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Wege der geistigen Erkenntnis und
der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung
GA 161

30 Januar 1915, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Im Grunde genommen geht aus den mannigfaltigen Betrachtungen, die wir nun im Laufe der Zeit hier angestellt haben, doch hervor, daß wirkliche, echte Kunst zuletzt zurückgeht auf die Geheimnisse der Initiation. Wir haben das ja an verschiedenen speziellen Beispielen, wenigstens schon hinweisend, erörtert. Große Kunstepochen, solche Kunstepochen, in denen über die Menschheit hinleuchtende künstlerische Taten geschehen, ziehen ihre künstlerischen Quellen immer wieder und wiederum aus der Initiation heraus. Damit ist darauf hingewiesen, wie die Kunst das spirituelle Leben hereinbringt ins physische Leben. Die Initiation eröffnet dem Menschen die Möglichkeit, fortzuschreiten von dem physischen Plan in die geistigen Welten hinein, und was dann in den geistigen Welten erfahren, erlebt werden kann, mehr oder weniger bewußt, das wird von wahrer Kunst heruntergetragen in die physischen Formen, durch die sich die Kunst zum Ausdruck bringt.

[ 2 ] Nun wird man den ganzen Zusammenhang, der hiermit gemeint ist, doch erst so recht durchschauen, wenn man darauf Rücksicht nimmt, daß die letzten Jahrhunderte der Menschheitsentwickelung wirklich vieles zugedeckt haben, unsichtbar, unwahrnehmbar gemacht haben für die weitaus meisten Menschen, was selbst vor fünf, sechs, sieben Jahrhunderten noch durchaus nicht in demselben Grade ein Geheimnis war, wie es heute für diejenigen, die sich Kulturmenschen nennen, ein Geheimnis ist.

[ 3 ] Um auf eine bedeutsame Tatsache hinzuweisen, sei das Beispiel eines ja wirklich über die Zeiten hinleuchtenden Kunstwerkes gewählt, der «Göttlichen Komödie» Dantes. Wer wird, wenn er wirklich die «Göttliche Komödie» auf sich wirken läßt, nicht den spirituellen Zug walten sehen durch dasjenige, was Dante zum Ausdruck gebracht hat! Heute wird man gerne geneigt sein, wenn es sich darum handelt, zu sagen, wie Dante zu den grandiosen Bildern seines Gedichtes gekommen ist, das Wort «Phantasie» zu gebrauchen und sich zufrieden geben damit, daß man sagt: Nun ja, in Dante hat eben die künstlerische Phantasie gewirkt. — Selbstverständlich soll nicht geleugnet werden, daß in Dante die künstlerische Phantasie gewirkt hat. Aber selbst historisch, äußerlich historisch wäre es unrichtig, wenn man glauben wollte, daß Dante, so wie aus dem Nichts heraus, aus der Phantasie sein ganzes grandioses Gedicht geschaffen hätte.

[ 4 ] Dante hatte einen Lehrer und Freund, Brunetto Latini, und ich denke, man wird aus dem, was wir gleich werden zu sagen haben, erkennen, daß Brunetto Latini im wahrhaften Sinne ein Initiierter genannt werden kann. Wenn wir damit also den Zusammenhang eines nach den Verhältnissen seiner Zeit Initiierten mit Dante haben, so haben wir ja den Zusammenhang, den wir gerade gegenüber unseren Anschauungen aufs gründlichste betonen müssen.

[ 5 ] Eines wußte die damalige Zeit: daß man den Weg durch die Wiedergeburt des Menschen gehen müsse, wenn man hinter die Geheimnisse des Daseins kommen will. Und das war vor allen Dingen in der damaligen Zeit noch unbedingt lebendig, daß der Weg zur Welterkenntnis durch die Selbsterkenntnis führt. Nur darf man diese Selbsterkenntnis nicht so oberflächlich betrachten, wie man heute oftmals von Selbsterkenntnis spricht. Wer glaubt nicht, in der Lage zu sein, über sich selbst etwas zu wissen! Ich möchte durch ein kleines Beispiel einleitend Ihnen zum Bewußtsein bringen, wie schwierig Selbsterkenntnis schon in den allerelementarsten Dingen ist, wie wenig der Mensch eigentlich geneigt ist, auf das wirklich loszugehen, was man Selbsterkenntnis nennen kann.

[ 6 ] Ich habe hier ein Buch von einem ganz berühmten Philosophen der Gegenwart, ein Buch von Dr. Ernst Mach, der eine ganze Reihe für die Gegenwart durchaus charakteristischer Werke geschrieben hat. Er macht gleich auf Seite 3 seiner «Analyse der Empfindungen» eine Anmerkung, wo er über den Zusammenhang des Physischen mit dem Psychischen spricht, eine Anmerkung, die ganz charakteristisch ist. Er sagt: «Als junger Mensch erblickte ich einmal auf der Straße ein mir höchst unangenehmes, widerwärtiges Gesicht im Profil. Ich erschrak nicht wenig, als ich erkannte, daß es mein eigenes sei, welches ich an einer Spiegelniederlage vorbeigehend durch zwei gegen einander geneigte Spiegel wahrgenommen hatte.»

[ 7 ] Also er ging, und sein Karma trug ihn vorbei an einer Spiegelniederlage, wo zwei Spiegel so geneigt waren, daß er sich selbst sehen konnte. Und da sah er dieses ihm unangenehme Gesicht, von dem er dann entdeckte, daß es sein eigenes sei. Also selbst in bezug auf dieses Äußerlichste ist es nicht ganz leicht, auch nur die elementarste Selbsterkenntnis zu gewinnen,

[ 8 ] Aber noch eine andere Anmerkung macht der Betreffende. Er wird Universitätsprofessor und hat sich so eine Anschauung gebildet, wie ein höherer Schulmeister aussieht. «Vor nicht langer Zeit stieg ich nach einer anstrengenden nächtlichen Eisenbahnfahrt sehr ermüdet in einen Omnibus, eben als von der anderen Seite auch ein Mann hereinkam. «Was steigt doch da für ein herabgekommener Schulmeister ein», dachte ich. Ich war es selbst, denn mir gegenüber hing ein großer Spiegel.» Und nun fügt er erklärend hinzu: «Der Klassenhabitus war mir also viel geläufiger als mein Spezialhabitus.» Er hatte sich die Vorstellung gebildet von einem Schulmeister, und das wußte er, daß der, der da hereinstieg, so aussah wie ein herabgekommener Schulmeister. Erst hinterher entdeckte er, daß er es selber war.

[ 9 ] Das ist ein schönes Beispiel für die oft recht mangelnde Selbsterkenntnis, selbst in bezug auf die äußere Gestalt; aber mit der seelischen Selbsterkenntnis geht es noch schwieriger. Dennoch ist ja diese individuell-persönliche Selbsterkenntnis nichts anderes als der allerelementarste Anfang, der Anfang jenes Weges, der durch den Menschen hindurch in die weiten, universellen Geheimnisse des Daseins führt.

[ 10 ] Wenn wir äußerlich auf dem physischen Plan die Welt betrachten, so haben wir ja innerhalb dieser physischen Welt wirklich nur alles dasjenige, was zum alleräußersten Wesen des Menschen gehört, nämlich zum Gefüge des physischen Menschenleibes. Wir können sagen: Wenn wir die weite Umgebung, die wir überschauen können auf dem physischen Horizont, ins Auge fassen, dann haben wir da alles dasjenige, was verwandt ist unserem äußeren physischen Menschenleib. Wir müssen uns klar sein, daß das nur ein Teil unserer Gesamtwesenheit ist, daß dahinter der Ätherleib liegt. Aber was alles ähnlich dem Ätherleib in der Umgebung des Menschen ist, das ahnt ja der Mensch zunächst nicht; noch weniger ahnt er, was ähnlich ist seinem Astralleib, was ähnlich ist seinem Ich.

[ 11 ] Der Mensch muß, weil er ja zunächst hier auf der Erde für sich selbst das einzige Beispiel ist, welches ihm aus der geistigen Welt Dokumente herträgt, er muß durch diese seine eigenen Dokumente durchgehen, er muß durch sich hindurchgehen! Das haben alle diejenigen, die etwas von der Initiation erlebt haben, gewußt; das hat auch Brunetto Latini gewußt.

[ 12 ] Nun ist bei ihm, bei diesem Lehrer und Freund Dantes, besonders charakteristisch, daß — was sehr häufig ist — durch ein besonderes Ereignis ausgelöst wird dasjenige, was man Initiation nennt. Im Grunde genommen erwartet eigentlich ein jeder, der sich auf den Pfad der Geisteswissenschaft begibt, daß über kurz oder lang für ihn die Tore der geistigen Welten sich öffnen werden. Sie werden es auch. Es kann ja allerdings vorkommen und kommt oftmals vor, daß das Hineingehen in . die geistige Welt allmählich erfolgt, daß wir langsam hineinwachsen in die geistige Welt; aber sehr häufig ist es auch so, daß durch eine Art plötzlichen Ereignisses, wie durch eine Art Lebensschock, der über uns hereinbricht, die geistige Welt uns geöffnet wird. Und so erzählt denn Brunetto Latini selber, wie er als Gesandter zum Beherrscher Kastiliens geschickt worden war, wie er wieder zurückkehrte, wie er auf dem Wege erfuhr, daß aus Florenz seine Partei, die Welfische Partei, vertrieben worden war, daß Florenz sich vollständig verändert hatte während seiner Abwesenheit. Das brachte ihn in Verwirrung. Mit solcher Verwirrung der äußeren, für die physische Welt geeigneten Seelenverfassung ist oftmals das verbunden, was den Anfangspunkt bildet für das Hereinkommen in die geistige Welt.

[ 13 ] Er erzählt weiter, wie er infolge der Verwirrung statt nach Hause in einen benachbarten Wald hineingeritten ist, ganz besinnungslos, wie er nachher in der Erinnerung glauben muß. Als er zur Besinnung kam, war es ihm ganz eigentümlich: da sah er nicht die gewöhnliche Welt des physischen Planes um sich herum, sondern da sah er etwas wie einen mächtigen Berg vor sich. Er kam nicht zur Besinnung in dem Bewußtsein, das zunächst der physischen Welt gegenübersteht, sondern er kam zum Bewußtsein gegenüber einer ganz anderen Welt, als diejenige war, die ihn physisch umgab. Ein mächtiger Berg. Die Dinge waren aber so, daß sie kamen und gingen, entstanden und wieder vergingen. Und an der Seite dieses Berges stand eine Frau, nach deren Befehlen dasjenige, was entstand, entstand, und dasjenige, was verging, verging.

[ 14 ] Die Gesetzmäßigkeit des natürlichen Geschehens sah Brunetto Latini in der Form einer Imagination. Die ganzen Naturgesetze und ihre Gesetzmäßigkeit, die schaffende, webende, wesende Natur kamen ihm vor in der Imagination in der Gestalt einer Frau, die die Befehle gab, wie da die Dinge entstehen und vergehen sollten.

[ 15 ] Wir sehen, wir leben in der Zeit des 13., 14. Jahrhunderts, wir leben in der Zeit, in welcher die naturwissenschaftliche Denkweise nach und nach heranrückt. Dasjenige, was man später abstrakt die Naturgesetzlichkeit nannte, wovon man sich später durchaus nicht hat vorstellen wollen, daß etwas Wesenhaftes dahinter ist, das sah Brunetto Latini in Form der Imagination von einer Frau, aus deren Geiste, wie in einem diese von ihm auch imaginierte Natur beherrschenden Worte, dasjenige hervorging, was später in abstrakter Form als Naturgesetzmäßigkeit empfunden wurde. Diese Frau sagte ihm dann — so erzählt er —, er solle seine Seelenkräfte vertiefen, dann werde er immer tiefer in sich hineinkommen. — Und nun ist es interessant, wie sie, gleichsam ihre Kraft über ihn ausstrahlend, ihm die Möglichkeit gibt, immer tiefer in sich hineinzukommen. Es ist das Untertauchen in die eigene Wesenheit. Und die Reihenfolge, die er angibt, ist wirklich für gewisse Verhältnisse die richtige Reihenfolge der Initiation.

[ 16 ] Das erste, sagt er, was er nun kennenlernte, das waren die Seelenkräfte. Also indem man da in sich untertaucht, lernt man das, was einem ja sonst unbewußt bleibt, wirklich kennen: die eigenen Seelenkräfte. Und dieses Erkennen der eigenen Seelenkräfte, das ist ja allerdings etwas, was leicht der Mensch, wenn er wirklich an sie herankommt, flieht. Denn es ist schon wirklich oftmals so, daß uns diese Seelenkräfte, wenn wir sie wahrnehmen, unsympathisch vorkommen, daß wir uns sagen: Was für eine unsympathische Seele ist das! — Und das will man dann nicht. Gerade so, wie es dem guten Professor gegangen war, als er seine eigene Gestalt gesehen hat und sie ihm recht unangenehm vorkam. Man will sie nicht sehen! Denn innerhalb dieses Chores von Seelenkräften sieht man so manches, was man an sich hat, was man sich durchaus im gewöhnlichen Leben nicht zuschreibt. Aber man sieht es in einer Weise, daß es an der Gesamtheit unseres Wesens arbeitet, an der Erhöhung, aber auch an der Verringerung unseres Wesens, daß es uns wertvoller oder weniger wertvoll macht für das Gesamtdasein des Universums.

[ 17 ] Also wir steigen da zuerst herein in die Seelenkräfte. Die nächste Stufe, die man dann erlebt, ist diejenige der vier Temperamente. Wie wir da zusammengewoben sind aus dem cholerischen, melancholischen, sanguinischen, phlegmatischen Temperament, und wie dieses Zusammenweben tiefer unten liegt als die Seelenkräfte, das wird zunächst klar. Und erst wenn man durch die Temperamente gegangen ist, kommt man zu dem, was man im okkulten Sinne die fünf Sinne nennen kann. Denn so wie der Mensch zunächst von diesen fünf Sinnen spricht, ist es ja nur, wie er sie von außen kennt. Er kennt sie ja nur von außen, diese fünf Sinne. Innerlich kann man die Sinne nur kennenlernen, wenn man durch die Temperamente heruntergestiegen ist in tiefere Regionen des eigenen Selbstes. Dann sieht man die Augen, die Ohren, die anderen Sinne von innen, das heißt, man erlebt zum Beispiel seine eigenen Augen, seine eigenen Ohren, sie ausfüllend von innen. Sie müssen sich, sagen wir, folgendes vorstellen: Statt daß Sie hier hereingehen durch diese Tür in diesen Saal und hier die Gegenstände und Personen wahrnehmen, die schon darinnen sind, so kommen Sie, wenn Sie dieses Hinuntersteigenin-sich-Selbst durchmachen, in die Region, sagen wir, Ihrer Augen oder . Ohren. Innerhalb dieser Region nehmen Sie wahr, wie von innen heraus die Kräfte arbeiten, um das Sehen und das Hören zustande zu bringen. Sie nehmen eine ganz komplizierte Welt wahr, eine Welt, von der ein Mensch, der nur den äußeren physischen Plan kennt, keine Ahnung hat.

[ 18 ] Gewiß wird mancher sagen: Nun ja, aber imponieren wird mir doch nicht diese Welt der Augen und Ohren! Die Welt des physischen Planes, die ich um mich habe, ist groß, aber die Welt der Augen und Ohren ist klein; da schaue ich in eine kleine Welt hinein. — Das aber ist eine Maja! Was Sie überschauen, wenn Sie in Ihrem eigenen Ohre drinnen sind, wenn Sie in Ihrem eigenen Auge drinnen sind, ist viel größer, viel voller als die äußere physische Welt; da haben Sie eine viel reichere Welt um sich herum.

[ 19 ] Und dann erst, wenn man durch diese Region durchgegangen ist, kommt man in die Region der vier Elemente. Wir haben ja von all diesen Eigentümlichkeiten der einzelnen Elemente auch gesprochen. Dann erst fühlt man sich darinnen im Erdigen, im Wässerigen, Luftförmigen und Wärmeartigen.

Diagram 7

[ 20 ] So wie der Mensch seine Sinne kennt, kennt er sie von außen, aber hier lernt er sie von innen kennen. Also er geht hier mit dem Bewußtsein von innen in das Auge hinein, durchbricht dann das Auge, und so durch das Auge brechend, kommt er in die vier Elemente hinein. Er kann auch durch das Ohr durchbrechen oder durch den Geschmackssinn. Von diesen Elementen ist der Mensch fortwährend umgeben, aber er weiß doch nicht, wie sie innerlich sind. Wie sie innerlich sind, das kann man nicht sehen mit den äußeren Sinnesorganen; da muß man zuerst aus diesen Sinnesorganen herauskommen, aber von innen, muß sie dann wieder wie durch Tore verlassen, muß hinaussteigen durch seine Augen und seine Ohren. Da schlüpft man also durch das Auge durch, schlüpft durch das Ohr durch und kommt dann in die Region der Elemente hinein. Dadurch lernt man kennen, was in dieser Region der Elemente selber als Geistiges lebt: also die verschiedenen Arten von Naturgeistern und diejenigen Wesenheiten, die zu den an die Menschen zunächst angrenzenden Hierarchien gehören.

[ 21 ] Dann kommt man weiter, kommt in die Region der sieben Planeten hinein. Da ist man schon weiter draußen, da lernt man schon dasjenige kennen, was schöpferisch mit uns verbunden ist im großen Universum. Und dann hat man, wie es immer genannt worden ist, Okeanos, den Ozean, zu durchschreiten.

Seelenkräfte
vier Temperamente
fünf Sinne
vier Elemente
sieben Planeten
Ozean

[ 22 ] Dieses Durchschreiten des Ozeans bedeutet das Folgende: Man kann an die Planeten noch herankommen, wenn man, ich möchte sagen, mit dem letzten Teil seines Seelenwesens im Physischen noch drinnen ist. Aber wenn man so durch die Tore der Sinne hinausgeht, durch die Elemente und die Planeten hindurch, dann muß man zuletzt selbst die letzten Reste von seinem Seelenwesen nachziehen, so daß man bewußt in den Zustand hineinkommt, in dem man sonst nur im Schlafe ist. Wenn man so mit den Planeten ist, ist man noch immer gleichsam mit einem Stück seines Seelenwesens im Leibe drinnen (siehe Zeichnung). Zieht man dies noch heraus, dann kommt einem das so vor, als ob man durchschwimmen würde den universellen Ozean des geistigen Daseins.

Diagram 8

[ 23 ] Dies alles unternimmt nun Brunetto Latini; er erzählt, wie er jeden dieser Schritte unternommen hat auf das Geheiß der Frau, die ihm in seiner imaginativen Erkenntnis erscheint. Dann ermahnt ihn die Frau, er solle weitergehen. Diese Ermahnung trifft ihn aber in einem besonderen Augenblick, und das ist sehr charakteristisch.

[ 24 ] Also bedenken Sie: Der Mann reitet, weil er perplex ist über dasjenige, was in seiner Vaterstadt geschehen ist, in einen Wald, kommt zu einer Besinnung, die ihn aber nicht in die physische Welt führt, sondern durch alle diese Regionen durch. Dann tritt für ihn der Moment ein, wo er — jetzt nicht durch einen Zufall, wie man so sagt, sondern durch die Aufforderung der Frau — sich in dem Wald drinnen erblickt. Also nachdem er das alles durchgemacht hat, nachdem er hindurchgestiegen ist durch die Seelenkräfte und die Temperamente, durch die Sinne geschritten ist in die elementare Welt, dort schon reiches, geistiges Leben wahrgenommen hat, nachdem er die sieben Planeten wahrgenommen hat, durch die sieben Planeten hindurch die höheren Hierarchien, wie sie Kreis an Kreis geschlossen haben, dann sich gefühlt hat, nicht wie auf festem Grunde, sondern wie den Ozean durchschwimmend, wacht er auf in der physischen Welt.

[ 25 ] Und dies ist das außerordentlich Wichtige, das wir auch wiedererkennen bei allen diesen Initiationsvorgängen: daß die Betreffenden einen Kreislauf durchmachen, daß sie zurückkommen in die physische Welt.

[ 26 ] Brunetto Latini fühlt sich, nachdem er das alles durchlebt hat, wieder in seinem Walde. Jetzt ist er von dem, was ihn physisch umgibt, wirklich umgeben. Gleich darauf steht die Frau wieder da, aber so, daß er jetzt den physischen: Wald um sich hat, und sie sagt ihm, er solle nun nach der rechten Seite reiten. Und da gibt sie ihm Anweisung, wie er kommt zur Philosophie, zu den vier menschlichen Tugenden, und zur Erkenntnis des Gottes der Liebe.

[ 27 ] Merken Sie, was da Bedeutsames dahinterliegt! Der Mensch der Gegenwart wird ohne weiteres sagen: Philosophie, na, das kenne ich, ich habe die ganze Geschichte der Philosophie studiert, weiß was Philosophie ist, was sie lehrt. Vier Tugenden: Plato hat sie genannt Weisheit, Mut, Gleichgewicht oder Mäßigkeit, Gerechtigkeit. Nun, und der Gott der Liebe, wer kennt ihn nicht? — man braucht nur die vier Evangelien zu lesen! Kurz, der Mensch der Gegenwart kennt das alles. Das ist aber das Charakteristische mit Bezug auf die geistige Erkenntnis: man fängt an zu sehen, daß man das alles nicht kennt, daß man erst hindurchgehen muß durch das Begreifen der geistigen Welt und dann zurückkommen muß zu dem, was die physische Welt gibt, und dann erst die physische Welt begreifen kann.

[ 28 ] Also Brunetto Latini würde, wenn er jetzt aufstehen würde, und es würde zu ihm ein sehr gelehrter Herr der Gegenwart kommen, nehmen wir an, ein ganz berühmter Professor der Philosophie, und er würde sagen: Ich kenne die ganze Philosophie —, da würde Brunetto Latini antworten: Ja, gewiß kennst du sie, aber in Wahrheit weißt du gar nichts von ihr. Du mußt zunächst kennenlernen das Aussehen der übersinnlichen Welten, mußt wissen, wie es in den übersinnlichen Welten beschaffen ist; dann kommst du zurück zur Philosophie, und dann ist sie für dich etwas ganz Neues, dann erst wirst du anfangen, eine Ahnung zu haben von dem, was du jetzt glaubst, ganz genau zu wissen.

[ 29 ] Man könnte dieselbe Sache auch noch anders beschreiben. Nicht wahr, wer würde es nicht absurd finden, wenn man sagen würde: ein ganz berühmter philosophischer Kopf schreibt ein philosophisches Buch, aber er versteht es nicht. Das muß er doch verstehen, nicht wahr? Wenn er ein philosophisches Buch schreibt, wie sollte er das nicht verstehen, was er selber geschrieben hat! Ja, aber es ist buchstäblich wahr, daß er das Buch geschrieben haben kann und doch nichts davon zu verstehen braucht, was er geschrieben hat. Es ist heute gar nicht schwierig, Bücher zu schreiben: sie schreiben sich von selber. Die Dinge, nicht wahr, die man nachsagen gelernt hat, die komponiert man zusammen, aber man braucht deshalb nicht einzudringen in den tieferen Sinn der Sache. Das ist das Gewaltige, das uns bei Brunetto Latini entgegentritt, daß er durch geistiges Erkennen dasjenige kennenlernen will, was die anderen durch äußeres Studium kennenlernen, und daß er erst, nachdem er hindurchgegangen ist durch die geistige Welt, dann wiederum antrifft das, was die anderen zu haben glauben von der physischen Welt her: die Erkenntnis der Philosophie, die Erkenntnis der vier Tugenden und die Erkenntnis des Gottes der Liebe.

[ 30 ] Ich möchte gerne, daß dies, was ich mit den letzten Auseinandersetzungen meine, ganz verstanden werde, meine lieben Freunde! Gewiß, eine bestimmte Art von Kenntnis der Dinge ist schon zu erlangen, auch ohne geistiges Erkennen; aber die Dinge erscheinen in einem ganz neuen Lichte, erscheinen als etwas ganz anderes, wenn man sich zuerst bekannt gemacht hat mit dem, was hinter der physischen Welt liegt. Und so sehen wir gerade an dem Beispiel des Zusammenhanges des Brunetto Latin mit Dante, das ich nur aus diesem Grunde angeführt habe, wie äußeres künstlerisches Schaffen zusammenhängt mit der Initiation, so sehen wir, wie in der Tat das große Kunstwerk Dantes zusammenhängt mit der Initiation. Dante hätte zu seiner eigentümlichen Art, sich zur geistigen Welt zu stellen, nicht kommen können, wenn er nicht Brunetto Latini zum Freund und Lehrer gehabt hätte, der ihn hinaufgezogen hat in die geistige Welt.

[ 31 ] Jedes Zeitalter hat eine besondere Art, die geistige Welt zu suchen. Wir finden schon in den dem Danteschen Zeitalter vorangehenden Jahrhunderten immer wieder und wiederum bei den verschiedensten Initiierten jene Frau, von der auch Brunetto Latini spricht, jenes Hineingeführtwerden in die geistige Welt durch diese Frau. Einzelne — und diese ganze Entwickelung geht ja zurück bis ins 7., 8. Jahrhundert —, einzelne nennen geradezu diese Frau «Natura», die lebendige, schaffende Natur. Alte Eingeweihte beschrieben diese Frau, die lebendige, schaffende Natur als die Beraterin des Nus, des die Welt durchschaffenden Verstandes, der die Welt als Nus durchsetzenden, weisheitsvollen Vernunft, und sie nennen diese Frau eine Verwandte der Urania. Während Nus draußen im Kosmos beraten wird von Urania, wird er in unseren Gegenden, unseren irdischen Gegenden beraten von der Natura. Und wenn man die ganze Sache durchschaut, so wird man zurückgeführt auf die andere Art, durch welche in viel älteren Zeiten die Eingeweihten gewissen Geheimnissen des Daseins nahezukommen versuchten, und dann finden wir in älteren Zeiten diese Frau wieder in Proserpina, in der Persephone, die der Mutter Demeter das Gewand webt. So verändern sich die Imaginationen im Verlaufe der Jahrhunderte, aber aus all diesen Imaginationen müssen wir entnehmen, daß das, was im fortlaufenden Strom der Menschheit gewirkt hat, eben die Geheimnisse der Initiation sind.

[ 32 ] Um diesen Dingen recht nahezukommen, gehört allerdings dazu, daß man sich durchdringt mit dem lebendigen Gefühle, daß in allem, was in der Welt geschieht, nicht nur diejenigen Kräfte und Wesenhaftigkeiten wirksam sind, welche die äußeren Sinne und der äußere Verstand wahrnehmen können, sondern daß überall das Geistige wirksam ist. Wir müssen aber rechnen damit, daß dasjenige, was der Mensch heute, und schon seit langer Zeit, «geistige Entwickelung» nennt, ja nichts anderes ist als die Entwickelung jener Kräfte, die an die physische Leiblichkeit gebunden sind. Man nennt ja heute vielfach geistige Entwickelung die Entwickelung der Kräfte, die an die physische Leiblichkeit gebunden sind. Das hat sich nach und nach entwickelt. Wir wissen ja, daß in alten Zeiten Hellsehen als der normale menschliche Zustand vorhanden war. Dieses ist allmählich abgeflutet und abgedämmert, und das, was wir heute geistige Entwickelung nennen, ist etwas, was durchaus an den physischen Menschen gebunden ist.

[ 33 ] In der Zeit des Mysteriums von Golgatha trat allerdings mit diesem Mysterium von Golgatha etwas in die menschliche Entwickelung ein, das groß, so gewaltig ist, daß es erst nach und nach ganz wird begriffen werden können. Was der Mensch bisher hatte, war eine Art Tradition. Mit dem Aufwand der letzten Reste atavistischer Hellseherkraft haben die Evangelienschreiber aufgezeichnet, was geschehen ist; aber das ist, wie gesagt, ein letzter Aufwand. Und jetzt fangen wir an, mit der neuerschlossenen Hellseherkraft die ersten Wahrheiten des Mysteriums von Golgatha wiederum zu begreifen. Wir müssen begreifen, daß die kommenden Zeiten tiefer und tiefer hineindringen werden in diese Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha. Wir stehen durchaus erst am Anfang davon. Doch wir fangen eben an. Gewirkt hat der Impuls des Mysteriums von Golgatha aber seit jenem Zeitpunkt, seit dem das Christus-Leben durch die Erde durchgegangen ist. Hätten die Menschen vom Christentum — ich habe das schon öfter betont — nur dasjenige gehabt, was sie einsehen können, dann hätten sie nicht viel vom Christentum gehabt. Hätte der Christus-Impuls nur durch dasjenige wirken können, was sie haben begreifen können, dann hätten sie in den verflossenen Jahrhunderten wirklich recht wenig von dem Christus gehabt.

[ 34 ] Ich habe öfter zwei Beispiele angeführt — ich könnte viele anführen —, aus denen wir sehen, wie der Christus wirkt in der menschlichen Seele, in dem, was also durch die historische Entwickelung der Menschheit durchgeht, von dem die Menschen aber nichts wissen können. Denn wahrhaftig, das, was der Kaiser Konstantin gewußt hat vom ChristusImpuls, als er selbst sich zum Christentum bekehrt hat und das Christentum zur Staatsreligion gemacht hat, war sicher herzlich wenig. Aber dadurch, daß Konstantin, der Sohn des Constantins Chlorus, des Blassen, den Sieg errungen hat über Maxentius, wurde in Rom der Anstoß zur Einführung des Christentums gegeben. Die ganze Einrichtung ist so, daß spezielle Kräfte zugrunde liegen, so daß überall dieser ChristusImpuls wirkt. Die Sibyllinischen Bücher wurden von Maxentius zu Rate gezogen. Sie gaben ihm die Auskunft — ich habe das zum Beispiel im Leipziger Zyklus vor einem Jahre erwähnt —, wie er es machen sollte gegenüber dem heranrückenden Heere des Konstantin. Aber auch einen Traum hatte er. Diesem Traum und den Sibyllinischen Büchern folgend, ging er mit dem Heer, das viermal stärker war als das Heer des Konstantin, aus der Stadt dem Konstantin entgegen, was nach allen Kriegsregeln ein Fehler war.

[ 35 ] Konstantin träumte auch davon, daß er siegen würde, wenn er seinem Heere vorantragen lassen würde das Symbolum des Kreuzes Christi, was er auch tat. Nicht durch alle menschliche Weisheit, deren man damals hatte teilhaftig werden können, sondern durch Träume wurde alles entschieden. Aber durch die Träume hindurch wirkte etwas, was nicht begriffen werden konnte, was aber doch der lebendige ChristusImpuls war. Wirklich, es konnten die Menschen nicht verstehen, was in ihnen wirksam, tätig, lebendig wirkte, und was die Weltentwickelung weiter brachte, was dazumal dem europäischen Kontinent sein Antlitz gab.

[ 36 ] Und wiederum finden wir eine Zeit, in welcher wir sehen können, wie die Menschen mit ihrer Vernunft, mit ihrem Verstand, auch mit ihrem Gefühlsvermögen sich herumzanken über allerlei Dogmen, Dogmen, die heute den Aufgeklärten recht sonderbar vorkommen: ob es richtig sei, die Kommunion unter einer oder unter zwei Gestalten zu nehmen und so weiter. Wir wissen, mit welcher Heftigkeit diese Streitigkeiten spielten, die dann später im Hussitismus, bei Wiclif und so weiter, zum Austrag gekommen sind. Aber solche Streitigkeiten gab es immer. Sie sind ein Beweis dafür, wie wenig heranreichte der Verstand des Menschen an dasjenige, was der Christus-Impuls wirklich war.

[ 37 ] Wo aber kam in einem wichtigen Augenblick der Christus-Impuls wirklich zum Vorschein? Ich habe auch darauf öfter hingewiesen. In einem Hirtenmädchen, in der Jungfrau von Orleans kam er in einer Art Schau zum Vorschein. Und nun müssen wir uns klar sein, daß das eine Art Nachhilfe ist der übersinnlichen, der spirituellen Kräfte, die da hereinwirken in das Gefühl der Menschen in einer Zeit, wo sie noch nicht in die menschlichen Begriffe hereinwirken konnten.

[ 38 ] Bei Jeanne d’Arc war die Sache ja ganz besonders interessant. Ihr Inneres war aufgeschlossen; aber nicht dasjenige war aufgeschlossen, was an den physischen Leib gebunden ist, sondern aufgeschlossen war das Wahrnehmen ihres ätherischen, ihres astralischen Wesens. Aber es war so aufgeschlossen, daß wir in der Tat ein Analogon bei ihr finden für die Initiation. Inwiefern?

[ 39 ] Nun, erinnern Sie sich einmal, wie wir neulich in einem gehörigen Zeitpunkt hier zum Vortrage gebracht haben die Geschichte von Olaf Åsteson: wie Olaf Åsteson die Tage nach Weihnachten durchschlief und erst wieder aufwachte am Dreikönigstag, am 6. Januar. Wir haben daran gewisse Bemerkungen geknüpft: daß in der Jahreszeit, wo die äußeren physischen Sonnenstrahlen die geringste Kraft haben, die geistige Kraft, welche die Erde umhüllt, die größte ist. Deshalb ist das Weihnachtsfest mit großem Recht in die Zeit gelegt, in der physisch die größte Finsternis ist. In der Finsternis kommt die geistige Erleuchtung über die menschliche Seele, die der Erleuchtung fähig ist. Deshalb wird uns die Legende von Olaf Åsteson erzählt: wie er gerade in der Zeit sein Seelisch-Inneres stimmt so, daß die Kräfte, die als geistig-spirituelle Lichtkräfte von der Sonne hineingehen in die Erdenaura in der Zeit, wo die äußere Sonnenkraft am schwächsten ist, seine Seele ergreifen, und er wirklich bis in die Zeit des 6. Januar durchmacht dasjenige, was man nennen kann: ein Hereinschreiten in die geistige Welt.

[ 40 ] Für eine große historische Mission soll die Jungfrau von Orleans angeregt werden. In ihrer Seele sollten die Impulse anwesend sein, die mit dem Christus-Impuls durch die Welt wallen und wogen. Die sollten darinnen sein in ihrer Seele. Wie konnten sie hineinkommen? Sie hätten hineinkommen können, wenn die Jungfrau von Orleans zu irgendeiner Zeit ihres Lebens etwas Ähnliches durchgemacht hätte wie Olaf Åsteson: wenn sie geschlafen hätte die dreizehn Tage nach Weihnachten und am 6. Januar aufgewacht wäre. Das hat sie allerdings nicht getan wie Olaf Åsteson; aber in gewissem Sinne hat sie in einem Schlafzustand durchgemacht diese Zeit, die der Initiation günstig ist, in den letzten dreizehn Tagen ihrer Embryonalzeit. Sie wurde von ihrer Mutter so getragen, daß sie durchmachte in den letzten dreizehn Tagen ihrer Embryonalzeit die Weihnachtszeit im Leibe ihrer Mutter, und daß sie am 6. Januar geboren wurde: denn das ist der Geburtstag der Jungfrau von Orleans. Das ist ein Hindurchgehen gerade durch diejenige Zeit, in der die geistigen Kräfte besonders stark in der Erdenaura walten.

[ 41 ] Daher brauchen wir uns auch nicht zu verwundern, wenn die äußeren Dokumente es selbst feststellen, daß die Dorfbewohner an jenem 6. Januar 1412 durcheinandergerannt sind, gefühlt haben, daß etwas geschehen ist. Was denn eigentlich geschehen war an diesen 6. Januar, wußte man allerdings erst später, als die Jungfrau von Orleans ihre Mission auszuführen hatte. Für denjenigen, der die geistigen Zusammenhänge durchschaut, bedeutet es etwas Ungeheures, daß in unserem Geburtskalender eingeschrieben steht, daß Jeanne d’Arc am 6. Januar geboren ist.

[ 42 ] Die Zusammenhänge in der Welt sind eben tief, und der Mensch, der aufgeklärt ist, kann auch wissen — er braucht es ja nur nachzuschauen im Konversationslexikon —, wann die Jungfrau von Orleans geboren ist. Aber er weiß damit natürlich nur das Allerwenigste. Erst derjenige, der die Bedeutung des 6. Januar durch die Geisteswissenschaft kennt, lernt die ganze Bedeutung dieses Faktums erkennen.

[ 43 ] So sehen wir selbst bei so weithin leuchtenden Tatsachen, wie man gleichsam hindurchgehen muß durch ein Begreifen der geistigen Angelegenheiten, wie man dann wiederum zurückkommen muß zu den irdischen Angelegenheiten und diese dann erst im vollen Sinne des Wortes verstehen kann.

[ 44 ] Auch diese Betrachtung habe ich wiederum aus dem Grunde angestellt, um zu zeigen, daß wirklich dasjenige, was man heute gemeiniglich Geisteskultur nennt, alt geworden ist, dürr und trocken geworden ist, und wie derjenige, der irgend etwas begreift von den tieferen Impulsen, die durch die Welt- und Menschheitsentwickelung gehen, sich klar werden muß, daß wir vor einer Erneuerung stehen müssen, an der wir selber teilnehmen durch unser Begreifen, teilnehmen durch unsere Sehnsucht nach der spirituellen Welt. Und je intensiver wir uns vorstellen, daß eine Erneuerung eintreten muß, desto besser werden wir auch die Möglichkeit finden, mitzuwirken an einer solchen Erneuerung.

[ 45 ] Mit dem bloßen kleinlichen Verändern und Reformieren des Alten ist für die Zukunft nicht mehr gedient; es handelt sich um eine radikale Erneuerung desjenigen, was man menschliches Geistesleben nennen kann. Denn so verschieden dasjenige ist, was Geisteswissenschaft in unserem Sinne genannt wird, von dem, was heute in den weitesten Kreisen draußen über das geistige Leben gelehrt wird, so verschieden wird die Zukunftskultur von der Kultur der Gegenwart sein. Und wenn heute die Menschen leicht finden, daß dasjenige, was Geisteswissenschaft treibt, eine Phantastik, vielleicht eine Narretei ist, so bedeutet das nichts Geringeres, als daß die Menschen der Gegenwart alles, was die Geisteskultur der Zukunft beherrschen wird, zugleich eine Phantasterei, eine Narretei nennen.

[ 46 ] In solcher Zeit aber muß eine Wiedergeburt des menschlichen Seelenlebens stattfinden. Da müssen sich alle Zweige des menschlichen Lebens in den Impuls dieser Erneuerung, dieser Wiedergeburt hineinleben. Da muß auch alles Künstlerische wiederum nahe an die Initiation herankommen. Und damit haben wir die Gründe angegeben, warum einmal versucht werden mußte, in unserem Dornacher Bau ein Anfangswerk zu schaffen, das bei allen seinen Unvollkommenheiten dennoch in allen seinen Einzelheiten zusammenhängt mit dem, was die Wissenschaft der Initiation für unsere Gegenwart zu sagen hat.

[ 47 ] Nur dadurch, daß die Ergebnisse der Geisteswissenschaft lebendig in unseren Seelen werden und als lebendiges Ergebnis in der äußeren Form zum Ausdruck kommen, nur dadurch hat dasjenige, was in unserem Bau entsteht, seinen entsprechenden Wert, und wird ihn haben als Ausgangspunkt, nicht als etwas, was schon vollendet ist. Man möchte wünschen, daß die Sache so angesehen wird und daß insbesondere in unserem Kreise intensiv das Bewußtsein vorhanden ist: Es besteht ein. inniger Zusammenhang zwischen dem, was wir die Jahre hindurch uns aneignen wollten als Geisteswissenschaft, und dem, was in jeder Linie, in jeder Einzelheit unseres Baues enthalten ist. Dann, wenn wir selber von dieser Erkenntnis durchdrungen sind, werden wir durch unseren Bau der Welt dasjenige sagen können, was der Welt notwendigerweise gesagt werden muß. Und dann werden wir mit Befriedigung in die Zukunft sehen können, die aus.den elementaren, primitiven Anfängen dieses Dornacher Baues heraus immer Vollkommeneres und Vollkommeneres — aber in seiner Art — wird zu schaffen haben.