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The Riddle of Man
The Spiritual Background of Human History
GA 170

21 August 1916, Dornach

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Zehnter Vortrag

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Was ich heute geben will, soll eine ganz anspruchslose Auseinandersetzung sein über einige in der neueren Zeit heraufgekommene philosophische Gedankenrichtungen. Ich werde an sehr bekannte Gedankenrichtungen anknüpfen, sozusagen an die an der Oberfläche des Gedankenlebens der letzten Zeit sich befindlichen. Später, in der nächsten oder in der allernächsten Zeit, können wir uns ja einmal auf Einzelheiten und spezielle Ausgestaltungen gegenwärtiger Gedanken einlassen. Ich möchte einen gewissen Grundzug in einigen Gedankenrichtungen der Gegenwart, der jüngsten Zeit, charakterisieren. Dieser Grundzug besteht darin, daß die ganze Richtung gewisser Gedankenströmungen uns zeigt, man könnte sagen, ein Abhandenkommen eines Orientierungsgefühles für die Wirklichkeit, für die Wahrheit, insofern man die Zusammenstimmung unserer Erkenntnisse mit einem Objektiven «die Wahrheit» nennen kann. Man merkt gewissen Gedankenströmungen der jüngsten Zeit an, daß sich die Denker so schwer zurechtfinden, wenn sie aus erkenntnistheoretischen Gründen heraus, aus Gründen heraus, die sie philosophisch oder wissenschaftlich gelten lassen können, eine Entscheidung treffen sollen darüber, ob ein Urteil über die Wirklichkeit, diese oder jene Form der Wirklichkeit richtig oder unrichtig ist. Es ist nicht in dem Denken ein Prinzip oder — wenn ich mich wissenschaftlich ausdrücken sollte — ein Kriterium zu verspüren, das den Impuls darstellte, sich zu entscheiden bei gewissen Urteilen, ob sie wahre Urteile, das heißt auf Wirklichkeit bezügliche Urteile sind. Gewisse ältere Kriterien sind abhanden gekommen. Und das ist deutlich zu merken, daß an die Stelle dieser alten Wahrheitskriterien eigentlich nichts Rechtes tritt in der letzten Zeit.

[ 1 ] Was ich heute geben will, soll eine ganz anspruchslose Auseinandersetzung sein über einige in der neueren Zeit heraufgekommene philosophische Gedankenrichtungen. Ich werde an sehr bekannte Gedankenrichtungen anknüpfen, sozusagen an die an der Oberfläche des Gedankenlebens der letzten Zeit sich befindlichen. Später, in der nächsten oder in der allernächsten Zeit, können wir uns ja einmal auf Einzelheiten und spezielle Ausgestaltungen gegenwärtiger Gedanken einlassen. Ich möchte einen gewissen Grundzug in einigen Gedankenrichtungen der Gegenwart, der jüngsten Zeit, charakterisieren. Dieser Grundzug besteht darin, daß die ganze Richtung gewisser Gedankenströmungen uns zeigt, man könnte sagen, ein Abhandenkommen eines Orientierungsgefühles für die Wirklichkeit, für die Wahrheit, insofern man die Zusammenstimmung unserer Erkenntnisse mit einem Objektiven «die Wahrheit» nennen kann. Man merkt gewissen Gedankenströmungen der jüngsten Zeit an, daß sich die Denker so schwer zurechtfinden, wenn sie aus erkenntnistheoretischen Gründen heraus, aus Gründen heraus, die sie philosophisch oder wissenschaftlich gelten lassen können, eine Entscheidung treffen sollen darüber, ob ein Urteil über die Wirklichkeit, diese oder jene Form der Wirklichkeit richtig oder unrichtig ist. Es ist nicht in dem Denken ein Prinzip oder — wenn ich mich wissenschaftlich ausdrücken sollte — ein Kriterium zu verspüren, das den Impuls darstellte, sich zu entscheiden bei gewissen Urteilen, ob sie wahre Urteile, das heißt auf Wirklichkeit bezügliche Urteile sind. Gewisse ältere Kriterien sind abhanden gekommen. Und das ist deutlich zu merken, daß an die Stelle dieser alten Wahrheitskriterien eigentlich nichts Rechtes tritt in der letzten Zeit.

[ 2 ] Ich möchte dabei ausgehen von einem in der allerjüngsten Zeit verstorbenen Denker, der von physikalischen Studien ausgegangen ist und sich dann einer Art induktiver Philosophie zugewendet hat, und der versucht hat, etwas zu setzen an die Stelle der alten Wahrheitsbegriffe, für die allmählich das Gefühl verlorengegangen ist. Ich meine Ernst Mach zunächst. Ernst Mach — ich kann nur Grundlinien der Begriffe heute anführen — ist skeptisch gegenüber allen Begriffen, welche das vorhergehende Denken, das Denken bis in das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hinein, hervorgebracht hat. Dieses Denken sprach ja, indem es mehr oder weniger kritisch sich zu diesen Begriffen verhält, sie mehr oder weniger ausarbeitete, doch so über die Welt und den Menschen, daß man annahm: Der Mensch nimmt durch seine Sinne die Welt wahr, verarbeitet die Sinnesempfindungen durch Begriffe und kommt dann zu gewissen Vorstellungen, zu Ideen über die Welt. Dabei setzt man voraus — wie gesagt, auf allerlei weitere erkenntnistheoretische Dinge kann ich mich heute nicht einlassen —, daß dasjenige, was empfunden wird: Farben, Töne, Wärme, Druckempfindungen und so weiter, herkommt von irgendeiner Objektivität, von irgend etwas Objektivem, das sich draußen im Raum oder überhaupt draußen außerhalb unseres Seelischen befindet, durch die Sinne einen Eindruck macht, welcher Eindruck dann Sinnesempfindung ist, welche Sinnesempfindung dann wieder weiterverarbeitet wird. Und als das Agens, das eigentlich Tätige, das Aktive in diesem ganzen Erkenntnisprozeß, der nun wiederum zugrunde liegt dem ganzen Lebensprozeß, sah man das Ich des Menschen an, über das man ja viel spekulierte, theoretisierte, das man aber in der einen oder in der anderen Form so gelten ließ, daß man sagte: Es gibt eben so etwas, das man berechtigt ist, als eine Art Ich anzusehen, das aktiv ist und das die verschiedenen Sinnesempfindungen zuletzt zu Begriffen, Ideen formt.

[ 2 ] Ich möchte dabei ausgehen von einem in der allerjüngsten Zeit verstorbenen Denker, der von physikalischen Studien ausgegangen ist und sich dann einer Art induktiver Philosophie zugewendet hat, und der versucht hat, etwas zu setzen an die Stelle der alten Wahrheitsbegriffe, für die allmählich das Gefühl verlorengegangen ist. Ich meine Ernst Mach zunächst. Ernst Mach — ich kann nur Grundlinien der Begriffe heute anführen — ist skeptisch gegenüber allen Begriffen, welche das vorhergehende Denken, das Denken bis in das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hinein, hervorgebracht hat. Dieses Denken sprach ja, indem es mehr oder weniger kritisch sich zu diesen Begriffen verhält, sie mehr oder weniger ausarbeitete, doch so über die Welt und den Menschen, daß man annahm: Der Mensch nimmt durch seine Sinne die Welt wahr, verarbeitet die Sinnesempfindungen durch Begriffe und kommt dann zu gewissen Vorstellungen, zu Ideen über die Welt. Dabei setzt man voraus — wie gesagt, auf allerlei weitere erkenntnistheoretische Dinge kann ich mich heute nicht einlassen —, daß dasjenige, was empfunden wird: Farben, Töne, Wärme, Druckempfindungen und so weiter, herkommt von irgendeiner Objektivität, von irgend etwas Objektivem, das sich draußen im Raum oder überhaupt draußen außerhalb unseres Seelischen befindet, durch die Sinne einen Eindruck macht, welcher Eindruck dann Sinnesempfindung ist, welche Sinnesempfindung dann wieder weiterverarbeitet wird. Und als das Agens, das eigentlich Tätige, das Aktive in diesem ganzen Erkenntnisprozeß, der nun wiederum zugrunde liegt dem ganzen Lebensprozeß, sah man das Ich des Menschen an, über das man ja viel spekulierte, theoretisierte, das man aber in der einen oder in der anderen Form so gelten ließ, daß man sagte: Es gibt eben so etwas, das man berechtigt ist, als eine Art Ich anzusehen, das aktiv ist und das die verschiedenen Sinnesempfindungen zuletzt zu Begriffen, Ideen formt.

[ 3 ] Ernst Mach sieht sich gewissermaßen um in unserer gegebenen Welt und sagt: Alle diese Begriffe — vom Ich, also von dem Erkenntnissubjekt, von der Subjektivität; von dem Objekt, das den Sinnesempfindungen zugrunde liegt —, alle diese Begriffe sind eigentlich unberechtigt. Er sagt: Was haben wir eigentlich gegeben? Was ist eigentlich vorliegend in der Welt? Nur Empfindungen sind im Grunde genommen vorliegend. Wir nehmen Farben wahr, wir nehmen Töne wahr, wir nehmen Geruchsempfindungen wahr und so weiter; aber irgend etwas außerhalb dieser Empfindungen ist uns ja gar nicht gegeben. Wenn wir richtig Umschau halten in der Welt, so ist alles irgendwie Empfindung, und jenseits der Empfindungen findet man nirgends ein Objektives. Alle Welt, die uns vorliegt, löst sich eigentlich auf in Empfindungen. Alles sind nur mannigfaltige Empfindungen. Und wenn wir so sagen können: Nichts ist da außer Empfindungen — so kann man auch nicht sagen: Da drinnen in uns ist ein besonderes Ich, ein Aktives. Denn was ist uns denn in unserer Seele gegeben? Wiederum nur Empfindungen. Wenn wir da hineinschauen in uns, ist uns nur ein Verlauf von Empfindungen gegeben; diese Empfindungen sind gleichsam an einem Faden aufgerollt: gestern haben wir Empfindungen gehabt, heute haben wir Empfindungen, morgen werden wir Empfindungen haben. Die gliedern sich so zusammen wie die Kettenglieder. Aber überall nur Empfindung; nirgends ein aktives Ich. Es ist nur ein Schein von einem Ich da, weil aus der allgemeinen Empfindungswelt eine Gruppe von Empfindungen herausgeholt wird, die sich zusammengruppieren. Und diese Gruppierungen nennen wir Ich, sie gehören uns, sie gehören zu dem, was wir gestern und vorgestern und vor einem halben Jahre wahrgenommen haben. Weil wir solch eine Gruppe von zusammengehörenden Empfindungen finden, bezeichnen wir sie mit dem gemeinsamen Worte «Ich». — Also das Ich fällt auch weg, das Erkenntnisobjekt fällt auch weg, alles, wovon der Mensch sprechen kann, ist nur eine Mannigfaltigkeit von Empfindungen. Stehen wir also zunächst naiv der Welt gegenüber, betrachten wir das Wirkliche, so ist wirklich eine unendliche Mannigfaltigkeit verschieden gruppierter Farben, verschieden gruppierter Töne, verschieden gruppierter Temperaturempfindungen, verschieden gruppierter Druckempfindungen und so weiter vorhanden; aber das ist alles.

[ 3 ] Ernst Mach sieht sich gewissermaßen um in unserer gegebenen Welt und sagt: Alle diese Begriffe — vom Ich, also von dem Erkenntnissubjekt, von der Subjektivität; von dem Objekt, das den Sinnesempfindungen zugrunde liegt —, alle diese Begriffe sind eigentlich unberechtigt. Er sagt: Was haben wir eigentlich gegeben? Was ist eigentlich vorliegend in der Welt? Nur Empfindungen sind im Grunde genommen vorliegend. Wir nehmen Farben wahr, wir nehmen Töne wahr, wir nehmen Geruchsempfindungen wahr und so weiter; aber irgend etwas außerhalb dieser Empfindungen ist uns ja gar nicht gegeben. Wenn wir richtig Umschau halten in der Welt, so ist alles irgendwie Empfindung, und jenseits der Empfindungen findet man nirgends ein Objektives. Alle Welt, die uns vorliegt, löst sich eigentlich auf in Empfindungen. Alles sind nur mannigfaltige Empfindungen. Und wenn wir so sagen können: Nichts ist da außer Empfindungen — so kann man auch nicht sagen: Da drinnen in uns ist ein besonderes Ich, ein Aktives. Denn was ist uns denn in unserer Seele gegeben? Wiederum nur Empfindungen. Wenn wir da hineinschauen in uns, ist uns nur ein Verlauf von Empfindungen gegeben; diese Empfindungen sind gleichsam an einem Faden aufgerollt: gestern haben wir Empfindungen gehabt, heute haben wir Empfindungen, morgen werden wir Empfindungen haben. Die gliedern sich so zusammen wie die Kettenglieder. Aber überall nur Empfindung; nirgends ein aktives Ich. Es ist nur ein Schein von einem Ich da, weil aus der allgemeinen Empfindungswelt eine Gruppe von Empfindungen herausgeholt wird, die sich zusammengruppieren. Und diese Gruppierungen nennen wir Ich, sie gehören uns, sie gehören zu dem, was wir gestern und vorgestern und vor einem halben Jahre wahrgenommen haben. Weil wir solch eine Gruppe von zusammengehörenden Empfindungen finden, bezeichnen wir sie mit dem gemeinsamen Worte «Ich». — Also das Ich fällt auch weg, das Erkenntnisobjekt fällt auch weg, alles, wovon der Mensch sprechen kann, ist nur eine Mannigfaltigkeit von Empfindungen. Stehen wir also zunächst naiv der Welt gegenüber, betrachten wir das Wirkliche, so ist wirklich eine unendliche Mannigfaltigkeit verschieden gruppierter Farben, verschieden gruppierter Töne, verschieden gruppierter Temperaturempfindungen, verschieden gruppierter Druckempfindungen und so weiter vorhanden; aber das ist alles.

[ 4 ] Nun kommt aber auch die Wissenschaft. Die Wissenschaft findet Gesetze. Das heißt, sie beschreibt nicht einfach: Ich sehe hier diese Empfindung, ich sehe dort jene Empfindung und so weiter, sondern sie findet Gesetze, Naturgesetze. Was nötigt denn den Menschen, Naturgesetze aufzustellen, da er doch nur eine Mannigfaltigkeit von Empfindungen hat? Bloß hinzuschauen auf die Mannigfaltigkeit der Empfindungen gibt kein Urteil. Erst indem wir mehr oder weniger zu Gesetzen aufsteigen, kommen wir zum Urteil. Was wollen wir denn eigentlich mit dem Urteil in der Empfindungswelt, die doch eigentlich nur eine chaotische Mannigfaltigkeit ist? Wonach richtet man sich denn, indem man Urteile bildet? Ja, wenn nichts da ist als nur Empfindungen — man kann doch nicht, meint Mach, eine Empfindung an der anderen messen. Also, was gibt denn ein Kriterium her, Urteile zu bilden, Gesetze aufzustellen, zu Naturgesetzen zu kommen? — Da sagt Ernst Mach: lediglich die Denkökonomie führt dazu. Wenn wir gewisse Gesetze ausdenken, so können wir an der Hand dieser Gesetze gewisse Empfindungen verfolgen, zusammenhalten gleichsam im Denken. Und wenn wir fühlen, daß wir bei irgendeiner Art, die Empfindungen zusammenzuhalten, mit dem kleinsten Maß des Denkens messen können, am Ökonomischsten denken, so nennen wir das ein Naturgesetz. Wir sehen, daß ein Stein zur Erde fällt. Es ist eine Summe von Empfindungen, hier eine Empfindung, dort eine Empfindung und so weiter — lauter Empfindungen. Wir fassen das zusammen unter dem Gesetz der Schwere, der Gravitation. Aber das Gesetz der Schwere ist weiter keine Wirklichkeit, denn Wirklichkeit sind nur die Empfindungen. Also warum denken wir dann überhaupt das Gesetz der Schwere aus? Weil es unsbequem ist; es ist denkökonomisch, einegewisse Gruppe von Empfindungen mit einem kurzen Ausdruck zusammenzufassen. Wir gewinnen dadurch gewissermaßen einen bequemen Überblick über die Empfindungswelt. Und dasjenige Gedachte, was uns den bequemsten Überblick über irgendeine Gruppe von Empfindungen gibt, so daß wir diesen Ausdruck gebrauchen können, indem wir gewissermaßen wissen, wenn wir den Ausdruck haben und gewisse Bedingungen wiederum hergestellt sind, das heißt, gewisse Empfindungen wieder auftreten werden, dann werden in ihrer Folge wieder andere auftreten — das gilt uns als Gesetz. Wenn ich die Empfindungen, die hervorgerufen werden durch einen fallenden Stein, in das Gesetz der Schwere zusammenfasse, so ist das für mich bequem, denn ich weiß: wenn ich dieses Gesetz habe, dann wird einer auf die Erde fallen wie ein anderer. Ich kann also von der Vergangenheit in die Zukunft herein denken. Es ist Denkökonomie. Das Gesetz der Denkökonomie, das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes, das heißt, mit der kleinsten Summe von Gedanken die größte Zahl von Empfindungen zu umfassen, das ist dasjenige, was Ernst Mach zugrunde legt dem ganzen wissenschaftlichen Betrieb.

[ 4 ] Nun kommt aber auch die Wissenschaft. Die Wissenschaft findet Gesetze. Das heißt, sie beschreibt nicht einfach: Ich sehe hier diese Empfindung, ich sehe dort jene Empfindung und so weiter, sondern sie findet Gesetze, Naturgesetze. Was nötigt denn den Menschen, Naturgesetze aufzustellen, da er doch nur eine Mannigfaltigkeit von Empfindungen hat? Bloß hinzuschauen auf die Mannigfaltigkeit der Empfindungen gibt kein Urteil. Erst indem wir mehr oder weniger zu Gesetzen aufsteigen, kommen wir zum Urteil. Was wollen wir denn eigentlich mit dem Urteil in der Empfindungswelt, die doch eigentlich nur eine chaotische Mannigfaltigkeit ist? Wonach richtet man sich denn, indem man Urteile bildet? Ja, wenn nichts da ist als nur Empfindungen — man kann doch nicht, meint Mach, eine Empfindung an der anderen messen. Also, was gibt denn ein Kriterium her, Urteile zu bilden, Gesetze aufzustellen, zu Naturgesetzen zu kommen? — Da sagt Ernst Mach: lediglich die Denkökonomie führt dazu. Wenn wir gewisse Gesetze ausdenken, so können wir an der Hand dieser Gesetze gewisse Empfindungen verfolgen, zusammenhalten gleichsam im Denken. Und wenn wir fühlen, daß wir bei irgendeiner Art, die Empfindungen zusammenzuhalten, mit dem kleinsten Maß des Denkens messen können, am Ökonomischsten denken, so nennen wir das ein Naturgesetz. Wir sehen, daß ein Stein zur Erde fällt. Es ist eine Summe von Empfindungen, hier eine Empfindung, dort eine Empfindung und so weiter — lauter Empfindungen. Wir fassen das zusammen unter dem Gesetz der Schwere, der Gravitation. Aber das Gesetz der Schwere ist weiter keine Wirklichkeit, denn Wirklichkeit sind nur die Empfindungen. Also warum denken wir dann überhaupt das Gesetz der Schwere aus? Weil es unsbequem ist; es ist denkökonomisch, einegewisse Gruppe von Empfindungen mit einem kurzen Ausdruck zusammenzufassen. Wir gewinnen dadurch gewissermaßen einen bequemen Überblick über die Empfindungswelt. Und dasjenige Gedachte, was uns den bequemsten Überblick über irgendeine Gruppe von Empfindungen gibt, so daß wir diesen Ausdruck gebrauchen können, indem wir gewissermaßen wissen, wenn wir den Ausdruck haben und gewisse Bedingungen wiederum hergestellt sind, das heißt, gewisse Empfindungen wieder auftreten werden, dann werden in ihrer Folge wieder andere auftreten — das gilt uns als Gesetz. Wenn ich die Empfindungen, die hervorgerufen werden durch einen fallenden Stein, in das Gesetz der Schwere zusammenfasse, so ist das für mich bequem, denn ich weiß: wenn ich dieses Gesetz habe, dann wird einer auf die Erde fallen wie ein anderer. Ich kann also von der Vergangenheit in die Zukunft herein denken. Es ist Denkökonomie. Das Gesetz der Denkökonomie, das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes, das heißt, mit der kleinsten Summe von Gedanken die größte Zahl von Empfindungen zu umfassen, das ist dasjenige, was Ernst Mach zugrunde legt dem ganzen wissenschaftlichen Betrieb.

[ 5 ] Sie sehen daraus: Zu etwas Wirklichem kommt man dadurch nicht. Denn dadurch, daß man in der bequemsten Weise Gruppen von Empfindungen zusammenfaßt, dient man nur der eigenen Bequemlichkeit des Lebens. Aber das, was man als Ausdrücke bekommt durch das Prinzip der Denkökonomie, das sagt nichts aus über das, was den Empfindungen zugrunde liegt. Es ist nur zu unserer eigenen bequemsten Orientierung in der Welt. Es ist nur, weil wir es im Grunde genommen so bequem finden; deshalb fassen wir die Empfindungen in einer gewissen Weise zusammen. Sie sehen also, hier handelt es sich um ein Wahrheitskriterium, das ganz absichtlich absieht davon, zu irgendeiner Objektivität zu kommen, das kein anderes Ziel verfolgt, als dem ‚menschlichen Orientierungsvermögen durch die Empfindung hindurch zu dienen.

[ 5 ] Sie sehen daraus: Zu etwas Wirklichem kommt man dadurch nicht. Denn dadurch, daß man in der bequemsten Weise Gruppen von Empfindungen zusammenfaßt, dient man nur der eigenen Bequemlichkeit des Lebens. Aber das, was man als Ausdrücke bekommt durch das Prinzip der Denkökonomie, das sagt nichts aus über das, was den Empfindungen zugrunde liegt. Es ist nur zu unserer eigenen bequemsten Orientierung in der Welt. Es ist nur, weil wir es im Grunde genommen so bequem finden; deshalb fassen wir die Empfindungen in einer gewissen Weise zusammen. Sie sehen also, hier handelt es sich um ein Wahrheitskriterium, das ganz absichtlich absieht davon, zu irgendeiner Objektivität zu kommen, das kein anderes Ziel verfolgt, als dem ‚menschlichen Orientierungsvermögen durch die Empfindung hindurch zu dienen.

[ 6 ] Ein Denker, der auf ähnlichen Erwägungen seine Ideen aufgebaut hat, ist Richard Wahle. Richard Wahle sagt auch: Da reden die Menschen davon, das eine ist Ursache, das andere ist Wirkung; da lebe im Innern ein Ich, draußen leben Objekte. Aber das ist alles Unsinn — ich gebrauche ungefähr die Ausdrücke, die er auch gebraucht —, in Wahrheit ist uns nichts in der Welt vorliegend, als: wir sehen da ein Farbenvorkommnis, da ein Tonvorkommnis; die Welt besteht nur, wie Wahle sagt, aus Vorkommnissen. Wenn wir diese Vorkommnisse Empfindung nennen, wie das Mach tut, so gehen wir eigentlich schon zu weit; denn in dem Worte «Empfindung» liegt schon eine geheime Hindeutung, daß jemand da ist, der empfindet. Aber woher soll man denn wissen, daß das, was als Vorkommnis auftritt, eine Empfindung ist? Vorkommnisse sind da. Da draußen ist ein Farbenvorkommnis, ein Tonvorkommnis, ein Druckvorkommnis, ein Wärmevorkommnis; da drinnen ist ein Schmerzvorkommnis, ein Freudenvorkommnis, da ist das Vorkommnis der Sättigung, das Vorkommnis des Hungers, da ist das Vorkommnis, daß sich einer vorstellt: einen Gott gebe es. Aber es liegt eigentlich nichts vor, als daß einer sich vorstellt: einen Gott gibt es. So wie einer einen Schmerz hat, so stellt er sich vor: einen Gott gibt es. Alles ist nur Vorkommnis. Zwar meint Wahle, man muß unterscheiden zwischen zweierlei Arten von Vorkommnissen, den primären Vorkommnissen und den sogenannten Miniaturen. Die primären Vorkommnisse, das sind diejenigen, die mit ihrer ursprünglichen Schärfe auftreten, Farbenvorkommnisse, Tonvorkommnisse, Druckvorkommnisse, Wärmevorkommnisse, Schmerzvorkommnisse, Freudenvorkommnisse, Hungervorkommnisse, Sättigungsvorkommnisse und so weiter. Miniaturen sind Phantasiebilder, Absichten, kurz, alles dasjenige, was wie in Abschattung, wie in Schattenbildern der primären Vorkommnisse auftritt. Aber wenn man die Summe aller primären Vorkommnisse und aller sekundären Vorkommnisse, der sogenannten Miniaturen, nimmt, dann hat man auch alles, was die Welt uns bietet. Alles übrige ist im Grunde genommen hinzugedichtet, ohne Berechtigung hinzugedichtet. Da, meint Wahle, sagen sich die Menschen: Vor drei Jahren sind diese Vorkommnisse dagewesen, dann sind die anderen Vorkommnisse gekommen, und weil gewisse Vorkommnisse so aufeinanderfolgen, so blendet das die Menschen, und sie fassen das zusammen als ein Ich. Aber wo ist ein solches Ich? Vorkommnisse sind nur da, die aneinandergereiht sind, Reihen von Vorkommnissen. Aber nirgends ist ein Ich da. Und dann kommen die Menschen und sagen, sie hätten Gesetze gefunden, welche diese Vorkommnisse verbinden — Naturgesetze. Aber diese Gesetze stellen auch nichts anderes dar, als daß sie Vorkommnisse aneinanderreihen. Und warum sie sich so aneinanderreihen, darüber etwas zu entscheiden, das ist schlechterdings unmöglich. Und wenn die Menschen das Wissen nennen, wenn sie die Vorkommnisse in einer gewissen Weise auffädeln, so ist dieses Wissen eben Firlefanzerei. Dieses Wissen, meint Wahle, sei weder etwas Gültiges noch etwas besonders Erhabenes, sondern es stellt nur dar, daß der Mensch eigentlich nicht recht die Möglichkeit findet, sich zu seinen Vorkommnissen in ein Verhältnis zu setzen und sich etwas ausdenkt. Das Ich ist die kurioseste Erfindung. Denn nirgends ist in der Summe der Vorkommnisse so etwas wie ein Ich wirklich aufzufinden. So wie die Vorkommnisse aufeinander folgen, muß man annehmen, daß unbekannte Faktoren im Spiele sind; denn es scheint, daß die Vorkommnisse nicht willkürlich aufeinander folgen. Aber was für unbekannte Faktoren — ich gebrauche dieselben Worte, die Wahle gebraucht — im Spiele sind, das entzieht sich vollkommen der menschlichen Beurteilung, darüber kann man überhaupt nichts aussagen. Alles, was der Mensch wissen kann, ist, daß Vorkommnisse vorhanden sind, und daß diese Vorkommnisse dirigiert werden von ganz unbekannten Faktoren. An der Direktion tappen Physik, Physiologie, Biologie, Soziologie herum. Aber das ist eben nur ein Herumtappen, so daß man mit den Vorkommnissen leben kann. Das führt niemals dazu, über die im Spiele befindlichen unbekannten Faktoren etwas zu wissen. Daher ist alle Meinung, daß man zu einer Philosophie kommen könnte, die etwas enthielte über die Gründe, warum die Vorkommnisse so und so auftreten, ein menschlicher Wahnsinn, dem sich die Menschheit eine Zeitlang hingegeben hat und demgegenüber es hoch an der Zeit ist, ihn aufzugeben. — Eines der wichtigsten Bücher von Richard Wahle heißt: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende. Ihre Vermächtnisse an die Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Um dieses Ende der Philosophie zu lehren, um zu lehren, daß die Philosophie ein Wahnsinn ist, ist Richard Wahle Professor der Philosophie geworden!

[ 6 ] Ein Denker, der auf ähnlichen Erwägungen seine Ideen aufgebaut hat, ist Richard Wahle. Richard Wahle sagt auch: Da reden die Menschen davon, das eine ist Ursache, das andere ist Wirkung; da lebe im Innern ein Ich, draußen leben Objekte. Aber das ist alles Unsinn — ich gebrauche ungefähr die Ausdrücke, die er auch gebraucht —, in Wahrheit ist uns nichts in der Welt vorliegend, als: wir sehen da ein Farbenvorkommnis, da ein Tonvorkommnis; die Welt besteht nur, wie Wahle sagt, aus Vorkommnissen. Wenn wir diese Vorkommnisse Empfindung nennen, wie das Mach tut, so gehen wir eigentlich schon zu weit; denn in dem Worte «Empfindung» liegt schon eine geheime Hindeutung, daß jemand da ist, der empfindet. Aber woher soll man denn wissen, daß das, was als Vorkommnis auftritt, eine Empfindung ist? Vorkommnisse sind da. Da draußen ist ein Farbenvorkommnis, ein Tonvorkommnis, ein Druckvorkommnis, ein Wärmevorkommnis; da drinnen ist ein Schmerzvorkommnis, ein Freudenvorkommnis, da ist das Vorkommnis der Sättigung, das Vorkommnis des Hungers, da ist das Vorkommnis, daß sich einer vorstellt: einen Gott gebe es. Aber es liegt eigentlich nichts vor, als daß einer sich vorstellt: einen Gott gibt es. So wie einer einen Schmerz hat, so stellt er sich vor: einen Gott gibt es. Alles ist nur Vorkommnis. Zwar meint Wahle, man muß unterscheiden zwischen zweierlei Arten von Vorkommnissen, den primären Vorkommnissen und den sogenannten Miniaturen. Die primären Vorkommnisse, das sind diejenigen, die mit ihrer ursprünglichen Schärfe auftreten, Farbenvorkommnisse, Tonvorkommnisse, Druckvorkommnisse, Wärmevorkommnisse, Schmerzvorkommnisse, Freudenvorkommnisse, Hungervorkommnisse, Sättigungsvorkommnisse und so weiter. Miniaturen sind Phantasiebilder, Absichten, kurz, alles dasjenige, was wie in Abschattung, wie in Schattenbildern der primären Vorkommnisse auftritt. Aber wenn man die Summe aller primären Vorkommnisse und aller sekundären Vorkommnisse, der sogenannten Miniaturen, nimmt, dann hat man auch alles, was die Welt uns bietet. Alles übrige ist im Grunde genommen hinzugedichtet, ohne Berechtigung hinzugedichtet. Da, meint Wahle, sagen sich die Menschen: Vor drei Jahren sind diese Vorkommnisse dagewesen, dann sind die anderen Vorkommnisse gekommen, und weil gewisse Vorkommnisse so aufeinanderfolgen, so blendet das die Menschen, und sie fassen das zusammen als ein Ich. Aber wo ist ein solches Ich? Vorkommnisse sind nur da, die aneinandergereiht sind, Reihen von Vorkommnissen. Aber nirgends ist ein Ich da. Und dann kommen die Menschen und sagen, sie hätten Gesetze gefunden, welche diese Vorkommnisse verbinden — Naturgesetze. Aber diese Gesetze stellen auch nichts anderes dar, als daß sie Vorkommnisse aneinanderreihen. Und warum sie sich so aneinanderreihen, darüber etwas zu entscheiden, das ist schlechterdings unmöglich. Und wenn die Menschen das Wissen nennen, wenn sie die Vorkommnisse in einer gewissen Weise auffädeln, so ist dieses Wissen eben Firlefanzerei. Dieses Wissen, meint Wahle, sei weder etwas Gültiges noch etwas besonders Erhabenes, sondern es stellt nur dar, daß der Mensch eigentlich nicht recht die Möglichkeit findet, sich zu seinen Vorkommnissen in ein Verhältnis zu setzen und sich etwas ausdenkt. Das Ich ist die kurioseste Erfindung. Denn nirgends ist in der Summe der Vorkommnisse so etwas wie ein Ich wirklich aufzufinden. So wie die Vorkommnisse aufeinander folgen, muß man annehmen, daß unbekannte Faktoren im Spiele sind; denn es scheint, daß die Vorkommnisse nicht willkürlich aufeinander folgen. Aber was für unbekannte Faktoren — ich gebrauche dieselben Worte, die Wahle gebraucht — im Spiele sind, das entzieht sich vollkommen der menschlichen Beurteilung, darüber kann man überhaupt nichts aussagen. Alles, was der Mensch wissen kann, ist, daß Vorkommnisse vorhanden sind, und daß diese Vorkommnisse dirigiert werden von ganz unbekannten Faktoren. An der Direktion tappen Physik, Physiologie, Biologie, Soziologie herum. Aber das ist eben nur ein Herumtappen, so daß man mit den Vorkommnissen leben kann. Das führt niemals dazu, über die im Spiele befindlichen unbekannten Faktoren etwas zu wissen. Daher ist alle Meinung, daß man zu einer Philosophie kommen könnte, die etwas enthielte über die Gründe, warum die Vorkommnisse so und so auftreten, ein menschlicher Wahnsinn, dem sich die Menschheit eine Zeitlang hingegeben hat und demgegenüber es hoch an der Zeit ist, ihn aufzugeben. — Eines der wichtigsten Bücher von Richard Wahle heißt: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende. Ihre Vermächtnisse an die Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Um dieses Ende der Philosophie zu lehren, um zu lehren, daß die Philosophie ein Wahnsinn ist, ist Richard Wahle Professor der Philosophie geworden!

[ 7 ] Wir sehen, daß vor allen Dingen solchen Erwägungen zugrunde liegt eine vollständige Ohnmacht gegenüber Wahrheitskriterien. Man empfindet keinen Impuls mehr, eine Entscheidung in der Erkenntnis herbeizuführen. Was zugrunde liegt, könnte man etwa in der folgenden Weise charakterisieren. Denken Sie sich, jemand hat ein Buch und hat darinnen lange gelesen; immer wieder liest er und immer wieder liest er und lebt der Anschauung, daß er durch dieses Buch Mitteilungen empfangen hat über gewisse Dinge, über die das Buch eben Mitteilungen enthält. Nun überlegt er sich einmal: Ja, da liegt nun dieses Buch vor mir, da habe ich mir immer eingebildet, durch dieses Buch habe ich Mitteilungen über das oder jenes; aber wenn ich dieses Buch so recht ansehe: da sind immer auf den Seiten nur Buchstaben, Buchstaben, Buchstaben. Ich bin also eigentlich ein Esel gewesen, daß ich geglaubt habe, aus diesem Buche können mir Mitteilungen über allerlei Dinge, die gar nicht in dem Buch drinnen sind, zufließen, denn es sind ja doch nur Buchstaben. Ich habe immer nur in dem Wahn gelebt, diese Buchstaben so auf mich wirken zu lassen, in Wechselwirkungen, daß sie mir etwas geben sollen; aber Buchstaben sind immer nur da, folgen immer nur aufeinander — Lettern. Also muß man endlich sich von dem Wahn befreien, daß diese Buchstaben irgend etwas beschreiben, daß sie sich irgendwie aufeinander beziehen könnten, sich gruppieren könnten zu bedeutsamen Worten oder dergleichen. — Es ist wirklich ein Bild, das man gebrauchen kann für die Art des Denkens, die dieser Wahleschen Nichtphilosophie, Unphilosophie zugrunde liegt. Denn seine große Entdeckung besteht darinnen, daß er sagt: Die Menschen haben bisher geglaubt, sie sehen Vorkommnisse; aber die Vorkommnisse deuten sie in ihrem Zusammenhange, sie lesen gleichsam die Natur. Aber wie törichte Esel waren doch die Menschen! Es gibt ja nur unzusammenhängende Vorkommnisse, und höchstens sind noch unbekannte Faktoren im Spiele, wie vielleicht etwas Unbekanntes im Spiele ist, was nun die Buchstaben so sonderbar gruppiert.

[ 7 ] Wir sehen, daß vor allen Dingen solchen Erwägungen zugrunde liegt eine vollständige Ohnmacht gegenüber Wahrheitskriterien. Man empfindet keinen Impuls mehr, eine Entscheidung in der Erkenntnis herbeizuführen. Was zugrunde liegt, könnte man etwa in der folgenden Weise charakterisieren. Denken Sie sich, jemand hat ein Buch und hat darinnen lange gelesen; immer wieder liest er und immer wieder liest er und lebt der Anschauung, daß er durch dieses Buch Mitteilungen empfangen hat über gewisse Dinge, über die das Buch eben Mitteilungen enthält. Nun überlegt er sich einmal: Ja, da liegt nun dieses Buch vor mir, da habe ich mir immer eingebildet, durch dieses Buch habe ich Mitteilungen über das oder jenes; aber wenn ich dieses Buch so recht ansehe: da sind immer auf den Seiten nur Buchstaben, Buchstaben, Buchstaben. Ich bin also eigentlich ein Esel gewesen, daß ich geglaubt habe, aus diesem Buche können mir Mitteilungen über allerlei Dinge, die gar nicht in dem Buch drinnen sind, zufließen, denn es sind ja doch nur Buchstaben. Ich habe immer nur in dem Wahn gelebt, diese Buchstaben so auf mich wirken zu lassen, in Wechselwirkungen, daß sie mir etwas geben sollen; aber Buchstaben sind immer nur da, folgen immer nur aufeinander — Lettern. Also muß man endlich sich von dem Wahn befreien, daß diese Buchstaben irgend etwas beschreiben, daß sie sich irgendwie aufeinander beziehen könnten, sich gruppieren könnten zu bedeutsamen Worten oder dergleichen. — Es ist wirklich ein Bild, das man gebrauchen kann für die Art des Denkens, die dieser Wahleschen Nichtphilosophie, Unphilosophie zugrunde liegt. Denn seine große Entdeckung besteht darinnen, daß er sagt: Die Menschen haben bisher geglaubt, sie sehen Vorkommnisse; aber die Vorkommnisse deuten sie in ihrem Zusammenhange, sie lesen gleichsam die Natur. Aber wie törichte Esel waren doch die Menschen! Es gibt ja nur unzusammenhängende Vorkommnisse, und höchstens sind noch unbekannte Faktoren im Spiele, wie vielleicht etwas Unbekanntes im Spiele ist, was nun die Buchstaben so sonderbar gruppiert.

[ 8 ] Also das Sich-Hineinleben in den Impuls fehlt, in den Impuls, eine Entscheidung zu treffen über den Wahrheitswert eines Urteils, das eben gewonnen wird auf Grundlage der Welt. Ohnmächtig ist die menschliche Erkenntnis geworden in bezug auf ein Wahrheitskriterium. In älteren Zeiten hat man geglaubt, der Mensch habe in sich so etwas wie die Fähigkeit, aus dem inneren Erleben desjenigen, was im Urteile ist, zu Wahrheiten zu kommen. Das konnte man nicht festhalten. Und so philosophiert man in einer solchen Richtung herum. — Ich wollte gerade durch diese zwei Beispiele klarmachen dieses Abhandenkommen des Wahrheitskriteriums, dieses Sich-nicht-mehr-drinnenstehend-Fühlen in der Erzeugung der Wahrheit.

[ 8 ] Also das Sich-Hineinleben in den Impuls fehlt, in den Impuls, eine Entscheidung zu treffen über den Wahrheitswert eines Urteils, das eben gewonnen wird auf Grundlage der Welt. Ohnmächtig ist die menschliche Erkenntnis geworden in bezug auf ein Wahrheitskriterium. In älteren Zeiten hat man geglaubt, der Mensch habe in sich so etwas wie die Fähigkeit, aus dem inneren Erleben desjenigen, was im Urteile ist, zu Wahrheiten zu kommen. Das konnte man nicht festhalten. Und so philosophiert man in einer solchen Richtung herum. — Ich wollte gerade durch diese zwei Beispiele klarmachen dieses Abhandenkommen des Wahrheitskriteriums, dieses Sich-nicht-mehr-drinnenstehend-Fühlen in der Erzeugung der Wahrheit.

[ 9 ] In groß angelegter Weise sehen wir dieses Abhandenkommen eines im alten Stile zu nehmenden Wahrheitskriteriums bei derjenigen Denkrichtung der Gegenwart, die man als Pragmatismus bezeichnet. Und wenn auch vielleicht nicht der bedeutendste, so ist doch der bekannteste Vertreter des Pragmatismus William James. Wenn wir uns in Kürze das Prinzip des Pragmatismus klarmachen wollen, wie er in der jüngsten Zeit aufgetreten ist, so kann man ihn annähernd auch etwa in der folgenden Weise charakterisieren.

[ 9 ] In groß angelegter Weise sehen wir dieses Abhandenkommen eines im alten Stile zu nehmenden Wahrheitskriteriums bei derjenigen Denkrichtung der Gegenwart, die man als Pragmatismus bezeichnet. Und wenn auch vielleicht nicht der bedeutendste, so ist doch der bekannteste Vertreter des Pragmatismus William James. Wenn wir uns in Kürze das Prinzip des Pragmatismus klarmachen wollen, wie er in der jüngsten Zeit aufgetreten ist, so kann man ihn annähernd auch etwa in der folgenden Weise charakterisieren.

[ 10 ] Die Menschen fällen Urteile, durch die sie etwas aussagen wollen über die Wirklichkeit. Allein der Mensch hat keine Möglichkeit, in sich etwas aufzutreiben, das ihn dazu bringen könnte, über die Wirklichkeit ein wahres Urteil zu fällen. Es gibt nicht so etwas im Menschen, was entscheiden würde, für sich entscheiden würde, an sich entscheiden würde: das ist wahr, das ist falsch. — Also man fühlt sich ohnmächtig, ein ursprüngliches, an sich bestehendes Kriterium darüber zu finden, ob dies wahr, ob dies falsch ist. Dennoch fühlt sich der Mensch gezwungen, indem er in der Wirklichkeit lebt, Urteile zu fällen. Und die Wissenschaften sind ja voller Urteile. Wenn man nun den ganzen Umfang der Wissenschaften ansieht mit allen ihren Urteilen — sagen sie etwas aus über irgend etwas, was in einem höheren Sinne, im Sinne der alten Philosophenschulmeinungen wahr oder falsch ist? Nein! Das ist überhaupt im Sinne zum Beispiel von William James eine ganz unmögliche Denkweise, sich zu fragen, ob an sich irgend etwas wahr oder falsch sein kann. Man fällt Urteile. Wenn man gewisse Urteile fällt, so kann man mit diesen Urteilen leben. Sie erweisen sich als nützlich und anwendbar im Leben, als das Leben fördernd. Würde man andere Urteile fällen, so würde man bald mit dem Leben nicht zurechtkommen, würde man nicht vorwärtskommen im Leben. Sie wären unnützlich, lebensschädigend. Selbst für die gröbsten Urteile kann man das anwenden. Man kann nicht einmal vernünftigerweise sagen, morgen werde wieder die Sonne aufgehen; denn ein Wahrheitskriterium gibt es gar nicht. Aber wir haben uns einmal das Urteil gebildet: Jeden Morgen geht die Sonne auf. — Wenn einer kommen wollte und würde sagen: Nur die zwei Drittel vom Monat geht die Sonne auf und im letzten Drittel nicht mehr, — so würde er mit diesem Urteile im Leben nicht vorwärtskommen, denn er würde immer anstoßen im letzten Drittel des Monats. Das Urteil, das wir uns bilden, ist nützlich. Aber von wahr oder falsch kann nicht in einem anderen Sinne die Rede sein, als daß ein Urteil uns durch die Welt durchführt, daß es das Leben fördert, und daß ein anderes Urteil, das ein entgegengesetztes ist, das Leben schädigt. Es gibt nicht ein an sich bestehendes Kriterium für wahr und falsch, sondern das Leben-Fördernde nennen wir wahr, das Leben-Schädigende nennen wir falsch. — Da ist also alles hinausgetrieben in die Lebenspraxis, was entscheiden soll darüber, ob wir ein Urteil fällen oder nicht. Und alle die Impulse, die man früher geglaubt hat zu besitzen, die werden nicht gelten gelassen.

[ 10 ] Die Menschen fällen Urteile, durch die sie etwas aussagen wollen über die Wirklichkeit. Allein der Mensch hat keine Möglichkeit, in sich etwas aufzutreiben, das ihn dazu bringen könnte, über die Wirklichkeit ein wahres Urteil zu fällen. Es gibt nicht so etwas im Menschen, was entscheiden würde, für sich entscheiden würde, an sich entscheiden würde: das ist wahr, das ist falsch. — Also man fühlt sich ohnmächtig, ein ursprüngliches, an sich bestehendes Kriterium darüber zu finden, ob dies wahr, ob dies falsch ist. Dennoch fühlt sich der Mensch gezwungen, indem er in der Wirklichkeit lebt, Urteile zu fällen. Und die Wissenschaften sind ja voller Urteile. Wenn man nun den ganzen Umfang der Wissenschaften ansieht mit allen ihren Urteilen — sagen sie etwas aus über irgend etwas, was in einem höheren Sinne, im Sinne der alten Philosophenschulmeinungen wahr oder falsch ist? Nein! Das ist überhaupt im Sinne zum Beispiel von William James eine ganz unmögliche Denkweise, sich zu fragen, ob an sich irgend etwas wahr oder falsch sein kann. Man fällt Urteile. Wenn man gewisse Urteile fällt, so kann man mit diesen Urteilen leben. Sie erweisen sich als nützlich und anwendbar im Leben, als das Leben fördernd. Würde man andere Urteile fällen, so würde man bald mit dem Leben nicht zurechtkommen, würde man nicht vorwärtskommen im Leben. Sie wären unnützlich, lebensschädigend. Selbst für die gröbsten Urteile kann man das anwenden. Man kann nicht einmal vernünftigerweise sagen, morgen werde wieder die Sonne aufgehen; denn ein Wahrheitskriterium gibt es gar nicht. Aber wir haben uns einmal das Urteil gebildet: Jeden Morgen geht die Sonne auf. — Wenn einer kommen wollte und würde sagen: Nur die zwei Drittel vom Monat geht die Sonne auf und im letzten Drittel nicht mehr, — so würde er mit diesem Urteile im Leben nicht vorwärtskommen, denn er würde immer anstoßen im letzten Drittel des Monats. Das Urteil, das wir uns bilden, ist nützlich. Aber von wahr oder falsch kann nicht in einem anderen Sinne die Rede sein, als daß ein Urteil uns durch die Welt durchführt, daß es das Leben fördert, und daß ein anderes Urteil, das ein entgegengesetztes ist, das Leben schädigt. Es gibt nicht ein an sich bestehendes Kriterium für wahr und falsch, sondern das Leben-Fördernde nennen wir wahr, das Leben-Schädigende nennen wir falsch. — Da ist also alles hinausgetrieben in die Lebenspraxis, was entscheiden soll darüber, ob wir ein Urteil fällen oder nicht. Und alle die Impulse, die man früher geglaubt hat zu besitzen, die werden nicht gelten gelassen.

[ 11 ] Solch eine Denkrichtung ist nun nicht etwa das willkürliche Erzeugnis eines einzelnen oder einer Schule. Sondern das Eigentümliche gerade solcher Denkrichtungen, wie ich sie heute anführte, ist, daß sie fast über das Ganze der, sagen wir, denkerischen Erdenkultur ausgebreitet sind, daß sie wie unabhängig voneinander da und dort auftreten, weil die Menschheit der Gegenwart darauf hinorganisiert ist, in solche Denkrichtungen hineinzukommen. Es liegt zum Beispiel folgende interessante Erscheinung vor. Während Peirce in Amerika in den siebziger Jahren das erste Buch geschrieben hat über «pragmatische Philosophie», die dann bei William James, in England bei Schiller und bei anderen immer mehr ausgebildet worden ist, während also Peirce in Amerika seine erste Abhandlung über die pragmatische Philosophie hat erscheinen lassen, die in dieser Gedankenrichtung liegt, schrieb ein Denker in Deutschland seine «Philosophie des Als Ob». Das ist also eine Parallelerscheinung. Vaihinger heißt der Betreffende, der die «Philosophie des Als Ob» dazumal geschrieben hat. Was will diese «Philosophie des Als Ob»? Sie geht von dem Gedanken aus, daß der Mensch eigentlich unfähig ist, im alten Sinn wahre oder falsche Ideen oder Begriffe zu bilden, aber doch Ideen und Begriffe bildet, so zum Beispiel — nehmen wir einen bekannten Begriff — den des Atoms. Das Atom ist natürlich ein ganz absurder Begriff. Denn das Atom wird im Denken mit allerlei Qualitäten ausgestattet, die in die Sinne fallen müßten, wenn sie wirklich bestehen würden. Dennoch aber werden die Sinnesempfindungen als Wirkungen von Atomtätigkeit aufgefaßt. Also ist es ein widerspruchsvoller Begriff, ein Begriff für ein vollständig Unauffindbares. Es ist, wie Vaihinger sagt, das Atom eine Fiktion. Wir bilden uns viele solche Fiktionen, und im Grunde genommen sind alle höheren Begriffe, die wir uns über die Wirklichkeit bilden, solche Fiktionen. Da es ein Kriterium für das Wahre oder Falsche nicht gibt, so muß man eigentlich als vernünftiger Mensch der Gegenwart sich klar sein darüber, daß man es mit Fiktionen zu tun hat. Und man muß vollbewußt sich Fiktionen machen. Man muß sich klar sein darüber, daß das Atom eine bloße Fiktion ist, daß das Atom nicht da sein kann. Aber man betrachtet die Welterscheinungen so, als ob die Welt von den Bewegungen oder dem Leben der Atome beherrscht wäre — als ob —, und dadurch ist es nützlich, sich diese Fiktion zu bilden. Man kommt zu einem gewissen Zusammenhang der Erscheinungen, wenn man solche Fiktionen aufstellt. Ein Ich ist eine Fiktion; aber man muß diese Fiktion bilden. Denn wenn man gewisse Erscheinungen, die miteinander auftreten, so betrachtet, als ob ein Ich in ihnen tätig wäre, von dem man ganz gewiß weiß, daß es nur eine Fiktion ist, so betrachten sie sich bequemer, als wenn man sie nicht unter der Fiktion des Ich betrachten würde. Und so lebt man eigentlich von lauter Fiktionen. Es gibt nicht eine Philosophie der Wirklichkeit, sondern eine «Philosophie des Als Ob». Die Welt gaukelt uns vor, als ob das wäre, was wir als Fiktionen haben.

[ 11 ] Solch eine Denkrichtung ist nun nicht etwa das willkürliche Erzeugnis eines einzelnen oder einer Schule. Sondern das Eigentümliche gerade solcher Denkrichtungen, wie ich sie heute anführte, ist, daß sie fast über das Ganze der, sagen wir, denkerischen Erdenkultur ausgebreitet sind, daß sie wie unabhängig voneinander da und dort auftreten, weil die Menschheit der Gegenwart darauf hinorganisiert ist, in solche Denkrichtungen hineinzukommen. Es liegt zum Beispiel folgende interessante Erscheinung vor. Während Peirce in Amerika in den siebziger Jahren das erste Buch geschrieben hat über «pragmatische Philosophie», die dann bei William James, in England bei Schiller und bei anderen immer mehr ausgebildet worden ist, während also Peirce in Amerika seine erste Abhandlung über die pragmatische Philosophie hat erscheinen lassen, die in dieser Gedankenrichtung liegt, schrieb ein Denker in Deutschland seine «Philosophie des Als Ob». Das ist also eine Parallelerscheinung. Vaihinger heißt der Betreffende, der die «Philosophie des Als Ob» dazumal geschrieben hat. Was will diese «Philosophie des Als Ob»? Sie geht von dem Gedanken aus, daß der Mensch eigentlich unfähig ist, im alten Sinn wahre oder falsche Ideen oder Begriffe zu bilden, aber doch Ideen und Begriffe bildet, so zum Beispiel — nehmen wir einen bekannten Begriff — den des Atoms. Das Atom ist natürlich ein ganz absurder Begriff. Denn das Atom wird im Denken mit allerlei Qualitäten ausgestattet, die in die Sinne fallen müßten, wenn sie wirklich bestehen würden. Dennoch aber werden die Sinnesempfindungen als Wirkungen von Atomtätigkeit aufgefaßt. Also ist es ein widerspruchsvoller Begriff, ein Begriff für ein vollständig Unauffindbares. Es ist, wie Vaihinger sagt, das Atom eine Fiktion. Wir bilden uns viele solche Fiktionen, und im Grunde genommen sind alle höheren Begriffe, die wir uns über die Wirklichkeit bilden, solche Fiktionen. Da es ein Kriterium für das Wahre oder Falsche nicht gibt, so muß man eigentlich als vernünftiger Mensch der Gegenwart sich klar sein darüber, daß man es mit Fiktionen zu tun hat. Und man muß vollbewußt sich Fiktionen machen. Man muß sich klar sein darüber, daß das Atom eine bloße Fiktion ist, daß das Atom nicht da sein kann. Aber man betrachtet die Welterscheinungen so, als ob die Welt von den Bewegungen oder dem Leben der Atome beherrscht wäre — als ob —, und dadurch ist es nützlich, sich diese Fiktion zu bilden. Man kommt zu einem gewissen Zusammenhang der Erscheinungen, wenn man solche Fiktionen aufstellt. Ein Ich ist eine Fiktion; aber man muß diese Fiktion bilden. Denn wenn man gewisse Erscheinungen, die miteinander auftreten, so betrachtet, als ob ein Ich in ihnen tätig wäre, von dem man ganz gewiß weiß, daß es nur eine Fiktion ist, so betrachten sie sich bequemer, als wenn man sie nicht unter der Fiktion des Ich betrachten würde. Und so lebt man eigentlich von lauter Fiktionen. Es gibt nicht eine Philosophie der Wirklichkeit, sondern eine «Philosophie des Als Ob». Die Welt gaukelt uns vor, als ob das wäre, was wir als Fiktionen haben.

[ 12 ] Im Ganzen, in der Anlage und auch in den einzelnen Durchführungen, ist die Philosophie des Pragmatismus sehr ähnlich der «Philosophie des Als Ob». Ich sagte: In derselben Zeit, als Peirce seine pragmatische Philosophie als Abhandlung geschrieben hat, in den siebziger Jahren, hat Vaihinger die «Philosophie des Als Ob» niedergeschrieben. Aber so wie die Menschen damals waren, in den siebziger Jahren, hatten sie noch so viele Rudimente des alten Glaubens, daß es doch noch ein objektives Kriterium der Wahrheit geben könnte, und daß die Wissenschaften nicht bloß aus Fiktionen bestehen könnten, daß es eine mißliche Sache gewesen wäre, diese «Philosophie des Als Ob» just in den siebziger Jahren zu veröffentlichen, wenn man Professor hat werden wollen. Dazumal ging es noch nicht. Da hat denn Vaihinger einen Ausweg gesucht. Er hat zunächst die «Philosophie des Als Ob» im Schreibtisch liegenlassen, hat so, wie es heute notwendig ist, nicht wahr, gelehrt, und als die Zeit herangekommen war, wo er sich pensionieren lassen konnte, da hat er sich pensionieren lassen und die «Philosophie des Als Ob» veröffentlicht, die jetzt schon in mehreren Auflagen erschienen ist. — Ich erzähle nur; ich richte nicht, urteile nicht, kritisiere nicht, erzähle nur.

[ 12 ] Im Ganzen, in der Anlage und auch in den einzelnen Durchführungen, ist die Philosophie des Pragmatismus sehr ähnlich der «Philosophie des Als Ob». Ich sagte: In derselben Zeit, als Peirce seine pragmatische Philosophie als Abhandlung geschrieben hat, in den siebziger Jahren, hat Vaihinger die «Philosophie des Als Ob» niedergeschrieben. Aber so wie die Menschen damals waren, in den siebziger Jahren, hatten sie noch so viele Rudimente des alten Glaubens, daß es doch noch ein objektives Kriterium der Wahrheit geben könnte, und daß die Wissenschaften nicht bloß aus Fiktionen bestehen könnten, daß es eine mißliche Sache gewesen wäre, diese «Philosophie des Als Ob» just in den siebziger Jahren zu veröffentlichen, wenn man Professor hat werden wollen. Dazumal ging es noch nicht. Da hat denn Vaihinger einen Ausweg gesucht. Er hat zunächst die «Philosophie des Als Ob» im Schreibtisch liegenlassen, hat so, wie es heute notwendig ist, nicht wahr, gelehrt, und als die Zeit herangekommen war, wo er sich pensionieren lassen konnte, da hat er sich pensionieren lassen und die «Philosophie des Als Ob» veröffentlicht, die jetzt schon in mehreren Auflagen erschienen ist. — Ich erzähle nur; ich richte nicht, urteile nicht, kritisiere nicht, erzähle nur.

[ 13 ] So sehen wir, wie eine gewisse Tendenz besteht, die alten Wahrheitskriterien aufzulösen und im Grunde genommen nicht das Leben in den Dienst der Wahrheit zu stellen, das Leben zu einer Ausgestaltung der Wahrheit zu machen, wie man früher geglaubt hat, sondern die Wahrheit am Leben zu messen. Fiktionen — von ihnen weiß man, daß sie nicht im alten Sinne das enthalten, was Wahrheit genannt wurde; aber zweckmäßig sind diese Fiktionen. Daher die eigentümlichen Definitionen der «Philosophie des Als Ob»: Wahrheit ist die bequemste Art des Irrtums, denn es gibt überhaupt nur Irrtum; aber es gibt unbequeme Irrtümer und bequemere Irrtümer, und die bequemeren Irrtümer nennen wir Wahrheiten; aber darüber muß man sich nur einmal klar sein.

[ 13 ] So sehen wir, wie eine gewisse Tendenz besteht, die alten Wahrheitskriterien aufzulösen und im Grunde genommen nicht das Leben in den Dienst der Wahrheit zu stellen, das Leben zu einer Ausgestaltung der Wahrheit zu machen, wie man früher geglaubt hat, sondern die Wahrheit am Leben zu messen. Fiktionen — von ihnen weiß man, daß sie nicht im alten Sinne das enthalten, was Wahrheit genannt wurde; aber zweckmäßig sind diese Fiktionen. Daher die eigentümlichen Definitionen der «Philosophie des Als Ob»: Wahrheit ist die bequemste Art des Irrtums, denn es gibt überhaupt nur Irrtum; aber es gibt unbequeme Irrtümer und bequemere Irrtümer, und die bequemeren Irrtümer nennen wir Wahrheiten; aber darüber muß man sich nur einmal klar sein.

[ 14 ] Es gibt also einen Evolutionsimpuls in dem neueren Denken, der wirklich dahin führt, ein Erfassen des Wahrheitsbegriffes im alten erkenntnistheoretischen Sinne nicht mehr zu haben. Man frägt sich: Womit hängt das zusammen? Natürlich müßte ich Ihnen viel erzählen, wenn ich Ihnen den ganzen Umfang dessen schildern sollte, womit dies zusammenhängt. Aus der Fülle der Tatsachen sei nur die eine zunächst hervorgehoben, daß ja in der neueren Zeit eine unendliche Fülle von empirischem Erkenntnismaterial sich dem Menschen dargeboten hat, und daß die Menschen immer ohnmächtiger wurden in ihrem Denken, ohnmächtig, weil sie nicht mehr beherrschen konnten, zusammenhalten konnten mit dem Denken das unendlich reiche Material empirischer Wahrnehmungen, empirischer Erkenntnisse.

[ 14 ] Es gibt also einen Evolutionsimpuls in dem neueren Denken, der wirklich dahin führt, ein Erfassen des Wahrheitsbegriffes im alten erkenntnistheoretischen Sinne nicht mehr zu haben. Man frägt sich: Womit hängt das zusammen? Natürlich müßte ich Ihnen viel erzählen, wenn ich Ihnen den ganzen Umfang dessen schildern sollte, womit dies zusammenhängt. Aus der Fülle der Tatsachen sei nur die eine zunächst hervorgehoben, daß ja in der neueren Zeit eine unendliche Fülle von empirischem Erkenntnismaterial sich dem Menschen dargeboten hat, und daß die Menschen immer ohnmächtiger wurden in ihrem Denken, ohnmächtig, weil sie nicht mehr beherrschen konnten, zusammenhalten konnten mit dem Denken das unendlich reiche Material empirischer Wahrnehmungen, empirischer Erkenntnisse.

[ 15 ] Ein anderer Grund ist dann der, daß man im Laufe der Zeit sich viel zu sehr an das abstrakte Denken gewöhnt hat. In älteren Zeiten hatte man noch nicht so viel gedacht. Man versuchte, sich mit dem Denken an die Außenwelt, an die Erfahrung zu halten. Man hatte das Gefühl, daß man gewissermaßen mit dem ganz abgezogenen Denken nicht vorwärtskommt, daß dieses Denken sich an etwas halten müsse. Nun hatte man aber an dem vielen Denken, das man gepflogen hat, das abstrakte Denken gelernt und das abstrakte Denken gewissermaßen lieb gewonnen, sich daran gewöhnt. Und dazu kamen manche Schäden der Zeit, vor allen Dingen die Anschauung, daß eigentlich jeder irgend etwas Erhebliches denken oder erforschen müsse, der Privatdozent werden will, und schon etwas ganz Ungeheures, wenn er Professor werden will! Und so entstand, möchte ich sagen, eine gewisse Hypertrophie des Denkens. Man dachte darauf los und kam zu Denkgebilden, die als Denkgebilde innerlich logisch sind. Ich will Ihnen ein solches Denkgebilde vorführen, das innerlich ganz logisch ist.

[ 15 ] Ein anderer Grund ist dann der, daß man im Laufe der Zeit sich viel zu sehr an das abstrakte Denken gewöhnt hat. In älteren Zeiten hatte man noch nicht so viel gedacht. Man versuchte, sich mit dem Denken an die Außenwelt, an die Erfahrung zu halten. Man hatte das Gefühl, daß man gewissermaßen mit dem ganz abgezogenen Denken nicht vorwärtskommt, daß dieses Denken sich an etwas halten müsse. Nun hatte man aber an dem vielen Denken, das man gepflogen hat, das abstrakte Denken gelernt und das abstrakte Denken gewissermaßen lieb gewonnen, sich daran gewöhnt. Und dazu kamen manche Schäden der Zeit, vor allen Dingen die Anschauung, daß eigentlich jeder irgend etwas Erhebliches denken oder erforschen müsse, der Privatdozent werden will, und schon etwas ganz Ungeheures, wenn er Professor werden will! Und so entstand, möchte ich sagen, eine gewisse Hypertrophie des Denkens. Man dachte darauf los und kam zu Denkgebilden, die als Denkgebilde innerlich logisch sind. Ich will Ihnen ein solches Denkgebilde vorführen, das innerlich ganz logisch ist.

[ 16 ] Denken Sie sich einmal (siehe Zeichnung): Hier wäre ein Berg; auf diesem Berge (A) wird zunächst ein Schuß abgegeben, nach einer gewissen Zeit, sagen wir nach zwei Minuten, zwei Schüsse, wieder nach einer gewissen Zeit, nach weiteren zwei Minuten — drei Schüsse.

[ 16 ] Denken Sie sich einmal (siehe Zeichnung): Hier wäre ein Berg; auf diesem Berge (A) wird zunächst ein Schuß abgegeben, nach einer gewissen Zeit, sagen wir nach zwei Minuten, zwei Schüsse, wieder nach einer gewissen Zeit, nach weiteren zwei Minuten — drei Schüsse.

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[ 17 ] Nun steht da einer rechts (B), der hört zu. Ich will nicht sagen, daß er erschossen wird, aber er hört zu. So wird er hören: einen Schuß, nach einer gewissen Zeit zwei Schüsse, nach einer gewissen Zeit drei Schüsse. Nun aber nehmen wir an, die Sache sei nicht so, daß man hier einfach schieße, ein Schuß, zwei Schüsse, drei Schüsse, und hier einer hört: ein Schuß, zwei Schüsse, drei Schüsse, sondern mit einer gewissen Schnelligkeit bewege sich ein Mensch (C) von diesem Berg (links) nach diesem Berg (rechts), fliege da hinaus, bewege sich mit einer gewissen Schnelligkeit von dem einen Berg zum anderen seine Schnelligkeit sei sehr groß. Nun wissen Sie ja aus der elementaren Physik, daß der Schall eine gewisse Zeit braucht, um von hier hierher zu kommen. Wenn also hier (A) geschossen wird, und der (B) hört hier zu, so hört er den Schall; nach einer gewissen Zeit kommt der erste Schuß an, nach den nächsten zwei Minuten zwei Schüsse, nach weiteren zwei Minuten drei Schüsse. Aber nehmen wir an, der Mensch (C) bewege sich schneller als der Schall. Nun steht er da. Er bewegt sich schon von hier aus gegen den Berg zu schneller als der Schall. Der erste Schuß wird abgegeben, die zwei zweiten Schüsse werden abgegeben, die drei dritten Schüsse werden abgegeben, und er kommt eben, nachdem die drei dritten Schüsse abgegeben worden sind, am Berge an, fliegt weiter mit derselben Geschwindigkeit, überfliegt die drei Schüsse, das heißt den Schall überfliegt er, während er rasch weiterfliegt; er geht schneller. Der Schall der drei Schüsse ist nach einer gewissen Zeit hierher (D) gekommen. Er fliegt nach den drei Schüssen, hört die drei im Vorbeifliegen; da kommt er nach den zwei Schüssen, die vorher abgegangen sind, im Schalle, da hört er die zwei Schüsse; dann fliegt er weiter, da kommt er nach dem ersten Schusse, da hört er den ersten Schuß. Ein solcher also, der schneller fliegt als der Schall, hört umgekehrt: drei Schüsse, zwei Schüsse, einen Schuß. Also, wenn man sich zu der Geschwindigkeit des Schalles so verhält, wie ein ordinärer Mensch auf der ordinären Erde sich nach den gewöhnlichen Bedingungen des Lebens verhält, so hört man hier einen Schuß, hier zwei Schüsse, hier drei Schüsse. Wenn man sich nicht verhält wie ein ordinärer Mensch auf der ordinären Erde, sondern wenn man ein Wesen ist, welches schneller fliegt als der Schall, so hört man die Sache umgekehrt: drei Schüsse, zwei Schüsse, einen Schuß. Man braucht nur die kleine Kunstfertigkeit zu üben, dem Schall nachzufliegen und schneller vorwärtszufliegen als er selber.

[ 17 ] Nun steht da einer rechts (B), der hört zu. Ich will nicht sagen, daß er erschossen wird, aber er hört zu. So wird er hören: einen Schuß, nach einer gewissen Zeit zwei Schüsse, nach einer gewissen Zeit drei Schüsse. Nun aber nehmen wir an, die Sache sei nicht so, daß man hier einfach schieße, ein Schuß, zwei Schüsse, drei Schüsse, und hier einer hört: ein Schuß, zwei Schüsse, drei Schüsse, sondern mit einer gewissen Schnelligkeit bewege sich ein Mensch (C) von diesem Berg (links) nach diesem Berg (rechts), fliege da hinaus, bewege sich mit einer gewissen Schnelligkeit von dem einen Berg zum anderen seine Schnelligkeit sei sehr groß. Nun wissen Sie ja aus der elementaren Physik, daß der Schall eine gewisse Zeit braucht, um von hier hierher zu kommen. Wenn also hier (A) geschossen wird, und der (B) hört hier zu, so hört er den Schall; nach einer gewissen Zeit kommt der erste Schuß an, nach den nächsten zwei Minuten zwei Schüsse, nach weiteren zwei Minuten drei Schüsse. Aber nehmen wir an, der Mensch (C) bewege sich schneller als der Schall. Nun steht er da. Er bewegt sich schon von hier aus gegen den Berg zu schneller als der Schall. Der erste Schuß wird abgegeben, die zwei zweiten Schüsse werden abgegeben, die drei dritten Schüsse werden abgegeben, und er kommt eben, nachdem die drei dritten Schüsse abgegeben worden sind, am Berge an, fliegt weiter mit derselben Geschwindigkeit, überfliegt die drei Schüsse, das heißt den Schall überfliegt er, während er rasch weiterfliegt; er geht schneller. Der Schall der drei Schüsse ist nach einer gewissen Zeit hierher (D) gekommen. Er fliegt nach den drei Schüssen, hört die drei im Vorbeifliegen; da kommt er nach den zwei Schüssen, die vorher abgegangen sind, im Schalle, da hört er die zwei Schüsse; dann fliegt er weiter, da kommt er nach dem ersten Schusse, da hört er den ersten Schuß. Ein solcher also, der schneller fliegt als der Schall, hört umgekehrt: drei Schüsse, zwei Schüsse, einen Schuß. Also, wenn man sich zu der Geschwindigkeit des Schalles so verhält, wie ein ordinärer Mensch auf der ordinären Erde sich nach den gewöhnlichen Bedingungen des Lebens verhält, so hört man hier einen Schuß, hier zwei Schüsse, hier drei Schüsse. Wenn man sich nicht verhält wie ein ordinärer Mensch auf der ordinären Erde, sondern wenn man ein Wesen ist, welches schneller fliegt als der Schall, so hört man die Sache umgekehrt: drei Schüsse, zwei Schüsse, einen Schuß. Man braucht nur die kleine Kunstfertigkeit zu üben, dem Schall nachzufliegen und schneller vorwärtszufliegen als er selber.

[ 18 ] Nun, diese Sache ist zweifellos so logisch wie nur irgend möglich, denn es ist gegen die Logik der Sache nicht das Allergeringste einzuwenden. Gewisse Vorkommnisse der neueren Wissenschaft haben nun dazu geführt, daß das, was ich Ihnen eben hier ausgeführt habe über dieses Dem-Schalle-Nachfliegen und Umgekehrt-Hören, die Einleitung zu unzähligen Vorträgen bildet. Immer wieder und wiederum beginnt man Vorträge, welche gehalten werden, mit diesem — nun, sagen wir, Beispiele. Denn es soll dadurch gezeigt werden, daß, wie man die Dinge wahrnimmt, eigentlich nur davon abhängt, in welcher Lage des Lebens man selber ist. Es kommt nur durch unsere kriechende Art im Verhältnis zum Schall, daß wir nicht umgekehrt hören, sondern daß wir so hören, wie wir jetzt hören. Ich kann nicht alles, was sich daran schließt, hier ausführen, aber ich wollte Ihnen diesen Gedankengang vorführen, denn er bildet gewissermaßen für viele eine Grundlage einer heute weitverbreiteten, tief eingreifenden Theorie, der sogenannten Relativitätstheorie.

[ 18 ] Nun, diese Sache ist zweifellos so logisch wie nur irgend möglich, denn es ist gegen die Logik der Sache nicht das Allergeringste einzuwenden. Gewisse Vorkommnisse der neueren Wissenschaft haben nun dazu geführt, daß das, was ich Ihnen eben hier ausgeführt habe über dieses Dem-Schalle-Nachfliegen und Umgekehrt-Hören, die Einleitung zu unzähligen Vorträgen bildet. Immer wieder und wiederum beginnt man Vorträge, welche gehalten werden, mit diesem — nun, sagen wir, Beispiele. Denn es soll dadurch gezeigt werden, daß, wie man die Dinge wahrnimmt, eigentlich nur davon abhängt, in welcher Lage des Lebens man selber ist. Es kommt nur durch unsere kriechende Art im Verhältnis zum Schall, daß wir nicht umgekehrt hören, sondern daß wir so hören, wie wir jetzt hören. Ich kann nicht alles, was sich daran schließt, hier ausführen, aber ich wollte Ihnen diesen Gedankengang vorführen, denn er bildet gewissermaßen für viele eine Grundlage einer heute weitverbreiteten, tief eingreifenden Theorie, der sogenannten Relativitätstheorie.

[ 19 ] Ich habe Ihnen nur das Allerplumpste vorgeführt. Sie sehen aber, daß an dem, was da vorgeführt wird, alles logisch ist, alles ganz, ganz logisch ist. Nun gibt es heute unzählige Urteile — es wimmelt gerade in der philosophischen Literatur von Urteilen, die gefällt werden auf dieselben Gedankenvoraussetzungen hin. Das Denken ist sozusagen losgerissen von der Wirklichkeit. Man denkt nur gewisse einzelne Bedingungen der Wirklichkeit und bildet sich daran das Denken.

[ 19 ] Ich habe Ihnen nur das Allerplumpste vorgeführt. Sie sehen aber, daß an dem, was da vorgeführt wird, alles logisch ist, alles ganz, ganz logisch ist. Nun gibt es heute unzählige Urteile — es wimmelt gerade in der philosophischen Literatur von Urteilen, die gefällt werden auf dieselben Gedankenvoraussetzungen hin. Das Denken ist sozusagen losgerissen von der Wirklichkeit. Man denkt nur gewisse einzelne Bedingungen der Wirklichkeit und bildet sich daran das Denken.

[ 20 ] Etwas zu erwidern auf diese Dinge ist ja aus dem Grunde schwer möglich, weil man natürlich eine logische Erwiderung erwartet. Aber eine logische Erwiderung kann es nicht geben. Aus diesem Grunde eben habe ich in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» auf Grundlage älterer Denk-Erwägungen eingeführt den Begriff, daß eine Wahrheit erst dadurch erfaßt wird, daß man nicht nur einen logischen Begriff, eine logische Idee bildet, sondern einen wirklichkeitsgemäßen Begriff, eine wirklichkeitsgemäße Idee. Nun würde es sehr weite Ausführungen erfordern, wenn ich Ihnen zeigen würde, daß die ganze Relativitätstheorie zwar logisch ist, und zwar wunderbar logisch aber wirklichkeitsgemäß ist sie nicht. So daß man sagen kann: Der Begriff, der hier entwickelt ist in bezug auf die eins, zwei, drei Schüsse ist ganz logisch; aber derjenige, der wirklichkeitsgemäß denkt, bildet ihn nicht. Man kann ihn nicht widerlegen, sondern man kann ihn nur unterlassen! Wer sich aber angeeignet hat das Kriterium des Wirklichkeitsgemäßen, der unterläßt auch solche Begriffe. Die empirischen Erscheinungen, die man durch diese Relativitätstheorie zu fassen sucht — Lorentz, Einstein und so weiter —, sie müssen in ganz anderer Weise gefaßt werden als durch die Gedankenreihe, welche durch die Einstein, Lorentz und so weiter gedacht wird.

[ 20 ] Etwas zu erwidern auf diese Dinge ist ja aus dem Grunde schwer möglich, weil man natürlich eine logische Erwiderung erwartet. Aber eine logische Erwiderung kann es nicht geben. Aus diesem Grunde eben habe ich in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» auf Grundlage älterer Denk-Erwägungen eingeführt den Begriff, daß eine Wahrheit erst dadurch erfaßt wird, daß man nicht nur einen logischen Begriff, eine logische Idee bildet, sondern einen wirklichkeitsgemäßen Begriff, eine wirklichkeitsgemäße Idee. Nun würde es sehr weite Ausführungen erfordern, wenn ich Ihnen zeigen würde, daß die ganze Relativitätstheorie zwar logisch ist, und zwar wunderbar logisch aber wirklichkeitsgemäß ist sie nicht. So daß man sagen kann: Der Begriff, der hier entwickelt ist in bezug auf die eins, zwei, drei Schüsse ist ganz logisch; aber derjenige, der wirklichkeitsgemäß denkt, bildet ihn nicht. Man kann ihn nicht widerlegen, sondern man kann ihn nur unterlassen! Wer sich aber angeeignet hat das Kriterium des Wirklichkeitsgemäßen, der unterläßt auch solche Begriffe. Die empirischen Erscheinungen, die man durch diese Relativitätstheorie zu fassen sucht — Lorentz, Einstein und so weiter —, sie müssen in ganz anderer Weise gefaßt werden als durch die Gedankenreihe, welche durch die Einstein, Lorentz und so weiter gedacht wird.

[ 21 ] Dies, was ich Ihnen hier ausgeführt habe, ist wiederum nur eine Strömung in dem ganzen sich vorwärtsbewegenden Strom neuzeitlichen Denkens. Gewiß, es mischt sich immer in dieses neuzeitliche Denken etwas hinein von früher her Gebliebenem. Aber letzte Konsequenzen, radikale Konsequenzen dessen, was fast allem neuzeitlichen Denken zugrunde liegt, sind schon die Dinge, die ich ausgeführt habe. Nun liegt eine gewisse Merkwürdigkeit vor. Weil man verloren hat ein ursprüngliches Kriterium, oder sagen wir ein Gefühl für ein ursprüngliches Kriterium des Wahren und Falschen, so kommt man durch die Emanzipation im Abstrakten dazu, Begriffe auszubilden, welche zwar an sich unanfechtbar sind, weil sie logisch sind, die sogar in einem gewissen Sinne wirklichkeitsgemäß sind, aber die ungeeignet sind, über die Wirklichkeit etwas Wirkliches auszusagen, die doch nur formale Begriffe bleiben, gewissermaßen Begriffe, die an der Oberfläche der Wirklichkeit schwimmen und nicht untertauchen in die eigentlichen Impulse der Wirklichkeit.

[ 21 ] Dies, was ich Ihnen hier ausgeführt habe, ist wiederum nur eine Strömung in dem ganzen sich vorwärtsbewegenden Strom neuzeitlichen Denkens. Gewiß, es mischt sich immer in dieses neuzeitliche Denken etwas hinein von früher her Gebliebenem. Aber letzte Konsequenzen, radikale Konsequenzen dessen, was fast allem neuzeitlichen Denken zugrunde liegt, sind schon die Dinge, die ich ausgeführt habe. Nun liegt eine gewisse Merkwürdigkeit vor. Weil man verloren hat ein ursprüngliches Kriterium, oder sagen wir ein Gefühl für ein ursprüngliches Kriterium des Wahren und Falschen, so kommt man durch die Emanzipation im Abstrakten dazu, Begriffe auszubilden, welche zwar an sich unanfechtbar sind, weil sie logisch sind, die sogar in einem gewissen Sinne wirklichkeitsgemäß sind, aber die ungeeignet sind, über die Wirklichkeit etwas Wirkliches auszusagen, die doch nur formale Begriffe bleiben, gewissermaßen Begriffe, die an der Oberfläche der Wirklichkeit schwimmen und nicht untertauchen in die eigentlichen Impulse der Wirklichkeit.

[ 22 ] Ein Beispiel für eine an der Oberfläche bleibende Theorie, die nicht untertauchen will in die Wirklichkeit, ist folgendes. Denken Sie: In der menschlichen Wirklichkeit unterscheidet man das Mineralreich, das Pflanzenreich, Tierreich, Menschenreich. Die Menschen leben wieder zusammen in der sozialen Ordnung, man könnte sagen in der soziologischen Ordnung, und man könnte vielleicht noch höhere Ordnungen finden. Das kommt nicht darauf an. Als nun so in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein materialistischer Wirklichkeitsbegriff existierte, da stellte man sich diese Übereinanderlagerung gleichsam sehr einfach vor. Man nahm im Grunde genommen eigentlich nur das physische Mineralreich an und sagte sich: Nun, die Pflanzen sind nur etwas komplizierter angeordnete Dinge aus denselben Grundbestandteilen, aus denen das Mineralreich besteht; wieder komplizierter sind die Grundbestandteile im Tierreich angeordnet; wieder komplizierter im Menschenreich und so weiter hinauf. Allerdings, als es da weiter hinaufging, in die soziale Ordnung, da wollten sich zum Beispiel auch komplizierte Atombewegungen nicht mehr finden lassen. Dem Mineralreich entsprechen gewisse Bewegungsformen der Atome so stellten es sich ja gewisse Leute vor —, die werden komplizierter im Pflanzenreich, da kann man verzichten, man sieht da das Atom nicht; das Tierreich entspricht noch komplizierteren Bewegungsformen, und noch komplizierteren das Menschenreich. So wird alles aufgebaut. Allerdings, wenn man da in die soziale Ordnung hineinkommt, da will es nicht so recht mit dem Atom gehen, da kann man keine Atombewegungen finden.

[ 22 ] Ein Beispiel für eine an der Oberfläche bleibende Theorie, die nicht untertauchen will in die Wirklichkeit, ist folgendes. Denken Sie: In der menschlichen Wirklichkeit unterscheidet man das Mineralreich, das Pflanzenreich, Tierreich, Menschenreich. Die Menschen leben wieder zusammen in der sozialen Ordnung, man könnte sagen in der soziologischen Ordnung, und man könnte vielleicht noch höhere Ordnungen finden. Das kommt nicht darauf an. Als nun so in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein materialistischer Wirklichkeitsbegriff existierte, da stellte man sich diese Übereinanderlagerung gleichsam sehr einfach vor. Man nahm im Grunde genommen eigentlich nur das physische Mineralreich an und sagte sich: Nun, die Pflanzen sind nur etwas komplizierter angeordnete Dinge aus denselben Grundbestandteilen, aus denen das Mineralreich besteht; wieder komplizierter sind die Grundbestandteile im Tierreich angeordnet; wieder komplizierter im Menschenreich und so weiter hinauf. Allerdings, als es da weiter hinaufging, in die soziale Ordnung, da wollten sich zum Beispiel auch komplizierte Atombewegungen nicht mehr finden lassen. Dem Mineralreich entsprechen gewisse Bewegungsformen der Atome so stellten es sich ja gewisse Leute vor —, die werden komplizierter im Pflanzenreich, da kann man verzichten, man sieht da das Atom nicht; das Tierreich entspricht noch komplizierteren Bewegungsformen, und noch komplizierteren das Menschenreich. So wird alles aufgebaut. Allerdings, wenn man da in die soziale Ordnung hineinkommt, da will es nicht so recht mit dem Atom gehen, da kann man keine Atombewegungen finden.

[ 23 ] Ein Denker aus dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hat ja allerdings das Kunststück fertiggebracht, auch die Soziologie auf biologische Begriffe zurückzuführen. Er hat soziale Gebilde, Familien, wie Zellen behandelt, dann, nicht wahr, gruppieren sie sich zu größeren — was weiß ich — Bezirksgemeinschaften, nun, das sind Anfänge von Geweben. Dann geht es weiter — Staaten sind schon ganze Organe — na, und so weiter. Schäffle hieß der Betreffende, der diese sozialen Organismen als Gedanken gestaltet hat. Schäffle schrieb dann ein Buch: «Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie» und stützte das auch auf diese biologisch-soziologische Theorie. Der Wiener Schriftsteller Hermann Bahr, der dazumal noch ein sehr junger Dachs war, aber ein ganz begabter Mensch, schrieb eine Gegenschrift gegen das Buch von Schäffle «Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie» und nannte damals seine Gegenschrift: «Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle.» Es ist ein ausgezeichnet geschriebenes Buch, das aber vergessen worden ist.

[ 23 ] Ein Denker aus dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hat ja allerdings das Kunststück fertiggebracht, auch die Soziologie auf biologische Begriffe zurückzuführen. Er hat soziale Gebilde, Familien, wie Zellen behandelt, dann, nicht wahr, gruppieren sie sich zu größeren — was weiß ich — Bezirksgemeinschaften, nun, das sind Anfänge von Geweben. Dann geht es weiter — Staaten sind schon ganze Organe — na, und so weiter. Schäffle hieß der Betreffende, der diese sozialen Organismen als Gedanken gestaltet hat. Schäffle schrieb dann ein Buch: «Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie» und stützte das auch auf diese biologisch-soziologische Theorie. Der Wiener Schriftsteller Hermann Bahr, der dazumal noch ein sehr junger Dachs war, aber ein ganz begabter Mensch, schrieb eine Gegenschrift gegen das Buch von Schäffle «Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie» und nannte damals seine Gegenschrift: «Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle.» Es ist ein ausgezeichnet geschriebenes Buch, das aber vergessen worden ist.

[ 24 ] Also, wie gesagt, der alte materialistische Wahrheitsbegriff hat da nur immer kompliziertere Gebilde sich gedacht, hat ja natürlich auch gewisse Begriffe eingeführt, sagen wir: In den Kristallen bewegen sich die Atome in einer gewissen starren, im Pflanzenreich in einer labileren, den Gleichgewichtspunkt suchenden Form und so weiter. Kurz, man hat die verschiedensten Theorien ausgedacht, aber man wollte immer so eins aus dem anderen hervorgehen lassen. Als der Materialismus lang genug bestanden hatte, da konnte man auch darüber nachdenken, wie wenig fruchtbar und wie wenig eigentlich der genaueren Prüfung standhaltend diese materialistische Wirklichkeitsidee ist. Und so konnte man sich die Idee bilden: Nun gewiß, das mineralische Reich ist da, dann tritt das Pflanzenreich auf. In der Pflanze ist der mineralische Stoff eingegliedert, sogar die mineralischen Gesetze; die Salze, die drinnen sind, die anderen Stoffe, funktionieren nach ihren physiologisch-chemischen Gesetzen. Also in dem Pflanzenreich ist das mineralischeReich drinnen. Aber niemals kann aus dem mineralischen Reich heraus das Pflanzenreich entstehen. Es muß etwas Schöpferisches dazukommen. Indem man also heraufsteigt aus dem Mineralreich ins Pflanzenreich, kommt etwas Schöpferisches dazu, und dieses — das erste Schöpferische — ist schöpferisch im Mineralreich. Dann kommt ein zweites Schöpferisches im Pflanzenreich, das sich das mineralische Reich aneignet. Dann kommt ein drittes Schöpferisches, aus dem das Tierreich hervorgeht. Das Tierische eignet sich wiederum die unteren Reiche an. Dann kommt ein viertes Schöpferisches, es eignet sich die unteren Reiche an — im Menschenreich. Dann, in der soziologischen Ordnung, ein neues Schöpferisches eignet sich wieder die anderen Reiche an. Eine Hierarchie von Schöpferischem! — Es läßt sich natürlich nichts einwenden gegen die Logik dieses Gedankens. Der Gedanke ist auch richtig als Gedanke. Sie werden allerdings über die Sache anders denken müssen, wenn Sie sich an geisteswissenschaftliche Begriffe, von denen wir heute nicht reden wollen, erinnern. Aber es bleibt die ganze Betrachtung im Abstrakten stecken; es kommt nicht in ein konkretes Vorstellen hinein. Gewiß, es werden Einzelheiten beigebracht; aber wenn man so denkt, so hat man doch eigentlich nur den abstrakten Begriff des Schöpferischen. Es bleibt doch das ganze Denken in Abstraktionen stecken. Aber es ist ein Versuch, den bloßen Materialismus gewissermaßen durch einen Formalismus eines klaren Denkens zu überwinden. Man kommt zu etwas höheren, aber doch nur zu abstrakten Begriffen.

[ 24 ] Also, wie gesagt, der alte materialistische Wahrheitsbegriff hat da nur immer kompliziertere Gebilde sich gedacht, hat ja natürlich auch gewisse Begriffe eingeführt, sagen wir: In den Kristallen bewegen sich die Atome in einer gewissen starren, im Pflanzenreich in einer labileren, den Gleichgewichtspunkt suchenden Form und so weiter. Kurz, man hat die verschiedensten Theorien ausgedacht, aber man wollte immer so eins aus dem anderen hervorgehen lassen. Als der Materialismus lang genug bestanden hatte, da konnte man auch darüber nachdenken, wie wenig fruchtbar und wie wenig eigentlich der genaueren Prüfung standhaltend diese materialistische Wirklichkeitsidee ist. Und so konnte man sich die Idee bilden: Nun gewiß, das mineralische Reich ist da, dann tritt das Pflanzenreich auf. In der Pflanze ist der mineralische Stoff eingegliedert, sogar die mineralischen Gesetze; die Salze, die drinnen sind, die anderen Stoffe, funktionieren nach ihren physiologisch-chemischen Gesetzen. Also in dem Pflanzenreich ist das mineralischeReich drinnen. Aber niemals kann aus dem mineralischen Reich heraus das Pflanzenreich entstehen. Es muß etwas Schöpferisches dazukommen. Indem man also heraufsteigt aus dem Mineralreich ins Pflanzenreich, kommt etwas Schöpferisches dazu, und dieses — das erste Schöpferische — ist schöpferisch im Mineralreich. Dann kommt ein zweites Schöpferisches im Pflanzenreich, das sich das mineralische Reich aneignet. Dann kommt ein drittes Schöpferisches, aus dem das Tierreich hervorgeht. Das Tierische eignet sich wiederum die unteren Reiche an. Dann kommt ein viertes Schöpferisches, es eignet sich die unteren Reiche an — im Menschenreich. Dann, in der soziologischen Ordnung, ein neues Schöpferisches eignet sich wieder die anderen Reiche an. Eine Hierarchie von Schöpferischem! — Es läßt sich natürlich nichts einwenden gegen die Logik dieses Gedankens. Der Gedanke ist auch richtig als Gedanke. Sie werden allerdings über die Sache anders denken müssen, wenn Sie sich an geisteswissenschaftliche Begriffe, von denen wir heute nicht reden wollen, erinnern. Aber es bleibt die ganze Betrachtung im Abstrakten stecken; es kommt nicht in ein konkretes Vorstellen hinein. Gewiß, es werden Einzelheiten beigebracht; aber wenn man so denkt, so hat man doch eigentlich nur den abstrakten Begriff des Schöpferischen. Es bleibt doch das ganze Denken in Abstraktionen stecken. Aber es ist ein Versuch, den bloßen Materialismus gewissermaßen durch einen Formalismus eines klaren Denkens zu überwinden. Man kommt zu etwas höheren, aber doch nur zu abstrakten Begriffen.

[ 25 ] In Boutroux’ Philosophie haben wir den Versuch, den bloßen Materialismus zu überwinden aus dem formalen Denken, das sich ergibt durch eine unbefangene Betrachtung der Hierarchie der Naturreiche. Sozusagen aus der Hierarchie der Wissenschaften heraus wird dieser Begriff des aufsteigenden Schöpferischen gesucht. Dabei kommen interessante Folgerungen zutage. Aber es bleibt alles im Abstrakten stekken. Das ließe sich leicht beweisen, wenn wir in die Einzelheiten der Boutrouxschen Philosophie eingehen. Ich will nur die Gedankenrichtungen zunächst einmal darstellen; das andere mag später einmal kommen. Hier haben wir den Versuch, gewissermaßen durch eine oberflächliche Betrachtung der Wirklichkeit mit einseitigen Abstraktionen die Wirklichkeit zu erfassen. Aber man kann sie nicht erfassen. Man will zwar nicht eine bloße «Philosophie des Als Ob», nicht einen bloßen Pragmatismus begründen, nicht bei dem wesenlosen Nebeneinanderstellen von Vorkommnissen stehenbleiben, aber man kommt nicht zu einer solchen Konkretisierung, daß man wirklich gewissermaßen lesen würde die Außenwelt, um das, was hinter ihr ist, zu erkennen, wie man aus den Buchstaben eines Buches das, was hinter den Buchstaben steht, erkennt, sondern man kommt nur zu einigen Abstraktionen, die angeben sollen, daß da etwas lebt in der Hierarchie der Wirklichkeitsreiche. Während den anderen philosophischen Gedankenrichtungen, die ich angeführt habe, verlorenging erkenntnistheoretisch das Wahrheitskriterium, geht hier die Kraft verloren, konkret hineinzufassen in die Wirklichkeit. Man hat nicht mehr das Vermögen, unterzutauchen in die inneren Impulse der Wirklichkeit. Man schöpft ab.

[ 25 ] In Boutroux’ Philosophie haben wir den Versuch, den bloßen Materialismus zu überwinden aus dem formalen Denken, das sich ergibt durch eine unbefangene Betrachtung der Hierarchie der Naturreiche. Sozusagen aus der Hierarchie der Wissenschaften heraus wird dieser Begriff des aufsteigenden Schöpferischen gesucht. Dabei kommen interessante Folgerungen zutage. Aber es bleibt alles im Abstrakten stekken. Das ließe sich leicht beweisen, wenn wir in die Einzelheiten der Boutrouxschen Philosophie eingehen. Ich will nur die Gedankenrichtungen zunächst einmal darstellen; das andere mag später einmal kommen. Hier haben wir den Versuch, gewissermaßen durch eine oberflächliche Betrachtung der Wirklichkeit mit einseitigen Abstraktionen die Wirklichkeit zu erfassen. Aber man kann sie nicht erfassen. Man will zwar nicht eine bloße «Philosophie des Als Ob», nicht einen bloßen Pragmatismus begründen, nicht bei dem wesenlosen Nebeneinanderstellen von Vorkommnissen stehenbleiben, aber man kommt nicht zu einer solchen Konkretisierung, daß man wirklich gewissermaßen lesen würde die Außenwelt, um das, was hinter ihr ist, zu erkennen, wie man aus den Buchstaben eines Buches das, was hinter den Buchstaben steht, erkennt, sondern man kommt nur zu einigen Abstraktionen, die angeben sollen, daß da etwas lebt in der Hierarchie der Wirklichkeitsreiche. Während den anderen philosophischen Gedankenrichtungen, die ich angeführt habe, verlorenging erkenntnistheoretisch das Wahrheitskriterium, geht hier die Kraft verloren, konkret hineinzufassen in die Wirklichkeit. Man hat nicht mehr das Vermögen, unterzutauchen in die inneren Impulse der Wirklichkeit. Man schöpft ab.

[ 26 ] Das führt uns zu einem anderen Grundzug des modernen Lebens. Dieses Denken, sagte ich, hat sich in einer gewissen Weise emanzipiert von der Wirklichkeit, verläuft emanzipiert von der Wirklichkeit in Abstraktionen. Wie man auf diese Weise verloren hat den Impuls, in die Wirklichkeit unterzutauchen, das konnten Sie an den verschiedensten Gedankenrichtungen der neueren Zeit wahrnehmen. Immer ohnmächtiger und ohnmächtiger wurde man, die wahre Gestalt der Wirklichkeit zu erfassen. Ein klassisches Beispiel ergibt sich, wenn man die Entwickelung des Denkens betrachtet von Maine de Biran bis zu Bergson. Während Biran im Beginne des neunzehnten Jahrhunderts noch eine Denkrichtung hat, welche in wichtige psychologische Begriffe untertauchen kann, in die Wirklichkeit der menschlichen Wesenheit selbst, schlägt Bergson einen eigentümlichen Weg ein, der ganz charakteristisch ist für die besondere Tendenz neuzeitlichen Denkens. Auf der einen Seite bemerkt Bergson, daß man mit dem gewöhnlichen abstrakten Denken und überhaupt mit dem ganzen wissenschaftlichen Denken, so wie es geübt wird und wie es sich ablagert in den wissenschaftlichen Ergebnissen, im Grunde genommen nicht hineinkommen kann in eine Wirklichkeit, daß man da immer nur gewissermaßen an der Oberfläche der Wirklichkeit bleibt, nicht untertaucht in das unmittelbare Leben der Wirklichkeit. Daher will er in einer Art von Intuition — ich kann jetzt nur ganz in allgemeinen Zügen charakterisieren —,in einem inneren Erleben gegenüber dem äußeren Pläneentwerfen der Wirklichkeit, diese Wirklichkeit erfassen. Und da kommt er zu einer eigentümlichen Anschauung in erkenntnistheoretischer und psychologischer Beziehung. Die gipfelt dann — ich will jetzt die Zwischenglieder auslassen — darinnen, daß er sagt, man glaube nach materialistischer Anschauung, daß Gedächtnis und höhere Gebilde des Seelenlebens an komplizierte Formen oder Bewegungen, Gebilde des Gehirnes gebunden seien. Aber das Gehirn sei überhaupt gar nicht dazu da, solche komplizierten Gebilde zu gestalten, sondern das, was Seelisches ist und was nicht durch abstraktes Denken, sondern durch innerliches Erleben, durch Intuition zu erfassen ist, das wirkt, und die Beziehungen, die es eingeht zur Wirklichkeit, die drücken sich aus in den menschlichen Sensationen, in den Empfindungen und in der praktischen Lebensgestaltung, in der Bewegung, die wir etwa unserem Körper beibringen. Aber alles erschöpft sich in den Gehirnbildungen, in dem, was Wirkung in der Empfindung und Wirkung in der Lebensförderung, in der Lebensausgestaltung ist. Dagegen käme zum Beispiel das Gedächtnis nicht so zustande, daß dafür Gehirngebilde da seien, sondern das wirke in einer Intensität unabhängig vom Gehirne.

[ 26 ] Das führt uns zu einem anderen Grundzug des modernen Lebens. Dieses Denken, sagte ich, hat sich in einer gewissen Weise emanzipiert von der Wirklichkeit, verläuft emanzipiert von der Wirklichkeit in Abstraktionen. Wie man auf diese Weise verloren hat den Impuls, in die Wirklichkeit unterzutauchen, das konnten Sie an den verschiedensten Gedankenrichtungen der neueren Zeit wahrnehmen. Immer ohnmächtiger und ohnmächtiger wurde man, die wahre Gestalt der Wirklichkeit zu erfassen. Ein klassisches Beispiel ergibt sich, wenn man die Entwickelung des Denkens betrachtet von Maine de Biran bis zu Bergson. Während Biran im Beginne des neunzehnten Jahrhunderts noch eine Denkrichtung hat, welche in wichtige psychologische Begriffe untertauchen kann, in die Wirklichkeit der menschlichen Wesenheit selbst, schlägt Bergson einen eigentümlichen Weg ein, der ganz charakteristisch ist für die besondere Tendenz neuzeitlichen Denkens. Auf der einen Seite bemerkt Bergson, daß man mit dem gewöhnlichen abstrakten Denken und überhaupt mit dem ganzen wissenschaftlichen Denken, so wie es geübt wird und wie es sich ablagert in den wissenschaftlichen Ergebnissen, im Grunde genommen nicht hineinkommen kann in eine Wirklichkeit, daß man da immer nur gewissermaßen an der Oberfläche der Wirklichkeit bleibt, nicht untertaucht in das unmittelbare Leben der Wirklichkeit. Daher will er in einer Art von Intuition — ich kann jetzt nur ganz in allgemeinen Zügen charakterisieren —,in einem inneren Erleben gegenüber dem äußeren Pläneentwerfen der Wirklichkeit, diese Wirklichkeit erfassen. Und da kommt er zu einer eigentümlichen Anschauung in erkenntnistheoretischer und psychologischer Beziehung. Die gipfelt dann — ich will jetzt die Zwischenglieder auslassen — darinnen, daß er sagt, man glaube nach materialistischer Anschauung, daß Gedächtnis und höhere Gebilde des Seelenlebens an komplizierte Formen oder Bewegungen, Gebilde des Gehirnes gebunden seien. Aber das Gehirn sei überhaupt gar nicht dazu da, solche komplizierten Gebilde zu gestalten, sondern das, was Seelisches ist und was nicht durch abstraktes Denken, sondern durch innerliches Erleben, durch Intuition zu erfassen ist, das wirkt, und die Beziehungen, die es eingeht zur Wirklichkeit, die drücken sich aus in den menschlichen Sensationen, in den Empfindungen und in der praktischen Lebensgestaltung, in der Bewegung, die wir etwa unserem Körper beibringen. Aber alles erschöpft sich in den Gehirnbildungen, in dem, was Wirkung in der Empfindung und Wirkung in der Lebensförderung, in der Lebensausgestaltung ist. Dagegen käme zum Beispiel das Gedächtnis nicht so zustande, daß dafür Gehirngebilde da seien, sondern das wirke in einer Intensität unabhängig vom Gehirne.

[ 27 ] Es ist ein Versuch, den materialistischen Erkenntnisbegriff zu überwinden, ein Versuch, der eigentümlich ist dadurch, daß er das Entgegengesetzte von der Wirklichkeit zutage fördert. Denn gerade, um das Gedächtnis auszubilden, muß die Widerlage des physischen Leibes und des physischen Gehirnes und des ganzen physischen Systems dasein. Es würde sich im Seelischen nie ein Gedächtnis festsetzen können, wenn nicht das Seelische sich herausentwickelte bis zum physischen Leib und im physischen Leib die Bedingungen herstellte, sich das Vermögen, die Fähigkeit des Gedächtnisses anzueignen. Also es bildet sich hier eine Theorie aus, die aus dem Trieb, den Materialismus zu überwinden, gerade auf das Umgekehrte von dem kommt, was richtig ist. Während das richtig ist, daß man sagen muß: Weil zu den Fähigkeiten, die sich die menschliche Seele erwirbt, auch das Gedächtnis kommen soll, und das Gedächtnis dann mit Hilfe des physischen Leibes angegliedert werden muß an die Seele, — wird bei Bergson gerade der physische Leib als unbeteiligt an der Entwickelung des Gedächtnisses aufgefaßt. Ich führe diese Dinge nicht aus, um Spezielles gleichsam historisch über die Bergsonsche Philosophie zu sagen, sondern nur um diese eigentümliche Erscheinung zu charakterisieren, daß ein Denken der neueren Zeit auf ganz logische Weise dahin führt, das Umgekehrte von dem zu finden, was richtig ist.

[ 27 ] Es ist ein Versuch, den materialistischen Erkenntnisbegriff zu überwinden, ein Versuch, der eigentümlich ist dadurch, daß er das Entgegengesetzte von der Wirklichkeit zutage fördert. Denn gerade, um das Gedächtnis auszubilden, muß die Widerlage des physischen Leibes und des physischen Gehirnes und des ganzen physischen Systems dasein. Es würde sich im Seelischen nie ein Gedächtnis festsetzen können, wenn nicht das Seelische sich herausentwickelte bis zum physischen Leib und im physischen Leib die Bedingungen herstellte, sich das Vermögen, die Fähigkeit des Gedächtnisses anzueignen. Also es bildet sich hier eine Theorie aus, die aus dem Trieb, den Materialismus zu überwinden, gerade auf das Umgekehrte von dem kommt, was richtig ist. Während das richtig ist, daß man sagen muß: Weil zu den Fähigkeiten, die sich die menschliche Seele erwirbt, auch das Gedächtnis kommen soll, und das Gedächtnis dann mit Hilfe des physischen Leibes angegliedert werden muß an die Seele, — wird bei Bergson gerade der physische Leib als unbeteiligt an der Entwickelung des Gedächtnisses aufgefaßt. Ich führe diese Dinge nicht aus, um Spezielles gleichsam historisch über die Bergsonsche Philosophie zu sagen, sondern nur um diese eigentümliche Erscheinung zu charakterisieren, daß ein Denken der neueren Zeit auf ganz logische Weise dahin führt, das Umgekehrte von dem zu finden, was richtig ist.

[ 28 ] So können wir ausgehen von den mehr erkenntnistheoretisch orientierten Philosophien, die reden von der Ohnmacht gegenüber einem Kriterium des Wahren und Falschen, und kommen dann zu denjenigen Philosophien, die sich zwar bemühen, das Wahre zu finden, aber weil sie es suchen aus der Ohnmacht gegenüber dem Wahren heraus, kommen sie gerade zu dem Verkehrten, zu dem, was falsch ist, so daß in der Gegenwart geradezu eine gewisse innere Tendenz des Denkens nach dem Uhrichtigen, nach dem Falschen vorhanden ist. Das hängt richtig zusammen damit, daß man sich eigentlich durch die Abstraktionsfähigkeit, die Abstraktionstendenz, an die man sich gewöhnt hat, entfremdet hat der Wirklichkeit. Man kommt los von der Wirklichkeit und findet nicht wieder in sie zurück. Das Genauere können Sie in meinen «Rätseln der Philosophie» nachlesen. Man findet nicht wieder zurück zur Wirklichkeit, wenn man sich in der Abstraktion davon getrennt hat. Aber auf der anderen Seite lebt sich in die Leute hinein wiederum eine gewisse Sehnsucht, das Geistige zu erfassen. Aber es ist noch Ohnmacht da, zu diesem Geistigen zu kommen. Da kann es oftmals geradezu signifikant, bedeutsam sein, wie man sogar sehen kann in der Gegenwart dieses Suchen nach der Wahrheit des Geistes aus der absoluten Ohnmacht heraus. Eben haben wir ein Beispiel betrachtet, wo das Wahre gesucht und das Verkehrte gefunden wird durch die Emanzipation des Denkens von der Wirklichkeit.

[ 28 ] So können wir ausgehen von den mehr erkenntnistheoretisch orientierten Philosophien, die reden von der Ohnmacht gegenüber einem Kriterium des Wahren und Falschen, und kommen dann zu denjenigen Philosophien, die sich zwar bemühen, das Wahre zu finden, aber weil sie es suchen aus der Ohnmacht gegenüber dem Wahren heraus, kommen sie gerade zu dem Verkehrten, zu dem, was falsch ist, so daß in der Gegenwart geradezu eine gewisse innere Tendenz des Denkens nach dem Uhrichtigen, nach dem Falschen vorhanden ist. Das hängt richtig zusammen damit, daß man sich eigentlich durch die Abstraktionsfähigkeit, die Abstraktionstendenz, an die man sich gewöhnt hat, entfremdet hat der Wirklichkeit. Man kommt los von der Wirklichkeit und findet nicht wieder in sie zurück. Das Genauere können Sie in meinen «Rätseln der Philosophie» nachlesen. Man findet nicht wieder zurück zur Wirklichkeit, wenn man sich in der Abstraktion davon getrennt hat. Aber auf der anderen Seite lebt sich in die Leute hinein wiederum eine gewisse Sehnsucht, das Geistige zu erfassen. Aber es ist noch Ohnmacht da, zu diesem Geistigen zu kommen. Da kann es oftmals geradezu signifikant, bedeutsam sein, wie man sogar sehen kann in der Gegenwart dieses Suchen nach der Wahrheit des Geistes aus der absoluten Ohnmacht heraus. Eben haben wir ein Beispiel betrachtet, wo das Wahre gesucht und das Verkehrte gefunden wird durch die Emanzipation des Denkens von der Wirklichkeit.

[ 29 ] Ein charakteristisches Beispiel des Suchens nach dem Geiste ohne auch nur die geringste Fähigkeit, einen einzigen Zipfel des Geistes zu erfassen, finden Sie in der Philosophie von Eucken. Eucken redet nur von dem Geist, das heißt mit Worten, aber nie sagt er etwas über den Geist. Weil seine Worte ganz ohnmächtig sind, an den wirklichen Geist heranzukommen, daher redet Eucken immer vom Geist. Unzählige Bücher hat er schon geschrieben. Es ist eine wahre Tortur, sich durch diese Bücher durchzulesen, denn es steht in all diesen Büchern dasselbe. Immer steht da, daß man finden muß dieses Sich-selbst-Erfassen des In-sich-seienden-Denkens, das, abgesehen von einer äußeren Anlehnung und von einem äußeren Widerstehen, in sich selber sich erfaßt, in sich selber sich erschaut, an sich selber vorwärtsrückt, mit diesem Vorwärtsrücken in sich selber hineinkommt und aus sich selber heraus sich wieder gestaltet. Man kann ein Kolleg hören bei Eucken oder ein Buch lesen über die griechische Philosophie, man wird die Entwickelung der griechischen Philosophie so dargestellt finden, wie zuerst dieses Denken ein wenig versucht, sich selbst zu erfassen, dies aber noch nicht kann. Man kann über Paracelsus hören, wie da allmählich erfaßt wird das Innere, man kann über die Entstehung des Christentums ein Buch lesen — überall dasselbe, überall dasselbe! Und so unendlich bedeutsam ist diese Philosophie für das moderne Philistertum, welches so froh ist, über den Geist reden zu hören, über den Geist zu theoretisieren, wenn man gar nichts zu wissen braucht über den Geist, wenn man nur nicht wirklich hineinzukommen braucht in den Geist. Daher nennen viele Euckens Philosophie die Wiedererweckung des Idealismus, die Wiedererweckung des Geisteslebens, ein Kulturferment, geeignet, das sich erschöpfende und ertötende geistige Leben der Gegenwart wieder aufzufrischen und so weiter. Und derjenige, der ein Empfinden hat für das, was in einer Philosophie pulst und pulsen soll, der liest Eucken, hört Eucken, und hat so lebendig das Gefühl, wie wenn ich mich jetzt da am eigenen Schopf in die Höhe ziehe und immer höher und immer höher! Denn darin besteht die widerspruchslose Logik der Euckenschen Philosophie doch. Ich habe in meinen «Rätseln der Philosophie» gesucht, die Dinge ganz objektiv darzustellen. Das, was ich jetzt gesagt habe, kann sich jeder selber sagen, weil man nicht gleich zu kritisieren braucht, sondern erst bekannt werden muß mit den Begriffen, die existieren.

[ 29 ] Ein charakteristisches Beispiel des Suchens nach dem Geiste ohne auch nur die geringste Fähigkeit, einen einzigen Zipfel des Geistes zu erfassen, finden Sie in der Philosophie von Eucken. Eucken redet nur von dem Geist, das heißt mit Worten, aber nie sagt er etwas über den Geist. Weil seine Worte ganz ohnmächtig sind, an den wirklichen Geist heranzukommen, daher redet Eucken immer vom Geist. Unzählige Bücher hat er schon geschrieben. Es ist eine wahre Tortur, sich durch diese Bücher durchzulesen, denn es steht in all diesen Büchern dasselbe. Immer steht da, daß man finden muß dieses Sich-selbst-Erfassen des In-sich-seienden-Denkens, das, abgesehen von einer äußeren Anlehnung und von einem äußeren Widerstehen, in sich selber sich erfaßt, in sich selber sich erschaut, an sich selber vorwärtsrückt, mit diesem Vorwärtsrücken in sich selber hineinkommt und aus sich selber heraus sich wieder gestaltet. Man kann ein Kolleg hören bei Eucken oder ein Buch lesen über die griechische Philosophie, man wird die Entwickelung der griechischen Philosophie so dargestellt finden, wie zuerst dieses Denken ein wenig versucht, sich selbst zu erfassen, dies aber noch nicht kann. Man kann über Paracelsus hören, wie da allmählich erfaßt wird das Innere, man kann über die Entstehung des Christentums ein Buch lesen — überall dasselbe, überall dasselbe! Und so unendlich bedeutsam ist diese Philosophie für das moderne Philistertum, welches so froh ist, über den Geist reden zu hören, über den Geist zu theoretisieren, wenn man gar nichts zu wissen braucht über den Geist, wenn man nur nicht wirklich hineinzukommen braucht in den Geist. Daher nennen viele Euckens Philosophie die Wiedererweckung des Idealismus, die Wiedererweckung des Geisteslebens, ein Kulturferment, geeignet, das sich erschöpfende und ertötende geistige Leben der Gegenwart wieder aufzufrischen und so weiter. Und derjenige, der ein Empfinden hat für das, was in einer Philosophie pulst und pulsen soll, der liest Eucken, hört Eucken, und hat so lebendig das Gefühl, wie wenn ich mich jetzt da am eigenen Schopf in die Höhe ziehe und immer höher und immer höher! Denn darin besteht die widerspruchslose Logik der Euckenschen Philosophie doch. Ich habe in meinen «Rätseln der Philosophie» gesucht, die Dinge ganz objektiv darzustellen. Das, was ich jetzt gesagt habe, kann sich jeder selber sagen, weil man nicht gleich zu kritisieren braucht, sondern erst bekannt werden muß mit den Begriffen, die existieren.

[ 30 ] So sehen wir, wie gewisse Gedankenströmungen in der Gegenwart geradezu aus der Ohnmacht gegenüber der Wirklichkeit hervorgehen, und wie aus dieser Ohnmacht gegenüber der Wirklichkeit eben Philosophien gebildet werden. Wenn man sich nicht kümmert um dieses Leben, nun ja, dann denkt man, es sei das nicht eigentlich so schlimm. Aber es ist schon schlimm. Und man muß sich manchmal auch einlassen auf dasjenige, was lebt und webt im Denkleben der Gegenwart, weil man vielleicht daran ein Gefühl bekommen kann für das, wodurch dasjenige, was in der Gegenwart lebt, überwunden werden kann.

[ 30 ] So sehen wir, wie gewisse Gedankenströmungen in der Gegenwart geradezu aus der Ohnmacht gegenüber der Wirklichkeit hervorgehen, und wie aus dieser Ohnmacht gegenüber der Wirklichkeit eben Philosophien gebildet werden. Wenn man sich nicht kümmert um dieses Leben, nun ja, dann denkt man, es sei das nicht eigentlich so schlimm. Aber es ist schon schlimm. Und man muß sich manchmal auch einlassen auf dasjenige, was lebt und webt im Denkleben der Gegenwart, weil man vielleicht daran ein Gefühl bekommen kann für das, wodurch dasjenige, was in der Gegenwart lebt, überwunden werden kann.

[ 31 ] Ich habe Ihnen nur einige von den Gedankenströmungen vorgeführt, die in den verschiedensten Gegenden eine gewichtige Rolle spielen auf dem Gebiete des Lebens, wo man es eben mit Gedanken zu tun hat, wo philosophische Weltanschauung vorgetragen und gelehrt wird. Es ist in der Gegenwart durchaus so, daß sich allmählich bis in die letzten Jahre entwickelt hat wirklich eine gemeinsame Struktur der Denktendenzen. Ich habe das angedeutet, indem ich Ihnen gezeigt habe, wie unabhängig voneinander der Pragmatismus und die «Philosophie des Als Ob» aufgetreten sind.

[ 31 ] Ich habe Ihnen nur einige von den Gedankenströmungen vorgeführt, die in den verschiedensten Gegenden eine gewichtige Rolle spielen auf dem Gebiete des Lebens, wo man es eben mit Gedanken zu tun hat, wo philosophische Weltanschauung vorgetragen und gelehrt wird. Es ist in der Gegenwart durchaus so, daß sich allmählich bis in die letzten Jahre entwickelt hat wirklich eine gemeinsame Struktur der Denktendenzen. Ich habe das angedeutet, indem ich Ihnen gezeigt habe, wie unabhängig voneinander der Pragmatismus und die «Philosophie des Als Ob» aufgetreten sind.

[ 32 ] Aber auch übernommen haben die Denker verschiedenes voneinander. In immer regem Wechselverkehr standen die Denker. Vaihinger ist von Peirce ganz unabhängig; sie sind ganz unabhängig voneinander zu diesen Lebensrichtungen gekommen, drüben in Amerika und hier in Deutschland. Aber auch sonst finden wir vielfach Anklänge bei der Persönlichkeit der einen Kulturgemeinschaft und der Persönlichkeit der anderen Kulturgemeinschaft; und nur dadurch bekommt man ein Bild von dem, was im geistigen Leben wirklich ist, daß man auf die Einzelheiten dieser Dinge wirklich eingeht und sie betrachtet. Auch in dieser Beziehung wird in der Gegenwart zwar viel spekuliert, ungeheuer viel gedacht, geschrieben, betrachtet, aber selbst auf die einfachsten Dinge wird nicht geachtet. Auf gewisse Zusammenhänge, die bestehen, wird wenig geachtet, weil man nicht Wirklichkeitssinn sich bewahrt hat in der Gegenwart. Diesen Wirklichkeitssinn muß man schon ausbilden. Lassen Sie mich das als Anhang zu den heutigen Betrachtungen gleichsam sagen: Man kann sich ihn nur erarbeiten, diesen Wirklichkeitssinn.

[ 32 ] Aber auch übernommen haben die Denker verschiedenes voneinander. In immer regem Wechselverkehr standen die Denker. Vaihinger ist von Peirce ganz unabhängig; sie sind ganz unabhängig voneinander zu diesen Lebensrichtungen gekommen, drüben in Amerika und hier in Deutschland. Aber auch sonst finden wir vielfach Anklänge bei der Persönlichkeit der einen Kulturgemeinschaft und der Persönlichkeit der anderen Kulturgemeinschaft; und nur dadurch bekommt man ein Bild von dem, was im geistigen Leben wirklich ist, daß man auf die Einzelheiten dieser Dinge wirklich eingeht und sie betrachtet. Auch in dieser Beziehung wird in der Gegenwart zwar viel spekuliert, ungeheuer viel gedacht, geschrieben, betrachtet, aber selbst auf die einfachsten Dinge wird nicht geachtet. Auf gewisse Zusammenhänge, die bestehen, wird wenig geachtet, weil man nicht Wirklichkeitssinn sich bewahrt hat in der Gegenwart. Diesen Wirklichkeitssinn muß man schon ausbilden. Lassen Sie mich das als Anhang zu den heutigen Betrachtungen gleichsam sagen: Man kann sich ihn nur erarbeiten, diesen Wirklichkeitssinn.

[ 33 ] Wenn ich da etwas Persönliches erwähnen darf: Es war immer mein Bestreben — auch in allem äußeren Wissenschaftlichen —, Wirklichkeitssinn auszubilden, gewissermaßen Spürsinn für die Wirklichkeit. Der besteht nicht nur darinnen, daß man eine Wirklichkeit beurteilen kann, sondern daß man auch die Wege findet, um das Wirkliche an dem Wirklichen zu messen und mit dem Wirklichen zu vergleichen. Sie wissen vielleicht, daß bei Nietzsche vorkommt die Lehre von der sogenannten ewigen Wiedergeburt, von der Wiederkunft des Gleichen. Diese Lehre ist so: Wie wir hier zusammensitzen, so haben wir schon unzählige Male zusammengesessen und werden wieder zusammensitzen. — Es ist nicht eine Reinkarnationslehre, sondern eine Wiederkunftslehre des Gleichen. Ich will jetzt diese Wiederkunftslehre nicht kritisieren; darauf kommt es jetzt nicht an. Diese Wiederkunftslehre geht hervor aus einer ganz bestimmten Vorstellung über eine erste Weltgestaltung, aus unmöglichen Vorstellungen, die sich Nietzsche gebildet hat über eine erste Weltgestaltung.

[ 33 ] Wenn ich da etwas Persönliches erwähnen darf: Es war immer mein Bestreben — auch in allem äußeren Wissenschaftlichen —, Wirklichkeitssinn auszubilden, gewissermaßen Spürsinn für die Wirklichkeit. Der besteht nicht nur darinnen, daß man eine Wirklichkeit beurteilen kann, sondern daß man auch die Wege findet, um das Wirkliche an dem Wirklichen zu messen und mit dem Wirklichen zu vergleichen. Sie wissen vielleicht, daß bei Nietzsche vorkommt die Lehre von der sogenannten ewigen Wiedergeburt, von der Wiederkunft des Gleichen. Diese Lehre ist so: Wie wir hier zusammensitzen, so haben wir schon unzählige Male zusammengesessen und werden wieder zusammensitzen. — Es ist nicht eine Reinkarnationslehre, sondern eine Wiederkunftslehre des Gleichen. Ich will jetzt diese Wiederkunftslehre nicht kritisieren; darauf kommt es jetzt nicht an. Diese Wiederkunftslehre geht hervor aus einer ganz bestimmten Vorstellung über eine erste Weltgestaltung, aus unmöglichen Vorstellungen, die sich Nietzsche gebildet hat über eine erste Weltgestaltung.

[ 34 ] Ich war einmal mit anderen Gelehrten im Nietzsche-Archiv, und es war die Rede von der Lehre von der Wiederkunft des Gleichen. Man interessierte sich dafür, wie Nietzsche zu einer solchen Idee gekommen sein mag. Nun denken Sie, was für schöne Gelegenheiten das sind! Wer die Verhältnisse kennt, weiß es, was für schöne Gelegenheiten das gibt, um möglichst viele Dissertationen und Bücher zu schreiben, wie Nietzsche zu den ursprünglichen Ideen der Lehre der Wiederkunft des Gleichen gekommen ist. Da kann man natürlich die kühnsten Hypothesen aufstellen, und man kann vieles finden, wenn man einfach so sucht. Ich sagte dazumal, nachdem die Diskussion eine Weile gegangen war: Nietzsche ist sehr häufig — ich versuchte also, ihn in seiner Idee wirklichkeitsgemäß zu fassen — zu einer Idee dadurch gekommen, daß er die Gegenidee zu einer Idee, die er bei einem anderen gefunden hat, gefaßt hat. Meines Wissens kommt die Gegenidee, nämlich, daß es wegen einer gewissen Konfiguration des Erdenanfangs keine Wiederkunft des Gleichen geben könne — bei Dühring vor, bei einem anderen Philosophen. Und meines Wissens, sagte ich, hat Nietzsche Dühring gelesen. Nun ist das Einfachste und Wirklichste, wir gehen in Nietzsches Bibliothek, die erhalten ist, nehmen diese Werke von Dühring heraus, wo diese Gegenidee steht, und schauen einmal nach. — Nun, man ging in seine Bibliothek, schaute nach, schlug die Stelle auf — ich kannte sie genau —, und da findet sich ein dicker Strich von Nietzsches Hand an dieser Stelle mit einigen bezeichnenden Worten. Er schrieb an solche Orte, wo er Gegenideen fassen wollte — ich weiß jetzt nicht genau, was er an dieser Stelle geschrieben hat —, so etwas wie «Esel», «Unsinn», «Nonsens». Solch ein charakteristisches Wort stand da an dieser Kante. Und er hat also gelesen, angemerkt, die Gegenidee gefaßt, und die Gegenidee der «Wiederkunftslehre des Gleichen» ist aus seinem Geiste entsprungen! — Da handelt es sich darum, an der richtigen Stelle zu suchen. Denn Nietzsche hatte wirklich gegenüber gewissen Ideen die Tendenz, die Gegenidee zu bilden.

[ 34 ] Ich war einmal mit anderen Gelehrten im Nietzsche-Archiv, und es war die Rede von der Lehre von der Wiederkunft des Gleichen. Man interessierte sich dafür, wie Nietzsche zu einer solchen Idee gekommen sein mag. Nun denken Sie, was für schöne Gelegenheiten das sind! Wer die Verhältnisse kennt, weiß es, was für schöne Gelegenheiten das gibt, um möglichst viele Dissertationen und Bücher zu schreiben, wie Nietzsche zu den ursprünglichen Ideen der Lehre der Wiederkunft des Gleichen gekommen ist. Da kann man natürlich die kühnsten Hypothesen aufstellen, und man kann vieles finden, wenn man einfach so sucht. Ich sagte dazumal, nachdem die Diskussion eine Weile gegangen war: Nietzsche ist sehr häufig — ich versuchte also, ihn in seiner Idee wirklichkeitsgemäß zu fassen — zu einer Idee dadurch gekommen, daß er die Gegenidee zu einer Idee, die er bei einem anderen gefunden hat, gefaßt hat. Meines Wissens kommt die Gegenidee, nämlich, daß es wegen einer gewissen Konfiguration des Erdenanfangs keine Wiederkunft des Gleichen geben könne — bei Dühring vor, bei einem anderen Philosophen. Und meines Wissens, sagte ich, hat Nietzsche Dühring gelesen. Nun ist das Einfachste und Wirklichste, wir gehen in Nietzsches Bibliothek, die erhalten ist, nehmen diese Werke von Dühring heraus, wo diese Gegenidee steht, und schauen einmal nach. — Nun, man ging in seine Bibliothek, schaute nach, schlug die Stelle auf — ich kannte sie genau —, und da findet sich ein dicker Strich von Nietzsches Hand an dieser Stelle mit einigen bezeichnenden Worten. Er schrieb an solche Orte, wo er Gegenideen fassen wollte — ich weiß jetzt nicht genau, was er an dieser Stelle geschrieben hat —, so etwas wie «Esel», «Unsinn», «Nonsens». Solch ein charakteristisches Wort stand da an dieser Kante. Und er hat also gelesen, angemerkt, die Gegenidee gefaßt, und die Gegenidee der «Wiederkunftslehre des Gleichen» ist aus seinem Geiste entsprungen! — Da handelt es sich darum, an der richtigen Stelle zu suchen. Denn Nietzsche hatte wirklich gegenüber gewissen Ideen die Tendenz, die Gegenidee zu bilden.

[ 35 ] Das ist nun auch ein Charakteristikon wiederum in der Verohnmächtigung des modernen Wahrheitskriteriums — ich habe Ihnen die anderen Ausflüsse der Verohnmächtigung dargestellt —, das ist wieder ein Ausdruck der Verohnmächtigung: Weil man nicht selber zu einem Wahrheitskriterium kommen kann, bildet man die Gegenwahrheit zu Wahrheiten, die schon da waren, die Gegenurteile zu Urteilen, die schon da waren. — Man darf solche Dinge aber nicht verallgemeinern. Wenn Sie daraus wiederum das abstrakte Urteil bilden wollten, Nietzsche habe seine ganze Philosophie nur auf diesem Wege gewonnen, so wäre das natürlich ein völliger Unsinn; denn zuweilen war er ganz positiv, das heißt, er bildete einfach gewisse Ideen weiter aus, ganz in ihrem Geiste. So zum Beispiel ist die ganze Lehre von «Jenseits von Gut und Böse», wie sie uns bei Nietzsche entgegentritt, ganz nachzuweisen in allen einzelnen Teilen. Man braucht wiederum nur in Nietzsches Bibliothek zu gehen und das Buch über die Moral von Guyax zu nehmen. Man liest diejenigen Stellen, die Nietzsche am Rande angestrichen hat und findet sie abstrahiert in « Jenseits von Gut und Böse»! «Jenseits von Gut und Böse» ist ganz in Guyaus Abhandlungen über die Moral schon enthalten. Solche Zusammenhänge muß man in der neueren Zeit durchaus beachten. Beachtet man sie nicht, so kommt man zu ganz falschen Bildern über dasjenige, was der eine oder der aridere Denker war.

[ 35 ] Das ist nun auch ein Charakteristikon wiederum in der Verohnmächtigung des modernen Wahrheitskriteriums — ich habe Ihnen die anderen Ausflüsse der Verohnmächtigung dargestellt —, das ist wieder ein Ausdruck der Verohnmächtigung: Weil man nicht selber zu einem Wahrheitskriterium kommen kann, bildet man die Gegenwahrheit zu Wahrheiten, die schon da waren, die Gegenurteile zu Urteilen, die schon da waren. — Man darf solche Dinge aber nicht verallgemeinern. Wenn Sie daraus wiederum das abstrakte Urteil bilden wollten, Nietzsche habe seine ganze Philosophie nur auf diesem Wege gewonnen, so wäre das natürlich ein völliger Unsinn; denn zuweilen war er ganz positiv, das heißt, er bildete einfach gewisse Ideen weiter aus, ganz in ihrem Geiste. So zum Beispiel ist die ganze Lehre von «Jenseits von Gut und Böse», wie sie uns bei Nietzsche entgegentritt, ganz nachzuweisen in allen einzelnen Teilen. Man braucht wiederum nur in Nietzsches Bibliothek zu gehen und das Buch über die Moral von Guyax zu nehmen. Man liest diejenigen Stellen, die Nietzsche am Rande angestrichen hat und findet sie abstrahiert in « Jenseits von Gut und Böse»! «Jenseits von Gut und Böse» ist ganz in Guyaus Abhandlungen über die Moral schon enthalten. Solche Zusammenhänge muß man in der neueren Zeit durchaus beachten. Beachtet man sie nicht, so kommt man zu ganz falschen Bildern über dasjenige, was der eine oder der aridere Denker war.

[ 36 ] Ich wollte Ihnen also einige Gesichtspunkte des modernen Gedankenlebens heute vorführen. Ich habe mich nur an das Allerbekannteste und Alleroberflächlichste gehalten. Wenn es die Umstände gestatten, so können wir auf Einzelheiten in der allernächsten Zeit einmal gerade auf diesem Gebiete eingehen.

[ 36 ] Ich wollte Ihnen also einige Gesichtspunkte des modernen Gedankenlebens heute vorführen. Ich habe mich nur an das Allerbekannteste und Alleroberflächlichste gehalten. Wenn es die Umstände gestatten, so können wir auf Einzelheiten in der allernächsten Zeit einmal gerade auf diesem Gebiete eingehen.