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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenschicksale und Völkerschicksale
GA 157

26 Januar 1915, Berlin

Sechster Vortrag

[ 1 ] Da verschiedene Umstände mich erst morgen abreisen lassen, so können wir heute noch hier zusammen sein.

[ 2 ] Wir lenken wiederum, wie üblich, zuerst unsere Gedanken nach den Seelen derjenigen, die draußen im Felde stehen und mit Leib, Blut und Seele für die großen Ereignisse der Zeit einzustehen haben:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 3 ] Und mit Bezug auf die bereits durch die Pforte des Todes Gegangenen:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 4 ] Und der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, den wir die Jahre hindurch gesucht haben in unserer geistigen Bewegung, der dadurch unserm Gemüte nahegegangen sein kann, er sei mit euch und euren schweren Pflichten!

[ 5 ] Meine lieben Freunde, ich will den heutigen außerordentlichen Abend gewissermaßen zu einigen abgerissenen Bemerkungen benutzen, die uns nach der einen oder anderen Richtung nützlich sein können. Zuerst möchte ich darauf hinweisen, wie trotz des Materialismus unserer Zeit oder vielleicht gerade wegen des Materialismus unserer Zeit die Seelen gerade der forschenden Leute, der auf gewissen Gebieten forschenden Leute, man möchte sagen, trotzdem sie es nicht recht wollen, hingelenkt werden nach dem Vorhandensein einer geistigen Welt. Ich möchte an Bestimmtes anknüpfen. Man könnte natürlich von dem Gesichtspunkte aus, den ich eben angedeutet habe, an sehr, sehr vieles anknüpfen; aber ich möchte auf eine Broschüre zurückgreifen, die vor ganz kurzer Zeit erschienen ist, eine der Broschüren, die anknüpfend an den Krieg jetzt erscheinen, an das zwölfte Heft, das von dem bekannten Psychiater Professor Dr. O. Binswanger geschrieben ist und den Titel trägt: «Die seelischen Wirkungen des Krieges.» Ich will aber nicht an die Ausführungen anknüpfen, welche Binswanger im engeren Sinne über die seelischen Wirkungen des Krieges geschrieben hat, sondern an einige Bemerkungen, die er auch in dieser Broschüre gemacht hat. Ein Forscher wie Binswanger fühlt sich gewissermaßen heute gedrängt, nicht mehr nur so leise auf das Vorhandensein eines geistigen Lebens hinzuweisen, indem er sich gleichsam bemüRigt fühlt, sich zu entschuldigen und darauf hinzuweisen, wie unsere Zeit gar nicht geneigt ist, von seiten der aufgeklärten Leute so etwas wie ein geistiges oder seelisches Leben anzunehmen. Binswanger spricht in seiner Broschüre über die ja sattsam bekannte Tatsache, daß in unserer Zeit die nervösen Krankheiten sich wesentlich vermehrt haben. Er spricht über verschiedene Ursachen, die dazu beigetragen haben, und sagt dann sehr bezeichnend auf Seite 10: «Es wird manchem von Ihnen befremdlich erscheinen, daß ich bei diesen nervösen Krankheitszuständen das Seelische so stark in den Vordergrund stelle.» Also, er ist ja ein Psychiater ganz nach materialistischer Art, muß aber doch unter den Ursachen gerade derjenigen Erkrankungen, die ihm naheliegen, das Seelische anführen. «Was hat das Seelische mit einem nervösen Magenleiden, mit einem nervösen Herzen, mit nervösen Schmerzen im Rücken, in den Armen und Beinen zu tun? Da kann ich Ihnen nach übereinstimmenden ärztlichen Urteilen nur sagen, daß im letzten Grunde der Dinge die krankhafte nervöse Reaktion in den verschiedensten Körperorganen und Körpergebieten größtenteils auf Störungen seelischer Vorgänge beruht. »

[ 6 ] Also wir sehen, wie die Tatsachen demjenigen, der durch seine Forschung genötigt ist, sich mit den seelischen Tatsachen zu beschäftigen, das Geständnis abringen, daß die Ursachen dessen, was man so vielfach nur materialistisch betrachtet: nervöse Magenleiden, nervöse Herzbeschwerden, nervöse Schmerzen im Rücken, ja selbst in den Gliedmaßen, in den Störungen des seelischen Lebens liegen.

[ 7 ] Nun aber bleibt allerdings der heutige Forscher bei einem solchen Eingeständnis gewöhnlich stehen; er geht nicht weiter, geht ganz und gar nicht weiter. Denn was zunächst zugestanden werden muß, das ist, daß man nicht damit auskommt, nur im Körperlichen die Ursachen solcher Vorgänge, wie der angeführten, zu sehen, aber den Mut und die Kraft, nun wirklich auf irgend etwas Geisteswissenschaftliches einzugehen, den haben die Menschen noch nicht. Denn in dem Augenblick, wo sie irgend etwas Positives aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft hören, da fühlen sie sozusagen, wie wenn sie keinen sicheren Boden mehr unter den Füßen hätten, wie wenn alles schwankend wäre, was man so nach den Methoden der Geistesforschung aus der geistigen Welt hervorholen kann. Für den Psychiater ist das, man möchte sagen, eine doppelt fatale Tatsache. Denn wenn die Ursachen für gewisse körperliche Zustände in den Vorgängen des seelischen Lebens liegen, dann muß man zugeben, daß die besten Mittel zur Beseitigung solcher Zustände auch in einer seelischen Behandlung liegen. Wie soll man aber eine Seele behandeln, wenn man sich keine Ahnung davon verschafft, wie die Seele mit dem Körper zusammenhängt? Es können sozusagen die Rezepte für die Wegbringung der geistigen Störungen ja nur aus der geistigen Welt entlehnt werden. Aber den Zusammenhang zwischen der geistigen Welt und der äußeren materiellen Welt erkennen, das kann man nur, wenn man etwas von der geistigen Welt weiß. Daher das Merkwürdige, das merkwürdig Unbestimmte, Unlogische, Sonderbare, was dann eintritt, wenn nun solche Leute wirklich positiv über den Zusammenhang des Körperlichen mit dem Seelischen sprechen wollen. Und das können wir bei demselben Forscher konstatieren. Ein paar Seiten weiter — Seite 23 — sagt derselbe Forscher etwas höchst Merkwürdiges; denn wo er davon sprechen will, welche Zuversicht er selber nach seinen Anschauungen über die Seelenkonstitution des Menschen für einen glücklichen Ausgang des deutschen Feldzuges hat, da sagt er: «Nach meiner Überzeugung wird das Heer siegen, dessen Soldaten die besseren Nerven haben, oder in anderer Fassung: den größeren moralischen Widerstand besitzen.»

[ 8 ] Nehmen wir die Sache nur ganz ernst: Der Forscher, der also anerkennt, daß die Ursachen selbst für körperliche, sogenannte nervöse Störungen in seelischen Zuständen liegen, der sagt, daß diejenigen Soldaten sicher siegen werden, welche «die besseren Nerven haben, oder» — nun sagt er — «in anderer Fassung: den größeren moralischen Widerstand besitzen». Man kann sich kaum denken, daß jemand gewissermaßen einen größeren Unsinn zustande bringen kann — obwohl beide Sätze selbstverständlich absolut wahr sind — als zu sagen: Das eine ist eine andere Fassung des anderen. Denn man stelle sich nur einmal vor, jemand bilde sich eine ganz klare Vorstellung vom Nervensystem, könne dieses Nervensystem bis in seine geringsten Verzweigungen hinein verfolgen, und er nenne dann die stärkeren Nerven eines Menschen in anderer Fassung: den größeren moralischen Widerstand. Das heißt also: rein physisch-materielle Stränge sollen in anderer Fassung moralischer Widerstand sein! Über solche Dinge liest selbstverständlich der Leser der Gegenwart hinweg. Man macht die merkwürdigsten Entdeckungen, über was alles er hinwegliest, was er oft ungeheuer geistreich findet; aber solche Dinge sind nicht minder ein wirklicher reeller Unsinn, solange sie nicht auf das zurückgeführt werden, was die Geisteswissenschaft darüber zu sagen hat. Wie hat man nun geisteswissenschaftlich diese Dinge anzusehen?

[ 9 ] Wenn wir die moralische Kraft eines Menschen, was ihn moralisch beseelt und durchseelt, ins Auge fassen, so ist dies zunächst etwas rein Geistiges, etwas, was nichts mit einem Materiellen zu tun hat, Und was wir die moralische Kraft der Seele nennen, das hat sie als geistige Kraft, insofern diese Seele der geistigen Welt angehört. Wenn nun diese Seele, wie es ja immer beim Aufwachen geschieht, in ihren Leib zurückkehrt, dann bedient sie sich des Leibes vom Aufwachen bis zum Einschlafen als eines Werkzeuges für die physische Welt. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt die Seele in der rein geistigen Welt, abseits vom Leibeswerkzeug, und sammelt auch dort ihre moralische Kraft. Aber in der physischen Welt können sich die Moralkräfte nur durch das Werkzeug des physischen Leibes betätigen. Da betätigen sie sich auch als geistige Kräfte. Im Ich und astralischen Leib des Menschen ist dasjenige tätig, was wir moralische Kraft nennen; das ist da drinnen etwas rein Geistiges. Aber was hat das, was da als rein Geistiges an moralischer Kraft im astralischen Leibe und Ich des Menschen ist, mit dem Nervensystem zu tun? Nun, ich will einen Vergleich gebrauchen. Genau so viel hat die moralische Kraft des Menschen mit seinem Nervensystem zu tun, als ich zu tun habe mit dem Boden, auf dem jetzt meine Füße stehen. Wenn der Boden nicht da wäre und darunter ein weiterer Boden, auf dem der erste ruht, so könnte ich als physischer Mensch nicht hier stehen. Der Boden muß da sein, aber er hat mit dem, was in mir selber ist, physisch nichts zu tun. Damit ich mich aufstellen kann, muß der Boden da sein. Ebenso müssen im physischen Leibe die Nerven da sein als bloßer Widerstand, damit die moralischen Kräfte des astralischen Leibes und des Ich in der physischen Welt Widerstand haben, erscheinen können, da sein können. Ich werde noch einen andern Vergleich gebrauchen, der aber schon ganz auf den Kern der Sache geht, obwohl es eines genaueren Durchdenkens wird bedürfen, um ganz einzusehen, was dahinter steckt. Ich werde einen Vergleich gebrauchen, der wiederum vom physischen Leben ausgeht.

[ 10 ] Nehmen wir den Prozeß der Verdauung. Bei der Verdauung geschieht das, daß ein Teil des aufbewahrten Nahrungsstoffes in unseren Organismus übergeht, der andere Teil dagegen abgesondert wird. Wenn ein gewisser Teil der Nahrungsstoffe nicht abgesondert werden könnte, dann würde unsere Verdauung unmöglich sein. Diese Absonderung muß ganz regelmäßig vor sich gehen. Aber keinem Menschen wird es einfallen zu sagen, er ernähre sich von dem, was er absondert. Die Nervenprozesse, die nun in unserem Organismus vor sich gehen, wenn wir eine moralische Kraft in uns entwickeln, verhalten sich zu dem, was fruchtbar für uns ist, was wirklich in uns als eigentliches Menschenwesen ist, wie Absonderungen, richtig wie Absonderungsprozesse. Wenn wir einen bestimmten moralischen Impuls in der Seele geltend machen, dann ist das verbunden mit einem Absonderungsprozeß. Dieser Absonderungsprozeß, das was herausfällt, was wir sozusagen als Abfall in uns erzeugen müssen, das ist der Nervenprozeß. Und dieser Nervenprozeß verhält sich zu dem, was wir eigentlich tun, genau so, wie sich der Absonderungsprozeß bei der Verdauung verhält zu dem Aneignungsprozeß der Nahrungsmittel. Also diejenigen, welche den geistigen Prozeß des Bildens moralischer Impulse einen Nervenprozeß nennen, tun im Grunde genommen nichts anderes, als daß sie, nur auf einem anderen Gebiete, sagen, das menschliche Ernähren besteht im Absondern, und die dann die Absonderungsprodukte untersuchen, damit sie finden können, was eigentlich dem Menschen besonders zuträglich ist. So verkehrt verfährt eigentlich die materialistische Wissenschaft, indem sie das, was der Geist absondern muß, damit er sich entfalten kann, als das eigentliche Wesen betrachtet. Gerade das, was der Geist nicht brauchen kann, untersucht die moderne Wissenschaft, um hinter den Geist zu kommen. Sie verfährt dadurch ungefähr so, wie jemand verfahren würde, der den Darminhalt untersuchen würde, um zu erkennen, welche Stoffe der Mensch in seine Muskeln aufnimmt. Man muß sich manchmal hart aussprechen, wenn man die ganze Absurdität des modernen Materialismus ins Auge fassen will, weil das Trugbild, welches durch den modernen Materialismus entsteht, eine so überwältigende Überzeugungskraft für die verkehrten Anschauungen der Gegenwart hat, so daß man schon mit starken Worten darauf hinweisen muß, worinnen eigentlich die furchtbare Verkehrtheit besteht.

[ 11 ] Nun werde ich von etwas ganz anderem ausgehen, um nachher wieder an das anzuknüpfen, was ich vorausgeschickt habe. Wir werden uns einmal die Frage vorlegen: Wie ist es denn mit den im Verlaufe der Menschheitsentwickelung nach und nach erschienenen verschiedenen Religionssystemen? Da sind im Verlaufe der Menschheitsentwickelung verschiedene Religionslehrer aufgetreten und haben dies oder jenes über die Verhältnisse der geistigen Welt den Menschen mitgeteilt. Es gehört wirklich nicht besonders viel dazu, um im Hinblick auf diese Religionssysteme zu einem sehr gescheiten Urteile zu kommen, denn Gescheitsein — das haben wir an verschiedenen Urteilen aus unserer Zeit gesehen — ist nicht besonders schwer in unserer Zeit. Sie verstehen, wie das aufzufassen ist und daß nicht eine Kritik unseres Zeitalters damit gemeint ist. Es kann leicht ein sogenannter gescheiter Mensch darauf hinweisen, daß die verschiedenen Religionslehrer alle Verschiedenes gelehrt haben, und er kann daher zu der Ansicht kommen: also müßte alles nicht die Wahrheit sein; denn wenn es der Wahrheit entsprechen sollte, müßten sie alle dasselbe gelehrt haben. Und daraus könnte man dann wieder den Schluß ziehen, daß eigentlich alles Reden über die höheren Welten — durch die vielen Widersprüche, die sich dabei herausgestellt haben — nicht auf irgend etwas von der Wahrheit den Menschen Gegebenes zurückgeführt werden könnte.

[ 12 ] Nun kann man sich die angedeutete Frage aber nur dann richtig beantworten, wenn man sich eine Vorstellung davon bildet, was man durch die Pforte des Todes mitnimmt von dem, was man hier auf der Erde durchlebt hat. Sie können sich leicht eine Vorstellung über das bilden, was man sich mitnimmt, wenn Sie daran denken: sobald Sie die Augen schließen und die Ohren sich zuhalten, so hören und sehen Sie nichts von Ihrer sinnlichen Umgebung. Und nun fragen Sie sich einmal: Wieviel von dem, was vom Morgen bis zum Abend die Seele an Eindrücken in sich birgt, und wieviel von dem, was sie an Vorstellungen in sich trägt, die Seele im Grunde genommen den Augen und Ohren verdankt? — Wenn man also keine Augen und Ohren hätte, so würde der weitaus größte Teil der Inhalte der menschlichen Seele überhaupt wegfallen. Aber nach dem Tode hat der Mensch ganz gewiß keine Augen und keine Ohren. Was er also durch Augen und Ohren aufnimmt, das kann er nicht anders als durch die Erinnerung durch die Pforte des Todes tragen. Darüber sollte es weiter kein Nachdenken geben, daß man das, was durch Augen und Ohren, überhaupt durch die Sinne aufgenommen wird, nur als Erinnerung durch die Pforte des Todes tragen kann. Ebenso ist es mit allem, was wir uns als Vorstellungen bilden, die durch die Sinneseindrücke veranlaßt sind. Und nun brauchen Sie nur darüber nachzudenken, was alles beim Eintritt in die geistige Welt zurückgelassen werden muß: alles wird zurückgelassen, was durch äußere Eindrücke an den Menschen herankommt.

[ 13 ] Was muß also eine Vorstellung, die man durch die Pforte des Todes tragen soll, für eine Eigenschaft haben? Sie darf ganz gewiß nicht von irgendeinem äußeren Eindrucke hergenommen sein, und sie muß ganz gewiß die Eigenschaft haben, daß der materialistisch Gesinnte sagen kann: Was du dir da vorstellst, das ist ja gar nicht vorhanden; denn das kann man nicht mit Augen sehen, nicht mit Ohren hören. Also es muß eine solche Vorstellung die Eigenschaft haben, daß man ihren Gegenstand nicht äußerlich wahrnehmen kann, denn was man äußerlich wahrnehmen kann, das kann als Vorstellung nicht durch die Pforte des Todes gehen. Ich möchte hierbei bemerken, daß der Materialismus schon dadurch zu solchen Einwendungen verführt wird, daß er immerfort von Sein oder Nichtsein spricht und nicht recht weiß, was es eigentlich mit diesem Sein und Nichtsein auf sich hat. Es genügt für uns jetzt, daß wir bei der deutschen Sprache stehenbleiben. «Sein» ist von «sehen» hergenommen, kommt überhaupt von «sehen» her. Über dasjenige also, was mit dem Seinsbegriff belegt wird, wird überhaupt nichts anderes gesagt als: ich habe es einmal gesehen. Und alles sonstige Gerede über das Sein ist überhaupt nichts anderes als eine Verständigung über das, was gesehen worden ist. Daraus sollte man den Schluß ziehen, daß man in bezug auf die Dinge, welche man durch die Pforte des Todes trägt, nicht von Sein sprechen soll, denn das würde heißen: man muß diese Dinge mit physischen Augen gesehen haben.

[ 14 ] Was wollten denn eigentlich die Religionsstifter den Menschen mit ihren Vorstellungen geben?

[ 15 ] Sie wollten den Menschen solche Vorstellungen geben, welche den Geist innerlich stark machen, innerlich mit Leuchtekraft ausstatten, so daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes in die übersinnliche Welt geht, in diese so eintritt, daß er sein eigener Leuchter ist, daß er die Dinge dort von sich aus zu beleuchten in der Lage ist. Es kommt den Menschen sehr leicht an zu sagen: Wenn ich mir da von den übersinnlichen Welten erzählen lasse, wie kann ich dann wissen, daß alle diese Vorstellungen wirklich richtig sind? Denn nehmen wir einmal an, es verbreite jemand Vorstellungen über die übersinnliche Welt, diese Vorstellungen würden von einer Anzahl von Menschen angenommen — und sie wären falsch, oder einseitig, oder ste entsprächen nicht in demselben Sinne dem Richtigen, wie man so vom Richtigen spricht, wenn man über die äußere physische Welt spricht. Nehmen wir also an, diese Vorstellungen wären falsch, und eine Anzahl von Menschen hätten sie angenommen. In solchem Falle wäre es noch immer besser, wenn die Menschen diese falschen Vorstellungen angenommen hätten, als wenn sie gar keine Vorstellungen über die übersinnliche Welt aufgenommen hätten. Denn warum? Es ist deshalb besser, weil unsere Seele sich anstrengen muß, wenn sie überhaupt Vorstellungen über die übersinnliche Welt annimmt. Ob man richtige oder falsche Vorstellungen annimmt, man muß sich anstrengen, und diese Anstrengung zählt in der geistigen Welt, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Diese Anstrengung ist es, die uns nach dem Tode zugute kommt, oder die uns überhaupt zugute kommt, wenn wir in die geistige Welt hineingehen. Denn nehmen wir an, wir hätten uns mit einer ganz verkehrten Anschauung über die geistige Welt durchdrungen, so haben wir dadurch, daß wir sie in uns aufgenommen haben, so wie ein Turner die Glieder ausbildet, unsere Seelenkräfte ausgebildet. Und was wir ausgebildet haben, das haben wir dann, das tragen wir hinein in die geistige Welt. Indem wir das hineintragen in die geistige Welt, haben wir dann dort etwas Ähnliches, wie wir hier dadurch haben, daß wir Augen haben. Wir sind dann nicht mehr blind in der geistigen Welt. Selbst wenn der Fall eintreten sollte, daß alles falsch wäre, was wir so aufgenommen haben, und wir uns überhaupt nur angestrengt haben, so haben wir dadurch unser seelisches Auge ausgebildet und haben nun die Möglichkeit zu sehen, was in der geistigen Welt vorhanden ist.

[ 16 ] Nun liegen die Dinge so, daß dasjenige, was die verschiedenen Religionslehrer mitgeteilt haben, nicht etwa total falsch ist, sondern es ist von verschiedenen Standpunkten aus die Wahrheit über die übersinnliche Welt dargestellt worden und nur scheinbar sich widersprechend. Man muß das eine durch das andere ergänzen. Aber das Wesentliche, was allen diesen Religionssystemen gemeinschaftlich ist, das ist, daß alle diese Religionssysteme der menschlichen Seele Vorstellungen liefern, durch welche die Seele sich stark macht, um in die geistige Welt einzutreten, daß die Seele auferweckt wird in ihren geistigen Untergründen. Was dann die einzelnen Religionslehrer den Seelen geben, das geben sie nach den Fähigkeiten der Seelen, nach den, ich möchte sagen, Bedingungen der einzelnen Menschenrassen, nach den klimatischen Verhältnissen oder den sonstigen Verhältnissen des Landes und der Zeit, in der sie aufzutreten haben. Aber allen ist das gemeinsam, daß sie die Seelen der Menschen stark und kräftig machen, man kann auch sagen, innerlich leuchtend machen, damit die Seelen nicht nur in der physischen Welt real sind, sondern auch in der geistigen Welt real sein können. Seelenstärkung ist das, was als ein Universell-Wahres nach den verschiedenen Möglichkeiten in allen Religionssystemen gegeben worden ist.

[ 17 ] Unsere Zeit ist nun in die Notwendigkeit versetzt, die geistige Welt nach und nach immer mehr und mehr anders aufzunehmen, als verflossene, vergangene Zeiten das konnten.

[ 18 ] Gewisse Vorstellungen, die sich seit dem Aufblühen der neueren Naturwissenschaft einmal gebildet haben, muß unsere Zeit innerlich erstarken, innerlich erkraften, so daß die Seele gerade durch solche Vorstellungen fähig wird, in der geistigen Welt nicht tot, sondern lebendig zu sein. Dadurch kommt von selbst etwas Tieferes, etwas die Seele allerdings mehr Anstrengendes, aber Tieferes zustande, als die verschiedenen Religionssysteme zustande gebracht haben. Ich habe im Laufe der Jahre verschiedene Gründe angegeben, warum unsere Zeit zur Geisteswissenschaft berufen ist. Aber ich möchte sagen: Für den, der dem geistigen Leben nahesteht, zeigt sich gerade heute auf Schritt und Tritt, und das gehört eben überall zu dem Erschütternden unserer Zeit, daß zu den Einschlägen, zu den Fermenten, welche das Leben unserer Zeit bekommen muß, die Geisteswissenschaft gehört.

[ 19 ] Es sind ja in den letzten Monaten viele, viele Seelen durch die Pforte des Todes gegangen, in Jugendkraft durch die Pforte des Todes gegangen. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge jene Menschenwesen, deren Seelen so durch die Pforte des Todes gegangen sind, alle die Anwartschaft gehabt hätten, noch länger auf Erden zu leben. Wenn nun ein Mensch durch die Pforte des Todes geht, so wissen wir, er legt zuerst den physischen Leib ab, dann nach verhältnismäßig kurzer Zeit den Ätherleib. Dieser Ätherleib gehört dann der äußeren Ätherwelt an, und der astralische Leib und das Ich gehören dem Menschen weiter an. Über diesen Ätherleib sagt man gewöhnlich, er löse sich auf in der geistigen Welt. Aber die Zeit, in welcher er sich auflöst, ist sehr verschieden. Wenn ein Mensch uralt geworden ist im physischen Leben, also sozusagen ein normales Alter erreicht hat, dann hat er die Kräfte seines Ätherleibes verbraucht, und es löst sich dieser dann rasch auf. Geht aber ein Mensch in Jugendkraft durch die Pforte des Todes, so hätte ihm sein Ätherleib noch durch Jahrzehnte dienen können. Dieser Ätherleib ist eine zusammenhängende, in sich gefügte Organisation. Der löst sich im zweiten Falle nicht sogleich auf. Er trennt sich ab vom astralischen Leib und vom Ich. Diese gehen in der geistigen Welt ihre eigenen Wege; der Ätherleib jedoch trennt sich zwar ab, löst sich aber nicht sogleich auf. Es wird Ihnen nur natürlich erscheinen, daß der Mensch einen gewissen Zusammenhang mit dem Ätherleib behält, der sich zunächst abgetrennt hat, aber auch in der geistigen Ätherwelt vorhanden bleibt. Deshalb kann man sagen: In dieser geistigen Ätherwelt absolut genommen, in der Erden-Aura-Nähe — sind eine außerordentlich große Anzahl von unverbrauchten Ätherleibern, von Ätherleibern mit frischen Kräften. Das ist das ganz besonders Eindrucksvolle in der gegenwärtigen Beobachtung der geistigen Welt, daß wir einer solchen großen Anzahl unverbrauchter Ätherleiber gegenüberstehen. Aber überall, wo wir an die Empfindungen herantreten können, welche die Toten in bezug auf diese ihre Ätherleiber haben, merken wir wiederum eines. Selbstverständlich sind diese Dinge so, daß Sie sie glauben können oder nicht; denn Anspruch auf Glaubwürdigkeit kann ich ja nur durch das haben, was den Ausführungen vieler Jahre, die ich Ihnen gemacht habe, an Wahrheitskraft innewohnte, Was man an Empfindungen der Verstorbenen gegenüber ihren Ätherleibern bemerkt, das ist, daß durch alle die Menschen, welche jetzt das Opfer des Todes gebracht haben, einem gewissermaßen geistig zugeflüstert wird: Die Zeit ist gekommen! Und recht anwenden wird die Menschheit das, was an unverbrauchten Kräften in unseren Ätherleibern ist, nur dann, wenn diese Menschheit sich bewußt wird, wie sie mit der geistigen Welt zusammenhängt! — Denn von diesen unverbrauchten Ätherleibern strahlen viele, viele Kräfte aus. Die kommen herein in unsere Welt, und diese Kräfte wird die Menschheit nur dann richtig anwenden, wenn sie die Gedanken auf die geistige Welt hinlenkt. Dann werden diese Kräfte der geopferten Ätherleiber der Menschheit fördernde Kräfte sein. Das ist es gewissermaßen, was die Toten uns heute zurufen: Verbraucht unsere Ätherleiber nicht umsonst; laßt nicht die Zeit vorübergehen, in welcher die Kräfte unserer unverbrauchten Ätherleiber dem geistigen Fortschritt der Menschheit dienen können!

[ 20 ] Und das Besondere möchte ich noch sagen: Ich habe einmal oder vielleicht öfter ausgeführt, wie man den Verstorbenen zu Hilfe kommen kann. Besondere Umstände machen es ja möglich, daß die Verstorbenen etwas davon haben, wenn wir das, was wir uns als Geisteswissenschaft erobern, ihnen vorlesend zugänglich machen. Ich habe darauf hingewiesen, daß es für den, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, viel bedeutet, wenn wir im Geiste ihm Geisteswissenschaftliches vorlesen, wenn wir ihn uns lebendig, lebensvoll geistig vorstellen und, selbstverständlich nicht laut, sondern wie in Gedanken — es können auch mehrere, können viele sein — ein Kapitel der Geisteswissenschaft ihm vorlesen. Das erscheint denjenigen absurd, die da glauben, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, ist die ganze geistige Welt um ihn herum, also brauchte er nicht von uns vorgelesen zu bekommen. Ganz so absurd ist es nicht. Selbstverständlich hat der Verstorbene die geistige Welt um sich herum, ist in ihr darinnen. Aber gerade so wenig, wie hier ein Mensch die Welt — die Sinneswelt — versteht, trotzdem er in ihr darinnen ist, wenn er nicht die Wissenschaft von ihr hat, so hat auch der Verstorbene nicht durch das Durchschreiten der Todespforte die Wissenschaft von der geistigen Welt, wenn er auch in ihr darinnen ist. Diese Wissenschaft muß vielmehr hier erworben werden. Wie etwas, was er als Nahrung empfängt, ist es für den Toten, wenn wir ihm vorlesen; das strömt in ihn ein. Und recht viel stärkende Kräfte kann die Menschheit für die nächsten Zeiten in bezug auf das Spirituelle dadurch bekommen, daß gerade jenes Mantram, welches ich jetzt immer am Beginne unserer Betrachtungen anwende, «Geister eurer Seelen, wirkende Wächter» und so weiter, mit der Veränderung «Sphärenmenschen» in bezug auf die Gefallenen, gebraucht wird. Wir können auch, während das sonst nur möglich ist bei solchen Verstorbenen, die wir selbst gekannt haben, gerade dieses Mantram an uns persönlich unbekannte Verstorbene richten; können, nachdem wir dieses Mantram recht andächtig gebraucht haben, vorlesen, ich möchte sagen, ins Unbekannte hinaus; und Tote, welche jetzt gerade durch unsere Ereignisse in den Tod gegangen sind, können es empfangen. Dann werden sie mit dem, was sie aus dem Zusammenhange mit uns schöpfen können, zurück wirken auf dem Umwege durch ihre Ätherleiber auf die Erdenkultur und werden mit den auf der Erde lebenden Menschen zusammenwirken, um das spirituelle Leben vorwärtszubringen.

[ 21 ] Durch solche Dinge werden wir aber noch etwas anderes erreichen. Es ist ja ganz richtig, daß wir gewissermaßen in einer Zeit des trübseligsten Materialismus gelebt haben, und daß diese kriegerischen Ereignisse etwas ausgelöst haben, was einen wirklichen Anstrich von spirituellem Leben hat. Es ist in bezug auf das Geistige ein großer Unterschied gewesen, wenn man zum Beispiel im Juli des vergangenen Jahres noch, oder sonst früher durch Deutschland gereist ist und geistig die Menschen beobachtet hat, und wenn man im August, September, oder überhaupt jetzt es getan hat oder tut. Was als ein Unterschied hervorrritt, das ist der, daß gewissermaßen früher jeder seine eigene egoistische Aura hatte, die sich eng abschloß, die sich gleichsam anlegte an den Menschen. Jetzt ist eine gemeinschaftliche Aura vorhanden, in welche die Gedanken als etwas Einheitliches hineinfließen. Daß alles an Gedanken nach einer Richtung hin zielt, ist auch in geistiger Beziehung etwas ungeheuer Bedeutungsvolles. Dadurch ist für die Zeit der kriegerischen Ereignisse etwas Spirituelles geschaffen, was vorher nicht da war. Das ist ganz unleugbar. Aber nun stellen Sie sich vor, wie es ja sein muß, daß wieder der Friede kommt. Dann würden die Seelen um so mehr veröden, wenn sie nicht aus ihrem Innern heraus etwas an spirituellem Gut finden könnten; denn das ist für jede Zeit dem Menschen notwendig, daß er an irgend etwas seine Gedanken hinrichtet, was nicht mit einer äußeren Realität etwas zu tun hat. Das stärkt ihn für die geistige Welt in irgendeiner Form. Wenn es Vorstellungen über die übersinnliche Welt sind, so stärkt es ihn in bezug auf die guten Kräfte der übersinnlichen Welt; wenn es nicht übersinnliche Vorstellungen sind, oder wenn es etwas ist, was in bezug auf das Übersinnliche nicht gerechtfertigt ist, so stärkt es ihn auch für die übersinnliche Welt, allerdings dann für die luziferische oder ahrimanische Welt. Aber der Mensch ist einmal so veranlagt, daß das Geistige in ihm sprechen will. Man könnte sagen: der Mensch muß etwas haben, was für die äußere Welt nicht wahr ist; und wenn er sich lange nicht darauf eingelassen hat, etwas in seine Seele aufzunehmen, was für die äußere Welt nicht wahr ist, dann kommt eine Reaktion, eine Reaktion in der Weise, daß er an etwas, was für die äußere Welt nicht wahr ist, glauben muß. In merkwürdiger Weise können dann solche Glaubensvorstellungen die menschliche Seele ergreifen. Gewisse, vom Materialismus überwältigte Seelen können ja äußerlich sogar fromm sein. Solche Seelen können diese Reaktion in einer besonderen Art erleben. Sie können sich zum Beispiel, man möchte sagen, unisono die Vorstellung bilden: irgendein Volk, das eine Kultur in sich hat, sei ein Volk von Barbaren, und können das zum Glaubensartikel machen. Von gewissen anderen Gesichtspunkten abgesehen, ist dieses nichts anderes als das Lechzen der Seele nach einem Glauben, nach irgend etwas, was in der physischen Welt keine Realität hat. Weil die Menschen nicht nach dem wahrhaft Übersinnlichen mehr die Blicke hinzulenken gewohnt sind, deshalb füllen sie die Seele mit dem Glauben aus: irgendein Volk sei ein Barbarenvolk. Das ist ein Glaube, ein Dogma geworden, dem man ebenso fanatisch anhängt, wie man einmal irgendwelchen religiösen Dogmen angehangen hat. Es ist ein Ersatz für einen lange entbehrten Glauben. Aber nun stelle man sich vor, daß dies nicht auf die Dauer geht. Wenn wieder Friede eingetreten sein wird, werden die Menschen nicht diesen realen Ersatz haben können, der sich in dem Glauben ausdrückt: irgendein Volk sei ein Barbarenvolk. Dann kommt die furchtbare Öde, die ganz furchtbare Öde. Und das ist etwas, was in Aussicht steht für diejenigen Gebiete, die heute in solcher zuweilen richtig abscheulich-verlogenen Weise sich einen Glauben schaffen, sich Dogmen schaffen. Für diese Gegenden wird furchtbare Seelenöde eintreten. Und diese Seelenöde wird nur bekämpft werden können, wenn in solcher Weise, wie es geschildert worden ist, die unverbrauchten Ätherkräfte der dem Todesopfer Geweihten in der richtigen Weise verbraucht werden, in der richtigen Weise angewendet werden. Daher sagen uns alle, gleichsam uns über den richtigen Verbrauch ihrer Ätherkräfte ermahnend, wie eine spontane, eine jetzt nach dem Tode getane Entdeckung ausdrückend: Es ist an der Zeit! Die Menschheit muß eine geistige Entwickelung durchmachen, und diese jetzigen Ereignisse müssen ein Dämmerungszustand sein, aus dem ein neuer Sonnenzustand hervorgeht.

[ 22 ] Das ist das, was diejenigen durchdringen muß, welche schwere Verluste erleiden: daß in dem starken Maße, wie es notwendig ist, daß unsere Zeit spirituell wird, dies nur dadurch möglich ist, daß sie Hilfe bekommt aus der geistigen Welt. Aber die Mittel zu dieser Hilfe müssen durch solche schmerzlichen Ereignisse gewonnen werden, wie wir sie jetzt eben in unserer Gegenwart erleben. Für den Geistesforscher wird dadurch ganz von selbst klar, daß diese Ereignisse rein materialistisch nicht betrachtet werden dürfen. Aber man findet fast nur eine rein materialistische Betrachtung dieser Ereignisse. Man kann es erleben — was wir ja erlebt haben —, daß eine Anzahl von Leuten des einen Erdgebietes, die sich angefeindet fühlen, irgendeinen Aufruf erlassen, daß dieser Aufruf in andere feindliche Gebiete kommt; von diesen feindlichen Gebieten aus stellt man die Frage: Wer hat diesen Krieg gewollt? Oder man beschuldigt den anderen, er habe den Krieg gewollt. Dabei vergißt man immer und immer wieder, was für die tiefere Betrachtung der Verhältnisse klar sein muß, und von dieser tieferen Betrachtung der Dinge aus wird auch einiges Heil für die Zukunft kommen können: daß aus der geistigen Welt heraus alle diese Ereignisse wirklich gewollt sind, weil die geistige Welt diejenigen Kräfte braucht, die als Früchte aus diesen Saaten der unverbrauchten Ätherleiber kommen können. Und wenn man anschuldigen wollte, so müßte man zu gleicher Zeit die geistige Welt selber anschuldigen. Aber da wird einem das Beschuldigen vergehen. Denn da wird man aufmerksam auf die eherne Notwendigkeit, welche besteht, auf jene eherne Notwendigkeit, welche wirklich von dem Gesichtspunkte geistiger Welten aus auf unsere Erdenwelt herunterschauen muß, etwa wie wir auf etwas hinschauen müssen, wenn es notwendig wird, so und soviel zu verbrauchen, zu töten, aus einem Zusammenhang zu reißen, um irgend etwas anderes aufzubauen. Wir können kein Haus aufbauen, ohne daß wir so und so viele Felsgebiete zerstören; da können wir nicht von irgendeiner Schuld sprechen, da müssen wir von der Notwendigkeit sprechen. Also, es ist der geistigen Welt notwendig, diejenigen Opfer zu fordern, welche jetzt gefordert werden, weil Saaten notwendig sind. Diese Saaten sind eben die unverbrauchten Ätherleiber, die dann lebendig alles Werden der Menschheit durchdringen, und die da sein müssen, wenn die Entwickelung weitergehen soll, weil sonst der Menschheit die Kräfte fehlen würden, um weiterzukommen. Neben allem, was die heutigen Ereignisse äußerlich bedeuten, müssen wir, um die Ereignisse wirksam innerlich zu verstehen, dies voll ins Auge fassen.

[ 23 ] Wenn wir so die Dinge betrachten, dann sagen wir uns: Wenn ich auch nicht von vornherein überschauen kann, ob alles richtig ist, wie man sagt, was ich aus der geistigen Welt aufnehme, das ist jedenfalls der Fall, daß ich dadurch, daß ich diese Offenbarungen aus der geistigen Welt mit meiner eigenen Seele vereinige, diese Seele anstrenge, ihr dadurch Kräfte zuführe, und daß dadurch meine Seele leuchtend wird für die geistige Welt, Augen bekommt für die geistige Welt. Nur sind die Bedingungen für die geistige Welt andere, als die Bedingungen für die physische Welt sind. Für die physische Welt können wir zufrieden sein, wenn wir einen Gedanken einmal gefaßt haben und wir seine Wahrheit einsehen. Im praktischen Leben der physischen Welt ist es auch hinreichend, wenn wir die Wahrheit eines Gedankens einmal eingesehen haben. Ich meine es so: Wenn ein Richterkollegium herausfinden will, ob ein Mensch schuldig ist in einer Sache, dann ist die Angelegenheit abgetan, wenn einmal die Vorstellung gefunden ist, dieser Mensch ist schuldig einer Tat. Dann ist alles getan, was nötig ist. In der geistigen Welt dagegen ist gar nicht alles getan, wenn man einmal einen Gedanken gefaßt hat, sondern da ist es notwendig, daß er immer wiederkehrt. Daher kommt es für die geistigen Verhältnisse auf die Wiederholung an. Es kommt nicht bloß darauf an, etwas von den Dingen zu wissen, sondern es immer wieder und wieder in der Seele gegenwärtig zu machen. Darauf beruht auch das meditative Leben, daß wir den Inhalt der Meditation im Wiederholen in der Seele gegenwärtig sein lassen. Dadurch wird das, was so immer gegenwärtig ist, in seiner Kraft wirklich so wirkend, wie wenn ein Tropfen immerfort auf einen Stein fällt und ihn zuletzt doch höhlt. Wenn der Tropfen einmal auf den Stein fällt, so macht er gar keinen Eindruck; wenn er zehnmal oder hundertmal darauffällt auch nicht; zuletzt aber höhlt er doch den Stein aus. Wenn wir so etwas in die Seele aufnehmen, dann könnte es scheinen, als ob es, einmal aufgenommen, gar nichts für die Seele bedeutet, zehnmal aufgenommen auch nicht; aber wenn wir Geduld haben, dann können wir es dahin bringen, daß wir den ewigen Wesenskern des Menschen gewahr werden. Denn auf die Kraft, die wir dabei entwikkeln, kommt es an; und diese Kraft wird vielfach von den Menschen geflohen, sie wollen sie nicht haben. Warum wollen sie diese Kraft nicht haben?

[ 24 ] Warum die Menschen diese Kraft nicht haben wollen, warum sie heute noch eine Scheu haben vor der Geisteswissenschaft, das können wir uns dann beantworten, wenn wir ein wenig gerade wieder vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus auf die Bedeutung geisteswissenschaftlicher Vorstellungen für das Leben nach dem Tode sehen. Diejenigen Vorstellungen sind die wichtigsten nach dem Tode, die nichts abbilden, was in der äußeren Welt vorhanden ist, die sich nicht auf ein äußeres Sein beziehen und von denen der derb-materialistische Mensch sagen kann: sie bedeuten ja nichts im Leben. Aber diese Vorstellungen sind die wichtigsten nach dem Tode. Denn das Bilden solcher Vorstellungen erfordert jene starke Kraft des Nachsinnens, des Nachdenkens, des Nachfühlens, welche die Seele stark macht, sie so macht, daß sie sich erlebt, sich erfühlt in der geistigen Welt. Solche Vorstellungen braucht also die Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes geht.

[ 25 ] Wodurch kann man nun solche Vorstellungen gewinnen? Das wissen wir schon: nur dadurch, daß man die Seele in stärkerem Maße anstrengt, als sie sich gewöhnlich sonst anstrengt. Denn um die Vorstellungen aufzunehmen, welche der heutige Naturforscher aufnimmt, dazu braucht man nur zu schauen, eventuell durch das Mikroskop oder durch das Teleskop. Da kann man sich hübsch passiv verhalten, bekommt dann die Eindrücke von der Welt und kann sie registrieren. So ist es ja oft: man liebt es nicht, innerlich sich anzustrengen. Denn was man nicht sieht, darüber muß man sich doch stärker anstrengen als über das, was man sieht; und dieses stärkere Anstrengen des Denkens scheut man, das flieht man. So ist man eigentlich — verzeihen Sie den harten Ausdruck — innerlich faul, innerlich bequem. Und das tiefste Charakteristikum des gegenwärtigen wissenschaftlichen Strebens ist diese innerliche Faulheit, diese Bequemlichkeit, dieses die Kräfte aus der Seele nicht Hervorholenwollen. Wenn man es aber nun tut, wenn man diese Kräfte aus der Seele herausholt, was bewirkt das nach dem Tode? Ja, man hat gewissermaßen für das Leben nach dem Tode etwas von diesen herausgeholten Kräften, was man, weil man meistens in einer gewissen Illusion lebt, gewöhnlich gar nicht gern hat. Aber ich will gleich auf den Grund hindeuten, weshalb man es gewöhnlich nicht gern hat. Wenn man nämlich durch den Tod oder durch die Initiation in die geistige Welt eintritt, dann handelt es sich darum, daß man da hinter dem Tode etwas erleben muß, was gewissermaßen ein zweiter Tod ist. Eine Art zweiter Tod ist es. Sie wissen, man muß sich später auch wieder von seinem astralischen Leib abtrennen, und man kann das entweder bewußt durchmachen oder man kann es verschlafen. Aber es lebt in der Menschenseele eine geheime Sehnsucht, dies zu verschlafen, es nicht bewußt durchzumachen. Es lebt im Menschen eine gewisse Furcht, die nicht richtig interpretiert wird, nach dem Tode so stark aufzuwachen, daß man dann die Dinge alle bemerkt, die um einen sind. Diese Furcht ist allerdings ganz gleich derjenigen, die es dem Menschen hier angenehm machen würde, dieses physische Leben nicht gar so stark zu leben, nicht immer aufzuwachen, sondern etwas betäubt durch das Leben zu gehen. Das Leben ist dann angenehmer. Und wenn man gar immer im Bette liegen könnte, das Leben so im Halbschlaf verbringen könnte, dann wäre es am allerbequemsten. Aber es läßt sich nicht immer machen. Der Mensch muß aufwachen. Und wenn er bis zu dem Zeitpunkt, den ich andeutete, betäubt sein konnte über die Dinge nach dem Tode, so darf er jetzt nicht weiter betäubt sein nach dem Tode. Der Mensch muß aufwachen. Er hat aber noch Furcht davor. Daher sträuben sich selbst die, welche so nahe daran sind, die Geisteswissenschaft haben zu müssen, wie ein Forscher, der da sagt: selbst die nervösen Störungen im Rücken, in den Armen und Beinen beruhen auf Seelischem. Er sträubt sich, die Geisteswissenschaft anzunehmen, weil er heillose Angst davor hat. Er gleicht dann jemandem, der sagt: Da ist mir etwas abhanden gekommen, gestohlen worden; der Wind wird es schon nicht fortgetragen haben, also durch äußere Naturkräfte wird es nicht abhanden gekommen sein, also wird es ein Mensch weggetragen haben! Aber jetzt bleibt er dabei stehen. Er geht nicht weiter, weil er sich fürchtet, daß er dann durchgeprügelt werden könnte. So verhalten sich gewisse Forscher, wie zum Beispiel Binswanger. Sie sagen: Gewisse nervöse Störungen in den Armen, Beinen und so weiter haben ihre Ursache im Seelischen. Aber dann bleiben sie dabei; sie gehen nicht weiter, weil sie dann fürchten müssen, man könnte sie durchprügeln, pardon! — weil sie gern verschlafen, was in der geistigen Welt vor sich geht.

[ 26 ] Es ist eine Empfindung, die wir uns aneignen müssen, daß gerade heutige Forscher mit der Nase auf die Wirksamkeit der geistigen Welt gestoßen werden, aber nicht an sie heranwollen. Wenn aber diese Forscher einmal an die geistige Welt heranwollen, so werden sie sich klar sein müssen, daß man nicht so im allgemeinen über die Verhältnisse der geistigen Welt reden darf, sondern daß man in positiver Weise auf die Geisteswissenschaft eingehen muß und daß dieses Eingehen auf die Geisteswissenschaft selbst schon eine Art von Heilungsprozeß wird. So hängen ja die Dinge zusammen. Nicht die eigentlichen Geisteskrankheiten haben sich vermehrt; das zu glauben wäre ein Irrtum. Aber in der Tat ist dasjenige in der neueren Zeit besonders stark ausgebreitet, was man nervöse Störungen nennen kann. Und wenn die Dinge so weitergehen, wie sie bis jetzt gingen, dann wird man erst finden, wie der Entwickelungsgang der Menschheit uns zeigt, daß die nervösen Störungen, wenn die alten Verhältnisse vorhanden bleiben, immer stärker und stärker werden müssen.

[ 27 ] Es könnte da auf ganz interessante Tatsachen hingewiesen werden. Nehmen wir einmal eine sehr einfache Tatsache. Es gibt einen österreichischen Dichter: Robert Hamerling — ein ausgezeichneter Dichter, von dem ja auch in unserem Kreise einiges schon vorgetragen worden ist. Dieser Mann hat einen großen Teil der zweiten Hälfte seines Lebens im Bette zugebracht. Er war schwer krank; immer mehr und mehr verfiel er einer schweren Krankheit. Aber nervös ist er nicht geworden. Nichts zeigt an seinen Dichtungen einen nervösen Charakter. Selbst in Zeiten, in welchen er nur auf einer Seite des Leibes liegen konnte und unter den furchtbarsten Schmerzen schreiben mußte, schrieb er nicht im eigentlichen Sinne nervös. Warum? Er gehörte jener mitteleuropäischen Kultur eben an, welche noch nicht in demselben Maße in die Nervosität übergegangen ist wie das geistige Leben anderer europäischer Völker. Dieses geistige Leben verkleinert man ja dadurch nicht, aber man muß sich doch klar sein über die Tatsachen. Ich habe es erlebt, wie, nachdem in den siebziger, achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch ein Verständnis vorhanden war für solche Dinge, wie sie zum Beispiel Robert Hamerling darbietet, dann plötzlich in den achtziger Jahren eine ungeheure Begeisterung einschlug für Dostojewski. Ich will Dostojewski damit selbstverständlich nicht verkleinern, aber was er uns vor allem darbietet, ist eine ganz nervöse, zappelige Kunst, bei aller Größe. Eine solche nervöse Kunst würde kommen, wenn der Materialismus — und materialistisch ist es, was Dostojewskische Kunst ist, wenn es auch «Psychologie» ist — weiterströmt und immer weiter.

[ 28 ] Soll das nicht kommen, so müssen die starken Kräfte kommen, welche die Menschenseele aufwenden muß, wenn sie sich wirklich hineinfinden soll in Gedankengänge wie: Saturn, Sonne und Mond sind Vorstadien der Erdenentwickelung. Denn man soll einmal einem richtigen Menschen der Gegenwart mit solchen Vorstellungen wie Saturnentwickelung, Sonnenentwickelung und so weiter kommen und soll ihm zumuten, jene Gedankenanstrengung zu machen, um solche Dinge notwendig natürlich zu finden. Man kann solche Vorstellungen als notwendig natürlich finden; aber dazu müssen von der Seele stärkere Anstrengungen gemacht werden, und die Folge ist: die Nervosität wird ausgetrieben! Man muß zwar Geduld dabei haben, aber die Nervosität wird ausgetrieben. Und was sonst über die ganze Kultur der Menschheit kommen würde als eine allgemeine Nervosität, das wird geheilt werden, wenn dasjenige von der Menschheit ergriffen wird, was von der Geisteswissenschaft durch die Verbreitung der geistigen Strömung ausgeht. Während sonst die Menschheit zappelig werden würde, kommt die Geisteswissenschaft von der anderen Seite und bringt zugleich die Heilung. Und während der Psychiater, bevor er in die Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sich zugestehen muß: die nervösen Erscheinungen nehmen zu, wird er sich vielleicht nachher gestehen müssen, daß es das beste Heilmittel gegen die nervösen Erscheinungen ist, wenn er dem Kranken sagt: Nimm dir einmal ein Buch über Geisteswissenschaft, jeden Tag dreiviertel Stunden, und versuche es einmal zu verarbeiten; dann werden deine Nerven stärker werden. — Sie werden es auch. Aber glauben wird man die Sache erst dann, wenn man sich klar sein wird, daß nach dem zu Anfang des Vortrages herangezogenen Vergleich das Seelenleben nichts anderes zu tun hat mit dem Nervenleben, als daß es Absonderungsprozesse hervorruft; daß man das Seelenleben nicht kurieren kann, indem man auf die Absonderungsprozesse einen besonderen Wert legt, sondern indem das, was nichts mit den Absonderungsprozessen zu tun hat, von innen heraus gestärkt wird, durchdrungen wird von der Seele aus dadurch, daß die spirituellen Kräfte in die Seele einströmen. Die Zeit wird kommen, wo man nach der Geisteswissenschaft Rezepte schreiben wird, die darin bestehen werden, daß man dieses oder jenes, was nur von der Geisteswissenschaft gewonnen werden kann, besonders bei den Krankheiten der neueren Zeiten verwenden wird. Vorläufig sind wir natürlich noch lange nicht so weit; denn vorläufig wird man es noch lange als hinlänglich bewiesen halten, daß irgendeine Therapie ein Unsinn ist, wenn man sie mit der Vignette mystischer Methoden belegen kann, wobei man um so freigebiger ist mit dem Namen «Mystik», je weniger man weiß, was eigentlich Mystik ist. Denn den Ausdruck «Mystik» brauchen wir am wenigsten; wir brauchen ihn nur, wenn wir etwas technisch bezeichnen wollen; aber die brauchen ihn am allermeisten, die keine Ahnung haben, was Mystik ist.

[ 29 ] Gerade wenn wir diese Dinge überschauen, werden wir uns nicht verhehlen, daß wir in einer sehr bedeutungsvollen Krisenzeit leben. Ich habe öfter gesagt: es ist nicht meine Art zu sagen, wir leben in einer Übergangszeit; denn ein jeder Zeitraum hat etwas Vorangegangenes und etwas, was ihm folgt. Aber es handelt sich eben darum, da, worin eine Zeit eine «Übergangszeit» ist, das Konkrete des Überganges zu erkennen. Für unsere Zeit besteht dies Konkrete darin, daß alles, was in unserer Zeit geschieht, uns darauf hinweist: Es müssen die Menschen den Übergang finden zu einem Erfassen der spirituellen Welten. Dann werden sie in den spirituellen Welten Ruhe, innere Festigkeit, innere Sicherheit finden. Das ist das, was die Menschen unbedingt brauchen.

[ 30 ] Wenn Sie sich so recht in der Seele beleben wollen, wie durch Geisteswissenschaft eine neue Art von Ruhe der Seele errungen werden muß, so ist es gut, folgenden Stoff zur Meditation zu nehmen: Es ist wirklich bedeutungsvoll, daß seit drei bis vier Jahrhunderten die Menschen sich allmählich der Vorstellung anbequemen mußten, daß sie durch den Weltenraum rasen, richtig durch den Weltenraum rasen. Gewiß, daß er es weiß, kann jeder sagen; aber die Menschen denken gewöhnlich nicht darüber nach, daß sie schon in der Schule lernen, daß sie mit einer riesigen Geschwindigkeit durch den Weltenraum rasen. In dieser Beziehung könnte man fast an den erinnern, der einmal in einem Graben lag, zwar ganz bequem lag, doch furchtbar unzufrieden war; und als er gefragt wurde, warum er so unzufrieden sei, da er doch nichts zu tun habe, antwortete er: ja, er müsse doch die Umdrehungen der Erde um die Sonne mitmachen, und er fände es bequemer zurückzubleiben. Das war also einer, der das Denken der Umdrehung ernst genommen hatte. Daran denken ja die Menschen gewöhnlich nicht, aber es lebt ja auch das in dem Menschen, woran man gewöhnlich nicht denkt. Also, um den Gedanken fortzusetzen: In den letzten drei bis vier Jahrhunderten haben sich die Menschen gewöhnt, mit ihren Vorstellungen mitzugehen mit der durch den Weltenraum rasenden Erde. Dem muß aus dem Weltenraum Widerstand geboten werden. Es ist wirklich wahr, daß etwas Beruhigendes in dem alten Glauben war, daß die Erde stille stehe, und daß die Sonne sich bewege. Nun wird es noch lange bis dahin sein, daß man das Unrichtige der kopernikanischen Weltansicht einsehen wird; denn so ist die Sache nicht, wie sie heute gelehrt wird. Aber dahin kann man kommen, daß man gewissermaßen durch die Belebung der Vorstellungen der geistigen Wissenschaft sich in die Lage versetzt, in der ein Mensch ist, der in einem Eisenbahnwagen sitzt oder auf einem Schiffe fährt und der nun gegen das Poltern sich innerlich anstrengen kann, daß er nichts davon hört, sondern ganz «bei sich» ist. Das kann man heute nur mit den geisteswissenschaftlichen Vorstellungen. Aber man muß berücksichtigen, daß immer wiederkehrende Wiederholung dazu notwendig ist, weil es auf die Kraft ankommt, die daraus entsteht. Dann bleibt man gleichsam in sich, bei sich, ruhig und sicher. Und dies möchte ich als eine gute Meditationsvorstellung bemerken: Zu uns einsteigen können die Mächte der geistigen Welt, wenn wir ihnen diese Ruhe richtig entgegenbringen. Nur dadurch können sie uns bewußt werden, daß wir ihnen durch solches Vorstellungsleben, wie es charakterisiert worden ist, entgegenkommen.

[ 31 ] Das charakterisiert die Übergangszeit, in der wir leben; in diesem Übergang sind wir wirklich darinnen. Die Sehnsucht nach der geistigen Welt ist in den Seelen durchaus vorhanden, wenn es auch die meisten heute noch nicht wissen. Aber aus dem, was jetzt als ganz besondere Ereignisse einen so großen Teil der Erde ergriffen hat, wird sich eine bewußte Sehnsucht nach der geistigen Welt entwikkeln. Dies kann man als Geistesforscher heute schon wissen: daß alle die hingeopferten unverbrauchten Ätherleiber die tiefste Sehnsucht nach der geistigen Welt loslösen werden. Diese tiefste Sehnsucht wird kommen, Sehnsucht nach einer Wahrheit, die nicht durch äußere Beobachtung, sondern innerlich durch die Anstrengung der Seele errungen werden muß. Darauf ist in der Tat der deutsche Geist vorbereitet. Er ist vorbereitet auf solche Wahrheit, die durch sich wahr erscheint und nicht dadurch, daß sie äußerlich bewahrheitet wird. Dazu ist der deutsche Geist vorbereitet. Und überall findet man die Beweise dafür. Diejenigen, die so recht im Wesen des deutschen Geistes gestrebt haben, sie haben ja immer in ihren Gedankenformen die Art gehabt, über die Wahrheit als einer innerlichen Gabe der Menschenseele zu sprechen. Was wäre es denn, was heute ein solcher sagen würde gegenüber manchem, was wir in unsern Tagen erleben? In den ersten Augusttagen konnte man in ausländischen Zeitungen lesen: Hamburg ist ein Trümmerhaufen; die Russen sind in Stettin, sogar in Köln eingezogen. Noch ganz andere Dinge waren verbreitet. Kaiser Franz Joseph starb bekanntlich am 8. September. Was wäre es, was ein solcher oben Charakterisierter demgegenüber sagen würde?

[ 32 ] «Messing statt Goldes, nachgemachte Wechsel statt echter mögen von einzelnen verkauft, eine verlorene Schlacht als eine gewonnene mehreren aufgeheftet, und sonstige Lügen über sinnliche Dinge und einzelne Begebenheiten auf eine Zeitlang glaubhaft gemacht werden, aber in dem Wissen von dem Wesen, worin das Bewußtsein die unmittelbare Gewißheit seiner selbst hat, fällt der Gedanke der Täuschung hinweg.»

[ 33 ] Das würde tief aus dem heraus, was man heute erfahren mußte, geschrieben sein. Hegel hat es geschrieben, und er ist im Jahre 1831 gestorben. Es ist das Eigentümliche: wenn jemand tief ergriffen ist von der inneren Natur der Wahrheit, dann sagt er Dinge, die für alle Zeiten wahr sind; dann kann man das, was also aus dem Bewußtsein der Wahrheit heraus gesprochen worden ist, zu allen Zeiten anführen. Das ist das, was man über die Eigentümlichkeit des mitteleuropäischen Geistes sagen muß, über sein ganz besonderes Verhältnis zur Wahrheit, und was unleugbar ist für den, der sich Mühe gibt, die Dinge kennenzulernen. Heute hat man ja das Gefühl, daß man oft sagen muß: Wozu haben die Menschen Geschichte gelernt? Sie haben sie vielleicht auch nicht gelernt. Es ist ja doch so, als ob die Seelen erst nach dem 1. August 1914 geboren worden sind und gar nicht das, was früher geschehen ist, zu Hilfe nehmen, um ein Urteil zu gewinnen. Aber alles das ist zuletzt nur dazu da, um die Reaktion um so stärker und intensiver zu machen, um so stärker und intensiver in den Seelen das Bedürfnis nach innerlich wahrhaftiger Wahrheit zu erzeugen. Das ist die Natur des Überganges in unserer Zeit, in der so vielfach fehlt und sich als so fehlend zeigt dieses innerliche Verbundensein mit der Wahrheit. Es wird als Reaktion entstehen eine tiefste Sehnsucht nach der Wahrheit. Dann werden die Seelen, die hier in Leibern verkörpert sind, hören, was jene Seelen zu ihnen sprechen, die sich durch den Opfertod der jetzigen Zeit bereitet haben, von der Wahrheit mehr zu erkennen, als man heute gemeiniglich erkennt.

[ 34 ] Das ist es, was ich in dieser Stunde habe sagen wollen, um von neuem zu bekräftigen, was ich öfter gerade in dieser Zeit ausgesprochen habe über das lebendige Sprechen der Zeitereignisse zu uns. Denn wirklich: diese Zeitereignisse sprechen davon. Sie sprechen denjenigen, die mutvoll sich ihnen widmen, die opferfreudig sich ihnen widmen, die trauernd heute schon auf die Zeit hinsehen, sie sprechen ihnen Mut und Trost zu — Mut und Trost zu neuer Kraft:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.