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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenschicksale und Völkerschicksale
GA 157

16 März 1915, Berlin

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Wir gedenken wiederum zuerst derjenigen, die draußen auf den großen Feldern der Ereignisse der Gegenwart stehen:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 2 ] Und für diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 3 ] Der Geist, den wir durch unsere erstrebte Geist-Erkenntnis suchen, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der sei mit euch und euren schweren Pflichten!

[ 4 ] Meine lieben Freunde, wir können heute wiederum einige aphoristische Betrachtungen anstellen, die nach der einen oder anderen Seite Ergänzungen sein können zu dem, was in den letzten Zeiten gesprochen worden ist. Das erste, worauf ich aufmerksam machen möchte, ist die Art, wie wir beim Aufstieg in die geistigen Welten, nachdem wir die ersten Schritte in die geistigen Welten hinein getan haben, die Tatsachen, das Wesenhafte dieser geistigen Welten finden. Ausgehen möchte ich davon, worin die Schwierigkeiten liegen, um in die geistigen Welten hinaufzukommen. Diese Schwierigkeiten sind in der Tat beträchtliche, und so sicher es auch ist, daß der Weg, den wir durch unsere Meditation, durch die ganze innere Arbeit unserer Seele einschlagen, in die geistige Welt führen muß, so sicher dies ist, so leicht ist es auch, gewissermaßen zu verkennen, worin die Eigentümlichkeit dieser Seelenerfahrungen liegt, welche die Seele in die geistigen Welten hinaufführt. Es liegt erstens die Schwierigkeit vor, daß wir gewohnt sind, alles, was wir mit der Seele erfahren, nach den Erlebnissen zu beurteilen, die wir uns aus der äußeren Sinneswelt angeeignet haben. Gewissermaßen kennen wir gar nichts anderes als das, was wir uns aus der äußeren Sinneswelt angeeignet haben. Nun kommen wir in die geistige Welt hinein, und da ist wirklich alles anders als in der sinnlichen Welt. Nun, da alles anders ist, so liegt vor allen Dingen die Schwierigkeit vor, das, was wir da sehen sollen, überhaupt in den Bereich unserer Aufmerksamkeit hineinzuziehen. Es ist so, daß sozusagen die ganze geistige Welt vor uns ausgebreitet werden könnte, aber wir würden nichts sehen. Das ist aus dem Grunde der Fall, weil wir, solange wir wachend im Erdenleibe weilen, nicht in der Lage sind, unsere Geistorgane abzuziehen von diesem Erdenleibe, sie herauszuziehen aus ihrer Verbindung mit dem Erdenleibe.

[ 5 ] Nehmen wir einen Vergleich, den ich schon öfter gewählt habe, um die Lostrennung des Seelischen vom Leiblichen ins Auge zu fassen. Ich sagte öfter: man kann aus dem, was der Mensch im gewöhnlichen Leben hier ist, sein Unsterbliches ebensowenig erkennen, wie man aus dem Wasser erkennen kann, welche Eigenschaften der Wasserstoff und der Sauerstoff haben. Der Wasserstoff, der im Wasser darinnen ist in Verbindung mit dem Sauerstoff, so wie wirklich unser Unsterbliches im Leiblichen darinnen ist, zeigt uns nichts von seinen Eigenschaften, wenn er nicht abgetrennt ist; er verbirgt alle diese Eigenschaften. So verbirgt die Seele ihre Eigenschaften, indem sie mit dem Leibe vereinigt ist.

[ 6 ] Das gewöhnliche Leben zwischen Geburt und Tod erzieht uns so für unser Verhalten zur äußeren Sinneswelt, daß wir immer im wachenden Zustande unsere Geistorgane so gebunden haben an das Leibliche, wie der Wasserstoff an den Sauerstoff gebunden ist im Wasser. Es ist daher unserer Seele während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod nicht anders möglich, vom Leibe wegzugehen, als dann, wenn sie herausgeht vom Einschlafen bis zum Aufwachen in die geistigen Welten. In dieser Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen dringt die Seele wirklich in die geistigen Welten ein, ist darinnen. Da zieht sie sich neue Kräfte zum Tagesverlauf aus den geistigen Welten heraus, aber es bleibt in ihr die Gewohnheit, nur mit den leiblichen Organen wahrzunehmen, und in dem Augenblicke, wo die Seele ihre Kraft so erstarkt haben würde, daß sie im Geistigen darinnen nun wahrnehmen könnte, da wacht sie auf. Denn die Seele hängt durch ihre Kräfte mit dem Leibe zusammen, die Seele hängt durch ihr Begehrungsvermögen mit dem Leibe zusammen. In dem Augenblicke, wo ihr die Kräfte wiederum so erstarkt sind, daß sie nun sich regen kann, begehrt sie zum Leibe zurückzukommen, wenn der Leib noch lebensfähig ist. Daher müssen wir nach dem Tode uns erst nach und nach orientieren lernen.

[ 7 ] Vergleichen wir jetzt einmal dasjenige, was als die letzte Seelentängkeit schon in einem öffentlichen Vortrage angedeutet worden ist, das Erinnerungsvermögen, mit dem, was eintritt, wenn der Mensch in die geistige Welt hineinschauen lernt. Es ist etwas, was uns in einem gewissen Sinne frei macht von dem Leiblichen. Das wird gerade die Naturwissenschaft, wenn sie immer weiter entwikkelt wird, zeigen, daß wir im Erinnerungsvorgang einen rein geistigen Vorgang haben, daß in der Tat das Zurückblicken auf ein früheres Erlebnis ein geistiger Vorgang ist. Aber dieser geistige Vorgang hat eine mächtige Hilfe, nämlich die Hilfe unseres Leibes, die Hilfe, die der Leib bringt. Das geschieht so: Wenn wir im Leibe mit der Seele weilen, so ist in der Tat dasjenige, was wir unserem Erinnerungsvermögen anvertrauen, zunächst wirklich bildhaft, es ist etwas, was dem ganz ähnlich ist, was wir eine imaginative Erkenntnis nennen. Aber so, wie wir im gewöhnlichen Leben eben verfahren, so prägen wir das, was wir als Erinnerung behalten sollen, in das Leibliche hinein. Wenn wir irgendein Erlebnis haben, so stehen wir zunächst diesem Erlebnis mit den Sinnen gegenüber, wir haben das Bild, das wir uns gemacht haben. Dieses Bild prägt sich zunächst in unser Leibliches ein; in unserem Leibe entsteht ein Abdruck, und zwar ein Abdruck, den wir vergleichen können mit einem Siegelabdruck. Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß ein solcher Abdruck zurückbleibt. Aber kindlich ist die Vorstellung, die sich oft die äußere Naturwissenschaft hiervon macht. Man hat bei manchen lesen können, daß die eine Vorstellung in irgendeiner Partie des Gehirns aufgezeichnet wird, die andere Vorstellung in einer anderen Partie und dergleichen. So geschieht es nicht, sondern so, daß der Abdruck, der in unserem Leiblichen von einer Erinnerung gemacht wird, wirklich recht unähnlich ist dem, was wir etwa später erinnern. Denn hellsichtig angeschaut ist das im Grunde genommen eine Art Abdruck in der Form vom menschlichen Kopf und noch etwas fortgesetzt in den übrigen Menschen hinein. Ganz gleichgültig, was wir erleben, wir machen einen solchen Abdruck in uns; namentlich in den Ätherleib hinein wird der Abdruck gemacht. Wenn wir diesen Abdruck herausnehmen könnten, so würden wir in der Tat ein dünnes, schattenhaftes Gespenst unseres Kopfes und seiner Fortsetzung haben. Und wenn wir eine andere Erinnerung haben, so würden wir wieder ein Schattenbild eines Kopfes mit Fortsetzung sehen. Sie sind aber jedenfalls ganz unähnlich dem, was wir erleben, wenn wir eine Erinnerung erleben. So viel wir Erinnerungen haben, so viel schattenhafte Gespenster stekken in uns darinnen. Die gehen alle ineinander und durchdringen sich. Und das, was bleibt, würde etwa, von außen angesehen, ein solches Schattenbild sein, und man würde nur beschreiben können, das eine sieht so aus, das andere so.

[ 8 ] Damit die Erinnerung wirklich zustande kommt, muß des Menschen Seele diesem im Leibe gebliebenen Abdrucke erst entgegentreten und muß ihn so entziffern, wie wir diese eigentümlichen Zeichen entziffern, die auf dem Papiere sind, die ganz unähnlich sind dem, was wir in der Seele nachher erleben, wenn wir etwas lesen. Einen solchen Leseprozeß, einen unterbewußten, muß die Seele ausführen, um diese Siegelabdrücke umzusetzen in das, was wir dann in der wirklichen Erinnerung erleben. Nehmen Sie an, Sie haben im achten Lebensjahre etwas erlebt und erinnern sich heute daran. Der reale Vorgang ist der, daß Sie, durch etwas veranlaßt, hingewiesen werden mit Ihrer Seele auf dieses Köpfchen mit seinen Fortsetzungen, das sich damals abgedruckt hat; das entziffert Ihre Seele heute. Und von dem, was das Erlebnis ist, bleibt so wenig im Leibe als von dem, was Sie erleben, wenn Sie ein Buch gelesen haben, in dem Buche bleibt. Wenn Sie das Buch wieder lesen, dann müssen Sie wiederum seelisch die ganze Sache neu konstruieren. Das geschieht alles, ohne daß man es merkt. Aber derjenige, der nicht lesen gelernt hat, kann das, was diese Schriftzeichen ausdrükken sollen, nicht aus den Zeichen herausfinden. Und so ist es wirklich mit unserem Erinnerungsprozeß; er ist ein innerliches Lesen. Es geschieht vieles in der Menschenseele, was sich unter der Schwelle des Bewußtseins abspielt und was gar nicht von den Menschen beachtet wird. Indem wir uns unserer Erinnerung hingeben, geht ein unendlich komplizierter Prozeß im Menschen vor sich. Da steigen fortwährend aus dem Dämmerdunkel des sonsügen finsteren Lebens die ätherischen Siegelabdrücke auf, und in diesem Aufsteigen und in dem Entziffern liegt das, was der Mensch als seinen inneren Erinnerungsprozeß erlebt.

[ 9 ] Was ich Ihnen sage, ist nichts Ausgedachtes, sondern etwas, was die okkulte Beobachtung wirklich ergibt. Wenn wir nun beginnen unsere Seele durch das, was wir genannt haben Meditations- und Konzentrationsprozesse, in ihren inneren Kräften zu verstärken, dann tritt das ein, was ich angedeutet habe, dann bildet sich nicht das, was wir Erinnerung nennen müssen, sondern wir entwickeln innere Kräfte, aber das, was jetzt als Abdruck gebildet wird, wird draußen in dem die Welt durchwebenden Äther abgedrückt, wird objektiv hinein abgedrückt in die Welt. Während wir meditieren, konzentrieren, drücken wir in den objektiven Weltenprozefß3 hinein ab. Ebenso ist es im Grunde genommen, wenn wir nur uns studiengemäfßß hingeben dem, was die Geisteswissenschaft geben kann, denn sie handelt von übersinnlichen Dingen. Wenn wir nun die Gedanken, die die Geisteswissenschaft gibt, wirklich erfassen, so lösen wir uns schon so weit von uns los, daß unsere gedankliche Arbeit ein Mitarbeiten mit dem Weltenäther ist, während, wenn wir die gewöhnlichen Gedanken denken, wir sie nur in uns selber hinein abdrücken.

[ 10 ] Nun werden Sie einsehen, wie es darauf ankommt, daß derjenige, der wirklich in seiner Seele vorwärtskommen will, unendlich viel gibt auf das, was man nennen muß die Wiederholung desselben Gedankenprozesses. Wenn wir einmal auf irgendeinen Gedanken uns konzentrieren, so macht das einen flüchtigen Eindruck in den Weltenäther. Wenn wir aber Tag für Tag denselben Gedanken immer wieder und wieder in unserer Seele hegen, dann wird der Eindruck immer und immer wieder gemacht. Und jetzt werden wir uns die Frage vorlegen müssen: Wenn wir immer wieder einen Eindruck machen in den Weltenäther, die Meditation immer wiederholen, was geschieht dann eigentlich, wohin machen wir den Eindruck? — Zur Beantwortung dieser Frage muß ich auf etwas anderes eingehen.

[ 11 ] Wenn jemand wirklich den Weg sucht in die geistige Welt hinein, dann ist das so, daß dann, wenn er einmal beginnt, wirklich hellsichtig zu werden, diese hellsichtigen Erlebnisse ganz merkwürdig auftreten, so nämlich, daß man deutlich dabei merkt, ja das, was da ist, ist erlebt, aber im Grunde genommen fehlt diesen Erlebnissen etwas. Ich setze voraus, daß man wirklich hellsichtge Erlebnisse schon hat. Hinterher, wenn man wiederum aus den hellsichtigen Erlebnissen heraus ist und sich an diese hellsichtigen Erlebnisse erinnert, dann sagt man sich: es könnte sein, daß ich mit alledem gar nichts zu tun habe. Es macht den Eindruck, als wenn das, was man da hellsichtig erlebt hat, von uns losgelöste Dinge wären. Und vor allen Dingen, man kann gar nicht herausbekommen, inwiefern man selber etwas mit diesen Erlebnissen zu tun hat. Das ist das Bedeutsame. Daher ist es so leicht, diese Erlebnisse als bloße Träumereien anzusehen. Man merkt erst, daß man etwas damit zu tun hat, wenn man sieht, daß gewissermaßen einem da entgegengetreten ist eine andere Gestalt des eigenen Selbstes, wenn man merkt: ja, was du da erlebt hast, das ist eigentlich ähnlich deinen eigenen Erlebnissen, und was da erlebt worden ist, könnte nicht erlebt werden, wenn du nicht da wärst. Um es noch deutlicher zu machen, will ich mich in der folgenden Weise aussprechen. Nehmen Sie an, Sie haben einen Traum, der ein Erlebnis aus frühester Jugend wiedergibt. Wenn Sie von ihm erwachen, so werden Sie nur daran erkennen, daß das Ihre Traumerlebnisse sind, weil da in der Masse der Bilder das auftritt, was Sie früher erlebt haben; und Sie wissen dann, es muß der Traum mit Ihnen etwas zu tun haben. $o ist es mit den ersten hellseherischen Erlebnissen. Wir kommen nach und nach darauf: eigentlich ist das zugleich ein ganz anderer, der da träumt, und dennoch bist du es selber. Wir lernen uns erkennen in der Masse der hellsichtigen Erlebnisse.

[ 12 ] Das ist auch ein gewisses bedeutsames Ereignis, wenn wir die Erfahrung machen: wir waren in einer Summe von Erlebnissen darin, aber wir waren es selber, die darin waren. Man muß sich in den hellsichtigen Erlebnissen erst entdecken. Und dann kommt man darauf: du bist nicht bloß in deinem Leibe, sondern du bist auch draußen in der Welt. Und es ist ein unendlich bedeutsames Erlebnis, das Erlebnis, das uns zeigt: du hast etwas, was die Geister der höheren Hierarchien halten und tragen, was sie hegen und pflegen. Hier bin ich, sagt man sich, in meinem Leibe, ich wohne in meiner Leibeshülle, und ich bin gleichzeitig in der geistigen Welt, gehalten und getragen von den Geistern der höheren Hierarchien. Da dart einem dann das Gesetz, daß ein Wesen nicht an zwei Orten zugleich sein kann, nicht stören, denn diese Gesetze gelten in der geistigen Welt nicht mehr. Ich bin in mir darinnen und bin zugleich derselbe, der in der geistigen Welt die Erlebnisse in sich abspielen läßt. Man entdeckt sich geborgen innerhalb der höheren Hierarchien. Man weiß, man ist ein solches Doppelwesen, und man kommt allmählich darauf, daß dasjenige, was man geistig wesenhaft ist, im Grunde genommen doch gar nicht in der Sinnenwelt ist, sondern in der geistigen Welt, und daß das, was in der Sinnenwelt ist, ein Schatten ist, der hereingeworfen wird aus der geistigen Welt. Man schlüpft in eine geistige Leiblichkeit hinein, dadurch ist man außer sich und schaut sich von außen an. Wer sich nicht vertraut machen will mit solchen scheinbaren Widersprüchen, der kann nicht zu Begriffen kommen, die ihm die geistige Welt erklärlich machen können. Das ist das Wichtige, daß man sich entdeckt außerhalb seiner selbst, insofern man ein sinnliches Wesen ist.

[ 13 ] Und nun sind wir soweit, daß wir sagen können, wohin werden unsere Meditationen geschrieben? Unsere gewöhnlichen Erinnerungen werden abgedruckt in uns selber, da entsteht immer ein Siegelabdruck, der mit dem Oberen des Menschen, mit dem Kopf und einigen Anhängseln, gleich ist. Wenn wir meditieren oder uns Vorstellungen der Geisteswissenschaft vor die Seele rufen, dann machen wir auch Abdrücke, aber diese gehen nach dem andern hin, den ich eben beschrieben habe, der wir selber sind. Nach dem andern gehen diese Vorstellungen hin. Ob wir irgend etwas in Berlin oder in Nürnberg erfahren, wie das alles den Abdruck in demselben Leibe verursacht, so geht beim geistig innerlichen Erleben alles hin nach diesem Einen, der wir selber sind. Da wird alles hineingeprägt. So daß wir, insofern wir wirklich im Sinne des geisteswissenschaftlich Gedachten oder Gefühlten oder Erlebten uns verhalten, wir geradeso an unserem übersinnlichen Menschen arbeiten, wie wir arbeiten an unserem physischen Menschen, wenn wir dem gewöhnlichen Erleben gegenüberstehen. Nun werden Sie begreifen, daß starke, innere Kräfte notwendig sind zum Arbeiten am übersinnlichen Menschen. Wenn wir uns erinnern an diejenigen Dinge, die äußerlich durch Farbe, Ton und so weiter auf uns gewirkt haben, dann ist es begreiflicherweise leichter, weil wir vom Leibe unterstützt sind. Dadurch, daß irgendeine Farbe auf uns Eindruck macht, ist ein leiblicher Prozeß in uns ausgelöst. Wenn wir der rein geistigen Vorstellung uns hingeben sollen, dann müssen wir auf alle solche leiblichen Unterstützungen verzichten, wir müssen die Seele innerlich anstrengen, sie muß immer stärkere Kräfte bekommen, daß sie in sich so erstarkt, daß sie wirklich Eindruck machen kann auf den äußeren Weltenäther.

[ 14 ] Da kommen wir dann, wenn wir auf diese Art unsere Verbindung suchen mit unserem eigentlichen Menschen, der immer da ist, in eine Beziehung zu unserer menschlichen Individualität, zu dem, was wir wirklich als Menschen sind. Nun, das, was wir da in Wirklichkeit als Menschen sind, das lebt so in den Wesenheiten der höheren Hierarchien darinnen wie unser Leib in den Sinnes-Naturprozessen. So wie wir ein Stück unseres Erdendaseins sind, so sind wir ein Stück auch des Geistesdaseins, in dem, was in den Vorgängen innerhalb der Welt der höheren Hierarchien stattfindet.

[ 15 ] Nun möchte ich auf etwas anderes ergänzend hinweisen. Indem wir so mit der geistigen Welt in Beziehung stehen, stehen wir mit den mannigfaltigsten Geistern der höheren Hierarchien in Beziehung. Dazu gehören diejenigen Geister, zu denen wir nur eine Beziehung haben als menschliche Individualität, die nicht für irgendeine Weltfunktion besummte Wesen sind. Aber wir gehören auch zu den Wesenheiten, die irgendeine Weltfunktion haben; es gehört jeder zu einem Volksgeiste zum Beispiel. Wie wir in unserem ganz sinnlichen Prozeß mit der sinnlichen Natur zusammenhängen, so hängen wir nach oben zusammen mit all diesen Geistern, die übersinnlich herunterlangen in die physisch-sinnliche Welt. Und wie wir hier zu den äußeren Dingen stehen und uns Gedanken und Vorstellungen machen, so machen sich die Wesenheiten der höheren Hierarchien ihre Gedanken und ihre Vorstellungen dadurch, daß wir für sie die Objekte sind. Wir sind die Objekte für die Wesenheiten der höheren Hierarchien, wir sind ihr Reich, über das sie sich Gedanken machen. Diese Gedanken sind mehr willenshaft.

[ 16 ] Durch die Art, wie diese höheren Hierarchien zu uns stehen, unterscheiden sich diese Wesenheiten, und ein wichtiger Unterschied kann uns klar werden, wenn wir beachten, wie die Entwickelung solcher Wesenheiten der höheren Hierarchien, zum Beispiel der Volksgeister, geschieht. Wir machen hier zwischen Geburt und Tod auch eine Entwickelung durch, indem unser Ich immer reifer und reifer wird, immer mehr von der Welt erfahren hat. Ein Mensch, der noch jung ist, kann nicht soviel erfahren haben wie der, der älter geworden ist. $o ist es auch bei den Wesenheiten der höheren Hierarchien, nur ist der Gang ihrer Entwickelung etwas anders als unser Entwickelungsgang.

[ 17 ] Wir können ein Wesen der höheren Hierarchien ansprechen, wenn wir sprechen von dem italienischen Volksgeist. Dieser italienische Volksgeist macht seine Entwickelung durch, und wir können wirklich genau einen Zeitpunkt angeben, in dem dieser Volksgeist eine wichtige Etappe überschritten hat. Wir wissen ja, daß der Zusammenhang zwischen dem italienischen Volksgeist und dem einzelnen Italiener so ist, daß der italienische Volksgeist durch die Empfindungsseele des Italieners wirkt. Nun ist aber dieses Wirken durch die Empfindungsseele zuerst so, daß der Volksgeist gleichsam nur auf das Seelische wirkt, und dann erst später, in seiner weiteren Entwickelung, greift dieser Volksgeist mit seinem Willen immer mehr und mehr ein in das, wie die Seele sich auslebt auch durch das Leiblich-Physische. Wenn Sie die italienische Geschichte verfolgen, so finden Sie ein wichtiges Jahr, etwa 1530. Dieses Jahr ist dasjenige, wo der italienische Volksgeist so mächtig wird, daß er jetzt anfängt, auch auf das Leibliche zu wirken, und von da anfängt, den Nationalcharakter ganz spezifiziert zu entwickeln. Okkult stellt sich das so dar, daß der Volksgeist einen mächtigeren Willen bekommt; er fängt an, seine Eingravierungen auch in das Leibliche zu machen und bis in das Leibliche hinein den Volkscharakter auszubilden. Während unser Ich immer unabhängiger vom Leibe wird, macht der Volksgeist die entgegengesetzte Entwickelung durch. Wenn er auf das Seelische eine Zeitlang gewirkt hat, fängt er an, bis in das Leibliche hinein zu wirken.

[ 18 ] Bei dem französischen Volksgeiste finden wir dasselbe, wenn wir etwa in das Jahr 1600 gehen, und beim englischen Volksgeiste ungefähr um das Jahr 1650. Während vorher der Volksgeist mehr nur das Seelische ergriffen hat, greift er von da ab ins Leibliche über. Sein Wille wird mächtiger, und die Seele kann weniger Widerstand leisten einer Konfiguration ins Nationale hinein. Daher beginnt um diese Zeiten der Nationalcharakter sich scharf auszuprägen. Das rührt davon her, weil der Volksgeist heruntersteigt. Er ist höher gelagert, wenn er mehr ins Seelische hineinwirkt; er steigt herunter, wenn er mehr ins Leibliche hineinwirkt. So haben wir ein Senken des Volksgeistes bei der italienischen Halbinsel etwa um das Jahr 1530, in Frankreich im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts und in England in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Shakespeare hat gewirkt, bevor der Volksgeist diese Etappe durchgemacht hat. Das ist das Bedeutsame. Daher dieser eigentümliche Bruch, der in bezug auf die Auffassung der Engländer gegenüber Shakespeare Platz gegriffen hat und der zur Folge hatte, daß gerade innerhalb Deutschlands Shakespeare mehr gepflegt wird als in England selber. Wir haben es zu tun mit einem immer mehr zu den einzelnen Menschen Heruntersteigen des Volksgeistes.

[ 19 ] Wenn wir nun auf die Entwickelung des deutschen Volksgeistes sehen, so nehmen wir etwas Ähnliches wahr in der Zeit ungefähr zwischen den Jahren 1750 bis 1850. Aber wir müssen hier kurioserweise sagen: dieser Volksgeist steigt da herunter, aber er steigt wieder hinauf. Und das ist das Bedeutsame. Einen Prozeß, der sich abgespielt hat bei den westlichen Völkern, können wir nur so verfolgen, daß wir die Volksgeister sich senken und die Völker ergreifen sehen. Beim deutschen Volke sehen wir, wie der Volksgeist sich auch senkt um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wie aber dieser Volksgeist in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wieder hinaufsteigt, so daß hier ein ganz anderes Verhältnis da ist. Es wird nur ein Anlauf genommen, den deutschen Charakter zu einem eminenten Volkscharakter auszubilden, aber das wird nur eine Weile gemacht. Nachdem einiges hierin getan ist, steigt der Volksgeist wiederum zurück, hinauf, um wiederum bloß auf das Seelische zu wirken.

[ 20 ] Die Blütezeit des deutschen Geisteslebens fällt in die Zeit, wo der Volksgeist am tiefsten heruntergestiegen war. Selbstverständlich bleibt der Volksgeist seinem Volke. Aber er hält sich jetzt wieder in geistigen Höhen auf. Das ist das Eigentümliche des deutschen Volksgeistes. Auch früher ist er schon heruntergestiegen, hat aber dann wieder abgelassen von einem zu starken Nationalisieren. Ein solches Kristallisieren in der Nationalität, wie bei den westlichen Völkern, kann beim deutschen Volke durch die Eigentümlichkeit des deutschen Volksgeistes gar nicht eintreten. Daher muß das deutsche Wesen immer universeller bleiben als andere Volkswesen. Es hängen diese Dinge in der Tat mit tiefen Wahrheiten der geistigen Welten zusammen. Würde man in der Zeit Goethes den deutschen Volksgeist gesucht haben, würde man ihn etwa auf demselben Niveau gefunden haben, wo man den englischen oder französischen oder italienischen Volksgeist gefunden hätte. Sucht man ihn heute, dann muß man höher hinaufsteigen. Es werden wieder Zeiten kommen, wo er heruntersteigt, es werden wieder Zeiten kommen, wo er hinaufsteigt. Das Hin- und Herschwingen ist das Eigentümliche des deutschen Volksgeistes.

[ 21 ] Beim russischen Volksgeist ist es so, daß er überhaupt nicht heruntersteigt, um das Volk durchzukristallisieren, sondern immer etwas bleibt wie eine über dem Volkstum schwebende Wolke, so daß man ihn immer wird oben zu suchen haben, und daher kann dieses Volk erst dann eine geistige Entwickelung durchmachen, wenn es sich bequemen wird, das, was erarbeitet wird im Westen, mit seinem eigenen Wesen zu vereinigen, um im Zusammenhange mit dem Westen eine Kultur zu begründen, weil es aus sich selbst niemals eine Kultur entfalten kann.

[ 22 ] Alles das muß auf diese Weise verstanden werden. Und die ganze Beweglichkeit des deutschen Wesens rührt davon her, daß der Deutsche mit seinem Volksgeist nicht so zusammengewachsen ist, wie das im Westen von Europa der Fall ist. Daher auch die ungeheure Schwierigkeit, deutsches Wesen wirklich zu verstehen. Man kann es nur dann verstehen, wenn man zuzugeben in der Lage ist, daß es ein Volkswesen geben kann, dessen Volksgeist eigentlich immer nur sporadisch in die Entwickelung des Volkes eingreift. Was ich hiermit ausführe, gehört zu den schwierigsten Kapiteln in bezug auf Verständnis des geschichtlichen Werdens, daher darf man gar nicht trostlos darüber sein, wenn es einem widerspruchsvoll erscheinen wird. Aber wir leben in einem Zeitalter, in dem wir versuchen müssen, wirklich zu verstehen, worauf die Gegnerschaft beruht, welche doch so deutlich gerade in unseren schicksalschweren Tagen in Europa zutage tritt. Denn zu allem, was wir erleben, wenn man genauer zusieht, gesellt sich im Grunde genommen etwas, was man wirklich recht unbegreiflich nennen könnte, was sich erst herausstellt, wenn man genauer zusieht. Gewiß, die Deutschen werden jetzt erst merken, daß sie im Grunde genommen ungeheuer gehaßt werden. Aber man wird, wenn man genauer prüft, bemerken, daß demjenigen, was man am meisten haßt, zugrundeliegt dasjenige, was gerade die besten Eigenschaften des deutschen Wesens sind. Die schlechteren Eigenschaften haßt man gar nicht besonders.

[ 23 ] Man muß schon, wenn man in die Geheimnisse hineinblicken will, die Dinge ein wenig im Zusammenhange betrachten. Man könnte sagen: wenn jemand in Deutschland solch eine Sache sagt, dann beweist das auch, daß es einen deutschen Chauvinismus gibt: Warum sollte sonst der Deutsche anerkennend und lobend über deutsches Wesen sprechen?! — Wenn das so läge, dann würden diese Vorträge nicht gehalten werden und ich würde nicht über deutsches Wesen so sprechen. Aber daß nicht gerade deutscher Chauvinismus nötig ist, um dieses deutsche Wesen in einer gewissen Weise so zu charakterisieren, daß man aus der Charakteristik sieht, es unterscheidet sich von dem übrigen europäischen Wesen nicht zu seinem Nachteil, das möge eine Charakteristik veranschaulichen des deutschen Wesens, die ich Ihnen hier mitteilen möchte. Ernest Renan schreibt an David Friedrich Strauß: «Ich war im Seminar zu St-Sulpice, ums Jahr 1843, als ich anfing, Deutschland kennenzulernen durch die Schriften von Goethe und Herder. Ich glaubte in einen Tempel zu treten, und von dem Augenblick an machte mir alles, was ich bis dahin für eine der Gottheit würdige Pracht gehalten hatte, nur noch den Eindruck welker und vergilbter Papierblumen. ... Deutschland hat den besten nationalen Rechtstitel, nämlich eine geschichtliche Rolle von höchster Bedeutung, eine Seele, möchte ich sagen, eine Literatur, Männer von Genie, eine eigentümliche Auffassung göttlicher und menschlicher Dinge. Deutschland hat die bedeutendste Revolution der neueren Zeiten, die Reformation, gemacht; außerdem hat sich in Deutschland seit einem Jahrhundert eine der schönsten geistigen Entwicklungen vollzogen, welche die Geschichte kennt, eine Entwicklung, die, wenn ich den Ausdruck wagen darf, dem menschlichen Geist an Tiefe und Ausdehnung eine Stufe zugesetzt hat, so daß, wer von dieser neuen Entwicklung unberührt geblieben, zu dem, der sie durchgemacht hat, sich verhält wie einer, der nur die Elementarmathematik kennt, zu dem, der im Differentialcalcul bewandert ist.»

[ 24 ] So also schreibt Ernest Renan an David Friedrich Strauß im Jahr 1870. Ich will auf diesen Briefwechsel nicht weiter eingehen, der außerordentlich interessant ist. Ich will nur noch erwähnen, daß Renan damals schrieb, daß man nur zwei Möglichkeiten hätte: Erstens, man würde Frankreich Land wegnehmen. Das würde bedeuten: Rache bis auf den Tod allem Germanentum, Verbrüderung mit allen möglichen Bundesgenossen. Die andere Möglichkeit: man läßt Frankreich, wie es ist, dann würde die Friedenspartei die Oberhand bekommen und sagen, wir haben große Torheiten begangen, wir wollen unsere Fehler verbessern, dann wird das Heil der Menschheit gerettet sein.

[ 25 ] Diese Nebenbemerkung habe ich aus dem Grunde gemacht, um Ihnen zu zeigen, daß Renan das, was ich Ihnen eben aus seinem Briefe vorgelesen habe, in einer Stimmung geschrieben hat, in der er nicht besonders geneigt war, allzuviel zuzugeben über das, was im Laufe der Menschheitsentwickelung das deutsche Wesen geworden ist. Aber er war geneigt, dasjenige, was die Menschheit innerhalb des deutschen Wesens erobert hat, zum andern hinzustellen wie die höhere Mathematik zur Elementar-Mathematik. Man braucht nicht Chauvinist zu sein, sondern nur wiederholen das, was von Renan im Jahre 1870 geschrieben worden ist.

[ 26 ] Wir müssen wissen, wenn wir also von den Beziehungen des Menschen zu den höheren Welten sprechen, daß im Konkreten, im Wirklichen diese Beziehungen eben so sind, daß der Mensch diese Beziehungen haben kann dadurch, daß er diesen anderen in sich trägt, daß dieser andere lebt, der zur höheren geistigen Welt im selben Verhältnis steht, wie wir zur Sinneswelt stehen im Leiblichen. Wir stehen durch dasjenige, was in uns übersinnlich ist, eben zu allem, was übersinnlich ist, in einem bestimmten Verhältnis. So ist es wirklich und wahrhaftig nicht bloß eine theoretische, sondern eine lebendige Entwickelung, die wir durchmachen, wenn wir das, was als Meditationsprozeß beschrieben worden ist, in der Seele durcherleben. Unsere Seele schreibt dadurch wirklich in die geistigen Welten etwas hinein. Und sie schreibt es hinein in dasjenige, was wir im Grunde genommen selber sind. Wenn man das im richtigen Maße bedenkt, dann verbindet sich der Begriff «Darinnenstehen im lebendigen Strome der Geisteswissenschaft» mit dem Begriffe «menschliche Verantwortlichkeit», mit diesem Begriff «menschliche Verantwortlichkeit», der wirklich sich einstellen muß in der Seele des Geisteswissenschafters. Denn wir wissen, daß die Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwickelung eben erwas durchmacht, daß sie sich wandelt. Das alte Hellsehen ist bis in unsere Tage geschwunden, und wir wissen, daß das, was an Zusammenhang mit der geistigen Welt früher vorhanden war, wieder errungen werden muß und daß Geisteswissenschaft der Weg ist, das wiederzuerringen. In den alten Zeiten, da wurde der Mensch auf rein natürliche Weise so zu seinem Leiblichen gestellt, daß er gleichsam mit einem Teil seines Wesens in den geistigen Welten darinnenstand. Weil er heute viel inniger verbunden ist mit seinem Leibe, muß er eben trachten, abseits von seinem Leibe sich ein Verständnis von der geistigen Welt zu holen. Gewissermaßen hatte der Mensch ein Erbgut in sich, das immer schwächer wurde, bis es in unserer Zeit vollständig abflutete. Deshalb muß in unserer Zeit beginnen die Arbeit, welche die Seele hinaufführt in die geistige Welt.

[ 27 ] Und nun denken Sie sich, das Wesen des deutschen Volksgeistes sei so, daß dieser Volksgeist fortwährend den Weg hinunter zum Volk und wieder hinauf in die höhere Welt durchmacht. Warum tut er das gerade bei einem Volkstum? Aus dem Grunde, weil dadurch gerade innerhalb dieser Volkswesenheit die Kräfte hervorgerufen werden sollen, welche in die Geisteswissenschaft im eminentesten Sinne hineinführen. Wenn der Volksgeist hinuntersteigt, dann wird durch den Volksgeist in der physischen Welt ein strammer Volkscharakter bewirkt. Wenn er wieder zurückgeht, der Volksgeist, und den Nationalcharakter fluktuierend läßt, dann wird das Volk immer wieder und wieder jenes Auf- und Abfluten des Volksgeistes in den eigenen Leibern mitmachen müssen, lernt erkennen, daß alles Sein verfließt zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt.

[ 28 ] Erinnern Sie sich an das, was ich vor acht Tagen hier gesagt habe, daß die ganze Literaturgeschichte der letzten Jahrzehnte umgeschrieben werden muß, weil gewisse geistige Persönlichkeiten heute vergessen sind, die viel größere Bedeutung besitzen als solche, von denen man etwas weiß. Das ist in der Zeit, in der der Volksgeist wieder hinaufgegangen ist. Nun müssen wir im eminentesten Sinne uns mit der Geisteswissenschaft verbinden, um den Volksgeist da in seinem Wiederhinaufsteigen zu finden, das heißt mit anderen Worten, der Deutsche muß sein Wesen kennenlernen, nicht bloß in der physischen Welt, sondern auch in der übersinnlichen Welt, denn in beiden ist es darinnen. Das ist wieder einer der Gründe für das, was auch in öffentlichen Vorträgen gesagt worden ist, daß eine gewisse innere Verwandtschaft besteht zwischen deutscher Geisteskultur und dem Streben nach Geisteswissenschaft. Fichte hat sich nur entwickeln können in einer Zeit, in der der Volksgeist heruntergestiegen war. Daher wird Fichte in seiner Philosophie kaum verstanden werden können oder nur falsch. Dieses ganze Leben und Weben in solchen Begriffen und Ideen, daß in diese die Ich-Wesenheit so hereingekommen ist wie in der Fichteschen Philosophie, das war in der Zeit möglich, in der der Volksgeist auf ein tieferes Niveau heruntergekommen war. Nun müssen wir ihn höher suchen und können ihn nur mit der Geisteswissenschaft finden. Das entspricht dem Verhältnis des Volksgeistes zum deutschen Volke. Es ist in der ganzen Natur der deutschen Entwickelung das darinnen, was ich genannt habe ein tiefes verwandtschaftliches Verhältnis zwischen dem deutschen Geistesleben und dem Weg, der in die Geisteswissenschaft hineinführt. Man möchte so sehr wünschen, daß wirklich diese Dinge nach und nach immer mehr und mehr verstanden werden können.

[ 29 ] Wahrhaftig, wenn man den Blick so wirft auf das, was in der Gegenwart geschieht, auf die ungeheuren Opfer, die gebracht werden müssen, auf alle die Sorgen, die die Menschen durchleben müssen gegenüber den Ereignissen, dann müßte man daraufkommen, daß sich hierin noch etwas weit, weit anderes auslebt, als was man so mit äußerem Verständnis verstehen kann. Und in einer anderen Form könnte man den Paulinischen Ausspruch zitieren: Wäre der Christus nicht auferstanden, so wäre unsere Lehre tot und tot auch unser Glaube! Für Paulus war es zur Bekräftigung desjenigen, was er der Welt zu bringen hatte, daß er hinschauen konnte auf die wirkliche Auferstehung des Christus. Man hat vielfach dieses Wort mißverstanden. Demgegenüber, was jetzt geschieht, muß man sagen: Wie drückt sich in diesen Toden doch aus der Glaube, das feste Bekenntnis, daß der Mensch mit etwas anderem zusammenhängt als mit dem, was in der Sinnenwelt bloß da ist. Nicht nur eine wirkliche religiöse Vertiefung findet statt, sondern man kann sehen, wie die Seelen, wenn sie auch nicht das volle Bewußtsein davon haben, gerade in unserer Zeit kräftigen Protest einlegen gegen allen Materialismus durch die Art, wie sie in den Tod eingehen. Wir müssen sagen: Neben allem, was die Ereignisse sonst sind, sind sie eine Arbeit in der Überwindung der materialistischen Denkweise und des materialistischen Lebens, wie es sich nach und nach entwickelt hat. Und aus einem tiefen Gefühl der Zeitentwickelung heraus muß sich die Menschenseele sagen: Wenn nun etwa dann, wenn wieder die Sonne des Friedens leuchtet, materialistische Gesinnung, materialistische Denkweise über die Erde hinziehen würde, müßte man dann nicht sagen, diese Tode alle, sie wären wahrhaftig vergebens gewesen, wenn sich nicht auf dem Felde, auf das die Verstorbenen herunterblicken können, spirituelle, geistige Gesinnung entwickeln wird? So könnten wir den Paulinischen Ausspruch umändern, und wir könnten sagen: Vergeblich wäre das Unendliche, was gelitten wird, vergeblich der Durchgang durch den Tod im physisch-jugendlichen Alter für so viele Persönlichkeiten, wenn sich dann auf den Gefilden des Friedens ausbreiten würde eine materialistische Weltanschauung und materialistisches Leben. Und wie eine mahnende Fackel müssen diese Tage auf diejenigen wirken, die in sie hineingestellt sind und tief, tief hineinleuchten in die menschlichen Gemüter und in die menschlichen Seelen, so daß ein wirklicher Wille zum Leben im Geistigen innerhalb der Menschheit entstehen könne. Wir können nicht tief genug dasjenige erleben, was in unseren Tagen geschieht. Und gerade deshalb möchte man, daß im Kreise derjenigen, die sich zur Geisteswissenschaft bekennen, der Blick erweitert werde aus dem engen Horizont, in den er heute so vielfach gebannt ist, auf einen immer weiteren Horizont. Wirklich nur dann, wenn man den ganzen Zusammenhang einsieht desjenigen, was hier auf der physischen Erde geschieht, mit dem, was in der geistigen Welt sich abspielt, kann man ein Gefühl für die Aufgaben bekommen, welche uns durch die gegenwärtige schwere Zeit gestellt werden.

[ 30 ] Es gibt Leute, die so leichthin betonen, daß das, was jetzt sich abspielt, nichts zu tun zu haben brauche mit dem, was die einzelnen Völker als ihre geistige Entwickelung durchmachen. Für denjenigen, der die Dinge in ihrem wirklichen Gange zu durchschauen vermag, für den ist alles das, was sich in der äußeren Welt abspielt, ein Ausdruck des Geistigen. Und daran wollen wir immer mehr und mehr festhalten, wollen immer mehr versuchen, gerade durch diejenigen Empfindungen, die uns aus der Geisteswissenschaft kommen können, unser Selbst loszulösen vom engeren Kreise und gerade dieses unser durch die Geisteswissenschaft sich loslösende Selbst vereinigen mit den großen Ereignissen, die geschehen; vergessen das, was uns nur angeht als Persönlichkeiten, und zusammenwachsen mit dem, was die ganze Menschheit heute Erschütterndes erleben muß.

[ 31 ] Das ist es, was ich auch durch die verschiedenen Auseinandersetzungen dieser Vorträge hier habe in Ihnen hervorrufen wollen und wovon ich gern möchte, daß es weiter durchgedacht wird, bis wir uns wohl im April hier wiedersehen werden. Denn nur dann, wenn wirklich demjenigen, was jetzt geprüft durch die großen Ereignisse hinaufgeht in die geistige Welt und von dort herunterwirkt, Verständnis begegnet, wie es aus Geist-Erkenntnis gewonnen werden kann, kann das erreicht werden, wozu uns diese Ereignisse auffordern. Wahr ist es:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.