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Humanity's Internal Impulses for Development
Goethe and the Crisis of the Nineteenth Century
GA 171

17 September 1916, Dornach

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Wir haben gestern versucht, gewissermaßen die Charakteristik zu geben der Kräfte, welche das Griechentum und das Römertum durchdrangen, um daraus eine Anschauung darüber zu gewinnen, was weiter wirksam geworden ist aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum herüber in den fünften nachatlantischen Zeitraum, und wir haben einiges angedeutet davon, wie dieses Herüberwirken, dieses Sich-Weiterergießen der Kräfte des vierten nachatlantischen Zeitraums in den fünften hinein sich zeigte. Ich möchte nun, daß Sie Ihre Aufmerksamkeit noch einmal zurücklenken auf die Art und Weise, wie wir das Griechentum, wie wir das Römertum charakterisieren konnten.

[ 1 ] Yesterday we attempted, so to speak, to characterize the forces that permeated Greek and Roman civilization in order to gain an understanding of what continued to exert an influence from the fourth post-Atlantean epoch into the fifth post-Atlantean epoch, and we hinted at how this carryover—this continued outpouring of the forces of the fourth post-Atlantean epoch into the fifth—manifested itself. I would now like you to turn your attention once more to the way in which we were able to characterize Greek and Roman civilization.

[ 2 ] Das Griechentum, so wie es sich entwickelt hat, war eine große Enttäuschung für diejenigen Mächte, die man die luziferischen Mächte nennen kann. Es ist ja natürlich, daß man diese Dinge sozusagen nur aus der imaginativen Erkenntnis heraus geben kann, und so wollen wir es auch heute halten. Also eine große Enttäuschung war das Griechentum, wie es sich entwickelt hat, denn die luziferischen Mächte haben etwas ganz anderes erwartet vom Griechentum. Bedenken wir nur einmal, daß das Griechentum, als der vierte nachatlantische Zeitraum, in der nachatlantischen Zeit den luziferischen Mächten hätte gewissermaßen das bringen sollen, was sie für sich als luziferische Mächte angestrebt haben während der atlantischen Zeit. Die luziferischen Mächte haben gewisse Tätigkeiten, Kräfteeinwirkungen entfaltet während der atlantischen Zeit. Sie haben für sich die Früchte wiederholentlich erwartet in der vierten nachatlantischen Kulturepoche. Was haben sie denn eigentlich erwartet? Wenn man so etwas bespricht, kommt man zu einer Anschauung des Inneren der luziferischen Seele. Man lernt kennen dieses luziferische Leben, das besteht in fortwährenden Anstrengungen in gewissen Zeiträumen, in der Erwartung, daß diese Anstrengungen ihren Erfolg haben, und in immer neuen Enttäuschungen. Gewiß, ein sogenannter menschlicher Logiker könnte sich sagen: Warum geben die luziferischen Mächte ihr Streben nicht auf, da sie ja die Schlußfolgerung ziehen können, daß sie immer wieder enttäuscht werden müssen? — Ein solcher Schluß wäre eben auch menschliche Weisheit, nicht luziferische Weisheit. Es haben das eben die luziferischen Mächte bisher jedenfalls nicht getan, sondern sie vergrößern immer wieder ihre Anstrengungen, nachdem sie immer neue Enttäuschungen erlebt haben.

[ 2 ] Greek civilization, as it developed, was a great disappointment to those forces that might be called the Luciferic forces. It is, of course, only natural that one can speak of these things, so to speak, solely on the basis of imaginative insight, and that is how we shall proceed today as well. Greek civilization, as it developed, was thus a great disappointment, for the Luciferic powers had expected something entirely different from it. Let us just consider for a moment that Greek civilization, as the fourth post-Atlantean epoch, was supposed to have brought the Luciferic powers, so to speak, what they themselves, as Luciferic powers, had strived for during the Atlantean epoch. The Luciferic powers unfolded certain activities and exerted certain forces during the Atlantean epoch. They repeatedly expected to reap the fruits of these efforts for themselves in the fourth post-Atlantean cultural epoch. What, then, did they actually expect? When one discusses such matters, one gains insight into the inner nature of the Luciferic soul. One comes to know this Luciferic life, which consists of continuous efforts during certain periods, in the expectation that these efforts will succeed, and in ever-renewed disappointments. Certainly, a so-called human logician might ask: Why don’t the Luciferic forces give up their striving, since they can draw the conclusion that they are bound to be disappointed again and again? — Such a conclusion would, in fact, be human wisdom, not Luciferic wisdom. In any case, the Luciferic powers have not done this so far; rather, they repeatedly intensify their efforts after experiencing ever-new disappointments.

[ 3 ] Was haben die luziferischen Mächte erwartet gerade von dem vierten nachatlantischen Zeitraum? Sie haben erwartet, daß sie sich in diesem Zeitraum bemächtigen können all der Seelenkräfte des griechischen Volkes, welche darauf hinausliefen, die alten Imaginationen der chaldäisch-ägyptischen Zeit in die Phantasieschöpfung hereinzunehmen. Die luziferischen Mächte haben angestrebt, so stark auf die Menschen der griechischen Kultur zu wirken, daß diese verfeinerten, ich möchte sagen, bis zur Phantasie destillierten Imaginationen mächtig erfüllt hätten das ganze Wesen des Griechen, so daß der Grieche gewissermaßen ganz aufgegangen wäre in einer Seelenwelt, in einem alltäglichen Denken, Fühlen, Wollen, das ganz bestanden hätte in feinen, eben bis zur Phantasieanschauung verfeinerten Imaginationen. Wenn der Grieche nichts anderes in seiner Seele entwickelt hätte als diese verfeinerten Phantasieimaginationen, wenn er sich ganz erfüllt hätte mit diesen verfeinerten Gefühlsimaginationen, dann hätten die luziferischen Mächte den Menschen, diesen griechischen Menschen, und damit nachziehend einen großen Teil der Menschheit überhaupt, herausheben können aus der irdischen Evolution und in ihre luziferische Welt einfügen. Das war die Absicht der luziferischen Mächte. Es war auch die Hoffnung der luziferischen Mächte seit der alten atlantischen Zeit, das zu erreichen in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum, was während der Atlantis selber nicht gelungen war: die Einverleibung der Menschheit in den Kosmos auf der Stufe, die da die Menschheit erreicht hatte. Nichts Geringeres wollten die luziferischen Mächte, als für sich eine Welt schaffen, eine aparte, abgesonderte Welt, in welcher ohne die Erdenschwere, mit vollständiger übersinnlicher Leichtigkeit, die Menschenwesen wohnten, indem sie ganz aufgehen in dieser aparten luziferischen Welt in einem Phantasieleben.

[ 3 ] What did the Luciferic forces expect, specifically from the fourth post-Atlantean epoch? They expected that during this epoch they would be able to take control of all the soul forces of the Greek people, which were directed toward incorporating the ancient imaginations of the Chaldean-Egyptian era into the realm of the imagination. The Luciferic forces sought to exert such a powerful influence on the people of Greek culture that these refined, I might say, imaginations distilled down to the level of fantasy—would have powerfully permeated the entire being of the Greeks, so that the Greeks would, as it were, have been completely absorbed into a soul world, into an everyday thinking, feeling, and willing that would have consisted entirely of subtle imaginations, refined precisely to the level of fantasy perception. If the Greeks had developed nothing else in their souls but these refined imaginative visions, if they had become completely filled with these refined emotional imaginations, then the Luciferic forces would have been able to lift these people—the Greeks—and, in their wake, a large part of humanity as a whole, out of earthly evolution and incorporate them into their Luciferic world. That was the intention of the Luciferic forces. It had also been the hope of the Luciferic forces since the ancient Atlantean era to achieve in this fourth post-Atlantean epoch what had not been accomplished during Atlantis itself: the incorporation of humanity into the cosmos at the level humanity had attained there. The Luciferic forces sought nothing less than to create a world for themselves—a distinct, separate world—in which human beings would dwell, free from earthly heaviness and with complete supersensible lightness, becoming wholly absorbed in this distinct Luciferic world through a life of fantasy.

[ 4 ] Also einen planetarischen Körper zu schaffen mit solchen Wesen, die aus der Menschheit heraus zu der höchsten Entwickelung des Phantasielebens gekommen sind, das war die Hoffnung der luziferischen Wesenheiten. Und die luziferischen Wesenheiten machten alle Anstrengungen, die Griechen dazu zu bringen, sie als Seelen hinwegzuführen von der Erde. Dann würden die Seelen nach und nach die Erde verlassen haben; die Körper, die noch entstanden wären, würden verfallen sein. Ich-lose Individuen würden entstanden sein. Die Erde wäre der Dekadenz entgegengegangen und ein besonderes luziferisches Reich wäre entstanden. Das ist nicht geschehen. Und wodurch ist es nicht geschehen? Es ist nicht geschehen dadurch, daß sich in den sich vergöttlichenden Wahnsinn der griechischen Dichter — um dies platonische Wort zu gebrauchen — hineinmischte die geniale Größe der griechischen Philosophie, der griechischen Weisheit. Seine Philosophen: Heraklit, Thales, Anaximander, Anaximenes, Parmenides, Sokrates, Plato, Aristoteles, sie haben das Griechentum gerettet vor der vollständigen Vergeistigung im Phantasieleben. Sie haben das Griechentum auf der Erde erhalten. Sie sind diejenige Macht, welche die stärksten Kräfte geliefert hat zur Erhaltung des Griechentums innerhalb der Erdenevolution.

[ 4 ] Thus, to create a planetary body populated by beings who, from within humanity, had attained the highest level of development in their imaginative life—that was the hope of the Luciferic beings. And the Luciferic beings made every effort to persuade the Greeks to lead them away from Earth as souls. Then the souls would have gradually left the Earth; the bodies that would still have been formed would have decayed. Individuals without a sense of self would have come into being. The Earth would have headed toward decadence, and a distinct Luciferic realm would have arisen. That did not happen. And why did it not happen? It did not happen because the genius and grandeur of Greek philosophy and Greek wisdom—to use this Platonic term—intermingled with the deifying madness of the Greek poets. Its philosophers—Heraclitus, Thales, Anaximander, Anaximenes, Parmenides, Socrates, Plato, Aristotle—saved Greek civilization from complete spiritualization in the realm of fantasy. They preserved Greek civilization on Earth. They are the very force that provided the strongest impetus for the preservation of Greek civilization within Earth’s evolution.

[ 5 ] So muß man im Zusammenhange betrachten die hinter der physischen Wirklichkeit liegenden Kräfte, welche die wahren Ursachen sind für das, was geschieht. Auf diese Weise ist also das Griechentum der Erdenevolution erhalten geblieben. Mit Bezug auf diese Aufgabe hätten die luziferischen Wesenheiten ohnehin nichts erreichen können, wenn sie nicht unterstützt worden wären von den ahrimanischen Wesenheiten. Es haben die luziferischen Wesenheiten bei dieser Absicht und bei dieser Hoffnung auch gerechnet auf die Unterstützung der ahrimanischen Wesenheiten. Dieses muß ja immer sein, daß in diesen Wirkungen zwei Kräfte zusammenstreben.

[ 5 ] Thus, one must consider in context the forces lying behind physical reality, which are the true causes of what happens. In this way, Greek culture has been preserved in the course of Earth’s evolution. With regard to this task, the Luciferic beings could not have achieved anything anyway if they had not been supported by the Ahrimanic beings. In pursuing this intention and harboring this hope, the Luciferic beings also counted on the support of the Ahrimanic beings. It must always be the case that two forces work together in these effects.

[ 6 ] Ebenso wie die luziferischen Wesenheiten enttäuscht worden sind durch das Griechentum, so sind die ahrimanischen Wesenheiten enttäuscht worden durch das Römertum, wie es sich entwickelt hat. Denn wie ihrerseits die luziferischen Wesenheiten im Griechentum erreichen wollten das, was angedeutet worden ist: ein Hinwegführen der Menschenseelen von dem irdischen Planeten, so wollten auch die ahrimanischen Wesenheiten ihre Arbeit zu diesem Hinwegführen tun. Dazu sollte die römische Kultur eine ganz bestimmte Gestalt annehmen. Im Römertum haben die ahrimanischen Mächte ihre stärksten Kräfte eingesetzt, so wie im Griechentum die luziferischen. Denn die ahrimanischen Kräfte haben darauf gerechnet, daß durch das Römertum auf der Erde eine gewisse Erstarrung entstehe in einem ganz blinden Gehorsam und in einer blinden Unterwerfung unter das Römertum. Was die ahrimanischen Mächte mit dem Römertum wollten, bestand darin, daß sich über die ganze damals bekannte Erde hin ein römisches Reich erstreckte, ein römisches Reich, welches alle menschliche Betätigung in sich fassen sollte, welches mit strengstem Zentralismus und ärgster Machtentfaltung von Rom aus hätte dirigiert werden sollen: gewissermaßen von Europa ausgehend eine große, eine weitverbreitete Staatsmaschine, die zu gleicher Zeit alles religiöse und alles künstlerische Leben aufgenommen und sie sich unterworfen hätte. Eine große Staatsmaschine, ein Staatsmechanismus, in dem beabsichtigt war von seiten der ahrimanischen Mächte, alle Individualität ersterben zu lassen, so daß ein jeglicher Mensch, ein jegliches Volk nur ein Glied in diesem großen Staatsmechanismus gewesen wäre.

[ 6 ] Just as the Luciferic beings were disappointed by Greek civilization, so too were the Ahrimanic beings disappointed by Roman civilization as it developed. For just as the Luciferic beings, for their part, sought to achieve within Greek civilization what has been indicated—namely, leading human souls away from the earthly planet—so, too, did the Ahrimanic beings seek to carry out their work toward this same end. To this end, Roman culture was to take on a very specific form. The Ahrimanic powers deployed their strongest forces in Roman civilization, just as the Luciferic powers did in Greek civilization. For the Ahrimanic powers had reckoned that Roman civilization would bring about a certain rigidity on Earth, characterized by completely blind obedience and blind submission to Roman rule. What the Ahrimanic forces intended with Roman civilization was for a Roman Empire to extend across the entire known world of that time—a Roman Empire that was to encompass all human activity, one that was to be directed from Rome with the strictest centralism and the most extreme exercise of power: in a sense, a vast, far-reaching state apparatus emanating from Europe that would have absorbed all religious and artistic life and subjugated it. A vast state machine, a state mechanism in which the Ahrimanic forces intended to let all individuality wither away, so that every human being, every people, would have been merely a cog in this vast state mechanism.

[ 7 ] So wenig das Griechentum in den luziferischen Traum einzulullen war wegen der Helligkeit seiner Philosophen, so wenig war aber das Römertum so zum Erstarren zu bringen, wie es die ahrimanischen Mächte gewollt haben. Und den ahrimanischen Mächten wirkte gerade entgegen im Römertum das, was wir gestern angeführt haben als die römischen Ideale; gerade das wirkte zunächst entgegen. Aber das allein hätte gegen Ahriman nicht anstürmen können, was an juristischen, an politischen, an soldatischen Idealen sich entwickelte; denn gerade innerhalb dieser römischen Welt entwickelten die ahrimanischen Kräfte etwas wie einen bedeutsamen großen Versuch als Wiederholung ihres Versuches in der atlantischen Zeit, unendlich starke Kräfte und Mächte. Nur dadurch, daß von einer anderen Seite her das durchbrochen wurde, was die ahrimanischen Mächte mit dem Römertum vorhatten, nur dadurch ist der Ansturm Ahrimans verhindert worden; zuerst verhindert worden durch etwas, was vielleicht gerade so aussieht, als ob man es niedrig taxieren sollte. Das ist aber nicht der Fall. Die Römer brauchten gerade das, was vielleicht, indem es gestern geschildert worden ist, so ausgesehen hat, als ob man es mit Antipathie hätte schildern wollen, die Römer brauchten gerade diese Rücksichtslosigkeit, diesen starren Egoismus, dieses Immerfort-und-fort-Aufrürteln der Emotionalität, um gegen den Ansturm der ahrimanischen Mächte vorgehen zu können. Und die römische Geschichte ist nicht etwa — ich bitte Sie, das ausdrücklich zu beachten — eine Offenbarung ahrimanischer Mächte! Die stehen dahinter: die römische Geschichte ist ein Kampf gegen die ahrimanischen Mächte. Und wenn sie so verworren ist, wenn sie so selbstsüchtig ist, wenn sie so auf Verpolitisierung der Welt gerichtet ist, so ist das deshalb, weil nur auf diese Weise der Mechanisierung Ahrimans Widerstand geboten werden konnte.

[ 7 ] Just as Greek civilization could not be lulled into the Luciferic dream because of the brilliance of its philosophers, so too could Roman civilization not be brought to stagnation, as the Ahrimanic forces had intended. And what we cited yesterday as the Roman ideals worked directly against the Ahrimanic forces within Roman civilization; it was precisely this that initially counteracted them. But the legal, political, and military ideals that developed could not, on their own, have stood up to Ahriman; for it was precisely within this Roman world that the Ahrimanic forces developed something like a significant, grand attempt—a repetition of their attempt from the Atlantean era—to unleash infinitely powerful forces and powers. It was only because what the Ahrimanic powers intended to do with Roman civilization was thwarted from another direction that Ahriman’s onslaught was prevented; it was prevented at first by something that might just seem as though it should be looked down upon. But that is not the case. The Romans needed precisely what—as it was described yesterday—might have appeared as though it were meant to be portrayed with antipathy; the Romans needed precisely this ruthlessness, this rigid egoism, this ceaseless stirring up of emotionality, in order to be able to counter the onslaught of the Ahrimanic forces. And Roman history is by no means—I ask you to take special note of this—a manifestation of Ahrimanic forces! They are the ones behind it: Roman history is a struggle against the Ahrimanic forces. And if it is so convoluted, if it is so self-serving, if it is so focused on the politicization of the world, it is because only in this way could resistance be offered to Ahriman’s mechanization.

[ 8 ] Aber all das hätte nicht viel gefruchtet, aus dem einfachen Grunde, weil das Römertum auch aufgenommen hat das Christentum, und dadurch würde das Christentum im Römertum eine Form angenommen haben, durch die Ahriman erst recht sein Ziel hätte erreichen können, indem er gerade durch die geistige Abdämmerung des ins Papsttum verwandelten Römertums die Mechanisierung der Kultur der neueren Zeit hätte bewirken können. So mußte dem Ahriman, der ja mit viel äußerlicheren Mitteln wirkt als Luzifer, entgegengestellt werden eine andere Macht, auch eine äußerliche Macht. Ahriman hat die Kräfte des Christentums in seinen Dienst verkehrt, wie wir eben gesehen haben. Es mußte ihm eine andere Macht entgegengestellt werden, und die bestand in den anstürmenden Völkern der Völkerwanderung. Dadurch, daß dem Römertum entgegengetreten worden ist in den anstürmenden Völkern der Völkerwanderung, ist verhindert worden, daß jene starre Mechanisierung unter einem alles umfassenden Römerreich eingetreten ist. Studieren Sie die Vorgänge während der Völkerwanderung, so werden Sie sehen, daß Sie eine richtige Einsicht erst gewinnen, wenn Sie diese auffassen als Vorstöße gegen die Mechanisierung in einem allumfassenden römischen Reich. Überall schiebt sich das, was aus der Völkerwanderung kommt, in das Römerreich hinein, nicht um die römische Geschichte aus der Welt zu schaffen, sondern um die hinter der römischen Geschichte wirkende, ja von der römischen Geschichte selbst bekämpfte ahrimanische Macht zurückzudrängen.

[ 8 ] But all of that would not have amounted to much, for the simple reason that Roman culture also absorbed Christianity, and as a result, Christianity would have taken on a form within Roman culture through which Ahriman could have achieved his goal all the more effectively—namely, by bringing about the mechanization of modern culture precisely through the spiritual decline of Roman culture, which had been transformed into the papacy. Thus, Ahriman—who, after all, works through much more external means than Lucifer—had to be countered by another power, also an external one. Ahriman has turned the forces of Christianity to his own ends, as we have just seen. Another power had to be set against him, and that consisted of the invading peoples of the Migration Period. The fact that Romanism was confronted by the invading peoples of the Migration Period prevented that rigid mechanization from taking hold under an all-encompassing Roman Empire. If you study the events of the Migration Period, you will see that you can only gain a true understanding of them if you view them as advances against mechanization within an all-encompassing Roman Empire. Everywhere, the forces emerging from the Migration Period are pushing their way into the Roman Empire—not to wipe Roman history from the face of the earth, but to drive back the Ahrimanic power operating behind Roman history, a power that Roman history itself fought against.

[ 9 ] Auf diese Weise ist Ahriman, ist Luzifer enttäuscht worden. Um so bedeutungsvoller wollen sie ihre Aufgabe für den fünften nachatlantischen Zeitraum wieder aufnehmen. Und hier ist der Punkt, wo man zu einem Verständnisse kommt der Kräfte, die in dem fünften nachatlantischen Zeitraum wirksam sind, soweit ein solches Verständnis heute möglich ist.

[ 9 ] In this way, Ahriman—that is, Lucifer—has been disappointed. This makes their desire to resume their mission for the fifth post-Atlantean epoch all the more significant. And this is the point at which one begins to understand the forces at work in the fifth post-Atlantean epoch, to the extent that such an understanding is possible today.

[ 10 ] Dieser vierte nachatlantische Zeitraum dehnt sich nach hinten und vorn aus. Ungefähr ist sein Ende das Jahr 1413, seine Mitte das Jahr 333 nach Christi Geburt, und etwa 747 vor Christi Geburt ist sein Anfang. Das haben wir ja öfter besprochen. Das sind Zahlen, die ja natürlich heute nur approximativ gelten. Ich sagte nun: Das, was Luzifer und Ahriman nicht erreichen konnten im vierten nachatlantischen Zeitraum, was ihre Enttäuschung war, eben die Gestalt, die das Griechentum und Römertum angenommen hatte, führte sie zum verstärkten Anstreben im fünften nachatlantischen Zeitraum, also vom 15. Jahrhundert an. Und in den menschlichen Kräften, die da wirken seit dem 15. Jahrhundert, sind diese Anstrengungen schon darinnen. Natürlich kommt es nicht darauf an, ob etwas ein paar Jahrzehnte früher oder später auftritt; in der äußeren physischen Wirklichkeit, wo man es ja mit der großen Täuschung zu tun hat, verschieben sich die Dinge zuweilen etwas. Daß das Römertum, so wie es erhalten worden ist, für die Entwickelung der Menschheit erhalten werden konnte, wird also verdankt den Ereignissen der Völkerwanderung. Denn hätte sich das Römertum so entwickelt, daß ein großes, umfassendes, mechanisiertes Weltenreich entstanden wäre, so wäre dieses Weltenreich nur möglich zu bewohnen gewesen von jenen Ich-losen Menschen, die auf der Erde hätten zurückbleiben sollen, nachdem die luziferischen Geister die Seelen auf dem Wege des Griechentums hinausgebracht hätten.

[ 10 ] This fourth post-Atlantean epoch extends both backward and forward in time. Its end is approximately the year 1413, its midpoint the year 333 A.D., and its beginning around 747 B.C. We have discussed this many times before. These are, of course, figures that are only approximate today. I said, then: What Lucifer and Ahriman were unable to achieve in the fourth post-Atlantean epoch—what was their disappointment—namely, the form that Greek and Roman civilization had taken—led them to redouble their efforts in the fifth post-Atlantean epoch, that is, from the 15th century onward. And these efforts are already present within the human forces that have been at work since the 15th century. Of course, it does not matter whether something occurs a few decades earlier or later; in outer physical reality, where one is, after all, dealing with the great illusion, things sometimes shift slightly. The fact that Roman civilization, as it has been preserved, could be preserved for the development of humanity is thus due to the events of the Migration Period. For if Roman civilization had developed in such a way that a large, all-encompassing, mechanized world empire had arisen, this world empire would have been habitable only by those ego-less human beings who were meant to remain on Earth after the Luciferic spirits had led the souls away along the path of Hellenism.

[ 11 ] Sie sehen also, wie Ahriman und Luzifer zusammenarbeiten. Die Menschenseelen will Luzifer heraus haben und einen eigenen Planeten mit ihnen begründen; Ahriman mußte nun ihn unterstützen dadurch, daß, während Luzifer gewissermaßen den Saft aus der Zitrone heraussaugt, Ahriman ihn herausdrückt, indem er das, was zurückbleibt, verhärtet. Und das versuchte er im Römischen Reiche zu tun. Sie sehen da einen mächtigen, umfassenden kosmischen Prozeß, der sich entwickelt hat, der aber beabsichtigt war von den ahrimanischen und luziferischen Mächten. Wie gesagt, diese waren enttäuscht. Sie haben ihre Anstrengungen weiter fortgesetzt, und der fünfte nachatlantische Zeitraum wird schon noch merken und verstehen lernen, wie stark diese Anstürme sind, die ja erst ihren Anfang genommen haben, und die, weil immer im Anfang eines Zeitraumes die Anstürme, die von den zurückbleibenden Wesen ausgehen, am geringsten sind und dann immer mächtiger werden, und wie daher auch die Notwendigkeit, diese Anstürme zu verstehen, immer größer und größer wird. Schon vor Ablauf des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes haben die luziferischen und ahrimanischen Mächte begonnen, ihre Kräfte einzusetzen, wenn auch die Manifestation, die Offenbarung dieses Einsetzens erst später herausgekommen ist.

[ 11 ] So you can see how Ahriman and Lucifer work together. Lucifer wants to take the human souls and found his own planet with them; Ahriman now had to support him by doing this: while Lucifer, so to speak, sucks the juice out of the lemon, Ahriman squeezes it out by hardening what remains. And that is what he attempted to do in the Roman Empire. There you see a powerful, all-encompassing cosmic process that has unfolded, but one that was intended by the Ahrimanic and Luciferic forces. As I said, these forces were disappointed. They have continued their efforts, and the fifth post-Atlantean epoch will yet come to realize and understand how powerful these assaults are—assaults that have only just begun—and that, because at the beginning of every epoch the assaults emanating from the lagging-behind beings are at their weakest and then grow ever more powerful, the necessity of understanding these assaults also becomes ever greater and greater. Even before the end of the fourth post-Atlantean cultural epoch, the Luciferic and Ahrimanic forces had begun to exert their influence, even though the manifestation, the revelation of this influence, did not become apparent until later.

[ 12 ] Will man verstehen, wie in dem fünften nachatlantischen Zeitraum diese Anstürme wirken, so muß man ein wenig das Augenmerk auf das richten, was in der gerecht fortlaufenden Menschheitsentwickelung mit dem Menschen selber beabsichtigt ist. Mit dem Menschen selber ist beabsichtigt, daß er wiederum ein Stück vorschreitet, als Menschengeschlecht vorschreitet in der Gesamtentwickelung. Wie die Menschheit als solche vorwärtsgekommen ist im vierten nachatlantischen Zeitraum, das zeigt ja die Kulturentwickelung der Griechen, das zeigt die politische Entwickelung der Römer. Es ist gerade durch den Kampf gegen Luzifer und Ahriman das zustande gekommen, was hat zustande kommen sollen; denn immer werden die Kräfte dieser Mächte so gewendet, daß sie gewissermaßen in den fortgehenden Weltenplan hineinpassen, daß man sieht, sie gehören dazu. Man braucht sie als widerständige Kräfte. Also, welche Fähigkeiten sollten die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraums, unseres Zeitraums, besonders entwickeln? Wir wissen ja, daß es sich um die Entwickelung der Bewußtseinsseele handelt, allein diese muß sich wiederum zusammensetzen aus einer Reihe von Kräften, Seelenkräften, körperlichen Kräften. Das erste, was entwickelt werden muß, wenn der Mensch richtig auf der Erde bleiben soll, das ist ein wirkliches reines Anschauen der Sinnenwelt. Ein solches reines Anschauen der Sinnenwelt war in den früheren Zeiträumen nicht da, weil immer in das menschliche Seelenleben das Visionäre, das Imaginative hereinspielte, bei den Griechen noch die Phantasie. Aber nachdem die Phantasie die Menschheit soweit ergriffen hatte, wie sie im griechischen Leben eben sie ergriffen hat, da wurde notwendig, daß die Menschen die Fähigkeit entwickelten, unbehelligt durch eine dahinterstehende Vision die äußere Naturwirklichkeit anzuschauen. Wir brauchen uns dabei nicht vorzustellen, daß das materialistische Weltbild damit gemeint ist; dieses materialistische Weltenbild ist schon ein ahrimanisch verzerrtes Anschauen der Sinneswirklichkeit. Aber, wie gesagt, die Sinneswirklichkeit ordentlich zu beobachten, das war die eine Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraums.

[ 12 ] If one wishes to understand how these forces are at work in the fifth post-Atlantean epoch, one must focus a little on what is intended for human beings themselves within the just and continuous development of humanity. The intention for human beings themselves is that they, as the human race, advance once more in the overall course of development. The cultural development of the Greeks and the political development of the Romans demonstrate how humanity as such progressed during the fourth post-Atlantean epoch. It is precisely through the struggle against Lucifer and Ahriman that what was meant to come about has come about; for the forces of these powers are always directed in such a way that they, so to speak, fit into the ongoing world plan, so that one can see they are part of it. They are needed as opposing forces. So, what abilities should the people of the fifth post-Atlantean epoch—our own epoch—develop in particular? We know, of course, that this concerns the development of the consciousness soul; yet this, in turn, must be composed of a series of forces—soul forces and physical forces. The first thing that must be developed if human beings are to remain properly grounded on Earth is a truly pure perception of the sensory world. Such a pure perception of the sensory world did not exist in earlier epochs, because the visionary and the imaginative—and, in the case of the Greeks, the phantasmal—always played a role in human soul life. But once the imagination had taken hold of humanity to the extent that it did in Greek life, it became necessary for people to develop the ability to perceive external natural reality unclouded by an underlying vision. We need not imagine that this refers to the materialistic worldview; this materialistic worldview is itself an Ahrimanically distorted perception of sensory reality. But, as I said, to observe sensory reality properly—that was one of the tasks of the fifth post-Atlantean epoch.

[ 13 ] Die andere Aufgabe der Menschenseele ist diese: neben der reinen Anschauung der Wirklichkeit zu entwickeln freie Imagination, in einer Beziehung eine Art Wiederholung der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Darinnen ist der fünfte nachatlantische Zeitraum noch nicht sehr weit. Freie Imaginationen müssen entwickelt werden, wie sie gesucht werden durch die Geisteswissenschaft, also nicht gebundene Imaginationen, wie sie der dritte nachatlantische Zeitraum hatte, nicht zur Phantasie destillierte Imaginationen, sondern freie Imaginationen, in denen man sich so frei bewegt, wie sich der Mensch sonst nur in seinem Verstande frei bewegt. Daraus, daß diese zwei Fähigkeiten entwickelt werden, wird sich ergeben das rechte Entwickeln der Bewußtseinsseele des fünften nachatlantischen Zeitraums.

[ 13 ] The other task of the human soul is this: in addition to the pure contemplation of reality, to develop free imagination—in a sense, a kind of repetition of the Egyptian-Chaldean era. In this respect, the fifth post-Atlantean epoch has not yet progressed very far. Free imaginations must be developed, as sought by spiritual science—that is, not the bound imaginations of the third post-Atlantean epoch, nor imaginations distilled into fantasy, but free imaginations in which one moves as freely as a human being otherwise moves freely only in their intellect. The development of these two abilities will lead to the proper development of the consciousness soul of the fifth post-Atlantean epoch.

[ 14 ] Goethe hat sehr schön empfunden das reine Anschauen, das er im Gegensatz zum Materialismus bezeichnet hat mit seinem Urphänomen. Sie können in Goethes Schriften und in meinen Erklärungen dazu über dieses Urphänomen viel gesprochen finden. Es ist die reine Anschauung der Wirklichkeit, dieses Urphänomen. Aber Goethe hat nicht nur den ersten Anstoß gegeben zu einer visionsfreien sinnlichen Beobachtung im Urphänomen, sondern er hat auch den ersten Anstoß gegeben zur freien Imagination; denn gerade das, was wir in seinem «Faust» gefunden haben, wenn es auch noch nicht weit ist in geisteswissenschaftlicher Beziehung, wenn es auch noch in gewisser Weise instinktiv nur im Verhältnis zur Geisteswissenschaft ist, es ist doch der erste Anstoß des freien imaginativen Lebens, denn es ist nicht bloß eine Phantasiewelt. Wir haben gesehen, wie tief wirklich diese Phantasiewelt ist, die in freien Imaginationen in diesem wunderbaren Faust-Drama entwickelt wird. So allerdings haben wir dem Urphänomen gegenüber das, was Goethe das typische intellektuelle Anschauen nennt. Sie können in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» darüber Genaueres lesen. Das muß sich immer weiter und weiter ausbilden. Auf der einen Seite muß der fünfte nachatlantische Zeitraum in der Wirklichkeit nicht nur anschauen, sondern mit der Wirklichkeit leben können, so daß er abseits von den materialistischen Physikern so wie Goethe etwa hantiert in seinem physikalischen Kabinette, um die Instrumente so zu gebrauchen, daß sie ihm die Urphänomene geben. So muß man sich eine Hantierung auch in bezug auf das praktische Leben denken, welche dieses praktische Leben mit dem Urphänomen durchdringt, welche also in der Natur so zu Hause ist, daß die Natur von dem Urphänomen aus beherrscht wird, und eingeschlossen in dieses Urphänomen der Natur müssen werden die Intentionen des Menschengeschlechtes, die aus der freien Imagination kommen. Auf der einen Seite gewissermaßen selbstlos den Blick auf die Außenwelt zur Erkenntnis und zur Arbeit zu richten, und auf der anderen Seite das Ganze selbst mit stärkster Einsetzung der Persönlichkeit in innerliche Regung und Bewegung zu bringen, um die Imaginationen zu finden für die äußere Tätigkeit und äußere Erkenntnis, das wird die Bewußtseinsseele und das Kulturleben der Bewußtseinsseele nach und nach in die Wirklichkeit verwandeln.

[ 14 ] Goethe beautifully described pure contemplation, which he contrasted with materialism by referring to it as his “primordial phenomenon.” You will find much discussion of this primordial phenomenon in Goethe’s writings and in my explanations of them. This primordial phenomenon is the pure contemplation of reality. But Goethe not only provided the initial impetus for vision-free sensory observation in the “Urphänomen,” but he also provided the initial impetus for free imagination; for precisely what we have found in his Faust—even if it does not yet go very far in terms of spiritual science, even if it is still, in a certain sense, merely instinctive in relation to spiritual science— it is nonetheless the first impetus of free imaginative life, for it is not merely a world of fantasy. We have seen how profoundly real this world of fantasy is, as it is developed through free imaginations in this marvelous Faust drama. Thus, however, we have, in relation to the primordial phenomenon, what Goethe calls “typical intellectual perception.” You can read more about this in my book The Riddle of Man. This must continue to develop further and further. On the one hand, the fifth post-Atlantean epoch must not only observe reality but also be able to live with it, so that—unlike the materialistic physicists—it can work, as Goethe did, in his physics laboratory, using the instruments in such a way that they reveal the primordial phenomena to him. Thus, one must conceive of a way of working—even in relation to practical life—that permeates this practical life with the primordial phenomenon; a way that is so at home in nature that nature is governed by the primordial phenomenon, and the intentions of the human race, arising from free imagination, must be encompassed within this primordial phenomenon of nature. On the one hand, directing one’s gaze toward the external world—in a sense selflessly—for the sake of knowledge and work; and on the other hand, bringing the whole into inner stirring and movement through the strongest possible engagement of the personality, in order to find the imaginations for external activity and external knowledge—this will gradually transform the conscious soul and the cultural life of the conscious soul into reality.

[ 15 ] Einseitigkeiten werden sich selbstverständlich innerhalb dieses Kulturzeitraumes entwickeln. Die Erkenntnis wird nur nach der Außenwelt streben wie im Baconismus, oder sie wird nur nach dem Inneren streben wie im Berkeleyismus. Davon haben wir gesprochen. Dieses imaginative Leben, welches aus dem Inneren des Menschen hervorquellen will, wird sich unter allerlei Störungen entwickeln. Aber wir können doch schon hinweisen auf gewisse Punkte der Entwickelung, in denen dieser oder jener Mensch fühlt, wie aus der Seele gerade dieses imaginative Leben hervorkommt, dieses freie imaginative Leben. Anfangs ist es noch sehr wenig frei, sehr gebunden; aber beachten wir, wie ein in seiner Art so bedeutsamer Mensch wie Jakob Böhme, kurz nachdem der fünfte nachatlantische Zeitraum begonnen hat, schon fühlt, wie das imaginative Leben in seiner Seele sich herausentwickeln will. Er spricht es deutlich aus in seiner «Aurora», wie er fühlt, daß das imaginative Leben in ihm arbeitet. Frei muß es erst werden; er fühlt es noch etwas unfrei, aber er fühlt, daß da das Göttlich-Schöpferische in ihm wirkt. Und so ist er in gewissem Sinne der Gegenpol zu dem Baconismus, der da anstrebt, in einseitiger Weise nur auf die Außenwelt den Blick zu richten. Jakob Böhme ist ganz in der Innenwelt beschäftigt und beschreibt in der «Aurora» schön:

[ 15 ] One-sidednesses will, of course, develop within this cultural epoch. Knowledge will either strive solely toward the external world, as in Baconism, or it will strive solely toward the inner world, as in Berkeleyism. We have spoken of this. This imaginative life, which seeks to well up from within the human being, will develop amid all manner of disturbances. But we can already point to certain stages of development in which this or that person feels how this very imaginative life—this free imaginative life—is emerging from the soul. At first it is still very limited, very constrained; but let us note how a figure as significant in his own right as Jakob Böhme, shortly after the fifth post-Atlantean epoch began, already senses how the imaginative life is striving to develop within his soul. He expresses this clearly in his Aurora, describing how he feels the imaginative life at work within him. It must first become free; he still feels it to be somewhat unfree, but he senses that the divine-creative force is at work within him. And so, in a certain sense, he is the antithesis of Baconism, which strives, in a one-sided manner, to focus solely on the external world. Jakob Böhme is wholly absorbed in the inner world and describes it beautifully in the Aurora:

[ 16 ] «Ich sage vor Gott» — weil er von seinem Innern spricht, sagt er so —, «daß ich selber nicht weiß, wie mir damit geschieht» — indem die Imaginationen in ihm aufgehen —; «ohne daß ich den treibenden Willen habe, weiß ich auch nichts, was ich schreiben soll.» So spricht er vom Aufgehen der Imaginationen; das ist der Anfang von Kräften, die immer mehr und mehr die Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitraums überkommen müssen, die da Jakob Böhme spürt. «Ich sage vor Gott, daß ich selber nicht weiß, wie mir damit geschieht; ohne daß ich den treibenden Willen habe, weiß ich auch nichts, was ich schreiben soll. Denn so ich schreibe, diktiert es mir der Geist in großer wunderlicher Erkenntnis, daß ich oft nicht weiß, ob ich nach meinem Geist in dieser Welt bin und mich des hoch erfreue, da mir denn die stete und gewisse Erkenntnis wird mitgegeben.»

[ 16 ] “I say before God”—because he is speaking from his innermost being, he says this—“that I myself do not know what is happening to me”—as the imaginations arise within him—“; without having the driving will, I also know nothing of what I am to write.” This is how he speaks of the arising of the imaginations; this is the beginning of forces that must increasingly take hold of humanity in the fifth post-Atlantean epoch, which Jakob Böhme senses here. “I say before God that I myself do not know what is happening to me; without having the driving will, I also know nothing of what I should write. For as I write, the Spirit dictates to me in great and wondrous insight, so that I often do not know whether I am in this world according to my Spirit, and I rejoice greatly in this, since I am then granted constant and certain knowledge.”

[ 17 ] Das Hereinströmen der imaginativen Welt beschreibt er. Wir sehen, er fühlt sich harmonisch ruhig in seiner Seele und beschreibt, wie normalerweise im gerechten Fortgange der Entwickelung die Menschenseelen von diesen inneren Kräften sich sollen ergreifen lassen. Diese Kräfte sollen über die Menschenseele kommen im fünften nachatlantischen Zeitraum; aber sie sollen ergriffen werden im reinen geistigen Inneren. Sie sollen nicht irgendwelche irrtümliche Wege nehmen. Ungefähr so über diese Kräfte im 17. Jahrhundert müßte man reden, wie Jakob Böhme redet, dann redete man als ein ganz nur der göttlichen allgemeinen Gerechtigkeit hingegebener Mann von diesen Kräften. Daß weder die eine Art von Kräften, das reine Anschauen der Urphänomene, noch die andere Art von Kräften, die Entwickelung der freien Imaginationen, die nicht in Visionen bestehen, sondern die eben freie Imaginationen sind, aufkommen, daß diese Kräfte in der Menschenseele möglichst gestört werden, möglichst dazu verwendet werden, um nun wiederum die Menschheit als Seele hinauszubringen aus dem Erdenplan und mit ihnen einen besonderen Plan zu begründen, das ist nun die Wirkensart der luziferischen und ahrimanischen Mächte in dem fünften nachatlantischen Zeitraum.

[ 17 ] He describes the influx of the imaginative world. We see that he feels a harmonious calm within his soul and describes how, in the normal course of development, human souls should allow themselves to be taken hold of by these inner forces. These forces are to come upon the human soul in the fifth post-Atlantean epoch; but they are to be received in the pure spiritual inner being. They must not take any erroneous paths. One would have to speak of these forces in the 17th century in much the same way as Jakob Böhme does; then one would speak of these forces as a man wholly devoted to divine universal justice. That neither one kind of force—the pure contemplation of primordial phenomena—nor the other kind of force—the development of free imaginations, which do not consist of visions but are precisely free imaginations—may arise; that these forces in the human soul be disrupted as much as possible and be used as much as possible in turn to lead humanity as a soul out of the earthly plane and to establish a special plane with them—this is the mode of action of the Luciferic and Ahrimanic forces in the fifth post-Atlantean epoch.

[ 18 ] Vieles muß ja zusammenwirken, damit die richtige Entfaltung, die ruhige und langsame Entfaltung gestört werde. Hören Sie wohl: ich sage nicht nur die ruhige, sondern die ruhige und langsame Entfaltung, denn es soll ja der ganze Zeitraum von 1413 an durch 2160 Jahre ungefähr dazu verwendet werden, um diese Kräfte, die ich angeführt habe, freie Imaginationen und Urphänomene beziehungsweise urphänomenale Arbeit, nach und nach zu entwickeln. Stoßweise, mit allen möglichen widerstrebenden Kräften, wirken nun die luziferischen und ahrimanischen Mächte dagegen. Wenn wir nur ins Auge fassen wollen, daß das, was geschieht, immer lange vorbereitet wird von der außerirdischen Welt, dann wird es uns nicht unverständlich sein, daß Vorbereitungen getroffen worden sind, um recht, recht starke Gegenwirkungen gegen die normale Evolution der Menschheit zu bewirken. Wir haben ja gesehen, daß schon ins Griechentum und Römertum die luziferischen und ahrimanischen Mächte das hineingegossen haben, was sie in der atlantischen Zeit entwickelt haben. In einer veränderten Form versuchten sie nun diese Anstrengungen zu wiederholen schon vor dem fünften nachatlantischen Zeitraum für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum. Sie werden es also jetzt nicht unbegreiflich finden, wenn ich sage, daß notwendig war ein starker Anstoß mit Nachwirkungen, luziferisch-ahrimanischen Nachwirkungen der Atlantis auch für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum. Wir wissen ja, daß die atlantischen Wirkungen ausgestrahlt sind von dem, was ja Plato bereits kennt als die Atlantis. Wir wollen es einmal schematisch so machen, daß wir etwa die Atlantis uns hier denken (siehe Zeichnung); dann würde hier das europäische, asiatische Gebiet sein, und hier würde das amerikanische Gebiet sein. Davon strahlten also aus die alten arlantischen Kräfte, auch die alten atlantischen luziferischen und ahrimanischen Kräfte.

[ 18 ] Many factors must indeed come together for the proper unfolding—the calm and slow unfolding—to be disrupted. Listen carefully: I am not merely speaking of a calm unfolding, but of a calm and slow unfolding, for the entire period from 1413 onward—spanning approximately 2,160 years—is to be devoted to gradually developing these forces I have mentioned: free imaginations and primordial phenomena, or rather, primordial phenomenal work. The Luciferic and Ahrimanic forces are now working against this in fits and starts, with all manner of opposing forces. If we simply consider that what is happening is always prepared long in advance by the extra-terrestrial world, then it will not be incomprehensible to us that preparations have been made to bring about very, very strong counterforces against the normal evolution of humanity. We have seen, after all, that even in Greek and Roman civilization the Luciferic and Ahrimanic forces poured in what they had developed during the Atlantean epoch. In a modified form, they now attempted to repeat these efforts even before the fifth post-Atlantean epoch, for the sake of this fifth post-Atlantean epoch. So you will not find it incomprehensible now when I say that a powerful impulse with aftereffects—Luciferic-Ahrimanic aftereffects from Atlantis—was necessary for this fifth post-Atlantean epoch as well. We know, after all, that the Atlantean influences radiated out from what Plato already knew as Atlantis. Let us illustrate this schematically by imagining Atlantis here (see drawing); then the European and Asian regions would be here, and the American region would be here. From there, the ancient Atlantean forces radiated out, including the ancient Atlantean Luciferic and Ahrimanic forces.

[ 19 ] Nun wurde von diesen etwas zurückbehalten, um als luziferische und ahrimanische Mächte zu wirken im fünften nachatlantischen Zeitraum, und zwar auch von den guten Kräften etwas zurückbehalten, von den in der atlantischen Zeit berechtigten Kräften etwas zurückbehalten, was jetzt auch luziferisch und ahrimanisch ist. Nur wurde der Mittelpunkt nach einem anderen Punkte der Erde verlegt. Die Atlantis ist ja fort. Der Mittelpunkt wurde nach Asien hinüber verlegt, so daß Sie also sich vorstellen würden auf der abgekehrten Seite desjenigen, was ich da schematisch gezeichnet habe, in Asien drüben, von da ausstrahlend Nachwirkungen der alten atlantischen Kultur als Vorbereitung für den fünften nachatlantischen Zeitraum, ihn zu luziferisieren und zu ahrimanisieren. Es waren im wesentlichen Nachkommen der alten atlantischen Lehrer, welche nun wirkten von einem Punkt in Asien drüben. Ein Priester war dazu erzogen worden, das, was man in der alten Atlantis gesehen hat, nachträglich zu schauen, zu schauen das, was der Atlantier nannte den Großen Geist, und von diesem Großen Geist Aufträge zu empfangen. Und diese Aufträge teilte der mit diesen Aufträgen initiierte Priester einem jungen, außerordentlich starken, tatkräftigen, tüchtigen Menschen mit, der durch diese Aufträge dann innerhalb seiner Gemeinschaft den Namen «Der große Beherrscher der Erde» erhielt, Dschingis-Khan. Und der Große Geist hatte durch seinen Nachfolger, auf dem Umwege durch diesen Priester, an Dschingis-Khan den Auftrag gegeben, alles, was aufzubringen war an Mächten in Asien, dazu zu verwenden, um auszubreiten das, was den fünften nachatlantischen Zeitraum zurückführen konnte in eine luziferische Gestaltung. Diese starken Kräfte, die noch viel stärker waren als die im Griechentum einsetzenden, die wurden aufgewendet von dieser Seite her. Von dieser Seite her sollten alle freien Imaginationen verwandelt werden in alte Imaginationen, in visionäre Imaginationen. Es sollte in der stärksten Weise gearbeitet werden, die Seele des Menschen ganz einzulullen in dämmerndes Erleben der Imaginationen, nicht in freies, von der Vernunft durchtränktes Erleben der Imaginationen. Die Absicht bestand, mit den besonderen Kräften, die da aus der Atlantis herein erhalten waren, so nach dem Westen zu wirken, daß die Kultur des Westens eine visionäre Kultur geworden wäre. Dann hätte man die Seelen abtrennen und einen besonderen Kontinent, einen besonderen planetarischen Körper mit ihnen bilden können. Alle Unruhen, welche durch die Mongolenstürme und alles das, was damit zusammenhängt, in die Entwickelung der neueren Menschheit gekommen sind und was fortgewirkt hat im fünften nachatlantischen Zeitraum, nachdem sie vorbereitet waren schon früher, alle diese Unruhen bedeuten den großen, von Asien ausgegangenen Versuch, die europäische Kultur zu «vervisionieren», um sie abzutrennen von den Bedingungen der fortlaufenden Evolution, um sie gewissermaßen hinwegzuführen von der Erde. Der Osten empfand sehr wohl immer wieder und wiederum dieses Durchvisionieren, dieses Entfremdenwollen von der Erde.

[ 19 ] Now, a portion of these forces was held back to act as Luciferic and Ahrimanic forces during the fifth post-Atlantean epoch; indeed, even some of the good forces—those that were legitimate during the Atlantean epoch—were held back, and these too are now Luciferic and Ahrimanic. However, the center was shifted to another point on Earth. Atlantis is, after all, gone. The center was shifted over to Asia, so that you might imagine, on the opposite side of what I have drawn schematically here, over in Asia, the aftereffects of the old Atlantean culture radiating out from there as a preparation for the fifth post-Atlantean epoch—to Luciferize and Ahrimanize it. They were essentially descendants of the ancient Atlantean teachers, who were now active from a point over in Asia. A priest had been trained to look back upon what had been seen in ancient Atlantis, to behold what the Atlanteans called the Great Spirit, and to receive instructions from this Great Spirit. And the priest, who had been initiated into these instructions, communicated them to a young, extraordinarily strong, energetic, and capable man, who, as a result of these instructions, came to be known within his community as “The Great Ruler of the Earth”—Genghis Khan. And the Great Spirit, through his successor—indirectly via this priest—had given Genghis Khan the task of using all the powers that could be mustered in Asia to spread that which could lead the fifth post-Atlantean epoch back into a Luciferic form. These powerful forces, which were even stronger than those that began to take effect in Greek culture, were deployed from this side. From this side, all free imaginations were to be transformed into ancient imaginations, into visionary imaginations. The aim was to work in the most powerful way possible to lull the human soul entirely into a twilight experience of the imagination, rather than into a free experience of the imagination imbued with reason. The intention was to use the special forces that had been preserved from Atlantis to influence the West in such a way that Western culture would have become a visionary culture. Then it would have been possible to separate the souls and form a special continent, a special planetary body, with them. All the upheavals that entered the development of modern humanity through the Mongol invasions and everything connected with them—and which continued to have an effect in the fifth post-Atlantean epoch, having already been prepared earlier—all these upheavals represent the great attempt, originating in Asia, to “transform European culture into a visionary one,” to sever it from the conditions of ongoing evolution, to lead it away from the Earth, so to speak. The East has indeed felt this “reimagining,” this desire to alienate itself from the Earth, time and again.

[ 20 ] Dem mußte ein Gegengewicht geschaffen werden. Und dieses Gegengewicht war zunächst eines, das in die normale Entwickelung der Menschheit gehört. Es mußte also gegenüber dem, was unter dem Einflusse des Priesters des Dschingis-Khan hat bewirkt werden sollen, die «Erleichterung» des Menschengeschlechts, um es hinwegzuführen von der Erde, es mußte ein Erdenschwere-Gegengewicht geschaffen werden. Und dieses wurde dadurch geschaffen, daß die westliche Welt, daß Amerika gefunden wurde mit all dem, was Amerika barg, und dadurch Erdenschwere, Lust, auf der Erde zu bleiben, für die Menschen geschaffen worden war. Die Entdeckung Amerikas und alles, was damit zusammenhängt, überhaupt das Sich-Hineinleben in die materiellen Schauplätze der Erde, das bedeutete, von großen Gesichtspunkten aus gesehen, das Gegengewicht gegen die Tätigkeit des Dschingis-Khan. Amerika sollte entdeckt werden, um die Menschen dahin zu bringen, mit derErde mehr zusammenzuwachsen, materieller und materieller zu werden, damit sie Schwere habe, ein Gegengewicht gegen die Spiritualisierung, die durch dieNachkommen des Großen Geistes angestrebt war.

[ 20 ] A counterbalance had to be created to this. And this counterbalance was, at first, one that is part of the normal development of humanity. So, in contrast to what was to be brought about under the influence of the priest of Genghis Khan—the “relief” of the human race, intended to lead it away from the Earth—a counterweight to earthly gravity had to be created. And this was achieved by the discovery of the Western world—the discovery of America—with all that America held, thereby creating for humanity an earthly gravity and a desire to remain on Earth. The discovery of America and everything connected with it—indeed, the very immersion in the material realms of the Earth—meant, viewed from a broader perspective, the counterweight to the activity of Genghis Khan. America was to be discovered in order to lead people to become more deeply rooted in the Earth, to become more and more material, so that they might possess a sense of heaviness—a counterweight to the spiritualization sought by the descendants of the Great Spirit.

[ 21 ] Aber auf der anderen Seite setzten gleichzeitig mit diesem normalen Prozeß des Ausdehnens des Menschheitsschauplatzes über Amerika wiederum die anderen, die ahrimanischen Mächte des Großen Geistes ein. Ein Zug ging von dort herüber nach Europa, der andere aber von Asien nach der anderen Seite herüber und durchsetzte Amerika, so daß durch das Entdecken Amerikas sich nicht nur die normalen Kräfte entwickelten, sondern von dort her zugleich starke ahrimanische Anstürme kamen, die zunächst noch schwach einsetzten — sie werden schon weiter einsetzen, sie müssen nur erkannt werden —, in der Form, daß gerade die Evolution, welche das Römertum in der Kirche und im kirchlichen Staate erreicht hatte, von diesem ahrimanischen Einsatz erfaßt wurde. Während es verhältnismäßig leicht zu sagen ist, wie der luziferische Einfluß über dem Dschingis-Khan gewirkt hat, indem man eben ganz genau weiß, daß ein Priester initiiert worden ist von dem Nachkommen des Großen Geistes, ist es viel schwerer zu sagen, weil es in Einzelheiten zerfällt, wie der ahrimanische Geist von der anderen Seite wirkte. Aber Sie brauchen nur zu studieren, wie ergriffen wird das katholische, das streng katholische Spanien von all den Goldschätzen, die in Amerika gefunden werden, von all dem, was damit verbunden ist. Studieren Sie gerade jene merkwürdige Nachwirkung, die das alte Römertum als Gespenst in einem solchen Herrscher hat wie in Ferdinand dem Katholischen von Kastilien, oder in Karl V., insofern er Herrscher ist in einem Reich, in dem die Sonne nicht untergeht: Immer wiederum neue Versuche dieses Ausbreitens! Studieren Sie die Beziehungen Europas zu dem aufblühenden, nach und nach entdeckt werdenden Amerika, dann werden Sie sehen, wie von da die Versuchungen kommen. Es ist im ganzen eine Versuchungsgeschichte, zugleich hineinverwoben in eine Geschichte, die in normalen Bahnen verläuft.

[ 21 ] But on the other hand, at the same time as this normal process of expanding humanity’s sphere of activity across America, the other, Ahrimanic forces of the Great Spirit also came into play. One current flowed from there to Europe, while another flowed from Asia to the other side and permeated America, so that the discovery of America not only led to the development of the normal forces but also brought with it powerful Ahrimanic onslaughts, which at first were still weak—they will continue to intensify, they merely need to be recognized—in such a way that the very evolution which Romanism had achieved in the Church and in the ecclesiastical state was overtaken by this Ahrimanic influence. While it is relatively easy to describe how the Luciferic influence worked through Genghis Khan—since we know quite precisely that a priest was initiated by the descendant of the Great Spirit—it is much more difficult to describe, because the details are so complex, how the Ahrimanic spirit worked from the other side. But you need only study how deeply Catholic—strictly Catholic—Spain was gripped by all the gold treasures found in America, and by everything associated with them. Study precisely that strange aftereffect that ancient Romanism has, like a specter, in a ruler such as Ferdinand the Catholic of Castile, or in Charles V, insofar as he is the ruler of an empire on which the sun never sets: time and again, new attempts at this expansion! Study Europe’s relations with the flourishing, gradually discovered Americas, and you will see how the temptations arise from there. It is, on the whole, a history of temptation, interwoven at the same time with a history that follows its normal course.

[ 22 ] Ich bitte Sie nur, durchaus nicht zu erzählen, daß ich heute etwa die Entdeckung Amerikas als eine ahrimanische Tat hingestellt habe, sondern ich habe das Gegenteil davon gesagt. Ich sagte, daß Amerika entdeckt werden mußte, gefunden werden mußte, daß das ganze notwendig war im fortschreitenden Weltengang, nur daß sich hineingemischt haben ahrimanische Kräfte, die Anstürme sind gegen das, was im fortschreitenden Weltengang geschehen sollte. Die Dinge sind nicht so einfach in der Wirklichkeit, daß man sagen kann: Da ist Luzifer, da ist Ahriman, und so verhalten sich Luzifer und Ahriman, und so verteilen sie die Welt. So verhalten sich die Dinge nicht.

[ 22 ] I ask you only not to say that I portrayed the discovery of America today as an Ahrimanic act; on the contrary, I said the exact opposite. I said that America had to be discovered, had to be found, that all of this was necessary in the progressive course of world history—only that Ahrimanic forces have intervened, forces that are in opposition to what was meant to happen in the progressive course of world history. In reality, things are not so simple that one can say: Here is Lucifer, here is Ahriman, and this is how Lucifer and Ahriman behave, and this is how they divide up the world. That is not how things are.

[ 23 ] So also sehen wir das Zusammenwirken vieler Kräfte, die wir versuchten zu belauschen auf ihrem Felde hinter dem physischen Plan. Alle diese Kräfte bemächtigten sich wieder anderer. Sie suchen sich dessen, was hereinragt an Menschenkräften aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum, zu bemächtigen und es in ihrer Art zu verzerren, es in ihren Dienst zu stellen. Sie brauchen nur zu studieren eine solche Begleiterscheinung der Renaissance, wie es Machiavelli ist, dann werden Sie ein menschliches persönliches Symbolum finden für diese ganze Art, die da beginnt, die Politisierung des Gedankenlebens. Machiavelli ist geradezu ein Ausdruck, eine Offenbarung dieser Politisierung des Gedankenlebens, ein großer, gewaltiger Geist, aber ein Geist, der unter dem Ansturm der Mächte, von denen ich gesprochen habe, ganz die Gesinnungen erneuert, die aus dem heidnischen antiken Römertum kommen. Wenn wir wirklich die Geschichte studieren, wie Machiavelli nicht eine einzelne Persönlichkeit, ein einzelner Mensch ist, sondern nur der besonders signifikante Ausdruck für viele so Denkende, dann sehen wir die Dinge recht. Da sehen wir das, was schnell vorwärtsstürmen, was mit den hinterlassenen atavistischen Kräften, also luziferischen Kräften, schnell vorwärtsstürmen will. Wäre es nach Machiavellis Sinn gegangen, so wäre schon ganz Europa verpolitisiert. Solchen Kräften, die wie im Sturm wirken, wirken dann die normal wirkenden entgegen. Einer solchen rein politischen und alles menschliche Denken zum Politischen machenden Figur, wie es der Machiavelli ist, können wir eine Persönlichkeit, die fast Zeitgenosse war, gegenüberstellen: den Thomas a Kempis, der ganz in der langsamen, allmählichen Entwickelung drinnensteht und der ein ganz und gar nicht politischer Geist ist, der langsam und allmählich wirkt.

[ 23 ] Thus we see the interplay of many forces that we attempted to eavesdrop on in their realm beyond the physical plane. All these forces, in turn, took control of others. They seek to take control of whatever human forces extend into the fourth post-Atlantean epoch, to distort them in their own way, and to put them at their service. You need only study a figure from the Renaissance such as Machiavelli, and you will find a human, personal symbol of this entire process that is beginning—the politicization of intellectual life. Machiavelli is, in fact, an expression, a revelation of this politicization of intellectual life—a great, powerful spirit, but one who, under the onslaught of the forces I have spoken of, completely revives the attitudes that stem from pagan ancient Rome. If we truly study history—recognizing that Machiavelli is not a single personality, a single individual, but merely the particularly significant expression of many who think in this way—then we see things as they really are. There we see what is rushing forward rapidly, what seeks to surge forward swiftly with the atavistic forces left behind—that is, Luciferic forces. Had things gone according to Machiavelli’s design, all of Europe would already have been politicized. Such forces, which act like a storm, are then countered by those that act in a normal manner. We can contrast such a purely political figure—one who reduces all human thought to the political, as Machiavelli does—with a personality who was almost his contemporary: Thomas à Kempis, who is wholly immersed in slow, gradual development and who is a spirit entirely devoid of politics, one who works slowly and gradually.

[ 24 ] Und so können wir diese einzelnen Strömungen verfolgen. Wir werden normale finden; wir werden solche finden, die aus früheren Zeiten hereinströmen und benützt werden von den Kräften, die wir angeführt haben. In der Geschichte wirken viele Kräfte zusammen. Man muß durchaus seinen Blick auf diese Zusammenhänge richten. In einem solchen Menschen wie Jakob Böhme finden wir, wie er die freie Imagination aufsprießen fühlt. Man könnte sagen: Jakob Böhme ist eine solche Persönlichkeit, die durch die ganze Art ihres Seelenlebens sehr stark es dahin gebracht hat, nicht gestört zu werden durch die luziferischen und ahrimanischen Anstürme und den geraden Weg der Evolution zu gehen.

[ 24 ] And so we can trace these individual currents. We will find some that are ordinary; we will find others that flow in from earlier times and are utilized by the forces we have mentioned. Many forces interact in history. One must certainly focus one’s attention on these interrelationships. In a person such as Jakob Böhme, we see how he feels free imagination sprouting forth. One could say: Jakob Böhme is the kind of personality who, through the very nature of his inner life, has managed to avoid being disturbed by the Luciferic and Ahrimanic assaults and to follow the straight path of evolution.

[ 25 ] Dagegen können Sie im Osten Europas, in der östlichen Kultur zahlreiche Persönlichkeiten finden, die gar sehr leiden unter der luziferischen Störung, unter der Störung, die dahin geht, immer wieder und wiederum wegzuholen den Menschen von der Erde, von dem physischen Leib, immer wieder und wiederum zu verfallen in eine Lage, in eine Situation, die den ganzen Menschen wie in eine Vision von sich selber verwandelt, also ihn ganz zu verseelen. Das ist die Tendenz, die dem Osten Europas eingeimpft worden ist. Dem Westen Europas ist dafür viel mehr das Verspüren des Gezogenwerdens nach der anderen Seite eingeimpft worden, des Hingezogenwerdens der imaginativen Welt zu der Körperschwere, zu der physischen Schwere, um das, was freie Imagination werden soll, zu etwas zu machen, was nicht bloß in der Seele wirkt, sondern was im Organismus wirkt, was die Seele hineinstopft in den Organismus und dadurch den Organismus mitleben läßt an den Imaginationen. Man kann kaum prägnanter das, was ich da meine, ausdrücken, als es Alfred de Musset getan hat, um seinen eigenen Seelenzustand zu charakterisieren. Musset ist eine von denjenigen Persönlichkeiten, die imaginatives Leben in sich verspürten, aber die den Ansturm gegen dieses imaginative Leben fühlten, jenen Ansturm, der dahin ging, dieses imaginative Leben hineinzustopfen in die Körperlichkeit. Da drinnen wird dieses imaginative Leben, weil es dahin nicht gehört, weil es frei in der Seele schwebend sich entwickeln soll, von Erdenschwere und von all dem, was nur körperlich ist, ergriffen, während es seelisch verlaufen soll. «E}e et lui», das Buch, das George Sand aus ihren Beziehungen zu Musset geschrieben hat, das enthält gerade eine schöne Selbstbeschreibung des Seelenlebens Mussets, und einige Sätze möchte ich daraus mitteilen, aus denen Sie sehen werden, wie er selbst sich drinnenstehen fühlt in einem solchen angefochtenen imaginativen Leben. Es sagt Musset: «Die Schöpfung verwirrt mich und läßt mich erzittern. Die für meinen Wunsch stets zu langsame Ausführung erregt mir furchtbares Herzklopfen, und weinend, nur mit Mühe laute Schreie zurückhaltend, gebäre ich eine Idee — sie berauscht mich im Augenblicke, und am anderen Morgen ekelt sie mich an. Forme ich sie um, so wird es noch schlimmer, sie entschlüpft mir; besser ich vergesse sie und erwarte eine andere. Aber diese andere überkommt mich so verworren und so unermeßlich, daß mein armes Wesen sie nicht fassen kann. Sie drückt und quält mich, bis sie realisierbar geworden ist, und dann stellen sich die anderen Leiden, die Geburtswehen ein, wahrhaft physische Schmerzen, die ich nicht definieren kann. So vergeht mein Leben, wenn ich mich von diesem Riesenkünstler, der in mir ist» — nehmen Sie den Gegensatz zu Jakob Böhme, der den Gott in sich spürt; er einen Riesenkünstler, der in ihm ist — «beherrschen lasse. Es ist also besser, daß ich lebe, wie ich mir vorgenommen habe zu leben, daß ich Exzesse jeder Art begehe, um diesen nagenden Wurm zu töten, den andere bescheiden «Inspiration», den ich ganz offen «Krankheit nenne.»

[ 25 ] In contrast, in Eastern Europe and within Eastern culture, you can find numerous individuals who suffer greatly from the Luciferic disturbance—the disturbance that seeks, time and again, to tear the human being away from the earth, from the physical body, and to cause them to fall, time and again, into a state, into a situation that transforms the whole human being as if into a vision of themselves, thus completely spiritualizing them. This is the tendency that has been instilled in Eastern Europe. In Western Europe, by contrast, what has been instilled to a much greater extent is the sense of being drawn toward the other side, of the imaginative world being drawn toward bodily heaviness, toward physical heaviness, in order to transform what is meant to become free imagination into something that acts not merely in the soul but in the organism—something that the soul forces into the organism, thereby allowing the organism to participate in the imaginations. One can hardly express what I mean here more succinctly than Alfred de Musset did when characterizing his own state of mind. Musset is one of those personalities who felt an imaginative life within themselves, but who also sensed the onslaught against this imaginative life—that onslaught aimed at forcing this imaginative life into physicality. There, because it does not belong there—because it is meant to develop while floating freely in the soul—this imaginative life is seized by earthly heaviness and by all that is merely physical, whereas it is meant to unfold in the soul. “E}e et lui,” the book George Sand wrote about her relationship with Musset, contains a beautiful self-portrait of Musset’s inner life, and I would like to share a few passages from it, from which you will see how he himself feels caught up in such a besieged imaginative life. Musset says: “Creation confuses me and makes me tremble. The execution, which is always too slow for my desire, causes my heart to pound terribly, and weeping, barely holding back loud cries, I give birth to an idea—it intoxicates me in the moment, and the next morning it repulses me. If I reshape it, it becomes even worse; it slips away from me; better that I forget it and await another. But this other idea overwhelms me so confusingly and so immeasurably that my poor being cannot grasp it. It presses upon me and torments me until it has become realizable, and then the other sufferings—the labor pains—set in: truly physical pains that I cannot define. This is how my life passes when I allow myself to be dominated by this “giant artist who is within me”—consider the contrast to Jakob Böhme, who feels God within himself; he, a giant artist who is within him—“ So it is better that I live as I have resolved to live, that I commit excesses of every kind in order to kill this gnawing worm, which others modestly call “inspiration,” but which I quite openly call “illness.”

[ 26 ] Fast in jedem Satze ein Parallelsatz zu dem, was ich Ihnen als Jakob Böhmeschen Ausspruch mitgeteilt habe, aber auch ungemein charakteristisch. Erinnern Sie sich, wie ich vorhin gesagt habe: Langsam will wir werden darauf noch morgen zu sprechen kommen — die normal fortschreitende Entwickelung gehen; hier wilder Anstoß, darum ist ihm das nicht schnell genug. Und er beschreibt es selber. Es ist eine wunderbare Selbstschau, die er da gibt. Er sagt: «Die Schöpfung verwirrt mich und läßt mich erzittern», weil immer das Schneller-gehenWollen von ahrimanischer Seite hineinstürmt in das, was langsam gehen will. «Die für meinen Wunsch stets zu langsame Ausführung erregt mir furchtbares Herzklopfen»: da haben Sie die ganze Psychologie des Menschen, der in freien Imaginationen leben will und von aufstoßenden ahrimanischen Kräften gestört wird. «Und weinend, nur mit Mühe laute Schreie zurückhaltend» — denken Sie, so physisch wirken in ihm die Imaginationen, daß er schreien möchte, wenn sie sich in ihm äuBern — «gebäre ich eine Idee — sie berauscht mich im Augenblicke, und am anderen Morgen ekelt sie mich an.» Weil sie statt aus der Seele aus dem Organismus herkommt! «Forme ich sie um, so wird es noch schlimmer, sie entschlüpft mir; besser ich vergesse sie und erwarte eine andere.» Weil er immer schneller will, schneller als die normale Entwickelung gehen kann. «Aber diese andere überkommt mich so verworren und so unermeßlich, daß mein armes Wesen sie nicht fassen kann. Sie drückt und quält mich, bis sie realisierbar geworden ist, und dann stellen sich die anderen Leiden, die Geburtswehen, ein, wahrhaft physische Schmerzen, die ich nicht definieren kann.» Und deshalb, sagt er, möchte er lieber, indem er hinblickt auf diesen Riesenkünstler, der in ihm wirkt, das Leben so führen, wie er es sich vorgenommen hat, nämlich nichts zu tun zu haben mit all dieser imaginativen Welt; denn er nennt das eine «Krankheit».

[ 26 ] Almost every sentence contains a parallel to what I shared with you as a saying by Jakob Böhme, but it is also incredibly characteristic. Do you remember what I said earlier: “Let’s take it slowly—we’ll get back to this tomorrow”—following the normal course of development; here, however, there is a wild impetus, which is why it is not fast enough for him. And he describes it himself. It is a wonderful self-revelation that he offers here. He says: “Creation confuses me and makes me tremble,” because the desire to move faster, coming from the Ahrimanic side, constantly bursts into that which wants to proceed slowly. “The execution, which is always too slow for my desire, causes my heart to pound terribly”: there you have the entire psychology of the person who wants to live in free imaginations and is disturbed by surging Ahrimanic forces. “And weeping, barely managing to hold back loud cries”—consider how physically the imaginations affect him, so that he wants to scream when they manifest within him—“I give birth to an idea—it intoxicates me in the moment, and the next morning it repulses me.” Because it comes from the organism rather than from the soul! “If I reshape it, it becomes even worse; it slips away from me; better that I forget it and wait for another.” Because he wants to move ever faster—faster than normal development can keep pace with. “But this other idea overwhelms me so confusingly and so immeasurably that my poor being cannot grasp it. It presses down on me and torments me until it has become realizable, and then the other sufferings—the labor pains—set in: truly physical pains that I cannot define.” And that is why, he says, as he looks upon this giant artist at work within him, he would rather lead his life as he has resolved to do—namely, to have nothing to do with this entire imaginative world; for he calls it a “disease.”

[ 27 ] Dagegen nehmen Sie den Jakob Böhmeschen Satz: «Ich sage vor Gott, daß ich selber nicht weiß, wie mir damit geschieht.» Das ist Seligkeit zum Ausdrucke gebracht. Verwirrt ist es zum Ausdrucke gebracht, wenn gesagt wird: «Die Schöpfung verwirrt mich und läßt mich erzittern. Die für meinen Wunsch stets zu langsame Ausführung erregt mir furchtbares Herzklopfen.» Bei Jakob Böhme alles seelisch! Und wenn er schreiben will, so kommt es ihm so vor, als ob nicht ein Riesenkünstler, der ihn unglücklich macht, sondern ein Geist ihm diktiert, indem er versetzt ist in diese Welt, wo ihm der Geist diktiert; er sei in dieser Welt und sei dessen hocherfreut, da ihm dann stete und gewisse Erkenntnis gegeben wird, stete, langsam verlaufende. Jakob Böhme ist geneigt, die langsam verlaufende Erkenntnis hinzunehmen; dem geht die Sache nicht zu langsam, weil er nicht das, was ich Ihnen als das Schnell-Dahinstoßende beschrieben habe, als ein Beherrschendes fühlt, sondern dagegen geschützt ist.

[ 27 ] In contrast, consider Jakob Böhme’s statement: “I say before God that I myself do not know what will become of me.” That is bliss put into words. Confusion is expressed when it is said: “Creation confuses me and makes me tremble. The execution, which is always too slow for my desire, causes my heart to pound terribly.” With Jakob Böhme, everything is spiritual! And when he wants to write, it seems to him as if it is not a giant artist who makes him unhappy, but a spirit dictating to him, as he is transported into this world where the spirit dictates to him; he is in this world and is overjoyed by it, since he is then given constant and certain knowledge—constant, slowly unfolding. Jakob Böhme is inclined to accept this slowly unfolding knowledge; the process is not too slow for him, because he does not feel what I have described to you as the “rapidly surging” force to be dominant, but is instead protected from it.

[ 28 ] So könnten wir immer mehr und mehr Erscheinungen anführen, wenn wir Zeit dazu hätten, die uns zeigen würden, wie die Menschen hineingestellt sind in diesen Prozeß der Welt. Diese Menschen, die ich angeführt habe, sind ja allerdings herausgegriffen als solche, deren Namen die Geschichte erhalten hat. Aber in einer gewissen Weise untersteht die ganze Menschheit, der eine so, der andere so, dieser selben Sache. Man wählt nur solche Beispiele aus, um dasjenige, was in weitem Umkreis lebt, zur Sprache zu bringen, um es charakterisieren zu können an besonderen Beispielen. Und versuchen Sie das, was wir da hingestellt haben, zu überblicken, dann werden Sie gar mancherlei verstehen können, das sich entwickelt hat. Man könnte ja auch auf einige andere Erscheinungen des Lebens eingehen, allein, bleiben wir heute einmal stehen mehr bei dem geistigen Leben, dann noch bei dem besonderen geistigen Leben, bei dem Erkenntnisleben. Da können sich uns ja auf diesem besonderen Gebiete Eigenschaften zeigen, welche die neuere Menschheit charakterisieren, und welche uns manches verständlich machen können. Da es ja nicht möglich ist, viel über das äußere Leben zu sagen — wegen des Vorhandenseins der heutigen Vorurteile und alles dessen, was mit dem Gebundensein der Seele in den heutigen Zeitverhältnissen zusammenhängt —, so ist es ja natürlich auch nur in höchst eingeschränktem Maße mir hier an dieser Stelle möglich, zu sprechen über die Dinge, die da wirken bis in die unmittelbare Gegenwart unserer Tage herein. Das geht nicht, das habe ich schon öfter angedeutet. Aber ich möchte gewissermaßen auf solche Erscheinungen doch hinweisen, die weniger die Emotionen, die weniger die Leidenschaften erregen. Lassen Sie mich zunächst einige Erscheinungen schildern, Erscheinungen des Erkenntnis- und Gefühlslebens, die ich herausgreife, vorläufig jetzt einen Strich machend unter die Betrachtungen, die ich angestellt habe, indem ich Ihnen gezeigt habe, welche Kräfte da wirken in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. Um nun diese einzelnen Erscheinungen hineinzustellen in jene Kräfte, wollen wir sie zunächst historisch einmal anschauen.

[ 28 ] We could cite more and more examples—if we had the time—that would show us how human beings are embedded in this process of the world. The people I have mentioned have, of course, been singled out precisely because their names have been preserved by history. But in a certain sense, all of humanity—some in one way, others in another—is subject to this same reality. We select such examples only to bring to light what exists on a broad scale, so that we may characterize it through specific examples. And if you try to take in what we have presented here, you will be able to understand many things that have developed. One could, of course, also discuss some other aspects of life, but let us focus today once more on spiritual life—and more specifically, on the life of knowledge. In this particular realm, qualities may reveal themselves to us that characterize modern humanity and that can help us understand many things. Since it is not possible to say much about external life—due to the prevalence of today’s prejudices and everything connected with the soul’s bondage in present-day circumstances—it is, of course, only to a very limited extent that I can speak here and now about the forces that continue to influence the immediate present of our days. That is not possible, as I have already indicated on several occasions. But I would like, so to speak, to point out those phenomena that stir the emotions and passions to a lesser degree. Let me first describe a few phenomena—phenomena of the life of knowledge and feeling—that I have singled out, drawing a provisional line under the observations I have made by showing you which forces are at work in this fifth post-Atlantean epoch. In order to situate these individual phenomena within those forces, let us first examine them from a historical perspective.

[ 29 ] Nehmen wir eine Erscheinung heraus, die uns allerdings in tiefstem Sinne interessieren muß, eine sehr bedeutsame Erscheinung; nehmen wir die Erscheinung, die sich äußert in dem menschlichen Verstehen der Wesenheit des Christus, und nehmen wir naheliegende Erscheinungen des Verständnisses für die Wesenheit des Christus. Da haben wir eine neuere Erscheinung in dem «Leben Jesu» von Ernest Renan, das Anfang der sechziger Jahre im 19. Jahrhundert erschien, rasch viele Auflagen erlebte, ich glaube die zwanzigste Auflage schon im Jahre 1900, nach dem Tode von Ernest Renan. Da haben wir «Das Leben Jesu», das aber eigentlich in Wirklichkeit kein Leben Jesu ist, von David Friedrich Strauß. Und da haben wir — wir können nun nicht sagen: ein Leben Jesu, aber gewisse Anschauungen höchst bedeutsamer Art im Osten Europas; nicht ein Leben Jesu, aber eine Auseinandersetzung über den Christus, die da gipfelt in dem, was Solowjow geschrieben hat über den Christus und sein Eingreifen in die Erdenevolution. Welche bedeutsamen drei Äußerungen des menschlichen Geisteslebens des 19. Jahrhunderts — dieses «Leben Jesu» von Ernest Renan, dieses «Leben Jesu», das aber eigentlich kein Leben Jesu ist, wir werden gleich hören, warum, von David Friedrich Strauß, dieses Eingreifen des Christus in die Erdenentwickelung, wie das Solowjow ausgeführt hat. Wenigstens gipfeln seine Ausführungen in der Christus-Idee.

[ 29 ] Let us single out a phenomenon that must, however, be of the deepest interest to us—a very significant phenomenon; let us take the phenomenon that manifests itself in the human understanding of the essence of Christ, and let us consider related manifestations of this understanding of the essence of Christ. Here we have a more recent example in Ernest Renan’s The Life of Jesus, which was published in the early 1860s, quickly went through many printings—I believe the twentieth edition was already published in 1900, after Ernest Renan’s death. Then there is The Life of Jesus—which, in reality, is not actually a life of Jesus—by David Friedrich Strauss. And then we have—we cannot exactly call it a “Life of Jesus,” but certain views of the utmost significance in Eastern Europe; not a “Life of Jesus,” but a discourse on Christ that culminates in what Soloviev wrote about Christ and his intervention in earthly evolution. What three significant expressions of 19th-century human spiritual life—this Life of Jesus by Ernest Renan, this Life of Jesus—which is not actually a Life of Jesus (we will hear why in a moment)—by David Friedrich Strauss, and this intervention of Christ in the evolution of the Earth, as Soloviev has expounded. At the very least, his remarks culminate in the idea of Christ.

[ 30 ] Welches ist der Nerv der Renanschen Ausführungen über das Leben Jesu? Wenn Sie das Renansche Buch «Das Leben Jesu» richtig würdigen wollen, das heißt verstehen wollen als ein Dokument der Zeit, dann müssen Sie es vergleichen mit früheren Darstellungen des Lebens Jesu. Sie brauchen nicht einmal bloß auf die literarischen Darstellungen des Lebens Jesu zu blicken, sondern Sie können auf alle Darstellungen auch auf die malerischen Darstellungen — des Lebens Jesu blicken. Denn derselbe Gang sozusagen drückt sich überall aus, den die Darstellung des Lebens Jesu nimmt. In den ersten christlichen Römerzeiten hat man nicht nur das Christentum vom Osten herübergenommen, sondern auch die Darstellung Jesu. Man hat ja griechische Darstellungen gegeben, griechische Verbildlichung, und es ist dem Osten geblieben die Fähigkeit, Christus darzustellen. Das byzantinische Jesus-Gesicht ist ja auch im Westen immer wieder und wiederum dargestellt worden aus dem Römertum heraus, bis dann etwa vom 13. Jahrhundert ab sich zum ersten Mal die später in einer solchen Weise, wie ich das in diesen Tagen auch schon angedeutet habe, sich auslebenden Nationalideen, Nationalimpulse aufgekommen sind, wo dann aus dem nationalen Impuls allmählich umgeändert worden ist das stereotyp-traditionell fortwirkende Jesus-Gesicht, wo die Nationen an sich gerissen haben den Jesus-Typus, in ihrer Art den Jesus-Typus dargestellt haben.

[ 30 ] What is the crux of Renan’s discussion of the life of Jesus? If you wish to properly appreciate Renan’s book The Life of Jesus—that is, to understand it as a document of its time—then you must compare it with earlier accounts of the life of Jesus. You need not limit yourself to literary depictions of the life of Jesus; you can also examine all depictions—including pictorial ones—of the life of Jesus. For the same approach, so to speak, is evident everywhere in the way the life of Jesus is portrayed. In the early Christian era in Rome, not only was Christianity adopted from the East, but so was the depiction of Jesus. There were, of course, Greek depictions, Greek visual representations, and the East retained the ability to depict Christ. The Byzantine image of Jesus was, after all, repeatedly depicted in the West as well, stemming from Roman culture, until, starting around the 13th century, national ideas—which later manifested themselves in the manner I have already hinted at in recent days— emerged for the first time—impulses that gradually transformed the stereotypical, traditionally perpetuated image of Jesus, as the nations appropriated the Jesus archetype and depicted it in their own way.

[ 31 ] Da machen sich wiederum die verschiedensten Impulse geltend, den Jesus-Typus darzustellen. Verfolgen Sie, wie merkwürdig das nationale Anschauen sich hineinstiehlt, möchte ich sagen, in die Darstellungen des Jesus-Kopfes bei Guido Reni, bei Murillo, bei Lebrun. Das sind so drei Beispiele, die man herausgreifen könnte. Da haben wir überall die Sehnsucht, den Jesus-Typus national darzustellen. Er ist überall so, daß man sieht: es fließt in Guido Reni viel mehr, als das noch bei seinen Vorgängern der Fall war, der italienische Seelentypus in das Gesicht des Jesus, bei Murillo der spanische, bei Lebrun der französische. Aber bei diesen drei Darstellungen sehen wir überall das Prinzip der kirchlichen Tradition. Sie werden nicht Bilder bei ihnen finden, bei denen Sie nicht die mächtige Kirche dahinterstehen sehen. Dagegen finden Sie ein Auflehnen, man möchte sagen, ein malerisches Auflehnen gegen die umfassende Macht des Kirchentums, die man in der Malerei des Murillo, des Lebrun, des Guido Reni erblickt, ein Auflehnen, ein freies Herausarbeiten aus der Menschlichkeit selber bei Rubens, bei van Dyck, bei Rembrandt. Das ist geradezu malerisches Rebellentum, wenn Sie es betrachten mit Bezug auf die Darstellung des Jesus-Antlitzes. Jedenfalls aber sehen wir aus diesem Fortgang, wie das, was sich an Vorstellungen an Jesus angliedert, nicht im Stillstande ist, sondern wie die Kräfte, die in der Welt wirken, selbst auf dieses Gebiet hereinwirken. Wie der Romanismus wie ein Hauch liegt über den sich zum Nationalen emporhebenden Lebrun, Murillo, Guido Reni, wie das Anstürmen gegen den Romanismus so deutlich zum Ausdrucke kommt in den Gesichtern — nicht einmal bloß dem Jesus-Gesicht, sondern den anderen Gesichtern der heiligen Geschichte — bei Rubens, bei van Dyck, insbesondere dann bei Rembrandt. Und so sehen wir, wie sich unter den verschiedenen Impulsen, die sich in der menschlichen Evolution herauferheben, alle geistigen Berätigungen nach und nach ausgestalten.

[ 31 ] Here, once again, a wide variety of influences come into play in the depiction of the figure of Jesus. Observe how strangely the national perspective creeps in—I would say—into the depictions of Jesus’s head by Guido Reni, Murillo, and Lebrun. These are just three examples one could single out. Everywhere we see the desire to depict the figure of Jesus in a national style. It is evident everywhere: in Guido Reni, the Italian character flows into the face of Jesus far more than was the case with his predecessors; in Murillo, the Spanish character; and in Lebrun, the French. But in all three of these depictions, we see the principle of ecclesiastical tradition. You will not find paintings by them in which you do not see the powerful Church standing behind them. In contrast, you find a rebellion—one might say, a painterly rebellion—against the all-encompassing power of ecclesiastical authority, which is evident in the paintings of Murillo, Lebrun, and Guido Reni; a rebellion, a free exploration of humanity itself, in the works of Rubens, van Dyck, and Rembrandt. This is nothing short of painterly rebellion when viewed in relation to the depiction of Jesus’ face. In any case, however, we see from this development that the ideas associated with Jesus are not static, but that the forces at work in the world are themselves exerting their influence on this realm. Just as Romanism lies like a breath over Lebrun, Murillo, and Guido Reni as they rise to the national level, so too is the onslaught against Romanism so clearly expressed in the faces—not merely the face of Jesus, but the other faces of sacred history—in the works of Rubens, van Dyck, and especially Rembrandt. And so we see how, under the various impulses arising in human evolution, all spiritual developments gradually take shape.

[ 32 ] Und ebenso würden Sie finden für die Zeiten, in denen die darstellende, die bildende Kunst mehr abgelöst wird vom Worte seit dem 16. Jahrhundert, wie da — denn dieselbe Bedeutung, wie sie für die früheren Zeiten die bildlichen Darstellungen hatten, haben für solche Sachen die Wortdarstellungen seit dem 16. Jahrhundert — wiederum in Fluß kommt die Gestalt des Jesus, die Gestalt des Christus, die nie fest und starr ist, sondern immer so gefaßt wird, wie die verschiedenen Kräfte zusammenfließen in den Darstellern. Und ich möchte sagen: Wie vorläufig letzte Produkte stehen da der Renansche Jesus, der David Friedrich Straußsche, der kein Jesus ist, der Solowjowsche Christus. Und wie gewaltig unterschieden voneinander!

[ 32 ] And likewise, you would find that in the periods since the 16th century, when the performing and visual arts have become increasingly detached from the word, as — for verbal representations have held the same significance for such matters since the 16th century as pictorial representations did in earlier times — the figure of Jesus, the figure of Christ, which is never fixed or rigid but is always conceived in accordance with how the various forces converge in the artists, once again comes into flux. And I would like to say: Renan’s Jesus, David Friedrich Strauss’s Jesus—who is not Jesus at all—and Soloviev’s Christ stand there as, for the time being, the latest products. And how vastly different they are from one another!

[ 33 ] Der Renansche Jesus: Ganz ein Jesus, der als Mensch in Palästina lebt wie eine historische Menschengestalt. Dabei ist dieses Palästina selbst mit dem Aufwande aller moderner Gelehrsamkeit wunderbar anschaulich geschildert, ich möchte sagen so geschildert, daß man die ganze palästinensische Landschaft mit ihrer Menschheit vor sich hat, und in der realistisch-naturalistisch geschilderten Landschaft mit ihrer Menschheit wandelnd die Jesus-Gestalt, und der Versuch, aus Landschaft und Menschentum in Palästina diese Jesus-Gestalt zu erklären, wie sie aufwächst, wie sie als Mensch wird, wie ein solcher Mensch werden konnte in Palästina. Das Hervorragende der Schilderung Renans wird man erst gewahr, wenn man frühere Darstellungen damit vergleicht. Frühere Darstellungen nehmen den inneren Gang des durch die Evangelien Geschilderten, und das versetzen sie in eine Landschaft, die überhaupt nirgendwo ist. Es wurden eben einfach die Tatsachen so, wie sie geschildert werden in den Evangelien, früher immer wieder erzählt; die Landschaft, die wird da ganz unberücksichtigt gelassen, es wird so geschildert, daß es überall sein kann. Da geht Renan einmal so zu Werke, daß er nun das Heilige Land realistisch in allen Einzelheiten schildert, so daß Jesus in diesem Heiligen Lande drinnen ein richtiger Palästinenser wird. Der Christus Jesus, der der ganzen Menschheit gehören soll, wird zu einem Jesus, der als historische Persönlichkeit in Palästina lebt und geht, ein Palästinenser ist, begriffen wird aus dem Palästina zwischen dem Jahre 1 und dem Jahre 33, begriffen wird aus den dortigen Sitten, aus den dortigen Anschauungen, begriffen wird aus der dortigen Landschaft. Eine realistische Schilderung. Es sollte einmal der Jesus geschildert werden als historische JesusPersönlichkeit, wie eine andere historische Persönlichkeit geschildert wird. Für Renans Geist hätte es keinen Sinn, einen abstrakten Sokrates zu schildern, der überall sein könnte, der schließlich zu jeder Zeit sein könnte; für Renan aber hat es ebensowenig Sinn, einen abstrakten Jesus zu schildern, der überall sein könnte. Er will, ganz gemäß der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, den Jesus als eine historische Figur zwischen dem Jahre 1 und 33 schildern, wie er in Palästina aus den palästinensischen Verhältnissen heraus begreifbar ist. Der Jesus hat gelebt zwischen dem Jahre 1 und 33, ist im Jahre 33 gestorben, wie ein anderer Mensch gestorben ist in dem oder jenem Jahre, und sein Fortwirken besteht wie das Fortwirken eines anderen historischen Menschen, der in einem gewissen Jahre gestorben ist. Ganz hereingestellt in die moderne Anschauung: Jesus als eine historische Persönlichkeit, begriffen aus seinem Milieu heraus, das gibt uns das «Leben Jesu» von Ernest Renan.

[ 33 ] Renan’s Jesus: A Jesus who lives as a human being in Palestine, just like a historical figure. Moreover, this Palestine itself is depicted in a wonderfully vivid way, drawing on all the resources of modern scholarship, I would say depicted in such a way that one has the entire Palestinian landscape with its people right before one’s eyes, and walking through this realistically and naturalistically depicted landscape with its people is the figure of Jesus, and the attempt to explain this figure of Jesus from the landscape and humanity of Palestine—how he grows up, how he becomes human, how such a person could have come to be in Palestine. One only realizes the excellence of Renan’s depiction when comparing it to earlier accounts. Earlier accounts take the inner progression of what is described in the Gospels and transpose it into a landscape that is nowhere in particular. In the past, the facts as described in the Gospels were simply recounted over and over again; the landscape was completely disregarded, and the narrative was presented in such a way that it could take place anywhere. Renan, however, sets out to depict the Holy Land realistically in every detail, so that Jesus, within this Holy Land, becomes a true Palestinian. Christ Jesus, who is supposed to belong to all of humanity, becomes a Jesus who lives and walks in Palestine as a historical figure—a Palestinian—understood in terms of the Palestine between the years 1 and 33, understood in terms of the local customs, the local views, and the local landscape. A realistic portrayal. The aim was to portray Jesus as a historical figure, just as any other historical figure is portrayed. To Renan’s mind, it would make no sense to portray an abstract Socrates who could be anywhere, who could ultimately exist at any time; but for Renan, it makes just as little sense to portray an abstract Jesus who could be anywhere. In keeping with 19th-century scholarship, he seeks to portray Jesus as a historical figure who lived between the years 1 and 33, as he can be understood in Palestine within the context of Palestinian conditions. This Jesus lived between the years 1 and 33, died in the year 33, just as any other person died in one year or another, and his lasting influence persists just as the lasting influence of any other historical figure who died in a certain year. Fully grounded in the modern perspective—Jesus as a historical figure, understood within the context of his milieu—this is what Ernest Renan’s The Life of Jesus offers us.

[ 34 ] Betrachten wir jetzt das «Leben Jesu», das eigentlich kein Leben Jesu ist, von David Friedrich Strauß. Ich sage, es ist kein Leben Jesu; denn David Friedrich Strauß geht zwar auch als ein sehr gelehrter Mann zu Werke, untersucht das, was er untersuchen will, mit Gründlichkeit, mit einer ebensolchen Gründlichkeit, wie es auf seinem Gebiete Ernest Renan tat. Aber David Friedrich Strauß lenkt nicht seine Aufmerksamkeit auf den historischen Jesus; der ist ihm zunächst nur die Figur, an die er etwas ganz anderes anheftet. David Friedrich Strauß untersucht das, was nun von Jesus gesagt wird, insoferne der Jesus der Christus war, insoferne der Jesus wunderbar in die Welt eintritt, auf wunderbare Weise sich entwickelt, große Lehren einer bestimmten Art äußert, durch Leiden und Tod geht, der Auferstehung entgegengeht. Diese Erzählungen der Evangelien untersucht David Friedrich Strauß. Auch Ernest Renan hat natürlich die Evangelien genommen, aber sie gewissermaßen reduziert auf das, was er aus seiner genauen PalästinaKenntnis heraus als qualifiziert ansehen konnte für eine Weltanschauung mit Bezug auf das Leben Jesu. Das interessiert David Friedrich Strauß weiter nicht, sondern Strauß sagt sich: Dies oder jenes erzählen über Christus, der im Jesus gelebt hat, die Evangelien. — Nun untersucht er, inwiefern das, was da über den Christus erzählt wird, auch gelebt hat als Mythos da oder dort, wie das, was von einer wunderbaren Geburt erzählt wird, sich in diesem oder jenem Mythos dieses oder jenes Volkes findet, wie das, was von der Entwickelung erzählt wird, sich da oder dort findet, wie endlich das Mysterium von Golgatha selber sich bereits findet in den Mythen und wie es in den Sagen, da für diesen, dort für jenen Gott, angewendet wird. Und so sieht David Friedrich Strauß in der Figur des historischen Jesus nur die Gelegenheit, daß sich die Mythenbildung der Menschheit konzentriert auf eine Persönlichkeit. Der Jesus ist ihm gleichgültig; er ist ihm nur insofern von Wert, als die Mythen, die sonst zerstreut sind in der Welt, sich konzentrieren auf diesen einen Jesus, dem sie alle angehängt werden. Aber diese Mythen kommen ihm alle aus einem gemeinsamen Impuls heraus; sie sprechen zu David Friedrich Strauß alle von der mythenbildenden Kraft, die in der Menschheit lebt. Und woher kommt für David Friedrich Strauß die mythenbildende Kraft? Davon kommt sie, daß die Menschheit, so wie sie sich entwickelte auf der Erde von der ersten Entstehung der Erde bis zum Untergange der Erde, immer in sich eine höhere Kraft haben wird als die bloß äußere, auf dem physischen Plan sich entwickelnde Kraft. Durch das ganze Menschengeschlecht geht eine Kraft durch, und diese Kraft wird immer sich richten auf Überirdisches, und es wird ausgedrückt dieses Überirdische in den Mythen, die ausgebildet werden. Wir wissen, daß in ihm lebt ein Übersinnliches, das sich in den Mythen ausdrücken will, das nicht in der äußeren physischen Wissenschaft ausgedrückt werden kann, sondern das sich in den Mythen ausdrückt. So sieht David Friedrich Strauß nicht in dem einzelnen Jesus, sondern in allen Menschen den Christus, der seit dem Beginn der Menschheit durch alle Menschen, durch die ganze Menschheit lebt und bewirkt, daß von ihm Mythen gedichtet werden. Nur am stärksten entwickelt sich durch die Persönlichkeit des Jesus diese mythenbildende Kraft. Da konzentriert sie sich. Strauß spricht also nicht von einem Jesus, er spricht von einem Jesus, der eigentlich kein Jesus ist, sondern an den nur angehängt wird das, was als geistige ChristusKraft durch die ganze Menschheit geht. Die Menschheit selber ist der Christus für David Friedrich Strauß, und vor dem Jesus und nach dem Jesus ist der Christus immer wirksam. Und die wirkliche Inkarnation des Christus ist nicht der einzelne Jesus für David Friedrich Strauß, sondern die ganze Menschheit, der Jesus nur der hervorragendste Repräsentant für die Repräsentation des Christus durch die Menschheit.

[ 34 ] Let us now consider David Friedrich Strauss’s The Life of Jesus, which is not actually a life of Jesus. I say it is not a life of Jesus; for although David Friedrich Strauss sets to work as a very learned man, examining what he wishes to examine with thoroughness—with the very same thoroughness that Ernest Renan displayed in his field—David Friedrich Strauss does not direct his attention to the historical Jesus; for him, the historical Jesus is initially merely the figure to whom he attaches something entirely different. David Friedrich Strauss examines what is said about Jesus insofar as Jesus was the Christ, insofar as Jesus miraculously enters the world, develops in a miraculous way, expresses great teachings of a certain kind, undergoes suffering and death, and moves toward the Resurrection. David Friedrich Strauss examines these accounts in the Gospels. Ernest Renan, of course, also drew on the Gospels, but he reduced them, so to speak, to what he—based on his precise knowledge of Palestine—could regard as credible for a worldview relating to the life of Jesus. This does not interest David Friedrich Strauss further; rather, Strauss tells himself: The Gospels recount this or that about Christ, who lived in the person of Jesus. — He then examines to what extent what is recounted there about Christ has also existed as a myth here or there; how the account of a miraculous birth is found in this or that myth of this or that people; how the account of his development is found here or there; and finally, how the mystery of Golgotha itself is already found in the myths and how it is applied in the legends, applied there to this god and here to that god. And so David Friedrich Strauss sees in the figure of the historical Jesus merely an opportunity for humanity’s myth-making to concentrate on a single personality. Jesus is of no concern to him; he is of value to him only insofar as the myths, which are otherwise scattered throughout the world, are concentrated on this one Jesus, to whom they are all attributed. But to him, all these myths stem from a common impulse; to David Friedrich Strauss, they all speak of the myth-forming power that lives within humanity. And where, for David Friedrich Strauss, does this myth-forming power come from? It comes from the fact that humanity, as it has developed on Earth from the very beginning of the Earth’s existence to its end, will always possess within itself a higher power than the merely external power that develops on the physical plane. A force runs through the entire human race, and this force will always be directed toward the supernatural; and this supernatural is expressed in the myths that are formed. We know that within him lives a supersensible reality that seeks to express itself in myths—a reality that cannot be expressed in external, physical science, but which finds expression in myths. Thus, David Friedrich Strauss sees the Christ not in the individual Jesus, but in all human beings; the Christ who, since the dawn of humanity, has lived through all people, through all of humanity, and has inspired the creation of myths about him. It is only through the personality of Jesus that this myth-forming power develops most strongly. That is where it concentrates. Strauss, therefore, does not speak of a Jesus; he speaks of a Jesus who is not actually Jesus, but to whom is merely attached that which, as the spiritual Christ-force, flows through all of humanity. For David Friedrich Strauss, humanity itself is the Christ, and the Christ is always at work—both before Jesus and after Jesus. And for David Friedrich Strauss, the true incarnation of the Christ is not the individual Jesus, but all of humanity, of which Jesus is merely the most outstanding representative in humanity’s embodiment of the Christ.

[ 35 ] Da ist also nicht der Jesus als historische Figur die Hauptsache, sondern ein abstraktes Menschentum. Der Christus ist zur Idee geworden und diese Idee inkarniert sich durch die ganze Menschheit hindurch. Es ist das Destillierteste, was zunächst der Mensch im 19. Jahrhundert hat begreifen können: das Lebendige in der Idee zum Christus geworden, der Christus ganz als Idee begriffen und über den Jesus gewissermaßen hinweggeschritten! Ein «Leben Jesu», das kein Leben Jesu ist, sondern das ein Dokument sein soll dafür, daß die Idee, das Göttliche, in der ganzen Menschheit sich inkarniert, fortlaufend sich inkarniert. Der Christus in ideeller Verdünnung gedacht, ideell gedacht, das ist dieses zweite «Leben Jesu», das «Leben Jesu» von David Friedrich Strauß. So haben wir das «Leben Jesu» von Ernest Renan beschrieben als die historische Figur des Jesus zwischen den einzelnen und allein für sich, bei David Friedrich Strauß die Idee des Christus durch die ganze Menschheit durchgehend, aber etwas in destilliertem Abstrakten verbleibend.

[ 35 ] So it is not Jesus as a historical figure who is the main point, but rather an abstract humanity. Christ has become an idea, and this idea is incarnated throughout all of humanity. It is the most distilled concept that people in the 19th century were initially able to grasp: the living essence of the idea becoming Christ, Christ understood entirely as an idea, and, in a sense, transcending Jesus! A “Life of Jesus” that is not the life of Jesus, but is intended to be a document proving that the idea—the divine—is incarnated in all of humanity, continually incarnating itself. Christ conceived in an idealized, abstract form—that is this second “Life of Jesus,” the “Life of Jesus” by David Friedrich Strauss. Thus, we have described Ernest Renan’s “Life of Jesus” as the historical figure of Jesus standing apart and alone, whereas in David Friedrich Strauss’s work, the idea of Christ pervades all of humanity, yet remains somewhat in a distilled, abstract form.

[ 36 ] Und jetzt sehen wir bei Solowjow gar nichts mehr von Jesus, sondern ganz nur den Christus, aber den Christus lebendig geahnt, wie er jetzt nicht als eine Idee, die in den Menschen bewirkt, daß ihre Kraft in Mythen umgesetzt wird, wirkt, sondern wie er wirkt als lebendige Wesenheit, die nur keinen Leib hat, aber zu allen Zeiten wirkt, immer unter den Menschen ist und geradezu die äußere Organisation bewirken soll, stiften soll die soziale Ordnung — der Christus, der immer da ist, ein lebendiges Wesen ist, der, ich möchte sagen, einen Jesus gar nicht gebraucht hätte, um als Christus unter die Menschheit zu kommen. Obwohl natürlich alle diese Dinge in der Wirklichkeit noch nicht so radikal hervortreten bei Solowjow, so macht das nichts; es ist der Christus als solcher, der überall in den Vordergrund tritt, und zwar der Christus als der Lebendige, der nur durch die Imagination erfaßt werden kann, aber durch die Imagination so erfaßt wird, daß er wie ein reales Wesen, wie ein übersinnlich-reales Wesen auf der Erde wirkt.

[ 36 ] And now, in Soloviev, we see nothing of Jesus at all, but only the Christ—yet the Christ sensed as a living presence, not acting as an idea that causes people to channel their power into myths, but acting as a living being who simply has no body, but who acts at all times, is always among people, and is meant to bring about the external organization, to establish the social order—the Christ who is always there, a living being who, I would say, would not have needed a Jesus at all to come among humanity as the Christ. Although, of course, all these things do not yet emerge so radically in reality in Soloviev’s work, that does not matter; it is the Christ as such who comes to the fore everywhere—namely, the Christ as the Living One, who can be grasped only through the imagination, but is grasped by the imagination in such a way that he acts on earth as a real being, as a supersensibly real being.

[ 37 ] Da haben Sie die drei Gestalten. Wir sehen, wie uns dasselbe im 19. Jahrhundert in dreifacher Weise entgegentritt: das «Leben Jesu» von Ernest Renan, ganz realistisch, das realistische Werk der Historie kat’exochen, Jesus als historische Persönlichkeit, mit allen Errungenschaften der Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts geschrieben. David Friedrich Strauß: die Idee der Menschheit, wirksam, impulsiv, durch die ganze Menschheit sich inkarnierend, aber in der Idee bleibend, nicht zum Leben erwachend. Solowjows Christus: lebendige Kraft, lebendige Weisheit, spirituell. Realistisches Leben Jesu von Ernest Renan, idealistisches Leben Jesu von David Friedrich Strauß, das zu gleicher Zeit eine idealistische Darstellung des Christus-Impulses ist, spirituelle Darstellung des Christus-Impulses durch Solowjow.

[ 37 ] There you have the three figures. We see how the same theme confronts us in three different ways in the 19th century: Ernest Renan’s The Life of Jesus, entirely realistic, the quintessential work of historical scholarship, Jesus as a historical figure, written with all the achievements of 19th-century scholarship. David Friedrich Strauss: the idea of humanity, active, impulsive, incarnating itself throughout all of humanity, yet remaining an idea, never coming to life. Soloviev’s Christ: living power, living wisdom, spiritual. Ernest Renan’s realistic life of Jesus, David Friedrich Strauss’s idealistic life of Jesus—which is at the same time an idealistic portrayal of the Christ impulse—and Soloviev’s spiritual portrayal of the Christ impulse.

[ 38 ] Ich wollte heute zunächst so, wie sie sich uns nebeneinander darstellen, diese drei Äußerungen des modernen Lebens in der Erkenntnis der Jesus Christus-Gestalt hinstellen. Wir wollen sie dann morgen hineinstellen in den Zusammenhang, der sich uns ergibt aus den Impulsen, die wir kennengelernt haben.

[ 38 ] Today, I wanted to begin by presenting these three manifestations of modern life—as they appear side by side—in the light of the figure of Jesus Christ. Tomorrow, we will then place them within the context that emerges from the impulses we have come to know.