The Riddle of Man
The Spiritual Background of Human History
GA 170
15 August 1916, Dornach
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The Riddle of Humanity, tr. Logan
Neunter Vortrag
Lecture Nine
[ 1 ] Wir haben uns damit beschäftigt, den Menschen kennenzulernen, wie er drinnensteht in der Welt durch seine Sinnesbezirke, durch seine Lebensorgane, und wir haben versucht, einiges von den Folgen der Tatsache ins Auge zu fassen, die diesen Erkenntnissen zugrunde liegt. Wir haben uns vor allen Dingen gewissermaßen geheilt von der trivialen Auffassung, die namentlich manchen Geistig-gesinnt-sein-Wollenden eigen ist, daß alles das, was sie meinen, verachten zu sollen, mit dem Ausdruck «das Stoffliche», «das Sinnliche» belegt wird. Denn wir haben gesehen, daß dem Menschen hier in der physischen Welt gerade in seinen niederen Organen und in seinen niederen Tätigkeiten ein Abglanz gegeben ist von höheren Tätigkeiten und höheren Zusammenhängen. Den Tastsinn, den Lebenssinn, so wie sie jetzt sind, haben wir wohl ansehen müssen als sehr an die physische Erdenwelt gebunden; ebenso den Ichsinn, den Denksinn, den Sprachsinn. Aber dasjenige, was wir in der physischen Erdensphäre finden als die den leiblichen Organismus nur innerlich bedienenden Sinne: Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Geruchssinn, Geschmackssinn, bis zu einem gewissen Grade auch Sehsinn — diese Sinne gerade haben wir uns bequemen müssen, als Abschattungen von etwas anzusehen, was zu Großem, Bedeutungsvollem wird in der geistigen Welt, wenn wir durch den Tod hindurchgegangen sind. Wir haben betont, daß wir durch den Bewegungssinn in der geistigen Welt uns bewegen zwischen den Wesen der verschiedenen Hierarchien, nach den Anziehungs- und Abstoßungskräften, die sie auf uns ausüben, und die sich in den geistigen Sympathien und Antipathien äußern, die dann nach dem Tode von uns erlebt werden. Der Gleichgewichtssinn erhält uns nicht nur im physischen Gleichgewicht, wie hier den physischen Leib, sondern in moralischem Gleichgewicht gegenüber den Wesen und Einwirkungen, die in der geistigen Welt sind. Und so die anderen Sinne: Geschmackssinn, Geruchssinn, Sehsinn. Und insofern gerade das verborgene Geistige hereinspielt in die physische Welt, können wir uns nicht an die höheren Sinne wenden, um Erklärungen dafür zu haben, sondern wir müssen uns an die sogenannten niederen Sinnesbezirke wenden. Allerdings ist es in der Gegenwart nicht möglich, über manche sehr bedeutsame Dinge nach dieser Richtung zu sprechen, weil ja heute die Vorurteile so groß sind, daß man gerade bedeutsame und in höherem geistigen Sinne interessante Dinge nur auszusprechen braucht, um mißverstanden und in allerlei Richtung angeschuldigt zu werden. Und so muß ich es denn auch vorläufig unterlassen, auf manche interessante Vorgänge der Sinnesgebiete mit wichtigen Tatsachen des Lebens hinzuweisen.
[ 1 ] We have been busy getting acquainted with the way man's life processes and the sense-zones locate him in the cosmos, and we have tried to look at some of the consequences that follow from the facts on which this knowledge is based. Above all, we have to some extent cured ourselves of the trivial notion, held by many who want to befriend the spirit, that everything that can be referred to as ‘material’ or ‘perceptible to the senses’ is to be despised. For we have seen that here in the physical world it is precisely the lower organs and functions that reflect higher activities and relationships in the human being. In their present state, we can only view the senses of touch and life as being very dependent on the physical world—equally so the ego sense, the sense of thought and the sense of speech. But we must accustom ourselves to seeing those senses that in the Earth sphere only serve the inner being of the organism as the shadowy reflections of something that is immense and significant for the spiritual world once we have passed through death: the sense of movement, the sense of balance, the sense of smell, the sense of taste and, to a certain degree, the sense of sight. We have emphasised the fact that in the spiritual world the sense of movement enables us to move among the beings of the various hierarchies in accordance with the way they attract or repel us. After death we experience our connection with the hierarchies as spiritual sympathy or antipathy. Physical balance, as we know it here in our physical bodies, is not the only thing the sense of balance provides for us; it also holds us in balance between the beings and influences of the spiritual world. It is similar with the other senses: taste, smell, sight. And, in so far as a hidden spirituality plays into the physical world, it is of no use to turn to the higher senses for clarification. Rather we must enter the realms of the so-called lower senses. Mind you, these days it is not possible to speak about many of the highly significant things that lie in this direction. For today there are such strong prejudices that all one has to do to be misunderstood and accused of all kinds of things is to speak out about precisely those things that are interesting and significant in a higher spiritual sense. So, for the time being, I must forgo speaking about some of the interesting things that go on in the realm of the senses.
[ 2 ] In dieser Beziehung waren ja in alten Zeiten günstigere Verhältnisse. Allerdings gab es auch nicht die Art der Verbreitungsmöglichkeit der Erkenntnisse wie heute. Aristoteles konnte über gewisse Wahrheiten viel unbefangener sprechen, als das heute möglich ist, wo diese Wahrheiten gleich in irgendeinem Sinne persönlich aufgefaßt werden und persönliche Sympathien oder Antipathien erwecken. Sie finden in Aristoteles®’ Werken zum Beispiel Wahrheiten, die den Menschen tief betreffen, und die man heute gar nicht gut entwickeln könnte vor einer großen Versammlung, Wahrheiten, auf die ich in den letzten Betrachtungen hindeutete, indem ich sagte: Die Griechen wußten noch mehr von dem Zusammenhange des Seelisch-Geistigen mit dem PhysischLeiblichen, ohne dadurch in Materialismus zu verfallen. In Aristoteles’ Schriften können Sie zum Beispiel sehr schöne Ausführungen finden, wie äußerlich gestaltet sind die tapferen Menschen, die feigen, die zornmütigen, die schlafsüchtigen Menschen. Da wird in einer gewissen richtigen Weise erzählt, was für Haare, was für eine Gesichtsfarbe, was für eine Art von Runzeln die Mutigen, die Feigen haben, wie die Schlafsüchtigen körperlich gestaltet sind und so weiter. Schon das darzustellen würde heute einigeSchwierigkeiten bereiten, andere Dinge noch mehr. Daher muß man heute, wo die Menschen so persönlich geworden sind und durch das Persönliche in vieler Beziehung über die Wahrheit sich direkt benebeln wollen, sich mehr in Allgemeinheiten verbreiten, wenn man unter gewissen Verhältnissen die Wahrheit darzustellen hat. |
[ 2 ] In this respect, the situation was much more favourable in earlier times. In those times, however, there were not the same possibilities of disseminating information, either. Aristotle could discuss certain truths much more unguardedly than they can be discussed today, when such things are immediately taken personally and awaken personal sympathies and antipathies. In Aristotle's works, for example, you can find profound truths about the human being which one simply could not explain to a large audience of today. I was referring to some of these in the last lecture when I said that the Greeks did not fall prey to materialism even though they knew more than we do of how our soul-spiritual nature is related to our physical, bodily nature. In Aristotle's writings, for example, you can find wonderful descriptions of the external appearance of a brave person, or a coward, or an indignant person, or of someone who is addicted to sleep. There, in a manner that from a certain point of view is correct, you find described what kind of hair and complexion and wrinkles cowardly people have, what sort of bodies drowsy people have, and so on. To say even this much would create problems these days; other things would be even more problematic. People of today take these things much more personally. In many respects they positively want to use the personal to keep themselves in the fog about the truth. That is why some circumstances today compel one to speak in more general terms if one wants to speak truthfully.
[ 3 ] Es ist jede menschliche Art und Betätigung von einer gewissen Richtung her zu verstehen, wenn man in der rechten Art und Weise die nötigen Fragen stellt an das, was wir in den letzten Betrachtungen vor unsere Seele hingestellt haben. Wir haben zum Beispiel gesagt: Die Sinnesbezirke, so wie sie heute im Menschen sind, sind gewissermaßen voneinander getrennte und ruhende Bezirke, wie die Tierkreisbilder draußen im Weltenraume ruhende Bezirke sind, im Gegensatz zu dem, was in den Planeten erscheint, die da kreisen, die da wandeln, die ihren Ort in verhältnismäßig rascher Weise ändern. So sind die Sinnesbezirke gewissermaßen fest abgegrenzt in ihren Regionen, während die Lebensprozesse durch den ganzen Organismus pulsen und die einzelnen Sinnesbezirke durchkreisen, das heißt durchkraften in ihrem Wirken.
[ 3 ] Specific insights about every kind of human being and every human activity await those who, in the right spirit, turn to our preceding considerations with the necessary questions. We have said, for example, that the human senses are presently located in more or less separate, static regions. They are just like the constellations, each of which remains motionless in its own region of the cosmos—in contrast to the planets, which appear, circling, wandering, changing their location in a relatively short time. Moreover, the boundaries of each sense region are fixed, whereas the life processes pulse through the whole organism and circulate through the individual sense-zones, permeating them with their influence.
[ 4 ] Nun haben wir aber auch gesagt, daß während der alten Mondenzeit unsere heutigen Sinnesorgane noch Lebensorgane waren, daß sie noch gewirkt haben als Lebensorgane, und daß unsere heutigen Lebensorgane noch im wesentlichen mehr seelischer Art waren in der alten Mondenzeit. Nun denken Sie an das, was ja öfter betont worden ist: daß es einen Atavismus gibt im menschlichen Leben, eine Art Wiederum-Zurückkehren zu den Gewohnheiten, zu den Eigentümlichkeiten dessen, was früher einmal — in diesem Falle während der Mondenzeit — naturgemäß war; eine Art Zurückfallen. Wir wissen, daß es ein atavistisches Zurückfallen gibt in die Art der traumhaft-imaginativen Anschauungsweise der Mondenzeit. Dieses atavistische Zurückfallen in Mondenvisionen müssen wir heute als krankhaft bezeichnen.
[ 4 ] Now we also have said that our sense organs were more like vital organs during Old Moon. There they functioned more as vital organs, whereas the organs that are now vital organs were essentially more related to the soul. Consider, then, something that has been emphasised more than once: that sometimes people will regress to, or return to, an atavistic state that was a natural and usual state in an earlier time—in this case, during the Old Moon period. We have noted that there is a form of regression that revives the dreamlike imaginative vision of Old Moon. Today, such an atavistic regression into the visionary state of Old Moon is a form of illness.
[ 5 ] Nun bitte, fassen Sie streng ins Auge: Nicht die Visionen als solche sind krankhaft, denn sonst wäre ja alles, was der Mensch während der Mondenzeit erlebt hat, wo er nur in solchen Visionen lebte, als krankhaft zu bezeichnen, und man wäre genötigt zu sagen, der Mensch hat während der Mondenzeit einen Krankheitsprozeß, noch dazu einen seelischen Krankheitsprozeß durchgemacht, er war verrückt während der alten Mondenzeit. Das wäre natürlich ein vollständiger Unsinn, das kann man nicht sagen. Das Krankhafte liegt nicht in den Visionen als solchen, sondern es liegt darin, daß sie in der gegenwärtigen Erdenorganisation des Menschen so vorhanden sind, daß sie nicht ertragen werden, daß sie so angewendet werden von dieser Erdenorganisation, wie es ihnen als Mondenvisionen nicht angemessen ist. Denken Sie, wenn einer eine Mondenvision hat, so ist diese ja eigentlich nur geeignet, zu einem Gefühle, zu einer Tätigkeit, zu einer Handlung zu führen, wie es dem Monde entsprechend war. Wenn er aber eine Mondenvision hier während der Erdenzeit hat und er macht solche Dinge, wie man sie nur mit einem Erdenorganismus tut, so besteht darin das Krankhafte. Und das tut er nur, weil sein Erdenorganismus die Vision nicht erträgt, wenn sich der Erdenorganismus gewissermaßen imprägniert mit der Vision.
[ 5 ] Now I ask you please not to lose sight of something: namely, that the visions themselves are not pathological. If that were so, we would have to say that everything mankind experienced on Old Moon was the product of illness, for there one lived entirely in such visions. And we would have to say that Old Moon was an illness that humanity had to go through—an illness of soul, at that—so that the humanity of Old Moon was necessarily insane. Naturally, one cannot say this; it is utter nonsense. The pathological aspect does not lie in the visions themselves, but rather in the fact that they cannot be sustained by the human organisation in its present, earthly form. The earthly, human organisation adapts to such visions in a way that is not appropriate to them. Just consider: when someone has the kind of vision one had on Old Moon, this vision is only adapted for engendering the kind of feelings, activities and acts that were appropriate to Old Moon. The illness consists in someone having such a vision here on Earth and responding to it in ways that only an earthly organisation can respond. This only happens because the earthly organisation cannot tolerate this vision with which it is more or less impregnated.
[ 6 ] Nehmen Sie den gröbsten Fall: Jemand wird veranlaßt, eine Vision zu haben. Statt nun mit dieser Vision ruhig zu bleiben und sie innerlich anzuschauen, wendet er sie irgendwie, während sie nur auf die geistige Welt anzuwenden ist, auf die physische Welt an und verhält sich danach mit seinem Leib. Das heißt, er fängt an zu toben, weil die Vision seinen Leib durchdringt, durchkraftet, was sie nicht sollte. Da haben Sie den gröbsten Fall. Sie sollte stehenbleiben innerhalb der Region, in der die Vision lebt, und das tut sie nicht, wenn sie heute als atavistische Vision nicht ertragen wird von dem physischen Leib. Wenn der physische Leib zu schwach ist, um aufzukommen gegen die Vision, dann tritt Kraftlosigkeit ein. Wenn der physische Leib stark genug ist, um gegen sie aufzukommen, dann schwächt er die Vision ab. Sie hat dann nicht jenen Charakter, durch den sie einem vorlügt, sie wäre etwas gleich einem Dinge oder Vorgang in der Sinneswelt; denn das lügt ja die Vision demjenigen vor, der dadurch krankhaft wird. Wenn also der physische Organismus so stark ist, daß er die Neigung der atavistischen Vision, zu lügen, bekämpft, dann wird das Folgende eintreten: dann wird der Mensch stark genug sein, sich in einer ähnlichen Weise zur Welt zu verhalten, wie während der alten Mondenzeit, und doch dieses Verhalten dem heutigen Organismus anzupassen.
[ 6 ] Take the most obvious, concrete kind of case: circumstances arise in which someone has a vision. Then, instead of remaining in quiet contemplation of the vision and relating it to the spiritual world, which is the only world to which it can rightly be related, the person applies it to the physical world and behaves accordingly. In other words, he starts to go berserk because the vision is doing what it should not do—permeating his body and bringing it into action. This is the most obvious kind of case. Today, when an atavistic vision arises that the body cannot tolerate, it does not remain in the domain which has brought it to life, which is where it should remain. A person becomes powerless if, his physical body is too weak to stand up against the vision. If the physical body is strong enough to stand up against it, the vision is weakened. Then the objects and events in it cease to appear—falsely—as if they really belonged to the world of the senses, for that is how they seem to someone who is made ill by them. Thus, if the physical body is strong enough to counter the falsifying tendencies of an atavistic vision, the following occurs: in such cases, a person relates to the world in a fashion that is similar to that of Old Moon, and yet he is strong enough to reconcile this Moon mode of experience with the earthly organism in its present state.
[ 7 ] Was heißt denn das? Das heißt, der Mensch wird seinen Tierkreis mit den zwölf Sinnesbezirken innerlich etwas verändern. Er wird ihn so verändern, daß in diesem Tierkreis mit seinen zwölf Sinnesbezirken mehr Lebensprozesse als Sinnesprozesse sich abspielen, oder besser gesagt, Prozesse sich abspielen, die zwar den Sinnesprozeß anschlagen, aber ihn in dem Sinnesbezirk zum Lebensprozeß umgestalten, also den Sinnesprozeß aus dem Toten, das er heute hat, herausheben und ins Lebendige umsetzen, so daß der Mensch sieht, aber in dem Sehen zugleich drinnen etwas lebt; daß er hört und zugleich in dem Hören drinnen etwas lebt, wie es sonst nur im Magen lebt oder auf der Zunge, so im Auge und so im Ohr. Die Sinnesprozesse werden eben in Bewegung gebracht. Ihr Leben wird angeregt. Das kann ruhig geschehen. Dann wird diesen Sinnesorganen einverleibt etwas von dem, was sonst nur die Lebensorgane heute in demselben Grade haben. Die Lebensorgane haben eine starke innerliche Durchkraftung mit Sympathie — und Antipathie. Denken Sie, wie das ganze Leben abhängt von Sympathie und Antipathie! Das eine wird aufgenommen, das andere abgestoßen. Das, was die Lebensorgane sonst entfalten an sympathischen und antipathischen Kräften, das wird gleichsam den Sinnesorganen wieder eingeflößt. Das Auge sieht nicht nur das Rot, sondern es empfindet Sympathie oder Antipathie mit der Farbe. Das Durchdrungensein mit Leben strömt wieder zu den Sinnesorganen zurück. So daß wir also sagen können: Die Sinnesorgane werden wiederum Lebensbezirke in einer gewissen Weise.
[ 7 ] What does this imply? It implies that this person has somewhat altered his inner zodiac with its twelve sense-zones. It is changed in such a way that what happens in this zodiac of the twelve senses is more like a life process than a sense process. Or, better expressed, one could say that events in the regions of the senses, events which actually do impinge on the sense processes, are transformed into life processes—so that the sense processes are lifted out of their present, dead state and transformed into something living: you still see, but something lives in that seeing; you hear, but simultaneously there is something living in that hearing. Something lives in the eyes or in the ears which otherwise only lives in your stomach or on your tongue. The sense processes are truly brought into movement. And it is quite in order for that to happen. For then our modern sense organs acquire qualities that could otherwise only be possessed in the same degree by our vital organs. The forces of sympathy and antipathy flow strongly through our vital organs. Now just consider how much of our whole life depends on sympathy and antipathy—on which things we accept and take up and which we reject! And now those very powers of sympathy and antipathy, powers that are otherwise developed in the life organs, once more begin to pour into the sense organs. The eye not only sees red, it experiences sympathy or antipathy along with the colour. The sense organs regain the capacity to receive and be permeated by the life forces. So we can say: in this way the sense organs are brought once more into the sphere of life.
[ 8 ] Die Lebensprozesse müssen dann auch verändert werden. Und das geschieht so, daß die Lebensprozesse durchseelter werden als sie für das Erdenleben sind. Es geschieht so, daß die drei Lebensprozesse — Atmung, Wärmung, Ernährung — gewissermaßen zusammengefaßt und beseelt werden, seelischer auftreten. Bei der gewöhnlichen Atmung atmet man die derbe materielle Luft, bei der gewöhnlichen Wärmung die Wärme und so weiter. Nun aber findet eine Art Symbiose statt, das heißt die Lebensprozesse bilden dann eine Einheit, wenn sie durchseelt werden. Sie sind nicht getrennt wie im jetzigen Organismus, sondern sie bilden eine Art Verbindung miteinander, Eine innige Gemeinschaft schließen Atmung, Wärmung, Ernährung im Menschen — nicht die grobe Ernährung, sondern etwas, was Ernährungsprozeß ist; der Prozeß läuft ab, aber man braucht nicht zu essen dabei, aber er läuft auch nicht allein ab wie beim Essen, sondern mit den anderen Prozessen zusammen.
[ 8 ] For this to happen, there must be changes in the life processes. Through these changes, the life processes become more ensouled than they otherwise would be in earthly life. The ensouling takes place in such a way that the three life processes—breathing, warming and nourishing—are more or less united. Then they begin to manifest themselves more in the sphere of the soul. With normal breathing, one breathes the prosaic, earthly air; the normal process of warming involves earthly warmth; and so on. But when they are ensouled, the life processes are united by a kind of symbiosis. They cease to be separated in the way they are usually separated in the present-day human organism; they establish connections with each other. Breathing, warming and nourishing unite to form an inner association with one another. And this is not nourishing in the coarse, material sense, but is rather the process of nourishing. The process occurs without it being necessary for anything to be eaten, and it does not occur on its own, as when we eat, but in conjunction with the other processes.
[ 9 ] Ebenso werden die vier anderen Lebensprozesse vereinigt. Absonderung, Erhaltung, Wachstum, Reproduktion werden vereinigt und bilden wiederum mehr einen beseelten Prozeß, einen Lebensprozeß, der also mehr seelisch ist. Und dann können sich die zwei Partien selber wieder vereinigen, so daß nicht etwa alle Lebensprozesse zusammenwirken, sondern so zusammenwirken, daß sie sich in drei und vier gliedern, die drei mit den vieren zusammenwirken.
[ 9 ] The four remaining life processes are united in a similar fashion. Secretion, growth, maintenance and reproduction are united to form a single, more ensouled process, a life process that has more to do with the soul. And then these two parts can unite yet again-not just gathering all the life processes together so that they function as one, but by combining three of the processes in one group and the other four processes in another so that these two groups, in turn, can function in concert.


[ 10 ] Dadurch entstehen — ähnlich, aber nicht ebenso, wie es jetzt auf der Erde ist — Seelenkräfte, die den Charakter von Denken, Fühlen und Wollen haben: auch drei. Die sind nun anders; nicht Denken, Fühlen und Wollen so wie auf der Erde, sondern etwas anders. Sie sind mehr Lebensprozesse, nicht solch abgesonderte Lebensprozesse wie die der Erde sind. Der Prozeß ist ein sehr intimer, feiner, der da in dem Menschen stattfindet, wo er dieses gleichsam Zurücksinken in den Mond verträgt, wo es nicht zu Visionen kommt, und dennoch eine ähnliche Art, eine leise ähnliche Art des Auffassens stattfindet, wo die Sinnesbezirke zu Lebensbezirken werden, die Lebensprozesse zu Seelenprozessen. Auch kann der Mensch nicht immer so bleiben, denn er würde dann für die Erde unbrauchbar sein. Der Erde ist er ja angepaßt dadurch, daß seine Sinne und auch seine Lebensorgane so sind, wie wir sie beschrieben haben. Aber in gewissen Fällen kann sich der Mensch doch so gestalten, und wenn er sich so gestaltet, dann tritt bei ihm, wenn die Gestaltung sich mehr auf das Wollen legt, ästhetisches Schaffen ein, wenn sich die Gestaltung mehr auf das Auffassen verlegt, auf das Wahrnehmen, ästhetisches Genießen. Das wirkliche ästhetische Verhalten des Menschen besteht darin, daß die Sinnesorgane in einer gewissen Weise verlebendigt werden, und die Lebensprozesse durchseelt werden. Dies ist eine sehr wichtige Wahrheit über den Menschen, denn sie bringt uns vieles zum Verständnis. Jenes stärkere Leben der Sinnesorgane und andersartige Leben der Sinnesgebiete, als das im gewöhnlichen der Fall ist, müssen wir in der Kunst und im Kunstgenuß suchen. Und ebenso ist es bei den Lebensvorgängen, die im Kunstgenuß durchseelter sind als im gewöhnlichen Leben. Weil man diese Dinge nicht der Wirklichkeit gemäß betrachtet in unserer materialistischen Zeit, kann das Bedeutungsvolle der ganzen Veränderung, die mit dem Menschen vorgeht, wenn er im Künstlerischen drinnensteht, auch nicht voll erfaßt werden. Heute betrachtet man ja den Menschen doch mehr oder weniger als ein grob abgeschlossenes Wesen. Aber innerhalb gewisser Grenzen ist doch der Mensch variabel. Und das zeigt eine solche Variabilität, wie wir sie jetzt eben betrachtet haben.
[ 10 ] In this way three new soul faculties arise. In character they resemble—but are not identical with—the earthly faculties of thinking, feeling and willing: here is another triad of soul faculties. The new faculties differ from thinking, feeling and willing as they normally present themselves on Earth. They are more like life processes, but not so differentiated as the life processes otherwise are on Earth. When someone is able to sustain this sinking-back into Moon without lapsing into visions, a very intimate, subtle process takes place. The sense-zones are transformed into regions of life, the life processes are ensouled, and there arises a kind of understanding that is faintly suggestive of the Old Moon visions. Nor can a person remain constantly in this state, for then one would cease to be fit for life on Earth. To be fit for Earth one needs the kind of senses and vital organs we have described previously. But in special circumstances a person can enter into this other state. Then, if the state tends more towards the will, it leads to aesthetic creation; if the state tends more towards perception, it leads to aesthetic enjoyment. Truly aesthetic human behaviour consists in the enlivening of the sense organs and the ensouling of the life processes. This is an extremely important truth about humanity; it explains much. This enlivening of the sense organs and this new life in the regions of the senses is to be found in the arts and the enjoyment of art. Something similar occurs with the vital processes, which are more ensouled in the enjoyment of art than they are in normal life. These days, it is impossible to understand the full significance of the changes a person undergoes when he enters the artistic sphere, because a materialistic approach is incapable of grasping the facts in their full reality. Today a human being is seen as concrete and fixed. But, within certain limits, people actually are variable. This is demonstrated by the sort of variability we have just been observing.
[ 11 ] Wenn Sie so etwas wie das eben Ausgeführte haben, dann liegen darinnen eingeschlossen weite, weite Wahrheiten. Um eine solche Wahrheit nur zu erwähnen: Gerade diejenigen Sinne, welche am meisten für den physischen Plan eingerichtet sind, die müssen die größte Veränderung erfahren, wenn sie so gewissermaßen halb ins Mondendasein zurückgeleitet werden. Der Ichsinn, der Denksinn, der grobe Tastsinn, sie müssen, weil sie ja in ganz robustem Sinne für die physische Welt der Erde geeignet sind, sich ganz ändern, wenn sie derjenigen Konstitution des Menschen dienen sollen, welche diesen Weg halb in die Mondenzeit zurückmacht.
[ 11 ] Elucidations such as those that have just been presented contain far, far-reaching truths. To mention only one such truth: there is the fact that precisely those senses that are most adapted to the physical plane of existence are the senses that must undergo the most radical changes when they are led halfway back into a quasi-Moon existence. In order to serve someone who follows this road halfway back into the time of Old Moon, the sense of the I, the sense of thought and the sense of physical touch must be wholly transformed, for these senses are robustly adapted to Earth existence.
[ 12 ] So wie wir im Leben dem Ich gegenüberstehen, wie wir im Leben der Gedankenwelt gegenüberstehen, können wir es zum Beispiel in der Kunst schon nicht brauchen. Höchstens in einigen Nebenkünsten kann ein gleiches Verhältnis zum Ich und zum Denken stattfinden wie in dem gewöhnlichen physischen Erdenleben. Einen Menschen seinem Ich nach unmittelbar, wie er in der Wirklichkeit drinnensteht, schildern, porträtieren, gibt keine Kunst. Der Künstler muß mit dem Ich etwas machen, einen Prozeß machen, wodurch er dieses Ich aus der Spezialisierung heraushebt, in der es heute im Erdenprozesse lebt, er muß ihm eine allgemeinste Bedeutung verleihen, etwas Typisches geben. Das tut der Künstler ganz von selber. Ebenso kann der Künstler nicht die Gedankenwelt unmittelbar so künstlerisch zum Ausdruck bringen, wie man sie für die gewöhnliche Erdenwelt zum Ausdruck bringt; denn sonst wird er keine Dichtung oder überhaupt kein Kunstprodukt hervorbringen, sondern höchstens ein lehrhaftes Produkt, irgend etwas Didaktisches, was niemals ein Künstlerisches im wahren Sinne des Wortes sein kann. Die Veränderungen, die da der Künstler vornimmt mit dem, was da ist, die sind ein gewisses Zurückführen zur Verlebendigung der Sinne in der Richtung, wie ich das hier angeführt habe.
[ 12 ] It is of no use to art, for example, to confront the I or the world of thoughts the way we normally do. At the very most, you might find the usual relationship to the I and to thought in some minor arts. No art describes or portrays a person's I directly, in the way the person actually lives, standing within the real world. The artist must go through a process whereby the I is lifted out of the specialisation it has acquired on earth; it must give him a generalised sense of meaning, a sense for the typical. An artist does this as a matter of course. Similarly, an artist cannot directly express the world of thoughts in the way in which it is usually expressed here on earth. Otherwise he would not be able to produce any poetry or works of art at all, but at the very most only didactic things, things that contain some lesson and are not artistic in the true sense of the word. The changes that the artist makes in the world that confronts him enliven the senses by leading them back to a previous condition in the way I have been explaining.
[ 13 ] Aber es kommt noch etwas dazu, was wir bedenken müssen, wenn diese Veränderung der Sinne ins Auge gefaßt wird. Die Lebensprozesse greifen ineinander, sagte ich. Wie die Planeten einer den andern bedecken und in ihrem gegenseitigen Verhältnis eine Bedeutung haben, während die Sternbilder ruhig bleiben, so werden die Sinnesbezirke, wenn sie gleichsam ins planetarische Menschenleben übergehen, beweglich, lebendig werden, sie werden zueinander Beziehungen erlangen, und daher kommt es, daß das künstlerische Wahrnehmen niemals so auf besondere Sinnesbezirke geht wie das gewöhnliche irdische Wahrnehmen. Es treten auch die einzelnen Sinne in gewisse Beziehungen zueinander. Nehmen wir irgendeinen Fall, zum Beispiel die Malerei.
[ 13 ] But, regarding this change in the senses, there is something else that must still be considered. I said that the life processes intermingle. Just as the planets come into conjunction, and just as their mutual relations are significant—in contrast to the immobile stars—the sense-zones can also come into motion; once they have been transposed to the planetary dimension of human life, they can come to life and attain to relationships with one another. This is the reason why artistic perception is never as restricted to specific sense-zones in the way in which our usual perception is. The particular senses also develop certain relationships with one another. Let us consider an example—say, painting.
[ 14 ] Für eine von der wirklichen Geisteswissenschaft ausgehende Betrachtung stellt sich folgendes heraus: Für die gewöhnliche Sinnesbeobachtung hat man es zu tun für das Sehen und für den Wärmesinn, für den Geschmackssinn und für den Geruchssinn mit abgesonderten Sinnesbezirken. Da trennt man diese Bezirke. In der Malerei finder eine merkwürdige Symbiose, ein merkwürdiges Zusammengehen dieser Sinnesbezirke statt, nur nicht in den groben Organen, sondern in der Verbreiterung der Organe, wie ich es angedeutet habe in vorhergehenden Vorträgen.
[ 14 ] A consideration that is based on true spiritual science would discover the following things. Sight, the sense of warmth, the sense of taste, the sense of smell—these have their discrete zones as far as normal sense observation goes. Their respective areas are separate. In painting, however, these sense regions merge in a remarkable fashion, not only in the concrete organs, but also in their spheres of influence as I have described them in preceding lectures.
[ 15 ] Der Maler oder der die Malerei Genießende sieht nicht bloß den Inhalt der Farbe an, das Rot oder das Blau oder das Violett, sondern er schmeckt die Farbe in Wirklichkeit, nur nicht mit dem groben Organ, sonst müßte er mit der Zunge dran lecken; das tut er ja nicht. Aber mit alledem, was zusammenhängt mit der Sphäre der Zunge, geht etwas vor, was in feiner Weise ähnlich ist dem Geschmacksprozeß. Also wenn Sie einfach einen grünen Papagei anschauen durch den sinnlichen Auffassungsprozeß, so sehen Sie mit Ihren Augen die Grünheit der Farbe. Wenn Sie aber eine Malerei genießen, so geht ein feiner imaginativer Vorgang vor in dem, was hinter Ihrer Zunge liegt und noch zum Geschmackssinn der Zunge gehört, und nimmt teil an dem Sehprozeß. Es sind ähnlich feine Vorgänge wie sonst, wenn Sie schmekken und die Nahrungsmittel verspeisen. Nicht das, was auf der Zunge vorgeht, sondern was sich erst an die Zunge anschließt, feinere physiologische Prozesse, die gehen zugleich mit dem Sehprozeß vor sich, so daß der Maler die Farbe im tieferen seelischen Sinne wirklich schmeckt. Und die Nuancierung der Farbe, die riecht er, aber nicht mit der Nase, sondern mit dem, was bei jedem Riechen seelischer, tiefer in dem Organismus vorgeht. So finden solche Zusammenlagerungen der Sinnesbezirke statt, indem die Sinnesbezirke mehr in Lebensvorgänge, in Bezirke für Lebensvorgänge übergehen.
[ 15 ] A painter, or someone who is enjoying a painting, does not merely see the content as colours: the red or the blue or the violet. Instead, he actually tastes the colours, although of course not with the actual organ, or else he would have to lick the painting with his tongue, which he does not do. But a subtle process that is similar to the process of tasting nevertheless takes place in all those areas allied to the sphere of the tongue. When you use the processes of sensory perception to see a green parrot, your eyes see the green colour. But when you enjoy a painting, other subtle, imaginative processes also participate in the act of seeing. These processes are associated with your tongue and belong to your tongue's sense of taste. They are similar to the subtle processes that occur when you taste something, when you eat your food. Now, the act of seeing simultaneously involves other processes—not the processes that actually happen on the tongue, but rather fine, physiological processes associated with these—so that in the deeper sense of the word the painter really does taste the colours. And he smells the nuances of the colours—not with his nose but rather with the more soul-allied things that accompany the act of smelling from deeper in the organism. Therefore, the individual sense-zones begin to merge as they become areas more given over to the life process.
[ 16 ] Wenn wir eine Beschreibung lesen, durch die wir nur unterrichtet werden sollen, wie etwas aussieht oder was mit etwas geschieht, da lassen wir unseren Sprachsinn wirken, den Wortsinn, durch dessen Vermittelung wir informiert werden über dies oder jenes. Wenn wir ein Gedicht anhören, und hören es ebenso an, wie wir etwas anhören, was uns bloß informieren soll, da verstehen wir das Gedicht nicht. Das Gedicht lebt sich zwar so aus, daß wir es durch den Sprachsinn wahrnehmen, aber wenn bloß der Sprachsinn auf das Gedicht gerichtet ist, da verstehen wir es nicht. Es muß außer dem Sprachsinn auf das Gedicht noch gerichtet sein der durchseelte Gleichgewichtssinn und der durchseelte Bewegungssinn; aber eben durchseelt. Da entstehen also wiederum Zusammenlagerungen, Zusammenwirkungen der Sinnesorgane, indem der ganze Sinnesbereich in den Lebensbereich übergeht. Und begleitet muß das alles werden von beseelten, in Seelisches verwandelten Lebensprozessen, die nur nicht so wirken wie die gewöhnlichen Lebensprozesse der physischen Welt.
[ 16 ] When we read a description intended for instructing us as to how something looks or how something happened, we employ the sense of speech, or the sense of word. Through it, we obtain information about one thing and another. But if we listen to a poem in the same way as we listen to straightforward information, we will not be able to understand it. The poem does manifest itself to the sense of speech, of course, but it cannot be understood solely through the sense of speech. In addition to the sense of speech, the ensouled senses of balance and movement must also be focused on the poem—not just the usual senses of balance and movement, but the ensouled senses. So we again see that the senses merge. The regions of the senses have become life regions and the sense organs function in combination. Furthermore, this whole process must be accompanied by life processes that relate to the soul instead of functioning like the usual life processes in the physical world.
[ 17 ] Wenn einer beim Anhören eines Musikstückes den vierten Lebensprozeß so weit bringt, daß er schwitzt, so geht das zu weit; das gehört nicht mehr zum Ästhetischen, da ist die Absonderung bis zur physischen Absonderung getrieben. Aber erstens soll es nicht zur physischen Absonderung kommen, sondern der Prozeß als seelischer Prozeß verlaufen, aber genau derselbe Prozeß soll verlaufen, der der physischen Absonderung zugrunde liegt, und zweitens soll die Absonderung nicht für sich auftreten, sondern die vier zusammen — aber alle seelisch —: Absonderung, Wachstum, Erhaltung und Reproduktion. Also die Lebensprozesse werden seelischere Prozesse.
[ 17 ] Someone who engages the fourth life process so intensely that he sweats when he listens to a piece of music has gone too far; that is no longer appropriate to the aesthetic realm, for secretion has been taken as far as physical secretion. The first point is that the process should remain on the soul level and not lead to physical secretion, even though physical secretion is based on exactly the same process. The second point to note is that secretion should not emerge as a discrete process, but rather in an association of four processes—all of them on a soul level: secretion, growth, maintenance and reproduction.
[ 18 ] Auf der einen Seite wird die Geisteswissenschaft der Erdenentwikkelung die Hinlenkung zur geistigen Welt zu bringen haben, ohne die, wie wir aus Verschiedenem gesehen haben, die Menschheit in der Zukunft verderben wird. Aber auf der anderen Seite muß durch die Geisteswissenschaft auch wieder die Fähigkeit gebracht werden, das Physische mit dem Geistigen zu erfassen, es zu begreifen. Denn es hat ja der Materialismus nicht nur das gebracht, daß man zum Geistigen nicht recht hin kann, sondern er hat auch das gebracht, daß man das Physische nicht mehr verstehen kann. Denn in allem Physischen lebt der Geist, und wenn man vom Geist nichts weiß, kann man das Physische nicht verstehen. Denken Sie, diejenigen, die vom Geist nichts wissen, was wissen die davon, daß die ganzen Sinnesbezirke sich so verwandeln können, daß sie Lebensbezirke werden, daß die Lebensprozesse so sich verwandeln können, daß sie als seelische Prozesse auftreten? Was wissen die heutigen Physiologen von diesen feineren Vorgängen im Menschen? Der Materialismus hat allmählich dazu geführt, daß man von allem Konkreten abgekommen ist und zu Abstraktionen gekommen ist, und diese Abstraktionen, die läßt man nach und nach auch fallen. Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sprach man noch von Vital- oder Lebenskraft. Natürlich kann man mit einem solchen Abstraktum nichts anfangen, denn erst dann begreift man die Sache, wenn man ins Konkrete hineingeht. Wenn man die sieben Lebensprozesse voll erfaßt, dann hat man die Wirklichkeit, und darum handelt es sich, daß man wieder das Wirkliche bekommt. Mit der Erneuerung von allerlei Abstraktionen wie «Elan vital» oder ähnlichen greulichen Abstraktionen, die nichts besagen, sondern nur Eingeständnisse des Unvermögens, zu erkennen, sind, wird man die Menschheit, trotzdem man vielleicht das Gegenteil will, nur immer mehr in den plumpesten Materialismus, weil sogar in einen mystischen Materialismus, hineinführen. Um das wirkliche Erkennen handelt es sich bei der nächsten Zukunftsentwickelung der Menschheit, um das Erkennen der Tatsachen, die sich nur aus der geistigen Welt heraus ergeben. Und vorrücken müssen wir wirklich in bezug auf die geistige Erfassung der Welt.
[ 18 ] On the one hand, spiritual science has the task of linking the development of Earth to the spiritual worlds. From many points of view we have seen that mankind is headed for disaster unless this link is established. On the other hand, however, spiritual science must also revive the capacity for grasping and understanding the physical world in terms of the spiritual. Not only has materialism led to an inability to rise to the spirit, it also has led to an inability to understand the physical. The spirit is alive in everything physical. If it is lost sight of, it becomes impossible to understand the physical. Just ask yourselves, what could someone who knows nothing of spiritual realities know about the way an entire sense-zone can become a life-zone, and about the way vital processes can manifest as soul processes? What do contemporary physiologists know about these subtle processes that occur in us? Materialism has gradually brought us to such a pass that we have lost all contact with concrete reality. We live only in abstractions, and now we are abandoning the abstractions, too. At the beginning of the nineteenth century people still spoke of vital energy, or of life energy. Naturally, one cannot do anything with such an abstraction, for matters can only be grasped when one enters into the concrete. Once you have a full grasp of the seven life processes you are involved with the realities, and what matters is to re-establish a connection with reality. People try to put new life into all sorts of greyish abstractions, abstractions like elan vital. Even though they may intend exactly the opposite, they are only leading mankind deeper into the crudest materialism, materialism that stoops to mysticism. These abstractions say nothing; they simply testify to an inability to understand. The development of humanity in the immediate future depends on a knowledge of things that can only be discovered in the spiritual worlds. We must make real progress in our spiritual understanding of the world.
[ 19 ] Da muß man zunächst auch wiederum zurückdenken an den guten Aristoteles, der der alten Anschauung noch nähergestanden hat als die heutigen Menschen. Nur an eines will ich Sie erinnern bei diesem alten Aristoteles, an eine eigentümliche Tatsache. Es ist eine ganze Bibliothek geschrieben worden über die Katharsis, durch die er darstellen wollte, was der Tragödie zugrunde liegt. Aristoteles sagt: Die Tragödie ist eine zusammenhängende Darstellung von Vorgängen des menschlichen Lebens, durch deren Verlauf die Affekte Furcht und Mitleid erregt werden; aber indem sie erregt werden, wird die Seele zu gleicher Zeit durch die Art des Ablaufes von Furcht und Mitleid zur Läuterung, zur Katharsis von diesen Affekten geführt. — Es ist viel darüber im Zeitalter des Materialismus geschrieben worden, weil man gar nicht das Organ hatte, Aristoteles zu verstehen. Erst diejenigen haben recht, die eingesehen haben, daß Aristoteles eigentlich in seiner Art — nicht im Sinne der heutigen Materialisten — einen medizinischen, halb medizinischen Ausdruck mit der Katharsis meint. Weil die Lebensprozesse seelische Prozesse werden, bedeuten für das ästhetische Empfangen der Eindrücke von der Tragödie die Vorgänge der Tragödie wirklich eine bis ins Leibliche hineingehende Erregung der Prozesse, die sonst als Lebensvorgänge Furcht und Mitleid begleiten. Und geläutert, das heißt zu gleicher Zeit durchseelt werden diese Lebensaffekte durch die Tragödie. Das ganze Seelische des Lebensprozesses liegt in dieser Definition des Aristoteles darinnen. Und wenn Sie mehr lesen in der «Poetik» des Aristoteles, dann werden Sie sehen, daß da — jetzt nicht aus unserer modernen Erkenntnisart heraus, sondern aus der alten Mysterientradition heraus — etwas wie ein Hauch von diesem tiefergehenden Verständnis des ästhetischen Menschen lebt. Beim Lesen der «Poetik» des Aristoteles wird man noch viel mehr ergriffen vom unmittelbaren Leben, als man heute ergriffen werden kann, wenn man irgendeine ästhetische Abhandlung der gewöhnlichen Asthetiker liest, die nur so an den Dingen herumschnüffeln und herumdialektisieren, aber nicht an die Dinge herankommen.
[ 19 ] In this regard, we ought to go back to the good Aristotle, who was closer to the ancient vision than people are today. I only want to remind you of one characteristic thing about old Aristotle. A whole library has been written about the notion of catharsis, by which he attempted to show what is at the root of tragedy. He said: Tragedy is a unified presentation of events from human life, events which arouse fear and pity as they unfold; furthermore, the soul is purified because of the way this fear and pity unfold, and so the effects of the fear and pity are also purified. The age of materialism has written so much about this passage because it does not possess the organ for apprehending Aristotle. The only ones on the right track were those who saw that Aristotle's expression ‘catharsis’ is medical, or quasi-medical, and not so in the sense of today's materialistic medicine. The aesthetic experience of tragedy really does engender processes that reach right into the physical body and are the organic events that normally accompany fear and pity. It does this because vital processes are changed to processes of soul. A tragedy purifies these vital effects because they are simultaneously elevated to processes of soul. And if you read further in Aristotle's Poetics you will find a hint of this deep understanding of the aesthetic man—not understanding in the modern style, but out of the ancient traditions of the Mysteries. You will find yourself much more in the grips of immediate life reading Aristotle's Poetics than you ever will by reading the tract of some modern aesthetician who can only sniff around and dialecticize, but is unable to get hold of realities.
[ 20 ] Dann ist wiederum ein bedeutender Höhepunkt in der Erfassung des ästhetischen Menschen bei Schiller in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen». Es war damals eine mehr abstrakte Zeit. Das Geistig-Konkrete, das Spirituelle haben wir erst jetzt zu dem Idealistischen hinzuzufügen. Aber wenn wir auf dieses mehr Abstrakte der Goethe-Schiller-Zeit sehen, so sehen wir doch in den Abstraktionen, die sich in Schillers ästhetischen Briefen finden, etwas von dem, was hier gesagt worden ist, nur daß hier der Prozeß scheinbar mehr ins Materielle hinuntergetragen wird; aber nur, weil dieses Materielle noch mehr durch die Kraft des intensiv erfaßten Geistigen durchdrungen werden soll. Was sagt Schiller? Er sagt: Der Mensch, wie er hier lebt auf der Erde, hat zwei Grundtriebe, den Vernunfttrieb und den Naturtrieb. Der Vernunfttrieb wirkt durch Naturnotwendigkeit logisch. Man ist gezwungen, in einer gewissen Weise zu denken, man hat keine Freiheit zu denken; denn was hilft es einem, auf diesem Gebiete der Vernunftnotwendigkeit von Freiheit zu sprechen, wenn man doch gezwungen ist, nicht zu denken, daß drei mal drei zehn, sondern neun ist. Die Logik bedeutet eine strenge Vernunftnotwendigkeit. So daß Schiller sagt: Wenn der Mensch sich der reinen Vernunftnotwendigkeit fügt, dann steht er unter einem geistigen Zwang.
[ 20 ] Schiller's Letters on the Aesthetic Education of Man marks another high point in the understanding of aesthetic man. He lived in a more abstract time, however. Today we need to add the spiritual—the spiritually concrete—to the idealism of that time. But when we look at the more materialistic time of Goethe and Schiller, we see that the abstractions of Schiller's letters on aesthetics nevertheless contain something of what we have been talking about. It is only that the process has descended nearer to the physical plane—but only so that the material may be all the more thoroughly penetrated by an intensively grasped spirituality. What does Schiller say? He says: Humanity, as it lives on earth has two basic drives: it has rational impulses and natural impulses. The logic of the impulse to reason functions as a natural necessity. One is forced to think in a certain way; thinking is not at all free. What avails it to speak of freedom as regards this sphere of natural necessity where one is forced to think that three times three is nine, and not ten? Logic implies a strict rational necessity. For this reason, Schiller says that the person who conforms to the necessities of pure reason is subject to spiritual compulsion.
[ 21 ] Der Vernunftnotwendigkeit stellt Schiller die sinnliche Notdurft entgegen, die in alledem, was in den Trieben, in den Emotionen ist, lebt. Da folgt der Mensch auch nicht seiner Freiheit, sondern der Naturnotwendigkeit. Nun sucht Schiller den mittleren Zustand zwischen der Vernunftnotwendigkeit und der Naturnotwendigkeit. Und diesen mittleren Zustand findet er darin, daß die Vernunftnotwendigkeit sich gewissermaßen herabneigt zu dem, was man liebt und nicht liebt, daß man nicht mehr einer starren logischen Notwendigkeit folgt, wenn man denkt, sondern dem inneren Triebe, die Vorstellungen zu fügen oder nicht zu fügen, wie es beim ästhetischen Gestalten der Fall ist. Aber dann geht auch die Naturnotwendigkeit herauf. Dann ist es nicht mehr die sinnliche Notdurft, der man wie unter einem Zwang folgt, sondern es wird die Notdurft verseeligt, vergeistigt. Der Mensch will nicht mehr bloß dasjenige, was sein Leib will,sondern es wird der sinnliche Genuß vergeistigt. Und so nähern sich Vernunftnotwendigkeit und Naturnotwendigkeit.
[ 21 ] Schiller contrasts the necessity of reason with the necessities of the world of the senses—of everything that lives in the drives and emotions. There, also, a person must follow a natural necessity rather than his own free impulses. Then Schiller looks for a middle condition between the necessities of reason and the necessities of nature. He finds it in what occurs when a person forms something aesthetically—when rational necessity inclines towards what the person loves or does not love, and when his thinking follows or avoids inner impulses and pictures instead of being bound by rigid, logical necessity. But this state also suspends natural necessity. For one ceases to follow, as through compulsion, the necessities of the natural senses. These necessities are ensouled and spiritualised. A person ceases simply to want what the body wants; instead, sensual pleasures are spiritualised. In this way, the necessity of reason and the necessity of nature approach one another.
[ 22 ] Sie müssen das natürlich in Schillers ästhetischen Briefen, die zu den bedeutendsten philosophischen Erzeugnissen in der Weltentwickelung gehören, selber nachlesen. In dem, was da Schiller auseinandersetzt, lebt schon das, was wir hier eben gehört haben, nur in metaphysischer Abstraktion. Was Schiller das Befreien der Vernunftnotwendigkeit von der Starrheit nennt, das lebt in dem Lebendigwerden der Sinnesbezirke, die wiederum bis zum Lebensvorgang zurückgeführt werden. Und das, was Schiller die Vergeistigung — besser sollte er sagen «Verseeligung» — der Naturnotdurft nennt, das lebt hier, indem die Lebensprozesse wie Seelenprozesse wirken. Die Lebensprozesse werden seelischer, die Sinnesprozesse werden lebendiger. Das ist der wahre Vorgang, der — nur mehr in abstrakte Begriffe, in Begriffsgespinste gebracht — sich in Schillers ästhetischen Briefen findet, wie es eben in der damaligen Zeit noch sein mußte, wo man noch nicht spirituell stark genug war mit den Gedanken, um bis in das Gebiet hinunterzukommen, wo der Geist so lebt, wie es der Seher will: daß nicht gegenübergestellt wird Geist und Stoff, sondern erkannt wird, wie der Geist überall den Stoff durchzieht, daß man gar nirgends auf geistlose Stoffe stoßen kann. Die bloße Gedankenbetrachtung ist nur deshalb bloße Gedankenbetrachtung, weil der Mensch nicht imstande ist, seine Gedanken so stark, das heißt so dicht spirituell, so geistig zu machen, daß der Gedanke den Stoff bewältigt, also hineindringt in den wirklichen Stoff. Schiller ist noch nicht imstande, einzusehen, daß die Lebensprozesse wirklich als Seelenprozesse wirken können. Er ist noch nicht imstande, so weit zu gehen, daß er sieht, wie das, was im Materiellen als Ernährung, Wärmung, Atmung wirkt, sich gestalten, wie das seelisch sprühen und leben kann, und aufhört, das Materielle zu sein; so daß die materiellen Teilchen zerstieben unter der Macht des Begriffes, mit dem man die materiellen Prozesse erfaßt. Und ebensowenig ist Schiller schon imstande, so zum Logischen hinaufzuschauen, daß er es wirklich nicht bloß in begrifflicher Dialektik in sich wirken läßt, sondern daß er in jener Entwickelung, welche erreicht werden kann durch Initiation, das Geistige als den eigenen Prozeß erlebt, so daß es wirklich lebend hineinkommt in das, was sonst bloß Erkenntnis ist. Was in Schillers ästhetischen Briefen lebt, ist deshalb ein «Ich trau mich nicht recht heran an das Konkrete». Aber es pulsiert schon darinnen, was man genauer erfaßt, wenn man das Lebendige durch das Geistige und das Stoffliche durch das Lebendige zu erfassen versucht.
[ 22 ] Naturally, you must read Schiller's letters on aesthetics for yourselves; they are among the most significant philosophical productions of world history. There, living in Schiller's analyses, you will discover the very things you have just been hearing, only there they are described in metaphysical abstractions. The way vital forces are returned to the sense-zones is contained in what Schiller calls the freeing of natural necessity from rigidity. And what Schiller calls the spiritualisation of natural necessity—he might more aptly have called it ‘ensouling’—contains what we referred to as the functioning of the life processes as soul processes. The life processes become more ensouled, the sense processes come more to life—that is the true process that you will find described in Schiller's letters on aesthetics. There it is put more in abstract, rather ghostly concepts, because that was how it had to be in that era. At that time thinking was not yet spiritually strong enough, not strong enough to descend with the spirit into the regions sought by the seer. In those regions there is no opposition between matter and spirit; rather there is an experience of how the spirit everywhere saturates matter so that there is no possibility of ever bumping into spiritless matter. Contemplation that is merely mental is merely mental only because the person is not able to make his thoughts as strong and as spiritual—as concretely spiritual—that the thoughts can cope with matter. In other words, he is not able to penetrate to what is truly material. Schiller is not yet able to see that the vital processes can function as soul processes. He is not yet able to go as far as to be able to see how the processes that work physically as nourishing, warming and breathing can be formed into something that ceases to be material and instead lives and bubbles in the soul. When this happens, the material particles are scattered by the force of the concepts with which one grasps the physical process. And Schiller is equally unable to look up to the realm of the logical in such a way that he ceases to experience it as merely conceptual. He is not able to come to that stage of development, which can be reached through initiation, whereby the spiritual processes are experienced in their own right and whereby a living spirituality enters into what would otherwise be mere knowing. Thus the attitude that lives in Schiller's aesthetic letters is that ‘I do not quite trust myself to directly approach concrete experience.’ Nevertheless, that which one grasps more exactly when one tries to approach the realm of life through the spirit, and the realm of material through the living, is already stirring in these letters.
[ 23 ] So sehen wir in allen Gebieten, wie die ganze Entwickelung hindrängt zu dem, was Geisteswissenschaft will. Als an der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert eine mehr oder weniger begrifflich gestaltete Philosophie auftauchte, da lebten in dieser Philosophie die Sehnsuchten nach stärkerer Konkretheit, die aber noch nicht erreicht werden konnte. Und weil die Kraft zunächst ausging, verfiel man mit dem Streben, mit der Sehnsucht nach stärkerer Konkretheit, in den groben Materialismus in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, in der zweiten Hälfte bis heute. Aber erfaßt werden muß dieses, daß der Spiritualismus nicht bloß darin bestehen kann, zum Geistigen hinzulenken, sondern das Stoffliche zu überwinden und den Geist im Stoffe zu erkennen. Das geschieht durch solche Erkenntnisse. Sie sehen daraus ganz andere Folgen. Sie sehen daraus, der ästhetische Mensch steht so in der Erdenentwickelung drinnen, daß er sich über diese Erdenentwickelung in einer gewissen Weise erhebt in eine andere Welt hinein. Und das ist wichtig. Der ästhetisch gesinnte oder ästhetisch handelnde Mensch tut nicht, was der Erde völlig angepaßt ist, sondern er erhebt in einer gewissen Weise seine Sphäre aus der Erdensphäre heraus. Und damit dringen wir mit dem Ästhetischen an manches tiefe Geheimnis des Daseins.
[ 23 ] Thus we can see all areas of life struggling to move towards the goals of spiritual science. At the transition from the eighteenth to the nineteenth century there arose a philosophy which expressed a longing for greater concreteness. This philosophy had a more or less conceptual form, however, and the longing could not be satisfied. And, because its initial vitality ebbed, this longing for greater concreteness gradually degenerated into the coarse materialism that has lasted from the second half of the nineteenth century into our own time. But something else must also be understood: For spiritualism to establish links only with the spirit is not enough; the material world must be conquered—we must learn to recognise the spirit in matter. That happens through such knowledge as we have been discussing. It leads one to discover new connections, such as the unique place of aesthetic man in Earth evolution. To a certain extent, aesthetic man lifts himself above the stream of development and enters a different world. And that is important. The aesthetically inclined person and the person who works in an aesthetic field do not act in a way that is entirely appropriate to someone on earth, but rather their sphere of activity is in a certain way lifted out of the Earth sphere. With this discovery, aesthetics leads us to some profound secrets of human existence.
[ 24 ] Wenn man so etwas sagt, so wird es eigentlich etwas, was auf der einen Seite an die höchsten Wahrheiten rührt, nach der anderen Seite fast blödsinnig, verrückt, verdreht klingen kann. Aber man versteht das Leben nicht, wenn man sich feige zurückzieht vor den wirklichen Wahrheiten. Nehmen Sie irgendein Kunstwerk, die Sixtinische Madonna, die Venus von Milo — wenn es wirklich ein Kunstwerk ist, ganz von der Erde ist es nicht. Es ist herausgehoben aus den Geschehnissen der Erde; das ist ja ganz selbstverständlich. Ja, was lebt denn darinnen für eine Kraft? Was lebt in einer Sixtinischen Madonna, in einer Venus von Milo? Eine Kraft, die auch im Menschen ist, die nur nicht ganz der Erde angepaßt ist. Würde im Menschen alles nur der Erde angepaßt sein, so würde er auf keinem anderen Plane auch leben können. Er würde niemals zum Jupiter hinüberkommen, wenn im Menschen alles der Erde angepaßt wäre. Es ist nicht alles der Erde angepaßt, und für den okkult Blickenden stimmt im Menschen nicht alles zu dem, was Erdenmensch ist. Das sind geheimnisvolle Kräfte, die gerade einstmals dem Menschen den Schwung hinaus aus dem Erdendasein geben werden. Aber auch die Kunst als solche kann nur verstanden werden, wenn man sie in ihrer Aufgabe, über das bloß Irdische, über die bloße Erdenanpassung hinauszuweisen, erfaßt, wo das wirklich ist, was in der Venus von Milo ist.
[ 24 ] On the one hand, anyone who expresses such things as these is touching on the highest truths; on the other hand, what he says can sound virtually nonsensical—mad and distorted. But we will never understand life as long as we timidly hold ourselves back from the real truths. Take any work of art that you wish—the Sistine Madonna or the Venus of Milo: if it really is a work of art, it is not entirely of this earth. It has been lifted out of the stream of earthly events. That is self-evident. And what lives in a Sistine Madonna or a Venus of Milo? That which lives in them also lives in the human being. It is a power that is not entirely adapted to Earth. If everything in humanity were adapted to the earth, mankind would not be able to live on any other level. But not everything in the human being is adapted to the earth and, for occult vision, not everything in humanity is attuned to being earthly man. There are mysterious forces that some day will provide mankind with the impetus to lift itself out of the sphere of earth existence. Nor will we ever understand art as such until we see that its task is to point beyond the merely earthly and beyond what is solely adapted to the earth—to point to the sphere where that which lives in the Venus de Milo truly does exist.
[ 25 ] Man kommt einer wirklichen Weltauffassung nicht nahe, wenn man nicht etwas ins Auge faßt, was ganz notwendig ins Auge gefaßt werden muß, je mehr der Mensch der Zukunft und ihren geistigen Anforderungen entgegengeht. Heute lebt man noch vielfach unter dem Vorurteile: Wenn irgend jemand etwas sagt, was logisch ist und logisch bewiesen werden kann, dann hat es auch die notwendige Bedeutung für das Leben. Aber Logizität, Logizismus allein genügen nicht. Und weil die Menschen immer zufrieden sind, wenn sie etwas irgendwie logisch beweisen können, so behaupten sie auch alle möglichen Weltanschauungen und philosophischen Systeme, die selbstverständlich logisch zu beweisen sind; kein Mensch, der mit Logik bekannt ist, zweifelt, daß sie logisch zu beweisen sind. Aber es ist nichts getan für das Leben mit den bloßen logischen Beweisen, sondern was gedacht wird, was innerlich ersonnen wird, muß nicht nur logisch erdacht, ersonnen sein, sondern wirklichkeitsgemäß. Was bloß logisch ist, gilt nicht; das Wirklichkeitsgemäße nur gilt. Ich werde es Ihnen nur an einem Beispiele klarmachen. Nehmen Sie an, ein Baumstamm liegt hier vor Ihnen, und Sie beschreiben den Baumstamm. Sie können etwas ganz ordentlich beschreiben und Sie können Jedem beweisen, daß da ein Wirkliches liegt, weil Sie der äußeren Wirklichkeit gemäß beschrieben haben. Sie haben aber doch eigentlich nur eine Lüge beschrieben. Denn das, was Sie da beschreiben, hat kein Dasein, weil es so nicht wirklich sein kann als Baumstamm, der da liegt; sondern von dem Baumstamm hat man die Wurzeln abgeschnitten, hat man die Äste, die Zweige abgeschnitten, und das Stück, das da liegt, das tritt nur ins Dasein so, daß Äste und Blüten und Wurzeln mit ins Dasein treten, und es ist Unsinn, den Stamm als ein Wirkliches zu denken. So wie er sich zeigt, ist er kein Wirkliches. Man muß ihn mit seinen Trieben, mit dem, was er innerlich enthält, damit er entstehen kann, zusammennehmen. Man muß überzeugt sein davon, daß das, was da vor einem liegt als Stamm, eine Lüge ist, weil man nur, wenn man einen Baum ansieht, eine Wahrheit vor sich hat. Logisch ist es nicht gefordert, daß man einen Baumstamm für eine Lüge ansieht, aber wirklichkeitsgemäß ist es gefordert, daß man einen Baumstamm für eine Lüge ansieht und nur einen ganzen Baum für eine Wahrheit. Ein Kristall ist eine Wahrheit, der kann bestehen für sich in einer gewissen Beziehung, allerdings immer nur in einer gewissen Beziehung, denn relativ ist wieder das alles. Aber eine Rosenknospe ist keine Wahrheit. Ein Kristall ist eine Wahrheit; aber eine Rosenknospe ist eine Lüge, wenn man sie nur als eine Rosenknospe ansieht.
[ 25 ] The more you cast your gaze towards the humanity of the future and towards the spiritual challenges of the future, the more you must take certain facts into account, certain facts that are necessary to any truthful picture of the world. Today we still are living with many versions of the assumption that anyone who states something logical and who logically substantiates what he says is necessarily saying something significant about life. But being logical—logicism—is not enough on its own. And because people are always so satisfied when they can produce something logical, they maintain the truth of all imaginable kinds of world view and philosophical system. And of course, all of these can be supported logically: no one who is acquainted with logic would question that they are supportable by logic. But mere logical demonstration does nothing for life. What is thought, what is held in the light of consciousness, needs to be more than just logical, it needs to measure up to reality. What is merely logical is not necessarily valid; only what measures up to reality is valid. I will use just one example to show you what I mean. Suppose you are describing a tree trunk that is lying here before you. You can describe it quite systematically and demonstrate to someone that something really is there because you are describing it just as it is. All the same, your description is a lie. For what you describe does not exist in its own right and cannot possible be a tree trunk in the state in which it is now lying there, cut off from it roots and branches and twigs. It is only a part of existence when seen along with its branches, blossoms and roots, and it is nonsense to think of the trunk as existing in its own right. It is not a reality when it is only seen as it is, lying there. It must be seen with all its shoots and with everything in it that enables it to come into being. One must become convinced that the trunk lying before one is a lie because the truth is before one only when the whole tree is there. Logic does not require us to see a tree trunk as a lie, but it accords with reality that we see it so and that we only accept the whole tree as the reality. A crystal is a truth. In a certain respect it exists in its own right, although only in a certain respect, mind you, for all is relative here, too. A crystal is a reality, but a rosebud is a lie if it is seen only as a rosebud.
[ 26 ] Sehen Sie, weil man diese Begriffe des Wirklichkeitsgemäßen nicht hat, entstehen allerlei solche Dinge, wie sie heute entstehen. Kristallographie, auch noch zur Not Mineralogie sind wirklichkeitsgemäße Wissenschaften; Geologie nicht mehr, denn das, was der Geologe beschreibt, ist ebenso eine Abstraktion, wie der Baumstamm eine Abstraktion ist. Wenn er auch daliegt, so ist er doch eine Abstraktion, keine Wirklichkeit. Was geologisch die Erdkruste enthält, das enthält mit dasjenige, was aus ihr herauswächst und ist ohne das nicht denkbar. Und darauf kommt es an, daß Philosophen auftreten, die sich nicht gestatten, Abstraktionen anders zu denken, als indem sie sich der abstrahierenden Kraft bewußt sind, das heißt, indem sie wissen, sie machen bloß Abstraktionen. Wirklichkeitsgemäß denken, nicht bloß logisch denken, das ist etwas, was immer mehr und mehr kommen muß. Unter diesem wirklichkeitsgemäßen Denken aber ändert sich unsere gesamte Weltentwickelung. Denn was ist denn vom Standpunkte eines wirklichkeitsgemäßen Denkens die Venus von Milo, die Sixtinische Madonna oder anderes? Vom Erdenstandpunkte aus aufgefaßt eine Lüge, keine Wahrheit. Nimmt man sie so, wie sie sind, steht man nicht in der Wahrheit. Man muß entrückt werden. Nur der betrachtet ein wirkliches Kunstwerk richtig, der aus der Erdensphäre entrückt wird, weggenommen wird, der wirklich vor der Venus von Milo so steht, daß er anders seelisch konstituiert ist, als er den irdischen Dingen gegenüber konstituiert ist; denn dadurch wird er gerade durch das, was nicht hier wirklich ist, hineingestoßen in das Gebiet, wo es wirklich ist, in das Gebiet der elementarischen Welt, wo das wirklich ist, was in der Venus von Milo ist. Gerade dadurch steht man wirklichkeitsgemäß der Venus von Milo gegenüber, daß sie die Kraft besitzt, einen herauszureißen aus dem bloßen sinnlichen Anschauen.
[ 26 ] So you see how all manner of things occur today because the concept of being in accordance with reality is lacking. Crystallography and, at a pinch, mineralogy are still sciences that accord with reality. But when you get to geology, it no longer accords with reality, for it is an abstraction in the way the tree trunk is an abstraction. It is an abstraction, not a reality, even though it is lying there before you. Things contained in the earth's crust came into being along with what grows out of the earth's crust and thus cannot be conceived without it. We need philosophers who are not satisfied to limit themselves to their powers of abstraction, thinking up new abstractions. More, and increasingly more, there must arise a thinking that accords with reality and is not merely logical. Thinking alters the whole course of world evolution. For what is a Venus de Milo or a Sistine Madonna from the standpoint of thinking that accords with reality? If you take them just as they are before you, you are not in contact with reality. You must be enraptured. To see a work of art truly, you must be lifted out of the earth's sphere and removed from it. To really encounter the Venus de Milo, your soul must be different from the soul that responds to earthly things; precisely the things that do not exist on this earthly plane are what transport the soul to the plane where they really do exist—to the realm of the elemental world, which is where what is in the Venus de Milo really exists. One is able to stand before the Venus de Milo in a way that accords with reality precisely because she possesses the power to tear us away from mere sense-bound vision.
[ 27 ] Ich will nicht Teleologie treiben in schlechtem Sinne, das sei weit entfernt. Daher soll auch nichts gesagt werden über den Zweck der Kunst, denn das wäre außerdem Pedanterie, Philistrosität. Nicht über den Zweck der Kunst soll gesprochen werden. Aber was aus der Kunst wird, wodurch sie dasteht im Leben, das kann man sich beantworten. Es ist heute nicht mehr Zeit, das ganz zu beantworten, ich will nur mit ein paar Worten vorläufig darauf hindeuten. Man kann manches beantworten, wenn man sich die Gegenfrage stellt: Was würde denn geschehen, wenn nun gar keine Kunst in der Welt wäre? — Da würden alle die Kräfte, die sonst in die Kunst und in den Kunstgenuß hineingehen, verwendet werden, um unwirklichkeitsgemäß zu leben. Streichen Sie die Kunst aus der Menschheitsentwickelung, so haben Sie in der Menschheitsentwickelung ebensoviel Lüge, wie sonst Kunstentwikkelung da ist! Da haben Sie schon an der Kunst jenes eigentümliche gefährliche Verhältnis, das dort liegt, wo die Schwelle zur geistigen Welt vorhanden ist. Hinüberhören, wo immer die Dinge zwei Seiten haben! Wenn einer einen wirklichkeitsgemäßen Sinn hat, dann kommt er durch das Leben in ästhetischer Auffassung zu einer höheren Wahrheit. Wenn einer nicht wirklichkeitsgemäßen Sinn hat, so kann er gerade durch die ästhetische Auffassung der Welt in die Verlogenheit kommen. Die Dinge haben immer eine Gabelung; das ist sehr wichtig, diese Gabelung ins Auge zu fassen. Denn nicht nur dem Okkultismus gegenüber ist das der Fall, sondern schon sogar der Kunst gegenüber ist das der Fall. Wirklichkeitsgemäßes Auffassen der Welt, das wird als eine Begleiterscheinung eintreten des spirituellen Lebens, das die Geisteswissenschaft bringen soll. Denn der Materialismus hat gerade das unwirklichkeitsgemäße Auffassen gebracht.
[ 27 ] I have not the slightest desire to promote teleology in the negative sense of the word. Nor shall I say anything about the uses of art, for that would be adding pedantry and philistinism to teleology. I shall say nothing about the uses of art. But we can well speak of the sources of art and how art comes to be a part of our lives. We do not have time to cover the whole subject today, so I will just make a start with a few preparatory words. A counter-question leads us to part of the answer: What would happen if there were no art in the world? If that were so, all the forces that are now devoted to art and the enjoyment of art would be used to produce a life that runs counter to reality. If you were to remove art from the development of humanity, then human development would contain just as many lies as it now contains works of art! Here art displays that unique and dangerous relationship that arises when one nears the threshold of the spiritual world. Just listen yonder, where things always have two sides! If a person has a sense for being in accord with reality, then an aesthetic attitude gives him access to higher realities. An aesthetic attitude leads someone who lacks the sense for being in accord with reality directly into a world of lies. There is always a dividing of the ways and it is very important to be aware of this fork in the road. This does not just apply to occultism; it already applies when you come to the realm of art. To bring about a way of seeing the world that accords with its reality is an aim of spiritual science. Materialism has given us a way of seeing things that goes directly against reality.
[ 28 ] So scheinbar widersprechend das auch erscheint, widerspruchsvoll ist es bloß für diejenigen, welche die Welt nach dem beurteilen, was sie sich eben einbilden, und nicht nach dem, was wirklich ist. Wir leben wirklich in einer Entwickelung drinnen, die sich gerade durch den Materialismus von der Fähigkeit immer mehr und mehr entfernt, auch nur das zu erfassen, was eine gewöhnliche sinnliche Tatsache ist, eine Tatsache der physischen Welt. In dieser Beziehung sind sogar interessante Experimente angestellt worden, die ganz aus der materialistischen Denkweise hervorgehen. Aber so wie vieles, was aus der materialistischen Denkweise hervorgeht, zugute kommt gerade den Fähigkeiten des Menschen, die man braucht für eine spirituelle Weltanschauung, so ist es auch auf diesem Gebiete. Folgendes Experiment hat man gemacht. Man hat eine ganz bestimmte Szene verabredet: Jemand sollte einen Vortrag halten — ich wähle ein Beispiel, es sind viele solche Experimente gemacht worden —, während des Vortrags sollte er etwas sagen, was jemanden, der im Auditorium sitzt, beleidigt, verletzt. Das ist verabredet gewesen. Jedes Wort des Vortrages wurde ganz wörtlich so gehalten, wie es verabredet war. Der, gegen den die Beleidigung gerichtet war, der im Auditorium saß, mußte aufspringen, ein Gebalge mußte sich entwickeln; während dessen sollte derjenige, der aufsprang, in die Tasche greifen, einen Revolver herausziehen, und so sollte sich die Sache entwickeln; es wurden verschiedene Einzelheiten genau besprochen, wie sie ablaufen sollten. Also denken Sie sich, eine vollständig programmatische Szene sollte sich abspielen mit vielen Einzelheiten. Dabei waren dreißig Zuhörer geladen, und nicht gewöhnliche Zuhörer, sondern Studenten der Jurisprudenz älteren Semesters, und Juristen, die schon über die Studentenzeit hinaus waren. Die Balgerei hatte sich abgespielt, und es sollte nun von den Dreißigen beschrieben werden, was geschehen ist. Ein Protokoll wurde in der entsprechenden Weise aufgenommen von solchen, die eingeweiht waren in den ganzen Prozeß, das bezeugt, daß die Sache wirklich genau programmatisch sich abgespielt hat; die dreißig wurden befragt, die alle dreißig das gesehen hatten und alle dreißig keine Esel waren, sondern studierte Leute, die später ins Leben hinausgehen sollten und untersuchen sollten draußen im Leben, wie sich eben Balgereien und manches andere tatsächlich abspielen. Von den dreißig haben sechsundzwanzig sämtlich falsch das erzählt, was sie gesehen haben, und nur vier notdürftig richtig — nur vier notdürftig richtig! Seit Jahren werden solche Versuche angestellt, um zu zeigen, was Zeugenaussagen in bezug auf die Wahrheit vor Gericht für ein Gewicht haben können. Die sechsundzwanzig haben ja alle dagesessen, sie konnten alle sagen: Ich hab es mit Augen gesehen. — Man bedenkt nicht, was notwendig ist, um eine Tatsache richtig darzustellen, die sich vor den Augen abspielt!
[ 28 ] As contradictory as this all seems, it is only contradictory for those who judge the world according to their preconceptions, rather than in accordance with what is really there. We really do live in a phase of development in which the direct influence of materialism is putting more and more distance between us and the ability to comprehend what even a normal object of the senses is—an ordinary thing of the physical world. There have been some very interesting experiments that shed light on this problem.13The experiment referred to was carried out by Franz von List, a professor of criminal law. They conform exactly to a materialistic way of thinking but, like so many things produced by materialistic thought, they support the development of precisely those abilities that mankind needs for developing a spiritual world-view. The following experiment has been carried out—I am taking just one example from among the many such experiments. A whole event was planned ahead of time: A person is to give a lecture in the course of which he says something injurious and upsetting about someone present in the audience. All of it is planned. The lecture is given word for word as planned beforehand. The person against whom the insult is directed is supposed to jump up and a real scuffle is to develop—this is how events are supposed to develop. During the course of the argument, the man who has jumped up is to reach into his pocket and draw out a revolver. Other details of the incident are planned out exactly. In other words, you must imagine the unfolding of a fully programmed, detailed scene. Thirty people were in the invited audience—not just any people, but advanced students of law, and lawyers who had already completed their studies. After the scuffle is over, each of the thirty was asked to describe what happened. Others who were privy to what was going on were there to ensure that protocol was followed and that the whole event went exactly according to plan. So each of the thirty is questioned. Each has seen the event. None of them is thick-headed. They are all educated people, the very ones who later will go out into life and investigate what really has occurred in the case of such a fracas or of other incidents. Yet of these thirty, twenty-six falsely described what they saw and only four could produce an acceptably accurate account—only four tolerably accurate accounts! Such experiments have been going on for years in order to demonstrate how the truthfulness of witnesses should be weighed in a court of law. Every one of the twenty-six sat there and could say, ‘I saw it with my own two eyes.’—One forgets to consider what is required in order to be able to correctly describe something that has occurred before one's very eyes!
[ 29 ] Die Kunst muß bedacht werden, über dasjenige, was sich vor den Augen abspielt, eine richtige Ansicht zu bekommen. Denn wer die Gewissenhaftigkeit nicht hat gegenüber dem, was eine sinnliche Tatsache ist, der kann niemals zu jener verantwortungsvollen Gewissenhaftigkeit kommen, die notwendig ist, um geistige Tatsachen ins Auge zu fassen. Nun, sehen Sie sich unter dem Eindrucke des Materialismus unsere heutige Welt an, ob viel Bewußtsein, viel Empfindung vorhanden ist dafür, daß von dreißig Menschen, die mit ihren Augen die sogenannte Tatsache gesehen haben, sechsundzwanzig etwas ganz Irrtümliches aussagen können, und nur vier die Sache notdürftig richtig wiedergeben können. Wenn Sie so etwas ins Auge fassen, dann werden Sie doch fühlen, wie unendlich bedeutsam das ist, was geleistet werden muß für das gewöhnliche Leben durch eine spirituelle Weltauffassung.
[ 29 ] We need to consider the art of maintaining a true perspective on what happens before our very eyes. Someone who is not conscientious towards events in the world of the senses will never be able to develop the feeling of responsibility and the conscientiousness necessary for viewing spiritual facts. Just look at this world of ours that is presently so under the influence of materialism and ask yourselves how many are aware that it is possible for twenty-six people out of the thirty who have witnessed an event to be unable to describe it without committing falsehoods, with only four who are able to give even tolerably accurate accounts. In view of something like this, you can begin to feel what immeasurable significance the results of a spiritual world-view have for ordinary life.
[ 30 ] Sie können nun fragen: Waren denn die Dinge früher anders? — Man hatte früher nicht die Art des Denkens, die man heute hat. Der Grieche hatte noch nicht diese abstrakte Art des Denkens, die wir heute haben und haben müssen, damit wir uns nach der heutigen Art in der Welt zurechtfinden. Aber nicht auf die Art des Denkens kommt es an, sondern auf die Wahrheit kommt es an. Aristoteles hat versucht, in seiner Art, die ästhetische Gemütsverfassung, Lebensverfassung des Menschen noch in viel konkreteren Begriffen zu denken. Aber in einer noch viel konkreteren, in imaginativ hellseherischer Art war diese Konstitution erfaßt im uralten Griechentum in denjenigen Imaginationen, die noch aus den Mysterien heraus waren, als man an Stelle des Begriffes das Bild hatte, und als man sagte: Einst lebte Uranos. In dem sah man alles dasjenige, was der Mensch aufnimmt durch sein Haupt, durch die Kräfte, die als Sinnesgebiete auch jetzt hinauswirken in die äußere Welt. Uranos — alle zwölf Sinne — wurde verletzt, und die Blutstropfen fielen in Maja, in das Meer, und der Schaum spritzte auf. Was hier die Sinne, indem sie lebendiger werden, hinuntersenden in das Meer der Lebensprozesse, und was da aufschäumt von dem, was als das Blut der Sinne hinunterpulsiert in die Lebensprozesse, welche Seelenprozesse geworden sind, das ist zu vergleichen mit dem, was die griechische Imagination aufschäumen ließ dadurch, daß die Blutstropfen des verletzten Uranos hinuntertropften in das Meer und aus dem Schaum sich bildete Aphrodite, Aphrogenea, die Schönheitsgöttin. In dem Aphrodite-Mythos älterer Art, wo Aphrodite eine Tochter des Uranos und des Meeres ist, indem sie aus dem Schaum des Meeres entsteht, der geboren wird durch die Blutstropfen des Uranos, haben Sie einen imaginativen Ausdruck für den ästhetischen Zustand des Menschen, ja sogar den bedeutsamsten imaginativen Ausdruck und einen der bedeutsamsten Gedanken der geistigen Menschheitsentwickelung überhaupt. Es mußte sich nur noch ein anderer Gedanke anschließen an den großen Gedanken von Aphrodite im älteren Mythos, wo Aphrodite nicht das Kind des Zeus und der Dione ist, sondern des Uranos, der Blutstropfen des Uranos und des Meeres — es mußte sich nur eine andere Imagination, die noch tiefer sich eingräbt in die Wirklichkeit, nicht bloß in die elementarische, sondern in die physische Wirklichkeit, eine Imagination, die zu gleicher Zeit physisch-sinnlich aufgefaßt wurde, in späteren Zeiten anschließen. Das ist: es mußte sich an die Seite stellen dem Mythos von der Aphrodite, von dem Ursprung der Schönheit in der Menschheit, die große Wahrheit über das Hereinwirken des Urguten in der Menschheit, indem der Geist herunterträufelte in Maja-Maria, so wie die Blutstropfen des Uranos herunterträufelten in das Meer, das ja auch Maja ist, wo dann zunächst im Schein, im schönen Schein geboren wird dasjenige, was die Morgenröte sein soll für die unendliche Herrschaft des Guten und für die Erkenntnis des Guten und des Gut-Wahren, des Geistigen. Dies ist eine Wahrheit, die Schiller meinte, als er die Worte hinschrieb:
[ 30 ] Now you might ask yourself whether things were different in earlier times. Our current mode of thought has not always been current. The Greeks did not yet possess the abstract manner of thinking that we have, and need to have, in order to get about the world in a way appropriate for today. But the manner of thinking is not the important thing; the truth is what matters. In his own way, Aristotle tried to use more concrete concepts to describe the inner aesthetic mood and the aesthetic attitude. But the aesthetic constitution was understood in an even more concrete, imaginatively clairvoyant fashion by the early Greeks, who were still connected with the Mysteries and who experienced pictures instead of concepts. In those times, one looked back to the age of Uranus, who embodied everything that we can take in through our heads and through the powers that now are manifest in the outer world through the sense-zones. Uranus—the twelve senses—is wounded. Drops of his blood fall, foaming, into the ocean called Maya. Here you see the senses beginning to come to life and sending something down into the ocean of the life processes, and there below you see how the blood of the senses pulses through the life processes which begin to foam up and become processes of soul. And the ancient Greeks' understanding of this led them to see how Aphrodite14The birth of Aphrodite: Compare lines 188 ff. of Hesiod's Theogony:
But the members themselves, when Kronos
had lopped them with the flint,
he threw from the mainland
into the great wash of the sea water
and they drifted a great while
on the open sea, and there spread
a circle of white foam
from the immortal flesh, and in it
grew a girl, whose course first took her
to holy Kythera
and from there she afterward made her way
to sea-washed Cyprus
and stepped ashore, a modest lovely goddess,
and about her
light and slender feet the grass grew,
and the gods call her
Aphrodite, and men do too,
and the Aphro-foam-born
goddess, and garlanded Kythereia,
because from the seafoam
she grew, and Kythereia, because she came forth
from wave-washed Cyprus,
and Philommedea, because she appeared
from medea, members ...
(Hesiod, translated by Richmond Lattimore. The University of Michigan Press, Ann Arbor, 1959.)—Aphrogenea, the goddess of beauty—is created out of the foam that arises when the blood of the wounded Uranus drips into the ocean of Maya. This, the more ancient of the myths about the creation of Aphrodite, expresses the condition of the aesthetic man and is one of the most significant imaginations and one of the most significant thoughts in the whole of mankind's spiritual evolution. But still another thought needs to be placed beside the thought of this ancient myth which shows Aphrodite being born from the drops of blood of the wounded Uranus that fall into the sea—rather than as the child of Zeus and Dione. We need a further imagination—one that penetrates even more deeply into reality and goes beyond the realities of the elemental world into the physical realities. We need an imagination from a later age—one that approaches the physical-sensory world. Alongside the myth that shows how Aphrodite, beauty, was born into the world of mankind, we need to place the great truth about how original goodness entered into humanity. We need to show how the spirit descended into Maya-Maria, just as the drops of Uranus' blood trickled into the ocean whose name also was Maya—and how, out of the beautiful foam that arises [*The German for foam—Schaum—has many suggestive echoes. For example, there is the word schauen, ‘show’ or ‘spectacle’, and also ‘Schema’, which means ‘perceptible manifestation, semblance, or appearance’, and which refers to a concept that is central to Schiller's account of aesthetic man. (Tr. note.)], the herald who announces the approaching dawn of a new age is born. The sunrise that announces the eternal regency of the Good ... of understanding of the Good, The True-and-the-Good, the spirit. This is the truth Schiller intended when he wrote the words:
Nur durch das Morgenrot des Schönen
Drangst du in der Erkenntnis Land
Only through beauty's dawn-lit gate
Can you pass into the realms of knowledge.15Schiller, when he wrote the words: The words in question are to be found in the poem, Die Kunstler (The Artist).
[ 31 ] womit er hauptsächlich die moralische Erkenntnis meinte.
[ 31 ] The knowledge he refers to is primarily moral knowledge.
[ 32 ] Sie sehen, wie viele Aufgaben, die nicht bloß theoretische Aufgaben sind, die Lebensaufgaben sind, der Geisteswissenschaft zuwachsen. Kein Wunder, daß die Geisteswissenschaft heute noch vielfach mißverstanden wird von denjenigen, welche die Wahrheit nicht wollen. Das muß schon als eine Begleiterscheinung hingenommen werden.
[ 32 ] You can see how the tasks of spiritual science are growing—not mere theoretical ones, but real life tasks. In our day it is no wonder that the misunderstandings about spiritual science multiply among those who are not devoted to the truth. We have to accept that as an inevitable side-effect.
[ 33 ] Eine eigentümliche Stellung der Wahrheit gegenüber hat sich insbesondere in unserer materialistischen Zeit vieler Menschen bemächtigt. Und wenn ich Ihnen einmal von Briefen erzählen mußte, so könnte ich die Sammlung heute schon wiederum um einiges vermehren aus jenem Bezirke heraus, wo man die Gegnerschaft gegenüber der Wahrheit entwickelt. Ich will gar nicht den großen Unsinn anführen, der mir gestern wiederum in einem Briefe geschrieben worden ist. Ja, meine lieben Freunde, das ist dasjenige, worüber wir nicht nur ein wenig nachdenken, sondern was wir nachempfinden sollen: daß es doch nicht so ganz einfach ist, daß die Notwendigkeit in unserer Zeit vorliegt, Geisteswissenschaft unter die Menschheit zu bringen so, wie es der heutigen Zeit gemäß ist, und daß man dabei immer der Gefahr ausgesetzt ist, zu einer Anzahl von Menschen — einer wahrhaftig nicht kleinen Anzahl — diejenigen Wahrheiten auszusprechen, die an das Heiligste und Höchste, aber auch das Tiefste und Seelischste und Herzlichste rühren. Man muß diese Wahrheiten aussprechen, trotzdem damit Gefahren verbunden sind. Denken Sie an vergangene Zeiten, wo in dem Auditorium nicht wenige saßen, die später völlige Feinde wurden und die Wahrheit fälschten gegenüber dem, was man sagt! Das ist immerhin etwas, was man durchempfinden sollte, wenn die Gesellschaft als solche überhaupt noch im Ernste aufgefaßt werden will: daß man genötigt ist, zu soundso vielen zu sprechen, die angeblich ebenso zuhören als Freunde, so wie Sie heute zuhören; denn manche haben in der Vergangenheit so zugehört, die später alles Wahre fälschten und sogar dasjenige benützten, was sie hier aufgenommen haben, um die Wahrheit zu verfolgen, um als Feinde dazustehen. Wenn man immer darauf rechnen muß — selbst oftmals mit offenem Auge —, daß der, der die Dinge sich anhört, in der Zukunft sich so, wie sich manche gewandt haben, wenden könnte, dann bekommt gerade das Wirken innerhalb der Geisteswissenschaft heute eben seine Färbung für die Seelenerkenntnisse.
[ 33 ] Many people have been caught in the grip of a most peculiar attitude towards the truth, especially in our materialistic age. And if I had to tell you about the letters I receive, then today I would have to make yet another addition to that part of our collection where the enemies of the truth are exhibited. I do not even like to mention the latest incredible nonsense, which came in a letter I received yesterday. Yes, my dear friends, this is something we must feel; just reflecting a little on it is not enough. For although our time demands it, bringing spiritual science to mankind in a form that is appropriate to our time is not such a simple task. One must speak out in spite of thereby being exposed to the dangers involved in telling numbers of people—and it truly is more than a few—about truths that not only touch upon what is highest and most holy, but that also go most deeply, affecting heart and soul. Think of the times when there were not a few sitting in the auditorium who later became thorough-going enemies and falsified what was being said! Those who, at any rate, still take the Society seriously, must go through this experience of speaking to many people who, like yourselves, are supposedly friends, while knowing that in the past there have been some who turned out to be enemies—people who later falsified the truths they heard and used what they received here to attack the truth. One must always reckon—sometimes while watching it happen—on the possibility that the person who is listening to what is being said may turn against us in the way others have turned in the past. Today this must colour our work in the realm of spiritual science: knowledge of the human soul takes on special significance.
[ 34 ] Nehmen wir solche Dinge nicht allzu leicht. Versuchen wir ein wenig, uns zu vergegenwärtigen den Gang der Wahrheit durch die Weltenordnung, durch die Menschenentwickelung, und alles, was mit diesem Gang der Wahrheit zusammenhängt! — Ich will heute darüber nicht mehr sagen. Aber wir haben ja heute ein Gebiet berührt, das wir nur aus dem Bereich des Lebens heraus beleuchten konnten, das eng, eng sich an dasjenige anschließt, was die Erfassung der geistigen Welt unmittelbar mit dem Leben zusammenbringt. Und bei solchen Gelegenheiten müssen schon immer auch die Erlebnisse, die heute mit dem Vertreten der Wahrheit gemacht werden, berührt werden. Und ich hoffe, daß es doch noch einige gibt, die wissen, weshalb ich zuweilen Bitteres zu sagen habe über die Art, wie man sich zur Wahrheit verhält, und daß das doch nicht ganz wahr ist, wenn man mir die Schuld daran gibt. Denn obwohl es unter anderen Umständen vielleicht sogar albern genannt werden könnte: Die Unlogik, die heute — nicht im Dienste der Wahrheit, aber im Dienste der Lüge — vielfach beliebt wird, die charakterisiert sich vielleicht durch folgende Anekdote, die ich zum Schluß erzählen will:
[ 34 ] Such things are not to be taken too lightly. Let us try to refresh our memory for a moment, our memory of truth's path as it has appeared in cosmic development, in the evolution of humanity, and remind ourselves of how much was involved in the progress of truth! I will not say any more about it today. But we have touched on an area that is closely related to the direct connections between this life and the spiritual world. Only by understanding it can we shed lights on such things. One must take such opportunities as this to touch on what today's representatives of the truth must undergo. And I hope that there are at least a few of you who know why every now and then I have something bitter to say about the way people relate to the truth, and that there are some who know that it is not quite truthful to say that I am the guilty one. Perhaps I might characterise our contemporaries' much-loved illogicality with an anecdote that would seem silly in other circumstances. But this false logic is used, not in the service of the truth, but in the service of lies.
[ 35 ] Einstmals hatte ein Mensch einem anderen ein kleines Besitztum weggenommen, und nachdem er es weggenommen hatte, da hatte es derjenige, der es früher besessen hatte, nicht mehr in derselben Weise. Er mußte sich das, was er sich vorher erarbeitet hatte, erst wiederum neu erarbeiten. Es wurde eine Gerichtsverhandlung gehalten. Derjenige, dem die Dinge weggenommen worden waren, war da, und derjenige, der sie weggenommen hatte, war auch da. Beide hatten ihre Advokaten. Advokaten sind ja nicht dazu da, um immer die unbedingte, absolute Wahrheit zu vertreten, sondern um das zu sagen, was zugunsten desjenigen ist, den sie zu vertreten haben. Da hat denn zunächst der klägerische Advokat gesprochen, der zu vertreten hatte denjenigen, dem etwas genommen worden war. Es hat zunächst dem Gericht sogar etwas eingeleuchtet. Dann aber hat der Advokat desjenigen gesprochen, der genommen hat, und hat gesagt: Ihr habt gehört, meine Herren Richter, mein Klient hat sich dazu bekannt, das alles getan zu haben, was er getan hat. Sie haben meinen Klienten gefragt: Finden Sie sich schuldig oder nicht schuldig, genommen zu haben? Da sagte mein Klient: Genommen habe ich alles, aber schuldig fühle ich mich nicht. Und mein Klient hat vollständig recht. Das will er zugeben: Genommen hat er alles; aber schuldig braucht er sich nicht zu fühlen, schuldig können Sie ihn, meine Herren Richter, nicht finden. Denn wenn Sie eine Schuld konstatieren wollen, so müssen Sie überall zurückgehen an den Ursprung. Meine Herren Richter, bedenken Sie, dieser Mann ist zum Dieb geworden. Niemals wäre er zum Dieb geworden, wenn der Mann, dem er die Dinge weggenommen hatte, sie nicht gehabt hätte! Der Eigentümer hat sich vergangen! Denn hätte dieser Mann die Dinge nicht gehabt, niemals hätte jener zum Dieb werden können! Er ist der eigentlich Schuldige! Daß dieser sehen mußte an jenem, daß er das hat, das hat ihn zum Nehmen verführt. — Und so beredt hat der Advokat gesprochen, daß der Gerichtshof gesagt hat: Ja, bis jetzt hat man immer zwar geglaubt, daß der Dieb der Schuldige ist; aber alle haben sich geirrt, wenn man meint, daß derjenige schuldig ist, der die Dinge genommen hat, denn wenn man auf die eigentliche Ursache zurückgeht, so ist der der Schuldige, der die Dinge gehabt hat, dem sie angehörten.
[ 35 ] Once there was a man who took another man's estate away from him. After he had taken it, the former owner did not possess it as before, but instead had to begin all over again to work for what he already had earned once. A trial was conducted. The former possessor of the estate was there and also the man who had taken it away. Each had his own advocate. Now, advocates are not always there to present the unconditional, absolute truth, but rather to say what is useful to the person they represent. In this case, the advocate who was lodging the complaint was the first to speak, the one representing the man from whom something had been taken. And, indeed, to begin with he seemed on the way to convincing the court. But then the advocate of the man who had taken the estate away took the floor and said to the judge, ‘Your Honour, you have heard that my client confesses to having done everything that he has done. You have asked my client, “Do you plead guilty, or not guilty?” To that my client answered, “I took all those things, but I do not feel that I am guilty.” And my client is entirely correct in saying this. He will concede that he took all those things; but he need not feel guilty about it. Nor can Your Honour find him guilty, for in order to establish the guilt one must go back to the original cause of the matter. Just consider, Your Honour, this man has become a thief. But he never would have become a thief if the other man had not possessed these things he took away from him! The original owner is the one who has trespassed! If he had never had the possessions, my client could never have become a thief! So he is truly the guilty one! It was only when my client saw that this man had these possessions that he was tempted to become a thief.’ And this advocate spoke so eloquently that the court finally declared, ‘Yes, until today we have always believed that the thief is the guilty one. But all those who have believed that the person who takes something is guilty have been mistaken, for when one examines the real, original cause, one sees that the person from whom the things were taken, the original possessor, is the guilty one.’
[ 36 ] Es ist dies eine ganz unsinnige Sache, die ich Ihnen erzähle, und jeder sieht es ein. Aber wenn diese Logik im Leben angewendet wird heute, wenn dasjenige, was als Geisteswissenschaft in die Welt gebracht wird, seine Wirkungen tut, und man Wirkungen tut dadurch, daß die Tatsachen entstellt werden, und man vorgibt, daß dies doch geschieht dadurch, daß man in der Geisteswissenschaft die Wahrheit sieht, da wendet man dieselbe Logik an, die derjenige anwendet, welcher sagt, derjenige ist schuldig, dem etwas genommen worden ist, denn er hat den anderen, der genommen hat, verführt. Diese Logik lebt heute, und wollen Sie bitte das Leben betrachten, dann werden Sie diese Logik finden.
[ 36 ] Everyone will see that what I am telling you is utter nonsense. But this is exactly the sort of logic that is used today against spiritual science. Spiritual science makes its way into the world and accomplishes certain things. Then these things are distorted by people who say they only do so because they see the truth in spiritual science. They are using the same logic as someone who says that the person from whom something is taken is the guilty one because he has tempted the other to take it from him. Such is the logic abroad today and, if you will only take care to observe the life around you, you will see instances of this kind of logic.
[ 37 ] Nach manchem anderen ist erst gestern mir wiederum, wie gesagt, zugeschrieben worden, was alles Geisteswissenschaft anrichtet in der Welt, anrichtet, weil der oder jener draußen lügt, weil der oder jener dies oder jenes tut. Es ist dieselbe Logik wie die, welche entwickelt wird, wenn man sagt: Nicht derjenige, der da nimmt, sondern derjenige, dem genommen wird, hat die eigentliche Schuld, denn er hat allerdings die ursprüngliche Ursache dazu geschaffen.
[ 37 ] Yesterday I was blamed—among other things—for everything that happens in the world when someone or other lies about spiritual science and commits certain acts. This is the same logic as that followed by one who says: ‘The real guilt does not lie with the person who takes, but with the person from whom something is taken, for he is the one who created the original cause of the theft.’
