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The Rudolf Steiner Archive

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Die geistige Vereinigung der Menschheit
durch den Christus-Impuls
GA 165

2 Januar 1916, Dornach

Neujahrsbetrachtungen III

[ 1 ] Wir denken uns einmal den menschlichen ÄAtherleib im Zusammenhange mit dem physischen Leib des Menschen und wollen dies in einer Skizze festhalten. Ganz schematisch wollen wir dieses als Ätherleib gelten lassen (es wird gezeichnet) und wollen den physischen Leib, der selbstverständlich den ganzen menschlichen Ätherleib mit Ausnahme der äußersten Partien des Ätherleibes durchdringt, jetzt so zeichnen wie mit einer Art Rinde vom Ätherleib umgeben. Sie wissen ja, wie die wirklichen Verhältnisse sind. Das sei also physischer Leib und Ätherleib, und dazu gehören dann im gesamten System des Menschen selbstverständlich der Astralleib und das Ich. Nun wollen wir uns erinnern, daß der Ätherleib des Menschen selbstverständlich aus den verschiedenen Ätherarten besteht, die wir kennengelernt haben. Und wir haben kennengelernt als Atherarten den Wärmeäther, den Lichtäther, den chemischen Äther, der die Sphärenmusik vermittelt, und den Lebensäther.

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[ 2 ] Wollen wir heute einmal den Lichtäther ins Auge fassen. Gewiß, der ganze Ätherleib besteht aus einer innigen Verbindung, aus einer organisierten innigen Verbindung dieser vier Ätherarten. Aber wir wollen dasjenige, was am Ätherleib Lichtäther ist, heute besonders herausheben. Den Teil des Ätherleibes, den wir als Lichtäther ansprechen, wollen wir jetzt schraffieren. Nun habe ich öfter betont, daß der Mensch eigentlich dadurch ein Bewußtsein von den Dingen erhält, daß er mit seinem Ich und mit seinem Astralleib im Grunde genommen in den Dingen darin ist. Nur im Tagwachen stecken das Ich und der astralische Leib, man möchte sagen, in bezug auf dasjenige, was von ihnen nicht in den Dingen ist, im physischen Leib und im AÄtherleib darin. Wenn wir dies ins Auge fassen, so können wir sagen: daß wir Sinnesempfindungen haben, rührt davon her, daß das menschliche Ich und auch der astralische Leib von den Dingen zuerst eine Offenbarung haben, die unbewußt bleibt, und daß sich dann diese Offenbarung spiegelt an den Sinneswerkzeugen und ihren Nervenfortsetzungen im physischen Leib. Diese Dinge haben wir wiederholt erörtert.

[ 3 ] Nun fragen wir uns aber heute: Wie wirkt denn eigentlich das Gedächtnis? Wie geschieht es, daß wir Erinnerung haben an Verschiedenes, an Gegenstände und auch an Erlebnisse, die wir durchgemacht haben? Diese Frage wollen wir einmal ins Auge fassen. Wir wollen sie heute gleichsam ganz empirisch, beobachtungsgemäß ins Auge fassen.

[ 4 ] Nehmen wir den Fall: Wir treffen heute einen Menschen, den wir vor fünf Tagen zum erstenmal gesehen haben. Wir erinnern uns, daß wir ihn vor fünf Tagen gesehen haben, daß er uns dazumal seinen Namen gesagt hat, daß wir mit ihm gesprochen haben. Wir sagen, wir erkennen diesen Menschen wieder. Was geschieht da in uns, wenn wir uns auf diese Weise an einen Menschen und an die Begegnung mit ihm nach einiger Zeit erinnern?

[ 5 ] Nun, da kommt zuallererst folgendes in Betracht: Während wir vor fünf Tagen dem Menschen begegnet sind, hat unser Ätherleib gewisse Bewegungen ausgeführt. Wir fassen jetzt immer den Lichtteil des Ätherleibes ins Auge. Selbstverständlich schwingen die andern Glieder, der Wärmeteil, der chemische Teil, der Lebensteil mit, aber wir fassen heute den LLichtteil unseres Ätherleibes ins Auge. Ich will ihn deshalb zunächst sogar Lichtleib nennen. Unser ätherischer Leib führt gewisse Bewegungen aus. Denn die Gedanken, die der Mensch erregt, mit dem wir zusammengetroffen sind, geben sich in unserem Lichtleib als innere Lichtbewegungen kund. Abgesehen davon, daß wir mit unseren Sinnen den Menschen sehen, haben wir somit von den Eindrücken her, die nicht durch die Sinne vermittelt werden, insofern etwas, als unser Lichtleib Bewegungen ausführt. Die ganze Begegnung mit dem Menschen hat also darin bestanden, daß unser Lichtleib allerlei Bewegungen ausgeführt hat. Stellen Sie sich das recht lebendig vor: Während Sie vor dem Menschen gestanden haben, während Sie mit ihm gesprochen haben, ist Ihr ätherischer Lichtleib fortwährend in Bewegung. Was Sie mit ihm sprechen, was Sie von ihm empfinden, über ihn denken, das alles offenbart sich in Bewegungen Ihres Lichtleibes.

[ 6 ] Wenn man diesen Menschen nach Tagen nun wiederum sieht, so regt das neuerliche Sehen unsere Seele an, und diese Anregung bewirkt, daß der ätherische Leib rein aus seinem Beharrungsvermögen heraus diese Bewegungen wieder ausführt, die er vor fünf Tagen ausgeführt hat, als wir vor dem Menschen standen, mit ihm Gedanken ausgetauscht haben. Wenn Sie also nach fünf Tagen dem Menschen aufs neue entgegentreten, wird der ätherische Lichtleib dadurch angeregt, dieselben Bewegungen auszuführen, die er vor fünf Tagen ausgeführt hat. Mit einem Stück seines Ich und seines Astralleibes ist man während des Wachbewußtseins immer im äußeren Lichtäther darin. Das Schlafen geschieht ja dadurch, daß sich auch das Stück vom astralischen Leib und Ich in den äußeren Äther zurückzieht, das beim Tagwachen im physischen und im Ätherleib drin ist. Da man also mit seinem Ich und mit seinem Astralleib im Grunde genommen im äußeren Äther darin ist und der innere Ätherleib durch sein Beharrungsvermögen die Bewegungen, die er damals ausgeführt hat, wieder ausführt, so fühlt man nun das, was der Ätherleib damals an Bewegungen ausgeführt hat. Und das ist das Erinnern. Vom äußeren Äther aus innere Atherbewegungen wahrnehmen, vom äußeren Lichtäther die Bewegungen des inneren Lichtleibes wahrnehmen, das bedeutet: sich erinnern.

[ 7 ] Also denken Sie zum Beispiel: Es treten vor Ihnen zwei Menschen einander gegenüber. Meinetwillen sieht der eine von dem andern nur das Gesicht. Dadurch, daß der eine das Gesicht des andern beschaut, macht sein Ätherleib bestimmte Bewegungen. Jetzt geht er weg. Der Ätherleib behält die Tendenz, diese Bewegungen, wenn er dazu angeregt wird, wieder auszuführen. Nach fünf Tagen treten sich die beiden Menschen wieder entgegen. Sie nehmen sich wahr — zunächst nimmt der eine, dessen Ätherlichtleib die Bewegungen gemacht hat, den andern wahr. Dadurch wird sein Lichtleib wieder angeregt, dieselben Bewegungen zu machen, die er gemacht hat, als er das Gesicht wahrgenommen hat. Das kommt im Bewußtsein zum Ausdruck, indem das Bewußtsein sagt: Ich habe dies Gesicht schon gesehen. Das heißt, das Bewußtsein nimmt vom äußeren Lichtäther aus die inneren Lichtbewegungen des Lichtäthers im Menschen darin wahr. Das ist das Erinnern, das ist das Gedächtnis, rein als Beobachtungsvorgang. Man kann sagen: Im äußeren Lichte sieht man die durchgemachten Bewegungen des inneren Lichtleibes. Man sieht sie aber nicht als Lichtbewegungen. Warum sieht man sie im gewöhnlichen Leben nicht als Lichtbewegungen? Man sieht sie aus dem Grunde nicht als Lichtbewegungen, weil dieser Lichtätherleib im physischen Leib darinnensteckt. Dadurch schlagen die Bewegungen des Ätherleibes überall an den physischen Leib an. Und durch dieses Anschlagen verwandeln sich die Lichtbewegungen des Ätherleibes in die Erinnerungsvorstellungen. Man sieht nicht die Bewegungen des Atherleibes, sondern die durch das Anschlagen an den physischen Leib bewirkten Vorstellungen. Aber das sind die ErinnerungsvorstelJungen.

[ 8 ] Wenn der physische Leib weg ist, das heißt, wenn der Mensch durch die Todespforte gegangen ist, dann sind das Ich und der Astralleib natürlich zunächst viel intensiver im äußeren Äther darin, bis sie den äußeren Äther nach ein paar Tagen verlassen. Da wird der innere Lichtleib nicht mehr durch das Anschlagen an den physischen Leib zu solchen Vorstellungen angeregt, die nur im physischen Leib möglich sind. Daher sieht der Tote alles, was er erlebt hat und was der Ätherleib jetzt alles abschwingen läßt, ablaufen läßt, wenn er vom physischen Leib frei ist, wenn er durch diesen nicht mehr aufgehalten wird. Das sieht er alles ablaufen in den paar Tagen nach dem Tode, denn der Ätherleib hat fortwährend die Tendenz, alles dasjenige wiederum aus sich hervorzubringen, was er jemals in den Erlebnissen des physischen Lebens als Bewegungen ausgeführt hat. Dieses ganze Leben läuft da ab, schwingt ab im Ätherleib. Und man sieht es in diesem Tableau — es projiziert sich das zu einem mächtigen Tableau, es projiziert sich das ganze ätherische Bewegungsspiegeln zu einem Tableauüberblick über das vergangene Erdenleben.

[ 9 ] Würde man nun die Möglichkeit haben, den physischen Leib so zu bezwingen, daß man sich von dem physischen Leib unabhängig macht und damit auch den Ätherleib befreit — das kann durch gewisse Meditationsvorgänge bewirkt werden, die alle zu den Vorgängen gehören, die in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert werden —, so könnte man es schon im Leben dahin bringen, viele bringen es ja dahin, durch den physischen Leib nicht gestört zu werden, so daß man bei der Erinnerung nicht das schaut, was durch das Anschlagen des Ätherleibes an den physischen Leib entsteht, sondern daß man das Eigenschwingen, Eigenbewegen des Ätherleibes schaut. Man ist dann im äußeren Lichtäther und schaut die Bewegungen seines Lichtleibes.

[ 10 ] Warum kann man das nicht im gewöhnlichen Leben? Warum geschieht es nicht, wenn zum Beispiel Fräulein Scholl der Gräfin Kalckreuth gegenübertritt und sie wiedererkennt — ich nehme jetzt an, daß ein Hellsehen nicht vorliegt —, daß unter gewöhnlichen Umständen Fräulein Scholl sich an ihr Erinnerungsbild, das heißt, an ein Vorstellungsbild von der Gräfin Kalckreuth erinnert und nicht wahrnimmt, was sie sonst wahrnehmen könnte: das innere Schwingen ihres Ätherleibes, so daß sie das innere Erlebnis haben würde: Aha, so hat mein Ätherleib immerfort geschwungen, wenn er der Gräfin Kalckreuth gegenübergetreten ist? — Licht würde dann Licht wahrnehmen, nämlich das Äußere, weil das Ich und der astralische Leib von Fräulein Scholl dieBewegungen, die immerwährend tendierten Bewegungen des eigenen Lichtleibes wahrnehmen würde und diese in der richtigen Weise so zu deuten wüßte, daß sie auch sagen würde: Das sind die Bewegungen, die mein Lichtleib immer ausgeführt hat, wenn ich der Gräfin Kalckreuth gegenübergestanden habe. Da hätten wir also dann die Erscheinung, daß wir durch das Verweilen im Äther — und das tun wir immer, weil wir mit einem großen Teil unseres Ich und unseres astralischen Leibes außerhalb unseres physischen Leibes sind —, daß wir durch das Weben und Wallen im Lichtäther unser Stück organisierten Lichtäther mit seinen Bewegungen wahrnehmen: Licht aus dem Lichte, das Licht, das in uns selber ist.

[ 11 ] Warum geschieht das nicht im gewöhnlichen Leben? Warum nehmen wir da erst das Ergebnis des Anschlagens der Bewegungen des Ätherleibes an den physischen Leib wahr? — Das ist deshalb, weil Ahriman und Luzifer mit der irdischen Welt verknüpft sind, weil Ahriman den physischen Leib so eng an das ganze Wesen des Menschen gekettet hat, daß der Ätherleib nicht leicht frei kommen kann; weil dieser Ahriman den physischen Leib so dicht zusammengeschlossen hat mit dem Ätherleib, mit dem Lichtleib, und weil fortwährend die dienenden Geister des Ahriman da sind, die bewirken, daß, wenn der Mensch im Lichte ist, sein Lichtleib mit seinen Schwingungen verdunkelt wird, so daß er ihn nicht schauen kann. Dämonen halten fortwährend den Lichtleib des Menschen in Dunkelheit. Das ist durch die Einrichtung, die Ahriman mit dem physischen Leib und übrigens auch mit dem Ätherleib getroffen hat. Wir können daher sagen — und ich will diesen Satz besonders an die Tafel schreiben, weil das ein wichtiger Satz ist —: Ist es der Menschenseele möglich, aus Licht die Vorgänge im eigenen Lichtleib zu beobachten, so hat sich diese Seele frei gemacht von den ahrimanischen Kräften, die sonst die Vorgänge im Lichtleib verdunkeln.

[ 12 ] Was könnte denn nun eine Seele, die das erreichen will, erflehen, ersehnen? Eine solche Seele könnte etwa sagen zu gewissen Mächten, die in der geistigen Welt sind, und die diese Seele anerkennt: Oh, Ihr Mächte in der geistigen Welt, lasset mich aus meinem physischen Leib heraus wissend in der Lichtwelt sein, im Lichte sein, um den eigenen Lichtleib zu beobachten, und lasset die Gewalt der ahrimanischen Kräfte nicht zu stark sein über mich, daß sie mir nicht unmöglich machen, zu schauen, was da in meinem Lichtleib vorgeht! Also, ich will noch einmal sagen, was aus einer Sehnsucht zu gewissen Mächten, die etwa anerkannt würden von dieser Seele in der geistigen Welt, solch eine Seele gebetartig erflehen könnte. Solch eine Seele könnte sagen: Oh, Ihr Mächte, lasset mich bewußt im Lichte aus dem Licht heraus hinschauen auf die Vorgänge meines eigenen Lichtleibes und dämpfet ab, nehmet weg die Kraft und Macht der ahrimanischen Kräfte, die mir verdunkeln und herabdämmern die Vorgänge im eigenen Lichtleib! Lasset mich bewußt aus dem Lichte mein eigenes Licht schauen! Lasset mich aus dem Lichte bewußt das Licht schauen, und nehmet weg die Mächte, die mich verhindern, aus dem Licht das Licht zu schauen!

[ 13 ] Was ich Ihnen jetzt gesagt habe, meine lieben Freunde, ist nicht bloß ein erfundenes Gebet, sondern so hat der Christus, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, diejenigen beten gelehrt, die ihn dann noch verstehen konnten in der Zeit, in der er nach der Überwindung des Mysteriums von Golgatha bei seinen intimeren Schülern verweilt hat.

[ 14 ] Und das gehörte zu dem Verständnis, dem gnostischen Verständnis, das diese Jünger dem Christus noch entgegenbringen konnten in der damaligen Zeit, und das verschwunden ist in der Art, wie ich es angedeutet habe, um die Zeit, um die Jahrhunderte herum, da das Mysterium von Golgatha war.

[ 15 ] So zu der Macht, die ihnen der Christus selber war, konnten diese intim mit dem Christus verbundenen Seelen zu dem Christus aufschauen, um ihn anzuflehen um die Möglichkeit, aus dem Lichte das eigene Lichtessein zu beobachten und die entgegengesetzten Mächte ahrimanischer Natur zurückzuhalten, daß nicht abgedämpft und abgedunkelt werde der Blick aus dem Lichte heraus, um diese Lichtbewegungen des Lichtleibes zu schauen. Gelernt haben diese intimen Jünger des Christus Jesus in jener Zeit dies, was ich Ihnen hier andeutete; das haben sie gelernt. Und sie wußten Bescheid, wie es mit alldem, wovon wir heute gesprochen haben, beschaffen ist. Sie wußten Bescheid darin. Sie haben das gelernt in der Zeit, als der Christus mit ihnen nach dem Mysterium von Golgatha verkehrte.

[ 16 ] Ich habe Ihnen unter den Bruchstücken, die aus der alten gnostischen Weisheit geblieben sind, auch die Pistis-Sophia-Schrift angeführt. Ich will ein Stück aus dieser Pistis-Sophia-Schrift einmal vorlesen. Dieses Stück heißt:

[ 17 ] «Ich will dich preisen, o Licht, denn ich wünsche zu dir zu kommen. Ich will dich preisen, o Licht, denn du bist mein Erretter. Nicht verlaß mich im Chaos» — wenn ich heraußen bin aus dem physischen Leib «nicht verlaß mich im Chaos, rette mich, o Licht der Höhen, denn du bist es, das ich gepriesen habe. Du hast mir dein Licht durch dich geschickt und mich gerettet. Du hast mich zu den oberen Örtern des Chaos geführt» — wissend außer dem physischen Leib —. «Mögen nun die Ausgeburten des Bösen» — Ahriman; Ahriman steht aber nicht da —, «welche mich verfolgen, in die unteren Örter des Chaos hinabsinken. Und nicht laß sie zu den oberen Örtern kommen, daß sie mich sehen. Und möge große Finsternis sie bedecken und Finsterheit darauf kommen. Und nicht laß sie mich sehen in dem Licht deiner Kraft, die du mir gesandt hast, um mich zu retten, auf daß sie nicht wiederum Gewalt über mich bekommen. Und ihren Ratschluß, den sie gefaßt haben, meine Kraft zu nehmen, laß ihnen nicht gelingen, und wie sie wider mich geredet, zu nehmen von mir mein Licht. Nimm vielmehr das ihrige anstatt meines. Und sie haben gesagt, mein ganzes Licht zu nehmen, und nicht haben sie vermocht, es zu nehmen, denn deine Lichtkraft war mit mir. Weil sie beratschlagt haben, ohne dein Gebot, o Licht, deswegen haben sie nicht vermocht, mein Licht zu nehmen. Weil ich an das Licht geglaubt habe, werde ich mich nicht fürchten. Und das Licht ist mein Erretter. Und nicht werde ich mich fürchten.»

[ 18 ] Beim Fürchten denken wir an Ahriman, so wie wir das sehen bei dem einen der Mysterienspiele.

[ 19 ] Und jetzt nehmen wir das Stück der Pistis-Sophia-Schrift. Ist es nicht wie dazu gerettet, daß man etwa sagen könnte: Seht einmal zu, ihr Gegner der neueren Geisteswissenschaft! Da wird von dieser neueren Geisteswissenschaft gesagt, daß vom Lichte aus die Lichtbewegungen des Lichtleibes gesehen werden können, wenn die entgegenstehenden ahrimanischen Dämonen dieses nicht verhindern. Aber es gab eine Zeit, wo man das schon einmal gewußt hat. Und von dieser Zeit ist sogar ein physisches Beweisstück in der Pistis-Sophia-Schrift da. Denn im Grunde genommen ist das, was ich Ihnen vorgelesen habe, nichts anderes als dieses Walten, das ich Ihnen selber konstruiert habe aus dieser Beschaffenheit des Lichtleibes und dem Verweilen der Seele im Lichtleib selber. Aber es gibt keine Möglichkeit, dieses Stück der PistisSophia-Schrift zu verstehen, ohne daß man vorher verstanden hat dasjenige, was ich vorhin auseinandersetzte. Daher müßten diejenigen, die die Pistis-Sophia-Schrift in die Hand bekommen, sich sagen, wenn sie so etwas lesen: sie verstehen dies überhaupt nicht. Aber dazu sind sie nicht bescheiden genug.

[ 20 ] Das ist es aber, was über uns kommen muß, diese große Bescheidenheit, die gegenüber dieser Sache darin bestehen kann, daß man sich sagt — ja, da ist ein Stück dieser Pistis-Sophia-Schrift —: «Ich will dich preisen, o Licht, denn ich wünsche zu dir zu kommen. Ich will dich preisen, o Licht, denn du bist mein Erretter.» Indem ich es so lese, verstehe ich es nicht. Aber diese Demut müßte man haben, diese Bescheidenheit, das nicht verstehen zu wollen, bis man sich die Möglichkeiten des Verstehens erst herbeigeführt hat. Überall ist aber diese Bescheidenheit gerade in unserer Zeit nicht vorhanden. Und diejenigen, die solche Schriften aus Schutt und Trümmern hervorholen, haben oftmals am allerwenigsten diese Bescheidenheit. Entweder legen sie diese Schriften in der allertrivialsten Weise aus, indem sie sagen: Nun, das Licht, das ist eine nebulose Vorstellung, das ist alles allegorisch gemeint. — Oder aber sie sagen: Diejenigen, die das in alten Zeiten geschrieben haben, standen eben auf einer kindlichen Stufe der menschheitlichen Entwickelung, und wir, wir haben es endlich so herrlich weit gebracht — Sie erinnern sich an die gestrigen Wagner-Worte! Wir haben es endlich so herrlich weit gebracht, daß wir einsehen, daß diese Vorgänger mit allem ihrem Verständnis eben auf einer kindlichen Stufe standen!

[ 21 ] Nicht allein darum handelt es sich in unserer Zeit, daß eine Lehre nicht verstanden werden kann von denjenigen, die sie nicht verstehen wollen, sondern vor allen Dingen handelt es sich darum, daß in unserer Zeit eine gewisse Seelenstimmung nicht so leicht herbeigeführt werden kann, welche durchaus notwendig ist, wenn wirkliche Geist-Erkenntnis gewonnen werden soll. Diese Seelenstimmung ist eben die Mysterienstimmung, die darin besteht, daß man in sich das Gefühl entwickelt: man kann etwas nicht verstehen, bevor man die Seele erst zubereitet hat, in das Verständnis einzugehen. In unserer Zeit herrscht vielmehr die Stimmung der Seele, daß der gescheite Mensch — und gescheit ist natürlich nach seiner Meinung heute jeder Erwachsene von selbst über alles urteilen kann. Aber die Welt ist tief, und dasjenige, was mit den Weltengeheimnissen zusammenhängt, ist tief. Und wegen dieses Glaubens an die Gescheitheit, den ein jeder Erwachsene heute an sich selber hat, gehen die Menschen an den tiefsten Weltenproblemen, an den tiefsten Weltengeheimnissen einfach vorbei. Und wenn über diese Weltengeheimnisse gesprochen wird, so begegnen sie diesem Sprechenden höchstens mit Spott und Hohn und werfen es in die finstersten Winkel, über die sie ihre Vignette: Aberglauben und Schwärmerei und Phantasterei, wenn nicht viel schlimmere Vignetten schreiben.

[ 22 ] Diesen Tatbestand klar einzusehen, meine lieben Freunde, darauf kommt es an. Das ist das Wichtige: klar hinzuschauen wie in unserer Zeit von denjenigen, die gar nicht den Willen haben, zu verstehen, Spott und Hohn gegossen wird über dasjenige, was nur in Erkenntnisbescheidenheit und Erkenntnisdemut mit der in Demut und Bescheidenheit zubereiteten Seele erreicht werden kann. Vorerst fehlt nicht nur das Verständnis für die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, sondern vorerst fehlt überhaupt die Erkenntnisstimmung in unserer Zeit, jene Stimmung, die das echte Erkenntnisstreben erzeugt.

[ 23 ] Darauf ist aber die Welt angewiesen, daß es einige Menschen, und immer mehr und mehr Menschen gibt, die dieses klar durchschauen und es zunächst in ihr Interesse und in ihre Aufmerksamkeit aufnehmen, daß da der Hebel des wahren Fortschrittes anzusetzen ist. Wissen muß man zunächst, was geschehen soll. Und klar und ohne sich einer Illusion hinzugeben, muß man hinschauen, wie angestrebt wird von denjenigen, welche mit Spott und Hohn alle wirkliche Erkenntnisstimmung belegen, alles in die Hand genommen werden will, was die Menschheit in ihrer geistigen Kultur noch durchdringen soll. Es wird angestrebt, daß der Mensch vom Kindesalter an in die materialistische Kultur eingefügt wird. Zum Herrn macht sich die matenalistische Kultur schon über die zarte Kindesseele, indem sie dieser zarten Kindesseele die materialistische Schule aufdrängt, welche weniger durch den Inhalt desjenigen, was sie lehrt, als durch die Art, wie sie lehren muß, die ganze Seele materialistisch gefügig macht.

[ 24 ] Und solches Walten hüllt man in die Illusion der Zeit dadurch ein, daß man sagt: es werde dieses gefordert im Zeitalter der Liberalität und der Freiheit! Dasjenige, was das Gegenteil aller Freiheit ist, man nennt es Freiheit im materialistischen Zeitalter. Und man richtet die Dinge so ein, daß die Menschen kaum bemerken, daß das Gegenteil der Freiheit «Freiheit» genannt wird. Und diejenigen, die etwas von der Sache ahnen, möchten höchstens dieselbe Unfreiheit wiederum durch die gleiche, nur von der andern Seite herkommende Unfreiheit bekämpfen. Das oder jenes müßte verboten werden, sagen die einen, oder die andern wiederum liebäugeln mit jenen Mächten, die alles in die Hand nehmen, was wie das Blümlein auf dem Felde frei wachsen sollte.

[ 25 ] Erst ist es notwendig, daß uns jene Gesinnung durchdringt, die erst eine wahrhaft freie Gesinnung sein kann, die aus der Geisteswissenschaft kommt. Da müssen wir vor allen Dingen uns klar sein darüber, daß in den Gang der äußeren materialistischen Weltenordnung nicht dasjenige eingeführt werden kann, was die Menschenseele im zarten Kindesalter heranbilden soll. Von Worten sich nicht täuschen lassen, das ist dasjenige, was man zunächst verstehen soll. Dazu ist aber auch notwendig, daß man sich von der ganzen Aura der Vorurteile frei macht, die uns allüberall entgegentreten; daß wir wirklich unter allen Umständen jene Gesinnung als unsere Seele durchlebend empfinden, die aus dem Wesen der Geisteswissenschaft kommen kann; daß wir uns öfter fragen: Was ist in unserer Seele als aus dem Wesen der Geisteswissenschaft herausfließend, und was ist in unserer Seele nur deshalb, weil wir uns eben auch aneignen diejenigen Gedankenformen, die heute durch die Welt schwirren.

[ 26 ] Vielleicht können wir nicht schon in unserem Zeitalter etwas tun gegen den ganz materialistischen Gang der materialistischen unfreien Zeitenstimmung. Aber wir müssen wenigstens lernen, ihn zunächst als Zwang zu empfinden. Da muß es anfangen. Wir müssen uns nicht auch Täuschungen hingeben. Denn, geht die Welt so fort in ihrer Entwickelung, wie sie es im Sinne dieser materialistischen Impulse anstrebt, dann laufen wir allmählich in eine Entwickelung ein, in der man nicht nur demjenigen, der nicht patentiert ist, verbietet, irgend etwas für die menschliche Gesundheit zu tun, sondern in der man verbieten wird jedes Wort, das gesprochen wird über irgend etwas der Wissenschaft Angehörige, von einem andern als von einem solchen, der eine Art Gelübde getan hat, nichts anderes zu sagen als dasjenige, was im Sinne der materialistischen Weltenordnung patentiert ist. Heute verbietet man bloß noch vieles, wovon die Menschen den Zwang des Verbietens nicht empfinden. Aber wir gehen Zeiten entgegen, in denen ebenso wie etwa jedes unpatentierte Sorgen für die Heilung der Menschen, auch jedes Wort verboten werden wird, das gesprochen wird, außer auf einer Anstalt, die von den materialistisch entwickelten Mächten garantiert und patentiert ist.

[ 27 ] Empfindet man den ganzen Gang dieses Geschehens nicht, dann wird man mit vollen Segeln in die künftige «Freiheit» hineinsegeln, die darin bestehen wird, daß Gesetze gegeben werden, wonach niemand irgend etwas lehren darf, der dies nicht innerhalb eines patentierten Lehrsaales tut; wonach alles verboten sein wird, was nur im entferntesten erinnern kann an so etwas, wie zum Beispiel das, was hier geschieht. Weil man nicht sieht, wie die Entwickelungstendenz geht, hält man sich das heute nicht vor Augen.

[ 28 ] Gewiß, wir werden — das muß immer wieder betont werden — nicht viel tun können in unserem Zeitalter. Aber die Dinge müssen mit Gedanken beginnen, müssen mit dem Empfinden der Sache beginnen, und womit man beginnen kann, damit muß man beginnen.

[ 29 ] Wie solche Worte auch immer aufgenommen werden mögen, meine lieben Freunde, ich mußte sie zu Ihnen sprechen bei dieser Jahreswende, weil das Jahreswendefest eine Art Zeitensymbolum ist für den Zeitenlauf überhaupt, und weil es am besten ist, wenn wir beim Jahreswendefest wirklich einmal aufmerksam werden auf dasjenige, was im Zeitenlaufe steckt. Man kann gar nicht genug tun, um sich immer und immer wiederum vorzuhalten, wie der Mensch heute abhängig ist von Urteilen, die herumschwirren, von Urteilen, die namentlich dadurch herumschwirren, daß sie mit dreckiger Schwärze auf Zeitungspapier festgehalten werden und diese dreckige Schwärze ein unendlich wirksames Zaubermittel ist für alles dasjenige, was die Menschen glauben in der Welt. Es ist dann interessant zu sehen, wenn die Herren unter sich auch nicht ganz einig sind, denn dann sehen Sie: da ist dasjenige, was alle Gemüter überschwemmt, dasjenige, was mit dieser dreckigen Schwärze hinaufgezaubert ist auf das schmutzige Papier, und was einen so ungeheuren Zauber bewirkt bei der Gesamtheit der gegenwärtigen Menschheit. Aber es sind natürlich immer einige, die sind dafür, daß geglaubt werde, was mit dreckiger Schwärze auf dem so und so überschriebenen schmutzigen Papier stehe, und andere, die auf anders überschriebenem Papier dasjenige für unumstößliche Wahrheit ausgeben wollen, was mit dieser Schwärze daraufgezaubert ist. Sie sind uneins untereinander. Und dann können die Leute schon einsehen, wo eigentlich der Fehler und der Schaden steckt. Nur der, der in der Redaktion rechts das einsieht, der schreibt das bloß dem zu, der selbstverständlich in der Redaktion links den Glauben findet! Und so ist es denn interessant, einige Worte vor die Seele zu rufen, die zum Beispiel ein gewisser Dr. Eduard Engel geschrieben hat im «Türmer» von 1911. Überschrieben waren sie: «Zur Psychologie des Zeitungslesers.» Ich will nicht selber zuviel über diese Dinge sagen, daher will ich Ihnen einmal vorführen, was manchmal geredet wird, wenn die Leute untereinander sich beurteilen.

[ 30 ] Also «Zur Psychologie des Zeitungslesers», «Türmer 1911», Seite 230, da wird gesagt: «Der Zeitungsleser ist ein sehr verwickeltes Wesen. Indessen, seine zahllosen weniger wichtigen Eigenschaften verschwinden alle hinter zweien: Er glaubt alles; er vergißt alles. Auf diesen zwei, bei jedem Zeitungsleser vorhandenen Haupteigenschaften beruht das ganze Geheimnis der Tagespresse in ihrer heutigen ungeheuren Entwickelung. Er glaubt an alles, er vergißt alles. Bedrucktes Zeitungspapier ist eines der wesentlichen Kennzeichen des modernen Kulturmenschen. Die allermeisten Leser lesen nur eine Zeitung und glauben an sie. Ihre Weltanschauung am Abend ist die, welche sie morgens aus ihrer Zeitung geschöpft haben. Kommen sie mit einem Menschen zusammen, der eine andere Zeitung liest und dann seine, das heißt seiner Zeitung Weltanschauung vorträgt, so erscheint ihnen der Mann entweder verrückt oder wenigstens paradox. Zeitungsredaktionen, die ein besonders feines Verständnis für die Seele des Zeitungslesers besitzen, schonen mit ängstlicher Vorsicht den zarten Glauben ihrer Leser an bedrucktes Zeitungspapier. Niemals bringt eine Zeitung für die große Masse eine Berichtigung dessen, was sie ihren Lesern mitzuteilen hat; selbst in den nicht seltenen Fällen, in denen eine falsch eingebrachte Meldung das Gegenteil der Wahrheit und vollkommener Unsinn war, hüten sie sich, bei den Lesern den Glauben an die Unfehlbarkeit der Zeitung zu erschüttern. Mitunter sind sie aber doch gezwungen, nach einigen Tagen die Wahrheit zu berichten. Hierbei kommt ihnen die zweite unentbehrliche Eigenschaft des Zeitungslesers zu statten; seine Vergeßlichkeit...»

[ 31 ] Wenn man bedenkt, was für eine Macht das bedruckte Zeitungspapier allmählich im 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage hinein erlangt hat, und welchen Anteil der Glaube an das bedruckte Zeitungspapier an dem ganzen niedergänglichen Teil unserer Kultur hat, so ist es schon notwendig, einmal sich die ganze Misere wirklich vor Augen zu halten.

[ 32 ] Das ist es auch manchmal, was einem unbehaglich macht, daß so sehr verlangt wird, die Mitteilungsart, die wir gewählt haben, die eine andere sein soll, umzuwandeln in die Aufbewahrung durch das Gedruckte. Und es kann dies natürlich nicht anders sein, denn die schwarze Kunst ist einmal da, und auch die «weiße Kunst» muß selbstverständlich mit dieser schwarzen Kunst, die im bedruckten Papier zum Ausdruck kommt, rechnen. Wir müssen schon Bücher und Zyklen haben. Aber wir wollen uns wirklich bewußt sein, daß wir etwas dazu tun sollen, damit dasjenige, was nun dem bedruckten Papier anvertraut wird, nur ja nicht so durch die Welt gehe, wie heute gewohnheitsweise dasjenige durch die Welt geht, was, lassen Sie mich den Ausdruck gebrauchen, «auf den Flügeln des bedruckten Zeitungspapiers hinaus zu den Gemütern der Menschen schwirrt».

[ 33 ] Daß die Dinge ernst sind, davon wollte ich eine Vorstellung hervorrufen. Daher habe ich mir erlaubt, gestern und heute im Anhange zu großen Geheimnissen, wie die von dem Erdenmenschenjahr und dem Schauen aus Licht zum eigenen Lichte des Menschen hin, im Anhange zu diesen großen Geheimnissen des Daseins diese zeitgemäße Betrachtung auch als eine Art Neujahrsbetrachtung einzufügen.