Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung
Imaginative Erkenntnis und Vorgänge nach dem Tode
GA 163
30 August 1915, Berlin
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gesehen, daß das Notwendige mit dem Vergangenen zusammengedacht werden muß, daß gewissermaßen in dem Geschehen der Welt soviel Notwendiges steckt, als Vergangenes darin ist, weil sich das Vergangene in dem Gegenwärtigen, wie wir versucht haben zu begreifen, spiegelt. Und dann handelt es sich darum, daß wir gerade an solchen Begriffen, über die wir uns klarwerden wollen, gewissermaßen eine Art von Stärkung suchen, damit wir, gestärkt durch solche Begriffe, dann an eigentlich geisteswissenschaftliche Wahrheiten herangehen können. Das ist in vieler Beziehung das Verhängnisvolle, daß man oftmals ein großes Verlangen trägt nach den, wie man so sagen könnte, verborgenen geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, und daß man sich scheut, sein Denken, sein Vorstellen zu stärken durch die Aufnahme und Durchprägung strenger Begriffe. Diese Aufnahme und Durchprägung strenger Begriffe disziplinieren unseren Geist und unsere Seele. Und wenn wir nicht scheuen, bei solcher Aufnahme und Durchprägung von Begriffen und Ideen innerlich wahr zu bleiben, dann werden wir niemals durch die eigentlichen geisteswissenschaftlichen Begriffe irgendeine Gefahr laufen können.
[ 2 ] Allerdings, ich habe es ja schon erzählt, hat sich immer wieder und wiederum gezeigt, wie überwiegend bei vielen die Sehnsucht nach geisteswissenschaftlichen Wahrheiten und wie wenig überwiegend die Sehnsucht nach der Durchprägung fester Begriffe ist. Gleich im Anfang, als wir auf unserem geisteswissenschaftlichen Gebiet zu arbeiten begannen, hat es einige gegeben, die erklärt haben, sie könnten zu meinen Vorträgen eigentlich doch nicht kommen, denn sie verfielen, weil da mit Begriffen gearbeitet werde, in eine Art von Schlafzustand! Und einzelne besonders mediale Naturen, die haben es sogar so weit gebracht, daß sie herausgehen mußten aus den Sälen, in denen in Berlin vorgetragen wurde, und eine Dame fand man einmal sogar hingefallen draußen, so stark war sie in Schlaf eingelullt worden dadurch, daß klare Begriffe gesucht wurden.
[ 3 ] Man hat auch einmal Goethe vorgeworfen, daß er mit seinen Begriffen von der Metamorphose der Pflanze, von der Metamorphose der Tiere, mit seinen Begriffen des auf die Farbe bezüglichen Urphänomens «blasse Begriffe» schaffe. — Er hat in seine «Weissagungen des Bakis», von denen ich auch schon gesprochen habe, eine Stelle hineingetan, die sich auf diese Scheu vor — wie die Leute sagen — «blassen Begriffen» bezieht. Allerdings ist auch dieser Vierzeiler recht mißverstanden worden von denjenigen, die die «Weissagungen des Bakis» auszulegen versucht haben. Goethe sagte: «Blaß erscheinest du mir» — der Begriff, die Idee — «und tot dem Auge. Wie rufst du, aus der inneren Kraft, heiliges Leben empor?» Das ist so richtig von Goethe geprägt, der Ausspruch derjenigen, die nicht gerne scharfe Begriffe hören, sondern dabei einschlafen, die immer gerne in wohligen Worten über geheimnisvoll Mystisches hören möchten, bei dem sich auch etwas träumen, nicht nur denken läßt. Die sagen: «Blaß erscheinest du mir, und tot dem Auge.» — Zu dem sagen sie das, der manchmal auch in etwas schärferen Begriffen sprechen will. — Und dann fragen sie ihn: «Wie rufst du, aus der inneren Kraft, heiliges Leben empor ?» Da antwortet Goethe:
Wär ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig genießen;
Nur der Mangel erhebt über dich selbst dich hinweg.
[ 4 ] Das heißt, der Mangel an dem für das Auge Vollendeten, also an Sinnenfälligem, der erhebt einen über sich selbst hinweg. Sonst ist man selber tot in der Welt, wenn man nicht versucht, das, was die Menschen oftmals «blasse Begriffe» nennen, wirklich prägend in sich aufzunehmen. Und so müssen wir schon manchmal, damit alles Barock-Mystische von unserer Geisteswissenschaft weiche, uns auch der Betrachtung haarscharfer Begriffswelten hingeben.
[ 5 ] Von Notwendigkeit habe ich zunächst gesprochen. Es frägt sich zunächst, ob alle die Begriffe, die wir so sehr häufig im trivialen Leben mit dem Begriff der Notwendigkeit zusammenbringen, wirklich alle zusammengebracht werden dürfen mit dem Begriff «Notwendigkeit». Mancher sagt: Das Notwendige muß geschehen. — Aber ist das nun wirklich unter allen Umständen richtig, zu sagen: Das Notwendige muß geschehen? — Sehen Sie, mit diesem «Das Notwendige muß geschehen», ist es so, wie ich es Ihnen durch einen Vergleich klarmachen möchte. Nehmen wir an, wir haben hier einen Fluß (es wird gezeichnet), hier eine Gebirgsformation, so hinansteigend, und wir nehmen wahr, daß da oben ein Fluß oder ein Bach beginnt. Nehmen wir an, es wäre uns verwehrt, weiter zu sehen als bis hierher. Wir studieren durch irgend etwas den Verlauf des Flusses oder des Baches nach der Gebirgsformation, und wir können uns sagen: Nach dem, was wir von diesem Gesichtspunkte aus vielleicht studieren können, besteht die Notwendigkeit, daß dieser Bach in diesen Fluß hineinfließt. Das ist nach der Gebirgsformation absolut notwendig, und der Satz: «Der Bach fließt in diesen Fluß hinein», der könnte absolut eine Notwendigkeit ausdrücken. Aber nehmen wir an, es hätte jemand eine Regulierung angebracht und den Bach abgeleitet, so daß er hier so herfließt. Dann würde er das Notwendige verhindert haben, dann würde das Notwendige nicht geschehen sein. Es ist ein grober Vergleich, aber im Leben und im Werden ist es so: Die Notwendigkeiten sind da, aber die Notwendigkeiten müssen nicht immer geschehen. Wir müssen dasjenige, was geschieht, und dasjenige, was notwendig ist, auseinanderhalten. Das sind zwei verschiedene Begriffe.
[ 6 ] Nun erinnern wir uns an Verschiedenes. Erinnern wir uns zunächst an das Naheliegende, was wir uns gestern erworben haben: daß das Vergangene in das Gegenwärtige hereinwirkt und gewissermaßen in dem Gegenwärtigen als Spiegelbild vorhanden ist. Erinnern wir uns aber auch noch an etwas anderes, wo wir auch das Bild des Spiegels gebrauchen müßten. Wir haben ja des öfteren betont, wie eigentlich das menschliche Erkennen verläuft beim Walten des gewöhnlichen Tagesbewußtseins. Der Mensch ist eigentlich mit dem Teil, der erkennt, immer außerhalb seines Leibes und seiner Leibesfunktionen. Der lebt in den Dingen, habe ich oftmals gesagt. Und daß er etwas erkennt, das beruht darauf, daß sich sein Erleben in den Dingen an seinem Leibe spiegelt. So daß wir schematisch, wenn wir das als Leib ansehen (es wird gezeichnet), sagen können: Mit dem Teil der Erkenntnis sind wir außerhalb des Leibes, und am Leibe spiegelt sich dasjenige, was wir an den Dingen erleben.
[ 7 ] Nehmen wir also an, wir sehen eine blaue Farbe, so erleben wir eigentlich in einer blauen Blume, in der Zichorie zum Beispiel, das Blau. Nur kommt es uns da nicht zum Bewußtsein, sondern dadurch, daß es sich spiegelt im Auge. Unser Auge ist ein Teil unseres Spiegelungsapparates. Wir sehen unser Erleben, das wir in der Zichorie drinnen haben, indem wir es in unserem Auge spiegeln lassen. — Wir leben so auch in den Tönen. Aber das kommt uns zunächst nicht zum Bewußtsein, dies Leben in den Tönen; sondern erst dadurch kommt es uns zum Bewußtsein, daß es in unserem Gehörwerkzeug sich spiegelt. Unser ganzer Erkenntnisorganismus ist ein Spiegelungsapparat.
[ 8 ] Das war es, was ich dazumal, bei diesem letzten Philosophenkongreß in Bologna, auch philosophisch zu begründen versuchte.
[ 9 ] Unser Erkennen entsteht also als Spiegelung aus unserem Organismus, als Spiegelung desjenigen, was wir erleben. Und wenn Sie diesen Begriff des Spiegelns nehmen, sei es des Spiegelns des Vergangenen in der Gegenwart, sei es des Spiegelns unseres Erlebens durch unseren eigenen Erkenntnisorganismus, so werden Sie sich eines gestehen müssen: Dasjenige, was als Spiegelbild zu einer Sache hinzukommt oder zu einem Geschehen, das ist der Sache und dem Geschehen höchst gleichgültig. Es hat gar nichts mit der Sache und dem Geschehen unmittelbar zu tun. Wenn Sie ein Spiegelbild betrachten, so können Sie sich ganz gut denken, daß alles so ist, wie es ist, auch ohne daß Sie dieses Spiegelbild betrachten. Das Spiegelbild kommt also hinzu zu allem übrigen, zu dem, was im Spiegelbild wiedergegeben ist. Insbesondere bei unserer Erkenntnis ist es so. Dem Bild ist es ganz einerlei, ob wir uns gerade diese Erkenntnis bilden oder nicht.
[ 10 ] Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch eine Landschaft. Glauben Sie, daß die Landschaft weniger schön ist, oder überhaupt weniger das ist, was sie ist, wenn Sie nicht durchgehen würden und sie in sich selbst, an sich selbst spiegelnd erleben würden? Das ist etwas, was hinzukommt zu der Landschaft, der Landschaft ist das höchst gleichgültig. Ist es auch Ihnen gleichgültig? Nein, Ihnen ist es nicht gleichgültig. Denn indem Sie heute durch eine sich in Ihrem Inneren spiegelnde Landschaft gehen, dasjenige erleben, was sich da spiegelt, sind Sie in gewissen Grenzen morgen in Ihrer Seele ein anderer geworden. Das, was Sie da erlebt haben, was der Landschaft höchst gleichgültig ist, das bedeutet für Sie den Anfang eines inneren Seelenreichtums, der wachsen kann in Ihnen.
[ 11 ] Was heißt denn aber das eigentlich? Das heißt, wenn wir zunächst den Gesichtspunkt in bezug auf die Landschaft nehmen, daß wir sagen können: Dieses Geschehen, das spielt sich so ab bis hierher (es wird gezeichnet). Daß Sie durch die Landschaft gehen, das spielt sich extra ab, daneben. Die Landschaft spiegelt sich in Ihnen. Das wird nun weiteres Erlebnis in Ihrer Seele. Wodurch ist denn das entstanden, was da in Ihrer Seele weiter wächst und webt? Dadurch ist es entstanden, daß zu dem, was sich bis hierher abgespielt hat, etwas ganz Neues hinzugetreten ist. Es ist wirklich in Ihrer Seele aus dem Nichts etwas entstanden. Denn gegenüber allem Vorhergehenden ist das Spiegelbild ein Nichts natürlich, ein wirkliches, reales Nichts. Das heißt: Sie knüpfen an an dasjenige, an das gar nicht angeknüpft zu werden braucht. Sie kommen hinzu. Sie fallen zu dem notwendigen Geschehen hinzu als ein Lebendiges, das anknüpft etwas, was auch nicht bedingt war durch das Vorhergehende. Denn Sie hätten ja auch wegbleiben können. Dann würde nur alles dasjenige, was Sie von der Spiegelung haben, nicht eintreten.
[ 12 ] Indem Sie so etwas überlegen, erhalten Sie den Begriff des Zufalls. Darin steckt der wirkliche Begriff des Zufalls. Und daraus sehen Sie zugleich, daß, wo Zufall auftritt, zusammenstoßen müssen, wirklich zusammenstoßen müssen, könnte man sagen, Wesen oder Wesentliches, Daraus aber ersehen Sie, daß der Zufall möglich ist in der Welt. Und wäre er nicht möglich, so könnte diese Bereicherung nicht geschehen, die ein Wesen erfährt auf die Art, wie ich es Ihnen beschrieben habe.
[ 13 ] In dieser Form ist der Zufall durchaus ein gültiger Begriff. Er ist etwas innerhalb des Weltenwirkens, und er zeigt uns, daß neue Anknüpfungspunkte aus dem Spiegeln heraus gewonnen werden können im Weltenwerden. Würde es unmöglich sein, daß im Weltenwerden sich ein Glied an die anderen Glieder knüpft, ohne daß Spiegelung entsteht, dann würde das, was unter den Begriff der «Zufälligkeit» fällt, absolut ausgeschlossen sein. Würde es so sein, daß die Wiese Sie wie mit Fäden hinzieht, daß in ihr die Bedingungen liegen, daß Sie durchgehen, und würde nicht in Ihnen ein Spiegelbild entstehen auf die Art, wie ich es gesagt habe, daß es der Wiese gleichgültig ist, sondern würde die Wiese in Sie hineinprägen das Bild von sich aus, dann gäbe es nur dasjenige, was notwendiges gesetzliches Werden ist. Aber dann gäbe es überhaupt, so schwer das zu denken ist, nirgends Gegenwart. Nirgends gäbe es Gegenwart! — Was folgt daraus? Daß diejenigen Wesen, die ein solches Anknüpfen nicht mitmachen wollen, nicht weiter können, wenn sie ein solches Werden verfolgen; sie müssen wieder zurück (es wird gezeichnet). Denn das ist das Gesetz der Teufel und Gespenster, daß sie durch die Öffnung, durch die sie hereingekommen sind, wieder hinaus müssen. Das sehen Sie schon angeführt im Goetheschen «Faust». Sie können keine neue Werdewelle einleiten, sondern sie müssen wieder dahin, wo sie hergekommen sind. Dadurch aber, daß so etwas, eine solche neue Werdewelle, im Weltenwerden möglich ist, ist auch die Freiheit möglich.
[ 14 ] Nun ist bei allen unseren Erkenntnissen, mit Ausnahme einer gewissen Klasse von Erkenntnissen, keine reine Spiegelung da, sondern nur eine unreine Spiegelung, insofern bei unseren Erkenntnissen mitwirken allerlei Impulse. Aus unserer Vergangenheit her sind die Erkenntnisse nicht reine Begriffe, die wir uns machen. Wenn wir uns den reinen Begriff einmal angeeignet haben, so brauchen wir nicht mehr uns bloß zu erinnern, sondern der Begriff kann immer neu gebildet werden. Gewohnheit wird er zwar, aber er ist eine Gewohnheit, die mit dem Vergangenen dann abgeschlossen hat, und die immer in dem Begriff ein neues Spiegelbild hervorruft. Die Begriffe, die wir uns bilden, die sind reine Spiegelbilder. Die kommen von der anderen Seite her durch uns zu den Dingen hinzu. Daher kann, wenn wir einen Impuls in Begriffe fassen, der Begriff Impuls der Freiheit sein. — Das ist dasjenige, was ich dazumal versuchte, des breiteren in meiner «Philosophie der Freiheit» auszuführen. Gerade dieser Gedanke ist ja in meiner «Philosophie der Freiheit» ausgeführt.
[ 15 ] Aber der Freiheitsbegriff schließt den Zufallsbegriff notwendigerweise in sich. In diesem Sinne müssen wir uns strenge Begriffe aneignen, denn die haben auch für das Leben die tiefste Bedeutung. Ich will Ihnen einen Fall anführen, über den wir ja öfter gesprochen haben, der aber gerade hier seine besondere Beleuchtung findet. Nehmen wir einmal an, wir stehen der Krankheit gegenüber. Niemals dürfen wir der Krankheit gegenüber den Gesichtspunkt des Vergangenen, das heißt des Notwendigen entfalten, sondern wir müssen immer den Gesichtspunkt des Gegenwärtigen haben. Das heißt, wir müssen diesen Gesichtspunkt des Gegenwärtigen dadurch lebendig machen, daß wir helfen, so viel zu helfen ist. Hat die Krankheit zum Tode geführt, dann ist erst die Zeit, wo wir den Begriff der Notwendigkeit überhaupt ins Feld führen dürfen, und begreifen, daß die Sache notwendig war. Da geht das unmittelbar ins Leben über. Da müssen wir uns streng auf den Standpunkt stellen: Dem Vergangenen gegenüber Notwendigkeit, dem Gegenwärtigen gegenüber unmittelbares Leben! — So kann sich, indem wir versuchen die Begriffe von den Gesichtspunkten aus zu beleuchten, die fruchtbarer sind, uns in die Seele prägen eine gewisse Handhabung der Begriffe, wie wir an diesem einen Beispiel gesehen haben.
[ 16 ] Nun wäre allerdings über den Begriff des Zufalls sehr viel zu sagen. Das wird im Laufe der Zeiten schon noch geschehen. Ich wollte Ihnen zunächst einmal diesen Begriff des Zufalls prägen und Ihnen aufzeigen, inwiefern er eine Berechtigung hat. Die bequemste Art, das Werden anzuschauen, ist diese, daß wenn man einmal etwas vom Karma gehört hat, man sagt: Alles ist karmisch notwendig. — Wenn also jemand hier (es wird gezeichnet) eine Inkarnation und dazwischen das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und hier wiederum eine Inkarnation hat, und er nun in dieser zweiten Inkarnation irgend etwas erlebt, so sagt er: Nun ja, das ist die Folge desjenigen, was in der vorhergehenden Inkarnation war. — Aber es ist nicht durchaus notwendig, daß wir den Gesichtspunkt just in der gegenwärtigen Inkarnation bloß nehmen; wir können ja an die zukünftige Inkarnation denken, an die Inkarnation drei (es wird gezeichnet). Da kann etwas geschehen, was wir im Karma auf die gegenwärtige Inkarnation zurückführen. In der gegenwärtigen Inkarnation kann es aber durchaus ein erstes sein, das heißt, es kann unmittelbar aus der Spiegelung heraus durch ein Lebendiges Wirklichkeit geworden sein. Und das ist das Wesentliche, daß aus der Spiegelung heraus, die unwirklich ist, durch ein Lebendiges etwas wirklich werde. Dadurch verwandelt sich im Werden das Zufällige in das Notwendige. Dann, wenn das Zufällige vergangen ist, wird es ein Notwendiges.
[ 17 ] In wunderschöner Weise hat Goethe uns das «Wort eines Weisen», wie er es nennt, gesagt. Er hat es gesagt, als er einen großen Schmerz im Leben erfahren hat. Da prägt er in bezug auf das Werden im Menschengeschlecht das Wort, wie er sagte, «eines Weisen». Und das hieß so: «Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt», — das heißt: etwas bewirkt, und wenn es bewirkt ist, wird es der Vergangenheit einverwoben und ist ein Notwendiges, — «und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn macht». — Ein wunderschöner Meditationssatz! Lernen können wir daran zugleich etwas: daß Goethe unter dem Eindruck eines großen Schmerzes diesen Satz hingeschrieben hat, unter dem Eindruck eines Schmerzes, der sein ganzes Empfinden, sein ganzes Seelenleben veranlaßt hat, auf das Werden innerhalb der Menschheit hinzuschauen und sich zu fragen: Wie geschieht denn eigentlich dieses Werden? Und da entrang sich seiner Seele die Erkenntnis, daß die vernünftige Welt, die Menschen zusammen das Notwendige bewirken und sich dadurch über das Zufällige zum Herrn machen, das heißt, diesen Zufall ewig dem Notwendigen beischließen.
[ 18 ] Ich möchte das, was ich hier gesagt habe, nicht ohne eine Zwischenbemerkung lassen. Eine solche Erkenntnis ist wirklich ein guter Meditationssatz, weil ungeheuer viel darin liegt und uns herausfließt, wenn wir darüber meditieren. Wir sollen nicht bloß beim abstrakten Verstehen eines solchen Satzes stehenbleiben, der aus dem uralten Goethe herausgeflossen ist, als er 1828 einen großen Schmerz erlebt hat. Da steckt viel Leben drinnen, in einem solchen Satze! Und die Zwischenbemerkung, die ich machen will, ist diese: Erkenntnisse müssen wir eigentlich immer als eine Gnade ansehen, die uns wird. Und gerade derjenige, der Erkenntnisse gewinnt aus der geistigen, aus der übersinnlichen Welt, der weiß, wie solche Erkenntnisse ihm dann gnadenvoll werden, wenn er dazu vorbereitet ist, wenn sein Eigenes entgegenkommen kann einer gewissen Strömung, die aus der geistigen Welt wie in ihn eindringt. Gerade gegenüber den übersinnlichen Erkenntnissen erfährt man es immer wieder und wiederum, daß man bereitet sein muß, und daß man auf sie muß warten können; daß man nicht jederzeit geeignet ist, eine bestimmte Erkenntnis unmittelbar aus der geistigen Welt zu gewinnen.
[ 19 ] Es muß dies gesagt werden gerade da, wo man in einem solchen Zusammenhange lebt, wie der unsrige ist. Sehen Sie, gar leicht entstehen da Irrtümer über Irrtümer über die Art und Weise, wie übersinnliche Erkenntnisse überhaupt gedeihen und fruchtbar verbreitet werden können. Gar mancher kommt zu mir und fragt aus dem Blauen heraus über dies oder jenes, und erhebt oftmals den Anspruch, Auskünfte zu erhalten über Gebiete, die mir in dieser Zeit, in der er aus dem Blauen heraus frägt, ganz ferne liegen. Er macht Anspruch darauf, daß ich ihm das Allerrichtigste sage. Denn das herrscht ja allgemein als eine Überzeugung geradezu, daß derjenige, der aus der geistigen Welt heraus spricht, eigentlich alles weiß, was in der geistigen Welt ist, und daß er jederzeit über alles in beliebiger Weise Auskunft geben kann. Und wenn er dann nicht so ohne weiteres auf eine Frage hin antwortet, dann bekommt er häufig zur Antwort: Derjenige, der fragt, dürfe das wohl nicht wissen oder dergleichen. Aber das, was hier zugrunde liegt, ist ein zu grobes Nehmen der Korrespondenz, die besteht zwischen der übersinnlichen Welt und der menschlichen Seele. Man sollte sich eben dessen bewußt sein, daß « Bereitschaft zur Wahrheit» dasjenige ist, was insbesondere notwendig ist zum unmittelbaren Entgegennehmen der Wahrheiten aus der geistigen Welt. Mißverständnisse über diese Dinge müssen allmählich beseitigt werden. Gewiß, diejenigen, die gewissermaßen noch ferner stehen dem eigentlichen Wahrheitsgebiet des Geisteslebens, die werden das Bedürfnis haben, alles mögliche zu fragen. Denen können ja dann Antworten gegeben werden aus dem Gedächtnis heraus über dasjenige, was erforscht ist. Aber ursprüngliche Wahrheiten sollten von keinem Geistesforscher so ohne weiteres aus dem Blauen heraus gefordert werden, sondern man sollte sich klar sein darüber, daß er es gewissermaßen empfindet, wie wenn man — kühn ins Physische übersetzt mit einem Messer ins Fleisch schneidet, indem man verlangt, daß er über irgend etwas Auskunft gibt, das nicht im bisherigen Gebiet seines Forschens liegt.
[ 20 ] Alles dasjenige, was den Menschen eben hinaufführt in die geistigen Welten, unterliegt einmal bestimmten Gesetzen. Und diese Gesetze, die muß man sich nach und nach aneignen, damit die Mißverständnisse gegenüber dem Hereinströmen der geistigen Wahrheiten in die physische Welt immer mehr und mehr abnehmen. Nur dadurch, daß wir uns bemühen, gerade in dieser Beziehung von allem Egoismus, auch des beliebigen Erkennenwollens, frei zu werden, nur dadurch schaffen wir gesunde Grundlagen der geistigen Bewegung, wie sie jetzt sein soll und sein muß. Es müssen einfach gewisse geistige Wahrheiten der Welt heute einverleibt werden. Aber man soll ihnen nicht mit den Aspirationen entgegentreten, die man von der Welt hereinbringt, in der man früher auch gelebt hat, und alles so, wie man es früher entfaltet hat, auch gegenüber den geistigen Wahrheiten entfalten wollen. Dadurch soll man nicht diese geistige Bewegung untergraben. Geistige Bewegungen sind zumeist dadurch untergraben worden, daß die Menschen durchaus nicht ihre Lebensgewohnheiten den geistigen Wahrheiten anpassen wollten, sondern daß sie die Lebensgewohnheiten, die sie schon gehabt haben, hineinbringen in das Gebiet des Empfangens der geistigen Wahrheiten. Und so ist es denn gekommen, daß im 18. Jahrhundert aus dem Strome, der durch Ja£ob Böhme eingeflossen ist dem europäischen Geistesleben, eine Gesellschaft begründet worden ist. Berichtet wird heute, und zwar der Wahrheit gemäß, daß diese Gesellschaft eine Anzahl von Mitgliedern gehabt habe, daß aber geblieben sei ein einziger, und zwar derjenige, der die Gesellschaft begründet hat! — Nun habe ich ja immer die Hoffnung, daß bei uns mehr bleibt als ein einziger. Aber dazumal war es eben so bei einem Versuch, eine Gesellschaft zu begründen. Und erzählt wurde, daß eine ungeheuer große Anzahl derjenigen, die Anhänger geworden sind, zu ganz merkwürdigen Menschen nachher geworden sind. Ich will gar nicht alles aufzählen, was erzählt wird von den Anhängern jener Gesellschaft im 18. Jahrhundert.
[ 21 ] Man bekommt, indem man sich in die geistige Welt einlebt — und das kann man wohl durch das Empfangen der Geisteswissenschaft —, immer mehr und mehr ein Gefühl, ein Empfinden für das Beschlossensein in einer geistigen Welt. Und indem man die Welt, in der man lebt, mit scharfgeprägten Begriffen umfaßt, bereitet man sich auch vor, in der richtigen Weise in die höheren Welten begreifend sich zu erheben. Wer nicht «Notwendigkeit» und «Zufall» so scharf denken will, wie wir es jetzt versucht haben, der wird nicht leicht sich erheben zu dem Begriff der «Vorsehung». Denn sehen Sie, lernen kann man viel an den geistigen Wesenheiten, die uns umgeben.
[ 22 ] Die heutige Geisteskultur ist ja vielfach geistverlassen. Wie geistverlassen sie ist, habe ich Ihnen an manchen Bemerkungen, die ich Ihnen aus Fritz Mauthner zitiert habe, klarzumachen versucht. Eine der kuriosesten Bemerkungen Fritz Mauthners möchte ich noch hinzufügen, damit Sie sehen, wozu ein ehrlicher Mensch kommt, ein Mensch, der nicht bloß von dieser Wissenschaft, wie sie heute besteht, wie sie überall vertreten wird, sagt: Nur diese Wissenschaft ist da, wir wissen eben heute das, was die dummen Vorfahren noch nicht gewußt haben, und ihr Nichtbegreifen haben wir endlich abgestreift —, sondern der das, was heute die allgemeinen Gesichtspunkte sind, ehrlich nehmen kann, und dann in bezug auf eine Sache zu merkwürdigen Konsequenzen kommt. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, Fritz Mauthner hat Kant «überkantet». Er hat nicht nur eine «Kritik der reinen Vernunft», sondern eine «Kritik der Sprache» geschrieben. Er geht überall auf die Worte los. Und er hat sich eine bestimmte Definition gebildet für das Übergehen eines Wortes von einem Gebiete in ein anderes Gebiet. Ich führe absichtlich ein falsches, aber von Mauthner für richtig gehaltenes Beispiel aus seinem «Wörterbuch der Philosophie» an: Im Gebiete der älteren lateinischen Kulturen gab es das Wort veritas = Wahrheit. Nun sagt er dazu, daß dieses Wort veritas in die neuere deutsche Kultur herübergenommen worden sei, daß man es einfach so herübergenommen habe, und daraus sei das Wort «Wahrheit» entstanden. So etwas nennt er eine «Lehnübersetzung». Und solche Lehnübersetzungen verfolgt er mit einer ungeheuren Scharfsinnigkeit und mit großer Gewissenhaftigkeit durch viele Kulturen hindurch. Lehnübersetzungen — wie die Worte wandern und wie solche Lehnübersetzungen sich bilden, das verfolgt er. Er kramt ungeheuer in den Worten. Er hat nirgends die Sehnsucht, zu schauen «alle Wirkungskraft und Samen», aber er kramt in den Worten mit ungeheuerem Fleiße. Und so versuchte er denn auch etwa folgendes: Nehmen wir an, innerhalb eines Volkes finden sich Anschauungen. Von diesen Anschauungen nimmt Fritz Mauthner nur die Worte, denn für ihn besteht das Denken in den Worten. Nun sagt er: Diese Worte sind da; aber wir können sie zu einem anderen Volk zurückverfolgen. Das zweite Volk, wo die Worte sind, hat Lehnübersetzungen aus dem ersten. Und da bringt er es dann fertig, folgendes zu machen. Ich muß Ihnen das Beispiel anführen, denn es ist wirklich allzu nett, um von diesem Beispiel aus so in die gegenwärtige Art, wie man eigentlich denken muß, wenn man dieser Art treu ist, hineinzukommen. Es ist sehr wichtig, daß man an solchen Dingen nicht vorbeigeht. Da verfolgt er also verschiedene Lehnübersetzungen, das heißt, er sucht die Wortwandlungen von Gebiet zu Gebiet, unter anderem die folgenden: «Kaffee ist Lehnwort oder eigentlich Fremdwort geblieben; im Deutschen wenigstens ist weder Schreibung noch Aussprache einheitlich geworden. Patate ist im Englischen Lehnwort aus irgendeiner Indianersprache; in Karzoffel haben wir entweder Lehnübersetzung oder bastardierten Bedeutungswandel, in Erdapfel und Grum-, Bodebirn, liegt Umschreibung oder Beschreibung vor. Die Römer übernahmen von den Griechen die Sitte, dem Sieger beim Wettkampf oder beim Gelage eine corona, einen Kranz aufzusetzen. Blumenkränze wand man auch wohl anderswo. Aber erst durch die Renaissarice wurden Substantiv und Verbum wieder eingeführt, es gab Dichterkronen und gekrönte Dichter, wo dann Krone wie im Lateinischen Kranz bedeutete. Ja sogar die Pflanzenart, die bei den Griechen einheimisch war, wenigstens in historischer Zeit, wurde sprachlich und real importiert. Der Lorbeer (eigentlich doch der laurus und nicht die Beere,; der baccalaureus gehörte dann wieder als ein Symbol zu einem bestimmten Titel, zum Baccalaureat, französisch bachelier, um im englischen bachelor sich zu einer wieder neuen Bedeutung zu wandeln) wurde nach Speidels witzigem Wort das Gemüse des Ruhms, und der gekrönte Dichter hieß von Petrarca bis auf Tennyson poeta laureatus. Der wohlfeile Lorbeer brauchte keinen Ersatz. Der Myrthenkranz, der irgendwo im Orient nach irgendeiner falschen Beobachtung oder nach einer noch falscheren Volksetymologie zum Symbol des Geschlechtslebens und sodann just der Keuschheit wurde, war in Deutschland als Kraut leichter zu beschaffen denn als Blüte, und so gehen unsere deutschen Bräute unter einem Kranze oder einer Krone von echten Blättern und falschen Blüten. Ganz allgemein wird bei uns zur Osterzeit die Palme durch das einzig Grüne der Jahreszeit, des Weidenkätzchens, ersetzt; und weil Palme, im Orient der natürliche Pflanzenschmuck, in den Worten Palmsonntag, Palmwoche usw. zu einem Präfix geworden ist, welches gerade diese Festzeit bezeichnet, so werden die ersetzenden grünen Weidenzweige Palmzweige, Palmkätzchen genannt.»
[ 23 ] Sie sehen, er verfolgt solche Lehnübersetzungen, die von einem Volksgebiet ins andere gehen. Und daran knüpft er dann das Folgende: «Unerschöpflich für solche Realentlehnungen, auch für Verben, ist der Übergang des Christentums zu den abendländischen Völkern. Man mag die Wanderung der Realien des christlichen Kultus und die Wanderung der christlichen Gedankendinge im Buche selbst nachlesen. (Vergl. den Artikel Christentum.)»
[ 24 ] Nun, wenn wir den Artikel «Christentum» aufschlagen, so finden wir da einen schönen Satz darinnen: «Ich will hier vom Christentum, wie es als Schöpfung der germanischen und germanisch-romanischen Völker geworden ist und die abendländische Kultur durch Formen, Worte und Rücksichten vorläufig noch beherrscht, gar nichts weiter sagen und nachweisen als das Eine: daß das gesamte Christentum die ungeheuerste Lehnübersetzung oder Kette von Lehnübersetzungen darstellt, die wir im Lichte der Geschichte beobachten können.»
[ 25 ] Was ist also das Christentum nach Mauthner: Eine Summe von Lehnübersetzungen! Das heißt: Worte hat man gehabt da, wo das Christentum entstanden ist! Und wenn wir es jetzt in Europa aufsuchen, dann müssen wir Lehnübersetzungen da suchen. Diese Lehnübersetzungen — das ist das Christentum, und nichts anderes —, behauptet er. Wenn durch irgendeinen Zufall etwas anderes entstanden wäre, als daß man gerade bestimmte Worte in Lehnübersetzungen übernommen hätte, so hätte die ganze andere Kultur sich anders entwikkelt. Aber das Wichtige ist, daß dies doch echte Konsequenz ist unserer gegenwärtigen wissenschaftlichen Voraussetzungen. Es ist echte, es ist ehrliche Konsequenz, und diejenigen, die diese Konsequenz nicht ziehen, sind nur unehrlicher als Fritz Mauthner. Wer auf dem Standpunkte der gegenwärtigen Wissenschaft steht, muß eben sagen: Mir ist das ganze Christentum nichts als eine Summe von Lehnübersetzungen! — Es könnte einer etwa einwenden, daß ja Mauthner nur nachweist, inwiefern «Kaffee» als Lehnübersetzung in unsere Sprache gekommen ist, aber nicht, auf welche Weise der Kaffee selbst nach Europa gekommen ist. Gewiß, man kann sagen: Der Mann hat nicht nachgewiesen, wie, weil das Christentum eine Summe von Lehnübersetzungen ist, das Christentum nach Europa kommen mußte. Er hat über die Sache überhaupt nichts entschieden. — Den Einwand kann man so ohne weiteres nicht machen, sondern man muß sagen: Wenn man im Sinne der gegenwärtigen Wissenschaft denkt, so kann man eben nichts über die Sache wissen. Man schließt sich selber von der Sache aus. Das ist es.
[ 26 ] Kein Wunder dann, daß ein Mensch, der neben dem, was er ist und was ich Ihnen schon geschildert habe, außerdem eigentlich noch ganz gescheit ist, das Folgende sagt: «Ich gehe nicht so weit wie James (Psychologie 5.297), der jede Verbesserung des Gedächtnisses für unmöglich hält; es wäre nicht unmöglich, daß die Organe der Gedächtnisarbeit durch Einübung leistungsfähiger würden, wie sich das von den Organen der Muskelarbeit nachweisen läßt. Jedenfalls liegt der Schulpsychologie, die das Gedächtnis der jungen Leute durch sinnlose Übungen zu stärken glaubt, die alte Assoziationspsychologie zugrunde, die im Gedächtnis das Gedankending Kraft sieht, und in den Vorstellungen anderer Gedankendinge, mit denen diese Kraft spielen lernt. Ist aber das Gedächtnis nichts außer und neben seiner Tätigkeit, wie die Seele nichts ist außer und neben ihren Erlebnissen, so bleibt kein Gedankending übrig, das gestärkt werden könnte; der eiserne Wille, der sich selbst ein Vergessen brauchbarer Kenntnisse nicht durchgehen läßt, der sich mit Anstrengung erinnert, wo es ohne Anstrengung nicht geht, der ist Charaktersache; und in diesem Sinne ist das Gedächtnis eines Individuums allerdings unveränderlich wie der Charakter. Ganz abgesehen davon aber sind die sinnlosen Einübungen unserer Schule zum mindesten so nutzlos, wie es die Einübung falscher Muskeln für den erwünschten Gebrauch der Glieder wäre. Wer in seiner Jugend nichts weiter gelernt hat als auf seinen Händen zu gehen, kann nachher keinen Gebrauch davon machen, er wollte denn im Zirkus auftreten.»
[ 27 ] Er meint, unsere Kinder werden in der Schule so dressiert, daß sie eigentlich in falscher Weise ihr Gehirn gebrauchen lernen, so wie wenn man bloß lernen müßte, auf den Händen zu gehen, was man dann im Leben auch nicht gebrauchen kann. Aber trotzdem er das einsieht, kommt er auf gar nichts, was an die Stelle treten soll. Ich habe Ihnen erklärt, wie auch in dieser Beziehung das Aufleben dessen, was wir in unserer Eurythmie verfolgen, wichtig ist.
[ 28 ] «Auf den Händen gehen, mit dem Kopfe abwärts, das ist die Hauptsache, worin unsere jungen Leute geübt werden. Bibelsprüche (in der Volksschule), sämtliche Nebenflüsse eines fremden Stromes (in der Mittelschule), Tabellen und fachmännische, in Nachschlagebüchern bereite Details (auf der Universität), das sind die Gedächtnisübungen, die mit der angeblichen Stärkung des Gedächtnisses verteidigt werden. Bei meiner rechtshistorischen Staatsprüfung sollte und mußte ich die dreizehn Vorrechte eines Kardinals aufzählen, nach der Gottgesetzten Reihe, auch das Vorrecht auf ein Pallium durfte ich nicht vergessen, das von bestimmten Nonnen in einem bestimmten Kloster gewebt wird.
[ 29 ] Und die Schule sollte sich doch darauf beschränken, den Charakter des Schülers zu üben, den Charakter an die Arbeit zu gewöhnen, die nächsten oder die bequemsten oder die besten Wege zu finden zwischen brauchbaren Vorstellungen von der Wirklichkeitswelt.»
[ 30 ] Und jetzt sollte man erwarten, daß der Mann nun irgend etwas, was man an die Stelle dessen setzen soll, vorbringt! Daß das so nicht weitergeht mit der Geisteskultur, wie sie geübt wird, das sieht nun ein Mensch, der einigermaßen gescheit ist, ein. Aber man erwartet, daß jetzt das kommt, was er an die Stelle setzen will. Allein, da schließt der Artikel, es ist schon aus! Der Artikel schließt, er hat den Zopf, wie ich gestern gesagt habe, eben doch nicht erhaschen können. — Es ist fast jeder Artikel in diesem Wörterbuch so, daß er den Zopf, der hinten hängt, erreichen will und ihn nicht erreichen kann.
[ 31 ] Wenn man sich hindurchringt durch die Begriffe «Notwendigkeit» und «Zufall» und wenn man dieses erfassen lernt, daß schon die Menschenwelt als ein «unsterbliches Individuum» zu betrachten ist, das das Notwendige immer bewirkt, und sich dadurch über das Zufällige zum Herrn macht, und dazunimmt jenen Begriff, den man haben muß, wenn man vom Hereinfließen der geistigen Welt in die menschliche Seele etwas verstehen will, dann ringt man sich allmählich hinauf zu einem Begriff, der etwas darstellt, was erhaben ist über das Notwendige und das Zufällige, und das ist der Begriff der Vorsehung. Man gewinnt schon den Begriff der Vorsehung in der Welt, wenn man sich nach und nach heraufringt dazu. Ich habe Sie ja öfter schon darauf aufmerksam gemacht, daß das Anschauen der Welt gar nichts aussagt über dasjenige, was in der Welt wirksam ist. Gut wäre es, um sich in einer richtigen Empfindung in das, was ich eben gesagt habe, hineinzuversetzen, wenn man sich nicht so wie Mauthner in die Sprache vertiefte, sondern wenn man sich ein wenig vertiefen wollte in den Genius der Sprache, der hinter den Worten lebt. Manchmal könnte man bei Mauthner selber Belege dafür finden. Denn bei dem ungeheuren Fleiß, mit dem er seine Dinge zusammensucht, wird derjenige, der den Genius in der Sprache wirksam sieht, bei Mauthner manchmal große Aufschlüsse finden, die man gewöhnlich gar nicht sieht. Der Genius der Sprache führt uns schon dazu, uns zu fühlen in einem Walten des Gefühls, das über Notwendigkeit und Zufall erhaben ist. Denn es geschieht gar manches um uns herum, an dem wir Teil haben, indem wir sprechen, von dem wir aber doch nichts Rechtes wissen, weil wir nicht imstande sind, es in unser Bewußtsein voll heraufzunehmen. Dies ist, ich möchte sagen, die geistige Welt, die um uns herum webt und waltet. Und indem wir zum Beispiel reden — das sei natürlich eben auch nur als Exempel gesagt —, sprechen in diesem Augenblick auch diese geistigen Welten. Das sollten wir versuchen, auch gewahr zu werden.
[ 32 ] Versuchen wir einmal nur einen kleinen Anfang damit. Vergangenheit und Notwendigkeit haben wir zusammengebracht, und Gegenwatt und unmittelbares Leben haben wir mit Zufall zusammengebracht. Denn, würde alles notwendig, so wäre alles vergangen und es könnte nichts Neues entstehen, das heißt, es könnte kein Leben sein. Wenn wir also mit unserem eigenen Leben uns hineinstellen in das Werden der Welt, so umgibt uns Notwendigkeit, das heißt, die sich spiegelnde Vergangenheit und das, was man Zufall nennt, das Leben der Gegenwart. Das greift ineinander. Wir haben gleichsam zwei Strömungen: das Leben der Gegenwart, das man nur Zufall nennt, und wie einen Unterstrom die sich spiegelnde Vergangenheit, das Notwendige. Dasjenige, was in dem gewöhnlichen Sinne des physischen Planes als wahr gilt, das kann sich im Grunde genommen, wenn wir unter Wahrheit verstehen die Übereinstimmung mit dem, was schon ist, nur auf das Vergangene, das heißt, auf das Notwendige beziehen. Wahr muß sein, was vergangen, notwendig ist; was im lebendigen Entstehen ist, das müssen wir immer produzieren. Darinnen müssen wir leben. Darinnen müssen wir uns gerade aus dem Notwendigen herausfließende, lebendige Begriffe aneignen gegenüber dem Lebendigen. Da können wir nicht auf etwas, womit der Begriff übereinstimmt, hinschauen, sondern nur in dem Begriff selber leben. Daher können wir, wenn wir mit unserem Leben dem Strom des Werdens gegenüberstehen, das Vergangene, das im Werdestrom des Lebens ist, in uns bewahren dadurch, daß wir nun das Vorgegangene in seiner Spiegelung selber zu einem Gegenwärtigen machen. Und wir können es zu einem fortlaufenden Gegenwärtigen machen.
[ 33 ] Es kann eine Tugend des Menschen darin bestehen, daß er das Vergangene, das eigentlich ein starres Notwendiges ist, nun lebendig fortführt, das heißt, daß er das Spiegelbild fortführt, daß er das auch in sich bewahrt und fortleben läßt. Welche "Tugend führt das Vergangene weiter im Leben? Die Treue! — Im Leben ist die Treue die Tugend, die auf das Vergangene bezüglich ist, so wie Liebe die Tugend ist, die auf das Gegenwärtige, auf das unmittelbare Leben bezüglich ist. Aber in dieser Beziehung kommen wir auf das, was ich über den Sprachgenius, den wir gewahr werden sollten, sagen will. Sehen Sie, in der deutschen Sprache ist ein Anklang an das Vergangene, Notwendige, und an die gewöhnliche Wahrheit. Denn es hängt «Wahrheit» gar nicht mit veritas zusammen. Wahrheit hängt zusammen mit «Bewahren», mit dem, was sich «bewährt», mit dem, was «währt», mit dem, was fortdauert, was von der Vergangenheit herüberkommt. Und im Englischen hat man noch einen stärkeren Anklang an diesen selben Sinn, indem das, was im Deutschen die Tugend der Treue ist, auch für das Wort «wahr» da ist: true. So wirkt der Genius der Sprache. Und in einer sprichwörtlichen Redensart hat auch das Deutsche das bewahrt. Wenn man ausdrücken will, daß ein anderer die Wahrheit gesagt hat und man ihm glaube, Objektives und Subjektives, so sagt man noch «auf Treu und Glauben», statt «auf Wahrheit und Glauben». So wirkt der Genius der Sprache, der gescheiter ist als dasjenige, was die Menschen tun.
[ 34 ] Und wenn man sich dann aufschwingt von der Treue durch die Liebe zu dem, was man — und ich habe schon davon gesprochen — als Gnade bezeichnen kann, als dasjenige, worauf man warten muß, dann kommt man zu dem Begriff der Vorsehung, das heißt, man kommt in die Welt hinein, wo Vorsehung herrscht.
[ 35 ] Fritz Mauthner würde, wenn er das Wort «Vorsehung» nun bekommen würde, eben suchen, woher es lehnübersetzt ist, wie es zusammenhängt mit «sehen», «vorhersehen» und so weiter! Derjenige, der auf das Reale geht, sucht aber die Welt auf, auf die gedeutet ist, wenn weder Notwendigkeit noch Zufall, sondern die Vereinigung von beiden herrschen soll. Und das ist die Welt, in der es ein Vergangenes überhaupt nicht gibt in unserem Sinn.
[ 36 ] Wie oft habe ich Ihnen das gesagt: In dem Augenblick, wo man in die geistige Welt hineinschaut, ist es, wenn man in das Vergangene hineinsieht, so, daß das Vergangene wie stehengeblieben ist. Das ist noch da. Die Zeit wird zum Raume. Das Vergangene hört auf, unmittelbar Vergangenes zu sein. Dann hört der Begriff der Notwendigkeit auch auf einen Sinn zu haben. Man hat nicht ein Vergangenes, ein Gegenwärtiges, ein Zukünftiges, sondern man hat ein Dauerndes. Luzifer ist meinetwillen in der Mondenentwickelung so stehengeblieben, wie einer stehenbleibt, der mit einem anderen gegangen ist, und während der andere weitergeht, bleibt er, weil er zu bequem geworden ist, oder weil er wunde Füße bekommen hat, stehen. So wenig derjenige, der da stehengeblieben ist, mit dem Ort etwas zu tun hat, an dem der andere angekommen ist nach einiger Zeit, so wenig hat Luzifer direkt mit unserem Erdendasein etwas zu tun. Er ist eben im Mondendasein stehengeblieben. Da steht er heute noch. In der geistigen Welt können wir nicht sprechen von einem vergangenen, sondern nur von einem dauernden Dinge. Der Luzifer ist so da, wie er damals da war. Blickt man in die geistige Welt, so ändern sich alle Begriffe von Notwendigem und Zufälligem, da herrscht Vorsehung.
[ 37 ] So wollte ich Ihnen zunächst wenigstens die Gebiete darlegen, auf denen wir das zu suchen haben, was mit den Begriffen Notwendigkeit, Zufälligkeit und Vorsehung bezeichnet wird. Es ist nur ein Anfang der Sache. Wir werden, nachdem wir wiederum eine Zeitlang anderes besprochen haben, auf diese Dinge wieder zurückkommen, um ab und zu auch uns solchen Betrachtungen hinzugeben, die von den, unter Anführungszeichen sei es gesagt, mehr «mystisch» angelegten Naturen vielleicht als unnötig angesehen werden innerhalb unserer Bewegung, von mir aber als sehr notwendig angesehen werden müssen, weil ich glaube, daß es für jeden wirklichen Mystiker notwendig ist, daß er sich auch zuweilen mit dem Denken beschäftigt.
