The Mystery of Death
The Nature and Significance of Central Europe
and the European National Spirits
GA 159
9 May 1915, Vienna
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The Mystery of Death, tr. SOL
8. Der Krieg, Ein krankheitsprozess Mitteleuropa und der slawische Osten die Toten als Helfer des Menschheitsfortschrittes
8. War: A Process of Decay—Central Europe and the Slavic East; The Dead as Agents of Human Progress
[ 1 ] Nicht nur darf unsere geisteswissenschaftliche Weltanschauung sich wenden an die Entwickelung und das Emporkommen der einzelnen Seelen, sondern sie muß auch vor allen Dingen wirklich uns helfen, weitere Gesichtspunkte zu gewinnen für die Anschauung des Lebens. Und in unserer Zeit muß es uns ganz besonders nahegehen, solche weiteren Gesichtspunkte für die Beurteilung des Lebens zu gewinnen. Gewiß, es ist eine große und auch bedeutungsvolle Aufgabe für den einzelnen Menschen, durch dasjenige, was er als die Frucht der geisteswissenschaftlichen Selbsterziehung gewinnen kann, sich selbst weiterzubringen. Und nur dadurch, daß sich die einzelnen Menschen wirklich weiterbringen, können sie mitarbeiten an der Entwickelung der Menschheit überhaupt. Aber nicht allein darauf soll unser Augenmerk gerichtet sein, sondern wir sollen wirklich als Bekenner der anthroposophischen Weltanschauung auch die großen Ereignisse der Zeit von einem hohen Gesichtspunkte, einem wirklich geistigen Gesichtspunkte aus empfinden können. Wir sollen uns wirklich auf einen höheren Standpunkt versetzen können bei der Beurteilung dessen, was geschieht. Und einige Gesichtspunkte gerade mit Bezug auf die großen Ereignisse unserer Zeit mögen heute angegeben sein, weil unsere gegenwärtige Zusammenkunft in dieser schicksaltragenden Zeit liegt.
[ 1 ] Not only must our spiritual-science worldview address the development and ascent of individual souls, but above all it must truly help us to gain further perspectives for our understanding of life. And in our time, it must be of particular concern to us to gain such broader perspectives for the assessment of life. Certainly, it is a great and also significant task for the individual to advance themselves through what they can gain as the fruit of Spiritual Science self-education. And only by truly advancing themselves can individual human beings contribute to the development of humanity as a whole. But our attention should not be focused solely on this; rather, as adherents of the anthroposophical worldview, we should also be able to perceive the great events of our time from a higher perspective, a truly spiritual perspective. We should truly be able to place ourselves on a higher plane when assessing what is happening. And a few perspectives, particularly with regard to the great events of our time, may be indicated today, because our present gathering takes place in this fateful era.
[ 2 ] Gehen wir von etwas aus, was uns als Menschen naheliegen kann. Menschen werden zu gewissen Zeiten von Krankheiten befallen. Krankheiten betrachtet man gewöhnlich als dasjenige, was unseren Organismus schädigt, was wie ein Feind in unseren Organismus eindringt. Nun ist ein solcher allgemeiner Gesichtspunkt keineswegs immer gerechtfertigt. Gewiß, es gibt Krankheitserscheinungen, die von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt werden müssen, wo gewissermaßen die Krankheit wie ein Feind hereindringt in unseren Organismus. Aber nicht immer ist es so. Es ist sogar nicht einmal in den meisten Fällen so, sondern die Krankheit ist in den meisten Fällen ganz etwas anderes. Die Krankheit ist in den meisten Fällen nicht der Feind, sondern gerade der Freund des Organismus. Dasjenige, was der Feind des Organismus ist, geht in den meisten Fällen der Krankheit voran, entwickelt sich im Menschen, bevor die äußerlich sichtbare Krankheit zum Ausbruch gekommen ist. Da sind einander widerstrebende Kräfte im Organismus darin, und die Krankheit, die zu irgendeiner Zeit ausbricht, ist der Versuch des Organismus, sich zu retten vor den einander widerstrebenden Kräften, die vorher nicht bemerkt worden sind. Die Krankheit ist oftmals der Beginn in der Arbeit des Organismus, die Heilung gerade herbeizuführen. Die Krankheit ist das, was der Organismus unternimmt, um die feindlichen Einflüsse, die der Krankheit vorangehen, zu bekämpfen. Die Krankheit ist die letzte Form des Prozesses, aber sie bedeutet den Kampf der guten Säfte des Organismus gegenüber demjenigen, was da unten lauert. Sie ist da, um das herauszutreiben aus dem Menschen, was da unten lauert. Nur dann, wenn wir die weitaus größte Anzahl der Krankheiten so ansehen, dann kommen wir zu einem richtigen Auffassen des Krankheitsprozesses. Es deutet also die Krankheit darauf hin, daß etwas vorgegangen ist vor dem Ausbruch der Krankheit, das gerade durch die Krankheit aus dem Organismus herauskommen soll. Wenn manche Erscheinungen des Lebens im richtigen Lichte gesehen werden, dann kommt man ganz leicht auf das, was eben gesagt worden ist. Die Ursachen können auf den verschiedensten Gebieten liegen. Worauf es ankommt, das ist das, was ich eben angedeutet habe: daß wir die Krankheiten ansehen als etwas, was ein Sich-zur-Wehr-Setzen des Organismus ist gegen die Dinge, die ausgetrieben werden sollen.
[ 2 ] Let us start with something that is familiar to us as human beings. At certain times, people are afflicted by illness. Illness is usually viewed as something that damages our organism, something that invades our organism like an enemy. Now, such a general perspective is by no means always justified. Certainly, there are symptoms of illness that must be judged from this perspective, where, so to speak, the illness invades our organism like an enemy. But this is not always the case. In fact, it is not even the case in most instances; rather, in most cases, illness is something entirely different. In most cases, illness is not the enemy, but rather the very friend of the organism. That which is the enemy of the organism usually precedes the illness; it develops within the person before the outwardly visible illness has broken out. There are conflicting forces within the organism, and the illness that breaks out at some point is the organism’s attempt to save itself from these conflicting forces, which had not been noticed before. Illness is often the beginning of the body’s work to bring about healing. Illness is what the body undertakes to combat the hostile influences that precede the illness. Illness is the final stage of the process, but it signifies the struggle of the body’s healthy forces against what lies in wait within. It is there to drive out of the person what lurks within. Only when we view the vast majority of illnesses in this way do we arrive at a correct understanding of the disease process. Illness thus indicates that something occurred prior to its onset, which is precisely what the illness is meant to expel from the organism. When certain aspects of life are viewed in the right light, one easily arrives at what has just been said. The causes can lie in the most diverse areas. What matters is what I have just indicated: that we view illnesses as the organism’s act of self-defense against the things that are to be expelled.
[ 3 ] Nun glaube ich nicht, daß es einen Vergleich gibt, der wirklich so zutreffend sein kann als der Vergleich einer solchen Summe von bedeutsamen, tief eingreifenden Ereignissen, wie wir sie jetzt seit dem Beginn des August 1914 über einen großen Teil der Erde hin erleben, mit einem Krankheitsprozeß des Menschenwerdens. Gerade das muß uns auffallen, daß diese kriegerischen Ereignisse wirklich ein Krankheitsprozeß sind. Aber falsch wäre es, zu glauben, daß wir damit fertig werden, wenn wir einfach diesen Krankheitsprozeß in dem unrichtigen Sinne auffassen würden, wie eben mancher Krankheitsprozeß aufgefaßt wird: als wenn er der Feind des Organismus wäre. Was als Ursache vorliegt, geht voraus dem Krankheitsprozeß. Nun kann uns gerade in unserer Zeit ganz besonders auffallen, wie wenig die Menschen in der Gegenwart geneigt sind, solche Wahrheiten zu berücksichtigen, die sich demjenigen unmittelbar als einleuchtend erweisen müssen, der geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht bloß in den Verstand, sondern auch in die Empfindung aufnimmt.
[ 3 ] Now, I do not believe there is any comparison that could be as apt as comparing the sum of such significant, profoundly impactful events—which we have been experiencing across much of the globe since the beginning of August 1914—to the process of human development. We must recognize precisely that these war-related events are indeed a process of illness. But it would be wrong to believe that we can cope with this simply by viewing this process of illness in the mistaken sense in which many processes of illness are viewed: as if it were the enemy of the organism. What lies at the root as the cause precedes the process of illness. Now, especially in our time, we can see quite clearly how little people today are inclined to take into account such truths, which must immediately appear self-evident to anyone who takes in a spiritual-science worldview not merely with the intellect, but also with the feelings.
[ 4 ] Wir haben ja vieles unendlich Schmerzliche erfahren müssen gerade im Laufe der letzten, sagen wir, neun Monate — Schmerzliches erfahren müssen mit Bezug auf die Urteilsfähigkeit der Menschen. Ist es denn nicht eigentlich so, wenn man das, was schließlich doch durch die Literatur, die am meisten gelesen und von den verschiedensten Ländern der Erde verbreitet wird, liest, ist es denn nicht so, als wenn die Menschen, die urteilen über die heutigen Ereignisse, annehmen würden, daß im Juli 1914 eigentlich die Geschichte ihren Anfang genommen hat? Das war die traurigste Erfahrung, die wir neben allem andern Schmerzlichen haben mitmachen müssen, daß sich gezeigt hat, wie gerade die tonangebenden oder vielmehr artikelangebenden Menschen, die die öffentliche Meinung machen, im Grunde nichts von dem Werden der Ereignisse wissen und nur auf das Allernächste hinschauen. Daher sind die unendlichen Diskussionen, diese ganz hinfälligen Diskussionen entstanden. Wo liegt die Ursache zu den gegenwärtigen kriegerischen Konflikten? Immer wieder und wiederum hat man gefragt: Hat der die Schuld? Hat jener die Schuld? — und so weiter. Immer ist man kaum weiter zurückgegangen als bis zum Juli, höchstens Juni 1914. Ich erwähne das aus dem Grunde, weil ja das, was ich sage, wirklich ein Charakteristikum unserer materialistischen Zeit ist. Man glaubt gewöhnlich, der Materialismus bringe nur materialistische Denk weise, materialistische Weltanschauung zustande. Das ist nicht so. Der Materialismus bringt nicht nur diese zustande, sondern er bringt auch Kurzsichtigkeit zustande; der Materialismus bringt Denkfaulheit, bringt Einsichtslosigkeit zustande. Dasjenige, was materialistische Denkweise ist, führt dazu, daß man zum Schlusse alles beweisen und alles glauben kann. Und es gehört wirklich zu jener Selbsterziehung, die uns wahrhaft richtig gemeinte Anthroposophie geben muß, daß wir das einsehen, daß man, wenn man bloß auf dem Gebiete des Materialismus stehenbleibt, alles beweisen und alles glauben kann.
[ 4 ] We have, after all, had to endure many infinitely painful experiences, especially over the course of the last, let’s say, nine months—painful experiences regarding people’s capacity for judgment. Is it not actually the case that, when one reads what is ultimately disseminated through the literature that is most widely read and distributed across the most diverse countries of the world, is it not as if the people who judge today’s events were assuming that history actually began in July 1914? That was the saddest experience we have had to endure, alongside all the other painful things: it has become clear that precisely those who set the tone—or rather, those who supply the headlines and shape public opinion—know basically nothing about the unfolding of events and look only at the immediate present. That is why these endless discussions, these utterly futile discussions, have arisen. What is the cause of the current armed conflicts? Time and again, people have asked: Is he to blame? Is that person to blame? — and so on. People have rarely looked back further than July, or at most June 1914. I mention this because what I am saying is truly a characteristic of our materialistic age. It is commonly believed that materialism brings about only materialistic thinking and a materialistic worldview. That is not the case. Materialism brings about not only these things, but also short-sightedness; materialism brings about intellectual laziness and a lack of insight. What constitutes materialistic thinking leads to the point where, in the end, one can prove anything and believe anything. And it is truly part of that self-education that genuinely well-intentioned anthroposophy must provide us with—that we realize that if one remains solely within the realm of materialism, one can prove anything and believe anything.
[ 5 ] Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Wenn man in den letzten Jahren da oder dort die geisteswissenschaftliche Weltanschauung vorgebracht hat und der oder jener glaubte, gegenüber der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung seine Ansicht geltend machen zu müssen, konnte man oftmals hören: Ja, Kart hat doch schon durch seine Philosophie bewiesen, daß der Mensch Grenzen des Erkennens habe, und daß man da nicht hinkommen kann, wo die geisteswissenschaftliche Weltanschauung hinkommen will im Erkennen. — Dann wurden angeführt die gewiß sehr interessanten Sachen, wodurch Kant bewiesen haben soll, daß man nicht in die geistige Welt hineindringen könne mit dem menschlichen Erkennen. Wenn man nun dennoch Geisteswissenschaft vertrat, dann kamen die Menschen und glaubten: Der leugnet ja alles, was Kant bewiesen hat! Und selbstverständlich steckte darin so etwas von der Behauptung: das müsse also ein besonders törichter Mensch sein, denn er leugne ja das streng Bewiesene.
[ 5 ] Let’s take a simple example. Whenever the Spiritual Science worldview has been put forward here and there in recent years, and this or that person felt compelled to assert their own views in opposition to it, one could often hear: “But Kant has already proven through his philosophy that human beings have limits to their cognition, and that one cannot reach the point where the worldview of Spiritual Science aims to go in cognition.” — Then they cited the certainly very interesting points through which Kant is said to have proven that one cannot penetrate the spiritual world with human cognition. If one nevertheless advocated Spiritual Science, then people would come and believe: He is denying everything that Kant has proven! And of course, there was an implication in this: that must be a particularly foolish person, for he is denying what has been rigorously proven.
[ 6 ] So ist es gar nicht. Der Geisteswissenschafter leugnet gar nicht, daß das absolut richtig ist, was Kant bewiesen hat, sondern es ist klar, daß das ganz gut bewiesen ist. Aber nehmen Sie einmal an, irgend jemand hätte in der Zeit, in welcher das Mikroskop nicht gefunden war, streng bewiesen, daß es kleinste Zellen in der Pflanze gäbe, aber man könne diese niemals finden, weil die menschlichen Augen nicht dazu eingerichtet seien. Das hätte sich streng beweisen lassen, und der Beweis wäre absolut richtig, denn das menschliche Auge, so wie es eingerichtet ist, kann niemals in den Organismus der Pflanze bis zu diesen kleinsten Zellen hineindringen. Ein absolut richtiger Beweis, der niemals umgestoßen werden kann. Doch das Leben hat sich so entwickelt, daß zum Menschenauge das Mikroskop gefunden worden ist, und daß trotz des strengen Beweises die Menschen zum Erkennen der kleinsten Zellen gekommen sind. Erst wenn einmal eingesehen wird, daß für die Erringung der Wahrheit Beweise ganz wertlos sind, daß Beweise richtig sein können, aber im Grunde nichts besonderes bedeuten für den Fortschritt der Wahrheitserkenntnis, erst dann wird man auf dem richtigen Boden stehen. Dann wird man wissen: Die Beweise können natürlich gut sein, aber die Beweise haben gar nicht die Aufgabe, wirklich zur Wahrheit zu führen. Denken Sie nur einmal an den Vergleich, den ich gegeben habe, dann werden Sie sehen, daß ebenso, wie absolut strikte der Beweis sein kann, daß die menschliche Sehfähigkeit nicht zur Zelle reicht, auch strikte sein kann der Beweis, die menschliche Erkenntnis könne, wie Kant sagt, nicht zu übersinnlichen Welten reichen. Die Beweise waren absolut richtig, aber das Leben geht über Beweise hinaus. Das ist nämlich auch etwas, was einem auf dem Wege der Geistesforschung gegeben wird, daß man seinen Gesichtskreis erweiternd wirklich dazukommt, an ein anderes zu appellieren als an den menschlichen Verstand und seine Beweise. Und derjenige, der sich auf materialistische Vorstellungen beschränkt, wird tatsächlich zu einem unbändigen Glauben an Beweise geführt. Wenn er einen Beweis in der Tasche hat, ist er überhaupt von der Wahrheit überzeugt. Geistesforschung wird uns gerade zeigen, daß man im Grunde das eine und das andere recht gut beweisen kann, daß aber Verstandesbeweise für die Erringung der wirklichen Wahrheit keine Bedeutung haben. Und so ist es denn eine Begleiterscheinung unserer materialistischen Zeit, daß die Leute in Verstandeskurzsichtigkeit verfallen. Und wird diese Verstandeskurzsichtigkeit auch noch von den Leidenschaften durchsetzt, so kommt das zustande, was wir heute nicht nur in den mit den Waffen kämpfenden europäischen Völkern sehen, sondern was wir sehen in der Befehdung der europäischen Völker gegenseitig, wo einer über den andern alles mögliche vorbringt und im Grunde keine Aussicht besteht, daß der eine den andern jemals — nicht nur während des Krieges — überzeugen könnte. Und wer den Glauben hat, daß ein neutraler Staat zwischen den Behauptungen zweier feindlicher Staaten etwa jemals wählen könnte, der hätte einen naiven Glauben. Selbstverständlich läßt sich das, was auf dem einen Boden gesagt wird, ebensogut vertreten, ja belegen durch allerlei Beweise wie dasjenige, was auf dem andern Boden gesagt wird. Einsicht bekommt man nur, wenn man sich einläßt auf die tieferen Grundlagen der ganzen menschlichen Entwickelung.
[ 6 ] That is not the case at all. The Spiritual Science scholar does not deny at all that what Kant proved is absolutely correct; rather, it is clear that this has been quite well proven. But suppose, for a moment, that someone—back in the days before the microscope had been invented—had rigorously proven that there were minute cells in plants, but that these could never be found because the human eye is not equipped to see them. That could have been rigorously proven, and the proof would be absolutely correct, for the human eye, as it is constructed, can never penetrate into the organism of the plant down to these smallest cells. An absolutely correct proof that can never be overturned. Yet life has developed in such a way that the microscope was invented to supplement the human eye, and that despite the rigorous proof, people have come to recognize the tiniest cells. Only once it is realized that evidence is completely worthless for the attainment of truth—that evidence may be correct but ultimately means nothing special for the progress of truth-knowledge—only then will one stand on solid ground. Then one will know: The evidence may of course be sound, but the evidence does not at all have the task of truly leading to the truth. Just think for a moment of the comparison I gave, and you will see that just as the proof that human vision does not extend to the cell can be absolutely rigorous, so too can the proof that human knowledge, as Kant says, cannot extend to supersensible worlds. The proofs were absolutely correct, but life goes beyond proofs. For this is also something that is given to us on the path of spiritual research: that by broadening our horizons, we truly come to appeal to something other than the human intellect and its proofs. And those who limit themselves to materialistic mental images are indeed led to an unbridled faith in proofs. If they have a proof in their pocket, they are convinced of the truth. Spiritual research will show us precisely that, in essence, one can prove both sides quite well, but that intellectual proofs have no significance for the attainment of true truth. And so it is a concomitant of our materialistic age that people fall into intellectual myopia. And when this intellectual myopia is further permeated by passions, then what we see today—not only among the European nations fighting with weapons, but also in the mutual hostility of the European nations, where one side hurls every possible accusation at the other and there is essentially no prospect that one could ever convince the other—not only during the war—comes to pass. And anyone who believes that a neutral state could ever choose between the claims of two hostile states would be holding a naïve belief. Of course, what is said on one side can be defended just as well, indeed substantiated by all manner of evidence, as what is said on the other side. Insight can only be gained by engaging with the deeper foundations of the entire course of human development.
[ 7 ] Nun habe ich schon einige Jahre vor Ausbruch dieses Krieges versucht, durch den Zyklus über die einzelnen Volksseelen und ihre Wirkung auf die einzelnen Menschen in den verschiedenen europäischen Gebieten ein wenig Licht zu werfen darauf, wie sich die einzelnen Nationen gegenüberstehen, und daß da wirklich verschiedene Kräfte bei den verschiedenen Völkern herrschen. Heute wollen wir dasjenige, was dort gesagt ist, noch durch ein paar andere Gesichtspunkte ergänzen.
[ 7 ] For several years before the outbreak of this war, I have been attempting, through the cycle on the individual Folk-souls and their influence on people in various European regions, to shed some light on how the individual nations relate to one another, and to show that truly different forces are at work among the various peoples. Today we would like to supplement what was said there with a few additional perspectives.
[ 8 ] Unsere materialistische Zeit denkt allzu abstrakt. Vor allen Dingen wird so etwas in unserer materialistischen Zeit gar nicht berücksichtigt, daß es im Leben eine wirkliche Entwickelung gibt, daß der Mensch heranreifen lassen muß dasjenige, was in ihm ist, damit es eben nach und nach reif werde zum wirklichen Urteil. Der Mensch — das wissen wir ja und es ist genügend ausführlich dargestellt in «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» — macht eine Entwickelung durch so, daß ungefähr in den ersten sieben Jahren sein physischer Leib, vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre der Ätherleib und so weiter ihre besondere Entwickelung finden. Wird schon dieser Fortschritt in der Entwickelung des einzelnen Menschen wenig berücksichtigt, so wird die parallele Erscheinung, die gleichbedeutende Erscheinung noch viel weniger berücksichtigt. Die Vorgänge, die sich innerhalb der einzelnen Volkszusammenhänge abspielen, werden ja gelenkt und geleitet — das wissen wir schon alle aus der Geisteswissenschaft — von Wesenheiten der höheren Hierarchien. Wir sprechen im wahren Sinne des Wortes von Volksseelen, von Volksgeistern. Und wir wissen, daß zum Beispiel der Volksgeist des italienischen Volkes inspiriert dasjenige, was wir Empfindungsseele nennen; daß der französische Volksgeist inspiriert dasjenige, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, daß die Bewohner der britischen Insel inspiriert werden durch die Bewußtseinsseele; in Mitteleuropa wird inspiriert dasjenige, was wir das menschliche Ich nennen. Damit wird nun aber kein Werturteil gefällt über die einzelnen Nationen, sondern es wird nur gesagt, daß das so ist. Daß zum Beispiel eine Inspiration des Volkes, das die britische Insel bewohnt, darin beruht, daß es als Nation alles das in die Welt hereinbringt, was durch Inspiration der Bewußtseinsseele von seiten des Volksgeistes bewirkt wird. Es ist merkwürdig, wie nervös geradezu auf diesem Gebiet die Menschen werden. Als das da oder dort während der kriegerischen Ereignisse von mir wiederum betont wurde, was, wie gesagt, in dem erwähnten Zyklus schon früher ausgesprochen worden ist, ja, da hat es Menschen gegeben, die es geradezu aufgefaßt haben wie eine Art Beschimpfung des britischen Volkes, daß gesagt worden ist, sie hätten die Aufgabe, die Bewußtseinsseele zu inspirieren, während die Volksseele, welche die deutsche Volksseele ist, das menschliche Ich zu inspirieren hat. Es war das gerade so, als wenn man es als Schimpf auffassen würde, wenn man sagt: Salz ist weiß, Paprika ist rot. — Es ist eine einfache Charakteristik, die Darstellung einer Wahrheit, die besteht, und als eine solche Wahrheit hat man das zunächst hinzunehmen. Man wird viel besser zurechtkommen mit dem, was waltet zwischen den einzelnen Gliedern der Menschheit, wenn man hinschaut auf die Eigentümlichkeiten, welche die einzelnen Völker haben, und nicht, wenn man alles durcheinanderrührt, wie es die heutige materialistische Anschauung macht. Selbstverständlich, der einzelne Mensch erhebt sich über dasjenige, was ihm durch seine Volksseele wird, und das ist ja gerade die Aufgabe unserer anthroposophischen Gesellschaft, daß sie den einzelnen Menschen heraushebt aus der Gruppenseelenhaftigkeit, daß sie ihn zum allgemeinen Menschentum erhebt. Aber dabei bleibt doch bestehen, daß der einzelne Mensch, insofern er in einem Volkstum steht, von diesem Volkstum in der Richtung inspiriert wird, daß zum Beispiel der italienische Volksgeist zu der Empfindungsseele spricht, der französische Volksgeist zu der Verstandes- oder Gemütsseele, der britische Volksgeist zu der Bewußtseinsseele. Wir haben uns also vorzustellen, daß gleichsam über dem, was die einzelnen Menschen in den einzelnen Nationen beginnen, der Volksgeist schwebt. Aber wie wir sehen, daß beim Menschen schon eine Entwickelung vorhanden ist, wie man beim einzelnen Menschen sagen kann: Das Ich kommt in einer gewissen Weise zur Entwickelung, zu einer besonderen Entwickelung in einem bestimmten Zeitraum des Lebens, so kann man auch mit Bezug auf die Volksseele im Verhältnis zu ihrem Volk von einer Entwickelung sprechen, richtig von einer Entwickelung. Nur ist diese Entwickelung etwas anders als beim einzelnen Menschen.
[ 8 ] Our materialistic age thinks far too abstractly. Above all, our materialistic age completely fails to take into account that there is a genuine process of development in life, that human beings must allow what is within them to mature so that it may gradually ripen into true judgment. Human beings—as we know, and as is described in sufficient detail in *The Education of the Child from the Standpoint of Spiritual Science*—undergo a process of development such that, roughly speaking, their physical body develops during the first seven years, their etheric body from the seventh to the fourteenth year, and so on. If even this progress in the development of the individual human being is given little consideration, then the parallel phenomenon, the corresponding phenomenon, is given even less consideration. The processes that take place within the various national contexts are, after all, guided and directed—as we all know from Spiritual Science—by beings of the higher hierarchies. We speak, in the true sense of the word, of folk-souls, of folk-spirits. And we know, for example, that the national spirit of the Italian people inspires what we call the feeling soul; that the French national spirit inspires what we call the intellectual or emotional soul; that the inhabitants of the British Isles are inspired by the consciousness soul; and in Central Europe, what we call the human ego is inspired. This is not, however, a value judgment on the individual nations, but merely a statement of fact. That, for example, an inspiration of the people inhabiting the British Isles consists in the fact that, as a nation, they bring into the world everything that is brought about through the inspiration of the consciousness soul on the part of the national spirit. It is remarkable how nervous people become in this very area. When I again emphasized here and there during the war, what, as I said, had already been stated earlier in the aforementioned lecture series, indeed, there were people who took it as a kind of insult to the British people that it was said they had the task of inspiring the consciousness soul, while the national soul—which is the German national soul—has the task of inspiring the human ego. It was just as if one were to take it as an insult to say: Salt is white, paprika is red. — It is a simple characterization, the description of a truth that exists, and as such a truth one must first accept it. One will cope much better with what prevails among the individual members of humanity if one looks at the peculiarities that individual peoples possess, and not if one mixes everything together, as today’s materialistic view does. Of course, the individual human being rises above what is imparted to him through his Folk-souls, and that is precisely the task of our Anthroposophical Society: to lift the individual human being out of the bondage of the group soul and to elevate him to universal humanity. But it remains true that the individual human being, insofar as they are part of a national culture, is inspired by that culture in such a way that, for example, the Italian national spirit speaks to the feeling soul, the French national spirit to the intellectual or emotional soul, and the British national spirit to the conscious soul. We must therefore form the mental image that the national spirit hovers, as it were, above what individual human beings begin in the individual nations. But just as we see that a development is already present in the human being—as one can say of the individual human being: The ego develops in a certain way, undergoing a specific development during a particular period of life—so too can one speak of a development, indeed of a genuine development, with regard to the folk-souls in relation to their people. Only this development is somewhat different from that of the individual human being.
[ 9 ] Nehmen wir zum Beispiel herausgreifend das italienische Volk. Da haben wir also dieses Volk, und dann die zu diesem Volke gehörige Volksseele. Die Volksseele ist ein Wesen aus der übersinnlichen Welt, ist der Welt der höheren Hierarchien angehörig. Sie inspiriert die Empfindungsseele, und das geschieht nun immer, solange das Volk lebt, das italienische Volk — weil wir von diesem Volk sprechen —, aber sie inspiriert die Empfindungsseele in den verschiedenen Zeiten in der verschiedensten Weise. Es gibt Zeiten, in denen die Volksseelen die Angehörigen der einzelnen Nationen so inspirieren, daß diese Inspiration gleichsam seelisch geschieht. Da schwebt die Volksseele in höheren Regionen des Geistes, und ihre Inspiration geschieht so, daß sie nur in seelische Eigenschaften hinein inspiriert. Dann gibt es Zeiten, wo die Volksseelen weiter herunterschweben und stärker in Anspruch nehmen die einzelnen Angehörigen der Nationen, wo sie sie so stark inspirieren, daß nicht nur der Mensch sie in seine seelischen Eigenschaften hereinbekommt, sondern wo sie so stark wirken, daß bis in die körperlichen Eigenschaften hinein der Mensch von den Volksseelen abhängig wird. Solange ein Volk unter dem Einflusse der Volksseele so steht, daß sie nur die seelisch-geistigen Eigenschaften inspiriert, ist noch der Typus des Volkes nicht so ausgeprägt. Da wirken die Kräfte der Volksseele nicht so, daß der ganze Mensch bis in das Blut hinein ergriffen wird. Dann kommt eine Zeit, wo man’ gleichsam schon in der Art, wie der Mensch aus den Augen schaut, aus den Zügen, die sein Gesicht trägt, entnehmen kann, wie der Volksgeist heineinwirkt. Das prägt sich aus, daß die Volksseele sich tief herabgesenkt hat; sie nimmt stark und intensiv den ganzen Menschen in Anspruch.
[ 9 ] Let us take, for example, the Italian people. So there we have this people, and then the national soul that belongs to this people. The folk-souls are beings from the supersensible world; they belong to the world of the higher hierarchies. They inspire the feeling soul, and this happens continuously as long as the people live—the Italian people, since we are speaking of this people—but they inspire the feeling soul in various ways at different times. There are times when the folk-souls inspire the members of the individual nations in such a way that this inspiration takes place, as it were, in the soul. Then the folk-souls soar in higher regions of the spirit, and their inspiration takes place in such a way that it inspires only into the soul’s qualities. Then there are times when the Folk-souls descend further and engage more strongly with the individual members of the nations, inspiring them so powerfully that not only do people receive this inspiration into their soul qualities, but it acts so strongly that people become dependent on the Folk-souls even in their physical qualities. As long as a people stands under the influence of the folk-souls in such a way that they inspire only the soul-spiritual qualities, the character of the people is not yet so pronounced. There the forces of the folk-souls do not act in such a way that the whole human being is gripped right down to the blood. Then comes a time when one can already discern, as it were, from the way a person looks out of their eyes and from the features of their face, how the national spirit is working within them. This is a sign that the national soul has sunk deeply; it takes a strong and intense hold of the whole person.
[ 10 ] Beim italienischen Volke war es so, daß der Zeitpunkt, von dem ich gesprochen habe, wo der Volksgeist sich tief heruntersenkt, wo er so hineinwirkt, daß man in einzelnen Menschen den Abdruck finden kann, in der Mitte des 16. Jahrhunderts ungefähr war, so um 1550 herum. Dann wiederum schwebte die Volksseele gleichsam zurück, und von dieser Zeit an vollzieht sich das durch Vererbung auf die Nachkommen. Man kann also sagen: Das intensivste Zusammensein des italienischen Volkes mit seiner Volksseele war um 1550 herum. Da hat sich die italienische Volksseele am tiefsten heruntergesenkt, da hat dieses Volk der italienischen Halbinsel seinen präzisesten Charakter bekommen. Gehen wir zurück in die Zeit vor 1550, da sehen wir, daß die Charakterzüge durchaus nicht so ausgeprägt sind, daß einem das so stark entgegentreten könnte, wie von 1550 an. Da beginnt eigentlich erst das Charakteristische, was wir eben als Italienertum kennen. Da ist sozusagen die eigentliche Ehe erst geschlossen worden zwischen der italienischen Volksseele und der Empfindungsseele des einzelnen Menschen, der der italienischen Volkheit angehört.
[ 10 ] In the case of the Italian people, the point in time I was referring to—when the national spirit sank deeply into the collective consciousness, exerting such an influence that its imprint could be found in individual people—was around the middle of the 16th century, roughly around 1550. Then, in turn, the folk-souls, as it were, drifted back, and from that time on, this has been passed down to subsequent generations through heredity. One can therefore say: The most intense connection between the Italian people and their folk-souls was around 1550. That is when the Italian folk-soul descended to its deepest level; that is when the people of the Italian peninsula acquired their most distinct character. If we go back to the time before 1550, we see that the character traits are by no means so pronounced that they could strike one as strongly as they did from 1550 onward. It is only then that the characteristic traits we know as Italianness truly begin. It is then, so to speak, that the true marriage was first concluded between the Italian folk-soul and the emotional soul of the individual human being who belongs to the Italian people.
[ 11 ] Für das französische Volk — ich rede also nicht von dem einzelnen Menschen, der sich über das Volkstum erheben kann — trat der ähnliche Zeitpunkt, wo also der Volksgeist sich am tiefsten heruntersenkte und das Volk ganz durchdrang, ungefähr um 1600 ein, im Beginne des 17. Jahrhunderts. Da ergriff der Volksgeist ganz die Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 11 ] For the French people—I am not speaking here of the individual who is capable of rising above the national character—a similar moment arrived around 1600, at the beginning of the 17th century, when the national spirit sank to its lowest point and permeated the people entirely. At that time, the national spirit completely took hold of the intellectual or emotional soul.
[ 12 ] Für das britische Volk trat der Zeitpunkt ein in der Mitte des 17. Jahrhunderts, etwa um 1650 herum. Da bekam erst das britische Volk seinen äußerlichen britischen Ausdruck.
[ 12 ] For the British people, that moment came in the mid-17th century, around 1650. It was then that the British people first acquired their outwardly British identity.
[ 13 ] Wenn Sie solche Dinge wissen, dann wird Ihnen manches erklärlich sein, denn Sie können jetzt zum Beispiel in einer ganz andern Weise die Frage aufwerfen: Wie ist es mit Shakespeare in England? — Shakespeare hat in England gewirkt, bevor der britische Volksgeist am intensivsten gewirkt hat auf das englische Volk. Daher ist es, daß er nicht in England ordentlich verstanden wird. Bekanntlich gibt es dort Ausgaben, in denen alles ausgemerzt ist, was nicht ganz im Geschmack der Gouvernanten ist. Es ist Shakespeare sehr häufig im alleräußersten Sinne moralisiert. Und wir wissen ja, daß das tiefste Verständnis Shakespeares herbeigeführt worden ist nicht in England, sondern in der mitteleuropäischen Geistesentwickelung.
[ 13 ] If you know such things, then a great deal will become clear to you, for you can now, for example, pose the question in a completely different way: What is the situation with Shakespeare in England? — Shakespeare was active in England before the British national spirit had its most intense influence on the English people. That is why he is not properly understood in England. As is well known, there are editions there in which everything that is not entirely to the governesses’ taste has been purged. Shakespeare is very often moralized in the most extreme sense. And we know, of course, that the deepest understanding of Shakespeare has been brought about not in England, but in the development of the Central European spirit.
[ 14 ] Nun werden Sie die Frage aufwerfen: Wann war denn diese Berührung des Volksgeistes mit den Angehörigen des mitteleuropäischen Volkes? — Da ist es allerdings so: Dadurch, daß in Mitteleuropa das Ich das maßgebende ist, daß wirklich eine Art Herabschweben des Volksgeistes stattfindet, dann ein Wiederzurückgehen, dann wieder ein Herunterschweben, wieder ein Zurückgehen, da finden Wiederholungen statt. Und so haben wir in der Zeit ungefähr, in der die wunderbare Sagenwelt des Parzival, des Gral entstanden ist, ein solches Heruntersteigen des Volksgeistes, ein Sich-Vereinigen mit den einzelnen Seelen, ein Wiederzurückgehen und ein nächstes Herunterschweben ungefähr zwischen den Jahren 1750 und 1830. Da wird am tiefsten ergriffen dasjenige, was in Mitteleuropa lebt, von dem, was mitteleuropäischer Volksgeist ist. Seither ist wiederum ein Zurückgehen des Volksgeistes. So sehen Sie, wie eigentlich es ganz begreiflich ist, daß, sagen wir, Jakob Böhme in einer Zeit gelebt hat, in der er gerade wenig vom deutschen Volksgeist haben konnte. Da war nicht die Zeit, in der der Volksgeist sich verband mit den einzelnen Seelen des Volkes. Jakob Böhme ist daher, obwohl er der «Teutonische Philosoph» genannt wird, ein Mensch, der zeitlich unabhängig ist von dem, was sein Volksgeist ist; der gleichsam wie eine entwurzelte Erscheinung dasteht, wie eine ewige Erscheinung innerhalb seiner Zeit. Wenn wir Lessing, Schiller, Goethe nehmen, das sind auch deutsche Philosophen, die wurzeln ganz im deutschen Volksgeiste. Und das ist gerade das Charakteristische, daß diese in der Zeit zwischen 1750 und 1830 lebenden Philosphen im Volksgeiste ganz darin wurzeln. So sehen Sie also, daß es nicht bloß darauf ankommt, daß man nur weiß: Beim italienischen Volke wirkt der Volksgeist durch die Empfindungsseele, beim französischen Volke wirkt der Volksgeist durch die Verstandesseele, beim britischen Volke wirkt der Volksgeist durch die Bewußtseinsseele, beim mitteleuropäischen Volke wirkt der Volksgeist durch das Ich —, sondern daß man auch wissen muß, daß dieses in gewissen Zeitpunkten geschieht. Und die Ereignisse, die sich abspielen, werden geschichtlich nur erklärbar, wenn man solche Dinge wirklich weiß. Jener Unfug, der als Wissenschaft getrieben wird, wo man die Dokumente hernimmt und nacheinander die Ereignisse aufzählt und sagt, eines müsse man aus dem andern herleiten, dieser Unfug der Geschichtsforscher führt allerdings nicht zu einer wirklichen Geschichte, zu einem Verständnis des Menschwerdens, sondern eben nur, man kann sagen, zu einer Fälschung desjenigen, was in der Menschengeschichte waltet und wirkt.
[ 14 ] Now you will ask: When exactly did this interaction between the national spirit and the people of Central Europe take place? — The fact is this: Because in Central Europe the ego is the determining factor, a kind of descent of the national spirit takes place, followed by a return, then another descent, then another return—and so these cycles repeat themselves. And so, in the period roughly when the wonderful world of legends surrounding Parzival and the Grail arose, we have such a descent of the national spirit, a uniting with the individual souls, a return, and a subsequent descent, roughly between the years 1750 and 1830. It is then that what lives in Central Europe is most deeply grasped by the Central European national spirit. Since then, there has been a retreat of the national spirit once more. So you see how it is actually quite understandable that, let us say, Jakob Böhme lived in a time when he could have very little of the German national spirit. That was not the time when the national spirit was connected with the individual souls of the people. Jakob Böhme is therefore, although he is called the “Teutonic Philosopher,” a person who is temporally independent of what his national spirit is; who stands, as it were, as an uprooted phenomenon, as an eternal phenomenon within his time. If we take Lessing, Schiller, and Goethe, they are also German philosophers who are deeply rooted in the German national spirit. And that is precisely what is characteristic: that these philosophers, who lived between 1750 and 1830, are deeply rooted in the national spirit. So you see that it is not merely a matter of simply knowing: In the Italian people, the national spirit works through the soul of feeling; in the French people, the national spirit works through the soul of understanding; in the British people, the national spirit works through the soul of consciousness; in the Central European people, the national spirit works through the ego—but that one must also know that this occurs at certain points in time. And the events that unfold can only be explained historically if one truly knows such things. That nonsense that is passed off as science, where one takes the documents and lists the events one after another and says that one must deduce one thing from another—this nonsense of the historians certainly does not lead to a true history, to an understanding of the becoming of humanity, but rather, one might say, to a falsification of that which reigns and works in human history.
[ 15 ] Und wenn man nun sieht, wie in ganz verschiedener Weise auf die einzelnen Völkerschaften — es könnten ja noch andere charakterisiert werden — dasjenige wirkt, was als Kraft diese Völkerschaften treibt, dann sieht man die gegensätzlichen Dinge, die da sind. Und man sieht, daß das, was heute geschieht, wahrhaftig nicht erst in den letzten Jahren geschehen ist, sondern in den Jahrhunderten sich eben vorbereitet hat.
[ 15 ] And when one observes how the force that drives these individual peoples—and others could certainly be described as well—affects them in very different ways, one sees the contrasting elements that are at work there. And one sees that what is happening today has truly not only been happening in recent years, but has been preparing itself over the centuries.
[ 16 ] Schauen wir hinüber nach dem Osten, nach dem Gebiet, das die russische Kultur trägt. Das ganz Eigentümliche der russischen Kultur ist dieses, daß die russische Kultur erst dann zur Entfaltung kommen kann, wenn einmal der Zeitpunkt eintreten kann, wo die russische Volksseele sich verbindet mit dem Geistselbst — das ist auch schon ausgesprochen in dem genannten Zyklus. Das heißt, es muß ein späterer Zeitraum kommen, in dem dasjenige, was Charakteristik dieser Eigentümlichkeit des europäischen Ostens sein kann, sich erst ausprägen wird. Und das wird dann ganz verschieden sein von demjenigen, was im Westen von Europa oder in der Mitte von Europa sich abwickelt. Vorläufig aber ist es ganz erklärlich, daß dasjenige, was der russischen Kultur zugeteilt ist, überhaupt noch gar nicht da ist, sondern daß die russische Kultur — wie der einzelne Mensch — so zum Geistselbst steht, daß sie sich immer nach oben wendet. Der einzelne Angehörige des russischen Volkes und selbst tiefsinnige russische Philosophen sprechen nicht so, wie in Mitteleuropa das Größte gerade gesagt wird, sondern sie sprechen in ganz anderer Weise.
[ 16 ] Let us look eastward, toward the region that is the cradle of Russian culture. The very peculiarity of Russian culture is this: Russian culture can only come into its own once the moment arrives when the Russian Folk-soul unites with the Spirit-Self—this is also already expressed in the aforementioned cycle. That is to say, a later period must come in which that which may be characteristic of this peculiarity of Eastern Europe will first take shape. And that will then be quite different from what unfolds in Western Europe or in Central Europe. For the time being, however, it is quite understandable that what is destined for Russian culture is not yet present at all, but that Russian culture—like the individual human being—stands in such a way to the Spirit-Self that it always turns upward. The individual member of the Russian people and even profound Russian philosophers do not speak in the way that the greatest things are currently spoken of in Central Europe, but they speak in a completely different manner.
[ 17 ] Da finden wir etwas höchst Charakteristisches. Was ist denn ein Eigentümlichstes dieses mitteleuropäischen Geisteslebens? Sie wissen alle, daß es eine Zeit der großen Mystiker gegeben hat, in der Meister Eckart, Johannes Tauler und andere gewirkt haben. Sie alle haben im menschlichen Gemüte das gesucht, was in diesem menschlichen Gemüte selber enthalten ist als das Göttliche. Sie haben gesucht, den Gott in der eigenen Brust, in der eigenen Seele zu finden, «das Fünklein im Gemüte», wie Eckart sich ausdrückte. Dadrinnen, so sagten sie, muß es etwas geben, wo die Gottheit unmittelbar anwesend ist. Und so entstand jenes Streben, wo das Ich sich zusammenschließen wollte mit seiner Gottheit in sich selbst. Erkämpft sein wollte diese Gottheit; im Werden erkämpft sein wollte die Gottheit. Das geht als ein Zug durch das ganze mitteleuropäische Wesen hindurch. Denken Sie, wie unendlich gemütstief es ist, wenn derjenige, der ganz, ich möchte sagen, international auf dem Boden der mitteleuropäischen Kultur und des mitteleuropäischen Geisteslebens steht, Angelus Silesius, wenn der in einem seiner schönen Sprüche «Cherubinischer Wandersmann» sagt: Wenn ich sterbe, so sterbe nicht ich, sondern Gott stirbt in mir. — Denken Sie, wie unendlich tief das ist! Denn der das sagt, er ergriff lebendig die Idee der Unsterblichkeit, denn er fühlte: Wenn der Tod eintritt im einzelnen Menschen, so ist das, weil der Mensch durchdrungen ist von der Gottheit — diese Erscheinung des Todes ist nicht eine Erscheinung des Menschen, sondern des Gottes, und da der Gott nicht sterben kann, so kann der Tod nur eine Täuschung sein. Der Tod kann also keine Zerstörung des Lebens sein. Er weiß, daß eine unsterbliche Seele besteht, wer da sagt: Wenn ich sterbe, so sterbe nicht ich, sondern Gott stirbt in mir. — Es ist eine ungeheuer tiefe Empfindung, die bei Angelus Silesius lebt. Das ist eben durchaus eine Folge dieses Umstandes, daß hier die Inspiration im Ich geschieht.
[ 17 ] Here we find something highly characteristic. What, then, is the most distinctive feature of this Central European spiritual life? You all know that there was a time of great mystics, during which Meister Eckhart, Johannes Tauler, and others were active. They all sought within the human mind that which is contained within the human mind itself as the divine. They sought to find God within their own breast, within their own soul, “the little spark in the mind,” as Eckhart put it. Within there, they said, there must be something where the divinity is immediately present. And so arose that striving in which the “I” sought to unite with the divinity within itself. This divinity sought to be won; the divinity sought to be won in the process of becoming. This runs as a thread through the entire Central European being. Consider how infinitely profound it is when Angelus Silesius—who stands, I might say, entirely on the ground of Central European culture and Central European spiritual life—says in one of his beautiful sayings, “Cherubic Wanderer”: When I die, it is not I who die, but God who dies within me. — Consider how infinitely profound that is! For the one who says this has grasped the idea of immortality in a living way, for he felt: When death occurs in the individual human being, it is because the human being is permeated by the Godhead—this phenomenon of death is not a phenomenon of the human being, but of God, and since God cannot die, death can only be an illusion. Death, therefore, cannot be the destruction of life. He who says, “When I die, it is not I who die, but God who dies within me,” knows that an immortal soul exists. — It is an immensely profound feeling that lives within Angelus Silesius. This is precisely a consequence of the fact that inspiration occurs within the self here.
[ 18 ] Wenn die Inspiration in der Empfindungsseele geschieht, kann das eintreten, was zum Beispiel bei Giordano Bruno eingetreten ist. Der Mönch fühlt sich mit aller Leidenschaft ein in das, was Kopernikus gefunden hat, fühlt die ganze Welt belebt. Lesen Sie eine Zeile bei Giordano Bruno, und Sie werden bestätigt finden, daß er, insofern er aus dem italienischen Volkstum herausgewachsen ist, gerade den Beweis dafür darstellt, daß da die Volksseele inspiriert die Empfindungsseele.
[ 18 ] When inspiration takes hold of the feeling soul, what happened to Giordano Bruno, for example, can occur. The monk feels deeply moved by what Copernicus discovered; he feels the whole world coming alive. Read a single line by Giordano Bruno, and you will find confirmation that, insofar as he grew out of Italian folklore, he is precisely the proof that the folk-souls inspire the soul of feeling.
[ 19 ] Cartesius, Descartes, ist geradezu an dem charakterisierten Punkt der französischen Entwickelung geboren, wo der französische Volksgeist sich so recht vereinigte mit dem französischen Volk. Lesen Sie eine Seite bei Cartesius, dem französischen Philosophen, Sie werden finden, daß er auf jeder Seite bestätigt, was Geisteswissenschaft findet: Daß da die Inspiration des Volksgeistes auf die Verstandesseele wirkt.
[ 19 ] Cartesian, Descartes, was born at the very turning point in French development when the French national spirit truly united with the French people. Read a page by Cartesius, the French philosopher, and you will find that on every page he confirms what Spiritual Science has discovered: that the inspiration of the national spirit acts upon the intellectual soul.
[ 20 ] Lesen Sie Locke oder Hume oder einen andern englischen Philosophen, bis Mill und Spencer, überall Inspiration der Bewußtseinsseele.
[ 20 ] Read Locke or Hume or any other English philosopher, up to Mill and Spencer; everywhere you will find inspiration from the conscious soul.
[ 21 ] Lesen Sie Fichte in seinem Ringen im Ich selber, dann haben Sie die Inspiration des Ich durch die Volksseele. Das ist gerade das Eigentümliche, daß diese mitteleuropäische Volksseele im Ich erlebt wird, und daß daher das Ich das eigentlich Strebende ist, das Ich, ich möchte sagen, mit all seiner Stärke und all seinen Irrtümern, mit all seinen Irrwegen und auch mit all seinen Überwindungen. Wenn dieser mitteleuropäische Mensch zum Christus den Weg finden soll, so will er ihn in der eigenen Seele gebären.
[ 21 ] Read Fichte as he grapples with the “I” itself, and you will find the inspiration of the “I” through the Folk-souls. This is precisely what is distinctive: that this Central European folk-soul is experienced within the “I,” and that therefore the “I” is the true striving entity—the “I,” I would say, with all its strength and all its errors, with all its missteps and also with all its triumphs. If this Central European human being is to find the path to Christ, he must give birth to it within his own soul.
[ 22 ] Versuchen Sie einmal nur irgendwie zu suchen — wenn es nicht äußerlich von der westeuropäischen Kultur übernommen ist —, in dem russischen Geistesleben diese Idee, den Christus oder einen Gott im Inneren zu erleben. Sie können es nicht finden. Da wird überall erwartet, daß dasjenige, was hereintritt in die Geschichte, wirklich so hereintritt, daß es, wie Solowjow sagt, wie ein «Wunder» hereintritt. Das russische Geistesleben ist sehr geneigt, im Übersinnlichen die Auferstehung des Christus anzuschauen, äußerlich das Hineinspielen einer inspirierenden Macht zu verehren, aber diese spricht so, wie wenn der Mensch darunter wäre, wie wenn sich das Inspirierende wie eine Wolke über die Menschheit hinbewegte, nicht wie wenn es hineinginge in das menschliche Ich. Dieses intime Beisammensein des Ich mit seinem Gott, oder auch, wenn es sich um Christus handelt, mit dem Christus, dieses Verlangen, daß der Christus im eigenen Gemüt geboren werde, das ist nur in Mitteleuropa zu finden. Und wenn einmal die ost-europäische Kultur zu der Entwickelung, die ihr angemessen ist, kommen wird, so wird sich das dann dadurch zeigen, daß jene Kultur begründet werden wird, die wie über den Menschen schwebt, die wiederum eine Art von Gruppenseelenhaftigkeit darstellt, nur auf einer höheren Stufe, als die alte Gruppenseelenhaftigkeit war. Vorläufig müssen wir es ganz naturgemäß finden, daß in der Art und Weise, wie selbst der russische Philosoph spricht, überall gesprochen wird von etwas, was wie die geistige Welt über der Menschenwelt schwebt, dem man aber nie so intim nahen kann, wie der mitteleuropäische Mensch mit seinem Ich sich dem nähern will, was das Göttliche ist, dem, was als Göttliches durch die Welt wallt und webt.
[ 22 ] Try, just for a moment, to look—unless it has been adopted from Western European culture—for this idea in Russian intellectual life: the idea of experiencing Christ or God within oneself. You will not find it. There, it is universally expected that whatever enters into history does so in such a way that, as Soloviev says, it enters like a “miracle.” Russian intellectual life is very inclined to view the resurrection of Christ in the supernatural, to venerate the external intervention of an inspiring power, but this power speaks as if humanity were beneath it, as if the inspiration were moving over humanity like a cloud, not as if it were entering into the human self. This intimate communion of the self with its God, or, in the case of Christ, with Christ, this longing for Christ to be born within one’s own soul—this can only be found in Central Europe. And once Eastern European culture reaches the stage of development appropriate to it, this will be evident in the establishment of a culture that hovers above humanity, representing a kind of group-soul character, but on a higher level than the old group-soul character. For the time being, we must find it quite natural that, in the manner in which even the Russian philosopher speaks, there is talk everywhere of something that hovers like the spiritual world above the human world, but which one can never approach as intimately as the Central European seeks to approach with his ego that which is divine, that which surges and weaves through the world as the divine.
[ 23 ] Und wenn ich oftmals davon sprach, daß die Gottheit durch die Welt wallt und webt und wogt, so ist das aus der Empfindungswelt des mitteleuropäischen Menschen heraus und würde gar nicht verstanden werden können in derselben Weise, wie es vom mitteleuropäischen Gemüt aufgenommen werden kann, von irgendeinem andern Volkstum in Europa. Das ist das Charakteristische, das Eigentümliche des mitteleuropäischen Volkes.
[ 23 ] And when I have often spoken of the divinity flowing, weaving, and surging through the world, this stems from the sensibility of the Central European people and could not be understood in the same way—as it is received by the Central European mind—by any other people in Europe. That is what is characteristic, what is unique, about the Central European people.
[ 24 ] Das sind die Kräfte, die da leben in den einzelnen Völkern, und die sich gegenüberstehen, die daher immer wieder und wiederum in Wettstreit treten müssen, die sich gewaltsam entladen müssen, wie Wolken sich entladen und Blitze und Gewitter bewirken.
[ 24 ] These are the forces that exist within individual peoples, forces that stand in opposition to one another, forces that must therefore repeatedly and inevitably compete with one another, forces that must violently discharge themselves, just as clouds discharge themselves, producing lightning and thunderstorms.
[ 25 ] Aber sehen wir denn nicht, so könnte man jetzt sagen, wie im Osten von Europa ein Wort ertönt hat, das gewissermaßen wie ein Losungsruf war und so wirken sollte, wie wenn die Kultur von Osteuropa etwa jetzt beginnen sollte, sich über das wenig wertvolle Westeuropa auszudehnen, es zu überströmen? Sehen wir denn nicht, wie die Slawophilen, die Panslawisten, der Panslawismus auftrat, besonders auch in Geistern wie Dostojewskij und ähnlichen, wie er auftrat mit den besonderen Punkten seines Programms, wie da gesagt wurde: Ihr Westeuropäer allzusammen, ihr habt eine faulgewordene Kultur, die muß ersetzt werden von Osteuropa. — Dann wurde eine ganze Theorie aufgebaut, eine 'Theorie, die vor allen Dingen gipfelte darin, daß gesagt wurde: Im Westen ist alles faul geworden, das muß ersetzt werden durch die frischen Kräfte des Ostens. Wir haben die gut orthodoxe Religion, die wir nicht bekämpfen, sondern die wir hingenommen haben eben wie die über den Menschen schwebende Wolke des Volksgeistes und so weiter. Und da wurden dann geistvolle "Theorien aufgebaut, ganz geistvolle Theorien, was jetzt schon die Grundsätze, die Intentionen des alten Slawentums sein könnten, wie vom Osten jetzt schon die Wahrheit sich über Mittel- und Westeuropa ausbreiten müsse.
[ 25 ] But do we not see, one might say now, how a word has resounded in Eastern Europe that was, in a sense, like a battle cry and was intended to have the effect of Eastern European culture now beginning to spread over and overwhelm the less valuable Western Europe? Do we not see how the Slavophiles, the Pan-Slavists, and Pan-Slavism emerged—especially in minds like Dostoevsky’s and others like him—how it emerged with the specific points of its program, how it was said: “All of you Western Europeans, you have a culture that has gone rotten; it must be replaced by Eastern Europe.” — Then a whole theory was constructed, a theory that culminated above all in the assertion: In the West, everything has become rotten; this must be replaced by the fresh forces of the East. We have the good Orthodox religion, which we do not fight against, but which we have accepted just as the cloud of the national spirit hovering over the people, and so on. And then witty “theories were constructed, quite witty theories, about what the principles and intentions of the old Slavic world might already be, and how the truth must now spread from the East across Central and Western Europe.
[ 26 ] Ich sagte, der einzelne kann sich über sein Volkstum erheben. Solch ein einzelner war auf einem bestimmten Gebiet auch Solowjow, der große russische Philosoph. Obwohl man auch bei ihm in jeder Zeile merkt, daß er als russischer Mensch schreibt, so steht er doch über seinem Volkstum. In der ersten Zeit seines Lebens war Solowjow Panslawist. Aber er hat sich genauer befaßt mit dem, was die Panslawisten und Slawophilen als eine Art Völkerphilosophie, Völkerweltanschauung aufgestellt haben. Und was hat Solowjow, der Russe, gefunden? Er hat sich gefragt: Ist denn wirklich dasjenige, was das Russentum ist, schon in der Gegenwart da? Ist das vielleicht schon enthalten bei denjenigen, die den Panslawismus vertreten, die das Slawophilentum vertreten? — Und siehe da, er ruhte nicht, bis er auf das Richtige kam. Was hat er gefunden? Er hat die Behauptung der Slawophilen, zu denen er vorher gehört hatte, nachgeprüft, er ist ihnen zu Leibe gerückt, und da hat er gefunden, daß ein großer Teil der Denkformen, der Behauptungen, der Intentionen, hergenommen ist von dem jesuitenfreundlichen französischen Philosophen de Maistre, daß er der große Lehrer der Slawophilen auf dem Gebiete der Weltanschauung ist. Solowjow hat selbst bewiesen, daß das nicht auf eigenem Boden gewachsen ist, was Slawophilismus ist, sondern von de Maistre herstammt. Und er hat noch mehr bewiesen. Er hat aufgestöbert ein längst vergessenes deutsches Buch aus dem 19. Jahrhundert, das in Deutschland kein Mensch kennt. Ganze Partien desselben haben die Slawophilen abgeschrieben in ihrer Literatur. Was ist da für eine eigentümliche Erscheinung eingetreten? Man glaubt, vom Osten komme etwas, was im Osten entstammt sein soll, und es ist rein westlicher Import. Es ist herübergekommen aus dem Westen und dann den westlichen Menschen wieder entgegengeschickt. Die westlichen Menschen werden mit ihren eigenen Gedankenformen bekanntgemacht, weil die eigenen Gedankenformen im Osten noch nicht vorhanden sind.
[ 26 ] I said that the individual can rise above his national identity. In a certain respect, Soloviev, the great Russian philosopher, was such an individual. Although one can sense in every line he writes that he is writing as a Russian, he nevertheless stands above his national identity. In the early part of his life, Soloviev was a Pan-Slavist. But he examined more closely what the Pan-Slavists and Slavophiles had established as a kind of national philosophy, a national worldview. And what did Soloviev, the Russian, find? He asked himself: Is that which constitutes Russianness truly already present in the present? Is it perhaps already contained within those who advocate Pan-Slavism, who advocate Slavophilism? — And lo and behold, he did not rest until he arrived at the truth. What did he find? He examined the claims of the Slavophiles, to whom he had previously belonged; he took them to task, and there he found that a large part of their modes of thought, their assertions, and their intentions were derived from the Jesuit-friendly French philosopher de Maistre, that he is the great teacher of the Slavophiles in the realm of worldview. Soloviev himself proved that Slavophilism did not grow out of its own soil, but originated with de Maistre. And he proved even more. He unearthed a long-forgotten German book from the 19th century that no one in Germany knows about. The Slavophiles copied entire sections of it into their literature. What kind of peculiar phenomenon has occurred here? People believe that something is coming from the East that is supposed to have originated in the East, yet it is a purely Western import. It has come over from the West and has then been sent back to Western people. Western people are being introduced to their own forms of thought, because such forms of thought do not yet exist in the East.
[ 27 ] Gerade wenn man den Dingen genau zu Leibe geht, bestätigt sich überall das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat. So daß man es schon in dem, was sich vom Osten heranwälzen will, mit etwas zu tun hat, was noch elementar ist, mit etwas, was erst seine Entwickelung finden wird, wenn es ebenso liebevoll aufnimmt dasjenige, was in Mitteleuropa sich entwickelt hat, wie dieses Mitteleuropa einmal liebevoll aufgenommen hat das griechische und lateinische Wesen vom Süden her. Denn so geschieht die Entwickelung der Menschheit, daß das Spätere das Frühere aufnimmt. Und das, was ich in dem öffentlichen Vortrag als die faustische Denkweise Mitteleuropas charakterisieren konnte durch die Worte: Es gab ein Jahr 1770 — Goethe empfand es als ein faustisches Streben, als er sagte:
[ 27 ] It is precisely when one examines things closely that what Spiritual Science has to say is confirmed everywhere. So that even in what is surging toward us from the East, we are dealing with something that is still in its infancy, with something that will only find its development when it embraces what has developed in Central Europe just as lovingly as Central Europe once lovingly embraced the Greek and Latin essence from the South. For the development of humanity proceeds in such a way that the later takes up the earlier. And what I was able to characterize in the public lecture as the Faustian mindset of Central Europe with the words: There was a year 1770—Goethe perceived it as a Faustian striving when he said: “/p”
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Alas, I have now studied
law and medicine,
and, alas, theology as well,
with the utmost diligence.
And here I stand, poor fool that I am,
just as wise as I was before!
[ 28 ] Da kam ein ungeheuer reiches, deutsches Geistesleben, ein ungeheuer intensives, reiches Streben im deutschen Geistesleben. Aber wenn Goethe seinen «Faust» vierzig Jahre später geschrieben hätte, gewiß hätte er nicht angefangen: «Habe nun, ach! Philosophie... .» und so weiter studiert und bin nun der für alle Zeiten weise Mann geworden —, sondern er hätte genau ebenso seinen «Faust» geschrieben wie 1770. Dieses lebendige Streben kommt eben her von der Inspiration der Volksseele in das Ich hinein, von jenem intimen Zusammensein des Ich mit dem Volksgeiste. Das ist eine Grundeigentümlichkeit der mitteleuropäischen Geisteskultur. Und mit dieser muß sich die osteuropäische Kultur liebevoll verbinden, muß sie aufnehmen. Dasjenige, was einfließen mußte nach Mitteleuropa, es wurde einmal von der südlichen Kultur empfangen, aufgenommen. Jetzt aber ist es nicht anders, wenn vom Osten her die elementare Entwickelungswelle sich wälzt, als wenn der Schüler auf seinen Lehrer wütend ist, weil er von ihm etwas lernen soll und ihn deshalb durchprügeln will. Es ist ein etwas trivialer Vergleich, aber es ist doch ein Vergleich, der durchaus präzise die Sache gibt. Menschenmassen mit ganz verschiedenen inneren Entwickelungskräften wohnen in Europa zusammen. Diese verschiedenen Entwickelungskräfte müssen in gegenseitige Konkurrenzwirksamkeit kommen, sie müssen sich in verschiedener Weise behaupten. Was da ist an widerstrebenden Kräften, an Kräften, die ins Widerspiel kommen, das hat sich lange, lange entwickelt. Und gerade wenn man auf die Feinheiten sieht, so findet man, wie sich darin überall dasjenige ausspricht, was Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 28 ] There emerged an immensely rich German intellectual life, an immensely intense and rich intellectual pursuit within German intellectual life. But if Goethe had written his *Faust* forty years later, he certainly would not have begun: “I have now, alas! studied philosophy... ," and so on, and have now become the wise man for all time—but he would have written his *Faust* exactly as he did in 1770. This living striving comes precisely from the inspiration of the Folk-souls flowing into the ego, from that intimate union of the ego with the national spirit. This is a fundamental characteristic of Central European intellectual culture. And Eastern European culture must lovingly connect with this, must take it in. That which had to flow into Central Europe was once received and taken in by Southern culture. But now, when the elemental wave of development rolls in from the East, it is no different than when a student is angry at his teacher because he is supposed to learn something from him and therefore wants to beat him up. It is a somewhat trivial comparison, but it is nonetheless a comparison that captures the matter quite precisely. Masses of people with very different inner forces of development live together in Europe. These various forces of development must come into mutual competitive interaction; they must assert themselves in different ways. The conflicting forces at work here, the forces that come into opposition, have developed over a very, very long time. And especially when one looks at the finer details, one finds that what Spiritual Science has to say is expressed everywhere within them.
[ 29 ] Ist es denn nicht so wundervoll ausgesprochen, drängt sich nicht die Welle der europäischen Entwickelung so zusammen, daß gleichsam symbolisch vor die ganze Menschheit hingestellt wird, wie in Mitteleuropa empfunden werden muß das intime Zusammenleben des Ich mit der geistigen Welt; wie der Gott erlebt werden soll im «Fünklein im Gemüte», wie der Christus erlebt werden soll im «Fünklein im Gemüte»! Der Christus selber muß im menschlichen Ich wirksam lebendig werden. Daher neigt sich in Mitteleuropa wie in keiner andern europäischen Sprache allmählich die ganze Entwickelung dem zu, daß das «Ich» genannt wird. Und Ich ist «I-C-H». Wie ein mächtiges Symbolum im intimen Zusammenwirken dessen, was dem Gemüte das Heiligste sein kann mit diesem Gemüte selber, steht das da in Mitteleuropa: Ich = I-CH — Jesus Christus! Jesus Christus und zugleich das menschliche Ich. So wirkt der Volksgeist, inspirierend das Volk, um in charakteristischen Worten auszudrücken, was die zugrunde liegenden Tatsachen sind. Ich weiß wohl, daß die Menschen lachen, wenn so etwas gesagt wird; wenn ausgesprochen wird, daß jahrhundertelang der Volksgeist gearbeitet hat, damit die Bezeichnung Ich zustande gekommen ist, die so symbolisch bezeichnend ist. Aber lassen wir die Menschen lachen! Nur noch wenige Jahrzehnte, und sie werden nicht mehr lachen, sondern sie werden das dann viel bedeutender nennen, als was die Leute heute Naturgesetze nennen.
[ 29 ] Is it not wonderfully expressed? Does not the tide of European development surge forward in such a way that it is, as it were, symbolically presented to all of humanity: how the intimate coexistence of the “I” with the spiritual world must be felt in Central Europe; how God is to be experienced in the “little spark within the soul,” how Christ is to be experienced in the “little spark within the soul”! Christ himself must become actively alive within the human “I.” Therefore, in Central Europe, as in no other European language, the entire development is gradually tending toward the use of the term “I.” And “I” is “I-C-H.” Like a powerful symbol in the intimate interplay of what can be most sacred to the soul with the soul itself, this stands in Central Europe: I = I-CH — Jesus Christ! Jesus Christ and at the same time the human “I.” Thus the national spirit works, inspiring the people to express in characteristic words what the underlying facts are. I am well aware that people laugh when such things are said; when it is stated that for centuries the national spirit has been at work so that the term “I” might come into being, a term that is so symbolically significant. But let the people laugh! In just a few more decades, they will no longer laugh, but will then call it something far more significant than what people today call the laws of nature.
[ 30 ] Was so wirkte als Entwickelungswelle, das wirkte recht charakteristisch. Das Bewußtsein sagt manchmal nur einen ganz geringen Teil der Wahrheit; aber was in den unterbewußten Tiefen wirkt, das spricht sich viel, viel wahrer aus. Wir sprechen zum Beispiel von Germanen. Worte bilden sich durch den wirkenden Sprachgenius. Ein Teil der Bewohner Mitteleuropas nennt sich «Deutsche». Wenn er aber von Germanen spricht, so rechnet er dazu Deutschland, Österreich, Holland, die skandinavischen Völker, aber auch die Bewohner der britischen Insel. Er dehnt das Wort Germanen über ein weites Gebiet aus. Der Bewohner der britischen Insel aber weist das zurück. Er nennt bloß den Deutschen «German» — Germane. Er selbst hat nicht das Wort Germane für sich. Die deutsche Sprache umgreift mit dem Wort einen viel größeren Kreis. Sie ist als solche geneigt, das Wort in den Dienst der Selbstlosigkeit zu stellen; er nennt nicht bloß sich Germane, der Deutsche, er umfaßt die andern mit. Der andere, der Brite, weist das zurück. Gehen Sie einmal auf das Wunderbare im sprachschöpferischen Genius ein, dann werden Sie sehen, daß darin wirklich Wunderbares ist. Mit Bezug auf das, was die Menschen im Bewußtsein haben, entsteht die Maja, die große Täuschung. Was in unterbewußten Tiefen waltet, das wirkt viel, viel wahrer. In dem spricht sich ungeheuer Bedeutsames und Tiefes aus.
[ 30 ] What appeared to be a wave of development had a very distinctive character. Consciousness sometimes reveals only a very small part of the truth; but what is at work in the depths of the subconscious expresses itself much, much more truthfully. We speak, for example, of the Germanic peoples. Words are formed by the active genius of language. A portion of the inhabitants of Central Europe call themselves “Germans.” But when they speak of the Germanic peoples, they include Germany, Austria, Holland, the Scandinavian peoples, and also the inhabitants of the British Isles. They extend the term “Germanic peoples” over a vast area. The inhabitant of the British Isles, however, rejects this. He calls only the German “German”—a Germanic people. He himself does not apply the word “Germanic people” to himself. The German language, with this word, encompasses a much larger circle. As such, it is inclined to place the word in the service of selflessness; the German does not merely call himself a Germanic people; he includes the others as well. The other, the Briton, rejects this. If you consider the marvel of linguistic genius, you will see that there is truly something marvelous in it. In relation to what people hold in their consciousness, maya—the great illusion—arises. What reigns in the depths of the subconscious has a much, much truer effect. In it, something immensely significant and profound is expressed.
[ 31 ] Und jetzt vergleichen Sie mit der Art, wie man intim zu Werke gehen muß, um die europäischen Kräftespiele zu verstehen, vergleichen Sie mit dieser intimen Art die grobklotzige Art, mit der man heute die Verhältnisse der europäischen Völker zueinander ansieht, und Sie werden erst einsehen können, welche Verwüstung in der menschlichen Urteilskraft das materialistische Zeitalter angerichtet hat. Daß man angefangen hat zu denken, die Materie trägt und hält alles, ist noch nicht das Schlimmste, sondern daß man kurzsichtig geworden ist, daß man auf die Hauptsache nicht sehen kann, nicht auch nur einen Schritt hinter den Schleier tut, der als Maja über die Wahrheit gewoben ist, das ist das eigentlich Schlimme.
[ 31 ] And now compare this with the intimate approach one must take to understand the power dynamics in Europe; compare this intimate approach with the crude, clumsy way in which people today view the relationships between the European nations, and only then will you be able to grasp the devastation the materialistic age has wrought upon human judgment. The fact that people have begun to think that matter sustains and upholds everything is not the worst part; rather, the real problem is that they have become short-sighted, unable to see the main point, unable to take even a single step beyond the veil that is woven over the truth as maya.
[ 32 ] Der Materialismus hat gut vorbereitet, was er gewollt hat. Und auch da hat der Genius gewirkt, nur ist der Genius, der den Materialismus als der höchste Anführer bewirkt hat, Ahriman. Er hat einen mächtigen Einfluß gehabt in den letzten Jahrhunderten, einen recht mächtigen Einfluß. Und ich möchte noch kurz auf ein Kapitel hinweisen, auf das man vielleicht nicht gerne heute hinweist. Wenn es geschieht, betrachtet man es als eine besondere Verrücktheit. Man kommt dem Menschen am leichtesten bei, wenn man ihm, wenn er noch jung ist, in sein Vorstellungsvermögen, in sein Gemüt dasjenige hineinträufelt, was dann in ihm auswachsen soll. Im späteren Leben ist ja den wenigsten Menschen noch etwas gründlich beizubringen. Nie hätte Ahriman daher eigentlich bessere Aussichten, die Seelen richtig materialistisch zu präparieren, als wenn er in die jugendlichen, die kindlichen Seelen schon hineinträufelt, was dann selber weiter wirkt im Unterbewußten. Wenn in dem Zeitraum, wo der Mensch noch nicht mit Verstandeskräften nachdenkt, schon die materialistischen Denkformen aufgenommen werden, dann werden die Menschen gründlich materialistisch denken lernen, wenn der Materialismus schon in die kindlichen Gemüter gepflanzt wird! Das hat Ahriman in der Form getan, daß er einen Schriftsteller der materialistischen Zeit mit der Idee des «Robinson Crusoe» inspiriert hat. Wer nämlich wirklich sehenden Geistes den «Robinson» auf sich wirken läßt, der wird dadrin sehen, wie im «Robinson» gründlich die materialistischen Vorstellungen wirken. Es sieht nicht so aus, aber das Ganze — wie der «Robinson» aufgebaut ist, wie er in diesem Abenteurerleben im äußeren Erleben zu allem getrieben wird, bis zuletzt selbst die Religion wie Kohlköpfe auf Feldern aufwächst — das alles präpariert das kindliche Gemüt sehr gut zum materialistischen Denken. Und wenn man bedenkt, daß es in einem gewissen Zeitraum — im 16., 17., 18. Jahrhundert — einen böhmischen, einen portugiesischen, einen ungarischen und so weiter Robinson als Nachahmung des «Robinson Crusoe» gegeben hat, so muß man sagen: die Arbeit ist gründlich geleistet worden, und der Anteil, den die «Robinson»-Lektüre an der Ausbildung des Materialismus gehabt hat, ist etwas Ungeheures.
[ 32 ] Materialism has achieved exactly what it set out to do. And here, too, the Genius has been at work; only the Genius who has brought about materialism as the supreme leader is Ahriman. He has exerted a powerful influence over the past few centuries—a truly powerful influence. And I would like to briefly point out a chapter that people may not like to mention today. When it happens, it is regarded as a particular form of madness. The easiest way to influence a person is to instill into their imagination and mind, while they are still young, that which is then to grow within them. In later life, very few people can still be thoroughly taught anything. Ahriman would therefore never have better prospects for truly conditioning souls to be materialistic than if he were to instill into youthful, childlike souls what would then continue to work in the subconscious. If materialistic thought forms are already absorbed during the period when a person does not yet think with intellectual faculties, then people will learn to think thoroughly materialistically if materialism is already planted in childish minds! Ahriman did this by inspiring a writer of the materialistic era with the idea of “Robinson Crusoe.” For anyone who allows “Robinson” to work upon them with a truly perceptive spirit will see how thoroughly materialistic mental images are at work in “Robinson.” It may not seem so, but the whole structure of “Robinson”—how he is driven by external circumstances in this adventurous life until, in the end, even religion grows like cabbages in a field—all of this prepares the child’s mind very well for materialistic thinking. And when one considers that during a certain period—in the 16th, 17th, 18th centuries—there were Bohemian, Portuguese, Hungarian, and so on versions of “Robinson” modeled after “Robinson Crusoe,” one must say: the work has been thoroughly accomplished, and the part that reading “Robinson” has played in the development of materialism is something immense.
[ 33 ] Gegenüber solchen Erscheinungen muß daraufhingewiesen werden, daß es auch etwas anderes gibt, was die Kinder in ihr Verständnis bis spät ins Leben aufnehmen sollen: das sind die Märchen, die in Mitteleuropa leben, und besonders die Märchen, welche die Brüder Grimm gesammelt haben. Das ist eine viel bessere Literatur für die Kinder als der «Robinson». Und wenn in unserer Zeit dasjenige, was zwischen den europäischen Völkern in so furchtbarer, so schwerer, schicksaltragender Weise geschieht, als eine Mahnung aufgefaßt wird, etwas genauer hinzusehen auf die Art und Weise, wie sich in dem Untergrund der Ereignisse entwickelt hat dasjenige, was sich in die Gegenwart hineinerstreckt, dann wird man vor allen Dingen erkennen, daß es schließlich wirklich nicht darauf ankommt, ob nun ein paar deutsche Gelehrte ihre Orden und Diplome nach England zurückschicken! Wenn sich die Mahnung der Zeit so stark erweist, daß man die materialistisch inspirierte Bewußtseinsseele des britischen Volkes in ihrer Bedeutung erkennt, so wird man auch die Bedeutung der «Robinson»-Lektüre durchschauen und den ganzen Robinson einmal ausmerzen. Viel gründlicher, viel radikaler wird zu Werke gegangen werden müssen, wenn man die Mahnungen unserer heutigen Zeit einmal im richtigen Sinne wird berücksichtigen können.
[ 33 ] In light of such phenomena, it must be pointed out that there is something else that children should absorb into their understanding well into adulthood: namely, the fairy tales that are part of Central European culture, and especially those collected by the Brothers Grimm. This is far better literature for children than *Robinson Crusoe*. And if, in our time, what occurred among the European peoples in such a terrible, and fateful manner, is understood as a warning to look more closely at the way in which, beneath the surface of events, that which extends into the present has developed, then one will recognize above all that it really does not matter, in the end, whether a few German scholars send their medals and diplomas back to England! If the warning of the times proves so powerful that one recognizes the significance of the materialistically inspired consciousness-soul of the British people, then one will also see through the significance of “Robinson” reading and eradicate the whole of Robinson once and for all. Much more thorough, much more radical action will have to be taken if the warnings of our present time are ever to be taken into account in the right sense.
[ 34 ] Es ist jetzt fünfunddreißig Jahre her, daß ich angefangen habe, Goethe zu interpretieren, gerade in seiner geisteswissenschaftlichen Aufgabe. Ich habe versucht zu zeigen, wie in der Goetheschen Entwickelungslehre eine wirklich große, geistgemäße Entwickelungslehre gegeben ist. Es muß die Zeit kommen, wo das in weiteren Kreisen eingesehen wird. Denn Goethe hat eine große, gewaltige Entwickelungslehre gegeben, die geistgemäß ist. Das war den Menschen schwierig, zu verstehen. Da hat dann im materialistischen Zeitalter Darwin besser wirken können, der in vergröberter, materialistischer Weise das gegeben hat, was Goethe in feiner, geistiger Weise als Entwicklungslehre gegeben hat. Es war eine gründliche Verengländerung, die Mitteleuropa ergriffen hat. Nun denken Sie sich die Tragik, die eigentlich darin liegt, daß der englischste Naturforscher in Deutschland, Ernst Haeckel, der ganz schwor auf Darwin, auftreten mußte mit seinem wütenden Haß gegen das Engländertum, und als dieser Krieg ausbrach, einer der ersten war, die an England die erhaltenen Orden und Diplome zurückschickten. Um den englisch gefärbten Darwinismus zurückzuschicken, wird er wohl schon zu alt gewesen sein, das aber wäre das Wesentliche, das Wichtigere.
[ 34 ] It has now been thirty-five years since I began interpreting Goethe, specifically in terms of his work on Spiritual Science. I have tried to show how Goethe’s theory of evolution represents a truly great, spiritually grounded theory of evolution. The time must come when this is recognized in wider circles. For Goethe presented a great, powerful theory of evolution that is spiritual in nature. This was difficult for people to understand. Then, in the materialistic age, Darwin was able to have a greater impact, presenting in a crude, materialistic way what Goethe had presented in a refined, spiritual way as a theory of evolution. It was a thorough anglicization that gripped Central Europe. Now imagine the tragedy that actually lies in the fact that the most English of natural scientists in Germany, Ernst Haeckel, who swore by Darwin, had to appear with his furious hatred of all things English, and when the war broke out, was one of the first to return the medals and diplomas he had received from England. He was probably already too old to send back the English-tinged Darwinism, but that would have been the essential point, the more important one.
[ 35 ] Die Dinge, um die es sich handelt, liegen ungeheuer tief, sie sind ungeheuer bedeutungsvoll, und sie hängen zusammen mit der notwendigen geistigen Vertiefung unserer Zeit. Wird man einmal einsehen, wie unendlich tiefer die Goethesche Farbenlehre ist als die Newtonsche Farbenlehre, wie unendlich tiefer die Goethesche Entwicklungslehre ist als die Darwinsche Entwicklungslehre, dann wird man sich erst bewußt sein dessen, was das mitteleuropäische Geistesleben birgt, auch mit Bezug auf solche höchste Gebiete.
[ 35 ] The matters at hand are immensely profound, they are immensely significant, and they are connected to the necessary spiritual deepening of our time. Once one realizes how infinitely deeper Goethe’s theory of colors is than Newton’s, and how infinitely deeper Goethe’s theory of evolution is than Darwin’s, only then will one become aware of what Central European spiritual life holds, even with regard to such highest realms.
[ 36 ] Ich will durch alles dies in Ihren Seelen nur eine Empfindung hervorrufen, welche Mahnung uns die gegenwärtigen schweren, schicksaltragenden Ereignisse sein müssen. Eine Mahnung zu arbeiten, die uns dahin führen soll, uns zu besinnen auf das, was da steckt im mitteleuropäischen Geistesleben und was gewissermaßen eine Verpflichtung ist, es heraus- und hervorzuholen. Das meinteich auch, alsich gestern in dem öffentlichen Vortrag sprach davon, daß dieses mitteleuropäische Geistesleben Keime enthält, die zu Blüten und Früchten führen müssen.
[ 36 ] Through all this, I wish only to evoke in your souls a sense of the warning that the current grave, fateful events must serve as for us. A warning to work, which is meant to lead us to reflect on what lies within Central European spiritual life and what is, in a sense, an obligation to bring it forth and bring it to the fore. That is also what I meant when I spoke yesterday in the public lecture about how this Central European spiritual life contains seeds that must lead to blossoms and fruits.
[ 37 ] Und wenn wir immer wieder und wiederum bekennen: das bewußte Seelenleben, es geht an der Oberfläche vor sich, darunter liegt aber all das, wovon in diesen Tagen gesprochen worden ist, dann dürfen wir auch schon unsere Gedanken hinlenken darauf, daß in den Impulsen zahlreicher Menschen auch in der Gegenwart noch etwas ganz anderes lebt als das, dessen sie sich bewußt sind. Glauben wir nicht, daß die Menschen im Westen und Osten, die die mitteleuropäische große Festung zu verteidigen haben, nur für das kämpfen, dessen sie sich bewußt sind im Oberbewußtsein. Blicken wir vor allen Dingen hin auf die Impulse, die vielen unbewußt sind, die heute durch Blut und Tod gehen, aber da sind sie, die Impulse, vorhanden sind sie, und wir sollten aus der Geisteswissenschaft die Empfindung herausschöpfen können, indem wir nach Ost und West schauen, wie in den Impulsen derjenigen, die da die Opfer verrichten, dasjenige lebt, was erst die Zukunft noch für das äußere Erleben herausgebären muß, wovon vielleicht selbst die Kämpfenden kaum eine Ahnung in ihrem Bewußtsein haben. Dann erst, wenn wir es also betrachten, durchdringt sich uns dasjenige, was da geschieht, mit dem rechten Gefühl, mit der rechten Empfindung.
[ 37 ] And when we repeatedly affirm: the conscious life of the soul takes place on the surface, but beneath it lies everything that has been spoken of in recent days, then we may also direct our thoughts to the fact that, even in the present, something quite different from what they are conscious of still lives within the impulses of numerous people. Let us not believe that the people in the West and East, who must defend the great Central European stronghold, are fighting only for what they are conscious of in their outer consciousness. Let us look above all to the impulses that are unconscious to many, that pass through blood and death today, but there they are, the impulses; they are present, and we should be able to draw from Spiritual Science the feeling, as we look to the East and West, that within the impulses of those who are making the sacrifices there lives that which the future must yet bring forth for outer experience—of which perhaps even the combatants themselves have scarcely a notion in their consciousness. Only then, when we contemplate it in this way, does what is happening there permeate us with the right feeling, with the right sense.
[ 38 ] Aber bedenken wir, wie viele Seelen in diesen Ereignissen, mit denen an kriegerischer Größe sich ja nichts vergleichen läßt, was jemals da war in der bewußten Menschheitsgeschichte, bedenken wir, wie viele Seelen durch Blut und Tod gehen, und bedenken wir, daß diese Seelen herunterschauen werden auf den Tod, der durch die großen Ereignisse der Zeit über sie verhängt worden ist. Bedenken wir, daß im Sinne des vorgestern Gesagten die jugendlichen Ätherleiber die geistige Atmosphäre durchziehen. Bedenken wir, daß nicht nur die Seelen, die Individualitäten, in der geistigen Welt sein werden, sondern daß Brauchbares aus den jugendlichen Ätherleibern die geistige Atmosphäre durchziehen wird. Versuchen wir, von da ausgehend, auf die Mahnungen zu sehen, welche die Menschen haben sollen, die übrigbleiben hier auf der Erde. Ja der einzelne, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, mahnt an die großen Aufgaben, die in der europäischen Kultur zu vollziehen sind. Und diese Mahnungen müssen gehört werden. Und geneigt müssen die Menschen werden, aus der Tiefe des Geisteslebens heraus sich Empfindungen, erkennende Empfindungen zu verschaffen, wie das eigentlich beschaffen ist, in dem wir darin leben. Wenn man einmal in diesem Sinne empfinden wird: mit jedem, der heute in der Blüte seiner Jahre draußen auf dem Schlachtfelde bleibt, steht ein Mahner, ein Rufer nach Spiritualisierung der Menschheit in der europäischen Kultur, dann wird man es richtig verstanden haben. Und nicht allein das möchte man, daß von solchen Stätten, wie die ist, an der wir stehen, nur ausgehe ein abstraktes Erkennen: der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, der Mensch geht durch viele Inkarnationen, der Mensch hat ein Karma und so weiter —, sondern das möchte man, daß die Seelen, die teilnehmen an unserem geisteswissenschaftlichen Leben, in ihren innersten Tiefen aufgerüttelt werden zu dem Empfindungsleben, das eben angedeutet worden ist, zu dem Miterleben desjenigen, was Mahnrufe der Frühverstorbenen in der nächsten Zukunft sein werden. Das Schönste, was wir uns erwerben können als Bekenner der Geisteswissenschaft, es ist das lebendige Leben, welches wie ein Hauch durch die Reihen derer gehen soll, die sich zu uns rechnen. Nicht das Wissen, nicht die Erkenntnis allein, sondern dieses Leben, das Wirklichwerden dieses Lebens.
[ 38 ] But let us consider how many souls are involved in these events—events whose military grandeur is unmatched by anything that has ever existed in the conscious history of humanity—let us consider how many souls are passing through blood and death, and let us consider that these souls will look down upon the death that has been imposed upon them by the great events of the age. Let us consider that, in the sense of what was said the day before yesterday, the youthful etheric bodies permeate the spiritual atmosphere. Let us consider that not only the souls, the individualities, will be in the spiritual world, but that useful elements from the youthful etheric bodies will permeate the spiritual atmosphere. Let us try, starting from there, to look at the warnings that should be heeded by the people who remain here on Earth. Indeed, the individual who has passed through the gate of death serves as a reminder of the great tasks that must be accomplished in European culture. And these reminders must be heeded. And people must be inclined, from the depths of spiritual life, to gain insights—insights that recognize the true nature of the world in which we live. Once one comes to feel in this sense—that with every person who today remains in the prime of life out on the battlefield stands a warning voice, a caller for the spiritualization of humanity within European culture—then one will have understood it correctly. And one does not wish merely for such places as the one where we stand to yield only abstract knowledge: that the human being consists of a physical body, an etheric body, astral body, and an I; the human being passes through many incarnations; the human being has karma, and so on—but what we wish is that the souls participating in our Spiritual Science life may be stirred in their innermost depths to the emotional life just described, to the shared experience of what the warnings of those who died prematurely will be in the near future. The most beautiful thing we can acquire as adherents of Spiritual Science is the living life that is to pass like a breath through the ranks of those who count themselves among us. Not knowledge, not insight alone, but this life, the becoming real of this life.
[ 39 ] In den letzten Zeiten sind uns gerade mehrere Mitglieder vom physischen Plan hinweggegangen. Auch ein junger Mitarbeiter, unser lieber Fritz Mitscher. Und ich hatte, auch durch das Karma veranlaßt, die Aufgabe, bei der Einäscherung in Basel zu sprechen. Ich hatte der enteilenden Seele gewisse Worte nachzusprechen. Unter mancherlei anderem enthielten diese Worte, die ich zu der Seele sprach, daß wir das Bewußtsein haben, sie werde ein Mitarbeiter bleiben, auch nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen. Ich mußte dieses sprechen aus dem Bewußtsein heraus, daß das, was uns alle belebt, nicht nur wie eine Theorie dasteht, sondern daß das, was wir wie eine Theorie aussprechen, die ganze Seele mit vollem Leben erfüllen muß. Dann aber müssen wir zu denen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, stehen wie zu denen, die hier noch im Leben stehen. Ja, wir müssen nicht anstehen, uns zu sagen: Die im physischen Leibe Lebenden sind durch die mannigfaltigsten Umstände verhindert, voll auszuleben das geistige Leben. Was alles können wir doch in diesem physischen Erdenleben an Hemmungen bei den Menschen bemerken, wenn es sich darum handelt, die wirklich großen Aufgaben der Entwickelung zu erkennen — und dann auch zu erfüllen! Aber auf die Toten können wir uns vielfach besser verlassen. Dieses Empfinden, daß sie in unseren Reihen sind, dieses Übertragen einer besonderen Mission ließen mich in entsprechender Weise den Nachruf sprechen für unseren Freund Fritz Mitscher, der als Frühverstorbener durch die Pforte des Todes gegangen ist. Und das, was für ihn gesagt ist, bezieht sich auf viele andere, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Wir sehen in ihnen unsere wichtigsten Mitarbeiter, und es wird nicht mißverstanden werden, wenn ich sage: Viel mehr als auf die Lebendigen können wir uns bei unseren geistigen Arbeiten auf die Toten verlassen.
[ 39 ] In recent times, several members have passed away from the physical plane. Among them was a young colleague, our dear Fritz Mitscher. And I had the task—prompted in part by karma—of speaking at his cremation in Basel. I had certain words to say to the departing soul. Among other things, the words I spoke to the soul expressed our conviction that she would remain a colleague even after passing through the gate of death. I had to speak these words out of the awareness that what animates us all is not merely a theory, but that what we express as a theory must fill the entire soul with full life. Then, however, we must stand by those who have passed through the gate of death just as we stand by those who are still living here. Yes, we must not hesitate to say to ourselves: Those living in the physical body are prevented by the most manifold circumstances from fully living the spiritual life. How many obstacles can we observe in this physical earthly life among human beings when it comes to recognizing—and then also fulfilling—the truly great tasks of development! But we can rely on the dead far better in many ways. This sense that they are among us, this entrusting of a special mission, led me to deliver the eulogy in a fitting manner for our friend Fritz Mitscher, who, having died prematurely, has passed through the gate of death. And what is said of him applies to many others who have passed through the gate of death. We see them as our most important collaborators, and there will be no misunderstanding when I say: In our spiritual work, we can rely on the dead far more than on the living.
[ 40 ] Aber damit wir überhaupt so etwas aussprechen können, müssen wir ganz lebendig darinstehen in dem, was unsere spirituelle Bewegung uns geben kann. Ich baue darauf, daß gerade auch nun auf dem äußeren Felde für die Spiritualisierung der Menschenkultur der Zukunft die durch die Pforte des Todes Gegangenen in unserer schicksalschweren Zeit die wichtigsten Mitarbeiter sind. Denn dieser Tod, auf den jene zurückschauen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, er wird ein großer Lehrmeister sein. Und mancher braucht heute einen stärkeren Lehrer, als das Leben geben kann. Das kann man an mancherlei Beispielen sehen.
[ 40 ] But in order for us to be able to speak of such things at all, we must be fully immersed in what our spiritual movement can offer us. I am confident that, especially now, in the outer realm of the spiritualization of future human culture, those who have passed through the gate of death in our fateful times are the most important collaborators. For this death, upon which those who have passed through the gate of death look back, will be a great teacher. And many today need a teacher stronger than life can provide. This can be seen in many examples.
[ 41 ] Ich möchte ein Beispiel anführen — manches andere könnte angeführt werden: Ein aufsehenerregender Artikel, gegnerisch gegen die von mir vertretene Geisteswissenschaft, erschien vor mehreren Jahren in einer Zeitschrift, die in Süddeutschland herauskommt, im «Hochland». Dieser Artikel hat sehr viel Aufsehen gemacht. Er hat vielen eingeleuchtet, weil er von einem ganz berühmten Philosophen geschrieben war. Der Herausgeber jener Zeitschrift «Hochland» hat diesen Artikel aufgenommen. Er hat also eigentlich propagiert, wie er meint, eine solche sehr in Betracht kommende Anschauung über diese vertrackte Geisteswissenschaft. — Sehen Sie, es kommt wahrhaftig nicht darauf an, mit äußeren Mitteln sich dagegen zu wehren. Es ist durchaus begreiflich, daß die ganz gescheiten Leute der Gegenwart Geisteswissenschaft töricht finden. Aber nachdem der Krieg ausgebrochen war, hat sich etwas anderes ereignet. Der Herausgeber der genannten Zeitschrift ist ein guter Deutscher, ein sich deutsch fühlender Mensch. Der Mann, dessen Artikel er dazumal aufgenommen hat, hat jenem Herausgeber jetzt Briefe geschrieben, und dieser hat sie nun auch, nun, sagen wir, in seiner besonders begnadeten «Unschuld» in den «Süddeutschen Monatsheften» abgedruckt. Versuchen Sie einmal, sie zu lesen, so werden Sie sehen, was alles an Gift und Galle gegen die mitteleuropäische Geisteskultur jener selbe Philosoph an den Herausgeber des «Hochland» schreibt, so daß jener Mann, also der Herausgeber, sich veranlaßt fühlt zu sagen: Wer so etwas denkt, den könnte man in Mitteleuropa nur in Irrenhäusern finden. — Denken Sie sich, was für eine unendlich bedeutsame Kritik! Es gibt einen Herausgeber einer süddeutschen Zeitschrift. Dieser Herausgeber nimmt einen Artikel auf, den er für maßgebend hält zur Vernichtung der Geisteswissenschaft, von dem er sagt: Das ist einmal ein guter Artikel über die Geisteswissenschaft von einem berühmten Philosophen! — Nach einiger Zeit bekommt der Herausgeber Zuschriften von demselben Mann, die er dann bezeichnet als herrührend von einem Menschen, der ins Irrenhaus gehört. Also müßte man nicht, mit Lebenslogik schließend, nun fortfahren und sagen: Wenn der Mann jetzt ein Narr ist, so war er auch früher ein Narr, und der gute Herausgeber hat es dazumal nur nicht erkannt, daß er es mit einem Narren zu tun hat, als er gegen Geisteswissenschaft schrieb. — Das ist Lebenslogik. Man kann manchmal nicht abwarten, bis solche Lebenslogik wirkt, aber sie waltet schon in unserem Leben, und so kann man manchmal etwas nach diesem Rezept erleben. Dazumal ist der Artikel erschienen gerade gegen meine Geisteswissenschaft. Man hat ihn gelesen. Man hat gesagt: Ja, das ist ein berühmter Philosoph und Platoniker, er ist also besonders gescheit. — Der Herausgeber hat sich gesagt: Wenn jemand, der so gescheit ist, über die Geisteswissenschaft schreibt, ist das ein bedeutender Artikel. — Es vergeht eine Zeit, und derselbe Herausgeber sagt: Der Mann ist ein Narr. — Aber er brauchte erst den Beweis auf die eben angeführte Weise. Ja, so geht es bei den Lebenden zu. Solche Menschen, die so wenig festen Boden unter den Füßen haben wie jener Herausgeber der süddeutschen Zeitschrift, haben schon nötig, daß sie belehrt werden durch Ereignisse, die in viel tieferem Sinne durch das Leben der letzten Zeiten von der geistigen Welt her gegeben werden, als es genehm ist.
[ 41 ] I would like to cite one example—though many others could be mentioned: A sensational article, critical of the Spiritual Science I advocate, appeared several years ago in a magazine published in southern Germany, *Hochland*. This article caused quite a stir. It made sense to many people because it was written by a very famous philosopher. The editor of that magazine, “Hochland,” included this article. He thus actually promoted, as he sees it, a highly credible perspective on this complex Spiritual Science. — You see, it really doesn’t matter whether one defends against it with external means. It is entirely understandable that the very intelligent people of the present day find Spiritual Science foolish. But after the war broke out, something else happened. The editor of the aforementioned journal is a good German, a man who feels German. The man whose article he published back then has now written letters to that editor, and the latter has now, well, let’s say, in his particularly gifted “innocence,” printed them in the *Süddeutsche Monatshefte*. Try reading them, and you will see all the venom and bile that this same philosopher directs against Central European intellectual culture in his letters to the editor of the “Hochland,” so that the editor feels compelled to say: Anyone who thinks such things could only be found in mental institutions in Central Europe. — Just imagine what an infinitely significant critique this is! There is an editor of a South German journal. This editor publishes an article that he considers decisive for the destruction of the Spiritual Science, of which he says: “Now that is a good article on the Spiritual Science by a famous philosopher!” — After some time, the editor receives letters from the same man, which he then describes as coming from a person who belongs in a madhouse. So, reasoning with the logic of life, one ought not to go on and say: If the man is a fool now, then he was a fool before as well, and the good editor simply failed to recognize at the time that he was dealing with a fool when he wrote against Spiritual Science. — That is the logic of life. Sometimes one cannot wait for such logic to take effect, but it is already at work in our lives, and so one can sometimes experience things according to this pattern. At the time, the article appeared specifically against my Spiritual Science. People read it. They said: Yes, he is a famous philosopher and Platonist; he is therefore particularly clever. — The editor told himself: If someone who is so clever writes about Spiritual Science, that is a significant article. — Some time passes, and the same editor says: The man is a fool. — But he first needed the proof in the manner just described. Yes, that is how it goes with the living. Such people, who have as little solid ground under their feet as that editor of the South German journal, really need to be instructed by events that, in a much deeper sense, are being given by the spiritual world through the life of recent times, more than is agreeable.
[ 42 ] Und so werden Sie verstehen, wenn ich zu dem vorhin Gesagten zurückkehre: Unsere Zeit hat viele widerstrebende Kräfte gehabt, und wenn wir den Krieg eine Krankheit nennen — wir können das tun —, so ist das eine Krankheit, die herbeigeführt wurde durch etwas, was längst vorher sich abspielte, und er ist da zur Gesundung, damit manches ausgemerzt wird, was zur Schädigung des Lebens der ganzen Kultur nach und nach führen mußte. Wenn wir ihn in dem Sinne als Krankheit bezeichnen, wenn wir aber die Krankheit als ein Sich-zur-Wehr-Setzen anschauen, dann verstehen wir diesen Krieg und die schicksaltragenden Ereignisse der Gegenwart, verstehen ihn auch in seinen bedeutsamen Winken und Mahnungen. Dann erleben wir ihn mit allen inneren Kräften unserer Seele, so daß wir recht aufmerksam werden können auf diejenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und die hinschauen auf die nächste Zukunft und wirklich das gelernt haben werden, was sie dann in die Seelen, die sie hören wollen, hineininspirieren können: daß spirituelle Vertiefung, die zum Menschenheil und Menschenfortschritt in der nächsten Zukunft notwendig ist, in sie hineinkommen muß.
[ 42 ] And so you will understand when I return to what I said earlier: Our time has been marked by many conflicting forces, and if we call war a disease—and we can do so—it is a disease brought about by something that took place long before, and it is here to bring about healing, so that certain things may be eradicated which, little by little, were bound to lead to the detriment of the life of the entire culture. If we describe it as an illness in this sense, but if we view the illness as a means of self-defense, then we understand this war and the fateful events of the present, and we also understand it in its significant signs and warnings. Then we experience it with all the inner powers of our soul, so that we can become truly attentive to those who have passed through the gate of death and who look toward the near future and will truly have learned what they can then inspire into the souls that are willing to listen: that the spiritual deepening necessary for human salvation and progress in the near future must enter into them.
[ 43 ] Und wenn Ihre Seelen dasjenige, was ich mit diesen Worten sagen möchte, in der rechten Weise aufnehmen können, dann sind Sie erst im vollen rechten Sinne Bekenner unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Wenn Ihre Seelen den Entschluß fassen können, zu solchen Seelen zu werden, die Aufmerksamkeit zuwenden werden dem, was heruntergeraunt wird von jenen, die durch unsere schicksaltragenden Ereignisse durch die Pforte des 'Todes gegangen sind.
[ 43 ] And if your souls are able to receive what I wish to convey with these words in the proper way, then you are, in the fullest sense, adherents of our worldview based on Spiritual Science. If your souls can resolve to become the kind of souls who will turn their attention to what is whispered down by those who, through our fateful events, have passed through the gate of ‘death.’
[ 44 ] Eine Verbindungsbrücke soll durch die Geisteswissenschaft geschlagen werden gerade für die nächste Zukunft zwischen den Lebendigen und den Toten, eine Verbindungslinie, durch welche die inspirierenden Elementarkräfte derer, welche die großen Opfer in unserer Zeit dargebracht haben, den Weg herüber werden finden können.
[ 44 ] A bridge is to be built through Spiritual Science, specifically for the near future, between the living and the dead—a connecting link through which the inspiring elemental forces of those who have made great sacrifices in our time will be able to find their way across.
[ 45 ] Deshalb wollte ich in diesen Tagen, lehrend zu Ihren Seelen sprechend, Empfindungen anregen. Diese Empfindungen sollen wie erwartende Empfindungen sein dessen, was den Seelen gesagt wird durch die Wirkungen unserer schicksalschweren Zeit.
[ 45 ] That is why, in these days, as I teach and speak to your souls, I have sought to stir up certain feelings. These feelings should be like the anticipation of what is being communicated to the souls through the effects of our fateful times.
[ 46 ] In diesem Sinne sei auch heute wiederum mit den Worten geschlossen, die ich schon vorgestern hier sprach, die wie ein Mantram in unseren Seelen wirken sollen, damit unsere Seelen Erwartende werden, Erwartende der Inspiration, die da kommen wird von den Toten, im Geiste aber ganz besonders lebendig Werdenden:
[ 46 ] In this spirit, let us conclude today once again with the words I spoke here the day before yesterday, words that are meant to resonate in our souls like a mantra, so that our souls may become expectant—expectant of the inspiration that will come from the dead, yet which, in spirit, will become especially alive:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Denken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
From the courage of the fighters,
From the blood of battle,
From the suffering of the forsaken,
From the sacrifices of the people
The fruit of the spirit grows
Souls, spiritually aware,
Send their meaning into the spirit realm.
