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The Rudolf Steiner Archive

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Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171

17 September 1916, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Wir haben gestern versucht, gewissermaßen die Charakteristik zu geben der Kräfte, welche das Griechentum und das Römertum durchdrangen, um daraus eine Anschauung darüber zu gewinnen, was weiter wirksam geworden ist aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum herüber in den fünften nachatlantischen Zeitraum, und wir haben einiges angedeutet davon, wie dieses Herüberwirken, dieses Sich-Weiterergießen der Kräfte des vierten nachatlantischen Zeitraums in den fünften hinein sich zeigte. Ich möchte nun, daß Sie Ihre Aufmerksamkeit noch einmal zurücklenken auf die Art und Weise, wie wir das Griechentum, wie wir das Römertum charakterisieren konnten.

[ 2 ] Das Griechentum, so wie es sich entwickelt hat, war eine große Enttäuschung für diejenigen Mächte, die man die luziferischen Mächte nennen kann. Es ist ja natürlich, daß man diese Dinge sozusagen nur aus der imaginativen Erkenntnis heraus geben kann, und so wollen wir es auch heute halten. Also eine große Enttäuschung war das Griechentum, wie es sich entwickelt hat, denn die luziferischen Mächte haben etwas ganz anderes erwartet vom Griechentum. Bedenken wir nur einmal, daß das Griechentum, als der vierte nachatlantische Zeitraum, in der nachatlantischen Zeit den luziferischen Mächten hätte gewissermaßen das bringen sollen, was sie für sich als luziferische Mächte angestrebt haben während der atlantischen Zeit. Die luziferischen Mächte haben gewisse Tätigkeiten, Kräfteeinwirkungen entfaltet während der atlantischen Zeit. Sie haben für sich die Früchte wiederholentlich erwartet in der vierten nachatlantischen Kulturepoche. Was haben sie denn eigentlich erwartet? Wenn man so etwas bespricht, kommt man zu einer Anschauung des Inneren der luziferischen Seele. Man lernt kennen dieses luziferische Leben, das besteht in fortwährenden Anstrengungen in gewissen Zeiträumen, in der Erwartung, daß diese Anstrengungen ihren Erfolg haben, und in immer neuen Enttäuschungen. Gewiß, ein sogenannter menschlicher Logiker könnte sich sagen: Warum geben die luziferischen Mächte ihr Streben nicht auf, da sie ja die Schlußfolgerung ziehen können, daß sie immer wieder enttäuscht werden müssen? — Ein solcher Schluß wäre eben auch menschliche Weisheit, nicht luziferische Weisheit. Es haben das eben die luziferischen Mächte bisher jedenfalls nicht getan, sondern sie vergrößern immer wieder ihre Anstrengungen, nachdem sie immer neue Enttäuschungen erlebt haben.

[ 3 ] Was haben die luziferischen Mächte erwartet gerade von dem vierten nachatlantischen Zeitraum? Sie haben erwartet, daß sie sich in diesem Zeitraum bemächtigen können all der Seelenkräfte des griechischen Volkes, welche darauf hinausliefen, die alten Imaginationen der chaldäisch-ägyptischen Zeit in die Phantasieschöpfung hereinzunehmen. Die luziferischen Mächte haben angestrebt, so stark auf die Menschen der griechischen Kultur zu wirken, daß diese verfeinerten, ich möchte sagen, bis zur Phantasie destillierten Imaginationen mächtig erfüllt hätten das ganze Wesen des Griechen, so daß der Grieche gewissermaßen ganz aufgegangen wäre in einer Seelenwelt, in einem alltäglichen Denken, Fühlen, Wollen, das ganz bestanden hätte in feinen, eben bis zur Phantasieanschauung verfeinerten Imaginationen. Wenn der Grieche nichts anderes in seiner Seele entwickelt hätte als diese verfeinerten Phantasieimaginationen, wenn er sich ganz erfüllt hätte mit diesen verfeinerten Gefühlsimaginationen, dann hätten die luziferischen Mächte den Menschen, diesen griechischen Menschen, und damit nachziehend einen großen Teil der Menschheit überhaupt, herausheben können aus der irdischen Evolution und in ihre luziferische Welt einfügen. Das war die Absicht der luziferischen Mächte. Es war auch die Hoffnung der luziferischen Mächte seit der alten atlantischen Zeit, das zu erreichen in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum, was während der Atlantis selber nicht gelungen war: die Einverleibung der Menschheit in den Kosmos auf der Stufe, die da die Menschheit erreicht hatte. Nichts Geringeres wollten die luziferischen Mächte, als für sich eine Welt schaffen, eine aparte, abgesonderte Welt, in welcher ohne die Erdenschwere, mit vollständiger übersinnlicher Leichtigkeit, die Menschenwesen wohnten, indem sie ganz aufgehen in dieser aparten luziferischen Welt in einem Phantasieleben.

[ 4 ] Also einen planetarischen Körper zu schaffen mit solchen Wesen, die aus der Menschheit heraus zu der höchsten Entwickelung des Phantasielebens gekommen sind, das war die Hoffnung der luziferischen Wesenheiten. Und die luziferischen Wesenheiten machten alle Anstrengungen, die Griechen dazu zu bringen, sie als Seelen hinwegzuführen von der Erde. Dann würden die Seelen nach und nach die Erde verlassen haben; die Körper, die noch entstanden wären, würden verfallen sein. Ich-lose Individuen würden entstanden sein. Die Erde wäre der Dekadenz entgegengegangen und ein besonderes luziferisches Reich wäre entstanden. Das ist nicht geschehen. Und wodurch ist es nicht geschehen? Es ist nicht geschehen dadurch, daß sich in den sich vergöttlichenden Wahnsinn der griechischen Dichter — um dies platonische Wort zu gebrauchen — hineinmischte die geniale Größe der griechischen Philosophie, der griechischen Weisheit. Seine Philosophen: Heraklit, Thales, Anaximander, Anaximenes, Parmenides, Sokrates, Plato, Aristoteles, sie haben das Griechentum gerettet vor der vollständigen Vergeistigung im Phantasieleben. Sie haben das Griechentum auf der Erde erhalten. Sie sind diejenige Macht, welche die stärksten Kräfte geliefert hat zur Erhaltung des Griechentums innerhalb der Erdenevolution.

[ 5 ] So muß man im Zusammenhange betrachten die hinter der physischen Wirklichkeit liegenden Kräfte, welche die wahren Ursachen sind für das, was geschieht. Auf diese Weise ist also das Griechentum der Erdenevolution erhalten geblieben. Mit Bezug auf diese Aufgabe hätten die luziferischen Wesenheiten ohnehin nichts erreichen können, wenn sie nicht unterstützt worden wären von den ahrimanischen Wesenheiten. Es haben die luziferischen Wesenheiten bei dieser Absicht und bei dieser Hoffnung auch gerechnet auf die Unterstützung der ahrimanischen Wesenheiten. Dieses muß ja immer sein, daß in diesen Wirkungen zwei Kräfte zusammenstreben.

[ 6 ] Ebenso wie die luziferischen Wesenheiten enttäuscht worden sind durch das Griechentum, so sind die ahrimanischen Wesenheiten enttäuscht worden durch das Römertum, wie es sich entwickelt hat. Denn wie ihrerseits die luziferischen Wesenheiten im Griechentum erreichen wollten das, was angedeutet worden ist: ein Hinwegführen der Menschenseelen von dem irdischen Planeten, so wollten auch die ahrimanischen Wesenheiten ihre Arbeit zu diesem Hinwegführen tun. Dazu sollte die römische Kultur eine ganz bestimmte Gestalt annehmen. Im Römertum haben die ahrimanischen Mächte ihre stärksten Kräfte eingesetzt, so wie im Griechentum die luziferischen. Denn die ahrimanischen Kräfte haben darauf gerechnet, daß durch das Römertum auf der Erde eine gewisse Erstarrung entstehe in einem ganz blinden Gehorsam und in einer blinden Unterwerfung unter das Römertum. Was die ahrimanischen Mächte mit dem Römertum wollten, bestand darin, daß sich über die ganze damals bekannte Erde hin ein römisches Reich erstreckte, ein römisches Reich, welches alle menschliche Betätigung in sich fassen sollte, welches mit strengstem Zentralismus und ärgster Machtentfaltung von Rom aus hätte dirigiert werden sollen: gewissermaßen von Europa ausgehend eine große, eine weitverbreitete Staatsmaschine, die zu gleicher Zeit alles religiöse und alles künstlerische Leben aufgenommen und sie sich unterworfen hätte. Eine große Staatsmaschine, ein Staatsmechanismus, in dem beabsichtigt war von seiten der ahrimanischen Mächte, alle Individualität ersterben zu lassen, so daß ein jeglicher Mensch, ein jegliches Volk nur ein Glied in diesem großen Staatsmechanismus gewesen wäre.

[ 7 ] So wenig das Griechentum in den luziferischen Traum einzulullen war wegen der Helligkeit seiner Philosophen, so wenig war aber das Römertum so zum Erstarren zu bringen, wie es die ahrimanischen Mächte gewollt haben. Und den ahrimanischen Mächten wirkte gerade entgegen im Römertum das, was wir gestern angeführt haben als die römischen Ideale; gerade das wirkte zunächst entgegen. Aber das allein hätte gegen Ahriman nicht anstürmen können, was an juristischen, an politischen, an soldatischen Idealen sich entwickelte; denn gerade innerhalb dieser römischen Welt entwickelten die ahrimanischen Kräfte etwas wie einen bedeutsamen großen Versuch als Wiederholung ihres Versuches in der atlantischen Zeit, unendlich starke Kräfte und Mächte. Nur dadurch, daß von einer anderen Seite her das durchbrochen wurde, was die ahrimanischen Mächte mit dem Römertum vorhatten, nur dadurch ist der Ansturm Ahrimans verhindert worden; zuerst verhindert worden durch etwas, was vielleicht gerade so aussieht, als ob man es niedrig taxieren sollte. Das ist aber nicht der Fall. Die Römer brauchten gerade das, was vielleicht, indem es gestern geschildert worden ist, so ausgesehen hat, als ob man es mit Antipathie hätte schildern wollen, die Römer brauchten gerade diese Rücksichtslosigkeit, diesen starren Egoismus, dieses Immerfort-und-fort-Aufrürteln der Emotionalität, um gegen den Ansturm der ahrimanischen Mächte vorgehen zu können. Und die römische Geschichte ist nicht etwa — ich bitte Sie, das ausdrücklich zu beachten — eine Offenbarung ahrimanischer Mächte! Die stehen dahinter: die römische Geschichte ist ein Kampf gegen die ahrimanischen Mächte. Und wenn sie so verworren ist, wenn sie so selbstsüchtig ist, wenn sie so auf Verpolitisierung der Welt gerichtet ist, so ist das deshalb, weil nur auf diese Weise der Mechanisierung Ahrimans Widerstand geboten werden konnte.

[ 8 ] Aber all das hätte nicht viel gefruchtet, aus dem einfachen Grunde, weil das Römertum auch aufgenommen hat das Christentum, und dadurch würde das Christentum im Römertum eine Form angenommen haben, durch die Ahriman erst recht sein Ziel hätte erreichen können, indem er gerade durch die geistige Abdämmerung des ins Papsttum verwandelten Römertums die Mechanisierung der Kultur der neueren Zeit hätte bewirken können. So mußte dem Ahriman, der ja mit viel äußerlicheren Mitteln wirkt als Luzifer, entgegengestellt werden eine andere Macht, auch eine äußerliche Macht. Ahriman hat die Kräfte des Christentums in seinen Dienst verkehrt, wie wir eben gesehen haben. Es mußte ihm eine andere Macht entgegengestellt werden, und die bestand in den anstürmenden Völkern der Völkerwanderung. Dadurch, daß dem Römertum entgegengetreten worden ist in den anstürmenden Völkern der Völkerwanderung, ist verhindert worden, daß jene starre Mechanisierung unter einem alles umfassenden Römerreich eingetreten ist. Studieren Sie die Vorgänge während der Völkerwanderung, so werden Sie sehen, daß Sie eine richtige Einsicht erst gewinnen, wenn Sie diese auffassen als Vorstöße gegen die Mechanisierung in einem allumfassenden römischen Reich. Überall schiebt sich das, was aus der Völkerwanderung kommt, in das Römerreich hinein, nicht um die römische Geschichte aus der Welt zu schaffen, sondern um die hinter der römischen Geschichte wirkende, ja von der römischen Geschichte selbst bekämpfte ahrimanische Macht zurückzudrängen.

[ 9 ] Auf diese Weise ist Ahriman, ist Luzifer enttäuscht worden. Um so bedeutungsvoller wollen sie ihre Aufgabe für den fünften nachatlantischen Zeitraum wieder aufnehmen. Und hier ist der Punkt, wo man zu einem Verständnisse kommt der Kräfte, die in dem fünften nachatlantischen Zeitraum wirksam sind, soweit ein solches Verständnis heute möglich ist.

[ 10 ] Dieser vierte nachatlantische Zeitraum dehnt sich nach hinten und vorn aus. Ungefähr ist sein Ende das Jahr 1413, seine Mitte das Jahr 333 nach Christi Geburt, und etwa 747 vor Christi Geburt ist sein Anfang. Das haben wir ja öfter besprochen. Das sind Zahlen, die ja natürlich heute nur approximativ gelten. Ich sagte nun: Das, was Luzifer und Ahriman nicht erreichen konnten im vierten nachatlantischen Zeitraum, was ihre Enttäuschung war, eben die Gestalt, die das Griechentum und Römertum angenommen hatte, führte sie zum verstärkten Anstreben im fünften nachatlantischen Zeitraum, also vom 15. Jahrhundert an. Und in den menschlichen Kräften, die da wirken seit dem 15. Jahrhundert, sind diese Anstrengungen schon darinnen. Natürlich kommt es nicht darauf an, ob etwas ein paar Jahrzehnte früher oder später auftritt; in der äußeren physischen Wirklichkeit, wo man es ja mit der großen Täuschung zu tun hat, verschieben sich die Dinge zuweilen etwas. Daß das Römertum, so wie es erhalten worden ist, für die Entwickelung der Menschheit erhalten werden konnte, wird also verdankt den Ereignissen der Völkerwanderung. Denn hätte sich das Römertum so entwickelt, daß ein großes, umfassendes, mechanisiertes Weltenreich entstanden wäre, so wäre dieses Weltenreich nur möglich zu bewohnen gewesen von jenen Ich-losen Menschen, die auf der Erde hätten zurückbleiben sollen, nachdem die luziferischen Geister die Seelen auf dem Wege des Griechentums hinausgebracht hätten.

[ 11 ] Sie sehen also, wie Ahriman und Luzifer zusammenarbeiten. Die Menschenseelen will Luzifer heraus haben und einen eigenen Planeten mit ihnen begründen; Ahriman mußte nun ihn unterstützen dadurch, daß, während Luzifer gewissermaßen den Saft aus der Zitrone heraussaugt, Ahriman ihn herausdrückt, indem er das, was zurückbleibt, verhärtet. Und das versuchte er im Römischen Reiche zu tun. Sie sehen da einen mächtigen, umfassenden kosmischen Prozeß, der sich entwickelt hat, der aber beabsichtigt war von den ahrimanischen und luziferischen Mächten. Wie gesagt, diese waren enttäuscht. Sie haben ihre Anstrengungen weiter fortgesetzt, und der fünfte nachatlantische Zeitraum wird schon noch merken und verstehen lernen, wie stark diese Anstürme sind, die ja erst ihren Anfang genommen haben, und die, weil immer im Anfang eines Zeitraumes die Anstürme, die von den zurückbleibenden Wesen ausgehen, am geringsten sind und dann immer mächtiger werden, und wie daher auch die Notwendigkeit, diese Anstürme zu verstehen, immer größer und größer wird. Schon vor Ablauf des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes haben die luziferischen und ahrimanischen Mächte begonnen, ihre Kräfte einzusetzen, wenn auch die Manifestation, die Offenbarung dieses Einsetzens erst später herausgekommen ist.

[ 12 ] Will man verstehen, wie in dem fünften nachatlantischen Zeitraum diese Anstürme wirken, so muß man ein wenig das Augenmerk auf das richten, was in der gerecht fortlaufenden Menschheitsentwickelung mit dem Menschen selber beabsichtigt ist. Mit dem Menschen selber ist beabsichtigt, daß er wiederum ein Stück vorschreitet, als Menschengeschlecht vorschreitet in der Gesamtentwickelung. Wie die Menschheit als solche vorwärtsgekommen ist im vierten nachatlantischen Zeitraum, das zeigt ja die Kulturentwickelung der Griechen, das zeigt die politische Entwickelung der Römer. Es ist gerade durch den Kampf gegen Luzifer und Ahriman das zustande gekommen, was hat zustande kommen sollen; denn immer werden die Kräfte dieser Mächte so gewendet, daß sie gewissermaßen in den fortgehenden Weltenplan hineinpassen, daß man sieht, sie gehören dazu. Man braucht sie als widerständige Kräfte. Also, welche Fähigkeiten sollten die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraums, unseres Zeitraums, besonders entwickeln? Wir wissen ja, daß es sich um die Entwickelung der Bewußtseinsseele handelt, allein diese muß sich wiederum zusammensetzen aus einer Reihe von Kräften, Seelenkräften, körperlichen Kräften. Das erste, was entwickelt werden muß, wenn der Mensch richtig auf der Erde bleiben soll, das ist ein wirkliches reines Anschauen der Sinnenwelt. Ein solches reines Anschauen der Sinnenwelt war in den früheren Zeiträumen nicht da, weil immer in das menschliche Seelenleben das Visionäre, das Imaginative hereinspielte, bei den Griechen noch die Phantasie. Aber nachdem die Phantasie die Menschheit soweit ergriffen hatte, wie sie im griechischen Leben eben sie ergriffen hat, da wurde notwendig, daß die Menschen die Fähigkeit entwickelten, unbehelligt durch eine dahinterstehende Vision die äußere Naturwirklichkeit anzuschauen. Wir brauchen uns dabei nicht vorzustellen, daß das materialistische Weltbild damit gemeint ist; dieses materialistische Weltenbild ist schon ein ahrimanisch verzerrtes Anschauen der Sinneswirklichkeit. Aber, wie gesagt, die Sinneswirklichkeit ordentlich zu beobachten, das war die eine Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraums.

[ 13 ] Die andere Aufgabe der Menschenseele ist diese: neben der reinen Anschauung der Wirklichkeit zu entwickeln freie Imagination, in einer Beziehung eine Art Wiederholung der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Darinnen ist der fünfte nachatlantische Zeitraum noch nicht sehr weit. Freie Imaginationen müssen entwickelt werden, wie sie gesucht werden durch die Geisteswissenschaft, also nicht gebundene Imaginationen, wie sie der dritte nachatlantische Zeitraum hatte, nicht zur Phantasie destillierte Imaginationen, sondern freie Imaginationen, in denen man sich so frei bewegt, wie sich der Mensch sonst nur in seinem Verstande frei bewegt. Daraus, daß diese zwei Fähigkeiten entwickelt werden, wird sich ergeben das rechte Entwickeln der Bewußtseinsseele des fünften nachatlantischen Zeitraums.

[ 14 ] Goethe hat sehr schön empfunden das reine Anschauen, das er im Gegensatz zum Materialismus bezeichnet hat mit seinem Urphänomen. Sie können in Goethes Schriften und in meinen Erklärungen dazu über dieses Urphänomen viel gesprochen finden. Es ist die reine Anschauung der Wirklichkeit, dieses Urphänomen. Aber Goethe hat nicht nur den ersten Anstoß gegeben zu einer visionsfreien sinnlichen Beobachtung im Urphänomen, sondern er hat auch den ersten Anstoß gegeben zur freien Imagination; denn gerade das, was wir in seinem «Faust» gefunden haben, wenn es auch noch nicht weit ist in geisteswissenschaftlicher Beziehung, wenn es auch noch in gewisser Weise instinktiv nur im Verhältnis zur Geisteswissenschaft ist, es ist doch der erste Anstoß des freien imaginativen Lebens, denn es ist nicht bloß eine Phantasiewelt. Wir haben gesehen, wie tief wirklich diese Phantasiewelt ist, die in freien Imaginationen in diesem wunderbaren Faust-Drama entwickelt wird. So allerdings haben wir dem Urphänomen gegenüber das, was Goethe das typische intellektuelle Anschauen nennt. Sie können in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» darüber Genaueres lesen. Das muß sich immer weiter und weiter ausbilden. Auf der einen Seite muß der fünfte nachatlantische Zeitraum in der Wirklichkeit nicht nur anschauen, sondern mit der Wirklichkeit leben können, so daß er abseits von den materialistischen Physikern so wie Goethe etwa hantiert in seinem physikalischen Kabinette, um die Instrumente so zu gebrauchen, daß sie ihm die Urphänomene geben. So muß man sich eine Hantierung auch in bezug auf das praktische Leben denken, welche dieses praktische Leben mit dem Urphänomen durchdringt, welche also in der Natur so zu Hause ist, daß die Natur von dem Urphänomen aus beherrscht wird, und eingeschlossen in dieses Urphänomen der Natur müssen werden die Intentionen des Menschengeschlechtes, die aus der freien Imagination kommen. Auf der einen Seite gewissermaßen selbstlos den Blick auf die Außenwelt zur Erkenntnis und zur Arbeit zu richten, und auf der anderen Seite das Ganze selbst mit stärkster Einsetzung der Persönlichkeit in innerliche Regung und Bewegung zu bringen, um die Imaginationen zu finden für die äußere Tätigkeit und äußere Erkenntnis, das wird die Bewußtseinsseele und das Kulturleben der Bewußtseinsseele nach und nach in die Wirklichkeit verwandeln.

[ 15 ] Einseitigkeiten werden sich selbstverständlich innerhalb dieses Kulturzeitraumes entwickeln. Die Erkenntnis wird nur nach der Außenwelt streben wie im Baconismus, oder sie wird nur nach dem Inneren streben wie im Berkeleyismus. Davon haben wir gesprochen. Dieses imaginative Leben, welches aus dem Inneren des Menschen hervorquellen will, wird sich unter allerlei Störungen entwickeln. Aber wir können doch schon hinweisen auf gewisse Punkte der Entwickelung, in denen dieser oder jener Mensch fühlt, wie aus der Seele gerade dieses imaginative Leben hervorkommt, dieses freie imaginative Leben. Anfangs ist es noch sehr wenig frei, sehr gebunden; aber beachten wir, wie ein in seiner Art so bedeutsamer Mensch wie Jakob Böhme, kurz nachdem der fünfte nachatlantische Zeitraum begonnen hat, schon fühlt, wie das imaginative Leben in seiner Seele sich herausentwickeln will. Er spricht es deutlich aus in seiner «Aurora», wie er fühlt, daß das imaginative Leben in ihm arbeitet. Frei muß es erst werden; er fühlt es noch etwas unfrei, aber er fühlt, daß da das Göttlich-Schöpferische in ihm wirkt. Und so ist er in gewissem Sinne der Gegenpol zu dem Baconismus, der da anstrebt, in einseitiger Weise nur auf die Außenwelt den Blick zu richten. Jakob Böhme ist ganz in der Innenwelt beschäftigt und beschreibt in der «Aurora» schön:

[ 16 ] «Ich sage vor Gott» — weil er von seinem Innern spricht, sagt er so —, «daß ich selber nicht weiß, wie mir damit geschieht» — indem die Imaginationen in ihm aufgehen —; «ohne daß ich den treibenden Willen habe, weiß ich auch nichts, was ich schreiben soll.» So spricht er vom Aufgehen der Imaginationen; das ist der Anfang von Kräften, die immer mehr und mehr die Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitraums überkommen müssen, die da Jakob Böhme spürt. «Ich sage vor Gott, daß ich selber nicht weiß, wie mir damit geschieht; ohne daß ich den treibenden Willen habe, weiß ich auch nichts, was ich schreiben soll. Denn so ich schreibe, diktiert es mir der Geist in großer wunderlicher Erkenntnis, daß ich oft nicht weiß, ob ich nach meinem Geist in dieser Welt bin und mich des hoch erfreue, da mir denn die stete und gewisse Erkenntnis wird mitgegeben.»

[ 17 ] Das Hereinströmen der imaginativen Welt beschreibt er. Wir sehen, er fühlt sich harmonisch ruhig in seiner Seele und beschreibt, wie normalerweise im gerechten Fortgange der Entwickelung die Menschenseelen von diesen inneren Kräften sich sollen ergreifen lassen. Diese Kräfte sollen über die Menschenseele kommen im fünften nachatlantischen Zeitraum; aber sie sollen ergriffen werden im reinen geistigen Inneren. Sie sollen nicht irgendwelche irrtümliche Wege nehmen. Ungefähr so über diese Kräfte im 17. Jahrhundert müßte man reden, wie Jakob Böhme redet, dann redete man als ein ganz nur der göttlichen allgemeinen Gerechtigkeit hingegebener Mann von diesen Kräften. Daß weder die eine Art von Kräften, das reine Anschauen der Urphänomene, noch die andere Art von Kräften, die Entwickelung der freien Imaginationen, die nicht in Visionen bestehen, sondern die eben freie Imaginationen sind, aufkommen, daß diese Kräfte in der Menschenseele möglichst gestört werden, möglichst dazu verwendet werden, um nun wiederum die Menschheit als Seele hinauszubringen aus dem Erdenplan und mit ihnen einen besonderen Plan zu begründen, das ist nun die Wirkensart der luziferischen und ahrimanischen Mächte in dem fünften nachatlantischen Zeitraum.

[ 18 ] Vieles muß ja zusammenwirken, damit die richtige Entfaltung, die ruhige und langsame Entfaltung gestört werde. Hören Sie wohl: ich sage nicht nur die ruhige, sondern die ruhige und langsame Entfaltung, denn es soll ja der ganze Zeitraum von 1413 an durch 2160 Jahre ungefähr dazu verwendet werden, um diese Kräfte, die ich angeführt habe, freie Imaginationen und Urphänomene beziehungsweise urphänomenale Arbeit, nach und nach zu entwickeln. Stoßweise, mit allen möglichen widerstrebenden Kräften, wirken nun die luziferischen und ahrimanischen Mächte dagegen. Wenn wir nur ins Auge fassen wollen, daß das, was geschieht, immer lange vorbereitet wird von der außerirdischen Welt, dann wird es uns nicht unverständlich sein, daß Vorbereitungen getroffen worden sind, um recht, recht starke Gegenwirkungen gegen die normale Evolution der Menschheit zu bewirken. Wir haben ja gesehen, daß schon ins Griechentum und Römertum die luziferischen und ahrimanischen Mächte das hineingegossen haben, was sie in der atlantischen Zeit entwickelt haben. In einer veränderten Form versuchten sie nun diese Anstrengungen zu wiederholen schon vor dem fünften nachatlantischen Zeitraum für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum. Sie werden es also jetzt nicht unbegreiflich finden, wenn ich sage, daß notwendig war ein starker Anstoß mit Nachwirkungen, luziferisch-ahrimanischen Nachwirkungen der Atlantis auch für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum. Wir wissen ja, daß die atlantischen Wirkungen ausgestrahlt sind von dem, was ja Plato bereits kennt als die Atlantis. Wir wollen es einmal schematisch so machen, daß wir etwa die Atlantis uns hier denken (siehe Zeichnung); dann würde hier das europäische, asiatische Gebiet sein, und hier würde das amerikanische Gebiet sein. Davon strahlten also aus die alten arlantischen Kräfte, auch die alten atlantischen luziferischen und ahrimanischen Kräfte.

[ 19 ] Nun wurde von diesen etwas zurückbehalten, um als luziferische und ahrimanische Mächte zu wirken im fünften nachatlantischen Zeitraum, und zwar auch von den guten Kräften etwas zurückbehalten, von den in der atlantischen Zeit berechtigten Kräften etwas zurückbehalten, was jetzt auch luziferisch und ahrimanisch ist. Nur wurde der Mittelpunkt nach einem anderen Punkte der Erde verlegt. Die Atlantis ist ja fort. Der Mittelpunkt wurde nach Asien hinüber verlegt, so daß Sie also sich vorstellen würden auf der abgekehrten Seite desjenigen, was ich da schematisch gezeichnet habe, in Asien drüben, von da ausstrahlend Nachwirkungen der alten atlantischen Kultur als Vorbereitung für den fünften nachatlantischen Zeitraum, ihn zu luziferisieren und zu ahrimanisieren. Es waren im wesentlichen Nachkommen der alten atlantischen Lehrer, welche nun wirkten von einem Punkt in Asien drüben. Ein Priester war dazu erzogen worden, das, was man in der alten Atlantis gesehen hat, nachträglich zu schauen, zu schauen das, was der Atlantier nannte den Großen Geist, und von diesem Großen Geist Aufträge zu empfangen. Und diese Aufträge teilte der mit diesen Aufträgen initiierte Priester einem jungen, außerordentlich starken, tatkräftigen, tüchtigen Menschen mit, der durch diese Aufträge dann innerhalb seiner Gemeinschaft den Namen «Der große Beherrscher der Erde» erhielt, Dschingis-Khan. Und der Große Geist hatte durch seinen Nachfolger, auf dem Umwege durch diesen Priester, an Dschingis-Khan den Auftrag gegeben, alles, was aufzubringen war an Mächten in Asien, dazu zu verwenden, um auszubreiten das, was den fünften nachatlantischen Zeitraum zurückführen konnte in eine luziferische Gestaltung. Diese starken Kräfte, die noch viel stärker waren als die im Griechentum einsetzenden, die wurden aufgewendet von dieser Seite her. Von dieser Seite her sollten alle freien Imaginationen verwandelt werden in alte Imaginationen, in visionäre Imaginationen. Es sollte in der stärksten Weise gearbeitet werden, die Seele des Menschen ganz einzulullen in dämmerndes Erleben der Imaginationen, nicht in freies, von der Vernunft durchtränktes Erleben der Imaginationen. Die Absicht bestand, mit den besonderen Kräften, die da aus der Atlantis herein erhalten waren, so nach dem Westen zu wirken, daß die Kultur des Westens eine visionäre Kultur geworden wäre. Dann hätte man die Seelen abtrennen und einen besonderen Kontinent, einen besonderen planetarischen Körper mit ihnen bilden können. Alle Unruhen, welche durch die Mongolenstürme und alles das, was damit zusammenhängt, in die Entwickelung der neueren Menschheit gekommen sind und was fortgewirkt hat im fünften nachatlantischen Zeitraum, nachdem sie vorbereitet waren schon früher, alle diese Unruhen bedeuten den großen, von Asien ausgegangenen Versuch, die europäische Kultur zu «vervisionieren», um sie abzutrennen von den Bedingungen der fortlaufenden Evolution, um sie gewissermaßen hinwegzuführen von der Erde. Der Osten empfand sehr wohl immer wieder und wiederum dieses Durchvisionieren, dieses Entfremdenwollen von der Erde.

[ 20 ] Dem mußte ein Gegengewicht geschaffen werden. Und dieses Gegengewicht war zunächst eines, das in die normale Entwickelung der Menschheit gehört. Es mußte also gegenüber dem, was unter dem Einflusse des Priesters des Dschingis-Khan hat bewirkt werden sollen, die «Erleichterung» des Menschengeschlechts, um es hinwegzuführen von der Erde, es mußte ein Erdenschwere-Gegengewicht geschaffen werden. Und dieses wurde dadurch geschaffen, daß die westliche Welt, daß Amerika gefunden wurde mit all dem, was Amerika barg, und dadurch Erdenschwere, Lust, auf der Erde zu bleiben, für die Menschen geschaffen worden war. Die Entdeckung Amerikas und alles, was damit zusammenhängt, überhaupt das Sich-Hineinleben in die materiellen Schauplätze der Erde, das bedeutete, von großen Gesichtspunkten aus gesehen, das Gegengewicht gegen die Tätigkeit des Dschingis-Khan. Amerika sollte entdeckt werden, um die Menschen dahin zu bringen, mit derErde mehr zusammenzuwachsen, materieller und materieller zu werden, damit sie Schwere habe, ein Gegengewicht gegen die Spiritualisierung, die durch dieNachkommen des Großen Geistes angestrebt war.

[ 21 ] Aber auf der anderen Seite setzten gleichzeitig mit diesem normalen Prozeß des Ausdehnens des Menschheitsschauplatzes über Amerika wiederum die anderen, die ahrimanischen Mächte des Großen Geistes ein. Ein Zug ging von dort herüber nach Europa, der andere aber von Asien nach der anderen Seite herüber und durchsetzte Amerika, so daß durch das Entdecken Amerikas sich nicht nur die normalen Kräfte entwickelten, sondern von dort her zugleich starke ahrimanische Anstürme kamen, die zunächst noch schwach einsetzten — sie werden schon weiter einsetzen, sie müssen nur erkannt werden —, in der Form, daß gerade die Evolution, welche das Römertum in der Kirche und im kirchlichen Staate erreicht hatte, von diesem ahrimanischen Einsatz erfaßt wurde. Während es verhältnismäßig leicht zu sagen ist, wie der luziferische Einfluß über dem Dschingis-Khan gewirkt hat, indem man eben ganz genau weiß, daß ein Priester initiiert worden ist von dem Nachkommen des Großen Geistes, ist es viel schwerer zu sagen, weil es in Einzelheiten zerfällt, wie der ahrimanische Geist von der anderen Seite wirkte. Aber Sie brauchen nur zu studieren, wie ergriffen wird das katholische, das streng katholische Spanien von all den Goldschätzen, die in Amerika gefunden werden, von all dem, was damit verbunden ist. Studieren Sie gerade jene merkwürdige Nachwirkung, die das alte Römertum als Gespenst in einem solchen Herrscher hat wie in Ferdinand dem Katholischen von Kastilien, oder in Karl V., insofern er Herrscher ist in einem Reich, in dem die Sonne nicht untergeht: Immer wiederum neue Versuche dieses Ausbreitens! Studieren Sie die Beziehungen Europas zu dem aufblühenden, nach und nach entdeckt werdenden Amerika, dann werden Sie sehen, wie von da die Versuchungen kommen. Es ist im ganzen eine Versuchungsgeschichte, zugleich hineinverwoben in eine Geschichte, die in normalen Bahnen verläuft.

[ 22 ] Ich bitte Sie nur, durchaus nicht zu erzählen, daß ich heute etwa die Entdeckung Amerikas als eine ahrimanische Tat hingestellt habe, sondern ich habe das Gegenteil davon gesagt. Ich sagte, daß Amerika entdeckt werden mußte, gefunden werden mußte, daß das ganze notwendig war im fortschreitenden Weltengang, nur daß sich hineingemischt haben ahrimanische Kräfte, die Anstürme sind gegen das, was im fortschreitenden Weltengang geschehen sollte. Die Dinge sind nicht so einfach in der Wirklichkeit, daß man sagen kann: Da ist Luzifer, da ist Ahriman, und so verhalten sich Luzifer und Ahriman, und so verteilen sie die Welt. So verhalten sich die Dinge nicht.

[ 23 ] So also sehen wir das Zusammenwirken vieler Kräfte, die wir versuchten zu belauschen auf ihrem Felde hinter dem physischen Plan. Alle diese Kräfte bemächtigten sich wieder anderer. Sie suchen sich dessen, was hereinragt an Menschenkräften aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum, zu bemächtigen und es in ihrer Art zu verzerren, es in ihren Dienst zu stellen. Sie brauchen nur zu studieren eine solche Begleiterscheinung der Renaissance, wie es Machiavelli ist, dann werden Sie ein menschliches persönliches Symbolum finden für diese ganze Art, die da beginnt, die Politisierung des Gedankenlebens. Machiavelli ist geradezu ein Ausdruck, eine Offenbarung dieser Politisierung des Gedankenlebens, ein großer, gewaltiger Geist, aber ein Geist, der unter dem Ansturm der Mächte, von denen ich gesprochen habe, ganz die Gesinnungen erneuert, die aus dem heidnischen antiken Römertum kommen. Wenn wir wirklich die Geschichte studieren, wie Machiavelli nicht eine einzelne Persönlichkeit, ein einzelner Mensch ist, sondern nur der besonders signifikante Ausdruck für viele so Denkende, dann sehen wir die Dinge recht. Da sehen wir das, was schnell vorwärtsstürmen, was mit den hinterlassenen atavistischen Kräften, also luziferischen Kräften, schnell vorwärtsstürmen will. Wäre es nach Machiavellis Sinn gegangen, so wäre schon ganz Europa verpolitisiert. Solchen Kräften, die wie im Sturm wirken, wirken dann die normal wirkenden entgegen. Einer solchen rein politischen und alles menschliche Denken zum Politischen machenden Figur, wie es der Machiavelli ist, können wir eine Persönlichkeit, die fast Zeitgenosse war, gegenüberstellen: den Thomas a Kempis, der ganz in der langsamen, allmählichen Entwickelung drinnensteht und der ein ganz und gar nicht politischer Geist ist, der langsam und allmählich wirkt.

[ 24 ] Und so können wir diese einzelnen Strömungen verfolgen. Wir werden normale finden; wir werden solche finden, die aus früheren Zeiten hereinströmen und benützt werden von den Kräften, die wir angeführt haben. In der Geschichte wirken viele Kräfte zusammen. Man muß durchaus seinen Blick auf diese Zusammenhänge richten. In einem solchen Menschen wie Jakob Böhme finden wir, wie er die freie Imagination aufsprießen fühlt. Man könnte sagen: Jakob Böhme ist eine solche Persönlichkeit, die durch die ganze Art ihres Seelenlebens sehr stark es dahin gebracht hat, nicht gestört zu werden durch die luziferischen und ahrimanischen Anstürme und den geraden Weg der Evolution zu gehen.

[ 25 ] Dagegen können Sie im Osten Europas, in der östlichen Kultur zahlreiche Persönlichkeiten finden, die gar sehr leiden unter der luziferischen Störung, unter der Störung, die dahin geht, immer wieder und wiederum wegzuholen den Menschen von der Erde, von dem physischen Leib, immer wieder und wiederum zu verfallen in eine Lage, in eine Situation, die den ganzen Menschen wie in eine Vision von sich selber verwandelt, also ihn ganz zu verseelen. Das ist die Tendenz, die dem Osten Europas eingeimpft worden ist. Dem Westen Europas ist dafür viel mehr das Verspüren des Gezogenwerdens nach der anderen Seite eingeimpft worden, des Hingezogenwerdens der imaginativen Welt zu der Körperschwere, zu der physischen Schwere, um das, was freie Imagination werden soll, zu etwas zu machen, was nicht bloß in der Seele wirkt, sondern was im Organismus wirkt, was die Seele hineinstopft in den Organismus und dadurch den Organismus mitleben läßt an den Imaginationen. Man kann kaum prägnanter das, was ich da meine, ausdrücken, als es Alfred de Musset getan hat, um seinen eigenen Seelenzustand zu charakterisieren. Musset ist eine von denjenigen Persönlichkeiten, die imaginatives Leben in sich verspürten, aber die den Ansturm gegen dieses imaginative Leben fühlten, jenen Ansturm, der dahin ging, dieses imaginative Leben hineinzustopfen in die Körperlichkeit. Da drinnen wird dieses imaginative Leben, weil es dahin nicht gehört, weil es frei in der Seele schwebend sich entwickeln soll, von Erdenschwere und von all dem, was nur körperlich ist, ergriffen, während es seelisch verlaufen soll. «E}e et lui», das Buch, das George Sand aus ihren Beziehungen zu Musset geschrieben hat, das enthält gerade eine schöne Selbstbeschreibung des Seelenlebens Mussets, und einige Sätze möchte ich daraus mitteilen, aus denen Sie sehen werden, wie er selbst sich drinnenstehen fühlt in einem solchen angefochtenen imaginativen Leben. Es sagt Musset: «Die Schöpfung verwirrt mich und läßt mich erzittern. Die für meinen Wunsch stets zu langsame Ausführung erregt mir furchtbares Herzklopfen, und weinend, nur mit Mühe laute Schreie zurückhaltend, gebäre ich eine Idee — sie berauscht mich im Augenblicke, und am anderen Morgen ekelt sie mich an. Forme ich sie um, so wird es noch schlimmer, sie entschlüpft mir; besser ich vergesse sie und erwarte eine andere. Aber diese andere überkommt mich so verworren und so unermeßlich, daß mein armes Wesen sie nicht fassen kann. Sie drückt und quält mich, bis sie realisierbar geworden ist, und dann stellen sich die anderen Leiden, die Geburtswehen ein, wahrhaft physische Schmerzen, die ich nicht definieren kann. So vergeht mein Leben, wenn ich mich von diesem Riesenkünstler, der in mir ist» — nehmen Sie den Gegensatz zu Jakob Böhme, der den Gott in sich spürt; er einen Riesenkünstler, der in ihm ist — «beherrschen lasse. Es ist also besser, daß ich lebe, wie ich mir vorgenommen habe zu leben, daß ich Exzesse jeder Art begehe, um diesen nagenden Wurm zu töten, den andere bescheiden «Inspiration», den ich ganz offen «Krankheit nenne.»

[ 26 ] Fast in jedem Satze ein Parallelsatz zu dem, was ich Ihnen als Jakob Böhmeschen Ausspruch mitgeteilt habe, aber auch ungemein charakteristisch. Erinnern Sie sich, wie ich vorhin gesagt habe: Langsam will wir werden darauf noch morgen zu sprechen kommen — die normal fortschreitende Entwickelung gehen; hier wilder Anstoß, darum ist ihm das nicht schnell genug. Und er beschreibt es selber. Es ist eine wunderbare Selbstschau, die er da gibt. Er sagt: «Die Schöpfung verwirrt mich und läßt mich erzittern», weil immer das Schneller-gehenWollen von ahrimanischer Seite hineinstürmt in das, was langsam gehen will. «Die für meinen Wunsch stets zu langsame Ausführung erregt mir furchtbares Herzklopfen»: da haben Sie die ganze Psychologie des Menschen, der in freien Imaginationen leben will und von aufstoßenden ahrimanischen Kräften gestört wird. «Und weinend, nur mit Mühe laute Schreie zurückhaltend» — denken Sie, so physisch wirken in ihm die Imaginationen, daß er schreien möchte, wenn sie sich in ihm äuBern — «gebäre ich eine Idee — sie berauscht mich im Augenblicke, und am anderen Morgen ekelt sie mich an.» Weil sie statt aus der Seele aus dem Organismus herkommt! «Forme ich sie um, so wird es noch schlimmer, sie entschlüpft mir; besser ich vergesse sie und erwarte eine andere.» Weil er immer schneller will, schneller als die normale Entwickelung gehen kann. «Aber diese andere überkommt mich so verworren und so unermeßlich, daß mein armes Wesen sie nicht fassen kann. Sie drückt und quält mich, bis sie realisierbar geworden ist, und dann stellen sich die anderen Leiden, die Geburtswehen, ein, wahrhaft physische Schmerzen, die ich nicht definieren kann.» Und deshalb, sagt er, möchte er lieber, indem er hinblickt auf diesen Riesenkünstler, der in ihm wirkt, das Leben so führen, wie er es sich vorgenommen hat, nämlich nichts zu tun zu haben mit all dieser imaginativen Welt; denn er nennt das eine «Krankheit».

[ 27 ] Dagegen nehmen Sie den Jakob Böhmeschen Satz: «Ich sage vor Gott, daß ich selber nicht weiß, wie mir damit geschieht.» Das ist Seligkeit zum Ausdrucke gebracht. Verwirrt ist es zum Ausdrucke gebracht, wenn gesagt wird: «Die Schöpfung verwirrt mich und läßt mich erzittern. Die für meinen Wunsch stets zu langsame Ausführung erregt mir furchtbares Herzklopfen.» Bei Jakob Böhme alles seelisch! Und wenn er schreiben will, so kommt es ihm so vor, als ob nicht ein Riesenkünstler, der ihn unglücklich macht, sondern ein Geist ihm diktiert, indem er versetzt ist in diese Welt, wo ihm der Geist diktiert; er sei in dieser Welt und sei dessen hocherfreut, da ihm dann stete und gewisse Erkenntnis gegeben wird, stete, langsam verlaufende. Jakob Böhme ist geneigt, die langsam verlaufende Erkenntnis hinzunehmen; dem geht die Sache nicht zu langsam, weil er nicht das, was ich Ihnen als das Schnell-Dahinstoßende beschrieben habe, als ein Beherrschendes fühlt, sondern dagegen geschützt ist.

[ 28 ] So könnten wir immer mehr und mehr Erscheinungen anführen, wenn wir Zeit dazu hätten, die uns zeigen würden, wie die Menschen hineingestellt sind in diesen Prozeß der Welt. Diese Menschen, die ich angeführt habe, sind ja allerdings herausgegriffen als solche, deren Namen die Geschichte erhalten hat. Aber in einer gewissen Weise untersteht die ganze Menschheit, der eine so, der andere so, dieser selben Sache. Man wählt nur solche Beispiele aus, um dasjenige, was in weitem Umkreis lebt, zur Sprache zu bringen, um es charakterisieren zu können an besonderen Beispielen. Und versuchen Sie das, was wir da hingestellt haben, zu überblicken, dann werden Sie gar mancherlei verstehen können, das sich entwickelt hat. Man könnte ja auch auf einige andere Erscheinungen des Lebens eingehen, allein, bleiben wir heute einmal stehen mehr bei dem geistigen Leben, dann noch bei dem besonderen geistigen Leben, bei dem Erkenntnisleben. Da können sich uns ja auf diesem besonderen Gebiete Eigenschaften zeigen, welche die neuere Menschheit charakterisieren, und welche uns manches verständlich machen können. Da es ja nicht möglich ist, viel über das äußere Leben zu sagen — wegen des Vorhandenseins der heutigen Vorurteile und alles dessen, was mit dem Gebundensein der Seele in den heutigen Zeitverhältnissen zusammenhängt —, so ist es ja natürlich auch nur in höchst eingeschränktem Maße mir hier an dieser Stelle möglich, zu sprechen über die Dinge, die da wirken bis in die unmittelbare Gegenwart unserer Tage herein. Das geht nicht, das habe ich schon öfter angedeutet. Aber ich möchte gewissermaßen auf solche Erscheinungen doch hinweisen, die weniger die Emotionen, die weniger die Leidenschaften erregen. Lassen Sie mich zunächst einige Erscheinungen schildern, Erscheinungen des Erkenntnis- und Gefühlslebens, die ich herausgreife, vorläufig jetzt einen Strich machend unter die Betrachtungen, die ich angestellt habe, indem ich Ihnen gezeigt habe, welche Kräfte da wirken in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. Um nun diese einzelnen Erscheinungen hineinzustellen in jene Kräfte, wollen wir sie zunächst historisch einmal anschauen.

[ 29 ] Nehmen wir eine Erscheinung heraus, die uns allerdings in tiefstem Sinne interessieren muß, eine sehr bedeutsame Erscheinung; nehmen wir die Erscheinung, die sich äußert in dem menschlichen Verstehen der Wesenheit des Christus, und nehmen wir naheliegende Erscheinungen des Verständnisses für die Wesenheit des Christus. Da haben wir eine neuere Erscheinung in dem «Leben Jesu» von Ernest Renan, das Anfang der sechziger Jahre im 19. Jahrhundert erschien, rasch viele Auflagen erlebte, ich glaube die zwanzigste Auflage schon im Jahre 1900, nach dem Tode von Ernest Renan. Da haben wir «Das Leben Jesu», das aber eigentlich in Wirklichkeit kein Leben Jesu ist, von David Friedrich Strauß. Und da haben wir — wir können nun nicht sagen: ein Leben Jesu, aber gewisse Anschauungen höchst bedeutsamer Art im Osten Europas; nicht ein Leben Jesu, aber eine Auseinandersetzung über den Christus, die da gipfelt in dem, was Solowjow geschrieben hat über den Christus und sein Eingreifen in die Erdenevolution. Welche bedeutsamen drei Äußerungen des menschlichen Geisteslebens des 19. Jahrhunderts — dieses «Leben Jesu» von Ernest Renan, dieses «Leben Jesu», das aber eigentlich kein Leben Jesu ist, wir werden gleich hören, warum, von David Friedrich Strauß, dieses Eingreifen des Christus in die Erdenentwickelung, wie das Solowjow ausgeführt hat. Wenigstens gipfeln seine Ausführungen in der Christus-Idee.

[ 30 ] Welches ist der Nerv der Renanschen Ausführungen über das Leben Jesu? Wenn Sie das Renansche Buch «Das Leben Jesu» richtig würdigen wollen, das heißt verstehen wollen als ein Dokument der Zeit, dann müssen Sie es vergleichen mit früheren Darstellungen des Lebens Jesu. Sie brauchen nicht einmal bloß auf die literarischen Darstellungen des Lebens Jesu zu blicken, sondern Sie können auf alle Darstellungen auch auf die malerischen Darstellungen — des Lebens Jesu blicken. Denn derselbe Gang sozusagen drückt sich überall aus, den die Darstellung des Lebens Jesu nimmt. In den ersten christlichen Römerzeiten hat man nicht nur das Christentum vom Osten herübergenommen, sondern auch die Darstellung Jesu. Man hat ja griechische Darstellungen gegeben, griechische Verbildlichung, und es ist dem Osten geblieben die Fähigkeit, Christus darzustellen. Das byzantinische Jesus-Gesicht ist ja auch im Westen immer wieder und wiederum dargestellt worden aus dem Römertum heraus, bis dann etwa vom 13. Jahrhundert ab sich zum ersten Mal die später in einer solchen Weise, wie ich das in diesen Tagen auch schon angedeutet habe, sich auslebenden Nationalideen, Nationalimpulse aufgekommen sind, wo dann aus dem nationalen Impuls allmählich umgeändert worden ist das stereotyp-traditionell fortwirkende Jesus-Gesicht, wo die Nationen an sich gerissen haben den Jesus-Typus, in ihrer Art den Jesus-Typus dargestellt haben.

[ 31 ] Da machen sich wiederum die verschiedensten Impulse geltend, den Jesus-Typus darzustellen. Verfolgen Sie, wie merkwürdig das nationale Anschauen sich hineinstiehlt, möchte ich sagen, in die Darstellungen des Jesus-Kopfes bei Guido Reni, bei Murillo, bei Lebrun. Das sind so drei Beispiele, die man herausgreifen könnte. Da haben wir überall die Sehnsucht, den Jesus-Typus national darzustellen. Er ist überall so, daß man sieht: es fließt in Guido Reni viel mehr, als das noch bei seinen Vorgängern der Fall war, der italienische Seelentypus in das Gesicht des Jesus, bei Murillo der spanische, bei Lebrun der französische. Aber bei diesen drei Darstellungen sehen wir überall das Prinzip der kirchlichen Tradition. Sie werden nicht Bilder bei ihnen finden, bei denen Sie nicht die mächtige Kirche dahinterstehen sehen. Dagegen finden Sie ein Auflehnen, man möchte sagen, ein malerisches Auflehnen gegen die umfassende Macht des Kirchentums, die man in der Malerei des Murillo, des Lebrun, des Guido Reni erblickt, ein Auflehnen, ein freies Herausarbeiten aus der Menschlichkeit selber bei Rubens, bei van Dyck, bei Rembrandt. Das ist geradezu malerisches Rebellentum, wenn Sie es betrachten mit Bezug auf die Darstellung des Jesus-Antlitzes. Jedenfalls aber sehen wir aus diesem Fortgang, wie das, was sich an Vorstellungen an Jesus angliedert, nicht im Stillstande ist, sondern wie die Kräfte, die in der Welt wirken, selbst auf dieses Gebiet hereinwirken. Wie der Romanismus wie ein Hauch liegt über den sich zum Nationalen emporhebenden Lebrun, Murillo, Guido Reni, wie das Anstürmen gegen den Romanismus so deutlich zum Ausdrucke kommt in den Gesichtern — nicht einmal bloß dem Jesus-Gesicht, sondern den anderen Gesichtern der heiligen Geschichte — bei Rubens, bei van Dyck, insbesondere dann bei Rembrandt. Und so sehen wir, wie sich unter den verschiedenen Impulsen, die sich in der menschlichen Evolution herauferheben, alle geistigen Berätigungen nach und nach ausgestalten.

[ 32 ] Und ebenso würden Sie finden für die Zeiten, in denen die darstellende, die bildende Kunst mehr abgelöst wird vom Worte seit dem 16. Jahrhundert, wie da — denn dieselbe Bedeutung, wie sie für die früheren Zeiten die bildlichen Darstellungen hatten, haben für solche Sachen die Wortdarstellungen seit dem 16. Jahrhundert — wiederum in Fluß kommt die Gestalt des Jesus, die Gestalt des Christus, die nie fest und starr ist, sondern immer so gefaßt wird, wie die verschiedenen Kräfte zusammenfließen in den Darstellern. Und ich möchte sagen: Wie vorläufig letzte Produkte stehen da der Renansche Jesus, der David Friedrich Straußsche, der kein Jesus ist, der Solowjowsche Christus. Und wie gewaltig unterschieden voneinander!

[ 33 ] Der Renansche Jesus: Ganz ein Jesus, der als Mensch in Palästina lebt wie eine historische Menschengestalt. Dabei ist dieses Palästina selbst mit dem Aufwande aller moderner Gelehrsamkeit wunderbar anschaulich geschildert, ich möchte sagen so geschildert, daß man die ganze palästinensische Landschaft mit ihrer Menschheit vor sich hat, und in der realistisch-naturalistisch geschilderten Landschaft mit ihrer Menschheit wandelnd die Jesus-Gestalt, und der Versuch, aus Landschaft und Menschentum in Palästina diese Jesus-Gestalt zu erklären, wie sie aufwächst, wie sie als Mensch wird, wie ein solcher Mensch werden konnte in Palästina. Das Hervorragende der Schilderung Renans wird man erst gewahr, wenn man frühere Darstellungen damit vergleicht. Frühere Darstellungen nehmen den inneren Gang des durch die Evangelien Geschilderten, und das versetzen sie in eine Landschaft, die überhaupt nirgendwo ist. Es wurden eben einfach die Tatsachen so, wie sie geschildert werden in den Evangelien, früher immer wieder erzählt; die Landschaft, die wird da ganz unberücksichtigt gelassen, es wird so geschildert, daß es überall sein kann. Da geht Renan einmal so zu Werke, daß er nun das Heilige Land realistisch in allen Einzelheiten schildert, so daß Jesus in diesem Heiligen Lande drinnen ein richtiger Palästinenser wird. Der Christus Jesus, der der ganzen Menschheit gehören soll, wird zu einem Jesus, der als historische Persönlichkeit in Palästina lebt und geht, ein Palästinenser ist, begriffen wird aus dem Palästina zwischen dem Jahre 1 und dem Jahre 33, begriffen wird aus den dortigen Sitten, aus den dortigen Anschauungen, begriffen wird aus der dortigen Landschaft. Eine realistische Schilderung. Es sollte einmal der Jesus geschildert werden als historische JesusPersönlichkeit, wie eine andere historische Persönlichkeit geschildert wird. Für Renans Geist hätte es keinen Sinn, einen abstrakten Sokrates zu schildern, der überall sein könnte, der schließlich zu jeder Zeit sein könnte; für Renan aber hat es ebensowenig Sinn, einen abstrakten Jesus zu schildern, der überall sein könnte. Er will, ganz gemäß der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, den Jesus als eine historische Figur zwischen dem Jahre 1 und 33 schildern, wie er in Palästina aus den palästinensischen Verhältnissen heraus begreifbar ist. Der Jesus hat gelebt zwischen dem Jahre 1 und 33, ist im Jahre 33 gestorben, wie ein anderer Mensch gestorben ist in dem oder jenem Jahre, und sein Fortwirken besteht wie das Fortwirken eines anderen historischen Menschen, der in einem gewissen Jahre gestorben ist. Ganz hereingestellt in die moderne Anschauung: Jesus als eine historische Persönlichkeit, begriffen aus seinem Milieu heraus, das gibt uns das «Leben Jesu» von Ernest Renan.

[ 34 ] Betrachten wir jetzt das «Leben Jesu», das eigentlich kein Leben Jesu ist, von David Friedrich Strauß. Ich sage, es ist kein Leben Jesu; denn David Friedrich Strauß geht zwar auch als ein sehr gelehrter Mann zu Werke, untersucht das, was er untersuchen will, mit Gründlichkeit, mit einer ebensolchen Gründlichkeit, wie es auf seinem Gebiete Ernest Renan tat. Aber David Friedrich Strauß lenkt nicht seine Aufmerksamkeit auf den historischen Jesus; der ist ihm zunächst nur die Figur, an die er etwas ganz anderes anheftet. David Friedrich Strauß untersucht das, was nun von Jesus gesagt wird, insoferne der Jesus der Christus war, insoferne der Jesus wunderbar in die Welt eintritt, auf wunderbare Weise sich entwickelt, große Lehren einer bestimmten Art äußert, durch Leiden und Tod geht, der Auferstehung entgegengeht. Diese Erzählungen der Evangelien untersucht David Friedrich Strauß. Auch Ernest Renan hat natürlich die Evangelien genommen, aber sie gewissermaßen reduziert auf das, was er aus seiner genauen PalästinaKenntnis heraus als qualifiziert ansehen konnte für eine Weltanschauung mit Bezug auf das Leben Jesu. Das interessiert David Friedrich Strauß weiter nicht, sondern Strauß sagt sich: Dies oder jenes erzählen über Christus, der im Jesus gelebt hat, die Evangelien. — Nun untersucht er, inwiefern das, was da über den Christus erzählt wird, auch gelebt hat als Mythos da oder dort, wie das, was von einer wunderbaren Geburt erzählt wird, sich in diesem oder jenem Mythos dieses oder jenes Volkes findet, wie das, was von der Entwickelung erzählt wird, sich da oder dort findet, wie endlich das Mysterium von Golgatha selber sich bereits findet in den Mythen und wie es in den Sagen, da für diesen, dort für jenen Gott, angewendet wird. Und so sieht David Friedrich Strauß in der Figur des historischen Jesus nur die Gelegenheit, daß sich die Mythenbildung der Menschheit konzentriert auf eine Persönlichkeit. Der Jesus ist ihm gleichgültig; er ist ihm nur insofern von Wert, als die Mythen, die sonst zerstreut sind in der Welt, sich konzentrieren auf diesen einen Jesus, dem sie alle angehängt werden. Aber diese Mythen kommen ihm alle aus einem gemeinsamen Impuls heraus; sie sprechen zu David Friedrich Strauß alle von der mythenbildenden Kraft, die in der Menschheit lebt. Und woher kommt für David Friedrich Strauß die mythenbildende Kraft? Davon kommt sie, daß die Menschheit, so wie sie sich entwickelte auf der Erde von der ersten Entstehung der Erde bis zum Untergange der Erde, immer in sich eine höhere Kraft haben wird als die bloß äußere, auf dem physischen Plan sich entwickelnde Kraft. Durch das ganze Menschengeschlecht geht eine Kraft durch, und diese Kraft wird immer sich richten auf Überirdisches, und es wird ausgedrückt dieses Überirdische in den Mythen, die ausgebildet werden. Wir wissen, daß in ihm lebt ein Übersinnliches, das sich in den Mythen ausdrücken will, das nicht in der äußeren physischen Wissenschaft ausgedrückt werden kann, sondern das sich in den Mythen ausdrückt. So sieht David Friedrich Strauß nicht in dem einzelnen Jesus, sondern in allen Menschen den Christus, der seit dem Beginn der Menschheit durch alle Menschen, durch die ganze Menschheit lebt und bewirkt, daß von ihm Mythen gedichtet werden. Nur am stärksten entwickelt sich durch die Persönlichkeit des Jesus diese mythenbildende Kraft. Da konzentriert sie sich. Strauß spricht also nicht von einem Jesus, er spricht von einem Jesus, der eigentlich kein Jesus ist, sondern an den nur angehängt wird das, was als geistige ChristusKraft durch die ganze Menschheit geht. Die Menschheit selber ist der Christus für David Friedrich Strauß, und vor dem Jesus und nach dem Jesus ist der Christus immer wirksam. Und die wirkliche Inkarnation des Christus ist nicht der einzelne Jesus für David Friedrich Strauß, sondern die ganze Menschheit, der Jesus nur der hervorragendste Repräsentant für die Repräsentation des Christus durch die Menschheit.

[ 35 ] Da ist also nicht der Jesus als historische Figur die Hauptsache, sondern ein abstraktes Menschentum. Der Christus ist zur Idee geworden und diese Idee inkarniert sich durch die ganze Menschheit hindurch. Es ist das Destillierteste, was zunächst der Mensch im 19. Jahrhundert hat begreifen können: das Lebendige in der Idee zum Christus geworden, der Christus ganz als Idee begriffen und über den Jesus gewissermaßen hinweggeschritten! Ein «Leben Jesu», das kein Leben Jesu ist, sondern das ein Dokument sein soll dafür, daß die Idee, das Göttliche, in der ganzen Menschheit sich inkarniert, fortlaufend sich inkarniert. Der Christus in ideeller Verdünnung gedacht, ideell gedacht, das ist dieses zweite «Leben Jesu», das «Leben Jesu» von David Friedrich Strauß. So haben wir das «Leben Jesu» von Ernest Renan beschrieben als die historische Figur des Jesus zwischen den einzelnen und allein für sich, bei David Friedrich Strauß die Idee des Christus durch die ganze Menschheit durchgehend, aber etwas in destilliertem Abstrakten verbleibend.

[ 36 ] Und jetzt sehen wir bei Solowjow gar nichts mehr von Jesus, sondern ganz nur den Christus, aber den Christus lebendig geahnt, wie er jetzt nicht als eine Idee, die in den Menschen bewirkt, daß ihre Kraft in Mythen umgesetzt wird, wirkt, sondern wie er wirkt als lebendige Wesenheit, die nur keinen Leib hat, aber zu allen Zeiten wirkt, immer unter den Menschen ist und geradezu die äußere Organisation bewirken soll, stiften soll die soziale Ordnung — der Christus, der immer da ist, ein lebendiges Wesen ist, der, ich möchte sagen, einen Jesus gar nicht gebraucht hätte, um als Christus unter die Menschheit zu kommen. Obwohl natürlich alle diese Dinge in der Wirklichkeit noch nicht so radikal hervortreten bei Solowjow, so macht das nichts; es ist der Christus als solcher, der überall in den Vordergrund tritt, und zwar der Christus als der Lebendige, der nur durch die Imagination erfaßt werden kann, aber durch die Imagination so erfaßt wird, daß er wie ein reales Wesen, wie ein übersinnlich-reales Wesen auf der Erde wirkt.

[ 37 ] Da haben Sie die drei Gestalten. Wir sehen, wie uns dasselbe im 19. Jahrhundert in dreifacher Weise entgegentritt: das «Leben Jesu» von Ernest Renan, ganz realistisch, das realistische Werk der Historie kat’exochen, Jesus als historische Persönlichkeit, mit allen Errungenschaften der Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts geschrieben. David Friedrich Strauß: die Idee der Menschheit, wirksam, impulsiv, durch die ganze Menschheit sich inkarnierend, aber in der Idee bleibend, nicht zum Leben erwachend. Solowjows Christus: lebendige Kraft, lebendige Weisheit, spirituell. Realistisches Leben Jesu von Ernest Renan, idealistisches Leben Jesu von David Friedrich Strauß, das zu gleicher Zeit eine idealistische Darstellung des Christus-Impulses ist, spirituelle Darstellung des Christus-Impulses durch Solowjow.

[ 38 ] Ich wollte heute zunächst so, wie sie sich uns nebeneinander darstellen, diese drei Äußerungen des modernen Lebens in der Erkenntnis der Jesus Christus-Gestalt hinstellen. Wir wollen sie dann morgen hineinstellen in den Zusammenhang, der sich uns ergibt aus den Impulsen, die wir kennengelernt haben.