Der Wert des Denkens für
eine den Menschen befriedigende Erkenntnis
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft
GA 164
2 Oktober 1915, Dornach
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft III
[ 1 ] Wir fahren also heute fort in unserer Betrachtung der Broschüre «Wissenschaft und Theosophie» von F. von Wrangell. Vorher möchte ich einige Gedanken, die an die verschiedenen Kapitel bisher angeknüpft werden konnten, kurz rekapitulieren.
[ 2 ] Zunächst möchte ich bemerken, warum bei unserer Betrachtung gerade die Gesichtspunkte dieser Broschüre von Bedeutung sein können. Ich habe ja schon gesagt, daß wir in der Gegenwart Verhältnissen gegenüber leben, die den, welcher sich auf den Boden der Geisteswissenschaft stellt, in die Lage bringen können, die Geisteswissenschaft gegenüber den verschiedenen Angriffen, denen sie ausgesetzt ist, verteidigen zu müssen. Nun wird in unserer Gegenwart eine Verteidigung ganz besonders dann notwendig sein, wenn die Angriffe von seiten der Wissenschaft kommen, und zwar aus dem Grunde, weil die Wissenschaft, die sich seit drei bis vier Jahrhunderten in einer bestimmten Form entwickelt hat, mit einem gewissen Rechte den Anspruch erheben kann, weltanschauungsbegründend zu sein und diesen Anspruch auch wirklich macht. Man kann also als Geisteswissenschafter hören: Ja, wenn die Geisteswissenschaft gegen die Einwände der Wissenschaft nichts zu sagen hat, so erweist sie sich als schlecht begründet; denn wer heute eine Weltanschauung vertreten will, muß sie gegen die Einwände der Wissenschaft vertreten können. — Daher ist es ganz besonders wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, wenn ein Wissenschafter auftritt und auseinandersetzt, was der Wissenschafter über das Verhältnis echter wissenschaftlicher Denkweise zu den theosophischen, überhaupt zu den spirituellen Lehren zu sagen hat.
[ 3 ] Die bisherigen Betrachtungen haben Ihnen gezeigt, daß es ganz besonders wichtig sein kann, wenn für die spirituellen Lehren ein Wort eingelegt wird gerade von dem Standpunkte, der durch ein Bewußtsein bedingt ist, das durch die astronomische und ähnliche wissenschaftliche Forschung gegangen ist. Ich habe ja aufmerksam darauf gemacht, wie ein repräsentativer Vertreter moderner Weltanschauung, Du Bois-Reymond, gerade den sogenannten Laplaceschen Kopf, die astronomische Erkenntnis der Welt geltend macht; ich habe gezeigt, was sich der moderne Mensch unter dem Laplaceschen Kopf, unter der astronomischen Erkenntnis der Welt vorstellt. Daher ist es nötig zu zeigen, wie weit aus solchen astronomischen Vorstellungen heraus eine umfassende Weltanschauung aufgebaut werden kann.
[ 4 ] Dann sagte ich, wichtig sei es, daß in dieser Broschüre darauf hingewiesen wird, daß aus dem theoretischen Materialismus, aus der theoretisch-materialistisch-mechanischen Weltauffassung doch notwendigerweise nach und nach praktischer Materialismus folgen müsse. Ich zeigte dann, wie auch die Geisteswissenschaft durchaus auf diesem Standpunkte stehen müsse, wenn auch in unserer Gegenwart vielfach noch der Einwand erhoben wird, daß theoretische Bekenner der materialistisch-mechanischen Weltauffassung durchaus die Gültigkeit idealer, ethischer Motive nicht leugnen, sondern im Gegenteil sich zu ihnen bekennen.
[ 5 ] Wir sahen dann in der Broschüre in schöner Weise auseinandergesetzt, welches Weltbild sich demjenigen ergibt, der ausschließlich auf dem Gesichtspunkte der mechanisch-materialistischen Weltanschauung stehen will. Ich habe dieses Weltbild sozusagen gezeichnet und besonders betont — was auch in der Broschüre hervorgehoben wird —, daß derjenige, der in dem mechanisch-materialistischen Weltbilde das allumfassende Weltbild sieht, die inneren Erlebnisse, die sich im Bewußtsein des Menschen abspielen, nicht wesentlich anders ansehen kann als sonstige Naturvorgänge, also als Begleiterscheinungen mechanisch-materialistischer Vorgänge, und daß, wenn man ein solches mechanisch-materialistisches Weltbild herstellt, von einem Fortleben eines seelischen Kernes nach dem Tode konsequenterweise nicht mehr die Rede sein kann.
[ 6 ] Die Broschüre geht dann dazu über, diese Grundannahme zu prüfen. Insbesondere wird darauf hingewiesen, wie das Verhältnis von Freiheit und Sittlichkeit zu den mechanisch-maternalistischen Grundvorstellungen ist; wie der Begriff der Freiheit und Verantwortlichkeit unmöglich noch festgehalten werden kann, wenn man sich restlos zu der materialistisch-mechanischen Weltauffassung bekennt und wie sich daraus die eigentliche Weltfrage oder das Welträtsel ergibt, nämlich daß es notwendig ist, ein solches Weltbild zu gewinnen, innerhalb dessen die Vorstellungen der Freiheit und der Verantwortlichkeit eine Stelle haben können.
[ 7 ] Dann wird hingewiesen darauf, wie man zu der Vorstellung einer gleichsam als Netzwerk über alle Erscheinungen ausgebreiteten allgemeinen Gesetzmäßigkeit erst nach und nach gekommen ist und auch darauf, wie es unmöglich ist, jemals die Freiheit des Willens erfahrungsgemäß zu widerlegen, weil, wie wir gesehen haben, die Freiheit des Willens niemals so in dieses Netz materialistisch-mechanischer Vorgänge hineinverwoben gedacht werden kann, wie es sein müßte, wenn man sich eben zu diesem Weltbilde allein bekennen würde.
[ 8 ] Dann wird in einer erkenntnistheoretischen Auseinandersetzung gezeigt, wie der Mensch durch seine Sinne zur Außenwelt in ein Verhältnis tritt; wie man sich die Bildung der Begriffe, der Vorstellungen, die Bildung der Vorstellungen von Raum und Zeit vergegenwärtigen könne. Es wird darauf hingewiesen, wie das Kausalitätsprinzip ein allgemeines Prinzip der Weltanschauung sein müßte, wie es aber nur nach und nach in die Weltanschauung eingetreten ist, weil man ursprünglich davon ausgegangen ist, daß ähnliche reale Motive in den Dingen vorhanden seien, wie sie in den Menschen selber vorhanden sind; so daß also die Entwickelung zeigen würde, daß der Mensch ursprünglich nicht von einer mechanischen Kausalität ausgegangen ist, sondern im Grunde genommen erst aus einer anderen Anschauung über den Zusammenhang der Erscheinungen sich zu der mechanisch-materialistischen Anschauung durchgearbeitet hat.
[ 9 ] Dann wird darauf hingewiesen, wie nunmehr in der neueren Zeit die wissenschaftliche Betrachtung versucht hat, zu einer Objektivität zu kommen. Da wird nun das ganz besonders wichtige Prinzip der materialistisch-mechanischen Wissenschaft, das Prinzip des Messens, auseinandergesetzt, und wir werden gleich sehen, wie dieses Prinzip des Messens weitere Konsequenzen auch für die komplizierteren Teile der gegenwärtigen Wissenschaft hat.
[ 10 ] Nun möchte ich Sie ganz besonders eindringlich aufmerksam machen auf dasjenige, was in dem Büchlein über das Messen steht. Wirklich, ich möchte Sie bitten, es als Anknüpfung zu benützen, um den Charakter moderner Wissenschaftlichkeit gerade durch diese Auseinandersetzung über das Messen sich so recht zu eigen zu machen. Wir haben ja gesehen, wie das Prinzip des Messens dann seine Anwendung findet auf das den Uhren zugrunde liegende Prinzip. Ich möchte nun noch einige Bemerkungen gerade über das Prinzip des Messens machen, um Ihnen zu zeigen, wie Sie dieses Kapitel der Wrangell-Schrift «Wissenschaft und Theosophie» als eine Art von Leitmotiv verwenden könnten, um daran anzuknüpfen, was Sie in den verschiedenen Auseinandersetzungen über die moderne Wissenschaftlichkeit finden können, gerade mit Bezug auf den Charakter, den man in der Gegenwart von wirklicher Wissenschaftlichkeit verlangt.
[ 11 ] Wir haben gesehen, welches das Wesen des Messens ist, und wir haben auch den Hinweis darauf gefunden, wie das Messen in einer gewissen Beziehung eine Art von Unsicherheit trotz aller Objektivität in der Betrachtung, über die sich das Messen erstreckt, hineinbringt. Auf diese Unsicherheit können wir sehr einfach aufmerksam machen, indem wir folgendes sagen: Wenn wir das einfache Messen, das Messen von Längen oder Räumlichkeiten haben, so legen wir einen Maßstab zugrunde. Wenn wir eine Länge zu messen haben, so haben wir es so anzustellen, daß wir das Verhältnis der Länge zu einem Maßstabe feststellen. Die Länge muß in der sinnlichen Welt gegeben sein und auch unser Maßstab muß in der sinnlichen Welt verwirklicht sein. Nun finden Sie in der Schrift eine Bemerkung, die darauf aufmerksam macht, daß da etwas hineinkommt, was das Messen unsicher macht. Das Messen beruht darauf, daß man etwas vergleicht mit dem Maßstab; man vergleicht, wie oft der Maßstab enthalten ist in dem zu Messenden.
[ 12 ] Nun ergibt aber zum Beispiel eine leichte Erwärmung, daß die Wärme den Maßstab ausdehnt. Nehmen wir also an, der Maßstab wäre erwärmt worden und dadurch ein Stückchen länger geworden. Selbstverständlich — da wir in einem Raume messen, der ungefähr gleichmäßige Wärme zeigt, sonst würden wir weitere Kompliziertheiten ins Auge fassen müssen —, würde das zu Messende in demselben Verhältnis ausgedehnt wie der Maßstab. Wenn aber der Maßstab und das zu Messende aus solchen Materien bestehen, die sich nicht gleich stark ausdehnen, so daß der Maßstab weniger stark oder stärker sich ausdehnt als das zu Messende, so haben wir es schon mit Ungenauigkeiten im Messen zu tun.
[ 13 ] Also können wir zweierlei hervorheben. Das eine ist: die Betrachtung wird unabhängig von unserer Subjektivität, von dem Betrachter. Wir vergleichen das zu Messende mit dem Maßstabe, das heißt, wir vergleichen Objektives mit Objektivem. Darauf beruht nun ein gutes Stück moderner Wissenschaftlichkeit, und im Grunde genommen liegt darin auch ausgesprochen ein Ideal moderner Wissenschaftlichkeit. Das andere ist, wenn wir die Dinge um uns herum einfach nur nach unserer Subjektivität betrachteten. Sie brauchen sich zum Beispiel nur folgendes vorzustellen. Denken Sie sich, Sie haben ein Gefäß mit Wasser vor sich; nun bringen Sie Ihre eine Hand in die Nähe des Ofens und die andere Hand halten Sie in eine Eisgrube hinein; dann strecken Sie beide Hände in das Wasser hinein. Sie werden in jeder Hand ein ganz verschiedenes Gefühl haben, obwohl das Wasser dieselbe Temperatur hat. Für die erwärmte Hand wird das Wasser kalt erscheinen, für die kalte Hand wird es gar nicht kalt erscheinen. So dehnt sich das Subjektive über alles Objektive aus. Das ist nur ein grobklotziges Beispiel, aber man sieht daran, wie immer das Subjektive aller Betrachtung zugrunde liegt. Das Messen löst den Inhalt vom Subjekt, vom Betrachter los. Daher gibt es eine objektive, vom Subjektiven losgelöste Wahrheit, eine Erkenntnis. Das ist wichtig. Und weil man in der neueren Zeit sich immer mehr bemüht hat, in bezug auf das Weltbild unabhängig zu werden von dem Subjektiven, so wurde das Messen eine Art Ideal.
[ 14 ] Sehen Sie, dieses Messen wird deshalb so objektiv, weil der Maßstab von uns unabhängig ist, weil wir uns ausschalten und an unserer Stelle den Maßstab einfügen. Diejenigen, die sich erinnern an meine Vorträge, die ich in Berlin gehalten habe über die verschiedenen Standpunkte, die man der Welt gegenüber einnehmen kann, werden sehen, daß auch der Geisteswissenschaft selber etwas Ähnliches zugrunde liegt. Ich habe da gesagt: Solange man auf dem Boden der äußeren Wirklichkeit steht, stellt man sich der Welt gegenüber und macht sich ein Weltbild. Sobald man aber die geistige Welt betritt, muß man im Grunde genommen von verschiedenen Gesichtspunkten — aber jetzt ist der Gesichtspunkt geistig gemeint — das zu Betrachtende betrachten. Zwölf Standpunkte habe ich angeführt, und erst wenn man diese zwölf Standpunkte einnimmt, korrigiert ein Standpunkt immer den anderen. Dadurch wird man auch in einer gewissen Weise unabhängig von der Subjektivität.
[ 15 ] Sie sehen daraus, wie Wissenschaft und Geisteswissenschaft zusammensteuern, wie das, was als ein notwendiges Entwickelungsmotiv in der Wissenschaft liegt, die Objektivität, auch von dem Geisteswissenschafter angestrebt werden muß, allerdings nicht dadurch, daß man alle zwölf Standpunkte geltend macht. Die zwölf verschiedenen Standpunkte korrigieren einander. So ist das Messen das Loslösen von der Subjektivität. Aber auf der anderen Seite wird darauf hingewiesen, wie auch beim Messen nur innerhalb gewisser Grenzen eine Genauigkeit erzielt werden kann, und es wird von Wrangell darauf hingewiesen in dem nächsten Kapitel:
Fehlergrenze beim Messen
Man kann auch beim Zeitmessen, wie beim Längenmessen, die Grenze der Genauigkeit, richtiger die Fehlergrenze, angeben. Innerhalb dieser Grenzen ist die gewonnene Tatsache objektiv richtig, aber fehlerlose Richtigkeit erreicht sie nie.
Darin unterscheiden sich alle den Sinneswahrnehmungen entnommene Tatsachen von intuitiven Wahrheiten des Denkens, wie die formalen Gesetze der Logik und alle Wahrheiten der Mathematik.
[ 16 ] Indem also das Messen mit Recht als dasjenige Mittel hingestellt wird, das, wenn man die Fehlergrenze berücksichtigt, eine gewisse Genauigkeit in bezug auf ein Weltbild gibt, wird zu gleicher Zeit darauf hingewiesen, wie diese Genauigkeit, die in bezug auf die äußere sinnliche Welt erreicht werden kann, nie eine fehlerlose Richtigkeit sein kann. Sie kann niemals dieselbe Art von Wahrheit geben, welche man in den sogenannten intuitiven Wahrheiten des Denkens, in den formalen Gesetzen der Logik und in den Wahrheiten der Mathematik hat.
[ 17 ] Das nächste Kapitel ist eine weitere Ausführung dessen, was ich schon gesagt habe:
Absolute Gültigkeit logischer und mathematischer Wahrheiten
Die logische Wahrheit, zum Beispiel: ein Teil ist kleiner als das Ganze,
[ 18 ] — das ist eine mathematische Wahrheit. Es kann nicht mit absolut gleicher Sicherheit gesagt werden, wieviel mal ein Teil enthalten ist in dieser Linie [vermutlich wurde auf eine Linie an der Tafel gezeigt]
oder: Wenn zwei Dinge einem Dritten gleich sind, so sind sie auch untereinander gleich, unterliegt keiner Einschränkung;
[ 19 ] — das sind absolute Wahrheiten; die werden aber auch nicht durch äußere Wahrnehmung gewonnen, sondern durch das Denken
jeder Mensch bei gesundem Verstande sieht seine zwingende Notwendigkeit ein. So auch in der Mathematik; hat man sich über gewisse Grundannahmen verständigt, so folgen alle übrigen Sätze der Mathematik mit zwingender Notwendigkeit ohne jede Einschränkung. Wenn man sich zum Beispiel darüber verständigt, was man eine gerade Linie nennt, was ein rechter Winkel ist, was Parallelismus heißt, so folgen daraus die Sätze der Geometrie mit absoluter Sicherheit.
[ 20 ] Es ist notwendig, daß man sich in diesen Dingen verständigt. Man muß sich verständigen darüber, was ein rechter Winkel, was eine gerade Linie ist, was Parallelismus heißt. Hat man sich darüber verständigt, daß parallele Linien diejenigen sind, die in allen Punkten, die senkrecht übereinanderliegen, gleich weit voneinander entfernt sind, oder hat man sich darüber verständigt, daß parallele Geraden diejenigen sind, welche, noch so weit verlängert, sich niemals schneiden, dann kann man die parallelen Linien verwenden, um weitere Sätze der Mathematik einzusehen. Ich will jetzt etwas scheinbar recht weit Entlegenes daran anknüpfen.
[ 21 ] Nehmen wir an, wir haben hier ein Dreieck: Wir haben schon öfter besprochen, daß die drei Winkel eines Dreiecks zusammen 180 Grad sind. Nun, was sind 180 Grad? 180 Grad sind es, wenn Sie sich hier denken einen Punkt und eine gerade Linie durch diesen Punkt gezogen. 180 Grad enthält der Kreisbogen um diesen Punkt, der ein Halbkreis ist. Es müßten also diese drei Winkel a,b,c sich so anordnen lassen, daß sie, wenn man sie fächerförmig zusammenlegt, eine gerade Linie ergeben. Das kann man sehr leicht veranschaulichen dadurch, daß man hier durch den Punkt C die Parallele zur Geraden AB zeichnet. Dann ergibt sich, wenn man sich nur einmal über die Parallele verständigt hat, daß der Winkel a’ gleich sein muß diesem Winkel a, und der Winkel b’ gleich dem b sein muß. Nun liegen die drei Winkel fächerförmig nebeneinander und bilden 180 Grad. Ich müßte noch Zwischenglieder einführen, aber Sie werden sehen, daß die Wahrheit, die drei Winkel eines Dreiecks betragen zusammen 180 Grad, auf diesem aufgebaut ist. Das heißt, es gibt gewisse Grundwahrheiten der Mathematik, die sich aus dem sich selber betätigenden Denken ergeben, über die man sich zu verständigen hat, und aus denen dann die ganze Mathematik folgt.
Ein Mensch, der die Fähigkeit hat, der Beweisführung zu folgen, ist von der ewigen Gültigkeit des Schlußsatzes ebenso überzeugt, wie von seiner eigenen Existenz.
[ 22 ] Es kann einem niemals der Zweifel kommen, daß die Winkel eines Dreiecks zusammen 180 Grad betragen. Für diejenigen der verehrten Freunde, die etwas davon wissen, betone ich, daß wir absehen von einer Raumgeometrie, die sich auf einen anderen Standpunkt stellt, das würde uns heute zu weit führen.
Die Raumeswissenschaft (Geometrie) stellt gewisse Beziehungen fest zwischen Flächeninhalten und deren linearen Dimensionen, sowie zwischen Raumesteilen und den entsprechenden linearen Größen.
[ 23 ] Dies ist die einfachste Vorstellung. Denn wenn Sie sich ein Rechteck aufzeichnen, so ist die Fläche dieses Rechtecks diejenige, die ich schraffiere. Nennen Sie die Länge der Grundlinie a, die dieser Linie b — so bekommen Sie die Fläche, wenn Sie a mit b multiplizieren; das heißt, die Fläche setzen Sie zusammen aus linearer Größe und linearer Größe.
Diese Beziehungen wurde von Denkern durch Intuition entdeckt, mit bereits bekannten Wahrheiten logisch verknüpft (darin besteht der mathematische Beweis). Die Richtigkeit des Beweises wird nicht durch Erfahrung geprüft, sondern durch Anschauung unmittelbar erkannt.
[ 24 ] Es ist sehr wichtig, daß Sie sich auf diese Sache einlassen, wie sich in dieser Beziehung mathematische Beweisführung und mathematisches Erkennen überhaupt unterscheidet von allem Erkennen, das sich auf äußere Sinnesgegenstände bezieht. Man kann das letztere niemals, ohne daß man an den äußeren Sinnesgegenstand herantritt, haben. Man muß also all die Ungenauigkeit, die dabei in Betracht kommt, in Rechnung ziehen. Man braucht aber mathematische Gebilde, wenn man einen Beweis führen will, gar nicht aufzuzeichnen, sondern sie ergeben sich dem selbsttätigen Denken. Das Aufzeichnen ist nur eine Veranschaulichung für das träge Denken, das nicht in sich selber arbeiten will. Aber an sich könnte man sich denken, daß man die Mathematik ohne jede Veranschaulichung im inneren Vorstellen betreibt.
Es darf nie übersehen werden dieser tiefe, grundsätzliche Unterschied zwischen Tatsachen, die der Erfahrung entnommen sind, welche infolge der Beschränktheit unserer Sinne stets Fehlerquellen aufweisen, und den logischen resp. mathematischen Wahrheiten, die für uns Menschen absolute Gültigkeit haben, sobald man die Grundannahmen als richtig erkannt hat.
Wird nun aus einer beliebigen empirischen Tatsache durch eine Kette mathematischer oder logischer Sätze eine Schlußfolgerung gezogen, so ist diese letztere nur innerhalb der Einschränkung richtig, unter denen jene empirische Tatsache beobachtet wurde; nur unter dieser Einschränkung kann man das gewonnene Endergebnis als wissenschaftlich erwiesene Erfahrungstatsache gelten lassen; dies wird oft übersehen.
Solche empirischen Tatsachen können in ihrer Anwendung auf Erscheinungen der Sinneswelt zu richtigen praktischen und auch theoretischen Ergebnissen führen, und oft erreichen sie einen so hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, daß diese Wahrscheinlichkeit uns der Gewißheit gleichwertig dünkt, aber erkenntnistheoretisch ist sie es nicht.
[ 25 ] Das weitere Kapitel heißt:
Alle Naturgesetze sind der Erfahrung entnommen, haben daher nur bedingte Gültigkeit
Wenn wir von Naturgesetzen reden, nach denen beim Vorhandensein gewisser Bedingungen notwendigerweise gewisse Erscheinungen eintreten — oder anders ausgedrückt: gewisse Ursachen haben notwendigerweise bestimmte Wirkungen —, so sind diese Gesetze der Erfahrung entnommen und deshalb nur innerhalb gewisser Grenzen der Genauigkeit als richtig nachweisbar.
Wir wollen das an einigen Beispielen erläutern: Der Astronom sagt, die Erde dreht sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse; was meint er damit?
[ 26 ] — Man kann also gewisse mathematische Wahrheiten innerlich erkennen, aber daß die Erde sich um ihre Achse dreht, kann man nicht innerlich erkennen. Was meint also der Astronom damit?
Zunächst heißt das: «Wir haben gewichtige Gründe anzunehmen, daß die scheinbare tägliche Umdrehung des Sternenhimmels eine optische Täuschung ist und durch die Umdrehung der Erdkugel um ihre Achse hervorgerufen wird; die Dauer einer solchen Umdrehung nennen wir ‹Sternentag›. Um die Dauer eines Sternentages (also eine Umdrehung der Erde um ihre Achse) zu messen, müssen wir sie mit einer Zeitdauer vergleichen, die wir als unveränderlich annehmen. Als solche Zeiteinheit wählen wir die Schwingungsdauer eines mit einer Uhr verbundenen Pendels von bestimmter Länge. Die Erfahrung zeigt uns, daß, je besser die Bedingungen erfüllt sind, um einen gleichmäßigen Gang einer Uhr zu gewährleisten, und je genauer wir die Sternenbeobachtungen anstellen, nach denen die Dauer einer Erdumdrehung bestimmt wird, um so unveränderlicher erweist sich das Verhältnis zwischen der Zahl der Pendelschwingungen und der Zahl der Erdumdrehungen. Beim jetzigen Stand der Technik hat sich die Umdrehung der Erde als gleichmäßig erwiesen innerhalb der möglichen Fehlergrenzen, welche nur einen geringen Bruchteil einer Sekunde erreichen können. Absolute Gleichförmigkeit können wir nicht behaupten, ja wir haben Gründe, daran zu zweifeln.»
[ 27 ] — Auf den letzten Satz brauchen wir nicht einzugehen; er kann Gegenstand einer späteren Betrachtung sein.
[ 28 ] Was liegt nun da eigentlich der äußeren Beobachtung vor? Einmal die Erscheinung, die wir als Tag und Nacht auf der Erde haben, ferner der Vergleich mit den Schwingungen einer Pendeluhr. Und da wir aus anderen Voraussetzungen finden, daß das Pendel gleichmäßig schwingt, und daß man die gleichmäßige Schwingung des Pendels vergleichen kann mit dem, was man in bezug auf die Erde wahrnimmt, so muß man daraus schließen, daß auch die Erde sich gleichmäßig um ihre Achse dreht. Eine andere Explizierung wird in dem nächsten Kapitel in bezug auf die Chemie gegeben.
Chemische Gesetze
Ähnlich ist es mit der Chemie. Das ganze Gebäude dieser Wissenschaft ruht auf dem Satz: Chemische Verbindungen können nur in ganz bestimmten Gewichtsmengen ihrer unzerlegbaren Bestandteile vor sich gehen,
[ 29 ] — als Beispiel hierzu wird in einer Fußnote angegeben: «Es verbindet sich zum Beispiel eine Raumeinheit (sagen wir ein Liter) Sauerstoff nur mit zwei Raumeinheiten Wasserstoff zu Wasser.» Also ein Atom Sauerstoff verbindet sich mit zwei Atomen Wasserstoff zu einem Molekül Wasser. Ich habe von dieser Verbindung des Sauerstoffs mit dem Wasserstoff zu Wasser öfter gesprochen. Dann heißt es in der Fußnote weiter: «Da ein Atom Sauerstoff 16mal schwerer ist als ein Atom Wasserstoff, so kann man auch sagen: eine Gewichtseinheit Wasserstoff verbindet sich mit 8 Gewichtseinheiten Sauerstoff zu 9 Gewichtseinheiten Wasser. Ist in der Mischung mehr Sauerstoff vorhanden als 8mal die Gewichtsmenge Wasserstoff, so bleibt der Überschuß als «freier, (unverbundener) Sauerstoff nach; ist dagegen weniger Sauerstoff vorhanden, so bleibt der überschüssige Wasserstoff unverbunden.» Also nur in diesem ganz bestimmten Verhältnis verbindet sich Sauerstoff mit Wasserstoff zu Wasser; im Wasser sind sie in diesem Verhältnisse vorhanden. Anders können sie sich nicht verbinden.
oder technisch ausgedrückt: die Elemente gehen chemische Verbindungen nur in ganzen Vielfältigen ihrer Atomgewichte ein.
[ 30 ] — In diesem Satz steckt nun die ganze Hypothese des Atoms darinnen. Das, was hier ausgeführt ist, ist für die ganze Sinnesanschauung, für die Beobachtung von Gewichtsmengen und Raumverhältnissen richtig. Aber wenn man annimmt, daß der Sauerstoff und der Wasserstoff aus kleinsten Teilen, nicht mehr teilbaren Atomen bestehen, dann muß man annehmen, daß dasselbe gewisse Verhältnis auch zwischen den Atomen stattfindet. Und da wir die Atome nicht mehr teilen können, so muß, wenn sich Sauerstoff mit Wasserstoff verbindet, also ein kleinster Teil von dem einen mit zwei kleinsten Teilen von dem anderen sich verbinden, dasselbe Gewichtsverhältnis bestehen. Wenn wir das Atomgewicht des Sauerstoffs und das Atomgewicht des Wasserstoffs nehmen, so entsteht ein Gewichtsverhältnis, das heißt, es verbindet sich ein Atom Sauerstoff mit zwei Atomen Wasserstoff, wobei das Sauerstoffatom achtmal schwerer ist. Das ganze Vielfache des Atomgewichts geht in die Verbindung ein. Was muß man tun, um auf eine solche Sache zu kommen? Man muß eine Wägung, das ist auch eine Messung, machen. Also man geht an die sinnlichen Tatsachen heran, und aus dem Ergebnis der Wägung bekommt man dieses Gesetz, daß sich die einzelnen Substanzen nicht in beliebiger Weise, sondern in einem ganz bestimmten Verhältnis verbinden.
Die Erfahrungstatsachen, denen dieses Gesetz entnommen ist, sind aber nie ganz genau (weil alles Wägen und Messen mit Beobachtungsfehlern behaftet ist); wenn das Gesetz trotzdem etwas Absolutes ausdrückt, so soll damit folgendes gesagt sein: je genauer die zur chemischen Analyse benutzten Apparate konstruiert sind, je sorgfältiger die Methoden zur Zerlegung zusammengesetzter Verbindungen in unzerlegbare Elemente, um so besser läßt sich die Zusammensetzung des Stoffes aus Elementen durch eine Kombination von Vielfältigen der entsprechenden Atomgewichte dieser Elemente darstellen.
Da der Chemiker sich der möglichen Fehlergrenzen seiner Meßoperationen bewußt ist, so weiß er, ob das Endergebnis seiner Analyse mit obigem Gesetz innerhalb dieser Fehlergrenzen übereinstimmt oder nicht. Findet er eine größere Abweichung, so ist er einstweilen von der Richtigkeit des Gesetzes so überzeugt, daß er zur Erklärung der gefundenen Abweichung die Anwesenheit eines noch unbekannten Elementes annimmt oder nach einer unbemerkten Fehlerquelle sucht. So hält er das Gesetz in der Praxis für absolut richtig, obgleich er theoretisch sich der Bedingtheit dieses empirischen Gesetzes bewußt ist.
[ 31 ] Das heißt: Würde man aus anderen Erfahrungstatsachen gefunden haben, daß sich zwei, drei Elemente nach einem gewissen Verhältnis verbinden, und würde man in den Substanzen, in denen diese darin sind, noch ein anderes Verhältnis sehen, so würde man annehmen müssen, daß noch etwas anderes darinnen ist.
[ 32 ] Das weitere Kapitel heißt:
Physikalische Gesetze
Wenn die Physik das Gesetz der Erhaltung der Energie aufstellt, so ist damit gemeint: wenn wir eine bestimmte Menge Bewegungsenergie in Wärme umwandeln und die Zahlen vergleichen, welche die Menge Bewegungsenergie in ihren Einheiten ausdrücken und die Menge daraus entstandener Wärme in Kalorien (Wärmeeinheiten) ausdrücken, so erhalten wir eine Verhältniszahl, welche man das «mechanische Wärmeäquivalent» nennt; je genauer die Messungen angestellt werden, je besser dafür gesorgt wird, daß die gesamte Bewegung in meßbare Wärme umgesetzt wird, — um so genauer stimmen die bei verschiedenen Versuchen erhaltenen Verhältniszahlen untereinander überein. Das ist das tatsächliche Ergebnis der Erfahrung.
[ 33 ] — Hier haben wir in einem einzigen Satz eine ganze physikalische Lehre vor uns. Was zu dieser Lehre führt, kann schon mit der ganz einfachen Tatsache belegt werden, daß, wenn wir mit einem Finger über eine Fläche streichen, diese warm wird. Das können Sie selber prüfen. Diese Energie, diese eigene Muskelenergie, die Sie da aufwenden, ist zunächst nicht Wärme; aber Wärme tritt auf und Energie geht verloren. Was ist da geschehen? Ihre Energie hat sich in Wärme umgewandelt. Wenn man hier zum Beispiel drückt, so entsteht eine gewisse Menge Wärme; wenn man eine andere Energie anwendet, so entsteht auch Wärme. Man könnte nun glauben, sie entstehe unregelmäßig; aber das ist nicht der Fall. Die Frage, welches Verhältnis besteht zwischen der Aufwendung der Energie und der Wärme, die daraus entsteht, ist Gegenstand wichtiger Forschungen gewesen. Im Jahre 1842 hat Julius Robert Mayer — der von seinen Fachgenossen dazumal recht schlecht behandelt worden ist, trotzdem er heute als wissenschaftliche Größe ersten Ranges gilt — zuerst aufmerksam darauf gemacht, daß das Verhältnis zwischen der Energie und der daraus entstehenden Wärme etwas Konstantes ist. Und er hat auch die Verhältniszahl anzugeben versucht. In seiner Abhandlung, die im Jahre 1842 geschrieben worden ist, ist sie noch ungenau angegeben. Spätere Gelehrte haben durch ihre Forschungen dann die genaue Zahl festgestellt und angegeben. Helmholtz, der sich um die Priorität der Entdeckung gestritten hat, ging darauf hinaus, nachzuweisen, daß es eine solche Verhältniszahl, ein konstantes Verhältnis zwischen der aufgewendeten Energie und der daraus entstehenden Wärme gibt. Gleich viel Energie gibt gleich viel Wärme, und die Verhältniszahl, die zwischen Wärme und aufgewendeter Energie besteht, ist so konstant, wie das Verhältnis zu den Konstanten konstant ist. Das nennt man das «mechanische Wärmeäquivalent». So bekommt man ein physikalisches Gesetz.
Der Physiker geht über diese Erfahrung hinaus, wenn er die von einander stets abweichenden Beobachtungsresultate durch eine einfache gemeinsame Formel ersetzt. Er ist dazu berechtigt, solange er sich der Bedingungen bewußt ist, unter denen die Formel Gültigkeit hat.
[ 34 ] — Eine Formel entsteht schon dadurch, daß ich sage: Wenn Energie in Wärme verwandelt wird, besteht ein gewisses Verhältnis zwischen Energie und Wärme. Aber wenn es auch noch so viele Fälle gibt, die untersucht worden sind, die Fälle, die man übermorgen untersuchen wird, die sind noch nicht heute untersucht. Wenn also der Physiker in einem solchen Zusammenhang eine Formel ausspricht, so muß er sich bewußt sein, welchen Gültigkeitsumfang eine solche Formel haben kann.
In ähnlicher Weise läßt sich von allen Naturgesetzen nachweisen, daß sie in ihrer Vereinfachung über die Erfahrung hinausgehen.
[ 35 ] — So daß man im Grunde genommen schon über die Erfahrung hinausgeht, wenn man nicht bei der Beschreibung des Einzelfalles bleibt.
[ 36 ] Das nächste Kapitel wollen wir einmal in bezug auf die Gesamtheit seiner Tendenz ins Auge fassen; es heißt:
Die Erkenntnis schreitet vom Einfachen zum Verwickelten fort
Die Erscheinungen der Sinneswelt, wie sie uns entgegentreten, sind so verwickelt, daß, um ihren Zusammenhang zu ergründen, der Mensch genötigt ist, zunächst seine Aufmerksamkeit auf das Einfachste zu beschränken und dann erst, Schritt für Schritt, das Gebiet des Erkannten zu erweitern. Die scheinbare, gleichmäßige, kreisförmige Bewegung der Gestirne bot in ihrer Einfachheit die Möglichkeit, die absoluten Wahrheiten der Mathematik auf empirische Tatsachen der Beobachtung anzuwenden und dadurch zukünftige Ereignisse rechnerisch vorauszusagen.
[ 37 ] — Für zukünftige Mond- oder Sonnenfinsternisse, ich habe letztes Mal schon davon gesprochen, beruht das darauf, daß man die Gestirne beobachtet hat, ihre Bewegungen in Formeln faßte, und dann in diese Formeln gewisse Größen einsetzte. Dadurch bekommt man die Möglichkeit, den Tag anzugeben, an dem, sagen wir im Jahre 1950, eine Sonnenfinsternis sein wird.
Diese von Erfolg gekrönte Tätigkeit entwickelte die Fähigkeit, große Gruppen von Erscheinungen in übersichtlicher, allgemeingültiger, mathematischer Form zu anschaulicher Vorstellung zu bringen. In dem geozentrischen Weltsystem kam der Begriff des gesetzmäßigen Naturgeschehens zum großartigen Ausdruck. Um die im Mittelpunkt der Welt ruhende Erde drehte sich mit unwandelbarer Gleichförmigkeit die kristallhelle Himmelskugel mit den zahllosen, an sie gehefteten Sternen. Nur sieben Gestirne: Sonne, Mond und die mit bloßem Auge sichtbaren fünf Planeten, haben ihre eigene Bewegung, zu deren anschaulicher Vorstellung man verschiedene Kombinationen kreisförmiger Bewegungen zu Hilfe nahm. Es entstand schließlich das sinnreiche aber komplizierte sogenannte ptolemäische Weltsystem mit seinen Zyklen und Epizyklen.
[ 38 ] — Geozentrisch war das frühere Weltsystem, das annahm, daß die Erde im Mittelpunkt der Welt stehe und die anderen Sterne sich irgendwie um sie herumdrehen, und man beobachtete so, wie sich das Weltgetriebe darstellte. Mathematisch ausrechnen konnte man die Bewegungen da auch. Es kommt nicht darauf an, daß man ein Weltbild hatte, das heute bei den Astronomen nicht mehr gilt. —
Mit zunehmender Genauigkeit der Beobachtungen und Erweiterung der Kenntnisse wuchsen die Schwierigkeiten, um die Beobachtungstatsachen auf diese Weise rechnerisch genau darzustellen, bis schließlich die kühnste und folgenschwerste aller wissenschaftlichen Hypothesen — die kopernikanische, die Schwierigkeiten löste.
[ 39 ] — Das ist so gekommen; heute liegen die Verhältnisse schon wesentlich anders. Man hat angenommen, die Erde stehe im Mittelpunkt, der Sternenhimmel bewege sich herum, die Planeten hätten eine Eigenbewegung. Man nahm an, daß solch ein Planet sich in einem Kreise bewege, der sich selbst wieder in einem Kreise bewege. In Epizyklen mußte man sich das vorstellen. Man mußte ein ganz kompliziertes Raumverständnis haben, welches die ganze Weltanschauung komplizierte. Nun kam in das menschliche Denken ein Prinzip hinein, das zu dem Fußfassen der kopernikanischen Weltanschauung wesentlich beigetragen hat. Das war das Prinzip, das zu keiner Zeit öfter als dazumal angeführt worden ist: Die Natur mache alles in der einfachsten Weise. — Aber das, sagte man, hätte sie nicht in der einfachsten Weise gemacht. Und da war es Kopernikus, der die Sache einfach umkehrte. Er sagte: Probieren wir einmal, die Sonne in den Mittelpunkt zu stellen und die anderen Himmelskörper sich darum herum bewegen zu lassen. Und so ergab sich ein anderes astronomisches Weltbild, das kopernikanische. Ich habe Ihnen schon einmal angeführt, daß die Kirche erst im Jahre 1822 erlaubte, daß ein Katholik an dieses System glaube. —
Die Erde aus ihrer Ruhelage im Mittelpunkt der Welt zu einem Trabanten der Sonne entwürdigt, um sie, gleich den anderen Wandelsternen, mit rasender Geschwindigkeit kreisend, dabei sich wie eine Spindel um ihre Achse drehend, — das ist eine Vorstellung, die dermaßen dem Sinnesschein und der Lehre der Kirche widersprach, daß deren Bestreben, die ketzerische Lehre im Keime zu ersticken, begreiflich ist.
Die Gründe, welche zur Annahme dieser Hypothese drängten, konnten zunächst nur von denen voll gewürdigt werden, die sich dessen bewußt waren, wie viel einfacher die Ergebnisse der Beobachtungen durch diese Hypothese erklärt wurden, als wenn man die Erde als ruhend annahm. Freilich mußten die Entfernungen, die uns von den Fixsternen trennen, unfaßbar groß gedacht werden.
[ 40 ] — Nun kommt eine Auseinandersetzung, die wichtig ist, die wir aber einmal besonders zum Gegenstand der Betrachtung machen müssen:
Ein vollgültiger Beweis für die Richtigkeit der kopernikanischen Hypothese ist übrigens erst zweieinhalb Jahrhunderte später erbracht worden, durch Entdeckung der sogenannten «Aberration des Lichtes», und noch später durch Messung einiger Sternparallaxen.
[ 41 ] — Aus dem, was Parallaxen der Sterne und Aberration des Lichtes sind, werden Sie sehen, daß die kopernikanische Weltanschauung bis zu diesen Entdeckungen in der Tat mit einer gewissen Unsicherheit behaftet war.
Die am Erforschen der Bewegungen der Gestirne erstarkte mathematische Methode wurde allmählich auch auf die uns näher liegenden, deshalb sich verwickelter darbietenden Erscheinungen der irdischen, leblosen Natur angewandt. Es entsteht schon bei den Alten die Statik, die Lehre vom Gleichgewicht der Kräfte, dann, erst mit dem Wiederaufleben der exakten Wissenschaften, die Dynamik, die mathematische Lehre von der Bewegung. Galilei erforschte die Fallgesetze; intuitiv erkennt er sie, drückt sie in Formeln aus, prüft und beweist sie durch sinnreiche Experimente, welche genaueres Messen ermöglichen.
[ 42 ] — Da wird darauf hingewiesen, wie es im Grunde genommen ein Durchdringen der äußeren Erscheinungen mit mathematischen Vorstellungen ist, auf das die Wissenschaft losgeht. Auch das ptolemäische Weltbild ging darauf aus, das Mathematische auszudehnen wie ein Netz. Wenn Sie einen Stern sehen, so müssen Sie die mathematische Vorstellung des Kreises schon erfaßt haben, wenn Sie sagen sollen: der Stern bewegt sich im Kreise. Also Sie verbinden das Mathematische mit dem, was Sie empirisch erschauen. Das tut man auch in einem großen Teile der mechanischen Wissenschaft, zum Beispiel in der Statik, die sich damit beschäftigt, die Verhältnisse zu untersuchen, unter welchen Gleichgewicht der Kräfte bewirkt wird, wohingegen die Dynamik die Verhältnisse untersucht, unter denen Bewegungen geregelt werden können und so weiter. Also wir sehen, wie Wissenschaften sich bilden, indem das äußerlich empirisch Wahrgenommene mit Mathematik durchsetzt wird.
Newton endlich wendet die irdischen Fallgesetze auf die Himmelserscheinungen an. Er beweist rechnerisch, daß die gleiche Kraft, welche den Apfel zur Erde treibt — die gegenseitige Anziehung zweier Stoffmassen — den Mond zwingt, um die Erde zu kreisen und die Planeten, mitsamt der Erde, ihre Bahnen um die Sonne zu beschreiben, deren durch Kepler entdeckte elliptische Form den Forderungen der Mechanik entspricht.
[ 43 ] — Da kommt die berühmte Apfelanekdote von Newton in Betracht, der einmal unter einem Apfelbaume saß und einen Apfel herunterfallen sah. Nun kann man sich fragen: Warum fällt denn der Apfel da herunter? — Für den naiven Menschen ist das keine rechte wissenschaftliche Frage; darinnen zeigt sich eben erst der wissenschaftliche Mensch, daß ihm das, was für den Naiven gar keine Frage ist, zu einer Frage wird. Der naive Mensch findet es ganz natürlich, daß der Apfel herunterfällt. Aber er könnte auch hängen bleiben, und er würde es, wenn nicht von der Erde eine Kraft ausgeübt würde; die Erde zieht ihn zu sich hin. Wenn Sie sich nun die Erde und um die Erde den Mond herumgehend vorstellen, so werden Sie einsehen, daß der Mond wegfliegen müßte, wenn nicht eine andere Kraft dem entgegenwirkte. Erinnern Sie sich bloß einmal daran, was die Buben machen; vielleicht auch die Mädchen, das weiß ich aber nicht. Nehmen Sie an, Sie haben einen Gegenstand, binden ihn an einen Faden, halten den Faden an einem Ende und bewegen ihn im Kreise herum. Versuchen Sie den Faden zu zerschneiden, dann fliegt der Gegenstand weg. Der Mond geht auch so herum. Warum aber fliegt er nicht weg? An jedem Punkte hat er das Bestreben. Nehmen wir an, die Erde wäre nicht da, so würde er ganz gewiß wegfliegen; weil die Erde aber da ist, so zieht sie ihn an, und sie zieht ihn so an, daß er nicht hiernach nach A kommt, sondern hiernach nach B kommt, nach einer gewissen Zeit.
[ 45 ] Die Erde muß ihn immer anziehen, um ihn an sich zu halten im Kreise. Das ist dieselbe Kraft, sagte sich Newton, wie die, die da beim Apfel wirkt, den die Erde zu sich hinunterzieht. Die gebraucht sie auch, um den Mond in seiner Bahn zu halten. Das ist dieselbe Kraft, mit der überhaupt Himmelskörper einander anziehen und sich in ihren Bahnen halten. Wir sehen die Kraft im sinkenden Apfel; dieselbe Kraft, die allgemeine Anziehungskraft, die Gravitation, ist in den Himmelskörpern. Das Weitere über die Berechnung, wie diese Gravitation wirkt, wie sie abnimmt mit der Entfernung und so weiter, das sind Details. Es wurde gerade mit dieser Newtonschen Gravitationslehre ein sehr wesentliches Kapitel der wissenschaftlichen Weltanschauung eingeleitet, ein Kapitel, das im Grunde genommen bis in unsere Zeit herein feststand; erst in unserer Zeit wird etwas daran gerüttelt. Ich habe Sie ja aufmerksam darauf gemacht, wie eine sogenannte Relativitätstheorie daran rüttelt. Darüber wollen wir aber ein anderes Mal noch sprechen.
Erst die Entdeckung der Gravitationsgesetze machte das Weltbild zu einem, den ganzen Kosmos umfassenden, einheitlichen. Die erhabene Idee einer überall und mit Notwendigkeit wirkenden Ursache (Kraft), meßbar in ihren Wirkungen, daher zu objektiver Prüfung geeignet, gewöhnt den Menschengeist daran, überall nach solcher Prüfung zu suchen und stets danach zu streben, die Erscheinungen auf möglichst wenige Grundannahmen zurückzuführen.
Der Fortschritt europäischer Wissenschaft hängt wesentlich von der Anwendung dieses Prinzips ab.
[ 46 ] In der Tat, vieles dreht sich um die Anwendung dieses Prinzipes. Ich habe Sie schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, wie ich als zwölfjähriger Junge überrascht wurde von einer Abhandlung im Schulprogramm, in der versucht worden ist, die Erscheinungen in einer anderen Weise als durch Gravitation zu erklären. Das hat mir dazumal sehr viel Kopfzerbrechen gemacht, weil ich noch nicht sehr bewandert war mit den Formeln, mit den Integral- und Differentialformeln, mit denen die Abhandlung durchsetzt war. Ich kann Ihnen aber doch sagen, um was es sich handelte, wenn ich das alles weglasse.
[ 47 ] Denken Sie sich einmal die Erde hier, den Mond dort. (Es wird gezeichnet. Zeichnung S.166). Das heißt, durch den leeren Raum hindurch wirkt die Erde auf den Mond; sie hat also eine Wirkung in die Ferne. Nun entstand sehr viel Nachdenken darüber, ob eine solche Wirkung in die Ferne wirklich stattfinden kann. Viele waren der Ansicht, daß ein Körper nicht da wirken kann, wo er nicht ist, und andere sagten, daß ein Körper da ist, wo er wirkt. Schramm [der Verfasser der erwähnten Abhandlung] sagt: Die ganze Gravitationslehre ist Mystik, denn sie nimmt an, daß sich ein Weltenkörpet ins Unsichtbare erstreckt, um einen anderen anzuziehen. Ob es ein Weltenkörper oder Molekül ist, das sei ganz gleich. Die seien also in bestimmter Entfernung da. Nun behauptet er das Folgende: Die Weltkörper sind nicht allein da. Der Raum ist erfüllt mit Körpern. Da sind noch viele Körper. Die sind aber auch nicht in Ruhe, sondern in fortwährender Bewegung. Wenn wir uns nun vorstellen, daß diese Körper alle in Bewegung sind, dann stoßen sie fortwährend auf diesen Körper, den wir uns hier denken; ebenso stoßen hier Körper; aber es stoßen auch von innen Körper, so daß der Körper von allen Seiten gestoßen wird. Und nun rechnet er die Anzahl und Wirkung dieser Stöße aus. Sie können das sehr leicht sehen, daß hier kleinere Flächen sind zum Gestoßenwerden, und hier größere Flächen. Dadurch aber, daß hier weniger Stöße stattfinden können als da draußen, werden die Körper zusammengetrieben. Sie haben hier das Ergebnis der Anziehungsktaft, zusammengesetzt aus veischiedenen Stößen, dadurch, daß sie in verschiedener Anzahl eben stattfinden. Also es trommelt da, es trommelt da; also müssen weniger Stöße von innen nach außen als von außen nach innen stattfinden. Die Körper haben daher die Tendenz, zusammenzukommen. Sie werden durch die einzelnen Stöße zusammengetrieben.
[ 48 ] Dieser Mann [Schramm] versuchte, die Gravitationskraft durch eine andere Art des Nahekommens zu ersetzen. Er versuchte die Mystik in der Lehre von der Gravitation auszuschalten.
[ 49 ] Von Paul Du Bois-Reymond wurde eine Abhandlung geschrieben, in der mathematisch bewiesen worden ist, daß solche Stöße niemals möglich sind, welche der Erscheinung der Gravitation gleichkommen.
[ 50 ] So geht die Wissenschaft in ihrer Arbeit vor; sie versucht aus ungewissen Voraussetzungen heraus zu Prinzipien zu kommen, diese dann wieder umzustoßen, um wieder auf die alten Prinzipien zurückzukommen. Wenn die Auseinandersetzungen von Paul Du Bois-Reymond richtig sind, so muß man auf das Ältere wieder zurückkommen. Man kommt also auf das, was abgelehnt werden sollte, zurück. Das ist ein interessanter Fall, der einem zeigen kann, wie die Wissenschaft arbeitet.
Der Fortschritt europäischer Wissenschaft hängt wesentlich von der Anwendung dieses Prinzips ab. Auf diesem Wege war es allmählich gelungen, innerhalb der leblosen Natur immer mehr und größere Gebiete von Erscheinungsformen zu vereinheitlichen, die Phänomene der Mechanik, der Wärme, des Lichtes, des Schalles, der Elektrizität, des Magnetismus und der chemischen Affinität zurückzuführen auf Umwandlungen eines quantitativ unzerstörbaren Etwas, was wir Energie nennen, und dessen meßbare Größe durch das Produkt der bewegten Masse mit dem Quadrate der Geschwindigkeit ausgedrückt wird.
[ 51 ] — Das heißt, es wird hier aufmerksam darauf gemacht, daß wenn man auf diese Art ein Weltbild bildet, man zu der Annahme einer im Raume befindlichen Energie kommt. Ich habe schon darauf hingewiesen, was der Naturforscher Ostwald gesagt hat, daß es nicht auf die Ohrfeige ankommt, sondern auf die Energie, die dabei angewendet wird. Und so können Sie, hypothetisch genommen, hier einen materiellen Körper haben: (Es wurde offensichtlich gezeichnet). Wodurch nimmt man ihn wahr? Nur dadurch, daß man hier eine andere Raumausdehnung konstatieren kann als in der Umgebung. Das ist aber auch nur eine Rückstoßung, geradeso wie Sie, wenn Sie einen Körper sehen, nichts anderes wahrnehmen können, als was mit einer gewissen Kraft auf die Augen wirkt. So kann Materie ersetzt werden durch Energie. Was wir Materie nennen, kann überall nur Energie sein, und so liefert die Beobachtung und das mathematische Gesetz, nach dem die Bewegungen verlaufen, die Unterlage, daß das Gesetz der Energie ausgedrückt werden kann durch das Produkt aus der bewegten Masse und dem Quadrat der Geschwindigkeit. Das zu erörtern, würde uns aber zu weit führen, es kann später einmal gemacht werden.
Bis jetzt ist keine beglaubigte Tatsache bekannt, welche innerhalb der unbelebten Natur der Grundannahme der mechanischen Anschauung widerspräche, dagegen haben sich unzählige, daraus logisch oder mathematisch abgeleitete Folgerungen, bei empirischer Prüfung bestätigt, und zwar bestätigt sich die gesetzmäßige Verkettung des Geschehens und die Unzerstörbarkeit von Masse und Energie um so sicherer, je genauer die Prüfung vorgenommen wird, je geringer die möglichen Fehler bei den Messungen sind.
[ 52 ] Es wird hier darauf hingewiesen, daß ein gewisses umfassendes physikalisches Gesetz aus der Beobachtung gefolgert werden kann. Auf dieses Gesetz können wir am leichtesten so kommen, daß wir sagen: Wir haben eine gewisse Energie. Wir verwandeln diese in Wärme. Wärme kann wiederum — wir sehen das an Dampfmaschinen und so weiter — eine andere Umwandlung erleiden, sie kann umgewandelt werden in eine andere Energie. Diese Verwandlung vollzieht sich in entsprechenden Verhältniszahlen. Das heißt, wir werden zu dem sogenannten Gesetze der Erhaltung der Energie geführt, das heißt zu dem Gesetze, das man so ausspricht: Im Weltall ist eine gewisse Summe von Energie vorhanden. Die wandelt sich um. Wenn eine gewisse Summe von Energie, sagen wir von Wärme, verwandelt wird, so verschwindet auf der einen Seite Energie, aber auf der anderen Seite ist eine andere Energie da. Es findet also eine Umwandlung der Energie statt. Das ist ein Gesetz, das eine wichtige Rolle spielt und das in neuester Zeit auf das gesamte Weltbild auszudehnen versucht worden ist. Und damit kommen wir auf das nächste Kapitel:
Ausdehnung der mechanischen Vorstellung auf das Organische
Das hat sich aber zahlenmäßig nur innerhalb der anorganischen Welt, so weit wir von ihr durch unsere fünf Sinne Eindrücke erhalten, nachweisen lassen. Es ist begreiflich, daß diese Vorstellung des Gesetzmäßigen auch auf die organische, die belebte Natur, angewandt wird.
Es fragt sich aber, wie weit sind wir dazu berechtigt?
[ 53 ] Das heißt also, wenn wir diese Energien vergleichen, das Energiegesetz anwenden, daß man es für alles, was leblose, anorganische Natur ist, anwenden kann und nun auch versucht, die organische Natur mit demselben Gesetze zu umspannen. Darum heißt das nächste Kapitel:
Unterschied zwischen leblosen und belebten Körpern
Worin besteht der Unterschied zwischen einem belebten und unbelebten Körper?
Wir nennen einen Körper belebt, wenn in ihm stoffliche Veränderungen nicht nur nach physikalischen und chemischen Gesetzen stattfinden, sondern außer diesen, in der unbelebten Natur allein wirkenden Kräften, auch noch andere, jeder Art und jedem Individuum eigentümliche Kräfte wirken, welche das Wachsen, Fortpflanzen und Absterben jedes lebenden Einzelwesens bedingen.
[ 54 ] — Es ist das Charakteristische der Lebewesen, daß sie wachsen, sich fortpflanzen und sterben. Bei dem Unorganischen finden wir das nicht. Nun besteht aber die Tendenz in der mechanisch-materialistischen Weltanschauung, dieselben Prinzipien, die auf die unorganische Welt angewendet werden, auch auf die belebten Wesen, auf das Organische anzuwenden.
Ob wir diese Gesetze einer «Lebenskraft» oder sonst einer hypothetischen Ursache zuschreiben, — Tatsache ist, daß die Kluft zwischen Organischem und Unorganischem 2zs jetzt nicht überbrückt worden ist und daß, je genauer die Beobachtungen angestellt werden, um so sicherer sich herausstellt, daß Lebendiges nur aus Lebendigem entsteht.
[ 55 ] Nun folgt ein Satz, den man unzählige Male angeführt findet; er heißt hier:
Die entgegengesetzte Annahme: das Lebendige sei nur eine andere Anordnung des Leblosen, ist einstweilen eine durch keine Tatsache bestätigte Hypothese.
[ 56 ] — Aber ich habe auch ein anderes angeführt, und es ist wichtig, daß man mit Bezug auf diesen Gesichtspunkt auch das andere ins Auge faßt. Man könnte nämlich glauben, daß die Gültigkeit einer spirituellen Weltanschauung davon abhänge, daß man nicht beweisen kann, wie aus anorganischen Substanzen ein Lebendiges entsteht. Es hat aber eine lange Zeit gegeben, die auf dem Boden der spirituellen Weltanschauung gestanden hat, und doch glaubte, man könne einen Homunkulus laboratoriumsmäßig herstellen. Man hat also die spirituelle Weltanschauung nicht immer davon abhängig gemacht, daß man aus Leblosem nicht Lebendiges erstehen lassen kann. Es gehört unserer Zeit an, zu betonen, daß Lebendiges nur aus Lebendigem entsteht, und daß daran die spirituelle Weltanschauung hängt. Ich habe schon oft gesagt, wie Francesco Redi erst vor etwa 200 Jahten den Satz aufgestellt hat: «Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen», und es als unrichtig nachgewiesen hat, daß aus Unlebendigem Lebendiges entstehen kann. Es ist auch wichtig, daß von der Wissenschaft darauf hingewiesen wird, daß zwischen dem Organischen und dem Unorganischen eine Kluft besteht. Ferdinand Cohn hat bei der Naturforscherversammlung in Berlin betont, daß die Gesetze, die man anwendet, um das Anorganische zu beweisen, nicht hinreichen, um das Organische zu beweisen. Bunge aus Basel könnte angeführt werden; und Julius Wiesner, der Botaniker, sagt: Je weiter die Botanik fortschreitet, desto mehr zeigt sich, wie eine Kluft besteht zwischen dem Anorganischen und dem Organischen. Wrangell sagt daher:
Wir müssen also, wollen wir innerhalb des zur Zeit wissenschaftJich Festgestellten bleiben, — zwei wesentlich verschiedene Gruppen von Erscheinungen unterscheiden: Lebendiges und Unbelebtes.
[ 57 ] Das nächste Kapitel heißt:
Das Bewußtsein
Uns Menschen tritt durch innere Erfahrung noch ein Phänomen entgegen: das Bewußtsein mit seinen Äußerungen, die da sind: Empfinden, Denken, Wollen.
Wir haben keinen zwingenden Grund zur Annahme, daß auch die Pflanze denkt und will, und sind, ohne den Boden der Erfahrung zu verlassen, berechtigt, innerhalb des organischen Reiches noch den Unterschied zu machen zwischen dem unbewußten Pflanzlichen und dem bewußten Tierischen.1Hier folgt in der Broschüre noch die Fußnote: «Diejenigen, welche keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Pflanze und Tier anerkennen, behalten die Scheidung nur aus Rücksichten größerer Übersichtlichkeit.»
[ 58 ] — Wir haben oftmals davon gesprochen, daß es Leute gibt, die den Unterschied zwischen dem Pflanzlichen und Tierischen verwischen wollen, die behaupten, daß Pflanzen lebendige Wesen anziehen und verschlingen. So ein Wesen kennen Sie auch, das in die Nähe kommende Wesen anzieht und sie dann verschlingt: das ist nämlich eine Mausefalle. Und dennoch braucht man nicht anzunehmen, daß eine Mausefalle ein Tierisch-Seelisches in sich habe.
Alle Erscheinungen, die mit dem Bewußtsein zusammenhängen, nennen wir «geistige Erscheinungen».
[ 59 ] — Wir würden genauer zu sagen haben «Alle Erscheinungen, welche wir zu einem Bewußtsein bringen», denn wir müssen in der Geisteswissenschaft auch dasjenige geistig nennen, was nicht astralischer Leib und Ich sind. Wenn Sie nur im physischen Leib und Ätherleib sind, dann haben wir es nicht mit Bewußtsein, sondern mit geistiger Tätigkeit zu tun. —
So scheint die Welt, soweit wir ihrer vermittelst unserer fünf Sinne und unseres Denkvermögens gewahr werden, drei voneinander wesentlich verschiedene Prinzipien zu enthalten: die in ihrer Masse und in ihren Eigenschaften unwandelbare Materie, das seinen eignen Gesetzen gehorchende Leben und das Geistige.
[ 60 ] — Ich möchte noch darauf hinweisen, daß selbst Philosophen, die außerhalb der Geisteswissenschaft stehen, wie Eduard von Hartmann und andere, von einem unbewußten Geistigen gesprochen haben, so daß man...[Lücke in der Nachschrift]
In der Wissenschaft, welche das Unorganische zum Objekt hat, bewährt sich, wie bereits gesagt, die Annahme, daß Ursache und Wirkung in einem zahlenmäßig festen Verhältnis zueinander stehen, daß alles Geschehen innerhalb dieser Welt des Unbelebten dem strengen Gesetz der Notwendigkeit folgt.
Die biologische Wissenschaft, welche sich die Erforschung der Lebenserscheinungen zur Aufgabe stellt, geht dem Wesen jeder Wissenschaft gemäß, von der gleichen Annahme aus. Da jedoch bei vielen Lebenserscheinungen das Messen, folglich die zahlenmäßige Prüfung des gesetzmäßigen Verlaufs der Veränderungen (also des Geschehens) nicht anwendbar ist, kann auf dem Gebiet der Biologie das Herrschen der notwendigen, unabänderlichen Verknüpfung von Ursache und Wirkung nicht einwandfrei nachgewiesen werden. Es spricht aber nichts dagegen, und die innere Wahrscheinlichkeit, sowie die Analogie mit dem uns sicher Bekannten spricht dafür. Jedenfalls muß diese Annahme aller wissenschaftlichen Forschung zugrunde gelegt werden, denn deren Aufgabe besteht ja im Entdecken dieser Gesetze.
[ 61 ] Nun habe ich bei verschiedenen Vorträgen darauf hingewiesen, wie man in der neueren Zeit bemüht ist, die zahlenmäßige Konstanz bis hinauf in die tierischen und menschlichen Erscheinungen zu verfolgen. So versuchte zum Beispiel Rudner nachzuweisen, wieviel Wärmeenergien in der Nahrung enthalten sind, die ein bestimmtes Tier bekommt; und dann versuchte er nachzuweisen, wieviel Wärme bei seinen Lebenserscheinungen das Tier entwickelt. Aus der sich ergebenden konstanten Zahl ergibt sich, daß die mit der Nahrung aufgenommene Wärme in der Tätigkeit wieder zum Vorschein kommt. Die Tätigkeit würde umgewandelte Nahrung sein.
[ 62 ] Ein anderer Forscher hat das auf das Seelische ausgedehnt, indem er eine Anzahl von Studenten geprüft hat. Das Prinzip, zahlenmäßige Verhältnisse einzusetzen, ist ganz gut. Das kann auf alle diese Erscheinungen angewendet werden. Wir werden morgen davon sprechen, inwiefern das ganz richtig ist. Aber logisch ist die Sache gewöhnlich sehr kurzsichtig gehalten, denn es könnte ja jemand nach denselben logischen Gesetzen, nach denen Rubner vorgeht, prüfen, wie die Geldwerte oder die Äquivalente dafür, die in die Bank hineingetragen werden, und ebenso alle, die herausgetragen werden, sich entsprechen. Die müssen ja einander entsprechen. Wenn man daraus schließen würde, daß keine Menschen in der Bank seien, die das machen, so wäre das sicher falsch. Wenn man die Nahrung, die in den Organismus eingeführt wird, und die wieder herauskommende Energie prüft und einander entsprechend findet, so dürfte man nicht annehmen, daß nichts Seelisches dabei vorhanden ist.
[ 63 ] Dann kommt ein weiteres Kapitel:
Die geistigen Erscheinungen
Betrachten wir die geistigen Erscheinungen, so sind sie, für die gewöhnliche sinnliche Beobachtung, an gewisse materielle Bedingungen geknüpft, und dadurch konnte die materialistische Auffassung entstehen, wonach geistige Erscheinungen überhaupt nicht vorhanden wären, ohne die materielle Grundlage eines Lebewesens mit seinem Gehirn, Nerven usw.
[ 64 ] — Diese Annahme ist so stark entstanden, daß Du Bois-Reymond bei einer seiner Reden gesagt hat, wenn man von einer Weltseele sprechen wolle, so müsse man nachweisen, wo das Weltgehirn ist. Also er sagte: Wollt ihr von einer Seele der Welt sprechen, so müßt ihr nachweisen, wo ein Gehirn der Welt ist. — So sehr hat man das ins Materialistische umgedeutet, weil man, wenn man den Menschen in der physischen Welt beobachtet, sieht, daß alles Seelische an das Gehirn gebunden ist.
Gegen diese Auffassung hat von jeher bei den meisten Menschen eine innere Abneigung geherrscht, und der Glaube an eine selbständige Existenz geistiger Wesenheiten sowie an deren Wechselwirkung mit der uns vertrauten Sinneswelt, ist in den verschiedensten Formen religiöser und spiritualistischer Vorstellungen zum Ausdruck gekommen.
Sehr viele Tatsachen, welche als unmittelbare Bestätigungen solcher Ansicht gelten sollen, beruhen gewiß auf Täuschung und Wahn.
[ 65 ] — Wir haben ja auch einiges von diesen Täuschungen und diesem Wahn in den letzten Zeiten hier durchgemacht. Es ist von großer Wichtigkeit, daß der, der auf dem Boden der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung steht, frei von Täuschung und Wahn ist.
Es ist aber in letzter Zeit wohlbeglaubigtes Tatsachenmaterial zusammengebracht worden, welches zu seiner Erklärung die Annahme einer spirituellen Welt als die wahrscheinlichste Hypothese erscheinen läßt, daß es jetzt unwissenschaftlich wäre, letztere einfach von der Hand zu weisen, — wie es noch vor wenigen Jahrzehnten geschah.
[ 66 ] Und nun wird das in dem folgenden Kapitel weiter besprochen:
Die okkulten Fähigkeiten des Menschen
Wenn schon zahlreiche, mit den gewöhnlichen Sinnen wahrnehmbare Tatsachen eine spiritualistische Deutung nahelegen, wenn nicht gar erheischen, so kommt noch hinzu, daß viele glaubwürdige Menschen behaupten, außer den fünf Sinnen noch andere bei den meisten Menschen nicht entwickelte Wahrnehmungsorgane zu besitzen, die ihnen gestatten, in direkten Verkehr mit der Geisteswelt zu treten.
Daß die fünf Sinne des Menschen nicht alle Möglichkeiten der Wahrnehmungsfähigkeiten erschöpfen, ist ja schon a priori anzunehmen und wird durch manche Erscheinungen in der Tierwelt bestätigt. Es liegt also keine Berechtigung vor, es zu bestreiten, sondern es ist wissenschaftliche Pflicht, die betreffenden Tatsachen sorgfältig, vorurteilsfrei zu prüfen, was ja auch jetzt seitens vieler hervorragender Vertreter der exakten Wissenschaften geschieht.
Für sehr viele Menschen, die selbst okkulte Erlebnisse haben oder von glaubwürdigen Personen davon erfahren, ist die Existenz geistiger Welten eine erwiesene Tatsache, und die Möglichkeit, durch Eindringen in dieselben Einblick in die Rätsel der Welt zu gewinnen, keinem Zweifel unterworfen.
Seit jeher haben sich aus solchen vermeintlichen oder wirklichen Einblicken Lehren ausgebildet, die bald als Geheimlehren unter Auserwählten verbreitet, bald als offen gelehrte Religionssysteme auftreten. Von den großen Weltreligionen ist die europäische Kulturwelt aufs engste mit der christlichen Lehre verwoben.
[ 67 ] Nun ist es wichtig, daß wir eine solche Auseinandersetzung benützen, um daran anzuknüpfen, wie die Geisteswissenschaft sich dazu stellt. Die Geisteswissenschaft steht heute, wenn sie mit allem, was die Menschheitsentwickelung bis heute durchgemacht hat, rechnet, auf dem Standpunkte, zunächst nicht so sehr zu betonen, daß es außer den fünf Sinnen des Menschen noch andere Wahrnehmungsorgane schon gibt — Sie wissen, wenn Sie auf vieles zurückblicken, was wir durchgenommen haben, daß es andere Organe gibt —, sondern zu betonen, daß andere Wahrnehmungsorgane gebildet werden können. In «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ist ja beschrieben, was man zu tun hat, damit solche Organe gebildet werden können. Es ist wichtig, daß die Geisteswissenschaft von heute in einem zwar anderen Sinne, aber doch in gewissem Sinne dieselbe Allgemeingültigkeit in Anspruch nimmt wie die andere Wissenschaft. Die andere Wissenschaft versucht Erkenntnisse zu gewinnen, die für alle Menschen gelten. Die Geisteswissenschaft sucht solche Wahrnehmungsorgane auszubilden, die von allen Menschen ausgebildet werden können. Kann der Wissenschafter prüfen, was da behauptet wird, so kann derjenige, der die geistigen Organe ausbildet, prüfen, was die Geisteswissenschaft behauptet. Die gewöhnliche Wissenschaft rechnet mit jenen Fähigkeiten, die schon da sind, die Geisteswissenschaft mit solchen, die entwickelt werden können.
[ 68 ] Nun wollen wir einmal das Prinzip, nach dem die Fähigkeiten entwickelt werden, ins Auge fassen. Wie diese Fähigkeiten entwickelt werden, finden Sie im einzelnen konkret geschildert in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Jetzt will ich nur kurz deklarieren, wie man solche Fähigkeiten aufzufassen hat.
[ 69 ] Wenn eine Symphonie gespielt wird, so sind im Raume eigentlich nichts weiter als Luftschwingungen vorhanden. Diese Luftschwingungen kann man auch mathematisch berechnen. Und wenn man genügend viele Berechnungen anstellte, könnte man die ganze Beweglichkeit, die im Instrument und in der Luft stattfindet, mathematisch ausdrücken als die Summe der Bewegungstatsachen. Man könnte von der Symphonie, die man anhört, ganz abstrahieren und sich sagen: Die Symphonie Beethovens ist mir egal; ich will Mathematiker sein und untersuchen, was da für Bewegungszustände herrschen. — Wenn man so verführe, würde man die Symphonie gestrichen und nur die Bewegungszustände haben. Aber Sie werden zugeben müssen, daß die Symphonie außerdem noch da ist. Sie ist nicht wegzuleugnen und etwas anderes als das bloße Bild der Bewegungszustände. Was ist da geschehen? Es ist doch eigentlich nur von Beethoven in einer gewissen Weise veranlaßt worden, daß solche Bewegungszustände entstehen. Das gibt aber noch keine wirkliche Symphonie.
[ 70 ] Wenn Sie sich nun vorstellen, daß ein Mensch alle jene Fähigkeiten, die man sonst anwendet, um die äußere physische Welt zu erkennen, anwendet, um solche Gesetze zu bekommen, wie die intuitiven Gesetze der Mathematik und Logik es sind, also die Gesetze, die der Mensch entwickelt dadurch, daß er ein denkender Mensch ist, und wenn er mit diesen Gesetzen sich selber so behandelte, wie der Komponist die Bewegungszustände der Luft, wenn er die Fähigkeiten der Mathematik und Logik und andere Fähigkeiten nicht so hinnimmt, wie sie sind, sondern innerlich bearbeitet, dann entsteht in ihm etwas, das etwas anderes ist als die empirischen Fähigkeiten der Logik, der Mathematik und der empirischen Forschung. Vergleichen Sie dies und die Behandlung, die der Komponist der Luft angedeihen läßt, mit dem, was man innerlich macht, und betrachten Sie das, was da herauskommt, dann haben Sie die Möglichkeit zu sagen: Da ist ein Mensch, der hat die Fähigkeit, empirisch zu forschen, die Fähigkeit, mathematische und logische Urteile zu bilden, das ist geradeso wie eine Summe von Bewegungszuständen, die in den Instrumenten und in der Luft sind. Aber wenn man diese wieder in gewisser Weise behandelt, so entsteht eine Symphonie, ein musikalisches Kunstwerk. Die Gesetze, durch die man sich selber behandelt, sind eben solche, wie sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angegeben sind. Dann entsteht etwas, was sich erst entwickelt, was eine Folge der menschlichen Tätigkeit ist. Und so wie der, welcher ein musikalisches Ohr hat, nicht bloß die Schwingungen der Instrumente und der Luft wahrnimmt, so nimmt der, welcher die inneren Sinne ausgebildet hat, nicht bloß die sinnliche, die mathematische und nicht bloß die logische Welt wahr, sondern er nimmt auch die geistige Welt wahr. Diese Erziehung eines Neuen auf Grundlage des Vorhandenen führt dazu, daß man sich hineinarbeitet in eine geistige Welt. So handelt es sich für die Geisteswissenschaft darum, anzuerkennen, daß die Fähigkeiten, die der Mensch schon hat, fortbildbar sind, so wie fortbildbar sind die Bewegungen der Instrumente und der Luft. Auf dieser Fortbildbarkeit beruht es, daß der Mensch sich hinentwickeln kann zu einer Auffassung der Welt, die ihm etwas gibt, was er ohne diese Fortbildung nicht wahrnimmt. Das Wesentliche bei der Geisteswissenschaft ist, daß sie hinweist auf die Möglichkeit der Fortentwickelung gewisser Fähigkeiten; nicht auf das Dasein schon vorhandener, sondern auf die Fortbildung derselben. Und dann ist es richtig, wenn Wrangell sagt, daß in den verschiedenen Religionssystemen hingewiesen wird auf dasselbe wie in den Geheimlehren.
[ 71 ] Das nächste Kapitel heißt:
Wesen der Lehre Jesu
Wenn man das allen zahllosen Deutungen der Lehre Jesu Gemeinsame als das Wesen des Christentums ansieht, so besteht es in der «frohen Botschaft», daß der Schöpfer und Lenker des Weltalls dem Menschen, den er nach seinem Ebenbild geschaffen, ein lieber Vater ist, daß Liebe zu Gott und den Mitmenschen das höchste sittliche Gebot ist, daß die Seele des Menschen unvergänglich ist und daß ihr nach dem Tode ein Los bereitet wird, weches dem sittlichen Verhalten des Menschen während seines Lebens entspricht.
[ 72 ] — So, wie wir mit dem Instrumente der Geisteswissenschaft das Wesen des Christentums ausgebildet haben, muß man sagen, daß das, was hier ausgesprochen wird, zwar der Inhalt der Lehre Jesu ist, aber nicht das Wesen des Christentums. Das Wesen des Christentums besteht darinnen, daß in der Zeit eine Entwickelung stattgefunden hat, indem eine Befruchtung des Menschen Jesu mit der Gottheit stattfand, das heißt, daß ein Wesen, das bis dahin nicht mit der Erde verbunden war, sich dutch den bekannten Vorgang mit derselben verbunden hat, wodurch also die Zeit in einen vorchristlichen und einen nachchristlichen Abschnitt eingeteilt wird. Dieses Erkennen vom Erscheinen des Christus-Wesens auf der Erde gehört zum Wesen des Christentums hinzu.
Die augenfälligen Verirrungen, in welche die organisierten christlichen Gemeinschaften, die historischen Kirchen, gerieten, haben ihre Dogmen in Gegensatz zu manchen festbegründeten wissenschaftlichen Errungenschaften gebracht und dadurch den Konflikt zwischen Glauben und Wissen, Religion und Wissenschaft, der das geistige Leben der europäischen Kulturwelt zersetzt, hervorgerufen.
Aus dieser Sachlage heraus ist das Interesse zu erklären, welches sich anderen Religionssystemen zugewandt hat, welche den Anspruch erheben, mit der Wissenschaft nicht nur in Einklang zu sein, sondern sie auch noch zu erweitern. Unter diesen Lehren verdient die Theosophie besondere Beachtung. Seit die europäische Kulturwelt durch H.P. Blavatsky auf diese, aus Indien stammende Lehre aufmerksam gemacht wurde, hat sie verschiedene Darstellungen gefunden.
[ 73 ] Immer, wenn das Wort «Theosophie» ausgesprochen wird, ist es wichtig, auf das, was Geisteswissenschaft ist, und auf das, was theosophische Weltanschauung ist, aufmerksam zu machen.
[ 74 ] Morgen glaube ich zu Ende kommen zu können. Ich muß aber noch besprechen, inwiefern Blavatskys Lehre aus Indien und inwiefern sie nicht aus Indien stammt, und ich muß dabei auf einiges eingehen, was die Geisteswissenschaft von vielem, was Theosophie genannt wird, abtrennt. Also davon morgen.
