Artistic and Existential Questions
in the Light of Spiritual Science
GA 162
24 May 1915, Dornach
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Artistic and Existential Questions, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Versuchen wir, uns zunächst etwas vor Augen zu rücken, was öfter schon betrachtet worden ist in diesem oder jenem Zusammenhange: das ist das Verhältnis unserer Gedanken, unserer Vorstellungen zur Welt. Wie kann man sich das Verhältnis unserer Gedanken zur Welt vorstellen?
[ 1 ] Let us first try to bring to mind something that has often been considered in one context or another: the relationship between our thoughts and our mental images and the world. How can we conceive of the relationship between our thoughts and the world?
[ 2 ] Denken wir uns in einem schematischen Bilde die Welt als äußeren Kreis und uns ihr gegenüber (Zeichnung S. 30). Nicht wahr, zunächst wird es uns allen klar sein, daß wir uns ein Bild der Welt machen in unseren Gedanken. Wie wir zu bewußten Gedanken in der physischen Welt kommen, wir haben gestern davon gesprochen. Das, was in unserem physischen Inneren durch unsere Seele vorhanden ist als unsere Gedanken, wollen wir durch diesen Kreis bezeichnen (kleiner innerer Kreis). Und ich will sagen: Dieser Kreis soll dasjenige darstellen, was wir als Inhalt unserer Seele mit Hilfe unseres Leibes, als unsere Gedanken über die Welt empfinden.
[ 2 ] Let us imagine, in a schematic picture, the world as an outer circle and ourselves opposite it (drawing on p. 30). Isn’t it true that, at first, it will be clear to all of us that we form a picture of the world in our thoughts? We spoke yesterday about how we arrive at conscious thoughts in the physical world. Let us use this circle (the smaller inner circle) to denote what exists within our physical being through our soul as our thoughts. And I would like to say: This circle is meant to represent what we perceive as the content of our soul—with the help of our body—as our thoughts about the world.
[ 3 ] Nun wissen wir aus den verschiedenen Betrachtungen, daß das, was wir also Gedanken nennen, in uns eigentlich beruht auf einer gewissen Spiegelung. Ich habe ja öfter den Vergleich gebraucht, daß wir eigentlich auch wachend im Grunde außerhalb unseres physischen Leibes sind, und der physische Leib dasjenige, was uns zum Bewußtsein kommt, wie ein Spiegel zurückwirft. Wir dürfen uns also eigentlich nicht, wenn wir uns als seelisch-geistige Wesen denken, da drinnen denken, wo — um es deutlich zu sagen — unsere Gedanken durch unseren Leib zum Vorschein kommen, sondern wir müssen uns denken außerhalb unseres physischen Leibes auch im Wachzustande. So daß wir uns mit unserem Geistig-Seelischen eigentlich in die Welt hinein zu denken haben. |
[ 3 ] Now we know from various considerations that what we call thoughts is actually based within us on a certain kind of reflection. I have often used the analogy that, even when we are awake, we are essentially outside our physical body, and that the physical body reflects back to us—like a mirror—what comes to our consciousness. So when we think of ourselves as soul-spiritual beings, we must not imagine ourselves to be inside—to put it plainly—where our thoughts emerge through our body, but rather we must conceive of ourselves as being outside our physical body, even while awake. This means that we must actually project our soul-spiritual nature out into the world. |
[ 4 ] Und was wird denn eigentlich gespiegelt? Nun, wenn in uns Gedanken auftreten, so wird eben etwas im Weltenall gespiegelt. Es sei dasjenige, was im Weltenall lebt und in uns gespiegelt wird, durch diesen Kreis angedeutet (grün). So wie ich den gelben Kreis hier im menschlichen Organismus habe als Spiegelbild von etwas im Weltenall, so will ich etwas, was sich in unseren Gedanken spiegelt, durch diesen grünen Kreis in der Welt selber bezeichnen. Und wir können sagen: Das, was hier durch diesen grünen Kreis bezeichnet wird, das ist eigentlich das Reale, das Wirkliche, wovon unsere Gedanken nur das Bild sind, jenes Bild, das von unserem Leibe zurückgeworfen wird. Das alles ist natürlich nur schematisch gemeint.
[ 4 ] And what, exactly, is being reflected? Well, when thoughts arise within us, something in the universe is being reflected. Let this circle (green) represent that which lives in the universe and is reflected within us. Just as I have the yellow circle here in the human organism as a reflection of something in the universe, so I want to use this green circle to denote something in the world itself that is reflected in our thoughts. And we can say: What is denoted here by this green circle is actually the real, the actual—of which our thoughts are merely the image, that image which is reflected back by our body. All of this is, of course, meant only schematically.


[ 5 ] Fassen wir so im richtigen Sinne auf, was eigentlich geschieht, wenn wir uns der Welt gegenüberstellen, dann müssen wir sagen, es wird etwas in uns erzeugt: Die ganze Summe unserer Vorstellungen wird in uns erzeugt als ein bloßes Bild von etwas, was in der Welt draußen ist. All das, was da in unserer Intelligenz drinnen ist, ist ein Bild von etwas, was in der Welt draußen ist.
[ 5 ] If we understand in the proper sense what actually happens when we confront the world, then we must say that something is produced within us: the entire sum of our mental images is produced within us as a mere image of something that exists in the outside world. Everything that is within our intellect is an image of something that exists in the outside world.
[ 6 ] Diejenigen, welche von dem wahren Tatbestand solcher Dinge in der Welt immer etwas gewußt haben, haben daher davon gesprochen, daß das Wahre des menschlichen Gedankeninhaltes in Wahrheit als die Weltgedanken im Universum ausgebreitet ist, und daß dasjenige, was wir als Gedankeninhalt haben, eben nur das Bild der Weltgedanken ist. Es spiegeln sich in uns die Weltgedanken. Wäre unser wahres Wesen nur in unsern Gedanken, dann wäre dieses unser wahres Wesen selbstverständlich nur Bild. Aber aus dem ganzen Zusammenhang muß uns ersichtlich sein, daß unser wahres Wesen nicht im Kopf ist, sondern daß unser wahres Wesen in der Welt darinnen ist, daß wir uns mit den Weltgedanken selber in uns nur spiegeln. Und was wir in uns finden können durch den Spiegelungsapparat unseres Leibes, das ist Bild von unserer wahren Wirklichkeit. All das ist ja in verschiedenen Zusammenhängen schon betont worden.
[ 6 ] Those who have always been somewhat aware of the true nature of such things in the world have therefore spoken of how the truth of human thought content is, in reality, spread throughout the universe as the world’s thoughts, and that what we possess as thought content is merely the image of the world’s thoughts. The world-thoughts are reflected within us. If our true being were only within our thoughts, then this true being of ours would, of course, be merely an image. But from the entire context, it must be clear to us that our true being is not in our minds, but rather that our true being lies in the world itself, and that we merely reflect the world-thoughts within ourselves. And what we can find within ourselves through the mirroring mechanism of our body is an image of our true reality. All of this has, after all, already been emphasized in various contexts.
[ 7 ] Wenn nun im Tode der physische Leib sich auflöst, lösen sich selbstverständlich auch die Bilder auf, die in uns entstehen. Dasjenige, was von uns bleibt, unsere wahre Wirklichkeit, das ist im Grunde genommen das ganze Leben hindurch dem Kosmos eingefügt, und es entwirft von sich selber nur während unseres Lebens durch unsern Leib ein Spiegelbild von uns. Hier, sehen Sie, liegt jene Schwierigkeit, auf welche die Philosophen fortwährend kommen, und die sie mit ihrer Philosophie nicht überwinden können, die Hauptschwierigkeit. Diesen Philosophen ist ja zunächst nichts anderes gegeben als dasjenige, was sie vorstellen. Aber bedenken Sie, daß aus der Vorstellung, aus dem Inhalt des Bewußtseins das Sein gerade herausgepreßt ist. Es kann nicht darinnen sein, denn was im Bewußtsein ist, ist nur Spiegelbild. Es kann das Sein nicht darinnen sein. Nun suchen die Philosophen das Sein durch das Bewußtsein, durch das gewöhnliche physische Bewußtsein. Sie können es so nicht finden. Und es ist ganz natürlich, daß solche Philosophien entstehen mußten wie die Kantsche zum Beispiel, die da sucht durch das Bewußtsein das Sein. Aber weil das Bewußtsein ganz naturgemäfßerweise nur enthalten kann Bilder des Seins, kann man zu nichts anderem kommen als dazu, anzuerkennen, daß man an das Sein mit dem Bewußtsein niemals herankommen könne.
[ 7 ] When the physical body dissolves at death, the images that arise within us naturally dissolve as well. That which remains of us—our true reality—is, in essence, integrated into the cosmos throughout our entire life, and it projects a reflection of us from itself only during our lifetime through our body. Here, you see, lies the difficulty that philosophers continually encounter—and which they cannot overcome with their philosophy—the main difficulty. After all, these philosophers are initially given nothing other than the mental images they create. But consider that Being is precisely excluded from the mental image, from the content of consciousness. It cannot be found there, for what is in consciousness is only a reflection. Being cannot be found there. Now the philosophers seek Being through consciousness, through ordinary physical consciousness. They cannot find it that way. And it is only natural that philosophies such as Kant’s, for example—which seeks Being through consciousness—had to arise. But because consciousness, quite naturally, can contain only images of Being, one can come to no other conclusion than to acknowledge that one can never approach Being through consciousness.
[ 8 ] Wer tiefer blickt, der weiß dann, daß von all dem, was im Bewußtsein vorhanden ist, draußen in der Welt das Wahre, das Wirkliche ist, das sich im Bewußtsein nur abspiegelt. Aber was geschieht denn da eigentlich zwischen der Welt und dem Bewußtsein? Was da geschieht, das muß man als Geisteswissenschafter wohl auffassen. Gewiß, Bilder sind es nur, die da erzeugt werden durch den physischen Leib. Der physische Leib ist aus dem Universum heraus geschaffen. Er kommt so weit im Verlaufe des Lebens zwischen Geburt und Tod, daß er Bilder schaffen kann, ja ein Bild des ganzen Menschen schafft, das uns immer entgegentritt, wenn wir uns selber spiegeln durch unsern Leib. Nur ein Bild ist es, aber ein Bild ist es eben. Und was hat dieses Bild für eine Aufgabe im ganzen kosmischen Zusammenhang? Ja, dieses Bild, das muß entstehen. Denn, sehen Sie, in dem Augenblicke, wo wir aus der geistigen Welt durch die Geburt ins Dasein treten, ist eigentlich im Grunde genommen eine Epoche unseres Seins in gewissem Sinne zum Abschluß gekommen. Wir sind durch einen vorigen Tod in die geistige Welt eingegangen, tragen in die geistige Welt hinein gewisse Kräfte, leben diese Kräfte aus bis zu dem, was im vierten Mysteriendrama die Mitternachtsstunde des Daseins zwischen dem 'Tod und einer neuen Geburt genannt worden ist.
[ 8 ] Anyone who looks more deeply will then realize that, of all that exists in consciousness, what is true and real is out there in the world, and that consciousness merely reflects it. But what actually happens there between the world and consciousness? As a scholar of the Spiritual Science, one must understand what happens there. Certainly, these are only images produced by the physical body. The physical body is created from the universe. In the course of life between birth and death, it develops to the point where it can create images—indeed, it creates an image of the whole human being that always confronts us when we reflect ourselves through our body. It is only an image, but it is an image nonetheless. And what is the purpose of this image within the entire cosmic context? Yes, this image must come into being. For, you see, at the very moment when we step out of the spiritual world into existence through birth, an epoch of our being has, in a certain sense, essentially come to a close. We have entered the spiritual world through a previous death, carrying certain forces into the spiritual world, and living out these forces up to what is called in the fourth Mystery Drama the “midnight hour of existence” between “death and a new birth.”
[ 9 ] In der zweiten Hälfte des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt sammeln wir dann Kräfte. Aber wo hinaus wollen diese Kräfte, die wir dasammeln? Sie wollen den neuen physischen Leib aufbauen, und wenn der neue physische Leib da ist, so haben die Kräfte, deren wir teilhaftig werden in der zweiten Hälfte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ihre Aufgabe erfüllt. Denn die wollen diesen neuen Leib darstellen. Die wollen sich zusammenfügen in dem neuen Leibe. Es arbeiten, kämpfen ja wirklich, man kann sagen, ganze Hierarchien daran, daß aus dem geistigen Weltall heraus dieser Mensch durch die Geburt ins Dasein treten kann, wie ich das angedeutet habe in dem zweiten Mysteriendrama durch die Worte des Capesius. Da sehen wir, was das hervorruft im menschlichen Gemüt, wenn der Mensch gewahr wird, was es bedeutet, daß ganze Götterhierarchien beschäftigt sind damit, den Menschen in die Welt hineinzustellen.
[ 9 ] In the second half of life, between death and a new birth, we gather strength. But where are these forces we gather headed? They seek to build the new physical body, and once the new physical body is in place, the forces we partake of during the second half—between death and a new birth—have fulfilled their task. For they seek to bring this new body into being. They seek to come together in the new body. Entire hierarchies are working—indeed, one might say, truly struggling—to ensure that this human being can step into existence from the spiritual universe through birth, as I hinted at in the second Mystery Drama through the words of Capesius. There we see what this evokes in the human soul when a person becomes aware of what it means that entire hierarchies of gods are engaged in bringing the human being into the world.
[ 10 ] Aber es ist, ich möchte sagen, mit diesen Kräften, indem sie den Menschen zustande bringen, etwas ganz ähnliches, wie es mit den alten Keimen einer Pflanze ist: Wenn die neue Pflanze hervorgekommen ist, dann hat der alte Keim seine Aufgabe erfüllt; er beansprucht nicht mehr, als eine Pflanze hervorzubringen. Diese Pflanze wird aufgerufen durch den Kosmos wieder einen Keim hervorzubringen. Sonst wäre keine weitere Entwickelung da, und das Pflanzenleben hätte abreißen müssen mit dieser Pflanze. So müßte, wenn hier nicht das Bilderbewußtsein auftauchen würde, das Menschenleben abschließen mit der Erneuerung des Lebens zwischen Geburt und Tod. Dies, was da als Bild der Welt erscheint, das ist der neue Keim, der nun durch den Tod geht und eben wiederum durch den Tod in ein neues Leben hinübergeht. Und dieser Keim, er ist nun wirklich so, daß er nichts von dem alten Realen hinüberbringt, sondern daß er beim Bilddasein, beim Nichts beginnt, wirklich in bezug auf die Realität, auf die äußere Realität beim Nichts beginnt.
[ 10 ] But I would say that what these forces do in bringing human beings into being is very similar to what happens with the old seeds of a plant: Once the new plant has emerged, the old seed has fulfilled its purpose; it no longer claims to do anything other than bring forth a plant. This plant is called upon by the cosmos to produce a new seed. Otherwise, there would be no further development, and plant life would have had to come to an end with this plant. Similarly, if the image-consciousness were not to emerge here, human life would have to conclude with the renewal of life between birth and death. That which appears here as an image of the world is the new seed, which now passes through death and, through death once again, transitions into a new life. And this seed is now truly such that it carries nothing over from the old reality, but rather, in its existence as an image—in nothingness—it truly begins, in relation to reality, to external reality, in nothingness.
[ 11 ] Bitte fassen Sie hier einen Gedanken, der von ungeheurer Bedeutung ist. Denken Sie sich einmal, Sie stehen der Welt gegenüber. Nun gut, die Welt ist da, Sie sind auch da. Sie sind aber aus der Welt hervorgegangen, die Welt hat Sie geschaffen, Sie gehören zur Welt dazu. Nun soll es weitergehen, das Leben. In dem, was als Wirklichkeit in Ihnen ist, was die Welt in Sie hineingesetzt hat — diese Welt, die Sie anschauen innerhalb des physischen Planes —, da ist nichts, was das Leben weiterführen kann. Aber etwas kommt hinzu: Sie schauen die Welt an, machen sich ein Bild, und dieses Bild gewinnt die Kraft, Ihr Dasein hinauszutragen in weitere unendliche Fernen. Dieses Bild wird zum Keim der Zukunft.
[ 11 ] Please take a moment to reflect on a thought of immense significance. Imagine for a moment that you are facing the world. Well then, the world is there, and you are there too. But you have emerged from the world; the world has created you; you are part of the world. Now life must go on. In what exists as reality within you—what the world has placed within you—this world that you behold within the physical plane—there is nothing there that can carry life forward. But something is added: You look at the world, form an image, and this image gains the power to carry your existence out into further, infinite distances. This image becomes the seed of the future.
[ 12 ] Wenn man das nicht bedenkt, dann wird man niemals begreifen, daß neben dem Satze: Aus Nichts wird nichts —, auch der andere Satz seine volle Richtigkeit hat: Im tiefsten Sinne wird das Dasein stets aus dem Nichts erzeugt. — Beide Sätze haben ihre volle Richtigkeit; man muß sie nur an der richtigen Stelle anwenden. Die Kontinuität des Daseins hört damit nicht auf. Wenn Sie, sagen wir, am Morgen aufwachen würden und würden finden, daß gar nichts übrig geblieben wäre physisch von Ihnen — so ist es in der Tat, wenn man einer neuen Geburt entgegengeht —, aber nur die volle Erinnerung hätten an dasjenige, was geschehen wäre, also.bloß Bild hätten, so würden Sie ja ganz zufrieden sein. Tiefere Geister haben selbstverständlich solche Dinge immer gefühlt. So wenn Goethe die zwei Dichtungen nebeneinander gestellt hat: «Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen», und unmittelbar vorangegangen war das Gedicht, das den Sinn hat: «Alles muß in Nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will.» Diese beiden Gedichte stehen ja bei Goethe als scheinbarer Widerspruch ganz beieinander, unmittelbar hintereinander.
[ 12 ] If one does not take this into account, one will never understand that, alongside the statement “Nothing comes from nothing,” the other statement is also entirely true: “In the deepest sense, existence is always brought into being from nothing.” Both statements are entirely true; one must simply apply them in the proper context. The continuity of existence does not end there. If, let us say, you were to wake up in the morning and find that nothing physical remained of you—as is indeed the case when one approaches a new birth—but you had only the full memory of what had happened, that is, merely an image, then you would indeed be quite content. Deeper minds have, of course, always sensed such things. For example, when Goethe placed the two poems side by side: “No being can disintegrate into nothing,” immediately preceded by the poem that conveys the meaning: “Everything must disintegrate into nothing if it is to persist in being.” These two poems stand side by side in Goethe’s work as an apparent contradiction, one immediately following the other.
[ 13 ] Aber für die gewöhnliche Philosophie liegt hier eine Klippe vor, weil sie eben tatsächlich aufsteigen muß in die Negation des Seins.
[ 13 ] But for ordinary philosophy, this presents a stumbling block, because it must, in fact, ascend into the negation of being.
[ 14 ] Nun könnte man wieder die Frage aufwerfen: Was spiegelt sich denn da eigentlich, wenn das alles, was sich hier spiegelt, nur die Weltgedanken sind? Wie ist man dann eigentlich sicher, daß man da draußen in der Welt eine Wirklichkeit hat? Und da kommt man hin zu der Notwendigkeit, anzuerkennen, daß eben durch das gewöhnliche menschliche Bewußtsein überhaupt die Wirklichkeit nicht verbürgt werden kann, sondern daß die Wirklichkeit nur verbürgt werden kann durch jenes Bewußtsein, welches in uns selber heraufsteigt in die Regionen, wo die Imaginationen sind, und man hinter den Charakter der Imaginationen kommt. Dann findet man, daß da draußen in der Welt, hinter dem, was ich als grün angedeutet habe, eben nicht bloß Weltgedanken sind, daß diese Weltgedanken die Ausdrücke sind für die Weltenwesen. Aber sie sind durch die Weltgedanken verschleiert, so wie das menschliche Innere verschleiert ist durch den Inhalt des Bewußtseins. Also wir schauen in die Welt; wir vermeinen, die Welt zu haben in unserem Bewußtsein: da haben wir das Nichts, ein bloßes Spiegelbild. Dasjenige was sich spiegelt, sind selber nur Weltgedanken. Diese Weltgedanken aber gehören realen, wirklichen Wesenheiten an, den Wesenheiten, die wir eben als geistig-seelische Wesenheiten kennen, als Gruppenseelen der niederen Reiche, als die Menschenseelen, als die Seelen der höheren Hierarchien und so weiter.
[ 14 ] Now one might raise the question again: What is actually being reflected there, if all that is reflected here are merely the thoughts about the world? How, then, can one actually be sure that there is a reality out there in the world? And this leads us to the necessity of acknowledging that reality cannot be guaranteed by ordinary human consciousness at all, but that reality can only be guaranteed by that consciousness which rises within us into the regions where the imaginations are, and which penetrates beyond the nature of the imaginations. Then one discovers that out there in the world, behind what I have indicated as “green,” there are not merely world-ideas, but that these world-ideas are the expressions of the world-beings. But they are veiled by the world-thoughts, just as the human inner life is veiled by the content of consciousness. So we look into the world; we imagine that we have the world in our consciousness: there we have nothing, a mere reflection. What is reflected are themselves merely world-thoughts. These world-thoughts, however, belong to real, actual beings—the beings we know as spiritual-soul beings, as group souls of the lower realms, as human souls, as the souls of the higher hierarchies, and so on.
[ 15 ] Nun wissen Sie ja, daß gewissermaßen die Erdenentwickelung der Menschheit in zwei Hälften zerfällt. In der älteren Zeit war eine Art traumhaften Hellsehens vorhanden. Durch dieses traumhafte Hellsehen haben die Menschen gewußt, daß hinter dieser Welt, die zuletzt von den Menschen in Gedanken erfaßt wird, eine Welt wirklicher geistiger Wesenheiten vorhanden ist. Denn in dem alten traumhaften Hellsehen nahmen die Menschen eben nicht bloß Gedanken wahr, so wie der neuere Hellseher, der etwa durch die Methoden von «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» wiederum in ein Verhältnis zur geistigen Welt tritt, auch nicht bloße Gedanken wahrnimmt, sondern Weltenwesen. Ich habe ja das des öftern anschaulich zu machen versucht, so daß ich sogar gesagt habe in einem der Münchner Vorträge: Man steckt so in Wesen hinein den Kopf, wie wenn man in einen Ameisenhaufen hinein den Kopf stecken würde: die Gedanken beginnen zu wesen und zu leben. — So war es bei den Menschen der älteren Zeit. In ihrem wahrnehmenden Bewußtsein lebten sie nicht nur in Gedanken, sondern sie lebten in den Weltenwesen. Aber es war notwendig — und wir wissen durch die verschiedenen Vorträge, die gehalten worden sind, aus welchen Gründen es notwendig war —, daß dieses alte Hellsehen gewissermaßen abdämmerte, aufhörte. Denn dasjenige, wodurch der Mensch sein Jetziges Bewußtsein erhielt, das er notwendig braucht, um zu einer wirklichen inneren Freiheit zu kommen, das setzte voraus, daß das alte Hellsehen langsam abdämmerte, verschwand. Es mußte eine Zeit kommen, wo der Mensch gewissermaßen angewiesen blieb auf dasjenige, was er ohne jegliches Hellsehen in der Welt wahrnehmen kann. Da war er natürlich abgeschnitten, völlig abgeschnitten von der geistigen Welt, wenn man die Sache extrem ausdrückt.
[ 15 ] Now, as you know, the development of humanity on Earth can, in a sense, be divided into two halves. In earlier times, a kind of dreamlike clairvoyance existed. Through this dreamlike clairvoyance, people knew that behind this world—which is ultimately grasped by human thought—there exists a world of real spiritual beings. For in the old dreamlike clairvoyance, people did not merely perceive thoughts, as does the modern clairvoyant who, for example, through the methods described in How to Attain Knowledge of the Higher Worlds? re-establishes a connection with the spiritual world—does not merely perceive thoughts, but rather world beings. I have often tried to illustrate this, so much so that I even said in one of the Munich lectures: One sticks one’s head into these beings just as one would stick one’s head into an anthill: thoughts begin to take on a life of their own. — That was the case with the people of earlier times. In their perceptive consciousness, they lived not only in thoughts, but they lived within the beings of the worlds. But it was necessary—and we know from the various lectures that have been given why it was necessary—for this ancient clairvoyance to, so to speak, fade away and cease. For that through which human beings acquired their present consciousness—which they necessarily need in order to attain true inner freedom—required that the ancient clairvoyance slowly fade away and disappear. A time had to come when human beings would, so to speak, be left to rely on what they can perceive in the world without any clairvoyance at all. In that case, they were naturally cut off—completely cut off—from the spiritual world, to put it in extreme terms.
[ 16 ] Selbstverständlich waren ja immer einzelne Geister da, die in die geistige Welt hineinschauen konnten. Aber während das alte Hellsehen das Allgemeine war, wurde nun eine Zeit hindurch das Abgeschnittensein vom Hellsehen gewissermaßen äußere Menschheitskultur. Und wir wiederum suchen durch unsere geisteswissenschaftlichen Bestrebungen das bewußt errungene Hellsehen dieser Menschheitskultur wieder einzuprägen. So daß wir sagen können: Es sind zwei Entwickelungsperioden der Erdenmenschheit da, die getrennt sind durch eine mittlere Epoche. Die erste ist eine Periode, in der geherrscht hat traumhaftes Hellsehen: die Menschen wußten sich in Verbindung mit einer geistigen Welt, sie wußten, daß im Weltenall nicht bloß Gedanken spuken, sondern daß Weltenwesen hinter den Gedanken sind, Wesen, wie wir ja selber es sind, die diese Weltgedanken denken. Dann wird eine Zeit kommen, wo man das wiederum wissen wird, aber durch selbsterrungenes Hellsehen wissen wird. Und dazwischen liegt die Episode, wo die Menschen abgeschlossen sind. Fassen wir dasjenige, was da gesagt worden ist, einmal recht tief ins Auge, so müssen wir sagen: Eigentlich müssen wir erwarten, daß in der Menschheitsentwickelung einmal das eingetreten ist, daß man wahrgenommen hat: Ja, es hat gar keinen Sinn, bloß zu denken, da drinnen in diesem Gehirn seien Gedanken. Denn wären bloß diese Gedanken, diese Bilder da drinnen, und bildeten nichts ab, so wäre es am besten, wenn man alles Denken einstellte! Denn wozu sollte man über eine Welt denken, wenn diese Welt keine Gedanken in sich enthielte?
[ 16 ] Of course, there have always been individual spirits who were able to glimpse into the spiritual world. But while clairvoyance was once the norm, for a time being cut off from it became, in a sense, a defining feature of human culture. And we, in turn, are seeking through our endeavors in Spiritual Science to re-instill this consciously attained clairvoyance into human culture. So that we can say: There are two periods of development in human history on Earth, separated by an intermediate epoch. The first is a period in which dreamlike clairvoyance prevailed: people knew they were connected to a spiritual world; they knew that not only thoughts haunt the universe, but that behind these thoughts are world beings—beings, just as we ourselves are, who think these world thoughts. Then a time will come when people will know this again, but will know it through clairvoyance they have attained themselves. And in between lies the episode in which human beings are cut off. If we take a deep look at what has been said here, we must say: Actually, we must expect that at some point in human development, people came to realize: Yes, it makes no sense at all to simply think that there are thoughts inside this brain. For if there were only these thoughts, these images inside, and they did not represent anything, it would be best to cease all thinking! For why should one think about a world if that world contained no thoughts within itself?
[ 17 ] Gewiß, im 19. Jahrhundert waren die Menschen recht zufrieden damit, daß die Welt keine Gedanken enthalte, und sie dachten doch über die Welt nach. Aber das 19. Jahrhundert hat ja eben über die intimsten Angelegenheiten des Lebens die Gedankenlosigkeit gebreitet. Es hatte die Aufgabe, diese Gedankenlosigkeit zu bringen. Aber wir dürfen doch vermuten, daß einmal vielleicht irgend jemand darauf gekommen ist, in der folgenden Weise zu denken, sich einmal zu sagen: Einen Sinn hat es doch nur, wenn man annimmt, daß nicht nur da drinnen im Gehirn Gedanken sind, sondern daß die ganze Welt von Gedanken voll ist. — Hätte er nun gleich zu unserer Geisteswissenschaft vorrücken können, ja dann würde er gesagt haben: Gewiß, da draußen im Weltenall sind Gedanken, aber es sind eben auch Wesen, die diese Gedanken hegen, so wie wir unsere Gedanken hegen. Es sind die Wesen der höheren Hierarchien.
[ 17 ] Certainly, in the 19th century, people were quite content with the idea that the world contained no thoughts, and yet they still reflected on the world. But the 19th century did, in fact, spread thoughtlessness over the most intimate matters of life. It was tasked with bringing about this thoughtlessness. But we may well suppose that at some point, perhaps, someone came to think in the following way, saying to himself: It only makes sense if one assumes that thoughts are not only found inside the brain, but that the entire world is full of thoughts. — If he had been able to advance directly to our Spiritual Science, then he would have said: Certainly, there are thoughts out there in the universe, but there are also beings who cherish these thoughts, just as we cherish our own thoughts. They are the beings of the higher hierarchies.
[ 18 ] Aber diese Zeit, die mußte ja erst kommen, sozusagen nachdem die Menschheit den tiefen Fall getan hat in den Materialismus, das heißt in den Glauben, daß die Welt keine Gedanken hat.
[ 18 ] But that time had to come first, so to speak, after humanity had fallen deeply into materialism—that is, into the belief that the world has no thoughts.
[ 19 ] Man könnte nun versucht sein, denjenigen Menschen, der diese Gedanken sich gebildet hat: Da drinnen die Gedanken können nur Bilder sein des großen Weltendenkens, man könnte versucht sein, diesen Menschen in Flegel zu suchen. Aber es würde doch nicht ganz stimmen; denn Hegel lebte in einer Periode, in der immerhin schon durch dasjenige, was vorangegangen war in Fichtes Opposition gegen Kant, aus, ich möchte sagen, neu erstandenen Keimen eines geistigen Bewußtseins geschöpft werden konnte. Es konnte die Hegelsche Philosophie nicht konzipiert werden, ohne daß schon in das materialistische Zeitalter hinein ein Funke fiel von spirituellem Denken. Wenn auch die Hegelsche Philosophie noch in vieler Beziehung ein rationalistisches Stroh ist, aus dem ausgepreßt ist der Geist, so konnten doch diese Gedanken von der Weltenlogik nur gefaßt werden aus dem Bewußtsein heraus, daß Geist in der Welt ist. Das kann es also nicht sein, was man Hegelsche Philosophie nennt, das kann es nicht sein, wo der tragische Augenblick gekommen wäre, sich zu sagen: In der Welt draußen sind Gedanken, und diese Gedanken sind das wirklich Reale, das richtige, wirkliche Reale... Und wo wäre nun die Zeit, die so weit gediehen war, daß sie sozusagen den Schleier über alles Spirituelle gezogen hatte und sich zugleich sagte: Die Gedanken sind das Reale in der Welt, und hinter diesen Gedanken können keine geistigen Wesen mehr sein? Man brauchte es nicht auszusprechen, man brauchte es nur sozusagen unbewußt zu fühlen, dann stand man da in der Welt und sagte sich: Ja, mit dem individuellen Leben ist es eigentlich nichts! Das individuelle Leben hat doch im Grunde genommen nur einen Wert zwischen Geburt und Tod. Denn dasjenige, was wirklich lebt, sind nicht die Menschengedanken, sondern sind die Weltengedanken, ist eine Weltenintelligenz, aber eine Weltenintelligenz ohne Wesenheit. — Und ich glaube, man könnte sich keine größere Tragik denken, als wenn etwa zu dieser inneren Erkenntnis-Empfindung, sagen wir, ein katholischer Priester gekommen wäre! |
[ 19 ] One might now be tempted to look for Flegel in the person who formed these thoughts: since those thoughts can only be images of the great world-philosophy, one might be tempted to seek this person in Flegel. But that would not be entirely accurate; for Hegel lived in a period in which, thanks at least to what had preceded it—namely, Fichte’s opposition to Kant—it was possible to draw upon, I might say, newly sprouted seeds of spiritual consciousness. Hegel’s philosophy could not have been conceived without a spark of spiritual thought having already fallen into the materialistic age. Even if Hegel’s philosophy is still, in many respects, a rationalist straw from which the spirit has been squeezed out, these thoughts of the logic of the world could nevertheless only be conceived out of the awareness that spirit exists in the world. So this cannot be what is called Hegelian philosophy; it cannot be where the tragic moment would have come to say to oneself: In the world out there are thoughts, and these thoughts are the truly real, the true, actual reality... And where, then, would be the era that had progressed so far that it had, so to speak, drawn a veil over everything spiritual and at the same time said to itself: ‘Thoughts are the real in the world, and behind these thoughts there can be no more spiritual beings’? One did not need to say it aloud; one only needed to feel it, so to speak, unconsciously, and then one stood there in the world and said to oneself: ‘Yes, individual life is actually nothing! After all, individual life has, at the end of the day, value only between birth and death.’ For what truly lives are not human thoughts, but rather the thoughts of the world—a world intelligence, though a world intelligence without a distinct being. — And I believe one could not imagine a greater tragedy than if, for example, a Catholic priest had arrived at this inner realization! |
[ 20 ] Dasjenige, was geschieht, geschieht aus Weltennotwendigkeiten heraus. Nehmen wir an, es wäre gar ein katholischer Priester darauf gekommen — er hätte sehr leicht darauf kommen können, denn die Scholastik hat ja das Denken wunderbar geschult, und nur wenn man gedankenloses, nicht geschultes Denken hat, kann man glauben, daß die Gedanken nur im Kopf sind und nicht draußen in der Welt —, dann würde gewissermaßen dieser katholische Priester sich selber den Boden unter den Füßen entzogen haben. Denn er würde durch das, daß er als das Ewige nur die Weltgedanken anerkannt hätte, die ganze Welt weggewischt haben, welche durch die Offenbarung als geistige Welt sozusagen ihm zu glauben vorgeschrieben war.
[ 20 ] What happens arises from the necessities of the world. Let us suppose that a Catholic priest had even come to this conclusion—he could very easily have done so, for scholasticism has, after all, wonderfully trained the mind, and only if one has thoughtless, untrained thinking can one believe that thoughts exist only in the mind and not out there in the world—then, in a sense, this Catholic priest would have pulled the rug out from under his own feet. For by recognizing only worldly thoughts as the eternal, he would have wiped out the entire world, which, through revelation, was, so to speak, prescribed for him to believe in as the spiritual world.
[ 21 ] Man kann wirklich sagen: Dasjenige, was durch die Geisteswissenschaft vorausgesetzt werden kann, das geschieht auch in der Welt. Wenn wir irgendwo die Notwendigkeit haben, erst etwas vorauszusetzen als notwendig und wir sagen müssen: ein Moment muß einmal in der Welt dagewesen sein, wo man so etwas gefühlt hat —, dann ist er auch dagewesen, dieser Moment, ganz gewiß dagewesen. Und selbst wenn er ganz unberücksichtigt vorübergegangen ist, so ist er dagewesen.
[ 21 ] One can truly say: What can be posited by Spiritual Science actually happens in the world. If we ever find it necessary to first assume something as necessary, and we must say: there must have been a moment in the world when something like this was felt—then that moment did indeed exist, quite certainly existed. And even if it passed by completely unnoticed, it still existed.
[ 22 ] Ich möchte auf diesen Moment hinweisen, diesen Moment, wo man so recht sehen kann, wie in einen Konflikt kommt dasjenige, was noch nicht da ist, aber sich vorbereiten will, Anerkennung will, Anerkennung der Weltgedanken, aber noch nichts wissen will von dem, was hinter diesen Weltgedanken als die Welt der höheren Hierarchien ist.
[ 22 ] I would like to draw attention to this moment—the moment when one can truly see how that which is not yet present enters into conflict, yet seeks to prepare itself, seeks recognition—recognition of the world’s ideas—but does not yet wish to know anything about what lies beyond these world ideas: the world of the higher hierarchies.
[ 23 ] 1769 erschien in London eine Broschüre «Lettres sur l’esprit du siècle». Da waren Anspielungen auf solch eine Stimmung darinnen, wie ich sie charakterisiert habe. Und 1770 erschien in Brüssel eine andere Broschüre «Système de la nature. La voix delaraison du temps et particulièrement contre celle de l’autre système de la nature.» Dieses «Autre système de la nature» war dasjenige von Baron Holbach, gegen das sich diese Broschüre gerade richtet. Diese Broschüre sagte, sie wolle auftreten gegen dasjenige, was Baron Holbach als Materialist in seinem System der Natur vertrat. Aber die zwei Broschüren wurden kaum gelesen, ganz vergessen.
[ 23 ] In 1769, a pamphlet titled “Lettres sur l’esprit du siècle” was published in London. It contained allusions to the very spirit I have described. And in 1770, another pamphlet titled “Système de la nature. La voix de la raison du temps et particulièrement contre celle de l’autre système de la nature.” This “Autre système de la nature” was Baron Holbach’s, against which this pamphlet was specifically directed. The pamphlet stated that it intended to oppose what Baron Holbach, as a materialist, advocated in his System of Nature. But the two pamphlets were scarcely read and were completely forgotten.
[ 24 ] Nun stellte sich aber das Merkwürdige heraus, daß 1865 ein schönes Buch erschien, in Poitiers, von Professor Beaussire, mit dem Titel «Antécédents de Hégélianisme dans la philosophie Française». Dieses Buch, das 1865 erschienen ist, war ein zweibändiges Werk und war etwas früher geschrieben worden als die beiden genannten Broschüren, also etwa in den Jahren 1760 — 1770 und rührte her von dem Benediktinermönch Leodegar Maria Deschamps, der 1733 in Rennes geboren und 1774 als Prior eines Benediktinerklosters in Poitou gestorben ist. Der erste Band enthielt dasjenige, was Deschamps dazumal genannt hat: «Le vrai système.» Er ist, zusammen mit Teilen des zweiten Bandes, erst 1865 erschienen. So lange lag er als Manuskript in der Bibliothek von Poitiers. Kein Mensch hat sich darum gekümmert, mit Ausnahme eben der Zeit, in der es geschrieben worden ist. Dasjenige, was Deschamps — denn von ihm rührten auch die beiden Broschüren her, von welchen ich gesprochen habe —, was Deschamps ausdrücken wollte, 1769 und 1770, das ist nun ausgedrückt in einem starken ersten Band, der nach einem Jahrhundert also herausgegeben ist von Professor Beaussire; das ist da enthalten. Und der zweite Band enthielt eine ausführliche Korrespondenz und eine Darstellung über all die Bemühungen, die sich Deschamps damals gegeben hat — versetzen wir uns in die Zeit, zu der das war: nämlich vor Ausbruch der Französischen Revolution —, schilderte all die Bemühungen, die Deschamps gemacht hat, um sein «vrai système» irgendwie zum Durchbruch zu bringen. Wir erfahren da, daß der Mann wirklich, ich möchte sagen, zwischen zwei Feuern gestanden hat: Das eine war, daß man ihm überall, wo man sein «vrai système» kennenlernte, bedeutete, daß er als Priester unbedingt den härtesten Strafen verfallen würde, wenn der Kirche das «système» irgendwie bekannt würde. Auf der anderen Seite interessierten sich aber auch die sogenannten Freigeister sehr wenig für seine Schrift. Sie faßten Interesse, aber sie alle wollten nicht einmal das tun, was er erbat: einen Verleger verschaffen. Rousseau, Robinet, Voltaire, der feinsinnige Abbé Yvon, Barthélemy, auch Diderot, sie alle kannten dieses «vrai système». Diderot wurde es sogar in seinem Salon vorgelesen. Er verstand es nicht gleich und wollte es daher zum Durchlesen behalten; aber der gute Priester Deschamps war so ängstlich, daß er es wieder mitnahm, weil er es nicht in andere Hände geben wollte. So war er immer zwischen diesen zwei Dingen: auf der einen Seite sollte sein «vrai système» ja nicht bekannt werden; auf der anderen Seite wollte er, daß es nun wirklich von der Menschheit Besitz ergreife.
[ 24 ] It turned out, however, that in 1865 a fine book was published in Poitiers by Professor Beaussire, titled Antécédents de Hégélianisme dans la philosophie Française. This book, published in 1865, was a two-volume work and had been written somewhat earlier than the two aforementioned pamphlets—that is, around the years 1760 –1770, and was authored by the Benedictine monk Leodegar Maria Deschamps, who was born in Rennes in 1733 and died in 1774 as prior of a Benedictine monastery in Poitou. The first volume contained what Deschamps referred to at the time as “Le vrai système.” It was not published—along with parts of the second volume—until 1865. For all that time, it lay as a manuscript in the library of Poitiers. No one paid any attention to it, except during the very period in which it was written. What Deschamps—for he was also the author of the two pamphlets I mentioned—sought to express in 1769 and 1770 is now set forth in a powerful first volume, published a century later by Professor Beaussire; that is what it contains. And the second volume contained a detailed collection of correspondence and an account of all the efforts Deschamps made at that time—let us put ourselves in the context of the era in which this took place: namely, before the outbreak of the French Revolution—it described all the efforts Deschamps made to somehow bring his “vrai système” to fruition. We learn there that the man truly—I would say—found himself caught between two fires: On the one hand, wherever people became acquainted with his “vrai système,” they warned him that, as a priest, he would inevitably face the harshest penalties if the Church were to learn of the “système” in any way. On the other hand, however, the so-called free thinkers also took very little interest in his work. They did take an interest, but none of them were even willing to do what he asked: find him a publisher. Rousseau, Robinet, Voltaire, the discerning Abbé Yvon, Barthélemy, and even Diderot—they all knew this “vrai système.” It was even read aloud to Diderot in his salon. He did not understand it right away and therefore wanted to keep it to read through; but the good priest Deschamps was so anxious that he took it back with him, because he did not want to let it fall into other hands. Thus, he was always torn between these two things: on the one hand, his “vrai système” was not supposed to become known; on the other hand, he wanted it to truly take hold of humanity.
[ 25 ] Nun schauen wir uns einmal dasjenige an, was Deschamps in seinem ersten Bande als sein «vrai système» darstellte. Er stellte wirklich dasjenige dar, wovon ich eben gesprochen habe, daß es einmal auftreten mußte. Er nennt dasjenige, was da drinnen ist im Kopfe (siehe Zeichnung S. 40), indem er es als Kraft bezeichnet, «intelligence»; und er nennt dasjenige, was da draußen ist, was ich hier grün gezeichnet habe, «entendementw. Und das Bedeutsame ist, daß er erkannte: Ja, wenn man da nun dieses ganze Gedankenmassiv der Welt ins geistige Auge faßt, so ist es ein Gewebe von Weltengedanken. Schaut man nur den einzelnen Gegenstand an, so hat er eigentlich nur einen Sinn dadurch, daß er sich in das ganze Gewebe von Weltengedanken hineinstellt. Er ist im Grunde genommen für sich nichts. Das, was etwas ist, was da ist, ist das ganze Gewebe von Weltengedanken.
[ 25 ] Now let’s take a look at what Deschamps presented as his “vrai système” in his first volume. He truly depicted what I just spoke of—that it was bound to occur at some point. He refers to what is inside the head (see drawing on p. 40), describing it as a force, “intelligence”; and he calls what is outside—what I have drawn here in green—“entendement.” And the significant point is that he recognized: Yes, when one now takes in this entire mass of world-thoughts with the mind’s eye, it is a fabric of world-thoughts. If one looks only at the individual object, it actually has meaning only insofar as it places itself within the entire fabric of world thoughts. It is, in essence, nothing in and of itself. What is something, what is there, is the entire fabric of world thoughts.


[ 26 ] Und deshalb unterscheidet Deschamps «le tout» und «tout». «Le tout» nennt er das ganze Gedankenwesen der Welt, und er unterscheidet «le tout» vom «tout». Das erste ist die Summe von allen Einzelheiten. Ein feiner Unterschied, wie Sie sehen. «Le tout», das ist das Ganze, das All, das Universum, der Kosmos; «tout» ist alles, was als eine Einzelheit betrachtet wird. Aber das, was als Einzelheiten betrachtet wird, ist zugleich, wie er sagt, «rien»; «tout» ist «rien»; das ist eine Gleichung. Aber «le tout», das bedeutet in seinem Sinn: Gedankenuniversum.
[ 26 ] And that is why Deschamps distinguishes between “le tout” and “tout.” He calls “le tout” the entire intellectual essence of the world, and he distinguishes “le tout” from “tout.” The former is the sum of all particulars. A subtle distinction, as you can see. “Le tout” is the whole, the all, the universe, the cosmos; “tout” is everything that is regarded as a detail. But what is regarded as details is, at the same time, as he says, “rien”; “tout” is “rien”; that is an equation. But “le tout,” in his sense, means: the universe of thought.
[ 27 ] Die mehr materialistisch gesinnten Geister wie Robinet und seinesgleichen, die konnten nicht begreifen, was er eigentlich meinte. Und so konnte man ihn gar nicht verstehen. So konnte es dann kommen, weil sozusagen der materialistische Hang schon da war, daß man die Werke dieses Benediktiner-Priors vermodern ließ. Denn, nicht wahr, daß schließlich 1865 ein Professor das Werk herausgegeben hat -, ist ja schließlich nichts Besonderes. Das tat man nämlich immer, daß man solche alten Scharteken - haben sie nun was immer für einen Inhalt - sammelt und herausgibt.
[ 27 ] The more materialistically minded individuals, such as Robinet and his ilk, could not grasp what he actually meant. And so it was impossible to understand him at all. That is how it came to pass—because the materialistic tendency was already there, so to speak—that the works of this Benedictine prior were left to gather dust. After all, isn’t it true that the fact that a professor finally published the work in 1865 is, in the end, nothing special? That was, in fact, the usual practice: to collect and publish such old manuscripts—whatever their content might be.
[ 28 ] Also es ist die Zeit, die heraufziehen sollte, die Zeit des Materialismus hinweggegangen über dasjenige, was in der einsamen Seele, dem einsamen Geiste eines Benediktiner-Priors Platz gegriffen hatte.
[ 28 ] So the time that was to dawn—the time of materialism—had passed, leaving behind what had taken root in the lonely soul, the lonely spirit of a Benedictine prior.
[ 29 ] Es ist der heutigen Menschheit wahrscheinlich schwer, wenn sie nun lernen soll, sich tiefer hineinzufinden in die entsprechenden Ausdrücke, die wirklich ganz wunderbare Ausdrücke sind, namentlich durch die Art, wie hier eines zum anderen gestellt wird: «tout, rien» nennt er zugleich, indem er weiter geht die Welt zu bezeichnen, «être sensible»; und dann bildet er den Ausdruck «néantisme» auch «rienisme», ja sogar «néanteté» und «rienité». Und jetzt betrachten Sie das Verhältnis zwischen néantisme, rienisme, néanteté, rienité, und dem, was wir Maja nennen, und Sie werden sehen, wie nahe alle diese Dinge einander stehen, und wie da verschwindet in das Zeitalter des Materialismus hinein, ich möchte sagen, das, was instinktiv noch vorhanden war aus dem früheren Bewußtsein des Hineinschauens in eine geistige Welt, von dem der letzte Rest geblieben ist: «le tout», die kosmische Gedankenwelt.
[ 29 ] It is probably difficult for humanity today to learn to delve more deeply into these expressions, which are truly wonderful—particularly because of the way one is juxtaposed with another here: He calls them both “tout, rien” as he goes on to describe the world as “être sensible”; and then he forms the terms “néantisme” and “rienisme,” and even “néanteté” and “rienité.” And now consider the relationship between néantisme, rienisme, néanteté, rienité, and what we call maya, and you will see how closely all these things are related to one another, and how, in the age of materialism, what I might call that which was still instinctively present from the earlier consciousness of looking into a spiritual world—of which the last remnant remains—is disappearing: “le tout,” the cosmic realm of thought.
[ 30 ] Man muß selbstverständlich bei einem solchen Denker die Größe auch dann anerkennen, wenn er einem 150 oder 160 Jahre später nicht mehr zusagen kann. So bin ich ja überzeugt, daß wenn etwa unsere lieben weiblichen Freunde diese zwei Bände sich nun aus irgendeiner Bibliothek verschaffen würden, und würden sich durch den schweren philosophischen Teil der ersten Hälfte des ersten Bandes hindurchgearbeitet haben und dann die zweite Hälfte des ersten Bandes lesen, so würden sie leise wütend werden über die Ansichten, die nun Deschamps über die Stellung der Frau entwickelt, denn darüber hat er verzweifelt unmoderne Anschauungen und betrachtet, ganz im Sinne Platos, die Frau vom Gesichtspunkte des Kommunismus. Also wir dürfen nicht etwa alles in Bausch und Bogen nehmen wollen, was bei Deschamps sich findet. Aber wodurch er eine so interessante Persönlichkeit ist, das müssen wir ins Auge fassen, gerade wenn wir den Fortgang der Entwickelung der Menschheit betrachten wollen. Das Wichtige ist aber, daß wir an ihm gleichsam verglimmen sehen eine geistgemäße Anschauung. Er wird nicht einmal gelesen, man kann sogar sagen: nicht einmal gedruckt, trotzdem ihn die bedeutendsten Geister seiner Zeit kannten. Selbst ein so großer Geist wie Diderot hat nicht einmal die Veranlassung gefunden, irgendeine Empfehlung zum Druck zu geben. Das alles ist eben hineinversunken in den heraufkommenden Materialismus,
[ 30 ] Of course, with a thinker like this, one must acknowledge his greatness even if he no longer appeals to us 150 or 160 years later. I am, in fact, convinced that if, for example, our dear female friends were to obtain these two volumes from some library, and worked their way through the dense philosophical section of the first half of the first volume, and then read the second half of the first volume, they would become quietly indignant at the views Deschamps now expounds on the status of women, for he holds desperately outdated views on the matter and, entirely in the spirit of Plato, regards women from the perspective of communism. So we must not simply accept everything found in Deschamps’s work wholesale. But we must take into account what makes him such an interesting figure, especially if we wish to consider the progress of human development. The important thing, however, is that we see, as it were, a spiritual perspective fading away in him. He is not even read—one might even say, not even printed—even though the most eminent minds of his time were familiar with him. Even a mind as great as Diderot never saw fit to recommend any of his works for publication. All of this has simply been swallowed up by the rising tide of materialism,
[ 31 ] Sie sehen daraus, wie wir kraftvoll und energisch arbeiten müssen. Denn es handelt sich ja um nichts Geringeres, als einen neuen Impuls zu bringen der geistigen Entwickelung der Menschheit gegenüber dem, was, ich möchte sagen, so sicher und so stark heraufgekommen ist, daß es alles, von einem bestimmten Zeitpunkte an, totgetreten hat, was noch an etwas anderes erinnerte, als an eine mehr oder weniger materialistisch gefaßte Weltanschauung.
[ 31 ] You can see from this how vigorously and energetically we must work. For this is nothing less than giving a new impetus to the spiritual development of humanity in the face of what—I would say—has emerged so surely and so strongly that, from a certain point onward, it has stifled everything that still reminded us of anything other than a more or less materialistic worldview.
[ 32 ] Und Tragik war wirklich in dieser Persönlichkeit Deschamps. Denn er war ja Benediktinerpriester. Und das Kuriose war dies: der Baron Holbach sagte in seinem «System der Natur»: Die Religion ist das Schädlichste, was das Menschengeschlecht haben kann, Religion ist der größte Betrug, und müßte so schnell wie möglich ausgerottet werden —; demgegenüber sagte Deschamps: Nein, «le vrai systeme» muß angenommen werden, und wenn die Menschen «le vrai systeme» annehmen, dann wird die Religion verschwinden. Sie muß solange aber erhalten bleiben, bis die Menschen «le vrai systeme» angenommen haben. Dann entfallen sozusagen all die Offenbarungswahrheiten, die dahinterstehen, und es setzt sich an deren Stelle das Gewebe von Weltengedanken. — Also dieser Priester, der außerdem jeden Tag seine Konviktsbuben den Katechismus und all dasjenige lehren mußte, was die Religion an Inhalt hatte, der wartete, bis sein «vrai systeme» allgemeines Menschengut werden, und die Religion dadurch verschwinden würde! Darin liegt etwas im höchsten Grade Tragisches.
[ 32 ] And there was indeed a tragic element to Deschamps’s personality. For he was, after all, a Benedictine priest. And here is the curious thing: Baron Holbach stated in his System of Nature: Religion is the most harmful thing the human race can have; religion is the greatest deception and must be eradicated as quickly as possible—; in contrast, Deschamps said: No, “le vrai système” must be adopted, and when people adopt “le vrai système,” then religion will disappear. However, it must be preserved until people have adopted “le vrai systeme.” Then, so to speak, all the revelatory truths that underlie it will cease to exist, and the fabric of cosmic thought will take their place. — So this priest, who, moreover, had to teach his seminary students the catechism and everything else that religion entailed every day, waited until his “vrai système” became common human knowledge, and religion would thereby disappear! Therein lies something of the utmost tragedy.
[ 33 ] Wenn wir heute der äußeren Welt gegenüberstehen, die ja vielfach glaubt, schon über den Materialismus hinaus zu sein, die sich aber in dieser Beziehung furchtbar täuscht, dann handelt es sich ja natürlich vorzugsweise darum, nun zunächst den Gedanken wiederum den Menschen beizubringen, daß dasjenige, was wir als Wahrnehmungswelt in uns haben, eine Spiegelung der Wahrheit ist, und daß wir eigentlich mit unserem wahren Geistig-Seelischen immer außerhalb unseres Leibes sind. Ich habe dies schon einmal hier in anderem Zusammenhange auseinandergesetzt. Ich habe auch damals darauf aufmerksam gemacht, daß ich ja erkenntnistheoretisch rein philosophisch dies vertreten habe am letzten Philosophenkongreß von Bologna. Nur hat leider dazumal niemand von den Philosophen etwas davon verstanden, was eigentlich philosophisch gemeint sein soll. Sogar der Vorsitzende des Kongresses, der berühmte Philosoph Paul Deußen, gehört dazu. Er sagte nach meiner Rede nur: Ja, von Theosophie habe ich schon etwas gehört. Ich habe eine Broschüre, die Franz Hartmann gegen die Theosophie geschrieben hat, gelesen. — Das war es, was dazumal Deußen zu sagen wußte auf meinen Vortrag, Deußen, einer, der, wie Sie wissen, bekanntesten und auf dem Gebiete der Indologie sogar am meisten verehrten Philosophen der Gegenwart.
[ 33 ] When we face the outside world today—which, in many ways, believes it has already moved beyond materialism, but is terribly mistaken in this regard—then, of course, the primary task is first and foremost to teach people once again that what we have within us as the world of perception is a reflection of the truth, and that with our true spiritual and soul nature we are actually always outside our body. I have already discussed this here once before in a different context. I also pointed out at that time that I had defended this position—from a purely philosophical, epistemological standpoint—at the last Philosophers’ Congress in Bologna. Unfortunately, however, none of the philosophers present at the time understood what was actually meant philosophically. Even the chairman of the congress, the famous philosopher Paul Deußen, was among them. After my speech, he simply said: “Yes, I’ve heard a little about theosophy.” “I have read a pamphlet that Franz Hartmann wrote against Theosophy.” — That was all Deußen had to say at the time in response to my lecture—Deußen, who, as you know, is one of the best-known and, in the field of Indology, even the most revered philosophers of our time.
[ 34 ] Wir müssen uns aber klar sein darüber, daß es wirklich die erste Stufe sein muß: dieses eigentümliche Verhältnis des Geistig-Seelischen zu dem Leiblichen zunächst dem Weltenbewußtsein der Menschheit plausibel zu machen. Dann wird schon der Geist, der da wirkt im Entwickelungsgange der Menschheit, es dahin bringen, daß die Menschen eben mehr erkennen werden, als man im 18. Jahrhundert erkennen konnte, daß die Menschen sehen werden hinter dem «entendement» die Hierarchien und wissen, daß das «entendement» dasjenige ist, was die Hierarchien als den Gedankeninhalt der Welt ausleben, so wie wir durch unsere Wesenheit die Intelligenz, «intelligence» ausleben.
[ 34 ] We must, however, be clear that this really must be the first step: to first make this peculiar relationship between the spiritual-soul and the physical plausible to humanity’s world consciousness. Then the Spirit at work in the course of human development will bring about a situation in which people will recognize more than was possible in the 18th century; in which people will see the hierarchies behind the “entendement” and know that the “entendement” is that which the hierarchies live out as the content of the world’s thought, just as we, through our being, live out intelligence.
[ 35 ] Manches aber wird notwendigerweise verbunden sein mit diesem Umschwung im geistigen Bewußtsein der Menschheit, von dem wir ja jetzt immer und auch in diesen Tagen in einem gewissen Zusammenhange gesprochen haben. Denn darauf kommt es ja vor allen Dingen bei uns an — ich muß es immer wieder und wiederum betonen —, daß wir nicht bloß ein Wissen in uns aufnehmen, sondern daß wir mit allen Fasern unseres geistig-seelischen Wesens uns verbinden mit den Ergebnissen der Geistesforschung: so daß wir lernen, im Sinne der geistigen Forschung zu denken, im Sinne der geistigen Forschung zu empfinden und zu fühlen. Dann mögen wir stehen, wo wir wollen im Leben, wo uns das Karma hingestellt hat ob wir eine mehr materielle oder eine mehr geistige Beschäftigung haben —, wir werden dasjenige, das in uns spirituell empfunden, gefühlt und gedacht ist, in die einzelnen Verzweigungen des Lebens wirklich hineintragen.
[ 35 ] However, certain things will necessarily be connected with this transformation in humanity’s spiritual consciousness, which we have, after all, been discussing constantly—and even in recent days—in a certain context. For what matters most of all to us—and I must emphasize this again and again—is that we do not merely absorb knowledge, but that we connect with the findings of spiritual research with every fiber of our spiritual and soul being: so that we learn to think, to perceive, and to feel in the spirit of spiritual research. Then, no matter where we find ourselves in life—wherever karma has placed us, whether our occupation is more material or more spiritual—we will truly carry what is spiritually sensed, felt, and thought within us into every aspect of life.
[ 36 ] Und das muß ja gesagt werden: Wer einen Fortgang, einen wirklichen Fortschritt der Kultur von etwas anderem erwartet als von einer solch spirituellen Vertiefung der Menschheit, der wird ihn vergebens erwarten, wenn es nach ihm gehen müßte. Dasjenige, was die Menschheit wirklich weiterbringt, wird nur diese spirituelle Vertiefung sein; denn die Ereignisse, die sonst geschehen, sie werden nur zu einem gedeihlichen Ende gebracht werden können, wenn es möglichst viele Seelen gibt, welche spirituell fühlen, empfinden und denken können. Zusammentreffen muß das spirituelle Denken mit demjenigen, was sonst in der Welt geschieht, wenn Fortschritt sein soll in der Zukunft der Kultur.
[ 36 ] And this must be said: Anyone who expects cultural advancement—true progress—to come from anything other than such a spiritual deepening of humanity will wait in vain, if things were up to them. The only thing that will truly advance humanity is this spiritual deepening; for the events that otherwise take place can only be brought to a fruitful conclusion if there are as many souls as possible who are capable of feeling, sensing, and thinking spiritually. Spiritual thinking must converge with what else is happening in the world if there is to be progress in the future of culture.
[ 37 ] Das, was als Karma des Materialismus sich ausleben muß, das erleben Sie jetzt, wenn Sie Umschau halten über dasjenige, was in der Welt geschieht. Es ist das sich auslebende Karma des Materialismus. Und derjenige, der in die Dinge hineinschauen kann, wird in allen Einzelheiten finden — selbst in allen Einzelheiten — das sich auslebende Karma des Materialismus.
[ 37 ] What must play out as the karma of materialism—that is what you are experiencing now when you look around at what is happening in the world. It is the karma of materialism playing out. And anyone who can look deeply into things will find, in every detail—even in every detail—the karma of materialism playing out.
[ 38 ] Finden wird man den Weg in eine gedeihliche Zukunft hinein nur, wenn man sich zurecht findet durch das, was, ich möchte sagen, unter der Führung des Christus, im Gleichgewicht zwischen Ahriman und Luzifer, sich für das Empfinden der Seele ergibt, wenn man dieses Empfinden der Seele orientiert an den Ergebnissen der Geisteswissenschaft. Und man darf sich keiner Illusion darüber hingeben, daß dieses Empfinden und Fühlen wirklich nur aus der Geisteswissenschaft geholt werden muß, und daß ihm alles andere in der gegenwärtigen Welt entgegen ist, und daß wir uns selber der Geisteswissenschaft entgegenstellen, wenn wir uns nicht dazu bereit finden, gewissermaßen uns ganz in ihren Sinn hinein zu begeben. Denn sie allein hat es in bezug auf die gegenwärtige Menschheit mit dem Menschen als solchem zu tun, wirklich mit dem Menschen als solchem. Alles geht ja in der gegenwärtigen Menschheit dem Ziele zu, diesen Menschen als solchen zu verleugnen und anderes als den Menschen hinzustellen als dasjenige, für das man kämpfen, für das man arbeiten, an das man denken soll.
[ 38 ] We will find the path to a prosperous future only if we find our way through what—I would say—under the guidance of Christ, in balance between Ahriman and Lucifer, arises for the soul’s perception, and if we orient this perception of the soul toward the findings of Spiritual Science. And we must not succumb to the illusion that this inner experience and feeling must truly be drawn solely from Spiritual Science, that everything else in the present world is opposed to it, and that we ourselves stand in opposition to Spiritual Science if we are not willing, so to speak, to immerse ourselves completely in its spirit. For it alone, in relation to present-day humanity, deals with the human being as such—truly with the human being as such. After all, everything in present-day humanity is moving toward the goal of denying this human being as such and presenting something other than the human being as that for which one should fight, for which one should work, and to which one should devote one’s thoughts.
[ 39 ] Sie wissen ja, meine lieben Freunde, aus welchen Gründen ich auf Einzelheiten unserer Zeiterscheinungen seit Weihnachten nicht mehr eingehen kann. Aber im allgemeinen muß immer wieder und wiederum wenigstens an die Empfindungswelt derer, die im Bereich der Geisteswissenschaft stehen wollen, appelliert werden: Größtes in der neueren Entwickelung, das Keime enthält für das, was die Menschheit erlangen muß. Größtes ist dadurch erreicht worden, daß zurücktrat in gewissen Strömungen der Menschheitskultur dasjenige, was bloß nationale Kultur, was bloß nationale Aspiration genannt werden kann. Denn der wahre innere Zug geht dahin, daß das Nationale durch das Geistige im Entwickelungsgang der Menschheit überwunden wird. Entgegen dem Fortschritte der Menschheit arbeitet alles das, was auf Vereinheitlichung von Weltterritorien unter nationalen Gesichtspunkten arbeitet. Gerade dort kann sich zuweilen im schönsten Maße entwickeln dasjenige, was vorwärts führt, wo abgeschlossen — von einem Gesamtmassiv getrennt — ein Teil einer Nationalität lebt, von der großen Masse der Nationalität abgesondert. Wie etwa wirklich Bedeutsames geleistet wurde dadurch, daf3 es außer den Deutschen im Deutschen Reiche noch Deutsche in Österreich und Deutsche in der Schweiz — abgesondert von den Deutschen im Deutschen Reiche, gibt. Und es wäre entgegen nicht nur dem Fortgange dessen, was man sonst denkt, sondern entgegen der Idee des Fortschritts, zu denken, daß eine Uniformität unter einem nationalen Grundgedanken diese drei Glieder in einer einzigen Nationalität zusammenschließen sollte mit Außerachtlassung eben des Großen, das gerade durch die äußere politische Trennung kommt. Und man kann gar nicht ahnen, wie unendlich bitter und traurig es ist, wenn der nationale Gesichtspunkt für die Bildung von politischen Zusammenhängen als der einzige von gewissen Seiten her heute geltend gemacht wird, wenn von nationalen Gesichtspunkten aus geradezu Abgrenzungen erstrebt werden, Absonderungen erstrebt werden. Man kann aller Politik fernstehen, aber in Trauer verfallen, wenn dieser allen wirklichen Fortschrittskräften widerstrebende Gedanke in den Vordergrund tritt.
[ 39 ] As you know, my dear friends, I am unable to go into detail about current events since Christmas for certain reasons. But in general, we must again and again appeal at least to the emotional world of those who wish to remain within the realm of Spiritual Science: The greatest achievement in recent developments is that it contains the seeds of what humanity must attain. The greatest achievement has been that, within certain currents of human culture, what can be called merely national culture—merely national aspiration—has receded. For the true inner trend is that the national is to be overcome by the spiritual in the course of human development. Everything that works toward the unification of world territories from a national perspective stands in opposition to the progress of humanity. It is precisely there—where a part of a nationality lives in isolation, separated from the main body of that nationality—that what leads us forward can sometimes develop to the highest degree. For example, truly significant achievements have been made precisely because, in addition to the Germans in the German Empire, there are also Germans in Austria and Germans in Switzerland—separated from the Germans in the German Empire. And it would run counter not only to the course of what one might otherwise think, but also to the very idea of progress, to believe that uniformity under a single national principle should unite these three components into a single nation, disregarding precisely that greatness which arises precisely from external political separation. And one cannot even begin to imagine how infinitely bitter and sad it is when, from certain quarters, the national perspective is today asserted as the sole criterion for the formation of political alliances, when, from a national standpoint, divisions and separations are actively sought. One may remain aloof from all politics, yet still be overcome with sorrow when this idea—which runs counter to all genuine forces of progress—comes to the fore.
[ 40 ] Ein trauriges Pfingsten, an welchem solche Worte sich aus der Seele herausdrängen, meine lieben Freunde!
[ 40 ] A sad Pentecost, on which such words well up from the soul, my dear friends!
[ 41 ] Aber halten wir an dem anderen Pfingsten fest, auf das ja gestern und auch vorgestern aufmerksam gemacht worden ist, an jenem Pfingsten, auf das sich das dritte Glied unseres Spruches bezieht: «Per spiritum sanctum reviviscimus.»
[ 41 ] But let us focus on the other Pentecost, which was mentioned yesterday and the day before, the Pentecost to which the third part of our motto refers: “Per spiritum sanctum reviviscimus.”
[ 42 ] Halten wir fest an dem Bewußtsein, daß die Menschenseele finden kann den Weg in die geistigen Welten, und daß in unserer Zeitepoche der Entwickelungspunkt gekommen ist, wo in der geistigen Welt es vorgezeichnet ist, daß hereinfließe in die Menschheit neue Offenbarung, wissenschaftliche Offenbarung des geistigen Wissens, das die Menschenseelen ergreifen kann und ihnen das geben kann, was sie jetzt und für die Zukunft brauchen.
[ 42 ] Let us hold fast to the awareness that the human soul can find its way into the spiritual worlds, and that in our present epoch the point of development has been reached where it is predestined in the spiritual world that a new revelation—a scientific revelation of spiritual knowledge—will flow into humanity, a revelation that can grasp human souls and give them what they need now and for the future.
[ 43 ] Wir dürfen es sagen, meine lieben Freunde: werden an die Stelle der jetzigen wieder einmal friedliche Zeiten gekommen sein, wir werden noch ganz anders sprechen können — wenn nicht ein ganz besonders widerwärtiges Karma das verhindern sollte —, als wir bisher auf geisteswissenschaftlichem Boden gesprochen haben. Aber all das setzt voraus, daß Geisteswissenschaft nicht bloß ein Wissen uns sei, sondern eine wirkliche, eine Welt-Pfingstgabe; daß wir wirklich Geisteswissenschaft nicht bloß mit unserem Verstande vereinigen, sondern mit unserem Herzen. Denn dann wird durch die Vereinigung von Geisteswissenschaft mit der Kraft unseres Herzens sich ballen dasjenige, was aus der geistigen Welt herunter will, zu den feurigen Zungen, die die Pfingstzungen sind.
[ 43 ] We may say this, my dear friends: once peaceful times have returned to replace the present ones, we will be able to speak in a way quite different from how we have spoken thus far on the subject of Spiritual Science—unless some particularly repulsive karma should prevent it. But all of this presupposes that Spiritual Science is not merely knowledge for us, but a true, world-transforming gift of Pentecost; that we truly unite Spiritual Science not merely with our intellect, but with our hearts. For then, through the union of Spiritual Science with the power of our hearts, that which seeks to descend from the spiritual world will coalesce into the fiery tongues that are the tongues of Pentecost.
[ 44 ] Hineinlockt in die Menschenseele dasjenige, was aus der geistigen Welt als Pfingstgabe herunter will, nicht der Verstand, sondern das Herz, das warme Herz, das empfinden kann mit der Geisteswissenschaft, nicht bloß wissen kann von der Geisteswissenschaft. Und je inniger Ihr Herz erwärmt wird durch die zuweilen scheinbar auch erkältenden Abstraktionen der Geisteswissenschaft — obwohl fast immer versucht wird, nur das Konkrete darzustellen —, desto besser. Und je mehr wir sogar einen solchen Gedanken, wie er gerade gestern ausgesprochen worden ist, mit unseren Herzen vereinigen können, um so besser!
[ 44 ] What descends from the spiritual world as the gift of Pentecost draws people into the human soul—not the intellect, but the heart, the warm heart that can feel with Spiritual Science, not merely know about Spiritual Science. And the more deeply your heart is warmed by the abstractions of Spiritual Science—which at times may seem to have a cooling effect, even though an effort is almost always made to present only the concrete—the better. And the more we can even unite a thought such as the one expressed just yesterday with our hearts, the better!
[ 45 ] Die eine Hälfte der physischen Welt, haben wir gesagt, nimmt man gewöhnlich als Materialist nur wahr: das Wachsende, Sprießende, Sprossende. Aber wir müssen auch auf die Zerstörung sehen, müssen jedoch sehen, daß sich die Zerstörung nicht so uns aufdrängt wie dem, der das Zerstörende als ein Hineingehen in ein bloßes Nichts sieht. Wir müssen in all dem, was der Zerstörung gleich ist, auch wiederum das Aufsteigen, das Aufgehen des Geistigen sehen, müssen uns ganz verbinden mit dem, was wir durch die Ergebnisse der Geisteswissenschaft als das geistige Leben, das Spirituelle, erfühlen und innerlich erleben können. Dann werden wir mehr und mehr empfinden die Wahrheit des Spruches: Per spiritum sanctum reviviscimus.
[ 45 ] As we have said, as materialists we usually perceive only one half of the physical world: that which grows, sprouts, and shoots forth. But we must also look at destruction; we must, however, see that destruction does not impose itself upon us in the same way as it does upon those who view the destructive as a descent into mere nothingness. In all that is akin to destruction, we must also see the rising, the unfolding of the spiritual; we must connect ourselves fully with what we can sense and experience inwardly through the findings of Spiritual Science as spiritual life, the spiritual. Then we will increasingly feel the truth of the saying: Per spiritum sanctum reviviscimus.
[ 46 ] Wir werden ein wissenschaftliches Vertrauen haben, daß wir durch die Kraft des Geistes zur geistigen Welt erweckt werden. Und wir werden nicht mit Stolz, sondern in aller Demut empfinden, was durch die Geisteswissenschaft in die Welt zu tragen ist, werden es aber insbesondere empfinden in unserer harten Zeit, in unserer Zeit, die an unsere Empfindungen so viele Fragen stellt, die nur beantwortet werden können, wenn Geisteswissenschaft sich wirklich Geltung verschaffen kann. Niemandes Hochmut möchte ich aufstacheln, aber wiederholen möchte ich doch ein Wort, das einmal gesprochen worden ist, als auch bei großer Gelegenheit die Rede davon war, was geschehen soll durch die Gemüter, die etwas aufgenommen hatten, die es hinaustragen sollten. Es wurde diesen Gemütern — auch nicht um ihren Hochmut zu erregen, sondern an ihre Demut appellierend — gesagt: «Ihr seid das Salz der Erde.»
[ 46 ] We will have a scientific confidence that we will be awakened to the spiritual world through the power of the spirit. And we will perceive—not with pride, but with all humility—what Spiritual Science is meant to bring into the world; yet we will perceive it especially in our difficult times, in our era, which poses so many questions to our sensibilities—questions that can only be answered if Spiritual Science is truly able to establish itself. I do not wish to stir up anyone’s pride, but I would like to repeat a saying that was once spoken when, on a grand occasion, there was talk of what was to be accomplished by those who had taken something in and were to carry it forth. It was said to these people—not to arouse their pride, but appealing to their humility—“You are the salt of the earth.”
[ 47 ] Verstehen wir für uns das Wort im rechten Sinne: «Ihr seid das Salz der Erde.» Und werden wir uns bewußt dessen, daß gerade, wenn die Früchte, die Früchte der blutgetränkten Erde in der Zukunft da sein werden, diese Früchte ohne Spiritualität nicht gedeihen werden: daß die Erde nachher erst recht Salz brauchen wird.
[ 47 ] Let us understand this saying in its true sense: “You are the salt of the earth.” And let us realize that precisely when the fruits—the fruits of the blood-soaked earth—appear in the future, these fruits will not thrive without spirituality: that the earth will need salt even more then.
[ 48 ] Nehmen Sie diese mit Herzblut durchtränkten Worte in Ihr eigenes Herz, in Ihre eigene Seele auf an diesem Pfingsttage, an dem wir in dem angedeuteten Sinne so recht unser ganzes Wesen durchdringen wollen mit der Wahrheit: Per spiritum sanctum reviviscimus.
[ 48 ] Take these words, steeped in passion, into your own heart and soul on this Pentecost day, when we wish to truly permeate our entire being with the truth in the sense indicated: Per spiritum sanctum reviviscimus.
