Der Wert des Denkens für
eine den Menschen befriedigende Erkenntnis
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft
GA 164
18 September 1915, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Ich habe gestern über eine Art aufsteigender Bewegung, die in der Menschennatur begründet ist, gesprochen. Und im Grunde haben wir durch die Betrachtung dieser aufsteigenden Bewegung alles dasjenige wiedergefunden, was wir schon kennen, nämlich auf der untersten Stufe die Erkenntnis, die nur für die Tatsachen des physischen Planes anwendbar ist, die physische Erkenntnis, die in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die gegenständliche Erkenntnis genannt ist. Also Physische Erkenntnis will ich sie heute nennen. Wir haben dann die nächsthöhere Stufe der Erkenntnis kennengelernt, die sogenannte imaginative Erkenntnis; aber wir haben sie betrachtet als urbewußte imaginative Erkenntnis; bewußte imaginative Erkenntnis kann ja nur vorhanden sein bei dem Menschen, der versucht, sich zu ihr durchzuringen auf die in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angegebene Weise. [Die Worte «physische Erkenntnis», «unbewußte imaginative Erkenntnis», «bewußte imaginative Erkenntnis» wurden an die Tafel geschrieben, siehe Schema.]
[ 2 ] Aber als Tatsache ist der Inhalt der imaginativen Erkenntnis, das heißt, sind Imaginationen in jedem Menschen. So daß eigentlich die Entwickelung der Menschenseele in dieser Beziehung nichts anderes ist als ein Ausdehnen des Bewußtseins auf ein Gebiet, das immer in der Menschenseele drinnen ist. Man kann also sagen: Mit dieser imaginativen Erkenntnis verhält es sich nicht anders, als es sich etwa verhalten würde mit Gegenständen, welche in einem zunächst finsteren Zimmer sind. Denn in den Tiefen der Menschenseele sind alle Imaginationen, die für den Menschen zunächst in Betracht kommen, genauso vorhanden, wie die Gegenstände eines finsteren Zimmers. Und wie diese um keinen einzigen vermehrt werden, wenn man Licht in das Zimmer hineinbringt, sondern wie alle bleiben, wie sie sind, nur daß sie beleuchtet sind, ebenso sind, nachdem das Bewußtsein für die imaginative Erkenntnis erwacht ist, in der Seele keine anderen Inhalte da, als schon vorher da waren; sie werden nur von dem Licht des Bewußtseins erleuchtet. Also wir erfahren gewissermaßen durch das Sich-Hinaufringen zur imaginativen Erkenntnisstufe nichts anderes, als was längst vorher in unserer Seele als eine Summe von Imaginationen vorhanden ist.
[ 3 ] Blicken wir noch einmal zurück auf dasjenige, was uns gestern hat klar werden können, so wissen wir ja: Wenn unsere Vorstellungen, die wir an den Gegenständen ringsherum durch unsere physischen Wahrnehmungen gewinnen, hinuntertauchen in das Gebiet der Erinnerungsmöglichkeiten, also ins Unbewußte hinunterversenkt werden, so daß wir in die Lage kommen, einige Zeit nichts von ihnen zu wissen, aber sie doch nicht verloren haben, sondern sie wieder heraufbringen können aus der Seele, dann müssen wir sagen, daß wir in das Unbewußte hinunterversenken dasjenige, was wir im gewöhnlichen physischen Bewußtsein haben. Es wird also die Welt der Vorstellungen, die wir durch die physische Erkenntnis an der Außenwelt gewinnen, ja immerfort von unserem Geistigen, von dem Übersinnlichen aufgenommen; sie schlüpft fortwährend in das Übersinnliche hinein. In jedem Moment ist es so, daß wir an der Außenwelt durch die physischen Wahrnehmungen Vorstellungen gewinnen, und diese Vorstellungen unserer übersinnlichen Natur übergeben werden. Es wird Ihnen nicht schwierig sein, dieses zu überdenken nach alle dem, was im Laufe der Jahre gesprochen worden ist, weil das ja gerade der alleroberflächlichste übersinnliche Prozeß ist, der nur denkbar ist, ein Prozeß, der sich fortwährend abspielt: der Übergang der gewöhnlichen Vorstellungen in Vorstellungen, an die wir uns erinnern können. So liegt es nahe, zu denken, was auch wahr ist gemäß der Geistesforschung, daß alles dasjenige, was sich abspielt, indem wir die äußere Welt wahrnehmen, ein Vorgang des physischen Planes ist. Auch dann, wenn wit an der physischen Außenwelt uns Vorstellungen bilden, ist das noch ein Vorgang des physischen Planes. In dem Augenblicke aber, wo wir die Vorstellungen hinuntersinken lassen ins Unbewußte, da stehen wir bereits beim Eingange in die übersinnliche Welt.
[ 4 ] Das ist sogar ein sehr wichtiger Punkt, der berücksichtigt werden muß von dem, welcher nicht durch allerlei okkultistisches Geschwätz, sondern durch ernstliche menschliche Seelenanstrengung ein Verständnis der okkulten Welt erlangen will. Denn es liegt schon eine ganz wesentliche Tatsache verborgen in dem Ausspruch, den ich eben angewendet habe: Wenn wir als Menschen den Dingen der Außenwelt gegenüberstehen und uns Vorstellungen bilden, so ist das ein Vorgang des physischen Planes. In dem Augenblick, wo die Vorstellung hinuntersinkt ins Unbewußte und dort aufbewahrt wird, bis sie wieder einmal heraufgeholt wird durch eine Erinnerung, vollzieht sich ein übersinnlicher Vorgang, ein richtiger übersinnlicher Vorgang. So daß Sie sich sagen können: Ist man imstande, diesen Vorgang zu verfolgen, der darinnen besteht, daß ein Gedanke, der oben im Bewußtsein ist, hinuntersinkt ins Unterbewußte und da unten als ein Bild vorhanden ist, kann man, mit anderen Worten, eine Vorstellung verfolgen, wie sie unten im Unbewußten ist, dann beginnt man eigentlich schon in das Gebiet des Übersinnlichen hineinzugleiten. Denn denken Sie doch nur einmal: Wenn Sie den gewöhnlichen Prozeß der Erinnerung vollziehen, so muß ja erst die Vorstellung in das Bewußtsein heraufkommen, und Sie gewahren sie dann heroben im Bewußtsein, niemals unten im Unbewußten. Sie müssen das gewöhnliche Erinnern unterscheiden von dem Verfolgen der Vorstellungen bis hinunter ins Unbewußte. Das, was im Erinnern stattfindet, können Sie vergleichen mit einem Schwimmer, der unter das Wasser sinkt und den Sie so lange sehen, bis er ganz untergetaucht ist. Jetzt ist er unten, und Sie sehen ihn nicht mehr. Wenn er wieder heraufkommit, sehen Sie ihn wieder! [Es wurde gezeichnet.] Ebenso ist es mit den menschlichen Vorstellungen: Sie haben sie, solange sie auf dem physischen Plan sind; gehen sie hinunter, so haben Sie sie vergessen; erinnern Sie sich wieder, dann kommen sie wieder wie der Schwimmer herauf. Aber dieser Prozeß, den ich jetzt meine, der also schon in die imaginative Erkenntnis hineinweist, der würde damit zu vergleichen sein, daß Sie selber untertauchen und dadurch den Schwimmer auch unten im Wasser sehen können, so daß er Ihnen nicht entschwindet, wenn er untertaucht.
[ 5 ] Daraus aber folgt nichts Geringeres, als daß die Linie, die ich vorhin gezeichnet habe, gleichsam die Niveaufläche — unter welche hinuntersinkt die Vorstellung ins Unbewußte, in die Erinnerungsmöglichkeit —, die Schwelle der geistigen Welt selber ist, die erste Schwelle der geistigen Welt. Das folgt daraus mit absoluter Notwendigkeit. Es ist die erste Schwelle der geistigen Welt! Denken Sie nur einmal, wie nahe der Mensch dieser Schwelle der geistigen Welt steht. [Die Worte «Schwelle der geistigen Welt» wurden neben das Schema geschrieben.]
[ 6 ] Und nun nehmen Sie einmal einen Vorgang, durch den man versuchen kann, richtig da hinunterzukommen, unterzutauchen. Der Vorgang würde der sein, daß Sie sich bemühen, Vorstellungen zu verfolgen bis hinunter ins Unbewußte. Das kann eigentlich nur durch Probieren geschehen. Es kann dadurch geschehen, daß man etwa folgendes macht. Man hat sich eine Vorstellung an der Außenwelt gebildet; man versucht unabhängig von der Außenwelt künstlich den Prozeß der Erinnerung hervorzurufen. Denken Sie, wie das empfohlen wird in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», indem die ganz gewöhnliche Regel des Rückschauens auf die Tagesereignisse angegeben wird. Wenn man rückschaut auf die Tageserlebnisse, dann übt man sich darin, gleichsam in die Wege hineinzukommen, welche die Vorstellung selber macht, indem sie untergetaucht ist und wiederum aufsteigt. Also der ganze Prozeß der Rückerinnerung ist darauf angelegt, nachzugehen den Vorstellungen, die unter die Schwelle des Bewußtseins hinuntergesunken sind.
[ 7 ] Aber außerdem wird dort in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesagt, daß man gut tut, die Vorstellungen, die man sich gebildet hat, umgekehrt, also von dem Ende nach dem Anfang zurückzuverfolgen; und wenn man den Tag überschauen will, den Strom der Ereignisse vom Abend zum Morgen hin rückwärts verlaufend zu verfolgen. Dadurch muß man eine andere Kraftanstrengung machen, als sie gemacht wird auf dem Wege der gewöhnlichen Erinnerungen. Und diese andere Kraftanstrengung bringt einen dahin, gewissermaßen unter der Schwelle des Bewußtseins das zu erfassen, was man als Erlebnisvorstellung gehabt hat. Und im Laufe des Probierens kommt man darauf, zu empfinden, innerlich zu erleben, wie man da den Vorstellungen nachläuft, ihnen unter diese Schwelle des Bewußtseins hinunter nachläuft. Es ist wirklich hier ein Vorgang des inneren erlebnismäßigen Probierens, der in Betracht kommt. Doch handelt es sich darum, daß man diese Rückschau wirklich ernsthaftig macht, nicht so macht, daß man nach einiger Zeit in bezug auf den Ernst der Sache erlahmt. Dann aber, wenn man diesen Prozeß des Rückschauens längere Zeit macht, oder überhaupt den Prozeß des Heraufholens eines Erlebnisses aus der Erinnerung, einer erlebten Vorstellungswelt macht, so daß man die Sache umgekehrt vorstellt, also eine größere Kraft anwendet, als man anwenden muß, wenn man sich in der gewöhnlichen Folge erinnert, dann erlebt man nun auch, daß man nicht mehr in der Lage ist, die Vorstellung von einem gewissen Punkte an so aufzufassen, wie man sie im gewöhnlichen Leben eben auf dem physischen Plan aufgefaßt hat.
[ 8 ] Auf dem physischen Plan lebt sich ja die Erinnerung so aus — und es ist für die Erinnerung auf dem physischen Plan das Beste, wenn sie sich so auslebt —, daß, wenn man die Vorstellung, die man erinnern will oder erinnern soll, dem Lebenszusammenhang nach treu heraufbekommt, man sie so heraufbekommt, wie man sie eben auf dem physischen Plan sich gebildet hat. Wenn man aber allmählich durch das angedeutete Probieren sich daran gewöhnt, den Vorstellungen gleichsam nachzulaufen unter die Schwelle des Bewußtseins, so entdeckt man sie da unten nicht so, wie sie im Leben sind. Das ist ja der Fehler, den die Menschen immer machen, wenn sie glauben, sie finden in der geistigen Welt einen Abklatsch dessen, was in der physischen Welt ist. Sie müssen voraussetzen, daß die Vorstellungen da unten anders aussehen werden. In Wirklichkeit sehen sie unter der Schwelle des Bewußtseins so aus, daß sie alles dasjenige, was sie gerade als Charakteristisches auf dem physischen Plane haben, abgestreift haben. Da unten werden sie ganz und gar zu Bildern; und sie werden ganz und gar so, daß wir in ihnen Leben spüren. Leben spüren wir in ihnen. Das ist sehr wesentlich, gerade diesen Satz ins Auge zu fassen: Leben spüren wir in ihnen. Sie können sich erst dann überzeugt haben, daß Sie einer Vorstellung da unter der Schwelle des Bewußtseins wirklich nachgelaufen sind, wenn Sie das Gefühl haben: die Vorstellung beginnt zu leben, sich zu regen. Ich habe ja, als ich das Hinaufsteigen zur imaginativen Erkenntnis mit dem Hineinstecken des Kopfes in einen Ameisenhaufen verglichen habe, von einem anderen Gesichtspunkte aus das erklärt. Ich habe gesagt: es beginnt sich alles zu regen, alles regsam zu werden.
[ 9 ] Nehmen Sie also zum Beispiel an, Sie haben während des Tages ich will ein ganz gewöhnliches Erlebnis nehmen — an einem Tische gesessen und ein Buch in der Hand gehabt. Jetzt, zu irgendeiner Zeit am Abend, da stellen Sie sich lebhaft vor, wie das war: den Tisch, das Buch, Sie dabeisitzend, wie wenn Sie außerhalb Ihrer wären. Und es ist dabei immer gut, sich die ganze Sache von vornherein bildhaft, nicht in abstrakten Gedanken vorzustellen, weil die Abstraktion, das Abstraktionsvermögen gar keine Bedeutung hat für die imaginative Welt. Also Sie stellen sich dieses Bild vor: sich sitzend an einem Tisch, mit einem Buch in der Hand. — Mit Tisch und Buch will ich einfach sagen, stellen Sie sich so lebhaft als nur möglich, irgendeinen Ausschnitt aus dem täglichen Leben vor. Dann, wenn Sie wirklich den Seelenblick auf diesem Bild ruhen lassen, wenn Sie wirklich intensiv meditierend das vorstellen, dann werden Sie von einem gewissen Moment ab anders als sonst fühlen; ja, ich will vergleichsweise sagen, so ähnlich, wie wenn Sie ein lebendiges Wesen in die Hand nehmen würden.
[ 10 ] Wenn Sie einen toten Gegenstand in die Hand nehmen, dann haben Sie das Gefühl: der Gegenstand ist ruhig, der kribbelt und krabbelt nicht in Ihrer Hand. Selbst wenn Sie einen bewegten toten Gegenstand in der Hand haben, so beruhigen Sie sich durch das Gefühl, daß das Leben eben ein solches ist, das nicht von dem Gegenstand ausgeht, sondern ihm mechanisch zugeteilt ist. Etwas anderes ist es, wenn Sie einen lebendigen Gegenstand, sagen wir eine Maus, zufällig in der Hand haben. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie haben in einen Schrank hineingegriffen und glauben, irgendeinen Gegenstand in die Hand zu nehmen und entdecken, Sie haben eine Maus in die Hand bekommen. Und dann, nicht wahr, dann fühlen Sie das Krabbeln und Kribbeln der Maus in Ihrer Hand! Es gibt Leute, die fangen ein ganz riesiges Geschrei an, wenn sie plötzlich eine Maus in ihrer Hand fühlen. Und das Geschrei ist nicht kleiner, wenn sie noch nicht sehen, was da krabbelt und kribbelt in der Hand. Es ist also ein Unterschied, ob man einen toten oder einen lebendigen Gegenstand in der Hand hat. Man muß sich erst an den lebendigen Gegenstand gewöhnen, um ihn in gewisser Weise zu ertragen. Nicht wahr, die Menschen sind gewöhnt, Hunde und Katzen zu berühren; aber sie müssen sich erst daran gewöhnen. Wenn man aber in der Nacht, in finsterer Nacht, jemandem ein lebendiges Wesen in die Hand gibt, ohne daß er es weiß, so findet er sich auch schockiert.
[ 11 ] Diesen Unterschied, den Sie fühlen zwischen dem Berühren eines toten und eines lebendigen Gegenstandes, den müssen Sie sich klarmachen. Wenn Sie einen toten Gegenstand anfassen, haben Sie ein anderes Gefühl, als wenn Sie einen lebendigen anfassen. Wenn Sie nun eine Vorstellung haben auf dem physischen Plan, so haben Sie ein Gefühl, das Sie vergleichen können mit dem Anfassen eines toten Gegenstandes. Aber sobald Sie wirklich hinunterkommen unter die Schwelle des Bewußtseins, ändert sich das; so daß Sie das Gefühl bekommen: Der Gedanke hat innerlich Leben, beginnt sich zu regen. Es ist die gleiche Entdeckung, die Sie haben — als Vergleich für das seelische Gefühl —, wie wenn Sie meinetwillen eine Maus erfaßt haben: es kribbelt und krabbelt der Gedanke.
[ 12 ] Es ist sehr wichtig, daß wir auf dieses Gefühl achtgeben, wenn wit einen Begriff von der imaginativen Erkenntnis bekommen sollen; denn wir sind in der imaginativen Welt in dem Augenblicke, wo die Gedanken, die wir heraufholen aus dem Unterbewußten, anfangen zu kribbeln und zu krabbeln, anfangen so sich zu benehmen, daß wir das Gefühl haben: da unten, unter der Schwelle, da quirlt und wurlt ja eigentlich alles. Und während es da oben im Oberstübchen ganz ruhig ist und die Gedanken sich so hübsch beherrschen lassen, so wie Maschinen sich behertschen lassen, läuft da unten ein Gedanke dem anderen nach, da kribbeln und krabbeln, da quirlen und wurlen die Gedanken, da unten werden sie plötzlich eine ganz regsame Welt. Es ist wichtig, daß man sich dieses Gefühl aneignet, denn in diesem Augenblick, wenn man das Leben der Gedankenwelt zu fühlen anfängt, ist man in der imaginativen oder elementarischen Welt drinnen. Da ist man drinnen! Und man kann so leicht hineinkommen, wenn man nur die aller-, allereinfachsten Regeln befolgt, welche in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben sind; wenn man nur nicht versucht, auf dem Wege von allerlei in den letzten Tagen ja angedeuteten «Praktiken» hineinzukommen. Man kann wirklich so leicht hineinkommen. Denken Sie sich doch nur, daß als etwas vom allerersten in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» klar angegeben ist, man solle zum Beispiel versuchen, das Leben einer Pflanze zu verfolgen: wie sie nach und nach wächst, wie sie nach und nach wiederum vergeht. Ja, wenn Sie das wirklich verfolgen, so müssen Sie ja in Gedanken dieses Leben der Pflanze durchmachen. Da haben Sie zuerst den Gedanken des ganz kleinen Samenkorns und wenn Sie den Gedanken nicht beweglich machen, so kommen Sie ja der Pflanze nicht nach in ihrem Wachsen. Sie müssen den Gedanken beweglich machen. Und dann wiederum, wenn Sie die Pflanze sich entblättern, allmählich absterbend, abwelkend denken, dann müssen Sie sich wiederum das Zusammenschrumpfen, das Zusammenrunzeln denken. Sobald Sie anfangen, das Lebendige zu denken, müssen Sie den Gedanken selber beweglich machen. Der Gedanke muß durch Ihre eigene Kraft anfangen, innere Beweglichkeit zu bekommen.
[ 13 ] Es gibt zwei schöne Gedichte von Goethe. Das eine heißt «Die Metamorphose der Pflanzen», das andere «Die Metamorphose der Tiere». Diese zwei Gedichte kann man lesen, man kann sie schön finden, aber man kann auch folgendes machen. Man kann versuchen, den Gedanken in diesen Gedichten wirklich so zu denken, wie ihn Goethe gedacht hat, von der ersten Zeile bis zur letzten und dann wird man finden: wenn man das durchmacht, kann sich der Gedanke innerlich bewegen vom Anfang bis zum Ende. Und wer den Gedanken dieser Gedichte nicht so verfolgt, hat die Metamorphose nicht verstanden. Wer aber den Gedanken so verfolgt und ihn dann hinuntersinken läßt ins Unbewußte, und sich wiederum, nachdem er das öfters gemacht hat, erinnert gerade an diesen Gedanken der Metamorphose — denn es ist dies kein anderes Denken, als wie Sie es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» verfolgen sollen —, wer also das ausführt, wer diesen Gedanken hinuntersenkt und dann sich bemüht, dies fünfzig-, sechzig-, hundertmal zu machen, und hundertundeinmal wird es vielleicht brauchen, der wird ihn einmal heraufkriegen. Dann aber wird dieser Gedanke, den er so praktiziert hat, ein beweglicher sein. Man wird erleben, daß er nicht so heraufkommt, wie etwa eine kleine Maschine, sondern verzeihen Sie nochmals das Beispiel — wie eine kleine Maus; man wird erleben, wie er selber ein innerlich bewegliches, lebendiges Element ist.
[ 14 ] Ich sagte, man kann so leicht hinuntertauchen in diese elementatische Welt, wenn man sich nur ein wenig losreißt von dem Hang aller Menschen nach abstrakten Gedanken. Dieser Hang, begrenzte, abstrakte Gedanken zu haben statt innerlich bewegliche Gedanken, der ist ja so furchtbar groß. Nicht wahr, die Menschen gehen so darauf aus, bei allem zu sagen, was das oder jenes ist und was damit gemeint ist, und sind so zufrieden, wenn sie sagen können, das oder jenes ist damit gemeint, weil ihnen das einen Gedanken gibt, der wie eine Maschine sich nicht regt. Und die Menschen werden im gewöhnlichen Leben so furchtbar ungeduldig, wenn man mit allen Mitteln versucht, ihnen bewegliche und nicht solche abstrakte Schachtelgedanken zu übermitteln. Denn alles äußere Leben des physischen Planes und alles Leben der äußeren Wissenschaft besteht aus solchen toten Schachtelgedanken, aus eingeschachtelten Gedanken. Wie oft habe ich es erleben müssen, daß Menschen mich bei dem oder jenem fragten: Ja, wie ist es denn? Was ist das? — Sie wollten einen abgeschlossenen, abgerundeten Gedanken, den sie sich aufschreiben können, um ihn dann wieder ablesen, ihn wiederholen zu können, so oft sie wollen, während das Bestreben sein muß, einen innerlich beweglichen Gedanken zu haben, einen Gedanken, der fortlebt, richtig fortlebt.
[ 15 ] Aber sehen Sie, die Sache mit der Maus hat doch auch ihre ganz ernste Seite. Denn warum schreien manche Menschen, wenn sie entdecken, sie haben in einen Schrank hineingegriffen und eine Maus in der Hand? Weil sie sich fürchten! Und dieses Gefühl tritt wirklich auch auf in dem Moment, wo man merkt, richtig merkt: der Gedanke lebt! Da fängt man auch an, sich zu fürchten! Und darin besteht eben die gute Vorbereitung für die Sache, daß man sich die Furcht vor dem lebendigen Gedanken abgewöhnt. Die Materialisten wollen zu solch lebendigen Gedanken nicht kommen, ich habe das oft betont. Warum? Weil sie Furcht haben. Ja, der Meister des Materialismus, Ahriman, erscheint einmal im Mysteriendrama mit dem Ausdruck «Furcht». Da haben Sie die Stelle in den Mysterien, wo das angedeutet ist, wie man empfindet, wenn die Gedanken beginnen, beweglich zu werden. Nun aber sind ja alle Angaben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wenn sie befolgt werden, eben dahin bringend, daß man sich diese Furcht vor dem beweglichen, vor dem lebendigen Gedanken abgewöhnt, richtig abgewöhnt.
[ 16 ] Sie sehen also, man kommt in eine ganz andere Welt hinein, in eine Welt, an deren Schwelle man das abstrakte Denken, das den ganzen physischen Plan beherrscht, richtig ablegen muß. Das Bestreben der Menschen, die mit einer gewissen Bequemlichkeit in die okkulte Welt hineinkommen wollen, besteht immer darin, daß sie das gewöhnliche Denken des physischen Planes da hinein mitnehmen wollen. Das kann man nicht. Man kann nicht in die okkulte Welt das gewöhnliche physische Denken hineinnehmen. Man muß das bewegliche Denken hineinnehmen. Das ganze Denken muß regsam, beweglich werden. Wenn man dies nicht spürt in sich — und wie gesagt, man macht es nur nicht richtig, wenn man es nicht verhältnismäßig bald spürt —, wenn man das nicht beachtet, was ich jetzt gesagt habe, dann kommt man sehr leicht dazu, eben nicht die Eigentümlichkeit der geistigen Welt zu erfassen. Und man sollte sie erfassen, wenn man sich überhaupt mit der geistigen Welt beschäftigen will.
[ 17 ] Sehen Sie, es ist so schwierig, auf diesem Gebiet zu kämpfen mit der menschlichen Abstraktheit; denn wenn Sie dies Bewegliche des Gedankens erfaßt haben, dann werden Sie auch begreifen, daß ein beweglicher Gedanke nicht in beliebiger Weise da und dort auftreten kann. Sie können zum Beispiel ein Landtier nicht im Wasser finden; Sie können dem Vogel, der für die Luft geeignet ist, nicht angewöhnen, tief unten im Wasser zu leben. Sie können, wenn Sie auf das Lebendige gehen, nicht anders, als zu der Vorstellung sich bequemen, daß man es aus seinem Element nicht herausnehmen darf. Das muß man beachten.
[ 18 ] Ich habe einmal in einer ganz strikten Weise, zunächst auf einem kleinen Gebiet — ich versuche es immer so zu machen, aber ich will es jetzt nur als Beispiel anführen — mit einem sehr wichtigen Gedanken versucht, gerade an einem Beispiel anschaulich zu zeigen, wie die Dinge sein müssen, wenn man mit diesem innerlichen Leben des Gedankens rechnet. Ich habe in Kopenhagen einen kleinen Vortragszyklus gehalten über «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», der auch gedruckt vorliegt. An einer bestimmten Stelle dieses Vortragszyklus habe ich aufmerksam gemacht auf das Geheimnis von den zwei Jesusknaben. Nun nehmen Sie es einmal, wie die Sache dort dargestellt ist. Wir haben einen Vortragszyklus, der in einer gewissen Weise beginnt. Es wird da aufmerksam gemacht, wie der Mensch sich schon gewisse Erkenntnisse aneignen kann, wenn er hinzublicken versucht auf die ersten Entwickelungsjahre des Kindes, zurückzublicken versucht auf diese Dinge. Das Ganze ist gestaltet. Dann geht es weiter. Es wird der Anteil der Hierarchien an dem Menschheitsfortschritt dargestellt — das Buch ist ja gedruckt, es ist wahrscheinlich in aller Hände, ich spreche also von etwas ganz Bekanntem —, dann wird in einem gewissen Zusammenhange, an einer ganz bestimmten Stelle, von den zwei Jesusknaben gesprochen. Das gehört zu der Besprechung der zwei Jesusknaben, daß es an der bestimmten Stelle geschieht. Und wer sagt: Ja, warum soll man denn nicht das herausnehmen können, diese Besprechung der zwei Jesusknaben, und sie auch so herausgerissen exoterisch vortragen? — der tut dieselbe Frage, wie einer, der frägt: Warum muß denn die Hand just hier am Arm sitzen, an diesem Teil des Körpers? Er könnte ja sogar sagen: Warum sitzt die Hand nicht am Knie? Da könnte sie ja vielleicht auch sein. — Der versteht den ganzen Organismus nicht als Lebewesen, der glaubt, die Hand könnte auch woanders sitzen, nicht wahr? Die Hand kann nirgends anders als am Arm sitzen! So kann in diesem Zusammenhang der Gedanke von den zwei Jesusknaben nicht an einer anderen Stelle sein, weil versucht ist, die Sache so auszubilden, daß der lebendige Gedanke in der Darstellung drinnen liegt.
[ 19 ] Nun kommt einer und schreibt eine Schrift und nimmt diesen Gedanken grobklotzig heraus und setzt ihn mit anderen Gedanken in Zusammenhang, mit denen er gar nichts zu tun hat! Das heißt aber nichts anderes als: er setzt die Hand ans Knie! Was tut einer, der die Hand ans Knie setzt? Ja, an einem Organismus wird man es nicht machen können, aber man könnte es ja zeichnen. Das Papier ist geduldig, es könnte einer einfach eine menschliche Figur aufzeichnen, hier abgestutzt, und die beiden Knie so, daß Hände daraus herauswachsen. [Diese Zeichnung ist nicht überliefert.] Nicht wahr, das könnte einer zeichnen, dann hätte er aber einen unmöglichen Organismus gezeichnet; er hätte bewiesen, daß er vom wirklichen Leben nichts versteht! Man könnte ja auch den Vergleich gebrauchen: er hat den Adler, den Vogel, der für die Luft bestimmt ist, in die Tiefe des Meeres hinunterversetzt oder dergleichen.
[ 20 ] Was hat ein solcher denn versucht? Ja, sehen Sie, dasjenige, was er versucht hat, kann man mit allen Dingen, die sich nur auf Erkenntnisse des physischen Planes beziehen, ruhig tun. Da kann der eine Professor ein Buch schreiben, indem er mit dem einen anfängt, der andere kann mit dem anderen anfangen, und da kommt es nicht so darauf an: da kann man die Dinge herausnehmen und so weiter. Aber da hat man es nicht mit lebendigen Wesen zu tun, sondern mit Gedankenmaschinen. Das ist das Wesentliche.
[ 21 ] Es hat also ein Mensch, der so etwas macht, indem er eine solche Sache aus dem Zusammenhang herausreißt und in einen unmöglichen Zusammenhang hineinversetzt, bewiesen, daß er ganz und gar nicht bekannt ist mit dem Wesen, das unsere ganze geisteswissenschaftliche Strömung seit ihrem Anbeginne durchfeuert und durchglüht, weil er versucht, nach dem ganz gewöhnlichen materialistischen Schema auch das Geistige zu behandeln. Das ist sehr wesentlich. Es ist sehr wichtig, daß man diese Dinge ins Auge faßt, sonst versteht man nicht von innen her den Nerv der höheren Erkenntnisse. Man kann nicht an jeder beliebigen Stelle alles sagen. Und es ist wirklich in bezug auf das Exoterische, das etwas an das Esoterische anstößt, von Hegel schon ausgesprochen worden, daß ein Gedanke an seine Stelle gehört im Zusammenhang. Ich habe das neulich einmal angedeutet, als ich am Geburtstag Hegels einige Andeutungen nach dieser Richtung hin zu machen versuchte. Man kommt also zu nichts Geringerem auf diese Weise, als daß man mit dem Denken ins Leben untertaucht, während man sonst immer im Toten lebt; man taucht ins Leben unter.
[ 22 ] Dadurch aber enthüllt sich einem auch etwas, was man vorher überhaupt nicht hat erkennen können und was auf dem physischen Plane gar nicht zu prüfen ist, nämlich das Entstehen und Vergehen. Auch das können Sie schon aus «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ersehen. Auf dem physischen Plane ist ja nichts anderes zu beobachten als das, was entstanden ist. Das Entstehen kann gar nicht beobachtet werden, nur was entstanden ist, kann auf dem physischen Plan beobachtet werden. Auch das Vergehen kann nicht beobachtet werden, denn wenn der Gegenstand ins Vergehen übergeht, ist er nicht mehr auf dem physischen Plan, oder er geht wenigstens weg vom physischen Plan.
[ 23 ] Man kann also das Entstehen und Vergehen auf dem physischen Plan nicht beobachten. Die Folge davon ist, daß wir sagen können: Wir treten in ein ganz neues Weltenelement ein, wenn wir den beweglichen Gedanken entdecken, nämlich in die Welt des Lebens und das ist die Welt des Entstehens und Vergehens.
[ 24 ] Okkultistisch gesprochen würde das auch in der folgenden Weise ausgedrückt werden können: Der Mensch war während der alten Mondenzeit — allerdings nur im Traumbewufßtsein — in der Welt des Entstehens und Vergehens darinnen. Da war es nicht so, daß der Mensch erst das Entstandene mit den Sinnen gesehen hat, denn er hat ja die Sinne noch nicht zur Sinnenanschauung ausgebildet gehabt, sondern steckte noch in den Dingen drinnen. Er stellte zwar traumhaft vor, aber die Bilder, welche er traumhaft vorstellte, die ließen ihn wirklich das Entstehen und Vergehen verfolgen. Und das ist es, wozu er sich erst wiederum aufschwingen muß, indem er zu beweglichen Gedanken kommt. So ist das Aufsteigen zur imaginativen Erkenntnis zugleich eine Rückkehr, nur eine Rückkehr auf der Stufe des Bewußtseins. Wir kehren zurück zu etwas, aus dem wir herausgewachsen sind; wir kehren richtig zurück.
[ 25 ] So daß wir sagen können: Diese imaginative Erkenntnis ist die Rückkehr in die Welt des Entstehens und Vergehens. Entstehen und Vergehen entdecken wir, wenn wir also zurückkehren. Und wir können gar nicht etwas erfahren über Entstehen und Vergehen, wenn wir nicht zur imaginativen Erkenntnis kommen. Es ist ganz unmöglich, etwas über Entstehen und Vergehen auszumachen, ohne zur imaginativen Erkenntnis zu kommen.
[ 26 ] Daher ist ja das, was Goethe über die Metamorphose der Pflanzen und der Tiere geschrieben hat, so unendlich bedeutungsvoll, weil Goethe das wirklich vom Standpunkte der imaginativen Erkenntnis aus geschrieben hat. Und deshalb konnten die Leute nicht verstehen, was eigentlich gemeint war, als ich meine Kommentare schrieb zu «Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», die in den verschiedensten Wendungen immer wieder ausdrücken, daß es gar nicht darauf ankomme, an den gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen diejenigen Goethes zu bemessen, sondern sich in diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Goethes selbst zu vertiefen und in ihnen etwas ungeheuer Überragendes zu sehen, etwas ganz anderes als die gegenwärtigen Naturwissenschaftserkenntnisse zu sehen. Deshalb habe ich hingewiesen auf einen Satz, den Goethe so wunderschön ausgesprochen hat und in dem er andeutet, worauf es bei ihm ankommt. Goethe machte die Italienische Reise und verfolgte dabei mit Interesse nicht nur die Kunst, sondern auch die Natur. Man sieht, wenn man die «Italienische Reise» liest, wie er Schritt für Schritt sich in alles das, was ihm Mineralisches, Pflanzliches und so weiter bieten konnte, vertiefte. Und dann, als er in Sizilien angekommen war, da sagte er, nach dem, was er da beobachtet hatte, nun möchte er eine Reise nach Indien machen, nicht um Neues zu entdecken, sondern um das Entdeckte, das schon von anderen Entdeckte, in seiner Art anzuschauen. Das heißt mit anderen Worten: mit beweglichen Begriffen anzuschauen! Das ist es, worauf es ankommt: Das, was andere entdeckt haben, mit beweglichen Begriffen anzuschauen. Das ist das so ungeheuer Bedeutungsvolle, daß Goethe diese beweglichen Begriffe eingeführt hat in das wissenschaftliche Leben.
[ 27 ] Daher ist für den, der okkultistisch begreift, das Folgende ein Faktum, das sonst verkannt wird. Ernst Haeckel und andere materialistische, oder wie man auch sagt, monistische Gelehrte, haben sich sehr anerkennend über Goethes Metamorphose der Pflanzen und der Tiere ausgesprochen. Aber daß sie sich anerkennend aussprechen konnten, das beruht auf einem sehr merkwürdigen Prozesse, den ich Ihnen auch durch einen Vergleich klarmachen will.
[ 28 ] Nehmen Sie an, Sie haben eine Pflanze in einem Blumentopf vor sich, oder gar, was noch besser ist, draußen im Garten, und Sie wollen diese Pflanze genießen. Sie gehen hinaus in den Garten, um sie zu genießen, um sich in ein Verhältnis zu ihr zu bringen. Und nun denken Sie sich, es gäbe einen Menschen, der mit der Pflanze gar nichts anfangen kann. Und wenn man sich fragt, warum, dann entdeckt man: Den stört ja eigentlich das Leben! Und darum macht er einen Abguß der Pflanze ganz fein nach, so daß die Pflanze jetzt so ist wie die wirkliche, aber in Papiermaché. Das stellt er sich ins Zimmer und jetzt hat er seine Freude daran. Das Leben hat ihn gestört; er hat erst jetzt seine Freude daran!
[ 29 ] Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Qualen ich als Bub ausgestanden habe bei dem Vergleich, der auch charakterisierend ist für die Gesinnung der Menschen, ich habe oftmals hören müssen als Knabe, daß jemand das Schöne einer Rose dadurch besonders hervorheben wollte, daß er sagte: Wahrhaftig, wie aus Wachs! — Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren! Aber es gibt das. Es gibt das wirklich, daß jemand das Vorzügliche eines Lebendigen dadurch hervorhebt, indem er in seiner Redewendung sagt, es wäre wie ein Totes. Das gibt es wirklich. Für den, der eine Empfindung für die Sache hat, ist das etwas Furchtbares. Aber wenn man nicht solche Empfindungen hat, so kann man sich wirklich nicht der Realität gemäß weiter entwickeln.
[ 30 ] Nun also, bei Ernst Haeckel ist folgendes passiert. Goethe hat «Die Metamorphose der Pflanzen» und «Die Metamorphose der Tiere» geschrieben, Haeckel liest sie und Ahriman verwandelt ihm das Lebendige, das Goethe geschrieben hat, in Attrappen, in etwas, was aus Papiermaché eigentlich ist, und das begreift er. Das gefällt ihm eigentlich. So daß man in dem, was er lobt, gar nicht das gelobt hat, was Goethe wirklich gemeint hat, sondern Haeckel hat es erst ins Mechanistische umgesetzt. Da tritt eben zwischen Goethe und Haeckel der Ahriman, der das Lebendige in ein Totes verwandelt.
[ 31 ] Nun ist, wie ich gesagt habe, dieses sich zur imaginativen Erkenntnis bewußt Hinaufschwingen ein Rückkehren. Ich habe schon im Anfang des Vortrages gesagt: eigentlich sind die Imaginationen schon in uns, sie sind in uns seit der Mondenzeit, und die Erdenentwickelung besteht darinnen, daß wir die gewöhnlichen Bewußtseinsschichten darübergelegt haben. Jetzt kehren wir durch das, was wir uns im gewöhnlichen Erdenbewußtsein angeeignet haben, wiederum zurück. Es ist eine wirkliche Rückkehr.
[ 32 ] Und nun kann man sich fragen: Wie kann man denn das Ganze bezeichnen? Man kann jetzt sagen: Es ist ein Hinuntersteigen und ein Wiederaufsteigen. Jetzt hat man erst eine Berechtigung, überhaupt diese Linie hinzuzeichnen [die an der Tafel stehenden Worte werden durch eine Linie verbunden, siehe Schema]; sie von vornherein hinzuzeichnen hätte keinen Sinn. Und jetzt kann man erst sagen: Auf der Stufe des gewöhnlichen physischen Erkennens, da ist man unten, Hier ist das unbewußte imaginative Erkennen, das jetzt unten in unserer Natur sitzt, das zu tun hat mit den Kräften des Entstehens und Vergehens; und auf der anderen Seite, bei dem Hinaufstieg, ist das bewußte imaginative Erkennen. [Beides wurde an der Tafel angekreuzt.]
[ 33 ] Wenn man nun gerade Goethe als ein naheliegendes Beispiel nimmt — ich will ihn nur als ein Beispiel ansehen —, so kann man sagen: Bei Goethe ist in der neueren Epoche der Punkt gekommen, wo die äußere Entwickelung der Menschheit das imaginative Erkennen erfaßt, wo es wirklich in die Wissenschaft eingeführt wird.
[ 34 ] Nun kann man sich fragen: Jetzt kann man studieren, ob nicht ganz merkwürdige Dinge damit verknüpft sind? Ja, sie sind damit verknüpft, denn im Grunde genommen ist die ganze Goethesche Denkweise eine durchaus andere als die anderer Menschen. Und Schiller, der eben diese Denkweise nicht entwickeln konnte, der konnte deshalb Goethe doch nur aus äußerster Anstrengung verstehen, wie Sie aus dem Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe ersehen können an der Stelle, die ich öfters anführte, wo Schiller an Goethe schreibt am 23. August 1794:
[ 35 ] «...Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu der mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, daß Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit “ zusammenhält. Sie können niemals gehofft haben, daß Ihr Leben zu einem solchen Ziele zureichen werde, aber einen solchen Weg auch nur einzuschlagen, ist mehr wert als jeden anderen zu endigen, und Sie haben gewählt, wie Achill in der Ilias zwischen Phthia und der Unsterblichkeit. Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden und hätten schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisierende Kunst Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden. Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie dann die Form des Notwendigen aufgenommen und mit Ihren ersten Erfahrungen hätte sich der große Stil in Ihnen entwickelt. Nun, da Sie ein Deutscher geboren sind, da Ihr griechischer Geist in diese nordische Schöpfung geworfen wurde, so blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder selbst zum nordischen Künstler zu werden, oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen, und so gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären. In derjenigen Lebensepoche, wo die Seele sich aus der äußeren Welt ihre innere bildet, von mangelhaften Gestalten umringt, hatten Sie schon eine wilde und nordische Natur in sich aufgenommen, als Ihr siegendes, seinem Material überlegenes Genie diesen Mangel von innen entdeckte, und von außen her dutch die Bekanntschaft mit der griechischen Natur davon vergewissert wurde. Jetzt mußten Sie die alte, Ihrer Einbildungskraft schon aufgedrungene schlechtere Natur nach dem besseren Muster, das Ihr bildender Geist sich erschuf, korrigieren, und das kann nun freilich nicht anders als nach leitenden Begriffen vonstatten gehen. Aber diese logische Richtung, welche der Geist bei der Reflexion zu nehmen genötigt ist, verträgt sich nicht wohl mit der ästhetischen, durch welche allein er bildet. Sie hatten also eine Arbeit mehr, denn so wie Sie von der Anschauung zur Abstraktion übergingen, so mußten Sie nun rückwärts Begriffe wieder in Intuitionen umsetzen, und Gedanken in Gefühle verwandeln, weil nur durch diese das Genie hervorbringen kann...»
[ 36 ] Er hält ihn für einen in die nordische Welt versetzten Griechen, und so weiter. Ja, da sehen Sie die ganze Schwierigkeit Schillers, Goethe zu verstehen! Manche Leute könnten daraus etwas lernen, die glauben, im Handumdrehen Goethe verstehen zu können und sich dadurch über Schiller zu erheben, trotzdem Schiller auch nicht gerade ein Tor war gegenüber denjenigen Menschen, die da glauben, Goethe so ohne weiteres zu verstehen!
[ 37 ] Aber das Eigentümliche, das man entdecken kann, das ist das, daß Goethe auch in bezug auf andere Gebiete eine ganz eigentümlich abweichende Anschauung hat, zum Beispiel in bezug auf die ethische Entwickelung des Menschen, namentlich in der Art zu denken, was der Mensch als Belohnung oder Strafe verdient oder nicht.
[ 38 ] Man kann Goethe schon von Anfang an in seinem Wirken nicht verstehen, wenn man nicht seine, ich möchte sagen, von seiner ganzen Umgebung abweichende Art, über den Menschen in bezug auf Belohnung und Strafe zu denken, ins Auge faßt. Lesen Sie das Gedicht «Prometheus», wo er sich sogar gegen die Götter auflehnt. Prometheus, das ist natürlich ein Auflehnen gegen die Denkweise der Menschen über Belohnen und Strafen. Für Goethe existiert die Möglichkeit, sich ganz besondere Begriffe zu machen über Belohnen und Strafen. Und in seinem «Wilhelm Meister» hat er das ja wirklich, ich möchte sagen, wunderbar schürfend in den Geheimnissen der Welt, darzustellen versucht. Man versteht den «Wilhelm Meister» nicht, wenn man das nicht ins Auge faßt.
[ 39 ] Woher kommt denn das? Das kommt daher, weil man auf dem Gebiet des physischen Erkennens überhaupt nicht sich eine Vorstellung machen kann, welche Strafe oder welche Belohnung in bezug auf die Welt für irgend etwas Menschliches anzusetzen ist, denn das kann erst aufgehen auf dem Gebiet der Imagination. Die Okkultisten haben daher immer auch gesagt: Wenn man hinaufkommt in die imaginative Erkenntnis, erlebt man nicht nur die elementarische Welt, sondern auch — wie sie sich ausdrückten — «die Welt des Zornes und der Strafe». Also nicht nur ist es hier eine Rückkehr in die Welt des Entstehens und Vergehens, sondern zu gleicher Zeit ein Hinaufklettern zur Welt des Zornes und der Strafe. |Die Worte «Rückkehr in die Welt des Entstehens und Vergehens» und «Welt des Zornes und der Strafe» wurden an die Tafel geschrieben. ]
[ 40 ] Darum wird die eigentümliche Verkettungsmöglichkeit zwischen dem, was der Mensch wert ist und nicht wert ist mit Bezug auf das Universum erst eine richtige Beleuchtung durch die Geisteswissenschaft erfahren können. Alles andere «Justifizieren» in der Welt ist vorbereitend dazu.
[ 41 ] Hier stehen wir an einem wichtigen Punkt, wo ich dann morgen fortfahren will.
