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Das Rätsel des Menschen
Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte
GA 170

31 Juli 1916, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Wenn wir zurückblicken auf das in diesen zwei verflossenen Tagen Besprochene und uns das Hauptergebnis vor die Seele führen, so ist es ja das, daß der Mensch im Grunde genommen der Ausdruck ist einer Doppelnatur. Wir haben gesehen, wie wir alles das, was die Menschenseele belebt im Wachbewußtsein, zurückzuführen haben auf Einflüsse, Eindrücke, die — wenn der Ausdruck kosmisch genommen wird — dem Menschen aus dem Himmlischen, aus dem Universellen eingeprägt sind. Was gewissen tieferen Regionen der Menschennatur zugrunde liegt, was nur im normalen Leben heraufwogt in das Bewußtsein im Traum, das ist zurückzuführen auf Einflüsse, Eindrücke des Terrestrischen, des im engeren Sinne Irdischen. Wenn wir im geisteswissenschaftlichen Sinne die Welt betrachten, dann muß uns alles, was den Sinnen erscheint, wie ein wirklicher Ausdruck des Geistigen sein.

[ 2 ] Nun ist wirklich der Mensch auch mit Bezug auf seine bildliche Erscheinung, mit Bezug auf seine sinnliche Offenbarung ein Ausdruck dieser seiner Doppelnatur. Am besten kann man sich das vergegenwärtigen, weil es da am deutlichsten wird, wenn man das Skelett betrachtet, das sehr deutlich aus zwei Teilen besteht: dem Kopf, dem Schädelteil und dem übrigen Körperteil, und beide hängen im Grunde genommen nur durch einen dünnen Skelettstrang zusammen. Der Kopf ist eigentlich nur aufgesetzt. Man kann ihn herunterheben. Das gibt auch äußerlich, bildlich den Ausdruck jener Doppelnatur; denn dadurch, daß der Mensch sein Haupt, seinen Schädel, seinen Kopf hat, hat er Wachbewußtsein; dadurch, daß er die übrige Natur hat, die beim Skelett am Kopfe daranhängt, hat er alles das, was sich mehr oder weniger im Unterbewußten abspielt und heraufwogt in den Träumen, heraufwogt dann auch dadurch, daß es durchglüht, durchfeuert, durchleuchtet das gewöhnliche Wachbewußtsein in der schöpferischen Phantasie des Dichters, des Künstlers. Da wirkt immer, wenn auch das Edelste der irdischen Natur, so doch eben die irdische Natur durch das, was sonst gewöhnliches Wachbewußtsein ist, durchaus mit. Wir haben gestern gesehen, wie man aus dem Bewußtsein einer gewissen Zeitkultur, der hebräischen Kultur heraus geradezu hinweisen kann darauf, wie die Menschen Erkenntnisse gehabt haben, ausführliche, gründliche Erkenntnisse des Zusammenhanges des menschlichen Wachbewußstseins mit den überirdischen Vorgängen, den überirdischen Tatsachen. Wir haben gesehen, wie eigentlich das, was man die kosmische Gedankenwelt nennen kann, die sich ausdrückt in den Bewegungen der Sterne, sich ihr Abbild schafft in dem, was der Mensch als sein Wachbewußtsein hat, was er dadurch hat, daß er sich für das Wachbewußtsein zunächst des Organes seines Kopfes bedient. Jenes wunderbare Darinnenstehen des Menschen in dem gesamten Universum, gewissermaßen in den himmlischen und irdischen Tatsachen zugleich, das haben wir betrachtet.

[ 3 ] Wenn man all dem, was mit diesen schwerwiegenden, bedeutungsvollen Tatsachen zusammenhängt, gerecht werden will, dann muß man sich schon von Vorurteilen losmachen. Und ein solches ahrimanisches Vorurteil ist ja besonders bei denen vorhanden, welche in einem gewissen Sinne doch Mystiker sein wollen. Es ist das Vorurteil, das sich in einer gewissen Empfindung ausspricht und das darin besteht, daß man sagt: Das Irdische ist das Wertlose, was man unbedingt zu überwinden hat, es ist der rohe, gemeine Stoff, von dem ein wirklich der Geisteswelt zustrebender Mensch gar nicht spricht; wonach man streben muß, das ist das Geistige! — Wenn man dabei auch oftmals von diesem Geistigen die verworrensten Vorstellungen hat und sich vielleicht bloß sinnliche Bilder davon macht, so empfindet man doch so. Deshalb sage ich, es drückt sich das, was in Betracht kommt, mehr in einer Art Empfindungsrichtung aus. Aber man wird niemals die Wesenheit sowohl des Menschen wie der Welt verstehen können, wenn man nur in dieser vorurteilsvollen Empfindung leben will. Denn diese Empfindung kann man nur haben, wenn man in einem gewissen einseitigen Sinne als auf der Erde im physischen Leibe lebender Mensch die Erde betrachtet, und von dieser Erdenbetrachtung aus die ja gewiß berechtigte Sehnsucht hat nach dem, was überirdisch ist und was durchlebt werden muß zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber man wird niemals vollständig eine Art verständnisvollen Gefühles haben können für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wenn man so, wie ich es eben angedeutet habe, über das Irdische spricht. Denn, so paradox es klingen mag, es ist wahr, und aus gewissen Zyklen werden Sie das deutlich entnehmen können, wo Sie es im einzelnen dargestellt finden: Was dem Menschen zwischen Geburt und Tod, also dem Menschen im physischen Leibe vorschwebt, wenn er von dem Himmel spricht, das schwebt dem Toten, der zwischen dem Tode und einer neuen Geburt steht, dem im Geiste und in der Seele lebenden Menschen, so vor, daß er in demselben Sinne von der Erde spricht. Den im Himmel lebenden Menschen, denen ist das Jenseits die Erde, denen ist das Wertvolle, auf das sie blicken, die Erde. Die reden von der Erde so, wie wir von dem Himmel reden. Es ist das Land ihrer Sehnsucht, zu dem sie wieder hinwollen in einer neuen Verkörperung, das Land, nach dem sie streben. Und man bekommt ein falsches Gefühl von dem, wie die Toten leben, wenn man dieses nicht ins Auge faßt.

[ 4 ] Ich habe öfters darauf aufmerksam gemacht, daß man nicht pedantisch sein darf und glauben, daß der Grundsatz «im Geistigen ist alles umgekehrt», einfach nun so angewendet werden könne, daß man sagt: Man stellt sich die geistige Welt richtig vor, wenn man sie umgekehrt gegenüber der physischen vorstellt. Da wird gar nichts Besonderes herauskommen durch eine abstrakte Anwendung eines solchen Satzes. Es müssen schon die Tatsachen im einzelnen betrachtet werden, aber es ist wahr, daß dieser Grundsatz von der Umkehrung, wie ich ihn eben angedeutet habe, für vieles gilt. So zum Beispiel kann derjenige, der in geistigen Welten forschend lebt, ein merkwürdiges Land kennenlernen, ein Land, in dem sich einzelne Menschen befinden unter anderen Menschen. Die anderen Menschen, unter denen sich diese einzelnen befinden, sind normale Menschen, so wie die gläubigen Erdenmenschen ich sage die gläubigen Erdenmenschen. — Das sind die, die ein gewisses Gefühl haben für das Himmlische, ein gewisses Gefühl für das Irdische. Aber unter diesen anderen leben einzelne in dem Lande, von dem ich spreche, die leugnen vollständig das Irdische, leugnen alle Materie, allen Stoff, die sagen, es gäbe nur Geistiges, und es sei ein Aberglaube, von Materie zu sprechen. Das Land, von dem ich Ihnen erzähle, ist allerdings nicht hier in der physischen Welt, sondern es ist ein Geistgebiet, das man entdeckt, wenn man den Blick hinrichtet auf gewisse Teile der geistigen Welt, etwa, sagen wir, von der Mitte des achtzehnten bis zu der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Da lebten Sie alle in der geistigen Welt noch, man kann wohl sagen, wenigstens im ersten Teil lebten wir alle noch in der geistigen Welt, und waren so im Durchschnitt Menschen in der geistigen Welt, die als Seelen Empfindungen hatten von dem Himmlischen, in dem wir drinnen waren, und von dem Irdischen, nach dem wir strebten, und das dort ein Jenseits ist. Dann aber gab es einige, die betrachteten das Reden von dem Irdischen als einen Aberglauben, die behaupteten, es gebe nur Geistiges, und alles Irdische, Stoffliche sei eine Träumerei. Ja, diese Menschen wurden natürlich dann auch geboren. Sie trugen die Namen Ludwig Büchner, Ernst Haeckel, Carl Vogt und so weiter. Diese Menschen, die Sie ja in bezug auf ihr Ausleben in der physischen Welt genügend kennen, sind diejenigen, die gerade in ihrem letzten Stadium während ihres Hereinlebens in die physische Welt alles Materielle als einen Aberglauben erklärt haben, die das Geistige als das einzig Wirkliche anerkannt haben, weil das um sie herum war, und weil sie nicht auf etwas blicken wollten, was nicht um sie herum war, was im Jenseits war. Sie werden fragen: Woher kommt es denn, daß diese Menschen dann geboren wurden und sich allmählich zu solchen Seelen entwickelten, welche von der Materie als dem einzig Vorhandenen sprechen? — Das werden Sie fragen, aber das könnte Ihnen doch verständlich sein, denn diese Menschen haben ja doch, bevor sie geboren wurden, kein Verständnis für die Materie gezeigt, und das ist ihnen geblieben; denn wer die Materie als absolut bezeichnet und nicht als etwas, was bloß Ausdruck des Geistes ist, der versteht eben nichts von der Materie, und ein Materialist ist man nicht, wenn man den Materialismus so vertritt wie die genannten Persönlichkeiten, ein Materialist ist man nicht dadurch, daß man das Materielle als Materielles versteht, sondern eben gerade dadurch, daß man das Materielle als Materielles nicht versteht. Also darin haben sie sich nicht geändert, daß sie kein Verständnis für das materielle Leben haben.

[ 5 ] Da sehen Sie gleich ein Gebiet, in dem eine vollständige Umkehrung, eine richtige Umkehrung vorliegt für die geistige Welt gegenüber dem, was man in der physischen Welt hier nach den Erscheinungen glaubt. Aber wie gesagt, man darf diesen Grundsatz nicht in absträkter Art nun über alles ausdehnen. Ich sage das alles, namentlich das von dem Jenseitscharakter des Irdischen während unseres Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, damit man den Gegensatz, der in der alten griechischen Mythologie durch die zwei Worte «Uranos» und «Gäa» ausgedrückt wird, nicht so fasse, als ob das eine das absolut Wertvolle und das andere das absolut Minderwertige wäre, sondern damit man ihn so faßt, als ob es eben zwei entgegengesetzte Pole wären eines Einheitlichen. Uranos ist gewissermaßen der Umkreis, und der polarische Gegensatz des Umkreises ist der Mittelpunkt, die Gäa. Die Griechen haben zunächst gar nicht gedacht an das eng begrenzte Geschlechtliche der Menschen oder des Irdischen, wenn sie von Uranos und Gäa gesprochen haben, sondern diesen Gegensatz, den wir jetzt charakterisiert haben — das Himmlische, das Irdische —, diesen Gegensatz als solchen haben sie gemeint.

[ 6 ] Ich mußte das auseinandersetzen, weil wir sonst gar kein Verständnis gewinnen könnten für das, was ich im weiteren zu sagen habe. Es ist ja ohnedies heute sehr schwierig, gewisse tiefere Wahrheiten der Menschheit schon zugänglich zu machen. Abergewissermaßen antippen kann man doch, und das soll auch geschehen, soweit es eben möglich ist.

[ 7 ] Zu diesen Betrachtungen, die wir nun zu pflegen haben, bitte ich Sie also, ganz genau festzuhalten, in welchem Sinne der Mensch eine Doppelnatur ist, und wie sich diese Doppelnatur äußerlich in seiner Leibesgestaltung ausdrückt dadurch, daß er aus dem Kopf und dem übrigen Leib besteht. Der Kopf des Menschen erfährt seine hauptsächlichste Gestaltung, seine ganze Formung eigentlich schon während der Zeit zwischen dem letzten Tod und der neuen Geburt. Selbstverständlich wird der physische Kopf irdisch erzeugt; darauf kommt es aber nicht an, sondern die Form, die er bekommt, die Art, wie er geformt wird, die hängt zusammen mit Kräften, die in der Zeit weit zurückliegen. Der Mensch bekommt seinen Kopf tatsächlich aus dem Himmel heraus geformt, denn alle die Kräfte, die da wirken zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sind wirklich dazu angetan, dem Menschen seinen Kopf zu bilden. Wenn auch der Kopf den Weg durch die physische Geburt und die physische Vererbung machen muß, der Mensch hat seinen Kopf vom Himmel. Nur den übrigen Körper hat er von der Erde. So daß der Mensch seiner Leibesgestaltung nach ein Produkt von Uranos und Gäa ist: dem Kopfe nach ein Ergebnis himmlischer Kräfte, dem übrigen Leibe nach ein Ergebnis irdischer Kräfte, Uranos und Gäa.

[ 8 ] Nun tritt der Mensch ins Dasein, und wenn er geboren wird, so ist das ganz stark in ihm ausgeprägt, so stark, daß man sagen kann: Da wird etwas hereingesetzt in die physische Welt, das ist dem Kopfe nach wirklich ein Abdruck derjenigen Kräfte, die himmlisch wirken, und da ist der Leib, der ein Abbild ist der Kräfte, die irdisch wirken. Das ist, wenn der Mensch eben geboren worden ist, besonders stark ausgeprägt. Für den, der mit tiefer Erkenntnis den Menschen durchschauen kann, ist da ein starker Gegensatz zwischen dem Kopf und dem übrigen Leib. Beim kleinen Kinde ist wirklich ein starker Gegensatz. Man muß nur lernen, solche Dinge unbefangen zu beobachten, dann merkt man schon, daß ein großer, gewaltiger Gegensatz ist zwischen dem Kopf, dem Uranosgebiet des Menschen, und dem übrigen Leib, dem Gäagebiet des Menschen.

[ 9 ] Betrachten wir das Leben bis zu dem ersten bedeutsamen Einschnitt, bis zum siebenten Jahre ungefähr, bis zum Zahnwechsel. Wir wissen, daß das der erste bedeutungsvolle Lebensabschnitt des Menschen ist. Diese Zeit ist sehr wichtig, denn jetzt kommt das Paradoxe, das in der rechten Weise zu verstehen wichtig ist. Denn in dieser Zeit zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre oder dem Zahnwechsel wird der Mensch eigentlich von denen, die ihn physisch betrachten, ganz falsch betrachtet. Ich habe schon öfter von anderen Gesichtspunkten aus darauf hingewiesen. Es wird der Mensch in seinen ersten sieben Lebensjahren, wollen wir kurz sagen, so betrachtet, als ob er schon männlich oder weiblich wäre. Das ist vom höheren Gesichtspunkte aus vollständig falsch. Nur der heutige Materialismus ist dieser Ansicht, daher betrachtet der heutige Materialismus auch immer Äußerungen in den ersten sieben Lebensjahren schon wie sexuelle Außerungen, die sie gar nicht sind. Viel gesünder wird eine Anschauung einmal sein, die wissen wird, daß das Kind in den ersten sieben Lebensjahren überhaupt noch kein sexuelles, sondern ein asexuelles Wesen ist. Wenn ich mich trivial ausdrücken darf, so möchte ich sagen, es schaut nur so aus, als ob der Mensch in den ersten sieben Jahren schon männlich oder weiblich wäre. Und zwar deshalb schaut es so aus, weil in dem, was für den Materialismus einzig und allein da ist, im Physischen, kein rechter Unterschied auftritt zwischen dem, was der Mensch heute in den ersten sieben Lebensjahren irrtümlicherweise männlich nennt und was er später so nennt, und ebenso was er weiblich nennt. Das Spätere sieht aus wie eine Fortsetzung dessen, was schon da ist; das ist es aber gar nicht. Und jetzt bitte ich Sie wirklich, das, was ich gesagt habe, recht sehr in Ihre Empfindungen aufzunehmen, damit Sie es nicht mißverstehen und nach dem Muster, wie man das heute auf anderen Gebieten tut, wo man nicht mehr objektiv, sondern nur nach Werturteilen urteilt, auch da gleich wieder Werturteile einmischen, wo nur Objektives gemeint ist.

[ 10 ] Das, was in den ersten sieben Jahren männlich aussieht — und hier bitte ich Sie zu berücksichtigen, was ich über Uranos und Gäa gesagt habe —, das ist nicht männlich als solches, sondern ist nur äußerlich so gestaltet, damit dasjenige, was sonst auf den Kopf wirkt, das Himmlische, fortwirkt und den Menschen und die menschliche Gestalt nach dem Außerirdischen, Himmlischen formt. Dadurch sieht es so aus wie das Männliche. Es ist gar nicht männlich, es ist nach dem Uranos geformt, nach dem Außerirdischen! Ich sagte: vorzugsweise ist der Kopf des Menschen himmlisch, der übrige Körper irdisch. Aber sowohl hat das Irdische eine Hereinstrahlung des Himmlischen, wie das Himmlische eine Hereinstrahlung des Irdischen. Alles steht in Wechselwirkung; es ist nur das eine oder das andere überwiegend. Ich möchte sagen, das Himmlische überschattet bei der einen Sorte des Menschen den Körper, auch den außerkopflichen Körper, und macht ihn so, daß man sagt, er ist männlich. Aber das hat nichts mit dem Geschlechtlichen zu tun, es ist nur eine Organisation, die mehr uranisch ist, und eine andere Organisation bei anderen Individuen ist mehr terrestrisch, gäisch. Gar nicht ist der Mensch ein Geschlechtswesen in den ersten sieben Jahren; das ist Maja. Unterschiedlich sind sie dadurch, daß bei dem einen Körper mehr der Himmel, bei dem andern mehr die Erde wirkt. Und ich habe vorausgeschickt, daß für eine universelle Weltbetrachtung das Irdische geradesoviel wert ist wie das Himmlische, damit kein Werturteil Platz greifen kann, damit nicht geglaubt werden kann, es sollte in Weiningerscher Weise das Weibliche herabgewürdigt werden dadurch, daß es von einem erhabenen mystischen Standpunkte aus nur irdisch ist oder gäisch. Es ist jedes der Pol des anderen, hat aber noch nichts mit dem Geschlechte zu tun.

[ 11 ] Nun, was findet statt im Menschlichen, in der menschlichen Organisation während der ersten sieben Jahre? Alles das, was ich sage, müssen Sie so auffassen, daß es hauptsächlich stattfindet, es ist immer auch der Gegensatz da, aber das, was ich charakterisiere, ist eben in der Hauptsache da. Sehen Sie, in den ersten sieben Jahren sind fortwährende Strömungen, Kräftewirkungen vorhanden von dem übrigen Organismus nach dem Haupte hin. Gewiß sind auch Strömungen vom Kopf nach dem übrigen Organismus, die sind aber in dieser Zeit schwach im Verhältnis zu den starken Strömungen, die von dem Leib nach dem Kopfe gehen. Wenn der Kopf wächst in den ersten sieben Jahren, wenn er sich noch weiter ausbildet, so rührt das davon her, daß der Leib eigentlich seine Kräfte in den Kopf hineinschickt; der Leib drückt sich in den Kopf hinein in den ersten sieben Jahren, und der Kopf paßt sich der Leibesorganisation an. Das ist das Wesentliche in der menschlichen Entwickelung, daß sich der Kopf in den ersten sieben Jahren der Leibesorganisation anpaßt. Daher dieses Eigentümliche, was man beobachten kann, wenn man einen feinen Sinn hat für das Verwandeln des menschlichen Antlitzes in den ersten sieben Lebensjahren, dieses Heraufströmen der übrigen Organisation. Beachten Sie das nur einmal, wie das Gesicht des Kindes ist, und wie es nach dem Zahnwechsel ganz anders geworden ist, wo sich der ganze Leib gewissermaßen in den Gesichtsausdruck hineinergossen hat.

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[ 12 ] Dann kommt die Zeit ungefähr vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre, der zweite Lebensabschnitt des Menschen, bis zur Geschlechtsreife. Da findet das gerade Entgegengesetzte statt: ein fortwährendes Strömen der Kopfkräfte in den Organismus hinein, in den Leib hinein; da paßt sich der Leib dem Kopfe an. Das ist sehr interessant wahrzunehmen, wie eine vollständige Revolution im Organismus stattfindet: ein Strömen, ein Hinaufkraften des Leibes in den Kopf in den ersten sieben Jahren, was dann den Abschluß findet im Zahnwechsel, und dann eine Umkehrung, ein Hinunterströmen, Hinunterkraften. Und durch dieses Hinunterströmen, Hinunterkraften wird der Mensch erst ein Geschlechtswesen. Jetzt wird der Mensch erst ein sexuelles Wesen. Und das, was die vorerst himmlischen oder irdischen Organe zu Geschlechtsorganen macht, das kommt aus dem Kopf, das ist Geist. Die physischen Organe — man kann es geradezu so aussprechen — sind gar nicht für Sexualität bestimmt; sie werden erst angepaßt der Sexualität. Und wer behauptet, sie wären ursprünglich der Sexualität angepaßt, der urteilt nur nach der äußeren Meinung. Sie sind so, daß die einen angepaßt sind dem Himmlischen, die anderen dem Irdischen. Abbilder sind sie. Der Geschlechtscharakter wird ihnen erst aufgedrückt durch das, was aus der Kopfströmung kommt vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre. Da erst wird der Mensch ein Geschlechtswesen.

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[ 13 ] Es ist außerordentlich bedeutsam, daß man diese Dinge genau ins Auge faßt; denn man erlebt es heute in der Praxis alle Augenblicke, daß Leute kommen mit den kleinsten Kindern und darüber klagen, daß sie geschlechtliche Ungezogenheiten haben. Das ist vor dem siebenten Jahre gar nicht möglich, weil das, was dann vorhanden ist, überhaupt nichts Geschlechtliches ist, gar nicht diese Bedeutung hat. Und es würde auf medizinische Weise eine Heilung hier nicht eintreten können, sondern auf normale Weise dadurch, daß man diese Dinge nicht mehr mit falschen Namen benennt und dadurch ihnen falsche Begriffshüllen überwirft. Erwerbe man sich doch wiederum jene, ich möchte sagen, heilige Unschuld, welche die Alten hatten mit Bezug auf diese Dinge, denen es gar nicht eingefallen wäre bei ihrem noch atavistischen Wissen aus der geistigen Welt, bei Kindern schon von der Sexualität zu sprechen. Von anderen Gesichtspunkten aus habe ich ja auf diese Dinge schon hingedeutet.

[ 14 ] Wenn Sie aber das nehmen, was wir so herausholen konnten aus der geistigen Welt an bedeutungsvollen Wahrheiten über den Menschen und seinen Zusammenhang mit der irdischen und himmlischen Welt, dann werden Sie erst recht sehen, wie ein solcher Mensch wie Weininger in der Karikatur gewissen berechtigten Ideen entspricht. Denn würde er die Dinge so durchschauen, wie sie hier dargestellt worden sind, dann würde er mit einer gewissen Berechtigung sagen können: Der Mensch wird aus der geistigen Welt in die physische so hereingestellt, daß er erst durch das, was sein Kopf in den ersten sieben Jahren hier in der physischen Welt erwirbt, aus dem Himmlischen ein Männliches, aus dem Irdischen ein Weibliches macht. Es wird später unsere Aufgabe sein, auf gewisse Strömungen und Kraftungen, die in den späteren Lebensjahren noch für die menschliche Entwickelung wichtig sind, zurückzukommen. Jetzt möchte es gut sein, daß wir einmal auf die menschliche Entwickelung der ersten vierzehn Jahre unser Augenmerk richten. Durch solche Dinge bekommen Sie erst eine Vorstellung davon, wie wahr es ist, daß das äußere Leben eigentlich ein Leben in der Maja ist, in der großen Täuschung. Denn es ist wirklich eine Täuschung, und nichts mehr als eine Täuschung, daß die Menschen als männlich und weiblich in die Welt hereingestellt sind. Erst das Irdische, das sie in den sieben Jahren mit ihrem Kopfe erwerben, das macht sie auf der Erde zu Geschlechtswesen.

[ 15 ] Nun muß ja für den, der solche Dinge nicht bloß mit dem Kopfe, sondern auch mit dem ganzen Herzensverständnis nimmt, eigentlich eine Frage auftauchen, über die man nicht so leicht hinweggehen kann: Wie kommt es denn eigentlich, daß der Mensch in der Maja lebt, in der Täuschung lebt? Hat denn das eine Bedeutung? Ist es denn nicht im Grunde genommen etwas, was einen traurig stimmen könnte, daß der Mensch in der Täuschung lebt? Wäre es denn, könnte man sagen, nicht viel richtiger von der Gottheit und den Göttern gewesen, wenn sie den Menschen überhaupt gar nicht in der Täuschung leben ließen, sondern ihn die Welt so anschauen ließen, daß er nicht erst hinter den Erscheinungen die Wahrheit zu suchen hat und nicht in der Täuschung zu leben braucht? Warum muß denn der Mensch zunächst eigentlich in der Täuschung leben? — Es könnte eine sehr pessimistische Weltanschauung begründen diese Frage, warum der Mensch in der Täuschung leben muß. Nun, es hat seine guten Gründe, daß der Mensch in der Täuschung leben muß; denn würde der Mensch von vornherein in die Wahrheit hereingeboren werden, würde ihm die Wahrheit angeboren sein, würde er sie nicht suchen müssen, so würde der Mensch niemals eine Persönlichkeit werden können, niemals frei werden können. Der Mensch kann nur innerhalb der Erdensphäre Freiheit erringen. Das kann er aber nur dadurch, daß er im irdischen Streben zur Persönlichkeit wird. Daß ihm zunächst äußerlich entgegentritt dasjenige, was noch Schein ist, und er erst das Innere dieses Scheins suchen muß, das entfesselt in seinem Innern erst die Kräfte, welche ihn allmählich und durch viele Inkarnationen hindurch zur freien Persönlichkeit machen. Sie können sich das durch einen Vergleich leicht klarmachen. Nehmen Sie einmal irgendein wertvolles Buch, sagen wir Dantes «Göttliche Komödie». Theoretisch, und nicht nur theoretisch wäre es durchaus denkbar, daß der Mensch auf eine ganz andere Weise heute zur Kenntnis von Dantes «Göttlicher Komödie» käme, als es der Fall ist. Wie kommt denn der Mensch heute zur Kenntnis von Dantes «Göttlicher Komödie»? Entweder dadurch, daß sie ihm vorrezitiert wird, daß er sie hört, also äußerlich in Tönen, die gar nichts zu tun haben mit dem Inhalt der «Göttlichen Komödie», oder daß er sie liest. Wenn er sie liest, hat er in Wirklichkeit nichts vor sich als Zeichen, die nicht das Geringste zu tun haben mit dem Inhalt der «Göttlichen Komödie». Es könnten ja geradesogut auch andere Zeichen sein, theoretisch. Ja, so lernt der Mensch heute den Inhalt eines wertvollen Werkes kennen. Von außen her lernt er ihn kennen durch Rezitieren, aber das Sprechen hat nichts zu tun mit dem Inhalt des Werkes, wie es aus Dantes Kopf entsprungen ist, es ist nur eine äußerliche Vermittlung. Und theoretisch — aber nicht nur theoretisch, sage ich ausdrücklich wäre es auch möglich, daß wir auf eine andere Weise zum Inhalt der «Göttlichen Komödie» kämen: Von innen heraus, indem einfach in einem gewissen Lebensalter der Inhalt in unsere Seele heraufstiege, in unser Wachbewußtsein durch einen Traum. Es ist dies nicht nur theoretisch, sondern es könnte ganz gut sein, wenn die Welt nicht so eingerichtet wäre, daß wir erst durch Maja hindurchgehen müßten. Wenn wir nicht erst durch Maja hindurchgehen müßten, dann wäre nämlich die Sache so: Das, was schon geleistet ist, sagen wir von Homer, Dante, Plato und so weiter, würden wir eines schönen Tages heraufsteigen sehen wie einen Traum. Wir brauchten uns nicht durch eine Vermittlung von außen Kenntnis davon zu verschaffen. Raffael hätte nicht seine Bilder zu malen, sondern sie nur lebendig in seinem Geiste zu fassen gebraucht, und es würden diejenigen, die nachher leben, ohne daß sie etwas anderes bekommen würden als eine Art Direktion hin zu Raffael, sie aus sich selber aufstehen lassen können.

[ 16 ] Das, wovon ich Ihnen erzähle, ist gar nicht einmal eine Hypothese, sondern auf dem Mond verhielt es sich so mit uns, da wurde alles so vermittelt. Da war es wirklich so. Auf dem Mond lernte man nicht lesen, da erstand alles aus dem Inneren heraus. Es mußte einmal dagewesen sein; dann aber stieg es aus dem Innern heraus. Aber frei konnte man nicht sein. Man war ganz und gar wie ein Automat der Vorzeit. Die Vorzeit ließ alles in einem erstehen. Eine freie Persönlichkeit konnte man da nicht werden. Nicht deshalb erlangen wir unsere Kenntnisse, damit wir eine überflüssige Wiederholung machen dessen, was doch schon draußen ist, sondern damit wir freie Persönlichkeiten werden. Nur dadurch, daß wir uns erhärten an dem, was zunächst gar nichts zu tun hat mit dem, wozu wir kommen, dadurch werden wir zur freien Persönlichkeit. Und das ist der Fortschritt von der Mondenzeit zur Erdenzeit, daß wir dazumal eben keine freien Wesen waren, sondern alles in uns als Imagination heraufstieg. Und jetzt müssen wir nach außen gelangen. Und dadurch, daß wir im Anschauen nun den geistigen Prozeß durchmachen, der darin besteht, daß wir lesen oder hören, dadurch werden wir zu freien Persönlichkeiten. Wenn man sagt, daß der Mensch sich seine Erkenntnisse erwirbt um der Erkenntnis willen, so ist das nicht ganz richtig. Der Mensch erwirbt sich seine Erkenntnisse, damit er ein freies persönliches Wesen wird. Das ist das eine, was wir ins Auge fassen wollen.

[ 17 ] Das andere, was wir ins Auge fassen wollen, kann durch eine weitere Frage eingeleitet werden. Es kann die Frage entstehen: Ja, wozu denn überhaupt diese Wiederholungen der Außenwelt durch unsere Begriffe und Vorstellungen? Wozu denn das eigentlich? Warum wiederholt denn der Mensch in seinen Gedanken und Vorstellungen überhaupt noch einmal die Außenwelt, das kann doch die Außenwelt gar nicht interessieren, daß wir sie wiederholen! — Sie merken den Gedanken am genauesten, wenn Sie Ihr Denken auf das Folgende hinlenken: Ein Mensch ist da. Wenn er in der Jugend ermordet worden wäre, wäre er nicht da. Dadurch, daß er da ist, lebt außer dem, daß die Welt da ist, seine Erfahrungswelt in seinem Innern, gewissermaßen eine Wiederholung, ein Bild der Welt. Das könnte aber ganz fehlen, wenn er in der Jugend ermordet worden wäre. Das Außere würde sich dadurch nicht ändern. Wenn er eingreift, dann ist das etwas anderes, aber die Außenwelt, für die ist das, was in unserem reinen Erkennen lebt, nur eine reine Wiederholung. Wären wir Automaten und würden von außen her angeregt, auch noch das zu tun, was wir als Menschen zwischen Geburt und Tod vollbringen, dann würde unsere Erkenntnis vollständig überflüssig sein. Wir würden also noch das tun, was durch uns geschehen muß, und wir hätten in der Erkenntnis eine ganz überflüssige Parallelerscheinung. Daraus aber können Sie sich die Vorstellung bilden, daß der Mensch in seiner Erkenntnis etwas mit sich trägt, das zu der Natur, zu dem Universum eigentlich hinzukommt, und es kann der Natur, dem Universum ziemlich gleichgültig sein, daß da noch so etwas hinzukommt. Die Natur könnte sich ebensogut Automaten machen, die nicht mit Gedanken und Begriffen das, was vorgeht, verfolgen. Denn es ändert schließlich draußen nichts, ob wir die Ereignisse der Welt verfolgen, ob wir mit unseren Gedanken und Begriffen Abbilder schaffen oder nicht. Wenn Sie durch einen Photographenapparat eine Gegend aufnehmen, so ist außer der Gegend noch das Bild da, aber der Gegend ist es höchst gleichgültig, ob das Bild da ist oder nicht. Etwas ganz Ähnliches liegt eigentlich unseren Vorstellungen zugrunde. Sie kommen hinzu. Warum ist denn nicht die Natur so eingerichtet? — könnte man fragen. Wir alle, die wir uns schon so gewöhnt haben an das Denken, denen das Denken so liebgeworden ist, wir stellen diese Frage nicht mehr, weil uns das Denken etwas Gewohntes ist wie das Essen und Trinken; deshalb ist für uns diese Frage nicht vorhanden. Aber Sie wissen, wie viele Menschen draußen in der Welt sind, die ganz froh wären, wenn sie nicht zu denken brauchten, wenn sie wie Maschinen arbeiten könnten, denen das Denken zu schwer ist, die eigentlich jeden Gedanken fliehen. Nun, das ist wieder der Ausdruck der Frage: Ja, warum hat denn die Natur die Menschen nicht so veranlagt, daß sie das Denken nicht in ihrem Besitz haben? Einen Teil dieser Frage haben wir ja schon beantwortet. Die Menschen werden durch ihr Denken freie Persönlichkeiten. Aber solch eine Frage beantwortet sich immer auf mannigfaltige Weise. Es ist nicht das einzige, was uns zum Verständnis führen kann.

[ 18 ] Nehmen wir an, wir wären so organisiert, daß wir als Kinder geboren würden, der Himmel gibt uns unseren Kopf, die Erde gibt uns unseren Leib, durch die Wesenheiten der Hierarchien, der Angeloi, Archangeloi und so weiter würden wir hingestellt, würden dasjenige tun, was wir zu tun haben, wir würden aber nicht dadurch, daß wir innerlich ein Seelenleben entwickeln mit all seinen Schmerzen und Qualen, das es oftmals bildet, abstrapaziert werden. Nehmen wir an, wir wären so; dann würde etwas Bedeutsames die Folge sein. Wir könnten nur dann so sein, wenn wir nur einmal geboren würden und einmal sterben würden, wenn es nicht wiederholte Erdenleben geben müßte. Eine Pflanze, welche wächst, ohne in der Blüte eine Frucht zu entwickeln, lebt einmal. Im Keime kann sie sich fortentwickeln. Dadurch, daß wir ein Seelenleben entwickeln, entwickeln wir den Keim für das nächste Erdenleben. Da drinnen liegt der Keim. Würden wir kein Seelenleben entwickeln mit den Erkenntnissen, würde unser Leben mit unserem irdischen Tode sein Ende haben müssen. Also nicht bloß eine Wiederholung dessen, was draußen ist, sondern die Zukunft tragen wir in uns, indem wir unser Seelenleben erkenntnismäßig gestalten. Das ist so bedeutsam. Alles das, was wir außer dem Erkenntnismäßigen an uns und mit uns tragen, das ist gewissermaßen so, daß die Vergangenheit an uns gearbeitet hat. Alles das, was wir an Erkenntnismäßigem in uns entwickeln, das stellt dar den realen Keim des Zukünftigen. In unserem Erkenntnismäßigen entwickelt sich in uns der reale Keim des Zukünftigen.

[ 19 ] Und nun will ich einen Gedanken zum Schlusse anschlagen, der der Leitgedanke unserer nächsten Vorträge sein wird, die uns dann in wichtige Regionen des menschlichen Welt-Seins führen werden.

[ 20 ] Wir tragen also in uns alles das, was unsere Erkenntnis ist, sei es das naivste Erkennen, sei es das abstrakte Erkennen — so furchtbar unterschieden sind die beiden nicht, man schätzt das nicht richtig ein —, wir tragen das in uns, tief unter der Oberfläche, aber übersinnlich, denn der Inhalt der Erkenntnis ist natürlich etwas Übersinnliches. Es ist in Wirklichkeit eine Summe von Kräften, die in uns ruht. Wir gehen durch die Pforte des Todes, was geschieht alsdann? Nun, ich habe es ja oftmals beschrieben, was geschieht, aber ich möchte jetzt vom Gesichtspunkt dieser Kräfte aus es noch einmal beschreiben. Wir bestehen als Menschen aus dem Leib und aus dem Kopf. Unser Kopf, er mag Ihnen noch so wertvoll sein, aber es gilt doch das von ihm: unser Kopf hat eigentlich «vertan». Ich rede immer von den Kräften, nicht von den äußeren Formen, und Sie können natürlich den Leib des Menschen verwesen lassen oder verbrennen, die Kraftform bleibt vorhanden, die zergeht nicht, die bleibt draußen vorhanden, auch das dem Körper zugrunde liegende Geistige. Aber der Kopf, der verschwindet. Es hilft nichts, Sie mögen ihn, wie gesagt, für ein noch so wertvolles Glied des Organismus halten, mit dem Kopf ist es nach dem Tode nichts Besonderes. Das bezieht sich selbstverständlich nicht auf den Seeleninhalt, sondern auf die äußere Form des Kopfes. Denn was eigentlich jetzt für den Himmel wichtig wird bei dem Durchgang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist dasjenige, was Sie im letzten Erdenleben erst von der Erde bekommen haben: der übrige Leib. Der wird mit seinen Kräften in einen neuen Kopf umgewandelt in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Hier haben Sie den Kopf, da haben Sie den übrigen Leib. Dieser Kopf war ein Leib in Ihrem früheren Leben; Ihr jetziger Leib wird ein Kopf in Ihrem nächsten Leben. Und die Kräfte, die Sie im jetzigen Leben durch Ihren Kopf entwickeln, die wandeln die Kräfte Ihres Leibes zu einem neuen Kopf fürs nächste Leben um. Der Leib wird Ihnen von der Erde dazugegeben. Und der Kopf, den Sie jetzt tragen, das ist Ihr umgewandelter Leib aus dem vorigen Leben, denn Metamorphose gilt überall im Leben. Nicht nur, daß das Pflanzenblatt sich in das Blütenblatt verwandelt, nicht nur die Metamorphose der untersten Gestalt gilt, sondern die Metamorphose gilt auf alle Fälle. Ihr Leib ist ein noch nicht gewordener Kopf, Ihr Kopf ist ein umgewandelter Leib.

[ 21 ] Also diesen Gedanken möchte ich anschlagen. Sie tragen jetzt Ihren Kopf an sich. Die Phrenologen studieren den Kopf nach seinen Formen, aber diese Phrenologie hat keinen großen Wert, wenn sie nicht auf Initiation beruht, weil jeder seinen eigenen Kopf hat. Es ist schon nicht anders — der Kopf ist das Erbe seines Leibes vom vorhergehenden Leben. Der Kopf jedes Menschen ist vom Kopf jedes anderen Menschen verschieden, und die typischen Eigenschaften, die man herausfindet, sind im Grunde genommen nur grobe Feststellungen. Denken Sie, daß dieser wunderbare Zusammenhang besteht: Der Mensch ist eine Doppelnatur, aber außer dem, daß er eine Doppelnatur ist, trägt er Vergangenheit und Zukunft auch schon in seiner äußeren Gestaltung an sich. Die Reinkarnation ist mit Händen zu greifen an unserem Haupte, denn was wir am Haupte geformt finden, es ist das Ergebnis des vorhergehenden Lebens. Der Kopf, den wir im nächsten Leben tragen werden, wird die Umwandlung unseres Leibes sein. Metamorphose ist überhaupt etwas, was dem Dasein zugrunde liegt, wenn man dieses Dasein in seinen Tiefen betrachtet. Man kann, wenn man solche Dinge überblickt, wie wir sie jetzt auseinandergesetzt haben, tief, tief hineinschauen in das Werden, in das Sein der Weltenwesen, der Menschheitswesen. Und ich wollte diesen Gedanken, der wie gesagt das Leitmotiv bilden wird der nächsten beiden Vorträge, anschlagen: wie hinüberwirkt die eine Inkarnation in die nächstfolgende, wie herüberwirkt auch die vorhergehende Inkarnation in die jetzige, indem eine Metamorphose besteht zwischen der Körperlichkeit des Menschen und der Kopflichkeit des Menschen, wenn ich so sagen darf.