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Notwendigkeit und Freiheit
im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln
GA 166

8 Februar 1916, Berlin

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Einiges Ergänzende werde ich zu sagen haben zu den vier Vorträgen, welche über Freiheit und Notwendigkeit handelnd mehr oder weniger ein zusammenhängendes Ganzes bilden. Betrachten wir wiederum einmal eine unserer geisteswissenschaftlichen Grundwahrheiten, die Wahrheit von der Zusammensetzung des Menschen, die uns ja so geläufig geworden ist: daß wir den Menschen zusammengefügt, ineinanderliegend betrachten aus zunächst vier Gliedern, aus dem physischen Leib, dem ätherischen Leib, dem astralischen Leib und dem Ich. Wenn wir zunächst an dasjenige uns halten, was in der physischen Welt jedem Menschen gegeben ist, so können wir sagen: im gewöhnlichen, wachenden Zustande ist uns gegeben zunächst unser physischer Leib. Unseren physischen Leib kennen wir eben aus dem Grunde, weil wir ihn selbstverständlich äußerlich mit unseren Sinnen betrachten können, weil ihn jeder andere, der mit uns auf der physischen Welt ist, ebenso betrachten kann, weil er mit uns in dem Urteil übereinstimmen muß: dieser physische Leib ist vorhanden. Dieser physische Leib kann also für uns in der physischen Welt von außen betrachtet werden.

[ 2 ] Nicht kann betrachtet werden, wie Sie sich ja durch eine leichte Besinnung selber überzeugen können, dasjenige, was man gewöhnlich bei uns den ätherischen Leib nennt. Der entzieht sich nun schon der gewöhnlichen physischen Betrachtung. Ebenso entzieht sich der gewöhnlichen physischen Betrachtung der astralische Leib, und das Ich erst recht, denn dasjenige, was das Ich ist — wir haben es ja oftmals ausgesprochen —, kann so wenig von außen betrachtet werden, daß nicht einmal der Name dafür dem Menschen von außen gegeben werden kann. Wenn Ihnen irgend jemand das Wort «Ich» zurufen würde, so würden Sie nie auf den Gedanken kommen können, daß er Ihr Ich meinen könnte. Er kann nur sein eigenes Ich meinen. Also von außen wird dieses Ich überhaupt gar nicht mehr bezeichnet. Dennoch aber ist es klar, daß der Mensch von diesem Ich etwas weiß. Von innen heraus bezeichnet er es. Also man kann immerhin sagen: Während der Ätherleib, während der astralische Leib für den physischen Plan unzugänglich sind, ist das Ich zunächst für diesen physischen Plan nicht unzugänglich. Wir sprechen, indem wir «ich» sprechen, von diesem Ich. Aber dabei bleibt doch das bestehen: So, wie etwa der physische Leib oder ein anderes physisches Ding, kann dieses Ich nicht gesehen werden. Es kann nicht mit den Sinnen irgendwie wahrgenommen werden.

[ 3 ] Nun wird für uns die Frage entstehen: Was hat es denn eigentlich für eine Bewandtnis damit, daß wir von diesem Ich etwas wissen, daß wir überhaupt dazu kommen, es zu benennen? Philosophen sagen vielfach: Das Ich, das ist durch eine unmittelbare Gewißheit dem Menschen gegeben. Der Mensch weiß unmittelbar, daß das Ich vorhanden ist. Ja, es gibt Philosophen, die träumen davon, durch ihre bloße Philosophie wissen zu können, daß dieses Ich ein einfaches Wesen ist, also nicht aufgelöst werden und auch nicht sterben kann. Aber jeder, der gesund denkt, wird dieser philosophischen Meinung sogleich entgegentreten: Nun, wenn du uns auch noch so sehr beweisest, daß dieses Ich nicht aufgelöst werden kann, also nicht dem Verfall entgegengehen kann, so genügt es ja schon, daß dieses Ich nach dem Tode etwa für ewige Zeiten in dem Zustand wäre, in dem es zum Beispiel vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist. Dann würde man selbstverständlich nicht mehr von diesem Ich sprechen können. Die Philosophen irren sich damit, wenn sie glauben, in dem Ich, von dem sie reden können, sei etwas Reales vorhanden. Wenn man von einem real Vorhandenen spricht, so spricht man vielmehr von etwas ganz anderem.

[ 4 ] Vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist dieses Ich nicht vorhanden, kann der Mensch zu sich nicht «ich» sagen. Wenn er träumt von seinem Ich, kommt es ihm zuweilen sogar vor, wie wenn er sich im Bilde selbst entgegentreten würde, das heißt, er schaut sich an. Er sagt nicht so «ich» zu seinem Ich, wie er das im gewöhnlichen Tagesleben sagt. Wenn wir aufwachen, so ist es wirklich mit unserem wahren Ich so, als ob wir stoßen würden an die Festigkeit unseres physischen Leibes. Wir wissen ja, der Vorgang des Aufwachens besteht darin, daß wir mit unserem Ich, ebenso wie mit unserem Astralleib — aber jetzt interessiert uns zunächst das Ich — untertauchen in unseren physischen Leib hinein. Dieses Untertauchen spüren wir geradeso, wie wir es spüren, wenn wir mit der Hand an einen festen Gegenstand stoßen, und dieses Untertauchen, das uns gleichsam einen Gegenstoß gibt vom physischen Leib, das macht das Bewußtsein des Ich aus. Und den ganzen Tag, wenn wir wachen, haben wir wirklich nicht unser Ich, sondern wir haben die Vorstellung unseres Ich, die wie ein Spiegelbild am physischen Leib entsteht. Also dasjenige, was man von dem Ich gewöhnlich in der Philosophie hat, das ist das Spiegelbild des Ich. Ja, haben wir sonst nichts als dieses Spiegelbild des Ich? Nun, dieses Spiegelbild hört mit dem Einschlafen auf, das ist ja ganz klar. Da spiegelt sich das Ich nicht mehr. Nach dem Einschlafen würde also unser Ich wirklich verschwinden. Morgens aber, wenn wir aufwachen, zieht es wieder in den physischen Leib ein. Es ist also dagewesen.

[ 5 ] Was ist denn nun dieses Ich? Was haben wir denn, solange wir uns nur auf dem physischen Plan betätigen, von diesem Ich? Wenn man näher untersucht, so hat man nämlich von diesem Ich zunächst innerhalb der physischen Welt nichts anderes als Willensakt, Wille. Wir können nichts anderes tun, als uns wollen. Dieses, daß wir wollen können, das macht uns aufmerksam darauf, daß wir ein Ich sind. Der Schlaf besteht nur darin, daß wir alles Wollen herabgedämpft haben, daß wir eben während des Schlafes durch Gründe, die wir ja oftmals besprochen haben, nicht wollen können. Da ist also das Wollen herabgedämpft, herabgelähmt. Wir wollen nicht während des Schlafes. Was sich also ausdrückt in dem Worte Ich, das ist ein wirklicher Willensakt, und dasjenige, was wir vorstellen über das Ich, das ist Spiegelbild, das dadurch entsteht, daß das Wollen anschlägt an den Leib. Dieses Anschlagen, das ist geradeso, wie wenn wir, in den Spiegel schauend, unseren physischen Leib sehen. So sehen wir unser eigenes Ich, sich aussprechendes Wollen, von unserem physischen Leib zurückwirken. Das gibt uns die Vorstellung des Ich. Das Ich lebt also auf dem physischen Plane als ein Willensakt.

[ 6 ] So haben wir eigentlich Zweiheit auf dem physischen Plane: wir haben unseren physischen Leib, und wir haben unser Ich. Den physischen Leib haben wir dadurch, daß wir ihn durch die Anschauung vorstellen können außen im Raume; das Ich haben wir dadurch, daß wir wollen können. Alles übrige, das hinter dem physischen Leibe steht, bleibt uns zunächst für die physische Betrachtung ein Geheimnis. Wir sehen den physischen Leib, wie er entstanden ist, wie er sich zusammengefügt hat. Wir wir dieses Zusammenfügen beschreiben müssen durch das Durchgehen des Menschen durch die Saturn-, Sonnen-, Monden- und Erdenzeit, das bleibt Geheimnis, wenn man nur den physischen Leib anschaut. Also, was hinter diesem physischen Leibe ist, bleibt zunächst für die physische Betrachtung der physischen Welt Geheimnis.

[ 7 ] Wie der Wille untertaucht auf der anderen Seite in unseren physischen Leib hinein oder in alles, was wir überhaupt sind, das bleibt wieder Geheimnis. Denn, nicht wahr, des Willens können Sie sich bewußt werden, und Schopenhauer hat deshalb im Willen das einzig Wirkliche gesehen, weil er zu der Ahnung gekommen ist, daß man im Willen eigentlich seiner selbst bewußt wird. Aber wie dieser Wille untertaucht, davon weiß man auf dem physischen Plane gar nichts. Vom physischen Plane wissen Sie im Grunde genommen nur, daß Sie in ihrem Ich den Willen fassen können. Ich ergreife diese Uhr, aber wie dieser Wille übergeht durch den Ätherleib hinunter in den physischen Leib und dann wirklich zu der Handlung des Uhr-Ergreifens wird, das bleibt für den physischen Leib selbst ein Geheimnis. Der Wille taucht also von dem Ich gleich in den physischen Leib hinein. Es bleibt im Ich nichts anderes vorhanden als das innere Erspüren des Willens, das innere Erleben des Willens.

[ 8 ] So wie ich das hier beschreibe, ist es eigentlich erst für den weitaus größten Teil der Menschheit seit ein paar Jahrhunderten richtig, und das übersieht man ja gewöhnlich. Uns könnte es schon durch die vielen Betrachtungen, die wir angestellt haben, in Fleisch und Blut übergegangen sein. Wenn wir zurückgehen in die Mitte des Mittelalters, da ist es nur eine Phantasie, wenn man glaubt, die Menschheit habe damals wirklich genauso gelebt wie die jetzige Menschheit. Die Menschheit entwickelt sich, und die Art und Weise, wie der Mensch in der Welt drinnensteht, ist verschieden in den verschiedenen Epochen. Wenn wir hinter das 15., 14. Jahrhundert zurückgehen, da finden wir weitaus mehr Menschen als in der Gegenwart, die nicht bloß von dem physischen Leib wissen, sondern die da wirklich wissen, daß im physischen Leib etwas lebt, was wir heute mit dem Ausdruck «Ätherleib» bezeichnen, die wirklich etwas Aurisches an dem physischen Leib wahrnahmen. Natürlich waren es im Mittelalter, ich möchte sagen, nur noch die letzten Überreste, die letzten Fetzen eines alten Wahrnehmens; aber immerhin schaute man auch im 10. Jahrhundert dem Menschen nicht bloß so wie heute ins Auge, indem man einfach sein physisches Auge betrachtete. Man sah noch, indem man das physische Auge betrachtete, etwas vom Aurischen, etwas vom Ätherischen. Man sah noch in gewisser Weise ein aufrichtiges Auge, ein falsches Auge, aber nicht bloß etwa durch ein äußeres Urteil, sondern indem man unmittelbar das Aurische, das das Auge umspielte, wahrnahm. Und so mit anderem.

[ 9 ] Aber indem man dieses Aurische beim Menschen wahrnahm, nahm man es in viel, viel größerem Maße beim Tiere wahr, auch bei der Pflanze. Was heute wiederum, nur künstlich, hervorgerufen werden kann — Sie kennen alle diese Beschreibung aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» —, daß, wenn man ein Samenkorn betrachtet, man es anders aufstrahlen sieht als ein anderes Samenkorn, das war den Leuten in früheren Jahrhunderten noch eine ganz alltägliche, allgewöhnliche Erscheinung. So daß der Mensch nicht etwa mit dem Mikroskop erst untersuchen mußte, was man ja heute in den meisten Fällen auch nicht mehr kann, von welcher Pflanze irgendein Samenkorn ist, sondern aus dem Licht, aus der Lichtaura, die das Samenkorn umschloß, konnten die Menschen solches noch bestimmen. Und bei dem Mineral finden Sie in den älteren Schriften noch Beschreibungen der Mineralien so, daß man in einer bestimmten Art untereinander die Mineralien unterschied nach deren Wert in der Welt. Wenn die Alten das Gold ansahen, sprachen sie vom Gold all dasjenige, was sie aussprachen, nicht aus ihrer Phantasie heraus, sondern weil ihnen das Gold in der Tat in einer anderen Weise erschien als zum Beispiel das Silber. Wenn sie das Gold mit dem Sonnenlicht, das Silber mit dem Mondenlicht in Zusammenhang brachten, so beruhte das wirklich auf einer Beobachtung. Es beruhte wirklich darauf, daß derjenige, der das beobachtete, niemals etwas anderes empfand, indem er aussprach: Das Gold ist reines Sonnenlicht, das nur zusammenverdichtet ist, das Silber Mondenlicht und so weiter, ebenso, wie man in der Außenwelt noch das Elementare sah, das elementar Aurische, was sich für die Menschen der neueren Zeit verloren hat, weil die Menschheit der neueren Zeit eben die Entwickelung durchmachen soll zur Freiheit hin, die nur dadurch gegeben werden kann, daß man ganz und gar nur auf das heute Physisch-Gegenständliche schauen kann.

[ 10 ] Wie die Menschen also die Fähigkeit verloren, solches Aurische zu sehen, haben sie auch eine andere Fähigkeit verloren. Man muß heute ein Gefühl haben dafür, wie anders es doch ist, wenn die Alten vom Willen gesprochen haben. Sie haben noch viel mehr gefühlt, wie der Wille, der heute nur im Ich lebt, untertaucht in das Organische, wie er, wie wir heute sagen würden, untertaucht in den astralischen Leib hinein, Sie haben noch die Fortsetzung des Ich in den astralischen Leib hinein gefühlt. Man kann das auf einem ganz bestimmten Gebiete klarmachen.

[ 11 ] Sehen Sie, die Tatsache, daß die Maler gar nicht mehr ohne Modell auszukommen glauben, beruht ja darauf, daß man ganz verloren hat die Möglichkeit, noch die Fortsetzung des Ich in den Organismus hinein irgendwie zu erleben, diese Fortsetzung in den astralischen Leib hinein. Warum bewundert man denn heute vielfach gerade alte Porträts? Weil das alte Porträt nicht bloß so wie das heutige gemacht worden ist, daß? man eine Person hat und nun nachmalt nach der Person und ganz darauf angewiesen ist, daß man alles das, was dagewesen ist, nachmalt, sondern weil man noch gewußt hat: bei jemand, der die Muskeln um das Auge in einer bestimmten Weise formt, bei dem geht das, was im Ich lebt, in einer ganz bestimmten Weise in den astralischen Leib, durch den er diese Form der Muskeln hervorbringt. Ginge man gar ins alte Griechentum zurück, würde man sich ganz und gar täuschen, wenn man etwa glaubte, daß die alten Griechen ein Modell gebraucht haben zu diesen wunderbaren Formen, die sie zusammengefügt haben. Sie haben kein Modell gehabt. Wer eine bestimmte Armform zu geben hatte, der wußte, wie der Wille das Ich hineinführt in den astralischen Leib, und aus diesem, was er spürte, machte er dann die Formen. Indem alles Erfühlen des astralischen Leibes erstorben ist, ist erst nötig geworden, sich so eng an das Modell zu halten, wie das eben für unsere Zeit gebräuchlich geworden ist.

[ 12 ] Also das ist das Wesentliche, daß die Menschen dazu gekommen sind und daß sie gar noch nicht lange dabei sind, die Welt so äußerlich ohne alles Aurische zu sehen, wie das heute der Fall ist, und so innerlich, ohne alles Bewußtsein, daß der Wille hinunter rieselt in den astralischen Leib und den ganzen Organismus durchrieselt. Das ist erst vor kurzem so geworden.

[ 13 ] Wenn noch eine lange Zeit weiter vorübergegangen sein wird, dann wird eine andere Zeit über die Menschheit kommen. Dann wird dem äußeren Anblick auf dem physischen Plan noch mehr weggenommen worden sein, und dem inneren wird auch noch mehr weggenommen worden sein. Wir wissen ja, daß wir heute erst ein paar Jahrhunderte in der fünften nachatlantischen Periode stehen, vom 14. Jahrhundert ab —, denn wir zählen die vierte nachatlantische Periode ungefähr seit der Gründung Roms bis in das 15. Jahrhundert herein, die fünfte nachatlantische vom 15. Jahrhundert bis eben wiederum so lange, also daß wir jetzt eigentlich erst im ersten Drittel der fünften nachatlantischen Periode drinnen sind. Aber die Menschheit steuert zu einer ganz anderen Art des Wahrnehmens. Sie steuert zu einer viel größeren Ödheit und Leerheit in der äußeren Welt. Heute sieht der Mensch, indem er über die Natur hinblickt, noch so auf diese Natur hin, daß er ihr glaubt, sie sei grün, oder daß er dem Himmelsgewölbe glaubt, es sei blau. Er sieht so hin über die Natur, daß er ihr ihre Farben durch einen natürlichen Vorgang glaubt. In der sechsten nachatlantischen Periode wird er ihr ihre Farben nicht mehr glauben können! Heute sprechen nur die Physiker davon, daß außer uns ja nur Schwingungen vorhanden sind, und die Schwingungen rufen in uns das Rot hervor. Das, wovon heute die Physiker träumen, das wird Wahrheit werden. Heute ist es der Traum der Physiker; dann wird es Wahrheit werden. Die Menschen werden nicht mehr richtig unterscheiden können zwischen einem mehr oder wenig geröteten oder einem mehr oder weniger blassen Gesicht. Das werden sie wissen, daß das alles durch ihre eigene Organisation hervorgerufen wird. Sie werden es für einen Aberglauben halten, daß Farben draußen seien und die Gegenstände tingieren. Grau in grau, möchte man sagen, wird die äußere Welt sein, und der Mensch wird sich bewußt sein, daß er selber die Farben hineinträgt in die Welt. So wie heute die Menschen sagen: Ach, ihr verdrehten Anthroposophen, ihr redet davon, daß ein ätherischer Leib vorhanden ist, das ist aber nicht wahr, den träumt ihr nur in Dinge hinein! — so werden später diejenigen, die nun bloß die äußere Wirklichkeit sehen, zu den anderen sagen, die noch Farben in voller Frische sehen: Ach, ihr Träumer, ihr glaubt, daß draußen in der Natur Farben vorhanden sind? Ihr wißt nicht, daß ihr selber aus eurem Innern heraus diese Farben nur in die Natur hineinträumt. — Immer mehr wird die äußere Natur mathematisiert, immer mehr geometrisiert werden. So wie wir heute nur noch reden können vom ätherischen Leib und wie man uns in der Außenwelt nicht glaubt, daß er vorhanden ist, so wird man in der Zukunft nicht glauben, daß die Möglichkeit, Farben zu sehen, in der äußeren Welt irgendeine objektive Bedeutung hat, sondern man wird ihr nur eine subjektive Bedeutung zuschreiben.

[ 14 ] Ein Ähnliches wird die Menschheit erleben mit den Verhältnissen des Willens im Ich zu der äußeren Welt. Die Menschen werden dahin gelangen, äußerst gering die Impulse zu fühlen, die in dem Willen sich ausdrücken. Äußerst gering werden die Menschen fühlen dasjenige, was in jenen ursprünglichen persönlichen Erfahrungen liegt, wenn man etwas aus seinem Ich heraus will. Was aus dem Ich heraus gewollt ist, das wird sehr schwach auf die Menschen wirken. Wenn alles so fortgeht, wie es geschildert werden kann, was die Natur den Menschen gibt, werden die Menschen brauchen entweder, damit sie überhaupt etwas tun, lange Angewöhnung oder äußeren Zwang. Aufstehen werden die Menschen nicht so aus freien Stücken, sondern sie werden erst lernen müssen, aufzustehen, und es wird eine Gewohnheit werden müssen. Der bloße Entschluß zum Aufstehen wird gar keinen Eindruck machen. Jetzt ist es ein krankhafter Zustand, aber die bloße Naturentwickelung tendiert darauf hin, daß das so werde. Was wir innerliche Ideale nennen, wird immer weniger Glauben finden. Dasjenige hingegen, was äußerlich vorgeschrieben wird, wozu die Menschen äußerlich getrieben werden, das wird notwendig sein, damit der Wille sich entwickeln kann, damit die Impulse des Willens tätig sein können.

[ 15 ] Das wäre der natürliche Gang, der sich herausbildet, und wer da weiß, daß Späteres im Früheren vorbereitet wird, der weiß natürlich, daß das sechste Zeitalter im fünften vorbereitet wird. Und schließlich braucht man wirklich nicht einmal ganz geöffnete, sondern nur halb geöffnete Augen zu haben und man kann sehen, wie ein großer Teil der Menschheit nach jenen Tendenzen hinstrebt, nach jenen Tendenzen hin gerichtet sich zeigt, welche ich eben angeführt habe: wie immer mehr und mehr darauf hingearbeitet wird, daß alles eingetrichtert wird oder aber alles befohlen wird, und wie man das als das Richtige empfindet. Ich sagte vorhin, wir stehen jetzt ungefähr im ersten Drittel des fünften nachatlantischen Zeitraumes, das heißt des Zeitraumes, der aber — wenn auch die Physiker schon das Ideal des sechsten Zeitraumes haben noch einen Glauben daran hat, daß die Farben draußen wirklich sind, daß zum Beispiel die Röte oder Blässe eines Gesichtes irgend etwas zu tun hat mit dem Menschen. Wir haben heute noch den Glauben daran. Wir können uns durch die Physiker oder Physiologen zwar einreden lassen, wir erträumen die Farben, aber in Wirklichkeit glauben wir es ja doch nicht, sondern wir glauben, daß die Farben draußen die Natur tingieren, wenn wir naturgemäß auf dem physischen Plane leben.

[ 16 ] Wir stehen im ersten Drittel. Drei Drittel wird diese fünfte nachatlantische Zeit selbstverständlich haben. In diesen drei Dritteln muß die nachatlantische Menschheit verschiedenes durchmachen. Das erste ist, daß dasjenige, was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, voll zum Bewußtsein der Menschheit kommt, daß die Menschheit wirklich wissen lernt, richtig wissen lernt, daß sie im Grunde genommen, indem sie den physischen Leib vor sich hat, dasjenige übersieht, was hinter diesem physischen Leibe steckt, überhaupt in allen Dingen übersieht, was hinter dem Physischen steckt. Im zweiten Drittel der fünften nachatlantischen Zeit werden sich — wenn Geisteswissenschaft Glück hat — immer mehr und mehr Menschen finden, welche wissen werden, daß allerdings mit dem, was wir da draußen sehen, etwas anderes verbunden ist, ein Ätherisch-Geistiges. Es wird dem Menschen das Bewußtsein aufdämmern, daß dasjenige, was verlorengegangen ist, im früheren Hellsehen vorhanden war und für das jetzige Verhältnis des Menschen zur Welt verlorengegangen ist; aber auf andere Weise, als es früher vor die Menschenseelen trat, wiedergefunden werden muß. Wir können die Aura nicht wieder so sehen, wie sie früher gesehen worden ist, aber es kann, wenn die Menschen sich bewußt werden, daß solche Übungen, wie sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angeführt sind, angestellt werden, daraus folgen, daß sie auch ein Bewußtsein haben werden, wie man wiederum erkennen lernen kann, aber jetzt auf einem anderen Wege, daß das Aurische den Menschen umspielt, daß das Aurische auch alle anderen Dinge der Welt umspielt und sie durchdringt. Also davon werden die Menschen wiederum ein Bewußtsein erlangen.

[ 17 ] Ferner werden die Menschen ein Bewußtsein davon erlangen, daß man wiederum die Impulse des Inneren ergreifen kann. Aber man wird sie stärker ergreifen müssen als heute, denn die natürliche Tendenz ist diese, daß der Wille immer mehr und mehr von seiner impulsierenden Kraft verliert. Daher muß dieser Wille stärker ergriffen werden. Dieser Wille wird dadurch erzeugt, daß die Menschen sich vor allen Dingen bekannt machen mit dem stärkeren Denken, das notwendig ist, um die Wahrheiten der Geisteswissenschaft zu erfassen. Diejenigen, welche die Wahrheiten der Geisteswissenschaft erfassen, werden dadurch in ihren Willen mehr Kraft hineingießen und dadurch eben dazu kommen, nicht allmählich immer mehr und mehr einen gelähmten Willen zu bekommen, sondern einen wirksamen Willen, der frei aus dem Ich heraus wirken kann, Es wird entgegenwirken im weiteren Fortgange der Menschheit dem, was sich auf naturgemäße Weise herstellen will, dasjenige, was erlangt werden kann dadurch, daß man sich anstrengt: daß man auf der einen Seite versucht, die geistigen Übungen der Geisteswissenschaft zu machen, um das Aurische wiederum gewahr werden zu können, und auf der anderen Seite versucht, sich zu stärken durch jene Impulse, welche die Geisteswissenschaft als solche geben kann, damit der Wille wiederum stärker werden kann, damit der Wille wiederum wirksam werden kann.

[ 18 ] Denn sehen Sie, die Sache ist ja eigentlich die folgende: Was da im zweiten Drittel der fünften nachatlantischen Zeit durch die Geisteswissenschaft erzeugt werden muß, das ist jetzt eben durchaus nicht vorhanden. Wie stehen denn eigentlich heute die Menschen, indem sie die äußere Welt anschauen? Und wie stehen denn die Wissenschafter, indem sie die äußere Welt anschauen? Das ist sehr lehrreich, einmal zu betrachten, wie die heutige Wissenschaft — diese heutige Wissenschaft nur aus dem Grunde, weil es das natürliche Verhältnis des Menschen zu der Umwelt ist —, insbesondere aber wie die heutigen Wissenschafter stehen. Die heutige Wissenschaft und auch der gewöhnliche Mensch, wenn sie die äußere physische Natur anschauen, sei es das mineralische, das pflanzliche, das tierische, das menschliche Reich, haben nicht die Kraft, wirklich einzudringen in dasjenige, was sie beobachten. Der Physiker stellt ein Experiment an, er beschreibt es. Aber er traut sich nicht, einzudringen in das, was er beschreibt. Er traut sich nicht, in die Vorgänge, die ihm das Experiment über seinen Verlauf gibt, tiefer einzudringen. Er bleibt an der Oberfläche haften. Er ist der äußeren Welt gegenüber ganz genau in demselben Zustand, in dem Sie auf einem anderen Platze sind, wenn Sie träumen. Da träumen Sie dadurch, daß Ihr Ätherleib Ihnen die Erlebnisse des astralischen Leibes zurückstrahlt. Wer heute äußerlich die Natur betrachtet oder wer ein Experiment macht, der betrachtet auch dasjenige, was sie ihm zurückstrahlt, was sie ihm gibt. Er träumt nur von der Natur. Er würde aufwachen in dem Moment, wo er an die Natur so heranginge, wie Geisteswissenschaft an die Natur herangeht. Das will er nicht. Heute, im ersten Drittel der fünften nachatlantischen Zeit, träumen die Menschen nur über die Natur. Sie müssen aufwachen, die Menschen! Sie träumen nur über die Natur. Nur manchmal wacht einer aus dem Traume auf, und dann sagt er sich: Das, was da draußen ist, das ist doch nicht ein bloßer Traum, sondern da lebt was drinnen in dem Traum.

[ 19 ] Solch ein Aufwachen, aber nicht recht wissen, was er damit anfangen sollte, war Schopenhauers Philosophieren. Das erregte Anstoß bei denjenigen, die ganz im heutigen Sinne scharfsinnig philosophieren, wie der ausgezeichnete Philosoph Bolzano in Böhmen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wenn man sein Exemplar von Schopenhauer nimmt, sieht man, wie er an den Rand geschrieben hat: «Der reine Wahnsinn!» Natürlich mußte ihm das so als der reine Wahnsinn vorkommen, weil es wirklich wie aus einer Art Delirium konstatiert ist: Da lebt etwas wie Wille draußen in der Natur. — Und wo diese moderne Naturwissenschaft ganz und gar sich treu bleibt, wo sie gewissermaßen ihre Konsequenzen zieht, wohin wird sie denn da gelangen? Nun, sie wird dazu gelangen, bloß über den physischen Leib zu träumen. Daß hinter diesem physischen Leib noch etwas steckt, davon ahnt sie nichts, sonst würde sie von einem Ätherleib sprechen müssen, von einem Astralleib, von einem Ich. Aber sie will nicht das Reale erfassen, sie will nur das, was sich darbietet, erfassen. Der heutige Physiker oder Physiologe kommt sich wirklich vor wie ein Nachtwandler. Er träumt, und wenn man ihn anschreit — und das Anschreien geschieht in diesem Falle dann, wenn man ihm von Geisteswissenschaft sagt —, da plumpst er hin wie der Nachtwandler, der hinplumpst, wenn man ihn anschreit. Da plumpst er hin und ist der Meinung: Jetzt bin ich in dem Nichts darinnen! — Er kann zunächst nicht anders, er muß beim Träumen bleiben. Gerade wenn er glaubt, am wachsten zu sein gegenüber der äußeren Natur, bleibt er am allermeisten beim Träumen. Was wird denn daraus entstehen? Daraus wird entstehen, daß er allmählich jede Möglichkeit verliert, etwas anderes in der Außenwelt zu finden als das, was er von ihr vorstellen kann. Er verliert allmählich die Möglichkeit, auch bei dem, was hinter dem liegt, was er über die Außenwelt vorstellen kann, sich noch etwas vorstellen zu können. Was bleibt ihm denn auch, wenn er den Menschenleib dem Naturforscher überläßt? Er hat den Menschen vor sich. Den sieht er sehr genau, oder er läßt sich von dem Naturforscher oder auf den Kliniken sagen, was für Veränderungen auftreten, wenn dies oder jenes nicht normal geht im Leben. Diesen physischen Leib zergliedert er sehr genau. Aber dabei bleibt er stehen, und gar keine Ahnung hat er, daß dahinter etwas ist. In diesem physischen Leib ist gar nichts vom Ich, vom Willen drinnen.

[ 20 ] Was müßte denn dieser Naturforscher eigentlich tun? Er müßte den Willen und das Ich ganz ableugnen. Er müßte sagen: Es gibt keinen Willen, es ist nichts vorhanden im Menschen; denn diesen Willen kann man nicht finden. — Unten in der Organisation, da verbirgt sich der Wille. Er wird nur im Ich ergriffen, wie wir gesagt haben, erfühlt, erlebt. Also müßte vor allem der Wille gezeigt werden. Das heißt, wir müßten es erleben, daß ein Naturforscher, der heute nur träumt, wenn er ganz aufrichtig wäre, seinen Zuhörern sagt: Ja, wenn wir über den Menschenreden, so ist eigentlich über den Willen zu reden. Das ist uns Naturforschern ein Unding. Der Wille ist gar nichts. Der ist eine ganz leere Hypothese. Der ist nicht vorhanden. — So müßte er sagen. Das würde ganz konsequent sein. Solch ein Naturforscher würde von den äußeren Vorgängen träumen. Den Willen würde er leugnen.

[ 21 ] Was ich Ihnen erzähle, ist nicht etwa von mir jetzt nur vorgetragen. Es ist eine Denknotwendigkeit der heutigen naturwissenschaftlichen Anschauung. Sie sehen, daß ein Naturforscher, wenn er etwa die letzte Konsequenz seiner Denkweise zieht, auf das kommt, was ich Ihnen erzähle. Das ist von mir nicht nur erfunden. Ich habe hier zum Beispiel einen «Leitfaden der Physiologischen Psychologie in fünfzehn Vorlesungen» mitgebracht, die der sehr bekannte Professor Dr. Ziehen in Jena verfaßt hat. Er versucht, dasjenige darzustellen, was seelisch-leiblich an dem Menschen zur Erscheinung kommt. In den einzelnen Vorlesungen geht er nun alles durch, indem er über die Empfindung, den Reiz, Geruchs-, Geschmacks-, Gehörs-, Gesichtsempfindungen und so weiter spricht. Ich will Sie mit alledem nicht belästigen, sondern will nur ein paar Stellen besprechen, welche in der fünfzehnten Vorlesung über den «Willen» vorhanden sind. Da finden Sie zum Beispiel Sätze wie die folgenden: «Wir haben aus den zahllosen materiellen Reizen der Außenwelt Rindenerregungen abgeleitet, welchen auf psychischem Gebiet die Empfindungen entsprachen. Wir verfolgten die Rindenerregung alsdann in der Hirnrinde auf den Assoziationsfasern bis in die motorische Zone: von hier wurde die materielle Erregung wieder peripheriewärts der Muskulatur zugeleitet und löste Muskelkontraktionen aus. Psychisch entsprach dem transcorticalen Prozeß das Spiel der Ideenassoziation, und die resultierende Bewegung bezeichneten wir psychologisch als Handlung. Wir vermochten die letztere aus der Empfindung und aus den Erinnerungsbildern früherer Empfindungen, den Vorstellungen, nach den Gesetzen der Ideenassoziation in völlig genügender Weise abzuleiten und hatten damit den psychischen Prozeß bis zu seinem Schlußgliede verfolgt. An dieser Stelle stoßen wir jedoch» sagt Ziehen weiter — «auf eine Hypothese, welche die Psychologie früher fast ausnahmslos gelehrt hat, und zu welcher zu allen Zeiten der gemeine Menschenverstand scheinbar unbewußt gelangt: ich meine die Annahme eines besonderen Willens als Ursache unserer Handlungen.»

[ 22 ] Nun zeigt Ziehen, wie es keinen Sinn hat, von einem solchen Willen zu sprechen, wie der Physiologe nichts findet, was irgendwie diesem Wort «Wille» entsprechen würde. Er zeigt auch noch an der besonderen Ausdeutung, die er hat für Kräfte-Wirkungen, die man als Willens-Entartung bezeichnen könnte, daß es sich da auch dann nicht um einen Willen handelt, sondern um etwas ganz anderes, so daß von einem Willen gar nicht gesprochen werden kann.

[ 23 ] Sie sehen, das ist ganz konsequent. Bleibt man bei dem Träumen der äußeren physischen Welt stehen, so kann man nicht zum Willen kommen. Den Willen kann man gar nicht finden. Man kann nur, wenn man eine Weltanschaung macht, den Willen als solchen leugnen, kann sagen: Nun ja, dann gibt es keinen Willen. Das machen die heutigen sogenannten Monisten ja hinlänglich. Sie leugnen den Willen. Sie sagen, der Wille ist überhaupt nicht vorhanden als solcher, das ist nur ein mythologisches Gebilde. Ziehen drückt sich ja etwas vorsichtiger aus, aber immerhin kommt er zu merkwürdigen Ergebnissen, zu Ergebnissen, bei denen er sich wohl hüten wird, sie nun ganz konsequent zu nehmen. Ich will Ihnen aus seiner letzten Vorlesung doch noch einige Sätze vorlesen, aus denen Sie sehen werden, daß er schon die Konsequenz zieht, aber allerdings noch etwas kokettiert mit diesem Nicht-Vorhandensein des Willens. Denn da sagt er: Wie steht es mit dem Begriff der Verantwortlichkeit?

[ 24 ] Also den Willen findet er nicht. Nun sagt er zu der Frage, wie es stehe mit dem Begriff der Verantwortlichkeit: «Dieser widerspricht in der Tat den Ergebnissen der physiologischen Psychologie. Diese lehrte: unser Handeln ist streng necessitiert» — das heißt, absolut notwendig im physischen Sinn —, «das notwendige Produkt unserer Empfindungen und Erinnerungsbilder. Man könnte also dem Menschen eine schlechte Handlung ebensowenig als Schuld zurechnen wie einer Blume ihre Häßlichkeit. Die Handlung bleibt deshalb — auch psychologisch — schlecht, aber sie ist zunächst keine Schuld. Der Begriff der Schuld und der Verantwortlichkeit ist — um den Gegensatz kurz zu bezeichnen — ein religiöser oder sozialer. Wir können daher hier von demselben absehen. Die Psychologie, um es zu wiederholen, leugnet ästhetische und ethische absolute Gesetze nicht, wofern sie ihr von anderer Seite nachgewiesen werden, sie selbst, in ihrer empirischen Beschränkung, kann nur empirische Gesetze finden.»

[ 25 ] Es ist auch ganz natürlich: träumt man nur über die äußere Natur, dann tritt uns auf der einen Seite ein Mensch entgegen, der Wohltaten austeilt, auf der anderen Seite ein anderer, der die Menschen durchprügelt für nichts und wieder nichts. So, wie die eine Blume schön ist aus Naturgesetz heraus, die andere Blume häßlich, so ist der eine Mensch ein guter Mensch, wie man sagt. Aber das Gute soll ja nicht anders gedeutet werden, als daß es etwas bedeutet wie die Schönheit bei der Blume, und das Häßliche soll nichts anderes bedeuten als das Häßliche bei einer Blume. Also ganz konsequent: «Man könnte also dem Menschen eine schlechte Handlung ebensowenig als Schuld zurechnen wie einer Blume ihre Häßlichkeit. Die Handlung bleibt deshalb — auch psychologisch schlecht, aber sie ist zunächst keine Schuld. Der Begriff der Schuld und der Verantwortlichkeit ist — um den Gegensatz kurz zu bezeichnen — ein religiöser oder sozialer.» Also kein irgendwie erkennender, sondern ein religiöser oder sozialer. — «Wir können daher hier von demselben absehen. Die Psychologie, um es zu wiederholen, leugnet ästhetische und ethische absolute Gesetze nicht, wofern sie ihr von anderer Seite nachgewiesen werden, sie selbst, in ihrer empirischen Beschränkung, kann nur empirische Gesetze finden.»

[ 26 ] So drückt Ziehen sich noch vorsichtig aus, indem er nicht gleich eine Weltanschauung baut. Aber baut man eine Weltanschauung, dann fällt alle Möglichkeit weg, den Menschen für seine Taten zur Verantwortung zu ziehen, wenn man auf dem Boden steht, auf dem hier der Verfasser dieses Buches, der Halter dieser Vorträge steht. Das kommt deshalb, weil von diesen Leuten über die äußere Welt geträumt wird. Aufwachen würden sie in dem Augenblicke, wo sie dasjenige annehmen, was von der Geisteswissenschaft über die äußere Welt gesagt wird. Aber nun denken Sie, da haben diese Menschen eine Wissenschaft, die sie selbst zu dem Geständnisse führt: Also von all dem, was da von dem äußeren Leib hineinführt bis zum Ich des Menschen, von dem wissen wir nichts. — Aber im Ich müssen leben: erstens die ästhetischen, zweitens die ethischen Gesetze, und wenn wir genauer hinsehen sogar die logischen Gesetze. Das muß alles im Ich leben. Im Ich muß überhaupt das leben, was zum Willen führt. Es ist nichts in dieser Wissenschaft, was irgendwie als ein realer Impuls in dem Willen leben könnte. Es ist gar nichts davon in dieser Wissenschaft. Also ist etwas anderes notwendig.

[ 27 ] Denken Sie, wenn heute nur diese Wissenschaft bestehen würde in der Welt, so würde man sagen: Nun ja, ich finde eine häßliche Blume, ich finde eine schöne Blume, das ist von der Natur notwendig so. Ich finde einen Menschen, der die anderen mordet, ich finde einen Menschen, der den anderen Wohltaten verursacht, das ist von Natur eben so. Alles müßte ganz selbstverständlich wegfallen, was irgendwie zum Willen spricht. Warum fällt es denn nicht weg? Ja, wenn man das Ich nicht mehr ansieht, wenn es nicht mehr als im Bereich dessen gelten läßt, wohin man kommen kann durch die Betrachtung der Welt, dann muß man auf eine andere Weise dazu kommen. Wenn man noch, wie Ziehen es ja tut, «soziale oder religiöse Gesetze» gelten lassen will, so muß man sie auf eine andere Weise irgendwie in den Menschen hineinbringen. Das heißt, wenn man träumt mit Bezug auf die Außenwelt, mit Bezug auf das Geschaute, so muß man das Gewollte auf irgendeine Weise anregen. Und das kann dann nur das Gegenbild des Traumes sein: der Rausch. Es muß dasjenige, was im Willen lebt, in diesen Willen sich so einleben, daß der Mensch nur ja nicht darüber zu einem Besinnen kommt, daß er es ja nicht als Willensimpuls vollständig erkennt. Das heißt, es muß gewünscht werden in einem solchen Zeitalter, daß der Mensch das, was er als seine Willensimpulse aufnimmt, nur ja nicht klar zu sehen versucht, sondern es muß in ihm wirken — wir können schon das Bild gebrauchen —, wie der Wein wirkt, wenn der Mensch trunken ist. Wie derjenige, der berauscht ist, nicht die volle Besinnung hat, so muß das wirken als Impuls, was nicht zur vollen Besinnung gebracht wird. Das heißt, wir leben in einer Zeit, in der man es ablehnen muß, die Willensimpulse wirklich bis in ihre letzten Inhalte hinein zu untersuchen. Die Religionsbekenntnisse wollen Impulse liefern, aber diese wollen ja nicht irgendwie untersucht werden. Sie wollen ja nicht, daß die Begriffe, durch die sie den Willen impulsieren, irgendwie einer objektiven Betrachtung unterzogen werden. Das soll alles durch Rausch in den Menschen hineinkommen.

[ 28 ] Wir können das in der Gegenwart wiederum tatsächlich nachweisen. Versuchen Sie einmal wirklich, aber unbefangen, auf die Art und Weise zu hören, wie heute über religiöse Impulse gesprochen wird. Da fühlen sich die Menschen am wohlsten, wenn ihnen nur ja nichts gesagt wird, warum dies oder jenes impulsiert werden soll, sondern wenn ihnen gesprochen wird so, daß sie ins Feuer kommen, daß ihnen Begriffe, über die sie nicht ganz zur Besinnung kommen, in die sie nebulos eingehüllt werden, beigebracht werden. Und denjenigen Redner auf diesem Gebiete wird man für den vorzüglichsten halten, der Feuer, Feuer, Feuer in die Seelen hineinbringt, der möglichst wenig darauf sieht, daß jede einzelne wirklich von Besinnung durchzogen ist. Die Träumenden kommen daher und sagen: Wir prüfen die Evangelien. Da finden wir nichts davon, daß in dem Jesus von Nazareth, wenn wir sein Dasein schon zugeben, wirklich irgendein außerirdisches Wesen gelebt hat. Wir brauchen uns nur zu erinnern, wie viele von den Träumern kommen und das Dasein des Christus eben einfach leugnen, weil es nicht auf dem äußeren physischen Plane nachgewiesen werden kann. Auf der anderen Seite stehen solche Theologen, die es nun auch nicht nachweisen können, und die daher über den Christus möglichst so reden, daß sie Begriffe bringen, die möglichst unklar sind, die möglichst zum Gefühl, zu den Trieben, zu den Instinkten sprechen.

[ 29 ] Das hat sich noch vor ganz kurzer Zeit in einer merkwürdigen Weise im äußeren Leben abgespielt. Da kamen die Träumer auf der einen Seite — mit Eduard von Hartmann hat es begonnen auf dem Gebiet der Philosophie und Drews hat dann eine ganze Agitation daraus gemacht —, da kamen die Träumer dazu, ich möchte sagen abzuleugnen die ganze Testamentslehre, indem sie zeigten: ein historisches Ereignis ist das Mysterium von Golgatha nicht. Man kann es auch nicht auf dem Gebiet der äußeren Geschichte beweisen, sondern man muß da ins Geistige hineinkommen. Den Träumern standen gegenüber solche, die dagegen auftraten. Lesen Sie die ganze Literatur und Sie werden sehen: nirgends ist etwas Besonnenes, Wissenschaftliches drinnen, sondern überall sind Worte, die man bezeichnen kann als berauschte und berauschende Worte. Nirgends Gründlichkeit! Überall wird gesprochen zu dem, was die unmotivierten Instinkte erregen soll. So steht es in unserem Seelenleben drinnen: der Traum auf der einen Seite, der Traum, der als Weltanschauung auf naturwissenschaftlicher Grundlage sich ergeben soll, auf der anderen Seite der Rausch, welcher sich ergeben soll aus demjenigen, was aus dem religiösen Bekenntnis hervorgeht.

[ 30 ] Traum und Rausch sind dasjenige, was heute hauptsächlich die Menschen beherrscht. Und ebenso wie der Traum nur dadurch vertrieben werden kann, daß man die Menschen erweckt, so kann der Rausch nur dadurch vertrieben werden, daß man nach den inneren Impulsen in vollständiger Klarheit schaut, das heißt, daß man den Menschen Geisteswissenschaft gibt, welche nicht berauschen kann, aber welche die Seele wirklich durchdringt mit dem, was die geistigen Impulse sind. Wiederum wollen die Menschen das heute noch nicht gerne mitmachen. Ich sagte schon, wenn man heute einem, der nur einen Monismus auf naturwissenschaftlicher Grundlage begründen will, der so ein hartgesottener haeckelischer Monist ist, Geisteswissenschaft zuruft, da plumpst er hin, bildlich gesprochen, da plumpst er selbstverständlich hin. Das ist ihm ganz natürlich, denn er fühlt sich sofort im Nichts, sein Bewußtsein hört auf, hört ganz auf. Nehmen Sie einen gewöhnlichen Menschen, der heute allein aus der Naturwissenschaft eine Weltanschauung machen will, und reden Sie ihm von dem, was aus der Geisteswissenschaft folgt, so ist es für den nichts; er kann nichts dabei verstehen. Wenn er ehrlich ist, so sagt er: Na ja, da fängt es an, es geht mir wie ein Mühlrad im Kopf herum. — Das heißt: er plumpst hin,

[ 31 ] Wenn man nun an den Rausch herantritt, da ist es ja natürlich für den, der sich richtig ernüchtern läßt, daß für ihn ein wahres, geläutertes inneres religiöses Leben eintritt, und er wird sein Bekenntnis vertiefen können in konkrete Begriffe hinein dadurch, daß er sich mit den Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft kommen, bekannt machen kann. Wenn Sie aber demjenigen, der das nicht will, der nicht seine Seele durchdringen will mit dem Ideal der Geisteswissenschaft, wenn Sie ihm kommen mit diesem geisteswissenschaftlichen Ideal und er sich darauf einlassen soll, wenn Sie also jemanden, der eben ganz im Gebiet der heutigen theologischen Wirksamkeit drinnensteht, mit der Geisteswissenschaft kommen, da wird er in einer sonderbaren Weise ernüchtert, so wie diejenigen ernüchtert werden, die einen Rausch gehabt haben, aber noch nicht ganz frei geworden sind von den organischen Wirkungen. Er kommt nämlich in den Katzenjammer hinein. Das kann man schon auch wirklich bemerken. Wenn Sie die Theologen heute, wo die Geisteswissenschaft bekannter, aber nicht verdaut wird wir können das insbesondere in der Umgegend von Dornach beobachten, wo sich die Theologen mehr damit befassen —, wenn Sie da die Theologen in dem, was sie sagen, beobachten, so finden Sie: das ist alles bei ihnen im Grunde genommen eine Art von Katzenjammer, in den sie versetzt werden dadurch, daß sie nun Begriffe bekommen sollen, Ideen, Inhalte bekommen sollen für dasjenige, wofür sie nur Rausch haben wollen und das sie nur unmotiviert in die geistige Gliederung der Menschenseele hineinbringen wollen. Sie schrecken zurück vor dem Ernüchtert-werden, das sie deshalb nicht ertragen können, weil sie wissen: da kommt nicht Klarheit für sie heraus, sondern — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — ein brummiger Schädel.

[ 32 ] Diese Dinge müssen wir durchaus betrachten in ihrer, ich möchte sagen, geschichtlichen Notwendigkeit. Wenn das eintreten kann, daß Geisteswissenschaft auf der einen Seite an die Menschen heranbringt wenigstens die Anfangsgründe davon, wie man nun auf einem neuen Wege dasjenige wieder sehen kann, was verlorengegangen ist, wie man wiederum Impulse in die Willen hineinbringen kann, dann wird aus Freiheit heraus dasjenige der Menschheit werden, was Natur dem Menschen nimmermehr geben wird. Damit sehen Sie auch mit einer gewissen Notwendigkeit unser Programm geformt. Wenn Sie solch einen Vortrag hören, wie ich ihn am letzten Freitag gehalten habe, wie ich ihn schon öfters gehalten habe, in dem ich auf der einen Seite aufmerksam machen will auf die Entwickelung des Denkens, auf der anderen Seite auf die Entwickelung des Willens, darauf aufmerksam machen will, wie auf der einen Seite das Denken weitergeht, bis man den Willen im Denken entdeckt, bis man durch das Denken aus sich herauskommt, auf der anderen Seite den anderen Zuschauer findet, dann gibt man auf der anderen Seite, indem man das Denken so weit treibt, daß er aus sich herauskann, dem Menschen die Möglichkeit, daß er nicht hinplumpst, wenn er angerufen und aufgeweckt wird. Er plumpst deshalb hin, weil er das äußere Geschehen nicht erfassen kann und keine Stütze hat, an der er sich halten kann, wenn er bloß träumt und aufgeweckt wird. Das, woran man sich halten muß, ist das, wozu man durch die Entwickelung des Denkens kommen kann, daß man nicht in einen innerlich unorganischen, ungeordneten Zustand kommt, den man Katzenjammer nennt. Das wird dadurch bewirkt, daß der innere Zuschauer, von dem ich sprach, wirklich in Reinheit aus dem menschlichen Innern herauskommen kann. So hängt dasjenige, was vor allen Dingen der Menschheit mitgeteilt werden muß, innig zusammen mit den wirklichen inneren Gesetzen des menschlichen Fortschritts.

[ 33 ] Allein wenn Sie eingehen auf dasjenige, was heute und oftmals hier gesagt worden ist, und es in seinen Konsequenzen sich vor Augen halten, dann werden Sie nicht in gewisse Fehler verfallen, in die Sie sonst immer wieder und wiederum verfallen werden. Es wird natürlich außerordentlich schwer sein, gewisse Fehler zu vermeiden. Ich will heute nur noch auf einen dieser Fehler aufmerksam machen. Sehen Sie, immer wieder finden sich unter uns einzelne Menschen, welche sagen: Nun ja, da sind zum Beispiel die Anhänger dieses oder jenes Bekenntnisses, sagen wir also, man lebt unter einer mehr oder weniger katholischen Bevölkerung mit einem katholischen Pfarrer. Da glauben unsere Freunde sehr häufig, wenn sie nun diesem Pfarrer klarmachen, daß wir doch den Christus vertreten, daß wir über das Mysterium von Golgatha in einer richtigen Weise sprechen, daß wir den Christus nicht leugnen, so werde die Freundschaft dieses Pfarrers zu erreichen sein. Ganz und gar gefehlt ist dieser Gedankengang. Niemals ist es möglich, dadurch diese Leute zu gewinnen, daß man ihnen zeigt, man leugne das nicht, was sie zu vertreten verpflichtet sind. Ganz unmöglich. Man würde sogar besser mit diesen Leuten auskommen, wenn man in der Lage wäre, zu sagen, man leugne den Christus. Da würden sie sagen: Nun ja, das sind also solche, die den Christus leugnen. Die gehören nicht zu uns. Wir bleiben bei unserer Gemeinde, die sich durch uns den Christus beibringen läßt auf dem Wege des Rausches. — Sie sprechen das nicht aus, aber sie machen es. Aber wenn solche auftreten, die neben ihnen den Christus behaupten, die neben ihnen sogar über den Christus etwas Positives zu wissen behaupten, dann werden diese Menschen eigene Wege geführt, dann werden diese Menschen zu solchen, die auf einem anderen Wege den Christus behaupten wollen als sie, und dann werden sie viel stärkere Feinde, als sie wären, wenn unsere Freunde den Christus leugnen würden. Denn den Christus zu vertreten, das betrachten sie als ihr Privilegium, und gerade das ist der Fehler, daß die anderen auf eine andere Weise den Christus vertreten.

[ 34 ] Also Sie werden gegen unsere Geisteswissenschaft gewisse Theologen namentlich dadurch erbost machen, daß Sie ihnen sagen: Ja, wir vertreten den Christus. Sie würden sie viel weniger erbost machen, wenn Sie ihnen sagen könnten — das können Sie natürlich nicht —: Wir leugnen den Christus. — Das gerade erbost sie, daß in einem anderen Zusammenhang auf den Christus hingewiesen wird. Aus vollem, gutem Willen heraus werden unsere Freunde sehr leicht sagen: Ja, aber was wollen Sie denn? Wir stehen ja ganz auf dem Boden des Christentums. — Das ist das Schlimmste was Sie tun können, das den Leuten zu sagen, denn es ist dasjenige, was ihnen am allermeisten gegen den Strich geht.

[ 35 ] So haben wir wiederum hart angestoßen an etwas, wo uns nun auf ganz besondere Art, ich möchte sagen, Freiheit und Notwendigkeit entgegentritt. Die Hauptsache ist: ich will immer wieder und wiederum begreiflich machen, man soll diese Begriffe nicht leichthin hinnehmen. Freiheit und Notwendigkeit gehören zu den wesentlichsten menschlichen Begriffen, und man muß immer wieder klar sein, daß man vieles zusammentragen muß, um zu einem einigermaßen rechten Verständnis der Begriffe Freiheit und Notwendigkeit zu kommen. Wohin führt es denn, wenn die heutige Menschheit rein der Naturnotwendigkeit folgen würde? Das würde selbstverständlich dahin führen, daß immer mehr und mehr geträumt würde, und daß zuletzt die Menschen nur noch jenes öde Grau in Grau hätten, daß sie wirklich immer weniger und weniger wollen könnten, daß sie wirklich zu einer Willenslähmung kämen. Das ist die Notwendigkeit. Es muß selbstverständlich durch die Freiheit der Geisteswissenschaft entgegen gearbeitet werden, denn wir stehen jetzt am Ausgangspunkt derjenigen Zeit, wo die Menschen das, was sie sich für ihre Freiheit erringen sollen, aus innerer Notwendigkeit erringen müssen, aus einer erkannten Notwendigkeit. Selbstverständlich können wir alle sagen: Wir kümmern uns nicht um dasjenige, was werden soll. Dann würde das entstehen, was eben beschrieben worden ist. Daß es anders geht, das ist eine Notwendigkeit, aber eine Notwendigkeit, die nicht anders als durch Einsicht ergriffen werden kann. Eine freie Notwendigkeit, könnte man sagen, eine richtige reine Notwendigkeit ist das.

[ 36 ] Wiederum stoßen hier die Begriffe Freiheit und Notwendigkeit innig zusammen. Es könnte zuweilen scheinen, als ob ich mit dem Worte «Traum und Rausch» nur gespielt hätte. Ich habe wahrhaftig nicht bloß gespielt. Man kann im einzelnen nachweisen — und ich könnte Ihnen vieles, vieles anführen —, wie heute die Leute wirklich wie in einer Art von Traum über die äußere Wirklichkeit reden und über die Wirklichkeit besonders im ganzen reden, nicht bloß über die äußere Wirklichkeit. Zum Beispiel wird oftmals ein bestimmter Einwand gegen dasjenige gemacht, was man auf unserem Gebiete der Anthroposophie, der Geisteswissenschaft, vorzutragen hat. Ein sehr beliebter Ausspruch ist dann: Ja, wie kannst du denn das beweisen? Das heißt, die Leute verlangen, daß das, was vorgebracht wird, mit der äußeren Wirklichkeit durch einen Vergleich bewiesen wird. Sie setzen dabei voraus, daß ein Begriff nur dann gilt, wenn man für ihn die äußere Wirklichkeit aufweisen kann, und daß der Beweis darin bestehen würde, daß man die äußere Wirklichkeit aufweist. Es ist das ein so unendlich einleuchtender Gedanke, daß jeder sich für einen bedeutenden Logiker halten wird, der sagt: Nun ja, es kommt natürlich darauf an, daß man beweisen kann, daß ein Begriff in der äußeren Wirklichkeit sich an eine äußere Realität anschließt.

[ 37 ] Man kann sehr leicht darauf aufmerksam machen, daß das nicht eine große Logik, sondern eine richtige Traumlogik ist. Ich antworte gewöhnlich, wenn solche Dinge gesagt werden: Man kann auch auf dem Gebiet der äußeren Sinnenwelt die Realität nicht beweisen, denn wenn einer niemals im Leben einen Walfisch gesehen hat, könnte man niemals aus der bloßen Logik heraus beweisen, daß es einen Walfisch gibt, nicht wahr? Das Aufzeigen der Realität ist etwas ganz anderes als dasjenige, was man beweisen könnte. Nur in der Traumlogik könnte das gelten. Ich kann es noch deutlicher sagen. Nehmen Sie einmal an, ich mache ein Porträt von einem Menschen, der lebt, und jemand fällt das WirklichkeitsUrteil: dieses Porträt ist sehr ähnlich. Und jetzt wollte er mir erklären, warum. Da sagt er nun: Ja, das Porträt ist ähnlich aus dem Grunde, weil, wenn ich das Porträt und den Menschen zusammenstelle, so sieht das eine dem anderen gleich. Die Übereinstimmung mit der Realität macht die Ähnlichkeit. — Die Übereinstimmung mit der äußeren Realität macht die Ähnlichkeit? Warum sagt er: das Bild ist ähnlich? Weil es mit der äußeren Realität übereinstimmt. Die äußere Realität ist das Wahre. Nun denken wir uns, der Mensch, der abgebildet ist, stirbt, und nach dreißig Jahren schauen wir das Porträt an. Ist es nach dreißig Jahren deshalb, weil es nicht mit der äußeren Wirklichkeit übereinstimmt, nicht mehr ähnlich? Der Mensch ist nicht mehr da. Er ist längst, nehmen wir an, verbrannt worden. Kommt es bei der Ähnlichkeit darauf an, ob . die äußere Wirklichkeit vorhanden ist? Bei klarem Denken nicht. Für das Traumdenken kann man sagen, es käme darauf hinaus, irgend etwas zu beweisen dadurch, daß man die äußere Realität aufweisen kann. Nur für das Traumdenken, für die Traumlogik ist das richtig. Denn wahrhaftig, dadurch, daß ein Mensch aus der Existenz in eine Nicht-Existenz übergeht, wird ein Bild, das man von ihm gemacht hat, nicht aus der Ähnlichkeit in die Unähnlichkeit übergehen.

[ 38 ] Sie sehen, daß vieles Notwendigkeit werden kann, wenn man die Logik erst zurechtrücken will, besonders wenn man heute überall in logischen Schriften findet: Die Wahrheit eines Begriffes bestehe darin oder lasse sich daran beweisen, daß man die äußere Realität in der physischen Welt aufzeigt. Aber diese Definition der Wahrheit ist an sich ein Unsinn, und der Unsinn zeigt sich einfach dadurch, daß man zum Beispiel einen solchen Vergleich mit dem Porträt bildet. Wenn man nämlich heute sogenannte wissenschaftliche Werke aufschlägt — nicht solche, die sich mit reiner Wissenschaft beschäftigen —, so beschreiben sie ja nur, und wenn man in der Beschreibung bleibt, nun, was schadet es denn, wenn man im bloßen Traume bleibt? Wer bloß den äußeren Lebenstraum beschreiben will und keinen Anspruch darauf macht, eine Weltanschauung zu bilden, der mag das tun. Aber wer eine Weltanschauung darauf baut, der bringt eine Traumanschauung. Und das können Sie sehen: wo heute der Übergang gemacht wird, da finden Sie zumeist Traumphilosophie. Es ist ganz grotesk, wie die Menschen nicht denken können, das heißt nicht denken können so, daß sie mit ihrem Denken drinnenstehen in demjenigen, in dem sie drinnenstehen sollen. So habe ich mir von Seite 208 dieser Vorlesungen von Prof. Ziehen einen Satz abgeschrieben, worin er besonders darauf aufmerksam machen will, daß man nicht auf den Willen kommen kann, der einer Handlung zugrunde liegt. Er sagt so: «Das Denken besteht aus einer Vorstellungsreihe und das Psychische» das heißt das Seelische — «an einer Handlung ist eben auch eine Vorstellungsreihe, welche nur die Besonderheit har, daß ihr letztes Glied eine Bewegungsvorstellung ist.»

[ 39 ] Also da hat man die Uhr. Der Wille ist ausgeschaltet, nicht wahr? Die Uhr sehe ich. Das ist jetzt Vorstellung. Der Wille ist nicht vorhanden, die Uhr sehe ich. Diese Uhr wirkt in mir auf irgendeine Weise dadurch, daß sie die Hirnrinde in irgendeine Bewegung versetzt und von der Hirnrinde aus in irgendeine motorische Zone übergeht, wie die Physiologie sagt. Also das geht auf das über. Das ist die Bewegungsvorstellung. Ich habe eine Vorstellung zuerst von der Uhr und an die Bewegungs-Vorstellungshandlung schließt sich an, nicht durch einen Willen, sondern nur durch die Bewegungsvorstellung, die Vorstellung von der Bewegung. Ich habe nur eine Vorstellungsreihe, sagt Ziehen. Das Denken besteht aus einer Vorstellungsreihe, und das Psychische an einer Handlung ist eben auch eine Vorstellungsreihe. Der Wille ist fraglos ausgeschaltet. Der ist gar nicht drinnen, sondern ich beobachte zuerst die Uhr und beobachte dann die Bewegung meiner Hand. Damit erschöpft sich das.

[ 40 ] Die Logik, die darinnen steckt, können Sie dadurch herausfinden, daß Sie sich diesen Satz in einen anderen übersetzen. Sie können nämlich das Folgende sagen: Das Denken besteht aus einer Vorstellungsreihe. So, jetzt bin ich noch ganz da. Und das Psychische beim Anschauen einer Maschine ist eben eine Vorstellung, welche nur die Besonderheit hat, daß ihr letztes Glied die Vorstellung einer bewegten Maschine ist. — Da haben Sie genau dasselbe. Sie haben bloß die Triebkraft der Maschine ausgeschaltet. Sie haben bloß die Vorstellung der bewegten Maschine angereiht an dasjenige, was Sie vorher gedacht haben.

[ 41 ] So ist diese Traumlogik beschaffen. Natürlich, bei der Außenwelt läßt der Mensch, der da Traumlogik hat, noch gelten, daß da irgendwelche Impulse da seien. Beim Innern läßt er es nicht mehr gelten, weil er den Willen ausschalten will. So ist das ganze Buch durchzogen von einer solchen Traumlogik. Überall ist es durchzogen von dem, was man charakterisieren kann: es schaltet den Willen aus. Dann schaltet es aber auch das Ich aus, und das ist interessant. Das Ich ist nämlich auch nichts anderes als eine Vorstellungsreihe. Das wird noch ‘ausdrücklich an einer besonderen Stelle auseinandergesetzt, wie das Ich nur eine Vorstellungsreihe ist.

[ 42 ] Interessant ist ja folgendes, was einem passieren kann. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen, ich möchte sagen, so von den intimsten Geheimnissen der Vorbereitung zu einem solchen Vortrag wie dem heutigen erzähle. Nicht wahr, ich mußte den heutigen Vortrag halten. Ich wollte Ihnen dasjenige, was ich Ihnen auseinandersetzte, nicht bloß aus dem großen Ganzen heraus sagen, sondern ich wollte Sie auf den bestimmten Fall hinweisen. Dazu mußte natürlich dieses Buch vorgenommen und wiederum durchstudiert werden. Da hatte ich es fertig studiert. Ich kann Ihnen selbstverständlich nicht das ganze Buch vorlesen, sondern muß mich auf einzelne Stellen reduzieren, die ich etwa vorbringen werde. Nun wollte ich Ihnen ja zeigen, wie die gegenwärtige Traum-NaturwissenschaftsWeltanschauung den Willen nicht haben kann, wie der Wille wirklich nicht da ist. Das habe ich Ihnen gezeigt an diesem Buche, bei dem Verfasser dieses Buches. Dann wollte ich Sie besonders auf das aufmerksam machen, was der Betreffende vom Willen gesagt hart, das heißt, was er gegen den Willen sagt. Nun schaue ich hinten im Buche nach: «Wille», aha, Seite 205 ff. Nun nimmt man das, geht wiederum zurück und sieht nach, was der Verfasser da vom Willen sagt. Ich habe Ihnen heute aber auch erzählt, daß ja der Wille im Ich drinnen zunächst nur wahrzunehmen ist für die physische Welt, so daß wir, wenn wir vom wahren Ich sprechen, eigentlich vom «wollenden Ich» sprechen müssen. Ich hätte Ihnen also auch noch zu zeigen, wie derjenige, der bloß Traumanschauung aus der Naturwissenschaft heraus hat, von sich aus über das Ich spricht. Daß er den Willen einfach ableugnet, darüber habe ich Ihnen eine Stelle vorgelesen: Bewegungsvorstellung — der Wille ist ausgeschaltet. Nun wollte ich Ihnen auch noch etwas rasch vorlesen, was er über das Ich sagt. Ich nehme wiederum das Register: I — «Ich» kommt überhaupt nicht vor! Das ist natürlich ganz konsequent. Wir haben also selbstverständlich ein Buch über Physiologische Psychologie, also ein Buch über Seelenkunde, aber das Ich kommt nicht darin vor! Es ist im Register gar nicht darauf verwiesen, und wenn Sie es durchgehen, werden Sie auch sehen, daß zwar die Vorstellung des Ich vorkommt, die selbstverständlich eine Vorstellung ist. Vorstellungen läßt er ja gelten, sie sind ihm ja nur das andere Wort für mechanische Vorgänge des Gehirns. Aber das Ich als solches kommt gar nicht vor, es ist ausgeschaltet.

[ 43 ] Ein Ideal ist es also schon, das Ich auszuschalten. Aber wenn die Menschheit sich der Natur überläßt, wird das Ich für den sechsten nachatlantischen Zeitraum überhaupt in Wirklichkeit ausgeschaltet sein; denn wenn die Willensimpulse fehlen werden, die aus dem Zentrum des eigenen Wesens hervorgehen, dann wird man von einem Ich wenig sprechen. Die Menschen haben sich im fünften Zeitraum zu einem Ich zu erheben gehabt. Aber dieses Ich könnte ihnen wieder verlorengehen, wenn sie es nicht durch eine innere Anstrengung wirklich suchen. Wieviel einem leider heute schon Menschen begegnen, die davon sprechen, daß sie eine Schwächung ihres Ich empfinden, davon weiß derjenige zu erzählen, der über solche Dinge in der Welt überhaupt etwas weiß. Wie viele Menschen wissen heute schon mit sich nichts Rechtes anzufangen, weil sie nicht in konkreter Weise die Artung ihrer Seele mit geistigen Inhalten auszufüllen wissen. Das ist ein Kapitel, wovor wir stehen als vor einem Kapitel unsäglichen inneren Seelenjammers, der beispielsweise in unserer Gegenwart mehr lebt als man gewöhnlich glaubt. Denn die Zahl derjenigen Menschen wird immer größer und größer, welche der Welt aus dem Grunde ratlos gegenüberstehen, weil sie in ihrem Innern nicht Impulse finden, um dieses Ich durch die Welt der Erscheinungen zu tragen.

[ 44 ] Das hängt nun wiederum mit dem zusammen, was’ ich schon öfter auch hier ausgeführt habe: daß es ja in den Zeiten bisher notwendig war, daß die Menschen erst zu ihrer Ich-Vorstellung kamen, und wir sind ja in der Zeit, wo die Menschen erst zur rechten Ich-Vorstellung kommen. Sie wissen, das Lateinische hat als Sprache des vierten Zeitraums nur ausnahmsweise zum Ego gegriffen. Man sprach da noch nicht von dem Ich, sondern man hatte es noch im Verbum drinnen. Je mehr sich die Weltenentwickelung, auch in den Sprachen, dem fünften nachatlantischen Zeitraum näherte, desto mehr wurde das Ich abgesondert. Durch den Christus-Impuls soll dieses Ich in entsprechender Weise gefunden werden. Und daß innerhalb Mitteleuropas dieses Ich gerade am reinsten sich mit dem Christus-Impuls verbindet, das drückt sich sprachlich dadurch aus, daß in unserem «Ich», durch eine innere geistige Notwendigkeit der fortschreitenden Entwickelung, ausgedrückt sind die Initialen des Christus: I-C-H, Jesus Christus.

[ 45 ] Dies mag als ein Traum erscheinen für den, der heute auf dem Gebiete der Traumwissenschaft stehenbleiben will. Für den, der sich aus dieser Traumweltanschauung erweckt, für den ist das eine große, bedeutsame Wahrheit. «Ich» drückt die Verbindung des Menschen mit Jesus Christus aus. Aber dieses Ich müssen sich die Menschen erhalten dadurch, daß sie es anfüllen mit den Inhalten der Geisteswissenschaft. Anfüllen werden sie es nur dadurch können, daß sie Freiheit zur Notwendigkeit machen durch Geisteswissenschaft. Wirklich, wie hätte man in früheren Zeiten sagen können, daß eine Rückerinnerung an die früheren Erdenleben das Normale für die Menschen gewesen wäre? Für die folgenden Erdenleben wird sie das Normale sein.

[ 46 ] Wie die Menschen innerhalb des fünften nachatlantischen Zeitraums ihr Ich erfassen und lebendigmachen sollen, wird es das Normale sein, daß immer mehr und mehr in die künftigen Zeiten hinein die Menschen eine Rückerinnerung an ihre früheren Erdenleben haben werden. Man könnte ebensogut sagen: Geisteswissenschaft ist die rechte Vorbereitung dazu, in der richtigen Weise die Rückerinnerung an die früheren Erdenleben zu haben. Diejenigen aber, welche Geisteswissenschaft fliehen, die werden so mit dieser Rückerinnerung leben, daß sie sie eben nicht heraufbringen können in ihre Seele. Innerlich wird ihnen etwas fehlen. Das heißt, die Menschen werden zerfallen in zwei Klassen. Die einen werden wissen: Wenn ich das Innerste meiner Seele hervorkehre, führt mich das zurück in frühere Erdenleben. Die anderen werden einen inneren Trieb fühlen, der sich ausdrückt in einer Sehnsucht. Und es wird etwas nicht heraufkommen wollen, die ganze Inkarnation durch wird etwas nicht heraufkommen wollen, bleibt wie ein Begriff, den man sucht und nicht finden kann. Das wird die mangelnde Vorbereitung auf die Rückerinnerung an die früheren Erdenleben sein.

[ 47 ] Man spricht von Realem, wenn man von diesen Dingen spricht, durchaus von Realem. Man muß eben das Ich erst wirklich durch Geisteswissenschaft erfaßt haben, wenn man sich in späteren Erdenleben daran erinnern soll. Kann man sich denn an etwas anderes erinnern, das man niemals vorgestellt hat? Braucht man sich deshalb zu wundern, daß die Menschen sich an das Ich jetzt noch nicht erinnern können, da sie es in früheren Zeiträumen noch nicht vorgestellt haben? Alles ist zu verstehen mit einer wahren Logik. Aber selbstverständlich wird die Traumlogik des sogenannten Monismus in unserer Zeit sich immer sträuben gegen dasjenige, was aus der wahren Logik der Geisteswissenschaft hervorgehen muß.