Das Geheimnis des Todes
Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister
GA 159
13 März 1915, Nürnberg
5. Das Eingreifen des Christus-Impulses in das geschichtliche Geschehen — Die Überbrückung der Kluft zwischen Lebenden und Toten
[ 1 ] Wenn Geisteswissenschaft vor allen Dingen eine Art Lebenskraft für unsere Seelen sein will, und dies auch sein kann, so muß diese Geisteswissenschaft sich auf der andern Seite auch mächtig und geeignet erweisen, in solchen Zeiten, in denen sich so viel vorbereitet, die so bedeutsam sind wie die unsrigen, den geistigen Blick der Seelen, die sich der Geisteswissenschaft ergeben, zu erweitern. Dadurch wird dasjenige, was geschieht, in einem etwas weiteren Licht gesehen, als der durch den Materialismus beengte Blick der andern Zeitgenossen es vielfach heute noch kann. Man hat sehen können in dem, was durch die Jahre her innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung gepflegt worden ist, daß eines der Ziele auch darin bestanden hat, die Empfindungsart der Seele zu erweitern, so daß der Mensch von dem bloßen Denken über sein engeres Selbst und über dasjenige, was dieses engere Selbst umgibt, loskommt und wirklich ein wenig hinzuschauen vermag auf die großen Impulse, die großen Kräfteäußerungen, die durch die ganze Entwickelung der Erdenmenschheit gehen. Und wenn wir uns so bemüht haben, gewissermaßen die Spannkraft unserer Gefühle und Empfindungen zu erweitern, so müssen wir auch die Kräfte, die wir durch die Geisteswissenschaft gewonnen haben, geeignet machen können, gerade in solchen Zeiten, die auf der einen Seite so tief schmerzlich heranbranden an die Seele mit ihren Wogen, auf der andern Seite aber diese Seele erheben zu ganz besonderer Höhe, weil sie so Bedeutungsvolles in ihrem Schoße bergen, wir müssen in solchen Zeiten schon in die Lage kommen können, ein wenig mit dem zu gehen, was nicht so äußerlich sichtbar ist in den Ereignissen, was der gewöhnliche Verstand in diesen Ereignissen nicht zu schauen vermag. Wir müssen uns namentlich die Frage aufwerfen können: Bedeutet dasjenige, was als so furchtbare Kriegsfackel entzündet über unseren Häuptern brennt, bedeutet das etwas von prophetischer Art für die ganze Erdenentwickelung?
[ 2 ] Nur derjenige wird in den gegenwärtigen Ereignissen recht darinstehen, der diese Ereignisse in einem so bedeutsamen Licht sieht, wie dies nur irgend möglich ist. Oftmals werden sich Freunde, die in unseren Reihen sind, gefragt haben, warum in den letzten Jahren in unserem Kreise zuweilen davon gesprochen worden ist, daß in den Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Zeiten kommen werden, auf die wir mit einer besonderen Aufmerksamkeit vorausblicken müssen, weil die Kinder und Kindeskinder derer, die jetzt leben, wichtige und gewaltige,aber auch tragische und schmerzende Ereignisse werden zu durchleben haben. Denen, welchen es heute obliegt, etwas mitzugeben, um die Seelen der Kinder und Kindeskinder aufrechtzuerhalten gegenüber dem, was über die Menschheit des 20. Jahrhunderts kommen wird, muß bewußt sein, daß dieses Mitzugebende eine starke innere geistige Kraft sein muß. Viel, viel mehr als wir uns heute schon im gewöhnlichen Leben vorstellen können, werden unsere Nachkommen des 20. Jahrhunderts starke innere, die Seele haltende Kräfte brauchen, um fortzutragen die Güter der Menschheit, die in der Menschheitsentwickelung durch Jahrhunderte und Jahrhunderte angesammelt worden sind. Und noch ganz andern Stürmen des Lebens werden die Nachkommen der jetzt lebenden Erdenmenschheit ausgesetzt sein. Ich sagte, man hat sich manchmal wundern können, wenn das in unseren Reihen so gesagt worden ist. Vielleicht kann aber jetzt eine Empfindung davon entstehen, wenn wir bedenken, daß wir in den größten kriegerischen Ereignissen, den furchtbarsten kriegerischen Ereignissen darinstehen, die jemals die Menschen betroffen haben, seitdem die Menschheit eine bewußte Geschichte auf dieser Erde durchlebt.
[ 3 ] Da wäre es durchaus unrichtig, wenn wir uns nicht so intensiv als möglich, so stark als möglich von der Bedeutung des Augenblicks durchdringen und uns die Frage vorlegen würden: Was hat denn eigentlich dasjenige, was wir aus inneren Sehnsuchten der Seele heraus erstreben, was hat denn geistige Erkenntnis mit demjenigen zu tun, was da in die Entwickelung der Menschheit hereinkommen sol? Sehen wir denn nicht, auch wenn wir nur oberflächlich blicken, ein drohendes Ungewitter, das sich von Osten herüber seit langer Zeit erhoben hat, über die neuere Bildung und Kultur Europas entbrennen? Und man muß wenigstens wissen, daß im Schoße dieses Ostens ganz gewaltige Kräfte wesen, von denen man schon sehen kann, daß sie so, wie sie sich jetzt geltend machen, im Grunde auf das Zerstückeln, das Zerstören der europäischen Kultur hinausgehen. In welchem:Grade dies der Fall ist, das kann jetzt nur geahnt werden.
[ 4 ] Mit dem, was wir europäische Kultur und Zivilisation nennen, stehen wir in der fünften nachatlantischen Kulturperiode. Es ist die Kultur der Bewußtseinsseele, in deren Mitte Seelen unter uns sind, die der Menschheit etwas zu geben haben. Wenn wir darauf zurückblikken, was die griechisch-lateinische Kultur war, so ergibt sich uns diese griechisch-lateinische Kultur im wesentlichen, wenn auch in einer ganz andern Ausgestaltung, als ein Nachklang, eine auf einer höheren Stufe zutage tretende Wiederholung desjenigen, was auch schon in der alten Atlantis gelebt hat. Wenn es dort auch noch anders lebte, in der vierten nachatlantischen Kulturperiode ist eine Art Wiederholung davon eingetreten. Die fünfte nachatlantische Kulturperiode, in der wir stehen, ist eine Neuformation, ist etwas völlig Neues, was zu dem bisherigen Entwickelungsgang der Menschheit hinzugekommen ist. Solches sollen wir nicht bloß als abstrakte Wahrheit, als Theorie, sondern mit dem tiefsten und intensivsten menschlichen Verantwortlichkeitsgefühl erfassen, und wir sollen uns auch klar darüber sein, daß in der Erdenentwickelung noch lange Zeiten werden ablaufen müssen, bis alles das aus den Herzen und Seelen der Menschen herausgekommen ist, was die göttliche Weltenordnung durch die fünfte nachatlantische Kulturperiode der Erdenmenschheit zu geben hat.
[ 5 ] In der vierten Kulturperiode ging als das bedeutendste Ereignis der ganzen Erdenentwickelung der Impuls des Mysteriums von Golgatha auf. So wie dieses Mysterium von Golgatha in der vierten Kulturperiode gewirkt hat, so wird es in der fünften nachatlantischen Kulturperiode nicht bloß weiterwirken. Dieser fünften Kulturperiode obliegt es, mit voller Geist-Erkenntnis, mit vollem Verständnis allmählich dem Mysterium von Golgatha entgegenzukommen, mit all den Erkenntniskräften der Seele; nicht nur mit den Kräften des Verstandes, den Kräften der bloß gefühlsmäßigen Frömmigkeit; nach und nach durch all das, was die Seele aus sich selbst hervorbringen kann an Erkenntnissen und Verständniskräften, den Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, zu erfassen. So daß das Wort des Paulus, allerdings in einer neuen Art, wahr ist: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Und im Grunde genommen ist alles das, was wir in der Geisteswissenschaft aufbringen, die Vorbereitung dazu, mit allen inneren Erkenntniskräften der Seele zuletzt zu erfassen, was eigentlich dieser Christus ist. Das ist eine bedeutende, große Aufgabe der fünften Kulturperiode.
[ 6 ] Nun wollen wir uns einmal ein wenig hineinversetzen, was damit eigentlich gesagt ist, wenn der fünften Kulturperiode solches zugemutet wird. Bringen wir vor unsere Seelen die Art, wie der ChristusImpuls seit dem Mysterium von Golgatha in der Menschheit gewirkt hat. Wenn der Christus-Impuls nur durch dasjenige hätte wirken können, was die Menschen über diesen Christus-Impuls im Laufe der Jahrhunderte, seitdem das Mysterium von Golgatha vollzogen worden ist, verstanden haben, dann hätte der Christus-Impuls nur wenig wirken können unter den Menschen. Aber er ist nicht ein solcher Impuls, der nur begrifflich zu dem menschlichen Verständnis oder zu dem Gefühlsverständnis gesprochen hat, sondern er ist ein realer Impuls, der mit lebendigen Kräften in den Verlauf der Geschichte selbst hineingeflossen ist. Dasjenige, wofür das auf Golgatha fließende Blut das äußere Symbolum ist, das ist ja das, wovon eine lebendige Kraft in die Menschheitsgeschichte hereinfließt.
[ 7 ] Versuchen wir, uns einmal an einem geschichtlichen Ereignis klarzumachen, wie dieser Christus-Impuls gewirkt hat, ohne daß ihn die Menschen schon verstanden haben; wie er gewirkt hat als eine lebendig treibende Kraft in der Entwickelung der Menschheit. Die fünfte nachatlantische Kulturperiode ist dazu berufen, in das Bewußtsein hereinzubringen die ganze innere Natur und Wesenheit des ChristusImpulses. Aber er hat schon als eine lebendige Kraft in den unterbewußten Seelenkräften gewirkt, bevor er in der Menschheit voll zum Bewußtsein erwachen konnte. Und eine derjenigen Gestalten, die der Christus-Impuls sich ausgesucht hat, um durch sie zu wirken, Bedeutsames zu wirken, ist zum Beispiel — man könnte auch noch andere anführen — die Gestalt der Jungfrau von Orleans. Wenn wir die Geschichte Europas bis zu dem Ereignis zurück verfolgen, das sich in Anknüpfung an die Persönlichkeit der Jungfrau von Orleans abgespielt hat, so müssen wir, auch wenn wir nur äußerlich die Geschichte betrachten, sagen: Mit dem, was sie dazumal vollbrachte, als sie, inmitten des französischen Volkes sich erhebend, die englischen Kräfte zurückgeschlagen hat — sie hat das ja in Wahrheit getan —, ist erst die Landkarte Europas so gestaltet worden, wie sie sich eben nach und nach gestaltet hat. Und alle andere Geschichtsbetrachtung ist im Grunde für die letzten Jahrhunderte, insofern sie europäische Volks- und Staatenverteilung betrifft, ein Märchen, ist etwas, was sich nicht bewußt ist, daß mit der Jungfrau von Orleans der Christus-Impuls war, der dazumal als ein lebendiger Impuls die Verteilung der europäischen Völker und Volkskräfte bewirkt hat. Und man möchte sagen: Während die gelehrten Leute über allerlei stritten, schon anfingen zu streiten über die Frage, ob man das Abendmahl in dieser oder jener Gestalt zu genießen habe, ob dieses oder jenes durch diese oder jene Formel gedeutet werde, und während so die gelehrten Leute zeigten, daß sie eben mit ihrem bewußten Verständnis noch nicht herangekommen waren an die Erfassung desjenigen, was der Christus-Impuls ist, wirkte dieser Impuls durch das einfache Landmädchen, durch die Jungfrau von Orleans, wirkte gestaltend in die europäische Geschichte hinein. Denn die Wirkung des Christus-Impulses ist eben nicht von dem Verständnis abhängig, das man ihm entgegenbringt. Durch seinen michaelischen Vertreter wirkte der Christus-Impuls in die Jungfrau von Orleans hinein. Nun aber mußte die Jungfrau von Orleans dazu etwas durchmachen, das einer Initiation ähnlich ist. Wir reden heute von der Einweihung, der Initiation und geben dazu dem Bewußtsein des Menschen die Regeln, die wir zusammengestellt haben in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber von einer solchen Einweihung konnte bei der Jungfrau von Orleans natürlich nicht die Rede sein. Bei ihr kann nur von einer Einweihung die Rede sein, die gewissermaßen ein Überbleibsel der älteren Einweihung war, die sich mehr in den unterbewußten Seelenkräften der Menschen vollzog. Nun haben sich gerade diese alten Einweihungen wie Elementarkräfte fortgepflanzt bis herauf in die neuere Zeit. In alten Sagen und Märchen und Legenden wird vieles erzählt: daß diesem oder jenem Menschen dieses oder jenes passiert ist, wodurch ihm die innere Seelenkraft aufgegangen ist, so daß er dieses oder jenes von der geistigen Welt gesehen hat. Solche Dinge sollen nur eine Andeutung davon sein, wie ohne menschliches Zutun, durch Wirkung göttlich-geistiger, die Welt durchwallender Kräfte, gewisse Menschen, die durch ihr Karma dazu geeignet sind, naturgemäße Eingeweihte sind, durch den Platz, auf den sie durch das Menschheitskarma hingestellt werden, wo dieses Menschheitskarma mit dem eigenen Karma zusammenfließt. Ein sehr schöner Nachklang an eine solche Natureinweihung, wie man sie nennen möchte, gibt uns ein Gedicht, welches davon spricht, daß der «Sonnensohn» Olaf Åsteson in den dreizehn Nächten und Tagen, die von der Geburt Christi bis zur Erscheinung Christi, bis zum 6. Januar, abfließen, in einer Art Schlafzustand verweilte. Olaf Åsteson: in dem Namen ist schon angedeutet, daß in ihm durch Vererbung liegende Erkenntniskräfte unterbewußter Art enthalten sind, denn Olaf Åsteson heißt eigentlich: derjenige, durch den das Blut seiner Ahnen geht. Der Sonnensohn Olaf Åsteson durchschläft und durchträumt die dreizehn Nächte, welche die finstersten des irdischen Jahres sind, oder wenigstens die größte Kraft der irdischen Jahresfinsternis in sich enthalten, vom ersten Weihnachtstag bis zum 6. Januar, dem Epiphaniasfest. Nun ist das nicht bloß eine menschliche abergläubische Spintisiererei, was sich in solchen Sagen und Legenden an diese Nächte knüpft. Denn in der Tat ist es so, daß es zwei Jahreszeiten gibt, die sich kosmisch gewissermaßen wie zwei entgegengesetzte Pole zum Leben der Seele des Menschen im Leibe verhalten. Wenn wir die Jahreszeit nehmen, die um das Johannisfest im Sommer liegt, so ist das die Zeit, welche besonders geeignet ist dazu, daß die menschliche Seele mit all ihren Leidenschaftsimpulsen durch die äußerliche physische Sonnenkraft, die da ihre größte Energie erreicht, im Kosmos aufgeht, sich mit dem Kosmos vereinigt. Daher war das Johannisfest der alten Zeit dazu bestimmt, in die menschliche Seele das an göttlich-geistigen Kräften hineinzulegen, was den Kosmos durchwellt und durchwallt, wenn die Menschen sich vergaßen und aufgingen bei diesem Fest in die äußeren starken physischen Kräfte des Kosmos. Da aber, wo die Sonnenkraft die schwächste physische Entfaltung erreicht, in der Mitte des Winters, erreichen dafür die geistigen Kräfte, die in der Finsternis wirken, die größte Stärke. Und mit Recht, man kann sagen, nach kosmischen Gesetzen liegt das Fest der Geburt des Jesus von Nazareth in dieser Zeit. Da, wo das äußere Physische am finstersten ist, kann die Seele das Gewaltigste erleben, wenn sie sich vereinigt fühlt mit den Kräften, die geistig die Aura der Erde durchspielen. Daher ist es in diesen Tagen, daß Olaf Åsteson schläft und schläft, und all das erlebt, was wir das Kamaloka nennen, dann das, was wir die Seelenwelt, und endlich das, was wir das Geisterland nennen. Und die norwegische Legende erzählt uns, wie Olaf Åsteson, nachdem er nach den dreizehn Nächten wieder erwacht, zu erzählen weiß von dem, was er erlebt hat, wie er den Seelen begegnet ist in der Seelenwelt und im Geisterlande. Das alles sind zwar Bilder, die einer imaginativen Erkenntnis entsprechen, aber sie deuten auf dasjenige, was wirklich lebendige Möglichkeiten der menschlichen Seele sind, wenn diese Seelen sich entrückt fühlen in jener Zeit der physischen Finsternis, die aber die Zeit der spirituellen Erleuchtung ist, wenn sie sich entrückt fühlen zu dem, was in der Erdenaura wallt und webt. Und am Ende der Legende sehen wir die Kräfte des Christus-Impulses, die mit Gewalt packen — aber das unterbewußte Verständnis des Olaf Åsteson. In solchen Legenden wird gleichsam von Natureinweihungen, die in alten Zeiten noch möglich waren, gesprochen, von einem Hinschauen in die geistige Welt. In diesen Zeiten hat die Erdenaura wirklich eine Kraft, die sie in andern Zeiten, wo sie von der physischen Sonnenkraft gleichsam überflutet und überstrahlt wird, nicht hat. Und da der Christus seit dem Mysterium von Golgatha mit der Erdenaura vereinigt ist, so kann auch die Kraft des Christus-Impulses in diesen Tagen ganz besonders in die Seelen hineinwirken, wenn ihr diese Seelen Empfänglichkeit entgegenbringen.
[ 8 ] Daher könnte man, bevor man irgend etwas geschichtlich untersucht, voraussetzen, daß, auch bei einer solchen Gestalt wie der Jungfrau von Orleans, der Christus-Impuls durch dreizehn Tage hindurch unterbewußt in ihre Seele hineingewirkt hätte; daß auch sie gewissermaßen — was Olaf Åsteson in den dreizehn Tagen und Nächten im Schlafzustand durchgemacht hat — etwas wie eine Erleuchtung durch den Christus-Impuls in den unterbewußten Seelenkräften durchgemacht hätte. Dann müßte die Jungfrau von Orleans aber einmal in den dreizehn Tagen, die vom 25. Dezember bis zum 6. Januar liegen, in einer Art schlafähnlichem Zustand gewesen sein, und am 6. Januar müßte dann, nachdem ihre Seele in einer Art von Schlafzustand war, der Christus-Impuls diese Seele ergriffen haben. Dasjenige, was man so voraussetzen kann, war wirklich in einer eigentümlichen Weise vorhanden, nur in einer ganz besonderen Zeit, wo der Mensch in der Tat in einer Art von Schlafzustand sein kann. Nämlich bevor der Mensch den ersten Atemzug im Erdenleben tut, bevor er dem Leib seiner Mutter entbunden wird und den ersten irdisch-physischen Lichtstrahl empfängt, verbringt er ja eine Zeit als werdender Mensch in einem wahren Schlafzustand. Und ebenso wie man am Abend in einen Traumesschlaf kommt, ist man im Leibe der Mutter in solch einem traumähnlichen Schlaf. Und diejenigen Tage, in denen der traumähnliche Schlaf am meisten für die unbewußten Einflüsse der geistigen Welt empfänglich ist, sind eben die letzten Tage, die der Mensch im Leibe der Mutter verbringt. Und so könnte es auch wohl sein, daß gerade diese Tage bei der Jungfrau von Orleans dazu verwendet worden wären, ihr den Christus-Impuls einzupflanzen, bevor sie mit physischen Augen das physische Sonnenlicht erblickte, den ersten Atemzug außer dem Leibe der Mutter tat. Das war der Fall, denn die Jungfrau von Orleans ist am 6. Januar geboren. Am 6. Januar vollzog es sich, daß das ganze Dorf zusammenlief, weil irgend etwas Unbestimmtes in der Dorfaura lag. Das ist eine historische Tatsache. Die Leute wußten nicht, was geschehen war: die Jungfrau von Orleans war geboren. Hinter solchen Dingen verbirgt sich vieles. Und erst dann, wenn die Menschheit dazukommen wird, diese geheimnisvolle Tatsache einmal im richtigen Licht zu sehen, wird auch Verständnis desjenigen vorhanden sein, was unter der Oberfläche der äußerlichen Sinnenwelt im Menschenwerden wirklich vorgeht. Die göttlichen Kräfte suchen sich die mannigfaltigsten Wege, um hineinzukommen in dasjenige, was menschliche Seele ist. Selbstverständlich mußte das Karma der Jungfrau von Orleans geeignet sein dazu, daß so etwas geschehen konnte. Aber indem das Karma der Jungfrau von Orleans zusammenfiel mit der Tatsache, daß sie am 6. Januar geboren ist, war dasjenige historisch gegeben, was möglich machte, daß auf diese Gestalt der Geschichte der Christus-Impuls besonders wirkte und Europa eine neue Gestaltung gab. Dies sind Dinge, die man prüfen kann, wenn man mit einigem Verständnis den Lauf der Geschichte beobachtet. Das sind die Dinge, an welche das geistige Verständnis anknüpfen wird in der Zukunft, wenn diese fünfte nachatlantische Kulturperiode wirklich alle Erkenntniskräfte aus den Seelen heraufholen wird. Die Seele wird dann bewußter und immer bewußter das Dasein des Christus-Impulses erleben. Aber sie wird das nur dann so erleben, wenn die Menschheit in den Stand kommt, Geisteswissenschaft nicht mehr als eine bloße Theorie zu betrachten, sondern als das lebendige Leben zu erfühlen, sie innerlich zu erfahren. Dann wird Geisteswissenschaft dasjenige bewirken können, was eigentlich ihre Mission im Werdegang der Menschheit ist.
[ 9 ] In einer solchen Zeit, wie die unsrige ist, müssen wir uns insbesondere klar darüber sein, daß der Abgrund überbrückt werden muß, der sich für ein materialistisches Zeitalter immer mehr und mehr auftut zwischen den Menschenseelen, die hier im physischen Leibe verkörpert miteinander leben, und denen, die schon durch die Pforte des Todes gegangen sind. Und immer mehr wird man dazukommen, auch die Seelen so zur gesamten Menschheit hinzugehörig zu erschauen, die in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen, wie diejenigen, die sich im physischen Leben zwischen Geburt und Tod befinden. Das Bewußtsein, daß wir alle vereint sind auf dem Erdenrund, auch diejenigen, die vor uns in die übetsinnlichen Reiche übergegangen sind, die nur mit andern Kräften unter uns wirken als wir, die wir im Leibe sind, dieses Bewußtsein muß immer stärker, immer intensiver werden. Aber dazu ist eben Verständnis der geistig wirksamen Kräfte notwendig. Dazu ist notwendig, daß wir lernen, die Zusammenhänge der irdischen Erscheinungen in jenem neuen Lichte zu nehmen, das die Geisteswissenschaft geben kann.
[ 10 ] Nur weil Geisteswissenschaft etwas sein soll, was zugleich unsere Herzen bewegt, indem es unsere Seelen in der Erkenntnis weiterbtingt, will ich — um einiges zu erläutern über den Weg, der zugleich ein solcher ist, daß er anknüpft an manches, was uns im weitern Umkreis unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnisströmung in den letzten Wochen beschäftigt hat —, will ich zu Ihnen sprechen von etwas, was in den letzten Wochen an uns herangetreten ist. Ich könnte gewiß auch andere Fälle wählen, aber diese Fälle sind mit unserem Karma verknüpft in einer unmittelbaren Weise, so daß ich über sie gerade am heutigen Tage wiederum sprechen kann. Und Sie können das, was da gesagt wird, auch für andere erweitern, die innerhalb und außerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung mit ihrem Schicksal und seinem Verhältnis zu ihrem Tode in einem ähnlichen Verhältnis stehen, wie das in den Fällen ist, von denen ich sprechen will.
[ 11 ] Da haben wir einen erschütternden Fall im vorigen Herbst in Dornach im Umkreis unseres Baues erlebt. Liebe Freunde waren mit ihren Kindern nach Dornach hingezogen, hatten sich dort in der Nähe des Baues angesiedelt, um die Gärtnerei zu besorgen. Und das älteste, sieben Jahre alte Kind, ein geistig unendlich aufgeweckter Knabe, der aber auch in bezug auf seine Herzenseigenschaften etwas ganz Eigentümliches war, der war wirklich etwas wie ein Sonnenkind. Man hatte innigsten Anteil an der Seele dieses Kindes, auch wenn man es nur flüchtig da und dort einmal sehen konnte. Als dann der Vater eingerückt war, um auf dem Schlachtfelde seine Pflicht als deutscher Bürger zu tun, da war der siebenjährige Knabe mit seinem Herzen, ich möchte sagen, schon so in der ganzen Situation des Lebens darin, daß er sich ganz besonders angestrengt hat, den Vater, so gut er konnte, zu ersetzen, um der Mutter zu helfen, indem er alles mögliche besorgte. Er fuhr in die Stadt, kaufte ein, der siebenjährige Knabe ganz allein. Bines Abends wurde nun der Knabe vermißt. Es war gerade ein Vortragsabend. Eine uns befreundete Persönlichkeit kam so etwa um zehn Uhr und sagte, daß der Knabe vermißt wäre. Und es konnte zum Schluß gar nicht unklar sein, daß dieses Vermißtsein des Knaben etwas zu tun habe mit dem Umfallen eines Möbelwagens, der in der Nähe des Baues an einer Stelle umgefallen war, wo vielleicht vorher kaum ein Möbelwagen gefahren ist, seit jener Zeit auch nicht wieder und wohl auch lange Zeit hindurch keiner fahren wird. Der Wagen war über eine kleine Böschung in eine Wiese hinein so heruntergefallen, daß die Fuhrleute sagten, es wäre keine Rede, daß man den Wagen am Abend noch heben könne. Sie spannten die Pferde aus, für die sie sehr besorgt waren, und ließen den Wagen ruhig liegen, um ihn am nächsten Tage zu heben, weil sie glaubten, man würde einen ganzen Tag zu tun haben, um den schweren Wagen heben zu können. Nun war es zehn Uhr abends. Wir mußten das Vermißtsein des Knaben in Zusammenhang mit dem Umfallen dieses Wagens bringen. Es wurden alle möglichen Instrumente herbeigeschafft, und alles, was arbeiten konnte, arbeitete, und in zwei Stunden war der Wagen gehoben. Um Mitternacht fanden wir den toten Knaben unter dem Möbelwagen.
[ 12 ] Nun, wenn man nur äußerlich beachtet und ins Auge faßt, wie von längerer Zeit her, bevor das geschehen war, sich alles zusammenschob, so daß der Knabe, der sonst immer einen etwas andern Weg gegangen war, wodurch er auf der rechten Seite am Wagen vorbeigegangen wäre, damals aber so ging, daß er an der linken Seite vorbeikam, wo ihn der Wagen gerade überfallen mußte, wenn man bedenkt, daß er etwas aufgehalten war in der wohlwollendsten Weise, so daß er etwa eine Viertelstunde später weggegangen ist — er hatte in der sogenannten Kantine etwas für das Abendbrot geholt —, so daß er später weggegangen ist, als er eigentlich wollte, wenn man bedenkt, daß das Ganze sich so vollzogen hat, daß es eigentlich wirklich auf ein paar, ja kaum ein paar Minuten ankam, daß der Knabe gerade an der Stelle war, wo der Wagen umfiel, und daß das Ganze nicht beachtet wurde; von gar nicht ferne schauten Leute zu, wie der Wagen umfiel, aber von dem Knaben hatte man nichts gesehen, wenn man das alles bedenkt, dann wird man schon äußerlich anerkennen, wie das im eminentesten Sinne ein Beispiel ist für eine leicht sich vollziehende logische Täuschung, der sich der Mensch hingeben kann.
[ 13 ] Ich habe öfter, auch vor Ihnen, anschaulich gezeigt, wie der Mensch sich schon im äußeren Leben Täuschungen hingeben kann, so daß er geradezu Ursache und Wirkung verwechselt. Gesagt habe ich: Man nehme an, man sähe von der Ferne einen Menschen am Rande eines Flusses gehen. Man sieht, wie er plötzlich taumelt und in den Fluß hineinfällt. Man zieht ihn nicht lange danach tot heraus. Nun ist man ja wohl berechtigt, nach allen äußeren Gründen anzunehmen, daß der Mensch ins Wasser gefallen und eben ertrunken ist. Und tut man nichts anderes, so wird es im menschlichen Urteil dabei bleiben. In diesem Falle bedarf es nur eines äußeren Mittels, um sich vielleicht vom Gegenteil zu überzeugen. Man hat an der Stelle, wo der Mensch in den Fluß gefallen ist, auch noch einen Stein gefunden und wird dadurch in dem Urteil bestärkt. Öffnet man die Leiche, so wird man finden, daß der Mensch vom Schlage getroffen wurde, daß er infolgedessen in den Fluß gefallen ist und daß er den Tod nicht aus dem Grunde gefunden hat, weil er in den Fluß fiel, sondern daß er hineinfiel, weil er tot war. Also Ursache und Wirkung sind völlig verwechselt worden. Das aber geschieht vor allen Dingen in der Wissenschaft für denjenigen, der die Dinge durchschaut, an vielen Stellen. In unserem Falle, wo der Knabe seinen Tod fand, müssen wir sagen: Den Möbelwagen hat das Karma dieses Knaben bestellt, den Wagen hat sein Karma gerade an die Stelle hingebracht. Falsch ist das Urteil, wenn man glaubt, da sei ein Zufall im Spiele gewesen. Der Knabe sollte in diesem Falle eben nur das siebente Lebensjahr in dieser Inkarnation erreichen. Und ich möchte sagen, die ganze Veranstaltung ist dazu gepflogen worden. Wir müssen da uns völlig daran gewöhnen, Ursache und Wirkung zu vertauschen gegenüber der Art, wie wir sie im gewöhnlichen Leben sehen.
[ 14 ] Wenn wir nun aber mit dem Blick des Sehers auf das Leben dieser Seele hinschauen, dann wird uns gewiß erschütternd, ganz gewaltig erschütternd, aber zu gleicher Zeit beleuchtend die göttlich-geistigen Geheimnisse der Welt, etwas aufgehen können, was bedeutsam ist. Es dauerte nicht lange nach des Knaben Tod, so war die ganze Aura des Dornacher Baues verändert. Und indem ich dieses sage, sage ich Ihnen etwas, was mit meinen Erfahrungen zusammenhängt. Wenn man selbst zu arbeiten hat für den Dornacher Bau der Anthroposophischen Gesellschaft, wenn man dasjenige einzuleiten hat, was dort auszuführen ist, dann weiß man, was man den helfenden Kräften verdankt, die aus einer solchen Aura in die Seele hereinwirken. Seit jenen Tagen ist mit der Aura des Dornacher Baues wirklich verbunden, echt verbunden dasjenige, was der noch unverbrauchte Ätherleib des Knaben war. Denn der Ätherleib ist ja dasjenige, was vom Menschen abgelegt wird. Die Individualität, aus dem Ich und Astralleib bestehend, geht dann weiter, das ist etwas anderes. Aber der Ätherleib, wenn er in so zartem Kindesalter abgelegt wird, hat Kräfte in sich, die noch jahrzehntelang den physischen Leib und das physische Leben hätten versorgen können. Nun sind diese Kräfte unverbraucht durch die Pforte des Todes gegangen. Sie werden nach einigen Tagen abgelegt. Und diese Kräfte wirken nun gerade mit der Aura des Baues zusammen. Man kann also nicht sagen, daß es bei dieser Individualität die Seele selbst ist, sondern es ist der unverbrauchte Ätherleib. Nichts geht auch in der geistigen Welt verloren. Der Physiker weiß, daß nichts verlorengeht von physischen Kräften, daß sich die Kräfte nur verwandeln. Auch in der geistigen Welt haben wir verwandelte Kräfte zu suchen, unverbrauchte Ätherkräfte, die von frühverstorbenen Menschen in die geistige Welt hinaufgehen. Wir kommen diesen Dingen nah, wenn wir an konkreten Fällen diese Dinge beobachten. Und nur aus diesem Grunde sei heute von solch konkreten Fällen zu Ihnen gesprochen.
[ 15 ] Eine liebe anthroposophische Freundin starb nach einem Leben, das ihr manche Prüfung gebracht hatte, vor Wochen in Zürich, und das Karma unserer Bewegung brachte es mit sich, daß ich bei der Einäscherung zu sprechen hatte. Die Zeit bis zur Einäscherung vom Tode ab dauerte vom Mittwoch abends sechs Uhr, wo der Tod eintrat, bis Montag früh um elf Uhr. Also eine etwas längere Zeit als gewöhnlich. Dadurch war die Abtrennung der Individualität von dem Ätherleib, während die Einäscherung geschah, schon geschehen. Nun war das Eigentümliche, daß in der Zeit, in welcher die Seele sich in den Tagen zwischen dem Eintreten des Todes und der Einäscherung schon vom Ätherleib losgetrennt hatte, die Notwendigkeit an mich herantrat: Du mußt vor der Einäscherungsrede und nachher, gewisse Worte sprechen. Wie diese Worte geprägt waren, damit hatte dasjenige, was eigenes Können, eigenes Wortprägen tut, wirklich recht wenig zu tun, sondern es ergab sich durch die Identifikation mit der Seele der Persönlichkeit, die durch die Pforte des Todes gegangen war, die Notwendigkeit, diese Seele zu charakterisieren, aber so zu charakterisieren, daß die Charakteristik gegeben war wie eine Eingebung, wie eine Erleuchtung, die von der Seele selbst kam. Die Seele sagte gleichsam: Präge Worte, durch die dasjenige in tönenden Worten erscheint, was meine Seele charakterisiert. — Aber es war in der Seele noch Unbewußtheit. Nicht bewußt rührten die Worte von der Seele her, sondern sie rührten von dem Wesen dieser Seele her. Ich mußte sie charakterisieren, wie sie sich nicht in egoistischer Weise selbst bespiegeln wollte, sondern wie sie sich erschien, wenn eine andere Seele sie betrachtete. Und für diese andere Seele ergab sich die Notwendigkeit bis in die Prägung der einzelnen Worte hinein, am Anfang desjenigen, was man eine Leichenrede nennen könnte, das Folgende zu sprechen. Wie in Anrede an die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen war, mußten die folgenden Worte gesprochen werden:
Du tratest unter uns.
Deines Wesens bewegte Sanftmut
Sprach aus Deiner Augen stiller Kraft
Ruhe, die seelenvoll belebt,
Floß in den Wellen,
Mit denen Deine Blicke
Zu Dingen und zu Menschen
Deines Innern Weben trugen;
Und es durchseelte dieses Wesen
Deine Stimme, die beredt
Durch des Wortes Art mehr
Als in dem Worte selbst
Öffenbarte, was verborgen
In Deiner schönen Seele weset;
Doch das hingebender Liebe
Teilnahmsvoller Menschen
Sich wortlos voll enthüllte —
Dies Wesen, das von edler, stiller Schönheit
Der Welten-Seelen-Schöpfung
Empfänglichem Empfinden kündete.
[ 16 ] Wie gesagt, am Anfang und am Ende der Bestattung mußten diese Worte gesprochen werden. Nun war in der Tat diese Seele gewissermaßen wie schlafend während des ganzen Vorganges, während der Bestattungszeremonie. Dann folgte die Einäscherung. Das Merkwürdige trat ein, daß der erste Augenblick eines nachher wiederum vergehenden Aufblitzens des Bewußtseins für die Seele in dem Moment eintrat, wo, man kann nicht sagen die Flamme, sondern die Wärme den Leichnam ergriff. Da konnte man sagen: Diese Seele ist nun durch die Pforte des Todes gegangen, ihren Ätherleib hatte sie abgelegt, und nun zeigte sich, wie eine solche Seele zurückblickt. Vor dieser Seele stand in diesem Rückblick die ganze Bestattungszeremonie, das heißt das, was gesprochen worden war; darauf blickte sie hin. Und man könnte da das Geheimnis der Zeitenwirksamkeit für die Seele sehen, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Das hätte man in einem solchen Falle immer sehen können. Wenn man hier im physischen Leib auf etwas, was im Raume steht, hinblickt und dann davon weggeht, so geht dieser Gegenstand nicht weg, sondern bleibt stehen, und man kann sich immer umschauen — man sieht, er bleibt stehen. So ist es aber nicht mit dem, was wir zeitlich erleben im physischen Leben; da haben wir nur ein Erinnerungsbild der Ereignisse. Wenn man dagegen nach dem Tode auf vergangene Ereignisse zurückblickt, so bleiben sie stehen; man blickt wie durch den Raum hindurch auf die Ereignisse. So war also stehengeblieben, was gesprochen worden war, die Seele blickte darauf zurück wie auf ein Raumgebilde durch den Zeitenlauf hindurch. Das ist das Hinblicken auf die Gebilde der Akasha-Chronik. Dann trat wiederum eine Art Schlafzustand ein. Aber besonders in diesem Falle zeigte sich so recht klar, wie unbegründet die Befürchtung der materialistischen Seele ist, daß das Bewußtsein, wenn die Seele durch die Pforte des Todes geht, herabgemindert werden könne. Wir haben nach dem Tode, wenn wir in eine Art Schlafzustand sinken, bis zum späteren Erwachen nicht kein oder zu wenig Bewußtsein, sondern wir haben zu viel Bewußtsein. Wir sind zunächst, wenn wir den Ätherleib abgelegt haben, wenn das Lebenstableau abgelegt ist, so erfüllt von Bewußtsein — ich habe darüber in dem in Wien gehaltenen Zyklus «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt» Näheres gesagt —, daß das Bewußtsein zunächst blendet, und der Mensch muß sich zuerst orientieren. Und er orientiert sich, indem er auf sein eigenes Erdenleben und auf seinen Charakter in diesem Erdenleben zurückblickt. An der Selbsterkenntnis muß er sich orientieren, da muß die Orientierungskraft angreifen, und von da aus wird dann gewissermaßen dasjenige, was zu viel Bewußtsein ist, so weit herabgedämpft, daß der Mensch, je nachdem, was er durch die letzte Inkarnation durchgemacht hat, es ertragen kann. Es ist also eigentlich ein Herabdärnpfen der Überfülle des Bewußtseins, die da war, bis zu dem Grade, den der Mensch ertragen kann. Aber es kann das etappenweise auftreten. Und unter dem Eindruck des Ergriffenwerdens des Leibes von der Wärme, der Hitze, entstand ein erstes Aufblitzen von wirklichem Bewußtsein in der Seele bei dieser uns befreundeten Persönlichkeit.
[ 17 ] Daß die Seele aber danach strebt, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, dasjenige zusammenzufassen, was in ihr ist, das zeigte sich mir besonders deutlich an einem andern Fall. Ich sagte, diese Dinge kann man ja bei jedem Tode erleben, aber ich führe Ihnen charakteristische Beispiele aus der allerjüngsten Zeit an. Es zeigte sich mir mit ganz besonderer Deutlichkeit bei einem andern Falle, wo eine befreundete Persönlichkeit, nachdem sie höhere Jahre erreicht hatte, durch die Pforte des Todes gegangen ist. Die letzten Jahre, die sie auf der Erde durchlebte, war sie mit allen Gefühlen und Empfindungen in einer seltenen Weise an das hingegeben, was man die Impulse der Geisteswissenschaft nennen kann. Sie war so, daß sie alles einzelne der Geisteswissenschaft mehr fühlte, als mit dem Verstande erfaßte, daß sie mit der Seele vereinigte die Art der Empfindung, des Fühlens, welches eine nicht theoretische, sondern lebenswahre Auffassung der Geisteswissenschaft gibt. Nun war es bei dieser Persönlichkeit so, daß ganz kurz nach der Todesstunde, während des Hineinlebens in das Lebenstableau mit dem Ätherleib, wie hinstrahlte von der Seele, mit der man sich dann identifizierte, dasjenige, was diese Seele als ihr Selbst jetzt zu erfassen suchte, wo sie den Leib abgelegt hatte. Und ich mußte mir dann ganz kurz nach dem Tode, als die Seele mit dem Ätherleibe noch vereinigt war, Worte aufschreiben, die ich auch wiederum nicht geprägt habe durch mein Menschenwissen, sondern die nichts anderes sind als eine Wiedergabe dessen, was die Seele sich innerlich in sich selbst erarbeitete, um gleichsam zusammenzufassen wie in eine Art Resümee dasjenige, was sie aus der Geisteswissenschaft hatte bekommen können, um zu einem innerlich vollen Selbstbewußtsein zu kommen. Da tönte es in der Seele mit den Worten, die ich dann auch, einer Eingebung folgend, vor und nach der Bestattungsrede zu sprechen hatte. Sie werden gleich den großen Unterschied zwischen dem ganzen Ton dieser Worte merken, die ich für die andere Persönlichkeit vorher angeführt habe.
In Weltenweiten will ich tragen
Mein fühlend Herz, daß warm es werde
Im Feuer heil’gen Kräftewirkens;In Weltgedanken will ich weben
Das eigne Denken, daß klar es werde
Im Licht des ew’gen Werde-Lebens;In Seelengründe will ich tauchen
Ergeb’nes Sinnen, daß stark es werde
Für Menschenwirkens wahre Ziele;In Gottesruhe streb’ ich so
Mit Lebenskämpfen und mit Sorgen,
Mein Selbst zum höhern Selbst bereitend;Nach arbeitfreud’gem Frieden trachtend,
Erahnend Welten-Sein im Eigensein,
Möcht’ ich die Menschenpflicht erfüllen;Erwartend leben darf ich dann
Entgegen meinem Schicksalsterne,
Der mir im Geistgebiet den Ort erteilt.
[ 18 ] Selbstcharakteristik der Seele in der Ich-Form! Sie haben bei dem Früheren den deutlichen Charakter, daß die betrachtende Seele die andere Seele charakterisieren muß im wechselseitigen Geistverkehr mit ihr. Hier hatte die betrachtende Seele nichts anderes zu tun, als sich ganz zu versetzen in die Seele, die sich noch mit den Kräften des Ätherleibes in ihrem durch die Geisteswissenschaft bereicherten Wesen zu erfassen suchte, um sich gewissermaßen klarzuwerden, wie sie sich nun zu orientieren hat in der geistigen Welt.
[ 19 ] Das sind wiederum Fälle, in denen so recht klar wird, wie der Mensch, indem er durch die Pforte des Todes geschritten ist, angewiesen ist darauf, in Selbsterkenntnis auf sein Selbst zurückzublicken. Und man konnte deutlich sehen, wie es für den Toten eine gewisse Hilfe ist, wenn der noch im physischen Leibe Weilende ihm hilft zu formulieren, in Worte zu fassen dasjenige, was in ihm waltet und webt. Selbstverständlich kommen später die Zeiten, wo der Mensch seine Schwächen und seine Fehler, seine Sünden erblickt in der Seelenwelt. Aber das müssen wir festhalten: So sehr zuweilen der Tod von denen, die noch im Leibe weilen, gefürchtet wird, von der andern Seite rückblickend gesehen, nimmt sich der Tod ganz anders aus. Hier im physischen Leben kann kein Mensch mit den gewöhnlichen Menschenkräften bis zur Stunde seiner Geburt zurückblicken. Eigentlich gibt es für keinen Menschen, der nicht hellsichtige Kräfte hat, eine Möglichkeit, sein Eintreten in die Welt anzuschauen; erst später tritt der Zeitpunkt ein, bis zu dem man zurückschauen kann. Gerade das Umgekehrte ist der Fall mit jener Geburt für die geistige Welt, die wir den Tod nennen. Auf diesen Zeitpunkt blickt der Mensch unausgesetzt in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Allein dieser Moment gehört zum Herrlichsten, Großartigsten, zum Allerschönsten, auf das man überhaupt in der geistigen Welt sehen kann. Von der andern Seite gesehen ist der Tod immer unmittelbar beweiskräftig dafür, daß der Geist unablässig seinen Sieg über die Leiblichkeit feiert. Und das erlebt man an sich selbst. Daher dieses Streben, das, was man sein kann, auch wirklich in der Seele nach dem Tode zu erleben. Daher ist es eine Hilfe, wenn eine im Leibe lebende Seele dasjenige in Worte prägt, wonach die Seele strebt, damit ihr das, was sie ist, klar mit all dem Besten, das sie hat, vor dem eigenen geistigen Blick stehe, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Man konnte gerade in diesem Falle so recht sehen, wie einem mit einer inneren Notwendigkeit solche Worte kommen, die sich auf das Selbst der betreffenden Seele beziehen, wenn man bei der Bestattung zu sprechen hat und nicht aus Willkür heraus spricht, sondern der göttlichen Stimme gehorcht, die einen zu tun heißt, was man zu tun hat.
[ 20 ] In einem noch andern Falle zeigte sich mir das durch den karmischen Verlauf der letzten Zeiten, als einer unserer Freunde in früher Jugend starb, der zu großen Hoffnungen gerade für unsere Bewegung berechtigt hat. Er starb im dreißigsten Jahr seines Lebens. Am 26. Februar würde er dreißig Jahre alt gewesen sein, kurz vorher starb er. Und dieser Freund, unser lieber Fritz Mitscher, er ist ja derjenige gewesen, der mit unendlicher, sich opfernder Hingabe dasjenige, was et, der eine Anlage zur Gelehrtennatur hatte, an Gelehrsamkeit erraffen konnte, geisteswissenschaftlich zusammenfaßte und damit in der Tat vor etwas stand, was für unsere Bewegung so notwendig ist: den Umfang unserer Wissenschaft so in sich aufzunehmen, daß man sie geisteswissenschaftlich durchdringt und geisteswissenschaftlich wiedergibt, so daß man voll auf dem Boden der wissenschaftlichen Gegenwart steht. Er war dazu gut vorbereitet. Auch wenn nun das Karma so verläuft, daß solche Seelen frühzeitig durch die Pforte des Todes gehen, so hat das seine Bedeutung im ganzen Weltenverlauf. Und wie es in den andern Fällen war — weil ich gerade durch das Karma dazu gedrängt war, bei der Bestattung zu sprechen —, so war es auch da, daß ich am Anfang und am Ende der Bestattungsrede Worte zu sprechen hatte, welche wiederum in derselben Weise gesprochen werden mußten, sich hineinversetzend in das Wesen der Seele, so daß die Worte wieder nicht willkürlich geprägt sind, sondern im lebendigen Zusammensein mit der durch den Tod gegangenen Seele gefaßt waren. Da mußte ich denn sagen:
Eine Hoffnung, uns beglückend:
So betratest Du das Feld,
Wo der Erde Geistesblüten,
Durch die Kraft des Seelenseins,
Sich dem Forschen zeigen möchten.Lautrer Wahrheitliebe Wesen
War Dein Sehnen urverwandt;
Aus dem Geisteslicht zu schaffen,
War das ernste Lebensziel,
Dem Du rastlos nachgestrebt.Deine schönen Gaben pflegtest Du,
Im der Geist-Erkenntnis hellen Weg
Unbeirrt vom Welten-Widerspruch
Als der Wahrheit treuer Diener,
Sichern Schrittes hinzuwandeln.Deine Geistorgane übtest Du,
Daß sie tapfer und beharrlich
An des Weges beide Ränder
Dir den Irrtum drängten
Und Dir Raum für Wahrheit schufen.Dir Dein Selbst zur Offenbarung
Reinen Lichtes zu gestalten,
Daß die Seelen-Sonnenkraft
Dir im Innern machtvoll strahle,
War Dir Lebenssorg’ und Freude.Andre Sorgen, andre Freuden,
Sie berührten Deine Seele kaum,
Weil Erkenntnis Dir als Licht,
Das dem Dasein Sinn verleiht,
Als des Lebens wahrer Wert erschien.Eine Hoffnung, uns beglückend:
So betratest Du das Feld,
Wo der Erde Geistesblüten
Durch die Kraft des Seelenseins
Sich dem Forschen zeigen möchten.Ein Verlust, der tief uns schmerzt,
So entschwindest Du dem Feld,
Wo des Geistes Erdenkeime
In dem Schoß des Seelenseins
Deinem Sphätensinne reiften.Fühle, wie wir liebend blicken
In die Höhen, die Dich jetzt
Hin zu andrem Schaffen rufen,
Reiche den verlaß’nen Freunden
Deine Kraft aus Geistgebieten.Höre unsrer Seelen Bitte,
Im Vertrau’n Dir nachgesandt:
Wir bedürfen hier zum Erdenwerk
Starker Kraft aus Geistes-Landen,
Die wir toten Freunden danken.Eine Hoffnung, uns beglückend,
Ein Verlust, der tief uns schmerzt:
Laß uns hoffen, daß Du ferne-nah,
Unverloren unsrem Leben leuchtest
Als ein Seelen-Stern im Geistbereich.
[ 21 ] Schon in der nächsten Nacht konnte ich es erleben, daß von dieser Seele aus dem Geistbereich das Folgende herübertönte:
Mir mein Selbst zur Offenbarung
Reinen Lichtes zu gestalten,
Daß die Seelen-Sonnenkraft
Mir im Innern machtvoll strahle,
War mir Lebenssorg’ und Freude.Andre Sorgen, andre Freuden,
Sie berührten meine Seele kaum,
Weil Erkenntnis mir als Licht,
Das dem Dasein Sinn verleiht,
Als des Lebens wahrer Wert erschien.
[ 22 ] Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich, als ich diese Verse hingeschrieben hatte, nicht daran gedacht habe, nicht im entferntesten, daß die beiden Strophen gerade so sind, daß jedes Dir in ein Mir, jedes Dein in Mein verwandelt werden können. Ich wurde darauf erst aufmerksam, als mir die beiden Strophen zurücktönten von der andern Seele wie eine Antwort in der nächsten Nacht. So daß die Strophen genau so bleiben konnten, nur daß sie aus der zweiten Person in die erste gesetzt waren.
[ 23 ] Wenn ich dies erwähne, so ist es, weil uns daran das Herzensverständnis aufgehen kann, wie in der Zukunft der Menschheitsentwickelung die Möglichkeit bleiben wird, von Seele zu Seele zu sprechen, wenn der Mund auch nicht mehr das Werkzeug ist. Denn wie wir hier für das Alltagsleben durch den Mund der andern Seele Antwort bekommen, so war es hier an einem Beispiel, wo die Seele noch sogar aus dem Unbewußten ihres Wesens heraus Antwort gab, gleichsam sagend: Ich habe verstanden, denn so war es mir wirklich im Leben; jetzt begreife ich es, nachdem ich den Leib abgelegt habe, was ich im Leben angestrebt habe.
[ 24 ] Es kommt wirklich nicht allein darauf an, daß wir Begriffe, Ideen und Vorstellungen über die geistigen Welten aufnehmen, sondern darauf, daß wir uns in einem bestimmten Leben in eine bestimmte Lebensart hineinleben als Mensch, indem wir als Menschen der fünften nachatlantischen Kulturperiode der sechsten und siebenten Kulturperiode entgegengehen. Es kommt darauf an, daß real überbrückt werde der Abgrund, der die Lebenden von den sogenannten Toten trennt, daß die Menschheit immer mehr und mehr eins wird, nicht nur insofern sie im Leibe inkarniert ist, sondern auch insofern sie diejenigen Formen des Daseins angenommen hat, die der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt durchlebt. Nicht etwa dies bloß der Menschheit zu bringen, ist die Geisteswissenschaft da, sondern für das Leben, das die Erde braucht für den Rest dieser nachatlantischen Entwickelung, ist die Geisteswissenschaft der erste, ich möchte sagen, noch stammelnde Versuch, denn, was in der Geisteswissenschaft gegeben werden kann, ist ja im Grunde genommen jetzt noch ein Stammeln nur gegenüber dem, was zukünftige Menschheitsgeschlechter an Geisteswissenschaft erleben werden.
[ 25 ] Ich wollte durch diese Schilderung, die versucht, durch die Kraft des Herzens dasjenige begreiflich zu machen, was wir über die Verhältnisse von Leben und Tod denken können, Sie heute auf dieses nach dem Leben Hingeordnete der Geisteswissenschaft verweisen, damit Ihnen für ein anderes Verständnis als das Kopfverständnis, für das Herzensverständnis aufgehe, was wir eigentlich durch die geisteswissenschaftliche Vertiefung lebensvoll suchen, was also die Aufgabe der fünften nachatlantischen Kulturperiode ist. Ihr wird ja die sechste, ihr wird die siebente folgen. Man begreift aber erst so recht, was mit der mitteleuropäischen Kultur zu verteidigen ist, wenn man gerade diese mitteleuropäische Kultur innig vereint fühlt mit dem, was in der fünften Kulturperiode für die Menschheit errungen werden muß. Und dann kann etwas beginnen von dem, was ich am Anfang der heutigen Betrachtung genannt habe: ein Erweitern des Blickes über dasjenige, was unsere schicksaltragenden Zeiten in ihrem Schoße haben.
[ 26 ] Im Osten bereitet sich eine Art des Menschenlebens vor, welche für die Zukunft eine Bedeutung haben wird. Sie brauchen darüber nur nachzulesen in dem Zyklus über die Mission der Volksseelen, der einmal in Kristiania gehalten worden ist. Aber grundverschieden von der Seelenart, die gerade diejenige des Mitteleuropäers ist, ist schon die Seelenart des Osteuropäers, vom weiteren Orient gar nicht zu sprechen — grundverschieden. Und wir müssen schon durch dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft sein soll, darauf kommen, uns für solche Sachen ein offenes Geistesauge zu schaffen. Was oftmals erzählt wird, daß einmal die Waräger von der russisch-slawischen Bevölkerung geholt worden wären, daß ihnen gesagt worden wäre: Wir haben ein schönes Land, aber wir haben keine Ordnung, kommt zu uns und macht uns Ordnung! Richtet uns eine Art von Staatswesen ein! was so wie gemüthaft erzählt wird wie ein Ausgangspunkt der russischen Geschichte, ist ja nichts weiter als eine Legende ohne jeden historischen Hintergrund. Das hat niemals so stattgefunden. In Wahrheit sind diese Waräger ausgezogen, als Eroberer, und sind wahrhaftig nicht gerufen worden. Und dennoch bedeutet das, was so erzählt wird in der Geschichte, doch noch mehr, als es selbst bedeuten würde, wenn es einer historischen Wahrheit entsprechen würde. Denn es bedeutet etwas Prophetisches, etwas wirklich Prophetisches, etwas, was noch nicht geschehen ist, was aber in der Zukunft geschehen wird. Was sich im Osten entwickeln soll, wird sich nämlich so entwickeln müssen, daß die Fähigkeiten der östlichen Völker verwendet werden, um dasjenige, was die Kultur des Westens geschaffen hat, aufzunehmen und in sich dann weiter zu verarbeiten, sich befruchten zu lassen mit dem, was im Westen geschaffen wird. Dies wird in der Zukunft einmal die Aufgabe der östlichen Völker sein. Man kann mit einem kurzen Wort das Wesen gerade des russischen östlichen Volkes charakterisieren. Wenn wir das wirkliche Volk betrachten — nicht jene verlogene Gemeinschaft, von der das russische Volk jetzt regiert wird —, dann müssen wir uns klar sein darüber, daß die russische Seele einen ungeheuren Umfang von Begabung hat, daß sie gewissermaßen zu allem begabt ist; aber gerade indem sie ihre Mission in der Welten- und Menschheitsentwickelung immer mehr entfaltet, wird sich zeigen, daß etwas da sein kann in der Menschheit, was man nennen kann: Begabung ohne produktive Kraft. Die Begabung wird noch immer mehr werden, wird immer größer werden. Dasjenige aber, was zum Beispiel den Mitteleuropäer so auszeichnet, daß er seine Begabung vereinigt hat mit der geistigen Kraft, daß er hervorbringt jenes «Wer immer strebend sich bemüht...» und intim mit seinem Volksgeist lebt; daß er dasjenige, was er verstehen will, zugleich hervorbtingen will, was so großartig in Fichtes Philosophie da ist, wo das Ich, um sich zu begreifen, sich fortwährend hervorbringen will — man wird erst später sehen, was für eine Größe diese Philosophie hat —, gerade dasjenige, was so Mitteleuropa auszeichnet, von dem ist das polarische Gegenteil in Rußland, im Osten Europas vorhanden. Diese russischen Seelen sind absolut aufnehmend: sie haben die größte Begabung für das Aufnehmen, und wenn man bei ihnen von Produktivität spricht, so täuscht man sich. Sie sind dazu berufen, Begabung ohne Produktivität zu entwickeln. Selbst der Begriff ist heute schwer zu fassen, weil es dies in der Entwickelung noch nicht gegeben hat, sondern sich erst nach und nach entwickeln muß. Und in der Zukunft wird es so kommen, daß von Osten herüber an den Westen der Ruf ergeht: Wir haben ein schönes Land, aber keine Ordnung — denn die Unordnung wird immer noch größer werden —, kommt und macht Ordnung! — Mitteleuropa ist dazu berufen, die Produktivität des Geistes hineinzutragen in den Osten. Und was jetzt geschieht, das ist ein unvernünftiges Sich-Wehren gegen das, was in der Zukunft doch geschehen muß. Man will zertreten dasjenige, zu dem man einmal wird kommen müssen, um zu sagen: Kommt zu uns und macht Ordnung! — Es ist so in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, daß dasjenige am meisten zurückgestoßen, am meisten zurückgeworfen wird, was man zuletzt am allermeisten ersehnen und ertrachten muß. Das größte Unglück, das kommen könnte, wenn der Osten Europas, wenn Rußland in diesem Vorgang einen Sieg erringen würde, das größte Unglück wäre dieses gar nicht für Mitteleuropa, sondern für Rußland selber, das allergrößte Unglück, innerlich betrachtet, denn dieser Sieg müßte wieder rückgängig gemacht werden; dieser Sieg könnte mit seinen Wirkungen nicht bleiben. So stehen wir vor dem tragischen Augenblick der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, daß sich der Osten vor etwas wehrt, was er in der Zukunft ersehnen wird, mit allen Kräften ersehnen wird. Denn er würde in einen vollständigen Niedergang verfallen, wenn er sich nicht befruchten ließe von dem geistigen Leben desjenigen, was für ihn der Westen ist, der unmittelbar angrenzende Westen. Und zwar muß dieser Westen im weiteren Verlaufe seiner Kultur dasjenige hervorbringen, was lebendiges Geistesleben ist, nicht bloß Idealismus, sondern lebendiges Geistesleben. Dieses lebendige Geistesleben wird wie eine Geistessonne sein, die von Westen nach Osten, in einer dem Lauf der äußern Sonne entgegengesetzten Richtung, sich bewegen wird. Und der äußere russische Mensch wird immer mehr einsehen, wie wenig er durch sich selbst vermag, wie er darauf angewiesen ist, sich wirklich in den ganzen Entwickelungsprozeß der Menschheit hineinzustellen; wie er die größte Sünde dadurch begeht, daß er sich an der für ihn westeuropäischen Kultur vergreift. Merkwürdige Vorblitze möchte ich sagen, könnten wir davon empfinden. Trat doch wiederum etwas auf in diesem Osten, was im Westen eine Unmöglichkeit war: die sogenannte Barfüßerweltanschauung, eine Art Philosophie der Barfüßer, die sich rasch, nachdem sie vor einigen Jahren noch gar nicht da war, über große Kreise verbreitet hat. Barfüßertum! Die Weltanschauung derjenigen, die den absoluten Unglauben an Menschen und Menschentum zu einer Philosophie machen, da sie nicht glauben können, daß der Mensch wirklich etwas anderes ist als dasjenige, was da zwischen Geburt und Tod herumwandelt, herumwandelt unter Mühsal und Schrecken, herumwandelt so, daß die Worte Freiheit, Brüderlichkeit, Erbarmen, Mitleid und Liebe leere Phrasen sind, und daß der nur weise ist, der als Pilger mit bloßen Füßen durch die Welt wandelt, barfuß, der die ganze Kultur, die ganze verfaulte westeuropäische Kultur — wie der Barfüßer sagt — als eine große Täuschung empfindet, und der die abgerissenen Kleider und die dumpfe Stube und die weite Straße als dasjenige betrachtet, wodurch sich der Mensch durchwälzt, wenn er sich zu der Barfüßerweltanschauung durchgerungen hat. Und wenn ein Dichter diese Barfüßerweltanschauung ausdrücken läßt durch eine seiner Personen mit bezeichnenden Worten, so muß uns das ganz merkwürdig berühren, uns, die wir versuchen, aus der mitteleuropäischen Weltanschauung immer das herauszufinden, was den Menschen das Licht der Zukunft anfachen kann. Wenn ein Dichter eine Person aussprechen läßt dasjenige, was aber im Grunde genommen eine Art von Fazit der Barfüßerweltanschauung und ihrer Philosophie sein kann, wie mutet es uns an?
[ 27 ] «Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er nimmt dich am Kragen, zerdrückt dich unter dem Nagel wie einen Floh! Dann mag dir ja leid um ihn sein!... Jawohl! Dann magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird dich für dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen, deine Eingeweide wird er sich über die Hand wikkeln und dir alle Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde... Ach du... Erbarmen! Bete zu Gott, daß man dich ohne alles Erbarmen einfach durchprügeln möge, und Schluß!... Erbarmen!... Pfui!»
[ 28 ] Und Gorki, von dem Sie schon manches gehört haben werden, sagt zu solchen Worten: «Grausam, aber wahr», indem er nun nicht nur die Weltanschauung einer dichterischen Persönlichkeit wiedergibt, wie sie der Dichter ausspricht, sondern seine eigene Weltanschauung ausspricht, die sich für ihn als die Betrachtung der Welt ergibt. Das ist die Weltanschauung eines Barfüßers, eine Weltanschauung, von der man gerade so reden kann wie von andern jetzt vorhandenen Weltanschauungen. Es ist die Weltanschauung, die die Möglichkeit verloren hat, aus sich herauszukönnen, aus sich heraus zu etwas zu kommen, das Licht hineinsendet ins Leben; die zu warten hat, bis sie von diesem Licht befruchtet wird, und dann ihre Mission in der Menschheitsevolution erfüllen kann; die sich aber jetzt aufbäumt gegen dasjenige, was sie gerade tun muß. Man hat viele Phrasen erleben können in der Welt, aber ich sage es aus dem tragischsten Empfinden heraus: Solche Phrasen, wie sie von den verschiedensten Parteien im August 1914 auf der Kriegsversammlung der russischen Duma gesprochen worden sind, solch eine Summe von Phrasen übersteigt den Höhepunkt aller Phrasenhaftigkeit. So etwas wird nur gesprochen, wenn alle lebendige Produktionskraft der Seele ausgepumpt ist. Im Osten steht man in Wirklichkeit am Vorabend desjenigen, was erst werden soll, und entfaltet eine Kraft, die entgegengesetzt liegt — dem, was einstmals diesen Osten groß machen wird. Und wir in Mitteleuropa haben uns zu sagen: Dieser Osten wartet doch gerade auf die spirituelle Weisheit, die in der Mitte von Europa aufgehen muß. Meine lieben Freunde, versuchen Sie, dasjenige in Empfindungen umzusetzen, was ich also mit schweren Empfindungen, möchte ich sagen, in einzelnen Worten charakterisierend angedeutet habe, was ich Ihnen so angedeutet habe, daß es dasjenige beleuchten kann, was wir als Geisteswissenschafter mit erweiterten Empfindungen überschauen und in das wir uns hineinfinden sollen, um die eigentliche Notwendigkeit, auch die zeitgeschichtliche Notwendigkeit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu begreifen. Dann werden wir uns mit Gedanken durchdringen, welche verständnisvoll von unseren Seelen hinaufgehen in die Weltenweiten. Gedanken, welche sich dann begegnen werden mit dem, was in der nächsten Zukunft, wenn wiederum Friede über den Gefilden der Erde sein kann, herunterwirken wird aus diesen geistigen Welten.
[ 29 ] Heute habe ich Ihnen gezeigt, wie die Ätherleiber derjenigen Seelen wirken, die als unverbrauchte Ätherleiber sich loslösen von den Seelen, die noch jahrelang, noch jahrzehntelang hier im physischen Leib, für das physische Leben wirken könnten. Es muß uns der Gedanke aufgehen, wie viele solche unverbrauchten Ätherleiberteile in die geistige Welt hinaufsteigen — noch außer demjenigen, was die auf den Schlachtfeldern durch die Todespforte gehenden Menschen durch ihre Individualität in die geistige Welt hinauftragen. Diese Ätherleiber aber werden eine große Summe von geistigen Kräften sein, jener geistigen Kräfte, welche mitwirken sollen aus den geistigen Sphären zur Heranbildung einer geistigen Weltanschauung, welche die Menschheit immer mehr und mehr ergreifen soll. Daß aber herunterwirken können aus den geistigen Sphären diese in den unverbrauchten Ätherleibern heraufgestiegenen Kräfte, dazu müssen ihnen begegnen Gedanken, die von Erdenmenschen wiederum hinaufsteigen in die geistigen Sphären, solche Gedanken, die Verständnis entgegenbringen dem geheimen Wirken der geistigen Welt, in das hineinverwoben sein werden die Kräfte dieser unverbrauchten Ätherleiber. Das aber soll für uns eine Aufmunterung sein, daß wir uns durchdringen mit den großen Wahrheiten der Geisteswissenschaft. Denn diese Wahrheiten werden in uns Gedanken anregen, die weiter und weiter auch in andern Menschen dann wirken werden. Und je nachdem, was als schicksalschwerer Inhalt unserer Tage sich entfaltet, werden friedensvolle Tage kommen, wo das, was die Seelen aus der Geisteswissenschaft in sich eingepflanzt haben, hinaufsteigen wird. Es wird sich begegnen mit dem, was aus den Ätherleibern derer, die auf den Schlachtfeldern der Ereignisse durch die Pforte des Todes gegangen sind, an Kräften sich angesammelt hat und herunterströmt. Und dann wird das eintreten, was ich zusammenfassen möchte in einige Worte als ein aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung sich ergebendes Fazit. Wenn wir die Früchte der Geisteswissenschaft in unsere Zeitenentwickelung recht hineinzustellen wissen, dann wird eintreten, was ich aussprechen möchte in den Worten:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Denken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
