Das Geheimnis des Todes
Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister
GA 159
9 Mai 1915, Wien
8. Der Krieg, Ein krankheitsprozess Mitteleuropa und der slawische Osten die Toten als Helfer des Menschheitsfortschrittes
[ 1 ] Nicht nur darf unsere geisteswissenschaftliche Weltanschauung sich wenden an die Entwickelung und das Emporkommen der einzelnen Seelen, sondern sie muß auch vor allen Dingen wirklich uns helfen, weitere Gesichtspunkte zu gewinnen für die Anschauung des Lebens. Und in unserer Zeit muß es uns ganz besonders nahegehen, solche weiteren Gesichtspunkte für die Beurteilung des Lebens zu gewinnen. Gewiß, es ist eine große und auch bedeutungsvolle Aufgabe für den einzelnen Menschen, durch dasjenige, was er als die Frucht der geisteswissenschaftlichen Selbsterziehung gewinnen kann, sich selbst weiterzubringen. Und nur dadurch, daß sich die einzelnen Menschen wirklich weiterbringen, können sie mitarbeiten an der Entwickelung der Menschheit überhaupt. Aber nicht allein darauf soll unser Augenmerk gerichtet sein, sondern wir sollen wirklich als Bekenner der anthroposophischen Weltanschauung auch die großen Ereignisse der Zeit von einem hohen Gesichtspunkte, einem wirklich geistigen Gesichtspunkte aus empfinden können. Wir sollen uns wirklich auf einen höheren Standpunkt versetzen können bei der Beurteilung dessen, was geschieht. Und einige Gesichtspunkte gerade mit Bezug auf die großen Ereignisse unserer Zeit mögen heute angegeben sein, weil unsere gegenwärtige Zusammenkunft in dieser schicksaltragenden Zeit liegt.
[ 2 ] Gehen wir von etwas aus, was uns als Menschen naheliegen kann. Menschen werden zu gewissen Zeiten von Krankheiten befallen. Krankheiten betrachtet man gewöhnlich als dasjenige, was unseren Organismus schädigt, was wie ein Feind in unseren Organismus eindringt. Nun ist ein solcher allgemeiner Gesichtspunkt keineswegs immer gerechtfertigt. Gewiß, es gibt Krankheitserscheinungen, die von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt werden müssen, wo gewissermaßen die Krankheit wie ein Feind hereindringt in unseren Organismus. Aber nicht immer ist es so. Es ist sogar nicht einmal in den meisten Fällen so, sondern die Krankheit ist in den meisten Fällen ganz etwas anderes. Die Krankheit ist in den meisten Fällen nicht der Feind, sondern gerade der Freund des Organismus. Dasjenige, was der Feind des Organismus ist, geht in den meisten Fällen der Krankheit voran, entwickelt sich im Menschen, bevor die äußerlich sichtbare Krankheit zum Ausbruch gekommen ist. Da sind einander widerstrebende Kräfte im Organismus darin, und die Krankheit, die zu irgendeiner Zeit ausbricht, ist der Versuch des Organismus, sich zu retten vor den einander widerstrebenden Kräften, die vorher nicht bemerkt worden sind. Die Krankheit ist oftmals der Beginn in der Arbeit des Organismus, die Heilung gerade herbeizuführen. Die Krankheit ist das, was der Organismus unternimmt, um die feindlichen Einflüsse, die der Krankheit vorangehen, zu bekämpfen. Die Krankheit ist die letzte Form des Prozesses, aber sie bedeutet den Kampf der guten Säfte des Organismus gegenüber demjenigen, was da unten lauert. Sie ist da, um das herauszutreiben aus dem Menschen, was da unten lauert. Nur dann, wenn wir die weitaus größte Anzahl der Krankheiten so ansehen, dann kommen wir zu einem richtigen Auffassen des Krankheitsprozesses. Es deutet also die Krankheit darauf hin, daß etwas vorgegangen ist vor dem Ausbruch der Krankheit, das gerade durch die Krankheit aus dem Organismus herauskommen soll. Wenn manche Erscheinungen des Lebens im richtigen Lichte gesehen werden, dann kommt man ganz leicht auf das, was eben gesagt worden ist. Die Ursachen können auf den verschiedensten Gebieten liegen. Worauf es ankommt, das ist das, was ich eben angedeutet habe: daß wir die Krankheiten ansehen als etwas, was ein Sich-zur-Wehr-Setzen des Organismus ist gegen die Dinge, die ausgetrieben werden sollen.
[ 3 ] Nun glaube ich nicht, daß es einen Vergleich gibt, der wirklich so zutreffend sein kann als der Vergleich einer solchen Summe von bedeutsamen, tief eingreifenden Ereignissen, wie wir sie jetzt seit dem Beginn des August 1914 über einen großen Teil der Erde hin erleben, mit einem Krankheitsprozeß des Menschenwerdens. Gerade das muß uns auffallen, daß diese kriegerischen Ereignisse wirklich ein Krankheitsprozeß sind. Aber falsch wäre es, zu glauben, daß wir damit fertig werden, wenn wir einfach diesen Krankheitsprozeß in dem unrichtigen Sinne auffassen würden, wie eben mancher Krankheitsprozeß aufgefaßt wird: als wenn er der Feind des Organismus wäre. Was als Ursache vorliegt, geht voraus dem Krankheitsprozeß. Nun kann uns gerade in unserer Zeit ganz besonders auffallen, wie wenig die Menschen in der Gegenwart geneigt sind, solche Wahrheiten zu berücksichtigen, die sich demjenigen unmittelbar als einleuchtend erweisen müssen, der geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht bloß in den Verstand, sondern auch in die Empfindung aufnimmt.
[ 4 ] Wir haben ja vieles unendlich Schmerzliche erfahren müssen gerade im Laufe der letzten, sagen wir, neun Monate — Schmerzliches erfahren müssen mit Bezug auf die Urteilsfähigkeit der Menschen. Ist es denn nicht eigentlich so, wenn man das, was schließlich doch durch die Literatur, die am meisten gelesen und von den verschiedensten Ländern der Erde verbreitet wird, liest, ist es denn nicht so, als wenn die Menschen, die urteilen über die heutigen Ereignisse, annehmen würden, daß im Juli 1914 eigentlich die Geschichte ihren Anfang genommen hat? Das war die traurigste Erfahrung, die wir neben allem andern Schmerzlichen haben mitmachen müssen, daß sich gezeigt hat, wie gerade die tonangebenden oder vielmehr artikelangebenden Menschen, die die öffentliche Meinung machen, im Grunde nichts von dem Werden der Ereignisse wissen und nur auf das Allernächste hinschauen. Daher sind die unendlichen Diskussionen, diese ganz hinfälligen Diskussionen entstanden. Wo liegt die Ursache zu den gegenwärtigen kriegerischen Konflikten? Immer wieder und wiederum hat man gefragt: Hat der die Schuld? Hat jener die Schuld? — und so weiter. Immer ist man kaum weiter zurückgegangen als bis zum Juli, höchstens Juni 1914. Ich erwähne das aus dem Grunde, weil ja das, was ich sage, wirklich ein Charakteristikum unserer materialistischen Zeit ist. Man glaubt gewöhnlich, der Materialismus bringe nur materialistische Denk weise, materialistische Weltanschauung zustande. Das ist nicht so. Der Materialismus bringt nicht nur diese zustande, sondern er bringt auch Kurzsichtigkeit zustande; der Materialismus bringt Denkfaulheit, bringt Einsichtslosigkeit zustande. Dasjenige, was materialistische Denkweise ist, führt dazu, daß man zum Schlusse alles beweisen und alles glauben kann. Und es gehört wirklich zu jener Selbsterziehung, die uns wahrhaft richtig gemeinte Anthroposophie geben muß, daß wir das einsehen, daß man, wenn man bloß auf dem Gebiete des Materialismus stehenbleibt, alles beweisen und alles glauben kann.
[ 5 ] Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Wenn man in den letzten Jahren da oder dort die geisteswissenschaftliche Weltanschauung vorgebracht hat und der oder jener glaubte, gegenüber der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung seine Ansicht geltend machen zu müssen, konnte man oftmals hören: Ja, Kart hat doch schon durch seine Philosophie bewiesen, daß der Mensch Grenzen des Erkennens habe, und daß man da nicht hinkommen kann, wo die geisteswissenschaftliche Weltanschauung hinkommen will im Erkennen. — Dann wurden angeführt die gewiß sehr interessanten Sachen, wodurch Kant bewiesen haben soll, daß man nicht in die geistige Welt hineindringen könne mit dem menschlichen Erkennen. Wenn man nun dennoch Geisteswissenschaft vertrat, dann kamen die Menschen und glaubten: Der leugnet ja alles, was Kant bewiesen hat! Und selbstverständlich steckte darin so etwas von der Behauptung: das müsse also ein besonders törichter Mensch sein, denn er leugne ja das streng Bewiesene.
[ 6 ] So ist es gar nicht. Der Geisteswissenschafter leugnet gar nicht, daß das absolut richtig ist, was Kant bewiesen hat, sondern es ist klar, daß das ganz gut bewiesen ist. Aber nehmen Sie einmal an, irgend jemand hätte in der Zeit, in welcher das Mikroskop nicht gefunden war, streng bewiesen, daß es kleinste Zellen in der Pflanze gäbe, aber man könne diese niemals finden, weil die menschlichen Augen nicht dazu eingerichtet seien. Das hätte sich streng beweisen lassen, und der Beweis wäre absolut richtig, denn das menschliche Auge, so wie es eingerichtet ist, kann niemals in den Organismus der Pflanze bis zu diesen kleinsten Zellen hineindringen. Ein absolut richtiger Beweis, der niemals umgestoßen werden kann. Doch das Leben hat sich so entwickelt, daß zum Menschenauge das Mikroskop gefunden worden ist, und daß trotz des strengen Beweises die Menschen zum Erkennen der kleinsten Zellen gekommen sind. Erst wenn einmal eingesehen wird, daß für die Erringung der Wahrheit Beweise ganz wertlos sind, daß Beweise richtig sein können, aber im Grunde nichts besonderes bedeuten für den Fortschritt der Wahrheitserkenntnis, erst dann wird man auf dem richtigen Boden stehen. Dann wird man wissen: Die Beweise können natürlich gut sein, aber die Beweise haben gar nicht die Aufgabe, wirklich zur Wahrheit zu führen. Denken Sie nur einmal an den Vergleich, den ich gegeben habe, dann werden Sie sehen, daß ebenso, wie absolut strikte der Beweis sein kann, daß die menschliche Sehfähigkeit nicht zur Zelle reicht, auch strikte sein kann der Beweis, die menschliche Erkenntnis könne, wie Kant sagt, nicht zu übersinnlichen Welten reichen. Die Beweise waren absolut richtig, aber das Leben geht über Beweise hinaus. Das ist nämlich auch etwas, was einem auf dem Wege der Geistesforschung gegeben wird, daß man seinen Gesichtskreis erweiternd wirklich dazukommt, an ein anderes zu appellieren als an den menschlichen Verstand und seine Beweise. Und derjenige, der sich auf materialistische Vorstellungen beschränkt, wird tatsächlich zu einem unbändigen Glauben an Beweise geführt. Wenn er einen Beweis in der Tasche hat, ist er überhaupt von der Wahrheit überzeugt. Geistesforschung wird uns gerade zeigen, daß man im Grunde das eine und das andere recht gut beweisen kann, daß aber Verstandesbeweise für die Erringung der wirklichen Wahrheit keine Bedeutung haben. Und so ist es denn eine Begleiterscheinung unserer materialistischen Zeit, daß die Leute in Verstandeskurzsichtigkeit verfallen. Und wird diese Verstandeskurzsichtigkeit auch noch von den Leidenschaften durchsetzt, so kommt das zustande, was wir heute nicht nur in den mit den Waffen kämpfenden europäischen Völkern sehen, sondern was wir sehen in der Befehdung der europäischen Völker gegenseitig, wo einer über den andern alles mögliche vorbringt und im Grunde keine Aussicht besteht, daß der eine den andern jemals — nicht nur während des Krieges — überzeugen könnte. Und wer den Glauben hat, daß ein neutraler Staat zwischen den Behauptungen zweier feindlicher Staaten etwa jemals wählen könnte, der hätte einen naiven Glauben. Selbstverständlich läßt sich das, was auf dem einen Boden gesagt wird, ebensogut vertreten, ja belegen durch allerlei Beweise wie dasjenige, was auf dem andern Boden gesagt wird. Einsicht bekommt man nur, wenn man sich einläßt auf die tieferen Grundlagen der ganzen menschlichen Entwickelung.
[ 7 ] Nun habe ich schon einige Jahre vor Ausbruch dieses Krieges versucht, durch den Zyklus über die einzelnen Volksseelen und ihre Wirkung auf die einzelnen Menschen in den verschiedenen europäischen Gebieten ein wenig Licht zu werfen darauf, wie sich die einzelnen Nationen gegenüberstehen, und daß da wirklich verschiedene Kräfte bei den verschiedenen Völkern herrschen. Heute wollen wir dasjenige, was dort gesagt ist, noch durch ein paar andere Gesichtspunkte ergänzen.
[ 8 ] Unsere materialistische Zeit denkt allzu abstrakt. Vor allen Dingen wird so etwas in unserer materialistischen Zeit gar nicht berücksichtigt, daß es im Leben eine wirkliche Entwickelung gibt, daß der Mensch heranreifen lassen muß dasjenige, was in ihm ist, damit es eben nach und nach reif werde zum wirklichen Urteil. Der Mensch — das wissen wir ja und es ist genügend ausführlich dargestellt in «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» — macht eine Entwickelung durch so, daß ungefähr in den ersten sieben Jahren sein physischer Leib, vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre der Ätherleib und so weiter ihre besondere Entwickelung finden. Wird schon dieser Fortschritt in der Entwickelung des einzelnen Menschen wenig berücksichtigt, so wird die parallele Erscheinung, die gleichbedeutende Erscheinung noch viel weniger berücksichtigt. Die Vorgänge, die sich innerhalb der einzelnen Volkszusammenhänge abspielen, werden ja gelenkt und geleitet — das wissen wir schon alle aus der Geisteswissenschaft — von Wesenheiten der höheren Hierarchien. Wir sprechen im wahren Sinne des Wortes von Volksseelen, von Volksgeistern. Und wir wissen, daß zum Beispiel der Volksgeist des italienischen Volkes inspiriert dasjenige, was wir Empfindungsseele nennen; daß der französische Volksgeist inspiriert dasjenige, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, daß die Bewohner der britischen Insel inspiriert werden durch die Bewußtseinsseele; in Mitteleuropa wird inspiriert dasjenige, was wir das menschliche Ich nennen. Damit wird nun aber kein Werturteil gefällt über die einzelnen Nationen, sondern es wird nur gesagt, daß das so ist. Daß zum Beispiel eine Inspiration des Volkes, das die britische Insel bewohnt, darin beruht, daß es als Nation alles das in die Welt hereinbringt, was durch Inspiration der Bewußtseinsseele von seiten des Volksgeistes bewirkt wird. Es ist merkwürdig, wie nervös geradezu auf diesem Gebiet die Menschen werden. Als das da oder dort während der kriegerischen Ereignisse von mir wiederum betont wurde, was, wie gesagt, in dem erwähnten Zyklus schon früher ausgesprochen worden ist, ja, da hat es Menschen gegeben, die es geradezu aufgefaßt haben wie eine Art Beschimpfung des britischen Volkes, daß gesagt worden ist, sie hätten die Aufgabe, die Bewußtseinsseele zu inspirieren, während die Volksseele, welche die deutsche Volksseele ist, das menschliche Ich zu inspirieren hat. Es war das gerade so, als wenn man es als Schimpf auffassen würde, wenn man sagt: Salz ist weiß, Paprika ist rot. — Es ist eine einfache Charakteristik, die Darstellung einer Wahrheit, die besteht, und als eine solche Wahrheit hat man das zunächst hinzunehmen. Man wird viel besser zurechtkommen mit dem, was waltet zwischen den einzelnen Gliedern der Menschheit, wenn man hinschaut auf die Eigentümlichkeiten, welche die einzelnen Völker haben, und nicht, wenn man alles durcheinanderrührt, wie es die heutige materialistische Anschauung macht. Selbstverständlich, der einzelne Mensch erhebt sich über dasjenige, was ihm durch seine Volksseele wird, und das ist ja gerade die Aufgabe unserer anthroposophischen Gesellschaft, daß sie den einzelnen Menschen heraushebt aus der Gruppenseelenhaftigkeit, daß sie ihn zum allgemeinen Menschentum erhebt. Aber dabei bleibt doch bestehen, daß der einzelne Mensch, insofern er in einem Volkstum steht, von diesem Volkstum in der Richtung inspiriert wird, daß zum Beispiel der italienische Volksgeist zu der Empfindungsseele spricht, der französische Volksgeist zu der Verstandes- oder Gemütsseele, der britische Volksgeist zu der Bewußtseinsseele. Wir haben uns also vorzustellen, daß gleichsam über dem, was die einzelnen Menschen in den einzelnen Nationen beginnen, der Volksgeist schwebt. Aber wie wir sehen, daß beim Menschen schon eine Entwickelung vorhanden ist, wie man beim einzelnen Menschen sagen kann: Das Ich kommt in einer gewissen Weise zur Entwickelung, zu einer besonderen Entwickelung in einem bestimmten Zeitraum des Lebens, so kann man auch mit Bezug auf die Volksseele im Verhältnis zu ihrem Volk von einer Entwickelung sprechen, richtig von einer Entwickelung. Nur ist diese Entwickelung etwas anders als beim einzelnen Menschen.
[ 9 ] Nehmen wir zum Beispiel herausgreifend das italienische Volk. Da haben wir also dieses Volk, und dann die zu diesem Volke gehörige Volksseele. Die Volksseele ist ein Wesen aus der übersinnlichen Welt, ist der Welt der höheren Hierarchien angehörig. Sie inspiriert die Empfindungsseele, und das geschieht nun immer, solange das Volk lebt, das italienische Volk — weil wir von diesem Volk sprechen —, aber sie inspiriert die Empfindungsseele in den verschiedenen Zeiten in der verschiedensten Weise. Es gibt Zeiten, in denen die Volksseelen die Angehörigen der einzelnen Nationen so inspirieren, daß diese Inspiration gleichsam seelisch geschieht. Da schwebt die Volksseele in höheren Regionen des Geistes, und ihre Inspiration geschieht so, daß sie nur in seelische Eigenschaften hinein inspiriert. Dann gibt es Zeiten, wo die Volksseelen weiter herunterschweben und stärker in Anspruch nehmen die einzelnen Angehörigen der Nationen, wo sie sie so stark inspirieren, daß nicht nur der Mensch sie in seine seelischen Eigenschaften hereinbekommt, sondern wo sie so stark wirken, daß bis in die körperlichen Eigenschaften hinein der Mensch von den Volksseelen abhängig wird. Solange ein Volk unter dem Einflusse der Volksseele so steht, daß sie nur die seelisch-geistigen Eigenschaften inspiriert, ist noch der Typus des Volkes nicht so ausgeprägt. Da wirken die Kräfte der Volksseele nicht so, daß der ganze Mensch bis in das Blut hinein ergriffen wird. Dann kommt eine Zeit, wo man’ gleichsam schon in der Art, wie der Mensch aus den Augen schaut, aus den Zügen, die sein Gesicht trägt, entnehmen kann, wie der Volksgeist heineinwirkt. Das prägt sich aus, daß die Volksseele sich tief herabgesenkt hat; sie nimmt stark und intensiv den ganzen Menschen in Anspruch.
[ 10 ] Beim italienischen Volke war es so, daß der Zeitpunkt, von dem ich gesprochen habe, wo der Volksgeist sich tief heruntersenkt, wo er so hineinwirkt, daß man in einzelnen Menschen den Abdruck finden kann, in der Mitte des 16. Jahrhunderts ungefähr war, so um 1550 herum. Dann wiederum schwebte die Volksseele gleichsam zurück, und von dieser Zeit an vollzieht sich das durch Vererbung auf die Nachkommen. Man kann also sagen: Das intensivste Zusammensein des italienischen Volkes mit seiner Volksseele war um 1550 herum. Da hat sich die italienische Volksseele am tiefsten heruntergesenkt, da hat dieses Volk der italienischen Halbinsel seinen präzisesten Charakter bekommen. Gehen wir zurück in die Zeit vor 1550, da sehen wir, daß die Charakterzüge durchaus nicht so ausgeprägt sind, daß einem das so stark entgegentreten könnte, wie von 1550 an. Da beginnt eigentlich erst das Charakteristische, was wir eben als Italienertum kennen. Da ist sozusagen die eigentliche Ehe erst geschlossen worden zwischen der italienischen Volksseele und der Empfindungsseele des einzelnen Menschen, der der italienischen Volkheit angehört.
[ 11 ] Für das französische Volk — ich rede also nicht von dem einzelnen Menschen, der sich über das Volkstum erheben kann — trat der ähnliche Zeitpunkt, wo also der Volksgeist sich am tiefsten heruntersenkte und das Volk ganz durchdrang, ungefähr um 1600 ein, im Beginne des 17. Jahrhunderts. Da ergriff der Volksgeist ganz die Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 12 ] Für das britische Volk trat der Zeitpunkt ein in der Mitte des 17. Jahrhunderts, etwa um 1650 herum. Da bekam erst das britische Volk seinen äußerlichen britischen Ausdruck.
[ 13 ] Wenn Sie solche Dinge wissen, dann wird Ihnen manches erklärlich sein, denn Sie können jetzt zum Beispiel in einer ganz andern Weise die Frage aufwerfen: Wie ist es mit Shakespeare in England? — Shakespeare hat in England gewirkt, bevor der britische Volksgeist am intensivsten gewirkt hat auf das englische Volk. Daher ist es, daß er nicht in England ordentlich verstanden wird. Bekanntlich gibt es dort Ausgaben, in denen alles ausgemerzt ist, was nicht ganz im Geschmack der Gouvernanten ist. Es ist Shakespeare sehr häufig im alleräußersten Sinne moralisiert. Und wir wissen ja, daß das tiefste Verständnis Shakespeares herbeigeführt worden ist nicht in England, sondern in der mitteleuropäischen Geistesentwickelung.
[ 14 ] Nun werden Sie die Frage aufwerfen: Wann war denn diese Berührung des Volksgeistes mit den Angehörigen des mitteleuropäischen Volkes? — Da ist es allerdings so: Dadurch, daß in Mitteleuropa das Ich das maßgebende ist, daß wirklich eine Art Herabschweben des Volksgeistes stattfindet, dann ein Wiederzurückgehen, dann wieder ein Herunterschweben, wieder ein Zurückgehen, da finden Wiederholungen statt. Und so haben wir in der Zeit ungefähr, in der die wunderbare Sagenwelt des Parzival, des Gral entstanden ist, ein solches Heruntersteigen des Volksgeistes, ein Sich-Vereinigen mit den einzelnen Seelen, ein Wiederzurückgehen und ein nächstes Herunterschweben ungefähr zwischen den Jahren 1750 und 1830. Da wird am tiefsten ergriffen dasjenige, was in Mitteleuropa lebt, von dem, was mitteleuropäischer Volksgeist ist. Seither ist wiederum ein Zurückgehen des Volksgeistes. So sehen Sie, wie eigentlich es ganz begreiflich ist, daß, sagen wir, Jakob Böhme in einer Zeit gelebt hat, in der er gerade wenig vom deutschen Volksgeist haben konnte. Da war nicht die Zeit, in der der Volksgeist sich verband mit den einzelnen Seelen des Volkes. Jakob Böhme ist daher, obwohl er der «Teutonische Philosoph» genannt wird, ein Mensch, der zeitlich unabhängig ist von dem, was sein Volksgeist ist; der gleichsam wie eine entwurzelte Erscheinung dasteht, wie eine ewige Erscheinung innerhalb seiner Zeit. Wenn wir Lessing, Schiller, Goethe nehmen, das sind auch deutsche Philosophen, die wurzeln ganz im deutschen Volksgeiste. Und das ist gerade das Charakteristische, daß diese in der Zeit zwischen 1750 und 1830 lebenden Philosphen im Volksgeiste ganz darin wurzeln. So sehen Sie also, daß es nicht bloß darauf ankommt, daß man nur weiß: Beim italienischen Volke wirkt der Volksgeist durch die Empfindungsseele, beim französischen Volke wirkt der Volksgeist durch die Verstandesseele, beim britischen Volke wirkt der Volksgeist durch die Bewußtseinsseele, beim mitteleuropäischen Volke wirkt der Volksgeist durch das Ich —, sondern daß man auch wissen muß, daß dieses in gewissen Zeitpunkten geschieht. Und die Ereignisse, die sich abspielen, werden geschichtlich nur erklärbar, wenn man solche Dinge wirklich weiß. Jener Unfug, der als Wissenschaft getrieben wird, wo man die Dokumente hernimmt und nacheinander die Ereignisse aufzählt und sagt, eines müsse man aus dem andern herleiten, dieser Unfug der Geschichtsforscher führt allerdings nicht zu einer wirklichen Geschichte, zu einem Verständnis des Menschwerdens, sondern eben nur, man kann sagen, zu einer Fälschung desjenigen, was in der Menschengeschichte waltet und wirkt.
[ 15 ] Und wenn man nun sieht, wie in ganz verschiedener Weise auf die einzelnen Völkerschaften — es könnten ja noch andere charakterisiert werden — dasjenige wirkt, was als Kraft diese Völkerschaften treibt, dann sieht man die gegensätzlichen Dinge, die da sind. Und man sieht, daß das, was heute geschieht, wahrhaftig nicht erst in den letzten Jahren geschehen ist, sondern in den Jahrhunderten sich eben vorbereitet hat.
[ 16 ] Schauen wir hinüber nach dem Osten, nach dem Gebiet, das die russische Kultur trägt. Das ganz Eigentümliche der russischen Kultur ist dieses, daß die russische Kultur erst dann zur Entfaltung kommen kann, wenn einmal der Zeitpunkt eintreten kann, wo die russische Volksseele sich verbindet mit dem Geistselbst — das ist auch schon ausgesprochen in dem genannten Zyklus. Das heißt, es muß ein späterer Zeitraum kommen, in dem dasjenige, was Charakteristik dieser Eigentümlichkeit des europäischen Ostens sein kann, sich erst ausprägen wird. Und das wird dann ganz verschieden sein von demjenigen, was im Westen von Europa oder in der Mitte von Europa sich abwickelt. Vorläufig aber ist es ganz erklärlich, daß dasjenige, was der russischen Kultur zugeteilt ist, überhaupt noch gar nicht da ist, sondern daß die russische Kultur — wie der einzelne Mensch — so zum Geistselbst steht, daß sie sich immer nach oben wendet. Der einzelne Angehörige des russischen Volkes und selbst tiefsinnige russische Philosophen sprechen nicht so, wie in Mitteleuropa das Größte gerade gesagt wird, sondern sie sprechen in ganz anderer Weise.
[ 17 ] Da finden wir etwas höchst Charakteristisches. Was ist denn ein Eigentümlichstes dieses mitteleuropäischen Geisteslebens? Sie wissen alle, daß es eine Zeit der großen Mystiker gegeben hat, in der Meister Eckart, Johannes Tauler und andere gewirkt haben. Sie alle haben im menschlichen Gemüte das gesucht, was in diesem menschlichen Gemüte selber enthalten ist als das Göttliche. Sie haben gesucht, den Gott in der eigenen Brust, in der eigenen Seele zu finden, «das Fünklein im Gemüte», wie Eckart sich ausdrückte. Dadrinnen, so sagten sie, muß es etwas geben, wo die Gottheit unmittelbar anwesend ist. Und so entstand jenes Streben, wo das Ich sich zusammenschließen wollte mit seiner Gottheit in sich selbst. Erkämpft sein wollte diese Gottheit; im Werden erkämpft sein wollte die Gottheit. Das geht als ein Zug durch das ganze mitteleuropäische Wesen hindurch. Denken Sie, wie unendlich gemütstief es ist, wenn derjenige, der ganz, ich möchte sagen, international auf dem Boden der mitteleuropäischen Kultur und des mitteleuropäischen Geisteslebens steht, Angelus Silesius, wenn der in einem seiner schönen Sprüche «Cherubinischer Wandersmann» sagt: Wenn ich sterbe, so sterbe nicht ich, sondern Gott stirbt in mir. — Denken Sie, wie unendlich tief das ist! Denn der das sagt, er ergriff lebendig die Idee der Unsterblichkeit, denn er fühlte: Wenn der Tod eintritt im einzelnen Menschen, so ist das, weil der Mensch durchdrungen ist von der Gottheit — diese Erscheinung des Todes ist nicht eine Erscheinung des Menschen, sondern des Gottes, und da der Gott nicht sterben kann, so kann der Tod nur eine Täuschung sein. Der Tod kann also keine Zerstörung des Lebens sein. Er weiß, daß eine unsterbliche Seele besteht, wer da sagt: Wenn ich sterbe, so sterbe nicht ich, sondern Gott stirbt in mir. — Es ist eine ungeheuer tiefe Empfindung, die bei Angelus Silesius lebt. Das ist eben durchaus eine Folge dieses Umstandes, daß hier die Inspiration im Ich geschieht.
[ 18 ] Wenn die Inspiration in der Empfindungsseele geschieht, kann das eintreten, was zum Beispiel bei Giordano Bruno eingetreten ist. Der Mönch fühlt sich mit aller Leidenschaft ein in das, was Kopernikus gefunden hat, fühlt die ganze Welt belebt. Lesen Sie eine Zeile bei Giordano Bruno, und Sie werden bestätigt finden, daß er, insofern er aus dem italienischen Volkstum herausgewachsen ist, gerade den Beweis dafür darstellt, daß da die Volksseele inspiriert die Empfindungsseele.
[ 19 ] Cartesius, Descartes, ist geradezu an dem charakterisierten Punkt der französischen Entwickelung geboren, wo der französische Volksgeist sich so recht vereinigte mit dem französischen Volk. Lesen Sie eine Seite bei Cartesius, dem französischen Philosophen, Sie werden finden, daß er auf jeder Seite bestätigt, was Geisteswissenschaft findet: Daß da die Inspiration des Volksgeistes auf die Verstandesseele wirkt.
[ 20 ] Lesen Sie Locke oder Hume oder einen andern englischen Philosophen, bis Mill und Spencer, überall Inspiration der Bewußtseinsseele.
[ 21 ] Lesen Sie Fichte in seinem Ringen im Ich selber, dann haben Sie die Inspiration des Ich durch die Volksseele. Das ist gerade das Eigentümliche, daß diese mitteleuropäische Volksseele im Ich erlebt wird, und daß daher das Ich das eigentlich Strebende ist, das Ich, ich möchte sagen, mit all seiner Stärke und all seinen Irrtümern, mit all seinen Irrwegen und auch mit all seinen Überwindungen. Wenn dieser mitteleuropäische Mensch zum Christus den Weg finden soll, so will er ihn in der eigenen Seele gebären.
[ 22 ] Versuchen Sie einmal nur irgendwie zu suchen — wenn es nicht äußerlich von der westeuropäischen Kultur übernommen ist —, in dem russischen Geistesleben diese Idee, den Christus oder einen Gott im Inneren zu erleben. Sie können es nicht finden. Da wird überall erwartet, daß dasjenige, was hereintritt in die Geschichte, wirklich so hereintritt, daß es, wie Solowjow sagt, wie ein «Wunder» hereintritt. Das russische Geistesleben ist sehr geneigt, im Übersinnlichen die Auferstehung des Christus anzuschauen, äußerlich das Hineinspielen einer inspirierenden Macht zu verehren, aber diese spricht so, wie wenn der Mensch darunter wäre, wie wenn sich das Inspirierende wie eine Wolke über die Menschheit hinbewegte, nicht wie wenn es hineinginge in das menschliche Ich. Dieses intime Beisammensein des Ich mit seinem Gott, oder auch, wenn es sich um Christus handelt, mit dem Christus, dieses Verlangen, daß der Christus im eigenen Gemüt geboren werde, das ist nur in Mitteleuropa zu finden. Und wenn einmal die ost-europäische Kultur zu der Entwickelung, die ihr angemessen ist, kommen wird, so wird sich das dann dadurch zeigen, daß jene Kultur begründet werden wird, die wie über den Menschen schwebt, die wiederum eine Art von Gruppenseelenhaftigkeit darstellt, nur auf einer höheren Stufe, als die alte Gruppenseelenhaftigkeit war. Vorläufig müssen wir es ganz naturgemäß finden, daß in der Art und Weise, wie selbst der russische Philosoph spricht, überall gesprochen wird von etwas, was wie die geistige Welt über der Menschenwelt schwebt, dem man aber nie so intim nahen kann, wie der mitteleuropäische Mensch mit seinem Ich sich dem nähern will, was das Göttliche ist, dem, was als Göttliches durch die Welt wallt und webt.
[ 23 ] Und wenn ich oftmals davon sprach, daß die Gottheit durch die Welt wallt und webt und wogt, so ist das aus der Empfindungswelt des mitteleuropäischen Menschen heraus und würde gar nicht verstanden werden können in derselben Weise, wie es vom mitteleuropäischen Gemüt aufgenommen werden kann, von irgendeinem andern Volkstum in Europa. Das ist das Charakteristische, das Eigentümliche des mitteleuropäischen Volkes.
[ 24 ] Das sind die Kräfte, die da leben in den einzelnen Völkern, und die sich gegenüberstehen, die daher immer wieder und wiederum in Wettstreit treten müssen, die sich gewaltsam entladen müssen, wie Wolken sich entladen und Blitze und Gewitter bewirken.
[ 25 ] Aber sehen wir denn nicht, so könnte man jetzt sagen, wie im Osten von Europa ein Wort ertönt hat, das gewissermaßen wie ein Losungsruf war und so wirken sollte, wie wenn die Kultur von Osteuropa etwa jetzt beginnen sollte, sich über das wenig wertvolle Westeuropa auszudehnen, es zu überströmen? Sehen wir denn nicht, wie die Slawophilen, die Panslawisten, der Panslawismus auftrat, besonders auch in Geistern wie Dostojewskij und ähnlichen, wie er auftrat mit den besonderen Punkten seines Programms, wie da gesagt wurde: Ihr Westeuropäer allzusammen, ihr habt eine faulgewordene Kultur, die muß ersetzt werden von Osteuropa. — Dann wurde eine ganze Theorie aufgebaut, eine 'Theorie, die vor allen Dingen gipfelte darin, daß gesagt wurde: Im Westen ist alles faul geworden, das muß ersetzt werden durch die frischen Kräfte des Ostens. Wir haben die gut orthodoxe Religion, die wir nicht bekämpfen, sondern die wir hingenommen haben eben wie die über den Menschen schwebende Wolke des Volksgeistes und so weiter. Und da wurden dann geistvolle "Theorien aufgebaut, ganz geistvolle Theorien, was jetzt schon die Grundsätze, die Intentionen des alten Slawentums sein könnten, wie vom Osten jetzt schon die Wahrheit sich über Mittel- und Westeuropa ausbreiten müsse.
[ 26 ] Ich sagte, der einzelne kann sich über sein Volkstum erheben. Solch ein einzelner war auf einem bestimmten Gebiet auch Solowjow, der große russische Philosoph. Obwohl man auch bei ihm in jeder Zeile merkt, daß er als russischer Mensch schreibt, so steht er doch über seinem Volkstum. In der ersten Zeit seines Lebens war Solowjow Panslawist. Aber er hat sich genauer befaßt mit dem, was die Panslawisten und Slawophilen als eine Art Völkerphilosophie, Völkerweltanschauung aufgestellt haben. Und was hat Solowjow, der Russe, gefunden? Er hat sich gefragt: Ist denn wirklich dasjenige, was das Russentum ist, schon in der Gegenwart da? Ist das vielleicht schon enthalten bei denjenigen, die den Panslawismus vertreten, die das Slawophilentum vertreten? — Und siehe da, er ruhte nicht, bis er auf das Richtige kam. Was hat er gefunden? Er hat die Behauptung der Slawophilen, zu denen er vorher gehört hatte, nachgeprüft, er ist ihnen zu Leibe gerückt, und da hat er gefunden, daß ein großer Teil der Denkformen, der Behauptungen, der Intentionen, hergenommen ist von dem jesuitenfreundlichen französischen Philosophen de Maistre, daß er der große Lehrer der Slawophilen auf dem Gebiete der Weltanschauung ist. Solowjow hat selbst bewiesen, daß das nicht auf eigenem Boden gewachsen ist, was Slawophilismus ist, sondern von de Maistre herstammt. Und er hat noch mehr bewiesen. Er hat aufgestöbert ein längst vergessenes deutsches Buch aus dem 19. Jahrhundert, das in Deutschland kein Mensch kennt. Ganze Partien desselben haben die Slawophilen abgeschrieben in ihrer Literatur. Was ist da für eine eigentümliche Erscheinung eingetreten? Man glaubt, vom Osten komme etwas, was im Osten entstammt sein soll, und es ist rein westlicher Import. Es ist herübergekommen aus dem Westen und dann den westlichen Menschen wieder entgegengeschickt. Die westlichen Menschen werden mit ihren eigenen Gedankenformen bekanntgemacht, weil die eigenen Gedankenformen im Osten noch nicht vorhanden sind.
[ 27 ] Gerade wenn man den Dingen genau zu Leibe geht, bestätigt sich überall das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat. So daß man es schon in dem, was sich vom Osten heranwälzen will, mit etwas zu tun hat, was noch elementar ist, mit etwas, was erst seine Entwickelung finden wird, wenn es ebenso liebevoll aufnimmt dasjenige, was in Mitteleuropa sich entwickelt hat, wie dieses Mitteleuropa einmal liebevoll aufgenommen hat das griechische und lateinische Wesen vom Süden her. Denn so geschieht die Entwickelung der Menschheit, daß das Spätere das Frühere aufnimmt. Und das, was ich in dem öffentlichen Vortrag als die faustische Denkweise Mitteleuropas charakterisieren konnte durch die Worte: Es gab ein Jahr 1770 — Goethe empfand es als ein faustisches Streben, als er sagte:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
[ 28 ] Da kam ein ungeheuer reiches, deutsches Geistesleben, ein ungeheuer intensives, reiches Streben im deutschen Geistesleben. Aber wenn Goethe seinen «Faust» vierzig Jahre später geschrieben hätte, gewiß hätte er nicht angefangen: «Habe nun, ach! Philosophie... .» und so weiter studiert und bin nun der für alle Zeiten weise Mann geworden —, sondern er hätte genau ebenso seinen «Faust» geschrieben wie 1770. Dieses lebendige Streben kommt eben her von der Inspiration der Volksseele in das Ich hinein, von jenem intimen Zusammensein des Ich mit dem Volksgeiste. Das ist eine Grundeigentümlichkeit der mitteleuropäischen Geisteskultur. Und mit dieser muß sich die osteuropäische Kultur liebevoll verbinden, muß sie aufnehmen. Dasjenige, was einfließen mußte nach Mitteleuropa, es wurde einmal von der südlichen Kultur empfangen, aufgenommen. Jetzt aber ist es nicht anders, wenn vom Osten her die elementare Entwickelungswelle sich wälzt, als wenn der Schüler auf seinen Lehrer wütend ist, weil er von ihm etwas lernen soll und ihn deshalb durchprügeln will. Es ist ein etwas trivialer Vergleich, aber es ist doch ein Vergleich, der durchaus präzise die Sache gibt. Menschenmassen mit ganz verschiedenen inneren Entwickelungskräften wohnen in Europa zusammen. Diese verschiedenen Entwickelungskräfte müssen in gegenseitige Konkurrenzwirksamkeit kommen, sie müssen sich in verschiedener Weise behaupten. Was da ist an widerstrebenden Kräften, an Kräften, die ins Widerspiel kommen, das hat sich lange, lange entwickelt. Und gerade wenn man auf die Feinheiten sieht, so findet man, wie sich darin überall dasjenige ausspricht, was Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 29 ] Ist es denn nicht so wundervoll ausgesprochen, drängt sich nicht die Welle der europäischen Entwickelung so zusammen, daß gleichsam symbolisch vor die ganze Menschheit hingestellt wird, wie in Mitteleuropa empfunden werden muß das intime Zusammenleben des Ich mit der geistigen Welt; wie der Gott erlebt werden soll im «Fünklein im Gemüte», wie der Christus erlebt werden soll im «Fünklein im Gemüte»! Der Christus selber muß im menschlichen Ich wirksam lebendig werden. Daher neigt sich in Mitteleuropa wie in keiner andern europäischen Sprache allmählich die ganze Entwickelung dem zu, daß das «Ich» genannt wird. Und Ich ist «I-C-H». Wie ein mächtiges Symbolum im intimen Zusammenwirken dessen, was dem Gemüte das Heiligste sein kann mit diesem Gemüte selber, steht das da in Mitteleuropa: Ich = I-CH — Jesus Christus! Jesus Christus und zugleich das menschliche Ich. So wirkt der Volksgeist, inspirierend das Volk, um in charakteristischen Worten auszudrücken, was die zugrunde liegenden Tatsachen sind. Ich weiß wohl, daß die Menschen lachen, wenn so etwas gesagt wird; wenn ausgesprochen wird, daß jahrhundertelang der Volksgeist gearbeitet hat, damit die Bezeichnung Ich zustande gekommen ist, die so symbolisch bezeichnend ist. Aber lassen wir die Menschen lachen! Nur noch wenige Jahrzehnte, und sie werden nicht mehr lachen, sondern sie werden das dann viel bedeutender nennen, als was die Leute heute Naturgesetze nennen.
[ 30 ] Was so wirkte als Entwickelungswelle, das wirkte recht charakteristisch. Das Bewußtsein sagt manchmal nur einen ganz geringen Teil der Wahrheit; aber was in den unterbewußten Tiefen wirkt, das spricht sich viel, viel wahrer aus. Wir sprechen zum Beispiel von Germanen. Worte bilden sich durch den wirkenden Sprachgenius. Ein Teil der Bewohner Mitteleuropas nennt sich «Deutsche». Wenn er aber von Germanen spricht, so rechnet er dazu Deutschland, Österreich, Holland, die skandinavischen Völker, aber auch die Bewohner der britischen Insel. Er dehnt das Wort Germanen über ein weites Gebiet aus. Der Bewohner der britischen Insel aber weist das zurück. Er nennt bloß den Deutschen «German» — Germane. Er selbst hat nicht das Wort Germane für sich. Die deutsche Sprache umgreift mit dem Wort einen viel größeren Kreis. Sie ist als solche geneigt, das Wort in den Dienst der Selbstlosigkeit zu stellen; er nennt nicht bloß sich Germane, der Deutsche, er umfaßt die andern mit. Der andere, der Brite, weist das zurück. Gehen Sie einmal auf das Wunderbare im sprachschöpferischen Genius ein, dann werden Sie sehen, daß darin wirklich Wunderbares ist. Mit Bezug auf das, was die Menschen im Bewußtsein haben, entsteht die Maja, die große Täuschung. Was in unterbewußten Tiefen waltet, das wirkt viel, viel wahrer. In dem spricht sich ungeheuer Bedeutsames und Tiefes aus.
[ 31 ] Und jetzt vergleichen Sie mit der Art, wie man intim zu Werke gehen muß, um die europäischen Kräftespiele zu verstehen, vergleichen Sie mit dieser intimen Art die grobklotzige Art, mit der man heute die Verhältnisse der europäischen Völker zueinander ansieht, und Sie werden erst einsehen können, welche Verwüstung in der menschlichen Urteilskraft das materialistische Zeitalter angerichtet hat. Daß man angefangen hat zu denken, die Materie trägt und hält alles, ist noch nicht das Schlimmste, sondern daß man kurzsichtig geworden ist, daß man auf die Hauptsache nicht sehen kann, nicht auch nur einen Schritt hinter den Schleier tut, der als Maja über die Wahrheit gewoben ist, das ist das eigentlich Schlimme.
[ 32 ] Der Materialismus hat gut vorbereitet, was er gewollt hat. Und auch da hat der Genius gewirkt, nur ist der Genius, der den Materialismus als der höchste Anführer bewirkt hat, Ahriman. Er hat einen mächtigen Einfluß gehabt in den letzten Jahrhunderten, einen recht mächtigen Einfluß. Und ich möchte noch kurz auf ein Kapitel hinweisen, auf das man vielleicht nicht gerne heute hinweist. Wenn es geschieht, betrachtet man es als eine besondere Verrücktheit. Man kommt dem Menschen am leichtesten bei, wenn man ihm, wenn er noch jung ist, in sein Vorstellungsvermögen, in sein Gemüt dasjenige hineinträufelt, was dann in ihm auswachsen soll. Im späteren Leben ist ja den wenigsten Menschen noch etwas gründlich beizubringen. Nie hätte Ahriman daher eigentlich bessere Aussichten, die Seelen richtig materialistisch zu präparieren, als wenn er in die jugendlichen, die kindlichen Seelen schon hineinträufelt, was dann selber weiter wirkt im Unterbewußten. Wenn in dem Zeitraum, wo der Mensch noch nicht mit Verstandeskräften nachdenkt, schon die materialistischen Denkformen aufgenommen werden, dann werden die Menschen gründlich materialistisch denken lernen, wenn der Materialismus schon in die kindlichen Gemüter gepflanzt wird! Das hat Ahriman in der Form getan, daß er einen Schriftsteller der materialistischen Zeit mit der Idee des «Robinson Crusoe» inspiriert hat. Wer nämlich wirklich sehenden Geistes den «Robinson» auf sich wirken läßt, der wird dadrin sehen, wie im «Robinson» gründlich die materialistischen Vorstellungen wirken. Es sieht nicht so aus, aber das Ganze — wie der «Robinson» aufgebaut ist, wie er in diesem Abenteurerleben im äußeren Erleben zu allem getrieben wird, bis zuletzt selbst die Religion wie Kohlköpfe auf Feldern aufwächst — das alles präpariert das kindliche Gemüt sehr gut zum materialistischen Denken. Und wenn man bedenkt, daß es in einem gewissen Zeitraum — im 16., 17., 18. Jahrhundert — einen böhmischen, einen portugiesischen, einen ungarischen und so weiter Robinson als Nachahmung des «Robinson Crusoe» gegeben hat, so muß man sagen: die Arbeit ist gründlich geleistet worden, und der Anteil, den die «Robinson»-Lektüre an der Ausbildung des Materialismus gehabt hat, ist etwas Ungeheures.
[ 33 ] Gegenüber solchen Erscheinungen muß daraufhingewiesen werden, daß es auch etwas anderes gibt, was die Kinder in ihr Verständnis bis spät ins Leben aufnehmen sollen: das sind die Märchen, die in Mitteleuropa leben, und besonders die Märchen, welche die Brüder Grimm gesammelt haben. Das ist eine viel bessere Literatur für die Kinder als der «Robinson». Und wenn in unserer Zeit dasjenige, was zwischen den europäischen Völkern in so furchtbarer, so schwerer, schicksaltragender Weise geschieht, als eine Mahnung aufgefaßt wird, etwas genauer hinzusehen auf die Art und Weise, wie sich in dem Untergrund der Ereignisse entwickelt hat dasjenige, was sich in die Gegenwart hineinerstreckt, dann wird man vor allen Dingen erkennen, daß es schließlich wirklich nicht darauf ankommt, ob nun ein paar deutsche Gelehrte ihre Orden und Diplome nach England zurückschicken! Wenn sich die Mahnung der Zeit so stark erweist, daß man die materialistisch inspirierte Bewußtseinsseele des britischen Volkes in ihrer Bedeutung erkennt, so wird man auch die Bedeutung der «Robinson»-Lektüre durchschauen und den ganzen Robinson einmal ausmerzen. Viel gründlicher, viel radikaler wird zu Werke gegangen werden müssen, wenn man die Mahnungen unserer heutigen Zeit einmal im richtigen Sinne wird berücksichtigen können.
[ 34 ] Es ist jetzt fünfunddreißig Jahre her, daß ich angefangen habe, Goethe zu interpretieren, gerade in seiner geisteswissenschaftlichen Aufgabe. Ich habe versucht zu zeigen, wie in der Goetheschen Entwickelungslehre eine wirklich große, geistgemäße Entwickelungslehre gegeben ist. Es muß die Zeit kommen, wo das in weiteren Kreisen eingesehen wird. Denn Goethe hat eine große, gewaltige Entwickelungslehre gegeben, die geistgemäß ist. Das war den Menschen schwierig, zu verstehen. Da hat dann im materialistischen Zeitalter Darwin besser wirken können, der in vergröberter, materialistischer Weise das gegeben hat, was Goethe in feiner, geistiger Weise als Entwicklungslehre gegeben hat. Es war eine gründliche Verengländerung, die Mitteleuropa ergriffen hat. Nun denken Sie sich die Tragik, die eigentlich darin liegt, daß der englischste Naturforscher in Deutschland, Ernst Haeckel, der ganz schwor auf Darwin, auftreten mußte mit seinem wütenden Haß gegen das Engländertum, und als dieser Krieg ausbrach, einer der ersten war, die an England die erhaltenen Orden und Diplome zurückschickten. Um den englisch gefärbten Darwinismus zurückzuschicken, wird er wohl schon zu alt gewesen sein, das aber wäre das Wesentliche, das Wichtigere.
[ 35 ] Die Dinge, um die es sich handelt, liegen ungeheuer tief, sie sind ungeheuer bedeutungsvoll, und sie hängen zusammen mit der notwendigen geistigen Vertiefung unserer Zeit. Wird man einmal einsehen, wie unendlich tiefer die Goethesche Farbenlehre ist als die Newtonsche Farbenlehre, wie unendlich tiefer die Goethesche Entwicklungslehre ist als die Darwinsche Entwicklungslehre, dann wird man sich erst bewußt sein dessen, was das mitteleuropäische Geistesleben birgt, auch mit Bezug auf solche höchste Gebiete.
[ 36 ] Ich will durch alles dies in Ihren Seelen nur eine Empfindung hervorrufen, welche Mahnung uns die gegenwärtigen schweren, schicksaltragenden Ereignisse sein müssen. Eine Mahnung zu arbeiten, die uns dahin führen soll, uns zu besinnen auf das, was da steckt im mitteleuropäischen Geistesleben und was gewissermaßen eine Verpflichtung ist, es heraus- und hervorzuholen. Das meinteich auch, alsich gestern in dem öffentlichen Vortrag sprach davon, daß dieses mitteleuropäische Geistesleben Keime enthält, die zu Blüten und Früchten führen müssen.
[ 37 ] Und wenn wir immer wieder und wiederum bekennen: das bewußte Seelenleben, es geht an der Oberfläche vor sich, darunter liegt aber all das, wovon in diesen Tagen gesprochen worden ist, dann dürfen wir auch schon unsere Gedanken hinlenken darauf, daß in den Impulsen zahlreicher Menschen auch in der Gegenwart noch etwas ganz anderes lebt als das, dessen sie sich bewußt sind. Glauben wir nicht, daß die Menschen im Westen und Osten, die die mitteleuropäische große Festung zu verteidigen haben, nur für das kämpfen, dessen sie sich bewußt sind im Oberbewußtsein. Blicken wir vor allen Dingen hin auf die Impulse, die vielen unbewußt sind, die heute durch Blut und Tod gehen, aber da sind sie, die Impulse, vorhanden sind sie, und wir sollten aus der Geisteswissenschaft die Empfindung herausschöpfen können, indem wir nach Ost und West schauen, wie in den Impulsen derjenigen, die da die Opfer verrichten, dasjenige lebt, was erst die Zukunft noch für das äußere Erleben herausgebären muß, wovon vielleicht selbst die Kämpfenden kaum eine Ahnung in ihrem Bewußtsein haben. Dann erst, wenn wir es also betrachten, durchdringt sich uns dasjenige, was da geschieht, mit dem rechten Gefühl, mit der rechten Empfindung.
[ 38 ] Aber bedenken wir, wie viele Seelen in diesen Ereignissen, mit denen an kriegerischer Größe sich ja nichts vergleichen läßt, was jemals da war in der bewußten Menschheitsgeschichte, bedenken wir, wie viele Seelen durch Blut und Tod gehen, und bedenken wir, daß diese Seelen herunterschauen werden auf den Tod, der durch die großen Ereignisse der Zeit über sie verhängt worden ist. Bedenken wir, daß im Sinne des vorgestern Gesagten die jugendlichen Ätherleiber die geistige Atmosphäre durchziehen. Bedenken wir, daß nicht nur die Seelen, die Individualitäten, in der geistigen Welt sein werden, sondern daß Brauchbares aus den jugendlichen Ätherleibern die geistige Atmosphäre durchziehen wird. Versuchen wir, von da ausgehend, auf die Mahnungen zu sehen, welche die Menschen haben sollen, die übrigbleiben hier auf der Erde. Ja der einzelne, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, mahnt an die großen Aufgaben, die in der europäischen Kultur zu vollziehen sind. Und diese Mahnungen müssen gehört werden. Und geneigt müssen die Menschen werden, aus der Tiefe des Geisteslebens heraus sich Empfindungen, erkennende Empfindungen zu verschaffen, wie das eigentlich beschaffen ist, in dem wir darin leben. Wenn man einmal in diesem Sinne empfinden wird: mit jedem, der heute in der Blüte seiner Jahre draußen auf dem Schlachtfelde bleibt, steht ein Mahner, ein Rufer nach Spiritualisierung der Menschheit in der europäischen Kultur, dann wird man es richtig verstanden haben. Und nicht allein das möchte man, daß von solchen Stätten, wie die ist, an der wir stehen, nur ausgehe ein abstraktes Erkennen: der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, der Mensch geht durch viele Inkarnationen, der Mensch hat ein Karma und so weiter —, sondern das möchte man, daß die Seelen, die teilnehmen an unserem geisteswissenschaftlichen Leben, in ihren innersten Tiefen aufgerüttelt werden zu dem Empfindungsleben, das eben angedeutet worden ist, zu dem Miterleben desjenigen, was Mahnrufe der Frühverstorbenen in der nächsten Zukunft sein werden. Das Schönste, was wir uns erwerben können als Bekenner der Geisteswissenschaft, es ist das lebendige Leben, welches wie ein Hauch durch die Reihen derer gehen soll, die sich zu uns rechnen. Nicht das Wissen, nicht die Erkenntnis allein, sondern dieses Leben, das Wirklichwerden dieses Lebens.
[ 39 ] In den letzten Zeiten sind uns gerade mehrere Mitglieder vom physischen Plan hinweggegangen. Auch ein junger Mitarbeiter, unser lieber Fritz Mitscher. Und ich hatte, auch durch das Karma veranlaßt, die Aufgabe, bei der Einäscherung in Basel zu sprechen. Ich hatte der enteilenden Seele gewisse Worte nachzusprechen. Unter mancherlei anderem enthielten diese Worte, die ich zu der Seele sprach, daß wir das Bewußtsein haben, sie werde ein Mitarbeiter bleiben, auch nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen. Ich mußte dieses sprechen aus dem Bewußtsein heraus, daß das, was uns alle belebt, nicht nur wie eine Theorie dasteht, sondern daß das, was wir wie eine Theorie aussprechen, die ganze Seele mit vollem Leben erfüllen muß. Dann aber müssen wir zu denen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, stehen wie zu denen, die hier noch im Leben stehen. Ja, wir müssen nicht anstehen, uns zu sagen: Die im physischen Leibe Lebenden sind durch die mannigfaltigsten Umstände verhindert, voll auszuleben das geistige Leben. Was alles können wir doch in diesem physischen Erdenleben an Hemmungen bei den Menschen bemerken, wenn es sich darum handelt, die wirklich großen Aufgaben der Entwickelung zu erkennen — und dann auch zu erfüllen! Aber auf die Toten können wir uns vielfach besser verlassen. Dieses Empfinden, daß sie in unseren Reihen sind, dieses Übertragen einer besonderen Mission ließen mich in entsprechender Weise den Nachruf sprechen für unseren Freund Fritz Mitscher, der als Frühverstorbener durch die Pforte des Todes gegangen ist. Und das, was für ihn gesagt ist, bezieht sich auf viele andere, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Wir sehen in ihnen unsere wichtigsten Mitarbeiter, und es wird nicht mißverstanden werden, wenn ich sage: Viel mehr als auf die Lebendigen können wir uns bei unseren geistigen Arbeiten auf die Toten verlassen.
[ 40 ] Aber damit wir überhaupt so etwas aussprechen können, müssen wir ganz lebendig darinstehen in dem, was unsere spirituelle Bewegung uns geben kann. Ich baue darauf, daß gerade auch nun auf dem äußeren Felde für die Spiritualisierung der Menschenkultur der Zukunft die durch die Pforte des Todes Gegangenen in unserer schicksalschweren Zeit die wichtigsten Mitarbeiter sind. Denn dieser Tod, auf den jene zurückschauen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, er wird ein großer Lehrmeister sein. Und mancher braucht heute einen stärkeren Lehrer, als das Leben geben kann. Das kann man an mancherlei Beispielen sehen.
[ 41 ] Ich möchte ein Beispiel anführen — manches andere könnte angeführt werden: Ein aufsehenerregender Artikel, gegnerisch gegen die von mir vertretene Geisteswissenschaft, erschien vor mehreren Jahren in einer Zeitschrift, die in Süddeutschland herauskommt, im «Hochland». Dieser Artikel hat sehr viel Aufsehen gemacht. Er hat vielen eingeleuchtet, weil er von einem ganz berühmten Philosophen geschrieben war. Der Herausgeber jener Zeitschrift «Hochland» hat diesen Artikel aufgenommen. Er hat also eigentlich propagiert, wie er meint, eine solche sehr in Betracht kommende Anschauung über diese vertrackte Geisteswissenschaft. — Sehen Sie, es kommt wahrhaftig nicht darauf an, mit äußeren Mitteln sich dagegen zu wehren. Es ist durchaus begreiflich, daß die ganz gescheiten Leute der Gegenwart Geisteswissenschaft töricht finden. Aber nachdem der Krieg ausgebrochen war, hat sich etwas anderes ereignet. Der Herausgeber der genannten Zeitschrift ist ein guter Deutscher, ein sich deutsch fühlender Mensch. Der Mann, dessen Artikel er dazumal aufgenommen hat, hat jenem Herausgeber jetzt Briefe geschrieben, und dieser hat sie nun auch, nun, sagen wir, in seiner besonders begnadeten «Unschuld» in den «Süddeutschen Monatsheften» abgedruckt. Versuchen Sie einmal, sie zu lesen, so werden Sie sehen, was alles an Gift und Galle gegen die mitteleuropäische Geisteskultur jener selbe Philosoph an den Herausgeber des «Hochland» schreibt, so daß jener Mann, also der Herausgeber, sich veranlaßt fühlt zu sagen: Wer so etwas denkt, den könnte man in Mitteleuropa nur in Irrenhäusern finden. — Denken Sie sich, was für eine unendlich bedeutsame Kritik! Es gibt einen Herausgeber einer süddeutschen Zeitschrift. Dieser Herausgeber nimmt einen Artikel auf, den er für maßgebend hält zur Vernichtung der Geisteswissenschaft, von dem er sagt: Das ist einmal ein guter Artikel über die Geisteswissenschaft von einem berühmten Philosophen! — Nach einiger Zeit bekommt der Herausgeber Zuschriften von demselben Mann, die er dann bezeichnet als herrührend von einem Menschen, der ins Irrenhaus gehört. Also müßte man nicht, mit Lebenslogik schließend, nun fortfahren und sagen: Wenn der Mann jetzt ein Narr ist, so war er auch früher ein Narr, und der gute Herausgeber hat es dazumal nur nicht erkannt, daß er es mit einem Narren zu tun hat, als er gegen Geisteswissenschaft schrieb. — Das ist Lebenslogik. Man kann manchmal nicht abwarten, bis solche Lebenslogik wirkt, aber sie waltet schon in unserem Leben, und so kann man manchmal etwas nach diesem Rezept erleben. Dazumal ist der Artikel erschienen gerade gegen meine Geisteswissenschaft. Man hat ihn gelesen. Man hat gesagt: Ja, das ist ein berühmter Philosoph und Platoniker, er ist also besonders gescheit. — Der Herausgeber hat sich gesagt: Wenn jemand, der so gescheit ist, über die Geisteswissenschaft schreibt, ist das ein bedeutender Artikel. — Es vergeht eine Zeit, und derselbe Herausgeber sagt: Der Mann ist ein Narr. — Aber er brauchte erst den Beweis auf die eben angeführte Weise. Ja, so geht es bei den Lebenden zu. Solche Menschen, die so wenig festen Boden unter den Füßen haben wie jener Herausgeber der süddeutschen Zeitschrift, haben schon nötig, daß sie belehrt werden durch Ereignisse, die in viel tieferem Sinne durch das Leben der letzten Zeiten von der geistigen Welt her gegeben werden, als es genehm ist.
[ 42 ] Und so werden Sie verstehen, wenn ich zu dem vorhin Gesagten zurückkehre: Unsere Zeit hat viele widerstrebende Kräfte gehabt, und wenn wir den Krieg eine Krankheit nennen — wir können das tun —, so ist das eine Krankheit, die herbeigeführt wurde durch etwas, was längst vorher sich abspielte, und er ist da zur Gesundung, damit manches ausgemerzt wird, was zur Schädigung des Lebens der ganzen Kultur nach und nach führen mußte. Wenn wir ihn in dem Sinne als Krankheit bezeichnen, wenn wir aber die Krankheit als ein Sich-zur-Wehr-Setzen anschauen, dann verstehen wir diesen Krieg und die schicksaltragenden Ereignisse der Gegenwart, verstehen ihn auch in seinen bedeutsamen Winken und Mahnungen. Dann erleben wir ihn mit allen inneren Kräften unserer Seele, so daß wir recht aufmerksam werden können auf diejenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und die hinschauen auf die nächste Zukunft und wirklich das gelernt haben werden, was sie dann in die Seelen, die sie hören wollen, hineininspirieren können: daß spirituelle Vertiefung, die zum Menschenheil und Menschenfortschritt in der nächsten Zukunft notwendig ist, in sie hineinkommen muß.
[ 43 ] Und wenn Ihre Seelen dasjenige, was ich mit diesen Worten sagen möchte, in der rechten Weise aufnehmen können, dann sind Sie erst im vollen rechten Sinne Bekenner unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Wenn Ihre Seelen den Entschluß fassen können, zu solchen Seelen zu werden, die Aufmerksamkeit zuwenden werden dem, was heruntergeraunt wird von jenen, die durch unsere schicksaltragenden Ereignisse durch die Pforte des 'Todes gegangen sind.
[ 44 ] Eine Verbindungsbrücke soll durch die Geisteswissenschaft geschlagen werden gerade für die nächste Zukunft zwischen den Lebendigen und den Toten, eine Verbindungslinie, durch welche die inspirierenden Elementarkräfte derer, welche die großen Opfer in unserer Zeit dargebracht haben, den Weg herüber werden finden können.
[ 45 ] Deshalb wollte ich in diesen Tagen, lehrend zu Ihren Seelen sprechend, Empfindungen anregen. Diese Empfindungen sollen wie erwartende Empfindungen sein dessen, was den Seelen gesagt wird durch die Wirkungen unserer schicksalschweren Zeit.
[ 46 ] In diesem Sinne sei auch heute wiederum mit den Worten geschlossen, die ich schon vorgestern hier sprach, die wie ein Mantram in unseren Seelen wirken sollen, damit unsere Seelen Erwartende werden, Erwartende der Inspiration, die da kommen wird von den Toten, im Geiste aber ganz besonders lebendig Werdenden:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Denken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
