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Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
GA 167

30 Mai 1916, Berlin

12. Homo Oeconomus

[ 1 ] Es ist, wie Sie ja aus mancherlei Betrachtungen dieses Winters gesehen haben, vonnöten, daß derjenige, der der Geisteswissenschaft nahesteht, seine Begriffe, seine Ideen, insofern diese aus dem geisteswissenschaftlichen Erkennen fließen, immer konkreter und konkreter mache, das heißt, immer Bestimmteres, Geschlosseneres mit diesen Begriffen verbinde. Wir sprechen von den im gewissermaßen richtigen Sinne vorwärtstreibenden geistigen Mächten der verschiedenen Hierarchien, und wir wissen, daß gewisse Wesenheiten dieser verschiedenen Hierarchien zurückbleiben und dann, indem sie auf einer früheren Stufe zurückgeblieben sind, in späteren Stufen nicht die Tätigkeit entfalten, die sie entfaltet haben würden, wenn sie vorwärts geschritten wären, sondern eben eine Tätigkeit entfalten, welche einer früheren Stufe der Weltentwickelung entspräche. So nennen wir für die Erde im großen luziferische und ahrimanische Wesenheiten diejenigen, welche heute die Tätigkeiten ausüben, die die gewissermaßen normalen, normal fortgeschrittenen Wesenheiten schon während der Mondenzeit ausgeübt haben. Wir haben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus erörtert, was das im ganzen Weltengang für eine Bedeutung hat, daß diesem Weltengang, der Weltenentwickelung einverwoben sind solche luziferisch-ahrimanischen Wesenheiten und Kräfte. Wir müssen uns nun auch gewöhnen, ich möchte sagen, in einem kleineren Umkreis wirklich das Luziferische und Ahrimanische zu sehen. Notwendig ist allerdings, daß wir dazu, damit wir es richtig sehen, unsere Empfindungswelt in der richtigen Weise arten. Denn wenn wir diejenigen Empfindungen, dasjenige Gefühl gleich entfalten, das leider auch viele noch unter uns haben: Ach, Luzifer, Ahriman, da muß ich mich ganz weit davon entfernt halten! — wobei man nicht ahnt, daß gerade dieses recht luziferisch und ahrimanisch ist, wenn man diese Empfindung hat — so wird es natürlich immer ein zu starkes Gruseln hervorrufen, wenn man von Luziferischem und Ahrimanischem in kleinerem Kreise spricht. Aber zu einem wirklichen Verständnisse der Welterscheinungen, wie es notwendig ist, damit wir unser Verständnis ins Leben einführen können, dazu gehört schon, daß wir auch im kleineren Kreise das Luziferische und Ahrimanische gewahr werden können.

[ 2 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, Jahrhunderte bevor das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, war es etwas Großes, etwas Ungeheures, daß vom alten Indien die Lehre ausgegangen ist, welche in der Bhagavad Gita, in anderen Schriften des Orients verzeichnet ist. Das war dazumal etwas Großes, etwas Ungeheures, etwas Bedeutungsvolles. Und daß unsere Geisteswissenschaft nicht sich dazu hergibt, das Große, das ungeheuer Bedeutungsvolle solcher Erscheinungen etwa zu verkleinern, Sie können das aus dem Zyklus, der in Helsingfors gehalten worden ist über die Bhagavad Gita, entnehmen. Da wird schon auf das Große, auf das Ungeheure der tiefen Wahrheiten hingewiesen, die in der Bhagavad Gita stehen. Für den heutigen Menschen ist es auch durchaus gut, wenn er sich in dieser Weise in dasjenige vertieft, was dazumal für die Menschheit ein Großes, ein Ungeheures war. Aber über die Menschheit hinweggegangen ist das Mysterium von Golgatha, welches uns im Grunde genommen eine wirkliche geschichtliche Auffassung der Erdentwickelung erst nahelegt, aus dem Grunde, weil wir, wenn wir das Mysterium von Golgatha richtig verstehen, unterscheiden zwischen der Zeit, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist als eine Vorbereitungszeit, und der Zeit, die da nachfolgt dem Mysterium von Golgatha. Der Orient hat diese Begriffe der Entwickelung des geschichtlichen Fortschreitens eigentlich gar nicht, weil der Orient eben ein wirkliches Verständnis auch für das Mysterium von Golgatha nicht gewinnen kann. Für den Orient gibt es eine ein für allemal gültige vorhandene Wahrheit, nicht eine Entwickelung der Wahrheit.

[ 3 ] Nun wird es in unserer Zeit noch sehr vielen Menschen schwer, an die Entwickelung der Erkenntnisse zu denken. Das rührt eben davon her, daß wir uns noch nicht vollständig mit dem Sinn des Mysteriums von Golgatha durchsetzt haben. Nehmen wir deshalb an, es trete jemand auf in unserer Zeit und wollte in unserer Zeit so sprechen, wie etwa, sagen wir, die Verfasser der Bhagavad Gita gesprochen haben oder wie der Buddha gesprochen hat in seiner Zeit, so würde dies so sein, daß der Betreffende etwas tun wollte in unserer Zeit, was gut war für jene Zeit, die Jahrhunderte dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist. Und man würde sagen können: Hätte der betreffende Mensch dasjenige, was er jetzt bringt, dazumal gebracht, als die Bhagavad Gita gebracht worden ist, dann wäre es dazumal eine richtige Tat gewesen im Sinne der Entwickelung. Träte er heute damit auf und spräche in demselben Sinne, in dem die Bhagavad Gita gesprochen hat, so ist es eine luziferische Tat, so ist dasjenige, was für jene Zeit taugt und was in jener Zeit hätte entwickelt werden sollen, herübergetragen in unsere Zeit. Ein solcher Mensch würde eben auslöschen aus seiner ganzen Vorstellungsart dasjenige, was in die Menschheit gebracht worden ist durch die Entwickelung seither.

[ 4 ] Nun rede ich Ihnen hier nicht von einem Abstraktum, sondern ich rede so, weil ich Sie aufmerksam machen will auf eine gar sehr bestehende konkrete Erscheinung. Es ist im Jahre 1912 ein Buch erschienen, das heißt: «Das hohe Ziel der Erkenntnis. Aranada Upanishad» von Omar al Raschid Bey. Ich bemerke ausdrücklich, daß) Omar al Raschid Bey kein Türke ist, daß das nichts mit Mohammedanismus zu tun hat; er ist aus rein äußerlichen Gründen ein Türke geworden. Es kann uns hier nicht weiter interessieren, warum er Türke geworden ist. Er hat etwas zu vollziehen gehabt, was man in Deutschland — er ist ein guter Deutscher — nicht machen kann nämlich, wenn man nicht Türke wird, und da wurde er denn Türke. Omar al Raschid Bey wurde außerdem Brahmane und schrieb «Das hohe Ziel der Erkenntnis. Aranada Upanishad.» Herausgegeben nach seinem Tode ist dieses «Hohe Ziel der Erkenntnis» von seiner Frau, Helene Böhlau al Raschid Bey. Ich bemerke, daß nichts gesagt sein soll gegen die vorzüglichen «Ratsmädelgeschichten» und ähnliches, das Helene Böhlau früher geschrieben hat. Das ist ja nicht nötig, daß man in Bausch und Bogen eine ganze Persönlichkeit verurteilt. Aber die Vorrede, die die frühere Helene Böhlau, spätere Helene Böhlau al Raschid Bey, zu diesem Werke geschrieben hat, die wäre allerdings besser unterblieben. Nun sehen wir wirklich in diesem «Hohen Ziel der Erkenntnis» auftreten im Jahre 1912 dasjenige, was eben Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha hätte da sein dürfen, also etwas, was im eminentesten Sinne, ganz im technischen Sinne des Begriffes als etwas Luziferisches aufzufassen ist.

[ 5 ] Es wird in der nächsten Zeit von mir ein Buch erscheinen, das vieles enthält von den Ideen, die ich vorgetragen habe in den zwei letzten Wintern vor der Öffentlichkeit. In diesem Buche wird aber auch vieles von dem darin sein, wodurch der neuere Weltanschauungsidealismus, der also nach dem Mysterium von Golgatha liegt und diese seine Stellung nach dem Mysterium von Golgatha wohlverstanden hat, hinaus ist über dasjenige, was im alten Indien zu finden war. Denn tatsächlich, meine lieben Freunde, was Fichte, was Hegel, was Schelling, was die anderen, die ich genannt habe, gelehrt haben, das liegt weit hinaus über dasjenige, was die orientalische Weisheit, was das Brahmanentum enthält. Und daß man heute noch nicht allgemein anerkennt, daß das darüber hinaus liegt, das hat zwei Gründe. Der eine Grund ist der, daß man gewöhnlich findet, es sei zu schwierig, sich mit den Dingen zu befassen. Darüber habe ich auch in meinem Buche einiges gesprochen. Der andere Grund ist der, daß wir nun überhaupt kein solches Talent haben, uns selbst und anderen so ungeheuer erhaben vorzukommen, wenn man eine Erkenntnis errungen hat, wie der Orientale dieses hat. Und daher können Sie auch dieses «Hohe Ziel der Erkenntnis» vom Anfang bis zum Ende durchlesen, und Sie werden überall finden, daß nicht nur Erkenntnisse mitgeteilt werden, die erworben worden sein sollen, sondern daß auch überall beigefügt ist, daß diese Erkenntnis eine erhabene Erkenntnis ist, daß diese Erkenntnis so erhaben ist, daß sie selbstverständlich nur für Auserwählte verständlich, begreiflich ist, daß sie nur von den höchsten Meistern der Weisheit mitgeteilt wird. Ja, meine lieben Freunde, man braucht sich einmal bloß zu überlegen, was bei dem Talent für Verehrung, das das Morgenland hat, aus einem Fichte geworden wäre in der Nachwelt, dann würde man einen Begriff bekommen von dem, was wir eigentlich im Abendland unterlassen. Wir haben schon nicht die Begabung, mit denselben Untergefühlen zu den Großen emporzublicken, mit denen der Orientale zum Beispiel zu seinem Buddha oder zu seinem Shankaracharya hinaufblickt. Aber verführerisch — und da kann man schon sagen, luziferisch verführerisch — ist es, wenn so gesprochen wird. Denn erstens redet es sich sehr leicht in unsere Seele ein, wenn jemand ein «Hohes Ziel der Erkenntnis» schreibt. Es ist schon an sich ein Titel, nicht wahr, der suggestiv wirkt, denn jeder leckt sich die Finger ab, wenn er das «Hohe Ziel der Erkenntnis» auf 173 Seiten sich aneignen kann. Aber davon abgesehen, wenn in dem Buch fortwährend ausdrücklich hervorgehoben wird: die Weisesten der Weisen haben das zurückbehalten, nur dir, mein Teurer, wird es anvertraut, — was muß das für ein bedeutender Mensch sein, wenn er das Wissen empfängt, das die Weisesten der Weisen immer bewahrt haben, und das ihm anvertraut wird! Und gar wenn dieses Gefühl der Selbstbeweihräucherung so stark vorhanden ist, daß solch ein Buch nun gar schließt mit den bedeutungsvollen Worten:

[ 6 ] «Frieden sei mit dir, o Teurer!

[ 7 ] Ich habe zu dir vom Endziel des Wissens gesprochen — gesagt, so viel zu sagen deinem Verständnis angemessen war — zu irdischem Heil und zu der Welt Erlösung — stammelnde Worte suchender Seele. Die ersten Hügel im Tiefland sind erstiegen, es lichten sich die Nebel —: vor dir in schier unabsehbaren Fernen leuchten die Höhen von Himavat. Öffne dein Auge göttlichem Lichte — — du schaust wahrhaft — — und zuschanden geworden ist alle irdische Weisheit — zerstoben die allblendende Erscheinung — erloschen der Weltenschein — ein Traum — was in dir erwacht ist, ist größer als alle Welten — erreicht das hohe Ziel der Erkenntnis, erreicht Vollendung — Vollendung in Gottheit.

[ 8 ] So lautet in aranada-upanishad der adhyaya: Erwachen; wortlos das Letzte: Nirvana.»

[ 9 ] «Wortlos das Letzte»! Und damit das besonders unterstrichen ist, macht uns Frau Helene Böhlau al Raschid Bey noch darauf aufmerksam, daß wir das besonders tief aufzufassen haben: «Wortlos das Letzte», weil sie aus der Schülerschaft zu dem, was in diesem Buche steht, selbst erkannt hätte, wie menschliche Worte nicht ausreichen, das Tiefste zu sagen. Also es ist viel Tieferes, als darin gesagt ist, selbstverständlich! Denn das wortlose Wissen, an das zuletzt appelliert wird, das muß natürlich ganz besonders tief sein! Findet man schon unendlich tief, was er sagt, wie sollte man nicht dasjenige unendlich tief finden, was er nicht sagt! Allerdings, meine lieben Freunde: solches zu schreiben, solches zu denken und solches zu halten, sind noch zweierlei Dinge. Denn: «Wortlos das Letzte» — also das andere sind Worte, die eben noch nicht das Tiefste geben. Aber es wird gleich begonnen mit einer ungeheuer tiefen Anschauung. So zum Beispiel mit der ungeheuer tiefen Anschauung, die ja ganz in der Sprachweise jener alten orientalischen Weisheit ist: Wenn ich hier stehe, und einer steht hier, so steht er von mir links. Ich sage mit Recht: er steht links von mir. Aber wenn ein anderer dort steht, so steht derselbe Mensch rechts von ihm, so daß also rechts und links gar keine absoluten Bezeichnungen sind. Wenn ich ihn bezeichne, ist er links; wenn er ihn bezeichnet drüben, ist er rechts. Also: rechts und links ist Maya. Wie könnte man einen besseren Begriff geben von Maya, als den, daß links nur eine Bezeichnung ist, die von außen hinzugefügt ist! Und ungefähr in dieser «Tiefe» geht es auch weiter; denn die Tiefe wird im Grunde genommen hauptsächlich dadurch erzeugt, daß immer gesagt wird, es sei «abgrundartig tief».

[ 10 ] Aber es erhebt sich ja auch zu anderen Dingen. Sie wissen ja vielleicht, und Sie werden es noch mehr sich überlegen können, wenn Sie das Buch, das demnächst erscheinen wird, lesen werden, daß denjenigen Geistern, die den neueren Weltanschauungsidealismus gepflegt haben, es hauptsächlich darauf angekommen ist, das Ich zu erleben, im Ich zu leben. Das muß so sein nach dem Mysterium von Golgatha. Aber die orientalische Weisheit ging darauf hinaus, das Ich nur ja nicht zu erleben, sondern es zu überwinden, auszulöschen. Und nun erneuert Omar al Raschid Bey, der Deutsche, nicht der Türke, diese alte indische Weisheit, indem er sagt:

[ 11 ] «Wer sein Heil im ‚Ich’ sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit.»

[ 12 ] Ja, meine lieben Freunde, wer sein Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit. Die Selbstsucht, die Ichsucht, liegt nämlich vor dem Finden des Ich. Solange man sucht das Ich, solange entwickelt man die Selbstsucht, und von der Selbstsucht befreit nur die Findung, das Finden des Ichs. Hat man es gefunden, dann kann man nicht mehr von der Selbstsucht, von der Ichsucht gequält werden. In dem Finden des Ich liegt die einzig wirkliche Überwindung der Selbstsucht. Und wer heute, nach dem Mysterium von Golgatha, noch fliehen will das Ich, wer heute noch dasselbe sagt, wie man im alten Indien gesagt hat, der wird zurückgeworfen aus dem Ich in die Sucht nach dem Ich, der pflegt gerade die Selbstsucht. Daher machen solche Bücher heute auf uns einen so selbstsüchtigen Eindruck, einen Eindruck, der uns zeigt, wie die Betreffenden sich von der Welt zurückziehen, nicht das Unsterbliche, das Geistige der Wirklichkeit suchen wollen, sondern vor der Wirklichkeit zurückzucken, um in ihren Träumen selbstsüchtig nach einer Erkenntnis zu suchen. Das ist die Selbstsucht der Erkenntnis. Und diese Selbstsucht der Erkenntnis, die sich selbst nicht bemerkt, das ist die schlimmste Selbstsucht. Daher ist das ganze Buch ein selbstsüchtiges Buch. Solange das Ich nicht eingezogen war in die Entwickelung der Menschheit, das heißt vor dem Mysterium von Golgatha, mußte man die Ichsucht veredeln. Da war die orientalische Weisheit am Platze. Heute so zu sprechen, heißt: scheinbar vorn vor sich wegzustoßen das Ich, und hinten packt einen Luzifer und stößt einen erst recht in die Selbstsucht hinein; und das merkt man nicht! Und weiter heißt es:

[ 13 ] «Wer sein Heil in dieser Welt sucht, der bleibt dieser Welt verfallen. —» Seit dem Mysterium von Golgatha sagen wir: Wer das Heil nicht im Geistigen der Welt sucht, sondern vor der Welt zurückzuckt, der verfällt erst recht der Welt. Nämlich er verfällt derjenigen Welt, die in ihm träumt! Und weiter heißt es:

[ 14 ] «Dem ist kein Entrinnen aus ungestilltem Verlangen»

[ 15 ] Er verfällt, meint er, immer wieder und wiederum in ungestilltes Verlangen. Der aber, der so sagt, fällt in das Verlangen nach dem Ich und merkt es nicht, weil er das Ich flieht:

[ 16 ] «Dem ist kein Entrinnen aus nichtigem Spiel.»

[ 17 ] Statt die Wirklichkeit zu nehmen, statt sich der Wirklichkeit entgegenzustellen und in der Wirklichkeit selber zu suchen dasjenige, was in ihr geistig ist, wird hier die Wirklichkeit geflohen. Dadurch fällt man aber erst recht auf der anderen Seite in die Wirklichkeit zurück:

[ 18 ] «Dem ist kein Entrinnen aus den engen Fesseln des Ich.» Dadurch, daß man es findet, das Ich, entringt man sich diesen Fesseln!

[ 19 ] «Wer sich aus dieser Welt nicht erhebt, der lebt und vergeht mit seiner Welt.»

[ 20 ] Derjenige aber, der nach dem Mysterium von Golgatha spricht, der sagt: Wer aber mit dem Ewigen dieser Welt sich verbindet und aus dem Zeitlichen das Ewige sucht, der verfällt nicht mit dieser Welt.

[ 21 ] Man kann fast jeden Satz, der hier steht, in sein Gegenteil verkehren, und man wird das für unsere Zeit Richtige finden. Ich habe an den Rand geschrieben: «Wer das Ich flieht, der verfällt der ‘Sucht nach dem Ich, denn Sucht nach dem Ich schafft das Ich zum Ich für sich; Finden des Ich befreit von Sucht nach dem Ich, befreit von Selbstsucht. Wer diese Welt durchschaut, durch den ist diese Welt gewonnen.» — Das Original sagt:

[ 22 ] «Wer sich aus dieser Welt nicht erhebt, der lebt und vergeht mit seiner Welt.»

[ 23 ] Heute, nach dem Mysterium von Golgatha, sagen wir: Wer diese Welt durchschaut, durch den ist diese Welt gewonnen!

[ 24 ] Sie sehen daraus, daß dasjenige, was wir luziferisch nennen, ganz im technischen Sinne des Wortes, durchaus auch in dem engen Kreise unseres geschichtlichen Werdens seine tiefe Bedeutung hat. Heute dasjenige lehren als für die Gegenwart gültig, was gelehrt werden mußte vor Jahrtausenden, heißt luziferisch lehren. Aber die wirklichkeitsfreundlichen Seher, an denen geht man nur allzu gern in der Gegenwart vorbei, weil man es nicht wichtig genug findet, sich mit ihrer Seherschaft und mit dem, was Inhalt ihrer Seherschaft ist, zu befassen. Solche Weisheit wie im «Hohen Ziel der Erkenntnis» spricht ja gar sehr zu der — na, sagen wir — höheren Selbstsucht der Menschen. Sich mit der Wirklichkeit zu befassen, die Wirklichkeit zu durchschauen, dafür ist weniger Interesse vorhanden. Und wir haben ja auch nicht das Talent, diejenigen gleich so zu erkennen und zu schätzen, wie der Orientale seinen Buddha etwa geschätzt hat, wenn solche mehr oder weniger unter uns sind.

[ 25 ] Sehen Sie, solch eine Gestalt, die schon in gewissem Sinne eine Seher-Gestalt ist, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, ist Robert Hamerling, der größte neuere Dichter Mitteleuropas. Nun will ich nicht von der Dichtung Robert Hamerlings im allgemeinen sprechen, auch nicht von seiner Philosophie im allgemeinen. Darüber können Sie lesen in dem Buch, das ich eben erwähnt habe, das nächstens von mir erscheinen wird. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß sich Hamerlings Sehergabe wirklich bewährt hat in einem gründlichen Durchschauen desjenigen, was in der Gegenwart spielt. Und daß sich seine Sehergabe so bewähren konnte, das hat er in seinem noch kurz vor seinem Tode erschienenen großen satirischen Epos «Homunkulus» gezeigt. Homunkulus — was ist denn das eigentlich für eine Dichtung? Nun, ich will Ihnen heute nicht die Dichtung erzählen; die können Sie ja lesen. Ich will nur zeigen, wie man die Homunkulus-Idee und das Homunkeltum, den Homunkulismus aus der Gegenwart heraus verstehen kann. Nicht wahr, wir haben heute Leute unter uns — ich meine nicht, hier unter uns, sondern im allgemeinen, und wenn welche unter uns wären, so wären ja die Anwesenden ausgenommen! — wir haben heute Leute unter uns, welche glauben, daß die naturwissenschaftliche Vorstellungsart ganz allein für ein Weltbild berechtigt ist, daß alles naturwissenschaftlich erklärt werden muß, und daß alles übrige, was nicht naturwissenschaftlich erklärt wird oder erklärt werden kann, abzuweisen ist: das sei nichts als phantastische Träumerei, phantastische Mystik, Okkultismus! — Nicht wahr, wir haben solche Menschen unter uns. Diese Menschen gehen davon aus, daß alles unter mechanistischen Gesetzen, unter den Gesetzen der Materie steht. Auch alle geistigen Erscheinungen und Erlebnisse stehen unter mechanistischen, unter materialistischen Stoff- und Kraft-Gesetzen. Nun, selbstverständlich kann man sich das vorstellen. Aber solch eine Welt, wie sie der materialistische Denker vorstellt, kann nicht wirklich sein. In der würde niemals das kleinste Pflanzenwürzelchen, geschweige denn ein Tier oder ein Mensch entstehen. Aber es könnte jemand einmal die Frage stellen: Wie würde denn eigentlich der Mensch beschaffen sein, wenn es die Welt gäbe, welche die naturwissenschaftliche Vorstellungsart vorstellt, wenn diese Welt wirklich existierte, wenn nichtunsere Welt, die geistdurchsetzt ist, existierte, sondern wenn diejenige Welt existierte, die der, der einzig und allein an naturwissenschaftliche Vorstellungen glaubt, eben sich denkt. Wie wäre ein solcher Mensch beschaffen? Nun, ein solcher Mensch würde aus solch einer Welt nach rein mechanistischen Gesetzen erzeugt, selbstverständlich. Alles Geheimnisvolle würde verschwunden sein. Hamerling beantwortet mit echt künstlerischer, dichterischer Kraft diese Frage, indem er in seinem Homunkulus einen solchen Menschen hinstellt, der wirklich so ist, wie der Mensch werden müßte, wenn es nur die Welt des Materialistischen gäbe — ein Homunkulus! Und dieser Homunkulus erreicht viel. Denn wenn Sie sich an manches erinnern, was ich gerade in den letzten Betrachtungen ausgeführt habe: Das Gehirn ist schon in gewissem Sinne ein mechanisches Werkzeug, das Gehirn könnte schon entstehen beim bloßen Mechanismus. Also könnte da das Gehirn Gescheitheit erzeugen, so könnte ein solcher Mensch furchtbar gescheit werden, könnte sich furchtbar gescheit hinstellen in diese Weltenordnung, in der auch alles mechanisch wäre. Der Homunkulus Hamerlings ist auch sehr gescheit. Er kann alle die Dinge, die sich in der Welt ergeben, sehr gut kombinieren. Er gründet ein Allerweltsblatt. Das kann man auch in einer Welt, in der der Homunkulismus blüht; man kann große Blätter begründen. Der Homunkulus wird auch Billionär. Nicht bloß Millionär, auch Billionär wird er, der Homunkulus! Das kann man auch in einer Welt, in der es keinen Geist gibt! Nun, so geht es weiter. Er bringt eine Affenschule zustande, weil er selbstverständlich aus dem materialistischen Darwinismus heraus die Idee hat, daß die Menschen vom Affen abstammen. Also wenn man die Affen nur ordentlich unterrichtet und sie entsprechend schulmäßig behandelt, so müssen sie sich natürlich zu Menschen verwandeln; man kürzt ihren Weg dann schulmäßig ab, nicht wahr? Es ist ein vorzügliches Kapitel, diese Affenschule in Hamerlings «Homunkulus»! Er zeigt auch, welche Stellung gewisse Leute einnehmen, die Zeitungen und anderes ähnliches Zeug schreiben. Das alles kann geschehen in einer Welt des Homunkulismus. Man kann sagen: Hamerling hat in den achtziger Jahren wirklich mit Sehergabe geschrieben. Denn selbstverständlich gäbe es in der Welt des Homunkeltums auch Luftschiffe, das ist ja ganz klar, viel vollkommenere vielleicht, als bei uns schon da sind, weil noch immer die alten Anschauungen die Sache stören, nach dem Eindruck gewisser Leute. Der Homunkulus baut sich selbstverständlich auch ein Luftschiff — in den achtziger Jahren schrieb das Hamerling hin —, er hat nur das Malheur, daß er, indem er mit diesem Luftschiff in die Welt hinausfährt, von den Welten-Anziehungskräften, von der Welten-Gravitation ergriffen und nun wirklich von den mechanischen Kräften in den Weltenraum mitgenommen wird. Und wenn Sie abends hinausgehen und ganz genau hinschauen, und irgend so ein Wrack in der Ferne sehen: Da ist der Homunkulus auf dem zerschellten Weltenschiff! Da hält er sich noch an dem letzten Pfosten so an. Er geht auch in die mechanischen Kräfte auf.

[ 26 ] Mit echter, anschaulicher Sehergabe, aus der Wirklichkeit heraus ist diese Sache, Hamerlings «Homunkulus», geschrieben. Denn die Welt gibt es ja natürlich nicht, die der Homunkulismus sich vorstellt. Aber die Leute können so ihr Denken einrichten, wie es im Sinne des Homunkulismus ist, und dadurch können sie — wenigstens für ein gewisses Zeitalter — unter den Menschen ein Homunkeltum des Denkens begründen. Das war Hamerlings Meinung: Das Homunkeltum zieht herauf, das Homunkeltum erfaßt die Menschen. Die Menschen können die Natur nicht seelenlos machen, die behält schon ihre Seele. Aber sich selber können sie seelenlos machen. Und Homunkulus, der seelenlose Mann, er findet auch ein seelenloses Weib. Homunkulus, dessen Erkenntnis nicht zugänglich ist Seele und Geist, — er wird der seelenlose Mann.

[ 27 ] Hamerling ahnte, daß Leute kommen könnten, die da sagen: Ach, überwunden haben wir, Gott sei Dank, diesen Goetheschen Klassizismus und alles, was damit zusammenhängt! Dieser Goethesche Klassizismus hat noch seinen vollen Glauben an den homo sapiens, an den weisen Menschen, der in seinem Geiste etwas finden könnte, was menschliche Ordnungen begründet. Wir aber wissen, daß alles, was menschliche Ordnung ist, rein von den äußeren wirtschaftlichen Verhältnissen bedingt ist, so von wirtschaftlichen Verhältnissen abhängt, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse den Menschen herausstellen und der Mensch eigentlich nur von dieser alten Klassik, die wir nun glücklich überwunden haben, noch als ein homo sapiens angesehen wird. Heute müßte man ihn als einen homo oeconomus ansehen! Hamerling ahnte wohl, daß so etwas kommen könnte. Sie werden mich auslachen aus dem Grunde, weil Sie sagen werden: Es wird doch niemand so konfus sein, zu sagen, der alte Klassizismus, in dem man noch an den homo sapiens glaubte, wäre heute abgetan, und daß man heute glauben müsse nicht an den homo sapiens, sondern an den homo oeconomus, und man nicht daran denken könnte, daß Ideen und Ideale in die soziale Ordnung einfließen, sondern daß dieselbe rein mechanistisch orientiert sei. Die reine Naturwissenschaft ergebe die wirtschaftlichen Gesetze so, daß der Mensch als homo oeconomus im Sozialorganismus sich drinnenstehend wisse, und nicht mehr verfällt diesem dummen Glauben an den homo sapiens.

[ 28 ] Sie werden sagen, diese wahnsinnige Idee kann heute doch nicht als gescheit gelten! Ich werde Ihnen aber etwas erzählen, meine lieben Freunde. Vor einiger Zeit las ich im «Berliner Tageblatt» einen Artikel meines alten lieben Freundes Engelbert Pernerstorfers, der jetzt Vizepräsident des österreichischen Reichsrates ist. Er ist in vielen Dingen ein sehr gescheiter Mann. In diesem Artikel des «Berliner Tageblatts> war besonders hervorragend besprochen ein Buch von einem gewissen Dr. Renner: «Österreichs Erneuerung». Aller Grund lag für mich vor, mich mit diesem Buch zu befassen, denn in dieser Besprechung von meinem alten Freund Pernerstorfer war gesagt, daß dieses Buch wohl berücksichtigt werden sollte von den Menschen der Gegenwart, denn man sähe, daß es noch Leute gibt, die wissen, wie man die Welt einzurichten habe, wenn dieser Krieg über uns hinweggezogen sein wird, daß es noch Leute mit fruchtbaren, schöpferischen Ideen gibt. Also, selbstverständlich, man muß seine Zeit kennen, ich ließ mir das Buch kommen. Da heißt es:

[ 29 ] «In diesem Kriege sind in mannigfacher Weise die anderen Kräfte sichtbar geworden. Am auffälligsten verriet die volkswirtschaftlicheReife der Nationen ihre Übermacht. Man hat Hindenburgs Siege Eisenbahn-Siege genannt und mit Recht: der gute Zustand der Bahnen, Straßen und Wege in einem Lande ist eine Bürgschaft der militärischen Erfolge, er ist jedoch nur ein Anzeichen der höher organisierten Volkswirtschaft.»

[ 30 ] Es soll nicht bestritten werden. Aber gehen wir weiter:

[ 31 ] «Die stärkste Umwertung, die dieser Weltkrieg vollzogen hat, betrifft die ökonomische, soziale, politische und militärische Einschätzung der Industrie und damit des Industriestaates, wie des Industrievolkes. In diesem Punkte hat sich eine wahre Revolution des öffentlichen Bewußtseins vollzogen.»

[ 32 ] «Und nun kommt der Krieg, hoch und nieder, In- und Ausland verkünden es immer öfter, immer lauter, unaufhörlich und am Ende unbestreitbar: Die Industrie hat gesiegt! Deutschlands Industrie ist die Retterin des Vaterlandes, die unzerstörbare Widerstands- und unwiderstehliche Stoßkraft des Staates! Der Industriestaat siegt über den Handelsstaat, den Rentnerstaat, den Agrarstaat, die Industrie ist der Kern unseres Volkstums'»

[ 33 ] «Im Handumdrehen aus Kavalleristen Infanteristen, aus Reservisten gute technische Truppen, aus Landsturmmännern vollwertige Frontsoldaten zu machen: das kann nur ein Industriestaat, dessen Arbeiter oft und oft im Leben Betrieb, Branche und Stellung wechseln und sich jeweilig in Stunden in jeder Lage zurechtfinden müssen bei Strafe des wirtschaftlichen Unterganges.»

[ 34 ] Nicht mehr die Ideen — so wird auseinandergesetzt —, die die frühere Zeit beherrscht haben, sollen die soziale Ordnung irgendwie begründen, sondern die wahre Wissenschaft; die geht mit ihren mechanischen Gesetzen in die Industrie hinein und organisiert die Industrie und stellt auch den Menschen hinein, daß er ein Rad wird in diesem industriellen Zusammenhange. Das ist das Große der neueren Wissenschaft und Organisation — selbstverständlich nur Wissenschaft im Sinne der naturwissenschaftlichen Denkweise!

[ 35 ] «Wissenschaft und Organisation werden zur lebendigen Praxis nur im Industrievolk. Diese Erfahrungen müssen von nun an unsere ganze politische Praxis durchdringen.»

[ 36 ] «Es ist kein Zufall, daß sich in diesem Kriege der Staatsgedanke mächtiger erwiesen hat als das Nationalitätsprinzip. In dem halben Jahrhundert nach dem geschichtlichen Höhepunkt des rein nationalen Gedankens haben die Welt und die Menschen eine ganz erstaunliche Entwickelung genommen. Die vorwaltenden Interessen jener heute fernen Jahrzehnte waren noch immer Literatur, Kunst, Philosophie, noch wirkte die klassische Zeit nach.»

[ 37 ] «Technik und Ökonomie beherrschen auch die Phantasie der Menschen, der Mensch ist aus dem homo sapiens der Klassik der homo oeconomus geworden, das wirtschaftliche Interesse waltet vor und drängt alle anderen zurück.»

[ 38 ] «Und so wird auch heute der Staat anders empfunden und gewertet... Als Wirtschaftsstaat wird er heute angerufen von allen Parteien und Klassen im Innern, wird er nach außen und von außen gewertet.»

[ 39 ] Hier haben Sie’s! So weit haben wir’s gebracht: «Technik und Ökonomie beherrschen auch die Phantasie der Menschen, der Mensch ist aus dem homo sapiens der Klassik der homo oeconomus geworden, das wirtschaftliche Interesse waltet vor und drängt alle anderen zurück.»

[ 40 ] Das ist das Buch, das dazumal empfohlen war als eine der bedeutenden Erscheinungen des gegenwärtigen Denkens, als eine derjenigen Erscheinungen, auf die man hinblicken soll, wenn man wissen will, wie die Erneuerung des gegenwärtigen Lebens geschieht. Was ist das? Homunkulismus! Der Homunkulismus ist wahrhaft geworden, jener Homunkulismus, den Hamerling in den achtziger Jahren vorausgesagt hat. Homunkulismus — hier haben wir ihn ins System gebracht, in philosophische Weltanschauung gebracht! Homunkulus wird nicht nur Billionär, Homunkulus gründet nicht nur eine Allerweltszeitung, Homunkulus schreibt das Buch: «Österreichs Erneuerung. Politisch-programmatische Aufsätze von Dr. Karl Renner, Reichsratsabgeordneter»! Hamerling war ein Seher. Er hat vorausgesehen, was kommen werde. Und was da gekommen ist: es könnte gesunden, indem es zurückblickte auf dasjenige, was Hamerling in seinem Homunkulus geschaffen hat. Der wahrscheinlich in Wien lebende Dr. Karl Renner brauchte ja nur nach Graz zu fahren, um dort vielleicht zu erfahren, daß es einen Hamerling einmal gegeben hat drei Jahrzehnte vor ihm!

[ 41 ] Es ist schon nötig, daß man auch wirklich ein Verständnis dafür entwickelt, worin denn das Große einer solchen Schöpfung wie des «Homunkulus» eigentlich besteht. Das Große einer solchen Schöpfung besteht darinnen, daß Hamerling wirklich einmal, ohne schon Geisteswissenschaft zu haben, sich gesagt hat: wie wäre der Mensch, wenn er nur den physischen Leib hätte? Er hat natürlich nicht so gesagt, aber er hat so geschildert. Er hat in seinem Homunkulus einen Menschen geschildert, der im Grunde genommen nicht mitbringt die Erbschaft von Saturn, Sonnen- und Mondenentwickelung, sondern nur die Erdentwickelung hat und dem wesentliche Teile des Ich, des astralischen Leibes und des ätherischen Leibes fehlen. Hamerlings «Homunkulus» wird richtig verstanden gerade von der Geisteswissenschaft aus. Also es ist schon nötig, gewissermaßen der Gegenwart auf die Finger zu schauen, meine lieben Freunde!

[ 42 ] Ich habe Ihnen das letztemal ausgeführt, daß gerade die Idee des Mysteriums von Golgatha, wie wir sie durch die Geisteswissenschaft kennen, zusammenbringt drei Dinge: Erstens den Jesus, wie er als Zarathustra in dem salomonischen Jesusknaben sich verkörpert und wie er das bringt, was geschichtlich die Menschheit durchgemacht hat, er selber mitgemacht hat von Inkarnation zu Inkarnation. Ich habe Ihnen dann klargemacht, wie dasjenige, das in der Erde vorbestimmt war, bevor sie durchgegangen ist durch diese geschichtliche Entwickelung, im nathanischen Jesusknaben ist. Ich habe Ihnen gezeigt, wie im Koran der nathanische Jesusknabe voll beschrieben wird bis zu jenem Punkte hin, daß dieser nathanische Jesusknabe bei der Geburt schon gesprochen hat. Mit diesen zwei Elementen bringen wir zusammen das Außer- und Überirdische des Christus, der im dreißigsten Jahre in die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, des salomonisch-nathanischen Jesus, einzieht, so daß wir in dem Christus erkennen eine Verbindung der geistigen Welten außer der Erde mit dem, was auf der Erde sich vollzogen hat. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht: Notwendig ist es, daß unsere Zeit sich hinbequemt zu dem Begriffe dieser Größe der Jesus-Gestalt und damit auch dieser Größe des Mysteriums von Golgatha. Denn unsere Zeit hat ja gewiß in ihrem fünften nachatlantischen Zeitraum den Verstand, das verständige Denken sehr, sehr ausgebildet; aber es muß hinzugefügt werden zu diesem verständigen Denken das geistige Erfassen der Welt. Dann wird schon wieder verstanden werden, und auch in einem vorgerückteren Maße verstanden werden das Mysterium von Golgatha, als es die vorhergehenden Jahrhunderte verstanden haben. Wir müssen uns erwerben die Möglichkeit des Verständnisses des Mysteriums von Golgatha. Aber ich möchte sagen: Bevor das Verständnis des Mysteriums von Golgatha so recht erworben werden kann, kommt erst noch alles dasjenige, was durch ahrimanische Mächte diesem Menschen-Verständnis eingefügt wird. Im Grunde genommen warten alle guten Geister, möchte ich sagen, darauf, daß die Menschen das Mysterium von Golgatha verstehen. Aber den Menschen drängt sich noch alles entgegen. Sie wollen nicht heran an das Verständnis dieses Mysteriums von Golgatha. Und so verleumden sie unbewußt dieses Mysterium von Golgatha. So verleumden sie unbewußt auch die Gestalt, die im Mittelpunkt dieses Mysteriums von Golgatha zu stehen hat. Denken Sie einmal, es würde jemand alle die tiefen Gefühle, die ernsten Gefühle und Empfindungen, die in uns erzeugt werden können durch die Art, wie wir das Mysterium von Golgatha verstehen, wirklich durchleben wollen, und er stieße mit jemand zusammen, der so recht aus dem heutigen Zeitbewußtsein heraus über den Christus Jesus spräche. Da könnte er unter Umständen eine furchtbarste Verleumdung, Herabsetzung desjenigen erfahren, was er fühlt und empfindet aus der wirklichen Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha heraus. Man wird ihm vielleicht entgegnen: Was du uns da alles sagst, das leuchtet dem Verstande nicht ein, du bist ja ein verrückter Kerl; nur dadurch, daß du ein verrückter Träumer bist, kannst du eigentlich an solche Dinge glauben, denn nur ein verrückter Träumer kann heute wirklich einen Zusammenhang finden in demjenigen, was die Evangelien von dem Christus Jesus schildern!

[ 43 ] Solches könnte man vielleicht erfahren. Und wenn der Betreffende glaubte, ein Dichter zu sein, ja, wenn er vielleicht sogar schon früher bis zu einem gewissen Grade gute Dichtungen geschrieben hat, und er trifft gerade, weil ihm die anderen Stoffe ausgegangen sind, auch auf den Christus-Jesus-Stoff, so könnte der vielleicht das auch künstlerisch so darstellen wollen, könnte sich fragen: Ja, wie ist denn heute ein Mensch eigentlich beschaffen, der das in sich aufnimmt, was der Christus Jesus gewesen sein soll nach den Evangelien? — Es muß eine Art Träumer sein, ein schwachsinniger Mensch. Denn ein gescheiter Mensch, der es heute «so herrlich weit gebracht» hat, nicht wahr, der prüft die Evangelien kritisch, findet ihre Widersprüche, zeigt, daß höchstens ein guter Mann in Nazareth gelebt haben könnte, aber an das, was die Evangelien enthalten, kann ja ein vernünftiger Mensch nicht glauben; ein schwachsinniger Mensch muß es sein. Und solch ein schwachsinniger Mensch, der kann dann leicht darauf kommen, zu sagen: Ich folge dem Christus Jesus. Einer, der es so herrlich weit gebracht hat, tut das nicht, sondern einer, der schwachsinnig ist. Solch ein Schwachsinniger könnte dann auch, sagen wir, auf die Wanderschaft gehen, in einem fremden Dorfe auftreten, sich irgendwo in der Nähe einer Laterne auf einen Stein stellen und anfangen zu predigen, weil er sich voll des Geistes des Christus glaubt — so könnte einer schildern, der es so herrlich weit gebracht zu haben glaubt —, und weil der Betreffende ein Schwachsinniger ist, so wird er eingesperrt. Man könnte da lesen, sagen wir, daß derjenige, der heute als Christus auftritt, eingesperrt wird. Dann wird er verhört vom Pfarrer, der ihm klar macht, daß er nicht über den Christus zu reden hat, weil er kein Pfarrer ist. Dann wird er von demjenigen, der das Richteramt hat, ordentlich angeschnauzt, dann wird er entlassen, weil er doch ein Narr ist, wird nicht weiter eingesperrt. Na, das geht so weiter, er trifft andere, die an seine Narrheit glauben, heilt auch andere; denn das glaubt ja der moderne Mensch, daß Krankheit, die nicht eigentlich Krankheit ist, durch Handauflegen von so nicht ganz Vollsinnigen geheilt werden könne. Endlich wird der Schwachsinnige immer schwachsinniger und bildet sich nun selber ein — weil alle Leute sagen: In dir ist wirklich der Christus erschienen —, er sei der Christus, hat noch irgendein Malheur, so daß er verkannt wird, und so weiter. — Nicht wahr, es wäre schon etwas Furchtbares, wenn sich die sogenannte Gescheitheit. der heutigen Leute verstiege, einen Christus so darzustellen!

[ 44 ] Ich erzähle Ihnen wiederum nichts, was abstrakt ist, sondern hier liegt das Buch: «Der Narr in Christo Emanuel Quint», Roman von Gerhart Hauptmann, der enthält, was ich Ihnen jetzt mit ein paar Worten angedeutet habe. Es soll nicht gesagt werden, daß Gerhart Hauptmann nicht früher einigermaßen erhebliche Dramen und dergleichen geschrieben hat. Aber unsere Zeit ist reif, daß derjenige, den man den größten Dichter der Gegenwart nennt in vielen Kreisen, einen Schwachsinnigen verwendet, um einen Christus darzustellen! Ich weiß sehr wohl, daß diejenigen, die heute so zahlreich sind, kommen werden und sagen: Da verdammst du diesen «Narren in Christo» von Gerhart Hauptmann, weil du die Sache religiös oder philosophisch nimmst, weil du kein Verständnis hast für das rein Ästhetische. — Rein ästhetisch ist die Sache ein Machwerk! Und wenn ich schon eine solche Schilderung haben will, die ein schlechter Abklatsch der «Brüder Karamasow» ist von Dostojewski, dann lese ich lieber Dostojewski und rate auch jedem anderen, lieber Dostojewski zu lesen, wenn er solches, was in einem solchen Milieu ist, durchaus haben will, als einen solch schwachen Abklatsch des Dostojewski. Sogar bis in die Einzelheiten hinein erinnert manches an die «Brüder Karamasow», denn dieser Narr in Christo wird angeklagt, daß er einen Mord begangen haben soll — man erinnere sich daran bei den Brüdern Karamasow —, er ist unschuldig daran, er wird entlassen, er hält sich selbst für den Christus und wandert durch die Welt und klopft überall an, wo es ihm einfällt: bei Pastoren, bei Kardinälen, bei Bischöfen und so weiter, überall klopft er an, weil selbstverständlich die Leute den Christus annehmen sollen. Er wird natürlich überall hinausgeworfen, weil er für einen Narren gehalten wird. Und dann schließt das Buch pathetisch, nachdem geschildert wurde, wie er im Hause verschiedener Leute angeklopft hat, auch im Hause eines Lehrers, den er sogar von früher her kennt:

[ 45 ] «So ging es auch im Hause des Lehrers einige Tage später, wo einst Emanuel Quint, im Schulzimmer, Bruder Nathanaels Bußpredigt gelauscht hatte.» — Die Namen sind alle Anspielungen! — «Die Lehrersleute saßen bei Tisch und ein kalter Herbstwind durchbrauste draußen die Dunkelheit. Man hörte einen Schritt auf der Hausschwelle und hernach ein Pochen gegen die Tür. Die Frau wollte nicht öffnen, sie fürchtete sich. Nachdem, aus irgendeinem Grunde ängstlich geworden, der fromme Lehrer seine Seele dem Herrn empfohlen hatte, öffnete er und fragte durch den Türspalt: «Wer ist hier’ «Christus!» kam es leise zur Antwort. Und sofort schlug mit einer Gewalt, die das Häuschen erbeben machte, von der Hand des Lehrers gerissen, die Tür ins Schloß. Er kam schlotternd herein zu seiner Frau und behauptete, draußen stünde ein Wahnsinniger.»

[ 46 ] Na, und so weiter, so geht es fort. Nett schließt das Ganze in der folgenden Weise:

[ 47 ] «Wiederum eine Woche später fing der gleiche Unfug in der ehemaligen freien Reichsstadt Frankfurt am Main die Leute ein Weilchen zu beschäftigen an. Vor dem Narren und Bettler, der sich Christus nannte, waren mittlerweile zwischen Berlin und Frankfurt Hunderte und Aberhunderte von Haustüren zugeflogen. Ein Frankfurter, der die Angelegenheit auf ironische Weise nahm, sagte, der Herrgott in seinem Himmel müsse unzweifelhaft durch den ungewohnten wilden Lärm des Türenschlagens auf die Vorgänge unter dem Menschengeschlecht aufmerksam geworden sein.

[ 48 ] Unwillkürlich dankt man dem Himmel», — jetzt kommt erst das eigentlich Empörende! — «daß nur ein armer Erdennarr und nicht Christus selber der Wanderer gewesen ist: dann hätten nämlich Hunderte von katholischen und protestantischen Geistlichen, Arbeitern, Beamten, Landräten, Kaufleuten aller Art, Generalsuperintendenten, Bischöfen, Adligen und Bürgern, kurz, zahllose fromme Christen, den Fluch der Verdammnis auf sich geladen.

[ 49 ] Aber wie konnte man wissen — obgleich wir «Führe uns nicht in Versuchung!» beten —, ob es nicht doch am Ende der wahre Heiland war, der in der Verkleidung des armen Narren nachsehen wollte, inwieweit seine Saat von Gott gesäet, die Saat des Reiches, inzwischen gereift wäre?»

[ 50 ] Also es wird doch die Hintertüre offen gelassen, daß der Christus sich verkörpert haben könnte in der Gestalt des Narren, um einmal nachzusehen, wie es auf Erden zugeht. Das kann man selbstverständlich als Christus in der geistigen Welt nicht, nicht wahr, nach einem Mann, wie Gerhart Hauptmann ist, der es so herrlich weit in der Welt gebracht hat!

[ 51 ] «Dann hätte Christus seine Wanderung, wie ermittelt wurde, über Darmstadt, Karlsruhe, Heidelberg, Basel, Zürich, Luzern bis nach Göschenen und Andermatt fortgesetzt und hätte überall immer nur von dem gleichen Türenschlagen an seinen Vater im Himmel berichten können. Nämlich der Narr, der sich Christus nannte, teilte zuletzt mit zwei armen, barmherzigen Schweizer Berghirten, oberhalb Andermatt, Brot und Nachtquartier. Seitdem ist er nicht mehr gesehen worden.»

[ 52 ] Sie werden vielleicht, wenn Sie die Annoncenseiten der Blätter angeschaut haben — denn das ist ja auch interessant —, eine große Annonce gefunden haben in den meisten Blättern, die einen ziemlich großen Teil der Seite einnimmt. Diese Annoncen, die jetzt sehr zahlreich erschienen sind, hatten verschiedene Fassungen. Aber eine von diesen Fassungen will ich Ihnen doch vorlesen — sie ist so groß, das ist die Zeitungsseite, das ist die Annonce —:

[ 53 ] «Soeben erschien die neue wohlfeile Ausgabe des Romans «Der Narr in Christo Emanuel Quinn von Gerhart Hauptmann. Ein starker Band von 540 Seiten. Geheftet 3 Mark, Pappband M. 3.75.

[ 54 ] ‘Nun liegt das Buch vor, von dem es leicht ist vorauszusagen, daß es in rascher Folge ungezählte Auflagen erleben und in alle Kultursprachen übersetzt werden wird. Es wird als ein echter religiöser Roman klassischen Ruhm bekommen, vom Volke nach Menschenaltern noch gelesen, nicht gepriesen nur. Ich übertreibe damit nicht aus eitler Schwärmerei, denn das Buch birgt stärkste, überwältigende Werte in sich. Es ist der Roman religiöser Kämpfe unserer Zeit, dargestellt an einem Schwärmer, einem Sohn des Volkes, der sich bis zur Gottessohnschaft versteigt. Jeder religiöse Mensch wird durch dies große Bekenntnis unseres bedeutendsten lebenden Dichters erbaut und aufgerichtet werden. Hier hat Hauptmann sein größtes Werk vollendet.’»

[ 55 ] Das hat nicht nur der Verleger, Samuel Fischer, gemacht, bei dem das Buch erschienen ist, sondern da hat er eine Rezension eines sehr gescheiten Herrn aus den «Berliner Neuesten Nachrichten» abdrucken lassen!

[ 56 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, oftmals mußte ich im Verlauf dieses Winters davon sprechen, wie Geisteswissenschaft gesund machen soll das Denken, wie sie die Gedankenformen in der richtigen Weise gestalten soll. Wenn jemand so abstrakt heute erzählte, es könne einen Menschen geben, der sagt: Die klassische Zeit hat von dem homo sapiens gesprochen, das ist längst überwunden, der homo oeconomus muß endlich an die Stelle treten, — man würde ihn für wahnsinnig halten. Aber er gilt nicht für wahnsinnig. Er gilt als ein Kulturbringer, als einer, der das Lebensrätsel jetzt zu lösen hat, wenn er in der Gestalt des Homunkulus Dr. Karl Renner auftritt!

[ 57 ] Aber es ist auch viel gearbeitet worden, meine lieben Freunde, recht, recht viel gearbeitet worden daran, die Menschen wegzubringen von einem wirklich gesunden Denken, von einem wirklichkeitsgemäßen Denken. Sie werden den Begriff des wirklichkeitsgemäßen Denkens gerade in meinem Buche, das demnächst erscheinen wird, klar auseinandergesetzt finden. Denken Sie, daß wir ja heute nicht nur haben die alte «Kritik der reinen Vernunft» von Immanuel Kant, in der den Menschen klar gemacht wird: An das Ding-an-sich könnt ihr doch nicht kommen, alles ist nur Schein —, wir haben ja heute, wie ich schon öfter erwähnt habe, sogar schon eine «Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner. Und wir haben sie nicht nur, diese «Kritik der Sprache», sondern Trompeter für diese «Kritik der Sprache», Trompeter des Ruhmes der «Kritik der Sprache» sind zahlreiche Journalisten geworden, und es gibt zahlreiche Leute, die in dieser «Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner ein monumentales Werk der Gegenwart sehen, während es nichts anderes ist als scheußlichster philosophischer Dilettantismus. Nicht einmal bis zu dem Begriffe kann sich Mauthner erheben, daß doch Dinge vorgestellt werden nicht dadurch, daß man bloß das Wort hat, sondern daß das Wort etwas ist wie ein Hinweis und wie eine Gebärde auf das Ding. Bei geistigen Dingen ist das ja schwieriger vorzustellen; aber natürlich muß man sich zunächst klar machen, wie das Wort nur eine Gebärde ist und wie man an den Worten nicht herumkritisieren kann, weil das Wort eine Gebärde ist, die hinweist auf das Betreffende, so im Physischen und so im Geistigen. Weil Mauthner keine Ahnung hat von der Natur des Wortes, fängt er an, das Wort zu kritisieren, und glaubt, die Menschen haben Worte gemacht und hängen dann bloß an den Worten, hinter denen keine Wirklichkeiten sind. Ja, aber die Wirklichkeiten kann man nicht dadurch kritisieren, daß man das Wort kritisiert. Ich will Ihnen das an einem drastischen Beispiel zeigen. Denken Sie sich, was tut Fritz Mauthner! Er hat drei dicke Bände geschrieben: «Kritik der Sprache», hat auch ein «Wörterbuch der Philosophie» in zwei dicken Bänden geschrieben, worin er dann ja auch, sagen wir, gesammelt hat: Begriff des Seins, Begriff der Erkenntnis und so weiter. Das wird alles so nach den Worten abgehandelt: wo das Wort herkomme, wo das Wort zuerst auftritt, wie das Wort von einer Sprache in die andere wandle. Und indem er so beschreibt, wie das Wort von einer Sprache in die andere sich wandelt, da glaubt er, daß er irgend etwas über die Dinge aussagen kann. Ich will es Ihnen an einem drastischen Beispiel klarmachen: Nehmen wir an, Fritz Mauthner zöge so durch Österreich, da könnte er zum Beispiel ein Wort finden, das gebildet worden ist, das Wort «Böhmischer Hofrat». Der «böhmische Hofrat», ist eine Bezeichnung, die man in Österreich sehr häufig findet: irgendeiner ist ein «böhmischer Hofrat». Was würde der Sprachkritiker Fritz Mauthner nach seiner Methode machen müssen? Er müßte natürlich bei «B» in seinem «Philosophischen Wörterbuch» zunächst anknüpfen und müßte «böhmisch» ordentlich kritisieren und würde finden, es sei ein Teil des Begriffes «Böhmen». Dann würde er bei «H» aufschlagen: Hofrat. Er würde dann den Begriff «Hofrat» ordentlich analysieren und würde auf diese Weise die Wirklichkeit des «böhmischen Hofrats» suchen. Aber das Eigentumliche ist dabei, daß «böhmischer Hofrat» in Österreich ein Wesen ist, das weder ein Böhme noch ein Hofrat zu sein braucht, im Gegenteil, die meisten «böhmischen Hofräte» in Österreich sind weder Böhmen noch Hofräte! Das ist gerade ihre Eigentümlichkeit, sie sind durchaus keine Hofräte, es ist nur ein Zufall, wenn einer einmal ein Hofrat ist, und sie brauchen durchaus keine Böhmen zu sein, es ist auch wiederum ein Zufall, wenn ein «böhmischer Hofrat» ein Böhme ist. Einen «böhmischen Hofrat» nennt man in Österreich den, der so ein Schleicher ist, der Talent hat, die Leute, die er überspringen will in der Rangordnung, beiseite zu schieben, Mittelchen findet, um sich hinaufzuschieben. Das alles hat zu tun weder mit «böhmisch» noch mit «Hofrat». Er kann ein in Steiermark geborener Kanzleidiener und doch «böhmischer Hofrat» sein. Da sehen Sie, wie das Wort gebildet wird, gedeutet auf die Wirklichkeit. Und so sind alle Worte gebildet. Wenn man hinter den Worten die Wirklichkeiten sucht, so findet man so wenig hinter den Worten die Wirklichkeiten, wie man hinter dem «böhmischen Hofrat» in Österreich die Wirklichkeit findet, wenn man nicht aus anderem heraus als aus dem Wortinhalte darauf kommt, was eigentlich das Wort bedeutet.

[ 58 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, bis zu diesem Grade von Verworrenheit ist die Gegenwart gekommen, und bis zu diesem Grade von Hochmut in der Verworrenheit ist man gekommen, daß man das als epochemachende Leistung ansieht. Es ist wahrhaftig nicht so ohne Bedeutung zu wissen, daß Volksausgaben entstehen von Werken, in denen die Phantasie der Menschen in der Weise vergiftet wird, wie bei Gerhart Hauptmanns «Narr in Christo». Es ist wahrhaftig nicht gleichgültig, wenn das Denken der Menschen so konfus gemacht wird, wie es durch eine «Sprachkritik» oder dergleichen konfus gemacht wird. Das sind gewissermaßen solche Ausflüsse des Verstandes-Hochmuts, der sich entgegenstellt einem wirklichen Verständnis des Mysteriums von Golgatha, das für die Gegenwart so notwendig ist. Ich möchte sagen: Wie die Kreuzigung für den Christus selber eintreten mußte, so muß schon auch der Begriff des Christus, wie er in der Gegenwart in die Menschheit zieht, erst gekreuzigt werden. Und gekreuzigt wird er durch ein solches Buch, wie der «Narr in Christo Emanuel Quint» ist, von Gerhart Hauptmann. Freilich fühlt sich Gerhart Hauptmann so besonders gescheit, weil er darauf hinweist, wie Bischöfe, Pastoren, Amtsrichter und so weiter den Narren Quint hinausgeworfen haben, als er gekommen ist und gesagt hat, er sei Christus. Und dieser Gerhart Hauptmann fügt sogar elegisch hinzu, daß eventuell in diesem Narren wirklich der Christus sein könnte, und dann hätten ihn die Leute auch hinausgeworfen, und der Christus hätte nur nachsehen wollen. Aber, meine lieben Freunde, ich habe noch eine andere Meinung. Ich habe die Meinung: Wenn der wirkliche Christus probeweise sich irgendwie in einen Menschen begeben hätte und an der Tür des Gerhart Hauptmann geklopft hätte, während er seinen «Narren in Christo» geschrieben hat, so wäre die Türe vor seiner Nase zugeflogen und er herausgeworfen worden, während der Gerhart Hauptmann an seiner Weisheit im «Narren in Christo» geschrieben hat!

[ 59 ] Es gibt also Mannigfaltiges, was die Menschen in der Gegenwart abhält davon, hinzudringen zu dem dreifachen Verständnis des Christus: Zu dem geschichtlichen Christus, der durch die ZarathustraSeele in die Christus-Gestalt eingetreten ist; zu dem irdischen Christus, der aber von dem Erdenleben noch nichts in sich eingewirkt hatte, zu dem Jesus, der in dem nathanischen Jesusknaben war; und zu dem dritten Verständnis, zu dem Christus-Verständnis, zu jener Macht, welche heruntergestiegen ist aus geistigen Höhen und alles Erdenleben befruchtet hat. Dieses dreifache Verständnis, meine lieben Freunde, es muß gewonnen werden. Es wird gewonnen werden, wenn Geisteswissenschaft hindurchdringt durch alle Selbstsucht und allen Hochmut derjenigen, die da zwar sagen, das höchste Ziel der Erkenntnis sei Schweigen, die aber dafür um so mehr reden von links und rechts, und wie links auch rechts sein kann, und trotz derjenigen, die als Homunkulusse neue soziale Ordnungen begründen wollen, und trotz derjenigen, die eine Blasphemie leisten, wie der «Narr in Christo», einen wertlosen sogenannten Roman. Trotz alledem werden sich Menschengemüter finden, welche herankommen werden zum Verständnis des dreifachen Christus.

[ 60 ] Wenn wir nun noch einmal zusammen sein können, so will ich Ihnen dann noch einiges, was sich an dieses anschließen könnte, sagen.