Die geistige Vereinigung der Menschheit
durch den Christus-Impuls
GA 165
27 Dezember 1915, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Ich machte Sie gestern darauf aufmerksam, wie die Tatsache der JesusGeburt sich erst nach und nach die Herzen, die Seelen der Menschen erobert hat, wie das Weihnachtsspiel, so wie wir es auf uns wirken lassen konnten, sich im Grunde genommen erst allmählich in dieser edel-schönen Form und zu gleicher Zeit mit all der Weihestimmung entwickelt hat, mit der es eingeflossen war während der Zeiten, in denen es geblüht hat, wie man doch im Grunde genommen von den ersten Formen dieses Weihnachtsspieles sagen kann: Die Leute versuchten durchaus, aus einer ganz profanen Stimmung heraus, an dem teilzunehmen, was das Volk jahrhundertelang in einer ihm unverständlichen Weise gesehen hat. Das Christus-Kind hat sich erst nach und nach die Herzen der Menschen erobert. Und es ging sogar recht langsam, dieses Erobern der Herzen der Menschheit. Wenn wir im 8., 9.,10., 11. Jahrhundert sehen, daß dasjenige, was dann nach und nach die Priester zuerst gespielt haben, herübergezogen wird zu einer Teilnahme des Volkes, so ist diese Teilnahme eben, so wie ich es Ihnen gestern angedeutet habe, noch nicht von der edlen Form, die später diese Weihnachtsspiele hatten, von denen wir eben zwei Beispiele kennengelernt haben.
[ 2 ] Aber ich versuchte Sie aufmerksam zu machen, daß diese zwei Spiele ganz verschieden in ihrem Ursprunge sind, und daß man ihnen dies deutlich ansieht. Das erste Spiel hat etwas Einfach-Volkstümliches, ganz so, daß man diesem Spiel ansieht: Die Hauptsache dabei ist, vorzustellen, wie das Kind, in dem der große Weltengeist dann später verkörpert war und sich innerhalb des Erdenseins betätigte, wie dies Kind in die Welt getreten ist, wie es aufgenommen ist auf der einen Seite von den Wirtsleuten, den beiden Wirten, auf der andern Seite von den Hirten. Und im Grunde genommen tritt aus diesem Weihnachtsspiel, aus dem ersten, das wir gestern gesehen haben, ganz besonders dies zutage, wie verschieden die Aufnahme bei den Wirten und bei den Hirten war. Das prägt sich uns ganz besonders daraus ein.
[ 3 ] Ganz anders das andere Weihnachtsspiel. Da werden wir gleich darauf geführt, daß weise Männer — was zugleich in dieser Zeit für die Völker, die dabei in Betracht kommen, weise Könige waren, Magier in den Sternen gelesen haben, welches bedeutsame Schicksal der Menschheit bevorsteht. Also wir sehen okkult alte Weisheit zugleich in die Handlung des Spieles ausgegossen. Und wir sehen dann im weiteren Verlaufe, wie dem Wesen, das nun im Sinne dieser okkulten Weisheit, dieses aus den Sternen Erkundeten eintritt in das Erdengeschehen, entgegentritt derjenige, an dessen Seite wir klar sehen das Böse, das zurückgebliebene Prinzip, das teuflische, das ahrimanisch-luziferische Prinzip — Herodes. Wir sehen, wie das Christus-Prinzip und das luziferisch-ahrimanische Prinzip einander gegenübergestellt werden. Wir sehen aber auch, wie in den Verlauf der Ereignisse hinein sich geltend macht dasjenige, was aus geistigen Sphären heraus geoffenbart wird. Wie aus geistigen Sphären heraus die Lenkung verkündend, erscheinen die Engel und leiten und lenken das Geschehen, so daß dasjenige, was Herodes will, nicht geschieht, daß etwas anderes geschieht. Die Menschen werden in ihrem Willen durchpulst von dem, was aus geistigen Welten kommt. Also wir haben ein Spiel, das uns in bezug auf die in ihm liegenden Kräfte durchaus über das bloße Erdengeschehen hinausweist.
[ 4 ] Wenn wir daran denken, wie diese beiden Spiele einander gegenüberstehen, das eine von primitivem Volksanschauen durchtränkt, das andere von einer Weisheit durchtränkt, die uns wirklich auf eine Urweisheit der Erdenentwickelung zurückweist, so werden wir dazu geführt, mancherlei Gedanken in uns aufsteigen zu lassen über dasjenige, was im Laufe der Zeiten geschehen ist und was mit der ganzen Bedeutung des Mysteriums von Golgatha für die Erdenentwickelung zusammenhängt. Bedenken wir einmal, daß immerhin zur Zeit — im weiteren Sinne zur Zeit —, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, in gewissen Kreisen eine tiefe, tiefe Weisheit über geistige Angelegenheiten vorhanden war. Man nennt dasjenige, was an solcher tiefen Weisheit vorhanden war, Gnosis. In der äußeren Welt, in dem Fortgang der geistigen Kultur Europas, kann man geradezu sagen, daß diese Gnosis, dieses, was da als eine tiefgeistige Wissenschaft von den Geheimnissen der geistigen Welt vorhanden war, innerhalb der Kultur Europas für die äußere Welt verschwunden war, daß man im 3., 4., 5., 6. Jahrhundert innerhalb des geistigen Lebens wirklich noch recht wenig davon geahnt hat, was in dieser Wissenschaft enthalten war. Diejenigen, die etwas gewußt haben — ich meine diejenigen, die das gewußt haben, was man eben so einfach wissen konnte, wenn man christlicher Priester, christlicher Gelehrter war —, die wußten eigentlich von dieser Gnosis dadurch, daß es Gegner dieser Gnosis in den ersten Jahrhunderten des Christentums gegeben hat und diese Gegner dieGnosis bekämpft haben. Denken Sie sich einmal,wenn heute irgendwie zustande kommen würde, daß die sämtlichen Bücher, die wir zu unserer Literatur zählen, und alle Zyklen, ausgemerzt würden, verbrannt würden, daß nichts davon bliebe, und nur dasjenige bliebe, was die Gegner geschrieben haben — und in einigen Jahrhunderten würde jemand diese Bücher der Gegner, die da blieben, in die Hand bekommen, und er würde sich daraus eine Vorstellung zu bilden haben von demjenigen, was in unseren Büchern geschrieben stand: So war es mit der Gnosis! |
[ 5 ] Einer der bedeutendsten Kirchenschriftsteller, die geschrieben haben, war Irenäus, der Schüler des Bischofs Polykarp von Kleinasien, der selber noch ein Apostelschüler war. Irenäus hat aber als Gegner der Gnosis geschrieben. Dasjenige, was die Gnostiker gelehrt haben, konnte man im Laufe der Jahrhunderte nur dadurch erfahren, daß man sah, was Irenäus angeführt hat, was er in seinem Buche verzeichnet hat, um es zu widerlegen. Also alles mußte man in Kauf nehmen von dieser alten Weisheit, was dadurch bewirkt wird, daß man diese Weisheit nur von einem Gegner überliefert hatte. Sie sehen daraus, daß eigentlich die ganze Entwickelung des Abendlandes darauf angelegt war, daß etwas, was aus der alten Zeitheraufkam, ausgemerzt, richtig ausgemerzt wurde. ÄAußerlich können Sie einfach an dieser Tatsache sehen, wie neu für die abendländische Kultur der Anfang war, der mit dem Mysterium von Golgatha gegeben war; wie es im Grunde genommen überall mit etwas ganz Neuem anfing. Wirklich, ich möchte sagen, wie eine verschüttete Stadt im Erdreich begraben ist, so begraben war das alte Schrifttum für dasjenige, was nun neu entstand aus den alten Kirchenvätern heraus über Ambrosius, Augustin, Scotus Erigena und so weiter. Ein neuer Anfang! Und wie wenn eine neue Stadt über einem scheinbar neuen Boden sich erhebt, so erhob sich das Neue — eine neue Stadt, aber auf einem Boden, in dem versunken ist, ohne daß man ahnt, wie sie ausgesehen hat, die alte Stadt. So war es wirklich mit dem Gange der europäischen Kultur. Daher ist auch zu ersehen, daß in unserer Zeit, wenn es wiederum geistige Vertiefung geben soll, die Notwendigkeit vorliegt, daß diese geistige Vertiefung aus der ursprünglichen Kraft der Menschen erreicht wird, daß die Menschen selber wiederum finden, was sie äußerlich, wenigstens innerhalb des Ganges der europäischen Geistesentwickelung, nicht überliefert erhalten haben. Und — davon kann ich heute nicht sprechen, weil das zu weit führen würde — davon kann gar keine Rede sein, daß etwa das Herbeiholen der morgenländischen Urkunden ein Ersatz sein könnte für dasjenige, was an äußeren Urkunden im abendländischen Geistesleben verschwunden ist, aus dem einfachen Grunde, weil die morgenländischen Urkunden in der Tat etwas viel, vie] Primitiveres geben, als das war, was innerhalb der Welt geworden ist, die sich über Kleinasien, über Nordafrika, über Südeuropa, auch zum Teil sogar über Mitteleuropa erstreckte. Das, wozu sich da das geistige Erkennen entwickelt hatte, war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung gründlich ausgemerzt worden, das kam wirklich nur durch die Bekämpfungsschriften der Gegner auf die Nachwelt.
[ 6 ] Nun haben wir in diesen Schriften, die da ausgemerzt worden sind, nicht etwa bloß das Wissen, das geistige Wissen, welches sich bezogen hat auf die geistigen Welten, abgesehen von dem Christus, sondern es ist in diesen Schriften auch mit verlorengegangen die Anwendung der ganzen alten umfassenden Geistesweisheit auf das Mysterium des Christus Jesus. Diese Gnostiker haben in ihrer Art begreifen wollen — wenn wir sie Gnostiker nennen wollen —, was der Gang der Erdenentwickelung ist, was der Christus für eine Wesenheit ist. Es war damals noch nicht die Zeit gekommen, die Sache in der Art zu begreifen, wie wir sie jetzt wiederum begreifen, indem wir aus den ursprünglichen Geisteswelten Wahrheiten herausholen, die nicht aufgeschrieben zu werden brauchen, weil sie in der geistigen Welt unmittelbar in lebendiger Weise vorhanden sind. Die Kunde von dem Wesen des Christus Jesus so herauszuholen, war nicht möglich. Das ist erst in unserer Zeit möglich. Aber in der älteren Art wurden über den Christus gewisse Dinge gewußt in einem Wissen, das eben wirklich verlorengegangen ist. Erst in der neuesten Zeit wurden einige spärliche Reste gefunden: die Pistis-Sophia-Schrift, dann die Schrift über das «Geheimnis Jeû», die nunmehr so da sind, wie wenn durch sie die Menschen auch auf äußerliche Weise aufmerksam gemacht werden sollten, daß das Christus-Wissen, das nun auf unsere Art angestrebt wird, doch nicht so töricht ist, wie es die Gegner unserer Bewegung hinstellen wollen. Das Buch des Jeû — es ist von ihm wenig erhalten, in koptischer Schrift, aber das Wenige, das erhalten ist, ist wie ein Hinweis darauf: Seht euch dasjenige an, was in den Evangelien vorhanden ist —, das ist doch nicht das einzige, was das Denken der Menschen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung erfüllt hat. Dieses Buch Jeû enthält Mitteilungen darüber, wie der Christus nach der Auferstehung, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen ist, zu denjenigen gesprochen hat, die ihn dazumal verstehen konnten, die seine Jünger geworden waren. Das Merkwürdige ist, daß dieses Buch Jeû — das kleine Fragment meine ich, das davon da ist — in einer ganz andern Weise als selbst das Johannes-Evangelium deutlich über den Christus und das, was er ist, spricht. Das Merkwürdige ist, daß in diesem Buch ein Wort immer wiederkehrt, das uns deutlich besagt, es soll auf etwas aufmerksam gemacht werden. Und dieses, auf was aufmerksam gemacht werden soll, möchte ich in der folgenden Weise umschreibend erklären. Nehmen Sie an, es hätte jemand in der damaligen Zeit klarmachen wollen, wozu eigentlich der Christus Jesus in die Erdenentwickelung eingetreten ist, er hätte so gesprochen, er hätte gesagt zu denjenigen, die es verstehen können: Seht, es kommt nun eine Zeit, wo die Menschen der BewußtseinsseelenEntwickelung entgegengehen werden. Es kommt eine Zeit, wo die Menschen die Welt zu begreifen haben werden durch die äußeren, physischen Organe, durch die Organe, die im wesentlichen im physischen Leib verankert sind. Jene Zeit ist vorbei, in welcher die Menschen Uroffenbarungen durch ursprünglich primitives Hellsehen gehabt haben. Die Zeit ist vorbei, wo die Menschen etwas gewußt haben nicht bloß dadurch, daß sie ihren physischen Leib mit seinen Werkzeugen in Anwendung gebracht haben, sondern dadurch, daß sie ihren Ätherleib unabhängig vom physischen Leib zu Erkenntnissen verwenden konnten. Die Menschen werden jetzt nur ihren physischen Leib als Werkzeug verwenden müssen. Aber man wird in der Zukunft auch etwas wissen können von dem, was bisher nur durch den Ätherleib gewußt worden ist. In der äußeren Welt wird es nur ein Wissen geben, das an den dem Tod unterliegenden physischen Leib gebunden ist. Aber das Wissen über die geistige Welt kann man nicht haben durch die Werkzeuge, die an den physischen Leib gebunden sind. Da muß ein Helfer kommen, der bei den Menschen dasjenige anfacht, was nur der Ätherleib wissen kann. Da muß einer kommen, der nicht das Tote des physischen Leibes anfacht, sondern der anfacht das Lebendige im Menschen, das Ätherisch-Lebendige, der mit dem Lebendigen ist, der mit dem ist, was auf der Erde nicht irdisch an dem Menschen ist. Es muß einer da sein, der herausreißt aus diesem trägen, toten physischen Leib jenen Verstand, der die geistige Welt verstehen kann, jenen Verstand, der im Menschen ist und der mit dem Himmel verbunden ist — jenen Verstand, der nicht von der Welt gekreuzigt werden kann, weil er dem Himmel angehört, der selber die Welt kreuzigt, das heißt: der die Welt überwindet.
[ 7 ] Vorstellen muß man sich, daß die Menschen also früher, als sie den Christus noch nicht in seiner wahren Wesenheit sehen konnten, wie er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, sich mit dem Ätherleib in primitivem Hellsehen mit der geistigen Welt verbunden gefühlt haben. Wie der physische Leib immer verhärteter und verhärteter geworden ist und eben dadurch zum Instrument geworden ist; wie einer kommen mußte, eben der Christus, um herauszuholen aus dem trägen Instrument des physischen Leibes das Lebendige. Das muß man sich vorstellen.
[ 8 ] Und nun betrachten wir dieses Buch Jeû: Wie der Christus, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, zu denjenigen spricht, die gelernt haben, sich an ihn zu halten, an die Weisheit, die in seinen Worten enthalten ist, zu halten: «Ich habe euch geliebt und euch das Leben zu geben gewünscht.» Wir hören es aus dem Satze heraus: «und euch das Leben zu geben gewünscht», er hat gewünscht, diesen trägen physischen Leib herauszuholen aus seiner Trägheit und das zu geben, was nur der ätherische Leib geben kann.
[ 9 ] «Jesus der Lebendige, ist die Erkenntnis der Wahrheit.» Der Lebendige — also derjenige, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, spricht, indem er sich hinstellt als der Vertreter des Lebendigen.
[ 10 ] Dann geht der Text weiter: «Dies ist das Buch von der Erkenntnis des unsichtbaren Gottes vermittels der verborgenen Mysterien», also derjenigen Mysterien, die im Menschen verborgen sind, «die den Weg zum auserwählten Wesen des Menschen zeigen, in der Stille hinführend zum Leben des Weltenvaters, in der Ankunft des Erlösers, des Erretters der Seelen, die das Wort des Lebens, das höher ist denn alles Leben, in sich aufnehmen werden, in der Erkenntnis Jesu, des Lebendigen, der durch den Vater aus dem Lichtäon in der Allheit des Pleroma», also anderer Äonen, aller der geistigen Wesen, «herausgekommen ist, in der Lehre, außer der es keine andere gibt, die Jesus, der Lebendige, seinen Aposteln gelehrt hat, indem er sagte: Dies ist die Lehre, in der die gesamte Erkenntnis ruht.»
[ 11 ] So also haben wir uns vorzustellen, daß der Auferstandene, der durch das Mysterium von Golgatha Gegangene, zu den Jüngern, die gelernt haben zu ihm zu gehören, spricht.
[ 12 ] «Jesus, der Lebendige, hub an und sprach zu seinen Aposteln: «Selig ist der, welcher die Welt gekreuzigt hat und nicht die Welt hat ihn kreuzigen lassen» », der also im Menschen dasjenige erfassen kann, was nicht überwunden wird von der Materie, von der äußeren physischen Materie.
[ 13 ] «Die Apostel antworteten einstimmig, indem sie sagten: «Herr, so lehre uns diese Art des Kreuzigens der Welt, damit sie uns nicht kreuzige, und wir zugrunde gehen und unser Leben verlieren könnten.»
[ 14 ] Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: «Der die Welt gekreuzigt hat, ist derjenige, welcher mein Wort gefunden hat und es nach dem Willen dessen, der mich gesandt hat, erfüllt hat.»
[ 15 ] Und die Apostel antworteten, indem sie sagten: ‹Sprich zu uns, Herr, auf daß wir dich hören. Wir sind dir gefolgt mit ganzem Herzen, haben Vater und Mutter verlassen, haben Weinberge und Äcker verlassen, haben Güter verlassen, haben die Herrlichkeit des äußeren Königs verlassen und sind dir gefolgt, damit du uns das Leben deines Vaters, der dich gesandt hat, lehrest.›»
[ 16 ] Und auf diese Aufforderung der Apostel erwiderte nun der Christus Jesus, der Lebendige, dasjenige, was er ihnen zu sagen hat: «Christus, der Lebendige, antwortete und sprach: ‹Das Leben meines Vaters ist dies, daß ihr aus der Menschenwesenheit jenes Verstehens eure Seele empfanget, die nicht irdisch ist›».
[ 17 ] Also das will der Lebendige, daß diejenigen, die seine Jünger sind, verstehen lernen, daß es im Menschen ein Verständnis der geistigen Dinge gibt, das sich losreißen kann von dem physischen Leib, das nicht irdisch ist. Wenn sie das in sich rege machen, dann verstehen sie in Wahrheit sein Wort.
[ 18 ] «‹Dies Wesen aller Seelen, das verständlich wird durch das, was ich euch im Verlauf meines Wortes sage. Und daß ihr es vollendet und vor dem Archon›», vor dem Wesen dieses Äons, dieses Zeitalters, «‹und seinen Nachstellungen›», des ahrimanisch-luziferischen Wesens, «‹und seinen Nachstellungen, die kein Ende haben, damit ihr vor denen gerettet werdet. Ihr aber, meine Jünger, beeilet euch, mein Wort sorgfältig bei euch aufzunehmen, auf daß ihr es erkennt, damit der Archon dieses Äons›», also Ahriman-Luzifer, «‹mit euch nicht streite, weil er keine seiner Befehle in mir finden kann›», der also seine Befehle außerhalb desjenigen findet, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, «‹damit ihr selbst, O meine Apostel, mein Wort in bezug auf mich erfüllet und ich selbst euch frei mache, und ihr durch die Freiheit, an der kein Makel ist, heilig werdet. Wie der Geist des Heiligen Geistes heilig ist, so werdet auch ihr durch die Freiheit des Geistigen, des Heiligen Geistes, heilig werden.›
[ 19 ] Es antworteten alle Apostel einstimmig, Matthäus und Johannes, Philippus und Bartholomäus und Jakobus, indem sie sagten: ‹O Jesus, du Lebendiger, dessen Güte ausgebreitet ist über die, welche seine Weisheit und seine Gestalt in der Erleuchtung gefunden haben, O Licht, das in dem Lichte, das uns unsere Herzen erleuchtet hat, wie wir das Licht des Lebens empfangen, o wahrer Logos, daß durch die Gnosis uns die wahre Erkenntnis dessen wurde, aus Lebendigem gelehrt.›
[ 20 ] Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: ‹Selig ist der Mensch, der dies erkannt hat und den Himmel nach unten geführt hat›», das heißt, der sich bewußt geworden ist, daß in ihm etwas ist, das nicht zusammenhängt mit diesem irdischen Leib, sondern das zusammenhängt mit den Wesenheiten der Himmel, und der das, was in ihm mit dem Himmel verbunden ist, was oben ist, unten einführt in das Erdengeschehen.
[ 21 ] ««Selig ist der Mensch, der dies erkannt hat und den Himmel nach unten geführt und die Erde getragen und zum Himmel geschickt hab», dasjenige, was in ihm irdisch ist, verbunden hat mit dem, was in ihm himmlisch ist, damit er, wenn er durch die Pforte des Todes geht, mit den Früchten des Irdischen, durch das Himmlische die Erde zum Himmel wieder führen kann.
[ 22 ] «Es antworteten die Apostel, indem sie sagten: ‹Jesus, du Lebendiger, erkläre uns, in welcher Weise man den Himmel nach unten führt. Denn wir sind dir gefolgt, damit du uns das wahre Licht lehrest.›
[ 23 ] Und Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: ‹Das Wort, das im Himmel existiert›», also er meint das, was man als Weisheit, als Erkenntnis haben kann, unabhängig von der physischen Wesenheit des Menschen. «‹Das Wort, das im Himmel existiert, bevor die Erde entstand, jene Erde, welche man Welt nennt. Ihr aber, wenn ihr mein Wort erkennt, werdet den Himmel nach unten führen, und das Wort wird in euch wohnen. Der Himmel ist das unsichtbare Wort des Vaters. Wenn ihr aber dies erkennt, werdet ihr den Himmel nach unten führen. Die Erde zum Himmel zu schicken werde ich euch zeigen, wie es ist, damit ihr es erkennt; die Erde zum Himmel zu schicken, ist: der Hörer des Wortes der Erkenntnis, der aufgehört hat, Verstand eines Erdenmenschen nur zu sein, sondern Himmelsmensch geworden ist›», der also losgerissen hat sein Verstehen in sich von dem äußeren physischen Leib, der aufgehört hat, Erdenmensch zu sein und Himmelsmensch geworden ist. Sein Verstand hat aufgehört, irdisch zu sein; er ist himmlisch geworden.
[ 24 ] «‹Deswegen werdet ihr vor dem Archon dieses Äon›», vor ahrimanisch-luziferischem Wesen, ‹gerettet werden›».
[ 25 ] Sie sehen ein Stück, das geblieben ist, wieder aufgefunden worden ist, und das die Menschen aufmerksam machen könnte, welch unendlich tiefes Wissen man einmal in den ersten christlichen Jahrhunderten verbunden hat mit dem Geheimnis des Mysteriums von Golgatha. Die Theologen in der Gegenwart werden in der Regel recht wild, wenn man irgendwie auf diese oder andere ähnliche Schriften aufmerksam machen will. Daß sie bestehen, geben sie zu, gewiß. Äußerlich, historisch, behandeln sie sie und geben Ausgaben von ihnen heraus. Aber sie sind überzeugt davon, diese normalen 'Theologen der Gegenwart, daß diese Schriften bis zu einem gewissen Grade mit Recht vergessen worden sind, weil sie doch nur allerlei phantastische Hirngespinste enthalten, mit denen sich der vernünftige Mensch der Gegenwart nicht mehr befassen soll; daß dies einem aufgeklärten Geiste nicht mehr angemessen ist. Aber in gewissem Sinne sind das Hinweise darauf, daß wir mit dem, was wir nunmehr aus dem Born, aus dem Quell der geistigen Welten herausholen, doch an etwas anknüpfen, was in der Erdenentwickelung schon da war, was nur eine Zeitlang unterirdisch fortfließen mußte, wie gewisse Wasser in den Alpen unterirdisch fortfließen, nachdem sie eine Weile oberirdisch waren; dann verschwinden sie in die Tiefen hinein und erscheinen später wieder. So war das Geisteswissen durch die Jahrhunderte wie in unterirdischen Welten fortgeflossen und soll jetzt wiederum herauskommen. Damit diejenigen, die gar nicht an solche Ursprünglichkeiten des Erfließens von spirituellen Quellen in das Erdendasein glauben können, auch äußerlich einen Hinweis bekommen, hat die Geschichte einige Stücke, einige Fetzen einer reichen alten Literatur erhalten, die ausgebreitet war, die groß und gewaltig war, und die eigentlich wirklich nur gekannt ist in den Gegenschriften, zum Beispiel denen des Irenäus und ähnlicher Leute, die sie nur widerlegen wollten.
[ 26 ] So müssen wir sagen: Unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen hat sich das Geheimnis von Golgatha hereingelebt in die abendländische Kultur. Und das erste war das Ergebnis des gewaltigen Wortes des Paulus, das ihm erflossen ist aus seiner Erscheinung von Damaskus: das Geheimnis von dem Tode, von dem Durchgang durch das Mysterium von Golgatha. Daran knüpften sich dann jene weitgehenden Diskussionen über die Art und Weise, wie der Christus mit dem Jesus verbunden war, wie die göttliche und Menschennatur miteinander verbunden waren, wie die drei Veranschaulichungsformen des Göttlichen, die als die drei Personen in die abendländische christliche Kulturentwickelung eintreten, sich zueinander verhalten und dergleichen. Man kann sagen: Dasjenige, was menschliche Weisheit war, ging zurück. Auch diese Kraft des Wissens ging zurück. Es war eine ungeheuer starke Weisheitskraft, die in jenen Menschen vorhanden war, die zu solchem kommen konnten, wie das ist, was ich Ihnen eben vorgelesen habe — eine starke Weisheitskraft. Es ging ganz, ganz zurück. Und man hörte viel lieber hin auf solche, die sagen konnten: Der Jesus, der Christus war da in Person auf der Erde; man weiß das, daß er da war, denn ich habe den Polykarp gekannt, und der Polykarp hat die Jesus-Schüler gekannt! — Da war eine unmittelbar persönliche Überlieferung. Es fängt an auf eine gewisse Art der Glaube an nur dasjenige, was physisch da war, an die physische Fortentwickelung. Indem allmählich die geistige Weisheit versickert, kommt der Glaube an das bloß Physische herauf. Man kann sagen: Etwa Irenäus — was war er für ein Geist? Er war ein Geist, der sagte: Da hat es Gnostiker gegeben: diese behaupten, etwas zu wissen durch einen Verstand, der unabhängig wirken kann vom physischen Leib. Das alles ist Unrecht, das alles ist, wie man damals sagte, ketzerisch, daran dürfen die Menschen nicht glauben. Und er widerlegt es. Solche Widerleger fanden sich immer mehr und mehr, immer weiter und weiter. Und es blieb selbstverständlich die Gewalt des Mysteriums von Golgatha, die Gewalt der Tatsache, die Gewalt der Überlieferung. Durch das, was man überliefert hatte, was als Tatsache wirkte, pflanzte sich jetzt das Christentum fort. Was sich als Wissenschaft fortpflanzte, das versickerte eigentlich. Und der Nachfolger des Irenäus in unserer Zeit bekämpft wiederum alles dasjenige, was also aus einem wirklichen Wissen der geistigen Welt kommt. Wer ist der Vorläufer und wer ist der Nachfolger? Irenäus, der Bischof von Lyon, der die Gnostiker bekämpfte; und der Irenäus unserer Zeit, der Bischof der Materie von Jena, ist Ernst Haeckel — der Nachfolger des Irenäus. Das ist Entwickelungslinie, meine lieben Freunde! Das andere sind nur Anachronismen, denn aus demselben Geiste heraus wirkt auch die Ablehnung des Ernst Haeckel. In bezug auf die Denkweise ist eine gerade Fortpflanzungslinie von Irenäus, dem Bischof von Lyon, bis zu Ernst Haeckel. Diese Dinge muß man nur objektiv historisch nehmen, nicht mit irgendeinem Gefühl von kritischer Sympathie oder Antipathie, sondern ganz objektiv historisch.
[ 27 ] Wenn wir uns diesen ganzen Gang der Geistesentwickelung vorstellen, dann bekommen wir ein Gefühl für etwas, was hier von einer andern Seite auch schon berührt worden ist: dafür, daß eigentlich dieser christlichen Entwickelung gar nicht entgegenkam das, was die Menschen verstehen konnten. Das Verstehen, das geistige Auffassen soll erst jetzt kommen. Denn die Menschen hatten die Kraft verloren, so etwas zu verstehen, was nur geistig zu verstehen ist, wie das Mysterium von Golgatha. Das, wodurch sich das Mysterium von Golgatha die Menschheit eroberte, das war nicht durch den Verstand, sondern das war durch die Tatsache. Und diese Tatsache wirkte eigentlich auch in einer ganz sonderbaren Weise.
[ 28 ] Jetzt ist eigentlich von dieser Sache nur noch ein ganz schwacher Nachklang vorhanden. Allein in den ersten Jahrhunderten, wenn man vorbrachte die Erzählung von dem Erscheinen des Christus auf der Erde zu Weihnachten, dann las man zunächst die ersten Kapitel der Schöpfungsgeschichte vor. Man brachte unmittelbar in Zusammenhang mit dem Weihnachtsmysterium die Schöpfungsgeschichte, den Anfang der Bibel. Jetzt ist nur noch eines im Zusammenhang damit geblieben: Wenn Sie den Kalender ansehen, haben Sie am 25. Dezember das Christfest, am 24. Adam und Eva. Daß das in unmittelbarem Zusammenhang im Kalender erscheint, ist der letzte Rest dessen, was im Bewußtsein vorhanden war: daß man zusammen dachte, als das Weihnachtsfest einmal für eine bestimmte Jahreszeit festgestellt war, die Schöpfungsgeschichte mit dem Weihnachtsmysterium. Aber nicht nur, daß man äußerlich zuerst die Schöpfungsgeschichte vorbrachte und dann das Weihnachtsmysterium, sondern es wurde auch immer wieder und wiederum aufmerksam gemacht auf eine der tiefsten Sagen, welche den Zusammenhang der Welt, des Erdenanfanges, mit dem Mysterium von Golgatha darstellen wollten. Darauf aufmerksam wurde gemacht, wie, als Adam aus dem Paradiese vertrieben worden war, der Baum, durch den er sich versündigt hatte, der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, auch vom Paradies entfernt worden war; wie Früchte, Keime dieses Baumes, gepflanzt wurden auf das Grab des Adam, und herauswuchs dieser Baum. Und dann kam das Holz dieses Baumes, des Paradiesbaumes, von Geschlecht zu Geschlecht bis hinunter in die Zeit, da der Christus auf Erden erschien. Und dann wurde aus diesem Holz, aus dem Holze, das nur eben wieder gewachsen war aus dem Grabe, welches das Grab Adams war, aus diesem Holz heraus wurde das Kreuz gezimmert, an dem der Erlöser hing.
[ 29 ] Diese Sage von dem Zusammenhang des Weltenanfangs mit dem Mysterium von Golgatha wurde in früheren Jahrhunderten den Menschen, die so etwas verstehen konnten, immer wiederholt. Es wurde ihnen also gesagt: Der Baum des Paradieses, an dem sich der Mensch versündigt hatte, wurde über das Paradies herausgeworfen, und Keime kamen in das Erdreich, das auf jenem Grabe des Adam war. Und aus diesen Keimen entstand wiederum der Baum, an dem im Paradiese die Menschen sich versündigt haben. Und dieses Holz von dem Baume wurde von Geschlecht zu Geschlecht gegeben und kam dann auf mancherlei Umwegen in die Zeit des Mysteriums von Golgatha, und das Kreuz, auf dem der Christus gehangen hat, ist aus diesem Holz gemacht.
[ 30 ] In dieser Sage sind also auch die Zusammenhänge zwischen dem Erdenanfange und dem Mysterium von Golgatha enthalten. Aber die Dinge sind so miteinander verbunden, so innig miteinander verbunden, daß es gewisse Spiele gibt, welche nicht bloß Christus-Spiele sind, die zu Weihnachten aufgeführt worden sind, sondern Paradeisspiele; Paradeisspiele, wo direkt das Geheimnis von Adam und Eva und dem Sündenfall den Leuten vorgestellt wurde, wenn Weihnachten, oder besser gesagt, wenn das Erscheinungsfest, die Heiligen Drei Könige, am 6. Januar heranrückte.
[ 31 ] Bedenken Sie einmal, meine lieben Freunde, auf welche tief geistigen Tatsachen wir da geführt werden. Wir denken an die luziferisch-ahrimanische Verführung des Menschen, dasjenige, was aus den Menschen geworden war durch die ahrimanisch-luziferische Verführung, denken uns dies repräsentiert durch die Gestalt Adams, der der Versuchung unterlegen ist. Wenn wir diese ahrimanisch-luziferische Verführung voll verstehen, müssen wir notwendigerweise denken, daß die Erdenentwickelung eine ganz andere geworden wäre, wenn die luziferisch-ahrimanische Verführung nicht an den Menschen herangetreten wäre, ganz anders geworden wäre. Aber diese luziferisch-ahrimanische Verführung hat nur eine Bedeutung für das Erdenleben im physischen Leib. Sie kann also nur eine Bedeutung gewinnen von dem Moment an, wo wir aus der geistigen Welt heraus durch die Geburt, oder sagen wir, durch die Empfängnis ins Erdenleben hereintreten. Für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt kann nicht die luziferisch-ahrimanische Verführung diese Bedeutung haben, denn sie hat die Bedeutung hier im Erdenleben herinnen.
[ 32 ] Wenn wir daher das Kind hereintreten sehen in das Erdenleben, so empfinden wir richtig, wenn wir sagen: Du erscheinst, du Seele, die du hier im Fleische bist, du erscheinst heraus aus einer Weltensphäre, die noch unberührt ist von luziferisch-ahrimanischem Wesen. Du trittst erst ein, indem du mit dem Fleische immer mehr und mehr zusammenwachsen wirst in das luziferisch-ahrimanische Wesen.
[ 33 ] Und können wir so auf das Kind hinschauen, so schauen wir mit der Empfindung von einem geistigen Weltengeheimnis auf das Kind. So wie der Mensch in die Erdenentwickelung eintritt, ist er schon vorbestimmt durch seine früheren Inkarnationen, mit dem Fleische zusammenzuwachsen. Aber empfinden sollten die Menschen einmal, was es heißt, in die Erde einzutreten, ohne vorbestimmt zu sein für irdisches Leben. Daß dieser Gedanke erwachen sollte in den Menschen, der Gedanke über das, was da eigentlich im Menschen wohnt als eine Wesenheit, durch die er mit dem Himmlischen, mit dem Sonnenhaften verbunden ist, daß das erwacht in den Menschen, dazu eroberte sich das Christus-Kind die geistige Menschheitsentwickelung. Und dieses Christus-Kind eroberte sich die geistige Menschheitsentwickelung eben so, wie es sie sich erobern konnte.
[ 34 ] Es waren im Grunde genommen in der ganzen christlichen Entwickelung zwei Strömungen. Wir können diese zwei Strömungen sehr gut begreifen. Durch zwei Leiber trat der Christus zunächst in die Welt ein: durch den nathanischen Jesus und durch den salomonischen Jesus. Durch den nathanischen Jesus trat er ein, ich möchte sagen, wie durch das Erden-Kind. Sehen Sie nur, wie ich es dargestellt habe in den Zyklen und auch in der «Geistigen Führung des Menschen und der Menschheit». Durch den nathanischen Jesus trat der Christus in die Erde so ein, daß dieser nathanische Jesus eine Wesenheit war, wie bewahrt von der bisherigen Erdenentwickelung, wie die Substanz vom Erdenanfange her. Der salomonische Jesus aber: eine durch viele, viele Erdeninkarnationen hindurchgegangene Hinaufentwickelung. Zwei Wege also, die dann auf die Art, wie ich es dargestellt habe, zusammentreffen sollten.
[ 35 ] Aber nun denken Sie sich das alles geschehen in einer Zeit, in der die Geistesweisheit abstirbt, in der keine Möglichkeit ist, das zu begreifen. Diese unendliche Tiefe tritt ein, daß zwei Jesusknaben da sind, durch die der Christus in die Welt hereinkommen soll. Jenes unendlich Tiefe tritt ein, welches uns die Leute, die von der ganzen Sache nichts verstehen, trotzdem sie amtlich dazu berufen sind, heute verlästern und verketzern. Jenes tritt ein, was nur durch jene Weisheit hätte verstanden werden können, die ausgemerzt worden ist. Was Wunder, daß diese Tatsache eben in einer Weise eingetreten ist, die erst nach und nach wiederum durch unsere Wissenschaft verstanden werden kann. Daher war zuerst folgendes Bestreben. Als noch mehr von der alten Weisheit wenigstens nachsickerte, so tröpfchenweise nachsickerte, wollte man noch mehr Wert legen auf die Erscheinung des Christus Jesus auf der Erde, auf das Eintreten in die großen Weltereignisse, und da hatte man am «Dreikönigsfest» das Erscheinungsfest des Herrn festgesetzt, das der 6. Januar ist. Das hängt mehr mit dem salomonischen Jesus zusammen, mit demjenigen Jesus, der als ein König eingetreten ist, der aus königlichem Geschlecht eingetreten ist. Den begriff man auch mehr durch dasjenige, was königlich-magische Weisheit war. Dagegen der andere, der nathanische Jesus, der eigentlich nichts von dem, was auf der Erde geschehen war, in seiner Substanz an sich hatte, wurde so recht auf diese tiefe Winterzeit verlegt, die jetzt das Weihnachtsfest ist. Die Menschen haben nicht begriffen, daß das zusammengehört, haben sogar die Geburtsdaten auseinandergeholt. Denn in älteren Jahrhunderten wird durchaus auch am 6. Januar wieder das Geburtsfest des Jesus empfunden. Aber daß zwei Geburtsfeste empfunden wurden — das ist dem ganz erklärlich, der von zwei Jesusknaben sprechen kann. Sogar die Art und Weise, wie man über den Jesus gedacht hat, ist eigentlich in zwei Fassungen vorhanden. Die eine bezieht sich mehr auf den Jesus, der hereintrat, ohne daß er vorher mit dem in Zusammenhang getreten ist, was durch Nationen und Stände und Rasse menschliche Differenzierungen auf der Erde hervorgerufen hat: der Jesus, der eintreten kann, verstanden durch das einfachste Volksempfinden — der LukasJesus, der nathanische Jesus. Der andere Jesus, der salomonische Jesus, mehr zu begreifen durch dasjenige, was himmlische Weisheit ist, durch eine Weisheit, durch die so durchsickert dasjenige, was von der alten magischen Weisheit so tröpfchenweise geblieben ist.
[ 36 ] Man empfindet gar nicht unrichtig, wenn man sich sagt: Wir haben zunächst das erste Jesus-Spiel gesehen, dieses einfache Jesus-Spiel, auf das gar nicht anwendbar sind die alten Überbleibsel von der magischen Weisheit: das ist der nathanische Jesusknabe. In dem andern waltet die Weisheit darinnen, die man noch hatte: jener Jesus, der aus königlichem Geblüt in die Welt eingezogen ist — das zweite Spiel, das auf uns gewirkt hat. Gewußt haben die Menschen nichts davon, aber nachgewirkt haben die beiden Jesusknaben, indem die Menschen so grundverschiedene Spiele davon gemacht haben.
[ 37 ] So wollte ich zunächst Andeutungen geben, wie das Paradeisspiel mit dem Weihnachtsspiel zusammenwuchs, so daß das Ganze eine Bedeutung hat. Wir werden morgen noch davon sprechen. Heute möchte ich Ihnen aber nur das Wort noch einmal ans Herz legen, das ich gestern am Schlusse ausgesprochen habe und auch im Verlaufe der Betrachtungen, daß diese Weihnachtsspiele zugleich — in gewissem Sinne selbst das einfachste — doch eine Mahnung sind. Und eine Mahnung waren sie auch für alle diejenigen, die zuhörten.
[ 38 ] Wiederum soll dasjenige, was wir zu wollen haben, eine Art Weltenweihnacht in geistiger Beziehung sein. Der Christus soll wiederum, wenigstens für das menschliche Verständnis, auf geistige Art geboren werden. Dieses ganze Wirken innerhalb der Geisteswissenschaft ist eigentlich eine Art Weihnachtsfest, ein Geborenwerden des Christus in der menschlichen Weisheit. Es fragt sich nur, ob die Menschen zahlreich sich einfinden, die nun verstehen können. Ja, ich möchte sagen, man konnte so manchen von den Bauern hören, der da saß, wenn solch ein Weihnachtsspiel, wie das gestrige erste, aufgeführt worden ist in früheren Jahrhunderten. Da kam die ganze Gemeinde herein und nun saßen die Bauern da. Nun war es so: Da sagte manchmal einer von den Bauern zu dem andern: Jetzt sag mer amol, bist du eigentlich a Wirt oder bist du a Hirt? — Da wurde der nachdenklich, ob er ein Wirt oder ein Hirt ist. Aber ich denke, man könnte gegenüber dem, was in der neueren Wissenschaft von dem Christus vorhanden ist, auch Menschen fragen: Bist du ein Wirt oder bist du ein Hirt? Denn man hört die Wirte ganz lebhaft wettern und sagen: Was wollt ihr hier vor meiner Türe? Weg mit euch, sucht irgendwo anders eine Herberge, nicht bei uns! — Die andern sind die Hirten. Da ist auch noch ein Skeptiker drunter, der Mops, der auch den Schein nicht begreifen will, aber doch durch einen gewissen Wahrheitssinn sich durch den Koridan mitführen läßt. Ich denke schon, es könnte uns zum Nachdenken anregen die Frage und die Antwort in der Seele, mit denen manche früher hinausgegangen sind, nachdem sie das Weihnachtsspiel eben angesehen hatten, die Bauern im 16., 17., 18. Jahrhundert: Na, sag mer amol, bist du nu eigentlich a Wirt, oder bist du a Hirt? — Hoffen wir, meine lieben Freunde, daß nach und nach auf unsere Art recht viele Hirten entstehen, damit die Wirte, die ja zahlreich zu vernehmen sind, allmählich zum Verstummen gebracht werden.
