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Die geistige Vereinigung der Menschheit
durch den Christus-Impuls
GA 165

16 Januar 1916, Dornach

Die Begriffswelt und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit II

[ 1 ] Wir haben gestern versucht, uns in die Entwickelung des Begreifens und Idealisierens, des Werdens von Begriffen über die Welt und von Ideen, zu versetzen, und wir haben gesehen, daß man auch da eine gewisse Entwickelung beobachten kann: daß gewissermaßen aus einer Art hellsichtigen Erlebens der Begriffe sich dasjenige ergibt, was die platonischen Ideen waren, und daß sich nach und nach jene abstrakte Art zu denken entwickelt hat, die noch bis in unsere Tage hereingeht; daß aber die Zeit dazu drängt, gewissermaßen in bewußter Weise wieder lebendiges Leben in den Begriffen zu erreichen, um in die lebendige Geistigkeit überhaupt hineinzukommen, damit das in bewußter Weise wiederum erreicht werde, was als traumhaftes Hellsehen in Begriffen verlassen worden ist.

[ 2 ] Nun handelt es sich darum, daß wir es genauer ins Augen fassen, wie doch in ganz anderer Weise all die höchsten Angelegenheiten des Weltendaseins erfaßt werden können in einer Zeit, in welcher noch etwas vom Nachklang der alten, hellseherisch erfaßten Begriffe da war, und wie ganz anders die höchsten Angelegenheiten der Menschheit erfaßt werden mußten, als das begriffliche Denken schon intellektuell-rational, abstrakt geworden ist. Denn die Fragen, von denen wir gestern wieder gesprochen haben, die sich gerade der mittelalterlichen Scholastik so bedeutsam ergeben haben, diese Fragen konnten sich eigentlich natürlich nur entwickeln in einem Zeitalter, in dem man ungewiß war über das Verhältnis der Begriffswelt zu der wahren Wirklichkeitswelt. In einer Zeit, die etwa der griechischen Philosophie vorangegangen war, hätte man überhaupt so etwas, wie wir es als Lehre von den Universalien in re, post rem, ante rem betrachtet haben, gar nicht aussinnen können, denn der lebendig besessene Begriff, der führt in die Realität hinein. Man weiß, daß man mit ihm in der Realität darinsteht, und man kann dann die Fragen nicht aufwerfen, von denen gestern die Rede war. Sie entstehen gar nicht als Rätselfragen.

[ 3 ] Nun war in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung aber durchaus etwas von einem Nachklang der alten hellseherischen Begriffswelt vorhanden, und man kann sagen: Als das Mysterium von Golgatha durch die Entwickelung der europäischen Menschheit und der vorderasiatischen Menschheit hindurchgegangen ist, da waren noch viele Menschen wirklich fähig, in Nachklängen von hellseherisch erfaßten Begriffen die Dinge aufzunehmen, die eigentlich doch nur spirituell begriffen werden können, und die sich auf das Mysterium von Golgatha beziehen. Nur so können wir es begreifen, daß für die späteren Zeiten vieles unverständlich sein mußte, was in den ersten Zeiten, in den ersten Jahrhunderten des Christentums an Begriffen entwickelt wurde, um das Mysterium von Golgatha zu erfassen. Wenn die älteren christlichen Lehrer noch Nachklänge der alten hellseherischen Begriffe anwandten, um das Mysterium von Golgatha zu erfassen, so blieben natürlich diese hellseherischen Begriffe ihrem eigentlichen Nerv nach den späteren Jahrhunderten unverständlich, und im Grunde genommen ist das, was man Gnosis nennt, gewöhnlich nichts anderes als das Nachklingen alter hellseherischer Begriffe. Man versuchte, mit alten hellseherischen Begriffen das Mysterium von Golgatha zu begreifen, und hellseherische Begriffe verstand man später nicht mehr, nur abstrakte Begriffe. Daher verkannte man dasjenige, was die Gnosis eigentlich wollte. Nun würde man aber die Sache sehr einseitig ansehen, wenn man einfach sagen würde: Da gab es also eine Gnosis, die hatte noch alte hellseherische Begriffe, die noch bis ins 1., 2., 3. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha hereingingen, und dann kamen die unverständigen Leute, die nicht fähig waren, die Gnostiker zu verstehen. — Das wäre sehr einseitig, so zu denken. In einem gewissen vollkommenen Sinne mit hellseherischen Begriffen zu arbeiten, gehört einer viel älteren Zeit an als der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha hineinfiel, einer viel älteren Zeit. Und diese hellseherisch erfaßten Begriffe waren schon ganz luziferisch infiziert, das heißt: das alte hellseherisch-begriffliche Erfassen war schon luziferisch durchdrungen, und diese luziferische Durchdringung des alten hellseherischen Begriffssystems, das ist die Gnosis. Es mußte deshalb eine Art Reaktion gegen die Gnosis entstehen, weil dieGnosis eben die aussterbende alte hellseherische Begriffswelt war, die schon von Luzifer infizierte alte hellseherische Begriffswelt. Das muß man auch ins Auge fassen.

[ 4 ] Nun will ich von einem Manne ausgehen, der versuchte, in den ersten Jahrhunderten des Christentums gewissermaßen die Strömungen aufzuhalten, die von der luziferisch gewordenen Gnosis kamen, und von diesem Gesichtspunkt aus das Mysterium von Golgatha erfassen wollte. Das ist Tertullian. Er stammte aus Nordafrika, war gelehrt in Angelegenheiten der heidnischen Weisheit. Etwa gegen das Ende des 2. Jahrhunderts nach dem Mysterium von Golgatha trat er zum Christentum über und wurde einer der gelehrtesten Theologen seiner Zeit. Nun ist es ganz besonders interessant, ihn ein wenig zu betrachten, aus dem Grunde, weil er aus seinem Studium der alten heidnischen Weisheit noch etwas von einem inneren Verständnis der alten hellseherischen Begriffswelt hatte, und auf der andern Seite, weil er — seine Bekehrungsgeschichte zeigt das — ganz den christlichen Impuls in sich hatte und gewissermaßen beides so vereinigen wollte, daß das Christentum dadurch voll bestehen könnte. Dazu mußte er das zurückdrängen, was er als luziferisch angehauchte Gnosis bei Basilides, bei Marcion und andern empfand. Und nun tauchten ihm bestimmte Fragen auf. Aus einem ganz bestimmten Grunde tauchten dem Tertullian diese Fragen auf. Sehen Sie, indem wir heute mit der Geisteswissenschaft beginnen, reden wir sehr häufig von der Gliederung der menschlichen Natur, von der Art und Weise, wie der Mensch zuerst seinen dichten physischen Leib hat, den Augen sehen, Hände greifen können; wie dann ein Ätherleib da ist, wie ein astralischer Leib da ist, eine Empfindungsseele und so weiter. Das heißt, wir suchen vor allen Dingen die Konstitution der menschlichen Natur zu erkennen. Aber wenn Sie die geschichtliche Entwickelung des geistigen Lebens in den Jahrhunderten seit dem Mysterium von Golgatha verfolgen, so werden Sie nirgends finden, daß man in einer solchen Art bis in die heutige Zeit herauf, äußerlich, wie wir es zu tun haben, die Konstitution des Menschen betrachtete. Das ging verloren und war schon verloren, als das Mysterium von Golgatha eintrat. Diejenigen, an die der Impuls des Mysteriums von Golgatha herantrat, wußten nichts mehr von dieser Gliederung des Menschen. Das aber ergab für sie eine ganz bestimmte Schwierigkeit. Um diese Schwierigkeit zu erkennen, meine lieben Freunde, versuchen Sie einmal, an Ihr eigenes Herz, an Ihre eigene Seele anzuknüpfen, um sich etwas zu fragen. Sie wissen, wir haben in der verschiedensten Weise versucht, die Art, wie der Christus durch den Jesus in die Entwickelung der Erde eingegriffen hat, uns klarzumachen. Aber versuchen Sie einmal, wie es Ihnen ergangen wäre, die ganze Sache zu verstehen, wie der Christus die Glieder in dem Jesus durchdrungen hat, wenn Sie von der ganzen Konstitution, von der Wesenheit des Menschen nichts gewußt hätten! Dadurch allein wurde verständlich, wie der Christus als eine Art kosmischen Ichs die Leiber durchdringt, daß Sie erst etwas von diesen Leibern wußten. Für denjenigen, der ein Christus-Verständnis in der Zukunft suchen wird, wird die Kenntnis von der Gliederung des Menschen die wesentliche Vorbereitung sein müssen.

[ 5 ] In uralten Zeiten, als es noch traumhaft-hellseherische Begriffe gab, wußte man etwas von dieser Gliederung des Menschen; und zu den Gnostikern war etwas, wenn auch in Verzerrung, übergegangen. Daher hatten diese Gnostiker versucht, das Hereinkommen des Christus in den Jesus von Nazareth mit den letzten Resten der Begriffe über die Menschheitskonstitution zu durchdringen. Aber die andern, zu denen jetzt das Christentum kommen sollte, und die von ihren Kirchenlehrern belehrt wurden, wußten nichts von dieser Gliederung des Menschen, und ihre Kirchenlehrer auch nicht. Und so entstand die große, umfängliche Frage: Wie ist das denn eigentlich mit dem Zusammenwirken der Christus-Natur und der Jesus-Natur? Wie ist möglich, daß dieser Christus als eine göttliche Wesenheit in dem Jesus als einer menschlichen Wesenheit Platz greift? — Und diese Frage ist es, die solche Leute wie Tertullian beschäftigt. Weil sie nicht die Vorbedingung haben, die Sache zu verstehen, geht ihnen das Problem gleichsam postum noch einmal auf — aber an dem einen Christus Jesus geht es ihnen auf zu fragen: Wie ist denn eigentlich das Geistige und Physische und Seelische verbunden? — Wie sie überhaupt bei Menschen verbunden sind, das wußten sie nicht, aber sie mußten irgend etwas herausbekommen, wie es bei dem Christus Jesus verbunden war. Weil nun die Gnosis der damaligen Zeit luziferisch angehaucht war, kam sie selbstverständlich ihrerseits auch nicht mehr auf das Richtige. Wenn Sie sich an gewisse Vorträge erinnern, die ich hier in der letzten Zeit gehalten habe, da werden Sie finden, daß ich gesagt habe: die Menschen kommen auf der einen Seite nach dem Materialismus, auf der andern Seite nach einem einseitigen Spiritualismus. Der einseitige Materialismus ist ahrimanisch, der einseitige Spiritualismus luziferisch angehaucht. Die Materialisten kommen nicht zum Geist, und die luziferisch Geistgläubigen kommen nicht zu der Materie.

[ 6 ] So war es bei den Gnostikern: sie kamen nicht zum physischen Dasein, zum materiellen Dasein. Und wenn man nun einen solchen Menschen wie Marcion betrachtet, so sieht man: für ihn ist ein klarer, ein mehr oder weniger klarer Christus-Begriff da, aber er kann durchaus nicht erfassen, wie dieser Christus in dem Jesus enthalten war. Daher ätherisierte sich ihm der ganze Prozeß. Er brachte es dahin, den Christus noch als Geist, als ätherisches Wesen zu fassen, das zum Schein einen Leib angenommen hat. Aber die richtige Art und Weise, wie der Christus in dem Jesus darin war, konnte er nicht fassen. Marcion kam dazu, zuletzt zu sagen — gerade er ist es, der dazu kam, zu sagen: Christus ist zwar auf die Erde herabgestiegen, aber alles, was der Jesus erlebt, war nur zum Schein erlebt; die physischen Ereignisse sind nur zum Schein erlebt; der Christus hat eigentlich nicht teilgenommen, sondern er war nur wie eine ätherische Wesenheit da, die aber ganz getrennt blieb. Deshalb mußte sich Tertullian gegen Marcion wenden, und gegen die andern, die ähnlich dachten, Basilides zum Beispiel. Und für ihn entstand die große Rätselfrage: Wie war die göttliche Natur des Christus mit der menschlichen Natur des Jesus verbunden? Was war eigentlich der Gottmensch? Was war der Gottessohn? Was war der Menschensohn? — Über diese Begriffe suchte er es vor allen Dingen zur Klarheit zu bringen. Und da bildete er sich zunächst einen Begriff aus, der sehr wichtig war, und der heute noch immer wichtig ist, den man verstehen muß, wenn man einsehen will, wie vielfach die Möglichkeiten des Irrtums für den Menschen sind.

[ 7 ] Tertullian bildete sich namentlich eine gewisse Art und Weise zu denken aus. Er mußte heraus aus dem alten Hellseherischen, er mußte über die Begriffe und ihre Beziehungen zu Wirklichkeiten, auch zu höheren, geistigen Wirklichkeiten, ins klare kommen. Ich will hier eine Episode einschalten, aus der Sie ersehen sollen, nicht was Tertullian sich bewußt gemacht hat, aber was in seinem Denken waltete. Ich will eine rein denkerische Episode einschalten, die ich Sie aber bitte, sich recht sehr zu Gemüte zu führen. Ich mache folgendes. Ich schreibe die Zahl 1 und dann ihr Doppeltes 2, 2 — 4, 3 — 6 usw. Und nun denken Sie sich: ich höre gar nicht mehr auf, ich schreibe immer fort, das heißt, ich schriebe bis ins Unendliche hinein. Wieviel solche Zahlen hätte ich denn da geschrieben? Unendlich viele, nicht wahr! Wieviel habe ich denn aber hier geschrieben? Habe ich zu jeder Zahl links eine Zahl rechts geschrieben? Ganz zweifellos, ich habe genau ebensoviel Ziffern rechts geschrieben, wie ich links geschrieben habe, und wenn ich in alle Unendlichkeit hinein fortfahre, immer würde es zu der Zahl links eine Zahl rechts geben. Aber nun denken Sie sich: Jede Zahl, die hier rechts steht, die steht da links auch. Das heißt aber doch nichts anderes als: ich habe da rechts so viel Zahlen, als ich links Zahlen habe, aber zu gleicher Zeit habe ich nur halb so viel Zahlen rechts als links. Denn es ist doch ganz selbstverständlich, es muß immer zwischen zwei Zahlen, die das Doppelte sind, eine drinnen liegen, ich muß rechts nur halb so viel Zahlen haben als links. Es ist immer eine ausgelassen, das ist doch klar, also kann ich rechts nur halb so viele haben als links. Das ist doch einzusehen. — Aber denken Sie, daß doch immer eine fehlt, daß 1, 3, 5, 7 und so weiter fehlt, also die Hälfte der Zahlen fehlt rechts! Also habe ich doch rechts nur halb so viel als links. Dennoch habe ich gerade so viele Zahlen als links. Das heißt: Sobald ich ins Unendliche hineinkomme, ist die Hälfte gleich dem Ganzen. Das ist ganz klar: Sobald ich ins Unendliche hineinkomme, ist die Hälfte gleich dem Ganzen — man entkommt dem gar nicht. Sobald man mit seinen Begriffen von dem Endlichen ins Unendliche hineingeht, kommt so etwas von selbst heraus, daß die Hälfte gleich dem Ganzen ist. Sie können hier links alle Zahlen schreiben und rechts alle Quadratzahlen: 1 — 1, 2 — 4, 3 — 9, 4 — 16, 5 — 25. Gewiß gibt es zu jeder Zahl eine Quadratzahl, aber so wahr als hier viele Zahlen fehlen, kann bier nur ein Teil sein. Denken Sie sich: es sind ja doch immer nur die Quadratzahlen.

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[ 8 ] Dasselbe können Sie sich noch auf andere Weise veranschaulichen: Ich ziehe hier zwei parallele Linien — ich habe das schon öfter gezeigt. Wie groß ist der Raum zwischen diesen beiden parallelen Linien? Selbstverständlich unendlich, nicht wahr! Man bezeichnet das in der Mathematik, wie Sie wissen, mit diesem Zeichen: 00. Aber wenn ich nun eine Senkrechte darauf ziehe, und genau in derselben Entfernung wieder eine Parallele ziehe, dann ist der jetzige Raum genau zweimal so groß wie der frühere, aber doch wieder unendlich. Das heißt, die neue Unendlichkeit ist = zweimal der früheren Unendlichkeit. Das sehen Sie sogar hier sehr anschaulich: Sie sehen hier durch die allereinfachsten Mittel des Denkens, daß das Denken überhaupt nur im Endlichen gilt. Es ist haltlos und resultatlos, sobald es aus dem Endlichen herauskommt. Es kann gar nichts anfangen mit den Gesetzen, die es in sich hat, wenn es aus dem Endlichen ins Unendliche hinauskommt. Aber dieses Unendliche müssen Sie nicht bloß im Großen oder im ganz Kleinen denken, sondern auch innerhalb der Welt der Qualitäten müssen Sie das Unendliche denken.

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[ 9 ] Das ist ein Dreieck, das ist ein Viereck, das ein Fünfeck (siehe Zeichnung), ich könnte ein Sechs-, Sieben-, Achteck und so weiter machen, und wenn ich dann immer weitergehe, so wird es immer mehr und mehr ähnlich einem Kreis. Wenn ich dann einen Kreis ziehe, wieviel Ecken hat der? Er hat wirklich unendlich viele Ecken. Aber wenn ich einen Kreis mache, der doppelt so groß ist — der hat auch unendlich viele Ecken, aber er hat doppelt so viele Ecken! Also auch im Begrenzten stecken überall die Unendlichkeitsbegriffe darin, so daß unser Denken überall, auch wo es auftreffen kann auf das Begrenzte, an der Unendlichkeit, an der intensiven Unendlichkeit scheitern kann. Das heißt, das Denken muß sich schon immer klarmachen, daß es ratlos und haltlos ist, wenn es aus dem Endlichen der Sphäre, die ihm zunächst gegeben ist, ins Unendliche hinaus will.

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[ 10 ] Man muß daraus ein praktisches Resultat ziehen. Man muß wirklich das praktische Resultat ziehen, daß man nicht einfach so darauflos denken darf, daß man furchtbar daneben hauen kann, wenn man so darauflos denkt. Und unter den mancherlei negativen Leistungen, die auf Kant zurückzuführen sind, ist die positive, daß er einmal den Leuten ordentlich auf die Finger geklopft hat in bezug auf diesen Unfug: mit dem Denken überall daraufloszuhauen. Haut man darauflos mit dem Denken, so kann man beweisen, daß der Raum irgendwo eine Grenze haben muß, daß die Welt endlich ist; aber ebensogut: daß sie unendlich ist, weil das Denken haltlos wird, sobald Sie aus einer gewissen Sphäre hinauskommen. Und so hat Kant die sogenannten Antinomien zusammengestellt: wie man das eine ebensogut beweisen kann wie das Gegenteil, weil das Denken haltlos ist, einen bloßen relativen Wert hat. Einer kann in bezug auf einen Punkt ganz richtig denken; aber wenn er nicht in der Lage ist, ihn auf das andere auszudehnen, was vielleicht daneben ist, so geht er fehl, wenn er einfach darauflos denkt, oder auch nur darauflos beobachtet. Man kann auf diesem Gebiet wirklich sehen, wie wenig sich die Menschen bewußt sind, daß man nicht daraufloshauen kann, weder mit dem Denken noch mit dem Beobachten und mit manchem Aufnehmen dessen, was da draußen ist.

[ 11 ] Scheinbar bringe ich stark Metaphysisch-Erkenntnistheoretisches jetzt mit etwas sehr Alltäglichem in Zusammenhang. Aber es ist genau dieselbe Rätselfrage; schade nur, daß wir nicht die Zeit haben, erkenntnistheoretisch auseinanderzusetzen, inwiefern es dieselbe Rätselfrage ist, Herr Bauer hat mich vor einigen Tagen auf etwas sehr Schönes nach dieser Richtung aufmerksam gemacht. Sie wissen, daß der Pfarrer R. bei seinem Vortrage, mit dem er unsere Geisteswissenschaft totgemacht hat, darauf hingewiesen hat: wenn einer nun nach unserem Bau heraufgehe, so müßte er aus all dem Unverständlichen, was da für Menschen hingestellt sei, sich etwa an den alten Matthias Claudius erinnern. Und der Pfarrer R. wollte sagen, daß der alte, gute, liebe Claudius dastehen und sagen müßte: Da droben walten diese Anthroposophen und wollen dasjenige, was nimmermehr erkannt werden kann, erkennen! Es ist eben für die Menschen nicht zu erkennen. — Und da zitierte er dann aus Matthias Claudius die Worte:

[ 12 ] Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

[ 13 ] Da sind wir also getroffen, weil uns der alte Matthias Claudius sagt, daß die Menschen alle arme Sünder seien und nicht nach dem Unverstandenen und Undurchschaubaren ihren Blick wenden sollen. Nun, und da sagt auch noch der gute alte Matthias Claudius synthetisch, daß der Pfarrer R. ein so gescheiter Mensch ist, der weiß, daß die Menschen arme Sünder sind und nichts wissen von dem, was nicht den äußeren Augen sichtbar werden könne. Herr Bauer nun, der sich nicht begnügt hat, diese Worte von dem Pfarrer R. einfach anzuhören, hat den Matthias Claudius aufgeschlagen und das «Abendlied» von Matthias Claudius gelesen, und das heißt so:

[ 14 ] Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

[ 15 ] Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

[ 16 ] Seht ihr den Mond dort stehen? —
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

[ 17 ] Wir stolze Menschenkinder
ind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

[ 18 ] Da ist wohl der Pfarrer R. der arme Sünder, der weiter von dem Ziel kommt! Er hat nur vergessen, daß die vierte Strophe mit der dritten einen inneren Zusammenhang hat!

[ 19 ] Sie sehen, es kommt darauf an, daß man versucht, mit seinem Denken, etwas allseitig zu sein. Selbstverständlich kann man aus der vierten Strophe, wenn sie sich auf den Pfarrer R. bezieht — wenn der Pfarrer R. sich mit allen bescheidenen Menschenkindern identifiziert —, das genaue Gegenteil schließen, als man schließen muß, wenn man die dritte Strophe dazunimmt. So ganz ohne Zusammenhang mit dem mehr Metaphysisch-Theoretischen, das ich angeführt habe, ist dieses letztere, triviale Beispiel nicht. Die Notwendigkeit besteht für die Menschen, sich klarzumachen, daß man, wenn man so etwas anschaut und über dieses Angeschaute darauflos denkt, unter Umständen das genaue Gegenteil von dem treffen kann, was wirklich wahr ist. Und das ist es, was einem ganz besonders entgegentritt, wenn der Übergang gemacht werden soll von dem Endlichen zu dem Unendlichen oder von dem Materiellen zu dem Geistigen oder dergleichen.

[ 20 ] Nun, solch ein Mensch wie Marcion sagte aus seiner luziferisch infiizierten Gnosis heraus: Den Prozeß des Menschenwerdens und so weiter, der sich hier auf der Erde abspielt, den kann doch ein Gott nicht durchmachen, weil ein Gott andern Gesetzen unterliegen muß, die der geistigen Welt angehören. Er fand nicht den Zusammenhang zwischen dem Geistigen und dem Materiellen, dem Sinnlichen. Nun gab es eine nicht mehr vorhandene Auseinandersetzung darüber — Marcion ist äußerlich, physisch, nur aus seinen Gegnern, zum Beispiel aus Tertullian, wiederzuerkennen —, daß die ganze äußere physische Geschichte des Jesus von Nazareth gar nicht angemessen wäre der göttlichen Weltordnung; wie Gott auf der Erde sein könnte, das kann alles nur Schein sein, das kann alles ohne Bedeutung sein. Der Christus müßte rein geistig erfaßt werden. — Tertullian sagte: Du hast recht, Marcion — das steht jetzt in Tertullians Schriften —, du hast recht, wenn du deine Begriffe so machst, wie du sie machst; das sind ganz verständliche, durchschaubare Begriffe, aber du mußt sie dann auch nur auf das Endliche, auf die Dinge anwenden, die in der Natur vor sich gehen; du darfst sie nicht auf das Göttliche anwenden. Für das Göttliche muß man andere Begriffe haben. Und da kann für den endlichen Verstand absurd erscheinen, was für das Walten des Göttlichen die Regel, das Gesetz ist.

[ 21 ] Tertullian stand also, ich will nicht sagen, bewußt, aber empfindungsgemäß und unbewußt vor der großen Rätselfrage, wieweit denn das Denken gilt, das der Natur, den Naturerscheinungen angepaßt ist. Und er hielt dem Marcion entgegen: Wenn man nur das Denken, das den Menschen plausibel erscheint, anwendet, dann kann man das behaupten, was Marcion sagt. Aber mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas in die Weltentwickelung eingetreten, worauf dieses Denken nicht anwendbar ist, wozu man andere Begriffe braucht. — Daher bildete er das Wort: Es nötigen uns diese höheren Begriffe, die sich auf das Göttliche beziehen, zu glauben, was für das Endliche absurd ist. Man muß schon wirklich, um dem Tertullian nicht unrecht zu tun, nicht bloß den Satz zitieren: Ich glaube was absurd ist, was sich nicht beweisen läßt —, sondern man muß diesen Satz doch im ganzen Zusammenhang, in dem er steht und den ich so jetzt etwas verständlich machen wollte, anführen. Das war das hauptsächlichste Problem, das nun Tertullian beschäftigte: Wie ist die göttliche Christus-Natur mit der menschlichen Jesus-Natur verbunden? — Und da war er sich klar darüber: menschliche Begriffe taugen für das Erfassen dessen, was sich mit dem Mysterium von Golgatha abgespielt hat, nicht. Menschliche Begriffe führen immer dazu, daß man das Spirituelle, das man von dem Christus erfaßt hat, nicht verbinden kann mit dem, was man als Erdengeschichte in bezug auf den Jesus erfassen muß. Aber, wie gesagt, Tertullian fehlte die Möglichkeit, aus der Konstitution des Menschen, wie wir sie heute wiederum zu erfassen versuchen, das Problem zu begreifen. Dadurch brachte er es zunächst nur dazu, zuerst einmal, ich möchte sagen, das Surrogat für jenen Begriff zu finden, den wir uns ausbilden, wenn wir uns etwas an einer bestimmten Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis klarmachen wollen.

[ 22 ] Erinnern Sie sich an eine Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die Sie zum Beispiel in meiner «’Theosophie» finden. Da werden Sie sehen: Es ist zunächst dieRede von dem physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, dann: Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, und schließlich die einzelnen Verbindungen mit dem Geistselbst. Da sind verschiedene Auseinandersetzungen darüber, wie sich das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinarbeitet. Das ist aber genau auch die Stelle, die man ins Auge fassen muß, wenn man in das Verweilen des Christus in dem Menschen Jesus hineinschauen will, wenn man das verstehen will. Das ist die Voraussetzung, daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinkommt; das ist Voraussetzung, wie man verstehen kann, wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst in die Bewußtseinsseelennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. Nur ein Surrogat für dies fand Tertullian, und man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt — nach Tertullian — zwischen dem Christus, entsprechend dem Geistselbst, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung. Und solche Verbindung wird die Menschheit auch nur dann kennenlernen, wenn das Geistselbst einmal ordnungsgemäß da sein wird. Jetzt leben wir im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Jeder Mensch wird etwas viel Loseres im Zusammenhang haben, wenn das Geistselbst im sechsten nachatlantischen Zeitraum regelmäßig entwickelt sein wird. Da werden die Menschen auch besser verstehen, wie anders zum Beispiel die ChristusNatur an die Jesus-Natur gebunden war, als, sagen wir, die Bewußtseinsseele an die Verstandesseele. Die Bewußtseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt. Aber das Geistselbst ist mit der Bewußtseinsseele verbunden, nicht vermischt. Und diesen Begriff bildete sich Tertullian wirklich aus. Er sagt: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden. So stellte sich ihm der eine Gottmensch hin, der Christus Jesus, um an ihm sich noch einmal im Zeitalter, in dem dies alte begriffliche Hellsehen nicht mehr da war, zu veranschaulichen, wie das Göttliche und das PhysischSeelische in der Menschennatur miteinander verbunden war. Der Christus tritt gleichsam vor diesen Tertullian wie der Repräsentant der allgemeinen Menschheit hin. An dem Christus studierte er die Konstitution des Menschen, um den Christus Jesus zu verstehen. Der Christus trat in den Mittelpunkt seines ganzen Denkens, das jetzt nicht mehr auf die eine menschliche Natur anwendbar war. Und dadurch, daß Tertullian sich klargemacht hat: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden — er konnte nicht sagen, wie wir sagen würden: wie das Geistselbst mit der Bewußtseinsseele —, aber er sagte: nicht vermischt, sondern verbunden —, dadurch trat für ihn hervor, daß er sich sagte: Alles dasjenige, womit sich der Christus verbunden hat, das kommt auch aus dem Geiste der Welt heraus; das ist das Vaterprinzip in der Welt. — Das Vaterprinzip wurde für Tertullian dasjenige, was sozusagen zu der irdischen Erscheinung des Jesus gehörte. Da liegt das Vaterprinzip, das schöpferische Prinzip in der Natur, dasjenige, was alles hervorbringt in der Natur. Mit dem vereinigte sich das ChristusPrinzip, das Sohnesprinzip. So wurde es für Tertullian, und durch den Vater und den Sohn, durch Läuterung des Äußeren, Natürlichen, durch den Christus, entsteht nun wiederum der Geist, den er den Heiligen Geist nennt.

[ 23 ] So war dasjenige, was in der Zeit des Mysteriums von Golgatha als der Christus Jesus dasteht, als Jesus hervorgehend aus dem Vaterprinzip, wie alles in der Welt aus dem Vaterprinzip hervorgeht. So war dieser Christus Jesus, dadurch, daß er den Christus in sich trug, der aus dem Vaterprinzip hervorgehende Sohn, der einfach später gekommen war, der Bringer des Geistes — des Geistes, der dann erst wiederum von ihm kommt. So suchte Tertullian den Weg von dem einzelnen Menschen zum Kosmos hinaus zu finden: zum Vater-, Sohn- und Geistprinzip.

[ 24 ] Jesus Vater
Christus Sohn
Heiliger Geist

[ 25 ] Nun entstand für ihn die große Schwierigkeit, begreiflich zu machen, wie drei eins und eins drei sein könne. Für die alten Zeiten, wo es noch hellseherische Begriffe gab, war es gar keine besondere Schwierigkeit, sich das vorzustellen. Aber für die Zeit, in der durch Begriffe alles auseinanderfällt und nichts mehr recht verbunden werden kann, entstand die Schwierigkeit. Tertullian brauchte einen hübschen Vergleich, um klarzumachen, wie eins drei und drei eins sein kann. Er sagte: Nehmt die Quelle. Aus der Quelle kommt der Bach, aus dem Bach kommt der Fluß. Fragen wir nach dem Flusse, so sagen wir: Er kommt aus der Quelle durch den Bach; aus der Quelle durch den Bach. — Oder nehmet, sagte er, zum Vergleiche die Wurzeln, den Sprossen, die Frucht: die Frucht kommt aus der Wurzel durch den Sprossen. — Noch einen dritten Vergleich brauchte Tertullian, indem er sagte: Das Lichtflämmchen kommt aus der Sonne, durch den Kosmos getragen. So, sagte er, muß man sich vorstellen, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt. Und so wenig diese Dreiheit: Quelle, Bach, Fluß der Einheit widerspricht, die der Fluß der Wirklichkeit nach ist, so wenig widerspricht die Tatsache, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt, dem einheitlichen Sich-Hinentwickeln von Vater, Sohn und Geist.

[ 26 ] So suchte er sich klarzumachen, wie die drei eins sein können: so wie Wurzeln, Sprosse und Frucht, so wie Quelle, Bach und Fluß. Und er versuchte auch eine gewisse Formel zu gewinnen. Dadurch, daß er bei dem Vaterprinzip — also bei dem, was immer dasjenige ist, aus dem durch das Sohnesprinzip das Geistprinzip kommt —, daß er bei dem Vaterprinzip dachte: das Natürliche, das äußerlich Geschaffene, das äußerlich Offenbare; bei dem Sohnesprinzip dasjenige, was das äußerlich Offenbare durchdringt; und bei dem Geistprinzip dasjenige, was dann durch beides zusammen für dieErdenentwickelung gebracht wird, dadurch bildete sich ihm eine Lehre aus, die aber im Grunde genommen nur ein einzelner symptomatischer Ausdruck für das war, was in diesen ersten Jahrhunderten des Christentums sich überhaupt ausbildete bei den Leuten, die auf der einen Seite noch etwas von der Gnosis in sich hatten, zu gleicher Zeit all die Schmerzen und Leiden durchmachten, weil die Gnosis verlorengehen mußte, und die nun zugleich mit dem zurechtzukommen suchten, was der Christus Jesus war, was er sein mußte zu dem Ziele des Mysteriums von Golgatha. Tertullian ist nur ein besonders genialischer, aber er ist eben ein Repräsentant desjenigen, was man in diesen ersten Zeiten des Christentums dachte, um wirklich geistig zu durchdringen, was geschehen war.

[ 27 ] Nun bildete sich dann aus dem Christentum dasjenige heraus, was Sie ja kennen als das Credo, als das Apostolikum, das dann so im 3.,4. Jahrhundert sich festsetzte und dann auch durch die Konzilien festgesetzt worden ist. Wenn man dies studiert, so wie es in der damaligen Zeit war, dann findet man schon heraus: Es ist im Grunde ein Sich-Wehren gegen die Gnosis, ein Ablehnen der Gnosis, weil man den luziferischen Faktor in der Gnosis verspürte. Die Gnosis neigt zu Luzifer hin, das heißt, zu einem einseitigen spirituellen Auffassen. Sie kann daher zu dem Vaterprinzip durchaus nicht kommen, kann es nicht ordentlich würdigen. Das Materielle wird ihr ein zu Verschmähendes, etwas, was sie nicht brauchen kann. Ihr gegenüber muß festgelegt werden: Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Vater — der erste Teil des Credos. Gegen die Verachtung des Materiellen ist dieser erste Teil des Credos gefaßt, so gefaßt, daß auch das Äußerliche, das mit Augen gesehen wird, als ein Göttliches, und gerade ein Göttliches, das aus dem Vaterprinzip hervorgeht, gefaßt wird.

[ 28 ] Das zweite war: gegen die Gnosis festzulegen, daß es nicht bloß einen ätherischen Christus gab in der Zeit des Mysteriums von Golgatha, sondern daß dieser Christus wirklich verbunden war mit dem Menschen Jesus von Nazareth, nicht vermischt, aber verbunden. Es mußte also auf der einen Seite festgelegt werden, daß der Christus zusammenhing mit dem Geistigen, und auf der andern Seite, daß der Christus zusammenhing mit dem Jesus von Nazareth, der natürlichen Entwickelung auf der Erde, und daß, wenn sich das Leiden, das Sterben, das Auferstehen und alles das vollzogen hat, was noch geschehen wird in Anlehnung an das Mysterium von Golgatha, daß das nicht etwas ist, woran der Christus nicht teilnimmt, sondern daß er wirklich im Leibe leidet. Die Gnostiker mußten leugnen, daß der Christus im Leibe gelitten hat, weil er ja nicht mit dem Leibe verbunden war; es war nur ein Scheinleiden für die Gnostiker, wenigstens für gewisse Gnostiker. — Demgegenüber sollte festgestellt werden, daß der Christus mit dem Leib wirklich so verbunden war, daß er im Leibe litt. Also all die Ereignisse, die sich auf dem äußeren physischen Plan vollzogen hatten, sollten verbunden werden mit dem Christus. Daher: Ich glaube an Jesus Christus, den eingeborenen Sohn Gottes, geboren aus dem Heiligen Geist und Maria der Jungfrau, der gelitten hat unter Pontius Pilatus, gestorben ist, am dritten Tage auferstanden ist, der in den Himmel aufgefahren — das heißt: wieder geistig geworden — ist, der da sitzet zur Rechten des Vaters, zu richten die Lebendigen und die Toten.

[ 29 ] Man kann nun sagen: Am nächsten kamen die Gnostiker noch dem Geiste, der zunächst als ein bloß Spirituelles anzusehen ist. Aber er ist ein Spirituelles insofern, als er zwar jetzt ein Spirituelles darstellt, aber sich allmählich verwirklichen muß im menschlichen Zusammenleben in dem sozialen Gebilde, das während der Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit entsteht, wo der Heilige Geist sich verkörpert, jetzt nicht in einem einzelnen Menschen, sondern in der ganzen Menschheit, in der Konfiguration der Gesellschaft. Aber er ist jetzt erst im Anfang. Doch die Gnostiker konnten am ehesten verstehen, daß etwas nur spirituelles Dasein hat, nicht in das Materielle eingreift. Daher lag im Grunde genommen dem Gott der Gnostiker der Heilige Geist am allernächsten. Dies Christentum aber, das sich auf die Erde versetzen wollte, das nicht wollte, daß man den Geist verluziferisiert, in ihm nur etwas Spintuelles sieht, dies Christentum mußte jetzt auch den Glauben an den Geist festlegen als etwas, was mit dem Materiellen zusammenhängt: Ich glaube an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche. — Das ist jetzt im Apostolikum darin, das heißt: die Kirche als ein großer physischer Leib des Heiligen Geistes. Dieses Christentum durfte auch nicht das Leben im Geiste als etwas bloß Innerliches betrachten, sondern mußte den Geist äußerlich realisiert haben durch die Sündenvergebung, indem die Kirche selber das Amt der Sündenvergebung und außerdem die Lehre von der fleischlichen Auferstehung übernahm: Ich glaube an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche, an die Sündenvergebung, an des Fleisches Auferstehung.

[ 30 ] So ist ja das Credo etwa im 4. Jahrhundert. Es waren also lauter Barrikaden gegen die Gnosis, und es hängt die Art und Weise, wie diese drei Teile des Apostolikums gefaßt sind, eng zusammen, wie so etwas: der Fluß ist aus der Quelle durch den Bach, oder: die Frucht ist aus der Wurzel durch den Sprossen entstanden. — Ein ungeheures Streben ist in jener Zeit, zu erfassen, wie der Geist mit dem Materiellen, das in der Welt sich ausbreitet, zusammenhängt, wie man das Geistige zusammen denken kann mit dem Materiellen, die Trinität zusammen:denken kann mit dem äußerlich im Materiellen sich Ausbreitenden. Das wird gesucht; das wird intensiv gesucht. Aber wenn man sich entgegenhält, was da alles in dem heute völlig unverständlich gewordenen Apostolikum lebt, so muß man sagen: es lebt da darin noch der Nachklang der alten hellseherischen Begriffe, der nur im Ersterben ist, und deshalb gewinnt die Sache nicht die alten lebendigen Formen, die sie hätte gewinnen können, wenn man mit früheren hellseherischen Begriffen die Trinität und das Apostolikum hätte begreifen können, sondern es ist ein Anfang, das Materielle mit dem Geistigen zugleich zu fassen.

[ 31 ] Es gibt heute sehr viele Menschen, die sagen: Wozu befaßt man sich mit dieser alten Dogmatik? Da haben die Leute doch nur mit allerlei spintisierten Begriffen herumsinniert, aber daraus kann doch kein Mensch klug werden, das ist alles eitel Träumerei. — Wenn man genauer zusieht, so findet man allerdings, daß hinter dieser eitlen Träumerei ein gewaltiges Ringen steht, um das zu erfassen, was gerade aktuell geworden war für die Welt durch das Mysterium von Golgatha auf der einen Seite und durch das Abhandenkommen der alten hellseherischen Erkenntnis, das sachte Abfluten der alten hellseherischen Erkenntnis auf der andern Seite.

[ 32 ] Nun geht die Entwickelung weiter, und es geschieht jetzt ein etwas Ähnliches, wie schon in älteren Zeiten geschehen ist, als aus der einen Wurzel der Mysterien heraus, wo noch Kunst und Religion und Wissenschaft eines waren, sich die drei herausentwickelt haben. Jetzt strebt wiederum dasjenige, was in jener gemeinsamen Wurzel ist, die man durch das Apostolikum zu erfassen suchte, in die Dreiheit auseinander. Ich will nun versuchen, diese weitere Entwickelung so darzustellen, wie man es heute darstellen kann, ohne daß man allzuviel Anstoß erregt. Denn würde ich dasjenige, was da zu sagen ist, so ohne weiteres mitteilen, so würde doch mancher Kopf scheu dadurch werden.

[ 33 ] In drei getrennten Strömungen entwickelte sich jetzt innerhalb der abendländischen Kultur dasjenige, was von einer Einheit ausging. Das heißt, eine Strömung war besonders geeignet, den Geist, den Heiligen Geist zu erfassen, eine Strömung mehr den Sohn, den Christus, und eine Strömung mehr den Vater. Und das Kuriose ist dabei, daß immer mehr in getrennten Läufen der Entwickelung sich herausbildet die Heilig Geist-Strömung, die Christus-Strömung, und die Vaterströmung, aber einseitig. Denn natürlich, allseitig kann man es nur durchdringen, wenn man alle drei zusammen hat. Bildet man das, was als Dreiheit zu begreifen ist, so einseitig aus, dann entstehen Schwierigkeiten der Entwickelung; dann bleiben manche Dinge aus, und anderes degeneriert. Nun bildete sich das Folgende: Es trennte sich nach und nach die gemeinsame Entwickelung so, daß deutlich weiterging eine Entwickelungsströmung, welche vorzugsweise nach dem Heiligen Geist hingerichtet ist — nicht als zeitlich erste; die zeitlich erste ist natürlich das Zusammengehen —, und das ist diejenige, die heute noch immer wesentlich verkörpert ist in der russisch-orthodoxen Kirche. So sonderbar das ist, so ist das doch das Wesentliche der russisch-orthodoxen Kirche, daß sie vorzugsweise nur des Heiligen Geistes pflegt. Und Sie werden aus der Art und Weise, wie zum Beispiel Solowjew über Christus spricht, erkennen, daß er vorzugsweise bewandert ist, das Christentum von der Seite des Heiligen Geistes zu fassen. Es kommt nicht darauf an, ob er nun bewußt über Christus spricht oder nicht, sondern, welcher Geist in ihm waltet, welchen Sinn er mit den Dingen verbindet. Auf das Innere kommt es dabei an, insbesondere auch auf die Art und Weise, wie untrennbar er die äußere soziale Ordnung der Kirche im Verhältnis zu dem betrachtet, was gelehrt wird und Kultus ist. Das ist ganz aus dem Wesen des Heiligen Geistes heraus. Die Urkirche hat allerdings dieses bloße Wissen aus dem Heiligen Geist heraus vermeiden wollen, indem sie die Trinität im Credo aufgestellt hat und zu dem Heiligen Geist den Christus und den Vater hinzugefügt hat. Aber diese drei müssen sich — was ja auch Solowjews Ideal ist — wieder zu einer Art Synthesis zusammenfinden.

[ 34 ] Die zweite Strömung war diejenige, die sich mehr dazu ausbildete, den Christus zu pflegen; die zwar allerlei über den Heiligen Geist brachte, aber im wesentlichen den Christus pflegt. Es ist diejenige Kirche, die sich im Abendland von Rom aus weiter verbreitete und die Tendenz hatte, vorzugsweise den Christus zu pflegen. Denken Sie sich, in bezug auf alle Gebiete, wo diese Kirche tätig war, hat sie im Grunde den Christus pflegen wollen; wo Sie hinschauen: den Christus; wo Sie hinschauen, ist diese Kirche bedeutsam in der einseitigen Pflege des mittleren Glaubensartikels des Credos. Nur in der neueren Zeit versucht diese Kirche dann das Vaterprinzip mit zu durchdringen. Aber weil man nicht den eigentlichen inneren Zusammenhang kennt, so bekommt man kein rechtes Verhältnis zwischen dem Christus und dem Vater heraus. Und dieses nicht richtige Erkennen des Verhältnisses zwischen Christus und dem Vater, das ist dasjenige, was alle Diskussionen im modernen Protestantismus verursacht. Es drängt von dem Christus zu dem Vater hin. Wieder gerade in unserer Zeit kann man das beobachten. Die traurigen Ereignisse der Gegenwart haben auch das gebracht, daß einzelne Seelen, vielmehr zahlreiche Seelen, durch diese Ereignisse von religiösem Bewußtsein durchdrungen worden sind; man kann das nachweisen. Aber, sehr wenig herrscht der Christus bei diesem Aufleuchten des neuen religiösen Bewußtseins; viel mehr das Vaterprinzip, das allgemeine Gottesprinzip, womit das Vaterprinzip gemeint ist. Der etwas richtig in der Welt beobachten kann, dem kann das überall auffallen. Ich möchte Ihnen nur ein kleines Symptom schildern. Während unseres letzten Aufenthalts in Berlin starb ein liebes Mitglied, das in Berlin kremiert wurde. Ich stellte die Bedingung — aus den obwaltenden Verhältnissen heraus war es notwendig —, daß ein Pastor sprach. Das war ein sehr lieber Mann, der sehr einverstanden war, daß ich nachher etwas sprach. Aber siehe da, er hielt nun wirklich eine seelenergreifende Rede, und man hatte so das Gefühl, wie er von Gott dem Vater sprach, daß er tief innerlich seelisch sprach. Und die ganze Zeit hörte ich ihm zu und stellte fest: Das ist eigentlich eine Bestätigung desjenigen, was einem im allgemeinen die Geisteswissenschaft zeigen muß: Der Christus ist gepflegt worden, jetzt ist man irre geworden; wenn man vom religiösen Leben spricht, kommt man nurmehr zum Vaterprinzip. — Viele Briefe, die aus dem Felde kommen, deren Schreiber sich religiös vertieften, sie sprechen wenig von Christus, überall von dem Prinzip, das man als das Vaterprinzip ansehen muß. — Wer sich damit beschäftigt, kann dies sehen. — Und dann zum Schluß, weil Weihnachten vor der Türe stand, erwähnte der Pastor den Christus. Das war so an den Haaren herbeigezogen, weil er nun als Christ fand, es könnte sich empfehlen, von Christus zu sprechen. Man konnte gar keinen Anklang und Sinn dabei finden. — Und solche Erscheinungen mehren sich jetzt alle Augenblicke.

[ 35 ] Es gibt eben noch eine dritte Strömung, wo einseitig das Vaterprinzip gepflegt wird. Und nun können Sie sich denken: Die zwei Grundsäulen, die gegen die einseitige Pflege des Vaterprinzips durch das Apostolikum aufgerichtet waren, der Christus und der Heilige Geist, müssen wegbleiben, wenn einseitig bloß das Vaterprinzip gepflegt wird. Andererseits ist das Vaterprinzip hingestellt worden im Apostolikum, um hinzudeuten darauf, daß auch die materielle Welt eine göttliche ist. Das einseitige Vaterprinzip, ganz einseitig, wird in derjenigen Geistesströmung gepflegt, die an Darwin, an Haeckel und so weiter anknüpft. Das ist die einseitige Entwickelung des Vaterprinzips. Und Haeckel mag sich noch so sehr dagegen wehren, daß er aus der Religion herausgeboren ist: er ist nur eben so aus der Religion herausgeboren durch einseitiges Ausbilden des Vaterprinzips, wie andere Religionsströmungen durch einseitiges Herausbilden des Heiligen Geist- oder des Christus-Prinzips geboren sind.

[ 36 ] Und im Grunde genommen erscheint es einem recht oberflächlich, wenn die Leute davon sprechen, daß man sich bei den ersten Konzilien nur um dogmatische Begriffe herumgeschlagen habe. Diese dogmatischen Begriffe sind nicht bloß dogmatische Begriffe, sondern sie sind das äußere Symbolum für tiefe Gegensätze, die in der europäischen Menschheit leben, für jene Gegensätze, die da leben in denjenigen, die vorzugsweise veranlagt sind als Heilige-Geist-Menschen, veranlagt sind als Christus-Menschen, veranlagt sind als Vatermenschen. Tief ethnographisch in der Natur der europäischen Welt ist auch diese Differenzierung begriffen. Und insoferne in den ersten Jahrhunderten der christlichen Verkündigung die Menschen auf ganz Europa hingesehen haben, haben sie ein Credo aufgestellt, welches die Trinität in sich begreift. Gewiß, jede Einseitigkeit kann die andere Seite mit sich bringen, doch sie muß es nicht. Aber die Menschheit muß durch mancherlei Prüfungen hindurchgehen, muß durch mancherlei Einseitigkeiten hindurchgehen, um aus den Einseitigkeiten heraus sich zur Totalität, zur Ganzheit zu finden. Und man muß dann wohl auch den guten Willen haben, die Dinge in ihrem tieferen Gehalt, in ihrer tieferen Essenz zu studieren.

[ 37 ] Wenn man drei Schichten, drei Strömungen des europäischen Geisteslebens, die sich so charakterisieren lassen, wie ich es eben getan habe, in Ihrer tieferen Essenz studieren wird, dann wird man sehen: Die Differenzierung ist tief in die seelische Faserung der Menschen hineingegangen, und man wird vieles verstehen lernen, was, wenn man es nicht versteht, nur wie ein schmerzliches Rätsel vor uns stehen kann. Man möchte sagen: So, wie vor Tertullian sich die Einheit in der Dreiheit hingestellt hat, so lebten in dem, wie sich das Eine in Drei symptomatisch aussprach, drei hauptsächlichste europäische Menschheitsbedürfnisse, insofern sie sich nach dem religiösen Leben richteten, und so etwas wie die Bildung des Schismas zwischen der weströmischen und der oströmischen Kirche, der römischen und der griechischen, der orthodoxen Kirche, das ist nur der äußere Ausdruck für die Notwendigkeit, die in dem Impuls liegt, der sich nach verschiedenen Seiten hin gabeln muß.

[ 38 ] In diesem Sinne wird Geisteswissenschaft so manches im menschlichen Leben begreiflich machen. Indem sie auf diese Weise versucht, immer tiefer hineinzuleuchten in die menschlichen Zusammenhänge, in die Zusammenhänge innerhalb der ganzen Menschheitsentwickelung, steht sie heute natürlich recht unverstanden da. Denn immer mehr und immer deutlicher bildet sich die Zeit heraus in der äußeren Welt, die nichts von Geisteswissenschaft wissen will, eine Zeit, in welcher ein tieferes Verstehen auch des Geschichtlichen gar nicht mehr angestrebt wird; in welcher jeder dem nur nachgeht, was er nach seinem subjektiven Dafürhalten, nach seinen persönlichen Sympathien oder Antipathien eben für wahr halten will. Selbstverständlich muß gerade in einer solchen Zeit Geisteswissenschaft da sein, denn das Pendel der Entwickelung muß nach der andern Seite ausschlagen. Aber ebenso selbstverständlich ist es, daß Geisteswissenschaft in einer solchen Zeit viel mißverstanden werden wird. Und wir müssen wirklich uns klar sein darüber, wie vieles in unserer Zeit lebt dahingehend, daß der Mensch die Objektivität, den Überblick, die Überschau gar nicht sucht, sondern daß er aus seinen Neigungen heraus vorschnell urteilt. Es ist wirklich so, daß im Grunde genommen auf der einen Seite die tiefe Notwendigkeit vorliegen würde, außerordentlich viel aus der geistigen Welt heraus zu sagen, daß es aber außerordentlich schwierig ist, sich gerade in unserer unmittelbaren Gegenwart verständlich zu machen. Niemals so stark wie in unserer unmittelbaren Gegenwart lebten die Menschen gewissermaßen in der allgemeinen Aura, deren sie sich gar nicht bewußt sind. Ich bin tief überzeugt, wenn ich so sage, daß vieles in unserer Zeit ungesagt bleiben muß: Es werden sich viele finden, die das selbstverständlich finden, daß sie nun dazu geeignet sind, vielleicht in einem kleineren Kreise, dasjenige zu hören, was sonst nicht gesagt werden kann. Allein diese Meinung ist ganz irrtümlich. Gewiß können viele die Sehnsucht haben, jetzt manches von dem zu vernehmen, was vielleicht erst in Jahren möglich ist, der Menschheit zu sagen. Aber man muß sich klar sein, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Urteil nicht erst gefällt wird, wenn ein Wort mit seiner Bedeutung an unsere Seele herankommt, sondern wo das Urteil schon gefällt ist, bevor das Wort an unsere Seele herankommt. Die Art, wie das Wort aufgenommen wird, ist in unserer Zeit zum größten Teil schon fertig, wenn das Wort ans Ohr klingt und von der Seele noch nicht aufgenommen ist. Man hat nicht mehr die Zeit, nach der Bedeutung zu fragen, so aufgewühlt sind gegenwärtig die Leidenschaften, die Emotionen der Menschen durch die bedrückenden Ereignisse, in die wir hineinversetzt worden sind, und manches Wort konnte nur geduldet werden dadurch, daß es in unserer Gegenwart ausgesprochen wird.

[ 39 ] Wir können in unserer Gegenwart nichts anderes tun, als uns dies immer wieder ganz klarzumachen, daß es darauf ankommt, daß sich eine Anzahl von Menschen findet, die feststehen auf dem Boden desjenigen, was wir uns durch unsere Geisteswissenschaft schon erringen konnten; die fest und treu auf diesem Boden stehen und die Hoffnung hegen können, daß dieses fest und treu auf dem Boden der Geisteswissenschaft Stehen für die Entwickelung der Menschheit in einer gewissen Zeit wichtig und wesentlich werden kann. Es wird gewiß die Zeit kommen, wo — da nun einmal schon viele Leidenschaften aufgerührt sind — etwas wie eine große Frage die Atmosphäre, in der unsere geisteswissenschaftliche Strömung lebt, durchziehen wird. Man wird diese Frage nicht deutlich vernehmen, aber vielleicht werden deutlich die Wirkungen sein. Auch die Antworten werden nicht deutlich in Worten gegeben werden, aber in bezug auf die äußeren Geschehnisse werden sie vielleicht sehr deutlich sein. Es wird so etwas, ohne in Worte gefaßt zu sein, durch die geisteswissenschaftliche Strömung raunen, wie: Soll ich mitgehen oder soll ich nicht mitgehen? — Und mit in der Antwort wird das sprechen, was die Menschen getrieben hat aus der Sensation heraus, aus der Sympathie mit den allgemeinen Empfindungen, die aus der Geisteswissenschaft kommen. Aus vielen Nebenempfindungen heraus wird das kommen, was zu der Antwort drängen wird, die nicht klar gefaßt sein wird, die nicht sich einfach ausspricht dadurch, daß man sagen wird: mir hat die Geisteswissenschaft gefallen, jetzt haben sich mir andere Empfindungen hineingemischt, jetzt gefällt sie mir nicht mehr —, sondern man wird in Masken auftreten und allerlei Gründe suchen, die man vielleicht an vielen Seiten auseinandersetzen wird. Das Wesentliche wird daran sein, daß einem früher die Geisteswissenschaft gefallen hat, jetzt nicht mehr gefällt, was sehr viel mit Schwärmerei zu tun hat, mit Sensation, mit allerlei seelischen Wollustgefühlen und so weiter. In einem gewissen Sinne wird schon gerade aus den Emotionen der Gegenwart heraus immer mehr sich so etwas ergeben, wie: Ich gehe mit — und: Ich gehe nicht mit. — Allein im Inneren ist unsere Geisteswissenschaft unbesiegbar, ganz unbesiegbar. Und das, worauf wir zu sehen haben, ist, daß sich wenigstens einige finden, in deren Herzen sie fest verankert ist, aber verankert nicht aus Sympathie und Vorliebe, aus Gefallen und Sensation heraus, aus Eitelkeit und Schwärmerei heraus, sondern deshalb, weil die Seele mit ihr als mit ihrer Wahrheit verbunden ist, und weil die Seele keine Schwierigkeiten scheut, in den Wahrheitskern der Welt einzutreten. Manches wird ganz abfallen; aber vielleicht wird das, was danach bleibt, um so bedeutsamer und sicherer sein. Dieses ist zu bedenken, wenn jetzt immer wieder betont werden muß, daß wir, bis friedlichere Zeiten über unsere kultivierten Länder heraufziehen, auf sehr vieles verzichten müssen, was vielleicht gerade zum Verständnis unserer Gegenwart sehr nützlich wäre, was aber aus der charakterisierten Art unserer Zeit eben wirklich jetzt nicht vor die Menschheit gebracht werden kann.

[ 40 ] Diese Worte möchte ich zur Erklärung dessen sprechen, daß manches gerade in den letzten Vorträgen nur andeutungsweise gesagt worden ist. Allein ich möchte noch eines bemerken. Gerade wenn das wahr ist — und es ist ja wahr —, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Wort schon zum Urteil geführt hat, bevor es noch an die Seele gekommen ist, so können viele mit dem Werkzeuge dessen, was die Geisteswissenschaft ihnen schon gibt, aus den Ereignissen der Gegenwart vieles lernen. Gerade aus dem, was um uns herum geschieht, kann viel gelernt werden, wenn man es tiefer ansieht, wenn man sieht, wie heute der äußeren Menschheit fast ganz abhandengekommen ist die Möglichkeit, nach irgendeiner Objektivität zu urteilen, wie nur aus den Emotionen heraus die Urteile erfließen, die dasjenige durchziehen, was durch die Kulturwelt gegeben ist. Und wenn man nach dem Grund sieht, warum dies so ist, wenn man diesen Grund schwirren sieht in der Menschenaura der Gegenwart und dann weiß, wie das Wort eben schon ein Urteil ist, bevor es in die Seele kommt, dann kann man gerade mit dem Instrument der Geisteswissenschaft auch aus den Ereignissen der Gegenwart viel lernen. Und lernen sollen wir, wenn wir in die Lage kommen sollen, in Wirklichkeit ein Werkzeug zu werden — als Gesellschaft für diese Geisteswissenschaft. Das Beispiel, das heute angeführt worden ist, wie ein Mensch, der unsere Gesellschaft treffen will, eine vierte Strophe zitiert und die dritte wegläßt, ja, meine lieben Freunde, wenn Sie nach den Gründen der Gegnerschaften, die sich gegen uns erheben, suchen: überall sind sie zu finden. Sie müssen überall in der Oberflächlichkeit gesucht werden, in der ganz ungeheuren Oberflächlichkeit. Überall ist sozusagen eine vierte Strophe gesehen und eine dritte Strophe übersehen, bildlich gesprochen. Nur viele unter uns glauben das noch immer nicht. Viele unter uns glauben noch immer, daß sie gut tun, wenn sie zu dem oder jenem gehen und ihm erzählen: Ich bin doch so geistig geworden durch unsere Geisteswissenschaft, daß ich selbst meinem draußen im Felde kämpfenden Mann vorlese, und ich weiß, daß ihm das hilft. — Dann kommen die Leute selbstverständlich und verwenden das gegen uns. Oder wenn man den Leuten erzählt, was wir hören mußten, was hinausgetragen wurde als die «Nathanaelgeschichte» und so weiter. Daß solche Dinge überhaupt geschehen, daß wirklich aus unserer Mitte diese Dinge hinausgetragen werden, das geschieht zunächst scheinbar aus gutem Willen heraus, aber aus einem guten Willen, der mit einer gewissen Naivität verbunden ist, aber einer Naivität, die grenzenlos hochmütig ist, weil sie sich als Naivität nicht erkennt und nicht erkennen will, sondern sich als Person so wichtig nimmt, daß sie es für das Allernötigste hält, den oder jenen — von dem sie, wenn sie nicht so naiv wäre, wüßte, es ist nichts zu machen — bekehren will. Das ist so unendlich wichtig, daß man einsehen kann, daß zuweilen die Naivität sich in grenzenlosem Hochmut mit einer Mission begabt fühlt. Und niemand nimmt einem in der Regel etwas mehr übel als der Naive, der glaubt, das Allerbeste zu tun, wenn er aus einer gewissen Schwärmerei heraus das Absurde tut.

[ 41 ] Und es ist ja, wenn Sie die Sache nehmen, schon einmal notwendig, daß wir wenigstens das aus der Geisteswissenschaft heraus gewinnen, daß wir uns bescheiden im Denken. Wenn das Denken wirklich so danebenhauen kann, wie ich es heute klarzumachen versuchte, warum sollen wir denn immer, wenn wir uns dies oder jenes eingebohrt haben in unser Gehirn, warum sollen wir denn daran durchaus glauben, daß das eine unumstößliche Wahrheit ist? Und warum sollen wir das denn dann gleich, als wie von einer Mission getragen, in die Welt hinausposaunen? Warum sollen wir uns denn nicht entschließen, erst etwas Wirkliches zu lernen und aus der geistigen Wissenschaft einen gewissen inneren Lebendigkeitsimpuls zu bekommen, als nur den, den wir bekommen, wenn wir daran nippen? Daher kann nicht oft genug an den Ernst, an den tiefen Ernst appelliert werden, der uns durchziehen muß, und der uns immer sagen muß: Und glaubst du noch so sehr an dein Urteil nach irgendeiner Richtung, du mußt es prüfen, denn es könnte danebenhauen. — Wenn wir all das berücksichtigen und noch manches andere — es kann ja nicht immer alles gesagt werden —, dann werden wir wirklich nach und nach eine Anzahl von Menschen sein, in deren Innerem das lebt, was so unpersönlich ist, wie die wichtigsten Impulse auch in der Gegenwart doch unpersönlich sein müssen, wenn sie gegen die bloß persönlichen Impulse aufkommen wollen, die heute die Welt durchwellen und durchwallen.

[ 42 ] Von solchen Empfindungen und Gefühlen wollte ich zu Ihren Seelen sprechen, da wir uns jetzt ein paar Wochen nicht treffen werden. Ich wollte Ihnen auch noch in den letzten Stunden vor diesen Wochen, wo wir nicht miteinander sprechen können, ein größeres Tableau geben, dadurch, daß ich aufrollte eine Seite in der ursprünglichen Entwickelung des Christentums und in ihrem Auseinandergehen in verschiedene Strömungen. Ich bin überzeugt davon, wenn Sie über die Entwickelung des Christentums in den bisherigen Jahrhunderten noch so viel studieren, Sie werden an dem, was heute gesagt worden ist, einen Leitfaden haben, der Ihnen unendlich vieles klarmachen wird in den äußeren Erscheinungen. Und in den äußeren Erscheinungen werden Sie umgekehrt, wenn Sie sie wirklich ernsthaft betrachten, überall die Bestätigung für dasjenige finden, was ich heute nur andeuten konnte. So wäre es gut, wenn wir so etwas wie eine Art Meditationsstoff benützen könnten, der uns Probleme und Rätsel vor die Seele stellen kann, deren Lösung wir, jeder nach seinem Vermögen, versuchen können. Selbstverständlich wird der eine das nur mit flüchtigeren Gedanken tun können, minutenweise, dem andern wird es näherliegen, sich mit etwas bekanntzumachen, was Aufklärung bringen kann über dasjenige, worauf da hingedeutet worden ist. Aber eine Anregung kann jeder dann haben, wenn versucht wird, ich möchte sagen, die wellenden Gedanken zu entwickeln, die durch die Jahrhunderte hindurchgehen und die doch wesentlich an dem beteiligt sind, was in der Gegenwart vor uns hintritt, so daß die Notwendigkeit vorliegt, es zu verstehen. Ich weiß, daß in Wirklichkeit niemand unsere leidvolle Gegenwart versteht, der nicht die Gegensätze alle kennenlernt, die auf ganz naturgemäße Weise im Laufe der europäischen Entwickelung heraufgekommen sind. Aber wenn man dasjenige, was heute über die Weltenlage geurteilt wird, mit dem vergleicht, was objektiv richtig ist und nur erkannt werden kann, wenn man all die Kräfte kennt, die in die Entwickelung eingegriffen haben, und die nur die Betrachtung der Geschichte auch in geistiger Beziehung ergeben kann, wenn man die heutigen Urteile mit dem vergleicht, was zum wirklichen Urteil führt, dann bekommt man tief, tief schmerzliche Gefühle. Nicht nur schmerzliche Gefühle über dasjenige, meine lieben Freunde, was heute geschieht, sondern über die Schwierigkeiten, die sich ergeben, um über das hinauszukommen, was heute geschieht. Und es muß hinausgekommen werden! Und je besser Sie einsehen werden, daß ein tiefes geisteswissenschaftliches Erkennen der Entwickelungskräfte der Menschheit auf allen Gebieten notwendig ist, ohne daß wir dabei unsere Emotionen persönlicher Art mitsprechen lassen, je mehr ein solches Erkennen der Entwickelungsimpulse durch die Geisteswissenschaft erstrebt wird, je mehr Sie erkennen, wie wichtig es ist, durch die Geisteswissenschaft diese Impulse zu erkennen und in Ihrer Seele zu beleben, desto besser werden Sie zu denjenigen Seelen gehören, die feststehen können auf dem Boden, auf dem heute festgestanden werden muß, wenn das erreicht werden soll, was eigentlich vermöge einer inneren, notwendigen Forderung der menschlichen Entwickelungsgeheimnisse geschehen muß.

[ 43 ] Zu Ihren Empfindungen, Ihren Gefühlen möchte ich sprechen, damit Geisteswissenschaft in diese Empfindungen, in diese Gefühle einziehe und darin fest verankert werde, und es Menschen gebe, wie es sie geben soll und wie es sie geben muß, wenn wir in der Entwickelung der Menschheit weiterkommen wollen. In aller Bescheidenheit müssen wir dies denken, aber in dieser Bescheidenheit müssen wir es tun, denn es ist nicht geeignet, uns zum Größenwahn zu erziehen, sondern nur geeignet, in uns das Bedürfnis zu erzeugen, möglichst viel Kraft und möglichst viel Intensität darauf zu verwenden, so recht zu durchdringen das, was sich geistig verwirklichen will in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit.