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Artistic and Existential Questions
in the Light of Spiritual Science
GA 162

29 May 1915, Dornach

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Artistic and Existential Questions, tr. SOL
  1. Kunst- und Lebensfragen

Dritter Vortrag

Third Lecture

[ 1 ] Wir wollen heute zunächst, um dann wiederum weiteres vorzubereiten, über einige Eigentümlichkeiten sprechen der okkulten Entwickelung des Menschen. Wir dürfen ja von dieser okkulten Entwickelung sprechen, weil im Grunde genommen Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft der Anfang einer wirklichen okkulten Entwickelung ist. Wenn auch von den meisten das nicht anerkannt wird, daß einfache Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft schon wirklich die ersten Schritte abgibt zu einer okkulten Entwickelung, so ist es doch so. Und es ist immer wieder betont worden und muß immer wieder betont werden, daß durch Geisteswissenschaft uns nicht bloß ein Wissen überliefert werden soll, eine theoretische Erkenntnis, sondern daß uns durch Geisteswissenschaft etwas gegeben werden soll, das unseren ganzen Menschen umwandelt, das aus unserem ganzen Menschen etwas anderes macht, als die äußere Kultur der Gegenwart machen kann.

[ 1 ] Today, as a first step toward preparing for further topics, we would like to discuss some peculiarities of the occult development of the human being. We are indeed permitted to speak of this occult development, because, fundamentally speaking, engagement with Spiritual Science is the beginning of true occult development. Even though most people do not recognize that simply engaging with Spiritual Science truly constitutes the first steps toward occult development, this is nevertheless the case. And it has been emphasized time and again—and must continue to be emphasized—that Spiritual Science is not merely intended to impart knowledge to us, a theoretical understanding, but rather to give us something that transforms our entire being, something that makes our whole being into something different from what the external culture of the present can achieve.

[ 2 ] Nun wird uns über die Schwierigkeit, welche Geisteswissenschaft hat, um sich nicht nur in das Gedächtnis, sondern in das ganze Kulturleben der Gegenwart einzuprägen, eine Aufklärung zuteil werden, wenn wir uns bekannt machen mit den Eigentümlichkeiten der geisteswissenschaftlichen Forschung, mit der Art und Weise, wie die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung zu uns Menschen stehen. Sie stehen nämlich anders zu uns als andere Erkenntnisse, die wir uns erwerben im Leben. Wir erwerben uns Erkenntnisse durch unsere Erfahrungen, durch unsere Erlebnisse; denn auch wenn wir uns wissenschaftliche Erkenntnisse erwerben, so ist es entweder durch direktes oder durch indirektes Erlebnis. Wo wir uns auch Erkenntnisse erwerben, wir erwerben sie zunächst durch das Erlebnis und dann speichern wir sie im Gedächtnis, in der Erinnerung auf. Wir behalten sie, diese Lebensergebnisse.

[ 2 ] We will now gain insight into the difficulty that Spiritual Science faces in making an impression not only on our memory but on the entire cultural life of the present when we familiarize ourselves with the distinctive features of research in Spiritual Science and with the way in which the results of such research relate to us as human beings. For they relate to us differently than other insights we acquire in life. We acquire insights through our experiences; for even when we acquire scientific insights, it is either through direct or indirect experience. No matter where we acquire insights, we first acquire them through experience and then store them in our memory. We retain these findings from life.

[ 3 ] Wir haben uns öfter klar gemacht, was es, intimer gesprochen, heißt, im Gedächtnis, in der Erinnerung etwas aufzubewahren, besonders in der letzten Zeit haben wir uns über das, was Gedächtnis ist, etwas näher ausgesprochen. Jedenfalls für das Leben ist das Gedächtnis eine außerordentlich wichtige Sache. Denken Sie nur einmal: wenn wir das Gedächtnis nicht hätten, wenn wir uns also nicht erinnern könnten an dasjenige, was wir gestern, vorgestern, vor einem Jahr oder vor zehn Jahren erlebt haben, wie ganz anders unser Leben verlaufen müßte. Es ist uns gar nicht denkbar, daß das gewöhnliche, auf dem physischen Plan sich abspielende Seelenleben ohne das Gedächtnis ablaufen könnte.

[ 3 ] We have often reflected on what it means—to put it more intimately—to preserve something in our memory, and especially recently we have discussed the nature of memory in greater detail. In any case, memory is an extraordinarily important aspect of life. Just think for a moment: if we did not have memory—if we could not recall what we experienced yesterday, the day before yesterday, a year ago, or ten years ago—how completely different our lives would have to be. It is simply inconceivable to us that the ordinary life of the soul, as it unfolds on the physical plane, could take place without memory.

[ 4 ] Aber vergleichen Sie diese Kraft, die es Ihnen möglich macht, Erlebnisse des physischen Planes im Gedächtnis zu behalten, mit der viel geringeren Kraft, die es Ihnen möglich macht, Traumerlebnisse in der Erinnerung zu bewahren. Bedenken Sie, wieviel leichter Sie einen Traum vergessen als Erlebnisse in der physischen Welt. Man kann zunächst die Frage aufwerfen: Warum vergißßt man die Traumerlebnisse leichter als die Erlebnisse der physischen Welt? — Nun, die Beantwortung dieser Frage wird uns zugleich einen wichtigen Gesichtspunkt für die höheren Erkenntnisse ergeben.

[ 4 ] But compare this power, which enables you to retain memories of experiences on the physical plane, with the much lesser power that enables you to retain memories of dream experiences. Consider how much easier it is to forget a dream than experiences in the physical world. One might first ask: Why do we forget dream experiences more easily than experiences in the physical world? — Well, the answer to this question will also provide us with an important perspective for higher insights.

[ 5 ] Wie werden denn Traumerlebnisse erworben? — Sie werden dadurch erworben, daß wir im physischen Leib nicht ganz drinnen sind. Wenn wir ganz drinnen sind im physischen Leib, träumen wir nicht. Da erleben wir durch die Sinne auf dem physischen Plan und durch den an die Sinne gebundenen Verstand. Wenn wir träumen, müssen wir wenigstens teilweise außerhalb des physischen Leibes sein. Was macht der physische Leib, wenn er durch die Erinnerungskraft arbeitet? Ja, so schwierig es zunächst zu denken ist für den Menschen, so ist es doch wahr: jedesmal, wenn der Mensch ein Erlebnis hat und dieses Erlebnis durch einen Gedanken in der Erinnerung aufbewahrt, dann wird in unserem Ätherleib ein Abdruck, gleichsam eine Art Klischee des Erlebnisses gebildet. Aber — ich habe das schon auseinandergesetzt — nicht so, daß dieser Abdruck etwa das Erlebnis photographisch abbilden würde. Ebensowenig wie der Buchstabe einer Schrift mit dem Laute zu tun hat, ebensowenig hat, was in unserem Leib als Abdruck existiert, ebensowenig hat diese Abbildung mit dem Erlebnis selbst zu tun. Er, der Abdruck, ist nur ein Zeichen. Und dieses Zeichen ist merkwürdigerweise ähnlich der menschlichen Gestalt selber. Und zwar, wenn Sie von der menschlichen Gestalt die oberen Teile nehmen, den Kopf und höchstens noch etwas vom Oberleib und von den Händen, so haben Sie das, was jedesmal im Ätherleibe beobachtet werden kann, wenn sich der Mensch Erinnerung bildet von einem Erlebnis.

[ 5 ] How, then, are dream experiences acquired? — They are acquired because we are not fully present within the physical body. When we are fully present in the physical body, we do not dream. Then we experience the physical plane through the senses and through the mind, which is bound to the senses. When we dream, we must be at least partially outside the physical body. What does the physical body do when it works through the power of memory? Yes, as difficult as it may seem at first to the human mind, it is nevertheless true: every time a person has an experience and preserves that experience in memory through a thought, an imprint—a sort of template of the experience, as it were—is formed in our etheric body. But—as I have already explained—this imprint does not, for example, photographically reproduce the experience. Just as the written letter has nothing to do with the sound it represents, so too does what exists in our body as an imprint have nothing to do with the experience itself. The imprint is merely a sign. And this sign is, curiously enough, similar to the human form itself. Specifically, if you take the upper parts of the human form—the head and, at most, a little of the upper torso and the hands—you have what can be observed in the etheric body every time a person forms a memory of an experience.

[ 6 ] Also, wir können sagen: Ich erlebe etwas; das Erlebnis bleibt mir sei es ein kleines oder ein großes Erlebnis — als Erinnerung. Es bildet sich eben ein Abdruck, ungefähr so (siehe Zeichnung). So etwas entsteht jedesmal in Ihrem Ätherleib, wenn sich eine Erinnerung bildet, und würde es ausgelöscht werden, so würden Sie sich an das Erlebnis nicht mehr erinnern können.

[ 6 ] So, we can say: I experience something; that experience—whether small or large—remains with me as a memory. An imprint is formed, something like this (see drawing). Something like this arises in your etheric body every time a memory is formed, and if it were to be erased, you would no longer be able to remember the experience.

Diagram 1Diagram 1

[ 7 ] Denken Sie, an wieviele Dinge Sie sich im Leben erinnern! Ebensoviele tausend und abertausend solcher ätherischer Menschenabbilder haben Sie in sich. Ihr Ätherleib, und auch der physische, gestatten wohl, daß so viele verschiedene Bilder da sind. Wenn zwei gleich wären, würde man die Erlebnisse nicht unterscheiden können. Wenn man einen Menschen okkult betrachtet, so findet man in ihm Tausende und aber Tausende solcher Menschenbilder. Aber sie entstehen nicht nur im Ätherleib, sondern von jedem solchen Menschenbild entsteht auch ein feiner Abdruck im physischen Leib, und diese Abdrücke bleiben auch alle erhalten, insofern der Mensch Erinnerungen hat. Also Tausende und aber Tausende solcher Homunkuli sind im Menschen vorhanden.

[ 7 ] Think of how many things you remember in life! You have just as many thousands and thousands upon thousands of such ethereal human images within you. Your etheric body—and your physical body as well—allow for so many different images to exist. If two were the same, you would not be able to distinguish between your experiences. When one observes a person from an occult perspective, one finds within them thousands upon thousands of such human images. But they do not arise solely in the etheric body; rather, each such human image also creates a subtle imprint in the physical body, and all these imprints are preserved as long as the person has memories. Thus, thousands upon thousands of such homunculi are present within the human being.

[ 8 ] Sagen wir: Sie hören den heutigen Vortrag. Schon durch Anhören dieses Vortrages werden sich hundert und aber hundert solcher Homunkuli in Ihrer Seele bilden. Die machen auch, wenn Sie sich später erinnern, Eindrücke in Ihren physischen Leib, und diese Eindrücke bleiben auch da.

[ 8 ] Let’s say you are listening to today’s lecture. Just by listening to this lecture, hundreds upon hundreds of such homunculi will form in your soul. When you recall this later, they will also leave impressions on your physical body, and these impressions will remain there as well.

[ 9 ] Wie ist es nun aber beim Träumen? Ja, sehen Sie: beim Traum ist es so, daß wohl der Homunkulus im ätherischen Leibe entsteht, daß

[ 9 ] But what about dreaming? Well, you see: in the case of dreaming, it is the case that the homunculus arises in the etheric body, that

[ 10 ] er sich aber nicht abdrückt im physischen Leib. Schwach drückt er "sich ab, manchmal gar nicht. Dann weiß der Mensch wohl, daß er geträumt hat, aber er kann sich nicht erinnern, was er geträumt hat. Schwach, viel schwächer als irgendein Erlebnis auf dem physischen Plan, drücken sich die Träume ab. Daher ist es so schwer, eine Erinnerung davon zu bewahren.

[ 10 ] but it does not leave an imprint in the physical body. It leaves only a faint imprint—sometimes none at all. Then the person knows full well that he has been dreaming, but he cannot remember what he dreamed. Dreams leave only a faint impression—much fainter than any experience on the physical plane. That is why it is so difficult to retain a memory of them.

[ 11 ] Die Stärke der Erinnerung hängt also ganz davon ab, wie stark der Eindruck ist, den der Homunkulus des Ätherleibes auf den physischen Leib macht. Dasjenige aber, was der Geistesforscher findet, was er erlebt in der geistigen Welt, das ist zunächst so geartet, daß es überhaupt keinen Eindruck auf den physischen Leib machen kann. Denn wenn ein Erlebnis Eindruck auf den physischen Leib machen kann, dann ist es schon kein rein geistiges Erlebnis mehr; dann ist es schon mit Rücksicht auf den physischen Leib erworben. Das muß gerade das Eigentümliche des geistigen Erlebnisses sein, daß zunächst im physischen Leib überhaupt nichts geschieht, während das Geistige erlebt wird.

[ 11 ] The strength of a memory therefore depends entirely on how strong the impression is that the homunculus of the etheric body makes on the physical body. However, what the spiritual researcher finds—what he experiences in the spiritual world—is, at first, of such a nature that it cannot make any impression on the physical body at all. For if an experience can make an impression on the physical body, then it is no longer a purely spiritual experience; it has already been acquired in relation to the physical body. This must be the very characteristic of spiritual experience: that, at first, nothing at all happens in the physical body while the spiritual is being experienced.

[ 12 ] Was folgt daraus? Das folgt daraus, was in der Tat der Geistesforscher als sein nächstes Erlebnis aufzufassen hat: daß man für die Ergebnisse der Geistesforschung kein Gedächtnis hat. Die Erlebnisse des Geistesforschers können sich dem Gedächtnisse nicht einprägen. In demselben Moment, in dem sie entstehen, vergehen sie auch.

[ 12 ] What follows from this? What follows is, in fact, what the spiritual researcher must regard as his next experience: that one has no memory of the results of spiritual research. The spiritual researcher’s experiences cannot be imprinted on the memory. The moment they arise, they also pass away.

[ 13 ] Darin liegt die Schwierigkeit, von der geistigen Welt etwas zu wissen, solange man in der physischen Welt lebt und mittels seines physischen Leibes allein leben will. Denn da der Mensch schon für Träume ein schlechtes Gedächtnis hat, bei denen noch ein loser Zusammenhang mit dem physischen Leibe vorhanden ist, so wird Ihnen das zeigen, wie begreiflich es sein muß, daß der Mensch für das, was er nun wirklich okkult erlebt, kein Gedächtnis haben kann.

[ 13 ] This is the difficulty in knowing anything about the spiritual world as long as one lives in the physical world and wishes to live solely through one’s physical body. For since human beings already have a poor memory for dreams—in which there is still a tenuous connection to the physical body—this will show you how understandable it must be that human beings cannot have any memory of what they actually experience in the occult realm.

[ 14 ] Es gibt nun Menschen, die beginnen anzuwenden auf sich die Regeln von meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die Regeln, welche man diejenigen der okkulten Entwickelung nennt. Sie wenden sie vielleicht sehr lange an; aber dann kommen sie nach Jahren und sagen: Ich habe immer und immer geübt, ich habe alle möglichen Übungen gemacht; ich sehe nichts, ich höre nichts von der geistigen Welt. Mein Sinn für die geistige Welt will sich nicht öffnen. — Vielleicht ist das, was diese Menschen sagen, ganz falsch; es kann ganz falsch sein. Die Betreffenden können längst den Eintritt in die geistige Welt gefunden haben, können Wahrnehmungen haben in der geistigen Welt. Aber die Wahrnehmungen verschwinden in dem Moment, wo sie gemacht werden, weil diese Wahrnehmungen sich dem physischen Gedächtnis nicht einverleiben können. Daß man etwas wissen kann von seinen geistigen Erlebnissen, hängt nämlich von ganz etwas anderem ab als vom Gedächtnis. Und ich möchte Ihnen nun klarmachen, wovon es abhängt.

[ 14 ] There are now people who are beginning to apply to themselves the rules from my book How Does One Gain Knowledge into the Higher Worlds?—the rules that are referred to as those of occult development. They may apply them for a very long time; but then, after years, they come and say: “I have practiced over and over again; I have done all kinds of exercises; I see nothing, I hear nothing from the spiritual world. My sense for the spiritual world refuses to open.” — Perhaps what these people say is completely wrong; it may be entirely wrong. The individuals in question may have long since found their way into the spiritual world and may be having perceptions there. But these perceptions vanish the moment they occur, because they cannot be incorporated into physical memory. The ability to know anything about one’s spiritual experiences depends, in fact, on something entirely different from memory. And I would now like to make clear to you what it depends on.

[ 15 ] Nehmen Sie einmal an, daß Sie ein Spielzeug für ein Kind machen. Das Kind kann an diesem Spielzeug seine Freude haben. Sie können es heute machen und das Kind hat seine Freude daran. Sie nehmen das Spielzeug, legen es in den Schrank. Morgen geben Sie es dem Kinde wieder, und übermorgen, und so immer wiederum. Und das Kind kann immer wiederum seine Freude haben an dem Spielzeug, das Sie heute gemacht haben.

[ 15 ] Suppose you make a toy for a child. The child can enjoy this toy. You can make it today, and the child will enjoy it. You take the toy and put it in the closet. Tomorrow you give it back to the child, and the day after tomorrow, and so on and so forth. And the child can enjoy the toy you made today over and over again.

[ 16 ] Es kann aber auch etwas anderes geschehen. Nehmen wir einmal an, Sie interessieren das Kind nicht dadurch, daß Sie ein Spielzeug machen, sondern Sie setzen ihm aus irgendwelchen Dingen etwas zusammen. Oder Sie machen ihm sogar nur etwas vor, indem Sie ihm Gesten vormachen oder dergleichen. Nehmen wir an, Sie erregen die Aufmerksamkeit des Kindes dadurch, daß Sie in ganz bestimmter Weise dem Kinde mit den Händen oder den Fingern etwas vormachen, meinetwegen etwas voreurythmisieren. Das können Sie nicht in den Schrank tun, morgen und übermorgen wieder herausnehmen und wie ein Spielzeug dem Kinde immer wieder geben. Dasjenige, was so Eindruck auf das Kind machen soll, müssen Sie immer neu machen. Eine Puppe, die Sie fertig machen, können Sie aufbewahren; die kann das Kind dann immer wieder kriegen. Wenn Sie aber etwas, was Sie selber durch Gesten oder dergleichen machen, zur Erregung der Aufmerksamkeit des Kindes verwenden, müssen Sie es immer wieder frisch machen.

[ 16 ] But something else can happen as well. Let’s suppose you don’t capture the child’s interest by making a toy, but rather by putting something together for them out of various objects. Or you might even just demonstrate something to them by making gestures or the like. Let’s say you capture the child’s attention by demonstrating something to the child in a very specific way with your hands or fingers—say, by pre-rhythmizing something. You can’t put that in a closet, take it out again tomorrow and the day after, and give it to the child over and over like a toy. Whatever is meant to make an impression on the child in this way must be created anew each time. A doll that you’ve made can be stored away; the child can then play with it again and again. But if you use something you create yourself—through gestures or the like—to capture the child’s attention, you must recreate it anew each time.

[ 17 ] Das ist etwas, was uns erklären kann, wie der Unterschied ist zwischen dem, was wir auf dem physischen Plan erwerben und was Erinnerung werden kann, und dem, was wir auf dem geistigen Plan erleben, und was nicht unmittelbar Erinnerung werden kann. Wenn wir Erlebnisse auf dem physischen Plan haben, dann bildet sich etwas wie ein Homunkulus in unserem Ätherleib und ein Abdruck davon prägt sich in den physischen Leib. Der bleibt, wie die Puppe bei dem Kinde. Sie können ihn aufbewahren und in sich immer wieder finden. Das deutet Ihnen dann auf das Erlebnis der Vergangenheit hin. Das Erlebnis, das Sie in der geistigen Welt haben, geht vorüber. Aber Sie mußten etwas tun, um es herbeizuführen. Sie mußten durch die Regeln, die Sie auf die Seele anwenden im Sinne von «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die Seele in einen solchen Zustand versetzen, daß das okkulte Erlebnis eintreten konnte. Diesen Zustand in sich selbst können Sie immer wieder hervorrufen, so daß Sie immer wieder das Erlebnis haben können, aber aufbewahren wie ein Gedächtnisbild können Sie es nicht. Für den physischen Plan werden die Erlebnisse Erinnerungen dadurch, daß man Nachbilder bewahrt, gedächtnismäßig. Das Wiedereintreten, die Wiedererinnerung — wenn wir jetzt im übertragenen Sinne das Wort «Erinnerung» gebrauchen — okkulter Erlebnisse kann nur dadurch eintreten, daß wir dieselben Bedingungen herstellen, durch die wir das Ereignis das erste Mal erlebt haben.

[ 17 ] This can help us understand the difference between what we acquire on the physical plane—and what can become a memory—and what we experience on the mental plane—and what cannot immediately become a memory. When we have experiences on the physical plane, something like a homunculus forms in our etheric body, and an imprint of it is imprinted on the physical body. It remains, like a child’s doll. You can keep it and find it within yourself again and again. This then points you to the experience of the past. The experience you have in the spiritual world passes. But you had to do something to bring it about. You had to bring the soul into a state—through the rules you apply to the soul in the sense of “How does one gain insights into the higher worlds?”—in which the occult experience could occur. You can evoke this state within yourself again and again, so that you can have the experience repeatedly, but you cannot preserve it like a mental image. On the physical plane, experiences become memories through the retention of afterimages, in a mnemonic sense. The recurrence, the recollection—if we now use the word “memory” in a figurative sense—of occult experiences can only occur by recreating the very conditions under which we first experienced the event.

[ 18 ] Seien wir uns wohl klar: wir müssen wirklich unendlich viel tätiger, aktiver sein gegenüber den Erlebnissen in der geistigen Welt als gegenüber den Erlebnissen in der physischen Welt. Gegenüber den Erlebnissen in der physischen Welt bildet sich wirklich etwas in uns, was, ich möchte sagen, nach und nach äußerste Dichtigkeit erlangt. Etwas innerlich Vielfältiges, Mannigfaltiges in uns ist dieses. Diese vielen Menschen, die man da in sich hat, die gehen mit einem durch das Leben, sind etwas Fertiges. Das erleichtert einem das Leben in der physischen Welt, weil einem abgenommen wird die Arbeit, die man beim okkulten Erleben in der geistigen Welt immer wiederum und wiederum machen muß, wenn man das Erlebnis wieder haben will. Erinnern kann man sich nur an die Bedingungen, durch die man das Erlebnis herbeigeführt hat, also niemals an das okkult Erlebte, sondern nur an die Art, wie es herbeigeführt wurde. Und Sie müssen diese Art, die Bedingung wieder herbeiführen, dann können Sie das okkulte Erlebnis wieder haben.

[ 18 ] Let us be clear: we really must be infinitely more active and engaged with experiences in the spiritual world than with those in the physical world. In response to experiences in the physical world, something truly takes shape within us that, I would say, gradually attains the utmost density. This is something internally diverse and multifaceted within us. These many people we carry within us—who accompany us through life—are something already formed. This makes life in the physical world easier, because it relieves us of the work we must do again and again during occult experiences in the spiritual world if we wish to have that experience once more. One can only remember the conditions through which one brought about the experience—never the occult experience itself, but only the way in which it was brought about. And you must recreate those conditions; then you can have the occult experience again.

[ 19 ] Wenn wir — nicht vergleichsweise, sondern im wirklichen Sinne sage ich dies —, wenn wir einen Weg gehen und am Ende dieses Weges eine Kirche oder ein Haus steht, und wir kehren wieder zurück, so können wir auf dem ganzen Rückwege die Erinnerung dieses Bildes von der Kirche oder dem Hause in uns tragen. Das ist deshalb, weil dieses Erlebnis mit der Kirche oder dem Hause ein Erlebnis auf dem physischen Plan ist. Wäre statt dessen da ein Geist gestanden und der Geist würde sich nur an diesem Orte manifestieren, so wäre es jedesmal nötig, um diesen Geist zu sehen, an denselben Ort wieder hinzugehen. Man muß dieselben Bedingungen herbeiführen, denn man kann sich nur erinnern, auf welchem Wege, durch welche Bedingungen man zu diesem Erlebnis gekommen ist.

[ 19 ] If we—and I say this not figuratively, but in the literal sense—if we walk along a path and at the end of that path there is a church or a house, and we turn back, then we can carry the memory of that image of the church or the house within us throughout the entire return journey. This is because this experience with the church or the house is an experience on the physical plane. If, instead, a spirit had been there—and that spirit manifested only at that location—it would be necessary to return to that same place each time in order to see that spirit. One must recreate the same conditions, for one can only remember the path and the circumstances through which one arrived at that experience.

[ 20 ] Das ist das Merkwürdige an diesen Dingen, daß ein gutes Gedächtnis für das Behalten okkulter Erlebnisse unmittelbar nichts nützt, sondern daß im Gegenteil etwas, was uns im gewöhnlichen Leben unterstützt bei einer bewußten Entwickelung eines guten Gedächtnisses, uns im Okkulten hinderlich sein kann. Gewisse Menschen bringen sich ein gutes Gedächtnis von vornherein gleich durch die Geburt mit auf die Welt. Nun leben sie und haben ein gutes Gedächtnis. Andere haben ein weniger gutes Gedächtnis. Das beruht auf ganz gewissen karmischen Voraussetzungen: Ein gutes Gedächtnis hat derjenige, der so aus seinen früheren Inkarnationen in die Welt kommt, daß er möglichst spät mit seinem Geistig-Seelischen den ganzen Körper durchdringt, daß bei ihm gewisse Teile des physischen Leibes möglichst lange von dem Geistig-Seelischen unbearbeitet bleiben. Da ist es möglich, daß, ohne daß wir etwas dazu tun, diese Eindrücke, diese Homunkuli, die ich geschildert habe, gemacht werden.

[ 20 ] The strange thing about these matters is that a good memory is of no immediate use for retaining occult experiences; on the contrary, something that helps us in everyday life to consciously develop a good memory can actually hinder us in the occult realm. Certain people are born with a good memory right from the start. So they live their lives with a good memory. Others have a less good memory. This is based on very specific karmic conditions: A person has a good memory if they come into the world from their previous incarnations in such a way that their spiritual-soul aspect permeates the entire body as late as possible, so that certain parts of the physical body remain unaffected by the spiritual-soul aspect for as long as possible. Thus it is possible that, without any effort on our part, these impressions—these homunculi that I have described—are formed.

[ 21 ] Wenn aber einer hereinkommt in das Leben durch die physische Geburt und für das einzelne physische Erleben eine innerlich so veranlagte Persönlichkeit ist, daß möglichst schnell die Eindrücke ganz Besitz ergreifen von seinem physischen Leibe, dann wird er kein besonders gutes Gedächtnis entwickeln können, weil er mit sich sein Gedächtnis ausfüllt; und dann ist es zu hart, als daß so viele Abdrücke von solchen Homunkuli in dasselbe hineinkommen könnten. Wir werden daher vorzugsweise bei solchen Menschen ein gutes Gedächtnis finden, welche, ich möchte sagen, ein im übrigen unbestimmtes egoistisches Interesse für die Erlebnisse des physischen Planes haben.

[ 21 ] But if a person enters life through physical birth and, for the sake of individual physical experience, is a personality so internally predisposed that impressions take complete possession of his physical body as quickly as possible, then he will not be able to develop a particularly good memory, because he fills his memory with himself; and then it is too full for so many impressions from such homunculi to enter it. We will therefore find a good memory primarily in those people who, I might say, have an otherwise vague, self-centered interest in the experiences of the physical plane.

[ 22 ] Dagegen kann man das Gedächtnis auch gewissermaßen entwikkeln. Aber man kann es nur dadurch entwickeln, daß man die Aufmerksamkeit, das Interesse anregt. Interesse, Aufmerksamkeit und Gedächtnis gehören zusammen. Wenn Sie versuchen, sich für irgendeine Summe von Erlebnissen, für irgendein Lebensgebiet recht intensiv zu interessieren, recht dabei zu sein mit Ihrem ganzen Ich, so wird Ihr Gedächtnis, Ihre Erinnerung auch immer besser und besser werden für diese Erlebnisse. Wenn also jemand sein Gedächtnis für irgend etwas bilden will, so kann er es dadurch am besten, daß er möglichst sucht sein Interesse zu schärfen für das betreffende Gebiet. Nichts merken wir uns, wofür wir uns nicht ein intensives Interesse schaffen. So ist die Aufmerksamkeit, das Interesse etwas, was uns in der physischen Welt ein mangelhaftes Gedächtnis ausbessern kann.

[ 22 ] On the other hand, memory can also be developed, so to speak. But it can only be developed by stimulating attention and interest. Interest, attention, and memory go hand in hand. If you try to take a deep interest in a particular set of experiences or an area of life—to be fully present with your whole being—then your memory of those experiences will continue to improve. So if someone wants to improve their memory for something, the best way to do so is by trying as much as possible to sharpen their interest in that particular area. We don’t remember anything unless we develop an intense interest in it. Thus, attention and interest are what can compensate for a poor memory in the physical world.

[ 23 ] Für das richtige Hineinstellen in die okkulten Erlebnisse so, daß diese okkulten Erlebnisse nicht wie Träume fortwährend an uns vorüberhuschen und wir nichts davon wissen, ist die liebevolle Aufmerksamkeit, das liebevolle Interesse für das Geistige überhaupt, von größter Wichtigkeit. Ohne dieses geistige Interesse, ohne diese liebevolle Aufmerksamkeit können wir nicht immer wieder und wiederum geistige Erlebnisse haben, die wir einmal gehabt haben. Man kann ganz gut einmal ein okkultes Erlebnis haben. Es huscht vorüber. Nur dadurch wird man in die Lage kommen, zwar nicht Erinnerungen, wohl aber die Bedingungen herzustellen, wodurch man immer wieder und wieder von neuem das Erlebnis haben kann, daß man das Interesse für die Ereignisse in der geistigen Welt in sich verschärft.

[ 23 ] In order to properly engage with occult experiences—so that these experiences do not simply flit past us like dreams, leaving us unaware of them—loving attention and a loving interest in the spiritual realm in general are of the utmost importance. Without this spiritual interest, without this loving attention, we cannot repeatedly have the spiritual experiences we once had. It is quite possible to have an occult experience just once. It fleets by. Only in this way will one be able—not to create memories, but to establish the conditions—through which one can have the experience again and again anew, thereby deepening one’s interest in the events of the spiritual world.

[ 24 ] Daher ist es so wichtig, daß wir nicht nur gedächtnismäßig uns möglichst viel Wissen aneignen von der geistigen Welt; das ist sogar das weniger Wichtige. Das Wichtigere ist, daß wir niemals ohne Liebe, niemals ohne das intensivste Interesse diese Angelegenheiten der geistigen Welt verfolgen. Wenn wir gleichgültig, bloß vielleicht um uns damit brüsten zu können oder aus irgendeinem anderen Grunde das Wissen aus der Geisteswissenschaft aufnehmen, wie wir so oft anderes Wissen der Welt aufnehmen, dann hat das gar keine Bedeutung. Das Wichtige ist der Grad von Liebe, von Sympathie für die geistige Welt, die wir uns aneignen. Das ist das Wichtige, das ist das Bedeutungsvolle. Und damit hängt es auch zusammen, daß bei uns versucht wird, die Ereignisse der geistigen Welt von so vielen Gesichtspunkten her darzustellen, immer wieder und wieder von anderen Gesichtspunkten her; denn dadurch werden wir immer mehr und mehr angeregt, tätig uns zu nähern den Erkenntnissen der geistigen Welt, und nicht zu der Sehnsucht zu kommen, dieses Wissen von der geistigen Welt ebenso aufzufassen, wie das Wissen von physischen Dingen. — Das ist eigentlich für den wirklichen Okkultisten das Fatalste: wenn die Sehnsucht in den Menschen entsteht, geistiges Wissen zu erlangen, wenn man aber dieses Wissen nicht auf eine andere Art zu erlangen wünscht als das physische Wissen.

[ 24 ] That is why it is so important that we not merely acquire as much knowledge as possible about the spiritual world by rote; in fact, that is the less important part. What is more important is that we never pursue these matters of the spiritual world without love, never without the most intense interest. If we absorb the knowledge of Spiritual Science indifferently—perhaps merely to boast about it or for some other reason—just as we so often absorb other knowledge of the world, then it has no significance at all. What matters is the degree of love and sympathy for the spiritual world that we cultivate within ourselves. That is what matters; that is what is significant. And this is also why we strive to present the events of the spiritual world from so many different perspectives, again and again from different angles; for in this way we are increasingly inspired to actively draw closer to the insights of the spiritual world, rather than succumbing to the desire to view this knowledge of the spiritual world in the same way as knowledge of physical things. — This is actually the most disastrous thing for the true occultist: when the longing arises in people to attain spiritual knowledge, but they do not wish to attain this knowledge in any other way than they do physical knowledge.

[ 25 ] Die Menschen möchten am liebsten, so wie sie Bücher haben von dem, was in der physischen Welt gewußt werden kann, auch Bücher verlangen von der geistigen Welt; wie sie sich Wissen erwerben von der physischen Welt, so möchten sie auch das Wissen von der geistigen Welt erwerben. Aber in dieser Weise ist es gar nicht möglich, sich ein Wissen von der geistigen Welt zu erwerben, sondern die Bücher, die von der geistigen Welt handeln, müssen jedesmal neu unsere innere Tätigkeit anregen, unsere inneren Kräfte in Bewegung bringen. Daher ist es bei dem, was wir uns an Erkenntnissen von der physischen Welt aneignen, wo wir immer wiederholen müssen, um nicht zu vergessen, nicht so, wie wenn wir uns Erkenntnisse über die geistige Welt aneignen. Wenn wir immer wieder einen Zyklus lesen oder ein geisteswissenschaftliches Buch, dann ist das eigentlich nicht eine Wiederholung, sondern ein Uns-Durchsetzen mit der Tätigkeit, durch die wir zu der Erkenntnis hinkommen. Und das ist das Wichtigste, das ist das Wesentliche. Sehen Sie, den Menschen, der aufgefordert wird, wenn er in die Kirche geht, zu beten, würden Sie ganz sonderbar ansehen, wenn er Ihnen sagen wollte: Ich brauche heute nicht zu beten; wie ich sieben Jahre, drei Monate und zwei Tage alt war, da habe ich das Gebet einmal gelesen. Ich werde mich immer erinnern, daß ich es gebetet habe; ich brauche es nicht mehr zu beten, denn ich weiß, daß ich es gebetet habe; ich will jetzt nur daran denken. — Sie würden sonderbar diesen Menschen ansehen, Sie würden ihm klarmachen, daß es nicht darauf ankommt, sich an das einmal verrichtete Gebet zu erinnern, sondern darauf, es immer wieder hervorzurufen, weil es ein Lebendiges ist in jeder Erneuerung. Gerade so sollen wir unser Erlebnis in der okkulten Wissenschaft auffassen. Wir sollten nicht sagen, wie wir das gegenüber der gewöhnlichen Wissenschaft tun: Ja, wir haben es in uns aufgenommen, wir erinnern uns daran —, sondern wir wollen uns daran gewöhnen, immer wieder und wiederum uns in die Sache zu vertiefen, immer wieder und wiederum die Tätigkeit durchzumachen. Dieses aber lieben die Menschen der neueren Zeit gar nicht. Die Menschen der neueren Zeit lieben vielmehr, stehenzubleiben bei demjenigen, was sie einmal erlangt haben. Nicht wahr, man fühlt sich am glücklichsten, wenn man irgend etwas als Wissen sich angeeignet hat und dieses Wissen dann in dem inneren «Tornister» gleichsam durchs Leben trägt, und, wenn man es braucht, herausnimmt, sich wieder daran erinnert. Das ist etwas, in welches die moderne Menschheit immer mehr und mehr zu verfallen droht. Es ist aber in der neueren Zeit, ich möchte sagen, unmittelbares Bedürfnis, dieses Sitzen auf dem erworbenen Inhalte zu verwandeln so, daß? die menschliche Arbeit, das menschliche Streben, entspricht dem

[ 25 ] Just as people have books about what can be known in the physical world, they would also like to have books about the spiritual world; just as they acquire knowledge of the physical world, they would also like to acquire knowledge of the spiritual world. But it is not at all possible to acquire knowledge of the spiritual world in this way; rather, books that deal with the spiritual world must each time anew stimulate our inner activity and set our inner forces in motion. Therefore, the way we acquire knowledge about the physical world—where we must repeat things over and over so as not to forget—is not the same as when we acquire knowledge about the spiritual world. When we read a cycle or a book on Spiritual Science again and again, this is not actually a repetition, but rather a process of immersing ourselves in the activity through which we arrive at that knowledge. And that is the most important thing; that is the essence. You see, if a person who is asked to pray when he goes to church were to tell you, “I don’t need to pray today; when I was seven years, three months, and two days old, I read that prayer once,” you would look at him quite strangely. I will always remember that I prayed it; I no longer need to pray it, for I know that I have prayed it; I just want to think about it now.” — You would look at this person strangely; you would make it clear to him that what matters is not remembering the prayer once performed, but evoking it again and again, because it is a living thing in every renewal. This is precisely how we should view our experience in occult science. We should not say, as we do in relation to ordinary science: “Yes, we have taken it in, we remember it”—but rather, we should accustom ourselves to delving into the matter again and again, to going through the process again and again. But people of modern times do not like this at all. People of the modern age much prefer to remain fixed on what they have once attained. Isn’t it true that one feels happiest when one has acquired some knowledge and then carries this knowledge through life, as it were, in one’s inner “knapsack,” and, when needed, takes it out and recalls it? This is something into which modern humanity is increasingly in danger of falling. Yet in modern times, I would say, there is an immediate need to transform this resting on one’s laurels so that… human work and human striving correspond to

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß

Only those who must win it anew every day,
just as they must win life itself,

[ 26 ] diesem schönen Faust-Spruch.

[ 26 ] this beautiful line from Faust.

[ 27 ] Und es ist wirklich wahr, durch nichts mehr als durch die FaustGesinnung, die wir öfters hier betrachtet haben, wird in der menschlichen Seele erweckt und erregt dasjenige, was allmählich in okkulte, in die okkultistische Gesinnung hineinführt.

[ 27 ] And it is truly the case that nothing more than the “Fist” mentality—which we have often discussed here—awakens and stirs within the human soul that which gradually leads into the occult, into the occultist mindset.

[ 28 ] Goethe hat den ersten großen Monolog des Faust etwa in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts geschrieben, aus seiner damaligen Stimmung heraus. Es ist heute für viele schon trivial geworden, es ist aber etwas, was sich mit aller Lebenstragik auf die Seele legt, wenn man solches in seiner Ursprünglichkeit betrachtet:

[ 28 ] Goethe wrote the first major monologue of Faust sometime in the 1770s, inspired by his state of mind at the time. For many today, it has become trivial, but when viewed in its original form, it is something that weighs heavily on the soul with all the tragedy of life:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und, leider! auch Theologie,
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug, als wie zuvor.

Alas! I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, alas! theology as well,
thoroughly, with great effort.
And here I stand, poor fool that I am!
And I am just as wise as I was before.

[ 29 ] Das hatte Goethe selber aus seinem eigenen Wesen heraus, aus seinem tiefsten Innern heraus geschrieben, als junger Mensch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Dann kam die Zeit, in welcher ein Höhepunkt der menschlichen philosophischen Entwickelung durchgemacht worden ist in Fichte, Schelling und Hegel. Aber dieser Höhepunkt der philosophischen Entwickelung war verbunden mit juristischer Entwickelung. Hegel hat ein Naturrecht geschrieben, Fichte hat ein Naturrecht geschrieben; Schelling hat ein Journal für Medizin herausgegeben. Es ist Gewaltiges, Großes durch die Menschenseele gezogen gerade für dasjenige, was Goethe zu dem Ausspruch geführt hat:

[ 29 ] Goethe himself had written this from his very being, from the depths of his innermost self, as a young man in the 1770s. Then came the era in which human philosophical development reached its zenith in the works of Fichte, Schelling, and Hegel. But this pinnacle of philosophical development was linked to legal development. Hegel wrote a treatise on natural law; Fichte wrote a treatise on natural law; Schelling published a journal of medicine. Something immense and grand has swept through the human soul—precisely in regard to what led Goethe to say:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider! auch Theologie,
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Alas, I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, alas!, theology as well,
thoroughly, with great effort.

[ 30 ] Aber glauben Sie, wenn Goethe im Jahre 1840 gelebt hätte und, statt im Jahre 1772, erst 1840 seinen «Faust» begonnen hätte, glauben Sie, daf} er dann, weil über die Kulturentwickelung der Menschheit Groes, Gewaltiges heraufgezogen ist, das in wirklich philosophischer Weise gesucht hat, was durch die Menschenseele geht, glauben Sie, dafs er gesagt haben würde: «Habe nun Gottseidank! Philosophie, Juristerei und Medizin und selbstverständlich auch Theologie bei Fichte, Schelling und Hegel studiert: Da steh ich nun ich kluger, weiser Mann, und bin nicht mehr so töricht wie zuvor, sondern bin ganz weise geworden, so weise, wie man nur sein kann»? Glauben Sie, daß Goethe das gesagt haben würde? Nehmen Sie an, es wäre noch viel mehr über die Kulturentwickelung der Erde hingezogen, dieser Eingangsmonolog des «Faust» würde 1840 genau ebenso geschrieben worden sein wie dazumal im Jahre 1772, genau ebenso. Alle diese Dinge gehören zum wirklichen Verständnisse des «Faust». Diese große gigantische Idee ist nicht zu verstehen, wenn man sie nicht in ihren Einzelheiten erfaßt. Und wenn heute der «Faust» begonnen würde, so müßte er wiederum mit den gleichen Worten begonnen werden.

[ 30 ] But do you believe that if Goethe had lived in 1840 and, instead of in 1772, had not begun his Faust until 1840—do you believe that, because something grand and mighty had arisen in the cultural development of humanity, something that sought in a truly philosophical way what passes through the human soul—do you believe that he would have said: “Thank God, I have now studied philosophy, law, and medicine—and, of course, theology under Fichte, Schelling, and Hegel. Here I stand, a clever, wise man, no longer as foolish as before, but having become completely wise—as wise as one can possibly be”? Do you believe that Goethe would have said that? Suppose much more had been written about the cultural development of the Earth; this opening monologue of Faust would have been written in 1840 exactly as it was back in 1772—exactly the same way. All these things are part of a true understanding of Faust. This great, gigantic idea cannot be understood unless one grasps it in its details. And if Faust were to be written today, it would have to begin once again with the very same words.

[ 31 ] Und wenn unzähliges Wissen aus der Geisteswissenschaft einmal an den Tag befördert sein wird: «Habe nun, Gottseidank! Philosophie, Juristerei und Medizin und, Gottseidank! auch Theologie, und selbstverständlich auch Theosophie durchaus studiert, und bin so weise wie nur möglich.» Das würde niemals die wahre Faust-Stimmung sein! Faust-Stimmung würde nur der haben, auf den zutrifft: «Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muß.» Das ist die Stimmung, die im «Faust» liegt, die zugleich uns zeigt, wo die Impulse liegen, die aus der alten, eingefrorenen Kultur zu der neuen Kultur der Menschheit führen. Nimmer ruhen darf der Mensch, sich anderes, Neues anzueignen, und ich habe das auch innerhalb der geisteswissenschaftlichen Strömung vertreten, der wir angehören. Es war wirklich schrecklich, wenn man in der alten Gesellschaft immer wieder hörte: Ja, Schemen brauchen wir, und wenn ich dieses oder jenes darstellte, dann sollten möglichst an den Wänden Schemen und Tabellen hängen, daß man etwas hat, wodurch man sich erinnern kann. — Und die Leute waren unzufrieden, wenn man kam und im Grunde genommen wieder umkehrte das, was einmal da war, das, was festgelegt war; da das doch immer wieder neu erworben werden muß. Denn auf dieses nimmer rastende, nimmer ruhende Vorwärtsstreben kommt es an.

[ 31 ] And once the countless knowledge of the Spiritual Science has been brought to light: “I have now, thank God! thoroughly studied philosophy, law, and medicine, and, thank God! theology as well, and of course theosophy too, and I am as wise as can be.” That would never be the true Faustian spirit! The Faustian spirit would belong only to the one to whom the following applies: “Only he deserves freedom, as he does life, who must conquer it anew each day.” That is the spirit inherent in Faust, which at the same time shows us where the impulses lie that lead from the old, frozen culture to the new culture of humanity. Human beings must never rest in their efforts to acquire something different, something new, and I have also advocated this within the Spiritual Science movement to which we belong. It was truly dreadful to hear people in the old society say time and again: “Yes, we need diagrams, and when I present this or that, diagrams and tables should hang on the walls if possible, so that we have something to help us remember.” — And people were dissatisfied when one came along and, in essence, reversed what had once been there, what had been established; for that must always be acquired anew. For it is this ceaseless, unrelenting striving forward that matters.

[ 32 ] Man kann direkt sagen: Indem die neuere Kultur einen «Faust» aus sich herausgetrieben hat, ist es wirklich so, daß diese neuere Kultur die Brücke geschlagen hat von der bloß äußerlich materialistischen zu der neuen spirituellen Kultur, die über die Menschheit kommen muß.

[ 32 ] One can say quite plainly: By giving birth to a “Faust,” this newer culture has truly built a bridge from a merely outwardly materialistic culture to the new spiritual culture that must come to humanity.

[ 33 ] Aber vieles, vieles in bezug auf die richtige Lebensauffassung hängt mit alledem zusammen, mit diesen Eigentümlichkeiten der neuen Erkenntnis, die ja aus dem Okkultismus heraus geschöpft sein muß, und die daher Anforderungen an die aktiven, an die tätigen Impulse der Menschen stellt. So hängt es zusammen mit dem Prinzip, alles so zu nehmen, wie es fertig ist, wie es abgeschlossen ist, wenn die Menschen danach streben, dasjenige zu konservieren, was sich nicht konservieren läßt. Nicht konservieren läßt sich zum Beispiel etwas, was ich nun wirklich mich bemühe darzustellen, ich kann sagen, seit Jahrzehnten; nicht konservieren läßt sich das, was man die menschliche Freiheit nennt.

[ 33 ] But much, very much, regarding the correct view of life is connected with all of this—with these peculiarities of the new knowledge, which must, after all, be drawn from occultism, and which therefore place demands on people’s active, dynamic impulses. Thus, it is connected to the principle of accepting everything as it is, as it is complete, when people strive to preserve that which cannot be preserved. For example, something that I have truly been striving to describe—I can say, for decades—cannot be preserved; that which is called human freedom cannot be preserved.

[ 34 ] Freiheit als äußere Einrichtung, als äußerer Zustand in der menschlichen Organisation über die Erde hin gedacht, ist etwas Unmögliches, etwas Undenkbares. Freiheit, konserviert so, wie sie einmal gedacht wurde für einen bestimmten Zeitpunkt, würde für den nächsten Zeitpunkt schon eine arge Fessel für den Menschen sein. Freiheit ist etwas, was fortwährend im Entstehen auch entfesselt werden muß, und der Mensch kann die Freiheit nur erwerben in jedem Augenblick, indem er eine Spur in sich entwickelt von einem Sich-in-Beziehung-Setzen zu der ganzen geistigen Welt. Lesen Sie nach in meinem Buche «Philosophie der Freiheit». Da werden Sie finden, daß dort die ganze Stimmung das zum Ausdruck bringt. Da können Sie sehen, daß die Freiheit wirklich ein Schlüssel ist zu dem, was in die geistige Welt hineinführt.

[ 34 ] Freedom, conceived as an external institution or an external condition within the human organization across the earth, is something impossible, something unthinkable. Freedom, preserved as it was once conceived for a specific moment in time, would already be a severe shackle for humanity in the next moment. Freedom is something that, as it continually comes into being, must also be unleashed, and human beings can only attain freedom in each moment by developing within themselves a trace of entering into a relationship with the entire spiritual world. Please refer to my book Philosophy of Freedom. There you will find that the entire tone of the work expresses this. There you can see that freedom is truly a key to what leads into the spiritual world.

[ 35 ] Das aber liegt nahe, daß wirklich Freiheit auch nur verstanden werden wird von Menschen, die nach und nach den Willen zur Geisteswissenschaft entwickeln. Freiheit wird nicht verstanden werden können von anderen Menschen, denn andere Menschen werden immer gewisse Eigentümlichkeiten äußerer Einrichtungen mit der Freiheit verwechseln, während Freiheit immer nur bestehen kann in dem Zustand, den der Mensch sich gerade in jedem Augenblick erwerben kann.

[ 35 ] It stands to reason, however, that true freedom will only be understood by people who gradually develop the will to pursue Spiritual Science. Freedom cannot be understood by other people, for other people will always confuse certain characteristics of external institutions with freedom, whereas freedom can only ever exist in the state that a person can attain at any given moment.

[ 36 ] Unsere Freiheit beeinträchtigen wir nämlich schon durch eines, wodurch wir gewöhnlich unsere Freiheit nicht beeinträchtigt glauben: Wir beeinträchtigen unsere Freiheit schon durch unser Gedächtnis. Denn nehmen Sie einmal an, Sie haben sich durch die Erlebnisse, die Sie durchgemacht haben seit Ihrer Geburt, gewisse Sympathien und Antipathien angeeignet; dann ist ja durch dasjenige, was Ihnen geblieben ist von diesen Sympathien und Antipathien, schon Ihre Freiheit beeinträchtigt. Diese angeeigneten Sympathien und Antipathien, alles dasjenige, was im Gedächtnis aufgespeichert ist, das beeinträchtigt Ihre Freiheit. Und alles Wissen, welches die Menschheit anstrebt und welches danach hingerichtet ist, gedächtnismäßig zu werden, das bringt uns auch immer mehr von einem wirklichen Begriff von Freiheit ab. Dagegen wird man sich mit jeder Erwerbung okkulter Erkenntnisse dem wahren Begriff von Freiheit, echter Freiheit, näherbringen.

[ 36 ] In fact, we already impair our freedom through something that we do not usually believe impairs our freedom: we impair our freedom through our memory. For suppose that, through the experiences you have gone through since your birth, you have acquired certain sympathies and antipathies; then what remains of these sympathies and antipathies already impairs your freedom. These acquired sympathies and antipathies—everything that is stored in memory—impair your freedom. And all the knowledge that humanity strives for—and which is geared toward becoming part of memory—also leads us further and further away from a true concept of freedom. In contrast, with every acquisition of occult knowledge, one draws closer to the true concept of freedom, genuine freedom.

[ 37 ] Aber dieses Ganze hängt wieder mit etwas anderem zusammen: Bedenken Sie, daß wir wirklich mit alle dem, was sich als Erinnerung festsetzt, einen Homunkulus in uns hineinsetzen. Und alles, was sich als Homunkulus abdrückt in uns, das ist wirklich so, daß indem wir unser Innenleben in Bewegung versetzen, wir mit unserer Tätigkeit nicht weiterkommen als bis zu diesem Homunkuli, bis zu diesen Abdrücken. Wir kommen darüber nicht hinaus. Könnten wir durchstoßen dasjenige, was da sich als Gedächtnis aufgespeichert hat, würden wir wirklich alles das aus uns herausschaffen, was wir seit der Zeit unserer Kindheit, bis zu der wir uns zurückerinnern, erlebt haben, so würden wir etwas wie eine Lebenshaut durchstoßen. Hinter dieser Lebenshaut aber ist die geistige Welt. Da ist sie, richtig dahinter! Und indem der Mensch anfängt in frühester Kindheit, sich ein Bild seines eigenen Lebens aufzubauen, aus allen Erlebnissen dasjenige heraus zu behalten, was den Inhalt seines Gedächtnisses ausmacht, spinnt er sein ganzes Leben hindurch einen Schleier, und dieser Schleier deckt zu die geistige Welt.

[ 37 ] But all of this is connected to something else: Consider that with everything that becomes fixed as a memory, we are actually implanting a homunculus within ourselves. And everything that leaves an imprint within us as a homunculus—the reality is that when we set our inner life in motion, our activity gets us no further than these homunculi, no further than these imprints. We cannot go beyond that. If we could pierce through what has been stored there as memory—if we were truly to expel from ourselves everything we have experienced since the time of our childhood, as far back as we can remember—we would be piercing through something like a skin of life. But behind this “skin of life” lies the spiritual world. There it is, right behind it! And as a person begins in early childhood to construct an image of their own life—retaining from all their experiences those elements that make up the content of their memory—they weave a veil throughout their entire life, and this veil covers the spiritual world.

[ 38 ] Wir könnten in der physischen Welt nicht drinnenstehen, wenn wir dieses Gewebe nicht spinnen würden, denn wir sind, insofern wir uns erinnern, dieses Gewebe selber.

[ 38 ] We could not exist within the physical world if we did not weave this fabric, for, as far as we can remember, we are this fabric itself.

[ 39 ] Aber wir entstehen als Menschen in der physischen Welt nur dadurch, daß wir uns aus dem Schleier bilden, den wir zugleich hinhalten vor die geistige Welt. Es ist wirklich so, wie wenn jemand, nun, ich möchte sagen, den Blick auf eine Bühne hin richten will, und sagt: Ich will jetzt da hineinschauen. — Aber er macht das so, daß er einen Vorhang davor hängt. Da deckt er gerade mit seiner Tätigkeit Stück für Stück zu, was dahinter ist. So macht es der Mensch im Leben. Das, was der Mensch an Erinnerungen aufspeichert, ist ein Vorhang, der über die geistige Wirklichkeit gehängt wird, vor die geistige Welt gewoben wird. Das ist ein Widerspruch, mit dem wir im Leben darinnenstehen, der aber nicht getadelt, nicht kritisiert werden darf, weil er die Bedingung ist dafür, daß wir im physischen Leben darinnenstehen. Er darf nur charakterisiert werden, aber nicht getadelt. Würden wir nicht den Vorhang geistig vor uns hinweben, wir wären nicht da in der physischen Welt. Und das ist es gerade, worauf es ankommt: daß wir so etwas wissen, daß wir uns nicht verwechseln mit einer Realität, während wir nur ein Vorhang sind.

[ 39 ] But we come into being as human beings in the physical world only by forming ourselves out of the veil that we simultaneously hold up before the spiritual world. It is truly as if someone—well, I would say—wanted to direct their gaze toward a stage and said: “I want to look in there now.” — But they do so by hanging a curtain in front of it. In doing so, they actually cover up, bit by bit, what lies behind it. That is what human beings do in life. What human beings store up as memories is a curtain that is hung over spiritual reality, woven in front of the spiritual world. This is a contradiction we find ourselves caught up in during life, but one that must not be condemned or criticized, because it is the very condition that allows us to exist in physical life. It may only be described, but not condemned. If we did not weave this curtain spiritually before us, we would not be here in the physical world. And that is precisely what matters: that we know this, that we do not confuse ourselves with a reality when we are merely a curtain.

[ 40 ] Wir durchdringen sofort alle Täuschung, indem wir uns für einen Vorhang und nicht für eine Realität halten, in dem Augenblicke, wo wir uns sagen: Du bist eigentlich nur das, was sich vor die wahre Welt hinstellt, und deine eigene Gestalt, das was du selbst bist, steht hinter der Gestalt, die du selber webest das Leben hindurch. — Wenn man sich diesen Tatbestand vor Augen hält, steht man in der Wahrheit. Dann hält man sich nicht für die Wirklichkeit, sondern nur für einen Vorhang. Davor aber fürchten sich die Menschen, sich für einen bloßen Vorhang zu halten. Sie möchten sich in dem, was sie sind, für eine Wirklichkeit halten. Daher können sie aber auch über die wichtigsten Dinge des Lebens zu keiner Klarheit kommen.

[ 40 ] We immediately see through all illusion—by recognizing that we are a curtain and not reality—the very moment we tell ourselves: You are, in fact, only that which stands before the true world, and your own form—that which you yourself are—lies behind the form you weave throughout your life. — If one keeps this fact in mind, one stands in the truth. Then one does not regard oneself as reality, but only as a curtain. Yet people are afraid to regard themselves as a mere curtain. They want to regard themselves as reality in what they are. Consequently, however, they cannot attain clarity even regarding the most important things in life.

[ 41 ] Die Menschen dürsten alle nach Erhaltung nach dem Tode, nach Unsterblichkeit, sie dürsten alle danach, etwas darüber zu wissen, daß sie nach dem Tode noch da sind. Aber sie bilden den heimlichen Gedanken: Wenn alles das zugrunde geht, was da in mir ist, was ich habe auf dem physischen Plan, was ist denn dann noch da? Daß das gerade nach dem Tode weggehen muß, daß der Vorhang nicht nur zerreißt, daß er aufgelöst werden muß, damit der Mensch hervortreten kann: das ist für den, der in der geistigen Erkenntnis aufsteigt, selbstverständlich.

[ 41 ] All people yearn for survival after death, for immortality; they all yearn to know that they will still be here after death. But they harbor a secret thought: If everything that is within me, everything I have on the physical plane, comes to an end, what will remain? That this must disappear precisely after death, that the veil is not merely torn asunder but must be dissolved so that the human being can emerge—this is self-evident to those who are advancing in spiritual knowledge.

[ 42 ] So müssen wir schon auch solche Dinge, wie sie heute berührt worden sind, so hinnehmen, daß wir wirklich uns immer mehr und mehr sagen: Für die Geisteswissenschaft müssen andere menschliche Gesinnungen innerlich aufgenommen werden, als man sie in der bisherigen Kultur hatte. Es muß ein viel größeres Streben nach fortwährender Betätigung unter Menschen aufkommen, nach Aktivität, nach Dabeisein. Das muß verschwinden, daß man sagt: Ich habe es erfaßt, ich kann es behalten und kann es durchs Leben tragen. — Wenn das verschwinden wird, dann werden auch alle anderen Dinge, die so hinderlich sind einem klaren Erkennen, verschwinden. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, wie die Menschen auch in der Wissenschaft sich die verworrensten Begriffe machen von dem, was wahr ist. So zum Beispiel werden Sie heute immer wieder lesen können in physiologischen Werken, daß der Mensch darum schläft, weil er im wachen Zustand dieses oder jenes durchmacht und davon ermüdet ist. Der Schlaf wäre also eine Folge der Ermüdung. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß dann der Rentier, der nicht viel zu arbeiten braucht, auch kein Schlafbedürfnis haben müßte. Wenn man den Rentier aber hört, so wird man erfahren: Wenn man gar nichts tut, fühlt man sich am allermüdesten und man schläft ein, ohne daß man das Allergeringste getan hat. Daraus können Sie entnehmen: Die Ermüdung hat mit Schlaf, Schlaf hat mit Ermüdung nichts zu tun, hat ebensowenig damit etwas zu tun, wie der Tag mit der Nacht.

[ 42 ] So we must also accept matters such as those discussed today in such a way that we truly find ourselves saying more and more: For Spiritual Science, we must inwardly embrace different human attitudes than those that have prevailed in culture up to now. There must arise a much greater striving among people for continuous engagement, for activity, for participation. The attitude of saying, “I have grasped it, I can retain it, and I can carry it through life”—that must disappear. — When that disappears, then all other things that are such obstacles to clear understanding will also disappear. I have often pointed out how people, even in the sciences, form the most confused notions of what is true. For example, you will still read time and again today in works on physiology that a person sleeps because, while awake, they go through this or that and become tired as a result. Sleep, then, would be a consequence of fatigue. I have pointed out that, if this were the case, the reindeer—which does not need to work very hard—would not need to sleep either. But if you ask a reindeer, you will learn: When you do absolutely nothing, you feel the most tired, and you fall asleep without having done the slightest thing. From this you can conclude: Fatigue has nothing to do with sleep, and sleep has nothing to do with fatigue—just as little as day has to do with night.

[ 43 ] Höchstens Geister wie Hume oder Kant werden, weil sie verwechseln, was auseinander folgt, damit Schwierigkeiten haben. Es wird niemand den Tag als die Ursache der Nacht und die Nacht als die Ursache des Tages betrachten. Der Tag und die Nacht entstehen nacheinander. Der Tag entsteht dadurch, daß die Sonne über den Horizont steigt, und die Nacht dadurch, daß die Sonne unter den Horizont geht. Das Stehen der Sonne über dem Horizont ist die Ursache des Tages, und das Gehen der Sonne unter den Horizont ist die Ursache der Nacht. Ebensowenig wie die Nacht die Ursache des Tages ist, oder der Tag die Ursache der Nacht, ebensowenig ist es im wesentlichen richtig, daß das Wachen die Ursache des Schlafens, oder das Schlafen die Ursache des Wachens ist. Sondern rhythmische Zustände sind es, die abwechseln, ebenso wie abwechseln die Stellungen der Sonne über und unter dem Horizont, die gar nichts mit einem Ursachenverhältnis zu tun haben.

[ 43 ] At most, thinkers like Hume or Kant have difficulty with this because they confuse what follows one another. No one would regard the day as the cause of the night or the night as the cause of the day. Day and night follow one another. Day arises when the sun rises above the horizon, and night arises when the sun sets below the horizon. The sun’s position above the horizon is the cause of day, and the sun’s position below the horizon is the cause of night. Just as night is not the cause of day, nor day the cause of night, so too it is not essentially correct to say that waking is the cause of sleeping, or sleeping the cause of waking. Rather, it is rhythmic states that alternate, just as the positions of the sun above and below the horizon alternate—states that have nothing whatsoever to do with a causal relationship.

[ 44 ] Aber ebenso wie es wahr ist, daß die Sonne, wenn sie unter den Horizont geht, die Dämmerung bewirkt, und wenn sie weiter heruntergeht, die Finsternis bewirkt, so ist die Wahrheit nicht die, daß weil wir uns ermüdet fühlen, wir auch schlafen wollen, sondern wir fühlen uns ermüdet, weil wir schlafen wollen. Wir müssen die Sehnsucht haben nach dem Schlafe, dann fühlen wir uns ermüdet.

[ 44 ] But just as it is true that when the sun sinks below the horizon, it brings about twilight, and as it sinks further, it brings about darkness, so the truth is not that because we feel tired, we want to sleep, but rather that we feel tired because we want to sleep. We must long for sleep; only then do we feel tired.

[ 45 ] Das scheint allem zu widersprechen, was heute gedacht wird, aber wahr ist es doch, gerade so wahr wie dies, daß der Tag nicht die Ursache der Nacht und die Nacht nicht die Ursache des Tages ist. So ist die Ermüdung nicht die Ursache des Schlafes. Aber ebenso wie die Nacht eintritt, wenn die Sonne untergeht, so tritt Ermüdung ein, weil man schlafen will. Hier sind vollkommen die Wirkung und Folge mit der Ursache verwechselt und durcheinandergeworfen.

[ 45 ] This seems to contradict everything that is thought today, but it is nevertheless true—just as true as the fact that day is not the cause of night, and night is not the cause of day. Thus, fatigue is not the cause of sleep. But just as night falls when the sun sets, so fatigue sets in because one wants to sleep. Here, the effect and consequence are completely confused and mixed up with the cause.

[ 46 ] Heute will ich noch auf etwas anderes aufmerksam machen. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Verhältnis von Tag und Nacht, dem Verhältnis von Sonne und Erde und dem Verhältnis von Schlafen und Wachen beim Menschen: Sie können sich keineswegs vorstellen, daß bei der Sonne dasselbe eintreten kann, was eintreten kann beim Menschen. Der Mensch, ich will sagen, nimmt eine gute Mahlzeit zu sich und schläft zur ungeeigneten Zeit, oder er schläft aus einem anderen Grunde zur ungeeigneten Zeit. Das tut die Sonne nicht. Denn, denken Sie, was das wäre, wenn der Sonne plötzlich einfiele, daß sie zu einer bestimmten Zeit nicht über dem Horizont stehen würde und alles das eintreten würde ganz plötzlich, was den Tag zur Nacht macht. — Sie können sich unmöglich vorstellen, daß im Weltall die Konstellation eintritt, die dem analog wäre, daß der Mensch schläft, wann er will, willkürlich seine Wachens- und Schlafenszeit einrichtet. Wie weit entfernt ist die Sonne davon! Unmöglich ist es, daß die Sonne sich überißt und mitten am Tage aufhört zu scheinen, so daß Nacht eintritt. So weit das entfernt ist von dem, daß irgend jemand am Tage einschläft — es ist leicht, es braucht nur etwas heiß zu sein, und er meint, daß man bei der Hitze schlafen muß —, so weit ist Naturnotwendigkeit und Naturgesetzmäßigkeit von Freiheit entfernt, so weit ist die Natur vom Geist entfernt. So weit ist aber auch das Verständnis, das die Menschheit heute hat, das die heutige Zeit hat, entfernt von dem Verständnis, das sie wird durch Geisteswissenschaft sich aneignen müssen.

[ 46 ] Today I would like to draw your attention to something else. There is a tremendous difference between the relationship between day and night, the relationship between the sun and the Earth, and the relationship between sleeping and waking in human beings: You cannot possibly form a mental image of the same thing that can happen to human beings happening to the sun. Humans, I mean, eat a good meal and sleep at an inappropriate time, or they sleep at an inappropriate time for some other reason. The sun does not do that. For, just imagine what it would be like if the sun suddenly decided not to rise above the horizon at a certain time, and everything that turns day into night were to happen all of a sudden. — You cannot possibly have a mental image of a situation in the universe analogous to a human sleeping whenever they want, arbitrarily setting their own waking and sleeping hours. How far removed the sun is from that! It is impossible for the sun to overindulge and stop shining in the middle of the day, so that night falls. Just as far as that is from someone falling asleep during the day—it is easy; it only needs to be a little hot, and they think they must sleep because of the heat—just as far are natural necessity and the laws of nature from freedom; just as far is nature from the spirit. But just as far removed is the understanding that humanity possesses today, that our present age possesses, from the understanding that it will have to acquire through Spiritual Science.

[ 47 ] Das ist es, was wir uns immer vor die Seele rufen müssen: daß es eine nicht nur ernste, sondern auch große Aufgabe ist, in diejenigen Bestrebungen sich hineinzufinden, die der menschlichen Kultur die Geisteswissenschaft bringen will. Und mancherlei wird wirklich überwunden werden müssen, was heute allgemein noch nicht überwunden ist, wenn die Geisteswissenschaft und ihre Ergebnisse sich in die geistige Entwickelung der Menschheit hineinleben sollen.

[ 47 ] This is what we must always keep in mind: that it is not only a serious but also a great task to immerse ourselves in the endeavors through which Spiritual Science seeks to contribute to human culture. And many things that have not yet been overcome in general today will indeed have to be overcome if Spiritual Science and its findings are to become an integral part of humanity’s spiritual development.

[ 48 ] Heute möchte ich zum Schluß noch auf zwei Dinge aufmerksam machen — wir werden morgen weiter sehen —, die angeeignet werden müssen von dem, der in die Geisteswissenschaft hinein will und sie fruchtbar machen will für das geistige Leben der Zukunft: Das erste ist eine gewisse Scheu, eine gewisse Ehrfurcht vor der Wahrheit. Man braucht nur die Augen aufzumachen, dann wird man finden, daß gerade heute alles, was in der Welt geschieht, wie ein Auflehnen erscheint gegen diese Scheu, gegen die Ehrfurcht vor der Wahrheit. Wer Ehrfurcht vor der Wahrheit hat, der wird lange warten, ehe er eine Behauptung von einer Sache aufstellt, oder ein Urteil über diese abgibt. Heute ist die Tendenz zum Gegenteil da, die Tendenz, möglichst wenig Respekt vor der Wahrheit zu empfinden, vielmehr die Wahrheit so zu formen, wie es einem gerade paßt, wie man es angemessen findet dem eigenen Gefühl und den eigenen Empfindungen. Das Wartenkönnen, bis sich die Wahrheit als die keusche Gottheit der Menschenseele ergibt, das ist eine Empfindung, von der man sagen kann: Es ist wirklich notwendig, daß sie von der heutigen Menschheit angeeignet werde. Die äußere Kultur aber widerstrebt dieser Aneignung, ist eine Kultur, bei der es darauf ankommt, Mitteilungen zu fabrizieren und möglichst schnell alle Tatsachen mitzuteilen, wie das heutige Journalwesen es tut. Da ist die gegenteilige Stimmung vorhanden von der, die unsere Geisteswissenschaft in uns erzeugen muß. Die Art und Weise, sich zur Welt zu stellen, die heute durch Druck und Presse geübt wird, ist das Gegenteil von dem, was gerade von Geisteswissenschaft angestrebt werden muß, angestrebt werden muß von denen, die es gut meinen mit der Menschheit. Das muß zugestanden werden von denen, die der geisteswissenschaftlichen Bewegung zugehören wollen. Das erste ist Ehrfurcht vor der Wahrheit.

[ 48 ] Today, to conclude, I would like to draw attention to two things—we will continue tomorrow—that must be embraced by anyone who wishes to enter the realm of Spiritual Science and make it fruitful for the spiritual life of the future: The first is a certain reverence, a certain awe of the truth. One need only open one’s eyes to see that, especially today, everything happening in the world appears to be a rebellion against this reverence, against this awe of the truth. Anyone who has awe of the truth will wait a long time before making a claim about something or passing judgment on it. Today, the tendency is toward the opposite—the tendency to feel as little respect for the truth as possible, and instead to shape the truth as one sees fit, as one deems appropriate to one’s own feelings and sensibilities. The ability to wait until the truth reveals itself as the chaste deity of the human soul—this is a sentiment of which one can say: It is truly necessary that it be embraced by humanity today. External culture, however, resists this embrace; it is a culture in which the aim is to fabricate reports and communicate all facts as quickly as possible, as today’s journalism does. There prevails a mood that is the opposite of the one Spiritual Science must cultivate within us. The way of relating to the world practiced today through the media and the press is the opposite of what Spiritual Science must strive for—and what must be strived for by those who have humanity’s best interests at heart. This must be acknowledged by those who wish to belong to the Spiritual Science movement. The first thing is reverence for the truth.

[ 49 ] Das zweite ist Ehrfurcht vor dem Wissen. Das ist es, was denen, die die Impulse der Zeit erkennen, die bestrebt sind, der Menschheitsentwickelung neue Impulse einzufügen, schwer auf der Seele liegen muß, daß man es nicht ernst genug nimmt mit der Ehrfurcht vor dem Wissen. Das ist das Traurige, daß die Menschen überall zeigen: sie haben nicht die Ehrfurcht vor dem Wissen.

[ 49 ] The second is reverence for knowledge. This is what must weigh heavily on the hearts of those who recognize the impulses of the times and who strive to infuse new impulses into humanity’s development: that people do not take reverence for knowledge seriously enough. That is the sad thing: people everywhere show that they lack reverence for knowledge.

[ 50 ] Gerade in unserer Zeit erleben wir ja doch angesichts der furchtbaren Ereignisse der Gegenwart, daß die Menschen — am allermeisten diejenigen, die schreiben und drucken lassen, aber leider tun es die andern auch —, daß die Menschen so urteilen, als wenn die Welt wirklich erschaffen wäre, sagen wir, im Juni oder im Juli 1914.

[ 50 ] Especially in our time, in light of the terrible events of the present, we see that people—most of all those who write and publish, but unfortunately others do so as well—judge as if the world had truly been created, say, in June or July 1914.

[ 51 ] Man hört kurioserweise, wenn die Erlebnisse der Gegenwart beurteilt werden, immer wieder und wiederum den Anfang der Erzählung «Im Jahre 1914», und da werden die Ereignisse durcheinandergekollert und durcheinandergekugelt, und man glaubt, es könne dabei etwas herauskommen. Es kann nichts herauskommen. Man kann nicht einsehen, warum die Dinge in der Gegenwart so oder so liegen, wenn man die Ehrfurcht nicht hat vor dem Wissen, das in die Zeiten der fernen Vergangenheit führt und sieht, daß die Ereignisse der Gegenwart die Folgen dieser fernen Vergangenheiten sind und in tiefem inneren Zusammenhang mit ihnen stehen.

[ 51 ] Curiously enough, whenever present-day experiences are assessed, one hears time and again the opening words of the narrative, “In the year 1914,” and then the events are jumbled and tossed about, as if something meaningful might come of it. Nothing can come of it. One cannot understand why things are the way they are in the present unless one has reverence for the knowledge that leads back to the times of the distant past and recognizes that present-day events are the consequences of those distant pasts and are deeply and intrinsically connected to them.

[ 52 ] Es blutet das Herz demjenigen, der es ernst meint mit der Entwikkelung der Menschheit, wenn er sieht, wie gedankenlos in der Gegenwart geurteilt wird über die Art und Weise, wie Ursache und Sein da oder da zusammenhängen. Und geurteilt wird von Menschen, deren Urteil man es ansehen kann, daß sie im Grunde genommen gar nicht wissen, worauf es ankommt.

[ 52 ] It breaks the heart of anyone who is serious about the development of humanity to see how thoughtlessly people today judge the way in which cause and being are connected here and there. And these judgments are made by people whose opinions clearly reveal that, deep down, they have no idea what really matters.

[ 53 ] Nun könnte man einwenden: Das kann man nicht verlangen von allen, daß sie urteilen können. — Ja, gewiß nicht. Was man aber verlangen kann, ist Ehrfurcht vor dem Wissen, ein Bewußtsein davon, daß man erst etwas wissen muß, ehe man urteilt.

[ 53 ] Now one might object: You cannot expect everyone to be able to judge. — No, certainly not. But what one can expect is a respect for knowledge, an awareness that one must first know something before one can judge.

[ 54 ] Das ist etwas, was man vor allen Dingen heute den Menschen wünschen möchte: daß nicht geurteilt wird, bevor gewußt wird. Es ist eines der furchtbarsten Übel der Gegenwart, daß geurteilt wird, ohne zu wissen. Es ist dasjenige, was die Erzeugnisse der Gegenwartskultur so furchtbar macht, weil man ihnen überall ansieht, daß sie genau das Gegenteil von dem atmen, was Ehrfurcht vor dem wirklichen Wissen ist, was Ehrfurcht vor der Wahrheit ist.

[ 54 ] That is something one would wish for people above all else today: that they not judge before they know. It is one of the most terrible evils of our time that people judge without knowing. This is what makes the products of contemporary culture so dreadful, because it is evident everywhere that they embody the exact opposite of reverence for true knowledge and reverence for the truth.

[ 55 ] Ehrfurcht vor der Wahrheit, Ehrfurcht vor dem Wissen, das sollten wir uns aneignen. Ich sage: Ehrfurcht vor dem Wissen, ich sage selbstverständlich nicht: Ehrfurcht vor der wissenschaftlichen Autorität — damit die Dinge nicht entstellt werden —, sondern vor dem Wissen, vor allem vor seinem eigenen Wissen. Das muß man sich erst angeeignet haben; dann kann man auch vor dem eigenen Wissen Ehrfurcht haben. Solange man es nicht besitzt, kann man natürlich vor dem Nichtdaseienden keine Ehrfurcht haben. Dann hat man auch nicht die notwendige Ehrfurcht im Leben.

[ 55 ] Awe for the truth, awe for knowledge—that is what we should cultivate. I say: awe for knowledge; of course, I do not mean awe for scientific authority—so that things are not distorted—but rather awe for knowledge, above all for one’s own knowledge. One must first have acquired this; only then can one have reverence for one’s own knowledge. As long as one does not possess it, one cannot, of course, have reverence for what does not exist. Then one also lacks the necessary reverence in life.

[ 56 ] Aber vor allem kommt es darauf an, daß eindringen in unsere Seelen Impulse neuen Empfindungs-, neuen Gefühlslebens, und daß wir nicht versuchen auf dieselbe Weise nur weiterzukommen, nun auf den Wegen, auf den Wegen der Geisteswissenschaft, wie es versucht worden ist in der materiellen Kultur. Hier uns ein Unterscheidungsvermögen anzueignen, das muß unsere ernste Aufgabe sein.

[ 56 ] But above all, what matters is that impulses of a new sensibility and a new emotional life penetrate our souls, and that we do not simply try to continue in the same way—now along the paths of Spiritual Science—as has been attempted in material culture. Acquiring the ability to distinguish between these things must be our serious task.