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Wege der geistigen Erkenntnis und
der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung
GA 161

9 Januar 1915, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Eine Anschauung darüber, welch kompliziertes Wesen eigentlich der Mensch ist, haben wir uns bereits angeeignet. Man beachtet das nicht immer, weil man ja aus einer gewissen Erkenntnisbequemlichkeit heraus nach Einfachheit, nach einer Vereinfachung des Erkennens, nach einem gewissen Schematismus strebt. Allein ein genaueres Eingehen auf die Dinge, die wir durch Jahre hindurch betrachtet haben, kann uns zeigen, welch kompliziertes Wesen die Totalität der Menschennatur ist.

[ 2 ] Nehmen wir nun einmal die Tatsache, daß des Menschen physischer Leib in bezug auf seine erste Anlage entstanden ist in ururferner Vergangenheit, während der alten Saturnzeit. Das, was dazumal entstanden ist als erste Anlage des physischen Menschenleibes, das tragen wir ja heute noch in uns, aber so, daß wir es aus dem Verwandlungsprodukt heraus, das wir nach und nach geworden sind, erkennen müssen. Nachdem wir als physischer Menschenleib durch die Sonnen-, Monden- und Erdenentwickelung hindurchgegangen sind, ist es so, daß wir nicht mehr mit der gewöhnlichen Anschauung das erkennen können, was während der alten Saturnzeit entstanden ist. Denn dieser menschliche Leib ist eben. umgewandelt worden während der Sonnen-, Monden- und Erdenzeit. Er hat während der Sonnenzeit eine Umwandlung dadurch erfahren, daß der Ätherleib ihn durchdrungen hat; während der Mondenzeit hat er eine Umwandlung erfahren dadurch, daß der astralische Leib ihn durchdrungen hat, und während der Erdenzeit dadurch, daß das Ich ihn durchdrungen hart.

[ 3 ] Wenn wir also zunächst nur den physischen Menschenleib betrachten, noch nicht den Ätherleib als solchen, nicht den astralischen Leib und auch nicht das Ich, sondern nur den physischen Leib, so müssen wir sagen, daß dieser physische Leib sich in der Hauptsache viermal verwandelt hat.

[ 4 ] Einstmals war er da als physischer Leib, und da waren die höheren Glieder der Menschennatur noch nicht darinnen. Dann hat er sich umgewandelt unter dem Einfluß des Ätherleibes, dann unter dem Einfluß des Astralleibes und endlich unter dem Einfluß des Ich. Das alles ist aber der physische Leib, ist Umwandlungsprodukt des physischen Leibes.

[ 5 ] Notieren wir uns das einmal: Da haben wir zunächst die erste Anlage des physischen Leibes während der alten Saturnzeit. Dann haben wir unter dem Einflusse der Sonnenzeit dasjenige, was der ätherische Leib aus dem physischen Leibe macht, also die ursprüngliche Anlage, und das, was die Sonnenentwickelung daraus macht. Dann haben wir unter dem Einflusse der Mondenzeit dasjenige, was der astralische Leib aus ihm macht, und während der Erdenzeit das, was das Ich aus ihm macht. Das sind vier Verwandlungsformen des physischen Leibes (siehe Schema Seite 13). Jetzt haben wir ins Auge gefaßt, was durch den ätherischen und den astralischen Leib und durch das Ich in diesem physischen Leibe bewirkt wird. Aber wir haben nicht die höheren Glieder der Menschennatur für sich ins Auge gefaßt, nicht, was für Veränderungen im Laufe der Zeit mit dem ätherischen Leibe, mit dem astralischen Leibe, mit dem Ich vor sich gegangen sind. Während der Sonnenzeit kommt der Ätherleib hinzu; der macht nun während der Sonnenzeit seine eigene Entwickelung durch und erleidet dann Veränderungen während der Mondenzeit durch den Einfluß des astralischen Leibes und während der Erdenzeit durch den Einfluß des Ich, so daß dieser ätherische Leib wiederum eine Dreigliedrigkeit hat. Endlich kommt während der Mondenzeit hinzu der astralische Leib; der entwickelt sich für sich in seiner Astralität während der Mondenzeit und während der Erdenzeit durch das Ich. Aber nun kommt nur während der Erdenzeit das Ich selber hinzu als ein einzelnes.

[ 6 ] Wir können nun das Ganze auch von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten. Wenn wir das Ich ins Auge fassen, so haben wir eigentlich ein vierfaches Ich in uns. Wir haben in uns dasjenige, was das Ich aus dem physischen Leibe macht. Wir haben dann dasjenige, was das Ich aus dem Ätherleibe macht, dann das, was es aus dem Astralleibe macht und dann das Ich selbst in dem Ich.

[ 7 ] Nun wollen wir aber einmal eine andere Frage stellen. Wenn wir den Menschen sehen, wie er auf dem physischen Plan ist — wir wissen, wenn wir die Abteilungen des Schemas abzählen, daß der Mensch eine Zehnheit ist —, also wenn er so auf dem physischen Plane vor uns steht, was ist dann eigentlich von seiner ganzen Zehnheit vor uns?

1. Physischer Leib 2. Ätherleib 3. Astralleib 4. Ich
5. Ätherleib 6. Astralleib 7. Ich
8. Astralleib 9. Ich
10. Ich

[ 8 ] Nun, im Grunde genommen ist zunächst von alledem nur sehr wenig auf dem physischen Plane vor uns; das meiste von dem, was ich hier aufgeschrieben habe von dieser Zehnheit, bleibt verborgen. Dasjenige, was vor uns steht, ist zunächst dieses Ich. hier (Schema S. 19: Ich 1). Was ist dieses Ich? Dieses Ich ist das, was der physische Leib ist, das, was das Ich aus dem physischen Leibe gemacht hat. Bitte, achten Sie jetzt wohl auf das, was ich sagen werde, denn man bekommt überhaupt nur dann davon einen richtigen Begriff.

[ 9 ] Wenn Sie einem Menschen gegenübertreten und ihn anschauen, die Form seines Kopfes, die Physiognomie der Nase, des Mundes, wenn Sie sehen, wie er ist, was er so ist — auch wenn Sie ihn als Anatom oder Physiologe zerlegen —: dann haben Sie das, was das Ich aus seinem physischen Leibe gemacht hat.

[ 10 ] Das, was das Mondendasein, das Sonnendasein, das Saturndasein aus dem physischen Leibe gemacht hat, das entgeht Ihrem Blick, das bleibt eigentlich im Verborgenen; nur das, was das Ich aus dem physischen Leibe macht, das haben Sie vor den physischen Augen. Also nur dann, wenn man darauf achtet, kann man sich einen klaren Begriff von der Sache machen.

[ 11 ] Ich will versuchen, Ihnen noch zu Hilfe zu kommen durch eine andere Betrachtung, um die Sache zu erklären. Wenn Sie ein Tier vor sich haben, zum Beispiel einen Hund, einen Wolf, eine Katze, dann haben Sie eine Gestalt, die durch einen astralischen Leib gemacht ist. Wenn Sie den Menschen betrachten, haben Sie eine Gestalt, bis in die Blutzirkulation hinein, die durch das Ich gemacht ist. Wenn Sie dagegen ein Tier betrachten, haben Sie eine Gestalt, die durch den astralischen Leib gemacht ist.

[ 12 ] Verborgen bleibt die Konfiguration des physischen Leibes, welche durch den ätherischen, den astralischen und den physischen Leib selber gemacht ist. Was wir äußerlich erleben, ist eigentlich eine Verkörperung des Ich. Fassen wir das wohl ins Auge. Das ist eine Verkörperung des Ich, und wir sollten, wenn wir genau sprechen über den Menschen, so sprechen, daß wir sagen: ein auf der Erde verkörpertes Ich ist der Mensch in seiner ganzen Gestalt bis in die Blutzirkulation hinein.

[ 13 ] Also was das Ich aus dem physischen Leibe macht, das nehmen wir wahr. Was nehmen wir aber noch nicht wahr? Was wir noch nicht wahrnehmen, ist eben dieses Ich. Wenn Sie das hier Ich 1 nennen und dies hier Ich 4 (siehe das Schema Seite 19), so ist Ich 1 von außen wahrnehmbar, Ich 4 ist das, was Sie nicht von außen wahrnehmen, sondern was Sie nur als Selbsterlebnis haben. Wenn Sie sich erleben in Ihrem Selbstbewußtsein, wenn Sie erleben, was Sie wahrnehmen, was Sie fühlen, was Sie denken, kurz, wenn Sie sich erleben als Ich, dann nehmen Sie dieses Ich als solches wahr: das ist das Ich, von dem die Philosophen sprechen. Ich 4 also nehmen Sie wahr als Innenerlebnis.

[ 14 ] Nun könnten Sie es nicht als Innenerlebnis wahrnehmen, wenn wirklich nur das Ich da wäre. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß wir nicht nur während der Nacht, sondern auch während des Tages schlafen. Wir sind uns nicht voll bewußt des ganzen inneren Erlebens, und insofern wir bei Tage schlafen, leben bei Tage auch in uns die Wesenheiten der höheren Hierarchien.

[ 15 ] In diesem Ich leben, von der geistigen Welt aus ihre Impulse hereiner‚streckend, die Angeloi, die Archangeloi und die Archai. In dem, was am allermeisten schläft, in dem entschiedenen Wollen, lebt zunächst die Kraft der Archai. Es leben schon auch die Angeloi und die Archangeloi im Wollen, aber die tiefsten Impulse des Wollens kommen immer von den Archai. Nur weiß der Mensch ja von seinem Wollen, wie ich Ihnen schon auseinandergesetzt habe, sehr wenig. Im Gefühle des Menschen lebt die Kraft der Archangeloi und in seinem Denken die Kraft der Angeloi. Man kann sagen: als unbewußtes Selbsterlebnis sind in uns die Willen gebenden Archai, die Gefühle gebenden Archangeloi und die Denken gebenden Angeloi. Und das alles strebt und webt in das Ich hinein und wird zuletzt zu dem, was der Mensch eben sein inneres Seelenleben nennt.

[ 16 ] Aber bekannt ist eigentlich nur das Ich 1. Geradeso wie hinter dem, was wir als Verkörperung des Ich anschauen, das liegt, was der astralische Leib, der ätherische Leib und der physische Leib selbst aus dem physischen Leib gemacht haben, so liegt hinter dem, was wir innerlich erleben, dasjenige, was die Angeloi, die Archangeloi und die Archai bewirken. So daß wir sagen können: Im Grunde genommen kennt der Mensch sehr wenig von dem, was er eigentlich ist.

[ 17 ] Wenn der Mensch einem anderen Menschen begegnet, so nimmt er dessen Ich 1 wahr; wenn er in sich selber hineinblickt, so nimmt er sein Ich 4 wahr. Also acht von den zehn Gliedern bleiben zunächst im Verborgenen liegen. Wenn aber auch diese Glieder für sich selbst im Verborgenen bleiben, so kann man doch sagen, daß ihre Wirkungen in gewissen Einzelerscheinungen des menschlichen Erlebens zutage treten. Verborgen bleibt einmal, was das Ich aus dem ätherischen Leibe macht. Wie das Ich hier, welches ich das Ich 2 nennen möchte, im ätherischen Leibe sich benimmt, das bleibt zunächst — aber eigentlich nur scheinbar verborgen. Wir werden gleich sehen, daß es auch etwas herauskommt.

[ 18 ] Wie das Ich 1 aussieht, das gibt sich uns, wenn wir einem Menschen gegenübertreten, in seiner Gestalt, in seiner Form zu erkennen. $o wie das Ich 1 in der physischen Gestalt, in der physischen Form sich kundgibt für das äußere Wahrnehmen, kann natürlich das Ich 2, also das, was das Ich aus dem ätherischen Leibe macht, nur dem Hellseher erscheinen. Der ätherische Leib ist nicht ein Formenleib, sondern ein Bewegungsleib. Ahnen können Sie, auch ohne Hellsehen, wie das Ich 2 den ätherischen Leib in ganz bestimmte rhythmische Bewegungen versetzt, so wie dem physischen Leibe das Ich 1 seine Form gibt. Aber diese rhythmischen Bewegungen, diese inneren Bewegungen des ätherischen Leibes kommen, indem sie sich durchdrücken in den physischen Leib hinein, im physischen Leibe zum Vorschein, oder besser gesagt, sie kommen in der physischen Welt zum Vorschein.

[ 19 ] Wir versuchen das, was da das Ich im ätherischen Leibe darinnen an Bewegungen erzeugen kann, ich möchte sagen, herauszuholen durch die eurythmischen Bewegungen, soweit das in der Gegenwart schon geschehen kann. Wenn Sie sich ein Gedicht oder ein Musikstück eurythmisiert vorstellen und Sie könnten abstrahieren, absehen von dem physischen Leibe und nur hinsehen auf das, was der Ätherleib tut, dann würden Sie das Ich im ätherischen Leibe darinnen in Bewegung haben.

[ 20 ] Wir versuchen abzutrotzen dem Ahriman diese Eurythmie; denn dadurch, daß Ahriman in die Welt gekommen ist, ist der menschliche Ätherleib so verhärtet worden, daß er die Eurythmie nicht als natürliche Gabe entwickeln konnte. Die Menschen würden eurythmisieren, wenn Ahriman den menschlichen ätherischen Leib nicht so verhärtet hätte, daß das Eurythmische nicht zum Ausdruck kommen kann; denn dieses Eurythmische muß sich durchpressen durch nur ein einziges Glied des menschlichen physischen Leibes und wird durch die anderen Glieder des physischen Leibes in Bann gehalten.

[ 21 ] Der Ätherleib, der beim Musikalischen, beim Singen und auch beim Sprechen eigentlich veranlaßt ist, in eurythmischen Bewegungen zu leben, der wird durch die Schwere des physischen Leibes, also durch Ahriman, abgehalten, diese Bewegungen wirklich auszuführen und kann sie nur durch ein einziges Glied zum Ausdruck bringen: er kann sie nur in Lunge und Kehlkopf hineinlegen, indem er die Luft durch sie hindurchpreßt. Dadurch kommt die Sprache und der Gesang zustande. Wir können also sagen, daß das Ich 2, indem es den ätherischen Leib durchorganisieren, durcheurythmisieren will, sich, statt den ganzen Menschen zu ergreifen, mit einem Teile des Menschen begnügen muß im Gesang und in der Sprache.

[ 22 ] Wenn der Mensch singt oder spricht, dann kommt im Tone und in der Vokalisierung eigentlich immer ein Spektrum des ganzen Menschen zum Vorschein. Das, was man hört, ist der Ton, ist der Vokal. Dasjenige, was aber alles zum Vorschein kommt für das hellseherische Bewußtsein, das ist im Grunde genommen ein ganzer Mensch, der ganze Mensch in einer gewissen Bewegungsform.

[ 23 ] A, E, I, O, U, das ist immer ein ganzer Mensch, nämlich ein Spektrum, ein ätherisches Gespenst des ganzen Menschen. Nur wird in einseitiger Weise der ätherische Leib bewegt, so daß, wenn Sie einen Menschen sprechen hören: A, E, I, O, U —, das so verläuft, daß Sie hintereinander fünf Menschen spektrisch sehen, nur immer in verschiedener Bewegungsform und so, daß nicht immer der ganze Mensch voll und gleichmäßig zu sehen ist, sondern manchmal mehr der Kopf, manchmal mehr die Hände, manchmal mehr die Beine. Die anderen Teile treten dann, ich möchte sagen, in Dunkelheit, in Düsterheit zurück.

[ 24 ] Nun steht aber in Verbindung mit jenem selben Ich 2, von dem ich Ihnen eben gesagt habe, daß es in seinen Wirkungen in die Sprache, in den Gesang hinein ertönt, wiederum eine Wesenheit aus der Reihe der Angeloi. Aber dieser Angelos ist gerade derjenige, von dem ich öfter in diesen Vorträgen gesprochen habe. Das ist das, was natürlich ganz und gar nicht zum Bewußtsein kommen kann, denn es kommt ja nicht einmal das zum Bewußtsein, was ich Ihnen soeben erzählt habe von der IchTätigkeit im ätherischen Leibe, wenn die Menschen singen oder sprechen. In alles das ergießt sich ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi. Das ist eben ein Diener des Volksgeistes, und auf diesem Wege kommt also aus dem Volksgeiste die Sprachfärbung, die besondere Sprache in den Menschen hinein. Dadurch, daß der Volksgeist der Hierarchie der Archangeloi angehört, hängt dies wieder mit den höheren Gebieten zusammen. Das ist ein komplizierter Weg, durch den das Volksmäßige, das Nationale, in den Menschen hineinkommt. Aber so gliedert es sich hinein, auf diesem Wege und an dieser Stelle. Denn hinter diesem Angelos steht der Volksgeist, der eine Wesenheit aus der Reihe der Archangeloi ist.

[ 25 ] Wir wollen nun dieses nächste Ich, das wiederum verborgen bleibt, Ich 3 nennen. Dieses Ich 3 erlebt der Mensch auch nicht unmittelbar. Denn dasjenige, was man unmittelbar erlebt, ist Ich 4. Was man von außen sieht, ist Ich 1. Und wenn wir von außen wahrnehmen die Wirkung von Ich 2, so ist es dann, wenn der Mensch singt oder spricht. Ich 3 lebt in sehr unterbewußten Regionen; es lebt in alle dem, dessen der Mensch fähig ist im Umfange seines Phantasieschaffens. Alles was der Mensch an Phantasiebildern in sich hervorbringen kann, an Bildern, die nicht Abbilder der physischen Außenwelt sind, das stammt von Ich 3, so daß wir sagen können: es lebt als schöpferische Phantasie im weitesten Umfange.

[ 26 ] Hier müßte auch dasjenige beschrieben werden, was Sie in meiner «Philosophie der Freiheit» unter dem Titel «Moralische Phantasie» finden. Da kommt sie zum Vorschein als Moralprinzipien schaffende Phantasie. Alles Schöpferische, im Guten und im Bösen, gehört an diese Stelle der menschlichen Wesenheit. Ich sagte: «Im Guten und im Bösen», denn Sie könnten ja der Meinung sein, es gebe viele Menschen, die einen auffallenden Mangel an Phantasie zeigen. Da kann man nur sagen: Oh, hätten sie mehr wirkliche Phantasie, diese Menschen! Denn ein wenig Pflege der wirklichen Phantasie ist ein gutes Heilmittel gegenüber gewissen Schäden des Lebens.

[ 27 ] Ich möchte Sie nur auf eines aufmerksam machen. Es gibt Menschen, die scheinen gar keine Phantasie zu haben auf den Gebieten, auf denen man oftmals Phantasie sucht. Ja, wenn sie manchmal Gelegenheit nehmen, sich über die Phantasie zu äußern, zeigen sie sogar einen ausgesprochenen Haß gegen alle Phantasieschöpfungen. Wenn man ihnen aber zu Leibe oder, ich möchte sagen, zur Seele rückt, zeigen sie, daß sie im Grunde sehr viel Phantasie haben: kaum hören sie nämlich da oder dort ein Wort über ihren Nebenmenschen, das ihm abträglich ist, so erfinden sie ganze Geschichten und erzählen die tollsten Dinge über ihren Nebenmenschen. Alles, was man so lügt, ist ja Geschöpf der Phantasie, ist ein Umwandlungsprodukt der Phantasie ins Böse. Und wenn Sie diese Erweiterung der Phantasie ins Böse nehmen, so werden Sie gewahr werden, daß die Phantasie doch ziemlich verbreitet ist in der Welt der Menschen. Wenn Sie alle die Schöpfungen der Phantasie ins Auge fassen, welche die Menschen zuwege bringen, indem sie über ihre Mitmenschen dieses oder jenes sagen, oder auch sonst dieses oder jenes zum besten geben, so werden Sie ein ziemliches Quantum von Phantasie finden auch bei denjenigen Menschen, die im gewöhnlichen, im edleren Sinne phantasiearm sind. Die menschlichen Fähigkeiten verschlagen sich eben manchmal, und Lügenhaftigkeit und Verleumdungssucht sind eben verschlagene Phantasie.

[ 28 ] Im ganzen können wir sagen: Da unten in der Strömung der menschlichen Wesenheit, da ruht Ich 3, denn in allem, was der Mensch schaffen kann aus sich selber, was aus den Tiefen seines Seelenlebens heraufsprudelt im Guten und im Bösen, ist dasjenige, was vom Ich 3 kommt. Aber auf dieses Ich 3 haben Einfluß Wesenheiten aus der Kategorie der Angeloi und Wesenheiten aus der Kategorie der Archangeloi, im Guten und im Bösen mit luziferischer und ahrimanischer Natur.

Diagram 1

[ 29 ] Sie bekommen ein Bild von der Menschennatur, wenn Sie dieses hier abgrenzen. (Siehe Schema: Ich 4, Ich 3, Ich 2, Ich 1.) Wenn Sie dieses abgrenzen, haben Sie auf der einen Seite die Offenbarung des menschlichen Ich nach außen; wenn Sie hier abgrenzen, haben Sie die Offenbarung des menschlichen Ich nach innen. Zwischen den beiden haben Sie ‚dasjenige, was, ich möchte sagen, halb außen ist, die Äußerung des Inneren nach außen; das ist Ich 2. Ich 3 ist das, was nur halb innerlich ist, nämlich von unbekannten Tiefen in das Innere hereinkommend. Dasjenige dagegen, was nach aufwärts von dieser schrägen Linie hier liegt, ist etwas von der gegen die physische Natur hin liegenden verborgenen Menschennatur. Was unterhalb dieser schrägen Linie liegt, das sind die nächsten geistigen Hierarchien, die mit dem Menschen in Zusammenhang stehen. Im Grunde genommen, wenn man auf der Erde vom Menschen spricht, hat man kaum etwas anderes im Auge als das, was innerhalb dieser Linie liegt. Darüber aber ist alles das, was als Residuum, als Rest im Menschen vorhanden ist von der alten Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit.

[ 30 ] Wenn Sie hier eine Linie ziehen (☾), so bekommen Sie alles das, was aus der Mondenzeit im Menschen verborgen liegt. Wenn Sie hier (○) eine Linie ziehen, bekommen Sie alles das, was aus der Sonnenzeit im Menschen verborgen liegt. Wenn Sie hier (♄) eine Linie ziehen, alles das, was aus der Saturnzeit im Menschen verborgen liegt.

[ 31 ] Ziehen Sie hier eine Linie (♃), so bekommen Sie das, was während der Jupiterzeit offenbar werden wird, wo der Mensch unter den Angeloi leben wird. Ziehen Sie hier eine Linie (♀), so bekommen Sie das, was während der Venuszeit offenbar werden wird, und hier zum Schlusse bekommen Sie das, was während der Vulkanzeit offenbar werden wird.

[ 32 ] Nach einer gewissen Seite hin gibt Ihnen dieses Schema ungefähr einen Begriff von der Kompliziertheit der Menschennatur. Es ist gut, die Dinge nicht nur so zu betrachten, wie sie sich im Verlaufe unserer Zyklen darbieten, sondern wir sollen auch die einzelnen Dinge miteinander in Beziehung bringen. Ich wollte Ihnen heute ein Beispiel geben, wie diese Dinge miteinander in Beziehung gebracht werden können.

[ 33 ] Ein solches Schema kann man ja auf verschiedene Weise finden. Ich will Ihnen zuerst sagen, wie etwa der Hellseher auf ein solches Schema kommt. Der Hellseher wird sich sagen: Ich trete einem Menschen gegenüber; von diesem Menschen nehme ich zunächst mit der physischen Wahrnehmung seine äußere Gestalt wahr, alles was zum Äußeren gehört. Aber ich kann nun hellseherisch diese Gestalt vertiefen; da komme ich gewissermaßen auf den Grund der äußeren Gestalt. Sehe ich dann ab von der äußeren Gestalt, dann nehme ich ein ätherisches Wesen wahr, und in dieses ätherische Wesen spielen hinein die Sprache, der Gesang, wie überhaupt alle Tonäußerungen. Das vertieft mir das Äußere. Ebenso kann ich mein Inneres vertiefen. Ich kann zunächst mein Selbstbewußtsein so entwickeln, wie man es im gewöhnlichen physischen Leben entwickelt. Dann kann man es aber auch vertiefen. Man kann in die Welt, die sonst nur als Phantasiewirkung sich äußert, sein Innenleben hineinergießen. Dann entsteht aber etwas Reales. Dann entsteht wirklich Imagination, dann hört die Phantasie auf, bloße Phantasie zu sein. Es gelangt der Mensch in ein Gefühl hinein, das ihm sagt: die Phantasie ist nicht mehr bloß Phantasie, sondern taucht unter in ein Reales. Da kommt einem etwas entgegen und man weiß, das ist das Innere, und dies ist das Äußere (siehe Zeichnung), und die kommen einander entgegen.

Diagram 1

[ 34 ] Das ist die Form, wie das hellseherische Bewußtsein dies erlebt. Dann muß es sich wie daranstückeln das, was es in der Anschauung erleben kann, indem es sich versetzt in die Monden-, Sonnen- und Saturnzeit. Auf diese Weise kann man hellseherisch, schöpferisch die Notwendigkeit eines solchen Schemas in sich erleben. Derjenige, der die ersten Stufen der Initiation durchgemacht hat, kann das so erleben.

[ 35 ] Aber selbst wenn man diese Stufe noch nicht erreicht hat, kann man sich bis zu einem gewissen Grade helfen, damit man nach und nach dazu kommt, das auch innerlich zu erleben, was von außen an einen herantritt. Wenn man alles das zusammennimmt, was bis jetzt vorgetragen worden ist über die Geisteswissenschaft, dann können Sie dieses Schema, so wie es hier aufgeschrieben ist, sich selbst zusammenstellen. Sie müssen sich nur die Mühe geben, nicht nur hintereinander fort zu lesen, sondern zu versuchen die Dinge zu verbinden, die vorgetragen worden sind. Man kann sich dieses Schema aus dem vorhandenen Zyklenmaterial bilden. Und das ist sehr nützlich, denn indem man so das Material verarbeitet, das in den Zyklen geboten ist, schreitet man weiter von einem äußerlichen Aufnehmen zu einem innerlichen Verarbeiten. Dieses innerliche Verarbeiten hat einen hohen Wert für das wirkliche Vorwärtskommen.

[ 36 ] Ich habe Ihnen heute ein Beispiel gegeben, wie man aus den Zyklen sich ein solches Schema aufbauen kann. Ich hoffe nun, daß viele von Ihnen sich solche Schemata nach und nach aufbauen werden. Dann wird erstens das wesenlose Spekulieren über den Inhalt der Zyklen geringer werden, und das ist sehr gut; und zweitens werden durch solche Zusammenstellungen wirklich innere Evolutionen durchgemacht. Es werden die einzelnen weiterkommen, wenn solche fruchtbaren Zusammenstellungen gemacht werden. Man kann nicht nur ein paar solcher Zusammenstellungen aus den Zyklen machen. Aus dem, was jetzt als Zyklenmaterial vorliegt, kann man, wenn man sie fruchtbar macht, nicht nur Hunderte, sondern viele, viele Tausende, vielleicht noch mehr, von solchen Zusammenstellungen machen. Also Sie sehen, man hat genug zu tun, wenn man in entsprechender fruchtbarer Weise dasjenige anwendet, was in den Zyklen gegeben ist.

[ 37 ] Geht man wiederum von einem solchen Schema zu einer Erweiterung des Schemas, dann kommt man erst recht weit. Wenn Sie dasjenige, was eigentlich auf dem physischen Erdenplane vorliegt, absondern, diese vierfache Gestaltung des Ich, so können Sie sagen: Unter dem Diagonalstreifen liegt alles das hier, und über ihm liegt alles das da. Bei diesen Punkten müssen wir nur die Anordnung umkehren. Was hier unten eingeschrieben worden ist, müssen Sie oben hinsetzen. Dann haben wir die sechs Punkte oben; wir müssen also da oben sechs Punkte machen und müßten das, was hier sechs Glieder sind, an diese sechs Punkte schreiben. Das, was hier oben ist, müßten wir unten hineinschreiben. Wir könnten wieder sechs Punkte machen, und wir könnten die sechs Punkte da hinschreiben, wo die oberen Punkte sich befinden.

Diagram 1

[ 38 ] Das brauchen wir aber nicht zu tun, denn das hat schon der Kosmos für uns gemacht. Das, was auf der Erde ist, ist da; und obzwar das, was aus der Saturn-, aus der Sonnen- und der Mondenzeit in uns lebt, zunächst verborgen ist, und das, was als Jupiter-, Venus- und Vulkanzeit einst kommen wird, auch verborgen ist, so sind doch die Spuren dazu ‚vorhanden im Weltall, im Zodiakus, im Tierkreis.

[ 39 ] Man kann also dieses Schema erweitern. Alles das, was auf der Erde nicht Mensch ist, finden wir auch, wenn wir hinauf- oder hinuntersteigen. Es ist dies nur eine Andeutung, wie Sie verbinden können unsere elementarischen Lehren mit dem, was in den Zyklen enthalten ist über die geistigen Hierarchien und ihren Zusammenhang mit den Weltenkörpern.

[ 40 ] Aber auch mancherlei werden Sie finden in bezug auf, sagen wir, Pädagogik. Selbst Pädagogik wird sich ergeben, wenn wir so etwas, wie wir es jetzt auseinandergesetzt haben, in der richtigen Weise betrachten.

[ 41 ] Bedenken Sie, daß wir darauf gekommen sind, daß in Ich 2 Sprache und Gesang vorhanden sind. So daß wir sagen können: die Sprache und der Gesang sind zusammengedrängt durch Ahriman aus der ganzen Menschennatur. Wenn das einmal richtig verstanden werden wird, wird sich etwas außerordentlich Wichtiges für das wirkliche Leben ergeben. Erstens wird sich ergeben für die Gesangspädagogik der Grundsatz, daß man ein Bewußtsein hervorrufen muß bei dem Singen-Lernenden von dem Anteil, den der Ätherleib dabei hat: gleichsam von dem fortwährenden Überleiten der Töne auf den Ätherleib. Erst dann, wenn diese Anteilnahme des Ätherleibes beim Singen wirklich in Betracht gezogen werden wird, wird auch jener Umwandlungsimpuls eintreten, der mit Bezug auf die Gesangspädagogik notwendigerweise aus unseren Prinzipien heraus erfolgen muß. Praktisch gesprochen wird sich das darin zeigen, daß die Gesangslehrer und -lehrerinnen den Schüler immer mehr dahin bringen werden, weniger mit Bewußtsein zu verbinden das Gefühl in den physischen Organen, dafür aber mehr Bewußtsein zu entwickeln in dem, was gewissermaßen diesen physischen Organen anliegt. Der Singende muß ein Gefühl haben, nicht so sehr von der Bewegung der Organe, sondern von dem, was die Luft in ihm und um ihn in ihrer Bewegung tut. Eine Emanzipation des bewußten Erlebens des Tones in der Luft von dem Erleben des Tones im Organe ist dasjenige, was aus dem richtigen Erkennen der geisteswissenschaftlichen Grundsätze in der Gesangspädagogik folgen wird.

[ 42 ] Ebenso wird man mit Bezug auf die Sprachtechnik, namentlich was das Rezitieren betrifft, immer mehr darauf kommen, daß auch da es sich handelt um ein wirkliches Bewußtwerden von dem elementarischen Umwobensein, während man künstlerisch spricht.

[ 43 ] Dadurch nun ist es möglich, daß der Ton zum wirklichen Kunstton wird, daß der Sprecher ein Gefühl erhält von dem Bewußtsein, daß man, indem man künstlerisch spricht, nicht bloß in seiner Haut eingeschlossen lebt; sondern ich möchte es so ausdrücken: derjenige, der künstlerisch spricht, wird den Ton fühlen in der Luft, den Laut fühlen in der Luft als lebendiges Wesen, und durch dieses Den-Laut-Fühlen als lebendiges Wesen wird er etwas wie einen Unterton haben, wie eine Unternuance im Sprechen. Den Laut fühlen im lebendigen Sprechen: das wird wiederum eine Bereicherung der Rezitationspädagogik ergeben.

[ 44 ] Gerade durch das Eingehen auf die Intimitäten der Geisteswissenschaft wird sich für das Lehren und das Lernen im Leben Bedeutungsvolles ergeben. Vieles von dem, was anklingt, wenn man solche Dinge berührt wie diejenigen, die heute berührt worden sind, ist eigentlich der Menschheit heute noch recht wenig bewußt. Zum Beispiel wäre es gut, ein Bewußtsein davon zu entwickeln, wie eine gewisse neue Lautformulierung in einzelnen Gebieten meiner Mysteriendramen versucht worden ist. Am leichtesten ist das im siebenten Bilde des ersten Mysteriendramas zu verfolgen. Aber auch in den anderen Mysteriendramen sind solche Partien, wo das verfolgt werden kann.

[ 45 ] Ein gewisses inneres Gestalten des Lautes — neben all dem, was sonst darinnen liegt — ist es, in dem sich ausdrückt ein neues Element im poetischen Schaffen, von dem heute kaum irgendwo eine Spur vorhanden ist, das aber an die Stelle treten wird dessen, was Reim, Endreim oder Anfangsreim in früheren Zeiten war. Ein gewisses innerliches, ich möchte sagen, ein ätherisch-poetisches Erleben des Lautes gegenüber dem mehr äußerlich-physischen Erleben des Lautes, wie es im Endreim oder im Anfangsreim ist. Das Bedürfnis ist ja vorhanden, schon in unserem immer mehr prosaisch werdenden Rezitieren, die alten Formen abzustreifen. Nicht leicht läßt sich heute jemand darauf ein, den Anfangsreim, die Alliteration, wie Jordan es versucht hat, zu gebrauchen; und nicht sehr läßt sich heute ein Rezitator darauf ein, den Endreim so zu betonen, wie er ursprünglich betont war. Man betont lieber sinngemäß. Aber das ist Prosa; das ist keine poetische Sprache, wenn man bloß sinngemäß rezitiert. Poetisches Rezitieren würde sein: ein Rezitieren mit vorzüglicher Betonung desjenigen, was nicht das prosaische Element ist in der künstlerischen Gestaltungsart. Das wird aber erst wiederum möglich sein, wenn man, statt in das Äußerliche der Lautkonfiguration im Reim oder äußeren Rhythmus, sich in jenen inneren Rhythmus einlebt. So wird man sich hineinleben müssen in den Laut in der Weise, wie ich es auf einem anderen Gebiete besprochen habe: wie ich es besprochen habe in den Vorträgen der letzten Zeit, wo ich von dem Hineinleben in den einzelnen Ton beim musikalischen Komponieren in der Zukunft sprach.

[ 46 ] Alle diese Beispiele zeigen, daß es mit dem Lernen der Theorien der Geisteswissenschaft durchaus nicht getan ist, sondern daß es ankommt auf ein innerliches Erleben desjenigen, was wir aufnehmen und auf ein Durchdringen der ganzen Seele mit dem, was die Geisteswissenschaft will, wie ich es bei einer anderen Gelegenheit schon gesagt habe.

[ 47 ] Eben gerade damit sollte ein Anfang gemacht werden bei unserem Bau. Soweit etwas, was eine Anregung zu geben vermag, äußerlich hingestellt werden kann, sollte es in diesem Bau hingestellt werden, um durch das Anschauen von Formen und Farben eine Wirkung zu erfühlen in der ganzen Seele und nicht bloß im Auge. Völlig wird aber das, was angedeutet worden ist, nur erreicht werden, wenn wir uns veranlaßt fühlen, das ganze Leben in derselben Weise zu gestalten — da, wo es heute schon möglich ist —, wie es bei diesem Bau versucht wurde. Aber dann muß man eben auch versuchen, die Geisteswissenschaft wirklich lebendig zu machen, sie wirklich hineinzugießen in das, was wir unternehmen und tun wollen. Es ist notwendig sich bewußt zu werden, daß mit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung etwas gegeben werden soll, was eine Art neuen Menschen in jenem alten Menschen erzeugt, der wie ein Erbstück früherer Erdenevolution auf uns gekommen ist. Wir nehmen zu gleicher Zeit mit der Geisteswissenschaft die Vorbedingungen in uns auf, die dazu dienen, dem zur Geburt zu verhelfen, was geboren werden soll für die Erdenzukunft.

[ 48 ] Wenn man das will, dann muß man allerdings tief, tief mit seinem ganzen Wesen die Geisteswissenschaft verbinden. Wir haben da und dort schon schöne Beispiele von einem solchen Durchdringen erlebt. Von einem hervorragenden Beispiele haben wir des öfteren schon gesprochen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit einige Worte unseres Freundes Christian Morgenstern zum Schlusse erwähnen, welche solch ein Beispiel darstellen, wie unter uns Geisteswissenschaft als Seelenerlebnis in Herz und Seele eindringen kann. Nicht dadurch, daß wir sie theoretisch aufnehmen, dringt ja die Geisteswissenschaft in uns wirklich so ein, wie sie es kann, sondern erst dann, wenn sie sich in jede Fiber unseres Wesens hineinlebt.

[ 49 ] Und das ist ein Beispiel, ein Beispiel unter vielen, daß Geisteswissenschaft so schön in einem Gedichte wie demjenigen Christian Morgensterns zum Ausdruck gekommen ist. Scheinbar könnte dieses Gedicht auch aus einer anderen Weltanschauung geschrieben worden sein, in Wirklichkeit atmet es aber ganz, in jeder Zeile nicht nur, sondern auch in der Vokalisierung — aber Vokalisierung hier seelisch genommen — den Geist unserer Geisteswissenschaft:

Ich bin aus Gott wie alles Sein geboren,
ich geh im Gott mit allem Mein zu sterben,
ich kehre heim, O Gott, als Dein zu leben.

Erst wurde ich aus Deinem Ich gegeben,
dann galt es dies Gegebne zu erwerben,
Dir als ein Du es Brust an Brust zu heben.

Da wollte Stolz es mittendrin verderben,
und es ward Dir, und Du warst ihm verloren...
Bis daß Du übermächtig mich beschworen!

Da ward ich Dir zum andernmal geboren:
denn ich verstand zum erstenmal zu sterben,
denn ich empfand zum erstenmal zu leben.