Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Rätsel des Menschen
Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte
GA 170

28 August 1916, Dornach

Dreizehnter Vortrag

[ 1 ] Ich mußte in den Vorträgen, die ich gehalten habe, mancherlei sagen, was paradox genannt werden könnte, was mit Recht auch gegenüber dem Materialismus der Gegenwart paradox klingen mag. Aber so ist es ja: Erkenntnisse aus dem Gebiete von jenseits der Schwelle beziehen sich auf ein anderes Gebiet der Welt, vielleicht sagen wir besser auf eine andere Form der Welt, als dasjenige ist, in welchem die sinnenfälligen Tatsachen liegen, die heute von dem, was sich Wissenschaft nennt, allein betrachtet werden wollen. Erinnern wir uns an einzelne Dinge, von denen gesprochen werden mußte. Erinnern wir uns daran, daß wir ausführen konnten, in welcher Art auf den Weltzusammenhang des Menschen das Äußere der menschlichen Gestalt hinweist: Wie das Haupt des Menschen in seiner Formung, in seiner ganzen Gestaltung — also der Kopf, so wie er ist — erstens ein Gebilde ist, das innerhalb desErdenlebens gar nicht veranlagt werden und entstehen konnte, das ein Ergebnis der Mondenkräfte ist, das aber auch so, wie es im Speziellen, im Individuellen geformt ist, bei jedem einzelnen Menschen ein Ergebnis seiner vorhergehenden Inkarnation ist, und daß hinwiederum das, was außer dem Kopf menschlicher Leib ist, gewissermaßen in der Vorbereitung ist, Kopf zu werden in der nächsten Inkarnation. So daß wir in der Form des menschlichen Hauptes einen Hinweis haben auf eine vorhergehende Inkarnation; in demjenigen, was wird aus dem menschlichen Leib, einen Hinweis haben auf die nächste Inkarnation des Menschen. Es schließt sich wirklich so die menschliche Gestalt unmittelbar an die vorhergehende und die nächstfolgende Inkarnation an. Wenn man so den Menschen betrachtet, so weist er also auf einen großen Weltenzusammenhang hin.

[ 2 ] Sie wissen, daß jene Rudimente, die geblieben sind aus älteren, weisheitsvolleren Zeiten, den Menschen in bezug auf seine äußere Gestalt in Beziehung setzen zu den zwölf Tierkreisbildern. Ohne daß selbstverständlich hier das Wort geredet werden soll dem dilettantischen Charakter, den gerade heute vielfach das astrologische Forschen hat, darf doch aufmerksam darauf gemacht werden, daß hinter dieser Zuteilung der menschlichen Gesamtgestalt zum Weltenall tiefe, bedeutsame Geheimnisse stecken.

[ 3 ] Sie wissen, daß die Astrologie zuteilt das Haupt des Menschen dem Widder, den Halsteil mit dem Kehlkopf dem Stier, den Teil mit den Armansätzen und mit dem, was sich in den Armen und Händen zum Ausdruck bringt, den Zwillingen, den Umkreis des Brustkorbes dem Krebs, alles das, was mit dem Herzen zusammenhängt, dem Löwen, das, was sich abspielt im Unterleib, der Jungfrau, Lendengegend der Waage, Sexualgegend dem Skorpion, Oberschenkel dem Schützen, Knie dem Steinbock, Unterschenkel dem Wassermann, Füße den Fischen.

[ 4 ] Da haben wir die Zuteilung des Gesamtleibes des Menschen, einschließlich des Kopfes, an die Kräfte, die im Weltenall walten, und die in einer gewissen Weise zum Ausdruck gebracht werden können, indem man sie symbolisiert durch die Fixsterne des Tierkreises.

[ 5 ] Nun haben wir aber davon gesprochen, daß der Kopf selber eigentlich eine Umformung des ganzen Leibes ist, nämlich des Leibes, wie er in der vorhergehenden Inkarnation war, und daß wir in den Sinnesorganen, die doch ihre repräsentative Vertretung zueinander im Kopfe haben, wiederum eine Zwölfheit zu sehen haben, eine richtige Zwölfheit. So daß wir etwa ein Schema zeichnen können in der folgenden Art:

AltName

[ 6 ] Lassen wir das einmal schematisch den Gesamtleib des Menschen sein (siehe Zeichnung), und würden jetzt zuteilen den Kopf dem Widder, den Hals dem Stier und so weiter, so daß wir den zwölf Sternbildern den Gesamtmenschen zuteilen. Nach dem, was wir nun über den Zusammenhang des gesamten Sinnesorganismus gesagt haben, müssen wir nun das, was hier nur dem einen Sternbild zugeteilt ist, wiederum selber allen zwölf Sternbildern zuteilen. Wir müssen also hier dasselbe wiederholen. Und ich mache Sie aufmerksam auf diese Eigentümlichkeit, die sich geradezu bei allen großen Gesetzen des Universums wiederholt. Wenn man so etwas hat wie eine Zwölfzahl, so gehört immer ein Glied der Zwölfzahl mit zum Ganzen und ist doch wiederum ein selbständiges Glied. Das eine Glied, der Kopf, ist zugeteilt einem Sternbilde und doch wiederum — als Besonderes, Spezielles herausgehoben — allen zwölf Sternbildern. Man müßte, wenn das richtig ist, was so gesagt worden ist, voraussetzen, daß wenn dies der Leib in einer Inkarnation ist, der zum Haupt in der nächsten Inkarnation wird, so müßte also gewissermaßen, was heute der ganze Kopf ist, in der nächsten Inkarnation einem Sinnesorgan dienen. Das, was heute der Kehlkopf ist, das Sprachorgan, mit allem, was sich in seiner Nachbarschaft befindet, das müßte in der nächsten Inkarnation, umgewandelt, metamorphosiert, einem zweiten Sinnesleben dienen; dasjenige, was in den Armen sich ausdrückt, einem dritten Sinnesleben und so weiter. Wie wir stehen in der Welt, würden wir sagen: Umgewandelt, metamorphosiert ist unser ganzer Leib zu einem Haupte in der nächsten Inkarnation, und zwar so regelmäßig, daß die Zwölfheit, die heute in unserem Leibe ist, in der nächsten Inkarnation wiederum in der Zwölfheit des Hauptes erscheinen könnte.

[ 7 ] Man könnte sogar fragen: Gibt es eine Andeutung, daß diese Zwölfheit im Haupte wirklich enthalten ist? — Nun, die meisten von Ihnen werden wissen, daß zwölf Hauptnervenansätze vom menschlichen Haupte ausgehen. Wenn man diese einmal richtig deuten wird — nicht so jämmerlich verworren wie die heutigen Gehirnphysiologen —, so wird man in diesen zwölf Nervenausgängen des Hauptes wiederum erkennen das, was zugeteilt ist dem ganzen Leib in der vorigen Inkarnation. Und man braucht sich nicht aufzuhalten über das Paradoxe, daß zum Beispiel dasjenige, was heute in den Händen ist, einmal erscheinen wird als etwas am Haupte. Man kann sogar im groben solche Sachen vielleicht ganz leicht begreifen. Denn ist nicht dasjenige, was wir in den Händen und Armen haben, wenn wir sie physiognomisch ordentlich betrachten, wahrhaft etwas, das uns jetzt schon gleichsam die Anlage zu den Sprachorganen zeigt? Führen wir mit den Händen und Armen nicht eine beredte Sprache? Warum sollte man denn nicht glauben können, daß das einmal etwas ganz anderes wird, etwas, das sinngemäß auf einer ganz anderen Stufe des Daseins als ein Sinnesorgan des Hauptes sich kundgibt? Und darüber lachen, daß etwa das, was heute in bezug auf unseren Leib sich in den Knien ausdrückt, sich vorbereitet, in seiner Ausbreitung über den ganzen Leib etwa zum Tastsinn zu werden, zum Tastorgan, darüber lachen könnte nur derjenige, der eben keine Ahnung hat von dem, was eigentlich Metamorphose des Daseins ist. Diese Eigentümlichkeit namentlich unserer menschlichen Knie mit diesem wunderbaren Bau der aufgesetzten Kniescheibe, die in einer gewissen Beziehung so empfindlich ist, aber in einer anderen Art als das Tastorgan des ganzen Leibes, dies bereitet sich eben vor, Tastsinn in einer nächsten Inkarnation zu werden. So metamorphosiert sich dasjenige, was an uns ist, und wir sehen durch so etwas in tiefe Geheimnisse des Daseins hinein. Es ist aber schon nötig, um in solche tiefen Geheimnisse des Daseins richtig hineinzusehen, mit Ehrfurcht hineinzusehen, daß wir nicht die Stimmung entwickeln, die heute in der gewöhnlichen Wissenschaft entwickelt wird, die gegenüber dem, was sie sein sollte, eigentlich eine zynische Stimmung ist. Ehrfurcht brauchen wir gegenüber dem Dasein, wenn wir seine Geheimnisse erlauschen wollen. Der heutige Mensch hat seit längerer Zeit schon hereingetragen in alle seine Weltanschauungen seinen furchtbaren Hochmut und Größenwahn. Wenn dieser Größenwahn in einzelnen Charakteren besonders zum Ausdruck kommt, so wundert das denjenigen nicht, der sieht, wie gerade im intellektualistischen und wissenschaftlichen Leben der Menschheit ein heute in der Breite gar nicht bemerkter Größenwahn und Hochmut herrscht.

[ 8 ] In der Geisteswissenschaft habe ich ja schon öfter die Notwendigkeit gehabt, auf diesen Hochmut, der besonders in der neueren Entwickelung der Menschheit sein Unwesen treibt, aufmerksam zu machen. Ofter habe ich davon gesprochen, wie die Menschen schreiben, wenn sie über Menschentaten schreiben. Man lese das, was in den Schulbüchern oder sonst in Werken, die von dem Erfindergeist der Menschheit sprechen, über die Erfindung, sagen wir, des Papieres steht, dieses Papieres, über das man so traurig sein möchte, wenn man sieht, wie vieles darauf gedruckt wird in der neueren Zeit. Aber was reden alles die Menschen über die menschliche Kapazität, die es zu solchen Dingen gebracht hat! Ich habe aufmerksam darauf gemacht, daß das Wespennest aus demselben Stoff besteht, aus richtigem Papier; daß da vor Jahrmillionen elementarische Wesenheiten, die der Wespennestbereitung zugrunde liegen, wahrhaftig vor dem Menschen diese Erfindung schon hatten. Und solches könnte man in tausendfältiger Beziehung sagen. Sehen Sie sich einmal ein Fernrohr an, das in zweifacher Weise drehbar ist, so daß es auf und ab geht, und dann auch gedreht werden kann. Schmick, der sich in mancherlei Weise bemüht hat, auf solche Dinge aufmerksam zu machen, hat schon gerade auf dieses Fernrohr-Beispiel hingewiesen. Sehen Sie sich an, was da der Mensch zustandegebracht hat! Diese Bewegung beim Fernrohr, die zweifach ist: hin und her und auf und ab, die wird hervorgebracht dadurch, daß eine Doppelvorrichtung für die Drehung da ist, eine obere Vorrichtung, die man in der Mechanik als ein Scharniergelenk bezeichnet, und eine untere, die man in der Mechanik als ein Zapfengelenk bezeichnet. Dadurch kann in der richtigen Weise diese doppelte Drehung hervorgerufen werden. Nun würde die Sache töricht sein — was man ja beim Fernrohr leicht ausprobieren kann —, wenn man das umgekehrt machen würde: wenn man das Zapfengelenk an die Stelle des Scharniergelenks und unter das Zapfengelenk das Scharniergelenk setzen würde. Das wäre unvorteilhaft. Man kann das nun preisen als eine tiefbedeutsame Erfindung des Menschen, daß er solch eine Bewegungsvorrichtung erfunden hat. Aber in viel genialerer Weise — wenn ich jetzt das Wort «genial» objektiv gebrauche, nicht subjektiv zunächst tragen Sie alle diese Vorrichtung da hinten, wo der Kopf aufsitzt auf Ihrem Halswirbel: oben ein Scharniergelenk, unten ein Zapfengelenk. Und dadurch sind Sie imstande, den Kopf auf und ab zu bewegen und nach den Seiten hin zu wenden. Sehen Sie, da haben wir genau dasselbe, was Gegenstand des menschlichen Denkens heute ist, im menschlichen Organismus.

[ 9 ] Es gibt überhaupt nichts, was der Mensch erfindet, jemals erfinden wird, was nicht am menschlichen Organismus irgendwie zu finden wäre. Alles ist am menschlichen Organismus zu finden, was der Mensch an mechanischen Einrichtungen ausfindig gemacht hat und noch ausfindig machen wird, alles das, was wirklich beitragen kann zur menschlichen Evolution. Nur das, was zur menschlichen Evolution nichts beitragen kann, findet sich nicht am Menschen, oder es findet sich am Menschen in einer solchen Art, daß es ganz anders eingegliedert ist, als es vom Menschen in seine Evolution eingegliedert wird. Wir können also sagen: Blicken wir zurück in frühe, frühe Zeiten, da mußte einmal die Zeit da sein — es liegt das im Charakter und im ganzen Geist der Evolution —, daß dieser eigentümliche Gelenkmechanismus und eben vieles andere entstand. Und jetzt ist es vorhanden. Und wir werden in der Menschheitsentwickelung — was man so Menschheitsentwickelung nennt, nämlich Menschheitsentwickelung, in welcher der Mensch schon die Gestalt hat, die er jetzt besitzt — zurückgehen und weiter zurückgehen können: wir werden niemals finden, daß diese Anordnung nicht da war. Und wenn sie auf bloß mechanischem Wege hätte entstehen sollen, wie hätte denn das geschehen sollen? Denken Sie einmal, daß dies eine besonders zweckmäßige Einrichtung ist, so zweckmäßig, daß man sie am Fernrohr gut gebrauchen kann. Jede andere Einrichtung wäre unzweckmäßig. Nun soll sich nach einem bekannten Grundsatze des oberflächlichen Darwinismus — des oberflächlichen, sage ich — aus dem weniger Zweckmäßigen das Zweckmäßige herausgebildet haben. Aber worin soll denn das weniger Zweckmäßige zum Beispiel in diesem Fall bestehen? Das weniger Zweckmäßige würde unmöglich machen, daß überhaupt der Mensch, so wie er jetzt ist, lebt. Er würde also nicht in der Weise leben können wie jetzt, und es ist undenkbar, daß man hier von einem Übergang des weniger Zweckmäßigen zum Zweckmäßigen sprechen kann. Auf solche Dinge haben ja immer diejenigen aufmerksam gemacht, welche die notwendigen Gegenwahrheiten entwickelt haben zu den landläufigen, oberflächlich aufgefaßten darwinistischen Wahrheiten.

[ 10 ] Wie wird man sich nun in einer zukünftigen Zeit aufklären über den Zusammenhang des Menschen mit dem Universum? Auch darüber mußte ich schon etwas Paradoxes sagen. Sie erinnern sich, wie ich ausgeführt habe, daß der heutige Glaube, daß der Himmel über sich selber aufklären würde, eine Phrase ist, und daß in Wahrheit die Geheimnisse des Himmels, die man erforschen wird und die der Kopernikanismus so nimmt, als ob der Himmel über sich selber aufklären könnte, daß diese Geheimnisse des Himmels über das Aufklärung geben können, was auf der Erde lebt, und umgekehrt die Geheimnisse der Erde über die Geheimnisse des Himmels.

[ 11 ] So paradox das heute klingt: Man wird in der Zukunft studieren die Entwickelung des Embryo, wie er sich aus der Zelle und seiner Umgebung entwickelt und so weiter, bis zum vollen Menschen. Das, was man da beobachten wird, wird man hinnehmen als eine Enthüllung der großen kosmischen, der universellen Geheimnisse. Und das, was man am Himmel beobachten wird, wird man als Erklärungsprinzip zu betrachten haben für das, was sich hier auf der Erde in Tieren, Pflanzen und Menschen, insbesondere im Embryonalen, abspielt. Der Himmel erklärt die Erde, die Erde den Himmel. Das habe ich auch schon ausgeführt. Es ist ein Paradoxon der heutigen Zeit noch — ein wirkliches, ernstes Erkenntnisprinzip der Zukunft, das erweitert werden muß.

[ 12 ] Heute möchte ich noch sprechen über etwas Ähnliches, ich möchte sagen, ein drittes Paradoxon, das zusammenhängt mit den Betrachtungen, die wir gerade im Anschluß an Goethes «Faust» über Ahriman und Luzifer gepflogen haben. Wir suchen mit einem gewissen Rechte die Manifestationen, die Offenbarungen Luzifers in alledem, was ausgedrückt ist in den menschlichen Emotionen, was in den menschlichen Leidenschaften, Empfindungen und so weiter sich darlebt. Als mehr aus dem Innern heraus wirksam betrachten wir das Luziferische, Als Eva daranzugehen hatte, sich selber schön zu machen, um selber schön zu scheinen, um das Wesen zu sein, das als solches sich selber schön finder und durch seine Schönheit die Versuchung bewirken kann, da mußte eben Luzifer mitwirken. Als das andere eintreten sollte im Laufe der Erdenentwickelung, daß die Söhne der Götter die Töchter der Menschen schön finden sollten, also das Objekt schön finden sollten, da mußte Ahriman wirken. — Um Eva so zu durchdringen, daß sie sich schön fühlte und durch ihre Verführung schön wirken konnte: Luzifer. Damit das Objekt schön befunden werden und wirken konnte von außen als Schönes, dazu war Ahriman notwendig. Das erstere fällt in die lemurische Zeit, das zweite in die atlantische Zeit.

[ 13 ] Nun muß man aber das Ahrimanische und das Luziferische immer genauer und genauer kennenlernen. Ich kann natürlich immer nur einzelnes aus dem Ahrimanischen und Luziferischen charakterisieren. Es muß dann zusammengesucht werden der ahrimanische und luziferische Charakter in ihrer Totalität aus den einzelnen Charakteristiken, die ich Ihnen dazu gegeben habe.

[ 14 ] Vielleicht werden einige von Ihnen ein, man könnte schon sagen, paradoxes Ereignis kennen, das typisch auftritt für diejenigen, die sich so ein wenig bewegen in den Kreisen, wo Okkultismus, Quasi-Okkultismus, okkultistischer Schwindel — nun, und alles das, was eben mit diesen Dingen zusammenhängt, betrieben wird. Da kann eine Erfahrung immer wieder und wiederum gemacht werden. Nehmen wir also an, es gäbe eine okkultistisch sich nennende Gesellschaft mit einigen hervorragenden Zelebritäten. Es sind ja immer in solchen okkultistischen Gesellschaften Zelebritäten, denen geglaubt wird, auf die geschworen wird. Es taucht nun da irgend etwas auf, was verbreitet wird als ein Dogma. Nun, nehmen wir an, es taucht auf als Dogma, diese oder jene Persönlichkeit wäre da, wäre die Verkörperung einer mächtigen überragenden Individualität, hätte etwas geleistet, was sonst Menschen nicht leisten, auf irgendeinem besonderen Wege, sagen wir, große Wahrheiten geschrieben, die in Tausenden und Tausenden von Exemplaren in die Welt hinauswandern und als etwas Großes angesehen werden, obwohl sie vielleicht manchmal nur allgemeine Phraseologie enthalten; aber das macht nichts. Das geschieht ja immer wieder, daß gerade das Oberflächlichste, wenn es mit der nötigen sentimentalen Gemütssauce vorgetragen wird, als das «Allertiefste» von Tausenden und aber Tausenden von Menschen hingenommen wird.

[ 15 ] Wenn so etwas geschieht, kann man oftmals — ich will jetzt nicht einen einzelnen Fall treffen, sondern etwas Typisches meine ich — die Erfahrung machen, daß da verschiedene Leute sind, die sich zunächst dagegen schrecklich aufbäumen, die sagen: Dogmatik wollen wir nicht haben, so etwas ist Unsinn, so etwas wollen wir nicht; niemals glauben wir daran. — Eine Art Feldzug dagegen beginnen sie. Dann kommt irgendeine Zelebrität, welche die Sache vertritt, und trifft mit einem solchen Rebellen zusammen. Man kann nun die Erfahrung machen: in wenigen Stunden ist der Rebell bekehrt, unmittelbar in wenigen Stunden bekehrt, und wird der wütigste Anhänger. Manchmal dauert es überhaupt nicht einmal Stunden, sondern vielleicht nicht einmal eine ganze Stunde. Diese Dinge können immer wieder erlebt werden. Und erlebt werden kann es, daß dann die Menschen kommen und fragen: Ja, wie kommt es denn? Die oder der — es sind wirklich nicht bloß «die’s», sondern es sind tatsächlich auch oftmals «der’s», wahrhaftig — waren doch eben noch ganz klar denkend über diesen Fall, und kaum sind sie in kurzem Gespräch gewesen mit dieser okkultistischen Zelebrität, so sind sie wie umgewandelt, sie glauben jetzt an alles.

[ 16 ] Es sitzen hier schon Menschen, die wissen, daß diese Dinge vorgekommen sind. Ist es in einem solchen Falle geschehen, daß wirklich Überzeugung bewirkt worden ist? Nein, von dem, was man im gewöhnlichen Leben hier für das Wachbewußtsein Überzeugung nennt, kann in einem solchen Fall gar nicht die Rede sein. Die Sache muß vielmehr ganz anders verstanden werden. Und um sie zu verstehen, betrachten wir für einen Augenblick den Charakter Ahrimans.

[ 17 ] Sehen Sie, eine der Haupteigentümlichkeiten des Ahriman ist diese, daß er eigentlich jenes unbefangene Verhältnis, das der Mensch, wie er hier auf der Erde lebt, zur Wahrheit hat, gar nicht kennt. Ahriman kennt dieses unbefangene Verhältnis zur Wahrheit nicht, wo man anstrebt, Wahrheit einfach als Übereinstimmung einer Vorstellung mit einer Objektivität zu haben. Das kennt Ahriman nicht. Darum ist es ihm gar nicht zu tun. Durch die ganze Stellung, die ich ja schon öfter charakterisiert habe, die Ahriman hat im Weltenall, ist es ihm wirklich höchst gleichgültig beim Bilden einer Vorstellung, ob diese übereinstimmt mit der Wirklichkeit. Ihm, Ahriman, handelt es sich bei alledem, was er für sich als Wahrheit — wir würden es im menschlichen Zusammenhang nicht Wahrheit nennen —, aber was er für sich als Wahrheit ausbildet, immer um Wirkungen. Es wird nicht etwas gesagt, um mit etwas anderem übereinzustimmen, sondern um zu wirken. Dies oder jenes wird gesagt, damit es diese oder jene Wirkungen hervorbringt.

[ 18 ] Also, ahrimanisch wäre es, wenn ich jemandem dies oder jenes sagen wir in bezug auf den Bau — sagen würde, wobei es mir ganz gleichgültig wäre, ob es wahr ist oder nicht, wenn ich dadurch nur bewirken wollte, daß der Betreffende dies oder jenes unternimmt, wenn ich weiß: wenn ich ihm dies sage, so unternimmt er dieses oder jenes.

[ 19 ] Ich glaube, Sie werden sich vorstellen können, daß es dieses geben kann, daß man ausdenkt irgend etwas, wobei es gleichgültig ist, ob es mit der Objektivität übereinstimmt oder nicht, aber was man so behandelt, daß es eine bestimmte Wirkung hat beim Menschen, der es hört. — Im Kleinen gibt es ja allerlei dergleichen unter Menschen. Man könnte da an mancherlei erinnern, aber denken Sie doch nur einmal, was alles die Tanten sagen, die sich den Kuppelpelz einmal bei irgendeinem verdienen wollen, wo sie zwei Leute zusammenkuppeln wollen und nun über die beiden Leute sagen, daß es die Braut, daß es der Bräutigam tue! Es kommt ihnen wirklich nicht darauf an, daß die Dinge stimmen, sondern, daß unter dem Einflusse dessen, was sie sagen, eben der Kuppelpelz verdient wird. Das ist nur ein ganz kleines exemplarisches Beispiel! Selbstverständlich gibt sich Ahriman nicht mit solchen kleinen Beispielen ab. Aber ich meine, wir haben natürlich für alles ein Analogon im menschlichen Leben.

[ 20 ] Also bei Ahriman handelt es sich bei allen seinen Aussagen um Wirkungen. Und er formt seine Aussagen so, daß er mithelfen kann, wenn es sich um die Mitteilung solcher Dinge handelt. Nun denken Sie sich, daß es für Ahriman günstig wäre, auf der Erde eine Anzahl von Menschen zu erzeugen, die an etwas Bestimmtes glauben, an das glauben, wovon ich gerade vorhin gesprochen habe. Wenn nun jemand so weit in die Geheimnisse des schlechten Okkultismus eingeweiht ist und durch seine Art von Einweihung keine Neigung hat, an Stelle dieses Okkultismus den richtigen zu stellen, dann kann er eben erlauben Sie diese paradoxe Wendung —: sich mit Ahriman so verbinden, daß er jemandem eine Wahrheit beibringen kann, die ahrimanisch ist, die also im menschlichen Sinne keine Wahrheit ist — die wirken soll! Und das liegt immer zugrunde dem, was ich eben beschrieben habe, wo in einer ganz kurzen Stunde jemand, der ganz rebellisch war, durch ahrimanische Künste suggeriert wird. Im Bunde mit Ahriman kann man schon auch das einem anderen Menschen beibringen, daß er glaubt, daß in dieser oder jener menschlichen Persönlichkeit diese oder jene überragende Individualität inkarniert sei. Man muß nur die Künste kennen, Wahrheiten so hineinzuwerfen in irgendein Lebensgebiet — in diesem Falle in die Menschheit —, daß man nur ihre Wirkung berechnet, nicht ihre Übereinstimmung mit der Objektivität.

[ 21 ] Solche Dinge werden in vielen Gemeinschaften getrieben, die sich okkultistisch nennen. In vielen solchen Gemeinschaften, die sich okkultistisch nennen, handelt es sich durchaus nicht darum, Vorstellungen nur zu entwickeln, die in Übereinstimmung mit der Objektivität sind, sondern Dinge zu sagen, die ganz bestimmte Wirkungen erzielen — nach der einen oder anderen Richtung hin.

[ 22 ] Gewiß, es kann auch Menschen geben, die so dumm und töricht sind, daß sie — ohne daß die ahrimanischen Künste unmittelbar durch einen Menschen angewendet werden — gleichsam unbewußt ahrimanische Impulse aufnehmen, Aber es gibt schon das in der Menschheit, daß ahrimanische Künste, das heißt direkt Künste, die im Bündnisse mit Ahriman bewirkt werden, wirklich geübt werden. Und für unsere Zeit sind diese Dinge, die aus dem Menschenbündnis mit Ahriman hervorgehen, von ganz besonders großer Bedeutung. Denn vieles von dem, was seit langer Zeit in der Menschheit geschieht, geschieht in einer Art, die man nur verstehen kann, wenn man die Geheimnisse kennt, auf die hier in zarter Weise hingedeutet worden ist.

[ 23 ] Für Ahriman handelt es sich also darum, daß er nie sieht auf die Zusammenstimmung einer Vorstellung mit der Objektivität, sondern auf die Wirkung, auf das, was erreicht werden kann.

[ 24 ] Für Luzifer handelt es sich um etwas anderes. Andere Eigenschaften hat Luzifer. Nun, wir haben schon auf sie hingewiesen. Aber wir wollen jetzt auch in bezug auf Luzifer eine besondere Eigenschaft hervorheben, damit wir diese Dinge immer besser und besser kennenlernen. Sehen Sie, auch bei Luzifer handelt es sich nicht um das Zusammenstimmen irgendeiner Vorstellung mit der Objektivität, radikal niemals, sondern darum, daß diejenigen Vorstellungen entwickelt werden, die möglichst viel Bewußtsein im Menschen hervorbringen. Also verstehen Sie mich wohl darinnen: die möglichst viel, möglichst intensives Bewußtsein, ein möglichst ausgebreitetes Bewußtsein im Menschen hervorbringen. Dieses ausgebreitete Bewußtsein, an dem Luzifer sein Interesse hat, ist ja zugleich verknüpft, wenn es hervorgebracht wird, mit einer gewissen inneren Wollust des Menschen. Und dieses Wollüstige ist wiederum Luzifers Gebiet. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich für die atlantischen Zeiten darauf aufmerksam gemacht habe, daß bis zu einem gewissen Zeitpunkte alles Sexuelle unbewußt vor sich gegangen ist. Schöne Mythen der verschiedenen Völker weisen hin auf diesen unbewußten Charakter des sexuellen Vorgangs in der älteren Zeit. Er ist erst im Laufe der Zeit ins Bewußtsein hereingeholt worden. Luzifer hat wesentlich Anteil daran, daß das Unbewußte hier in das Bewußte und immer Bewußtere hereingeholt wird. Dieses: außer der dazu bestimmten Zeit, außer dem rechten Zeitenzyklus Bewußtsein im Menschen hervorzurufen, also über etwas Bewußtsein hervorzurufen, wo dieser Grad des Bewußtseins eigentlich in einem anderen Zeitpunkte richtig entwickelt würde, das ist Luzifers Bestreben. Luzifer will gar nicht den Menschen so ohne weiteres auf etwas Äußeres gerichtet sein lassen. Er will, daß alles, was ins Bewußtsein wirkt, von innen wirkt; daher alles visionäre Leben, das nur gleichsam von innen herausgepreßt wird, luziferischen Charakter hat. Lernt man Luzifer kennen, wie man ihn ja kennenlernen muß, weil er selbstverständlich mit seinen Wirkungen immer an die richtige Stelle gesetzt werden muß, weil man es mit geistigen Wirkungen im Weltenall zu tun hat, so wirkt auf einen ganz besonders scheußlich, daß Luzifer gar nicht das geringste Verständnis hat für harmloses Ergötzen des Menschen an Äußerem. Dieses harmlose Ergötzen an dem, was von außen kommt, dafür hat Luzifer nicht das geringste Verständnis. Verständnis hat er für das, was durch alle möglichen inneren Dinge angefacht wird. Luzifer hat großes Verständnis dafür, daß jemand in sich eine Leidenschaft hervorruft, der er frönt, die ihm Wollust bereitet, so daß möglichst ins Bewußtsein gerufen wird das, was sonst unterbewußt bleibt. Aber trotz seiner Weisheit — denn Luzifer hat Ja natürlich eine hohe Wetsheit — kann er nicht verstehen einen harmlosen Witz, den jemand, durch irgendein äußeres Ereignis hervorgerufen, macht, Das liegt ganz außerhalb des Gebietes des Luzifer. Und man kann geradezu sich gegen luziferische Bestürmungen, die er ja sehr leicht unternimmt, dadurch schützen, daß man versucht, in dem zu leben, was auf harmlose Weise ergötzt, auf harmlose Weise von außen herein den Menschen unterhält. Das kann er gar nicht leiden, Luzifer. Wenn man Freude hat an einer guten Karikatur, das ärgert Luzifer ganz entsetzlich.

[ 25 ] Ja, so sind schon die Zusammenhänge, die sich enthüllen, wenn man aus dem Dinglichen der sinnlichen Welt in das Gebiet eintritt, das jenseits der Schwelle liegt, wenn man in diejenige Sphäre kommt, wo alles eben nicht den Charakter der Dinge hat wie in der physischen Welt, sondern den Charakter der Wesen hat, des Lebendigen hat. Schon wenn man in die elementare Welt eintritt, hat alles den Charakter des Lebendigen. So sehen Sie, daß man gewissermaßen sagen kann: Sowohl Ahriman wie Luzifer ist die Übereinstimmung der Vorstellung mit der Objektivität gleichgültig. Bei Ahriman handelt es sich um die Wirkung bei dem, was er sagt, bei Luzifer handelt es sich um die Ausbreitung der Bewußtheit in der menschlichen Natur von dem, was eigentlich nicht bewußt werden sollte in einer gewissen Lage, was außerhalb des rechten Zeitenzyklus liegt und verknüpft ist mit einer gewissen inneren Wollust.

[ 26 ] Auf diese beiden Arten lassen sich nämlich Dinge erzielen, die sich nicht erzielen lassen, wenn man bloß auf das baut, was Übereinstimmung ist der Vorstellung mit der Objektivität. Und so, wie in schlecht okkultistischen Kreisen das Bündnis mit Ahriman gesucht wird aus Gründen, die ich vorhin charakterisiert habe, so wird in diesen schlecht okkultistischen Kreisen das Bündnis mit Luzifer gesucht, wobei versucht wird, auf den Menschen zu wirken so, daß man in wollüstiger Weise bei ihm ein Schauen hervorruft, also von innen heraus angefacht ein Schauen hervorruft.

[ 27 ] Was so in schlecht okkultistischen Kreisen bewußt hervorgebracht wird, was eingegangen wird als ein Bündnis mit Ahriman und Luzifer, das wird natürlich auch dadurch geübt, daß ins Unbewußte der Menschen Ahriman und Luzifer hineinwirken. Und vieles von dem, was kritisierend gesagt werden muß über den Charakter gerade des fünften nachatlantischen Zeitraums, wie er sich jetzt entfaltet in der großen Welt draußen, muß auch in dieser Art auf ahrimanische und luziferische Impulse zurückgeführt werden. Daß so vieles gesagt wird, was direkt verlogen oder gelogen ist, daß aber auch so vieles gesagt wird, nicht deshalb, weil zuerst geholt wird die Berechtigung, etwas zu sagen aus der Übereinstimmung mit der Objektivität, sondern weil man es sagen will, weil es der Emotion, der Leidenschaft entspricht, das ist darauf zurückzuführen, daß wirklich in chaotischer Weise ahrimanische und luziferische Strömungen gegenwärtig sehr stark die Welt ergriffen haben. Denn wir würden in der heutigen Menschheitsentwikkelung nicht können aus einer Leidenschaft heraus Behauptungen tun, ohne zu untersuchen die Übereinstimmung mit der Objektivität, wenn wir uns nur den guten Mächten überlassen würden. Der atlantische Mensch und der nachatlantische höchstens bis in die Mitte der vierten nachatlantischen Periode hinein konnte noch aus seinem Inneren heraus Wahrheiten in Übereinstimmung mit der bezeichneten Objektivität finden. Aber das, wissen wir ja, ist verlorengegangen. Es ist ja gerade unser Zeitenzyklus da, damit die Menschheit lernen kann, die Außenwelt zu beobachten, die Außenwelt zu untersuchen, und nicht aus den Leidenschaften heraus sich Behauptungen zu formen.

[ 28 ] Wenn also heute dennoch Wahrheiten geformt werden aus dem Inneren heraus, ohne daß gesucht wird die Übereinstimmung mit der Außenwelt, so ist das eine luziferische Strömung, die sich verschwistert mit ahrimanischen Strömungen, wobei das eine nicht ein richtiges Bewußtsein, das andere Gelogenheit oder Verlogenheit erzeugt. — Und sehr, sehr verbreitet ist das, was hier bezeichnet wird, schon in der Gegenwart. Denn es ist heute vielen Seelen das rechte Bewußtsein abspenstig gemacht worden von dem, was überhaupt Übereinstimmung ist der Vorstellung mit der Objektivität. Es wird gar nicht gesucht in dieser Richtung. Und wenn versucht wird, gerade diese Übereinstimmung der Vorstellung mit der Objektivität zu finden, dann versteht man das gar nicht, dann sieht man das von vielen Seiten als etwas an, was, ja, was eigentlich — man kann schwer ein Wort dafür finden —, was überraschend ist, daß es so getan werden kann. Gerade am wenigsten findet man in den Kreisen dann Zustimmung, wenn man versucht, solche Charakteristiken der Wirklichkeit zu geben, die sich stützen auf das, was da ist, die einfach die Dinge der Welt nehmen und sie in der Vorstellung wiederholen. Das versteht man zuweilen sehr wenig. Man versteht gar nicht, daß das etwas anderes, etwas ganz radikal anderes ist als das, was jemand macht, wenn er gerade diese oder jene Leidenschaft hat, sei es persönliche Leidenschaft, sei es nationale Leidenschaft, und nach dieser Leidenschaft einfach seine Behauptungen formt. Aber da liegt der radikale Unterschied, den man heute noch gar nicht bemerkt. Man formt vielfach Behauptungen nach dem, wie man schon denkt, nach der Richtung seines Denkens, und sieht dabei nicht, ob solche Behauptungen mit den Tatsachen übereinstimmen. Aber darauf kommt es heute an, daß unsere Behauptungen mit den Tatsachen übereinstimmen. Denn sonst können wir niemals hoffen, in eine Epoche überzugehen, wo die geistige Welt in der richtigen Weise angesehen werden kann. Eignen wir uns nicht in der physischen Welt eine Gesinnung für Tatsächlichkeit an, so werden wir sie nicht finden können für die geistige Welt. In der richtigen Weise sich in die geistige Welt hineinleben zu können, muß angeeignet werden hier in der physischen Welt. Deshalb sind wir in die physische Welt hereingestellt, wo wir angewiesen sind, die Übereinstimmung der Vorstellung mit der Objektivität zu suchen, damit wir dieses uns aneignen, damit dieses eine Gewohnheit werde, und wir dieses hineintragen können in die geistige Welt.

[ 29 ] Wie viele Menschen machen aber heute Behauptungen, bei denen ihnen gar nichts daran liegt, ob sie mit der Objektivität übereinstimmen, nur aus der Emotion heraus. Das bewegt sich gerade in der gegenteiligen Richtung von der, wohin sich die Welt bewegen muß, wenn die Menschheit vorwärtsschreiten will. Und wirklichkeitsgemäßes Denken ist gerade unserem materialistischen Zeitalter unter dem charakterisierten Einfluß in so furchtbarer Weise abhanden gekommen, wirklichkeitsgemäßes Denken ist heute so selten zu finden. Und wenn wirklichkeitsgemäßes Denken einmal in ehrlicher Weise angestrebt wird, dann stößt es zusammen mit allem, was heute unwirklichkeitsgemäßes Denken ist. Sie sehen es ja in einer furchtbaren Weise daran, daß immer wieder und wiederum von den Zusammenstößen unserer anthroposophischen Bewegung mit unwirklichkeitsgemäßem Denken gesprochen werden muß, weil die Tatsachen einmal da sind, und weil man schließlich nicht schweigen kann, wenn man es ehrlich mit dieser Bewegung meint.

[ 30 ] Sie sehen an diesen Zusammenstößen des wirklichkeitsgemäßen Denkens, das erstrebt wird, mit dem wirklichkeitsfeindlichen Denken — in dem Sinne feindlich, wie es charakterisiert worden ist —, um was es sich heute handelt, wenn man Wahrheit vertreten will. Gewiß mußte in allen Zeiten derKampf aufgenommen werden mit den widerstrebenden Mächten; aber man muß ihn auch für jede Zeit wiederum in seiner besonderen Form, in seiner besonderen Metamorphose kennenlernen. Auch das Pharisäertum ist nicht ausgestorben, es findet sich heute nur in einer anderen Form. Und mit jener Klarheit vorwärtskommen, wie es nötig ist, werden wir nur, wenn wir diesen Unterschied zwischen wirklichkeitsgemäßem Denken und wirklichkeitsfeindlichem Denken eben wirklich verstehen.