Kunst- und Lebensfragen
im Lichte der Geisteswissenschaft
GA 162
29 Mai 1915, Dornach
Dritter Vortrag
[ 1 ] Wir wollen heute zunächst, um dann wiederum weiteres vorzubereiten, über einige Eigentümlichkeiten sprechen der okkulten Entwickelung des Menschen. Wir dürfen ja von dieser okkulten Entwickelung sprechen, weil im Grunde genommen Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft der Anfang einer wirklichen okkulten Entwickelung ist. Wenn auch von den meisten das nicht anerkannt wird, daß einfache Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft schon wirklich die ersten Schritte abgibt zu einer okkulten Entwickelung, so ist es doch so. Und es ist immer wieder betont worden und muß immer wieder betont werden, daß durch Geisteswissenschaft uns nicht bloß ein Wissen überliefert werden soll, eine theoretische Erkenntnis, sondern daß uns durch Geisteswissenschaft etwas gegeben werden soll, das unseren ganzen Menschen umwandelt, das aus unserem ganzen Menschen etwas anderes macht, als die äußere Kultur der Gegenwart machen kann.
[ 2 ] Nun wird uns über die Schwierigkeit, welche Geisteswissenschaft hat, um sich nicht nur in das Gedächtnis, sondern in das ganze Kulturleben der Gegenwart einzuprägen, eine Aufklärung zuteil werden, wenn wir uns bekannt machen mit den Eigentümlichkeiten der geisteswissenschaftlichen Forschung, mit der Art und Weise, wie die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung zu uns Menschen stehen. Sie stehen nämlich anders zu uns als andere Erkenntnisse, die wir uns erwerben im Leben. Wir erwerben uns Erkenntnisse durch unsere Erfahrungen, durch unsere Erlebnisse; denn auch wenn wir uns wissenschaftliche Erkenntnisse erwerben, so ist es entweder durch direktes oder durch indirektes Erlebnis. Wo wir uns auch Erkenntnisse erwerben, wir erwerben sie zunächst durch das Erlebnis und dann speichern wir sie im Gedächtnis, in der Erinnerung auf. Wir behalten sie, diese Lebensergebnisse.
[ 3 ] Wir haben uns öfter klar gemacht, was es, intimer gesprochen, heißt, im Gedächtnis, in der Erinnerung etwas aufzubewahren, besonders in der letzten Zeit haben wir uns über das, was Gedächtnis ist, etwas näher ausgesprochen. Jedenfalls für das Leben ist das Gedächtnis eine außerordentlich wichtige Sache. Denken Sie nur einmal: wenn wir das Gedächtnis nicht hätten, wenn wir uns also nicht erinnern könnten an dasjenige, was wir gestern, vorgestern, vor einem Jahr oder vor zehn Jahren erlebt haben, wie ganz anders unser Leben verlaufen müßte. Es ist uns gar nicht denkbar, daß das gewöhnliche, auf dem physischen Plan sich abspielende Seelenleben ohne das Gedächtnis ablaufen könnte.
[ 4 ] Aber vergleichen Sie diese Kraft, die es Ihnen möglich macht, Erlebnisse des physischen Planes im Gedächtnis zu behalten, mit der viel geringeren Kraft, die es Ihnen möglich macht, Traumerlebnisse in der Erinnerung zu bewahren. Bedenken Sie, wieviel leichter Sie einen Traum vergessen als Erlebnisse in der physischen Welt. Man kann zunächst die Frage aufwerfen: Warum vergißßt man die Traumerlebnisse leichter als die Erlebnisse der physischen Welt? — Nun, die Beantwortung dieser Frage wird uns zugleich einen wichtigen Gesichtspunkt für die höheren Erkenntnisse ergeben.
[ 5 ] Wie werden denn Traumerlebnisse erworben? — Sie werden dadurch erworben, daß wir im physischen Leib nicht ganz drinnen sind. Wenn wir ganz drinnen sind im physischen Leib, träumen wir nicht. Da erleben wir durch die Sinne auf dem physischen Plan und durch den an die Sinne gebundenen Verstand. Wenn wir träumen, müssen wir wenigstens teilweise außerhalb des physischen Leibes sein. Was macht der physische Leib, wenn er durch die Erinnerungskraft arbeitet? Ja, so schwierig es zunächst zu denken ist für den Menschen, so ist es doch wahr: jedesmal, wenn der Mensch ein Erlebnis hat und dieses Erlebnis durch einen Gedanken in der Erinnerung aufbewahrt, dann wird in unserem Ätherleib ein Abdruck, gleichsam eine Art Klischee des Erlebnisses gebildet. Aber — ich habe das schon auseinandergesetzt — nicht so, daß dieser Abdruck etwa das Erlebnis photographisch abbilden würde. Ebensowenig wie der Buchstabe einer Schrift mit dem Laute zu tun hat, ebensowenig hat, was in unserem Leib als Abdruck existiert, ebensowenig hat diese Abbildung mit dem Erlebnis selbst zu tun. Er, der Abdruck, ist nur ein Zeichen. Und dieses Zeichen ist merkwürdigerweise ähnlich der menschlichen Gestalt selber. Und zwar, wenn Sie von der menschlichen Gestalt die oberen Teile nehmen, den Kopf und höchstens noch etwas vom Oberleib und von den Händen, so haben Sie das, was jedesmal im Ätherleibe beobachtet werden kann, wenn sich der Mensch Erinnerung bildet von einem Erlebnis.
[ 6 ] Also, wir können sagen: Ich erlebe etwas; das Erlebnis bleibt mir sei es ein kleines oder ein großes Erlebnis — als Erinnerung. Es bildet sich eben ein Abdruck, ungefähr so (siehe Zeichnung). So etwas entsteht jedesmal in Ihrem Ätherleib, wenn sich eine Erinnerung bildet, und würde es ausgelöscht werden, so würden Sie sich an das Erlebnis nicht mehr erinnern können.
[ 7 ] Denken Sie, an wieviele Dinge Sie sich im Leben erinnern! Ebensoviele tausend und abertausend solcher ätherischer Menschenabbilder haben Sie in sich. Ihr Ätherleib, und auch der physische, gestatten wohl, daß so viele verschiedene Bilder da sind. Wenn zwei gleich wären, würde man die Erlebnisse nicht unterscheiden können. Wenn man einen Menschen okkult betrachtet, so findet man in ihm Tausende und aber Tausende solcher Menschenbilder. Aber sie entstehen nicht nur im Ätherleib, sondern von jedem solchen Menschenbild entsteht auch ein feiner Abdruck im physischen Leib, und diese Abdrücke bleiben auch alle erhalten, insofern der Mensch Erinnerungen hat. Also Tausende und aber Tausende solcher Homunkuli sind im Menschen vorhanden.
[ 8 ] Sagen wir: Sie hören den heutigen Vortrag. Schon durch Anhören dieses Vortrages werden sich hundert und aber hundert solcher Homunkuli in Ihrer Seele bilden. Die machen auch, wenn Sie sich später erinnern, Eindrücke in Ihren physischen Leib, und diese Eindrücke bleiben auch da.
[ 9 ] Wie ist es nun aber beim Träumen? Ja, sehen Sie: beim Traum ist es so, daß wohl der Homunkulus im ätherischen Leibe entsteht, daß
[ 10 ] er sich aber nicht abdrückt im physischen Leib. Schwach drückt er "sich ab, manchmal gar nicht. Dann weiß der Mensch wohl, daß er geträumt hat, aber er kann sich nicht erinnern, was er geträumt hat. Schwach, viel schwächer als irgendein Erlebnis auf dem physischen Plan, drücken sich die Träume ab. Daher ist es so schwer, eine Erinnerung davon zu bewahren.
[ 11 ] Die Stärke der Erinnerung hängt also ganz davon ab, wie stark der Eindruck ist, den der Homunkulus des Ätherleibes auf den physischen Leib macht. Dasjenige aber, was der Geistesforscher findet, was er erlebt in der geistigen Welt, das ist zunächst so geartet, daß es überhaupt keinen Eindruck auf den physischen Leib machen kann. Denn wenn ein Erlebnis Eindruck auf den physischen Leib machen kann, dann ist es schon kein rein geistiges Erlebnis mehr; dann ist es schon mit Rücksicht auf den physischen Leib erworben. Das muß gerade das Eigentümliche des geistigen Erlebnisses sein, daß zunächst im physischen Leib überhaupt nichts geschieht, während das Geistige erlebt wird.
[ 12 ] Was folgt daraus? Das folgt daraus, was in der Tat der Geistesforscher als sein nächstes Erlebnis aufzufassen hat: daß man für die Ergebnisse der Geistesforschung kein Gedächtnis hat. Die Erlebnisse des Geistesforschers können sich dem Gedächtnisse nicht einprägen. In demselben Moment, in dem sie entstehen, vergehen sie auch.
[ 13 ] Darin liegt die Schwierigkeit, von der geistigen Welt etwas zu wissen, solange man in der physischen Welt lebt und mittels seines physischen Leibes allein leben will. Denn da der Mensch schon für Träume ein schlechtes Gedächtnis hat, bei denen noch ein loser Zusammenhang mit dem physischen Leibe vorhanden ist, so wird Ihnen das zeigen, wie begreiflich es sein muß, daß der Mensch für das, was er nun wirklich okkult erlebt, kein Gedächtnis haben kann.
[ 14 ] Es gibt nun Menschen, die beginnen anzuwenden auf sich die Regeln von meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die Regeln, welche man diejenigen der okkulten Entwickelung nennt. Sie wenden sie vielleicht sehr lange an; aber dann kommen sie nach Jahren und sagen: Ich habe immer und immer geübt, ich habe alle möglichen Übungen gemacht; ich sehe nichts, ich höre nichts von der geistigen Welt. Mein Sinn für die geistige Welt will sich nicht öffnen. — Vielleicht ist das, was diese Menschen sagen, ganz falsch; es kann ganz falsch sein. Die Betreffenden können längst den Eintritt in die geistige Welt gefunden haben, können Wahrnehmungen haben in der geistigen Welt. Aber die Wahrnehmungen verschwinden in dem Moment, wo sie gemacht werden, weil diese Wahrnehmungen sich dem physischen Gedächtnis nicht einverleiben können. Daß man etwas wissen kann von seinen geistigen Erlebnissen, hängt nämlich von ganz etwas anderem ab als vom Gedächtnis. Und ich möchte Ihnen nun klarmachen, wovon es abhängt.
[ 15 ] Nehmen Sie einmal an, daß Sie ein Spielzeug für ein Kind machen. Das Kind kann an diesem Spielzeug seine Freude haben. Sie können es heute machen und das Kind hat seine Freude daran. Sie nehmen das Spielzeug, legen es in den Schrank. Morgen geben Sie es dem Kinde wieder, und übermorgen, und so immer wiederum. Und das Kind kann immer wiederum seine Freude haben an dem Spielzeug, das Sie heute gemacht haben.
[ 16 ] Es kann aber auch etwas anderes geschehen. Nehmen wir einmal an, Sie interessieren das Kind nicht dadurch, daß Sie ein Spielzeug machen, sondern Sie setzen ihm aus irgendwelchen Dingen etwas zusammen. Oder Sie machen ihm sogar nur etwas vor, indem Sie ihm Gesten vormachen oder dergleichen. Nehmen wir an, Sie erregen die Aufmerksamkeit des Kindes dadurch, daß Sie in ganz bestimmter Weise dem Kinde mit den Händen oder den Fingern etwas vormachen, meinetwegen etwas voreurythmisieren. Das können Sie nicht in den Schrank tun, morgen und übermorgen wieder herausnehmen und wie ein Spielzeug dem Kinde immer wieder geben. Dasjenige, was so Eindruck auf das Kind machen soll, müssen Sie immer neu machen. Eine Puppe, die Sie fertig machen, können Sie aufbewahren; die kann das Kind dann immer wieder kriegen. Wenn Sie aber etwas, was Sie selber durch Gesten oder dergleichen machen, zur Erregung der Aufmerksamkeit des Kindes verwenden, müssen Sie es immer wieder frisch machen.
[ 17 ] Das ist etwas, was uns erklären kann, wie der Unterschied ist zwischen dem, was wir auf dem physischen Plan erwerben und was Erinnerung werden kann, und dem, was wir auf dem geistigen Plan erleben, und was nicht unmittelbar Erinnerung werden kann. Wenn wir Erlebnisse auf dem physischen Plan haben, dann bildet sich etwas wie ein Homunkulus in unserem Ätherleib und ein Abdruck davon prägt sich in den physischen Leib. Der bleibt, wie die Puppe bei dem Kinde. Sie können ihn aufbewahren und in sich immer wieder finden. Das deutet Ihnen dann auf das Erlebnis der Vergangenheit hin. Das Erlebnis, das Sie in der geistigen Welt haben, geht vorüber. Aber Sie mußten etwas tun, um es herbeizuführen. Sie mußten durch die Regeln, die Sie auf die Seele anwenden im Sinne von «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die Seele in einen solchen Zustand versetzen, daß das okkulte Erlebnis eintreten konnte. Diesen Zustand in sich selbst können Sie immer wieder hervorrufen, so daß Sie immer wieder das Erlebnis haben können, aber aufbewahren wie ein Gedächtnisbild können Sie es nicht. Für den physischen Plan werden die Erlebnisse Erinnerungen dadurch, daß man Nachbilder bewahrt, gedächtnismäßig. Das Wiedereintreten, die Wiedererinnerung — wenn wir jetzt im übertragenen Sinne das Wort «Erinnerung» gebrauchen — okkulter Erlebnisse kann nur dadurch eintreten, daß wir dieselben Bedingungen herstellen, durch die wir das Ereignis das erste Mal erlebt haben.
[ 18 ] Seien wir uns wohl klar: wir müssen wirklich unendlich viel tätiger, aktiver sein gegenüber den Erlebnissen in der geistigen Welt als gegenüber den Erlebnissen in der physischen Welt. Gegenüber den Erlebnissen in der physischen Welt bildet sich wirklich etwas in uns, was, ich möchte sagen, nach und nach äußerste Dichtigkeit erlangt. Etwas innerlich Vielfältiges, Mannigfaltiges in uns ist dieses. Diese vielen Menschen, die man da in sich hat, die gehen mit einem durch das Leben, sind etwas Fertiges. Das erleichtert einem das Leben in der physischen Welt, weil einem abgenommen wird die Arbeit, die man beim okkulten Erleben in der geistigen Welt immer wiederum und wiederum machen muß, wenn man das Erlebnis wieder haben will. Erinnern kann man sich nur an die Bedingungen, durch die man das Erlebnis herbeigeführt hat, also niemals an das okkult Erlebte, sondern nur an die Art, wie es herbeigeführt wurde. Und Sie müssen diese Art, die Bedingung wieder herbeiführen, dann können Sie das okkulte Erlebnis wieder haben.
[ 19 ] Wenn wir — nicht vergleichsweise, sondern im wirklichen Sinne sage ich dies —, wenn wir einen Weg gehen und am Ende dieses Weges eine Kirche oder ein Haus steht, und wir kehren wieder zurück, so können wir auf dem ganzen Rückwege die Erinnerung dieses Bildes von der Kirche oder dem Hause in uns tragen. Das ist deshalb, weil dieses Erlebnis mit der Kirche oder dem Hause ein Erlebnis auf dem physischen Plan ist. Wäre statt dessen da ein Geist gestanden und der Geist würde sich nur an diesem Orte manifestieren, so wäre es jedesmal nötig, um diesen Geist zu sehen, an denselben Ort wieder hinzugehen. Man muß dieselben Bedingungen herbeiführen, denn man kann sich nur erinnern, auf welchem Wege, durch welche Bedingungen man zu diesem Erlebnis gekommen ist.
[ 20 ] Das ist das Merkwürdige an diesen Dingen, daß ein gutes Gedächtnis für das Behalten okkulter Erlebnisse unmittelbar nichts nützt, sondern daß im Gegenteil etwas, was uns im gewöhnlichen Leben unterstützt bei einer bewußten Entwickelung eines guten Gedächtnisses, uns im Okkulten hinderlich sein kann. Gewisse Menschen bringen sich ein gutes Gedächtnis von vornherein gleich durch die Geburt mit auf die Welt. Nun leben sie und haben ein gutes Gedächtnis. Andere haben ein weniger gutes Gedächtnis. Das beruht auf ganz gewissen karmischen Voraussetzungen: Ein gutes Gedächtnis hat derjenige, der so aus seinen früheren Inkarnationen in die Welt kommt, daß er möglichst spät mit seinem Geistig-Seelischen den ganzen Körper durchdringt, daß bei ihm gewisse Teile des physischen Leibes möglichst lange von dem Geistig-Seelischen unbearbeitet bleiben. Da ist es möglich, daß, ohne daß wir etwas dazu tun, diese Eindrücke, diese Homunkuli, die ich geschildert habe, gemacht werden.
[ 21 ] Wenn aber einer hereinkommt in das Leben durch die physische Geburt und für das einzelne physische Erleben eine innerlich so veranlagte Persönlichkeit ist, daß möglichst schnell die Eindrücke ganz Besitz ergreifen von seinem physischen Leibe, dann wird er kein besonders gutes Gedächtnis entwickeln können, weil er mit sich sein Gedächtnis ausfüllt; und dann ist es zu hart, als daß so viele Abdrücke von solchen Homunkuli in dasselbe hineinkommen könnten. Wir werden daher vorzugsweise bei solchen Menschen ein gutes Gedächtnis finden, welche, ich möchte sagen, ein im übrigen unbestimmtes egoistisches Interesse für die Erlebnisse des physischen Planes haben.
[ 22 ] Dagegen kann man das Gedächtnis auch gewissermaßen entwikkeln. Aber man kann es nur dadurch entwickeln, daß man die Aufmerksamkeit, das Interesse anregt. Interesse, Aufmerksamkeit und Gedächtnis gehören zusammen. Wenn Sie versuchen, sich für irgendeine Summe von Erlebnissen, für irgendein Lebensgebiet recht intensiv zu interessieren, recht dabei zu sein mit Ihrem ganzen Ich, so wird Ihr Gedächtnis, Ihre Erinnerung auch immer besser und besser werden für diese Erlebnisse. Wenn also jemand sein Gedächtnis für irgend etwas bilden will, so kann er es dadurch am besten, daß er möglichst sucht sein Interesse zu schärfen für das betreffende Gebiet. Nichts merken wir uns, wofür wir uns nicht ein intensives Interesse schaffen. So ist die Aufmerksamkeit, das Interesse etwas, was uns in der physischen Welt ein mangelhaftes Gedächtnis ausbessern kann.
[ 23 ] Für das richtige Hineinstellen in die okkulten Erlebnisse so, daß diese okkulten Erlebnisse nicht wie Träume fortwährend an uns vorüberhuschen und wir nichts davon wissen, ist die liebevolle Aufmerksamkeit, das liebevolle Interesse für das Geistige überhaupt, von größter Wichtigkeit. Ohne dieses geistige Interesse, ohne diese liebevolle Aufmerksamkeit können wir nicht immer wieder und wiederum geistige Erlebnisse haben, die wir einmal gehabt haben. Man kann ganz gut einmal ein okkultes Erlebnis haben. Es huscht vorüber. Nur dadurch wird man in die Lage kommen, zwar nicht Erinnerungen, wohl aber die Bedingungen herzustellen, wodurch man immer wieder und wieder von neuem das Erlebnis haben kann, daß man das Interesse für die Ereignisse in der geistigen Welt in sich verschärft.
[ 24 ] Daher ist es so wichtig, daß wir nicht nur gedächtnismäßig uns möglichst viel Wissen aneignen von der geistigen Welt; das ist sogar das weniger Wichtige. Das Wichtigere ist, daß wir niemals ohne Liebe, niemals ohne das intensivste Interesse diese Angelegenheiten der geistigen Welt verfolgen. Wenn wir gleichgültig, bloß vielleicht um uns damit brüsten zu können oder aus irgendeinem anderen Grunde das Wissen aus der Geisteswissenschaft aufnehmen, wie wir so oft anderes Wissen der Welt aufnehmen, dann hat das gar keine Bedeutung. Das Wichtige ist der Grad von Liebe, von Sympathie für die geistige Welt, die wir uns aneignen. Das ist das Wichtige, das ist das Bedeutungsvolle. Und damit hängt es auch zusammen, daß bei uns versucht wird, die Ereignisse der geistigen Welt von so vielen Gesichtspunkten her darzustellen, immer wieder und wieder von anderen Gesichtspunkten her; denn dadurch werden wir immer mehr und mehr angeregt, tätig uns zu nähern den Erkenntnissen der geistigen Welt, und nicht zu der Sehnsucht zu kommen, dieses Wissen von der geistigen Welt ebenso aufzufassen, wie das Wissen von physischen Dingen. — Das ist eigentlich für den wirklichen Okkultisten das Fatalste: wenn die Sehnsucht in den Menschen entsteht, geistiges Wissen zu erlangen, wenn man aber dieses Wissen nicht auf eine andere Art zu erlangen wünscht als das physische Wissen.
[ 25 ] Die Menschen möchten am liebsten, so wie sie Bücher haben von dem, was in der physischen Welt gewußt werden kann, auch Bücher verlangen von der geistigen Welt; wie sie sich Wissen erwerben von der physischen Welt, so möchten sie auch das Wissen von der geistigen Welt erwerben. Aber in dieser Weise ist es gar nicht möglich, sich ein Wissen von der geistigen Welt zu erwerben, sondern die Bücher, die von der geistigen Welt handeln, müssen jedesmal neu unsere innere Tätigkeit anregen, unsere inneren Kräfte in Bewegung bringen. Daher ist es bei dem, was wir uns an Erkenntnissen von der physischen Welt aneignen, wo wir immer wiederholen müssen, um nicht zu vergessen, nicht so, wie wenn wir uns Erkenntnisse über die geistige Welt aneignen. Wenn wir immer wieder einen Zyklus lesen oder ein geisteswissenschaftliches Buch, dann ist das eigentlich nicht eine Wiederholung, sondern ein Uns-Durchsetzen mit der Tätigkeit, durch die wir zu der Erkenntnis hinkommen. Und das ist das Wichtigste, das ist das Wesentliche. Sehen Sie, den Menschen, der aufgefordert wird, wenn er in die Kirche geht, zu beten, würden Sie ganz sonderbar ansehen, wenn er Ihnen sagen wollte: Ich brauche heute nicht zu beten; wie ich sieben Jahre, drei Monate und zwei Tage alt war, da habe ich das Gebet einmal gelesen. Ich werde mich immer erinnern, daß ich es gebetet habe; ich brauche es nicht mehr zu beten, denn ich weiß, daß ich es gebetet habe; ich will jetzt nur daran denken. — Sie würden sonderbar diesen Menschen ansehen, Sie würden ihm klarmachen, daß es nicht darauf ankommt, sich an das einmal verrichtete Gebet zu erinnern, sondern darauf, es immer wieder hervorzurufen, weil es ein Lebendiges ist in jeder Erneuerung. Gerade so sollen wir unser Erlebnis in der okkulten Wissenschaft auffassen. Wir sollten nicht sagen, wie wir das gegenüber der gewöhnlichen Wissenschaft tun: Ja, wir haben es in uns aufgenommen, wir erinnern uns daran —, sondern wir wollen uns daran gewöhnen, immer wieder und wiederum uns in die Sache zu vertiefen, immer wieder und wiederum die Tätigkeit durchzumachen. Dieses aber lieben die Menschen der neueren Zeit gar nicht. Die Menschen der neueren Zeit lieben vielmehr, stehenzubleiben bei demjenigen, was sie einmal erlangt haben. Nicht wahr, man fühlt sich am glücklichsten, wenn man irgend etwas als Wissen sich angeeignet hat und dieses Wissen dann in dem inneren «Tornister» gleichsam durchs Leben trägt, und, wenn man es braucht, herausnimmt, sich wieder daran erinnert. Das ist etwas, in welches die moderne Menschheit immer mehr und mehr zu verfallen droht. Es ist aber in der neueren Zeit, ich möchte sagen, unmittelbares Bedürfnis, dieses Sitzen auf dem erworbenen Inhalte zu verwandeln so, daß? die menschliche Arbeit, das menschliche Streben, entspricht dem
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß
[ 26 ] diesem schönen Faust-Spruch.
[ 27 ] Und es ist wirklich wahr, durch nichts mehr als durch die FaustGesinnung, die wir öfters hier betrachtet haben, wird in der menschlichen Seele erweckt und erregt dasjenige, was allmählich in okkulte, in die okkultistische Gesinnung hineinführt.
[ 28 ] Goethe hat den ersten großen Monolog des Faust etwa in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts geschrieben, aus seiner damaligen Stimmung heraus. Es ist heute für viele schon trivial geworden, es ist aber etwas, was sich mit aller Lebenstragik auf die Seele legt, wenn man solches in seiner Ursprünglichkeit betrachtet:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und, leider! auch Theologie,
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug, als wie zuvor.
[ 29 ] Das hatte Goethe selber aus seinem eigenen Wesen heraus, aus seinem tiefsten Innern heraus geschrieben, als junger Mensch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Dann kam die Zeit, in welcher ein Höhepunkt der menschlichen philosophischen Entwickelung durchgemacht worden ist in Fichte, Schelling und Hegel. Aber dieser Höhepunkt der philosophischen Entwickelung war verbunden mit juristischer Entwickelung. Hegel hat ein Naturrecht geschrieben, Fichte hat ein Naturrecht geschrieben; Schelling hat ein Journal für Medizin herausgegeben. Es ist Gewaltiges, Großes durch die Menschenseele gezogen gerade für dasjenige, was Goethe zu dem Ausspruch geführt hat:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider! auch Theologie,
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
[ 30 ] Aber glauben Sie, wenn Goethe im Jahre 1840 gelebt hätte und, statt im Jahre 1772, erst 1840 seinen «Faust» begonnen hätte, glauben Sie, daf} er dann, weil über die Kulturentwickelung der Menschheit Groes, Gewaltiges heraufgezogen ist, das in wirklich philosophischer Weise gesucht hat, was durch die Menschenseele geht, glauben Sie, dafs er gesagt haben würde: «Habe nun Gottseidank! Philosophie, Juristerei und Medizin und selbstverständlich auch Theologie bei Fichte, Schelling und Hegel studiert: Da steh ich nun ich kluger, weiser Mann, und bin nicht mehr so töricht wie zuvor, sondern bin ganz weise geworden, so weise, wie man nur sein kann»? Glauben Sie, daß Goethe das gesagt haben würde? Nehmen Sie an, es wäre noch viel mehr über die Kulturentwickelung der Erde hingezogen, dieser Eingangsmonolog des «Faust» würde 1840 genau ebenso geschrieben worden sein wie dazumal im Jahre 1772, genau ebenso. Alle diese Dinge gehören zum wirklichen Verständnisse des «Faust». Diese große gigantische Idee ist nicht zu verstehen, wenn man sie nicht in ihren Einzelheiten erfaßt. Und wenn heute der «Faust» begonnen würde, so müßte er wiederum mit den gleichen Worten begonnen werden.
[ 31 ] Und wenn unzähliges Wissen aus der Geisteswissenschaft einmal an den Tag befördert sein wird: «Habe nun, Gottseidank! Philosophie, Juristerei und Medizin und, Gottseidank! auch Theologie, und selbstverständlich auch Theosophie durchaus studiert, und bin so weise wie nur möglich.» Das würde niemals die wahre Faust-Stimmung sein! Faust-Stimmung würde nur der haben, auf den zutrifft: «Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muß.» Das ist die Stimmung, die im «Faust» liegt, die zugleich uns zeigt, wo die Impulse liegen, die aus der alten, eingefrorenen Kultur zu der neuen Kultur der Menschheit führen. Nimmer ruhen darf der Mensch, sich anderes, Neues anzueignen, und ich habe das auch innerhalb der geisteswissenschaftlichen Strömung vertreten, der wir angehören. Es war wirklich schrecklich, wenn man in der alten Gesellschaft immer wieder hörte: Ja, Schemen brauchen wir, und wenn ich dieses oder jenes darstellte, dann sollten möglichst an den Wänden Schemen und Tabellen hängen, daß man etwas hat, wodurch man sich erinnern kann. — Und die Leute waren unzufrieden, wenn man kam und im Grunde genommen wieder umkehrte das, was einmal da war, das, was festgelegt war; da das doch immer wieder neu erworben werden muß. Denn auf dieses nimmer rastende, nimmer ruhende Vorwärtsstreben kommt es an.
[ 32 ] Man kann direkt sagen: Indem die neuere Kultur einen «Faust» aus sich herausgetrieben hat, ist es wirklich so, daß diese neuere Kultur die Brücke geschlagen hat von der bloß äußerlich materialistischen zu der neuen spirituellen Kultur, die über die Menschheit kommen muß.
[ 33 ] Aber vieles, vieles in bezug auf die richtige Lebensauffassung hängt mit alledem zusammen, mit diesen Eigentümlichkeiten der neuen Erkenntnis, die ja aus dem Okkultismus heraus geschöpft sein muß, und die daher Anforderungen an die aktiven, an die tätigen Impulse der Menschen stellt. So hängt es zusammen mit dem Prinzip, alles so zu nehmen, wie es fertig ist, wie es abgeschlossen ist, wenn die Menschen danach streben, dasjenige zu konservieren, was sich nicht konservieren läßt. Nicht konservieren läßt sich zum Beispiel etwas, was ich nun wirklich mich bemühe darzustellen, ich kann sagen, seit Jahrzehnten; nicht konservieren läßt sich das, was man die menschliche Freiheit nennt.
[ 34 ] Freiheit als äußere Einrichtung, als äußerer Zustand in der menschlichen Organisation über die Erde hin gedacht, ist etwas Unmögliches, etwas Undenkbares. Freiheit, konserviert so, wie sie einmal gedacht wurde für einen bestimmten Zeitpunkt, würde für den nächsten Zeitpunkt schon eine arge Fessel für den Menschen sein. Freiheit ist etwas, was fortwährend im Entstehen auch entfesselt werden muß, und der Mensch kann die Freiheit nur erwerben in jedem Augenblick, indem er eine Spur in sich entwickelt von einem Sich-in-Beziehung-Setzen zu der ganzen geistigen Welt. Lesen Sie nach in meinem Buche «Philosophie der Freiheit». Da werden Sie finden, daß dort die ganze Stimmung das zum Ausdruck bringt. Da können Sie sehen, daß die Freiheit wirklich ein Schlüssel ist zu dem, was in die geistige Welt hineinführt.
[ 35 ] Das aber liegt nahe, daß wirklich Freiheit auch nur verstanden werden wird von Menschen, die nach und nach den Willen zur Geisteswissenschaft entwickeln. Freiheit wird nicht verstanden werden können von anderen Menschen, denn andere Menschen werden immer gewisse Eigentümlichkeiten äußerer Einrichtungen mit der Freiheit verwechseln, während Freiheit immer nur bestehen kann in dem Zustand, den der Mensch sich gerade in jedem Augenblick erwerben kann.
[ 36 ] Unsere Freiheit beeinträchtigen wir nämlich schon durch eines, wodurch wir gewöhnlich unsere Freiheit nicht beeinträchtigt glauben: Wir beeinträchtigen unsere Freiheit schon durch unser Gedächtnis. Denn nehmen Sie einmal an, Sie haben sich durch die Erlebnisse, die Sie durchgemacht haben seit Ihrer Geburt, gewisse Sympathien und Antipathien angeeignet; dann ist ja durch dasjenige, was Ihnen geblieben ist von diesen Sympathien und Antipathien, schon Ihre Freiheit beeinträchtigt. Diese angeeigneten Sympathien und Antipathien, alles dasjenige, was im Gedächtnis aufgespeichert ist, das beeinträchtigt Ihre Freiheit. Und alles Wissen, welches die Menschheit anstrebt und welches danach hingerichtet ist, gedächtnismäßig zu werden, das bringt uns auch immer mehr von einem wirklichen Begriff von Freiheit ab. Dagegen wird man sich mit jeder Erwerbung okkulter Erkenntnisse dem wahren Begriff von Freiheit, echter Freiheit, näherbringen.
[ 37 ] Aber dieses Ganze hängt wieder mit etwas anderem zusammen: Bedenken Sie, daß wir wirklich mit alle dem, was sich als Erinnerung festsetzt, einen Homunkulus in uns hineinsetzen. Und alles, was sich als Homunkulus abdrückt in uns, das ist wirklich so, daß indem wir unser Innenleben in Bewegung versetzen, wir mit unserer Tätigkeit nicht weiterkommen als bis zu diesem Homunkuli, bis zu diesen Abdrücken. Wir kommen darüber nicht hinaus. Könnten wir durchstoßen dasjenige, was da sich als Gedächtnis aufgespeichert hat, würden wir wirklich alles das aus uns herausschaffen, was wir seit der Zeit unserer Kindheit, bis zu der wir uns zurückerinnern, erlebt haben, so würden wir etwas wie eine Lebenshaut durchstoßen. Hinter dieser Lebenshaut aber ist die geistige Welt. Da ist sie, richtig dahinter! Und indem der Mensch anfängt in frühester Kindheit, sich ein Bild seines eigenen Lebens aufzubauen, aus allen Erlebnissen dasjenige heraus zu behalten, was den Inhalt seines Gedächtnisses ausmacht, spinnt er sein ganzes Leben hindurch einen Schleier, und dieser Schleier deckt zu die geistige Welt.
[ 38 ] Wir könnten in der physischen Welt nicht drinnenstehen, wenn wir dieses Gewebe nicht spinnen würden, denn wir sind, insofern wir uns erinnern, dieses Gewebe selber.
[ 39 ] Aber wir entstehen als Menschen in der physischen Welt nur dadurch, daß wir uns aus dem Schleier bilden, den wir zugleich hinhalten vor die geistige Welt. Es ist wirklich so, wie wenn jemand, nun, ich möchte sagen, den Blick auf eine Bühne hin richten will, und sagt: Ich will jetzt da hineinschauen. — Aber er macht das so, daß er einen Vorhang davor hängt. Da deckt er gerade mit seiner Tätigkeit Stück für Stück zu, was dahinter ist. So macht es der Mensch im Leben. Das, was der Mensch an Erinnerungen aufspeichert, ist ein Vorhang, der über die geistige Wirklichkeit gehängt wird, vor die geistige Welt gewoben wird. Das ist ein Widerspruch, mit dem wir im Leben darinnenstehen, der aber nicht getadelt, nicht kritisiert werden darf, weil er die Bedingung ist dafür, daß wir im physischen Leben darinnenstehen. Er darf nur charakterisiert werden, aber nicht getadelt. Würden wir nicht den Vorhang geistig vor uns hinweben, wir wären nicht da in der physischen Welt. Und das ist es gerade, worauf es ankommt: daß wir so etwas wissen, daß wir uns nicht verwechseln mit einer Realität, während wir nur ein Vorhang sind.
[ 40 ] Wir durchdringen sofort alle Täuschung, indem wir uns für einen Vorhang und nicht für eine Realität halten, in dem Augenblicke, wo wir uns sagen: Du bist eigentlich nur das, was sich vor die wahre Welt hinstellt, und deine eigene Gestalt, das was du selbst bist, steht hinter der Gestalt, die du selber webest das Leben hindurch. — Wenn man sich diesen Tatbestand vor Augen hält, steht man in der Wahrheit. Dann hält man sich nicht für die Wirklichkeit, sondern nur für einen Vorhang. Davor aber fürchten sich die Menschen, sich für einen bloßen Vorhang zu halten. Sie möchten sich in dem, was sie sind, für eine Wirklichkeit halten. Daher können sie aber auch über die wichtigsten Dinge des Lebens zu keiner Klarheit kommen.
[ 41 ] Die Menschen dürsten alle nach Erhaltung nach dem Tode, nach Unsterblichkeit, sie dürsten alle danach, etwas darüber zu wissen, daß sie nach dem Tode noch da sind. Aber sie bilden den heimlichen Gedanken: Wenn alles das zugrunde geht, was da in mir ist, was ich habe auf dem physischen Plan, was ist denn dann noch da? Daß das gerade nach dem Tode weggehen muß, daß der Vorhang nicht nur zerreißt, daß er aufgelöst werden muß, damit der Mensch hervortreten kann: das ist für den, der in der geistigen Erkenntnis aufsteigt, selbstverständlich.
[ 42 ] So müssen wir schon auch solche Dinge, wie sie heute berührt worden sind, so hinnehmen, daß wir wirklich uns immer mehr und mehr sagen: Für die Geisteswissenschaft müssen andere menschliche Gesinnungen innerlich aufgenommen werden, als man sie in der bisherigen Kultur hatte. Es muß ein viel größeres Streben nach fortwährender Betätigung unter Menschen aufkommen, nach Aktivität, nach Dabeisein. Das muß verschwinden, daß man sagt: Ich habe es erfaßt, ich kann es behalten und kann es durchs Leben tragen. — Wenn das verschwinden wird, dann werden auch alle anderen Dinge, die so hinderlich sind einem klaren Erkennen, verschwinden. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, wie die Menschen auch in der Wissenschaft sich die verworrensten Begriffe machen von dem, was wahr ist. So zum Beispiel werden Sie heute immer wieder lesen können in physiologischen Werken, daß der Mensch darum schläft, weil er im wachen Zustand dieses oder jenes durchmacht und davon ermüdet ist. Der Schlaf wäre also eine Folge der Ermüdung. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß dann der Rentier, der nicht viel zu arbeiten braucht, auch kein Schlafbedürfnis haben müßte. Wenn man den Rentier aber hört, so wird man erfahren: Wenn man gar nichts tut, fühlt man sich am allermüdesten und man schläft ein, ohne daß man das Allergeringste getan hat. Daraus können Sie entnehmen: Die Ermüdung hat mit Schlaf, Schlaf hat mit Ermüdung nichts zu tun, hat ebensowenig damit etwas zu tun, wie der Tag mit der Nacht.
[ 43 ] Höchstens Geister wie Hume oder Kant werden, weil sie verwechseln, was auseinander folgt, damit Schwierigkeiten haben. Es wird niemand den Tag als die Ursache der Nacht und die Nacht als die Ursache des Tages betrachten. Der Tag und die Nacht entstehen nacheinander. Der Tag entsteht dadurch, daß die Sonne über den Horizont steigt, und die Nacht dadurch, daß die Sonne unter den Horizont geht. Das Stehen der Sonne über dem Horizont ist die Ursache des Tages, und das Gehen der Sonne unter den Horizont ist die Ursache der Nacht. Ebensowenig wie die Nacht die Ursache des Tages ist, oder der Tag die Ursache der Nacht, ebensowenig ist es im wesentlichen richtig, daß das Wachen die Ursache des Schlafens, oder das Schlafen die Ursache des Wachens ist. Sondern rhythmische Zustände sind es, die abwechseln, ebenso wie abwechseln die Stellungen der Sonne über und unter dem Horizont, die gar nichts mit einem Ursachenverhältnis zu tun haben.
[ 44 ] Aber ebenso wie es wahr ist, daß die Sonne, wenn sie unter den Horizont geht, die Dämmerung bewirkt, und wenn sie weiter heruntergeht, die Finsternis bewirkt, so ist die Wahrheit nicht die, daß weil wir uns ermüdet fühlen, wir auch schlafen wollen, sondern wir fühlen uns ermüdet, weil wir schlafen wollen. Wir müssen die Sehnsucht haben nach dem Schlafe, dann fühlen wir uns ermüdet.
[ 45 ] Das scheint allem zu widersprechen, was heute gedacht wird, aber wahr ist es doch, gerade so wahr wie dies, daß der Tag nicht die Ursache der Nacht und die Nacht nicht die Ursache des Tages ist. So ist die Ermüdung nicht die Ursache des Schlafes. Aber ebenso wie die Nacht eintritt, wenn die Sonne untergeht, so tritt Ermüdung ein, weil man schlafen will. Hier sind vollkommen die Wirkung und Folge mit der Ursache verwechselt und durcheinandergeworfen.
[ 46 ] Heute will ich noch auf etwas anderes aufmerksam machen. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Verhältnis von Tag und Nacht, dem Verhältnis von Sonne und Erde und dem Verhältnis von Schlafen und Wachen beim Menschen: Sie können sich keineswegs vorstellen, daß bei der Sonne dasselbe eintreten kann, was eintreten kann beim Menschen. Der Mensch, ich will sagen, nimmt eine gute Mahlzeit zu sich und schläft zur ungeeigneten Zeit, oder er schläft aus einem anderen Grunde zur ungeeigneten Zeit. Das tut die Sonne nicht. Denn, denken Sie, was das wäre, wenn der Sonne plötzlich einfiele, daß sie zu einer bestimmten Zeit nicht über dem Horizont stehen würde und alles das eintreten würde ganz plötzlich, was den Tag zur Nacht macht. — Sie können sich unmöglich vorstellen, daß im Weltall die Konstellation eintritt, die dem analog wäre, daß der Mensch schläft, wann er will, willkürlich seine Wachens- und Schlafenszeit einrichtet. Wie weit entfernt ist die Sonne davon! Unmöglich ist es, daß die Sonne sich überißt und mitten am Tage aufhört zu scheinen, so daß Nacht eintritt. So weit das entfernt ist von dem, daß irgend jemand am Tage einschläft — es ist leicht, es braucht nur etwas heiß zu sein, und er meint, daß man bei der Hitze schlafen muß —, so weit ist Naturnotwendigkeit und Naturgesetzmäßigkeit von Freiheit entfernt, so weit ist die Natur vom Geist entfernt. So weit ist aber auch das Verständnis, das die Menschheit heute hat, das die heutige Zeit hat, entfernt von dem Verständnis, das sie wird durch Geisteswissenschaft sich aneignen müssen.
[ 47 ] Das ist es, was wir uns immer vor die Seele rufen müssen: daß es eine nicht nur ernste, sondern auch große Aufgabe ist, in diejenigen Bestrebungen sich hineinzufinden, die der menschlichen Kultur die Geisteswissenschaft bringen will. Und mancherlei wird wirklich überwunden werden müssen, was heute allgemein noch nicht überwunden ist, wenn die Geisteswissenschaft und ihre Ergebnisse sich in die geistige Entwickelung der Menschheit hineinleben sollen.
[ 48 ] Heute möchte ich zum Schluß noch auf zwei Dinge aufmerksam machen — wir werden morgen weiter sehen —, die angeeignet werden müssen von dem, der in die Geisteswissenschaft hinein will und sie fruchtbar machen will für das geistige Leben der Zukunft: Das erste ist eine gewisse Scheu, eine gewisse Ehrfurcht vor der Wahrheit. Man braucht nur die Augen aufzumachen, dann wird man finden, daß gerade heute alles, was in der Welt geschieht, wie ein Auflehnen erscheint gegen diese Scheu, gegen die Ehrfurcht vor der Wahrheit. Wer Ehrfurcht vor der Wahrheit hat, der wird lange warten, ehe er eine Behauptung von einer Sache aufstellt, oder ein Urteil über diese abgibt. Heute ist die Tendenz zum Gegenteil da, die Tendenz, möglichst wenig Respekt vor der Wahrheit zu empfinden, vielmehr die Wahrheit so zu formen, wie es einem gerade paßt, wie man es angemessen findet dem eigenen Gefühl und den eigenen Empfindungen. Das Wartenkönnen, bis sich die Wahrheit als die keusche Gottheit der Menschenseele ergibt, das ist eine Empfindung, von der man sagen kann: Es ist wirklich notwendig, daß sie von der heutigen Menschheit angeeignet werde. Die äußere Kultur aber widerstrebt dieser Aneignung, ist eine Kultur, bei der es darauf ankommt, Mitteilungen zu fabrizieren und möglichst schnell alle Tatsachen mitzuteilen, wie das heutige Journalwesen es tut. Da ist die gegenteilige Stimmung vorhanden von der, die unsere Geisteswissenschaft in uns erzeugen muß. Die Art und Weise, sich zur Welt zu stellen, die heute durch Druck und Presse geübt wird, ist das Gegenteil von dem, was gerade von Geisteswissenschaft angestrebt werden muß, angestrebt werden muß von denen, die es gut meinen mit der Menschheit. Das muß zugestanden werden von denen, die der geisteswissenschaftlichen Bewegung zugehören wollen. Das erste ist Ehrfurcht vor der Wahrheit.
[ 49 ] Das zweite ist Ehrfurcht vor dem Wissen. Das ist es, was denen, die die Impulse der Zeit erkennen, die bestrebt sind, der Menschheitsentwickelung neue Impulse einzufügen, schwer auf der Seele liegen muß, daß man es nicht ernst genug nimmt mit der Ehrfurcht vor dem Wissen. Das ist das Traurige, daß die Menschen überall zeigen: sie haben nicht die Ehrfurcht vor dem Wissen.
[ 50 ] Gerade in unserer Zeit erleben wir ja doch angesichts der furchtbaren Ereignisse der Gegenwart, daß die Menschen — am allermeisten diejenigen, die schreiben und drucken lassen, aber leider tun es die andern auch —, daß die Menschen so urteilen, als wenn die Welt wirklich erschaffen wäre, sagen wir, im Juni oder im Juli 1914.
[ 51 ] Man hört kurioserweise, wenn die Erlebnisse der Gegenwart beurteilt werden, immer wieder und wiederum den Anfang der Erzählung «Im Jahre 1914», und da werden die Ereignisse durcheinandergekollert und durcheinandergekugelt, und man glaubt, es könne dabei etwas herauskommen. Es kann nichts herauskommen. Man kann nicht einsehen, warum die Dinge in der Gegenwart so oder so liegen, wenn man die Ehrfurcht nicht hat vor dem Wissen, das in die Zeiten der fernen Vergangenheit führt und sieht, daß die Ereignisse der Gegenwart die Folgen dieser fernen Vergangenheiten sind und in tiefem inneren Zusammenhang mit ihnen stehen.
[ 52 ] Es blutet das Herz demjenigen, der es ernst meint mit der Entwikkelung der Menschheit, wenn er sieht, wie gedankenlos in der Gegenwart geurteilt wird über die Art und Weise, wie Ursache und Sein da oder da zusammenhängen. Und geurteilt wird von Menschen, deren Urteil man es ansehen kann, daß sie im Grunde genommen gar nicht wissen, worauf es ankommt.
[ 53 ] Nun könnte man einwenden: Das kann man nicht verlangen von allen, daß sie urteilen können. — Ja, gewiß nicht. Was man aber verlangen kann, ist Ehrfurcht vor dem Wissen, ein Bewußtsein davon, daß man erst etwas wissen muß, ehe man urteilt.
[ 54 ] Das ist etwas, was man vor allen Dingen heute den Menschen wünschen möchte: daß nicht geurteilt wird, bevor gewußt wird. Es ist eines der furchtbarsten Übel der Gegenwart, daß geurteilt wird, ohne zu wissen. Es ist dasjenige, was die Erzeugnisse der Gegenwartskultur so furchtbar macht, weil man ihnen überall ansieht, daß sie genau das Gegenteil von dem atmen, was Ehrfurcht vor dem wirklichen Wissen ist, was Ehrfurcht vor der Wahrheit ist.
[ 55 ] Ehrfurcht vor der Wahrheit, Ehrfurcht vor dem Wissen, das sollten wir uns aneignen. Ich sage: Ehrfurcht vor dem Wissen, ich sage selbstverständlich nicht: Ehrfurcht vor der wissenschaftlichen Autorität — damit die Dinge nicht entstellt werden —, sondern vor dem Wissen, vor allem vor seinem eigenen Wissen. Das muß man sich erst angeeignet haben; dann kann man auch vor dem eigenen Wissen Ehrfurcht haben. Solange man es nicht besitzt, kann man natürlich vor dem Nichtdaseienden keine Ehrfurcht haben. Dann hat man auch nicht die notwendige Ehrfurcht im Leben.
[ 56 ] Aber vor allem kommt es darauf an, daß eindringen in unsere Seelen Impulse neuen Empfindungs-, neuen Gefühlslebens, und daß wir nicht versuchen auf dieselbe Weise nur weiterzukommen, nun auf den Wegen, auf den Wegen der Geisteswissenschaft, wie es versucht worden ist in der materiellen Kultur. Hier uns ein Unterscheidungsvermögen anzueignen, das muß unsere ernste Aufgabe sein.
