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Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung
Imaginative Erkenntnis und Vorgänge nach dem Tode
GA 163

29 August 1915, Berlin

Vierter Vortrag

[ 1 ] Wenn man den Blick wendet auf solche Darstellungen wie die von Fritz Mauthner, auf die ich Sie wiederholt hingewiesen habe, dann das haben Sie ja schon gesehen — merkt man, zu welchen Konsequenzen ein Sich-selbst-Ernstnehmen der gegenwärtig herrschenden Weltanschauung führen muß. Mauthner nimmt wirklich die gegenwärtige Weltanschauung ernst. Er kommt zu allerlei höchst merkwürdigen Dingen. So zum Beispiel bildet er im Zusammenhang mit dem Begriff «Vorrat», weil er ja Sprachkritiker ist, den des «Wortvorrats», und er gliedert den Wortvorrat in Scheinbegriffe und brauchbare Begriffe. In seinem Wörterbuch will er eigentlich überall darstellen, wie die meisten philosophischen Begriffe zu den unbrauchbaren Begriffen gehören. Man hat immer, wenn man einen Mauthnerschen Begriff, ein Mauthnersches Wort in seinem «Wörterbuch der Philosophie» durchgelesen hat — es ist allerdings eine subjektive Empfindung —, ein Gefühl, als ob man versucht hätte, wie ein Chinese sich um sich selber zu drehen, um den eigenen Zopf zu erhaschen. Wenn man einen Artikel zu Ende gelesen hat, hat man das Gefühl, daß man während des ganzen Lesens sich bemüht hat, den Zopf zu erhaschen, den der Chinese hinten hat, und doch merkt man zuletzt: Der Zopf ist hinten hängengeblieben, durch alles Drehen kann man den Zopf nicht erreichen. Man wird allerdings einiges recht, recht Schwierige durchzumachen haben für ein gesundes Denken, wenn man etwa auf den Artikel «Christentum» eingeht. Aber das gilt fast von allen Artikeln, die er geschrieben hat. — Nun ist er eben sorgfältig bedacht, die Scheinbegriffe alle auszumerzen, und solche Scheinbegriffe nimmt er in sein Wörterbuch immer nur auf, um sie als solche zu «denunzieren». Um aber auf diese Scheinbegriffe eingehen zu können, werde ich einige in der Einleitung stehende Sätze lesen, die sehr charakteristisch sind: «Was ist das, ein Schenbegriff? Dieses Wörterbuch wird viele Begriffe, die in allgemeinem Ansehen stehen, als Scheinbegriffe denunzieren. An Beispielen fehlt es mir also nicht. Dennoch ist es nicht leicht, allgemein auszusprechen, wodurch sich ein brauchbarer Begriff von einem Scheinbegriffe, ein richtiger Begriff von einem falschen, ein lebendiger von einem toten unterscheide. Mit diesen Gegensatzpaaren habe ich schon einige Gründe der Schwierigkeit genannt. Der bloße Schein der Brauchbarkeit ist eben nicht immer aus der gleichen Ursache zu erklären. Und auch die Falschheit oder der Tod eines Begriffes ist jedesmal nicht so einfach festzustellen. Die Falschheit kann dem Begriff von Anfang an angeheftet haben, kann aber auch im Verlaufe der Wortgeschichte entstanden sein, braucht nicht erst von einem wissenschaftlich und kritisch fortgeschrittenen Geschlechte erkannt worden sein; ein Begriff kann tot gewesen sein von Anfang, der Tod kann aber auch nach kürzerem oder längerem Leben des Wortes eingetreten sein, unbemerkt für den Sprachgebrauch. Ganz scharf sind die Grenzen nicht zu ziehen, weil alle diese Begriffe relativ sind. Die Begriffe absolut und Phlogiston waren von Anfang an falsch, weil eine genaue Aufmerksamkeit den Widerspruch mit den Tatsachen der Erfahrung von jeher hätte aufdecken können.»

[ 2 ] Das ist ja ganz niedlich, nicht wahr? Die Menschheit hat viele, man kann sagen, nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende gebraucht, um an die Stelle des Phlogiston etwas anderes zu setzen. Und als dann Lavoisier an die Stelle von «Phlogiston» den Nachweis des wahren Verlaufs der «Verbrennung» gesetzt hatte, so war das eine bedeutsame Tat allerersten Ranges. Aber Fritz Mauthner weiß dazu zu sagen: «Der Begriff war von Anfang falsch, weil eine genaue Aufmerksamkeit den Widerspruch mit den Tatsachen der Erfahrung von jeher hätte aufdecken können.»

[ 3 ] Es klingt wirklich so, als ob nur Fritz Mauthner genügend früh hätte geboren zu werden brauchen, und er hätte dafür gesorgt, daß die Menschen nicht so lange unter dem falschen Begriff des Phlogistons gelebt hätten! Mauthner sagt weiter: «Der Begriff Hexe wurde erst falsch, als der Begriff Teufel gestorben war, mit dem Scheinbegriff Teufel konnte das gottlose Weib keine fleischliche Verbindung mehr eingehen. Der Begriff Teufel wiederum war lange genug lebendig und starb erst, als die menschliche Erkenntnis sich überzeugt hatte, daß weder ein Teufel noch irgendwelche seiner Wirkungen in der Wirklichkeitswelt zu beobachten wären.»

[ 4 ] Da möchte man doch auch wieder verführt sein zu sagen:

Den Teufel spürt das Völkchen nie,
und wenn er sie beim Kragen hätte!

[ 5 ] Es ist tatsächlich das, was einem einfallen muß, wenn solche Dinge gesagt werden. — Es wird eben heute vielfach darauf ankommen, wie die Menschen sich entschließen werden, überall die maßgebenden, ich könnte auch sagen, die lichtgebenden Gesichtspunkte zu finden! Wir haben gestern darauf hingewiesen, wie gerade mit der Vertiefung der Menschen-Seelennatur auch eine Vertiefung gegenüber solchen Begriffen, wie zum Beispiel dem Begriff Notwendigkeit eintreten muß. Wir haben darauf hingewiesen, wie die Empfindung der Notwendigkeit alles Seienden, und das Hineingestelltsein des Einzelwesens in die Notwendigkeit des Seienden etwa für solch eine Menschenwesenheit, wie für den Faust, schicksalbestimmend sein könnte. Mauthner findet: Notwendigkeit — was ist das? Es ist nur eine Art, die Dinge anzuschauen. Für ihn ist gar kein Grund vorhanden, den Begriff der Notwendigkeit objektiv in den Dingen selber zu denken. Mauthner meint, der Strom des Weltengeschehens gehe einmal um die Menschen herum. Da sind Menschen gekommen, die haben gesagt: Heute ist die Sonne aufgegangen, gestern ist sie aufgegangen, vorgestern ist sie aufgegangen. Voraussetzen werden wir daraus, daß sie auch morgen, übermorgen und so weiter aufgehen wird. — Aus diesen äußeren Gedanken in der regelmäßigen Aufeinanderfolge der Tatbestände haben sie sich den Begriff der Notwendigkeit gebildet. Es wäre nötig, daß die Sonne aufgeht — haben sie gesagt. Aber diese Notwendigkeit ist subjektiv; das ist bloß ein Menschenbegriff. Und Mauthner sagt sehr niedlich gegen den Philosophen Husserl, der die Ansicht vertreten hat, daß eine Notwendigkeit auch objektiv in den Dingen drinnen wäre: «Wenn ich nur wüßte, wie Notwendigkeit, eine menschliche Betrachtungsweise der Wirklichkeit, jemals objektiv werden kann.» Wenn ich das nur wüßte! — meint Mauthner. Sehen Sie, Mauthner fehlt alle Möglichkeit, einzusehen, wie etwas Subjektives objektiv werden kann. Er ist, ich möchte sagen, ein merkwürdiger Eurythmiker, dieser Mauthner; er kann niemals aus dem Subjektiven in das Objektive herübertanzen, weil er vollständig die Fähigkeit verloren hat, jene Figur in sich zu vollziehen, die aus dem Subjektiven ins Objektive herüberführt. Und zugrunde liegt dem, daß man nicht imstande ist, das Sein da aufzusuchen, wo einmal an einer charakteristischen Stelle das Subjektive ins Objektive wirklich hinübergeht. Wir wollen versuchen, uns eine solche Stelle einmal vor das geistige Auge zu führen.

[ 6 ] Wenn die menschliche Seele in sich eine Frage aufwirft, so will sie eine Antwort haben und wird subjektiv all diejenigen Vorgänge anstellen, diejenigen äußeren oder inneren Handlungen vollziehen, die zu der Beantwortung einer solchen Frage führen können. Nun wissen Sie ja, daß das Aufstellen einer Frage und das Finden einer Antwort wirklich ein subjektiver Vorgang ist. Es ist so subjektiv, daß der eine das geschickt, der andere das ungeschickt, in allen möglichen Nuancen macht. Das ist wirklich etwas, was zunächst in uns vor sich geht. Aber nehmen wir einmal das Folgende an. Nehmen wir an, ein Mensch wäre wirklich von Erkenntnissehnsucht durchglüht, von Erkenntnissehnsucht erfüllt und müßte sich deshalb in seiner Seele eine Frage aufwerfen. Er kann nun keine Antwort auf diese Frage finden. Nicht wahr, das ist subjektiv. Aber nehmen wir jetzt an: Zeit vergeht, wie man sagt, der Mensch lebt weiter. Der subjektive Vorgang ist der, daß der Mensch die Frage erlebt hat und das Nichtkommen zu einer Antwort erlebt hat, und er lebt jetzt weiter. Es kann sein, daß er sich später einmal erinnert an die Frage, mit dem Gedanken sich daran erinnert, daß er auf diese Frage keine Antwort erhalten hat. Aber es kann der ganz andere Fall eintreten. Es kann der Fall eintreten, daß ein reines Vergessen über der Frage sich bei dem betreffenden Menschen geltend macht. Aber dieses Vergessen wird nicht die Bedeutung haben, daß die Frage und das Nichtvorhandensein der Antwort ganz irreal in ihm ist, sondern daß der betreffende Mensch die Antwort nicht gefunden hat. Was rein subjektiv ist, kann später vielleicht für den, der diese Zusammenhänge durchschauen kann, zutage treten, daß darin der betreffende Mensch in bezug auf die Art, wie er sich im Leben darlebt, etwas Unsicheres zeigt. Man wird, wenn man fein zu beobachten versteht, sagen können: Dieser Mensch hat eine merkwürdig unsichere Gebärde, etwas merkwürdig Unsicheres im Blick. Es wird solch ein Zusammenhang zunächst, wenn man das einzelne Menschenleben in Betracht zieht, fein sein; aber man wird solche Zusammenhänge entdecken können und man wird entdecken können, daß manche unsichere Gebärde, manches Unsichere im Blick oder ähnliches in späteren Jahren zurückzuführen ist darauf, daß irgendeine Frage oder ein Fragenkomplex keine Antwort erhalten hat. Daß eine Geste da ist, daß etwas Unsicheres im Blick ist, das ist ein Objektives, ein ganz Objektives! Ein Objektives ist aus einem Subjektiven wirklich herausgekommen, hat sich herausgebildet. Wir können gewissermaßen dasjenige, was wir subjektiv erlebt haben, nach Jahren wiederfinden in den objektiven Vorgängen unseres Menschenwesens,

[ 7 ] Wenn Sie diese Gesichtspunkte verfolgen, so werden Sie finden, daß hier ein realer Weg liegt, Fragen zu beantworten, die sich Mauthner aus seinem Unvermögen heraus nicht beantworten kann. Deshalb sagt er: «Wenn ich nur wüßte, wie Notwendigkeit, eine menschliche Betrachtungsweise der Wirklichkeit, jemals objektiv werden kann.» Das Subjektive kann eben objektiv werden! Das ist dasjenige, was uns insbesondere aufgehen wird, wenn wir das gründlich berücksichtigen, auf was ich gestern schon aufmerksam gemacht habe: daß im Grunde genommen Gedächtnis, Erinnerung ein besonderer Bewußtseinszustand ist neben dem Schlafen und Wachen. Dieses Erinnern ist allerdings heute erst im Beginne und wird, wenn der Mensch zu dem folgenden planetarischen Dasein fortgeschritten sein wird, eine viel größere Rolle spielen, und es wird sich aussprechen im Wiedererkennen desjenigen, was früher erlebt worden ist. In diesem Wiedererkennen tritt dasjenige, was wiedererkannt werden muß, in einer ganz anderen Form vor uns hin, als wie es vorher da war. Wenn wir zum Beispiel subjektiv irgend etwas erleben, so wird es nach langer Zeit im einzelnen Menschenleben leise auftreten. In der nächsten Inkarnation wird es bedeutender auftreten. Da wird uns etwas an unserem Äußeren charakteristisch objektiv entgegentreten können, was vorher subjektives Erlebnis war. Und wenn wir in bezug auf vieles, was wir vergessen haben, fragen: Wo ist es hingekommen? — wir würden es entdecken, wenn wir nur wirklich ernsthaftig auf das, was Geisteswissenschaft uns gibt, uns besinnen wollten. Wir würden das, was von uns vergessen worden ist, in unserem Leben entdecken. Das, was hinuntergegangen ist in die Tiefe der Seele und nicht mehr im Subjektiven ist, das waltet und webt in unserem Unterbewußten drunten. Das Subjektive wird immer objektiv!

[ 8 ] Sehen Sie, wenn man sich auf ein Verständnis des Lebens wirklich einlassen will, dann muß man es schon sehr ernst und gewissenhaft nehmen mit diesen Dingen. Man muß versuchen, das Denken wirklich gewissenhaft auszubilden. Man muß zum Beispiel achten auf Gedankenfehler, die gemacht werden, weil sie innig mit Lebensfehlern zusammenhängen. Wie leicht findet man Menschen, die bei jeder Gelegenheit sagen: Nun, eitel bin ich wirklich nicht —; und dennoch, daß sie das sagen bei jeder Gelegenheit, das geschieht aus Eitelkeit. Sie sind so furchtbar eitel, daß sie bei jeder Gelegenheit sagen, wie nichteitel sie sind! Sie haben nur nicht genügend bedacht, lebensvoll bedacht, daß es sich selber aufhebt, wenn ein Kretenser sagt: Alle Kretenser sind Lügner —; denn wenn ein Kretenser das sagt, und es wäre wahr, so müßte er ja ein Lügner sein! Also könnte das nicht wahr sein, was er sagt, daß alle Kretenser Lügner sind. Aber von solchen Dingen ist notwendig, daß sie in das Leben umgesetzt werden, daß man wirklich achtet darauf, daß eine gewisse Feinheit im Denken zu einer unserer Gewohnheiten wird. Und so möchte ich Sie auf etwas aufmerksam machen, was als Denkfehler in einer der vielen Betrachtungen charakteristisch auch bei Mauthner herrscht. Mauthner hat einen Artikel «Notwendigkeit» in seinem Wörterbuch. Da bemüht er sich zu zeigen, wie die Notwendigkeit nur ein Menschengedanke ist, wie die Notwendigkeit gar nicht in den Dingen drinnen liegt. Er macht bei diesem Artikel aus einem ganz besonderen Grunde dieses sonderbare Experiment des Um-sich-Herumtanzens und den Zopf bekommen wollen und ihn nicht erhalten können. Denn alles, was ihm klargeworden ist, das ist, daß es nicht notwendig ist, daß Notwendigkeit in den Dingen herrscht; daß keine Notwendigkeit besteht, daß Notwendigkeit in den Dingen herrscht. Es könnte ja in den Dingen auch Notwendigkeit herrschen, ohne daß das notwendig wäre! Dadurch, daß Mauthner eingesehen hat, es sei nicht notwendig, daß in den Dingen Notwendigkeit herrscht, dadurch ist noch nicht ausgemacht, daß keine Notwendigkeit in den Dingen herrscht; sondern das gerade könnte nicht notwendig sein, daß die Notwendigkeit da ist; das ist es, was man immer berücksichtigen muß.

[ 9 ] Für uns aber entsteht die Frage: Wie können wir die Notwendigkeit aufsuchen? Nun, ich will heute — morgen werde ich auf diese Dinge genauer eingehen — bloß gleichsam exemplifizierend versuchen, Ihre Gedanken in die richtige Richtung zu bringen. Nehmen Sie den Gedanken: Dasjenige, was wir subjektiv denken, es geht hinunter, es wird Inhalt unseres Gedächtnisses, aber es verliert sich auch da unten, wird objektiv. Und jetzt blicken wir hinaus in die Welt und suchen zunächst das Objektive. Wir finden gewiß Objektives in uns, sogar schon im einzelnen Leben, an Gesten, Mienen und so weiter. Erinnern Sie sich nur an das, was ich am Schlusse des gestrigen Vortrages angeführt habe: Was zuerst subjektiv war in der Welt, finden wir später objektiv. Da haben wir dann nötig, uns zu fragen: Ja, können wir vielleicht auch mit diesem Objektiven ein Subjektives verbinden, was einmal da war, und was zu diesem Objektiven draußen geworden ist? — Und so würden wir in unserer Welt draußen finden, daß alles dasjenige, dem wir Notwendigkeit zuschreiben müssen, notwendig geworden wäre dadurch, daß es aus einem Subjektiven einmal herausgefallen ist und objektiv geworden ist. Versetzen Sie sich zurück vom Erdensein auf das Sonnensein. Da haben wir es zu tun mit den Wesen, die das Sonnensein geleitet haben. So wie wir jetzt denken, fühlen und wollen, werden ein Ähnliches getan haben diese Wesen, die dazumal während des Sonnenseins innerlich subjektiv in ihren Seelen etwas erlebt haben, etwas durchgemacht haben, tätig waren. Das, was sie damals durchgemacht haben während des Sonnenseins, finden wir jetzt draußen in der Welt. Jetzt tritt es uns als Weltengeste und Weltenmiene entgegen, als Weltenphysiognomie. Es ist objektiv geworden. Wenn ich grob sprechen will: Während des Sonnenseins habe meinetwillen ein Wesen seinen Willen ausstrahlen lassen, ganz subjektiv, so wie unser subjektiv Gedachtes oder Gefühltes ins Gedächtnis also hinuntergeht und dann objektiv wird. So ist dieses Wollen, dieses Ausstrahlen der alten Sonnenwesen heruntergegangen, wurde Gedächtnis, und wir schauen es jetzt von außen an. Wie wir im Blick irgendein früheres Erlebnis eines Menschen von außen anschauen, objektiv, so schauen wir heute in dem Lichtverbreiten der Sonne einen Willensentschluß von Wesen, die während des alten Sonnenseins subjektiv gewirkt haben. Wir schauen es. Wir können wirklich sagen: Ja, wenn ich einen Menschen sehe, der im Alter irgendeine Verbissenheit um den Mund herum hat, das ist doch gewiß etwas ganz objektiv draußen Befindliches in der Welt. Wenn ich dem nachgehen werde, so werde ich diesen Zug der Verbissenheit um seinen Mund vielleicht zurückführen können auf manches Bittere, das er ganz subjektiv in seiner Kindheit erfahren hat. Das Subjektive ist objektiv geworden.

[ 10 ] Wenn ich dasjenige, was heute als Gebirge aufgetürmt ist, erblicke, so werde ich diesen Zug der Erde, der meinetwillen in der Aufgetürmtheit des ganzen Alpensystems da ist, zurückverfolgen können. Wenn ich es nur weit genug, bis ins Saturndasein vielleicht, zurückverfolge, so werde ich da irgendein seelisch-geistiges Erlebnis haben, das dazumal durchlebt worden ist, und das, jetzt wie in der Physis der Erde festgehalten, das dazumal subjektive Erlebnis darstellt. Dazumal hätte es anders sein können, dazumal hätte es so sein können, daß sich jene Götter, die das oder jenes Seelisch-Geistige erlebt hätten, auch zu anderem hätten entschließen können; dann würden heute selbstverständlich die Alpen anders sein. Aber denken Sie nur einmal: Bei dem Saturn haben sich die Götter entschlossen, irgend etwas Bestimmtes zu tun innerlich, dann sind sie durch das Sonnen-, Mondensein gegangen; dann, wie sich der Mond zur Erde entwickelt hat, haben sie schon nicht mehr sich umentschließen können. Das ist gerade so, wie wenn wir irgend etwas, das wir im achtzehnten Jahre noch nicht gelernt haben, nur sehr schwer nachholen können. Wir können es nachholen, aber daß wir es dann nachholen müssen, das bewirkt jedenfalls schon wiederum etwas, was nicht bewirkt würde, wenn wir es zu früherer Zeit durchgemacht hätten. Daraus werden Sie ersehen, daß es zwar zur Saturnzeit noch den göttlich-geistigen Wesen freigestanden hat, irgendeinen Entschluß zu fassen, aber nachdem der Entschluß gefaßt, waren sie zur Mondenzeit schon nicht mehr frei, es anders als so zu führen, daß der Alpenzug gerade von Westen nach Osten geht. Sie haben sich zum Beispiel gerade durch das, was sie früher gedacht haben, engagiert; das ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Es ist nicht mehr ungeschehen zu machen — wenn man wahr bleiben will —, was geschehen ist. Subjektiv können ja Menschen versuchen, das, was sie subjektiv erlebt haben und was objektiv geworden ist, auszulöschen; aber objektiv wird dasjenige, was sich daraus entwickelt hat, nicht ausgelöscht sein. Wenn ich zum Beispiel in der Jugend eine Nachlässigkeit begangen habe, in der späteren Jugend irgend jemand, den ich hätte erziehen sollen, nicht erzogen habe, so entspricht das meinem Subjektiven von dazumal. Später, nach zwanzig Jahren, kann ich ja ableugnen, daß ich dazumal nachlässig gewesen bin, das ändert aber nichts an dem Objektiven, das aus dem Subjektiven hervorgegangen ist: der, den ich nicht erzogen habe, der ist zu dem geworden, was entstand durch das, was ich versäumte. Das Objektive, das aus unserem Subjektiven hervorgegangen ist, das nimmt den Zug von Notwendigkeit an; aus dem läßt sich die Notwendigkeit nicht herausleugnen. Und in dem Maße, als das Subjektive in das Objektive übergeht, schleicht sich in das Objektivwerdende die Notwendigkeit ein. Und um die Notwendigkeit zu leugnen, muß man geradezu etwas ableugnen.

[ 11 ] Verfolgt man von diesem Gesichtspunkte aus streng logisch die Begriffe, dann findet man einen innigen Zusammenhang zwischen alledem, was man notwendig nennt, und alledem, was Vergangenheit ist, also zwischen Notwendigkeit und Vergangenheit. Und in alledem, was uns in der Gegenwart entgegentritt, tritt das Vergangene wieder auf. Das Vergangene ist in dem Gegenwärtigen da. Und soviel Vergangenes in einem Gegenwärtigen ist, so viel Notwendiges ist darin. Das Leben erstarrt auf der einen Seite in das Vergangene. Aber dabei wird das Vergangene notwendig. — Ich möchte Ihnen diese Sache etwas anschaulicher noch sagen: Es ist ein Aberglaube, anzunehmen, daß in dem gewöhnlichen Gang der Ereignisse dasjenige, was man als den gesetzmäßigen Zusammenhang erkannt hat, durch ein Wunder durchbrochen werden könne. Warum? Soviel muß geschehen nach notwendigen Regeln, als Vergangenes in den Ereignissen ist. Und würden die Götter in einem Zusammenhang dasjenige durchbrechen, was gesetzmäßig drinnen ist, so würden die Götter lügen; sie würden ableugnen das, was sie vor Zeiten festgestellt haben. Und so wenig wir ein Vergangenes anders machen können durch eine spätere Behauptung, ebensowenig können wir das Stück Vergangenheit, das als Notwendiges in den Dingen drinnen ist, ändern. Und nur das können wir an den Dingen nicht ändern, was an den Dingen Vergangenheit ist. Der Notwendigkeitsbegriff muß mit dem Vergangenheitsbegriff zusammenwachsen. Das ist ein ungeheuer Wichtiges. In allen Dingen und in allen Wesen steckt Vergangenheit und deshalb Notwendigkeit. Und so viel Notwendigkeit steckt in den Dingen, als Vergangenheit in den Dingen steckt. Und darum ist das Notwendige in den Dingen Notwendigkeit, weil es ein wiederkehrendes Vergangenes ist, und das, was geschehen ist, sich nicht ableugnen läßt. Sie können sich ganz gut bildlich irgend etwas vorstellen, was heute notwendig ist; denn das ist vor Zeiten geschehen. Vor Zeiten ist es geschehen, und jetzt tritt es einem entgegen in dem Spiegel.

[ 12 ] Aber Sie können es im Spiegel ebensowenig ändern, wie Sie, wenn Sie eine Warze auf der Stirne haben und sich im Spiegel schauen, im Spiegel diese Warze wegmachen können. Sie müßte ja erst weggemacht werden von der Stirne. Ebensowenig können Sie an dem, was heute als notwendig erscheint, eine Änderung vollziehen; denn das heute notwendig Erscheinende, das ist in Wirklichkeit schon geschehen vor Zeiten. Das ist vorbei. Das erscheint nur in seinem späteren Spiegelbild. Alles, was in uns notwendig ist, ist eigentlich vorbei und wirft nur seinen nachzeitlichen Spiegel in uns herein. Und nur wenn die Menschen sich aufschwingen werden dazu, zu begreifen, daß Dinge, die schon auf dem alten Mond, im alten Sonnendasein, im alten Saturndasein geschehen sind, jetzt sich spiegeln in uns, nur das Spiegelbild des alten Geschehens in uns sind, nur dadurch wird die Notwendigkeit begriffen werden.

[ 13 ] Und jetzt denken Sie zurück, daß eine gewisse Anschauung uns dazu führt, daß wir unsere Begriffswelt eigentlich im Mondendasein finden. Ich habe schon früher dargestellt, wie man eigentlich zurückschauen würde auf das Mondentableau, wenn man die heutige Umwelt begrifflich betrachtet. Da haben Sie den Zusammenhang. Es ist gar nicht wahr, daß gewisse Dinge, die jetzt scheinbar in uns vorgehen, jetzt wirklich vorgehen. Sie gehen nur im Spiegel vor. In Wirklichkeit haben sie sich in den früheren Stadien unserer Erdenentwickelung abgespielt. Ich habe in den verflossenen Vorträgen gesagt: Hohlköpfe haben wir eigentlich. Warum haben wir Hohlköpfe? Weil dasjenige, was Inhalt ist, früher sich abgespielt hat und jetzt nur das Spiegelbild früheren Geschehens zum Beispiel auch in unserem Kopfe sich abspiegelt. Aber wenn wir diesen Begriff des Spiegelbildes nicht fassen können, so werden wir immer der Maja, der äußeren Scheinwirklichkeit gegenüber in den Fehler verfallen, in den das Kind verfällt, und in den, verzeihen Sie, die moderne Naturwissenschaft verfällt: Man sieht die Gegenstände im Spiegel, und läuft hinter den Spiegel, um sie dahinter zu suchen. Und wenn man hinter den Spiegel kommt, so ist alles verschwunden. Das was notwendig ist, ist vergangen; und daß sich Vergangenes spiegelt, das ist der Grund, warum in der Gegenwart Notwendigkeit ist. Das Vergangene, das kann nicht geändert werden.

[ 14 ] Es ist, ich gebe es zu, an diesen Begriffen einiges zu knacken, und deshalb wollen wir hier die Sache unterbrechen und sehen, wie wir bis morgen in uns selbst mit dem Durchdenken dieser Begriffe zurechtkommen. Morgen wollen wir dann übergehen zu den Begriffen des Zufalls und der Vorsehung und sie mit der Notwendigkeit verknüpfen.