Der Wert des Denkens für
eine den Menschen befriedigende Erkenntnis
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft
GA 164
26 September 1915, Dornach
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft I
[ 1 ] Heute werde ich weder einen Vortrag noch eine Vorlesung halten, sondern einiges besprechen in der Art, wie ich glaube, daß sie in unseren Zweigen noch fehlt. Ich werde dazu anknüpfen an die Broschüre «Wissenschaft und Theosophie» von F. vor Wrangell, erschienen in Leipzig im Verlage von Max Altmann im Jahre 1914.* Dabei möchte ich namentlich zeigen, wie man an eine solche Schrift Besprechungen anknüpfen kann.1Die in diesem und den nächsten Vorträgen eingerückten Zitate geben den gesamten Text der Wrangell-Broschüre wieder.
[ 2 ] Mit dem Titel «Wissenschaft und Theosophie» wird hier offenbar eine Frage berührt, welche durchzudenken für uns wichtig ist, denn wir werden sehr häufig in die Lage kommen, gegen unsere Bewegung den Einwand zu hören, daß sie nicht wissenschaftlich sei oder daß der Wissenschafter nichts Rechtes mit ihr anzufangen wisse. Kurz, mit der Wissenschaft sich irgendwie auseinanderzusetzen, wird für den einen oder anderen unter uns gewiß sehr häufig notwendig sein, denn er wird diesem Einwand begegnen müssen und vielleicht auch dabei auf manches einzelne hingewiesen werden. Daher wird es gut sein, gerade einmal anzuknüpfen an die Betrachtungen eines Mannes, der von sich die Meinung hat, daß er ganz in dem wissenschaftlichen Geiste der Gegenwart darinnensteht, und von dem man, wenn man die Broschüre durchgelesen hat, ohne weiteres sagen kann, daß er sich mit der Beziehung von Wissenschaft und Theosophie in einer sehr scharfsinnigen Weise auseinandersetzt, und zwar so, daß er eine Beziehung schafft, die mancher zu schaffen versuchen wird, der gerade in dem wissenschaftlichen Betriebe unserer Zeit darinnensteht. Und mit solchen Leuten, die eine Beziehung zwischen Wissenschaft und Theosophie schaffen wollen, müssen wit, oder wenigstens eine gewisse Anzahl von uns, mitdenken können.
[ 3 ] Da die Broschüre außerdem für die Theosophie wohlwollend geschrieben ist, sind wir zunächst nicht so sehr in die Notwendigkeit versetzt, in Polemik, in Kritik zu verfallen, sondern können an die Gedanken des Verfassers einiges anknüpfen, was sich uns aus dem Spezifischen unseres geistigen Strebens ergibt. Selbstverständlich würde mancher von uns, wenn er eine solche Broschüre schreiben würde, vielleicht nach den verschiedenen Erfahrungen, die wir bei einer solchen Auseinandersetzung gemacht haben, den Titel «Theosophie» sogar vermeiden. Das ist eine Frage, die sich vielleicht im Verlaufe des Lesens der Broschüre selber noch näher beleuchten läßt.
[ 4 ] Die Broschüre ist in einzelne, leicht überschaubare Kapitel eingeteilt und trägt als Motto einen Ausspruch Kants, der da heißt:
«Es ist nicht richtig geredet, wenn man in den Hörsälen der Weisheit immer redet, es könne im metaphysischen Sinne nicht mehr als eine einzige Welt existieren.» Kant
[ 5 ] So aus dem Zusammenhang herausgerissen, kann man diesem Ausspruch Kants gewiß nicht besonders viel entnehmen. Der Verfasser dieser Schrift will jedoch sich auf Kant berufen in der Meinung, daß Kant mit diesem Ausspruch sagen wollte, daß das Weltbild, welches die äußere Wissenschaft entwirft, nicht als das einzig mögliche angesehen werden müsse. Hier ist vielleicht die Meinung Kants von dem Verfasser dieses Schriftchens nicht ganz genau getroffen, denn Kant meint in seinem Zusammenhange im Grunde doch etwas anderes. Kant meint: Wenn der Mensch nachdenkt, metaphysisch nachdenkt, so kann er sich verschiedene wirkliche Welten denken, und es ist dann die Frage, warum von diesen verschiedenen denkbaren möglichen Welten für uns gerade diejenige existiert, in der wit leben, während für den Verfasser des Schriftchens die Frage die ist: Gibt es die Möglichkeit, außer dem materialistischen Weltbilde noch andere Weltbilder zu haben? Natürlich hat er dabei die Meinung, daß sich gerade ein anderes, ein spirituelles Weltbild, auch auf diese unsere Welt beziehen müsse.
[ 6 ] Dann beginnt die Schrift mit ihrem ersten Aufsatz, der den Titel trägt:
Einleitendes
Eine mächtige spirituelle Bewegung hat gegenwärtig die europäische Kulturwelt ergriffen, im Gegensatz zu der materialistischen Geistesströmung, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in den geistig führenden Kreisen die herrschende war.
[ 7 ] Der Verfasser schaut also gewissermaßen das Getriebe der Geistesarbeit um sich herum an und findet, daß die Dinge anders geworden sind als sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren; daß man um die Mitte des 19. Jahrhunderts das wissenschaftliche Heil gerade im Materialismus gefunden hat, während nun — in der Zeit, in der dieses Schriftchen veröffentlicht wurde, 1914 — eine mächtige spirituelle Bewegung die europäische Kultur ergriffen hat.
[ 8 ] Nun sagt er weiter:
Was sind die inneren Gründe dieser Gegenströmung? Mir scheinen sie nicht nur im metaphysischen Bedürfnis der Menschen zu liegen, sondern auch, zum Teil wenigstens, in dem vielfach erwachten Bewußtsein der Gefahr für die Gesittung der Menschheit, welche mit der Herrschaft einer materialistischen Weltanschauung verbunden ist.
[ 9 ] Es gehört also der Verfasser dieses Schriftchens zu denen, welche nicht allein glauben, daß mit dem 20. Jahrhundert ein metaphysisches Bedürfnis der Menschheit erwacht ist, sondern auch glauben, daß eine gewiße sittliche Gefahr darinnen besteht, daß die Gemüter der Menschen von der materialistischen Weltanschauung ergriffen werden.
Mit wachsender Geschwindigkeit ergießt sich durch zahlreiche Kanäle die materialistische Geistesströmung von den intellektuellen Höhen in die Niederungen der menschlichen Gesellschaft und verdrängt dort die auf Ehrfurcht begründeten religiösen Überzeugungen, welche dem sittlichen Leben der Menge den festen Halt boten. Immer deutlicher wird es vielen, daß der Sieg materialistischer Weltanschauung in unabwendbarer Konsequenz zu materialistischer Lebensauffassung führt und dementsprechende Lebensführung nach sich zieht, welche in der Ausnutzung der kurzen Lebensfrist zu möglichst vielem Genuß den einzigen vernünftigen Grad des Lebens erblickt.
Auch in früheren Zeiten, wenn ein festes, auf Tradition und Autorität begründetes Sittengebäude zersetzender Verstandeskritik erlag, hat das Haschen nach rohem Sinnesgenuß die Menschheit ergriffen und auf verhängnisvolle Bahnen geführt, die sie von dem entfernten, was wir als ihre eigenste Bestimmung empfinden.
Dem widerspricht nicht die Tatsache, daß unter den Männern, welche, von unbedingter Wahrheitsliebe beseelt, die Ergebnisse ihres Forschens und Denkens ihren Mitmenschen kundtun, ohne Rücksicht darauf, welche Folgen das etwa nach sich ziehen möge daß unter den Männern viele, wenn nicht die meisten, auf einer hohen Stufe sittlicher Größe stehen und von edlen, selbstlosen Beweggründen getrieben werden, in voller Überzeugung, damit der Menschheit zu dienen.
[ 10 ] Also hier weist der Verfasser darauf hin, daß gewisse Gefahren für das sittliche Leben der Menschen sich als Konsequenz einer materialistischen Weltanschauung ergeben müssen, und er sagt: Dieser Gefahr kann nicht allein mit dem Einwande begegnet werden, daß diejenigen Menschen, welche theoretisch eine materialistische Weltanschauung als die ihrige und als die richtige anerkennen, selber auf einer hohen Stufe sittlicher Lebensführung stehen.
[ 11 ] Der Verfasser berührt da, aus seiner Beobachtung heraus, einen Punkt, auf welchen ich in unserer Geisteswissenschaft zu wiederholten Malen, ich darf wohl sagen, von einem höheren Gesichtspunkte aus, hingedeutet habe. Wenn man nämlich sagt, ein so eminent theoretisch-materialistisch wirkender Geist wie zum Beispiel Haeckel, stünde auf dem Boden hoher sittlicher Lebensideale und zeige auch in seinem Leben eine höhere sittliche Lebensauffassung, daher brauche die materialistische Weltanschauung keine materialistische Lebensführung zu bedingen, so vergißt man eines — und darauf habe ich in verschiedenen Vorträgen, die ich gehalten habe, hingewiesen —, man vergißt nämlich, daß sich in der Menschheitsentwickelung die Gefühle und die Gedanken mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen.
[ 12 ] Wenn man nur ein kurzes Stück geschichtlicher Entwickelung der Menschheit überblickt, dann findet man, daß sich die Gedanken verhältnismäßig rasch bewegen. Rasch hat sich vom 15., 16. Jahrhundert an das materialistische Denken, das Ausleben des menschlichen Theoretisierens im materialistischen Gedanken entwickelt und alle Wissenschaften sind nach und nach theoretisch von materialistischen Gedankenformen durchzogen worden. Das sittliche Leben, das sich in Gefühlen darlebt, hat sich weniger rasch entwickelt. Wenigstens zeigen die Menschen noch in ihren alten Empfindungen und Gefühlen, daß das Fühlen nicht so rasch nachgeschritten ist. Daher leben die Menschen heute noch im Sinne der moralischen Gefühle, die sich aus der vorhergehenden Weltanschauung ergeben haben, und darum ist heute ein Zwiespalt vorhanden zwischen dem materialistischen Denken und dem noch im alten Sinne nichtmaterialistischen Leben und einer nichtmaterialistischen Lebensführung. Aber die Zeit rückt heran, wo aus der materialistisch-theoretischen Weltanschauung die Konsequenzen gezogen werden, so daß vor der Türe steht, was man nennen kann: das sittliche Leben wird überflutet durch die Konsequenz der materialistischen Weltanschauung. Man kann also das Verständnis für die verschiedenen Geschwindigkeiten, die die Gefühle und Gedanken haben, wesentlich vertiefen, wenn man sie geisteswissenschaftlich ansieht.
[ 13 ] Nun heißt es weiter:
Wenn aber das Endergebnis dieser Geistesarbeit ein solches ist, das uns als im Widerspruch mit der Bestimmung des Menschen zu stehen scheint, so ist die Frage berechtigt, ob nicht doch im scheinbar so festen Gefüge des kritischen Gedankenganges ein grundsätzlicher Fehler liege?
[ 14 ] Der Verfasser ist also überzeugt davon, daß aus dem theoretischen Materialismus Unsittliches folgen müsse, und daß er das Heil für die Menschheit nur erwarten kann von der Sittlichkeit. Und so frägt er sich, ob nicht eine materialistische Weltanschauung, die notwendigerweise zur Unsittlichkeit führen muß, nicht nur Fehler zeigt, sondern in sich selber schon Fehler hat, wenn man sie kritisch betrachtet. Und so schreibt er weiter:
Bekundet sich dieser Fehler nur durch das Gefühl, oder kann er auch verstandesmäßig entdeckt werden? Auch mich hat diese Frage beschäftigt, und ich will im Nachfolgenden versuchen, mir selbst Klarheit darüber zu verschaffen. Ich hoffe, daß mein Gedankengang auch manchen Leser interessieren wird, der, gleich mir, die Überzeugung hat, daß es wirksamer ist, einen Irrtum des Verstandes mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen, als gegen denselben nur das Gefühl in die Schranken zu rufen. Um meinen wissenschaftlichen Standpunkt zu bezeichnen, erwähne ich, daß ich meinem Studium nach Astronom bin, daß meine selbständigen Arbeiten auf dem Gebiete der theoretischen Meteorologie und physikalischen Geographie liegen, und daß ich von früher Jugend an fast ausschließlich mich in akademischen Kreisen bewegt habe, und die Achtung vor strenger, auf kritischem Denken begründeter Wissenschaft mir sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen ist.
[ 15 ] Damit kann der Verfasser allerdings rechtfertigen, daß er etwas über die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Theosophie zu sagen hat, weil er zeigt, daß er die Wissenschaft in einem gewissen Punkte kennt und sein Urteil daher unendlich mehr wert sein muß, als das Urteil von jemandem, der zum Beispiel Kant liest und sagt, das ist ja alles Unsinn, wir Theosophen brauchen Kant nicht zu lesen, und der damit nur verrät, daß er selbst vielleicht nicht fünf Zeilen von Kant ernstlich gelesen und durchdacht hat. Weiter heißt es:
Ich habe die feste Überzeugung, daß eine Weltanschauung, welche vor strenger Verstandeskritik nicht bestehen kann, nicht von dauerndem Bestande ist, mag sie dem Gefühle noch so sehr zusagen. Diese einleitenden Worte sollten den Leser darüber unterrichten, welche Aufgabe ich mir in dieser Schrift gestellt habe und von welchem Gesichtspunkte aus ich sie zu behandeln gedachte.
[ 16 ] Im nächsten Aufsatz wird nun mit wenig Sätzen umschrieben, was materialistisch-mechanische Weltanschauung ist, jene Weltanschauung, die sich im Laufe der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts so herausgebildet hat, daß es viele, viele gegeben hat und auch heute noch gibt, die das, was hier der Verfasser mit einigen Sätzen umschreibt, für die wissenschaftlich allein mögliche Weltanschauung halten. Fassen wir ins Auge, was der Verfasser schreibt:
Die Grundannahmen materialistisch-mechanischer Weltanschauung
Vergegenwärtigen wir uns zuerst die wesentlichsten Grundannahmen einer materialistisch-mechanischen Weltanschauung. Man kann sie in folgende Lehren zusammenfassen:
1. Alles Geschehen, welches wir durch unsere Sinne beobachten und gedanklich wahrnehmen, verläuft gesetzmäßig, d.h. jeder Zustand des Kosmos wird notwendigerweise durch den ihm zeitlich vorhergehenden bedingt und hat ebenso notwendig die ihm nachfolgenden Zustände zur Folge. Alle Veränderungen, d.h. alles Geschehen, sind unabwendbare Folgen der im Kosmos vorhandenen Kräfte.
[ 17 ] Nun, das was hier der Verfasser als Grundannahme der materialistisch-mechanischen Weltanschauung zu analysieren versucht, das ist auch im Verlaufe unserer Vorträge oft gesagt worden. Aber wenn Sie das, was der Verfasser hier sagt, vergleichen mit der Art, wie es in unseren Vorträgen gesagt wird, dann werden Sie den Unterschied merken. Und für diejenigen, welche sich in unser geisteswissenschaftliches Bewußtsein einleben wollen, ist es gut, wenn sie sich diesen Unterschied einmal zum Bewußtsein bringen.
[ 18 ] Wer diesen ersten Punkt, mit dem in schöner, scharfsinniger und wissenschaftskundiger Weise die materialistisch-mechanische Weltanschauung charakterisiert wird, durchliest, der wird sehen: das ist sehr gut; das trifft die materialistisch-mechanische Weltanschauung. Aber wenn wir in den Vorträgen, die zum Zwecke unserer Bewegung gehalten werden, eine solche Charakteristik zu geben versuchen, so wird dies gerade in anderer Weise versucht, und es wäre gut, wenn man darüber nachdenken würde, wie anders bei uns in solchen Dingen verfahren wird.
[ 19 ] Nicht wahr, Herr von Wrangell gibt wieder, was man die materialistisch-mechanische Weltanschauung nennen kann. Er spricht da von sich aus einige Sätze, in denen er zusammenfaßt, was er an Eindrücken von der Sache erhalten hat. Sie werden bemerkt haben wenn Sie überhaupt darauf ausgehen, solches zu bemerken —, daß ich es in der Regel nicht so, sondern ganz anders mache. Ich gehe in der Regel aus von etwas, was da ist, was in einem geschichtlichen Verlaufe als Ergebnis wirklich da ist. Und so habe ich, wenn ich diesen Punkt charakterisieren wollte, nicht einfach solche Sätze von mir selbst aus gesagt, sondern ich habe irgendeinen der wesentlichen, und zwar der guten Autoren gewählt, um mit den Worten und in der Art eines solchen Autors auszusprechen, was die betreffende Sache ist.
[ 20 ] So habe ich oftmals an den Namen Du» Bors-Reymond angeknüpft dasjenige, was bei meinen Vorträgen als Unterlage dienen konnte. Dadurch werden Sie vielleicht oftmals, wenn Sie nicht das Ganze im Zusammenhang sehen, die Meinung gewonnen haben, daß ich Du Bois-Reymond kritisieren wollte. Ich will aber nie kritisieren, sondern nur einen charakteristischen Vertreter herausgreifen, so daß nicht ich zu sprechen habe, sondern daß er spricht. Das ist das, was man den bei uns notwendigen Tatsachensinn nennen kann, den Sinn dafür, daß wir nicht Behauptungen hinstellen, sondern die Tatsachen sprechen lassen. So habe ich öfter erzählt, daß Du BoisReymond im Jahre 1872 auf der Leipziger Naturforscherversammlung eine Rede über das Naturerkennen gehalten hat. Er sprach damals auch über die Art und Weise, wie er aus seinen wissenschaftlichen Forschungen heraus zu seiner Auffassung von der Welt gekommen sei.
[ 21 ] Du Bois-Reymond ist seinem speziellen Forschungsgebiete nach Physiologe. Seine Hauptarbeit liegt auf dem Gebiete der Nervenphysiologie. Er hat oftmals in formgewandter Rede sich über die Weltauffassung der Naturforscher ausgesprochen. So hat er sich auch in dieser Leipziger Naturfotscherversammlung vom Jahre 1872 über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, über die Grenzen des Naturerkennens ausgesprochen, und dabei hat er auch gesprochen von dem Laplaceschen Kopfe. Was ist das? Du Bois-Reymond hat ihn damals charakterisiert. Dieser Laplacesche Kopf ist derjenige, der in Mathematik, Physik, Biologie, Chemie und so weiter der Gegenwart bewandert ist und sich aus diesen Wissenschaften heraus ein Weltbild formt. Ein solcher Laplacescher Kopf kommt also dazu, sich ein Weltbild zu bilden, welches ausgeht von sogenannten astronomischen Erkenntnissen der Wirklichkeit.
[ 22 ] Was ist astronomische Erkenntnis der Wirklichkeit, könnten wir nun fragen; was ist astronomische Erkenntnis? Wir können es uns mit ein paar Worten klarmachen.
[ 23 ] Der Astronom stellt sich vor: die Sonne, die Planeten, den Mond, die Erde; er stellt sich vor die Planeten um die Sonne kreisend oder sich in Ellipsen um sie bewegend, stellt sich vor die Anziehungskraft, die Gravitation, auf die Planeten wirkend, stellt sich vor eine Schwungkraft, und aus dieser Schwungkraft heraus stellt er sich vor, daß die Planeten um die Sonne kreisen.
[ 24 ] So hat der Astronom im Auge, daß er verfolgen könne, was um ihn herum im Weltenraum als die großen Geschehnisse vor sich geht; daß er sie verfolgen könne aus den materiellen Wesenheiten heraus, die im Raume zu sehen sind, und aus den Kräften, die sie im Raume aufeinander ausüben. Dadurch, daß die Wesenheiten materielle Kräfte aufeinander ausüben, kommen die Dinge in Bewegung; das heißt, die Dinge kommen in Bewegung, wenn man sich das Sonnensystem so vorstellt und es so anschaut. Man hat ein Bild von den Dingen, die im Raume ausgebreitet sind, und von den Geschehnissen, die im Laufe der Zeit verlaufen.
[ 25 ] Nun sagt derjenige, der im Sinne Du Bois-Reymonds sich ein Weltbild, das auf der Höhe der Gegenwart steht, bilden will, das Folgende. Wir müssen annehmen, daß alle Materie aus kleinsten Teilen, aus Atomen, besteht. So, wie ein Sonnensystem aus der Sonne, aus dem Monde und aus den Planeten besteht, so besteht auch das kleinste Stückchen Materie aus etwas Ähnlichem, wie die Sonne mit den Planeten. Und wie die Sonne Kräfte ausübt, und wie die Planeten untereinander Kräfte aussenden und aufeinander wirken, so wirken auch die Kräfte unter den einzelnen Atomen. Dadurch kommen die Atome in Bewegung. Da haben wir im Inneren eines jeden materiellen Teilchens eine Bewegung. Die Atome sind, wie die Sonne und die Planeten, in Bewegung. Die Bewegungen sind zwar kleine Bewegungen, aber doch so, daß wir sie vergleichen können mit den großen Bewegungen, die draußen im Raume von den Himmelskörpern ausgeübt werden, also daß, wenn wir das kleinste Stückchen der Materie nehmen, das wir sehen können, da drinnen etwas vor sich geht, wie dasjenige, was der Astronom draußen im Weltall sich vorstellt. Und nun kam die Naturforschung dazu, sich alles das so vorzustellen, daß, wo immer etwas wirklich in Bewegung ist, dies daher rührt, daß die Atome von ihren Kräften geleitet sind.
[ 26 ] Es hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders die Wärmelehre, wie sie begründet worden ist durch Julius Robert Mayer, Joule, Tyndall und Helmholtz, weiter ausgebildet durch Clausius und andere, dazu beigetragen, dieses Weltbild auszubilden. So sagt man, wenn man einen Körper berührt und Wärme empfindet: Das, was man da als die Empfindung «warm» hat, ist nur Schein. Was wirklich draußen existiert, das ist, daß die kleinsten Teile, die Atome der betreffenden Substanz, in Bewegung sind; und man kennt einen Wärmezustand, wenn man weiß, wie die Atome in Bewegung sind, wenn man, um es mit den Worten Du Bois-Reymonds zu sagen, eine astronomische Kenntnis davon hat. Das Ideal des Laplaceschen Kopfes ist es, wenn man erreicht hätte zu sagen: Was geht mich die Wärme an? Mein Weltbild hängt davon ab, daß ich herausfinde die Bewegung der Atome, die durch ihre Bewegung alles, was wir an Wärme, Licht und so weiter haben, bewirken. Dieser Laplacesche Kopf also bildet sich ein Weltbild, das besteht aus Raum, Materie mit ihren wirksamen Kräften, und aus Bewegung. Du Bois-Reymond stellt also in jenem Vortrag, den er über die Grenzen des Naturerkennens in der Leipziger Naturforscherversammlung gehalten hat, dieses Ideal des Laplaceschen Kopfes auf und er fragt: Was würde solch ein Laplacescher Kopf können?
[ 27 ] Sehen Sie, sein Ideal ist die astronomische Erkenntnis der Welt. Wenn ein Mathematiker das Bild unseres Sonnensystems nimmt, wie es zu irgendeinem Zeitpunkte ist, so braucht er in seine Formel nur gewisse Zahlen einzusetzen und er bekommt ein Bild davon, wie es vor einer Stunde, vor drei Stunden, vor zehn Jahren, vor Jahrhunderten war. Wie macht man denn das, wenn man errechnen will, ob im ersten Jahrzehnt unserer Zeittechnung eine Sonnen- oder Mondfinsternis zu einer bestimmten Zeit stattgefunden hat? Da hat man nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft ausgebildete Formeln. Man braucht nur die entsprechenden Zahlen in die Formel einzusetzen, so kann man jeden einzelnen Zustand berechnen. Man kann berechnen, wann eine Sonnenfinsternis, sagen wir im Jahre 1970 oder im Jahre 2728 stattfinden wird. Kurz, man kann jeden in der Zeit vorhergehenden oder nachfolgenden Zustand berechnen. Und nun müßte der Laplacesche Kopf die Formel haben, die dieses ganze Sonnensystem umfaßt. Wer also diesen Laplaceschen Kopf hätte, der die Atome, die im Raume sind, und alle Bewegungszustände umfaßte, der könnte — und das sagt auch Du BoisReymond — heute aus der Weltformel, die er von den Atomen und ihren gegenwärtigen Bewegungszuständen hat, zum Beispiel berechnen, wann Cäsar den Rubikon überschritten hat. Er brauchte nur in die Formel das Nötige einzusetzen. Es käme nur darauf an, wie die Atome dazumal standen, und es müßte daraus folgen die Tatsache: Cäsar überschreitet den Rubikon. — Wenn man gewisse Werte in die Formel einsetzt, so müßte sich ein gewisses Bild von dem gegenwärtigen Stande der Atome ergeben, und dann würde man zum Beispiel erkennen können die Schlacht von Salamis. Man brauchte nur weiterzugehen von Differential zu Differential, und man würde die ganze Schlacht von Salamis rekonstruieren können. Das ist das Ideal des Laplaceschen Kopfes: eine Welterkenntnis, die astronomisch genannt wird. Es kann gelegentlich noch etwas hinzugefügt werden über diese Dinge. Jetzt will ich nur noch für diejenigen, die aufmerksam darauf sind, ein kleines Erlebnis erwähnen. Als Junge bekam ich einmal ein Schulprogramm in die Hand. Es werden ja solche Schulprogramme gedruckt. Darinnen steht gewöhnlich ein Aufsatz, von einem der Lehrer verfaßt. Dieser Aufsatz war für mich dazumal nicht ganz leicht zu verstehen, denn er hatte den Titel «Die Anziehungskraft betrachtet als Wirkung der Bewegung». Da hatte ich es schon dazumal mit einem Verfasser zu tun, der sozusagen auch das Ideal des Laplaceschen Kopfes sich vorgesetzt hatte; und noch manches andere hatte er ausgeführt in derselben Richtung.
[ 28 ] Wenn Sie das alles zusammennehmen, werden Sie sehen, daß ich nicht nach einer bloßen Idee von astronomisch-materialistischer Weltauffassung zu sprechen versuchte, sondern die Tatsachen, die Persönlichkeiten selbst sprechen zu lassen, so daß wirklich in einem gewissen Sinne von mir erstrebt wurde, einen Darstellungsstil zu pflegen, der das Persönliche ausschaltet. Denn wenn ich Ihnen erzählte, was Du Bois-Reymond bei einer besonderen Gelegenheit gesprochen hat, so lasse ich ihn sprechen und nicht mich. Meine Aufgabe ist es nur, dem, was die Persönlichkeiten gesprochen haben, nachzugehen; ich versuche, die Welt sprechen zu lassen. Das ist der Versuch, sich selbst auszuschalten, nicht seine eigenen Ansichten zu erzählen, sondern Tatsachen. Man sollte sich beim Lesen dieses Wrangellschen Punktes gerade bewußt werden, daß von unserer Geisteswissenschaft schon in der Art der Darstellung der Tatsachensinn angestrebt wird, der Sinn, nicht bloß am Objektiven herumzulutschen, sondern der Sinn, sich in die Tatsachen zu vertiefen, sich in sie wirklich zu versenken.
[ 29 ] Jetzt werden Sie das, was von mir aus den Tatsachen herausgeschält worden ist, wiedererkennen, wenn Sie die folgenden Zeilen des Schriftchens nochmals auf sich wirken lassen: «Alles Geschehen, welches wir durch unsere Sinne beobachten und gedanklich wahrnehmen, verläuft geserzmäßig, d.h. jeder Zustand des Kosmos wird notwendigerweise dutch den ihm zeitlich vorhergehenden bedingt und hat ebenso notwendig die ihm nachfolgenden Zustände zur Folge. Alle Veränderungen, d.h. alles Geschehen, sind unabwendbare Folgen der im Kosmos vorhandenen Kräfte.»
[ 30 ] Und nun heißt es weiter:
Es berührt das Wesen der Frage nicht, ob man — der besseren Anschaulichkeit wegen — den Träger der Kräfte «Stoff» nennt oder, nach Vorgang der Monisten, den Begriff «Energie» als einziges Wirksames sich vorstellt, welches den menschlichen Sinnen zwar verschiedene Erscheinungsformen darbietet, aber im Grunde eine unabänderliche Summe von latenten oder aktuellen Bewegungsmöglichkeiten darstellt.
[ 31 ] Auch einen solchen Satz würde ich in den seltensten Fällen, und nur dann, wenn schon anderes zusammengefaßt ist, so prägen. Erinnern Sie sich, daß ich auch einmal von dem gesprochen habe, was in diesem Satz zum Ausdruck kommt. Da steht: «Es berührt das Wesen der Frage nicht, ob man — der besseren Anschaulichkeit wegen — den Träger der Kräfte «Stofb nennt oder, nach Vorgang der Monisten, den Begriff «Energie als einziges Wirksames sich vorstellt...». Ich würde nicht so sagen, sondern ich würde wirklich hinzeigen auf die Schüler Haeckels und Büchners, die vor allen Dingen auf den Stoff sehen, der im Raume ausgebreitet ist. Das waren, nach dem Ausdrucke des Schwaben-Vischers, die «Stoffhuber».
[ 32 ] Dann kam derjenige, der der Vorsitzende des Monistenbundes jetzt ist: Ostwald. Der hielt auf einer Naturforscherversammlung, ich glaube, es war diejenige in Kiel — ich habe davon auch schon gesprochen — einen Vortrag über die Überwindung des Materialismus durch die Energetik, durch den Energismus. Da hat er aufmerksam darauf gemacht, daß es nicht auf den Stoff ankäme, sondern auf die Kraft. Er ersetzte also den Stoff durch die Kraft. Erinnern Sie sich, wie ich seine eigenen Worte anführte, die er damals gebrauchte. Er sagte dem Sinne nach: Wenn einer von einem anderen eine Ohrfeige bekommt, so handelt es sich für den, der die Ohrfeige bekommt, nicht um den Stoff, sondern um die Kraft, mit der er die Ohrfeige bekommt. Nirgends nehmen wir den Stoff wahr, sondern die Kraft. Und daher wurde an die Stelle des Stoffes die Kraft gesetzt, oder mit einer gewissen nicht nur Umschreibung, sondern Umformung: die Energie. Aber dieser Energismus, der jetzt sich Monismus nennt, ist nichts anderes als ein maskierter Materialismus. Wiederum versuchte ich mit einem Beispiel Ihnen zu zeigen, wie es wirklich einmal eine Zeit gegeben hat, wo an die Stelle der «Stoffhuber» die «Energiehuber» traten. Nicht einen theoretischen Satz versuchte ich hinzustellen, sondern aus dem Realen heraus versuchte ich zu charakterisieren. Und das muß überhaupt unser Bestreben sein. Denn nur dadurch kommen wir dazu, Sinn für das Reale im Geistigen zu entwickeln, daß wir im Physischen Sinn für das Reale haben und nicht an unseren eigenen Behauptungen herumlutschen.
[ 33 ] So sagt also der Verfasser des Schriftchens: «Es berührt das Wesen der Frage nicht, ob man — der besseren Anschaulichkeit wegen — den Träger der Kräfte «Stoff» nennt oder, nach Vorgang der Monisten, den Begriff Energie» als einziges Wirksames sich vorstellt...» Die Wärme ist die eine Art, gleichsam das Werkzeug, Ohrfeigen zu bekommen, das Licht ist die andere Art. Und wenn man eingeht auf die verschiedenen Sinnesorgane, so muß man sagen, da wirken die Ohrfeigen jeweils anders. Wenn sie zum Beispiel auf die Augen kommen, so wirken die gleichen Ohrfeigen als Lichterscheinungen. So ist auch die Theorie. Sehen Sie sich nur noch einmal die Worte an: «Es berührt das Wesen der Frage nicht, ob man — der besseren Anschaulichkeit wegen — den Träger der Kräfte «Stoff» nennt oder, nach Vorgang der Monisten, den Begriff «Energie als einziges Wirksames sich vorstellt, welches den menschlichen Sinnen zwar verschiedene Erscheinungsformen darbietet, aber im Grunde eine unabänderliche Summe von latenten oder aktuellen Bewegungsmöglichkeiten darstellt.»
[ 34 ] Was der Verfasser hier mit den Ausdruck «latente oder aktuelle Bewegungsmöglichkeiten» meint, können Sie sich so klarmachen: Denken Sie sich einmal hier irgendeine Widerlage, und darauf eine Röhre, eine Glasröhre, darinnen Wasser. Dieses Wasser drückt hier auf den Boden. In dem Augenblicke, wo ich die Widerlage wegziehe, rinnt das Wasser herunter. In dem letzteren Falle haben wir es zu tun mit einer aktuellen Bewegung; bevor ich die Widerlage weggezogen habe, war dieselbe Kraft da, nur war sie nicht aktuell, sondern ruhte. Alles, was vom Wasser dann herunterströmte und aktuell wurde, das war vorher latent, nicht aktuell.
Der Verlauf alles Geschehens ist unabänderlich gegeben, und auch der Mensch ist in seinem Denken, Fühlen, Wollen ebenso unfrei, wie zum Beispiel der Stein in seinem Fallen.
[ 35 ] Das ist die notwendige Folge der Weltanschauung des Laplaceschen. Kopfes, daß, wenn ich da die Hand hinlege, das ein Bild der sich bewegenden Atome ist, und wenn der Laplacesche Kopf das Bild noch berechnen kann, wie ich das angedeutet habe, so schließt das die Freiheit des Menschen aus, das heißt, der Laplacesche Kopf schließt die Freiheit des Menschen aus.
[ 36 ] Das ist der erste Punkt, den Herr von Wrangell anführt aus der materialistisch-mechanischen Weltanschauung heraus. Der zweite Punkt ist der folgende:
2. Die inneren Erlebnisse, welche sich im Bewußtsein des Menschen abspielen (seine Gefühle, Gedanken, Willensimpulse), sind nicht wesentlich verschieden von sonstigen Vorgängen in der Natur, die der Mensch durch seine Sinne beobachtet. Diese inneren Erlebnisse sind nur Begleiterscheinungen von stofflichen Vorgängen innerhalb des menschlichen Gehirns und Nervensystems.
[ 37 ] In diesem zweiten Punkte ist also ausgedrückt, daß wenn ich denke, fühle und will, das nur eine Begleiterscheinung der inneren Vorgänge ist, die der Laplacesche Kopf sich auswählt. Wir haben es also nicht mit selbständigen Gedanken, Gefühlen und Willensimpulsen zu tun, sondern nur mit Begleiterscheinungen. Wenn Sie verfolgen, was ich zum Beispiel in dem Vortrage «Das Erbe des 19. Jahrhunderts» und in ähnlichen anderen Vorträgen gesagt habe, wenn Sie manches durchstudieren, was in den «Rätseln der Philosophie» enthalten ist, dann werden Sie sehen, wie viele Geister in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich diese Anschauung wie eine Selbstverständlichkeit gebildet haben, daß der Mensch eigentlich nichts anderes ist als das Gefüge der materiellen Vorgänge und ihrer Energien, und daß die Gedanken, Gefühle und Willensimpulse nur Begleiterscheinungen sind.
[ 38 ] Als dritten Punkt der materialistisch-mechanischen Weltanschauung gibt Herr von Wrangell das Folgende an:
3. Nach dem leiblichen Tode des Menschen hört die Existenz des menschlichen Einzelwesens endgültig auf, da das sogenannte geistige Leben des Menschen an seine Körperlichkeit gebunden ist und ohne sie nicht bestehen kann.
[ 39 ] Diesen Punkt kann jeder als Konsequenz des ersten Punktes einsehen. Der erste Punkt ist das, worauf es ankommt. Der zweite und dritte sind notwendige Konsequenzen.
[ 40 ] In dem nächsten Aufsätzchen spricht Herr von Wrangell über dasjenige, was er nennt:
Prüfung dieser Grundannahmen
Worauf gründen sich diese Grundannahmen der materialistischen Weltanschauung? Sind es unzweifelhaft erwiesene Tatsachen oder nur mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen? Die wichtigste und folgenschwerste der drei vorerwähnten Annahmen ist die erste vom notwendigen Verlauf alles Geschehens. Ste wird nicht nur von Materialisten als über jeden Zweifel erhaben angesehen, sondern auch von vielen Spiritualisten, die zwar die selbständige Existenz geistiger Wesenheiten annehmen und an das Fortbestehen des geistigen Wesens des Menschen, ihrer «Seele», nach dem leiblichen Tode glauben, die aber das unabänderlich Gesetzmäßige innerhalb der Geisteswelt wie innerhalb der Sinneswelt annehmen. Zunächst sei also festgestellt, daß diese Vorstellung der unbedingten, ausnahmslosen Gesetzmäßigkeit, d.h. Notwendigkeit alles Geschehens, auch auf geistigem Gebiet, den Begriff der Sittlichkeit, des Guten und Bösen ausschließt, denn sittlich handeln heißt, das Gute wählen, wenn das Böse gewählt werden könnte.
[ 41 ] In diesem Kapitelchen sucht sich Herr von Wrangell klarzumachen, daß es ein Sittliches nicht geben könne, wenn die materialistisch-mechanische Weltanschauung die einzig richtige ist. Denn wenn ich jeden Augenblick meines Lebens das tun muß, was nur eine Begleiterscheinung der Atome ist, dann kann von einer Freiheit nicht die Rede sein, auch von einem Sittlichen kann nicht die Rede sein, denn es wird alles mit Notwendigkeit getan. So wie man nicht sagen kann, der Stein, der zur Erde fällt, ist gut, und der, welcher nicht zur Erde fällt, ist nicht gut, so kann man auch nicht von den Handlungen der Menschen sprechen, daß sie gut oder nicht gut sind. Beim Verbrecher erfolgt alles mit Notwendigkeit; beim guten Menschen erfolgt alles mit Notwendigkeit. Daher liegt also etwas Richtiges in dem Satze: «Zunächst sei also festgestellt, daß diese Vorstellung der unbedingten, ausnahmslosen Gesetzmäßigkeit, d.h. Notwendigkeit alles Geschehens, auch auf geistigem Gebiet, den Begriff der Sittlichkeit, des Guten und Bösen ausschließt; denn sittlich handeln heißt, das Gute wählen, wenn das Böse gewählt werden könnte.» Wählen kann man aber nicht, wenn alles in die materialistische Notwendigkeit eingeschnürt ist.
[ 42 ] Das nächste Kapitel ist überschrieben:
Freiheit und Sittlichkeit
Sobald keine Freiheit des Entschlusses vorliegt, kann von Sittlichkeit nicht die Rede sein in dem Sinne, wie dieser Begriff von den Menschen aufgefaßt wird und wie er unserem inneren Empfinden entspricht. Wir können wohl von mehr oder weniger nützlichen, unfreien Handlungen und Impulsen reden, aber eine sittliche Beurteilung unfreier Handlungen oder Gefühle hat keine Berechtigung, keinen Sinn. Mit Beseitigung der Freiheit fällt auch die Verantwortlichkeit weg. Dieser zweifellose Zusammenhang zwischen Freiheit und Sittlichkeit kann nicht als Argument gegen den Begriff der Gesetzmäßigkeit gelten; es soll damit bloß in Erinnerung gebracht werden, welche logische Folgen mit der Annahme unbedingter Notwendigkeit verbunden ist.
[ 43 ] Also Herr von Wrangell sucht hier klarzumachen, daß aus der materialistisch-mechanischen Weltanschauung unbedingt folgt, daß von Freiheit und Sittlichkeit eigentlich nicht gesprochen werden kann.
[ 44 ] Nun ist er ein wissenschaftlicher Kopf, und ein wissenschaftlicher Kopf ist gewohnt, wirklich, in ehrlicher Weise, die Konsequenzen von Voraussetzungen zu ziehen. Unserer Zeit entgeht vieles, was auf sie sogleich absurd wirken würde, wenn sie wirklich schon das wissenschaftliche Gewissen aufgenommen hätte, wenn sie nicht ohne wissenschaftliches Gewissen alles mögliche zusammenrühren und zusammenwerfen würde. Das tut Herr von Wrangell nicht, sondern er sagt: Nehmen wir die materialistische Weltauffassung an, so dürfen wir nicht mehr von Freiheit und Sittlichkeit sprechen; denn entweder ist die materialistische Weltanschauung richtig, und dann ist es ein Unsinn, von Freiheit und Sittlichkeit zu sprechen, oder man spricht von Freiheit und Sittlichkeit, und dann hat es keinen Sinn, von der materialistisch-mechanischen Weltanschauung zu sprechen.
[ 45 ] Da aber Herr von Wrangell ein Wissenschafter ist, der schon gewohnt ist, die Konsequenzen seiner Voraussetzungen zu ziehen das ist eine wichtige Tatsache —, so ist er nicht gewohnt, die Dinge in seinem Denken so schlampig zu haben; denn es ist eine Schlamperei des Denkens, wenn einer sagt, ich bin Materialist und nicht zugleich die Sittlichkeit leugnet. Dieser Schlamperei des Denkens will et sich nicht schuldig machen. Auf der anderen Seite hat er auch die Gewohnheit, die man eben hat, wenn man Wissenschafter geworden ist, nämlich zu sagen: Möge die Welt in Trümmer gehen, das, was ich wissenschaftlich erkannt habe, muß wahr sein! Daher kann man nicht sagen, man werfe die materialistische Anschauung einfach weg, sondern wenn die materialistische Weltanschauung wahr ist, so muß sie angenommen werden und dann steht man vor der traurigen Notwendigkeit, die Sittlichkeit über Bord werfen zu müssen. Da handelt es sich also nicht bloß darum, zu fragen: Wohin kommen wir mit der Sittlichkeit? — er sagt, das genügt nicht —, sondern es muß die materialistische Weltanschauung untersucht werden, ganz abgesehen davon, was für Folgen dies für die Sittlichkeit hat. Also es muß auf eine andere Art der materialistischen Weltanschauung zu Leibe gegangen werden.
[ 46 ] Das nächste Kapitel heißt:
Das Welträtsel
Ja, man kann sagen, daß die Frage, ob der Mensch für sein Tun verantwortlich ist, d.h. ob er die Möglichkeit hat, seine Willensimpulse nach Motiven zu regeln, die »1cAht durch seine leibliche Organisation eindeutig bestimmt sind, — daß diese Frage über Freiheit oder Unfreiheit des Willens für uns Menschen das ganze Welträtsel in sich schließt. Denn wenn diese Frage im Sinne der im ganzen Weltall unbedingt und ausnahmslos geltenden Notwendigkeit alles Geschehens beantwortet werden 722ß, dann ist der Materialismus die einzig richtige Anschauung und die Welt mit all ihrer Qual und Leiden ein zwecklos ablaufender Mecha nismus, ohne erkennbaren Anfang zwar, aber mit dem ewigen Tode des Ganzen als Endziel.
[ 47 ] Als wir mit unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung begannen, hatte ich Veranlassung, einige Gedichte der Dichterin Marie Eugenie delle Grazie vorzulesen, die sich, man könnte sagen, durchgerungen hat zu einer materialistisch-mechanischen Weltauffassung und sogar als Dichterin wirklich die Konsequenzen daraus zieht. Daher hat sie Gedichte geformt wie «Ein schmutziger Wirbel ist das Dasein». — Darauf muß man ja kommen, wenn man in seinem Denken nicht schlampig ist, wenn man sein Denken auf seine Gefühle wirken läßt. Und nur weil die Menschen in ihrem Denken so schlampig sind und so feige, stellen sie sich nicht die Frage: Was wird aus dem Leben unter dem Eindrucke der materialistisch-mechanischen Weltanschauung? — Aber man muß doch zeigen, daß sie in sich unrichtig ist, sonst hätte man einfach die Konsequenz der delle Grazie aufgenommen.
[ 48 ] Weiter sagt Herr von Wrangell:
Die größen Geister, die tiefsten Denker haben sich um Lösung dieser wichtigsten aller Fragen bemüht, und es scheint vermessen, da etwas Neues sagen zu wollen. Es kann sich hier aber nicht um eine allgemein gültige Antwort handeln, sondern höchstens um einen Hinweis auf den Gedankengang, der zu einer subjektiven Lösung des Rätsels geführt hat. Ein solcher Hinweis kann manchmal einer ähnlich gestimmten Seele eine Hilfe sein.
[ 49 ] Herr von Wrangell macht also darauf aufmerksam, daß die größten Geister, Dichter und Denker sich um die Lösung dieser Frage bemüht haben, und daß es unnötig sei, da noch etwas Neues sagen zu wollen. Es könne sich höchstens um einen Hinweis handeln auf den Gedankengang, der zu einer subjektiven Lösung dieses Rätsels geführt hat; also um einen Hinweis auf seinen eigenen Gedankengang.
[ 50 ] Im nächsten Kapitel untersucht er, woher es kommt, daß wir die Vorstellung haben: das Vorhergehende hat immer das Folgende gesetzmäßig nach sich ziehend. Es heißt:
Ursprung der Gesetzmäßigkeit
Von diesem Gesichtspunkte aus scheint es berechtigt, die Frage aufzuwerfen: Von wo entnehmen wir die Vorstellung der unbedingten Gesetzmäßigkeit alles Geschehens? Ist es etwa eine unmittelbare, allem Denken zu Grunde liegende intuitive Wahrheit, oder hat sich die Menschheit erst allmählich, durch lange mühevolle Geistesarbeit zu dieser Vorstellung durchgerungen; eine Vorstellung, die jetzt dem am Kulturwerk der Vergangenheit zehrenden Europäer als selbstverständliche Wahrheit erscheint?
[ 51 ] Herr von Wrangell frägt hier also: Ist die Sache so, daß der Mensch immer an diese unbedingte Gesetzmäßigkeit geglaubt hat, oder sind die Menschen erst im Laufe der Zeit dazu gekommen? Dann erst kann man erkennen, welche Tragkraft diese Vorstellung hat; denn wenn der Mensch immer daran geglaubt hat, so muß sie etwas selbstverständlich Wahres haben; wenn die Menschen sich aber erst zu ihr durchgerungen haben, so kann man nachprüfen, wie sie zu dieser Vorstellung gekommen sind. So kann man sich über die Gültigkeit eine Vorstellung machen. Er sagt dazu weiter:
Das letztere ist der Fall. Es ist dies eine erworbene, keine ursprüngliche Erkenntnis. Das ursprüngliche, unmittelbare Bewußtsein des Menschen gibt ihm im Gegenteil die Idee der durch äußere Verhältnisse begrenzten inneren Freiheit, der Willkür in seinen Willensentschlüssen. Die Vorstellung der Gesetzmäßigkeit ist erst allmählich aus der Erfahrung entnommen.
[ 52 ] Nun, das können Sie aus unzähligen meiner Vorträge ersehen, wie langsam die Menschen zu dieser Vorstellung der Gesetzmäßigkeit gekommen sind, vom alten Hellsehen bis in die Zeit, wo die Vorstellung der Gesetzmäßigkeit gekommen ist. In Wahrheit ist die Vorstellung der Gesetzmäßigkeit erst vier Jahrhunderte alt, denn sie rührt im Grunde genommen von Galilei her. Das habe ich öfter auseinandergesetzt. Wenn man vor Galilei zurückgeht, so ist gar keine Ahnung davon da, daß alles von einer solchen Gesetzmäßigkeit durchzogen ist.
[ 53 ] Herr von Wrangell sagt: «Es ist dies eine erworbene, keine ursprüngliche Erkenntnis... Die Vorstellung der Gesetzmäßigkeit ist erst allmählich aus der Erfahrung entnommen.» — Nun, ich möchte wissen, ob das Kind durch seine inneren astralischen Verhältnisse genötigt ist, nach dem Zucker zu greifen, das heißt, ob es ihm natürlich ist, oder ob das Kind meint, schon eine Wahl zu haben. Ich habe früher schon einmal etwas wie eine Anekdote erzählt, die ich hier auch anführen möchte. Es war in meiner Studienzeit; da ging ich in der Vorhalle des Wiener Südbahnhofs mit einem Studienkollegen immer auf und ab. Der war ein hartgesottener Materialist und vertrat entschieden den Standpunkt, daß alles Denken nur so Vorgänge im Gehirn sind, so wie das Vorrücken der Zeiger an der Uhr. Und wie man nicht davon sprechen könne, daß das etwas Besonderes ist, sondern mit den mechanischen Stoffen und Kräften, die darinnen vorhanden sind, zusammenhängt, so meinte er, daß auch das Gehirn diese astronomischen Bewegungen mache. Das war ein Laplacescher Kopf; wir waren dazumal achtzehn bis neunzehn Jahre alt. Da sagte ich ihm einmal: Aber du sagst ja niemals «mein Gehirn denkt», sondern du sagst «ich denke». Warum lügst du denn da fortwährend? Warum sagst du immer «ich denke» und nicht «mein Gehirn denkt?» — Nun, dieser Studienkollege hatte nicht aus der Erfahrung, sondern aus vertrackten Theorien heraus seine Kenntnisse, die Ideen der Willensentschließung und der Gesetzmäßigkeit genommen. Er glaubte nicht an innere Willkür, er sagte aber «ich denke» und nicht «mein Gehirn denkt». Er stand also in fortwährendem Widerspruch mit sich selber.
[ 54 ] Das nächste Kapitel heißt:
Freiheit des Willens kann nicht erfahrungsmäßig erwiesen werden
Kann dieser Gegensatz verstandesmäßig gelöst werden? Es ist einleuchtend, daß ein auf Erfahrung begründeter Beweis für die Freiheit des Willens der Menschen oder anderer Wesen nicht erbracht werden £&a»». Dazu müßte nachgewiesen werden, daß in einem tatsächlichen Fall dasselbe Wesen unter gleichen Verhältnissen zwei verschiedene Entschlüsse gefaßt hat.
[ 55 ] Herr von Wrangell sagt also, daß man die Wahrheit der Freiheit des Willens der Menschen durch äußere Erfahrung nicht beweisen könne, weil man nämlich nur einer Entschluß fassen könne. Wollte man sie beweisen, dann müßte man zwei Entschlüsse fassen können. Nun, ich habe auch schon erzählt, daß man sich in dieser Frage gar nicht auf Erfahrung beruft, sondern eine Erfahrung konstruiert. Zum Beispiel hat man sich einmal einen Esel gedacht, der links und rechts ein Bündel Heu hat, dasselbe schmackhafte, gleich große Bündel Heu. Der Esel, der immer hungriger und hungriger wird, soll sich jetzt entschließen, ob er von dem einen oder anderen Heubündel fressen soll, denn das eine ist so schmackhaft wie das andere und so groß wie das andere. Und so weiß er nicht, ob er sich dahin oder dorthin wenden soll. Kurz, der Esel kam zu keinem entsprechenden Entschluß und mußte zwischen den zwei Bündeln Heu verhungern. — Solche Dinge hat man konstruiert, weil man fühlte, daß man erfahrungsmäßig gar nicht dahin kommen kann, die Freiheit zu beobachten. Darauf macht Herr von Wrangell aufmerksam und stellt dann die Frage:
[ 56 ] Kann aber die Freiheit des Willens erfahrungsmäßig widerlegt werden? Zur Beantwortung dieser Frage rufen wir uns zunächst einige erkenntnistheoretische Wahrheiten ins Gedächtnis!
[ 57 ] Um diese Frage zu beantworten, spricht nun Herr von Wrangell im nächsten Kapitelchen von einigen erkenntnistheoretischen Wahrheiten. Dieses Kapitel heißt:
Erkenntnistheoretischer Rückblick
Der Mensch hat unmittelbares Bewußtsein nur von sich selbst. Er fühlt Begierden, die er zu befriedigen sucht und die in ihm Willensimpulse auslösen; er empfängt Eindrücke, von denen er sich bald überzeugt, daß sie in Abhängigkeit von bestimmten Sinnesorganen seines Körpers stehen. Wenn er die Augen schließt, empfängt er keine Licht- und Farbeneindrücke, wenn er die Ohren verstopft, so schwächt er seine Schallempfindungen oder verliert sie ganz. Ebenso zeigt ihm die Erfahrung, daß die Nase den Geruchssinn, der Mund in seinen mit Schleimhäuten bedeckten Teilen den Geschmack vermitteln. Nur der Tastsinn scheint an keinen besonderen Körperteil gebunden, kann durch die gesamte Haut ausgeübt werden. Der normale gesunde Mensch hat in wachem Zustande fünf verschiedene Sinne, die ihm Eindrücke vermitteln, und zwar jeder Sinn seine spezifische Art von Eindrücken.
[ 58 ] Hier steht Herr von Wrangell unter dem Einfluß der populären Erkenntnis der Sinne. Diejenigen, die einmal zugehört haben bei einem kleinen Vortragszyklus, den ich dazumal «Anthroposophie» betitelt habe, werden gesehen haben, daß man mit fünf Sinnen gar nicht auskommt, daß man vielmehr zwölf Sinne anzunehmen hat. Unter diesen zwölf Sinnen ist auch der Sinn für das fremde Denken, für das fremde Ich, und daher kann derjenige, der unsere geisteswissenschaftliche Bewegung richtig verfolgt hat, das Mangelhafte der Wrangellschen Behauptungen erkennen. Sie sind zwar nicht unrichtig, aber sie sind auch nur bedingt richtig. Wir können nicht sagen: «Der Mensch hat unmittelbares Bewußtsein nur von sich selbst.» Das ist unrichtig. Denn da könnten wir niemals fremde Iche wahrnehmen.
[ 59 ] Es gibt zwar in der neueren Zeit eine ganz vertrackte Anschauung, die von allerlei Leuten vertreten wird. Vielleicht könnte man als charakteristische Persönlichkeit unter den sie Vertretenden den Philosophen und Psychologen Lipps anführen. Die sind sich nicht bewußt, wenn ihnen ein Mensch gegenübertritt, daß sie einen unmittelbaren Eindruck von seinem Ich haben, sondern sie sagen: Wenn ich einem Menschen gegenüberttete, so hat der ein Gesicht; das macht bestimmte Bewegungen, und er redet bestimmte Dinge, und da soll man nun aus dem, was er redet und tut, schließen können, daß ein Ich dahinter ist. Also das Ich ist etwas Erschlossenes, nicht etwas unmittelbar Wahrgenommenes. Dagegen ist eine neue Philosophenschule, die ihren guten Interpreten in Max Scheler hat, anderer Ansicht. Die hat schon die Wahrnehmung gemacht, daß man einen unmittelbaren Eindruck von dem Ich des anderen Menschen haben kann. Und was von dem Ich, mehr streng wissenschaftlich, Husserl, der Philosoph, und dann etwas populärer, namentlich in seinen neueren Aufsätzen, Scheler geschrieben hat, zeigt, daß die neuere Philosophie auf dem Wege ist, anzuerkennen, daß ein unmittelbares Bewußtsein auch etwas wissen kann von einem anderen Bewußtsein. — Man kann also sagen, Herr von Wrangell ist angesteckt von der populären Erkenntnistheorie, wenn er sagt: «Der Mensch hat unmittelbares Bewußtsein nur von sich selbst.» Und weiter: «Er fühlt Begierden, die er zu befriedigen sucht und die in ihm Willensimpulse auslösen.» Und dann beschreibt er, wie der Mensch durch seine Sinne die Welt wahrnimmt.
[ 60 ] Ich habe auch schon über diese Sinnesphysiologie geschrieben. Lesen Sie nach in «Luzifer-Gnosis» und Sie werden sehen, daß ich das Unmögliche dieser Sinnesphysiologie mit dem einfachen Siegelvergleich klarzulegen versuchte. Ich sagte damals: Diese Sinnesphysiologie ist schon im Beginn materialistisch. Sie geht davon aus, daß von außen nichts in uns hineinkommen kann, weil sie sich das Draußen im Geheimen materialistisch vorstellt. Es ist aber so wie beim Petschaft und dem Siegellack: Das Petschaft bleibt immer außerhalb des Siegellacks; von dem Materiellen des Petschafts geht nichts über in den Siegellack. Aber der Name «Müller», der darin eingraviert ist, der geht doch von dem Petschaft in den Siegellack ganz über. Legt man nun den Hauptwert auf dasjenige, was sich in dem Namen Müller geistig ausdrückt, und nicht auf das Materielle, von dem nichts übergeht, so kann man sehen, daß das, was von seiten der Sinnesphysiologie vorgebracht wird, gar nichts besagt. Aber es sind so greulich in die Gehirne hineingeschlagene Lehren, denen nur die meisten nicht nachgehen, auch wenn sie Spiritualisten werden wollen. Das können Sie ausführlicher lesen in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie», in dem Kapitel: «Die Welt als Illusion.»
[ 61 ] Dann fährt Herr von Wrangell weiter fort:
Da der Mensch sich nicht denken kann, daß ein bestehender Zustand sich ohne eine Ursache ändern könne, nimmt er an, daß die von ihm empfundenen Sinneseindrücke durch Ursachen hervorgerufen werden, die er außerhalb seines eigenen unmittelbar empfundenen Selbstes verlegt. Diese äußeren Ursachen seiner inneren Sinneseindrücke nennt er «Dinge» und in ihrer Gesamtheit «Die Welt» oder — erkenntnistheotetisch — das «Nicht-Ich», im Gegensatz zu dem unmittelbar empfundenen «Ich».
[ 62 ] Das ist klar, man muß sich nur daran gewöhnen, daß da ein bißchen erkenntnistheoretisch gesprochen wird.
Tausendfältige Erfahrung und die diesbezügliche Übereinstimmung mit Wesen, die er als gleichartig mit sich selbst erkennt seine Mitmenschen —, belehren ihn, daß diese «Dinge», das «Nicht-Ich», bestehen kann, auch unabhängig von seinem Bewußtsein.
[ 63 ] Sonst müßte der Mensch glauben, daß, wenn er sein Auge nicht nur von lebenden, sondern auch von leblosen Dingen abwendet, die Dinge zu existieren aufhören.
Wenn er zum Beispiel das Bewußtsein im Schlafe verliert, so findet er beim Erwachen, daß die Dinge fortbestehen in ihrer «Wirklichkeiw, d.h. in ihrer Fähigkeit, in ihm Sinneseindrücke hervorzurufen. Auch seinen eigenen Körper erkennt der Mensch als in gewisser Hinsicht zur Welt «außer ihm» gehörig.
[ 64 ] Das ist gut, wenn es betont wird, denn wir haben nicht nur Dinge, die innerhalb, sondern auch Dinge, die außerhalb sind.
Er kann von seinen Gliedmaßen, wie von anderen Dingen, Sinneseindrücke empfangen, er kann zum Beispiel seine Hände sehen, tasten usw., und unterscheidet auch hier zwischen dem inneren Vorgang seiner Sinneseindrücke und ihrer äußeren Ursache, als welche er in diesem Fall einen seiner Körperteile erkennt. Daß es sein Körper ist, d.h. daß dieses Ding in ganz besonderer Verbindung mit seinem «Ich» steht, d.h. mit dem, was da fühlt und denkt, davon überzeugt er sich bald, vor allem durch den Tastsinn, der ihm zeigt, daß, wenn er seine eigenen Körperteile in Berührung mit anderen Dingen bringt, er die Berührung unmittelbar fühlt, er es dagegen nicht unmittelbar empfindet, wenn andere Gegenstände miteinander in Berührung gebracht werden.” 2In der Broschüre selbst folgt hier noch als Fußnote: «Die von de Rochas beobachtete «Ausscheidung des Empfindungsvermögens bei Sensitiven» ist eine besondere abnorme Erscheinung, welche eingehendes Studium verdient.»
[ 65 ] Es ist sehr gut, auf so etwas aufmerksam gemacht zu werden. So also beantwortet Herr von Wrangell die Frage, wodurch der Mensch dazu kommt, unter den Dingen, die im Raume draußen sind, in einem gewissen Ding seinen eigenen Leib zu erkennen. Wer schlampig denkt, der sagt sich einfach: Über so etwas nachzudenken ist doch Unsinn; das wollen Wissenschafter sein, die über so etwas nachdenken. — Aber Wrangell sagt: Wenn diese zwei Kreiden zusammenstoßen, tut es nicht weh, aber wenn ich mit dem Körper anstoße, dann tut es weh. Das ist der Unterschied. Und weil das eine weh, das andere nicht weh tut, so bezeichne ich das eine als zu mir gehörig, und das andere als nicht zu mir gehörig. — Es ist gut, zu wissen, daß wir nichts anderes haben als die Folge dieses Bewußtseins.
[ 66 ] Nun, sehen Sie, meine lieben Freunde, ich gedachte heute mit der Besprechung dieser Broschüre zu schließen. Wir sind aber nur bis Seite 10 gekommen. Es sollte einmal ein Versuch gemacht werden, wie man den Zusammenhang finden kann zwischen dem, was in der Welt geschrieben wird, und dem, was in strengerem Sinne unserer Geisteswissenschaft angehört. Aber die nächsten Kapitel sind doch noch zu interessant: Bildung der Begriffe, Vorstellungen von Raum und Zeit; das Kausalitätsprinzip; Anwendung der Vorstellung der Willkür auf die Umwelt; Beobachtung gleichmäßig verlaufender Erscheinungen; Wesen aller Wissenschaft; Sternenkunde, die älteste Wissenschaft; Gleichmäßige Bewegung; Das Messen; Das den Uhren zugrunde liegende Prinzip. — Es ist so interessant, daß wir doch vielleicht morgen um sieben Uhr die Besprechung fortsetzen.
