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Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171

23 September 1916, Dornach

Vierter Vortrag

[ 1 ] Mit Rücksicht darauf, daß anläßlich der Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Freunde anwesend sind, welche die letzten hier gehaltenen Vorträge nicht gehört haben, will ich nicht unmittelbar heute fortsetzen mit dem Thema, das jetzt schon durch eine längere Zeit uns beschäftigt hat. Ich will vielmehr in diesen Tagen Dinge besprechen, allerdings episodisch, die beitragen können zu weiterem Verständnisse des in den letzten Wochen hier Vorgebrachten, die aber aus sich selbst heraus, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, wiederum verständlich sein können. Nur kurz will ich skizzieren einen Hauptgedanken, der vorgebracht worden ist, und der ja aus dem ganzen Charakter unserer Geisteswissenschaft bis zu einem gewissen Grade verständlich ist. Nur wird er eben vertieft, wenn man zu seinem Verständnisse noch hinzunimmt die Tatsache, die wir in unseren verschiedenen letzten Betrachtungen anführen konnten. Es ist der Gedanke, daß alles dasjenige, was menschliche Geschichte ist, nur dann in seiner wahren Wirklichkeit betrachtet werden kann, wenn man hinter dieser menschlichen Geschichte die treibenden spirituellen Mächte kennenlernt in ihrer individuellen Gestalt, ebenso wie man ja die Natur nur kennenlernen kann, wenn man dasjenige, was wirkt und lebt hinter den Wahrnehmungen der Sinne, in seiner echten Gestalt kennenlernt. Wir haben ja nun schon öfter betont, daß Geisteswissenschaft sich zu dem, was man heute oftmals Wissenschaft nennt und womit man alles Wissenschaftliche umfassen will, so verhält, daß man sagen kann: Die heutige Wissenschaft, die Wissenschaft, die seit drei bis vier Jahrhunderten mit Recht und aus guten Gründen von der Menschheit getrieben wird, diese Wissenschaft gleicht der Beschreibung der einzelnen Buchstaben, die, sagen wir, auf einem Blatte gedruckt oder geschrieben sind; höchstens noch dem, was die grammatikalischen Regeln sind oder die Lautregeln, nach denen sich diese Buchstaben zu Worten gruppieren oder zu Sätzen zusammenfügen. Alles, was man Naturgesetze nennt, gleicht so den lautlichen oder den grammatikalischen Regeln. Wenn man also beginnen würde, anschauend zu beschreiben eine bedruckte oder beschriebene Seite, wenn man beschreiben würde: Da sehe ich zunächst etwas, einen Strich, einen Strich nach rechts oben gehend, einen Strich nach links unten gehend, und dann den nächsten Buchstaben beschreiben würde und höchstens noch die Regeln, wie die Sache der Lautlehre, der Grammatik angehören würde, so gleicht ein solches Verhalten zu einer beschriebenen oder bedruckten Seite dem, was man heute, und zwar für heute mit Recht, die Wissenschaft nennt. Aber unser Verhalten zu einer solchen beschriebenen oder bedruckten Seite wäre durchaus nicht der Sache angemessen, wenn wir nur stehen blieben bei einer solchen Anschauung, wie sie eben charakterisiert worden ist. Wir lesen und schreiten vor von dem bloßen Anschauen und Beschreiben desjenigen, was wir doch eigentlich einzig und allein von der bedruckten Seite vor uns haben, zu dem Sinn der Sache, den wir eben nur kennenlernen können, wenn wir vom Beschreiben des Augenscheines zu dem fortschreiten, was wir vermögen mit der beschriebenen oder bedruckten Seite anzufangen, wenn wir uns mit unserem eigenen Geiste und seinen Kräften in eine Beziehung setzen können durch dasjenige, was da bedruckt oder geschrieben ist, zu dem, von dem das ausgeht, was bedruckt oder geschrieben ist: zu dem Geiste, der in diesen kleinen Wesen, die wir als Druckbuchstaben kennen, waltet. So sucht Geisteswissenschaft, im Gegensatze zu der gewöhnlichen Wissenschaft, zu lesen, nicht bloß das Geschaute zu beschreiben, sondern zu lesen in den Tatsachen der Welt. Denn ebenso, wie sie uns zunächst in ihren Formen, die wir beschreiben können, in ihren Bewegungen, in ihrer inneren Gesetzmäßigkeit entgegentreten, die Tatsachen der Natur und die Tatsachen des geschichtlichen Werdens, so sind uns zugleich — in übertragenem Sinne natürlich ist das gemeint — diese Tatsachen der Natur und der Geschichte gewissermaßen Lettern, Buchstaben, die wir lesen können, wenn wir auf diesem Gebiete lesen lernen, aus denen sich uns enthüllt der Sinn des Daseins, der Sinn des Lebens, der Sinn aller menschlichen Tätigkeit, soweit dies den Menschen notwendig ist. So suchen wir den Sinn auch des geschichtlichen Werdens, suchen die konkreten Kräfte, die hinter diesem geschichtlichen Werden stehen und es gewissermaßen hervorzaubern aus sich, so wie der Schreiber aus seinen Gedanken hervorzaubert dasjenige, das wir nachher aus den toten Buchstaben der beschriebenen oder bedruckten Seiten lesen.

[ 2 ] Nun haben wir versucht, gewissermaßen den Sinn der neueren Zeit, jener neueren Zeit, die wir als die fünfte nachatlantische irdische Kulturperiode bezeichnen, zu ergründen. Wir wissen, daß diese Zeit ungefähr aufgeht in dem Zeitalter, welches die äußere Geschichte auch bezeichnet als den Übergang des Mittelalters zur neueren Zeit. Das Mittelalter, vielleicht mit Ausnahme seiner allerletzten Jahrhunderte, bis in das 14., ja noch bis in einen Teil des 15. Jahrhunderts herauf, betrachten wir als zugehörig zum vierten nachatlantischen Kulturzeitraum, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen nach dem eigentlichen Grundcharakter seines geistigen und materiellen Lebens; er beginnt etwa im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha. Wenn wir nur in dem Stil, wie es die gewöhnliche Geschichte macht, die Entwickelung der Menschheit betrachten — auch das ist ja schon öfter hier und anderswo gesagt worden —, so kommt man sehr leicht zu der Meinung, daß in dieser menschlichen Entwickelung, solange man von ihr so sprechen kann, enthalten ist das, was wir als Jetzt-Menschen entwickeln, daß diese menschliche Entwickelung ziemlich gleich verlaufen ist. Man stellt sich vor, es ginge die geschichtliche Entwickelung, wenn man rückwärts blickt, nur so zurück, und der Mensch wäre sich ziemlich gleich geblieben. Vor einer wirklichen geistigen Geschichtsbetrachtung gilt das nicht, wie wir wissen; da gilt, daß in der Tat die Menschheit sehr, sehr sich verändert. Und mehr als man heute glaubt, wo man so wenig eigentlich übersehen will von der Menschheitsentwickelung, ist der Mensch des 10., 12. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung ganz radikal verschieden von dem Menschen der gegenwärtigen Zeit. Wenn man die ganze Konfiguration des Seelenlebens, die ganze Konfiguration der menschlichen Gesinnungsweise und der Lebensart ins Auge faßt, dann zeigt sich diese Verschiedenheit nicht nur etwa auf den Höhen des Lebens, da, wo Weltanschauungsfragen oder wissenschaftliche Fragen, Erkenntnisfragen spielen, sondern diese Verschiedenheit zeigt sich zu den einfachsten, primitivsten Menschen heruntergehend. Der Bauer, der einfachste Bauer ist heute in seiner ganzen Seelenkonfiguration, wenn die Welt auch nicht viel davon weiß, innerlich ein wesentlich anderes Wesen als der Mensch des 8.,9., 10. christlichen Jahrhunderts. Und wiederum können wir sagen, daß dasjenige Zeitalter, das im wesentlichen den Charakter der Gegenwart trägt, wie es so heraufkommt vom 15.,16. Jahrhundert an, seinen ersten kleineren Abschnitt vollendet hat ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist ja tatsächlich, wie wir auch schon öfter angeführt haben, ein ganz wichtiger Zeitabschnitt.

[ 3 ] Ich habe es ja schon öfter auch angedeutet, daß ein Ausspruch, der immer wieder und wiederum getan wird, zu den falschesten Aussprüchen gehört, wenn man ihn in der Art faßt, wie er gewöhnlich gefaßt wird: In der Natur oder im Leben, so sagt man, geschehen keine Sprünge. In Wahrheit ist es so, daß überall zu bemerken ist, wie das wirkliche Leben überall Sprünge macht, sich nur durch Sprünge in Wahrheit fortentwickelt. Ein Sprung ist es, wenn von der Wurzel durch Metamorphose — im Goetheschen Sinne gesprochen — das Blatt sich entwickelt, aus dem Blatt wiederum das Blumenblatt, aus dem Blumenblatt die Fruchtorgane in der Pflanze. Und so ist es auch ein Vorurteil, allerdings ein bequemes Vorurteil, zu glauben, daß die menschliche Geschichte so ohne Sprünge weitergeht. Es ist nicht der Fall. Die menschliche Geschichte schreitet fort, gewissermaßen deutlich Wellentäler und Wellenberge machend, und nicht einfach so sukzessive das eine an das andere reihend; sondern in gewissen Zeiten stellt sich schroff als etwas anderes das Spätere neben das Vorhergehende hin. Die Menschen sind nur nicht geneigt, die Dinge so genau anzusehen, daß ihnen auffallen würde, wie auf dem Grunde des Werdens waltende Mächte zu schauen sind, die in dieser Weise durch Abschnitte, wellenberg-, wellentalartig dieses Werden vorwärtsbringen.

[ 4 ] Was einen gewissen Abschluß erlangt hat im Jahre 1840, könnte man sagen, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das ist, daß in dem Zeitraume vom 15. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Menschheit ganz bestimmte Fähigkeiten entwickelt hat, Fähigkeiten, die in der früheren Zeit nicht in derselben Art vorhanden waren. Man geht völlig in die Irre, wenn man meint, daß, sagen wir, die kopernikanische Weltanschauung oder die Buchdruckerkunst in einem früheren Jahrhunderte ebensogut hätte eintreten können in die menschliche Entwickelung wie in dem Jahrhunderte, in dem sie eingetreten sind. Das hängt davon ab, daß das Fortschreiten der menschlichen Entwickelung geradeso einem Organismus entspricht wie die einzelne menschliche Entwickelung; und so wie das Kind von zwölf, dreizehn Jahren nicht die Fähigkeiten hat, um in der Welt dasselbe zu tun wie der Mann oder die Frau von fünfunddreißig Jahren, so wie sich diese Fähigkeiten entwickeln müssen, und wie diese Fähigkeiten dem Lebensalter des menschlichen Individuums entsprechen, so ist es auch im ganzen Menschengeschlecht. Die Fähigkeiten, die besonders hervorgetreten sind in Kopernikus, in Galilei, in Kepler, dann wiederum in den Männern der Naturwissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts, diese Fähigkeiten waren vorher nicht da. Sie entsprechen eben einem Zeitalter der menschlichen Entwickelung, der menschlichen Gesamtentwickelung, das auf die angedeuteten Jahrhunderte fällt; und nicht in derselben Weise hätte der Grieche oder der Römer die Welt anschauen können, weil die Fähigkeiten einfach dazumal nicht da waren. Und so wie das einzelne menschliche Individuum nichts Vollständiges sein würde, wenn es nicht nach und nach die verschiedenen, den Lebensaltern entsprechenden Fähigkeiten herausgestalten würde, so wäre das Menschengeschlecht nichts in seiner Art Vollständiges, wenn nicht nach und nach diejenigen Fähigkeiten herauskämen, die eben in der allgemeinen Menschennatur veranlagt sind. Daß diese Fähigkeiten sich entwickeln, daß nach und nach das Menschengeschlecht aus sich dasjenige heraussetzt, was in seinem Wesen liegt, das ist ja im Grunde genommen menschliche Entwickelung.

[ 5 ] Welcher Art sind nun diese besonderen Fähigkeiten, welche sich vom 15. bis ins 19. Jahrhundert innerhalb der Menschheit entwickelt haben? Es sind vorzugsweise die Kräfte des verständigen Auffassens der Welt, des, könnte man sagen, vernünftigen Auffassens der Welt. Man hat heute so allgemein den Glauben: Das Mittelalter hat die ptolemäische Weltanschauung, dann kam die kopernikanische Weltanschauung; wir haben es herrlich weit gebracht, denn dieses Mittelalter war im Grunde genommen doch ganz töricht, daß es so etwas Unvollkommenes hatte wie die ptolemäische Weltanschauung, und jetzt haben wir endlich das Richtige! — Diejenigen Menschen denken wenig der Wirklichkeit gemäß, die nicht zugeben wollen, daß, wenn wir einmal von Kopernikus uns ebensoweit entfernt haben werden in der Zeit, wie die Zeit des Kopernikus entfernt war von Ptolemäus, man über das Himmelsgewölbe wiederum anders denken wird. Nichts von dem, was kopernikanische Weltanschauung ist, wird dann anders angesehen werden, als die kopernikanische Weltanschauung die ptolemäische ansah; denn im steten Flusse ist das Werden des menschlichen Geschlechtes. Mag es auch heute noch ganz wahnsinnig erscheinen, wenn man sagt, daß etwas an die Stelle der kopernikanischen Weltanschauung treten wird, was sich von dieser ebenso unterscheidet wie die kopernikanische Weltanschauung von der ptolemäischen, es ist dies für denjenigen ganz klar, der innerlich erfaßt, was im Werden der Menschheit webt und lebt. Die besondere Art, so äußerlich nur den Verstand anzuwenden auf die Naturerscheinungen, wie er angewendet werden mußte, um die neuere Naturwissenschaft der letzten drei bis vier Jahrhunderte zu erzeugen, das ist eben etwas, was einer Fähigkeit gerade dieser Jahrhunderte entspricht.

[ 6 ] Für diejenigen nun, welche wissen, wie die Menschheitsgeschichte vorschreitet, ist es klar, daß eigentlich von der Mitte des 19. Jahrhunderts an das Menschengeschlecht reif war, andere Fähigkeiten nach und nach zu entwickeln. Aber immer mehr und mehr muß die Menschheit ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. So ist es, mehr als es jemals in einem Zeitalter früher der Fall war, der Menschheit heute in der Gegenwart überlassen, etwas zu tun, um weitere Fähigkeiten zu den in den letzten drei bis vier Jahrhunderten errungenen hinzuzuerwerben. Warum sind denn die Fähigkeiten der letzten drei bis vier Jahrhunderte gekommen, diese Fähigkeiten, welche scharfsinnig und eindringlich gewissermaßen die Oberfläche der Erscheinungen logisch beherrschen können, so daß sie sie in Naturgesetze prägen können? Warum sind denn diese Fähigkeiten gekommen, diese Fähigkeiten, die wenig unter die Oberfläche der Dinge dringen, aber sehr scharfsinnig gerade alles dasjenige wissenschaftlich anschauen, was an der Oberfläche der Dinge liegt? Diese Fähigkeiten sind aus dem Grunde gekommen, weil nur dadurch der Mensch eine gewisse Stufe, eine gewisse Etappe seines Werdens durchmachen kann.

[ 7 ] Der Mensch hat früher andere Fähigkeiten gehabt. Wenn wir zurückgehen in der geschichtlichen Entwickelung, finden wir, daß, je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, immer mehr und mehr der Mensch noch hineinblicken konnte in die geistige Welt. Aber diese Fähigkeiten waren nicht so, daß sie der Mensch frei handhaben konnte, sondern sie waren mehr oder weniger unfreiwillig im Menschen auftretend. So ähnlich, wie die Sehnsucht nach Schlaf über den Menschen kommt, so war ihm in früheren Zeiten die Kraft, dieses oder jenes zu erkennen, gekommen; aber diese Kraft, dieses oder jenes zu erkennen, die ging dafür hinein in die geistige Welt. Damit der Mensch eine Etappe vorwärtsschreiten konnte auf dem Gebiete der freien Entschlußfähigkeit, auf dem Gebiete der Entwickelung zur Freiheit, mußte er abgeschlossen werden von den Kräften, die ihn früher allerdings näher der geistigen Welt gebracht haben, aber ihn auch unfreier gehalten haben. Die Menschheit mußte eine Zeitlang durch eine Entwickelungsperiode durchgehen, in der sie gewissermaßen wie durch eine Hülle oder durch einen Schleier abgeschlossen war von der geistigen Welt, damit sie freier werden konnte. Allerdings ist diese Entwickelung noch lange nicht abgeschlossen, aber ihr erster Entwickelungsprozeß ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen gewesen. Und seit jener Zeit — das wissen diejenigen, welche etwas vom geistigen Leben, das hinter dem sinnlichen ist, erkennen — ist es eine Notwendigkeit, und es wird immer mehr und mehr eine Notwendigkeit werden, daß zu den rein verstandesmäßigen Betrachtungs- und Erkenntniskräften hinzutreten andere Kräfte, die in der menschlichen Seele schlummern und die sich ebenso entwickeln müssen, wie sich die Kräfte entwickelt haben, welche die Menschheit zu den großen Fortschritten der letzten drei bis vier Jahrhunderte gebracht haben.

[ 8 ] Also um der Freiheit willen hat die Menschheit die verstandesmäßige Entwickelung der letzten drei, vier Jahrhunderte durchgemacht. Diese verstandesmäßige Entwickelung hat zu einer im weitgehenden Sinne so zu nennenden materialistischen Anschauung der Welt geführt, einer materialistischen Anschauung, die heute noch in vollem Schwunge ist überall da, wo Weltanschauung in ausgedehntem, in intensivem Maße in das Weltgeschehen eingreift. Wieviel man auch davon redet auf den wissenschaftlichen Gebieten, daß der Materialismus schon zurückgetreten sei, diejenigen, die ihn so zurückgetreten wähnen, die wissen oftmals gar nicht, wie tief sie noch in der materialistischen Anschauung stecken. Diese materialistische Anschauung, die in ihrer Art in großartiger Weise herausgekommen ist in den letzten drei bis vier Jahrhunderten und die nicht kritisiert werden soll, weil die Menschheit sie auch braucht, diese materialistische Anschauung kann aber niemals weiterkommen als zu einem Verständnisse alles desjenigen, was tot ist, was unlebendig ist; und würde nur die verstandesmäßige Anschauung der Welt herrschend werden im Erdenwerden der Menschen, so würde man nur das Tote, das Leblose begreifen. Man würde alles Verständnis verlieren müssen für das Lebendige, geschweige denn für das Geistige. Das Tote nur kann Gegenstand sein einer solchen Betrachtung, wie wissenschaftliche Erkenntnis in ihrer grandiosen Ausgestaltung in ihrer Art in den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich zeigte.

[ 9 ] Aber diejenigen Menschen — und es waren ja immer weniger und weniger geworden gerade in den letzten drei bis vier Jahrhunderten —, die wissen, was der Menschheit not tut, die konnten sich auch erklären, warum von der Mitte des 19. Jahrhunderts an wie durch einen inneren Prozeß eine gewisse Sehnsucht entstand, von den geistigen Welten etwas zu wissen. Und das Eigentümliche ist: Die Sehnsucht, von den geistigen Welten zu wissen, zeigte sich so, daß sie angepaßt war der materialistischen Zeitgesinnung. Auf materialistische Weise wollte man den Geist kennenlernen. Denn dasjenige, was menschliche Angewohnheit ist, verliert sich viel weniger rasch als die Sehnsuchten nach diesem oder jenem. Also auf materialistische Weise wollte man den Geist erkennen. Und diese materialistische Geist-Erkenntnis wurde von denjenigen oftmals gefördert, ausgiebig gefördert, welche gerade wissen, was der Menschheit not tut. Aus diesem Grunde kamen die verschiedenen materialistischen Wissenszweige herauf, die zum Beweise dienen sollten, daß es hinter dem Sinnlichen ein wirkendes Geistiges gibt. Alles das, was angestellt worden ist, um durch das hypnotische, durch das Suggestionselement, ja durch den Spiritismus oder Spiritualismus, wie man es nennt, dahin zu kommen, daß es Geist in der Welt gibt, das ist ja nichts anderes als ein Versuch, mit den Mitteln des Materialismus den Geist zu erforschen. Die Menschheit hatte sich gewöhnt, das, was sie als wahr anerkannte, nur dann anzuerkennen, wenn es durch den Laboratoriumsversuch oder durch dieKlinik konstatiert wird. Nun wollte man auf dieselbe Weise durch äußere Hantierungen, ganz nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Methode, eine Methode herausgestalten, die gewissermaßen den Geist handgreiflich erweisen sollte.

[ 10 ] Es wurden allerdings auf diesem Wege wichtige Resultate erzielt, selbstverständlich neben unendlich vielem Scharlatanhaften, Schwindelhaften. Und man weiß ja, daß ernst zu nehmende Gelehrte, ernst zu nehmende Wissenschafter sich auf diese Dinge durchaus eingelassen haben, weil sie die Notwendigkeit empfanden, den Menschen, die sonst in Materialismus verfallen müßten, zu zeigen, daß es eine geistige Welt gibt, daß um uns herum die geistige Welt ebenso ist wie das, was wir mit Augen sehen und mit Händen greifen. Und darauf kam es im geschichtlichen Werden von der Mitte des 19. Jahrhunderts an, den Menschen begreiflich zu machen, daß um uns herum eine geistige Welt ist, ebenso wie die Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen.

[ 11 ] Wir haben öfter gesprochen über den Wert jenes Erkennens, das dadurch zustande kommt, daß die für unser Zeitalter vollgültige Erkenntniskraft und Seelenkraft beim Menschen herabgestimmt wird, so daß der Mensch gleichsam medienhaft zu einem Instrumente gemacht wird, um allerlei geistige Wirklichkeiten und geistige Tatsachen herein zu lassen in unsere sinnliche Welt. Wie gesagt, über den Wert oder Unwert dieser Methoden haben wir ja öfter gesprochen. Heute wollen wir uns klarmachen, welchen Sinn im geschichtlichen Werden es hatte, daß man gewissermaßen abtöten, ablähmen wollte das, was der Mensch heute haben soll: Bewußtsein, hineinzuschauen in die geistige Welt, vollbewußtes Hineinschauen; daß man das ablähmen wollte, um den Menschen zu einem Instrument zu machen, durch welches herauskommt in der physischen Welt das, was da um uns herum geistige Wirklichkeit ist. Es entspricht dies einer tiefen Notwendigkeit des geschichtlichen Werdens, denn es war das bewußte Denken gerade durch das, was es werden mußte in den letzten drei, vier Jahrhunderten, einseitig entwickelt. Es war gewissermaßen der Gedanke so dünn und dadurch auch so ohnmächtig geworden, weil er auf der Oberfläche der Dinge haften sollte zur Erzeugung der menschlichen Freiheit. Aber dadurch konnte er nicht untertauchen unter die Oberfläche der Dinge. Ausschaltung dieses Gedankens, Zurückführung der menschlichen Seelenverfassung zu der primitiven Seelenstimmung, das wollte man herbeiführen, um zu Hilfe zu kommen dem in der neueren Zeit ohnmächtig gewordenen Gedanken, der nicht mehr durch sich selber die Kraft finden konnte, hineinzutauchen in die geistige Welt. Und so entstand denn dasjenige, was viel verbreiteter ist, als der heutige Philister ahnt: das Suchen nach dem Geiste auf materialistische Weise. Mit Ausschluß des bewußten Erkennens, zu dem man das Vertrauen in bezug auf die geistige Welt verloren hatte, wollte man durch ein unterbewußtes Erkennen, durch Herabstimmung des bewußten Erkennens, in die geistige Welt untertauchen.

[ 12 ] Es gab allerdings immer auch Menschen, die nicht bloß so instinktiv in eine solche Zeiterscheinung sich begaben wie die landläufigen Gelehrten oder die landläufigen Spiritisten oder Spiritualisten, sondern die schon wußten, um was es sich dabei handelt. Solche Menschen gibt es schon immer. Diese Menschen haben sich manches versprochen von dieser eben charakterisierten Bewegung. Im ganzen kann man sagen, daß diejenigen Menschen, welche auch für die letzten drei bis vier Jahrhunderte und bis heute sich ein genaues Wissen von der geistigen Welt gerettet haben, in verschiedene Gruppen zerfallen: jene, die sich nichts versprochen haben von einem solchen materialistischen Weg zur Erforschung der geistigen Welt; aber auch solche gab es, die sich davon versprachen, daß die Menschen zunächst die Überzeugung gewinnen würden: Es gibt in unserer Umgebung eine geistige Welt. — Doch war niemand von den letzteren soweit unterrichtet, daß er hätte einsehen können, warum die ganze Sache vergeblich sein mußte.

[ 13 ] Diejenigen unter den geisteswissenschaftlich Gebildeten, die sich von der ganzen Sache nichts versprochen haben, die hatten ihre guten Gründe. Und diese guten Gründe, die zeigten sich gerade an dem Erfolg, der aus diesem ganzen Eintritt, ich möchte sagen, Eintreten-Wollen in die geistige Welt herausgekommen ist. Wenn Sie all das nehmen, was zustande gekommen ist auf diesem Wege — gehen Sie all das durch, was da zutage getreten ist von den primitivsten Anfängen der dilettantischen Medien und dilettantischen medialen Sitzungen bis zu den subtilsten Dingen, welche gewisse Gelehrte auf diesem Felde zustande gebracht haben —, so werden Sie finden, daß der weitaus überwiegende Teil dessen, was auf diesem Wege zustande gekommen ist, darin besteht, daß auf diesem Wege Erfahrungen gesammelt worden sind, von denen jene, durch die sie gewonnen worden sind, sagten, sie hätten sie von den Geistern abgestorbener Menschen. Das weitaus meiste wurde bezeichnet als herrührend von den Geistern abgestorbener Menschen; nur weniges ist zu finden, was nicht so bezeichnet worden ist als herkommend von den Geistern abgestorbener Menschen. Das war allerdings eine große Überraschung für diejenigen geisteswissenschaftlich Wissenden, die mit einem gewissen Wohlwollen hingeschaut haben auf diese Entwickelung. Daß die Medien sagen würden, sie hätten das, was sie zutage förderten, von den Geistern verstorbener Menschen, das war dasjenige, was am meisten überraschen mußte; denn es war das Letzte, was man erwarten konnte, wenn man wirklich den Werdegang der Menschheit ins Auge faßte. Etwas ganz anderes hätte man erwarten sollen. Das, was man erwarten mußte, war dieses, daß auf diesem Wege zustande gekommen wäre ein Wissen von derjenigen geistigen Welt, die uns als Lebende umgibt, die uns als Lebenden gegenwärtig ist. Das hätte man erwarten müssen. Erwarten hätte man müssen, zu erfahren, wenn man auf diese Weise Experimente anstellt, wie ein Mensch auf den anderen wirkt, wie die Menschen der Gegenwart durch geheime, für die äußere Wissenschaft undurchschaubare Fäden miteinander verknüpft sind, wie in der einen Seele Dinge auftauchen, die von einer ganz anderen Seele herrühren. In der Tat, ein Netz geistiger Zusammenhänge zieht sich von Seele zu Seele. Und indem wir in der Welt drinnenstehen, ist es nicht bloß so, daß, wenn wir zum Beispiel hier stehen, wir hier das Licht sehen, die Umgebung, die Menschen sehen, wie sie äußerlich, ihrer Physis nach sind; sondern indem wir in der Welt drinnenstehen, gehen in jedem Augenblicke Fäden, geistige Fäden, geistige Ströme von der Seele A zu der Seele K, von der Seele K zu der Seele Z in der verschiedensten Weise. Und man kommt durchaus nicht aus, wenn man im allgemeinen von einem solchen gewissermaßen sinnlich unterschiedenen Zusammenhang spricht zwischen den Seelen, sondern man kommt nur dadurch zurecht, daß man an individuelle Fäden, individuelle Strömungen zwischen den einzelnen Seelen denkt. Wir sind wirklich umgeben von einer geistigen Welt ebenso wie von einer physischen. Daß dies herauskomme, das hätte man erwarten können. Und darüber ist am allerwenigsten herausgekommen. Durch die ganzen sechzig, siebzig Jahre, seit man versucht hat, auf materialistischem Wege in die geistige Welt hineinzukommen, durch diese ganze Zeit hindurch ist am wenigsten über die lebendigen Beziehungen der Menschen untereinander herausgekommen. Immer gingen sozusagen die Manifestationen, die Offenbarungen auf die Geister Verstorbener zurück. Auf diesem Wege konnte es auch nicht anders kommen. Denn warum? Was war denn eigentlich geschehen, indem man also versuchte, in die geistige Welt hineinzukommen?

[ 14 ] Man hatte im Grunde genommen nichts anderes erlangt, als daß man erkannt hatte, was zum Vorschein kommt, wenn man gerade die besten Eigenschaften der neueren Zeit aus dem menschlichen Bewußtsein ausschaltet und den Menschen zurückführt auf frühere Zeiten, auf unterbewußte Seelenzustände. Das, was bis in die neuere Zeit herein von diesen unterbewußten Seelenzuständen geblieben war, das war jetzt bloßgelegt, das war herausgekommen. Denken Sie also, daß durch lange Zeiten hindurch sich vorbereitet und dann in den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich entwickelt hat ein ganz bestimmtes Bewußtsein, welches die geistige Welt zudeckte, und daß dadurch abgenommen hat die Fähigkeit eines unmittelbaren Zusammenhanges mit der geistigen Welt. Aber man hatte nichts getan, um neue Kräfte zu neuen Zusammenhängen mit der geistigen Welt zu entwickeln. Es waren also nur die alten herausgekommen. Diese alten, die gingen auf das, womit sie schon früher verbunden waren, auf das, was nicht das unmittelbar Lebendige in der gegenwärtigen Umgebung ist, sondern auf das Tote, auf die Toten, weil der Mensch dadurch, daß er sich im Sinne der drei bis vier letzten Jahrhunderte und noch weiter zurück entwickelt hat, seine ganze Seele so gestimmt hat, daß diese Seele eigentlich für das Tote, für die Erkenntnis des Toten besonders gebildet ist. Hier in der materiellen Welt erkennt man durch die Art der Erkenntnis der neueren Zeit das Tote. Durch die Kräfte, die man aus den tieferen Untergründen der Seele hervorholt, erkennt man auch nicht das Lebendige, sondern das Tote. So zeigte sich durch alle die Veranstaltungen nicht ein Gang zur Lebendigkeit des Geistigen, sondern ein Gang zu dem, was tot ist, nur natürlich dann zu demjenigen, was man in der geistigen Welt als Totes findet.

[ 15 ] Und welcher Art ist dieses Tote? Dieses Tote ist nicht so, daß es die menschlichen Wesen sind, die unsere Zeitgenossen sind, das heißt die Seelen, die, geistig genommen, unsere Zeitgenossen sind. Wenn wir also ein so gemeintes Experiment, wie es charakterisiert worden ist, nehmen, sagen wir, das 1870 angestellt worden ist, so setzte man sich dadurch nicht mit der lebendigen Gegenwart in Beziehung durch dieBloßlegung der unterbewußten Seelenkräfte, also auch nicht zu den lebenden Seelen von 1870, sondern zu demjenigen, was geblieben war, also nur zu den Resten, die sich losgelöst hatten von der lebenden, fortwirkenden Seele, zu dem, was noch fortwirkte von Resten, die sich allmählich auflösen im irdischen Dasein. Uminterpretiert wurden die Dinge allerdings so, daß die Medien angaben, sie stünden im Verhältnis zu den gegenwärtig lebenden Toten. Das war aber nur uminterpretiert. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um das, was die Seelen waren im entsprechenden Augenblicke, sondern um das, was sie vor Zeiten waren, beziehungsweise was aus dem, was sie vor Zeiten waren, geworden ist, nachdem es sich gerade losgelöst hatte von den Seelen. Wenn Sie sich erinnern, wie ich dasjenige erklärt habe, was Goethe in der Lemurenszene darstellt, so werden Sie wissen, daß vieles fortlebt von dem, was sich im Tode loslöst von der Seele. Und mit dem, also mit dem wirklich Toten, das nicht mit der lebendigen Seele fortlebt, konnte man sich in Beziehung setzen durch diesen materialistischen Gang in die geistige Welt hinein.

[ 16 ] Erlangte man so durch die zeitgenössische äußere Wissenschaft eine Erkenntnis des Materiellen, das heißt des Toten, so erlangte man durch diese spirituelle Sehnsucht, die aber auf materialistischem Wege befriedigt werden sollte, auch nichts anderes als eine Erkenntnis des Übersinnlichen, aber Toten. Die zeitgenössische materialistische Wissenschaft fand nur das äußere Tote; diese scheinbar spirituelle, in Wirklichkeit aber, nach ihrer Methode, doch materialistische Wissenschaft fand das übersinnliche Tote. Aber an diesem übersinnlichen Toten konnte man etwas sehr Bedeutsames lernen, etwas ungeheuer Bedeutsames. Man konnte daran lernen, daß wirklich um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zeitalter abgeschlossen war, daß die Menschheit der Entwickelung neuer Kräfte bedarf, wenn sie eintreten will in das wirklich Lebendige; daß eine Zeitlang bloß Kräfte zu ihrem Höhepunkt gebracht worden waren, die nur zum Toten führen, auf allen Gebieten zum Toten führen, zur Erkenntnis, zur Anbetung des Toten führen.

[ 17 ] Solche Dinge würdigt man nur dann vollkommen, wenn man sie nicht bloß in ihren abstrakten Erkenntniswerten auf die Seele wirken läßt, sondern wenn man sie in ihrer tief moralischen Bedeutung nimmt, wenn sie gewissermaßen einen moralischen Eindruck auf die Seele machen. Denn es zeigt sich uns ja doch, daß zwar das, worinnen es die moderne Menschheit so herrlich weit gebracht hat, diese Menschheit wirklich auf eine gewisse Höhe, zu der sie kommen sollte, geführt hat, daß aber alle diese Kräfte nur geeignet sind, zu dem Toten zu führen. Nach und nach würde der Inhalt des menschlichen Seelenlebens nur auf das Tote gerichtet sein können. Für den, der den Werdegang der Menschheit empfinden kann, ist es ohne weiteres klar, wie tonangebende Strömungen des neueren Empfindens mehr oder weniger sogar zu einem Kultus des Toten führen, zu einer Anbetung des Toten; denn das, was angebetet wird in bezug auf die äußere materielle Naturordnung, in der es so herrlich weit gebracht worden ist, das ist doch auch nur ein Kultus des Toten. Warum wird man nun so ergriffen von den letzten Gesängen von Hamerlings «Homunkulus»? Weil, nachdem Hamerling in seinem «Homunkulus» gezeigt hat, wie die moderne Menschheit wirklich zu einer Art Homunkeltum hinzielt, er zeigt, was es gegenüber den großen kosmischen Geheimnissen bedeutet, daß der Mensch sich durch rein mechanische Kräfte erheben will über Erdenschwere. Der letzte Gesang in Hamerlings «Homunkulus» zeigt uns in einer Zeit, als es noch keine Zeppeline gab, in einer Zeit, als das alles noch Zukunft war, schon den lenkbaren Luftballon; aber er macht uns zugleich aufmerksam, was in der menschlichen Kulturentwickelung mit dieser äußersten Mechanisierung, das heißt Abtötung, Homunkulusierung des Lebens verbunden ist.

[ 18 ] Ausgestorben ist aber das geistige Wissen niemals; es wird immer doch da oder dort bewahrt. Einzelne Menschen gibt es immer in jedem Zeitalter, welche das geistige Wissen haben können. So wurde es auch durchgerettet durch die Zeit, in der das geistige Wissen am wenigsten tonangebend war: durch die Zeit vom 15. bis ins 19, Jahrhundert. Wie ein dünner Faden wurde es durchgerettet, dieses geistige Wissen. Und diejenigen, von denen ich Ihnen gesagt habe, daß sie sich nichts versprochen haben von dem materialistischen Weg in die geistige Welt hinein, waren der Ansicht, daß die neuere Art des Empfindens und Denkens, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, fortgebildet und weiterentwickelt werden kann, so daß aus der scharfsinnigen materialistischen Wissenschaftsmethode allmählich sich ein Wissen ergibt, das eindringlich genug wirken kann, um unter die Oberfläche der Dinge in den Geist hineinzukommen. Und das soll die eigentliche geisteswissenschaftliche Methode sein: auf demselben Weg in die geistige Welt hineinzukommen, wie man seit drei bis vier Jahrhunderten in die Natur hineinkommt. Dazu handelt es sich nur darum, wirklich das weiterzuentwickeln, was sich die Menschheit an Wissensgewohnheiten in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, in entsprechender Weise und mit genug Anstrengung, mit Nicht-sich-zurückhalten-Lassen durch Denkbequemlichkeiten, das, was man so als Denkgewohnheiten entwickelt hat, weiterzuentwickeln. Darum handelt es sich.

[ 19 ] Nun kann aber die Frage aufgeworfen werden: Warum gibt es denn so viele Menschen, welche, trotzdem sie etwas gewußt haben von der geistigen Welt, geschwiegen haben über dieses Wissen? — Denn das muß einmal immer wieder und wiederum betont werden: da war das geistige Wissen schon immer. Es muß sich in verschiedener Weise entwickeln in den verschiedenen Zeitaltern; aber da war es immer. Warum haben denn manche Leute eine solche Scheu, das geistige Wissen mitzuteilen? In unserem Kreise wird es mitgeteilt, weil die Einsicht in die Notwendigkeit des Mitteilens alles übrige überwiegt. Aber es können ja nur gewisse Teile dieses geistigen Wissens mitgeteilt werden, und dies aus einem ganz bestimmten Grunde. Sehen Sie, in einer anderen Form war ja das geistige Wissen, wenn auch mit einer unbewußteren oder unterbewußteren Art, auch vor dem Mysterium von Golgatha vorhanden. Der Mensch kam in mehr instinktiver Art in Zusammenhang mit der geistigen Welt, als er heute, zu seinem Heile, kommen kann. Und ein großer Teil der Menschheit wurde überhaupt nicht zugelassen. Es wurden nur diejenigen zugelassen, die man entsprechend vorbereiten konnte. Und wie bereitete man sie vor? Auf eine Weise bereitete man sie vor, an die man heute gar nicht so recht denkt, wenn man von Vorbereitung für Wissenschaft oder Erkenntnis spricht. Heute ist man der Ansicht, daß man sich um die moralischen Qualitäten desjenigen, den man zum Wissen zuläßt, eigentlich erst in zweiter Linie zu kümmern hat; jedenfalls ist man nicht der Ansicht, daß das Wissen als solches abhängt von den moralischen Qualitäten. Das war in der alten Zeit durchaus nicht der Fall in bezug auf die Mitteilung des Wissens. Niemandem teilte man in den alten Zeiten, in denen das Wissen durch Mysterien mitgeteilt worden ist, irgend etwas mit, was in Betracht kam an Wissen, der nicht durch entsprechende moralische Zucht strengster Art gegangen war. Über das höchstens mathematische Wissen, mit dem man nicht viel Unfug treiben kann, und über das literarische Wissen kam man ohne eine strenge moralische Zucht nicht hinaus. Denn es wurden den Leuten nur die Dinge mitgeteilt, die als ihnen entsprechend angesehen wurden, nachdem sie eine gewisse moralische Zucht durchgemacht hatten, eine strenge moralische Zucht. Voraus ging die Erziehung zum Guten; dann kam die Mitteilung der Weisheit. Und Conditio sine qua non war diese Erziehung zum Guten. Das wurde vor allen Dingen in erster Linie eingehalten: die Erziehung zum moralischen Mut. Denn man war überzeugt — ich kann das heute der Kürze der Zeit wegen nicht auseinandersetzen —, daß das Gedeihen in der Welt durch das Wissen nur dadurch herbeigeführt werden kann, wenn das, was ein wissender Mensch tun kann, von einem guten Menschen getan wird. Das war Überzeugung. Es war, so unwahrscheinlich es aussieht heute, wo man die alten Zeiten nur für barbarisch hält und von den neuen die Meinung hat, daß man es so herrlich weit gebracht hat — allerdings, so weit, daß man jetzt Tausende jede Woche in Blut tränkt —, in diesen alten Zeiten Überzeugung, daß man das Wissen in seiner Wirkung nur angewendet haben wollte von Leuten, die durch die strengste moralische Zucht gegangen waren. Die anderen sollten nur instinktiv handeln, unter der Anleitung derjenigen, welche durch moralische Zucht gegangen sind.

[ 20 ] Die neuere Zeit taugt nicht dazu, einen solchen Grundsatz ohne weiteres anzuwenden. Stellen Sie sich vor: Wie soll ein solcher Grundsatz heute in unserer Zeit verwirklicht werden, wo jeder so schnell wie möglich das, was er weiß, sagt oder gar drucken läßt, und wo man das nicht aufhalten kann? Man soll sich nur ja keinen Illusionen hingeben, daß in dieser Beziehung irgend etwas, irgendeine soziale Einrichtung Einhalt tun könnte! Heute gilt Öffentlichkeit. Was muß daher an die Stelle dieses alten Grundsatzes treten, nur den Menschen mit moralischer Zucht zum Wissen kommen zu lassen? An die Stelle dieses alten Grundsatzes muß der treten, daß das Wissen selber, das mitgeteilt wird, eine gewisse Kraft in sich habe, nämlich die Kraft, durch sich selber das Gute hervorzubringen, richtig durch sich selber das Gute hervorzubringen. Dahin muß sich alle geisteswissenschaftliche Bewegung richten. Gewissermaßen muß alles Wissen, das durch die Geisteswissenschaft in die Welt kommt, so geordnet werden, daß es durch sich selbst, durch seine eigene Kraft das Gute erzeugt. Sie werden sagen, die Versuche, die gemacht worden sind mit dem geisteswissenschaftlichen Lehrgut in der neueren Zeit, haben vielfach dieses Resultat nicht gezeitigt. Gewiß, noch nicht, weil alles sich durch seine verschiedenen Hindernisse hindurcharbeiten muß. Das geheime Fühlen des Guten in der Geisteswissenschaft ist es auch vielfach, welches bewirkt, daß diese Geisteswissenschaft nicht allein logisch bekämpft wird, sondern gehaßt wird. Nun werden Sie sagen: Ja, aber wollen denn nicht im Grunde genommen alle vernünftigen Menschen das Gute? — So wie man es heute vielfach auffaßt, könnte man sagen: Nun ja, alle vernünftigen Menschen wollen das Gute. Aber darauf kommt es nicht an, daß jemand meint, er wolle das Gute, oder er wünsche das Gute, sondern daß er es wirklich will; daß er es wahrhaftig will, darauf kommt es an. Wenn man die Errungenschaften der modernen Kultur gerade mit Bezug auf ihre moralischen Defekte in Betracht zieht, in bezug auf diejenigen moralischen Defekte, die sozusagen im Leblosen wirken, wird man finden, daß die Welt schon eine Weisheit braucht, welche, indem sie Weisheit ist, zugleich das Gute wirkt. Denn die materialistische Wissenschaft ist gleichgültig gegenüber Gut und Böse. Sie braucht das, was sie in die Materie hineinformt, ebensogut zum Bösen wie zum Guten; sie dient dem Bösen ganz gleich wie dem Guten.

[ 21 ] Da haben wir wiederum einen solchen Punkt, wo man vielleicht, wenn man die Welt im Großen überblickt in ihrem Werdegang, die Notwendigkeit der Geisteswissenschaft schon einsehen kann. Es genügt nicht, daß man im engsten Kreise sich abschließt und sich eine Weltanschauung bildet aus dem engsten Kreise heraus; denn die engsten Kreise sind eingefaßt in das große Netz des menschlichen Werdens. Von allem übrigen abgesehen, sehen wir uns die Konsequenz der europäischen Kultur in den letzten drei Jahren an, sehen wir uns sie so an, wie wir sie ansehen werden, wenn wir nicht moralische Vogel-StraußPolitik betreiben, sondern wenn wir mit wirklichem, für alles in unserer Umgebung lebendigem, mit bebendem Herzen auffassen das, was sie uns bringt. Dadurch, daß wir, der eine oder andere, geschützt sind gegen das, was heute gegen Europa wütet, dadurch sollen wir uns keineswegs abwenden von dem Furchtbaren, in das die neuere Kultur hineingeschleudert worden ist; denn das ist da. Und eine Erscheinung darf doch bedacht werden.

[ 22 ] Es ist in der letzten Zeit ein in seiner Art gutes Buch geschrieben worden, welches sich bemüht, die heute weltbewegenden Fragen, die seit zwei Jahren weltbewegenden Fragen auch vom Standpunkte des menschlichen Fühlens und des moralischen Empfindens zu beurteilen. Es ist ein Buch erschienen in der allerletzten Zeit, das gut ist, das mit einem gewissen umfassenden Blick zeigen will, wodurch man herauskommen kann aus dem Irrgewebe des Blutes und des Hasses, in dem die moderne Kultur sich befindet. Dieses Buch ist von jenem Chinesen geschrieben, auf den ich schon als auf eine wichtige Persönlichkeit eine Reihe unserer Freunde vor vier oder fünf Jahren hingewiesen habe, als sein erstes Buch über die europäischen Verhältnisse erschienen ist. Und das Buch, das jetzt erschienen ist von Ku Hung-Ming, dem feingebildeten Chinesen, dieses Buch ist gut, dieses Buch hat viel Objektives. Dieses Buch zeigt einen Menschen, der nicht in den Fehler verfällt, in den heute viele verfallen; dieses Buch zeigt einen Menschen, der von diesen Fehlern abseits steht. Heute haben viele Meinungen, heute äußern viele diese oder jene Meinung über unsere Zeitverhältnisse — der größte Teil desjenigen, was geäußert wird, ist nicht dazu da, um auszusagen das, was man wirklich meint, sondern um sich zu betäuben gegenüber dem, was wirklich ist. Wir sehen Ströme von Haß hinfluten über die Welt. Warum werden sie in die Welt gesetzt? Warum wird dies oder jenes gesagt? Denken Sie, daß diejenigen, die da sagen, der Papst solle zum Beispiel das Verdammungsurteil über ein ganzes Volk aussprechen, die das energisch fordern, die glauben, das wirklich aus irgendwelchen objektiven Ereignissen erkennen zu können — glauben Sie, die haben die Ruhe objektiver Erkenntnis? Das ist gesagt, um sich zu betäuben, gerade um sich das nicht zu gestehen, was man sich gestehen sollte. Ein großer Teil desjenigen, was heute gesagt wird, ist gesagt, um sich zu betäuben. Weil man sich das, was man sich eigentlich eingestehen sollte, nicht eingestehen will, so sagt man dies oder jenes, das nur hinweghelfen soll über dasjenige, was man sich nicht sagen will.

[ 23 ] Nach dieser Methode geht jener Chinese Ku Hung-Ming nicht vor. Aber er sagt eines, Er sagt: Wenn man sieht, was sich in Europa entwickelt hat, was in Europa geschehen ist und welche Kräfte in Europa wirken, so kann man nicht anders, als sich sagen: Es hat so kommen müssen, wie es gekommen ist. Der Materialismus in seiner einseitigen Ausbildung, wie er im 19. Jahrhundert sich entwickelt hat, der mußte zu diesen Konsequenzen führen. Aber er muß noch weiter führen; er muß zum endlichen Untergange der europäischen Kultur führen. Und ganz überzeugt ist dieser Chinese Ku Hung-Ming, daß es zum Untergange der europäischen Kultur kommen müsse, wenn die Europäer sich nicht bequemen — so sagt er —, eigentlich so zu werden, wie die Chinesen sind; wenn nicht Chinesentum über Europa sich ausbreitet. Das einzige Heil der europäischen Kultur ist, daß die Europäer Chinesen werden, das heißt, in der Seele Chinesen werden. — Und vieles, was er sagt, ist tief eindringlich. Man sollte es nicht leicht nehmen, daß ein sehr weiser Mann der Gegenwart doch keinen anderen Ausweg für die europäische Kultur findet, als daß sie nun endlich all das, was in ihr selbst sich ad absurdum geführt hat, einlaufen läßt in das gute chinesische Prinzip. Ich will nicht im weiteren ausführen, wie sich Ku HungMing die Verchinesierung Europas denkt; denn ohne weiteres wird es ja für uns einzusehen sein, daß wir nicht Chinesen werden können, daß wir nicht auf den Standpunkt der Chinesenkultur zurückkommen können. Und wenn es keinen anderen Ausweg gäbe als den, den Ku HungMing sieht, dann wäre das noch immer der bessere Ausweg, als auf demselben Weg weiterzuschreiten, auf dem die europäische Kultur gegangen ist. Es wäre noch immer besser. Besser wäre es, Chinese zu werden, als auf dem Weg weiterzuschreiten, den die materialistische Kultur gegangen ist, denn unaufhaltsam würde dies sein. Man glaube nicht, daß dieses durch alte Mittel aufzuhalten ist.

[ 24 ] Geisteswissenschaft ist im Grunde genommen immer ein wenig der Anschauung von Ku Hung-Ming gewesen, nur just in bezug auf das Chinesentum nicht, sondern in bezug auf den ersten Teil seines Satzes nur, und sie hegt daher als ihr großes Ideal, herauszuholen aus der geistigen Welt ein Wissen, das in diese geistige Welt hineinführt, aber zugleich durch seine eigene Kraft die Menschen gut machen kann, durch seine eigene Kraft moralisch wirkt, moralische Impulse erzeugt. So würde man als Geisteswissenschafter nicht antworten wie Ku HungMing: Werdet Chinesen! — sondern: Versuchet auf geisteswissenschaftlichem Wege diejenige Befruchtung der anderen Kultur herbeizuführen, die eben nur auf geisteswissenschaftlichem Wege herbeizuführen ist. — Aber dieses Hinstreben zu neuen Quellen menschlichen Wissens und Wirkens ist der Menschheit, ist der europäischen Menschheit notwendig, durchaus notwendig. Man möchte die bittersten Tränen vergießen, wenn man gegenüber vielem, was uns heute entgegentritt, gerade solch ein Buch liest wie das von Ku Hung-Ming; denn ernster, als viele glauben, sind diese unsere gegenwärtigen Zeiten. Und vieles ist unter den Menschen, das die Menschen trennt; und von der Trennung der Seelen kommt alles das, was wir an Furchtbarem erleben. Diese Trennung wird nur überwunden werden durch ein Wissen, das den Menschen jenseits aller Trennungen erfaßt, durch ein Wissen, das für jeden Menschen ist, weil diejenigen Trennungen, von denen die Menschen heute ihre Gefühle bilden, nur hier in der physischen Welt ihre Geltung haben, wirklich nur hier in der physischen Welt ihre Geltung haben. Wenn man sieht, was sich heute ergießt an Sympathie und Antipathie, und wenn man sieht, wie das, was sich in Sympathie und Antipathie ergießt, nur von dem Ungeistigen kommt, so sieht man in dem, was sich in Sympathie und Antipathie ergießt, zugleich die Verleugnung des Spirituellen.

[ 25 ] Aller Völkerhaß zum Beispiel ist zu gleicher Zeit ein Kampf gegen den Geist. Und weil unsere Zeit so sehr geneigt ist, gegen den Geist zu kämpfen, hat diese unsere Zeit auch so viel Talent zum Völkerhaß. Dies ist eines der tiefsten Geheimnisse unserer gegenwärtigen geistigen Kultur. Daher aber auch kann es nur einen Ausweg geben durch das lebendige Ergreifen des Geistes.

[ 26 ] Bedenken Sie nur, in dem Augenblicke, wo wir einschlafen, mit unserem Ich und unserem astralischen Leib unseren physischen Leib und unseren Ätherleib verlassen, in diesem Augenblicke sind wir in einer Welt, wo das alles nicht ist, was heute zur Sympathie und Antipathie führt; in diesem Augenblicke sind wir vereint, in diesem Augenblicke, der auf das Einschlafen folgt, sind wir vereinigt mit denjenigen, die wir aus unserem Zeitbewußtsein heraus mit tiefster Antipathie bedenken. Wir müssen durch ihre Seelen durchziehen im Reiche der Durchgänglichkeit. Wir können noch so schmettern und Tiraden des Hasses gegen den oder jenen schleudern — schlafen wir ein, sind wir im Schlafe, so müssen wir in der Region der Durchgänglichkeit durch die Seelen derjenigen ziehen, die wir hassen. Solche Erkenntnisse über das wahrhaft Wirkliche müssen erst unter die Menschen kommen. Das sind ja nur elementarische Dinge. Aber tritt man immer mehr und mehr ein in diese Erkenntnis des wahrhaft Wirklichen, dann hat dieses Eintreten schon die Kraft, die Impulse des Guten zu erzeugen. Denn was Haß, was unbegründete Antipathie in der Welt wirklich bedeuten, das lernt man erst kennen, wenn man deren Hinaufwirken in die geistige Welt durchschaut. Wer im Geistigen den Haß kennt, der legt ihn schon ab, es sei denn, daß er sich direkt in die Dienste gewisser böser Mächte begeben will.

[ 27 ] Da durch die Gelegenheit der Johannesbauvereins-Versammlung eine größere Zahl der Freunde als sonst hier an diesem Orte beisammen sind, so wollte ich über diese ernsten Fragen gerade heute sprechen. Diejenigen, die meine letzten Vorträge gehört haben, werden auch das heute Besprochene einfügen können in das vorher Betrachtete, und es wird gewissermaßen, wenn es auch nur episodisch ist, dennoch aufklärend wirken können für manche Impulse, die in unserem weltgeschichtlichen Werden der Gegenwart sich abspielen.