebens. Wer die Anweisungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» sorgfältig befolgt, der kommt verhältnismäßig bald darauf, daß er beim Aufwachen weiß: Du tauchst auf, wie wenn du unter dem Meere geschwommen hättest und jetzt in die Luft herauftauchen würdest; du tauchst auf, wie wenn du mit deinem seelischen Erleben gewoben hättest in einer Welt von lauter Gedanken. Da ist es so, wie wenn du noch die letzten Fetzen dieses Erfahrens erhaschen würdest beim Aufwachen.
[ 18 ] Das kann einen großen Eindruck machen, obwohl es sich sofort verliert und zumeist sehr schwer ist, im Gedächtnisse festgehalten zu werden. Aber wichtig ist es für den, der vorwärtskommen will, gerade solche Momente des Aufwachens zu erhaschen, denn da entsteht das Bewußtsein: Du warst, bevor du aufgewacht bist, mit deinem astralischen Leibe in einer webenden objektiven Gedankenwelt darinnen, und indem du in deinen physischen Leib untergetaucht bist, stößt du an deine physische Leiblichkeit an, die dir das zurückspiegelt, was du die ganze Nacht durchlebt hast, zunächst so, daß es glitzert in der Seele. Dieses Bewußtsein kann entstehen und sollte beachtet werden, und es ist außerordentlich wichtig, daß es entsteht. Wenn man ein solches Bewußtsein hat, dann fängt man an zu wissen, warum es schwierig ist, die Gedanken, die man durchlebt während des Schlafes und auch während der Initiation, wirklich in die physische Welt, in das physische Denken hereinzubekommen; denn man lebt mit seinen Gedanken ganz anders außer dem Leibe als im Leibe.
[ 19 ] Um das sich klarzumächen, wollen wir einmal den Moment des Aufwachens und das Aufgewachtsein ins Auge fassen. Wenn man aufwacht, taucht man also unter mit seinem geistig-seelischen Wesen in seine physische Leiblichkeit. Daß man da im Gedankenweben weiterlebt, das ist nicht weiter wunderbar, denn man hat die ganze Nacht während des Schlafes im Gedankenweben darinnen gelebt. Dasjenige, was vorgeht, ist also das Folgende. Denken Sie sich also ich will es schematisch zeichnen —, Sie tauchen von außerhalb unter in den physischen Leib — ich will es nur in bezug auf das Haupt zeichnen. Während Sie noch nicht darinnen sind, sondern noch da draußen, da sind Sie in einer wunderbaren Welt webender Gedanken, in der die Geister der nächsthöheren Hierarchien ihre Tätigkeit entwickeln. Bevor Sie aufgewacht sind, sind Sie mit Ihrem seelischgeistigen Erleben in der Welt der Angeloi, der Archangeloi, der Archai und so weiter darinnen. Geradeso wie Sie in der physischen Welt unter Tieren, Pflanzen und Mineralien sind, sind Sie während des Schlafes in der Welt der höheren Hierarchien darinnen. Und dieses Drinnensein, dieses Arbeiten der höheren Hierarchien an Ihrem seelischen Wesen, das geschieht eben mit den Gedankenkräften, die da walten. Und jetzt tauchen Sie unter in Ihren physischen Leib. Indem Sie untertauchen in den physischen Leib, konzentrieren Sie Ihre Gedanken dadurch, daß sie gebannt sind an den kleinen Raumesteil, den Ihr Haupt umschließt. Da müssen Sie das, was draußen ausgebreitet ist, ganz konzentriert zusammenziehen. Was da vorgeht, ist, daß das Gedankenleben hineinzieht, untertaucht in das Nervensystem. Da schiebt sich tatsächlich das Gedankenleben durch die Sinne hinein in das Nervensystem. Und was geschieht denn da? Da geschieht es in der Tat, daß durch das Gedankenerleben fortwährend die physische Substanz ergriffen wird, zuerst die Substanz des Ätherleibes, dann auch die physische Substanz. Und in der Tat, wenn Sie einen Gedanken hineinstopfen in das Leibliche, wirkt dies in gewissem Sinne ertötend; indem Sie einen Gedanken fassen in Ihrem physischen Leib, ertöten Sie eigentlich etwas in Ihrem Nervensystem. «Ertöten» ist sogar das richtige Wort dafür.
[ 20 ] Wir denken jetzt etwas — und nach einiger Zeit besinnen wir uns, was denn da in uns ist. So viele Nervenleichen als wir Gedanken gehegt haben, sind jetzt in uns. Das, was zurückbleibt, wenn wir etwas gedacht haben, sind wirklich lauter Leichen, so daß wir, wenn wir abends einschlafen, unseren physischen Leib aus dem Grunde sich selbst überlassen müssen, damit er die Gedankenleichen wieder fortschaffen kann, die wir während des Tages durch unser Denken geschaffen haben.
[ 21 ] Müssen denn diese Gedankenleichen da sein? Ja, die müssen da sein, denn diese Gedankenleichen sind eigentlich die Abdrücke des Denkens; und wenn wir nicht diese Gedankenleichen bilden könnten, so würden wir bei Tage geradesowenig bewußt einen Gedanken fassen können wie in der Nacht. In der Nacht stehen wir im Gedankenweben in der geistigen Welt darinnen. Da steht uns kein physischer Leib zur Verfügung, in den wir Gedankenleichen eindrücken könnten. In der Nacht geht der Gedanke gleich fort und löst sich auf in dem Allgedankenleben. Das ist der Unterschied, daß wir bei Tage die Gedanken dadurch festhalten können, daß sie zu Leichen werden, die wir dem physischen Leibe eingraben. Da verhärtet sich das Gedankenleben, und dieses Verhärten bewirkt, daß wir das Gedankenleben bewußt haben können.
[ 22 ] Das ist der genauere Prozeß. Da haben Sie wieder etwas von der Art, an der man zeigen kann, wie der Materialismus eigentlich daneben haut. Der Materialist glaubt, daß er in dem, was dadrinnen vor sich geht, im Leichenprozeß, die Ursache des Denkens suchen müsse. Aber was da sich vollzieht, das sind in Wirklichkeit Absonderungsprozesse des Denkens, Leichenprozesse; und das Nervensystem ist dazu da, damit durch die Tätigkeit des Denkens der Absonderungsprozeß erzeugt werden kann. Was das Denken übrig läßt, was es nicht brauchen kann, was es ausstößt, das untersucht die physische Physiologie. Dadurch aber bildet sich während des wachen Tageslebens etwas, was man nennen kann das Ersterben des Denkens im physischen Leibe darinnen. Die Gedankenkräfte, die man entwickelt, werden verwendet, um gleichsam Abklatsche, Abdrücke von sich zu erzeugen. Da gehen die Kräfte hinein in diese Abklatsche. Während der Nacht gehen sie nicht in solche Abklatsche hinein, da leben wir gleichsam im allgemeinen Meere des geistigen Seins. Aber weil wir da keine Abklatsche bilden können im normalen Leben ohne Initiation, lösen sich auch die Gedanken gleich in diesem allgemeinen Meere auf. Wenn wir sie fassen wollen am Morgen, dann sind sie eben aufgelöst; da kann sie nicht einmal die Erinnerung festhalten.
[ 23 ] Wenn wir also den Prozeß) ganz genau fassen, so können wir sagen: Irgendein Gedankenprozeß entwickelt sich. Indem er in unseren Leib hineindringt, erzeugt er jene Absonderungsprodukte in den Nerven. Aber bevor er diese Absonderungsprodukte erzeugt, spiegelt er sich. Bevor er übergeht in den Leib und die leibliche Tätigkeit, spiegelt er sich zunächst; das Hervorrufen dieser Tätigkeit ist ein Spiegeln.
[ 24 ] Denken Sie sich einmal, Sie schauen durch das Auge einen Gegenstand an, oder hören durch das Ohr ein Geräusch oder Töne zusammenklingen. Draußen ist der Tonzusammenklang. Dieser Tonzusammenklang dringt in das Ohr hinein. In den Gehörnerven entsteht ein Prozeß, eben diese Leichnamsbildung und -absonderung. Und das, was Sie hören, ist daher der zurückgeworfene Ton, eigentlich ein inneres Echo.
[ 25 ] Auf diese Art sind wir in unserem alltäglichen Erleben ganz in einer Spiegelbilderwelt, und unser eigenes Sein ist in diese Spiegelbilderwelt hineinverwoben. Denn unser wahres Sein würden wir erfassen, wenn wir außerhalb unseres Leibes uns schwimmend fühlten im geistigen Sein, wenn wir fühlen würden: Jetzt ergreift dich einer der Angeloi; in dem webst du jetzt, du gehst auf in dem Reiche der Angeloi, gehst über in das Reich der Erzengel, in das Reich der Urkräfte und so weiter. — Da würden wir uns getragen fühlen in die Reiche der höheren Wesenheiten. Wir würden fühlen die Unsterblichkeit der Seelen und wissen: so wahr diese Wesen das Geschehen in der Welt von Weltalter zu Weltalter tragen, so tragen sie uns mit von Weltalter zu Weltalter. Aber dieses nimmt der Mensch im gewöhnlichen Leben nicht wahr. Er taucht unter in den physischen Leib, und das Erleben des eigenen Selbst im wahren Sein erstirbt während des Lebens im physischen Leibe, und es bleibt nur die Welt der Spiegelbilder.
[ 26 ] Wir können also tief in den Erkenntnisprozeß hineinleuchten, und man möchte wünschen, daß ein Bewußtsein von der Natur dieses Erkenntnisprozesses wirklich das Zeitalter ergreifen würde. Denn dieses Erkennen der Welt als einer Summe von Spiegelbildern, und das Erkennen dessen, daß das eigentliche Sein dahinterliegt, das ist schon ein Aufsteigen zu dem, wozu die Menschheit durch die Geisteswissenschaft wirklich geführt werden soll. Wir können also nicht mehr und nicht weniger sagen als: Der Mensch betritt den physischen Plan, und indem er den physischen Plan betritt, wird er aus der Welt der Realität tatsächlich in eine Welt der Irrealität versetzt, in eine bloße Bilderwelt. — Und diese ganze Schwere dieser Erkenntnis müssen wir empfinden, daß wir innerhalb einer Bilderwelt stehen, wenn wir auf dem physischen Plane denken, wenn wir wahrnehmen und vorstellen.
[ 27 ] So können wir sagen, die geistigen Wesenheiten, indem sie uns dem physischen Plan überlieferten, haben uns herausgeholt aus der Welt wirklicher Realität und in eine Welt der Irrealität versetzt. Und wir erkennen das geradezu zunächst als eine Tatsache des geistigen Weltenzusammenhangs, wenn auch noch nicht des Weltenplanes. Als eine Tatsache des Weltenplanes erkennen wir es erst, wenn wir die Frage aufwerfen: Warum sind wir, insofern wir Wesen der realen physischen Welt sind, in eine Welt der irrealen Bilder hineinversetzt? Warum? — Nehmen wir an, wir wären es nicht, nehmen wir an, wir wären so auf den physischen Plan versetzt, daß wir nicht Bilder, sondern Realitäten hätten. Was heißt das denn eigentlich? Das würde heißen: Wir stehen wahrnehmend der physischen Welt gegenüber; wir hören zum Beispiel einen Tonzusammenhang; die Wirkung dieses Tonzusammenhangs geht in unser Ohr, in unsere Gehörnerven hinein und bewirkt dort eine Veränderung. Würden wir bloß das genießen, was da in den Gehörnerven vorgeht und es nicht hinaufprojizieren können in unsere Vorstellungen, dann würden wir in der Realität drinnen sein; wir würden nicht Bilder, sondern Realitäten haben. Das ist aber nicht der Fall. Wir sind wirklich herausgeworfen aus der Welt der Realitäten und hineinversetzt in eine Bilderwelt, in eine Welt der Irrealitäten. Wären wir wirklich in der Welt der Realitäten, in einer Welt der Wirklichkeit, dann könnten wir niemals die Möglichkeit bekommen, selber einer Welt Realität zu geben, denn dem, was wir als Realität erleben, können wir nicht selbst Realität geben. Ein Gegenstand, den ich von außen in die Hand nehme, ist irgend etwas. Er ist nicht nur ein Bild, der Gegenstand ist etwas. Ebensowenig wie ich den Tisch schieben kann, den ich im Spiegel sehe, ebensowenig kann ich irgend etwas Reales anfangen mit der Welt, die mir nur in Bildern gegeben ist. Aber wenn es sich darum handelt, daß wir selber Realitäten schaffen, dann ist es gerade richtig, daß wir in einer Welt von Bildern leben, denn dann haben zwar die Bilder keine Realität, wir können ihnen aber Realität verleihen. Tun wir das?
[ 28 ] Ja, meine lieben Freunde, das tun wir, auf einem Gebiete unseres Lebens tun wir das. Das tun wir, wenn wir moralisch handeln. In dem Augenblicke, wo moralische Impulse unser Seelenleben durchzucken, in dem Augenblicke schaffen wir etwas in die Welt hinein, das ohne uns nicht da wäre. Indem wir die Welt vorstellen, haben wir nur Bilder; indem wir moralisch handeln, stellen wir Realitäten in die Welt hinein. Wir würden niemals dazu kommen können, mit unserer Moral in einer Welt zu leben, die schon an sich uns als wirklich entgegenträte. Denn da würden wir mit dem, was wir moralisch tun wollen, überall anstoßen an die Welt.
[ 29 ] Nehmen Sie die Tiere. Die Tiere erleben die Welt ganz anders als die Menschen. Sie erleben sie nicht als eine Bilderwelt, sondern als eine Welt wirklicher Realitäten. Deshalb können die Tiere auch keine Moral entwickeln. Der Mensch kann Moral entwickeln, aus dem Grunde, weil er die moralischen Impulse selbst hineinstellen kann in die Welt, die sonst nur eine Spiegelbilderwelt ist. Was der Mensch als moralische Impulse hineinströmen läßt in die Welt, das strömt als eine von ihm ausgehende Wirklichkeit in die Welt hinein, Die Götter haben uns herausgestellt auf den physischen Plan und unser seelisches Erleben zu einer Welt der Irrealität gemacht, damit wir in die Lage kommen, die moralischen Impulse als Realität in die Irrealität hineinzustellen. Da haben Sie das Schaffen aus dem Nichts heraus, das Schaffen in das Nichts hinein durch Vorstellungen, die eben nur Bilder, nur Irrealitäten sind.
[ 30 ] Wenn wir nochmals den schlafenden Menschen betrachten, so können wir sagen: Insofern dieser schlafende Mensch außerhalb seines physischen Leibes und seines Ätherleibes ist, erlebt er in der Welt der webenden Gedanken, in die hineinverwoben sind die Wesenheiten der höheren Hierarchien. Aber noch etwas anderes durchsetzt und durchströmt diese Welt. Was ist das? Die Wesen der höheren Hierarchien sind nicht bloß Gedankenwesen, sie sind reale Wesen, sie haben Substanz, und dasjenige, was sie als Substanz haben, das erleben wir nun nicht in unseren Gedanken, sondern in unserem Willen, namentlich in dem von der Liebe durchwalteten Willen. In unserem Willen, indem wir hineinstellen die moralischen Impulse in die Welt, die sonst für uns nur eine Bilderwelt ist, holen wir herunter die Substanz der höheren Wesen in unsere Welt. Was wir wirklich aus moralischen Impulsen heraus tun, heißt nichts anderes als die Substanz der Wesen der höheren Hierarchien in unsere Welt herunterholen.
[ 31 ] Unsere Gedanken, wenn wir mit unserem geistig-seelischen Wesen im physischen Leibe leben nach dem Aufwachen, werden gespiegelt in einem Teile unseres Leibes: es werden gleichsam Ablagerungsprodukte des wachen Gedankenlebens im Nervensystem gebildet. Das Wesen der moralischen Impulse — die im Grunde genommen also aus dem Wesen der höheren Hierarchien kommen — geht in unseren ganzen Leib hinein, durchdringt unser ganzes Wesen, unseren ganzen Organismus, nicht bloß das Nervensystem; so daß der Mensch gewissermaßen als ein Zweifaches vorgestellt werden kann: als Nervenmensch, und daneben der ganze übrige physische Mensch, in den hineinströmt alles dasjenige, was in seinen moralischen Impulsen sich darlebt. Aber wir kommen aus der Welt der geistigen Wirklichkeiten, indem wir untertauchen in unseren physischen Leib. Indem wir in unseren physischen Leib untertauchen, herauskommend aus den Gedankenwelten, flimmern und glitzern sie zurückspiegelnd, im Nervensystem die Gedankenleichen bildend. Wir nehmen dieses Flimmern und Glitzern nur nicht wahr in unserem gewöhnlichen Leben. In uns leben die Gedanken, die aber in uns nicht lebendige Wesen sind; sie spiegeln sich, und was wir wahrnehmen, ist eine Art Lesen der Gedankenleichen. Aber diese Gedanken, die sich spiegeln, die sind ein Lebendiges, und das hat eine große Bedeutung in der Weltenordnung. Indem ein Mensch vor einem steht und man hinblickt auf diesen Menschen und sich bewußt ist: der nimmt wahr, der denkt, da geht dasjenige, was als Gedankenweben in seinem Innern ist, hinein in sein Nervensystem, spiegelt sich in allem Wahrnehmbaren, in Tönen und Farben — was geschieht mit dem Geisteslicht, das da in ihn hineingeht, das Eindrücke macht auf sein Nervensystem? Was geschieht mit den Eindrücken, die da entstehen? Sehen Sie, da kommen die Cherubim, sammeln dieses Licht und verwenden es zur weiteren Weltenordnung, und wir alle sind die Leuchter, die aufgestellt sind in der Weltenordnung. Indem wir denken, wahrnehmen und vorstellen, sind wir die Leuchter der Cherubim in der Weltenordnung. So wie dieses Licht hier in der physischen Welt den Raum erleuchtet, so sind wir die Leuchter in der geistigen Welt für die Cherubim. Indem wir denken, entsteht in uns Licht, das Gedankenlicht strahlt aus uns heraus, und das erleuchtet die Welt, in der die Cherubim leben.
[ 32 ] Indem wir hineintragen in unseren Leib aus der Welt der Hierarchien diejenigen Substanzen, aus denen geboren werden die moralischen Impulse und diese hineindringen in unsere ganze ÖOrganisation, geschehen unsere Willensimpulse, unsere Handlungen. Alles was wir tun, geschieht dadurch, daß diese Willensimpulse in uns tätig sind. Da geschieht nicht nur das, was äußerlich in der Welt durch uns vor sich geht, sondern, insofern es moralisches Handeln ist, sammeln dieses moralische Handeln die Seraphim, und dieses moralische Handeln ist die Wärmequelle für die ganze Weltenordnung. Unter dem Einflusse von Menschen, die unmoralisch handeln, erfrieren die Seraphim, das heißt sie bekommen keine Wärme, mit der sie heizen können die ganze kosmische Welt. Unter dem Einflusse des moralischen Handelns erlangen die Seraphim jene Kräfte, durch welche die kosmische Weltenordnung so erhalten wird, wie durch die physische Wärme die physische Weltenordnung.
[ 33 ] Sie sehen, sehr real wird die Weltanschauung, die uns die Geisteswissenschaft gibt. Sie bringt uns zum Bewußtsein: Wenn du denkst, wenn du vorstellst, bist du das angezündete Licht der Cherubim. Wenn du handelst, wenn du etwas tust, wenn du den Willen entfaltest, dann bist du die Wärmequelle, die Feuerquelle der Seraphim. Wir schreiten durch die Welt, indem wir uns bewußt sind, daß wir darin nicht nutzlose Taugenichtse sind, sondern darinnenstehen in der Weltenordnung zum Nutzen der ganzen Weltenordnung, und indem wir uns bewußt sind, daß wir es auch in der Hand haben, in der Welt eine Quelle von Finsternis zu sein. Denn wollen wir dumpf und stumpf sein und nicht denken, dann vermehren wir die Finsternis, und die Folge davon ist, daß die Cherubim kein Licht haben. Sind wir schlecht und unmoralisch, so vermehren wir die Kälte in der ganzen Weltenordnung, und die Seraphim haben keine Wärme.
[ 34 ] Nicht solche bloße Theorien gibt uns die Geisteswissenschaft, wie das die äußere Wissenschaft tun kann, wenn sie nicht praktische Wissenschaft ist und zur technischen Anwendung führt. Die Geisteswissenschaft gibt uns etwas, wodurch wir erst lernen zu wissen, was wir als Menschen in der ganzen Weltenordnung darinnen sind. Dasjenige, was dann aus der Geisteswissenschaft folgt, das Wesentliche, das ist das Wichtige. Es ist ein erhöhtes Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem Menschensein. Man fühlt, welche Aufgaben man gegenüber dem Kosmos hat, indem man Mensch ist. Man fühlt, daß? man Mensch im richtigen Sinne sein kann und Mensch im nicht richtigen Sinne sein kann, daß man zu Finsternis und Kälte oder zu Licht und Wärme in der Weltenordnung das Seinige geben kann.
[ 35 ] Man möchte gerade mit diesem lebenspraktischen Ziele die Geisteswissenschaft in die Welt hineintragen, auf daß sie die Herzen ergreife. Denn man kann sicher sein, daß dann die Geisteswissenschaft wirklich imstande sein wird, eine neue menschliche Seelenverfassung und damit überhaupt eine ganz neue Form des menschlichen Erlebens auf der Erde und weiterhin im Weltenall zu erzeugen, daß sie nicht nur ein Wissen überliefert, sondern eine Quelle von wahren, echten Lebenskräften ist. Man möchte so gern, daß dieses erfaßt werde, so recht tief erfaßt werde von denen, die heute den Drang fühlen zu dieser Geisteswissenschaft! Denn allzusehr wird noch diese Geisteswissenschaft als etwas Äußerliches genommen, allzusehr noch so, daß sie auch wie anderes Wissen die Neugierde oder sagen wir die Wißbegierde befriedigen soll. Aber der Ernst muß wachsen, mit dem die Geisteswissenschaft ins Leben hineingestellt wird. Das ist es, was unsere Zeit so nötig hat: nicht bloß den Glauben an die geistige Welt, sondern die Möglichkeit, sich der geistigen Welt so gegenüberzustellen, daß sich die menschliche Seele wirklich hinneigt zu der geistigen Welt. Und wie das Kind aus der Mutterbrust die Nahrung saugt, so saugt diese Menschenseele aus dem, was ihr die Geisteswissenschaft zu eröffnen vermag, Lebenssubstanz für eine neue Form des Erdenerlebens, des Erdentuns, des Sich-darinnenWissens in der geistigen Weltenordnung.
[ 36 ] Erst wenn von diesem Zauberhauch des Fühlens und Empfindens das Verhältnis der Menschen zur Geisteswissenschaft durchdrungen sein wird, wird man die Geisteswissenschaft in ihrem wahren, innersten Lebenskern verstehen. Das aber wird notwendig sein, daß sie insbesondere erst Wurzel fasse unter denen, die teilnehmen an einem gemeinsamen Werke geisteswissenschaftlicher Bestrebungen.
[ 37 ] Was soll denn dieser unser Bau anderes sein, als dasjenige, an dem wir teilnehmen — insbesondere jene, die daran arbeiten —, teilnehmen als an einem Gemeinsamen, an einem Zusammenfließen der Gesinnungen, welche die Geisteswissenschaft erweckt! Das ist das ungeheuer Wichtige und Bedeutungsvolle. Wird in dieser Gesinnung der Bau aufgerichtet, dann wird er nicht nur dieser trockene Bau sein mit seinen Formen, sondern wird etwas sein, was weit in die Welt hinausstrahlt; er wird das sein, was in liebevollem Schaffen, in echtem zusammenwirkendem Schaffen diejenigen hingestellt haben, die daran gewirkt haben. Was diese haben hineinströmen lassen in den Bau, was sie gleichsam zurückgelassen haben in diesem Bau mag es selbst die kleinste Tätigkeit sein, mag diese Tätigkeit noch so lose zusammenhängen mit diesem Bau —, ist sie gerichtet in Liebe nach dem, was der Bau sein soll. Und entströmt sie derjenigen menschlichen Gesinnung, die aufgehen will in der kosmischen Ordnung, dann wird dieser Bau etwas sein, was nicht bloß ein Totes ist, sondern ein Lebendiges, ein wirklich Lebendiges.
[ 38 ] Das ist ja das Geheimnis unserer Gedankenleichen, daß wir sie während einer gewissen Zeit doch immer wiederum beleben können. Und die andere Seite, die des Erinnerns, habe ich das letzte Mal auseinandergesetzt: dasjenige, was die Gedanken als Gedankenleichen in uns erzeugt haben und was in seiner Form zurückbleibt, wie die menschlichen Leichen auf der Erde zurückbleiben, das kann durch spätere Seelenkräfte wieder belebt werden. Und wenn eine Erinnerung auftaucht, so wird das, was nur Gedankenleiche ist, für eine Weile wieder lebendig erstrahlen in uns.
[ 39 ] Arbeiten wir daran, daß unser Bau in der menschlichen Ordnung etwas Ähnliches ist, daß diejenigen, die kommen, um ihn anzuschauen, unbewußt versetzt werden in jene Sphäre der Liebe, mit der er aufgebaut ist! Denn dann wird er sein nicht bloß ein Zusammenhang von toten Formen, sondern etwas, das im Anschauen belebt wird wie die Gedankenleichen der Erinnerung. Und es ist für alle Zukunft dann so, daß durch die Art, wie wir daran arbeiten, dieser Bau etwas sein wird, was immer wieder und wieder belebt werden kann von denen, die ihm gegenübertreten.
[ 40 ] Indem wir diese Gedanken auf unsere Seele wirken lassen, gewinnen wir ein lebendiges Verhältnis zu diesem unserem Bau, jenes lebendige Verhältnis, das wirklich die Menschheit braucht, indem sie von der Gegenwart in die Zukunft hineinlebt. Denn vieles wird nicht Leiche bleiben dürfen, sondern wird leben müssen, aber wird nur leben können dadurch, daß jene neuartige Gesinnung aufkommt, die ein Ergebnis der Geisteswissenschaft und der geistigen Erkenntnis sein muß.
