The Spiritual Unification of Humanity
through the Christ Impulse
GA 165
16 January 1916, Dornach
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The Spiritual Unification of Humanity through the Christ Impulse, tr. SOL
Die Begriffswelt und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit II
The Conceptual World and Its Relationship to Reality II
[ 1 ] Wir haben gestern versucht, uns in die Entwickelung des Begreifens und Idealisierens, des Werdens von Begriffen über die Welt und von Ideen, zu versetzen, und wir haben gesehen, daß man auch da eine gewisse Entwickelung beobachten kann: daß gewissermaßen aus einer Art hellsichtigen Erlebens der Begriffe sich dasjenige ergibt, was die platonischen Ideen waren, und daß sich nach und nach jene abstrakte Art zu denken entwickelt hat, die noch bis in unsere Tage hereingeht; daß aber die Zeit dazu drängt, gewissermaßen in bewußter Weise wieder lebendiges Leben in den Begriffen zu erreichen, um in die lebendige Geistigkeit überhaupt hineinzukommen, damit das in bewußter Weise wiederum erreicht werde, was als traumhaftes Hellsehen in Begriffen verlassen worden ist.
[ 1 ] Yesterday we tried to put ourselves in the context of the development of understanding and idealization—the emergence of concepts about the world and of ideas—and we saw that a certain development can be observed there as well: that, in a sense, what emerged from a kind of clairvoyant experience of concepts was what the Platonic Ideas were, and that, little by little, that abstract way of thinking developed, which continues to this day; but that the time is now pressing for us, in a sense, to consciously restore living life to the concepts in order to enter into living spirituality as such, so that what was left behind as dreamlike clairvoyance in concepts may once again be attained in a conscious manner.
[ 2 ] Nun handelt es sich darum, daß wir es genauer ins Augen fassen, wie doch in ganz anderer Weise all die höchsten Angelegenheiten des Weltendaseins erfaßt werden können in einer Zeit, in welcher noch etwas vom Nachklang der alten, hellseherisch erfaßten Begriffe da war, und wie ganz anders die höchsten Angelegenheiten der Menschheit erfaßt werden mußten, als das begriffliche Denken schon intellektuell-rational, abstrakt geworden ist. Denn die Fragen, von denen wir gestern wieder gesprochen haben, die sich gerade der mittelalterlichen Scholastik so bedeutsam ergeben haben, diese Fragen konnten sich eigentlich natürlich nur entwickeln in einem Zeitalter, in dem man ungewiß war über das Verhältnis der Begriffswelt zu der wahren Wirklichkeitswelt. In einer Zeit, die etwa der griechischen Philosophie vorangegangen war, hätte man überhaupt so etwas, wie wir es als Lehre von den Universalien in re, post rem, ante rem betrachtet haben, gar nicht aussinnen können, denn der lebendig besessene Begriff, der führt in die Realität hinein. Man weiß, daß man mit ihm in der Realität darinsteht, und man kann dann die Fragen nicht aufwerfen, von denen gestern die Rede war. Sie entstehen gar nicht als Rätselfragen.
[ 2 ] The point now is that we must take a closer look at how all the highest matters of worldly existence could be grasped in an entirely different way at a time when there was still some echo of the old, clairvoyantly perceived concepts, and how the highest matters of humanity had to be grasped in a completely different way once conceptual thinking had already become intellectual, rational, and abstract. For the questions we spoke of again yesterday—questions that arose so significantly in medieval scholasticism—could, in fact, naturally develop only in an age when there was uncertainty about the relationship between the world of concepts and the world of true reality. In a time that preceded Greek philosophy, for example, one could not have even conceived of something like what we have regarded as the doctrine of universals in re, post rem, and ante rem, for the concept, when vividly grasped, leads directly into reality. One knows that one stands within reality through it, and one cannot then raise the questions we discussed yesterday. They do not arise as riddles at all.
[ 3 ] Nun war in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung aber durchaus etwas von einem Nachklang der alten hellseherischen Begriffswelt vorhanden, und man kann sagen: Als das Mysterium von Golgatha durch die Entwickelung der europäischen Menschheit und der vorderasiatischen Menschheit hindurchgegangen ist, da waren noch viele Menschen wirklich fähig, in Nachklängen von hellseherisch erfaßten Begriffen die Dinge aufzunehmen, die eigentlich doch nur spirituell begriffen werden können, und die sich auf das Mysterium von Golgatha beziehen. Nur so können wir es begreifen, daß für die späteren Zeiten vieles unverständlich sein mußte, was in den ersten Zeiten, in den ersten Jahrhunderten des Christentums an Begriffen entwickelt wurde, um das Mysterium von Golgatha zu erfassen. Wenn die älteren christlichen Lehrer noch Nachklänge der alten hellseherischen Begriffe anwandten, um das Mysterium von Golgatha zu erfassen, so blieben natürlich diese hellseherischen Begriffe ihrem eigentlichen Nerv nach den späteren Jahrhunderten unverständlich, und im Grunde genommen ist das, was man Gnosis nennt, gewöhnlich nichts anderes als das Nachklingen alter hellseherischer Begriffe. Man versuchte, mit alten hellseherischen Begriffen das Mysterium von Golgatha zu begreifen, und hellseherische Begriffe verstand man später nicht mehr, nur abstrakte Begriffe. Daher verkannte man dasjenige, was die Gnosis eigentlich wollte. Nun würde man aber die Sache sehr einseitig ansehen, wenn man einfach sagen würde: Da gab es also eine Gnosis, die hatte noch alte hellseherische Begriffe, die noch bis ins 1., 2., 3. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha hereingingen, und dann kamen die unverständigen Leute, die nicht fähig waren, die Gnostiker zu verstehen. — Das wäre sehr einseitig, so zu denken. In einem gewissen vollkommenen Sinne mit hellseherischen Begriffen zu arbeiten, gehört einer viel älteren Zeit an als der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha hineinfiel, einer viel älteren Zeit. Und diese hellseherisch erfaßten Begriffe waren schon ganz luziferisch infiziert, das heißt: das alte hellseherisch-begriffliche Erfassen war schon luziferisch durchdrungen, und diese luziferische Durchdringung des alten hellseherischen Begriffssystems, das ist die Gnosis. Es mußte deshalb eine Art Reaktion gegen die Gnosis entstehen, weil dieGnosis eben die aussterbende alte hellseherische Begriffswelt war, die schon von Luzifer infizierte alte hellseherische Begriffswelt. Das muß man auch ins Auge fassen.
[ 3 ] In the early days of Christian development, however, there was certainly something of an echo of the ancient clairvoyant conceptual world, and one can say: As the Mystery of Golgotha passed through the development of European and Near Eastern humanity, there were still many people who were truly capable of grasping—through the echoes of concepts perceived clairvoyantly—those things that can actually only be understood spiritually and that relate to the Mystery of Golgotha. Only in this way can we understand why so much of what was developed in the early days—in the first centuries of Christianity—in terms of concepts designed to grasp the Mystery of Golgotha must have been incomprehensible in later times. While the early Christian teachers still drew upon the echoes of ancient clairvoyant concepts to grasp the Mystery of Golgotha, these clairvoyant concepts naturally remained incomprehensible in their very essence to later centuries; and, fundamentally speaking, what is called gnosis is usually nothing other than the lingering echoes of ancient clairvoyant concepts. People tried to grasp the mystery of Golgotha using ancient clairvoyant concepts, but later on these concepts were no longer understood—only abstract concepts were. Consequently, people misunderstood what Gnosis actually intended. However, one would be taking a very one-sided view of the matter if one were simply to say: So there was a Gnosticism that still employed old clairvoyant concepts, which persisted into the 1st, 2nd, and 3rd centuries after the Mystery of Golgotha, and then came the uninformed people who were incapable of understanding the Gnostics. — That would be a very one-sided way of thinking. Working with clairvoyant concepts in a certain perfect sense belongs to a time much older than the era in which the Mystery of Golgotha took place—a much older time. And these concepts grasped through clairvoyance were already thoroughly infected by Lucifer; that is to say: the old clairvoyant-conceptual understanding was already permeated by Lucifer, and this Luciferic permeation of the old clairvoyant conceptual system—that is Gnosis. A kind of reaction against Gnosis was therefore bound to arise, because Gnosis was precisely the dying old world of clairvoyant concepts—the old world of clairvoyant concepts that had already been infected by Lucifer. One must also take this into account.
[ 4 ] Nun will ich von einem Manne ausgehen, der versuchte, in den ersten Jahrhunderten des Christentums gewissermaßen die Strömungen aufzuhalten, die von der luziferisch gewordenen Gnosis kamen, und von diesem Gesichtspunkt aus das Mysterium von Golgatha erfassen wollte. Das ist Tertullian. Er stammte aus Nordafrika, war gelehrt in Angelegenheiten der heidnischen Weisheit. Etwa gegen das Ende des 2. Jahrhunderts nach dem Mysterium von Golgatha trat er zum Christentum über und wurde einer der gelehrtesten Theologen seiner Zeit. Nun ist es ganz besonders interessant, ihn ein wenig zu betrachten, aus dem Grunde, weil er aus seinem Studium der alten heidnischen Weisheit noch etwas von einem inneren Verständnis der alten hellseherischen Begriffswelt hatte, und auf der andern Seite, weil er — seine Bekehrungsgeschichte zeigt das — ganz den christlichen Impuls in sich hatte und gewissermaßen beides so vereinigen wollte, daß das Christentum dadurch voll bestehen könnte. Dazu mußte er das zurückdrängen, was er als luziferisch angehauchte Gnosis bei Basilides, bei Marcion und andern empfand. Und nun tauchten ihm bestimmte Fragen auf. Aus einem ganz bestimmten Grunde tauchten dem Tertullian diese Fragen auf. Sehen Sie, indem wir heute mit der Geisteswissenschaft beginnen, reden wir sehr häufig von der Gliederung der menschlichen Natur, von der Art und Weise, wie der Mensch zuerst seinen dichten physischen Leib hat, den Augen sehen, Hände greifen können; wie dann ein Ätherleib da ist, wie ein astralischer Leib da ist, eine Empfindungsseele und so weiter. Das heißt, wir suchen vor allen Dingen die Konstitution der menschlichen Natur zu erkennen. Aber wenn Sie die geschichtliche Entwickelung des geistigen Lebens in den Jahrhunderten seit dem Mysterium von Golgatha verfolgen, so werden Sie nirgends finden, daß man in einer solchen Art bis in die heutige Zeit herauf, äußerlich, wie wir es zu tun haben, die Konstitution des Menschen betrachtete. Das ging verloren und war schon verloren, als das Mysterium von Golgatha eintrat. Diejenigen, an die der Impuls des Mysteriums von Golgatha herantrat, wußten nichts mehr von dieser Gliederung des Menschen. Das aber ergab für sie eine ganz bestimmte Schwierigkeit. Um diese Schwierigkeit zu erkennen, meine lieben Freunde, versuchen Sie einmal, an Ihr eigenes Herz, an Ihre eigene Seele anzuknüpfen, um sich etwas zu fragen. Sie wissen, wir haben in der verschiedensten Weise versucht, die Art, wie der Christus durch den Jesus in die Entwickelung der Erde eingegriffen hat, uns klarzumachen. Aber versuchen Sie einmal, wie es Ihnen ergangen wäre, die ganze Sache zu verstehen, wie der Christus die Glieder in dem Jesus durchdrungen hat, wenn Sie von der ganzen Konstitution, von der Wesenheit des Menschen nichts gewußt hätten! Dadurch allein wurde verständlich, wie der Christus als eine Art kosmischen Ichs die Leiber durchdringt, daß Sie erst etwas von diesen Leibern wußten. Für denjenigen, der ein Christus-Verständnis in der Zukunft suchen wird, wird die Kenntnis von der Gliederung des Menschen die wesentliche Vorbereitung sein müssen.
[ 4 ] Now I would like to begin with a man who, in the early centuries of Christianity, sought, so to speak, to stem the tide of influences emanating from Gnosticism—which had become Luciferic—and who, from this perspective, sought to grasp the Mystery of Golgotha. That man is Tertullian. He came from North Africa and was well-versed in matters of pagan wisdom. Toward the end of the 2nd century, following the Mystery of Golgotha, he converted to Christianity and became one of the most learned theologians of his time. Now it is particularly interesting to consider him a little, for the reason that, from his study of ancient pagan wisdom, he still retained something of an inner understanding of the ancient clairvoyant conceptual world, and on the other hand, because—as the story of his conversion shows—he was fully imbued with the Christian impulse and, in a sense, wanted to unite the two in such a way that Christianity could thereby fully endure. To do this, he had to set aside what he perceived as Luciferic-tinged Gnosticism in the teachings of Basilides, Marcion, and others. And now certain questions arose for him. These questions arose for Tertullian for a very specific reason. You see, as we begin our study of Spiritual Science today, we very often speak of the structure of human nature—of the way in which human beings first have their dense physical body, with eyes that can see and hands that can grasp; how there is then an etheric body, an astral body, a sentient soul, and so on. That is to say, we seek above all to understand the constitution of human nature. But if you trace the historical development of spiritual life over the centuries since the Mystery of Golgotha, you will find nowhere that the constitution of the human being was regarded in such a way—externally, as we do—right up to the present day. That was lost, and had already been lost when the Mystery of Golgotha took place. Those who were touched by the impulse of the Mystery of Golgotha knew nothing more of this structure of the human being. But this presented a very specific difficulty for them. To recognize this difficulty, my dear friends, try for a moment to connect with your own heart, with your own soul, and ask yourselves a question. You know that we have tried in various ways to make clear to us the manner in which Christ intervened in the development of the Earth through Jesus. But try to imagine what it would have been like for you to understand the whole matter—how Christ permeated the members within Jesus—if you had known nothing of the entire constitution, of the very nature of the human being! It was only because you already knew something about these bodies that it became possible to understand how the Christ, as a kind of cosmic “I,” permeates them. For anyone who will seek an understanding of the Christ in the future, knowledge of the human constitution will be the essential preparation.
[ 5 ] In uralten Zeiten, als es noch traumhaft-hellseherische Begriffe gab, wußte man etwas von dieser Gliederung des Menschen; und zu den Gnostikern war etwas, wenn auch in Verzerrung, übergegangen. Daher hatten diese Gnostiker versucht, das Hereinkommen des Christus in den Jesus von Nazareth mit den letzten Resten der Begriffe über die Menschheitskonstitution zu durchdringen. Aber die andern, zu denen jetzt das Christentum kommen sollte, und die von ihren Kirchenlehrern belehrt wurden, wußten nichts von dieser Gliederung des Menschen, und ihre Kirchenlehrer auch nicht. Und so entstand die große, umfängliche Frage: Wie ist das denn eigentlich mit dem Zusammenwirken der Christus-Natur und der Jesus-Natur? Wie ist möglich, daß dieser Christus als eine göttliche Wesenheit in dem Jesus als einer menschlichen Wesenheit Platz greift? — Und diese Frage ist es, die solche Leute wie Tertullian beschäftigt. Weil sie nicht die Vorbedingung haben, die Sache zu verstehen, geht ihnen das Problem gleichsam postum noch einmal auf — aber an dem einen Christus Jesus geht es ihnen auf zu fragen: Wie ist denn eigentlich das Geistige und Physische und Seelische verbunden? — Wie sie überhaupt bei Menschen verbunden sind, das wußten sie nicht, aber sie mußten irgend etwas herausbekommen, wie es bei dem Christus Jesus verbunden war. Weil nun die Gnosis der damaligen Zeit luziferisch angehaucht war, kam sie selbstverständlich ihrerseits auch nicht mehr auf das Richtige. Wenn Sie sich an gewisse Vorträge erinnern, die ich hier in der letzten Zeit gehalten habe, da werden Sie finden, daß ich gesagt habe: die Menschen kommen auf der einen Seite nach dem Materialismus, auf der andern Seite nach einem einseitigen Spiritualismus. Der einseitige Materialismus ist ahrimanisch, der einseitige Spiritualismus luziferisch angehaucht. Die Materialisten kommen nicht zum Geist, und die luziferisch Geistgläubigen kommen nicht zu der Materie.
[ 5 ] In ancient times, when dreamlike, clairvoyant concepts still existed, people knew something of this structure of the human being; and some of this knowledge had passed on to the Gnostics, albeit in a distorted form. Therefore, these Gnostics had attempted to interpret the coming of Christ into Jesus of Nazareth using the last remnants of these concepts regarding the constitution of humanity. But the others, to whom Christianity was now to come, and who were taught by their church teachers, knew nothing of this structure of the human being, nor did their church teachers. And so the great, far-reaching question arose: What is the nature of the interaction between the Christ-nature and the Jesus-nature? How is it possible that this Christ, as a divine being, takes up residence within Jesus, a human being? — And it is this question that preoccupies people like Tertullian. Because they lack the prerequisite for understanding the matter, the problem arises for them again, as it were, posthumously—but in the case of Christ Jesus, it leads them to ask: How, exactly, are the spiritual, physical, and soul aspects connected?—They did not know how these aspects are connected in human beings in general, but they had to figure out somehow how they were connected in Christ Jesus. Since the Gnosticism of that time was tinged with Luciferic influences, it naturally failed to arrive at the truth either. If you recall certain lectures I have given here recently, you will find that I have said: people tend toward materialism on the one hand, and toward one-sided spiritualism on the other. One-sided materialism is Ahrimanic; one-sided spiritualism is tinged with Luciferic influence. The materialists do not reach the spirit, and those who believe in the spirit in a Luciferic way do not reach matter.
[ 6 ] So war es bei den Gnostikern: sie kamen nicht zum physischen Dasein, zum materiellen Dasein. Und wenn man nun einen solchen Menschen wie Marcion betrachtet, so sieht man: für ihn ist ein klarer, ein mehr oder weniger klarer Christus-Begriff da, aber er kann durchaus nicht erfassen, wie dieser Christus in dem Jesus enthalten war. Daher ätherisierte sich ihm der ganze Prozeß. Er brachte es dahin, den Christus noch als Geist, als ätherisches Wesen zu fassen, das zum Schein einen Leib angenommen hat. Aber die richtige Art und Weise, wie der Christus in dem Jesus darin war, konnte er nicht fassen. Marcion kam dazu, zuletzt zu sagen — gerade er ist es, der dazu kam, zu sagen: Christus ist zwar auf die Erde herabgestiegen, aber alles, was der Jesus erlebt, war nur zum Schein erlebt; die physischen Ereignisse sind nur zum Schein erlebt; der Christus hat eigentlich nicht teilgenommen, sondern er war nur wie eine ätherische Wesenheit da, die aber ganz getrennt blieb. Deshalb mußte sich Tertullian gegen Marcion wenden, und gegen die andern, die ähnlich dachten, Basilides zum Beispiel. Und für ihn entstand die große Rätselfrage: Wie war die göttliche Natur des Christus mit der menschlichen Natur des Jesus verbunden? Was war eigentlich der Gottmensch? Was war der Gottessohn? Was war der Menschensohn? — Über diese Begriffe suchte er es vor allen Dingen zur Klarheit zu bringen. Und da bildete er sich zunächst einen Begriff aus, der sehr wichtig war, und der heute noch immer wichtig ist, den man verstehen muß, wenn man einsehen will, wie vielfach die Möglichkeiten des Irrtums für den Menschen sind.
[ 6 ] This was the case with the Gnostics: they did not arrive at physical existence, at material existence. And if one now considers a person such as Marcion, one sees that he has a clear—or at least more or less clear—concept of Christ, but he is utterly unable to grasp how this Christ was contained within Jesus. Consequently, the entire process became etherealized for him. He went so far as to conceive of Christ still as a spirit, as an ethereal being who had seemingly taken on a body. But he could not grasp the true nature of how Christ was present within Jesus. Marcion went so far as to say—and it was he, in particular, who came to say this—that although Christ did descend to earth, everything that Jesus experienced was only experienced in appearance; the physical events were only experienced in appearance; Christ did not actually participate, but was present only as an ethereal being who remained entirely separate. That is why Tertullian had to oppose Marcion, and others who thought similarly, such as Basilides. And for him, the great enigmatic question arose: How was the divine nature of Christ connected to the human nature of Jesus? What, in fact, was the God-man? What was the Son of God? What was the Son of Man? — Above all, he sought to clarify these concepts. And in doing so, he first developed a concept that was very important—and remains important to this day—one that must be understood if one is to grasp just how many possibilities for error exist for human beings.
[ 7 ] Tertullian bildete sich namentlich eine gewisse Art und Weise zu denken aus. Er mußte heraus aus dem alten Hellseherischen, er mußte über die Begriffe und ihre Beziehungen zu Wirklichkeiten, auch zu höheren, geistigen Wirklichkeiten, ins klare kommen. Ich will hier eine Episode einschalten, aus der Sie ersehen sollen, nicht was Tertullian sich bewußt gemacht hat, aber was in seinem Denken waltete. Ich will eine rein denkerische Episode einschalten, die ich Sie aber bitte, sich recht sehr zu Gemüte zu führen. Ich mache folgendes. Ich schreibe die Zahl 1 und dann ihr Doppeltes 2, 2 — 4, 3 — 6 usw. Und nun denken Sie sich: ich höre gar nicht mehr auf, ich schreibe immer fort, das heißt, ich schriebe bis ins Unendliche hinein. Wieviel solche Zahlen hätte ich denn da geschrieben? Unendlich viele, nicht wahr! Wieviel habe ich denn aber hier geschrieben? Habe ich zu jeder Zahl links eine Zahl rechts geschrieben? Ganz zweifellos, ich habe genau ebensoviel Ziffern rechts geschrieben, wie ich links geschrieben habe, und wenn ich in alle Unendlichkeit hinein fortfahre, immer würde es zu der Zahl links eine Zahl rechts geben. Aber nun denken Sie sich: Jede Zahl, die hier rechts steht, die steht da links auch. Das heißt aber doch nichts anderes als: ich habe da rechts so viel Zahlen, als ich links Zahlen habe, aber zu gleicher Zeit habe ich nur halb so viel Zahlen rechts als links. Denn es ist doch ganz selbstverständlich, es muß immer zwischen zwei Zahlen, die das Doppelte sind, eine drinnen liegen, ich muß rechts nur halb so viel Zahlen haben als links. Es ist immer eine ausgelassen, das ist doch klar, also kann ich rechts nur halb so viele haben als links. Das ist doch einzusehen. — Aber denken Sie, daß doch immer eine fehlt, daß 1, 3, 5, 7 und so weiter fehlt, also die Hälfte der Zahlen fehlt rechts! Also habe ich doch rechts nur halb so viel als links. Dennoch habe ich gerade so viele Zahlen als links. Das heißt: Sobald ich ins Unendliche hineinkomme, ist die Hälfte gleich dem Ganzen. Das ist ganz klar: Sobald ich ins Unendliche hineinkomme, ist die Hälfte gleich dem Ganzen — man entkommt dem gar nicht. Sobald man mit seinen Begriffen von dem Endlichen ins Unendliche hineingeht, kommt so etwas von selbst heraus, daß die Hälfte gleich dem Ganzen ist. Sie können hier links alle Zahlen schreiben und rechts alle Quadratzahlen: 1 — 1, 2 — 4, 3 — 9, 4 — 16, 5 — 25. Gewiß gibt es zu jeder Zahl eine Quadratzahl, aber so wahr als hier viele Zahlen fehlen, kann bier nur ein Teil sein. Denken Sie sich: es sind ja doch immer nur die Quadratzahlen.
[ 7 ] Tertullian, in particular, developed a certain way of thinking. He had to break away from the old clairvoyant traditions; he had to gain clarity regarding concepts and their relationships to realities—including higher, spiritual realities. I would like to insert an episode here from which you will see, not what Tertullian consciously realized, but what prevailed in his thinking. I will insert a purely intellectual episode, which I ask you, however, to take very much to heart. I will do the following. I write the number 1 and then its double, 2; 2—4; 3—6, and so on. And now imagine: I don’t stop at all; I keep writing on and on—that is, I would write on into infinity. How many such numbers would I have written by then? An infinite number, wouldn’t you agree! But how many have I written here? Have I written a number on the right for every number on the left? Without a doubt, I’ve written exactly as many digits on the right as I’ve written on the left, and if I were to continue into infinity, there would always be a number on the right for every number on the left. But now consider this: every number that appears on the right here also appears on the left there. But that means nothing other than this: I have as many numbers on the right as I have on the left, yet at the same time, I have only half as many numbers on the right as on the left. For it is quite obvious that between any two numbers that are double each other, there must always be one in between; I must have only half as many numbers on the right as on the left. One is always missing—that’s obvious—so I can only have half as many on the right as on the left. That’s easy to see. — But consider that one is always missing—that 1, 3, 5, 7, and so on are missing—so half the numbers are missing on the right! So I really do have only half as many on the right as on the left. Nevertheless, I have exactly as many numbers on the right as on the left. That means: As soon as I enter infinity, half is equal to the whole. That’s perfectly clear: As soon as I enter infinity, half is equal to the whole—there’s no escaping it. As soon as you move from the finite into the infinite with your concepts, something like this emerges on its own: that half is equal to the whole. You can write all the numbers on the left here and all the squares on the right: 1 — 1, 2 — 4, 3 — 9, 4 — 16, 5 — 25. Certainly, there is a square for every number, but just as there are many numbers missing here, it can only be a part of the whole. Think about it: after all, there are always only the squares.


[ 8 ] Dasselbe können Sie sich noch auf andere Weise veranschaulichen: Ich ziehe hier zwei parallele Linien — ich habe das schon öfter gezeigt. Wie groß ist der Raum zwischen diesen beiden parallelen Linien? Selbstverständlich unendlich, nicht wahr! Man bezeichnet das in der Mathematik, wie Sie wissen, mit diesem Zeichen: 00. Aber wenn ich nun eine Senkrechte darauf ziehe, und genau in derselben Entfernung wieder eine Parallele ziehe, dann ist der jetzige Raum genau zweimal so groß wie der frühere, aber doch wieder unendlich. Das heißt, die neue Unendlichkeit ist = zweimal der früheren Unendlichkeit. Das sehen Sie sogar hier sehr anschaulich: Sie sehen hier durch die allereinfachsten Mittel des Denkens, daß das Denken überhaupt nur im Endlichen gilt. Es ist haltlos und resultatlos, sobald es aus dem Endlichen herauskommt. Es kann gar nichts anfangen mit den Gesetzen, die es in sich hat, wenn es aus dem Endlichen ins Unendliche hinauskommt. Aber dieses Unendliche müssen Sie nicht bloß im Großen oder im ganz Kleinen denken, sondern auch innerhalb der Welt der Qualitäten müssen Sie das Unendliche denken.
[ 8 ] You can illustrate this in another way: I’ll draw two parallel lines here—I’ve shown this many times before. How large is the space between these two parallel lines? Infinitely large, of course! As you know, in mathematics this is denoted by this symbol: 00. But if I now draw a perpendicular line to it, and then draw another parallel line at exactly the same distance, then the current space is exactly twice as large as the previous one, yet it is still infinite. That is to say, the new infinity is equal to twice the previous infinity. You can see this very clearly even here: using the simplest means of thought, you can see that thought applies only to the finite. It is groundless and fruitless as soon as it steps outside the finite. It cannot make any use of the laws it possesses when it moves from the finite into the infinite. But you must not merely conceive of this infinity in the very large or the very small; you must also conceive of the infinite within the world of qualities.


[ 9 ] Das ist ein Dreieck, das ist ein Viereck, das ein Fünfeck (siehe Zeichnung), ich könnte ein Sechs-, Sieben-, Achteck und so weiter machen, und wenn ich dann immer weitergehe, so wird es immer mehr und mehr ähnlich einem Kreis. Wenn ich dann einen Kreis ziehe, wieviel Ecken hat der? Er hat wirklich unendlich viele Ecken. Aber wenn ich einen Kreis mache, der doppelt so groß ist — der hat auch unendlich viele Ecken, aber er hat doppelt so viele Ecken! Also auch im Begrenzten stecken überall die Unendlichkeitsbegriffe darin, so daß unser Denken überall, auch wo es auftreffen kann auf das Begrenzte, an der Unendlichkeit, an der intensiven Unendlichkeit scheitern kann. Das heißt, das Denken muß sich schon immer klarmachen, daß es ratlos und haltlos ist, wenn es aus dem Endlichen der Sphäre, die ihm zunächst gegeben ist, ins Unendliche hinaus will.
[ 9 ] This is a triangle, this is a quadrilateral, this is a pentagon (see drawing); I could draw a hexagon, a heptagon, an octagon, and so on, and if I keep going, it becomes more and more like a circle. If I then draw a circle, how many sides does it have? It actually has an infinite number of corners. But if I draw a circle that’s twice as large—it also has an infinite number of corners, but it has twice as many! So even within the finite, concepts of infinity are present everywhere, so that our thinking can fail everywhere—even where it encounters the finite—in the face of infinity, in the face of intense infinity. This means that thought must always be aware that it is at a loss and without a foothold when it seeks to move from the finite sphere initially given to it out into the infinite.


[ 10 ] Man muß daraus ein praktisches Resultat ziehen. Man muß wirklich das praktische Resultat ziehen, daß man nicht einfach so darauflos denken darf, daß man furchtbar daneben hauen kann, wenn man so darauflos denkt. Und unter den mancherlei negativen Leistungen, die auf Kant zurückzuführen sind, ist die positive, daß er einmal den Leuten ordentlich auf die Finger geklopft hat in bezug auf diesen Unfug: mit dem Denken überall daraufloszuhauen. Haut man darauflos mit dem Denken, so kann man beweisen, daß der Raum irgendwo eine Grenze haben muß, daß die Welt endlich ist; aber ebensogut: daß sie unendlich ist, weil das Denken haltlos wird, sobald Sie aus einer gewissen Sphäre hinauskommen. Und so hat Kant die sogenannten Antinomien zusammengestellt: wie man das eine ebensogut beweisen kann wie das Gegenteil, weil das Denken haltlos ist, einen bloßen relativen Wert hat. Einer kann in bezug auf einen Punkt ganz richtig denken; aber wenn er nicht in der Lage ist, ihn auf das andere auszudehnen, was vielleicht daneben ist, so geht er fehl, wenn er einfach darauflos denkt, oder auch nur darauflos beobachtet. Man kann auf diesem Gebiet wirklich sehen, wie wenig sich die Menschen bewußt sind, daß man nicht daraufloshauen kann, weder mit dem Denken noch mit dem Beobachten und mit manchem Aufnehmen dessen, was da draußen ist.
[ 10 ] One must draw a practical conclusion from this. One really must draw the practical conclusion that one must not simply think off the cuff, because one can go terribly wrong if one thinks off the cuff like that. And among the various negative contributions attributable to Kant, there is one positive one: that he once gave people a good scolding regarding this nonsense—of just thinking haphazardly about everything. If you think haphazardly, you can prove that space must have a boundary somewhere, that the world is finite; but just as easily: that it is infinite, because thought loses its footing as soon as you step outside a certain sphere. And so Kant formulated the so-called antinomies: how one can prove one thing just as easily as its opposite, because thought loses its footing and has merely relative value. One can think quite correctly with regard to one point; but if one is unable to extend that reasoning to another point—which may lie nearby—one goes astray if one simply thinks or even observes at random. In this field, one can truly see how little people are aware that one cannot proceed haphazardly, neither in thinking nor in observing, nor in perceiving much of what is out there.
[ 11 ] Scheinbar bringe ich stark Metaphysisch-Erkenntnistheoretisches jetzt mit etwas sehr Alltäglichem in Zusammenhang. Aber es ist genau dieselbe Rätselfrage; schade nur, daß wir nicht die Zeit haben, erkenntnistheoretisch auseinanderzusetzen, inwiefern es dieselbe Rätselfrage ist, Herr Bauer hat mich vor einigen Tagen auf etwas sehr Schönes nach dieser Richtung aufmerksam gemacht. Sie wissen, daß der Pfarrer R. bei seinem Vortrage, mit dem er unsere Geisteswissenschaft totgemacht hat, darauf hingewiesen hat: wenn einer nun nach unserem Bau heraufgehe, so müßte er aus all dem Unverständlichen, was da für Menschen hingestellt sei, sich etwa an den alten Matthias Claudius erinnern. Und der Pfarrer R. wollte sagen, daß der alte, gute, liebe Claudius dastehen und sagen müßte: Da droben walten diese Anthroposophen und wollen dasjenige, was nimmermehr erkannt werden kann, erkennen! Es ist eben für die Menschen nicht zu erkennen. — Und da zitierte er dann aus Matthias Claudius die Worte:
[ 11 ] It seems I am now linking metaphysical and epistemological concepts to something very mundane. But it is exactly the same puzzle; it’s just a pity that we don’t have the time to discuss, from an epistemological perspective, to what extent it is the same puzzle. A few days ago, Mr. Bauer drew my attention to something very beautiful along these lines. You know that Pastor R., in his lecture with which he effectively killed our Spiritual Science, pointed out that if someone were to walk up to our building, amid all the incomprehensible things placed there for people to see, they might be reminded of the old Matthias Claudius. And Pastor R. meant to say that the good, dear old Claudius would have to stand there and say: “Up there, these anthroposophists reign and want to know that which can never be known! It is simply beyond human understanding.” — And then he quoted the words of Matthias Claudius:
[ 12 ] Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.
[ 12 ] We proud children of man
Are nothing but poor sinners
And know very little;
We spin castles in the air
And pursue many arts
And drift further from our goal.
[ 13 ] Da sind wir also getroffen, weil uns der alte Matthias Claudius sagt, daß die Menschen alle arme Sünder seien und nicht nach dem Unverstandenen und Undurchschaubaren ihren Blick wenden sollen. Nun, und da sagt auch noch der gute alte Matthias Claudius synthetisch, daß der Pfarrer R. ein so gescheiter Mensch ist, der weiß, daß die Menschen arme Sünder sind und nichts wissen von dem, was nicht den äußeren Augen sichtbar werden könne. Herr Bauer nun, der sich nicht begnügt hat, diese Worte von dem Pfarrer R. einfach anzuhören, hat den Matthias Claudius aufgeschlagen und das «Abendlied» von Matthias Claudius gelesen, und das heißt so:
[ 13 ] So there we are, because old Matthias Claudius tells us that all people are poor sinners and should not turn their gaze toward what is incomprehensible and inscrutable. Well, and good old Matthias Claudius also sums it up by saying that Pastor R. is such a wise man that he knows people are poor sinners and know nothing of what cannot be seen by the physical eye. Mr. Bauer, however, not content to simply listen to these words from Pastor R., opened up Matthias Claudius and read the “Evening Hymn” by Matthias Claudius, which goes like this:
[ 14 ] Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.[ 14 ] The moon has risen,
The golden stars shine brightly
In the clear, bright sky;
The forest stands black and silent,
And from the meadows rises
The wondrous white mist.[ 15 ] Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.[ 15 ] How still the world is
And in the cloak of twilight
So peaceful and so lovely!
Like a quiet chamber,
Where the day’s sorrows
Are to be slept away and forgotten.[ 16 ] Seht ihr den Mond dort stehen? —
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.[ 16 ] Do you see the moon up there? —
We can only see half of it,
And yet it is round and beautiful!
So it is with many things,
Which we laugh at without a care,
Because our eyes cannot see them.[ 17 ] Wir stolze Menschenkinder
ind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.[ 17 ] We, proud children of humanity
are but poor sinners
And know very little;
We spin castles in the air
and pursue many arts
And drift further from our goal.
[ 18 ] Da ist wohl der Pfarrer R. der arme Sünder, der weiter von dem Ziel kommt! Er hat nur vergessen, daß die vierte Strophe mit der dritten einen inneren Zusammenhang hat!
[ 18 ] Pastor R. is surely the poor sinner who is furthest from the goal! He simply forgot that the fourth stanza is intrinsically linked to the third!
[ 19 ] Sie sehen, es kommt darauf an, daß man versucht, mit seinem Denken, etwas allseitig zu sein. Selbstverständlich kann man aus der vierten Strophe, wenn sie sich auf den Pfarrer R. bezieht — wenn der Pfarrer R. sich mit allen bescheidenen Menschenkindern identifiziert —, das genaue Gegenteil schließen, als man schließen muß, wenn man die dritte Strophe dazunimmt. So ganz ohne Zusammenhang mit dem mehr Metaphysisch-Theoretischen, das ich angeführt habe, ist dieses letztere, triviale Beispiel nicht. Die Notwendigkeit besteht für die Menschen, sich klarzumachen, daß man, wenn man so etwas anschaut und über dieses Angeschaute darauflos denkt, unter Umständen das genaue Gegenteil von dem treffen kann, was wirklich wahr ist. Und das ist es, was einem ganz besonders entgegentritt, wenn der Übergang gemacht werden soll von dem Endlichen zu dem Unendlichen oder von dem Materiellen zu dem Geistigen oder dergleichen.
[ 19 ] You see, what matters is that one tries, through one’s thinking, to be well-rounded. Of course, if the fourth stanza refers to Pastor R.—if Pastor R. identifies with all humble human beings—one can draw the exact opposite conclusion from it than one must draw when considering the third stanza as well. This latter, trivial example is not entirely unrelated to the more metaphysical-theoretical points I have cited. It is necessary for people to realize that when one looks at something like this and begins to think about what one sees, one may, under certain circumstances, arrive at the exact opposite of what is truly true. And this is what one encounters most particularly when attempting to make the transition from the finite to the infinite, or from the material to the spiritual, or the like.
[ 20 ] Nun, solch ein Mensch wie Marcion sagte aus seiner luziferisch infiizierten Gnosis heraus: Den Prozeß des Menschenwerdens und so weiter, der sich hier auf der Erde abspielt, den kann doch ein Gott nicht durchmachen, weil ein Gott andern Gesetzen unterliegen muß, die der geistigen Welt angehören. Er fand nicht den Zusammenhang zwischen dem Geistigen und dem Materiellen, dem Sinnlichen. Nun gab es eine nicht mehr vorhandene Auseinandersetzung darüber — Marcion ist äußerlich, physisch, nur aus seinen Gegnern, zum Beispiel aus Tertullian, wiederzuerkennen —, daß die ganze äußere physische Geschichte des Jesus von Nazareth gar nicht angemessen wäre der göttlichen Weltordnung; wie Gott auf der Erde sein könnte, das kann alles nur Schein sein, das kann alles ohne Bedeutung sein. Der Christus müßte rein geistig erfaßt werden. — Tertullian sagte: Du hast recht, Marcion — das steht jetzt in Tertullians Schriften —, du hast recht, wenn du deine Begriffe so machst, wie du sie machst; das sind ganz verständliche, durchschaubare Begriffe, aber du mußt sie dann auch nur auf das Endliche, auf die Dinge anwenden, die in der Natur vor sich gehen; du darfst sie nicht auf das Göttliche anwenden. Für das Göttliche muß man andere Begriffe haben. Und da kann für den endlichen Verstand absurd erscheinen, was für das Walten des Göttlichen die Regel, das Gesetz ist.
[ 20 ] Well, a man like Marcion, speaking from his Lucifer-infected gnosis, said: The process of becoming human and so on, which takes place here on Earth—a God cannot go through that, because a God must be subject to different laws that belong to the spiritual world. He failed to see the connection between the spiritual and the material, the sensory. Now there was a debate—which no longer exists—about this—Marcion is recognizable, outwardly and physically, only through his opponents, such as Tertullian—that the entire external, physical history of Jesus of Nazareth was not at all appropriate to the divine world order; how God could be on Earth—all of that could be mere illusion, all of that could be meaningless. Christ would have to be understood in a purely spiritual sense. — Tertullian said: “You are right, Marcion”—this is now recorded in Tertullian’s writings—“you are right when you formulate your concepts the way you do; these are entirely understandable, transparent concepts, but you must then apply them only to the finite, to the things that take place in nature; you must not apply them to the divine. For the divine, one must have different concepts. And what is the rule, the law, for the workings of the divine may appear absurd to the finite mind.
[ 21 ] Tertullian stand also, ich will nicht sagen, bewußt, aber empfindungsgemäß und unbewußt vor der großen Rätselfrage, wieweit denn das Denken gilt, das der Natur, den Naturerscheinungen angepaßt ist. Und er hielt dem Marcion entgegen: Wenn man nur das Denken, das den Menschen plausibel erscheint, anwendet, dann kann man das behaupten, was Marcion sagt. Aber mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas in die Weltentwickelung eingetreten, worauf dieses Denken nicht anwendbar ist, wozu man andere Begriffe braucht. — Daher bildete er das Wort: Es nötigen uns diese höheren Begriffe, die sich auf das Göttliche beziehen, zu glauben, was für das Endliche absurd ist. Man muß schon wirklich, um dem Tertullian nicht unrecht zu tun, nicht bloß den Satz zitieren: Ich glaube was absurd ist, was sich nicht beweisen läßt —, sondern man muß diesen Satz doch im ganzen Zusammenhang, in dem er steht und den ich so jetzt etwas verständlich machen wollte, anführen. Das war das hauptsächlichste Problem, das nun Tertullian beschäftigte: Wie ist die göttliche Christus-Natur mit der menschlichen Jesus-Natur verbunden? — Und da war er sich klar darüber: menschliche Begriffe taugen für das Erfassen dessen, was sich mit dem Mysterium von Golgatha abgespielt hat, nicht. Menschliche Begriffe führen immer dazu, daß man das Spirituelle, das man von dem Christus erfaßt hat, nicht verbinden kann mit dem, was man als Erdengeschichte in bezug auf den Jesus erfassen muß. Aber, wie gesagt, Tertullian fehlte die Möglichkeit, aus der Konstitution des Menschen, wie wir sie heute wiederum zu erfassen versuchen, das Problem zu begreifen. Dadurch brachte er es zunächst nur dazu, zuerst einmal, ich möchte sagen, das Surrogat für jenen Begriff zu finden, den wir uns ausbilden, wenn wir uns etwas an einer bestimmten Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis klarmachen wollen.
[ 21 ] Tertullian thus found himself—I will not say consciously, but intuitively and unconsciously—confronted with the great enigmatic question of the extent to which thinking that is adapted to nature and natural phenomena is valid. And he countered Marcion by saying: If one applies only the kind of thinking that seems plausible to human beings, then one can assert what Marcion says. But with the mystery of Golgotha, something has entered the course of world history to which this kind of thinking does not apply—something that requires different concepts. — Hence he formulated the statement: “These higher concepts, which relate to the divine, compel us to believe what is absurd to the finite.” To do justice to Tertullian, one must not merely quote the sentence: “I believe what is absurd, what cannot be proven”—but one must cite this statement within the full context in which it stands, a context I have just attempted to make somewhat understandable. This was the central problem that now occupied Tertullian: How is the divine nature of Christ connected to the human nature of Jesus? — And he was clear about this: human concepts are inadequate for grasping what took place in the Mystery of Golgotha. Human concepts always lead to an inability to connect the spiritual aspect—what one has grasped of Christ—with what one must grasp as earthly history in relation to Jesus. But, as I said, Tertullian lacked the ability to grasp the problem from the constitution of the human being, as we are once again attempting to understand it today. As a result, he initially managed only—I would say—to find a surrogate for that concept we develop when we seek to clarify something at a particular point in our Spiritual Science understanding.
[ 22 ] Erinnern Sie sich an eine Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die Sie zum Beispiel in meiner «’Theosophie» finden. Da werden Sie sehen: Es ist zunächst dieRede von dem physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, dann: Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, und schließlich die einzelnen Verbindungen mit dem Geistselbst. Da sind verschiedene Auseinandersetzungen darüber, wie sich das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinarbeitet. Das ist aber genau auch die Stelle, die man ins Auge fassen muß, wenn man in das Verweilen des Christus in dem Menschen Jesus hineinschauen will, wenn man das verstehen will. Das ist die Voraussetzung, daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinkommt; das ist Voraussetzung, wie man verstehen kann, wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst in die Bewußtseinsseelennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. Nur ein Surrogat für dies fand Tertullian, und man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt — nach Tertullian — zwischen dem Christus, entsprechend dem Geistselbst, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung. Und solche Verbindung wird die Menschheit auch nur dann kennenlernen, wenn das Geistselbst einmal ordnungsgemäß da sein wird. Jetzt leben wir im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Jeder Mensch wird etwas viel Loseres im Zusammenhang haben, wenn das Geistselbst im sechsten nachatlantischen Zeitraum regelmäßig entwickelt sein wird. Da werden die Menschen auch besser verstehen, wie anders zum Beispiel die ChristusNatur an die Jesus-Natur gebunden war, als, sagen wir, die Bewußtseinsseele an die Verstandesseele. Die Bewußtseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt. Aber das Geistselbst ist mit der Bewußtseinsseele verbunden, nicht vermischt. Und diesen Begriff bildete sich Tertullian wirklich aus. Er sagt: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden. So stellte sich ihm der eine Gottmensch hin, der Christus Jesus, um an ihm sich noch einmal im Zeitalter, in dem dies alte begriffliche Hellsehen nicht mehr da war, zu veranschaulichen, wie das Göttliche und das PhysischSeelische in der Menschennatur miteinander verbunden war. Der Christus tritt gleichsam vor diesen Tertullian wie der Repräsentant der allgemeinen Menschheit hin. An dem Christus studierte er die Konstitution des Menschen, um den Christus Jesus zu verstehen. Der Christus trat in den Mittelpunkt seines ganzen Denkens, das jetzt nicht mehr auf die eine menschliche Natur anwendbar war. Und dadurch, daß Tertullian sich klargemacht hat: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden — er konnte nicht sagen, wie wir sagen würden: wie das Geistselbst mit der Bewußtseinsseele —, aber er sagte: nicht vermischt, sondern verbunden —, dadurch trat für ihn hervor, daß er sich sagte: Alles dasjenige, womit sich der Christus verbunden hat, das kommt auch aus dem Geiste der Welt heraus; das ist das Vaterprinzip in der Welt. — Das Vaterprinzip wurde für Tertullian dasjenige, was sozusagen zu der irdischen Erscheinung des Jesus gehörte. Da liegt das Vaterprinzip, das schöpferische Prinzip in der Natur, dasjenige, was alles hervorbringt in der Natur. Mit dem vereinigte sich das ChristusPrinzip, das Sohnesprinzip. So wurde es für Tertullian, und durch den Vater und den Sohn, durch Läuterung des Äußeren, Natürlichen, durch den Christus, entsteht nun wiederum der Geist, den er den Heiligen Geist nennt.
[ 22 ] Recall a passage from our Spiritual Science insights, which you can find, for example, in my *Theosophy*. There you will see: First there is the discussion of the physical body, the etheric body, and the astral body; then the soul of sensation, the soul of understanding or feeling, the soul of consciousness; and finally, the individual connections with the Spirit-Self. There are various discussions about how the Spirit-Self works its way into the soul of consciousness. But this is precisely the point one must focus on if one wishes to look into Christ’s indwelling in the human being Jesus, if one wishes to understand this. It is a prerequisite to know how, in humanity at large, the Spirit-Self enters the soul of consciousness; this is the prerequisite for understanding how the Christ-nature, as a special cosmic Spirit-Self, entered into the nature of the conscious soul of Jesus of Nazareth. Tertullian found only a surrogate for this, and one can understand the concept he developed in the same way as if one were to say today: There is no mingling—according to Tertullian—between the Christ, corresponding to the Spirit-Self, and the Jesus, corresponding to the consciousness-soul and all that belongs to the lower aspects of being; no mingling, but only a connection. And humanity will come to know such a connection only when the Spirit-Self is properly present. We are now living in the age of the consciousness soul. Every human being will have a much looser connection when the Spirit-Self is regularly developed in the sixth post-Atlantean epoch. Then people will also better understand how differently, for example, the Christ-nature was bound to the Jesus-nature than, say, the consciousness soul is bound to the intellectual soul. The consciousness soul is, of course, always inwardly blended with the intellectual soul. But the Spirit-Self is connected to the consciousness soul, not blended with it. And Tertullian truly developed this concept. He says: Christ is not blended with Jesus, but connected to him. Thus the one God-man, Christ Jesus, stood before him to illustrate once more—in an age when this ancient conceptual clairvoyance was no longer present—how the divine and the physical-soul aspects were united within human nature. Christ, as it were, stands before Tertullian as the representative of all humanity. Through Christ, he studied the constitution of the human being in order to understand Christ Jesus. Christ became the center of his entire thinking, which was no longer applicable to human nature alone. And because Tertullian had made it clear to himself that Christ is not mixed with Jesus, but connected—he could not say, as we would say, “like the Spirit-Self with the conscious soul”—but he said, “not mixed, but connected”—it became evident to him that he said to himself: Everything with which Christ has united himself also comes forth from the spirit of the world; that is the Father principle in the world. — For Tertullian, the Father principle became that which, so to speak, belonged to the earthly manifestation of Jesus. There lies the Father principle, the creative principle in nature, that which brings everything forth in nature. The Christ principle, the Son principle, united with this. This is how it became for Tertullian, and through the Father and the Son, through the purification of the external and the natural, through Christ, the Spirit—which he calls the Holy Spirit—now arises once more.
[ 23 ] So war dasjenige, was in der Zeit des Mysteriums von Golgatha als der Christus Jesus dasteht, als Jesus hervorgehend aus dem Vaterprinzip, wie alles in der Welt aus dem Vaterprinzip hervorgeht. So war dieser Christus Jesus, dadurch, daß er den Christus in sich trug, der aus dem Vaterprinzip hervorgehende Sohn, der einfach später gekommen war, der Bringer des Geistes — des Geistes, der dann erst wiederum von ihm kommt. So suchte Tertullian den Weg von dem einzelnen Menschen zum Kosmos hinaus zu finden: zum Vater-, Sohn- und Geistprinzip.
[ 23 ] Thus, what stands as the Christ Jesus during the time of the Mystery of Golgotha—that is, Jesus emerging from the Father Principle—is just as everything in the world emerges from the Father Principle. Thus, because he bore the Christ within himself, this Christ Jesus was the Son emerging from the Father principle—the One who had simply come later, the Bringer of the Spirit—the Spirit that then, in turn, comes from him. Thus Tertullian sought to find the path from the individual human being out into the cosmos: to the Father, Son, and Spirit principles.
[ 24 ] Jesus Vater
Christus Sohn
Heiliger Geist
[ 24 ] Jesus the Father
Christ the Son
Holy Spirit
[ 25 ] Nun entstand für ihn die große Schwierigkeit, begreiflich zu machen, wie drei eins und eins drei sein könne. Für die alten Zeiten, wo es noch hellseherische Begriffe gab, war es gar keine besondere Schwierigkeit, sich das vorzustellen. Aber für die Zeit, in der durch Begriffe alles auseinanderfällt und nichts mehr recht verbunden werden kann, entstand die Schwierigkeit. Tertullian brauchte einen hübschen Vergleich, um klarzumachen, wie eins drei und drei eins sein kann. Er sagte: Nehmt die Quelle. Aus der Quelle kommt der Bach, aus dem Bach kommt der Fluß. Fragen wir nach dem Flusse, so sagen wir: Er kommt aus der Quelle durch den Bach; aus der Quelle durch den Bach. — Oder nehmet, sagte er, zum Vergleiche die Wurzeln, den Sprossen, die Frucht: die Frucht kommt aus der Wurzel durch den Sprossen. — Noch einen dritten Vergleich brauchte Tertullian, indem er sagte: Das Lichtflämmchen kommt aus der Sonne, durch den Kosmos getragen. So, sagte er, muß man sich vorstellen, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt. Und so wenig diese Dreiheit: Quelle, Bach, Fluß der Einheit widerspricht, die der Fluß der Wirklichkeit nach ist, so wenig widerspricht die Tatsache, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt, dem einheitlichen Sich-Hinentwickeln von Vater, Sohn und Geist.
[ 25 ] Now he faced the great difficulty of explaining how three could be one and one could be three. In ancient times, when clairvoyant concepts still existed, it was no great difficulty at all to create a mental image of this. But in an age when everything falls apart because of concepts and nothing can be properly connected anymore, the difficulty arose. Tertullian needed a nice analogy to explain how one can be three and three can be one. He said: Take the spring. From the spring comes the stream; from the stream comes the river. When we ask about the river, we say: It comes from the spring through the stream; from the spring through the stream. — Or take, he said, by way of comparison, the roots, the shoots, and the fruit: the fruit comes from the root through the shoot. — Tertullian needed a third analogy, saying: The little flame comes from the sun, carried through the cosmos. Thus, he said, one must create a mental image in which the Spirit comes from the Father through the Son. And just as this triad—spring, stream, river—does not contradict the unity that the river is in reality, so too does the fact that the Spirit comes from the Father through the Son not contradict the unified unfolding of the Father, the Son, and the Spirit.
[ 26 ] So suchte er sich klarzumachen, wie die drei eins sein können: so wie Wurzeln, Sprosse und Frucht, so wie Quelle, Bach und Fluß. Und er versuchte auch eine gewisse Formel zu gewinnen. Dadurch, daß er bei dem Vaterprinzip — also bei dem, was immer dasjenige ist, aus dem durch das Sohnesprinzip das Geistprinzip kommt —, daß er bei dem Vaterprinzip dachte: das Natürliche, das äußerlich Geschaffene, das äußerlich Offenbare; bei dem Sohnesprinzip dasjenige, was das äußerlich Offenbare durchdringt; und bei dem Geistprinzip dasjenige, was dann durch beides zusammen für dieErdenentwickelung gebracht wird, dadurch bildete sich ihm eine Lehre aus, die aber im Grunde genommen nur ein einzelner symptomatischer Ausdruck für das war, was in diesen ersten Jahrhunderten des Christentums sich überhaupt ausbildete bei den Leuten, die auf der einen Seite noch etwas von der Gnosis in sich hatten, zu gleicher Zeit all die Schmerzen und Leiden durchmachten, weil die Gnosis verlorengehen mußte, und die nun zugleich mit dem zurechtzukommen suchten, was der Christus Jesus war, was er sein mußte zu dem Ziele des Mysteriums von Golgatha. Tertullian ist nur ein besonders genialischer, aber er ist eben ein Repräsentant desjenigen, was man in diesen ersten Zeiten des Christentums dachte, um wirklich geistig zu durchdringen, was geschehen war.
[ 26 ] So he sought to understand how the three could be one: like roots, shoots, and fruit; like a spring, a stream, and a river. And he also tried to arrive at a certain formula. By considering the Father principle—that is, whatever it is from which the Spirit principle arises through the Son principle—he thought of the Father principle as the natural, the outwardly created, the outwardly manifest; in the Son principle, that which permeates what is outwardly revealed; and in the Spirit principle, that which is then brought about for the Earth’s development through both together—thereby a doctrine took shape for him, which, however, was essentially only a single symptomatic expression of was taking shape in those early centuries of Christianity among people who, on the one hand, still harbored some element of Gnosticism within themselves, yet at the same time were enduring all the pain and suffering caused by the inevitable loss of Gnosticism, and who were now seeking to come to terms with who Christ Jesus was and what he had to be for the purpose of the Mystery of Golgotha. Tertullian is merely a particularly brilliant representative—but he is indeed a representative—of what people thought in those early days of Christianity in order to truly penetrate spiritually what had happened.
[ 27 ] Nun bildete sich dann aus dem Christentum dasjenige heraus, was Sie ja kennen als das Credo, als das Apostolikum, das dann so im 3.,4. Jahrhundert sich festsetzte und dann auch durch die Konzilien festgesetzt worden ist. Wenn man dies studiert, so wie es in der damaligen Zeit war, dann findet man schon heraus: Es ist im Grunde ein Sich-Wehren gegen die Gnosis, ein Ablehnen der Gnosis, weil man den luziferischen Faktor in der Gnosis verspürte. Die Gnosis neigt zu Luzifer hin, das heißt, zu einem einseitigen spirituellen Auffassen. Sie kann daher zu dem Vaterprinzip durchaus nicht kommen, kann es nicht ordentlich würdigen. Das Materielle wird ihr ein zu Verschmähendes, etwas, was sie nicht brauchen kann. Ihr gegenüber muß festgelegt werden: Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Vater — der erste Teil des Credos. Gegen die Verachtung des Materiellen ist dieser erste Teil des Credos gefaßt, so gefaßt, daß auch das Äußerliche, das mit Augen gesehen wird, als ein Göttliches, und gerade ein Göttliches, das aus dem Vaterprinzip hervorgeht, gefaßt wird.
[ 27 ] Christianity then gave rise to what you know as the Creed, the Apostles’ Creed, which became established in the 3rd and 4th centuries and was subsequently codified by the councils. If one studies this as it was at that time, one soon discovers: It is essentially a defense against Gnosticism, a rejection of Gnosticism, because people sensed the Luciferic factor within Gnosticism. Gnosticism leans toward Lucifer, that is, toward a one-sided spiritual conception. It therefore cannot at all arrive at the Father principle; it cannot properly honor it. The material world becomes something to be scorned, something it cannot use. In contrast to this, it must be stated: “I believe in God the Father, the almighty Father”—the first part of the Creed. This first part of the Creed is formulated against the contempt for the material world, formulated in such a way that even the external, which is seen with the eyes, is understood as something divine—and specifically as something divine that proceeds from the Father principle.
[ 28 ] Das zweite war: gegen die Gnosis festzulegen, daß es nicht bloß einen ätherischen Christus gab in der Zeit des Mysteriums von Golgatha, sondern daß dieser Christus wirklich verbunden war mit dem Menschen Jesus von Nazareth, nicht vermischt, aber verbunden. Es mußte also auf der einen Seite festgelegt werden, daß der Christus zusammenhing mit dem Geistigen, und auf der andern Seite, daß der Christus zusammenhing mit dem Jesus von Nazareth, der natürlichen Entwickelung auf der Erde, und daß, wenn sich das Leiden, das Sterben, das Auferstehen und alles das vollzogen hat, was noch geschehen wird in Anlehnung an das Mysterium von Golgatha, daß das nicht etwas ist, woran der Christus nicht teilnimmt, sondern daß er wirklich im Leibe leidet. Die Gnostiker mußten leugnen, daß der Christus im Leibe gelitten hat, weil er ja nicht mit dem Leibe verbunden war; es war nur ein Scheinleiden für die Gnostiker, wenigstens für gewisse Gnostiker. — Demgegenüber sollte festgestellt werden, daß der Christus mit dem Leib wirklich so verbunden war, daß er im Leibe litt. Also all die Ereignisse, die sich auf dem äußeren physischen Plan vollzogen hatten, sollten verbunden werden mit dem Christus. Daher: Ich glaube an Jesus Christus, den eingeborenen Sohn Gottes, geboren aus dem Heiligen Geist und Maria der Jungfrau, der gelitten hat unter Pontius Pilatus, gestorben ist, am dritten Tage auferstanden ist, der in den Himmel aufgefahren — das heißt: wieder geistig geworden — ist, der da sitzet zur Rechten des Vaters, zu richten die Lebendigen und die Toten.
[ 28 ] The second point was to establish, in opposition to Gnosticism, that there was not merely an ethereal Christ at the time of the Mystery of Golgotha, but that this Christ was truly connected to the human being Jesus of Nazareth—not merged with him, but connected. It was therefore necessary, on the one hand, to establish that the Christ was connected to the spiritual realm, and on the other hand, that the Christ was connected to Jesus of Nazareth, to natural development on Earth, and that when the suffering, the death, the Resurrection, and all that is yet to come in connection with the Mystery of Golgotha took place, this was not something in which the Christ did not participate, but rather that he truly suffered in the body. The Gnostics had to deny that the Christ suffered in the body, since he was, after all, not connected to the body; for the Gnostics—or at least for certain Gnostics—it was merely an apparent suffering. — In contrast, it must be established that Christ was truly united with the body in such a way that He suffered in the body. Thus, all the events that took place on the outer physical plane were to be connected with Christ. Therefore: I believe in Jesus Christ, the only-begotten Son of God, born of the Holy Spirit and the Virgin Mary, who suffered under Pontius Pilate, died, rose again on the third day, ascended into heaven—that is, became spiritual once more—and who sits at the right hand of the Father, to judge the living and the dead.
[ 29 ] Man kann nun sagen: Am nächsten kamen die Gnostiker noch dem Geiste, der zunächst als ein bloß Spirituelles anzusehen ist. Aber er ist ein Spirituelles insofern, als er zwar jetzt ein Spirituelles darstellt, aber sich allmählich verwirklichen muß im menschlichen Zusammenleben in dem sozialen Gebilde, das während der Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit entsteht, wo der Heilige Geist sich verkörpert, jetzt nicht in einem einzelnen Menschen, sondern in der ganzen Menschheit, in der Konfiguration der Gesellschaft. Aber er ist jetzt erst im Anfang. Doch die Gnostiker konnten am ehesten verstehen, daß etwas nur spirituelles Dasein hat, nicht in das Materielle eingreift. Daher lag im Grunde genommen dem Gott der Gnostiker der Heilige Geist am allernächsten. Dies Christentum aber, das sich auf die Erde versetzen wollte, das nicht wollte, daß man den Geist verluziferisiert, in ihm nur etwas Spintuelles sieht, dies Christentum mußte jetzt auch den Glauben an den Geist festlegen als etwas, was mit dem Materiellen zusammenhängt: Ich glaube an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche. — Das ist jetzt im Apostolikum darin, das heißt: die Kirche als ein großer physischer Leib des Heiligen Geistes. Dieses Christentum durfte auch nicht das Leben im Geiste als etwas bloß Innerliches betrachten, sondern mußte den Geist äußerlich realisiert haben durch die Sündenvergebung, indem die Kirche selber das Amt der Sündenvergebung und außerdem die Lehre von der fleischlichen Auferstehung übernahm: Ich glaube an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche, an die Sündenvergebung, an des Fleisches Auferstehung.
[ 29 ] One might say: The Gnostics came closest to the Spirit, which must first be regarded as a purely spiritual entity. But it is spiritual insofar as, although it currently represents a spiritual reality, it must gradually come to fruition in human coexistence within the social structure that emerges during the Jupiter, Venus, and Vulcan eras—when the Holy Spirit incarnates, not in a single human being, but in all of humanity, in the configuration of society. But it is only just beginning. Yet the Gnostics were best able to understand that something has only a spiritual existence and does not intervene in the material world. Therefore, fundamentally speaking, the Holy Spirit was closest to the God of the Gnostics. But this Christianity, which sought to establish itself on earth, which did not want the Spirit to be “Luciferized”—that is, seen as merely something spiritual—this Christianity now also had to define faith in the Spirit as something connected to the material world: “I believe in the Holy Spirit, in the holy Church.” — This is now contained in the Apostles’ Creed, that is to say: the Church as the great physical body of the Holy Spirit. Nor could this Christianity regard life in the Spirit as something merely internal; rather, it had to realize the Spirit externally through the forgiveness of sins, in that the Church itself assumed the office of forgiving sins and, moreover, the doctrine of the resurrection of the flesh: I believe in the Holy Spirit, in the holy Church, in the forgiveness of sins, in the resurrection of the body.
[ 30 ] So ist ja das Credo etwa im 4. Jahrhundert. Es waren also lauter Barrikaden gegen die Gnosis, und es hängt die Art und Weise, wie diese drei Teile des Apostolikums gefaßt sind, eng zusammen, wie so etwas: der Fluß ist aus der Quelle durch den Bach, oder: die Frucht ist aus der Wurzel durch den Sprossen entstanden. — Ein ungeheures Streben ist in jener Zeit, zu erfassen, wie der Geist mit dem Materiellen, das in der Welt sich ausbreitet, zusammenhängt, wie man das Geistige zusammen denken kann mit dem Materiellen, die Trinität zusammen:denken kann mit dem äußerlich im Materiellen sich Ausbreitenden. Das wird gesucht; das wird intensiv gesucht. Aber wenn man sich entgegenhält, was da alles in dem heute völlig unverständlich gewordenen Apostolikum lebt, so muß man sagen: es lebt da darin noch der Nachklang der alten hellseherischen Begriffe, der nur im Ersterben ist, und deshalb gewinnt die Sache nicht die alten lebendigen Formen, die sie hätte gewinnen können, wenn man mit früheren hellseherischen Begriffen die Trinität und das Apostolikum hätte begreifen können, sondern es ist ein Anfang, das Materielle mit dem Geistigen zugleich zu fassen.
[ 30 ] That is how the Creed was formulated in the 4th century, for example. So there were all these barriers against Gnosticism, and the way these three parts of the Apostolic Creed are formulated is closely connected, much like this: the river flows from the source through the stream, or: the fruit arises from the root through the shoot. — There was an immense striving during that time to grasp how the spiritual is connected to the material that spreads throughout the world, how one can conceive of the spiritual together with the material, and how one can conceive of the Trinity together with that which manifests outwardly in the material world. This is what was sought; it was sought with great intensity. But when one considers all that lives on in the Apostolic era—which has become completely incomprehensible today—one must say: the echoes of the old clairvoyant concepts still live on there, concepts that are only now fading away; and therefore the matter does not take on the old, living forms it could have taken if one had been able to grasp the Trinity and the Apostolic tradition through earlier clairvoyant concepts, but rather it is a beginning toward grasping the material and the spiritual simultaneously.
[ 31 ] Es gibt heute sehr viele Menschen, die sagen: Wozu befaßt man sich mit dieser alten Dogmatik? Da haben die Leute doch nur mit allerlei spintisierten Begriffen herumsinniert, aber daraus kann doch kein Mensch klug werden, das ist alles eitel Träumerei. — Wenn man genauer zusieht, so findet man allerdings, daß hinter dieser eitlen Träumerei ein gewaltiges Ringen steht, um das zu erfassen, was gerade aktuell geworden war für die Welt durch das Mysterium von Golgatha auf der einen Seite und durch das Abhandenkommen der alten hellseherischen Erkenntnis, das sachte Abfluten der alten hellseherischen Erkenntnis auf der andern Seite.
[ 31 ] There are many people today who say: Why bother with this old dogmatism? People were just musing about all sorts of fanciful concepts, but no one can gain any wisdom from that—it’s all just idle daydreaming. — If one looks more closely, however, one finds that behind this vain daydreaming lies a tremendous struggle to grasp what had just become relevant to the world—on the one hand, through the Mystery of Golgotha, and on the other, through the loss of the old clairvoyant knowledge, the gentle ebbing away of that ancient insight.
[ 32 ] Nun geht die Entwickelung weiter, und es geschieht jetzt ein etwas Ähnliches, wie schon in älteren Zeiten geschehen ist, als aus der einen Wurzel der Mysterien heraus, wo noch Kunst und Religion und Wissenschaft eines waren, sich die drei herausentwickelt haben. Jetzt strebt wiederum dasjenige, was in jener gemeinsamen Wurzel ist, die man durch das Apostolikum zu erfassen suchte, in die Dreiheit auseinander. Ich will nun versuchen, diese weitere Entwickelung so darzustellen, wie man es heute darstellen kann, ohne daß man allzuviel Anstoß erregt. Denn würde ich dasjenige, was da zu sagen ist, so ohne weiteres mitteilen, so würde doch mancher Kopf scheu dadurch werden.
[ 32 ] Now the development continues, and something similar is happening to what occurred in earlier times, when art, religion, and science—which were still one and the same—emerged from the single root of the mysteries. Now, once again, that which lies within that common root—which the Apostolic era sought to grasp—is striving to branch out into the Trinity. I will now attempt to describe this further development as best as can be done today without causing too much offense. For if I were to simply state what needs to be said, it would surely make many people shy away from it.
[ 33 ] In drei getrennten Strömungen entwickelte sich jetzt innerhalb der abendländischen Kultur dasjenige, was von einer Einheit ausging. Das heißt, eine Strömung war besonders geeignet, den Geist, den Heiligen Geist zu erfassen, eine Strömung mehr den Sohn, den Christus, und eine Strömung mehr den Vater. Und das Kuriose ist dabei, daß immer mehr in getrennten Läufen der Entwickelung sich herausbildet die Heilig Geist-Strömung, die Christus-Strömung, und die Vaterströmung, aber einseitig. Denn natürlich, allseitig kann man es nur durchdringen, wenn man alle drei zusammen hat. Bildet man das, was als Dreiheit zu begreifen ist, so einseitig aus, dann entstehen Schwierigkeiten der Entwickelung; dann bleiben manche Dinge aus, und anderes degeneriert. Nun bildete sich das Folgende: Es trennte sich nach und nach die gemeinsame Entwickelung so, daß deutlich weiterging eine Entwickelungsströmung, welche vorzugsweise nach dem Heiligen Geist hingerichtet ist — nicht als zeitlich erste; die zeitlich erste ist natürlich das Zusammengehen —, und das ist diejenige, die heute noch immer wesentlich verkörpert ist in der russisch-orthodoxen Kirche. So sonderbar das ist, so ist das doch das Wesentliche der russisch-orthodoxen Kirche, daß sie vorzugsweise nur des Heiligen Geistes pflegt. Und Sie werden aus der Art und Weise, wie zum Beispiel Solowjew über Christus spricht, erkennen, daß er vorzugsweise bewandert ist, das Christentum von der Seite des Heiligen Geistes zu fassen. Es kommt nicht darauf an, ob er nun bewußt über Christus spricht oder nicht, sondern, welcher Geist in ihm waltet, welchen Sinn er mit den Dingen verbindet. Auf das Innere kommt es dabei an, insbesondere auch auf die Art und Weise, wie untrennbar er die äußere soziale Ordnung der Kirche im Verhältnis zu dem betrachtet, was gelehrt wird und Kultus ist. Das ist ganz aus dem Wesen des Heiligen Geistes heraus. Die Urkirche hat allerdings dieses bloße Wissen aus dem Heiligen Geist heraus vermeiden wollen, indem sie die Trinität im Credo aufgestellt hat und zu dem Heiligen Geist den Christus und den Vater hinzugefügt hat. Aber diese drei müssen sich — was ja auch Solowjews Ideal ist — wieder zu einer Art Synthesis zusammenfinden.
[ 33 ] Within Western culture, what had originated from a single unity now developed into three distinct currents. That is to say, one current was particularly suited to grasping the Spirit, the Holy Spirit; another, the Son, Christ; and yet another, the Father. And the curious thing about this is that, as development proceeds along separate paths, the Holy Spirit current, the Christ current, and the Father current emerge more and more clearly—but in a one-sided manner. For, of course, one can only fully grasp it from all sides when all three are present together. If one develops what is to be understood as a Trinity in such a one-sided manner, difficulties arise in the development; then certain things are left out, and others degenerate. Now the following came to pass: The common development gradually split in such a way that a stream of development clearly continued which is oriented primarily toward the Holy Spirit—not as the first in time; the first in time is, of course, the coming together—and this is the one that is still essentially embodied today in the Russian Orthodox Church. As strange as it may seem, this is nevertheless the essence of the Russian Orthodox Church: that it focuses primarily on the Holy Spirit alone. And you will recognize from the way in which, for example, Solovyov speaks of Christ, that he is particularly adept at approaching Christianity from the perspective of the Holy Spirit. It does not matter whether he is consciously speaking about Christ or not, but rather what spirit reigns within him, what meaning he ascribes to things. What matters here is the inner dimension, especially the way in which he regards the external social order of the Church as inseparable from what is taught and from worship. This stems entirely from the nature of the Holy Spirit. The early Church, however, sought to avoid this mere knowledge derived from the Holy Spirit by establishing the Trinity in the Creed and adding Christ and the Father to the Holy Spirit. But these three must—as is also Soloviev’s ideal—come together again into a kind of synthesis.
[ 34 ] Die zweite Strömung war diejenige, die sich mehr dazu ausbildete, den Christus zu pflegen; die zwar allerlei über den Heiligen Geist brachte, aber im wesentlichen den Christus pflegt. Es ist diejenige Kirche, die sich im Abendland von Rom aus weiter verbreitete und die Tendenz hatte, vorzugsweise den Christus zu pflegen. Denken Sie sich, in bezug auf alle Gebiete, wo diese Kirche tätig war, hat sie im Grunde den Christus pflegen wollen; wo Sie hinschauen: den Christus; wo Sie hinschauen, ist diese Kirche bedeutsam in der einseitigen Pflege des mittleren Glaubensartikels des Credos. Nur in der neueren Zeit versucht diese Kirche dann das Vaterprinzip mit zu durchdringen. Aber weil man nicht den eigentlichen inneren Zusammenhang kennt, so bekommt man kein rechtes Verhältnis zwischen dem Christus und dem Vater heraus. Und dieses nicht richtige Erkennen des Verhältnisses zwischen Christus und dem Vater, das ist dasjenige, was alle Diskussionen im modernen Protestantismus verursacht. Es drängt von dem Christus zu dem Vater hin. Wieder gerade in unserer Zeit kann man das beobachten. Die traurigen Ereignisse der Gegenwart haben auch das gebracht, daß einzelne Seelen, vielmehr zahlreiche Seelen, durch diese Ereignisse von religiösem Bewußtsein durchdrungen worden sind; man kann das nachweisen. Aber, sehr wenig herrscht der Christus bei diesem Aufleuchten des neuen religiösen Bewußtseins; viel mehr das Vaterprinzip, das allgemeine Gottesprinzip, womit das Vaterprinzip gemeint ist. Der etwas richtig in der Welt beobachten kann, dem kann das überall auffallen. Ich möchte Ihnen nur ein kleines Symptom schildern. Während unseres letzten Aufenthalts in Berlin starb ein liebes Mitglied, das in Berlin kremiert wurde. Ich stellte die Bedingung — aus den obwaltenden Verhältnissen heraus war es notwendig —, daß ein Pastor sprach. Das war ein sehr lieber Mann, der sehr einverstanden war, daß ich nachher etwas sprach. Aber siehe da, er hielt nun wirklich eine seelenergreifende Rede, und man hatte so das Gefühl, wie er von Gott dem Vater sprach, daß er tief innerlich seelisch sprach. Und die ganze Zeit hörte ich ihm zu und stellte fest: Das ist eigentlich eine Bestätigung desjenigen, was einem im allgemeinen die Geisteswissenschaft zeigen muß: Der Christus ist gepflegt worden, jetzt ist man irre geworden; wenn man vom religiösen Leben spricht, kommt man nurmehr zum Vaterprinzip. — Viele Briefe, die aus dem Felde kommen, deren Schreiber sich religiös vertieften, sie sprechen wenig von Christus, überall von dem Prinzip, das man als das Vaterprinzip ansehen muß. — Wer sich damit beschäftigt, kann dies sehen. — Und dann zum Schluß, weil Weihnachten vor der Türe stand, erwähnte der Pastor den Christus. Das war so an den Haaren herbeigezogen, weil er nun als Christ fand, es könnte sich empfehlen, von Christus zu sprechen. Man konnte gar keinen Anklang und Sinn dabei finden. — Und solche Erscheinungen mehren sich jetzt alle Augenblicke.
[ 34 ] The second movement was the one that developed more with a focus on honoring Christ; although it taught all sorts of things about the Holy Spirit, it essentially honored Christ. It is the church that spread further in the West from Rome and tended to prioritize honoring Christ. Just consider this: in all the areas where this church was active, it essentially sought to honor Christ; wherever you look, it is Christ; wherever you look, this church is significant in its one-sided emphasis on the central article of faith in the Creed. Only in more recent times has this church attempted to incorporate the principle of the Father as well. But because one does not know the actual inner connection, one fails to grasp the proper relationship between Christ and the Father. And this failure to correctly recognize the relationship between Christ and the Father is precisely what causes all the discussions in modern Protestantism. It drives one from Christ toward the Father. This can be observed once again in our own time. The sad events of the present have also led to individual souls—indeed, numerous souls—being imbued with religious consciousness through these events; this can be demonstrated. But Christ plays a very minor role in this dawning of new religious consciousness; far more prominent is the Father principle, the general principle of God, by which the Father principle is meant. Anyone who can observe the world with some accuracy can notice this everywhere. I would like to describe just one small example to you. During our last stay in Berlin, a dear member passed away and was cremated there. I made it a condition—given the prevailing circumstances, it was necessary—that a pastor speak. He was a very kind man who was quite willing to let me say a few words afterward. But lo and behold, he actually gave a deeply moving speech, and as he spoke of God the Father, one had the feeling that he was speaking from the depths of his inner soul. And the whole time I listened to him, I realized: This is actually a confirmation of what Spiritual Science must generally show us: Christ was once cherished, but now people have gone astray; when one speaks of religious life, one now arrives only at the Father principle. — Many letters coming from the field, written by people who have delved deeply into religion, speak little of Christ, but everywhere of the principle that must be regarded as the Father principle. — Anyone who looks into this can see it. — And then, finally, because Christmas was just around the corner, the pastor mentioned Christ. It was so far-fetched, because, as a Christian, he felt it might be appropriate to speak of Christ. One could find no resonance or meaning in it at all. — And such phenomena are now multiplying by the minute.
[ 35 ] Es gibt eben noch eine dritte Strömung, wo einseitig das Vaterprinzip gepflegt wird. Und nun können Sie sich denken: Die zwei Grundsäulen, die gegen die einseitige Pflege des Vaterprinzips durch das Apostolikum aufgerichtet waren, der Christus und der Heilige Geist, müssen wegbleiben, wenn einseitig bloß das Vaterprinzip gepflegt wird. Andererseits ist das Vaterprinzip hingestellt worden im Apostolikum, um hinzudeuten darauf, daß auch die materielle Welt eine göttliche ist. Das einseitige Vaterprinzip, ganz einseitig, wird in derjenigen Geistesströmung gepflegt, die an Darwin, an Haeckel und so weiter anknüpft. Das ist die einseitige Entwickelung des Vaterprinzips. Und Haeckel mag sich noch so sehr dagegen wehren, daß er aus der Religion herausgeboren ist: er ist nur eben so aus der Religion herausgeboren durch einseitiges Ausbilden des Vaterprinzips, wie andere Religionsströmungen durch einseitiges Herausbilden des Heiligen Geist- oder des Christus-Prinzips geboren sind.
[ 35 ] There is, in fact, a third movement in which the principle of the Father is upheld in a one-sided manner. And now you can imagine: The two pillars that were erected by the Apostolic period to counter the one-sided emphasis on the Father principle—Christ and the Holy Spirit—must be set aside if only the Father principle is emphasized one-sidedly. On the other hand, the Father principle was established in the Apostolic creed to indicate that the material world, too, is a divine one. The one-sided Father principle—entirely one-sided—is upheld in that spiritual current that draws on Darwin, Haeckel, and so on. This is the one-sided development of the Father principle. And no matter how much Haeckel may resist the idea that he was born out of religion, he was born out of religion through the one-sided development of the Father principle, just as other religious movements were born through the one-sided development of the Holy Spirit or Christ principle.
[ 36 ] Und im Grunde genommen erscheint es einem recht oberflächlich, wenn die Leute davon sprechen, daß man sich bei den ersten Konzilien nur um dogmatische Begriffe herumgeschlagen habe. Diese dogmatischen Begriffe sind nicht bloß dogmatische Begriffe, sondern sie sind das äußere Symbolum für tiefe Gegensätze, die in der europäischen Menschheit leben, für jene Gegensätze, die da leben in denjenigen, die vorzugsweise veranlagt sind als Heilige-Geist-Menschen, veranlagt sind als Christus-Menschen, veranlagt sind als Vatermenschen. Tief ethnographisch in der Natur der europäischen Welt ist auch diese Differenzierung begriffen. Und insoferne in den ersten Jahrhunderten der christlichen Verkündigung die Menschen auf ganz Europa hingesehen haben, haben sie ein Credo aufgestellt, welches die Trinität in sich begreift. Gewiß, jede Einseitigkeit kann die andere Seite mit sich bringen, doch sie muß es nicht. Aber die Menschheit muß durch mancherlei Prüfungen hindurchgehen, muß durch mancherlei Einseitigkeiten hindurchgehen, um aus den Einseitigkeiten heraus sich zur Totalität, zur Ganzheit zu finden. Und man muß dann wohl auch den guten Willen haben, die Dinge in ihrem tieferen Gehalt, in ihrer tieferen Essenz zu studieren.
[ 36 ] And, when you get right down to it, it seems rather superficial when people say that the early councils merely wrangled over dogmatic concepts. These dogmatic concepts are not merely dogmatic concepts; rather, they are the outward symbol of profound oppositions that exist within European humanity—those oppositions that exist within those who are predisposed primarily as people of the Holy Spirit, as people of Christ, and as people of the Father. This differentiation is also deeply rooted in the ethnographic nature of the European world. And insofar as people throughout Europe looked to the early centuries of Christian proclamation, they established a creed that encompasses the Trinity. Certainly, every one-sidedness can bring the other side with it, but it need not. But humanity must pass through various trials, must pass through various one-sidednesses, in order to emerge from those one-sidednesses and find its way to totality, to wholeness. And one must then surely also have the good will to study things in their deeper meaning, in their deeper essence.
[ 37 ] Wenn man drei Schichten, drei Strömungen des europäischen Geisteslebens, die sich so charakterisieren lassen, wie ich es eben getan habe, in Ihrer tieferen Essenz studieren wird, dann wird man sehen: Die Differenzierung ist tief in die seelische Faserung der Menschen hineingegangen, und man wird vieles verstehen lernen, was, wenn man es nicht versteht, nur wie ein schmerzliches Rätsel vor uns stehen kann. Man möchte sagen: So, wie vor Tertullian sich die Einheit in der Dreiheit hingestellt hat, so lebten in dem, wie sich das Eine in Drei symptomatisch aussprach, drei hauptsächlichste europäische Menschheitsbedürfnisse, insofern sie sich nach dem religiösen Leben richteten, und so etwas wie die Bildung des Schismas zwischen der weströmischen und der oströmischen Kirche, der römischen und der griechischen, der orthodoxen Kirche, das ist nur der äußere Ausdruck für die Notwendigkeit, die in dem Impuls liegt, der sich nach verschiedenen Seiten hin gabeln muß.
[ 37 ] If one studies the deeper essence of these three layers—three currents of European intellectual life—which can be characterized as I have just done, one will see: This differentiation has penetrated deep into the very fabric of the human soul, and one will come to understand much that, if left ununderstood, can only stand before us as a painful enigma. One might say: Just as unity in the Trinity presented itself to Tertullian, so too did three of humanity’s most fundamental European needs live within the way the One expressed itself symptomatically in the Three, insofar as they were oriented toward religious life; and something like the formation of the schism between the Western and Eastern Roman Churches—the Roman and Greek, or Orthodox, Churches—is merely the outward expression of the necessity inherent in the impulse that must branch out in different directions.
[ 38 ] In diesem Sinne wird Geisteswissenschaft so manches im menschlichen Leben begreiflich machen. Indem sie auf diese Weise versucht, immer tiefer hineinzuleuchten in die menschlichen Zusammenhänge, in die Zusammenhänge innerhalb der ganzen Menschheitsentwickelung, steht sie heute natürlich recht unverstanden da. Denn immer mehr und immer deutlicher bildet sich die Zeit heraus in der äußeren Welt, die nichts von Geisteswissenschaft wissen will, eine Zeit, in welcher ein tieferes Verstehen auch des Geschichtlichen gar nicht mehr angestrebt wird; in welcher jeder dem nur nachgeht, was er nach seinem subjektiven Dafürhalten, nach seinen persönlichen Sympathien oder Antipathien eben für wahr halten will. Selbstverständlich muß gerade in einer solchen Zeit Geisteswissenschaft da sein, denn das Pendel der Entwickelung muß nach der andern Seite ausschlagen. Aber ebenso selbstverständlich ist es, daß Geisteswissenschaft in einer solchen Zeit viel mißverstanden werden wird. Und wir müssen wirklich uns klar sein darüber, wie vieles in unserer Zeit lebt dahingehend, daß der Mensch die Objektivität, den Überblick, die Überschau gar nicht sucht, sondern daß er aus seinen Neigungen heraus vorschnell urteilt. Es ist wirklich so, daß im Grunde genommen auf der einen Seite die tiefe Notwendigkeit vorliegen würde, außerordentlich viel aus der geistigen Welt heraus zu sagen, daß es aber außerordentlich schwierig ist, sich gerade in unserer unmittelbaren Gegenwart verständlich zu machen. Niemals so stark wie in unserer unmittelbaren Gegenwart lebten die Menschen gewissermaßen in der allgemeinen Aura, deren sie sich gar nicht bewußt sind. Ich bin tief überzeugt, wenn ich so sage, daß vieles in unserer Zeit ungesagt bleiben muß: Es werden sich viele finden, die das selbstverständlich finden, daß sie nun dazu geeignet sind, vielleicht in einem kleineren Kreise, dasjenige zu hören, was sonst nicht gesagt werden kann. Allein diese Meinung ist ganz irrtümlich. Gewiß können viele die Sehnsucht haben, jetzt manches von dem zu vernehmen, was vielleicht erst in Jahren möglich ist, der Menschheit zu sagen. Aber man muß sich klar sein, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Urteil nicht erst gefällt wird, wenn ein Wort mit seiner Bedeutung an unsere Seele herankommt, sondern wo das Urteil schon gefällt ist, bevor das Wort an unsere Seele herankommt. Die Art, wie das Wort aufgenommen wird, ist in unserer Zeit zum größten Teil schon fertig, wenn das Wort ans Ohr klingt und von der Seele noch nicht aufgenommen ist. Man hat nicht mehr die Zeit, nach der Bedeutung zu fragen, so aufgewühlt sind gegenwärtig die Leidenschaften, die Emotionen der Menschen durch die bedrückenden Ereignisse, in die wir hineinversetzt worden sind, und manches Wort konnte nur geduldet werden dadurch, daß es in unserer Gegenwart ausgesprochen wird.
[ 38 ] In this sense, Spiritual Science will make many aspects of human life comprehensible. Because it seeks in this way to shed ever deeper light on human interrelationships—and on the interrelationships within the entire course of human development—it is, of course, largely misunderstood today. For an era is emerging more and more clearly in the outer world that wants nothing to do with Spiritual Science—an era in which a deeper understanding, even of history, is no longer sought at all; an era in which everyone pursues only what they, according to their subjective judgment and their personal sympathies or antipathies, wish to regard as true. Of course, Spiritual Science must be present precisely in such a time, for the pendulum of development must swing to the other side. But it is just as obvious that Spiritual Science will be widely misunderstood in such a time. And we really must be clear about how much of our time is characterized by people who do not seek objectivity, perspective, or a comprehensive view at all, but who instead make hasty judgments based on their inclinations. It is truly the case that, fundamentally speaking, on the one hand there is a profound necessity to convey an extraordinary amount from the spiritual world, yet on the other hand it is extraordinarily difficult to make oneself understood, especially in our immediate present. Never before have people lived so strongly, as it were, within a general aura of which they are completely unaware. I am deeply convinced, when I say that much must remain unsaid in our time, that there will be many who take it for granted that they are now suited—perhaps within a smaller circle—to hear what cannot otherwise be said. Yet this view is entirely mistaken. Certainly, many may long to hear now some of what it may only be possible to say to humanity years from now. But we must be clear that we live today in an age where judgment is not passed only when a word, with its meaning, reaches our soul, but where judgment has already been passed before the word reaches our soul. In our time, the way the word is received is, for the most part, already determined by the time the word reaches the ear and has not yet been taken in by the soul. We no longer have the time to ask about the meaning, so stirred up are people’s passions and emotions at present by the oppressive events into which we have been thrust, and many a word could only be tolerated because it was spoken in our presence.
[ 39 ] Wir können in unserer Gegenwart nichts anderes tun, als uns dies immer wieder ganz klarzumachen, daß es darauf ankommt, daß sich eine Anzahl von Menschen findet, die feststehen auf dem Boden desjenigen, was wir uns durch unsere Geisteswissenschaft schon erringen konnten; die fest und treu auf diesem Boden stehen und die Hoffnung hegen können, daß dieses fest und treu auf dem Boden der Geisteswissenschaft Stehen für die Entwickelung der Menschheit in einer gewissen Zeit wichtig und wesentlich werden kann. Es wird gewiß die Zeit kommen, wo — da nun einmal schon viele Leidenschaften aufgerührt sind — etwas wie eine große Frage die Atmosphäre, in der unsere geisteswissenschaftliche Strömung lebt, durchziehen wird. Man wird diese Frage nicht deutlich vernehmen, aber vielleicht werden deutlich die Wirkungen sein. Auch die Antworten werden nicht deutlich in Worten gegeben werden, aber in bezug auf die äußeren Geschehnisse werden sie vielleicht sehr deutlich sein. Es wird so etwas, ohne in Worte gefaßt zu sein, durch die geisteswissenschaftliche Strömung raunen, wie: Soll ich mitgehen oder soll ich nicht mitgehen? — Und mit in der Antwort wird das sprechen, was die Menschen getrieben hat aus der Sensation heraus, aus der Sympathie mit den allgemeinen Empfindungen, die aus der Geisteswissenschaft kommen. Aus vielen Nebenempfindungen heraus wird das kommen, was zu der Antwort drängen wird, die nicht klar gefaßt sein wird, die nicht sich einfach ausspricht dadurch, daß man sagen wird: mir hat die Geisteswissenschaft gefallen, jetzt haben sich mir andere Empfindungen hineingemischt, jetzt gefällt sie mir nicht mehr —, sondern man wird in Masken auftreten und allerlei Gründe suchen, die man vielleicht an vielen Seiten auseinandersetzen wird. Das Wesentliche wird daran sein, daß einem früher die Geisteswissenschaft gefallen hat, jetzt nicht mehr gefällt, was sehr viel mit Schwärmerei zu tun hat, mit Sensation, mit allerlei seelischen Wollustgefühlen und so weiter. In einem gewissen Sinne wird schon gerade aus den Emotionen der Gegenwart heraus immer mehr sich so etwas ergeben, wie: Ich gehe mit — und: Ich gehe nicht mit. — Allein im Inneren ist unsere Geisteswissenschaft unbesiegbar, ganz unbesiegbar. Und das, worauf wir zu sehen haben, ist, daß sich wenigstens einige finden, in deren Herzen sie fest verankert ist, aber verankert nicht aus Sympathie und Vorliebe, aus Gefallen und Sensation heraus, aus Eitelkeit und Schwärmerei heraus, sondern deshalb, weil die Seele mit ihr als mit ihrer Wahrheit verbunden ist, und weil die Seele keine Schwierigkeiten scheut, in den Wahrheitskern der Welt einzutreten. Manches wird ganz abfallen; aber vielleicht wird das, was danach bleibt, um so bedeutsamer und sicherer sein. Dieses ist zu bedenken, wenn jetzt immer wieder betont werden muß, daß wir, bis friedlichere Zeiten über unsere kultivierten Länder heraufziehen, auf sehr vieles verzichten müssen, was vielleicht gerade zum Verständnis unserer Gegenwart sehr nützlich wäre, was aber aus der charakterisierten Art unserer Zeit eben wirklich jetzt nicht vor die Menschheit gebracht werden kann.
[ 39 ] In our present time, we can do nothing else but make it clear to ourselves again and again that what matters is that a number of people be found who stand firmly on the ground of what we have already been able to attain through our Spiritual Science; who stand firmly and faithfully on this ground and who can cherish the hope that this firm and faithful standing on the ground of Spiritual Science may, in due course, become important and essential for the development of humanity. The time will certainly come when—since so many passions have already been stirred up—something like a great question will permeate the atmosphere in which our spiritual scientific movement lives. This question will not be heard clearly, but perhaps its effects will be evident. Nor will the answers be given clearly in words, but in relation to external events they may be very clear. Something like this, without being put into words, will whisper through the Spiritual Science movement: “Should I go along with it, or should I not?” — And the answer will reflect what has driven people—out of a sense of sensation, out of sympathy with the general sentiments arising from Spiritual Science. Arising from many secondary feelings will be what drives the response—a response that will not be clearly articulated, that will not simply be expressed by saying: “I used to like Spiritual Science, but now other feelings have crept in, and now I no longer like it”—but rather, people will put on a facade and seek all sorts of reasons, which they may expound upon from many angles. The essential point will be that one used to like Spiritual Science but no longer does, which has a great deal to do with enthusiasm, with sensation, with all sorts of sensual pleasures of the soul, and so on. In a certain sense, precisely out of the emotions of the present, something like this will increasingly emerge: “I’m going along with it”—and: “I’m not going along with it.”—But deep within, our Spiritual Science is invincible, utterly invincible. And what we must keep in mind is that there will at least be some in whose hearts it is firmly anchored—not out of sympathy or preference, out of pleasure or sensation, out of vanity or enthusiasm, but because the soul is connected to it as to its own truth, and because the soul does not shy away from the difficulties of entering into the core of truth in the world. Much will fall away entirely; but perhaps what remains afterward will be all the more significant and certain. This must be borne in mind when it is now necessary to emphasize again and again that, until more peaceful times dawn upon our civilized lands, we must do without a great many things that might be very useful for understanding our present age, but which, given the nature of our times, simply cannot be presented to humanity at this very moment.
[ 40 ] Diese Worte möchte ich zur Erklärung dessen sprechen, daß manches gerade in den letzten Vorträgen nur andeutungsweise gesagt worden ist. Allein ich möchte noch eines bemerken. Gerade wenn das wahr ist — und es ist ja wahr —, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Wort schon zum Urteil geführt hat, bevor es noch an die Seele gekommen ist, so können viele mit dem Werkzeuge dessen, was die Geisteswissenschaft ihnen schon gibt, aus den Ereignissen der Gegenwart vieles lernen. Gerade aus dem, was um uns herum geschieht, kann viel gelernt werden, wenn man es tiefer ansieht, wenn man sieht, wie heute der äußeren Menschheit fast ganz abhandengekommen ist die Möglichkeit, nach irgendeiner Objektivität zu urteilen, wie nur aus den Emotionen heraus die Urteile erfließen, die dasjenige durchziehen, was durch die Kulturwelt gegeben ist. Und wenn man nach dem Grund sieht, warum dies so ist, wenn man diesen Grund schwirren sieht in der Menschenaura der Gegenwart und dann weiß, wie das Wort eben schon ein Urteil ist, bevor es in die Seele kommt, dann kann man gerade mit dem Instrument der Geisteswissenschaft auch aus den Ereignissen der Gegenwart viel lernen. Und lernen sollen wir, wenn wir in die Lage kommen sollen, in Wirklichkeit ein Werkzeug zu werden — als Gesellschaft für diese Geisteswissenschaft. Das Beispiel, das heute angeführt worden ist, wie ein Mensch, der unsere Gesellschaft treffen will, eine vierte Strophe zitiert und die dritte wegläßt, ja, meine lieben Freunde, wenn Sie nach den Gründen der Gegnerschaften, die sich gegen uns erheben, suchen: überall sind sie zu finden. Sie müssen überall in der Oberflächlichkeit gesucht werden, in der ganz ungeheuren Oberflächlichkeit. Überall ist sozusagen eine vierte Strophe gesehen und eine dritte Strophe übersehen, bildlich gesprochen. Nur viele unter uns glauben das noch immer nicht. Viele unter uns glauben noch immer, daß sie gut tun, wenn sie zu dem oder jenem gehen und ihm erzählen: Ich bin doch so geistig geworden durch unsere Geisteswissenschaft, daß ich selbst meinem draußen im Felde kämpfenden Mann vorlese, und ich weiß, daß ihm das hilft. — Dann kommen die Leute selbstverständlich und verwenden das gegen uns. Oder wenn man den Leuten erzählt, was wir hören mußten, was hinausgetragen wurde als die «Nathanaelgeschichte» und so weiter. Daß solche Dinge überhaupt geschehen, daß wirklich aus unserer Mitte diese Dinge hinausgetragen werden, das geschieht zunächst scheinbar aus gutem Willen heraus, aber aus einem guten Willen, der mit einer gewissen Naivität verbunden ist, aber einer Naivität, die grenzenlos hochmütig ist, weil sie sich als Naivität nicht erkennt und nicht erkennen will, sondern sich als Person so wichtig nimmt, daß sie es für das Allernötigste hält, den oder jenen — von dem sie, wenn sie nicht so naiv wäre, wüßte, es ist nichts zu machen — bekehren will. Das ist so unendlich wichtig, daß man einsehen kann, daß zuweilen die Naivität sich in grenzenlosem Hochmut mit einer Mission begabt fühlt. Und niemand nimmt einem in der Regel etwas mehr übel als der Naive, der glaubt, das Allerbeste zu tun, wenn er aus einer gewissen Schwärmerei heraus das Absurde tut.
[ 40 ] I would like to say these words to explain why some things were only hinted at in the most recent lectures. However, I would like to make one more point. Precisely because it is true—and it is indeed true—that we are living in a time when a word has already led to judgment before it has even reached the soul, many people can learn a great deal from current events using the tools that Spiritual Science already provides them. Much can be learned precisely from what is happening around us, if one looks at it more deeply, if one sees how, today, outer humanity has almost entirely lost the ability to judge with any objectivity, how judgments flow solely from emotions and permeate everything that the cultural world has to offer. And when one looks for the reason why this is so, when one sees this reason swirling in the human aura of the present and then realizes how a word is already a judgment before it enters the soul, then one can learn a great deal from current events precisely through the instrument of Spiritual Science. And we must learn if we are to become, in reality, an instrument—as a society—for the Spiritual Science. The example cited today—of how a person who wishes to criticize our society quotes a fourth stanza and omits the third—yes, my dear friends, if you seek the reasons for the opposition that arises against us: they are to be found everywhere. They must be sought everywhere in superficiality, in that utterly immense superficiality. Everywhere, so to speak, a fourth stanza is seen and a third stanza is overlooked, figuratively speaking. Only many among us still do not believe this. Many among us still believe that they are doing the right thing when they go to this or that person and tell them: “I have become so spiritually developed through our Spiritual Science that I even read aloud to my husband, who is fighting out in the field, and I know that it helps him.” — Then, of course, people come and use that against us. Or when you tell people what we’ve had to hear—what’s been spread around as the “Nathanael story” and so on. That such things happen at all—that these things are actually spread from within our own ranks—seems at first to stem from good will, but from a good will that is linked to a certain naivety—a naivety, however, that is boundlessly arrogant, because it does not recognize itself as naivety and does not want to recognize it, but takes itself so seriously as a person that it considers it absolutely essential to convert this or that person—about whom, if it were not so naive, it would know there is nothing to be done. This is so infinitely important that one can understand how, at times, naivety, in its boundless arrogance, feels endowed with a mission. And as a rule, no one resents you more than the naive person who believes they are doing the very best thing when, out of a certain enthusiasm, they do the absurd.
[ 41 ] Und es ist ja, wenn Sie die Sache nehmen, schon einmal notwendig, daß wir wenigstens das aus der Geisteswissenschaft heraus gewinnen, daß wir uns bescheiden im Denken. Wenn das Denken wirklich so danebenhauen kann, wie ich es heute klarzumachen versuchte, warum sollen wir denn immer, wenn wir uns dies oder jenes eingebohrt haben in unser Gehirn, warum sollen wir denn daran durchaus glauben, daß das eine unumstößliche Wahrheit ist? Und warum sollen wir das denn dann gleich, als wie von einer Mission getragen, in die Welt hinausposaunen? Warum sollen wir uns denn nicht entschließen, erst etwas Wirkliches zu lernen und aus der geistigen Wissenschaft einen gewissen inneren Lebendigkeitsimpuls zu bekommen, als nur den, den wir bekommen, wenn wir daran nippen? Daher kann nicht oft genug an den Ernst, an den tiefen Ernst appelliert werden, der uns durchziehen muß, und der uns immer sagen muß: Und glaubst du noch so sehr an dein Urteil nach irgendeiner Richtung, du mußt es prüfen, denn es könnte danebenhauen. — Wenn wir all das berücksichtigen und noch manches andere — es kann ja nicht immer alles gesagt werden —, dann werden wir wirklich nach und nach eine Anzahl von Menschen sein, in deren Innerem das lebt, was so unpersönlich ist, wie die wichtigsten Impulse auch in der Gegenwart doch unpersönlich sein müssen, wenn sie gegen die bloß persönlichen Impulse aufkommen wollen, die heute die Welt durchwellen und durchwallen.
[ 41 ] And indeed, if you consider the matter, it is first and foremost necessary that we at least gain this insight from Spiritual Science: that we must be modest in our thinking. If thinking can really be so off the mark, as I tried to make clear today, why should we—whenever we’ve drilled this or that into our brains—why should we believe so absolutely that it is an irrefutable truth? And why should we then immediately go out into the world and trumpet it, as if driven by a mission? Why shouldn’t we resolve to first learn something real and to draw from the humanities a certain inner impulse of vitality—rather than just the one we get when we merely dabble in them? That is why we cannot appeal often enough to the seriousness—the deep seriousness—that must permeate us and that must always remind us: No matter how strongly you believe in your judgment in any given direction, you must examine it, for it could be wrong. — If we take all this into account, along with many other things—after all, not everything can always be said—then we will truly, little by little, become a group of people within whom lives that which is as impersonal as the most important impulses must be, even in the present, if they are to stand up against the merely personal impulses that are currently surging and sweeping through the world.
[ 42 ] Von solchen Empfindungen und Gefühlen wollte ich zu Ihren Seelen sprechen, da wir uns jetzt ein paar Wochen nicht treffen werden. Ich wollte Ihnen auch noch in den letzten Stunden vor diesen Wochen, wo wir nicht miteinander sprechen können, ein größeres Tableau geben, dadurch, daß ich aufrollte eine Seite in der ursprünglichen Entwickelung des Christentums und in ihrem Auseinandergehen in verschiedene Strömungen. Ich bin überzeugt davon, wenn Sie über die Entwickelung des Christentums in den bisherigen Jahrhunderten noch so viel studieren, Sie werden an dem, was heute gesagt worden ist, einen Leitfaden haben, der Ihnen unendlich vieles klarmachen wird in den äußeren Erscheinungen. Und in den äußeren Erscheinungen werden Sie umgekehrt, wenn Sie sie wirklich ernsthaft betrachten, überall die Bestätigung für dasjenige finden, was ich heute nur andeuten konnte. So wäre es gut, wenn wir so etwas wie eine Art Meditationsstoff benützen könnten, der uns Probleme und Rätsel vor die Seele stellen kann, deren Lösung wir, jeder nach seinem Vermögen, versuchen können. Selbstverständlich wird der eine das nur mit flüchtigeren Gedanken tun können, minutenweise, dem andern wird es näherliegen, sich mit etwas bekanntzumachen, was Aufklärung bringen kann über dasjenige, worauf da hingedeutet worden ist. Aber eine Anregung kann jeder dann haben, wenn versucht wird, ich möchte sagen, die wellenden Gedanken zu entwickeln, die durch die Jahrhunderte hindurchgehen und die doch wesentlich an dem beteiligt sind, was in der Gegenwart vor uns hintritt, so daß die Notwendigkeit vorliegt, es zu verstehen. Ich weiß, daß in Wirklichkeit niemand unsere leidvolle Gegenwart versteht, der nicht die Gegensätze alle kennenlernt, die auf ganz naturgemäße Weise im Laufe der europäischen Entwickelung heraufgekommen sind. Aber wenn man dasjenige, was heute über die Weltenlage geurteilt wird, mit dem vergleicht, was objektiv richtig ist und nur erkannt werden kann, wenn man all die Kräfte kennt, die in die Entwickelung eingegriffen haben, und die nur die Betrachtung der Geschichte auch in geistiger Beziehung ergeben kann, wenn man die heutigen Urteile mit dem vergleicht, was zum wirklichen Urteil führt, dann bekommt man tief, tief schmerzliche Gefühle. Nicht nur schmerzliche Gefühle über dasjenige, meine lieben Freunde, was heute geschieht, sondern über die Schwierigkeiten, die sich ergeben, um über das hinauszukommen, was heute geschieht. Und es muß hinausgekommen werden! Und je besser Sie einsehen werden, daß ein tiefes geisteswissenschaftliches Erkennen der Entwickelungskräfte der Menschheit auf allen Gebieten notwendig ist, ohne daß wir dabei unsere Emotionen persönlicher Art mitsprechen lassen, je mehr ein solches Erkennen der Entwickelungsimpulse durch die Geisteswissenschaft erstrebt wird, je mehr Sie erkennen, wie wichtig es ist, durch die Geisteswissenschaft diese Impulse zu erkennen und in Ihrer Seele zu beleben, desto besser werden Sie zu denjenigen Seelen gehören, die feststehen können auf dem Boden, auf dem heute festgestanden werden muß, wenn das erreicht werden soll, was eigentlich vermöge einer inneren, notwendigen Forderung der menschlichen Entwickelungsgeheimnisse geschehen muß.
[ 42 ] I wanted to speak to your souls about such feelings and emotions, since we will not be meeting for a few weeks now. I also wanted to present you with a broader picture in these final hours before the weeks when we will not be able to speak with one another, by tracing a chapter in the original development of Christianity and its divergence into various movements. I am convinced that, no matter how much you study the development of Christianity over the centuries to date, what has been said today will serve as a guide that will clarify an infinite number of things for you regarding its outward manifestations. And conversely, if you truly contemplate these outward manifestations with seriousness, you will find confirmation everywhere of what I could only hint at today. So it would be good if we could use something like a subject for meditation that can present problems and riddles to our souls, the solutions to which we can each attempt, according to our own abilities. Of course, some will be able to do this only with more fleeting thoughts, moment by moment, while for others it will be more natural to familiarize themselves with something that can shed light on what has been alluded to here. But everyone can find inspiration when they attempt—I would say—to develop those rippling thoughts that stretch back through the centuries and yet play an essential role in what confronts us in the present, making it necessary for us to understand it. I know that, in reality, no one understands our troubled present who has not come to know all the contradictions that have arisen in a completely natural way in the course of European development. But when one compares what is being judged today about the state of the world with what is objectively true—and can only be recognized by knowing all the forces that have intervened in this development, which can only be revealed by a consideration of history, including its spiritual dimensions—when one compares today’s judgments with what leads to a true judgment, then one is filled with deep, deep feelings of sorrow. Not only painful feelings, my dear friends, about what is happening today, but also about the difficulties that arise in moving beyond what is happening today. And we must move beyond it! And the more you come to realize that a deep spiritual-scientific understanding of the forces of human evolution in all areas is necessary—without allowing our personal emotions to influence our judgment—the more such an understanding of the evolutionary impulses is sought through Spiritual Science, the more you will realize how important it is to recognize these impulses through Spiritual Science and to bring them to life in your soul; the better you will belong to those souls who can stand firm on the ground where one must stand today if what must actually happen—by virtue of an inner, necessary demand of the mysteries of human evolution—is to be achieved.
[ 43 ] Zu Ihren Empfindungen, Ihren Gefühlen möchte ich sprechen, damit Geisteswissenschaft in diese Empfindungen, in diese Gefühle einziehe und darin fest verankert werde, und es Menschen gebe, wie es sie geben soll und wie es sie geben muß, wenn wir in der Entwickelung der Menschheit weiterkommen wollen. In aller Bescheidenheit müssen wir dies denken, aber in dieser Bescheidenheit müssen wir es tun, denn es ist nicht geeignet, uns zum Größenwahn zu erziehen, sondern nur geeignet, in uns das Bedürfnis zu erzeugen, möglichst viel Kraft und möglichst viel Intensität darauf zu verwenden, so recht zu durchdringen das, was sich geistig verwirklichen will in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit.
[ 43 ] I would like to speak about your sensations and your feelings, so that Spiritual Science may take root in these sensations and feelings and become firmly anchored within them, and so that there may be people as there ought to be and as there must be if we are to make progress in the evolution of humanity. We must think this in all humility, but we must act upon it in this humility, for it is not suited to fostering a sense of grandeur in us, but only to creating within us the need to devote as much strength and as much intensity as possible to truly penetrating that which seeks to realize itself spiritually in the history of human development.
