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Menschenschicksale und Völkerschicksale
GA 157

17 Januar 1915, Berlin

Vierter Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde, wie bei andern Gelegenheiten, wo ich seit dem Anbruch unserer ernsten gegenwärtigen Zeit zu Ihnen sprechen durfte, seien auch in diesem Moment unsere ersten Gedanken hingelenkt zu denjenigen, die draußen im Felde stehen, ihre Seelen und ihre Leiber zum Opfer bringen den großen Forderungen unserer Zeit und mit ihrem ganzen physischen Sein einzustehen haben für diese Forderungen der Zeit:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 2 ] Und für die schon durch die Pforte des Todes Gegangenen sagen wir:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 3 ] Und der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, den wir suchen seit langem in unserer Bewegung, er sei bei euch und führe euch zu den Zielen, die ihr suchen müßt!

[ 4 ] Was ich insbesondere bei unserer letzten Betrachtung hier fließen lassen wollte durch die Worte, die damals gesprochen worden sind, das war die geisteswissenschaftlich zu erkennende Wahrheit, wie man gerade an den großen, ernsten Ereignissen des Lebens zu sehen in der Lage ist, daß die äußeren Erscheinungen in dem Lichte betrachtet werden müssen, das uns die Geisteswissenschaft gibt. Dann erst erscheinen sie uns nicht mehr als Maja, als die große Täuschung, sondern dann erscheinen sie uns in ihrer tiefen Wahrheit. Nicht als ob diese äußeren Erscheinungen selber Maja oder Täuschung wären, was eine orientalisierende Weltanschauung leicht als Mißverständnis an die Seelen heranbringen könnte, sondern so ist es, daß unsere Sinne und unser Verstand in der Auslegung, in dem Begreifen der äußeren Ereignisse irren, wenn wir diese äußeren Ereignisse nicht beleuchten mit dem Licht, das uns durch die Erkenntnis der geistigen Welt kommt.

[ 5 ] An einzelne Tatsachen möchte ich heute anknüpfen, die in den Jahren unseres anthroposophischen Strebens schon berührt worden sind und die ich heute in eine etwas unserer Zeit entsprechende Perspektive rücken möchte.

[ 6 ] Wir sind ja davon durchdrungen, daß, seitdem das Mysterium von Golgatha in die Erdenereignisse eingegriffen hat, diejenigen Impulse, diejenigen Kräfte und Wesenheiten, welche durch dieses Mysterium von Golgatha gegangen sind, als lebendige Kräfte eingegriffen haben in alles Geschehen der Menschheitsentwickelung auf der Erde. Mit andern Worten, ich möchte, konkreter ausgesprochen, sagen: In allen maßgebenden Ereignissen, in alledem, was sich als wichtig und wesentlich zugetragen hat, ist der Christus-Impuls darinnen tätig durch die, welche seine Diener, seine spirituellen Gehilfen sind. Gegenwärtig nennt man ja so häufig Christenrum nur dasjenige, was von den Menschen hat verstanden werden können. Aber ich habe es öfter betont: Was durch das Christentum in die Welt gekommen ist, das ist so groß, so gewaltig, daß die menschliche Vernunft, der menschliche Verstand, bis zu unserer Gegenwart keineswegs in der Lage waren, auch nur das Elementarste aus den Kräften des Christus-Impulses wirklich zu begreifen. Wenn der Christus nur durch das hätte wirken sollen, was die Menschen von ihm haben begreifen können, dann würde er wenig haben wirken können. Aber nicht auf das kommt es an, was durch die menschlichen Vernunftbegriffe in die Menschheit eingegangen ist, was die Menschen sich haben vorstellen können von dem Christus, sondern daß er seit dem Mysterium von Golgatha da ist, unter den Menschen unmittelbar wirksam und in ihren Handlungsweisen tätig. Nicht darauf, inwiefern er von den Menschen begriffen worden ist, kommt es an, sondern daß er als lebendiges Wesen da war und sich hat hineinfließen lassen in das, was als maßgebende Tatsachen in der Entwickelung geschehen ist. Gewiß, wir sind durch unsere Geisteswissenschaft auch heute nur imstande, ein wenig von der Tiefe des Christus-Impulses zu begreifen; kommende Zeiten werden immer mehr und mehr davon begreifen und schauen. Zum Hochmut kann uns das nicht veranlassen, was wir heute von dem Christus-Impuls begreifen können. Die Geisteswissenschaft will einiges mehr begreifen, als man in verflossenen Zeiten von dem Christus hat begreifen können. In verflossenen Zeiten hat man über den Christus nur nachdenken können mit den Mitteln, die der äußere Verstand, die äußere Vernunft, die äußere Forschung geben. Jetzt bekommen wir dazu die Geisteswissenschaft, sehen dadurch in die übersinnlichen Welten hinein, und aus den übersinnlichen Welten können wir uns manche Antwort geben über die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha. Am wenigsten waren in der Lage, gleich zu begreifen, was der Christus ist, und was diejenigen spirituellen Mächte sind, welche als die Volksseelen und dergleichen in seinem Dienste stehen, diejenigen Menschen, in deren Gebiet sozusagen der Christus zuerst einziehen mußte. Dennoch mußte der Christus-Impuls hineinfließen — zum Beispiel in die römische Welt. Und gerade an einem Beispiele, das wir in einem andern Zusammenhange schon angeführt haben, können wir am allerbesten sehen, wie der Christus als eine lebendige Macht tätig ist und seine spirituellen Diener anführt, wenn es sich darum handelt, diejenigen Tatsachen zu bewirken, die einfließen müssen in die Entwickelung zum rechten Fortschritt der Menschheit.

[ 7 ] Auf die Tatsache, die ich meine, möchte ich noch einmal hinweisen. Im Jahre 312 unserer Zeitrechnung ist es geschehen, daß derjenige, durch den innerhalb des Römischen Reiches das Christentum zur Staatsreligion wurde, Konstantin, Sohn des Konstantius Chlorus, mit seinem Heere dem damaligen Beherrscher von Rom, Maxentius, gegenüberstand. Gewiß, so wie die beiden Heere sich gegenüberstanden, mußte man sagen: so ungünstig wie möglich standen die Bedingungen für Konstantin, denn sein Heer war fünfmal kleiner als das des Maxentius. Wir können uns aber vorstellen, daß nach dem Stande der damaligen Kriegskunst in beiden Heeren ganz bedeutende Heeresleiter waren. Aber es kam gerade damals nicht auf Menschenkunst an, sondern darauf, daß dem fortfließenden Christus-Impuls die Möglichkeit gegeben wurde, auf die auch von der damaligen Zeit geforderte Weise in die Menschheit einzugreifen. Was man damals vom Christus-Impuls verstehen konnte, was die Herzen der Menschen vom Christus-Impuls aufgenommen hatten aus dem damaligen Zeitbewußtsein heraus, davon können wir uns überzeugen, wenn wir uns anschauen, was ein paar Jahrzehnte später sich um Rom und aus Rom vollzogen hat: wenn wir sehen, wie Julian, der Apostat, aus der ehrlichen Überzeugung dessen, was man damals aus Menschenwissen gewinnen konnte, das Christentum bekämpft hat. Und wer sich auf die Art einläßt, wie Julian und die Seinigen das Christentum bekämpften, der wird sich sagen: Ganz gewiß, vom Menschenwissen aus waren Julian und seine Anhänger auf der Höhe ihrer Zeit; von diesem Standpunkte aus waren sie viel aufgeklärter als die Christen ihrer Zeit, trotzdem sie wieder zum Heidentum übergegangen waren. Von ihnen kann man sagen: sie vertraten, was man als Menschenwissen damals vertreten konnte. Aber was Menschenwissen ist, das durfte nicht im Jahre 312 das Entscheidende sein, sondern es mußte die Möglichkeit gegeben sein, daß der Christus und seine Diener in die geschichtliche Entwickelung der Menschheit eingriffen. Aber wenn Maxentius und die Seinigen sich noch so sehr auf die Feldherrnkunst der Ihrigen hätten stützen können wie auch auf das, was man sonst mit Menschenwissen und Menschenweisheit damals hätte erreichen können, und weiter nichts geschehen wäre, dann würde ganz zweifellos nicht das zum Vorschein gekommen sein, was damals hatte zum Vorschein kommen müssen. Was geschah also?

[ 8 ] Was geschah, war folgendes: Der fortlaufende Christus-Impuls floß hinein in diejenigen Tätigkeiten der Seelen, die nicht im Bewußtsein der Menschen lagen, von denen die Menschen nichts wußten. Und er lenkte tatsächlich die Menschen so, daß das zustande kam, was zustande kommen sollte. Denn es wurde die Schlacht zwischen Konstantin und Maxentius, die am 28. Oktober 312 am Saxa Rubra stattfand, nicht entschieden durch Menschenkunst; sondern sie wurde entschieden — so sehr sich auch die heutige Aufklärung dagegen sträuben mag, das anzuerkennen — durch Träume, das heißt, was man so «Träume» nennt, aber was sie für uns nicht sind. Denn alles dasjenige floß durch die Träume in die Seelen der beiden Feldherren hinein, was durch die menschliche Vernunft nicht in sie fließen konnte. Maxentius träumte vorher, daß er seine Stadt verlassen müßte. Er wandte sich auch noch an das Sibyllinische Orakel; das sagte ihm, er werde das, was geschehen sollte, erreichen, wenn er nicht innerhalb, sondern außerhalb der Stadt den Kampf wagen würde. Es war das Unklügste, was er hatte tun können, insbesondere noch dadurch, daß sein Heer um so viel stärker war als das des Konstantin. Er hätte wissen müssen, daß er das, was er aus den höheren Welten bekam, erst hätte deuten müssen, und daß der Orakelspruch ihn irreführen würde. Konstantin wieder hatte einen Traum, der ihm sagte, er werde siegen, wenn er unter dem Zeichen Christi sein Heer in den Kampf führen würde, und so richtete er seine Taten dementsprechend ein. Was auf dem Umwege des Traumes in die Seelen hineinfloß, das ging in die Tat über, und das führte das herbei, was damals die Welt so verändert hat, so daß man nur ein wenig nachzudenken braucht, um sich zu sagen: Was wäre aus der Welt des Abendlandes geworden, wenn eben nicht übersinnliche Mächte in einer so anschaulichen Weise in die Ereignisse eingegriffen hätten?

[ 9 ] Aber nun sehen wir uns die Ereignisse näher an. Seelen waren damals im Westen und Süden Europas inkarniert, die das Christentum annehmen sollten, die zum Träger des Christentums werden sollten. Durch ihren Verstand, durch ihre Vernunft konnten gerade die erleuchtetsten Seelen damals nicht dazu kommen, Träger des Christus-Impulses zu werden, weil die Zeit nicht dazu angebahnt war. Sie mußten durch das, was äußerlich um sie herum geschaffen worden ist, zum Christentum kommen. Man kann von diesen Menschen sagen: sie zogen das Christentum gleichsam als ein Kleid an, und sie wurden gar nicht in ihrem tieferen Wesen allzu sehr davon ergriffen. Sie wurden mehr dienende Glieder, als daß sie unmittelbar in ihrem tiefsten Wesen von dem Christus-Impuls wären ergriffen worden. So war es im Grunde genommen noch lange Zeit hindurch mit den besten Seelen im westlichen Gebiet Europas, bis ins achte, neunte Jahrhundert hinein und noch weiter. Es war für sie nötig, das Christentum als ein Kleid anzunehmen, dieses Kleid des Christentums so zu tragen, daß sie es in ihrem Ätherleibe trugen und nicht in ihrem astralischen Leibe. Sie ermessen, was es bedeutet, wenn ich sage, sie trugen das Christentum im Ätherleibe. Das heißt, sie nahmen es so an, daß sie Christen waren im Wachzustande, daß sie das Christentum aber nicht mitnehmen konnten, wenn sie aus dem physischen und ätherischen Leibe heraus waren. Und so gingen sie auch durch die Pforte des Todes, daß wir von ihnen sagen können: sie konnten aus dem Reiche, das der Mensch durchzumachen hat zwischen Tod und neuer Geburt, hinunterschauen auf das, was sie in dem verflossenen Erdenleben waren. Aber die christlichen Impulse, die aus dem damaligen Leben hervorgingen, mitzunehmen für ihr weiteres Leben, das war ihnen damals nicht unmittelbar möglich. Sie trugen eben das Christentum mehr als ein Kleid.

[ 10 ] Merken wir uns für eine Betrachtung, die ich gleich nachher anstellen will, diesen Zusammenhang: wie die Seelen das Christentum im äußeren Leben annahmen, und wie dieses Christentum nicht zu demjenigen gehörte, was die Seelen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, durch die geistige Welt hindurch mit hinübernehmen konnten, um sich zu einern neuen Erdendasein vorzubereiten. Merken wir uns, daß diese Seelen in ein neues Erdendasein nur so kommen konnten, daß sie das Christentum vergessen hatten. Denn man erinnert sich in einem späteren Erdenleben nicht bewußt an das, was man im früheren Leben als Kleid getragen hat. Wenn das der Fall wäre, brauchten unsere Gymnasialschüler das Griechische nicht wieder zu lernen, da viele von ihnen in Griechenland verkörpert waren; sie erinnern sich aber nicht an ihre griechische Inkarnation und müssen daher das Griechische neu lernen. Aber durch das Leben, das jene im Westen Europas inkarniert gewesenen Seelen durchgemacht hatten zwischen Tod und neuer Geburt, konnten sie das Christentum nicht forttragen, weil sie diese Impulse nicht innerlich verwoben hatten mit dem Ich und dem astralischen Leib. Das war das Eigentümliche, wie sich diese Seelen in spätere Verkörperungen hinüberlebten. Merken wir uns das, und betrachten wir nun eine andere Tatsache, auf die ich auch schon hingewiesen habe.

[ 11 ] Wir wissen, daß die Zeit, in der wir jetzt leben, der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum, hauptsächlich so um das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert begonnen hat, damals, als sich für die europäische Welt das vorbereiten sollte, was vorzugsweise in unserer Zeit zur Entwickelung der Bewußtseinsseele führen sollte. Das ist ja das, um was es sich in unserm fünften Kulturzeitraum handelt. Was da bewirkt werden sollte, das mußte bewirkt werden im Hinblick darauf, daß auch äußerlich im Erdendasein diejenigen Erdenverhältnisse eintraten, welche gerade dem Entwickeln der Bewußtseinsseele günstig waren, jener Seele, die sich entwickeln kann, wenn sie sich hinlenkt auf das materielle Erdendasein, auf die äußeren Tatsachen des physischen Daseins. Das mußte beginnen, und das begann auch. Wir brauchen uns nur daran zu erinnern, wie der Gesichtskreis Europas über die Erde hin durch die großen Entdekkungen und durch das, was sie im Gefolge hatten, erweitert wurde, so daß die Bewußtseinsseele sich vorzugsweise unter materiellem Einfluß entwickeln mußte. Wir brauchen dabei nur an eines zu denken, worauf wir auch hingewiesen haben: zur Entfaltung und Entwickelung der Bewußtseinsseele ist besonders berufen, einseitig berufen, was zum Gebiete der britischen Volksseele gehört. Und man kann sich kaum denken, wenn man alle Einzelheiten prüft, daß irgend etwas so planvoll vor sich gegangen war, wie dieses Hinlenken der britischen Volksseele zu diesen materiellen Aufgaben des Lebens. Das lag im Bereiche der Entwickelung der Menschheit durchaus vorgezeichnet.

[ 12 ] Stellen wir uns nun einmal vor, daß England im fünfzehnten Jahrhundert abgelenkt worden wäre von seinem Hinneigen gerade zu denjenigen Gebieten der Erde, auf die es durch die Entdeckung der großen außereuropäischen Gebiete hingelenkt worden war, und daß die britische Volksseele im fünfzehnten Jahrhundert dahin gekommen wäre, bedeutende Gebietserweiterungen auf dem europäischen Kontinent zu erleben. Stellen wir uns vor, daß also die Landkarte Europas in dieser Weise verändert worden wäre. Unmöglich wäre es dann gewesen, erstens das zu erreichen, was eben auf dem Gebiete der materiellen Kultur erreicht werden mußte, und zweitens das zu erreichen, was in Europa erreicht werden mußte durch jene Verinnerlichung des Lebens, die unter mancherlei Hindernissen gerade von jenem Zeitpunkte an vor sich gegangen ist unter der Mitwirkung des ja doch durch die deutsche Mystik vielfach beeinflußten Protestantismus. Griff aber der Christus-Impuls in die Entwickelung ein, so mußte er dafür sorgen, daß die britischen Interessen ferngehalten wurden von dem Gebiete, wo die Seelen noch vorbereitet werden sollten, um äußere, äußerliche Träger des Christus-Impulses zu sein.

[ 13 ] Der Christus-Impuls mußte einfließen in die Taten des europäischen Kontinentes. Er mußte so wirken, daß er viel mehr bewirkte als das, was durch die Menschheit, durch ihre Menschheitskünste, geschehen konnte. Und was geschah?

[ 14 ] Das Wunderbare geschah, daß alles dasjenige, was diejenigen nicht haben leisten können, die auf der Höhe ihrer Zeit standen, das arme Hirtenmädchen von Orleans, Jeanne d’Arc, leistete. Damals war es wirklich der durch seinen michaelischen Diener in der Jeanne d’Arc wirkende Christus-Impuls, der verhinderte, daß Frankreich etwa mit England zusammenfließen würde, und der bewirkte, daß England auf seine Insel zurückgedrängt wurde. Und das Doppelte wurde damit erreicht: einmal, daß Frankreich die Hände in Europa frei behielt, was wir studieren können, wenn wir die folgenden Jahrhunderte in Frankreichs Geschichte verfolgen, und daß dasjenige, was im französischen Volksgeiste noch lag, durchaus ungehindert auf die europäische Kultur wirken konnte; und das andere, was erreicht wurde, war, daß England sein Gebiet angewiesen bekam außerhalb des europäischen Kontinentes. Diese Tat, welche so durch die Jeanne d’Arc hingestellt wurde, war nicht etwa bloß für die Franzosen ein Segen, sondern auch für die Engländer selbst, indem sie auf ihr Gebiet gedrängt wurden.

[ 15 ] Wenn wir es aber im Zusammenhange betrachten mit dem, was im Fortschritt des Christus-Impulses auf der Erde liegt, so wurde durch die Tat der Jeanne d’Arc etwas bewirkt, von dem wir sagen können: Was sie davon mit einem wirklichen menschlichen Verstande verstanden hat, das ist gleich Null gegenüber dem, was der Karte von Europa die heutige Gestalt gegeben hat. $o mußten eben die Ereignisse verlaufen, damit der Christus-Impuls in der richtigen Weise sich ausbreiten konnte. Da sehen wir, hereinbrechend in die geschichtlichen Ereignisse aus den unterirdischen Gründen der Menschennatur heraus, was der lebendige Christus ist; nicht der, den die Menschen verstehen. Denn wir können den Christus-Impuls in zweifacher Weise betrachten. Einmal können wir uns fragen: Was verstanden damals die Menschen von dem Christus-Impulse? Wenn wir die Geschichte aufschlagen und die Menschheitsgeschichte verfolgen, so finden wir in den verflossenen Jahrhunderten streitende Theologen, die alle möglichen Theorien verteidigen oder bekämpfen, die darzulegen versuchen, wie man die menschliche Freiheit, die göttliche Trinität und so weiter aufzufassen habe. Unzählige Theologen sehen wir so sich streiten, indem sie sich gegenseitig als rechtgläubige Theologen anerkennen oder im anderen Falle verketzern. Daher sehen wir eine christliche Lehre sich ausbreiten, ganz nach den Möglichkeiten der damaligen Zeit. Das ist das eine. Aber darauf kommt es nicht an, ebensowenig wie es jetzt darauf ankommt, was die Menschen mit dem gewöhnlichen Verstande tun können. Sondern darauf kommt es an, daß der Christus unsichtbar unter den Menschen lebt als lebendiges Wesen und aus den unsichtbaren Gründen herauf in die Taten der Menschheit einfließen kann. Und das tat er an einer Stelle, wo er eben gar nicht einzufließen brauchte durch den menschlichen Verstand, durch die menschliche Vernunft, sondern wo er einfließen konnte durch die Seele einer «Unverständigen», durch die Seele der Jungfrau von Orleans. Und als er einfloß, wie verhielten sich da diejenigen, welche das Christentum als die offizielle Lehre begreifen konnten? Nun, sie fanden, daß sie den Träger des Christus-Impulses verbrennen mußten! Es hat einige Zeit gebraucht, bis diese offizielle Lehre zu einer anderen Ansicht gekommen ist. Für die offizielle Lehre mag das von seinem Wert sein, aber für die damaligen Ereignisse ist die Heiligsprechung der Jungfrau von Orleans nicht gerade die rechte Reputation.

[ 16 ] Das ist so recht eines der Beispiele, an denen wir sehen können, wie der Christus durch seine Diener — ich sagte, durch die Jungfrau von Orleans wirkte er durch seinen michaelischen Geist — in die Menschheitsentwickelung eingriff als lebendiges Wesen, nicht bloß durch das, was die Menschen von ihm verstehen. Aber wir können auch noch etwas anderes gerade an diesem Beispiel sehen. Das Christentum war ja da. Die Leute nannten sich ja Christen, die gewissermaßen herum waren um die Jungfrau von Orleans. Sie verstanden ja etwas unter ihrem Christentum. Aber man müßte von dem, was sie verstanden, sagen: Der, den ihr sucht, der ist nicht da, und der da ist, den suchet ihr nicht, denn den kennt ihr nicht. Trotzdem müssen wir uns klar sein, daß es wichtig, daß es wesentlich war, daß die Christus-Entwickelung auch in diesem äußerlichen Gewande, in dem sie dort auftrat, durch die Entwickelung von Europa ging. Seelen gehörten dazu, die eben in diesem äußeren Gewande das Christentum annehmen konnten, die es gleichsam äußerlich tragen konnten. Sie waren noch immer die Nachzügler derjenigen Seelen, die früher dort verkörpert waren, Seelen also, die den Christus noch immer nicht in ihr Ich aufnahmen, sondern immer noch nur in den Ätherleib aufnahmen. Und der große Unterschied zwischen der Jungfrau von Orleans und den andern war der, daß sie in die tiefsten Gründe ihres astralischen Leibes den Christus-Impuls aufnahm und von den tiefsten Kräften des astralischen Leibes aus für den Christus-Impuls wirkte. Gerade hier haben wir einen der Punkte, wo wir uns klarmachen können, was uns klar werden muß: den Unterschied zwischen der fortlaufenden Entwikkelung der Völker und der fortlaufenden Entwickelung der einzelnen menschlichen Individualitäten.

[ 17 ] Wenn wir zum Beispiel die heutigen Franzosen betrachten, so leben natürlich innerhalb des französischen Volkes eine Anzahl menschlicher Individualitäten. Diese Individualitäten sind nicht etwa diejenigen, welche zum Beispiel in ihrer früheren Inkarnation innerhalb des Volkes gelebt haben, das da im Westen von Europa das äußere Kleid des Christentums angenommen hat. Denn gerade dadurch, daß im Westen von Europa eine Anzahl von Menschen das Christentum als äußeres Kleid annehmen mußte, gingen diese Menschen so durch die Pforte des Todes, daß sie angewiesen waren, unter anderen Bedingungen im nächsten Leben in ihrem astralischen Leib und Ich mit dem Christentum vereinigt zu sein. Gerade dadurch, daß sie im Westen von Europa verkörpert waren, war für sie die Notwendigkeit gegeben, ihre nächste Verkörperung nicht in dem Westen von Europa zu haben. Es ist überhaupt sehr selten der Fall — selten sage ich, es braucht aber darum nicht immer so zu sein —, daß eine Seele aufeinanderfolgend in mehreren Inkarnationen etwa derselben Erdengemeinschaft angehört. Die Seelen gehen aus einer Erdengemeinschaft in die andere hinüber.

[ 18 ] Aber ein Beispiel haben wir — ich sage das, ohne Sympathien oder Antipathien erregen zu wollen, noch um etwa jemandem schmeicheln zu wollen —, ein Beispiel haben wir, wo Seelen in der Tat mehrmals durch ein und dasselbe Volkstum durchgehen. Das ist der Fall beim mitteleuropäischen Volke. Dieses mitteleuropäische Volk hat viele Seelen, welche heute darin leben, und die auch früher innerhalb der germanischen Völker verkörpert waren. Solcher Tatsache können wir nachgehen. Wir können sie oftmals mit den Mitteln der okkulten Forschung, wie wir sie bis jetzt haben, gar nicht völlig erklären; aber sie steht da. Eine solche Tatsache, wie sie zum Beispiel im öffentlichen Vortrag am letzten Donnerstag «Die germanische Seele und der deutsche Geist» gezeigt wurde, bekommt Licht, wenn wir wissen, daß Seelen wiederholt innerhalb der mitteleuropäischen Volksgemeinschaft erscheinen. Das ist die Tatsache, daß wir gerade innerhalb dieser Volksgemeinschaft abgerissene Kulturepochen haben. Man soll sich nur vorstellen, was es bedeutet, daß innerhalb der Morgenröte der germanischen Kultur es eine Epoche gegeben hat, wie sie da war bei den Dichtern des Nibelungenliedes, bei Walther von der Vogelweide und anderen; und man soll sich vorstellen, daß später eine Zeit begann, in welcher eine neue Blütezeit der germanischen Kultur einsetzte, und wo die erste Blüte ganz vergessen war. Denn zur Zeit, als Goethe jung war, wußte man sozusagen nichts von der ersten Blüte germanischen Kulturlebens. Gerade weil die Seelen innerhalb dieser Volksgemeinschaft wiederkehren, mußte vergessen werden, was schon einmal da war, damit die Seelen etwas Neues fanden, wenn sie wiederkehrten, und nicht unmittelbar an das anknüpfen konnten, was aus den früheren Zeiten geblieben war. Bei keinem andern Volke ist es so, daß gewissermaßen solche Metamorphose durchgemacht worden wäre wie beim mitteleuropäischen Volke: von jener Höhe, welche vorhanden war im zehnten, elften, zwölften Jahrhundert, zu jener andern Höhe, die wieder da war um die Zeit vom Ende des achtzehnten und Beginn des neunzehnten Jahrhunderts und deren Fortwirken wir erhoffen dürfen. Von dem ersten zum zweiten Zeitpunkt geht kein fortlaufender Strom, was nur erklärlich wird, wenn wir wissen, daß gerade auf diesem Gebiete der Geisteskultur Seelen wiederkommen. Vielleicht hängt damit auch zusammen, was ich Ihnen gegenüber schon einmal eine erschütternde Tatsache genannt habe: daß eben wirklich nur zu bemerken war bei den mitteleuropäischen Kämpfern der Gegenwart, daß sie, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, weiter mitkämpfen; daß, bald nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, zu schauen ist, wie sie mitkämpfen. Daher kann man nach dieser Tatsache die schönsten Hoffnungen für die Zukunft haben, wenn man eben sieht, daß nicht nur die Lebendigen, im physischen Sinne Lebendigen, sondern auch die Toten, die Verstorbenen, mithelfen an dem, was geschieht.

[ 19 ] Werfen wir nun die Frage auf: Wie ist es etwa mit denjenigen Seelen, die in den Zeiten, als das Christentum wie eine äußere Gewandung angenommen worden ist, namentlich in der Zeit des sechsten, siebenten, achten, neunten Jahrhunderts in Westeuropa verkörpert waren und dort, oder auch unter den Römern, das Christentum angenommen haben, es aber noch nicht vereinigen konnten mit ihrem astralischen Leib und ihrem Ich? Wie ist es mit diesen Seelen?

[ 20 ] Ja, so grotesk es für die materialistisch denkenden Menschen der Gegenwart ist, so bedeutungsvoll werden die Lehren der Geisteswissenschaft für das Leben, wenn man auf die konkreten Tatsachen eingeht. Das betrachten die Menschen noch als das Hirngespinst einiger närrischer Träumer, wenn man von wiederholten Erdenleben spricht. Man nimmt diese Idee nicht an; aber man findet es verzeihlich, nachdem ja auch der große Lessing in einer schwachen Stunde seines Lebens die Idee der wiederholten Erdenleben angenommen hat, wenn auch heute wieder davon gesprochen wird. Aber wenn wirklich eingegangen wird auf die Ergebnisse der okkulten Forschung, dann ist man kein Verzeihung erheischender Narr mehr für die Menschen der großen Aufklärung. Dennoch aber müssen wir eingehen auf einiges, was uns die okkulte Forschung gibt; denn dadurch erst kommt Licht hinein in das, was sonst die große Täuschung bleiben muß.

[ 21 ] Da ist das Merkwürdige, daß uns von den Seelen, die während der auslaufenden Römerzeit, als das Christentum allmählich Einfluß gewann und dann zur Staatsreligion wurde, damals im Westen lebten, jetzt eine ganz große Anzahl vom Osten entgegenkommt, Seelen also, die im Osten aufwachsen und unter den Kämpfern Rußlands sind. Ich sagte: merken wir uns die Tatsache, die wir vorhin anführten. Denn wir finden unter den Menschen, die im Osten getötet werden, die dort kämpfen oder gefangen genommen werden, solche Seelen, die in den letzten Römerzeiten im Westen Europas gelebt haben. Die kommen uns jetzt vom Osten entgegen, die damals das Christentum in den Ätherleib haben fließen lassen und die jetzt in den Leibern einer verhältnismäßig niedriger stehenden Kultur, durch das eigenrümliche Leben des Ostens, im Wachzustande das Christentum so in ihre Seelen hereinnehmen, daß sie sich gefühlsmäßig, instinktmäßig mit ihm verbinden. Also gerade in ihren astralischen Leibern verbinden sie sich mit dem Christus-Impuls und holen dadurch dasjenige nach, was sie in ihren vorhergehenden Inkarnationen nicht haben erreichen können. Das ist eine sehr merkwürdige Tatsache, die uns die okkulte Forschung in unseren Tagen zeigen kann. Unter den vielen erschütternden Tatsachen, die, angeregt durch unsere Zeitereignisse, in das okkulte Feld hereintreten können, ist auch diese. Was können wir uns nun aus diesen Tatsachen klarmachen?

[ 22 ] Wir müssen uns das Folgende klarmachen. Wir müssen uns erinnern, wie es im geraden Fortschritt des mitteleuropäischen Geisteslebens liegt, das germanische Seelenleben ganz bewußt mit dem Christentum zu verbinden, es hinaufzuführen zu den Höhen einer geraden christlichen Kultur. Dazu sind ja die Strömungen, die Wege in wunderbarer Weise seit Jahrhunderten vorgezeichnet. Das sehen wir sich anbahnen. Gerade wenn wir unsere Zeit mit allen ihren Fehlern und Irrtümern in Betracht ziehen, da sehen wir, daß keimhaft veranlagt ist in der mitteleuropäischen Kultur, daß mit allen Kräften Vorbereitungen gemacht sind im deutschen Volksgeist, in der germanischen Volksseele, damit bewußt nun ergriffen werde der Christus-Impuls.

[ 23 ] Das ist eine Tatsache von unendlich höherer Bedeutung noch als diejenige des fünfzehnten Jahrhunderts, als das Mädchen von Orleans Frankreich zu retten hatte, weil Frankreich damals eine bedeutende Mission hatte. Wir stehen also vor der bedeutsamen Tatsache, daß in der Zukunft der deutsche Geist dazu berufen ist, im vollen Wachzustande mit den Tatsachen, die in das deutsche Geistesleben eingeflossen sind, den Christus-Impuls immer bewußter aufzunehmen. Er mußte wirken, dieser Christus-Impuls, durch die Jahrhunderte so, wie wir stets gezeigt haben, indem er sich in den Seelen durch die unterbewußten Vorgänge ankündigte. Und er muß sich in der Zukunft mit den Seelen in der Weise verbinden, daß es Menschen gibt — die es in Mitteleuropa geben muß —, die im Wachzustande, unter Anstrengung ihrer bewußten Geisteskräfte, nicht nur derjenigen, die im physischen Leibe und Ätherleibe sind, auch ihr Ich und ihren astralischen Leib mit dem Christus-Impuls verbinden. Wir sehen es bei den Besten angestrebt. Nehmen wir den Allerbesten: Goethe. Aber was bei Goethe als ein besonderes Beispiel angeführt werden kann, das liegt in allen Seelen, wenn sie es auch nur dunkel erstreben.

[ 24 ] Wir sehen, wie Goethe den Repräsentanten der Menschheit, den Faust, hinstellt, den er streben läßt nach dem Höchsten. In die griechische Kultur hinein führt er ihn im zweiten Teile der Dichtung, führt ihn hinein in alles, was Völker erleben, führt ihn so hinein, daß Faust in bedeutsamer Weise die Zukunft vorauslebt da, wo er Land dem Meere abringen und etwas begründen will, was ihm eine ferne Zukunft ist. Und wozu läßt er ihn zuletzt kommen? Goethe hat es selbst einmal in einem Gespräche zu Eckermann gesagt: er mußte die anschaulichen Vorstellungen des Christentums zu Hilfe nehmen, um zu zeigen, wie Faust in die geistige Welt hinaufschwebt. Und wenn Sie das wunderbar schöne Bild nehmen, wie die Mater gloriosa Fausts Seele empfängt, so haben Sie das Gegenbild zu jenem, was Raffael angeregt hat zu seinem bekanntesten Bilde, der Sixtinischen Madonna: da bringt die jungfräuliche Mutter die Seele herab. Am Ende des «Faust» sehen wir, wie die Jungfrau-Mutter die Seele hinaufträgt: es ist die Todes-Geburt der Seele. So sehen wir ganz bewußt aus dem Menschengeist heraus das intimste Streben, das, was aus dem Christentum zu erringen ist, sich immer so zu erringen, daß es durch die Todespforte hindurch hineingetragen werden kann in das Leben, das der Mensch nach der Vorbereitung zwischen dem Tode und der nächsten Geburt in einem neuen Erdenleben durchlebt. Was wir so bei Goethe selbst sehen können, ist ein Charakterzug der deutschen Nation. Und an diesem können wir ermessen, welche Aufgabe für die Menschen da ist. Das ist die Aufgabe, und das können wir uns ganz klar vor die Seele hinschreiben: daß es zum wirklichen Segen des Menschheitsfortschrittes nur werden kann, wenn nun in einem bestimmten Kreise ein harmonisches Verhältnis geschaffen wird zwischen Mitteleuropa und Osteuropa.

[ 25 ] Man könnte sich denken, daß Osteuropa durch brutale Kraft sich ausdehnen könnte nach Westen hin, über Mitteleuropa. Man könnte sich denken, daß es dahin kommen könnte. Das würde aber genau dasselbe bedeuten, wie wenn im fünfzehnten Jahrhundert die Tat der Jeanne d’Arc nicht geschehen wäre und England damals Frankreich annektiert hätte. Wenn es dahin gekommen wäre, das sagte ich ausdrücklich, so wäre damit etwas geschehen, was nicht nur zum Unheile Frankreichs gewesen wäre, sondern auch England zum Unheil gereicht hätte. Und würde jetzt die deutsche Geisteskultur beeinträchtigt werden vom Osten herüber, so würde das nicht bloß die deutsche Geisteskultur schädigen, sondern auch den Osten mit. Das Schlimmste, was den Osten treffen könnte, wäre, daß er zeitweilig sich ausbreiten und die deutsche Geisteskultur schädigen könnte. Denn ich sagte: die früher in Westeuropa oder auf der italienischen Halbinsel verkörperten Seelen, die jetzt im Osten aufwachsen, sie vereinigen sich in den unterbewußten Untergründen des astralischen Leibes wie instinktiv mit dem ChristusImpuls. Was aber der Christus-Impuls in ihnen werden soll, das kann er nie werden durch eine gerade Fortentwickelung dessen, was da instinktiv unter dem Namen des orthodoxen Katholizismus, der ja im wesentlichen byzantinisch ist, in den Seelen lebt und der ein Name, nicht ein Impuls ist. Es ist ebenso unmöglich für ihn, das zu werden, was er werden soll, wie es unmöglich ist, daß eine Frau ohne einen Mann ein Kind haben könnte. Und wenn aus dem Osten selbst heraus, wie er jetzt ist, etwas werden soll, so gliche das dem törichten Bestreben, wie wenn eine Frau ohne einen Mann ein Kind bekommen wollte. Was im Osten sich vorbereitet, das kann nur dadurch etwas werden, daß in Mitteleuropa in kräftiger Weise, bewußt — das heißt im vollen Wachzustande — aus dem, was die Seelen aus der Ich-Natur heraus erstreben, die menschliche IchKraft und die menschlichen Erkenntniskräfte verbunden werden mit dem Christus-Impuls. Nur dadurch, daß der deutsche Volksgeist Seelen findet, welche so den Christus-Impuls in den astralischen Leib und in das Ich hineinverpflanzen, wie er hineinverpflanzt werden kann eben im vollen Wachzustande, nur dadurch kann für eine Kultur der Zukunft das entstehen, was entstehen muß. Und es muß entstehen durch eine Harmonisierung, durch eine Verbindung mit dem, was in Mitteleuropa bewußt, immer bewußster und bewußter erreicht wird.

[ 26 ] Dazu werden nicht nur ein, zwei Jahrhunderte, sondern noch lange Zeiten notwendig sein. So lange Zeiten werden dazu gehören, daß ungefähr gerechnet werden kann, ich will sagen, vom Jahre vierzehnhundert an etwa zweitausendeinhundert Jahre. Rechnet man zum Jahre vierzehnhundert zweitausendeinhundert Jahre hinzu, dann bekommt man den Zeitpunkt, der annähernd in der Erdenentwickelung das erscheinen lassen wird, was sich keimhaft veranlagt hat im deutschen Geistesleben, seit es ein solches Geistesleben gibt. Daraus aber ersehen wir, daß wir hinblicken müssen auf eine Zukunft von nicht nur Jahrhunderten, sondern von mehr als einem Jahrtausend, in welchem der mitteleuropäische, der deutsche Volksgeist seine Aufgabe hat, seine Aufgabe, die schon daliegt und die darin besteht, daß immer mehr und mehr solche Pflege des Geisteslebens da sein muß, durch welche im Wachbewußtsein aufgenommen wird — bis in den astralischen Leib und das Ich hinein — das Verständnis dessen, was früheren Zeiten unbewußt, lebendig als der Christus-Impuls durch die europäischen Völker gegangen ist. Wenn aber die Entwickelung diesen Gang nehmen wird, dann kann nach und nach durch das Hinaufranken zu dem, was in Mitteleuropa also erreicht wird, im Osten diejenige Stufe erstiegen werden, die dort vermöge der besonderen Veranlagungen erstiegen werden kann. Das ist der Wille der Weltenweisheit. Diesen Willen der Weltenweisheit interpretieren wir nur dann im richtigen Sinne, wenn wir uns sagen: Das größte Unglück auch für den Osten Europas wäre es, wenn er diejenige geistige Macht schädigen würde, an der er sich gerade hinaufranken muß, die er gerade verehrend, freundschaftlich verehrend hegen und pflegen müßte. Er muß eben noch dazu kommen. Vorläufig fehlt ihm noch sehr, sehr vieles dazu; gerade den Besten fehlt dort noch sehr vieles dazu. In ihrer Kurzsichtigkeit lassen sie sich noch immer nicht ein auf das, was gerade das mitteleuropäische Geistesleben dem Osten geben kann.

[ 27 ] Ich habe das im ersten öffentlichen Vortrage hier in Berlin bereits auseinandergesetzt. Sie können am heutigen Abend sehen, welche tieferen okkulten Gründe hinter dem liegen, was ich im öffentlichen Vortrage nur äußerlich, exoterisch habe sagen können. Aber das ist ja immer so, daß berücksichtigt werden muß, daß im öffentlichen Vortrage in den Formen zu sprechen ist, die dem Verständnis der Zuhörer naheliegen, und daß die eigentlichen Impulse, warum dieses gesagt, jenes ausgelassen wird, warum dieser oder jener Zusammenhang gesucht wird, bei den okkulten Tatsachen liegen. Aber jedenfalls kann aus dem, was heute auseinandergesetzt worden ist, das ersehen werden: wenn wir so äußerlich die Dinge überschauen, dann bieten sie uns die große Täuschung, die Maja dar. Nicht als ob die Außenwelt an sich eine Täuschung wäre, das ist sie nicht; aber sie wird erst für uns verständnisvoll, wenn wir sie mit den Tatsachen, die aus der geistigen Welt kommen, beleuchten. Und für unseren Fall können uns die Tatsachen, die aus der geistigen Welt fließen, zeigen, daß es notwendig ist, daß heute Mitteleuropa ebensowenig überwältigt werden darf von Osteuropa, wie Frankreich nicht überwältigt werden durfte von England im Jahre 1429/1430. Selbstverständlich zeigt das, was angeführt worden ist, daß im Osten Europas gar nicht verstanden werden kann, um was es sich handelt, sondern daß es im Grunde genommen nur in Mitteleuropa verstanden werden kann und daß wir dies also begreiflich finden müssen. So daß wir in aller Demut, ohne alle Überhebung diese unsere Aufgabe ins Auge zu fassen haben und daß wir es verständlich finden müssen, wenn man uns mißversteht. Ganz verständlich müssen wir es finden. Denn was sich im Osten vorbereitet, das kann eben im Osten selber erst in der Zukunft richtig verstanden werden.

[ 28 ] Das ist das eine, was sich aus unseren Betrachtungen ergibt. Das andere ist das, daß wir den großen Übergang in der Menschheitsentwickelung für unsere Zeit gerade durch solche Dinge ins Auge fassen — wir haben ihn schon früher von den verschiedensten Seiten aus ins Auge gefaßt —, daß wir schen können, wie dasjenige, was durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwickelung der Menschheit eingeflossen ist, in unserer Zeit von denen, die es können nach dieser Inkarnation, bewußter und immer bewußter erfaßt werden muß. In den Zeiten des Konstantin oder der Jeanne d’Arc zum Beispiel wäre es unmöglich gewesen, daß der Christus-Impuls bewußt hätte bewirken können, was er unbewußt wirken mußte. Aber einmal muß die Zeit kommen, in welcher er ganz bewußt wirken kann. Deshalb bekommen wir durch die Geisteswissenschaft das, was wir immer bewußter und bewußter in unsere Seelen aufnehmen können. Auch da dürfen wir — wirklich ohne sich wegen der Sympathien oder Antipathien, die etwa entstehen können, zu erregen und ohne irgendwie jemandem schmeicheln zu wollen — auf eine Tatsache hinweisen. Und besser ist es ja immer, sich seine Meinungen nach Tatsachen zu bilden als nach dem, wonach sie heute vielfach gebildet werden. Denn wenn wir heute ein wenig hinausschauen in die Welt, so sehen wir, daß die Meinungen wahrhaftig nicht immer nach Tatsachen, sondern nach Passionen, nach nationalen Leidenschaften gebildet werden. Aber man kann sich die Meinungen, die zur menschlichen Seelengesinnung werden, auch nach Tatsachen bilden.

[ 29 ] Während wir in Anatole France einen Menschen haben, der vom aufklärerischen materialistischen Standpunkt der Gegenwart auf die Jeanne d’Arc hinblickt, ist es dem deutschen Geistesleben seit Schillers großer Tat natürlich, das Mädchen von Orleans aus dem Milieu des Übersinnlichen heraus zu begreifen. Selbst innerhalb Deutschlands gibt es noch Menschen, die das als einen großen Fehler Schillers betrachten; aber diese Menschen sind die Literarhistoriker, und bei denen ist es zu begreifen. Denn ihre Aufgabe ist es ja, die Literatur und die Kunst zu «verstehen» — und deshalb können sie es nicht. Aber was wesentlich ist: wir haben dieses Werk, das es unternimmt, aus den Untergründen des spirituellen Lebens heraus wie in Glorie auferstehen zu lassen die Gestalt, von der Schiller sagt: «Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zu ziehn.»

[ 30 ] So haben wir gerade an dieser Anerkennung des Eingreifens des Christus-Impulses in eine menschliche Persönlichkeit, da wo es nicht unser Volk selbst betrifft, eine Tatsache, die uns Vertrauen einflößen kann zu dem, was ich im öffentlichen Vortrage ausgeführt habe: daß man sehen kann im deutschen Geistesleben, daß es in der Art, wie es sich entwickelt hat, hintendiert nach der Spiritualität, nach der Geisteswissenschaft und daß es zu seiner besonderen aber nicht ausschließlichen — Aufgabe gehört, dasjenige, was im deutschen Geistesleben durch die Jahrhunderte errungen und angestrebt worden ist, hinaufzuführen zu der Geist-Erkenntnis. Und dieser Aufgabe, welche die Seelenaufgabe des deutschen Volkes ist, müssen die anderen Aufgaben dienen, die gleichsam leibliche Ausgestaltungen dieser Seelenaufgabe sind, müssen ihr zur Hand gehen. Und was durch die Weltenweisheit geschehen muß, das wird geschehen. Aber notwendig ist, was schon einmal vorgebracht worden ist, daß, wenn wir heute in einer Art von Dämmerung leben, sich eine wirkliche Sonnenzeit für die Zukunft entwickeln wird. Dazu ist aber nötig, daß es Menschen geben wird in der Zukunft, die ihren Zusammenhang haben werden mit den geistigen Welten, damit der Boden, der zubereitet wird mit dem Blut und dem Leid so vieler, nicht umsonst zubereitet worden ist. Denn dadurch, daß Seelen da sind, die ihren Zusammenhang mit den geistigen Welten in sich tragen können, wird gerechtfertigt — und wäre es das Greulichste, das Furchtbarste, das Schreckenerregendste — alles, was geschieht, wenn die mitteleuropäische Mission im Geistesleben erreicht wird. Das aber wird davon abhängen, daß einzelne Seelen, die durch ihr Karma an dieses Geistesleben herankommen können, sich damit durchdringen und dann, wenn wieder die Sonne des Friedens leuchten wird über die Gefilde Mitteleuropas, Geisteserkennen, Geisteserfühlen in sich tragen. Dann wird durch die Hiinneigung einiger Seelen, denen es durch die jetzige Inkarnation möglich ist, dasjenige sich vollziehen können, was ich in diese Worte zusammenziehen möchte, darin zusammenfassend, was ich zu Ihnen sprechen wollte, damit wir uns die Devise in die Seelen schreiben, unter welcher Seelen in rechter Weise demjenigen entgegenwachsen können, was aus unserer schweren Zeit werden kann:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.