Human Destinies and the Destinies of Nations
GA 157
16 March 1915, Berlin
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Human Destinies and the Destinies of Nations, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Wir gedenken wiederum zuerst derjenigen, die draußen auf den großen Feldern der Ereignisse der Gegenwart stehen:
[ 1 ] Once again, we first remember those who stand out in the vast fields of current events:
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Spirits of your souls, watchful guardians,
May your wings bring
The pleading love of our souls
To the earthly people entrusted to your care,
So that, united with your power,
Our plea may shine with help
Upon the souls it lovingly seeks.
[ 2 ] Und für diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:
[ 2 ] And for those who have already passed through the gates of death as a result of these events:
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Spirits of your souls, active guardians,
May your wings bring
The pleading love of our souls
To the beings of the spheres entrusted to your care,
So that, united with your power,
Our plea may shine forth in aid
To the souls it lovingly seeks.
[ 3 ] Der Geist, den wir durch unsere erstrebte Geist-Erkenntnis suchen, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der sei mit euch und euren schweren Pflichten!
[ 3 ] May the Spirit we seek through our striving for spiritual knowledge—the Spirit who brought healing to the Earth and freedom and progress to humanity through the Mystery of Golgotha—be with you and your heavy burdens!
[ 4 ] Meine lieben Freunde, wir können heute wiederum einige aphoristische Betrachtungen anstellen, die nach der einen oder anderen Seite Ergänzungen sein können zu dem, was in den letzten Zeiten gesprochen worden ist. Das erste, worauf ich aufmerksam machen möchte, ist die Art, wie wir beim Aufstieg in die geistigen Welten, nachdem wir die ersten Schritte in die geistigen Welten hinein getan haben, die Tatsachen, das Wesenhafte dieser geistigen Welten finden. Ausgehen möchte ich davon, worin die Schwierigkeiten liegen, um in die geistigen Welten hinaufzukommen. Diese Schwierigkeiten sind in der Tat beträchtliche, und so sicher es auch ist, daß der Weg, den wir durch unsere Meditation, durch die ganze innere Arbeit unserer Seele einschlagen, in die geistige Welt führen muß, so sicher dies ist, so leicht ist es auch, gewissermaßen zu verkennen, worin die Eigentümlichkeit dieser Seelenerfahrungen liegt, welche die Seele in die geistigen Welten hinaufführt. Es liegt erstens die Schwierigkeit vor, daß wir gewohnt sind, alles, was wir mit der Seele erfahren, nach den Erlebnissen zu beurteilen, die wir uns aus der äußeren Sinneswelt angeeignet haben. Gewissermaßen kennen wir gar nichts anderes als das, was wir uns aus der äußeren Sinneswelt angeeignet haben. Nun kommen wir in die geistige Welt hinein, und da ist wirklich alles anders als in der sinnlichen Welt. Nun, da alles anders ist, so liegt vor allen Dingen die Schwierigkeit vor, das, was wir da sehen sollen, überhaupt in den Bereich unserer Aufmerksamkeit hineinzuziehen. Es ist so, daß sozusagen die ganze geistige Welt vor uns ausgebreitet werden könnte, aber wir würden nichts sehen. Das ist aus dem Grunde der Fall, weil wir, solange wir wachend im Erdenleibe weilen, nicht in der Lage sind, unsere Geistorgane abzuziehen von diesem Erdenleibe, sie herauszuziehen aus ihrer Verbindung mit dem Erdenleibe.
[ 4 ] My dear friends, today we can once again offer some aphoristic reflections that may serve as additions, in one way or another, to what has been spoken of in recent times. The first thing I would like to draw your attention to is the way in which, upon ascending into the spiritual worlds—after we have taken our first steps into them—we encounter the realities, the essential nature of these spiritual worlds. I would like to begin by addressing the difficulties involved in ascending into the spiritual worlds. These difficulties are indeed considerable, and just as certain as it is that the path we take through our meditation, through all the inner work of our soul, must lead into the spiritual world—just as certain as this is—so easy is it also, in a sense, to misjudge what constitutes the peculiarity of these soul experiences that lead the soul up into the spiritual worlds. First, there is the difficulty that we are accustomed to judging everything we experience with the soul according to the experiences we have acquired from the external sensory world. In a sense, we know nothing other than what we have acquired from the external sensory world. Now we enter the spiritual world, and there everything is truly different from the sensory world. Now, since everything is different, the primary difficulty lies in bringing what we are supposed to see there into the realm of our attention at all. It is the case that, so to speak, the entire spiritual world could be spread out before us, but we would see nothing. This is the case because, as long as we dwell in our earthly bodies while awake, we are not able to withdraw our spiritual organs from this earthly body, to pull them out of their connection with the earthly body.
[ 5 ] Nehmen wir einen Vergleich, den ich schon öfter gewählt habe, um die Lostrennung des Seelischen vom Leiblichen ins Auge zu fassen. Ich sagte öfter: man kann aus dem, was der Mensch im gewöhnlichen Leben hier ist, sein Unsterbliches ebensowenig erkennen, wie man aus dem Wasser erkennen kann, welche Eigenschaften der Wasserstoff und der Sauerstoff haben. Der Wasserstoff, der im Wasser darinnen ist in Verbindung mit dem Sauerstoff, so wie wirklich unser Unsterbliches im Leiblichen darinnen ist, zeigt uns nichts von seinen Eigenschaften, wenn er nicht abgetrennt ist; er verbirgt alle diese Eigenschaften. So verbirgt die Seele ihre Eigenschaften, indem sie mit dem Leibe vereinigt ist.
[ 5 ] Let us consider a comparison I have often used to illustrate the separation of the spiritual from the physical. I have often said: one can recognize the immortal aspect of a person just as little from what they are in ordinary life here as one can recognize the properties of hydrogen and oxygen from water. The hydrogen contained in water, combined with oxygen—just as our immortal nature is truly contained within the physical body—reveals nothing of its properties unless it is separated; it conceals all these properties. In the same way, the soul conceals its properties by being united with the body.
[ 6 ] Das gewöhnliche Leben zwischen Geburt und Tod erzieht uns so für unser Verhalten zur äußeren Sinneswelt, daß wir immer im wachenden Zustande unsere Geistorgane so gebunden haben an das Leibliche, wie der Wasserstoff an den Sauerstoff gebunden ist im Wasser. Es ist daher unserer Seele während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod nicht anders möglich, vom Leibe wegzugehen, als dann, wenn sie herausgeht vom Einschlafen bis zum Aufwachen in die geistigen Welten. In dieser Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen dringt die Seele wirklich in die geistigen Welten ein, ist darinnen. Da zieht sie sich neue Kräfte zum Tagesverlauf aus den geistigen Welten heraus, aber es bleibt in ihr die Gewohnheit, nur mit den leiblichen Organen wahrzunehmen, und in dem Augenblicke, wo die Seele ihre Kraft so erstarkt haben würde, daß sie im Geistigen darinnen nun wahrnehmen könnte, da wacht sie auf. Denn die Seele hängt durch ihre Kräfte mit dem Leibe zusammen, die Seele hängt durch ihr Begehrungsvermögen mit dem Leibe zusammen. In dem Augenblicke, wo ihr die Kräfte wiederum so erstarkt sind, daß sie nun sich regen kann, begehrt sie zum Leibe zurückzukommen, wenn der Leib noch lebensfähig ist. Daher müssen wir nach dem Tode uns erst nach und nach orientieren lernen.
[ 6 ] Ordinary life between birth and death shapes our behavior toward the external sensory world in such a way that, while awake, our spiritual faculties are bound to the physical body just as hydrogen is bound to oxygen in water. It is therefore impossible for our soul, during our life between birth and death, to leave the body except when it goes out into the spiritual worlds from the time of falling asleep until waking up. During this time from falling asleep until waking up, the soul truly enters the spiritual worlds; it is within them. There it draws new strength for the day ahead from the spiritual worlds, but the habit of perceiving only through the physical organs remains within it; and at the very moment when the soul’s strength has grown so much that it could now perceive within the spiritual realm, it wakes up. For the soul is connected to the body through its powers; the soul is connected to the body through its capacity for desire. The moment its powers have once again grown strong enough for it to move, it desires to return to the body, provided the body is still viable. That is why, after death, we must first learn to orient ourselves little by little.
[ 7 ] Vergleichen wir jetzt einmal dasjenige, was als die letzte Seelentängkeit schon in einem öffentlichen Vortrage angedeutet worden ist, das Erinnerungsvermögen, mit dem, was eintritt, wenn der Mensch in die geistige Welt hineinschauen lernt. Es ist etwas, was uns in einem gewissen Sinne frei macht von dem Leiblichen. Das wird gerade die Naturwissenschaft, wenn sie immer weiter entwikkelt wird, zeigen, daß wir im Erinnerungsvorgang einen rein geistigen Vorgang haben, daß in der Tat das Zurückblicken auf ein früheres Erlebnis ein geistiger Vorgang ist. Aber dieser geistige Vorgang hat eine mächtige Hilfe, nämlich die Hilfe unseres Leibes, die Hilfe, die der Leib bringt. Das geschieht so: Wenn wir im Leibe mit der Seele weilen, so ist in der Tat dasjenige, was wir unserem Erinnerungsvermögen anvertrauen, zunächst wirklich bildhaft, es ist etwas, was dem ganz ähnlich ist, was wir eine imaginative Erkenntnis nennen. Aber so, wie wir im gewöhnlichen Leben eben verfahren, so prägen wir das, was wir als Erinnerung behalten sollen, in das Leibliche hinein. Wenn wir irgendein Erlebnis haben, so stehen wir zunächst diesem Erlebnis mit den Sinnen gegenüber, wir haben das Bild, das wir uns gemacht haben. Dieses Bild prägt sich zunächst in unser Leibliches ein; in unserem Leibe entsteht ein Abdruck, und zwar ein Abdruck, den wir vergleichen können mit einem Siegelabdruck. Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß ein solcher Abdruck zurückbleibt. Aber kindlich ist die Vorstellung, die sich oft die äußere Naturwissenschaft hiervon macht. Man hat bei manchen lesen können, daß die eine Vorstellung in irgendeiner Partie des Gehirns aufgezeichnet wird, die andere Vorstellung in einer anderen Partie und dergleichen. So geschieht es nicht, sondern so, daß der Abdruck, der in unserem Leiblichen von einer Erinnerung gemacht wird, wirklich recht unähnlich ist dem, was wir etwa später erinnern. Denn hellsichtig angeschaut ist das im Grunde genommen eine Art Abdruck in der Form vom menschlichen Kopf und noch etwas fortgesetzt in den übrigen Menschen hinein. Ganz gleichgültig, was wir erleben, wir machen einen solchen Abdruck in uns; namentlich in den Ätherleib hinein wird der Abdruck gemacht. Wenn wir diesen Abdruck herausnehmen könnten, so würden wir in der Tat ein dünnes, schattenhaftes Gespenst unseres Kopfes und seiner Fortsetzung haben. Und wenn wir eine andere Erinnerung haben, so würden wir wieder ein Schattenbild eines Kopfes mit Fortsetzung sehen. Sie sind aber jedenfalls ganz unähnlich dem, was wir erleben, wenn wir eine Erinnerung erleben. So viel wir Erinnerungen haben, so viel schattenhafte Gespenster stekken in uns darinnen. Die gehen alle ineinander und durchdringen sich. Und das, was bleibt, würde etwa, von außen angesehen, ein solches Schattenbild sein, und man würde nur beschreiben können, das eine sieht so aus, das andere so.
[ 7 ] Let us now compare what was already hinted at in a public lecture as the final aspect of the soul—the power of memory—with what occurs when a person learns to look into the spiritual world. It is something that, in a certain sense, frees us from the physical. As natural science continues to develop, it will show that the process of memory is a purely spiritual process, that looking back on a past experience is indeed a spiritual process. But this spiritual process has a powerful aid, namely the aid of our body, the aid that the body provides. This is how it happens: When we dwell in the body with the soul, what we entrust to our memory is indeed initially truly pictorial; it is something very similar to what we call imaginative perception. But just as we proceed in ordinary life, we imprint what we are to retain as memory into the physical. When we have any experience, we first encounter this experience with our senses; we have the image we have formed. This image is first imprinted into our physical being; an imprint arises in our body, an imprint that we can compare to a seal impression. It is important to realize that such an imprint remains. But the conception that external natural science often forms of this is childish. One has read in some works that one mental image is recorded in one part of the brain, another mental image in another part, and so on. That is not how it happens; rather, the imprint made in our physical body by a memory is actually quite unlike what we might recall later. For when viewed clairvoyantly, it is essentially a kind of imprint in the shape of the human head, extending somewhat into the rest of the person. No matter what we experience, we make such an imprint within ourselves; specifically, the imprint is made into the etheric body. If we could extract this imprint, we would indeed have a thin, shadowy phantom of our head and its extension. And if we have another memory, we would again see a shadow image of a head with an extension. But in any case, they are quite unlike what we experience when we experience a memory. As many memories as we have, so many shadowy phantoms are lodged within us. They all merge into one another and interpenetrate. And what remains would, viewed from the outside, be such a shadow image, and one could only describe it by saying, “This one looks like this, that one like that.”
[ 8 ] Damit die Erinnerung wirklich zustande kommt, muß des Menschen Seele diesem im Leibe gebliebenen Abdrucke erst entgegentreten und muß ihn so entziffern, wie wir diese eigentümlichen Zeichen entziffern, die auf dem Papiere sind, die ganz unähnlich sind dem, was wir in der Seele nachher erleben, wenn wir etwas lesen. Einen solchen Leseprozeß, einen unterbewußten, muß die Seele ausführen, um diese Siegelabdrücke umzusetzen in das, was wir dann in der wirklichen Erinnerung erleben. Nehmen Sie an, Sie haben im achten Lebensjahre etwas erlebt und erinnern sich heute daran. Der reale Vorgang ist der, daß Sie, durch etwas veranlaßt, hingewiesen werden mit Ihrer Seele auf dieses Köpfchen mit seinen Fortsetzungen, das sich damals abgedruckt hat; das entziffert Ihre Seele heute. Und von dem, was das Erlebnis ist, bleibt so wenig im Leibe als von dem, was Sie erleben, wenn Sie ein Buch gelesen haben, in dem Buche bleibt. Wenn Sie das Buch wieder lesen, dann müssen Sie wiederum seelisch die ganze Sache neu konstruieren. Das geschieht alles, ohne daß man es merkt. Aber derjenige, der nicht lesen gelernt hat, kann das, was diese Schriftzeichen ausdrükken sollen, nicht aus den Zeichen herausfinden. Und so ist es wirklich mit unserem Erinnerungsprozeß; er ist ein innerliches Lesen. Es geschieht vieles in der Menschenseele, was sich unter der Schwelle des Bewußtseins abspielt und was gar nicht von den Menschen beachtet wird. Indem wir uns unserer Erinnerung hingeben, geht ein unendlich komplizierter Prozeß im Menschen vor sich. Da steigen fortwährend aus dem Dämmerdunkel des sonsügen finsteren Lebens die ätherischen Siegelabdrücke auf, und in diesem Aufsteigen und in dem Entziffern liegt das, was der Mensch als seinen inneren Erinnerungsprozeß erlebt.
[ 8 ] For memory to truly take shape, the human soul must first encounter these imprints that remain in the body and decipher them, just as we decipher those peculiar symbols on paper that bear no resemblance to what we later experience in our souls when we read something. The soul must carry out such a reading process—a subconscious one—in order to transform these imprints into what we then experience in actual memory. Suppose you experienced something when you were eight years old and remember it today. The actual process is that, prompted by something, your soul is directed to this little image with its extensions that was imprinted back then; your soul deciphers this today. And just as little of the experience remains in the body as remains in the book of what you experience when you have read a book. When you read the book again, you must once more reconstruct the whole thing in your soul. All this happens without one noticing it. But the person who has not learned to read cannot discern from the symbols what these written characters are meant to express. And so it truly is with our process of remembering; it is an inner reading. Much happens in the human soul that takes place below the threshold of consciousness and is not noticed by people at all. As we surrender to our memory, an infinitely complex process takes place within the human being. From the twilight of what is otherwise a dark life, the ethereal seal impressions continually rise, and in this rising and in the deciphering lies what the human being experiences as their inner process of remembrance.
[ 9 ] Was ich Ihnen sage, ist nichts Ausgedachtes, sondern etwas, was die okkulte Beobachtung wirklich ergibt. Wenn wir nun beginnen unsere Seele durch das, was wir genannt haben Meditations- und Konzentrationsprozesse, in ihren inneren Kräften zu verstärken, dann tritt das ein, was ich angedeutet habe, dann bildet sich nicht das, was wir Erinnerung nennen müssen, sondern wir entwickeln innere Kräfte, aber das, was jetzt als Abdruck gebildet wird, wird draußen in dem die Welt durchwebenden Äther abgedrückt, wird objektiv hinein abgedrückt in die Welt. Während wir meditieren, konzentrieren, drücken wir in den objektiven Weltenprozefß3 hinein ab. Ebenso ist es im Grunde genommen, wenn wir nur uns studiengemäfßß hingeben dem, was die Geisteswissenschaft geben kann, denn sie handelt von übersinnlichen Dingen. Wenn wir nun die Gedanken, die die Geisteswissenschaft gibt, wirklich erfassen, so lösen wir uns schon so weit von uns los, daß unsere gedankliche Arbeit ein Mitarbeiten mit dem Weltenäther ist, während, wenn wir die gewöhnlichen Gedanken denken, wir sie nur in uns selber hinein abdrücken.
[ 9 ] What I am telling you is not something I have made up, but something that occult observation actually reveals. When we now begin to strengthen our soul through what we have called processes of meditation and concentration, then what I have hinted at occurs; then what we must call memory does not form, but rather we develop inner powers, yet what is now formed as an imprint is imprinted outward into the ether that interweaves the world, is objectively imprinted into the world. While we meditate and concentrate, we imprint into the objective world process. It is essentially the same when we simply devote ourselves, in accordance with study, to what Spiritual Science has to offer, for it deals with supersensible things. If we now truly grasp the thoughts that Spiritual Science offers, we detach ourselves from ourselves to such an extent that our mental work becomes a collaboration with the world ether, whereas, when we think ordinary thoughts, we merely imprint them within ourselves.
[ 10 ] Nun werden Sie einsehen, wie es darauf ankommt, daß derjenige, der wirklich in seiner Seele vorwärtskommen will, unendlich viel gibt auf das, was man nennen muß die Wiederholung desselben Gedankenprozesses. Wenn wir einmal auf irgendeinen Gedanken uns konzentrieren, so macht das einen flüchtigen Eindruck in den Weltenäther. Wenn wir aber Tag für Tag denselben Gedanken immer wieder und wieder in unserer Seele hegen, dann wird der Eindruck immer und immer wieder gemacht. Und jetzt werden wir uns die Frage vorlegen müssen: Wenn wir immer wieder einen Eindruck machen in den Weltenäther, die Meditation immer wiederholen, was geschieht dann eigentlich, wohin machen wir den Eindruck? — Zur Beantwortung dieser Frage muß ich auf etwas anderes eingehen.
[ 10 ] Now you will see how crucial it is that anyone who truly wishes to make progress in their soul place infinite importance on what must be called the repetition of the same thought process. When we concentrate on a single thought, it makes a fleeting impression in the world-ether. But when we cherish the same thought again and again in our soul, day after day, then the impression is made over and over again. And now we must ask ourselves the question: When we make an impression in the world ether again and again, repeating the meditation, what actually happens? Where do we make the impression? — To answer this question, I must address something else.
[ 11 ] Wenn jemand wirklich den Weg sucht in die geistige Welt hinein, dann ist das so, daß dann, wenn er einmal beginnt, wirklich hellsichtig zu werden, diese hellsichtigen Erlebnisse ganz merkwürdig auftreten, so nämlich, daß man deutlich dabei merkt, ja das, was da ist, ist erlebt, aber im Grunde genommen fehlt diesen Erlebnissen etwas. Ich setze voraus, daß man wirklich hellsichtge Erlebnisse schon hat. Hinterher, wenn man wiederum aus den hellsichtigen Erlebnissen heraus ist und sich an diese hellsichtigen Erlebnisse erinnert, dann sagt man sich: es könnte sein, daß ich mit alledem gar nichts zu tun habe. Es macht den Eindruck, als wenn das, was man da hellsichtig erlebt hat, von uns losgelöste Dinge wären. Und vor allen Dingen, man kann gar nicht herausbekommen, inwiefern man selber etwas mit diesen Erlebnissen zu tun hat. Das ist das Bedeutsame. Daher ist es so leicht, diese Erlebnisse als bloße Träumereien anzusehen. Man merkt erst, daß man etwas damit zu tun hat, wenn man sieht, daß gewissermaßen einem da entgegengetreten ist eine andere Gestalt des eigenen Selbstes, wenn man merkt: ja, was du da erlebt hast, das ist eigentlich ähnlich deinen eigenen Erlebnissen, und was da erlebt worden ist, könnte nicht erlebt werden, wenn du nicht da wärst. Um es noch deutlicher zu machen, will ich mich in der folgenden Weise aussprechen. Nehmen Sie an, Sie haben einen Traum, der ein Erlebnis aus frühester Jugend wiedergibt. Wenn Sie von ihm erwachen, so werden Sie nur daran erkennen, daß das Ihre Traumerlebnisse sind, weil da in der Masse der Bilder das auftritt, was Sie früher erlebt haben; und Sie wissen dann, es muß der Traum mit Ihnen etwas zu tun haben. $o ist es mit den ersten hellseherischen Erlebnissen. Wir kommen nach und nach darauf: eigentlich ist das zugleich ein ganz anderer, der da träumt, und dennoch bist du es selber. Wir lernen uns erkennen in der Masse der hellsichtigen Erlebnisse.
[ 11 ] If someone is truly seeking a path into the spiritual world, then once they begin to develop genuine clairvoyance, these clairvoyant experiences occur in a very peculiar way: one clearly senses that what is there is indeed being experienced, but fundamentally, something is missing from these experiences. I am assuming that one has already had genuine clairvoyant experiences. Afterward, when one has emerged from these experiences and recalls them, one says to oneself: it could be that I have nothing to do with any of this at all. It gives the impression that what one has experienced clairvoyantly are things detached from us. And above all, one cannot figure out at all to what extent one has anything to do with these experiences. That is the significant point. That is why it is so easy to regard these experiences as mere daydreams. One only realizes that one has something to do with it when one sees that, in a sense, one has encountered another aspect of one’s own self, when one realizes: yes, what you have experienced there is actually similar to your own experiences, and what has been experienced there could not have been experienced if you were not there. To make it even clearer, I will express myself in the following way. Suppose you have a dream that reflects an experience from your earliest youth. When you wake from it, you will only recognize that these are your dream experiences because, amidst the mass of images, what you experienced earlier appears; and you then know that the dream must have something to do with you. So it is with the first clairvoyant experiences. We gradually come to realize: actually, it is at the same time a completely different person who is dreaming, and yet it is you yourself. We learn to recognize ourselves in the mass of clairvoyant experiences.
[ 12 ] Das ist auch ein gewisses bedeutsames Ereignis, wenn wir die Erfahrung machen: wir waren in einer Summe von Erlebnissen darin, aber wir waren es selber, die darin waren. Man muß sich in den hellsichtigen Erlebnissen erst entdecken. Und dann kommt man darauf: du bist nicht bloß in deinem Leibe, sondern du bist auch draußen in der Welt. Und es ist ein unendlich bedeutsames Erlebnis, das Erlebnis, das uns zeigt: du hast etwas, was die Geister der höheren Hierarchien halten und tragen, was sie hegen und pflegen. Hier bin ich, sagt man sich, in meinem Leibe, ich wohne in meiner Leibeshülle, und ich bin gleichzeitig in der geistigen Welt, gehalten und getragen von den Geistern der höheren Hierarchien. Da dart einem dann das Gesetz, daß ein Wesen nicht an zwei Orten zugleich sein kann, nicht stören, denn diese Gesetze gelten in der geistigen Welt nicht mehr. Ich bin in mir darinnen und bin zugleich derselbe, der in der geistigen Welt die Erlebnisse in sich abspielen läßt. Man entdeckt sich geborgen innerhalb der höheren Hierarchien. Man weiß, man ist ein solches Doppelwesen, und man kommt allmählich darauf, daß dasjenige, was man geistig wesenhaft ist, im Grunde genommen doch gar nicht in der Sinnenwelt ist, sondern in der geistigen Welt, und daß das, was in der Sinnenwelt ist, ein Schatten ist, der hereingeworfen wird aus der geistigen Welt. Man schlüpft in eine geistige Leiblichkeit hinein, dadurch ist man außer sich und schaut sich von außen an. Wer sich nicht vertraut machen will mit solchen scheinbaren Widersprüchen, der kann nicht zu Begriffen kommen, die ihm die geistige Welt erklärlich machen können. Das ist das Wichtige, daß man sich entdeckt außerhalb seiner selbst, insofern man ein sinnliches Wesen ist.
[ 12 ] This is also a significant event when we realize: we were part of a series of experiences, but it was we ourselves who were there. In clairvoyant experiences, one must first discover oneself. And then one realizes: you are not merely in your body, but you are also out in the world. And it is an infinitely significant experience, the experience that shows us: you have something that the spirits of the higher hierarchies hold and carry, something they cherish and nurture. Here I am, one says to oneself, in my body; I dwell in my physical shell, and at the same time I am in the spiritual world, held and carried by the spirits of the higher hierarchies. Then the law that a being cannot be in two places at once does not trouble us, for these laws no longer apply in the spiritual world. I am within myself and am at the same time the same being who allows the experiences to unfold within oneself in the spiritual world. One discovers oneself secure within the higher hierarchies. One knows that one is such a dual being, and one gradually comes to realize that what one is in spiritual essence is, in fact, not at all in the sensory world, but in the spiritual world, and that what is in the sensory world is a shadow cast in from the spiritual world. One slips into a spiritual corporeality; through this, one is outside oneself and looks at oneself from the outside. Whoever does not wish to familiarize themselves with such apparent contradictions cannot arrive at concepts that can explain the spiritual world to them. This is the important point: that one discovers oneself outside of oneself, insofar as one is a sensory being.
[ 13 ] Und nun sind wir soweit, daß wir sagen können, wohin werden unsere Meditationen geschrieben? Unsere gewöhnlichen Erinnerungen werden abgedruckt in uns selber, da entsteht immer ein Siegelabdruck, der mit dem Oberen des Menschen, mit dem Kopf und einigen Anhängseln, gleich ist. Wenn wir meditieren oder uns Vorstellungen der Geisteswissenschaft vor die Seele rufen, dann machen wir auch Abdrücke, aber diese gehen nach dem andern hin, den ich eben beschrieben habe, der wir selber sind. Nach dem andern gehen diese Vorstellungen hin. Ob wir irgend etwas in Berlin oder in Nürnberg erfahren, wie das alles den Abdruck in demselben Leibe verursacht, so geht beim geistig innerlichen Erleben alles hin nach diesem Einen, der wir selber sind. Da wird alles hineingeprägt. So daß wir, insofern wir wirklich im Sinne des geisteswissenschaftlich Gedachten oder Gefühlten oder Erlebten uns verhalten, wir geradeso an unserem übersinnlichen Menschen arbeiten, wie wir arbeiten an unserem physischen Menschen, wenn wir dem gewöhnlichen Erleben gegenüberstehen. Nun werden Sie begreifen, daß starke, innere Kräfte notwendig sind zum Arbeiten am übersinnlichen Menschen. Wenn wir uns erinnern an diejenigen Dinge, die äußerlich durch Farbe, Ton und so weiter auf uns gewirkt haben, dann ist es begreiflicherweise leichter, weil wir vom Leibe unterstützt sind. Dadurch, daß irgendeine Farbe auf uns Eindruck macht, ist ein leiblicher Prozeß in uns ausgelöst. Wenn wir der rein geistigen Vorstellung uns hingeben sollen, dann müssen wir auf alle solche leiblichen Unterstützungen verzichten, wir müssen die Seele innerlich anstrengen, sie muß immer stärkere Kräfte bekommen, daß sie in sich so erstarkt, daß sie wirklich Eindruck machen kann auf den äußeren Weltenäther.
[ 13 ] And now we are ready to ask: where are our meditations recorded? Our ordinary memories are imprinted within ourselves; there is always a seal-like imprint that corresponds to the upper part of the human being—the head and certain appendages. When we meditate or summon mental images from Spiritual Science to our soul, we also create imprints, but these are directed toward the other being I just described—which is ourselves. These mental images go to the other. Whether we experience something in Berlin or in Nuremberg—how all of that causes an imprint in the same body—in the case of inner spiritual experience, everything goes to this One, who is ourselves. Everything is imprinted there. So that, insofar as we truly behave in accordance with what is thought, felt, or experienced in the Spiritual Science sense, we are working on our supersensible human being just as we work on our physical human being when we face ordinary experience. Now you will understand that strong, inner forces are necessary for working on the supersensible human being. When we recall those things that have affected us externally through color, sound, and so on, it is understandably easier because we are supported by the body. The fact that a certain color makes an impression on us triggers a physical process within us. If we are to devote ourselves to purely spiritual mental images, then we must do without all such physical supports; we must exert the soul inwardly; it must acquire ever greater powers so that it becomes so strengthened within itself that it can truly make an impression on the outer world-ether.
[ 14 ] Da kommen wir dann, wenn wir auf diese Art unsere Verbindung suchen mit unserem eigentlichen Menschen, der immer da ist, in eine Beziehung zu unserer menschlichen Individualität, zu dem, was wir wirklich als Menschen sind. Nun, das, was wir da in Wirklichkeit als Menschen sind, das lebt so in den Wesenheiten der höheren Hierarchien darinnen wie unser Leib in den Sinnes-Naturprozessen. So wie wir ein Stück unseres Erdendaseins sind, so sind wir ein Stück auch des Geistesdaseins, in dem, was in den Vorgängen innerhalb der Welt der höheren Hierarchien stattfindet.
[ 14 ] When we seek our connection in this way with our true human self—which is always there—we enter into a relationship with our human individuality, with what we truly are as human beings. Now, what we actually are as human beings lives within the beings of the higher hierarchies just as our body lives within the processes of sensory nature. Just as we are a part of our earthly existence, so too are we a part of spiritual existence, in what takes place within the processes of the world of the higher hierarchies.
[ 15 ] Nun möchte ich auf etwas anderes ergänzend hinweisen. Indem wir so mit der geistigen Welt in Beziehung stehen, stehen wir mit den mannigfaltigsten Geistern der höheren Hierarchien in Beziehung. Dazu gehören diejenigen Geister, zu denen wir nur eine Beziehung haben als menschliche Individualität, die nicht für irgendeine Weltfunktion besummte Wesen sind. Aber wir gehören auch zu den Wesenheiten, die irgendeine Weltfunktion haben; es gehört jeder zu einem Volksgeiste zum Beispiel. Wie wir in unserem ganz sinnlichen Prozeß mit der sinnlichen Natur zusammenhängen, so hängen wir nach oben zusammen mit all diesen Geistern, die übersinnlich herunterlangen in die physisch-sinnliche Welt. Und wie wir hier zu den äußeren Dingen stehen und uns Gedanken und Vorstellungen machen, so machen sich die Wesenheiten der höheren Hierarchien ihre Gedanken und ihre Vorstellungen dadurch, daß wir für sie die Objekte sind. Wir sind die Objekte für die Wesenheiten der höheren Hierarchien, wir sind ihr Reich, über das sie sich Gedanken machen. Diese Gedanken sind mehr willenshaft.
[ 15 ] Now I would like to add a further point. By relating to the spiritual world in this way, we are connected to the most diverse spirits of the higher hierarchies. These include those spirits with whom we have a relationship solely as human individuals—beings who are not assigned to any particular worldly function. But we also belong to the beings who have some worldly function; for example, everyone belongs to a national spirit. Just as we are connected to the physical world through our entirely sensory processes, so too are we connected upward to all these spirits who reach down supersensually into the physical-sensory world. And just as we relate here to external things and form thoughts and mental images, so do the beings of the higher hierarchies form their thoughts and mental images by regarding us as their objects. We are the objects for the beings of the higher hierarchies; we are their realm, about which they reflect. These thoughts are more volitional.
[ 16 ] Durch die Art, wie diese höheren Hierarchien zu uns stehen, unterscheiden sich diese Wesenheiten, und ein wichtiger Unterschied kann uns klar werden, wenn wir beachten, wie die Entwickelung solcher Wesenheiten der höheren Hierarchien, zum Beispiel der Volksgeister, geschieht. Wir machen hier zwischen Geburt und Tod auch eine Entwickelung durch, indem unser Ich immer reifer und reifer wird, immer mehr von der Welt erfahren hat. Ein Mensch, der noch jung ist, kann nicht soviel erfahren haben wie der, der älter geworden ist. $o ist es auch bei den Wesenheiten der höheren Hierarchien, nur ist der Gang ihrer Entwickelung etwas anders als unser Entwickelungsgang.
[ 16 ] These beings differ in the way they relate to us, and an important distinction becomes clear when we consider how such beings of the higher hierarchies—for example, the national spirits—develop. Here, too, we undergo a process of development between birth and death, as our ego becomes increasingly mature and gains ever more experience of the world. A person who is still young cannot have experienced as much as one who has grown older. The same is true of the beings of the higher hierarchies, only the course of their development is somewhat different from our own course of development.
[ 17 ] Wir können ein Wesen der höheren Hierarchien ansprechen, wenn wir sprechen von dem italienischen Volksgeist. Dieser italienische Volksgeist macht seine Entwickelung durch, und wir können wirklich genau einen Zeitpunkt angeben, in dem dieser Volksgeist eine wichtige Etappe überschritten hat. Wir wissen ja, daß der Zusammenhang zwischen dem italienischen Volksgeist und dem einzelnen Italiener so ist, daß der italienische Volksgeist durch die Empfindungsseele des Italieners wirkt. Nun ist aber dieses Wirken durch die Empfindungsseele zuerst so, daß der Volksgeist gleichsam nur auf das Seelische wirkt, und dann erst später, in seiner weiteren Entwickelung, greift dieser Volksgeist mit seinem Willen immer mehr und mehr ein in das, wie die Seele sich auslebt auch durch das Leiblich-Physische. Wenn Sie die italienische Geschichte verfolgen, so finden Sie ein wichtiges Jahr, etwa 1530. Dieses Jahr ist dasjenige, wo der italienische Volksgeist so mächtig wird, daß er jetzt anfängt, auch auf das Leibliche zu wirken, und von da anfängt, den Nationalcharakter ganz spezifiziert zu entwickeln. Okkult stellt sich das so dar, daß der Volksgeist einen mächtigeren Willen bekommt; er fängt an, seine Eingravierungen auch in das Leibliche zu machen und bis in das Leibliche hinein den Volkscharakter auszubilden. Während unser Ich immer unabhängiger vom Leibe wird, macht der Volksgeist die entgegengesetzte Entwickelung durch. Wenn er auf das Seelische eine Zeitlang gewirkt hat, fängt er an, bis in das Leibliche hinein zu wirken.
[ 17 ] We can refer to a being of the higher hierarchies when we speak of the Italian national spirit. This Italian national spirit is undergoing its development, and we can actually pinpoint a specific moment when this national spirit passed through an important stage. We know, of course, that the relationship between the Italian national spirit and the individual Italian is such that the Italian national spirit works through the Italian’s feeling soul. Now, however, this working through the feeling soul is at first such that the national spirit acts, as it were, only upon the soul, and only later, in its further development, does this national spirit, through its will, intervene more and more in the way the soul expresses itself through the physical body as well. If you follow Italian history, you will find an important year, around 1530. This is the year when the Italian national spirit becomes so powerful that it now begins to act upon the physical realm as well, and from that point on begins to develop the national character in a very specific way. From an occult perspective, this manifests as the national spirit acquiring a more powerful will; it begins to imprint itself upon the physical realm as well and to shape the national character right down into the physical. While our ego becomes increasingly independent of the body, the national spirit undergoes the opposite development. After having acted upon the soul for a time, it begins to act right down into the physical body.
[ 18 ] Bei dem französischen Volksgeiste finden wir dasselbe, wenn wir etwa in das Jahr 1600 gehen, und beim englischen Volksgeiste ungefähr um das Jahr 1650. Während vorher der Volksgeist mehr nur das Seelische ergriffen hat, greift er von da ab ins Leibliche über. Sein Wille wird mächtiger, und die Seele kann weniger Widerstand leisten einer Konfiguration ins Nationale hinein. Daher beginnt um diese Zeiten der Nationalcharakter sich scharf auszuprägen. Das rührt davon her, weil der Volksgeist heruntersteigt. Er ist höher gelagert, wenn er mehr ins Seelische hineinwirkt; er steigt herunter, wenn er mehr ins Leibliche hineinwirkt. So haben wir ein Senken des Volksgeistes bei der italienischen Halbinsel etwa um das Jahr 1530, in Frankreich im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts und in England in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Shakespeare hat gewirkt, bevor der Volksgeist diese Etappe durchgemacht hat. Das ist das Bedeutsame. Daher dieser eigentümliche Bruch, der in bezug auf die Auffassung der Engländer gegenüber Shakespeare Platz gegriffen hat und der zur Folge hatte, daß gerade innerhalb Deutschlands Shakespeare mehr gepflegt wird als in England selber. Wir haben es zu tun mit einem immer mehr zu den einzelnen Menschen Heruntersteigen des Volksgeistes.
[ 18 ] We find the same thing in the French national spirit when we look back to around the year 1600, and in the English national spirit around the year 1650. Whereas previously the national spirit had focused more on the spiritual realm, from that point on it began to extend into the physical realm. Its will becomes more powerful, and the soul is less able to resist a configuration into the national. Therefore, around this time, the national character begins to take on a distinct form. This stems from the fact that the national spirit descends. It is situated at a higher level when it acts more upon the spiritual; it descends when it acts more upon the physical. Thus we see a descent of the national spirit on the Italian Peninsula around the year 1530, in France at the beginning of the seventeenth century, and in England in the middle of the seventeenth century. Shakespeare was active before the national spirit had gone through this stage. That is what is significant. Hence this peculiar rupture that has taken place in the English people’s attitude toward Shakespeare, and which has resulted in Shakespeare being more highly regarded in Germany than in England itself. We are dealing with a national spirit that is descending more and more toward the individual human being.
[ 19 ] Wenn wir nun auf die Entwickelung des deutschen Volksgeistes sehen, so nehmen wir etwas Ähnliches wahr in der Zeit ungefähr zwischen den Jahren 1750 bis 1850. Aber wir müssen hier kurioserweise sagen: dieser Volksgeist steigt da herunter, aber er steigt wieder hinauf. Und das ist das Bedeutsame. Einen Prozeß, der sich abgespielt hat bei den westlichen Völkern, können wir nur so verfolgen, daß wir die Volksgeister sich senken und die Völker ergreifen sehen. Beim deutschen Volke sehen wir, wie der Volksgeist sich auch senkt um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wie aber dieser Volksgeist in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wieder hinaufsteigt, so daß hier ein ganz anderes Verhältnis da ist. Es wird nur ein Anlauf genommen, den deutschen Charakter zu einem eminenten Volkscharakter auszubilden, aber das wird nur eine Weile gemacht. Nachdem einiges hierin getan ist, steigt der Volksgeist wiederum zurück, hinauf, um wiederum bloß auf das Seelische zu wirken.
[ 19 ] If we now look at the development of the German national spirit, we perceive something similar in the period roughly between 1750 and 1850. But here, curiously enough, we must say: this national spirit descends there, but it rises again. And that is what is significant. We can only observe a process that has taken place among Western peoples by seeing the national spirits descend and take hold of the peoples. In the case of the German people, we see how the national spirit also descends around the middle of the eighteenth century, but how this national spirit rises again in the middle of the nineteenth century, so that a completely different situation exists here. An attempt is made to develop the German character into an eminent national character, but this is pursued only for a time. After some progress has been made in this regard, the national spirit once again recedes, rising to act solely upon the soul.
[ 20 ] Die Blütezeit des deutschen Geisteslebens fällt in die Zeit, wo der Volksgeist am tiefsten heruntergestiegen war. Selbstverständlich bleibt der Volksgeist seinem Volke. Aber er hält sich jetzt wieder in geistigen Höhen auf. Das ist das Eigentümliche des deutschen Volksgeistes. Auch früher ist er schon heruntergestiegen, hat aber dann wieder abgelassen von einem zu starken Nationalisieren. Ein solches Kristallisieren in der Nationalität, wie bei den westlichen Völkern, kann beim deutschen Volke durch die Eigentümlichkeit des deutschen Volksgeistes gar nicht eintreten. Daher muß das deutsche Wesen immer universeller bleiben als andere Volkswesen. Es hängen diese Dinge in der Tat mit tiefen Wahrheiten der geistigen Welten zusammen. Würde man in der Zeit Goethes den deutschen Volksgeist gesucht haben, würde man ihn etwa auf demselben Niveau gefunden haben, wo man den englischen oder französischen oder italienischen Volksgeist gefunden hätte. Sucht man ihn heute, dann muß man höher hinaufsteigen. Es werden wieder Zeiten kommen, wo er heruntersteigt, es werden wieder Zeiten kommen, wo er hinaufsteigt. Das Hin- und Herschwingen ist das Eigentümliche des deutschen Volksgeistes.
[ 20 ] The heyday of German intellectual life coincided with the period when the national spirit had sunk to its lowest point. Of course, the national spirit remains with its people. But it now dwells once again in spiritual heights. That is the distinctive feature of the German national spirit. It has descended before as well, but then moved away from excessive nationalization. Such a crystallization into nationality, as seen among Western peoples, cannot occur among the German people due to the peculiar nature of the German national spirit. Therefore, the German essence must always remain more universal than other national essences. These things are indeed connected to profound truths of the spiritual worlds. If one had sought the German national spirit in Goethe’s time, one would have found it at roughly the same level as the English, French, or Italian national spirit. If one seeks it today, one must ascend higher. There will come times again when it descends; there will come times again when it ascends. This swinging back and forth is the distinctive feature of the German national spirit.
[ 21 ] Beim russischen Volksgeist ist es so, daß er überhaupt nicht heruntersteigt, um das Volk durchzukristallisieren, sondern immer etwas bleibt wie eine über dem Volkstum schwebende Wolke, so daß man ihn immer wird oben zu suchen haben, und daher kann dieses Volk erst dann eine geistige Entwickelung durchmachen, wenn es sich bequemen wird, das, was erarbeitet wird im Westen, mit seinem eigenen Wesen zu vereinigen, um im Zusammenhange mit dem Westen eine Kultur zu begründen, weil es aus sich selbst niemals eine Kultur entfalten kann.
[ 21 ] The Russian national spirit does not descend at all to crystallize the people, but rather remains something like a cloud hovering above the national character, so that one must always look for it above, and therefore this people can undergo spiritual development only when it is willing to unite what is developed in the West with its own essence, in order to establish a culture in connection with the West, because it can never develop a culture out of itself.
[ 22 ] Alles das muß auf diese Weise verstanden werden. Und die ganze Beweglichkeit des deutschen Wesens rührt davon her, daß der Deutsche mit seinem Volksgeist nicht so zusammengewachsen ist, wie das im Westen von Europa der Fall ist. Daher auch die ungeheure Schwierigkeit, deutsches Wesen wirklich zu verstehen. Man kann es nur dann verstehen, wenn man zuzugeben in der Lage ist, daß es ein Volkswesen geben kann, dessen Volksgeist eigentlich immer nur sporadisch in die Entwickelung des Volkes eingreift. Was ich hiermit ausführe, gehört zu den schwierigsten Kapiteln in bezug auf Verständnis des geschichtlichen Werdens, daher darf man gar nicht trostlos darüber sein, wenn es einem widerspruchsvoll erscheinen wird. Aber wir leben in einem Zeitalter, in dem wir versuchen müssen, wirklich zu verstehen, worauf die Gegnerschaft beruht, welche doch so deutlich gerade in unseren schicksalschweren Tagen in Europa zutage tritt. Denn zu allem, was wir erleben, wenn man genauer zusieht, gesellt sich im Grunde genommen etwas, was man wirklich recht unbegreiflich nennen könnte, was sich erst herausstellt, wenn man genauer zusieht. Gewiß, die Deutschen werden jetzt erst merken, daß sie im Grunde genommen ungeheuer gehaßt werden. Aber man wird, wenn man genauer prüft, bemerken, daß demjenigen, was man am meisten haßt, zugrundeliegt dasjenige, was gerade die besten Eigenschaften des deutschen Wesens sind. Die schlechteren Eigenschaften haßt man gar nicht besonders.
[ 22 ] All of this must be understood in this way. And the entire flexibility of the German character stems from the fact that Germans have not become as closely intertwined with their national spirit as is the case in Western Europe. Hence the immense difficulty of truly understanding the German character. One can only understand it if one is able to admit that there can be a national character whose national spirit actually intervenes in the development of the people only sporadically. What I am explaining here belongs to the most difficult chapters regarding the understanding of historical development; therefore, one must not be disheartened if it seems contradictory. But we live in an age in which we must try to truly understand the basis of the hostility that is so clearly evident, especially in these fateful days in Europe. For everything we are experiencing, if one looks more closely, is fundamentally accompanied by something that one could truly call quite incomprehensible, something that only becomes apparent upon closer inspection. Certainly, the Germans are only now realizing that they are, in fact, immensely hated. But upon closer examination, one will notice that what is most hated is, in fact, rooted in precisely those qualities that are the best characteristics of the German character. The less desirable qualities are not particularly hated at all.
[ 23 ] Man muß schon, wenn man in die Geheimnisse hineinblicken will, die Dinge ein wenig im Zusammenhange betrachten. Man könnte sagen: wenn jemand in Deutschland solch eine Sache sagt, dann beweist das auch, daß es einen deutschen Chauvinismus gibt: Warum sollte sonst der Deutsche anerkennend und lobend über deutsches Wesen sprechen?! — Wenn das so läge, dann würden diese Vorträge nicht gehalten werden und ich würde nicht über deutsches Wesen so sprechen. Aber daß nicht gerade deutscher Chauvinismus nötig ist, um dieses deutsche Wesen in einer gewissen Weise so zu charakterisieren, daß man aus der Charakteristik sieht, es unterscheidet sich von dem übrigen europäischen Wesen nicht zu seinem Nachteil, das möge eine Charakteristik veranschaulichen des deutschen Wesens, die ich Ihnen hier mitteilen möchte. Ernest Renan schreibt an David Friedrich Strauß: «Ich war im Seminar zu St-Sulpice, ums Jahr 1843, als ich anfing, Deutschland kennenzulernen durch die Schriften von Goethe und Herder. Ich glaubte in einen Tempel zu treten, und von dem Augenblick an machte mir alles, was ich bis dahin für eine der Gottheit würdige Pracht gehalten hatte, nur noch den Eindruck welker und vergilbter Papierblumen. ... Deutschland hat den besten nationalen Rechtstitel, nämlich eine geschichtliche Rolle von höchster Bedeutung, eine Seele, möchte ich sagen, eine Literatur, Männer von Genie, eine eigentümliche Auffassung göttlicher und menschlicher Dinge. Deutschland hat die bedeutendste Revolution der neueren Zeiten, die Reformation, gemacht; außerdem hat sich in Deutschland seit einem Jahrhundert eine der schönsten geistigen Entwicklungen vollzogen, welche die Geschichte kennt, eine Entwicklung, die, wenn ich den Ausdruck wagen darf, dem menschlichen Geist an Tiefe und Ausdehnung eine Stufe zugesetzt hat, so daß, wer von dieser neuen Entwicklung unberührt geblieben, zu dem, der sie durchgemacht hat, sich verhält wie einer, der nur die Elementarmathematik kennt, zu dem, der im Differentialcalcul bewandert ist.»
[ 23 ] If one wishes to gain insight into these mysteries, one must view things in their broader context. One might say: if someone in Germany says such a thing, it proves that German chauvinism exists—why else would a German speak appreciatively and praisingly about the German character?! — If that were the case, these lectures would not be given, and I would not speak of the German character in this way. But the fact that German chauvinism is not necessary to characterize this German character in such a way that one can see from the description that it does not differ from the rest of the European character to its disadvantage—this may be illustrated by a description of the German character that I would like to share with you here. Ernest Renan writes to David Friedrich Strauss: “I was at the seminary in St-Sulpice, around 1843, when I began to get to know Germany through the writings of Goethe and Herder. I felt as though I were entering a temple, and from that moment on, everything I had previously regarded as splendor worthy of the divine struck me merely as withered and yellowed paper flowers. ... Germany has the best national claim to legitimacy, namely a historical role of the utmost importance, a soul, I might say, a literature, men of genius, a unique conception of divine and human things. Germany has brought about the most significant revolution of modern times, the Reformation; moreover, one of the most beautiful intellectual developments known to history has taken place in Germany over the past century, a development which, if I may venture the expression, has raised the human spirit to a higher level in depth and scope, so that anyone who has remained untouched by this new development stands in relation to those who have undergone it as one who knows only elementary mathematics stands in relation to one who is well-versed in differential calculus.”
[ 24 ] So also schreibt Ernest Renan an David Friedrich Strauß im Jahr 1870. Ich will auf diesen Briefwechsel nicht weiter eingehen, der außerordentlich interessant ist. Ich will nur noch erwähnen, daß Renan damals schrieb, daß man nur zwei Möglichkeiten hätte: Erstens, man würde Frankreich Land wegnehmen. Das würde bedeuten: Rache bis auf den Tod allem Germanentum, Verbrüderung mit allen möglichen Bundesgenossen. Die andere Möglichkeit: man läßt Frankreich, wie es ist, dann würde die Friedenspartei die Oberhand bekommen und sagen, wir haben große Torheiten begangen, wir wollen unsere Fehler verbessern, dann wird das Heil der Menschheit gerettet sein.
[ 24 ] This is what Ernest Renan wrote to David Friedrich Strauss in 1870. I do not wish to dwell further on this correspondence, which is extraordinarily interesting. I will merely mention that Renan wrote at the time that there were only two possibilities: First, one would take land away from France. That would mean: vengeance to the death against all Germanic culture, fraternization with all possible allies. The other option: leave France as it is, then the peace party would gain the upper hand and say, we have committed great follies, we want to correct our mistakes, then the salvation of humanity will be secured.
[ 25 ] Diese Nebenbemerkung habe ich aus dem Grunde gemacht, um Ihnen zu zeigen, daß Renan das, was ich Ihnen eben aus seinem Briefe vorgelesen habe, in einer Stimmung geschrieben hat, in der er nicht besonders geneigt war, allzuviel zuzugeben über das, was im Laufe der Menschheitsentwickelung das deutsche Wesen geworden ist. Aber er war geneigt, dasjenige, was die Menschheit innerhalb des deutschen Wesens erobert hat, zum andern hinzustellen wie die höhere Mathematik zur Elementar-Mathematik. Man braucht nicht Chauvinist zu sein, sondern nur wiederholen das, was von Renan im Jahre 1870 geschrieben worden ist.
[ 25 ] I made this aside to show you that Renan wrote what I just read to you from his letter in a frame of mind in which he was not particularly inclined to concede too much regarding what the German character has become in the course of human development. But he was inclined to contrast what humanity has achieved within the German character with the rest of the world, much as higher mathematics is contrasted with elementary mathematics. One need not be a chauvinist, but merely repeat what Renan wrote in 1870.
[ 26 ] Wir müssen wissen, wenn wir also von den Beziehungen des Menschen zu den höheren Welten sprechen, daß im Konkreten, im Wirklichen diese Beziehungen eben so sind, daß der Mensch diese Beziehungen haben kann dadurch, daß er diesen anderen in sich trägt, daß dieser andere lebt, der zur höheren geistigen Welt im selben Verhältnis steht, wie wir zur Sinneswelt stehen im Leiblichen. Wir stehen durch dasjenige, was in uns übersinnlich ist, eben zu allem, was übersinnlich ist, in einem bestimmten Verhältnis. So ist es wirklich und wahrhaftig nicht bloß eine theoretische, sondern eine lebendige Entwickelung, die wir durchmachen, wenn wir das, was als Meditationsprozeß beschrieben worden ist, in der Seele durcherleben. Unsere Seele schreibt dadurch wirklich in die geistigen Welten etwas hinein. Und sie schreibt es hinein in dasjenige, was wir im Grunde genommen selber sind. Wenn man das im richtigen Maße bedenkt, dann verbindet sich der Begriff «Darinnenstehen im lebendigen Strome der Geisteswissenschaft» mit dem Begriffe «menschliche Verantwortlichkeit», mit diesem Begriff «menschliche Verantwortlichkeit», der wirklich sich einstellen muß in der Seele des Geisteswissenschafters. Denn wir wissen, daß die Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwickelung eben erwas durchmacht, daß sie sich wandelt. Das alte Hellsehen ist bis in unsere Tage geschwunden, und wir wissen, daß das, was an Zusammenhang mit der geistigen Welt früher vorhanden war, wieder errungen werden muß und daß Geisteswissenschaft der Weg ist, das wiederzuerringen. In den alten Zeiten, da wurde der Mensch auf rein natürliche Weise so zu seinem Leiblichen gestellt, daß er gleichsam mit einem Teil seines Wesens in den geistigen Welten darinnenstand. Weil er heute viel inniger verbunden ist mit seinem Leibe, muß er eben trachten, abseits von seinem Leibe sich ein Verständnis von der geistigen Welt zu holen. Gewissermaßen hatte der Mensch ein Erbgut in sich, das immer schwächer wurde, bis es in unserer Zeit vollständig abflutete. Deshalb muß in unserer Zeit beginnen die Arbeit, welche die Seele hinaufführt in die geistige Welt.
[ 26 ] When we speak of the human being’s relationship to the higher worlds, we must understand that, in concrete and real terms, these relationships are such that the human being can have them precisely because he carries within himself this other being—a being who stands in the same relationship to the higher spiritual world as we do to the sensory world in the physical realm. Through that which is supersensible within us, we stand in a specific relationship to everything that is supersensible. Thus, it is truly and genuinely not merely a theoretical but a living development that we undergo when we experience in our soul what has been described as a process of meditation. Through this, our soul truly inscribes something into the spiritual worlds. And it inscribes it into that which, in essence, we ourselves are. If one considers this in the right measure, then the concept of “standing within the living stream of Spiritual Science” connects with the concept of “human responsibility”—this concept of “human responsibility” that must truly take root in the soul of the spiritual scientist. For we know that humanity, in its historical development, is indeed undergoing a process of transformation. The old clairvoyance has faded away to this day, and we know that what once existed in connection with the spiritual world must be regained, and that Spiritual Science is the path to regaining it. In ancient times, human beings were related to their physical bodies in such a purely natural way that they stood, as it were, with a part of their being within the spiritual worlds. Because they are much more intimately connected with their bodies today, they must strive to gain an understanding of the spiritual world apart from their bodies. In a sense, human beings had a genetic heritage within them that grew ever weaker until it had completely ebbing away in our time. That is why the work that leads the soul upward into the spiritual world must begin in our time.
[ 27 ] Und nun denken Sie sich, das Wesen des deutschen Volksgeistes sei so, daß dieser Volksgeist fortwährend den Weg hinunter zum Volk und wieder hinauf in die höhere Welt durchmacht. Warum tut er das gerade bei einem Volkstum? Aus dem Grunde, weil dadurch gerade innerhalb dieser Volkswesenheit die Kräfte hervorgerufen werden sollen, welche in die Geisteswissenschaft im eminentesten Sinne hineinführen. Wenn der Volksgeist hinuntersteigt, dann wird durch den Volksgeist in der physischen Welt ein strammer Volkscharakter bewirkt. Wenn er wieder zurückgeht, der Volksgeist, und den Nationalcharakter fluktuierend läßt, dann wird das Volk immer wieder und wieder jenes Auf- und Abfluten des Volksgeistes in den eigenen Leibern mitmachen müssen, lernt erkennen, daß alles Sein verfließt zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt.
[ 27 ] And now imagine that the nature of the German national spirit is such that this national spirit is constantly making the journey down to the people and back up into the higher world. Why does it do this specifically in the case of a national character? For the reason that, precisely within this national entity, the forces are to be evoked that lead into Spiritual Science in the most eminent sense. When the national spirit descends, it brings about a robust national character in the physical world. When the national spirit returns and leaves the national character in a state of fluctuation, then the people will have to experience again and again that ebb and flow of the national spirit within their own bodies, learning to recognize that all being flows between the sensory and supersensory worlds.
[ 28 ] Erinnern Sie sich an das, was ich vor acht Tagen hier gesagt habe, daß die ganze Literaturgeschichte der letzten Jahrzehnte umgeschrieben werden muß, weil gewisse geistige Persönlichkeiten heute vergessen sind, die viel größere Bedeutung besitzen als solche, von denen man etwas weiß. Das ist in der Zeit, in der der Volksgeist wieder hinaufgegangen ist. Nun müssen wir im eminentesten Sinne uns mit der Geisteswissenschaft verbinden, um den Volksgeist da in seinem Wiederhinaufsteigen zu finden, das heißt mit anderen Worten, der Deutsche muß sein Wesen kennenlernen, nicht bloß in der physischen Welt, sondern auch in der übersinnlichen Welt, denn in beiden ist es darinnen. Das ist wieder einer der Gründe für das, was auch in öffentlichen Vorträgen gesagt worden ist, daß eine gewisse innere Verwandtschaft besteht zwischen deutscher Geisteskultur und dem Streben nach Geisteswissenschaft. Fichte hat sich nur entwickeln können in einer Zeit, in der der Volksgeist heruntergestiegen war. Daher wird Fichte in seiner Philosophie kaum verstanden werden können oder nur falsch. Dieses ganze Leben und Weben in solchen Begriffen und Ideen, daß in diese die Ich-Wesenheit so hereingekommen ist wie in der Fichteschen Philosophie, das war in der Zeit möglich, in der der Volksgeist auf ein tieferes Niveau heruntergekommen war. Nun müssen wir ihn höher suchen und können ihn nur mit der Geisteswissenschaft finden. Das entspricht dem Verhältnis des Volksgeistes zum deutschen Volke. Es ist in der ganzen Natur der deutschen Entwickelung das darinnen, was ich genannt habe ein tiefes verwandtschaftliches Verhältnis zwischen dem deutschen Geistesleben und dem Weg, der in die Geisteswissenschaft hineinführt. Man möchte so sehr wünschen, daß wirklich diese Dinge nach und nach immer mehr und mehr verstanden werden können.
[ 28 ] Do you recall what I said here eight days ago, that the entire history of literature from the past few decades must be rewritten because certain intellectual figures are forgotten today, figures who are of far greater significance than those we actually know about? This is happening at a time when the national spirit has risen again. Now we must, in the most profound sense, connect with Spiritual Science in order to find the national spirit there in its resurgence; in other words, the German must come to know his essence, not merely in the physical world, but also in the supersensible world, for it is present in both. This is yet another reason for what has also been said in public lectures, namely that a certain inner kinship exists between German spiritual culture and the pursuit of Spiritual Science. Fichte could only develop in a time when the national spirit had descended. Therefore, Fichte’s philosophy can hardly be understood, or only misunderstood. This whole living and weaving within such concepts and ideas—in which the “I”-essence has entered as it has in Fichte’s philosophy—was possible in a time when the national spirit had descended to a deeper level. Now we must seek it on a higher plane and can find it only through Spiritual Science. This corresponds to the relationship of the national spirit to the German people. It is inherent in the very nature of German development—what I have called a deep kinship between German spiritual life and the path that leads into Spiritual Science. One would so very much wish that these things could indeed be understood more and more over time.
[ 29 ] Wahrhaftig, wenn man den Blick so wirft auf das, was in der Gegenwart geschieht, auf die ungeheuren Opfer, die gebracht werden müssen, auf alle die Sorgen, die die Menschen durchleben müssen gegenüber den Ereignissen, dann müßte man daraufkommen, daß sich hierin noch etwas weit, weit anderes auslebt, als was man so mit äußerem Verständnis verstehen kann. Und in einer anderen Form könnte man den Paulinischen Ausspruch zitieren: Wäre der Christus nicht auferstanden, so wäre unsere Lehre tot und tot auch unser Glaube! Für Paulus war es zur Bekräftigung desjenigen, was er der Welt zu bringen hatte, daß er hinschauen konnte auf die wirkliche Auferstehung des Christus. Man hat vielfach dieses Wort mißverstanden. Demgegenüber, was jetzt geschieht, muß man sagen: Wie drückt sich in diesen Toden doch aus der Glaube, das feste Bekenntnis, daß der Mensch mit etwas anderem zusammenhängt als mit dem, was in der Sinnenwelt bloß da ist. Nicht nur eine wirkliche religiöse Vertiefung findet statt, sondern man kann sehen, wie die Seelen, wenn sie auch nicht das volle Bewußtsein davon haben, gerade in unserer Zeit kräftigen Protest einlegen gegen allen Materialismus durch die Art, wie sie in den Tod eingehen. Wir müssen sagen: Neben allem, was die Ereignisse sonst sind, sind sie eine Arbeit in der Überwindung der materialistischen Denkweise und des materialistischen Lebens, wie es sich nach und nach entwickelt hat. Und aus einem tiefen Gefühl der Zeitentwickelung heraus muß sich die Menschenseele sagen: Wenn nun etwa dann, wenn wieder die Sonne des Friedens leuchtet, materialistische Gesinnung, materialistische Denkweise über die Erde hinziehen würde, müßte man dann nicht sagen, diese Tode alle, sie wären wahrhaftig vergebens gewesen, wenn sich nicht auf dem Felde, auf das die Verstorbenen herunterblicken können, spirituelle, geistige Gesinnung entwickeln wird? So könnten wir den Paulinischen Ausspruch umändern, und wir könnten sagen: Vergeblich wäre das Unendliche, was gelitten wird, vergeblich der Durchgang durch den Tod im physisch-jugendlichen Alter für so viele Persönlichkeiten, wenn sich dann auf den Gefilden des Friedens ausbreiten würde eine materialistische Weltanschauung und materialistisches Leben. Und wie eine mahnende Fackel müssen diese Tage auf diejenigen wirken, die in sie hineingestellt sind und tief, tief hineinleuchten in die menschlichen Gemüter und in die menschlichen Seelen, so daß ein wirklicher Wille zum Leben im Geistigen innerhalb der Menschheit entstehen könne. Wir können nicht tief genug dasjenige erleben, was in unseren Tagen geschieht. Und gerade deshalb möchte man, daß im Kreise derjenigen, die sich zur Geisteswissenschaft bekennen, der Blick erweitert werde aus dem engen Horizont, in den er heute so vielfach gebannt ist, auf einen immer weiteren Horizont. Wirklich nur dann, wenn man den ganzen Zusammenhang einsieht desjenigen, was hier auf der physischen Erde geschieht, mit dem, was in der geistigen Welt sich abspielt, kann man ein Gefühl für die Aufgaben bekommen, welche uns durch die gegenwärtige schwere Zeit gestellt werden.
[ 29 ] Truly, when one looks at what is happening in the present, at the immense sacrifices that must be made, at all the worries people must endure in the face of these events, one must conclude that something far, far different is unfolding here than what can be grasped by mere external understanding. And in a different form, one could quote Paul’s saying: If Christ had not risen, our teaching would be dead, and our faith dead as well! For Paul, it was a confirmation of what he had to bring to the world that he could look to the actual resurrection of Christ. This saying has often been misunderstood. In contrast, regarding what is happening now, one must say: How deeply is faith expressed in these deaths—the firm conviction that human beings are connected to something other than what merely exists in the sensory world. Not only is a genuine deepening of religious life taking place, but one can see how souls—even if they are not fully conscious of it—are, precisely in our time, making a powerful protest against all materialism through the way they face death. We must say: Beyond whatever else these events may be, they are a work toward overcoming the materialistic mindset and the materialistic way of life as it has gradually developed. And out of a deep sense of the course of history, the human soul must say to itself: If, for instance, when the sun of peace shines again, a materialistic attitude and way of thinking were to spread across the earth, would we not then have to say that all these deaths would truly have been in vain unless a spiritual, mental attitude develops in the field upon which the departed can look down? Thus we could rephrase the Pauline saying, and we could say: In vain would be the infinite suffering endured, in vain the passage through death in the prime of life for so many individuals, if a materialistic worldview and materialistic way of life were then to spread across the fields of peace. And like a warning torch, these days must act upon those who are placed within them, shining deep, deep into human minds and human souls, so that a true will to live in the spiritual realm may arise within humanity. We cannot experience deeply enough what is happening in our days. And precisely for this reason, one would wish that among those who profess Spiritual Science, the gaze might be broadened from the narrow horizon to which it is so often confined today, toward an ever-widening horizon. Only when one truly grasps the full connection between what is happening here on the physical Earth and what is taking place in the spiritual world can one develop a sense of the tasks that the present difficult times set before us.
[ 30 ] Es gibt Leute, die so leichthin betonen, daß das, was jetzt sich abspielt, nichts zu tun zu haben brauche mit dem, was die einzelnen Völker als ihre geistige Entwickelung durchmachen. Für denjenigen, der die Dinge in ihrem wirklichen Gange zu durchschauen vermag, für den ist alles das, was sich in der äußeren Welt abspielt, ein Ausdruck des Geistigen. Und daran wollen wir immer mehr und mehr festhalten, wollen immer mehr versuchen, gerade durch diejenigen Empfindungen, die uns aus der Geisteswissenschaft kommen können, unser Selbst loszulösen vom engeren Kreise und gerade dieses unser durch die Geisteswissenschaft sich loslösende Selbst vereinigen mit den großen Ereignissen, die geschehen; vergessen das, was uns nur angeht als Persönlichkeiten, und zusammenwachsen mit dem, was die ganze Menschheit heute Erschütterndes erleben muß.
[ 30 ] There are people who so casually assert that what is happening now need not have anything to do with the spiritual development that individual nations are undergoing. For those who are able to see through to the true course of events, everything that takes place in the outer world is an expression of the spiritual. And we want to hold fast to this more and more, to try ever more to detach our self from our narrow circle precisely through those feelings that can come to us from Spiritual Science, and to unite this self of ours—which is being detached through Spiritual Science—with the great events that are taking place; to forget what concerns us only as individuals, and to grow together with what all of humanity must experience today as a shattering event.
[ 31 ] Das ist es, was ich auch durch die verschiedenen Auseinandersetzungen dieser Vorträge hier habe in Ihnen hervorrufen wollen und wovon ich gern möchte, daß es weiter durchgedacht wird, bis wir uns wohl im April hier wiedersehen werden. Denn nur dann, wenn wirklich demjenigen, was jetzt geprüft durch die großen Ereignisse hinaufgeht in die geistige Welt und von dort herunterwirkt, Verständnis begegnet, wie es aus Geist-Erkenntnis gewonnen werden kann, kann das erreicht werden, wozu uns diese Ereignisse auffordern. Wahr ist es:
[ 31 ] This is what I have sought to evoke in you through the various discussions in these lectures, and I would like you to continue reflecting on it until we meet again here in April. For only when what is now being tested by the great events—rising up into the spiritual world and working down from there—is met with understanding, as can be gained from spiritual knowledge, can we achieve what these events call upon us to do. It is true:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
From the courage of the fighters,
From the blood of battle,
From the suffering of the forsaken,
From the sacrifices of the people
The fruit of the spirit grows—
Guiding souls, spiritually aware,
Toward the realm of the spirit.
