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Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung
Imaginative Erkenntnis und Vorgänge nach dem Tode
GA 163

27 August 1915, Berlin

Zweiter Vortrag

[ 1 ] In dem Verlauf der letzten Vorträge habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß über ein Problem, über eine Frage noch viel zu sagen sein wird, obwohl gerade dieses Problem schon von den verschiedensten Gesichtspunkten hier behandelt worden ist. Es ist die Frage nach dem Wechselzustande im Menschen von Wachen und Schlafen. Nun habe ich immer wieder, wenn ich über dieses Problem auch öffentlich gesprochen habe, darauf aufmerksam gemacht, wie ja auch vom Standpunkte unserer mehr materialistischen Wissenschaft dieses Problem des Schlafes vorhanden ist und behandelt wird. Ich habe auch einige von den verschiedenen Lösungsversuchen bei der oder jener Gelegenheit angeführt. Ich habe die sogenannte Ermüdungstheorie angeführt. Es ist nur eine von den vielen Theorien, die im Laufe der letzten Jahrzehnte für die Wechselbeziehung von Schlaf und Wachen geltend gemacht worden sind, die Theorie, daß der Mensch durch seine Tagesarbeit, überhaupt durch sein Verhalten während des Wachbewußtseins-Zustandes, Ermüdungsstoffe absondert, und daß der Schlafzustand geeignet ist, diese Ermüdungsstoffe wiederum durch irgendwelche Prozesse fortzuschaffen, so daß der Mensch während eines folgenden Zyklus von Wachbewußtsein eben neue Ermüdungsstoffe bilden könne.

[ 2 ] Nun müssen wir uns immer auf den Standpunkt stellen, daß gegenüber der Geisteswissenschaft eine solche Theorie, die rein materialistisch gebildet ist, nicht falsch zu sein braucht, ich meine das, was in der Theorie geschildert wird. Ich will jetzt die Berechtigung, die materialistische Berechtigung dieser Theorie nicht weiter erörtern. Wie gesagt, es sind auch andere Theorien für den Fall geltend gemacht worden. Aber es sollen von der Geisteswissenschaft zunächst nicht etwa Zweifel erhoben werden, daß solch ein Vorgang stattfinden kann, daß also wirklich während des Tagesbewußtseins sich Ermüdungsstoffe absondern und während der Nacht diese Ermüdungsstoffe wiederum aufgezehrt werden. Dieser tatsächliche Vorgang soll durchaus nicht in Abrede gestellt werden, es soll über ihn auch nicht weiter diskutiert werden. In der Geisteswissenschaft muß es sich vor allen Dingen darum handeln, die Probleme, die Rätselfragen des Lebens so anzufassen, daß der Gesichtspunkt, unter dem sie angefaßt werden, wirklich derjenige ist, zu dem man sich zunächst nach den Erkenntnissen, die eben der Mensch in irgendeinem Zeitalter gewinnen kann, zu erheben vermag. Dann werden auch solche Tatsachen, wie etwa die Absonderung von Ermüdungsstoffen oder dergleichen durch den richtigen Gesichtspunkt, den man findet, in das rechte Licht gestellt werden können. Es handelt sich bei den meisten Fragen des Lebens, ja, bei allen Fragen des Lebens darum, daß man in der richtigen Art zu fragen versteht, daß man nicht von vorneherein verkehrt frägt.

[ 3 ] Nun, bei der Frage nach der Wechselbeziehung zwischen Schlafen und Wachen muß vor allen Dingen in Betracht gezogen werden, wie man den Gesichtspunkt zu gewinnen hat gegenüber diesen zwei Zuständen des Menschen: dem wachen Tagesbewußtsein und dem Schlafbewußtsein. Und da handelt es sich darum, daß sich gewisse Erscheinungen innerhalb unseres Lebens gar nicht anders ins rechte Licht setzen lassen, als wenn man berücksichtigt, was in einem sehr, sehr frühen Stadium unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen geltend gemacht worden ist. Ich habe sehr früh darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn man die Weltenevolution überblicken wolle, man vor allen Dingen ins Auge zu fassen habe sieben Bewußtseinszustände — ich habe sie dazumal aufgezählt —, dann sieben Lebenszustände und sieben Formzustände. Nun gibt es Fragen des Lebens, die man beantworten kann, wenn man sich bloß an die Veränderung der Formen hält; es gibt solche Fragen, die man beantworten kann, wenn man sich an die Metamorphose des Lebens hält. Aber man kann gewisse Erscheinungen im Leben, gewisse Tatsachen des Lebens gar nicht anders beantworten, als wenn man sich dazu erhebt, die verschiedenen Bewußtseinszustände ins Auge zu fassen, die in Betracht kommen.

[ 4 ] Nun liegt es ja schon sehr nahe, bei dem Problem von Wachen und Schlafen die Frage nach der Verschiedenheit der Bewußtseinszustände im Schlafen und im Wachen ins Auge zu fassen. Denn das ist uns aus den verschiedensten Betrachtungen schon klar geworden: Es handelt sich beim Schlafen und Wachen um verschiedene Bewußtseinszustände des Menschen. Also müssen wir die Frage vor allen Dingen von dem Gesichtspunkt des Bewußtseins ins Auge fassen. Wir müssen uns schon klar sein, daß dies das Allerwichtigste bei der Sache ist, die Frage von dem Gesichtspunkt des Bewußtseins aus ins Auge zu fassen. Wir werden uns zu fragen haben: Wie unterscheiden sich denn eigentlich die Bewußtseinszustände des Wachens und des Schlafens? Und da stellt sich nun das Folgende heraus.

[ 5 ] Wenn wir wachen — wir brauchen uns zunächst nur die Dinge, die jeder sich einfach zum Bewußtsein bringen kann, zu registrieren —, so schauen wir die Welt um uns herum an; wir nehmen die Welt um uns herum wahr. Und jeder wird sich sagen können, er sei nicht imstande, sich selber oder das Menschliche, das innere Menschliche, während des Tagesbewußtseins so wahrzunehmen, wie die äußere Welt. Ich habe oft darauf aufmerksam gemacht, daß es ja eine ganz grobklotzige Täuschung wäre, wenn man das anatomische Studium etwa ansehen würde als dazu führend, daß der Mensch im Inneren betrachtet wird; es wird nur das Äußere, das unter der Haut gelegene selbstverständlich, durch die materielle Anatomie betrachtet. Das Innere des Menschen kann während des gewöhnlichen Wachbewußtseins nicht betrachtet werden. Auch dasjenige, was der Mensch während des Wachzustandes an sich selber kennenlernt, ist das Äußere der Welt, oder besser gesagt, ist dasjenige an ihm, wodurch er der äußeren Welt angehört.

[ 6 ] Wenn wir dagegen den Schlafzustand betrachten, so ist das Wesentliche des Schlafzustandes — das wird Ihnen aus den verschiedensten Auseinandersetzungen, die bisher gepflogen worden sind, hervorgehen können —, daß während des Schlafens der Mensch sich selber betrachtet. Das Objekt der Betrachtung während des Schlafes ist der Mensch. Das Bewußtsein ist zunächst auf den Menschen selber zurückgerichtet. Wenn Sie von diesem Gesichtspunkte aus die alleralltäglichsten Erscheinungen ins Auge fassen, so werden sie Ihnen begreiflich, verständlich werden.

[ 7 ] Nicht wahr, wenn man allein so über Schlafen und Wachen sprechen müßte, wie die materialistische Wissenschaft spricht, so würde das in völligem Widerspruch damit stehen, daß, wie ich schon einmal gesagt habe, ein Rentier, der sich nicht sonderlich anstrengt, oftmals viel leichter bei einem Vortrage ins Schlafen kommt als einer, der sich angestrengt hat. Wenn also die Ermüdung die wirkliche Ursache des Schlafes wäre, so würde das mit dieser Erscheinung doch nicht stimmen. Der Gesichtspunkt, zu dem wir uns erheben müssen, ist der, daß der Rentier, der einen Vortrag anhört, das Interesse seines Tagesbewußtseins nicht sehr stark auf den Vortrag richtet, daß ihn der Vortrag nicht besonders interessiert, vielleicht auch nicht interessieren kann, weil er ihn vielleicht nicht versteht und aus diesem Grunde ein berechtigtes Nichtinteresse an dem Vortrage hat. Dasjenige, was ihn nun viel mehr interessiert, ist er selbst. Er schreitet daher fort von der Betrachtung dessen, was im Vortrag gesagt wird, zu der Betrachtung von sich selbst. Man könnte allerdings jetzt die Frage aufwerfen: Ja, warum denn just zu der Betrachtung von sich selbst? — Das ist auch sehr leicht erklärlich. Den Betreffenden interessiert der Vortrag nicht aus gewissen Gründen. Die Gründe liegen zumeist darin, daß er für andere Dinge des Lebens mehr Interesse hat als just für dasjenige, was in diesem Vortrage besprochen wird, oder wenigstens für die Art des Zusammenhanges in diesem Vortrage. Aber der Vortrag stört ihn, Interesse zu nehmen an dem, woran er sonst Interesse hat. Derjenige, der kein Interesse hat, einen Vortrag zu hören, der könnte ja ein großes Interesse haben, die Zeit, in der er den Vortrag hört, lieber dazu zu verwenden, Austern zu essen. Vielleicht hätte er ein stärkeres Interesse, statt der Wahrnehmung des Vortrages sich die Wahrnehmung zu verschaffen, die er bekommt, wenn er Austern ißt. Aber der Vortrag stört ihn. Er kann doch gerade nicht Austern essen, wenn er einen Vortrag hören will. Er tut so, als wenn er einen Vortrag hören möchte, aber das stört ihn am Austernessen. Er kann jetzt nicht Austern essen, also nimmt er dasjenige, was ihm einzig zugänglich ist außer dem Vortrage, der ihn da an allem stört. Die Stunde ist schon einmal ausgefüllt mit dem, was sich nur bören läßt, und das interessiert ihn nicht; also wendet er die Aufmerksamkeit dem zu, was ihm zugänglich ist: seinem eigenen Inneren, seiner eigenen Wesenheit! Er genießt sich! Denn dieses In-den-Schlaf-Treten ist ein SichGenießen.

[ 8 ] Sie können aus dem, was wir betrachtet haben, entnehmen, daß das Schlafbewußtsein auch heute noch immer auf der Stufe des Bewußtseins steht, auf dem das menschliche Bewußtsein schon gestanden hat während der alten Sonnenzeit. Es ist ein Bewußtsein, wie es die Pflanzen auch haben. Beide Dinge, beide Tatsachen kennen wir ja sehr gut aus den Vorträgen. — Gewiß, der gute Mann kommt dann nicht zu demselben Bewußtsein, zu dem er kommt, wenn er die Außenwelt genießt. Er schraubt sich gleichsam zurück auf das Sonnenbewußtsein. Aber das macht nichts, er genießt doch sich selber. Und das entspringt nun auch dem Interesse an sich. So müssen wir erklärlich finden, daß nicht aus innerer Ermüdung, sondern aus der Neigung des Interesses weg von dem, was gerade als Außenwelt da ist — der Vortrag oder das Musikstück oder was es immer ist —, zu dem, wozu dann das Interesse neigt, Schlaf eintritt. Dies aber ist überhaupt — wenn man gründlich und innerlich die Wechselzustände zwischen Schlafen und Wachen betrachtet — dasjenige, um was es sich handelt.

[ 9 ] Wenn wir wachen, so können wir das so auffassen, daß wir gewissermaßen während des Tagesbewußtseins unsere Aufmerksamkeit auf die Außenwelt lenken, also auf dasjenige, was ich jetzt in unbestimmter Form mit diesen Strichen hier bezeichne (es wird gezeichnet), daß wir dagegen unser Interesse abwenden von dem, worin wir eben. Ich kann also, wenn ich symbolisch zeichnen will, das so zeichnen, daß der Mensch in der Richtung dieser Pfeile das Interesse von sich ablenkt und der Außenwelt zulenkt.

[ 10 ] Während des Schlafzustandes ist das Umgekehrte der Fall. Der Mensch lenkt seine Aufmerksamkeit auf sich selbst in dieser Richtung und er lenkt die Aufmerksamkeit ab von dem, was um ihn herum ist. Da er nun aus sich selber heraustritt, so sieht er eigentlich während des Schlafes seinen eigenen Leib an. Der Mensch sieht also während des Schlafes zunächst seinen eigenen Leib an.

[ 11 ] Nun können wir den Wechsel zwischen Schlafen und Wachen, wie Sie sehen, auf ein anderes zurückführen. Wir können ihn zurückführen darauf, daß wir sagen: der Mensch lebt in aufeinanderfolgenden Zyklen, und zwar so, daß in dem einen Zyklus das Interesse wach ist, die Außenwelt zu beobachten, in dem anderen Zyklus ist das Interesse wach, sein eigenes Inneres zu beobachten. Und dieser Wechsel in der Richtung des Interesses, einmal nach außen, einmal nach innen, das ist der Wechsel, der zum Leben gehört, geradeso wie es zum Leben der Erde gehört, daß die Erde einmal von der Sonne beschienen wird, und dann die Sonne hinuntergeht und sie nicht von der Sonne beschienen wird. Hier ist es rein die Raumkonstellation, die hervorruft, daß die Erde einmal beschienen wird und einmal nicht. Dadurch entstehen die beiden Zyklen Tag und Nacht.

[ 12 ] Nun sehen Sie leicht ein, daß es sehr falsch wäre, wenn man sagen würde, der Tag sei die Ursache der Nacht, oder die Nacht sei die Ursache des Tages. Das wäre, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, eine «Wurmphilosophie». Ich habe ja von dieser Wurmphilosophie in den verflossenen Vorträgen gesprochen, nicht wahr. Es hat einfach keinen Sinn, zu sagen, daß der Tag die Ursache der Nacht oder die Nacht die Ursache des Tages ist, sondern beide sind sie hervorgerufen durch den regelmäßigen Wechsel, durch die räumliche Stellung von Erde und Sonne. Ebensowenig hat es eigentlich einen Sinn, zu sagen, der Schlaf sei die Ursache des Wachens, oder das Wachen sei die Ursache des Schlafes. Einen Sinn hat es nur, zu sagen: Gerade so, wie extensiv räumlich die Erde in einen Wechselzustand von Tag und Nacht versetzt wird, also durch räumlich-extensive Verhältnisse in diesen Wechsel versetzt wird, so wird, intensiv, das Leben innerlich in einen Wechsel versetzt vom Interesse nach außen und vom Interesse nach innen. Diese Zustände müssen wechseln, müssen aufeinanderfolgen. Das geht gar nicht anders. Es ist einfach im Leben begründet, daß der Mensch eine Zeitlang sein Interesse nach außen richtet, und, nachdem er es nach außen gerichtet hat, muß er es nach innen richten, geradeso wie die Sonne es sich nicht überlegen kann, wenn sie im Westen untergeht, ob sie wieder zurückgehen will. Nur kommen wit jetzt in ein Gebiet hinein, in welchem wir, wenn wir es betreten wollen, immer das Folgende beachten müssen.

[ 13 ] Die Sonne muß gewisse Stunden hindurch Tag bilden, gewisse Stunden hindurch Nacht bilden. Der Mensch kann aber ganz gut die Sache in der Weise durchbrechen, indem er entweder wie der Rentier, der einschläft, auch wenn er nicht gerade ermüdet ist, sondern das Gegenteil davon sein müßte, einfach willkürlich sein Interesse sich selber zuwendet, sich genießt, recht seinen Leib genießt, oder aber, indem er, wie der Student, wenn er unmittelbar vor dem Examen steht und sehr viel zu ochsen hat, wiederum aus seiner Willkür heraus mancherlei überwinden kann in bezug auf das Schlafen. Mancher Student schläft da manchmal vor dem Examen recht wenig. Aber das hängt überhaupt mit den großen Fragen zusammen, die uns jetzt immer wieder und wiederum beschäftigen werden, mit den Fragen nach Notwendigkeit, wie wir sie in der äußeren Natur finden, nach Zufall, wovon wir oftmals sprechen, sowohl in der äußeren Natur, wie auch im menschlichen Leben, und nach der Vorsehung, von der wir der ganzen Welt gegenüber zu sprechen haben. — Sobald wir ins menschliche Leben hereinkommen, sehen wir etwas in das Feld der Notwendigkeit hereintreten, etwas, das «notwendig» ist, wenn der Mensch überhaupt sein Wesen haben soll in der Welt. Davon werden wir jetzt mancherlei zu sprechen haben.

[ 14 ] Nun habe ich Ihnen das, was ich Ihnen gesagt habe, nicht nur aus dem Grunde gesagt, um darauf hinzudeuten — nicht nur, sage ich, natürlich auch aus diesem Grunde —, daß man den richtigen Gesichtspunkt suchen muß gegenüber den Wechselzuständen zwischen Schlafen und Wachen. Dieser richtige Gesichtspunkt ist, daß man fragt: Wie ist das Bewußtsein geartet im Wachen? — und darauf antwortet: Das Bewußtsein ist so geartet, daß das Objekt zunächst nicht der Mensch selber ist, sondern die Außenwelt, daß der Mensch sich vergißt und die Außenwelt in sich aufnimmt; daß dagegen die Bewußtseinsartung während des Schlafes so ist, daß er die Außenwelt vergißt und sich betrachtet. Aber er ist im Schlaf mit seinem Bewußtseinszustand erst beim Sonnenbewußtsein angekommen. Es ist nur ein untergeotdneter Zustand, sich selbst zu genießen. — Aber nicht bloß aus diesem Grunde habe ich an diesen Gesichtspunkt angeknüpft, sondern um darauf aufmerksam zu machen, daß es etwas darauf ankommt, überhaupt die Aufmerksamkeit hinzulenken darauf, wie das Bewußtsein sich in verschiedener Art stellt zu der Welt, und wie man gewisse Dinge vor allem in ihrer Wesenhaftigkeit nur dadurch erkennen kann, daß man nach der Artung des Bewußtseins frägt. So wird es ganz unmöglich sein, irgend etwas Besonderes zu wissen über den Aufbau der hierarchischen Ordnung der höheren geistigen Wesenheiten, wenn man nicht auf das Bewußtsein dieser höheren geistigen Wesenheiten eingeht. Nehmen Sie die verschiedenen Vortragszyklen durch und Sie werden sehen, was da für Mühe genommen worden ist, um zu erklären, wie das Bewußtsein der Angeloi und Archangeloi und so weiter ist. Denn darauf kommt es an, bei einer Sache wirklich darauf zu achten, von welchem Ausgangspunkt diese Sache verstanden wird. Es könnte jemand kommen und sagen: Ich kann ganz gut verstehen, wie es mit den Hierarchien beschaffen ist: Da ist zuerst der Mensch, dann höher sind die Angeloi, noch höher die Archangeloi, noch höher die Archai und so weiter. Er kann das nacheinander aufschreiben: Archai, Archangeloi, Angeloi, und sagen: Ich verstehe das ganz gut, jedes von diesen ist immer höher. — Ja, wenn man nur weiß, daß jedes von dem hier Aufgezeichneten höher ist, so weiß man über die Stufenfolge der Hierarchie genau soviel, wie man auch über die Aufeinanderfolge der Stockwerke bei einem Haus weiß; denn von den übereinanderliegenden Stockwerken bei einem Haus weiß man auch, daß sie aufeinanderliegen. Man könnte genau dieselbe Zeichnung entwerfen. Es handelt sich wirklich darum, bei einer jeden Sache auf das zu achten, worauf es ankommt. Man weiß wirklich etwas über diese höheren Wesen, wenn man weiß, in welchem Bewußtseinszustand jedes dieser Wesen lebt, wenn man versucht, dieses zu schildern. Das ist das, was man ins Auge fassen muß.

[ 15 ] Und so ist es auch beim Menschen selber. Man lernt auch den Menschen seinem Inneren nach wirklich noch recht wenig kennen, wenn man zum Beispiel über den Schlaf nichts weiter zu sagen weiß, als daß das Ich und der astralische Leib dann aus dem physischen und ätherischen Leib heraus sind. Gewiß ist das wahr, aber es ist die allerabstrakteste Aussage. Denn man weiß eigentlich nicht mehr über den Unterschied zwischen Schlafen und Wachen bei dem Menschen, als man auch weiß über ein volles und ein leeres Bierglas; bei dem einen ist das Bier darinnen und bei dem anderen ist das Bier draußen! Gewiß, es gilt das, daß beim schlafenden Menschen das Ich und der astralische Leib aus dem physischen und dem Ätherleib draußen sind, aber man muß den Willen haben, zu immer weiteren und weiteren konkreten Bestimmungen aufzusteigen. Und dieses Aufsteigen zu konkreten Begriffen, das versuchen wir, indem wir zum Beispiel jetzt wieder klargemacht haben, wie der Wechsel des Interesses ist in dem einen und in dem anderen Falle. Ich habe Ihnen das eine Mal rötlich hell den Menschen schematisch gezeichnet; das andere Mal bläulich. Das hängt damit zusammen, daß ich Ihnen gesagt habe: Der Mensch ist da im Hohlen. Und wenn man nun einschläft und ein höheres Bewußtsein sich erwirbt — das Bewußtsein kann sich andeuten zunächst; man sieht dann ja auch wirklich, denn man fängt an damit, daß man sich selbst betrachtet —, dann sieht man auch das Hohle, dann sieht man schon das Hohle. Dann sieht man schon die Unwahrheit des Urteils, daß wir aus kompakter Materie bestünden. Man sieht dann schon, daß das, was da als Materielles erscheint beim Tagesbewußtsein, eigentlich Hohlräume sind. Nur muß man beachten, daß ja der Mensch wirklich heraus ist während des Schlafes. Daher sieht er den Hohlraum umsäumt von der Aura. Nicht wahr, der Mensch ist nicht in sich, sondern er ist außen und sieht so hin. Er sieht also das, was in der Mitte mehr oder weniger hohl ist. Es ist natürlich konfiguriert, mehr oder weniger hohl. Es ist nicht einfach ein Hohlraum. Sonstige Hohlräume sind ja dann gerade ausgefüllt, wenn man sie von außen anschaut. So daß der Mensch natürlich so konfiguriert erscheint, wie er ist, wenn man ihn von außen anschaut, so wie es das Tagesbewußtsein gibt. Aber man sieht ihn außerdem umgeben von einem aurischen Nebel. Es erscheint einem der Mensch dann nicht so, wie wenn man sonst auf ihn hinschaut, sondern er ist umgeben von einer Art aurischem Nebel. Man sieht nicht ganz deutlich auf ihn hin, sondern so, daß man diesen aurischen Nebel erst durchdringen muß. Also man sieht hin auf einen aurischen Nebel, und in diesem aurischen Nebel schattiert sich dann etwas ab wie die Gestalt; über dieser lagert sich aber wiederum dieser Nebel. Es ist also wirklich so, wie wenn man den Menschen sehen würde in einer mehr oder weniger hellen Aura darinnen. Da darinnen ist er ausgespart, wenn man ihn so von außen anschaut. Ich will da den trivialen Vergleich gebrauchen, um das Phänomen, von dem wir hier sprechen, wenn während des Schlafes der Mensch bewußt wird, klarzumachen: Wer ist nicht schon einmal durch eine Stadt gegangen, die im Nebel war. Da hat er die Lichter nicht scharf begrenzt gesehen, sondern wie in einer Art Regenbogenaura darinnen. Das hat ja jeder Mensch schon gesehen. Da sieht man nicht die Lichter, sondern eigentlich die Lichter ausgespart in dem umliegenden Nebel. Es hat wirklich sehr viel Ähnlichkeit mit dem genannten Vorgange. Man sieht eigentlich das imaginative Sehfeld wie im Nebel, und darinnen sind ausgespart, wie Dunkelheiten, die Menschenwesen.

[ 16 ] Wenn man dies ins Auge faßt, so kann man sagen: Sehend zu werden im Schlafe bedeutet, den Menschen durch eine Aura zu sehen. Und dadurch wurde der Mensch materialistisch, daß er lernte, die Aura nicht zu sehen, sondern sich direkt zu sehen. Das konnte nur bewirkt werden, indem durch kuziferische Vorgänge herbeigeführt war die Möglichkeit, daß der Mensch nun anfing, sich mit dem Tagesbewußtsein zu sehen. Und da berührt man verständnisvoll eine wichtige Stelle im Beginn des Alten 'Testamentes. Da wird im Alten Testament mitgeteilt, daß bis zu der luziferischen Verführung hin die Menschen nackt herumgegangen sind. Dieses Nacktherumgehen ist nicht in dem Sinne aufzufassen, daß sie so herumgingen für ihr Bewußtsein, wie Sie jetzt nackt herumgehen würden, sondern daß sie vorher die Aura ringsherum gesehen haben. Und dadurch haben sie das gar nicht gesehen, was man jetzt sehen würde am Menschen, wenn er nackt herumlaufen würde, sondern sie sahen den Menschen in einer spirituellen Kleidung. Die Aura war nämlich die Kleidung. Und als den Menschen der Unschuldszustand genommen war, als sie verurteilt waren zu einer materialistischen Lebensart, mit anderen Worten, als sie die Aura nicht mehr sehen konnten, da sahen sie das, was sie eben nicht gesehen hatten, solange die Aura da war; und da fingen sie an, die Aura zu ersetzen durch die Gewänder. Das ist der Ursprung der Bekleidung: Der Ersatz der Aura durch das Gewand. Und das ist tatsächlich in unserem materialistischen Zeitalter gut zu wissen, daß sich die Menschen zunächst nicht aus anderen Gründen, sondern aus dem Grunde angezogen haben, um in der Bekleidung die Aura nachzuahmen. Bei Kultusgebräuchen ist das ja in ausgesprochenem Sinne der Fall, denn da bedeutet jedes Kleidungsstück die Nachahmung irgendeines Teiles der Aura des Menschen. Und wie Sie noch selbst auf Raffaelschen Bildern sehen, haben die Maria, der Joseph, die Magdalena verschiedene Kleider; die eine Gestalt hat ein rotes Untergewand, blaues Übergewand; die andere blaues Untergewand, rotes Übergewand. Die Magdalena werden Sie sehr häufig bei denen, die die Tradition gut gekannt haben oder noch etwas Hellsehen gehabt haben, im gelben Gewand sehen und so weiter. Da ist immer versucht worden, zu entsprechen der Aura der betreffenden Individualität; denn das Bewußtsein war vorhanden, in der Kleidung die Aura nachzuahmen, in der Kleidung einen Ausdruck der Aura zu schaffen. Und es entspricht unserer materialistischen Zeit die Abirrung, daß in gewissen Kreisen ein Ideal darin gesehen wird, die Kleidung abzuschaffen — denn der Materialismus geht überall bis zu seinen Konsequenzen — und dasjenige, was man oft als «Nacktkultur» bezeichnet, als etwas außerordentlich Gesundes hinzustellen. Es gibt ja sogar eine Zeitschrift, die so etwas vertritt und sich «Die Schönheit» nennt. Diese geht von einem Mißverständnis aus. Sie glaubt nämlich, sich dadurch etwas anderem zu nähern als dem krassesten, dem gröbsten Materialismus. Nur diesem kann man sich nähern, wenn man das Wirkliche bloß in dem sehen will, was eben von der äußeren sinnenfälligen Natur als wirklich hingestellt wird. Aber die Kleidung ist ausgegangen davon, für das normale Leben gewissermaßen den Bewußtseinszustand beizubehalten, der den Menschen in seiner Aura sieht. Daher muß man sagen: Welches ist der Ursprung jener Tendenz, die in unserer Zeit nach der Beseitigung der Kleidung strebt? Mangel an jeglicher Phantasie, sich zu bekleiden! Nicht ein idealer Zweck ist darin zu verstehen, sondern der Mangel an Phantasie jedes Schönheitsprinzips. Denn die Kleidung geht eigentlich davon aus, den Menschen schön zu machen. Und in den unbekleideten Menschen nur ein Schönes zu sehen, würde für unsere Zeit bedeuten den Instinkt nach dem Materialismus hin. — Wie das zusammenhängt mit dem Griechentum, darüber werde ich noch zu sprechen haben. Aber gerade an dem Griechentum können Sie die Frage in dem Sinne, wie es heute gesagt worden ist, studieren.

[ 17 ] Nun kommt es wirklich immer mehr und mehr darauf an, daß die Menschen lernen, wie verschiedene Bewußtseinszustände gewisse Gesichtspunkte in der Lebensanschauung abgeben. Bewußtseinszustandswechsel ist Schlafen und Wachen. Aber während Schlafen und Wachen sehr, sehr starke Änderungen in den Bewußtseinszuständen des Menschen bilden, kommen im Leben überhaupt auch kleinere Nuancen von Bewußtseinsänderungen vor. Ich möchte sagen: Auch das Tagesbewußtsein nuanciert sich so, daß der Mensch gewisse Bewußtseinsnuancen, die mehr gegen das Schlafen hinneigen, und wieder andere Bewußtseinsnuancen durchmacht, die mehr gegen das Wachen hinneigen. Wir wissen ja alle: es gibt Menschen, die es lieben, zwar nicht direkt zu schlafen, aber so duselig durch einen großen Teil des Lebens zu gehen. Man sagt dann auch, daß sie schlafen, wenn es auch kein richtiges Schlafen ist; man meint, sie verschlafen das Leben, sie gehen wie träumend durch das Leben; wenn man ihnen irgend etwas sagt, so haben sie es bald vergessen. Es ist ja kein Traum, aber so schnell wie ein Traum geht es an ihnen vorüber, und schon ist es vergessen. Nicht wahr, dieses Dösige, dieses Duselige, wie man es auch nennt, das ist mehr eine Nuance nahe dem Schlafe. — Wenn einer den anderen ordentlich durchprügelt, so ist das eine Nuance, die mehr über den gewöhnlichen Schlafzustand hinausgeht, nicht bloße Vorstellung ist. Mehr als Vorstellungen sind es auch, wenn einer den anderen prügelt. Also es gibt solche Nuancen des Bewußtseins im Leben. Man könnte eine ganze Skala aufstellen für diese Zustände. Aber diese Zustände haben ihre gute Berechtigung. Es hängt sehr viel davon ab, daß der Mensch sich eine Art von Gefühl dafür erwirbt. Zuzeiten ist ihm dieses Gefühl schon eigen, wenn er überhaupt ein gesund geborener und gesund erzogener Mensch ist. Es ist wichtig, daß der Mensch ein gewisses Gefühl hat, wie stark er gewisse Dinge im Leben aufnehmen kann, wie stark er sie beachten soll, und wie wenig stark er sie beachten kann, und auch in welcher Weise er gewisse Dinge nach der Außenwelt vertritt, oder sie in seinem Inneren verbirgt. Das sind auch Nuancen in der Bewußtseinsgeltendmachung. Solche Nuancen in der Bewußtseinsgeltendmachung gibt es. Und es ist sehr wichtig zu wissen, daß, indem wir durch das menschliche Leben gehen, dieses Lebenstakt verleiht: Wie stark wende ich mein Bewußtsein auf irgendeine Sache? Oder: Wie stark betone ich aus meinem Bewußtsein heraus irgendeine Sache? — Und da können wir wirklich uns Wichtiges aneignen, sowohl in der Gesundung des Lebens, wie auch in der Möglichkeit, geordnete Zustände in unserer Umgebung hervorzurufen, wenn wir darauf achten, wie stark wir unser Bewußtsein mit dem oder mit jenem zu verbinden haben. Sehen Sie, wenn wir unterscheiden den möglichen Bewußtseinszustand, in dem wir unter Menschen herumgehen und über die Dinge des Lebens mit den Menschen reden, von dem Zustand, wo wir über gewisse Dinge nicht reden aus einem gewissen Schamgefühl heraus, so hat der Zustand, in dem wir sind im gewöhnlichen Leben, wo wir reden, eben doch eine andere Nuance im Bewußtsein, als wenn wir gewisse Dinge nicht berühren aus Schamgefühl, wie wir sagen. Aber dieses Vorhandensein des Schamgefühls ist eben nur ein anderer Bewußtseinszustand, und unendlich viel hängt davon ab, für solche Dinge im Leben Verständnis zu haben. Und ich will Ihnen an einem Beispiel zunächst etwas klarmachen, wie es doch immerhin Menschen gibt, die für solche Bewußtseinsnuancen im Leben ein gewisses Verständnis haben.

[ 18 ] Wir haben heute den 27. August; das ist der Geburtstag Hegels. Morgen, am 28. August, ist der Geburtstag Goethes. Die beiden haben ihre Geburtstage unmittelbar hintereinander. Hegel hat unter anderem ein Werk geschrieben, das heißt «Enzyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse». Wenn man dieses Werk liest, hat es eine besondere Eigenschaft. Es hat nämlich nicht den geringsten Sinn bei diesem Werk, es irgendwo aufzuschlagen und zu lesen. Sie könnten ebensogut Chinesisch lesen. Eine Behauptung, die man mitten aus Hegels «Enzyklopädie» herausnehmen wollte, würde gar keinen Sinn ergeben. Bei einem Berliner Vortrag im Winter habe ich gerade hervorgehoben, wie sinnlos es wäre, bei Hegels «Enzyklopädie» einen Satz aus dem Zusammenhang herauszurupfen. Denn ein Satz aus Hegels Enzyklopädie hat nur Sinn, wenn man anfängt da zu lesen — nachdem man zuerst alles, was im Menschengemüte Rätsel um Rätsel aufwirft, zur Seite gelegt hat —, wo Hegel sagt: «Das Sein ist der Begriff nur an sich» und so weiter. Wenn man da anfängt und dann das Ganze auf sich wirken läßt, dann bekommt jeder Satz an der Stelle, wo er steht, erst seinen Sinn. Und daß er an der Stelle steht, das gehört zu dem Satz. Und so hat Hegel die erste Auflage der «Enzyclopädie der philosophischen Wissenschaften» erscheinen lassen. In der Vorrede zur ersten Auflage sagt er nichts besonderes; er sagt nur, warum er diese Enzyklopädie äußerlich so eingerichtet hat. Als die zweite Auflage notwendig wurde, schrieb Hegel eine Vorrede zu dieser zweiten Auflage. Nun macht man manchmal Erfahrungen des Lebens zwischen der ersten und der zweiten Auflage eines Buches. Denn selbst wenn man die Menschen schon kennengelernt hat, so fühlt man sich ja innerlich verpflichtet, sie noch nicht für das zu halten, als was sie manchmal sich dann herausstellen; und man erfährt auch aus der Art, wie ein Buch aufgenommen wird, so mancherlei über die Menschen. Und das war auch bei Hegel der Fall. Da hat er dann auch eine Vorrede zur zweiten Auflage geschrieben, und diese hat wichtige Stellen. Ich will zwei von diesen wichtigen Stellen lesen, nämlich gleich den ersten Satz und einen Satz auf der zweiten Seite. Die Vorrede zur zweiten Auflage beginnt: «Der geneigte Leser wird in dieser neuen Ausgabe mehrere Teile umgearbeitet und in nähere Bestimmungen entwickelt finden; dabei bin ich bemüht gewesen, das Formelle des Vortrages zu mildern und zu mindern, auch durch weitläufigere exoterische Anmerkungen abstrakte Begriffe dem gewöhnlichen Verständnisse und den konkreteren Vorstellungen von denselben näher zu rücken.» Also er war bemüht, das Esoterische exoterisch zu erläutern. «Die gedrängte Kürze, welche ein Grundriß nötig macht in ohnehin abstrusen Materien, läßt aber dieser zweiten Auflage dieselbe Bestimmung, welche die erste hatte, zu einem Vorlesebuch zu dienen, das durch mündlichen Vortrag seine nötige Erläuterung zu erhalten hat. Der Titel einer Enzyclopädie sollte zwar anfänglich einer minderen Strenge der wissenschaftlichen Methode und einem äußerlichen Zusammenstellen Raum lassen; allein die Natur der Sache bringt es mit sich, daß der logische Zusammenhang die Grundlage bleiben müßte.

[ 19 ] Es waren nur zu viele Veranlassungen und Anreizungen vorhanden, die es erforderlich zu machen schienen, mich über die äußere Stellung meines Philosophierens zu geistigen und geistlosen Betrieben der Zeitbildung zu erklären, was nur auf eine exoterische Weise, wie in einer Vorrede, geschehen kann; denn diese Betriebe, ob sie sich gleich ein Verhältnis zu der Philosophie geben, lassen sich nicht wissenschaftlich, somit überhaupt nicht in dieselbe ein, sondern führen von außen her und draußen ihr Gerede. Es ist mißliebig und selbst mißlich, sich auf solchen der Wissenschaft fremden Boden zu begeben; denn solches Erklären und Erörtern fördert dasjenige Verständnis nicht, um welches es allein zur wahrhaften Erkenntnis zu tun sein kann. Aber einige Erscheinungen zu besprechen mag nützlich oder von Nöten sein.»

[ 20 ] Das beweist uns aber, daß Hegel versucht hat, in der für ihn esoterischen Weise die erste Auflage zu gestalten, und daß er das ihm exoterisch Erscheinende erst in der zweiten Auflage hinzugefügt hat, auch die Vorrede, die nur exoterisch ist. In unserer Zeit hat man oftmals kein Verständnis für dieses Exoterische und Esoterische. Denn in unserer Zeit verfährt man nicht so leicht so, wie Hegel verfahren ist, der zunächst alles, was sein eigenes subjektives Abmachen der Sache war, für sich behalten wollte, und erst als er den Organismus auferbaut hatte, als sich die Sache losgelöst hatte von seinem Subjektiven, da wollte er das, was losgelöst war von seinem Subjektiven, darstellen in seinem Buche, während er der Meinung war: Wie man selber zu der Sache kommt, darüber spricht man nicht! — Er hat damit einen gewissen Takt gezeigt für den Unterschied zweier Bewußtseinszustände: für das Bewußtsein, in das er sich versetzen wollte, wenn er sich vor Menschen hinstellt und zu ihnen spricht, und für das Bewußtsein, das er entfaltet, wenn er mit sich selber spricht. — Und nun nötigt ihn die Welt nachher — wie so oft die Welt die Ursache ist, daß eigentlich dies oder jenes geschieht, was nicht getan werden soll —, es nötigt ihn die Welt, dieses Schamgefühl zu besiegen für eine Zeit. Denn, was war es im Grunde genommen? Schamgefühl war es bei Hegel, nicht von der Art und Weise zu sprechen, wie er zu seinen Begriffen gekommen ist! Im gewöhnlichen menschlichen Schamgefühl erröten die Menschen. So möchte man sagen, wenn es auch geistig aufzufassen ist: Für Hegel war es ein gewisses geistiges Erröten, wenn er so etwas schreiben mußte wie die Vorrede zur zweiten Auflage. Da sehen Sie eine Bewußtseinsnuance, über die das Schamgefühl sich ausbreitet.

[ 21 ] Ich wollte Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie im Leben, auch in der Willensbetätigung, in dem, was man tut, diese Bewußtseinsnuancen zum Vorschein kommen. Und notwendig ist es, daß man sich nach und nach darüber klar wird, daß das Leben wirklich schon bestehen muß in solchen Bewußtseinsnuancen; daß man gewissermaßen verbinden muß mit allem, was man auslebt, Bewußtseinsunterschiede. Schlafen und Wachen sind nun gerade starke Bewußtseinsunterschiede. Aber es kann auch der Bewußtseinsunterschied ins Auge gefaßt werden, daß man weiß: Das ist eine Sache, die geht nicht nur dich alleinan, die geht dich und die Welt an; das andere ist eine Sache, da mußt du, wenn du der Welt gegenübertrittst, die Art und Weise etwas herabmindern, wie du es geltend machst; und noch anderes mußt du mit dir oder im allerintimsten Kreise mit dir selber ausmachen.

[ 22 ] So greift das, was wir an Begriffen und Ideen aus der Geisteswissenschaft gewinnen können, wirklich in das Leben ein, lehrt uns, feine, subjektive Unterschiede im Leben erkennen, wenn man nur nicht auf die gewöhnliche Art wie sonst im Leben diese Unterschiede kennenlernen will, sondern wenn man sich klar ist darüber, daß die ernstliche Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft uns gleichsam diesen Lebenstakt gibt. Aber es muß dann die ernstliche Beschäftigung mit dieser Geisteswissenschaft da sein. Die ist natürlich dann nicht vorhanden, wenn man die Empfindungen und Triebe und Instinkte, die man sonst draußen im Leben gehabt hat, auch in die Geisteswissenschaft hineinträgt. Dann passiert es einem, daß man, ich möchte sagen, aus der Geisteswissenschaft auch nicht viel mehr gewinnt als aus irgendeiner anderen gleichgültigen Erkenntnismitteilung. Und so kann es dann vorkommen — ich habe ja gesagt, daß es Nuancen des Bewußtseins gibt und daß innerhalb des Wachens dann Nuancen liegen, die sich dem Schlafe nähern —, daß man Geisteswissenschaft aufnimmt, aber keine rechte Neigung hat, auf gewisse Einzelheiten, Subtilitäten einzugehen, weil man daran ein solches Interesse nimmt, wie ich das vorhin vom Rentier in bezug auf den Vortrag gesagt habe. Man liest zwar gerne Zyklen oder Bücher, aber man liest doch so, daß an gewissen Stellen dieses Bewußtsein herabsinkt, daß es einduselt, eindöst. Man fühlt nicht recht die Selbstverpflichtung, über solche Dinge hinwegzukommen.

[ 23 ] Das ist der Grund, warum ich immer wieder darauf gedrungen habe, daß man es den Leuten nicht allzu leicht macht, die an die Geisteswissenschaft herankommen wollen. Immer wieder tritt das auf, daß man sagt, man müßte doch populäre Bücher schreiben; die «Theosophie» zum Beispiel sei nicht populär genug! Ich höre nur immer durch: man müßte nur Bücher schreiben, bei denen man mehr dösen könne als bei der «Theosophie». Nun ist es wirklich notwendig, daß man gerade durch dieses Sich-Interessieren für das Objektive dasjenige vertreibt, was einem bleibt von gewissen Gefühlen und Empfindungen, die man vorher gehabt hat; sonst kann es einem nämlich passieren, daß, wenn man zuviel schläft gegenüber dem oder jenem in der Geisteswissenschaft, wofür man eigentlich Interesse haben soll, man nur gegenüber dem am leichtesten zu Behaltenden wach bleibt. Und dann kommt natürlich ein Vorgang, der gar nicht ausbleiben kann, wenn man nicht genügend objektives Interesse entwickelt: Nicht wahr, der Rentier, der hört sich den Vortrag an, er fühlt sich dazu verpflichtet: Man geht in einen Vortrag, das bringt so die gute Lebensart mit sich; aber es ist ihm eigentlich greulich, er hat nicht das geringste Interesse dafür. Nun wird sein zu geringes Interesse abgelenkter genießt sich und kommt manchmal auch bis zum wirklichen Einschlafen, das ja zunächst nicht beachtet zu werden braucht, wenn es nicht ins Schnarchen übergeht, nicht wahr, aber das ist ein ganz naturgemäßer Vorgang.

[ 24 ] Nun denken Sie sich diesen Vorgang übertragen, ich möchte sagen, auf ein anderes Bewußtsein. Dann haben Sie das Folgende: Irgend jemand entwickelt nicht das nötige, volle Interesse für die einzelnen Konkretheiten der Geisteswissenschaft, sondern er findet, daß man eigentlich am besten zuhört, wenn man nicht so auf die Einzelheiten hört. Ich habe sogar schon vernommen, daß man gesagt hat: Ach, was er sagt, das ist nicht das Wichtige, sondern «die Vibrationen», die «Art und Weise»! — So ein dösiges, duseliges Zuhören, das ist etwas, was man manchem schon ansehen kann in der Art und Weise, wie er zuhört. Das ist aber dasselbe in bezug auf die Seele, wie es bezüglich des äußeren Lebens beim Rentier ist. Denn wendet sich die Aufmerksamkeit statt dem, was durch die Geisteswissenschaft geboten ist, den «Vibrationen» zu, so wendet sich das Interesse dem Inneren zu, geradeso wie wenn der Rentier sich selbst genießt. Und in der Zeit zwischen zwei Vorträgen gibt man vielleicht vor, Interesse zu haben für das, was in dem Vortrage gesagt wird, beteuert, sich zu interessieren für dieses oder jenes, aber in Wirklichkeit erzählt man: Der hat früher diese Inkarnation gehabt, ich selber habe diese Inkarnation gehabt. — Das heißt, man hat alles auf seine eigene Person abgelenkt. Das ist ganz genau derselbe Vorgang. So daß also wirklich dieser Vorgang, der mit Bezug auf das äußere Leben beim Rentier vorliegt, der bei jedem Vortrage einschläft, auch bei Menschen in Erscheinung tritt, die zwar vorgeben, sich für Geisteswissenschaft zu interessieren, die sich in Wirklichkeit aber nicht interessieren, sondern in einem gewissen Sinne immer finden: auf die Einzelheiten kommt es nicht an! Und dann schlafen sie ein für die Einzelheiten; und dann geht das Interesse auf die eigene Persönlichkeit über. — Man muß sich schon solche Dinge durchaus klarmachen! Würde man sie sich klarmachen, so würde manches nicht geschehen, was geschieht.

[ 25 ] Ich möchte, daß Sie gewissermaßen die Nuancierung des Bewußtseins jetzt überhaupt ins Auge fassen, wie ich versuchte, sie darzustellen. Das letzte Beispiel, die letzte Erörterung, die ich gegeben habe, darf vielleicht in diesen Tagen nicht übelgenommen werden, dürfte vielleicht auch sonst nicht übelgenommen werden. Denn es ist ja zweifellos, daß viel geschlafen wird gegenüber der geisteswissenschaftlichen Bewegung, und daß ein starker Hang zum Selbstgenuß überhandnimmt, und daß dann eben Geisteswissenschaft nur angewendet wird, um diesem Selbstgenuß zu frönen. Aber die Nuance des Bewußtseins wollen wir ins Auge fassen. Denn ohne das Ins-AugeFassen der Nuance des Bewußtseins kann man nicht zu dem Verstehen der Begriffe Notwendigkeit, Zufall und Vorsehung kommen.