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Humanity's Internal Impulses for Development
Goethe and the Crisis of the Nineteenth Century
GA 171

23 September 1910, Dornach

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Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Mit Rücksicht darauf, daß anläßlich der Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Freunde anwesend sind, welche die letzten hier gehaltenen Vorträge nicht gehört haben, will ich nicht unmittelbar heute fortsetzen mit dem Thema, das jetzt schon durch eine längere Zeit uns beschäftigt hat. Ich will vielmehr in diesen Tagen Dinge besprechen, allerdings episodisch, die beitragen können zu weiterem Verständnisse des in den letzten Wochen hier Vorgebrachten, die aber aus sich selbst heraus, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, wiederum verständlich sein können. Nur kurz will ich skizzieren einen Hauptgedanken, der vorgebracht worden ist, und der ja aus dem ganzen Charakter unserer Geisteswissenschaft bis zu einem gewissen Grade verständlich ist. Nur wird er eben vertieft, wenn man zu seinem Verständnisse noch hinzunimmt die Tatsache, die wir in unseren verschiedenen letzten Betrachtungen anführen konnten. Es ist der Gedanke, daß alles dasjenige, was menschliche Geschichte ist, nur dann in seiner wahren Wirklichkeit betrachtet werden kann, wenn man hinter dieser menschlichen Geschichte die treibenden spirituellen Mächte kennenlernt in ihrer individuellen Gestalt, ebenso wie man ja die Natur nur kennenlernen kann, wenn man dasjenige, was wirkt und lebt hinter den Wahrnehmungen der Sinne, in seiner echten Gestalt kennenlernt. Wir haben ja nun schon öfter betont, daß Geisteswissenschaft sich zu dem, was man heute oftmals Wissenschaft nennt und womit man alles Wissenschaftliche umfassen will, so verhält, daß man sagen kann: Die heutige Wissenschaft, die Wissenschaft, die seit drei bis vier Jahrhunderten mit Recht und aus guten Gründen von der Menschheit getrieben wird, diese Wissenschaft gleicht der Beschreibung der einzelnen Buchstaben, die, sagen wir, auf einem Blatte gedruckt oder geschrieben sind; höchstens noch dem, was die grammatikalischen Regeln sind oder die Lautregeln, nach denen sich diese Buchstaben zu Worten gruppieren oder zu Sätzen zusammenfügen. Alles, was man Naturgesetze nennt, gleicht so den lautlichen oder den grammatikalischen Regeln. Wenn man also beginnen würde, anschauend zu beschreiben eine bedruckte oder beschriebene Seite, wenn man beschreiben würde: Da sehe ich zunächst etwas, einen Strich, einen Strich nach rechts oben gehend, einen Strich nach links unten gehend, und dann den nächsten Buchstaben beschreiben würde und höchstens noch die Regeln, wie die Sache der Lautlehre, der Grammatik angehören würde, so gleicht ein solches Verhalten zu einer beschriebenen oder bedruckten Seite dem, was man heute, und zwar für heute mit Recht, die Wissenschaft nennt. Aber unser Verhalten zu einer solchen beschriebenen oder bedruckten Seite wäre durchaus nicht der Sache angemessen, wenn wir nur stehen blieben bei einer solchen Anschauung, wie sie eben charakterisiert worden ist. Wir lesen und schreiten vor von dem bloßen Anschauen und Beschreiben desjenigen, was wir doch eigentlich einzig und allein von der bedruckten Seite vor uns haben, zu dem Sinn der Sache, den wir eben nur kennenlernen können, wenn wir vom Beschreiben des Augenscheines zu dem fortschreiten, was wir vermögen mit der beschriebenen oder bedruckten Seite anzufangen, wenn wir uns mit unserem eigenen Geiste und seinen Kräften in eine Beziehung setzen können durch dasjenige, was da bedruckt oder geschrieben ist, zu dem, von dem das ausgeht, was bedruckt oder geschrieben ist: zu dem Geiste, der in diesen kleinen Wesen, die wir als Druckbuchstaben kennen, waltet. So sucht Geisteswissenschaft, im Gegensatze zu der gewöhnlichen Wissenschaft, zu lesen, nicht bloß das Geschaute zu beschreiben, sondern zu lesen in den Tatsachen der Welt. Denn ebenso, wie sie uns zunächst in ihren Formen, die wir beschreiben können, in ihren Bewegungen, in ihrer inneren Gesetzmäßigkeit entgegentreten, die Tatsachen der Natur und die Tatsachen des geschichtlichen Werdens, so sind uns zugleich — in übertragenem Sinne natürlich ist das gemeint — diese Tatsachen der Natur und der Geschichte gewissermaßen Lettern, Buchstaben, die wir lesen können, wenn wir auf diesem Gebiete lesen lernen, aus denen sich uns enthüllt der Sinn des Daseins, der Sinn des Lebens, der Sinn aller menschlichen Tätigkeit, soweit dies den Menschen notwendig ist. So suchen wir den Sinn auch des geschichtlichen Werdens, suchen die konkreten Kräfte, die hinter diesem geschichtlichen Werden stehen und es gewissermaßen hervorzaubern aus sich, so wie der Schreiber aus seinen Gedanken hervorzaubert dasjenige, das wir nachher aus den toten Buchstaben der beschriebenen oder bedruckten Seiten lesen.

[ 1 ] Since there are friends present at the General Assembly of the Johannesbau Association who did not hear the most recent lectures held here, I do not wish to continue today with the topic that has already occupied us for quite some time. Rather, over the next few days I would like to discuss—albeit in a more anecdotal manner—matters that can contribute to a deeper understanding of what has been presented here in recent weeks, but which can also be understood in their own right, at least to a certain extent. I would like to briefly outline a central idea that has been put forward, one that is, to a certain extent, understandable given the overall character of our spiritual science. However, it is deepened when we add to our understanding of it the fact that we were able to point out in our various recent reflections. It is the idea that everything that constitutes human history can be viewed in its true reality only when one comes to know the driving spiritual forces behind this human history in their individual forms, just as one can know nature only by coming to know, in its true form, that which acts and lives behind the perceptions of the senses. We have, after all, emphasized on several occasions that spiritual science stands in such a relationship to what is often called “science” today—and by which people seek to encompass everything scientific—that one can say: Modern science—the science that has been rightly and for good reasons pursued by humanity for the past three to four centuries—resembles the description of individual letters that are, let us say, printed or written on a sheet of paper; at most, it resembles the grammatical rules or phonetic rules according to which these letters are grouped into words or assembled into sentences. Everything that is called a law of nature thus resembles phonological or grammatical rules. So if one were to begin describing a printed or written page by observing it, if one were to describe: “First I see something—a line, a line going up to the right, a line going down to the left”—and then were to describe the next letter and, at most, the rules pertaining to phonetics or grammar, such an approach to a written or printed page would resemble what is today—and rightly so, for the present—called science. But our approach to such a written or printed page would be entirely inappropriate if we were to stop at the kind of perspective just described. We read and move beyond the mere observation and description of what we actually have before us—the printed page—toward the meaning of the matter, which we can only come to know if we progress from describing what meets the eye to what we are able to do with the written or printed page—when we can, through what is printed or written there, relate our own spirit and its powers to that from which what is printed or written emanates: to the spirit that reigns within these small entities we know as printed letters. Thus, in contrast to conventional science, spiritual science seeks not merely to describe what is seen, but to read the facts of the world. For just as the facts of nature and the facts of historical development first present themselves to us in their forms—which we can describe—in their movements, and in their inner laws, so too are these facts of nature and history, in a figurative sense of course, letters to us, letters that we can read once we learn to read in this realm, from which the meaning of existence, the meaning of life, and the meaning of all human activity are revealed to us, insofar as this is necessary for human beings. Thus, we also seek the meaning of historical development; we seek the concrete forces that lie behind this historical development and, in a sense, conjure it forth from within themselves, just as the writer conjures forth from his thoughts that which we later read from the lifeless letters on the written or printed pages.

[ 2 ] Nun haben wir versucht, gewissermaßen den Sinn der neueren Zeit, jener neueren Zeit, die wir als die fünfte nachatlantische irdische Kulturperiode bezeichnen, zu ergründen. Wir wissen, daß diese Zeit ungefähr aufgeht in dem Zeitalter, welches die äußere Geschichte auch bezeichnet als den Übergang des Mittelalters zur neueren Zeit. Das Mittelalter, vielleicht mit Ausnahme seiner allerletzten Jahrhunderte, bis in das 14., ja noch bis in einen Teil des 15. Jahrhunderts herauf, betrachten wir als zugehörig zum vierten nachatlantischen Kulturzeitraum, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen nach dem eigentlichen Grundcharakter seines geistigen und materiellen Lebens; er beginnt etwa im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha. Wenn wir nur in dem Stil, wie es die gewöhnliche Geschichte macht, die Entwickelung der Menschheit betrachten — auch das ist ja schon öfter hier und anderswo gesagt worden —, so kommt man sehr leicht zu der Meinung, daß in dieser menschlichen Entwickelung, solange man von ihr so sprechen kann, enthalten ist das, was wir als Jetzt-Menschen entwickeln, daß diese menschliche Entwickelung ziemlich gleich verlaufen ist. Man stellt sich vor, es ginge die geschichtliche Entwickelung, wenn man rückwärts blickt, nur so zurück, und der Mensch wäre sich ziemlich gleich geblieben. Vor einer wirklichen geistigen Geschichtsbetrachtung gilt das nicht, wie wir wissen; da gilt, daß in der Tat die Menschheit sehr, sehr sich verändert. Und mehr als man heute glaubt, wo man so wenig eigentlich übersehen will von der Menschheitsentwickelung, ist der Mensch des 10., 12. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung ganz radikal verschieden von dem Menschen der gegenwärtigen Zeit. Wenn man die ganze Konfiguration des Seelenlebens, die ganze Konfiguration der menschlichen Gesinnungsweise und der Lebensart ins Auge faßt, dann zeigt sich diese Verschiedenheit nicht nur etwa auf den Höhen des Lebens, da, wo Weltanschauungsfragen oder wissenschaftliche Fragen, Erkenntnisfragen spielen, sondern diese Verschiedenheit zeigt sich zu den einfachsten, primitivsten Menschen heruntergehend. Der Bauer, der einfachste Bauer ist heute in seiner ganzen Seelenkonfiguration, wenn die Welt auch nicht viel davon weiß, innerlich ein wesentlich anderes Wesen als der Mensch des 8.,9., 10. christlichen Jahrhunderts. Und wiederum können wir sagen, daß dasjenige Zeitalter, das im wesentlichen den Charakter der Gegenwart trägt, wie es so heraufkommt vom 15.,16. Jahrhundert an, seinen ersten kleineren Abschnitt vollendet hat ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist ja tatsächlich, wie wir auch schon öfter angeführt haben, ein ganz wichtiger Zeitabschnitt.

[ 2 ] We have now attempted, so to speak, to fathom the meaning of the modern era—that modern era which we designate as the fifth post-Atlantean earthly cultural period. We know that this era roughly corresponds to the period that external history also refers to as the transition from the Middle Ages to the modern era. We regard the Middle Ages—perhaps with the exception of its very last centuries, extending up to the 14th century and even into part of the 15th—as belonging to the fourth post-Atlantean cultural epoch, which we call the Greco-Latin period based on the fundamental character of its spiritual and material life; it begins around the 8th century before the Mystery of Golgotha. If we consider the development of humanity solely in the manner that conventional history does—as has, after all, been said here and elsewhere on numerous occasions—it is very easy to arrive at the opinion that this human development, insofar as one can speak of it in such terms, encompasses what we as people of the present are developing, and that this human development has proceeded in a fairly consistent manner. One imagines that, looking back, historical development has proceeded only in this way, and that human beings have remained more or less the same. As we know, this is not the case when one considers history from a truly spiritual perspective; in that view, humanity has in fact changed very, very much. And more than is generally believed today—when people are so reluctant to take a broad view of human development—the human being of the 10th and 12th centuries of the Christian era is radically different from the human being of the present day. If one considers the entire configuration of soul life, the entire configuration of the human mindset and way of life, then this difference becomes apparent not only at the highest levels of life—where questions of worldview, science, and knowledge come into play—but this difference extends all the way down to the simplest, most primitive human beings. The farmer—the simplest farmer—is today, in the entire configuration of his soul, even if the world knows little of it, inwardly a fundamentally different being than the people of the 8th, 9th, and 10th centuries of the Christian era. And again, we can say that the era which essentially bears the character of the present—as it has been developing since the 15th and 16th centuries—completed its first, shorter phase around the middle of the 19th century. The middle of the 19th century is, in fact, as we have often pointed out, a very important period.

[ 3 ] Ich habe es ja schon öfter auch angedeutet, daß ein Ausspruch, der immer wieder und wiederum getan wird, zu den falschesten Aussprüchen gehört, wenn man ihn in der Art faßt, wie er gewöhnlich gefaßt wird: In der Natur oder im Leben, so sagt man, geschehen keine Sprünge. In Wahrheit ist es so, daß überall zu bemerken ist, wie das wirkliche Leben überall Sprünge macht, sich nur durch Sprünge in Wahrheit fortentwickelt. Ein Sprung ist es, wenn von der Wurzel durch Metamorphose — im Goetheschen Sinne gesprochen — das Blatt sich entwickelt, aus dem Blatt wiederum das Blumenblatt, aus dem Blumenblatt die Fruchtorgane in der Pflanze. Und so ist es auch ein Vorurteil, allerdings ein bequemes Vorurteil, zu glauben, daß die menschliche Geschichte so ohne Sprünge weitergeht. Es ist nicht der Fall. Die menschliche Geschichte schreitet fort, gewissermaßen deutlich Wellentäler und Wellenberge machend, und nicht einfach so sukzessive das eine an das andere reihend; sondern in gewissen Zeiten stellt sich schroff als etwas anderes das Spätere neben das Vorhergehende hin. Die Menschen sind nur nicht geneigt, die Dinge so genau anzusehen, daß ihnen auffallen würde, wie auf dem Grunde des Werdens waltende Mächte zu schauen sind, die in dieser Weise durch Abschnitte, wellenberg-, wellentalartig dieses Werden vorwärtsbringen.

[ 3 ] I have, in fact, hinted at this many times before: a saying that is repeated over and over again is among the most erroneous of all, if one takes it in the way it is usually understood—namely, that in nature or in life, so they say, there are no leaps. In truth, it is evident everywhere that real life makes leaps everywhere; indeed, it develops only through leaps. A leap occurs when, through metamorphosis—in the Goethean sense—the leaf develops from the root, the petal from the leaf, and the fruit organs from the petal in a plant. And so it is also a prejudice—albeit a convenient one—to believe that human history continues in this way without leaps. This is not the case. Human history proceeds, so to speak, by forming distinct troughs and crests, and not simply by successively stringing one event after another; rather, at certain times, what comes later stands abruptly alongside what came before as something entirely different. People are simply not inclined to look at things closely enough to notice how, at the very foundation of becoming, there are forces at work that drive this becoming forward in this way—through phases, like the peaks and troughs of a wave.

[ 4 ] Was einen gewissen Abschluß erlangt hat im Jahre 1840, könnte man sagen, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das ist, daß in dem Zeitraume vom 15. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Menschheit ganz bestimmte Fähigkeiten entwickelt hat, Fähigkeiten, die in der früheren Zeit nicht in derselben Art vorhanden waren. Man geht völlig in die Irre, wenn man meint, daß, sagen wir, die kopernikanische Weltanschauung oder die Buchdruckerkunst in einem früheren Jahrhunderte ebensogut hätte eintreten können in die menschliche Entwickelung wie in dem Jahrhunderte, in dem sie eingetreten sind. Das hängt davon ab, daß das Fortschreiten der menschlichen Entwickelung geradeso einem Organismus entspricht wie die einzelne menschliche Entwickelung; und so wie das Kind von zwölf, dreizehn Jahren nicht die Fähigkeiten hat, um in der Welt dasselbe zu tun wie der Mann oder die Frau von fünfunddreißig Jahren, so wie sich diese Fähigkeiten entwickeln müssen, und wie diese Fähigkeiten dem Lebensalter des menschlichen Individuums entsprechen, so ist es auch im ganzen Menschengeschlecht. Die Fähigkeiten, die besonders hervorgetreten sind in Kopernikus, in Galilei, in Kepler, dann wiederum in den Männern der Naturwissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts, diese Fähigkeiten waren vorher nicht da. Sie entsprechen eben einem Zeitalter der menschlichen Entwickelung, der menschlichen Gesamtentwickelung, das auf die angedeuteten Jahrhunderte fällt; und nicht in derselben Weise hätte der Grieche oder der Römer die Welt anschauen können, weil die Fähigkeiten einfach dazumal nicht da waren. Und so wie das einzelne menschliche Individuum nichts Vollständiges sein würde, wenn es nicht nach und nach die verschiedenen, den Lebensaltern entsprechenden Fähigkeiten herausgestalten würde, so wäre das Menschengeschlecht nichts in seiner Art Vollständiges, wenn nicht nach und nach diejenigen Fähigkeiten herauskämen, die eben in der allgemeinen Menschennatur veranlagt sind. Daß diese Fähigkeiten sich entwickeln, daß nach und nach das Menschengeschlecht aus sich dasjenige heraussetzt, was in seinem Wesen liegt, das ist ja im Grunde genommen menschliche Entwickelung.

[ 4 ] One could say that a certain stage of development was reached in 1840—that is, in the middle of the 19th century—namely, that during the period from the 15th century to the middle of the 19th century, humanity developed very specific abilities, abilities that did not exist in the same way in earlier times. One is completely mistaken if one thinks that, say, the Copernican worldview or the art of printing could just as easily have entered human development in an earlier century as in the century in which they actually did. This is because the progress of human development corresponds to an organism just as much as individual human development does; and just as a child of twelve or thirteen does not possess the abilities to accomplish the same things in the world as a man or woman of thirty-five—just as these abilities must develop, and just as these abilities correspond to the age of the individual human being—so it is with the human race as a whole. The abilities that were particularly evident in Copernicus, Galileo, Kepler, and then again in the natural scientists of the 18th and 19th centuries—these abilities did not exist before. They correspond precisely to an era of human development—the development of humanity as a whole—that falls within the centuries mentioned; and the Greeks or Romans could not have viewed the world in the same way, because those abilities simply did not exist at that time. And just as the individual human being would not be complete if he or she did not gradually develop the various abilities corresponding to the stages of life, so too would the human race not be complete in its own way if the abilities inherent in general human nature did not gradually emerge. That these abilities develop, that the human race gradually brings forth from within itself that which lies in its very nature—that is, in essence, human development.

[ 5 ] Welcher Art sind nun diese besonderen Fähigkeiten, welche sich vom 15. bis ins 19. Jahrhundert innerhalb der Menschheit entwickelt haben? Es sind vorzugsweise die Kräfte des verständigen Auffassens der Welt, des, könnte man sagen, vernünftigen Auffassens der Welt. Man hat heute so allgemein den Glauben: Das Mittelalter hat die ptolemäische Weltanschauung, dann kam die kopernikanische Weltanschauung; wir haben es herrlich weit gebracht, denn dieses Mittelalter war im Grunde genommen doch ganz töricht, daß es so etwas Unvollkommenes hatte wie die ptolemäische Weltanschauung, und jetzt haben wir endlich das Richtige! — Diejenigen Menschen denken wenig der Wirklichkeit gemäß, die nicht zugeben wollen, daß, wenn wir einmal von Kopernikus uns ebensoweit entfernt haben werden in der Zeit, wie die Zeit des Kopernikus entfernt war von Ptolemäus, man über das Himmelsgewölbe wiederum anders denken wird. Nichts von dem, was kopernikanische Weltanschauung ist, wird dann anders angesehen werden, als die kopernikanische Weltanschauung die ptolemäische ansah; denn im steten Flusse ist das Werden des menschlichen Geschlechtes. Mag es auch heute noch ganz wahnsinnig erscheinen, wenn man sagt, daß etwas an die Stelle der kopernikanischen Weltanschauung treten wird, was sich von dieser ebenso unterscheidet wie die kopernikanische Weltanschauung von der ptolemäischen, es ist dies für denjenigen ganz klar, der innerlich erfaßt, was im Werden der Menschheit webt und lebt. Die besondere Art, so äußerlich nur den Verstand anzuwenden auf die Naturerscheinungen, wie er angewendet werden mußte, um die neuere Naturwissenschaft der letzten drei bis vier Jahrhunderte zu erzeugen, das ist eben etwas, was einer Fähigkeit gerade dieser Jahrhunderte entspricht.

[ 5 ] What, then, are these special abilities that developed within humanity from the 15th to the 19th century? They are primarily the powers of intellectual understanding of the world—what one might call a rational understanding of the world. Today, the general belief is this: the Middle Ages had the Ptolemaic worldview, then came the Copernican worldview; we have made magnificent progress, for the Middle Ages were, after all, quite foolish to have something as imperfect as the Ptolemaic worldview, and now we finally have the correct one! — Those who refuse to admit that, once we have moved as far away from Copernicus in time as the time of Copernicus was removed from Ptolemy, people will once again think differently about the celestial sphere, do not think in accordance with reality. Nothing about the Copernican worldview will then be viewed any differently than the Copernican worldview viewed the Ptolemaic one; for the evolution of the human race is in a constant state of flux. Even if it still seems utterly absurd today to say that something will take the place of the Copernican worldview—something that differs from it just as much as the Copernican worldview differed from the Ptolemaic one—this is perfectly clear to anyone who intuitively grasps what is weaving and living within the evolution of humanity. The particular way of applying the intellect to natural phenomena—as it had to be applied in order to bring forth the modern natural science of the last three to four centuries—is precisely something that corresponds to a capacity characteristic of these very centuries.

[ 6 ] Für diejenigen nun, welche wissen, wie die Menschheitsgeschichte vorschreitet, ist es klar, daß eigentlich von der Mitte des 19. Jahrhunderts an das Menschengeschlecht reif war, andere Fähigkeiten nach und nach zu entwickeln. Aber immer mehr und mehr muß die Menschheit ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. So ist es, mehr als es jemals in einem Zeitalter früher der Fall war, der Menschheit heute in der Gegenwart überlassen, etwas zu tun, um weitere Fähigkeiten zu den in den letzten drei bis vier Jahrhunderten errungenen hinzuzuerwerben. Warum sind denn die Fähigkeiten der letzten drei bis vier Jahrhunderte gekommen, diese Fähigkeiten, welche scharfsinnig und eindringlich gewissermaßen die Oberfläche der Erscheinungen logisch beherrschen können, so daß sie sie in Naturgesetze prägen können? Warum sind denn diese Fähigkeiten gekommen, diese Fähigkeiten, die wenig unter die Oberfläche der Dinge dringen, aber sehr scharfsinnig gerade alles dasjenige wissenschaftlich anschauen, was an der Oberfläche der Dinge liegt? Diese Fähigkeiten sind aus dem Grunde gekommen, weil nur dadurch der Mensch eine gewisse Stufe, eine gewisse Etappe seines Werdens durchmachen kann.

[ 6 ] For those who understand how human history unfolds, it is clear that, in fact, from the mid-19th century onward, humankind was ready to gradually develop other abilities. But more and more, humanity must take matters into its own hands. Thus, more than has ever been the case in any previous era, it is now up to humanity to take action to acquire further abilities in addition to those achieved over the last three to four centuries. Why, then, have the abilities of the last three to four centuries emerged—these abilities that can, in a sense, logically master the surface of phenomena with such acuity and penetrating insight that they can shape them into laws of nature? Why, then, have these abilities emerged—these abilities that penetrate only slightly beneath the surface of things, yet examine with great acuity, from a scientific perspective, precisely everything that lies on the surface of things? These abilities have emerged for the reason that only through them can human beings pass through a certain stage, a certain phase of their development.

[ 7 ] Der Mensch hat früher andere Fähigkeiten gehabt. Wenn wir zurückgehen in der geschichtlichen Entwickelung, finden wir, daß, je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, immer mehr und mehr der Mensch noch hineinblicken konnte in die geistige Welt. Aber diese Fähigkeiten waren nicht so, daß sie der Mensch frei handhaben konnte, sondern sie waren mehr oder weniger unfreiwillig im Menschen auftretend. So ähnlich, wie die Sehnsucht nach Schlaf über den Menschen kommt, so war ihm in früheren Zeiten die Kraft, dieses oder jenes zu erkennen, gekommen; aber diese Kraft, dieses oder jenes zu erkennen, die ging dafür hinein in die geistige Welt. Damit der Mensch eine Etappe vorwärtsschreiten konnte auf dem Gebiete der freien Entschlußfähigkeit, auf dem Gebiete der Entwickelung zur Freiheit, mußte er abgeschlossen werden von den Kräften, die ihn früher allerdings näher der geistigen Welt gebracht haben, aber ihn auch unfreier gehalten haben. Die Menschheit mußte eine Zeitlang durch eine Entwickelungsperiode durchgehen, in der sie gewissermaßen wie durch eine Hülle oder durch einen Schleier abgeschlossen war von der geistigen Welt, damit sie freier werden konnte. Allerdings ist diese Entwickelung noch lange nicht abgeschlossen, aber ihr erster Entwickelungsprozeß ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen gewesen. Und seit jener Zeit — das wissen diejenigen, welche etwas vom geistigen Leben, das hinter dem sinnlichen ist, erkennen — ist es eine Notwendigkeit, und es wird immer mehr und mehr eine Notwendigkeit werden, daß zu den rein verstandesmäßigen Betrachtungs- und Erkenntniskräften hinzutreten andere Kräfte, die in der menschlichen Seele schlummern und die sich ebenso entwickeln müssen, wie sich die Kräfte entwickelt haben, welche die Menschheit zu den großen Fortschritten der letzten drei bis vier Jahrhunderte gebracht haben.

[ 7 ] Human beings used to have different abilities. If we look back at historical development, we find that the further back we go in time, the more and more human beings were able to glimpse into the spiritual world. But these abilities were not such that human beings could exercise them freely; rather, they arose in them more or less involuntarily. Just as the longing for sleep comes over a person, so too did the power to perceive this or that come to them in earlier times; but this power to perceive this or that, in turn, went into the spiritual world. In order for human beings to advance a stage in the realm of free volition, in the realm of development toward freedom, they had to be separated from the forces that had indeed brought them closer to the spiritual world in the past, but had also kept them less free. Humanity had to go through a period of development for a time in which it was, so to speak, separated from the spiritual world by a kind of shell or veil, so that it could become freer. Admittedly, this development is far from complete, but its initial phase was completed in the mid-19th century. And since that time—as those who know something of spiritual life, that lies beyond the sensory world—it has been a necessity, and it will become more and more of a necessity, that other powers—which lie dormant in the human soul and must develop just as the powers have developed that have brought humanity to the great advances of the last three to four centuries—be added to the purely intellectual powers of observation and cognition.

[ 8 ] Also um der Freiheit willen hat die Menschheit die verstandesmäßige Entwickelung der letzten drei, vier Jahrhunderte durchgemacht. Diese verstandesmäßige Entwickelung hat zu einer im weitgehenden Sinne so zu nennenden materialistischen Anschauung der Welt geführt, einer materialistischen Anschauung, die heute noch in vollem Schwunge ist überall da, wo Weltanschauung in ausgedehntem, in intensivem Maße in das Weltgeschehen eingreift. Wieviel man auch davon redet auf den wissenschaftlichen Gebieten, daß der Materialismus schon zurückgetreten sei, diejenigen, die ihn so zurückgetreten wähnen, die wissen oftmals gar nicht, wie tief sie noch in der materialistischen Anschauung stecken. Diese materialistische Anschauung, die in ihrer Art in großartiger Weise herausgekommen ist in den letzten drei bis vier Jahrhunderten und die nicht kritisiert werden soll, weil die Menschheit sie auch braucht, diese materialistische Anschauung kann aber niemals weiterkommen als zu einem Verständnisse alles desjenigen, was tot ist, was unlebendig ist; und würde nur die verstandesmäßige Anschauung der Welt herrschend werden im Erdenwerden der Menschen, so würde man nur das Tote, das Leblose begreifen. Man würde alles Verständnis verlieren müssen für das Lebendige, geschweige denn für das Geistige. Das Tote nur kann Gegenstand sein einer solchen Betrachtung, wie wissenschaftliche Erkenntnis in ihrer grandiosen Ausgestaltung in ihrer Art in den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich zeigte.

[ 8 ] Thus, for the sake of freedom, humanity has undergone the intellectual development of the last three or four centuries. This intellectual development has led to what, in a broad sense, can be called a materialistic worldview—a materialistic worldview that is still in full swing today wherever worldviews intervene extensively and intensely in world events. No matter how much people in scientific circles may claim that materialism has already receded, those who believe it has receded often have no idea how deeply they are still entrenched in the materialistic worldview. This materialistic worldview, which has emerged in a magnificent way over the last three to four centuries—and which should not be criticized, for humanity also needs it—can never, however, progress beyond an understanding of all that is dead, all that is lifeless; and if only the intellectual view of the world were to become dominant in human development, people would comprehend only what is dead, what is lifeless. They would have to lose all understanding of the living, let alone the spiritual. Only what is dead can be the object of such contemplation, as scientific knowledge has revealed itself in its magnificent form over the past three to four centuries.

[ 9 ] Aber diejenigen Menschen — und es waren ja immer weniger und weniger geworden gerade in den letzten drei bis vier Jahrhunderten —, die wissen, was der Menschheit not tut, die konnten sich auch erklären, warum von der Mitte des 19. Jahrhunderts an wie durch einen inneren Prozeß eine gewisse Sehnsucht entstand, von den geistigen Welten etwas zu wissen. Und das Eigentümliche ist: Die Sehnsucht, von den geistigen Welten zu wissen, zeigte sich so, daß sie angepaßt war der materialistischen Zeitgesinnung. Auf materialistische Weise wollte man den Geist kennenlernen. Denn dasjenige, was menschliche Angewohnheit ist, verliert sich viel weniger rasch als die Sehnsuchten nach diesem oder jenem. Also auf materialistische Weise wollte man den Geist erkennen. Und diese materialistische Geist-Erkenntnis wurde von denjenigen oftmals gefördert, ausgiebig gefördert, welche gerade wissen, was der Menschheit not tut. Aus diesem Grunde kamen die verschiedenen materialistischen Wissenszweige herauf, die zum Beweise dienen sollten, daß es hinter dem Sinnlichen ein wirkendes Geistiges gibt. Alles das, was angestellt worden ist, um durch das hypnotische, durch das Suggestionselement, ja durch den Spiritismus oder Spiritualismus, wie man es nennt, dahin zu kommen, daß es Geist in der Welt gibt, das ist ja nichts anderes als ein Versuch, mit den Mitteln des Materialismus den Geist zu erforschen. Die Menschheit hatte sich gewöhnt, das, was sie als wahr anerkannte, nur dann anzuerkennen, wenn es durch den Laboratoriumsversuch oder durch dieKlinik konstatiert wird. Nun wollte man auf dieselbe Weise durch äußere Hantierungen, ganz nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Methode, eine Methode herausgestalten, die gewissermaßen den Geist handgreiflich erweisen sollte.

[ 9 ] But those people—and their numbers had indeed dwindled more and more, especially over the last three to four centuries—who knew what humanity needed were also able to explain why, from the mid-19th century onward, a certain longing to learn about the spiritual worlds arose, as if through an inner process. And the peculiar thing is: this longing to know about the spiritual worlds manifested itself in a way that was adapted to the materialistic spirit of the age. People wanted to get to know the spirit in a materialistic way. For what is a human habit fades much less quickly than longings for this or that. So people wanted to recognize the spirit in a materialistic way. And this materialistic understanding of the spirit was often promoted—and promoted extensively—by those who know precisely what humanity needs. For this reason, the various materialistic branches of knowledge emerged, intended to serve as proof that there is an active spiritual realm behind the sensory world. Everything that has been undertaken—whether through hypnosis, through suggestion, or even through spiritism or spiritualism, as it is called—to arrive at the conclusion that there is a spirit in the world is nothing other than an attempt to explore the spirit by materialistic means. Humanity had become accustomed to recognizing as true only that which was confirmed by laboratory experiments or clinical observations. Now, in the same way—through external manipulations, entirely in accordance with the model of the scientific method—people sought to develop a method that would, so to speak, provide tangible proof of the spirit.

[ 10 ] Es wurden allerdings auf diesem Wege wichtige Resultate erzielt, selbstverständlich neben unendlich vielem Scharlatanhaften, Schwindelhaften. Und man weiß ja, daß ernst zu nehmende Gelehrte, ernst zu nehmende Wissenschafter sich auf diese Dinge durchaus eingelassen haben, weil sie die Notwendigkeit empfanden, den Menschen, die sonst in Materialismus verfallen müßten, zu zeigen, daß es eine geistige Welt gibt, daß um uns herum die geistige Welt ebenso ist wie das, was wir mit Augen sehen und mit Händen greifen. Und darauf kam es im geschichtlichen Werden von der Mitte des 19. Jahrhunderts an, den Menschen begreiflich zu machen, daß um uns herum eine geistige Welt ist, ebenso wie die Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen.

[ 10 ] However, important results were achieved in this way—alongside, of course, an endless amount of quackery and fraud. And as we know, serious scholars and serious scientists have certainly engaged with these matters because they felt the need to show people—who would otherwise have to succumb to materialism—that a spiritual world exists, that the spiritual world around us is just as real as what we see with our eyes and touch with our hands. And from the mid-19th century onward, the historical development centered on making people understand that there is a spiritual world around us, just like the world we perceive through our senses.

[ 11 ] Wir haben öfter gesprochen über den Wert jenes Erkennens, das dadurch zustande kommt, daß die für unser Zeitalter vollgültige Erkenntniskraft und Seelenkraft beim Menschen herabgestimmt wird, so daß der Mensch gleichsam medienhaft zu einem Instrumente gemacht wird, um allerlei geistige Wirklichkeiten und geistige Tatsachen herein zu lassen in unsere sinnliche Welt. Wie gesagt, über den Wert oder Unwert dieser Methoden haben wir ja öfter gesprochen. Heute wollen wir uns klarmachen, welchen Sinn im geschichtlichen Werden es hatte, daß man gewissermaßen abtöten, ablähmen wollte das, was der Mensch heute haben soll: Bewußtsein, hineinzuschauen in die geistige Welt, vollbewußtes Hineinschauen; daß man das ablähmen wollte, um den Menschen zu einem Instrument zu machen, durch welches herauskommt in der physischen Welt das, was da um uns herum geistige Wirklichkeit ist. Es entspricht dies einer tiefen Notwendigkeit des geschichtlichen Werdens, denn es war das bewußte Denken gerade durch das, was es werden mußte in den letzten drei, vier Jahrhunderten, einseitig entwickelt. Es war gewissermaßen der Gedanke so dünn und dadurch auch so ohnmächtig geworden, weil er auf der Oberfläche der Dinge haften sollte zur Erzeugung der menschlichen Freiheit. Aber dadurch konnte er nicht untertauchen unter die Oberfläche der Dinge. Ausschaltung dieses Gedankens, Zurückführung der menschlichen Seelenverfassung zu der primitiven Seelenstimmung, das wollte man herbeiführen, um zu Hilfe zu kommen dem in der neueren Zeit ohnmächtig gewordenen Gedanken, der nicht mehr durch sich selber die Kraft finden konnte, hineinzutauchen in die geistige Welt. Und so entstand denn dasjenige, was viel verbreiteter ist, als der heutige Philister ahnt: das Suchen nach dem Geiste auf materialistische Weise. Mit Ausschluß des bewußten Erkennens, zu dem man das Vertrauen in bezug auf die geistige Welt verloren hatte, wollte man durch ein unterbewußtes Erkennen, durch Herabstimmung des bewußten Erkennens, in die geistige Welt untertauchen.

[ 11 ] We have often spoken about the value of that kind of knowledge which arises when the powers of cognition and the soul—which are fully valid for our age—are attuned downward in the human being, so that the human being is, as it were, made into a medium, an instrument for allowing all manner of spiritual realities and spiritual facts to enter our sensory world. As I said, we have often discussed the value or lack thereof of these methods. Today we want to clarify what significance it had in the course of history that people sought, as it were, to suppress or dull what human beings are meant to possess today: the ability to look into the spiritual world—a fully conscious looking; that people sought to dull this ability in order to turn human beings into instruments through which what is spiritual reality around us emerges into the physical world. This corresponds to a profound necessity of historical development, for conscious thinking had been developed one-sidedly precisely through what it had to become over the last three or four centuries. Thought had, so to speak, become so thin—and thereby also so powerless—because it was meant to remain on the surface of things in order to bring about human freedom. But this prevented it from delving beneath the surface of things. The aim was to eliminate this kind of thinking and to return the human soul’s disposition to a primitive state of mind, in order to come to the aid of thought—which had become powerless in recent times and could no longer find the strength within itself to plunge into the spiritual world. And so arose what is far more widespread than today’s philistine suspects: the search for the spirit through materialistic means. By excluding conscious cognition—in which one had lost confidence with regard to the spiritual world—one sought to immerse oneself in the spiritual world through subconscious cognition, by lowering the level of conscious cognition.

[ 12 ] Es gab allerdings immer auch Menschen, die nicht bloß so instinktiv in eine solche Zeiterscheinung sich begaben wie die landläufigen Gelehrten oder die landläufigen Spiritisten oder Spiritualisten, sondern die schon wußten, um was es sich dabei handelt. Solche Menschen gibt es schon immer. Diese Menschen haben sich manches versprochen von dieser eben charakterisierten Bewegung. Im ganzen kann man sagen, daß diejenigen Menschen, welche auch für die letzten drei bis vier Jahrhunderte und bis heute sich ein genaues Wissen von der geistigen Welt gerettet haben, in verschiedene Gruppen zerfallen: jene, die sich nichts versprochen haben von einem solchen materialistischen Weg zur Erforschung der geistigen Welt; aber auch solche gab es, die sich davon versprachen, daß die Menschen zunächst die Überzeugung gewinnen würden: Es gibt in unserer Umgebung eine geistige Welt. — Doch war niemand von den letzteren soweit unterrichtet, daß er hätte einsehen können, warum die ganze Sache vergeblich sein mußte.

[ 12 ] There have, however, always been people who did not merely instinctively embrace such a contemporary phenomenon—as did the so-called scholars or the so-called spiritualists—but who already knew what it was all about. Such people have always existed. These people had high hopes for the movement just described. On the whole, it can be said that those who have preserved a precise knowledge of the spiritual world over the last three to four centuries and up to the present day fall into different groups: those who had no expectations of such a materialistic approach to exploring the spiritual world; but there were also those who hoped that people would first come to the conviction that there is a spiritual world in our surroundings. — Yet none of the latter were sufficiently informed to have been able to understand why the whole endeavor was bound to be in vain.

[ 13 ] Diejenigen unter den geisteswissenschaftlich Gebildeten, die sich von der ganzen Sache nichts versprochen haben, die hatten ihre guten Gründe. Und diese guten Gründe, die zeigten sich gerade an dem Erfolg, der aus diesem ganzen Eintritt, ich möchte sagen, Eintreten-Wollen in die geistige Welt herausgekommen ist. Wenn Sie all das nehmen, was zustande gekommen ist auf diesem Wege — gehen Sie all das durch, was da zutage getreten ist von den primitivsten Anfängen der dilettantischen Medien und dilettantischen medialen Sitzungen bis zu den subtilsten Dingen, welche gewisse Gelehrte auf diesem Felde zustande gebracht haben —, so werden Sie finden, daß der weitaus überwiegende Teil dessen, was auf diesem Wege zustande gekommen ist, darin besteht, daß auf diesem Wege Erfahrungen gesammelt worden sind, von denen jene, durch die sie gewonnen worden sind, sagten, sie hätten sie von den Geistern abgestorbener Menschen. Das weitaus meiste wurde bezeichnet als herrührend von den Geistern abgestorbener Menschen; nur weniges ist zu finden, was nicht so bezeichnet worden ist als herkommend von den Geistern abgestorbener Menschen. Das war allerdings eine große Überraschung für diejenigen geisteswissenschaftlich Wissenden, die mit einem gewissen Wohlwollen hingeschaut haben auf diese Entwickelung. Daß die Medien sagen würden, sie hätten das, was sie zutage förderten, von den Geistern verstorbener Menschen, das war dasjenige, was am meisten überraschen mußte; denn es war das Letzte, was man erwarten konnte, wenn man wirklich den Werdegang der Menschheit ins Auge faßte. Etwas ganz anderes hätte man erwarten sollen. Das, was man erwarten mußte, war dieses, daß auf diesem Wege zustande gekommen wäre ein Wissen von derjenigen geistigen Welt, die uns als Lebende umgibt, die uns als Lebenden gegenwärtig ist. Das hätte man erwarten müssen. Erwarten hätte man müssen, zu erfahren, wenn man auf diese Weise Experimente anstellt, wie ein Mensch auf den anderen wirkt, wie die Menschen der Gegenwart durch geheime, für die äußere Wissenschaft undurchschaubare Fäden miteinander verknüpft sind, wie in der einen Seele Dinge auftauchen, die von einer ganz anderen Seele herrühren. In der Tat, ein Netz geistiger Zusammenhänge zieht sich von Seele zu Seele. Und indem wir in der Welt drinnenstehen, ist es nicht bloß so, daß, wenn wir zum Beispiel hier stehen, wir hier das Licht sehen, die Umgebung, die Menschen sehen, wie sie äußerlich, ihrer Physis nach sind; sondern indem wir in der Welt drinnenstehen, gehen in jedem Augenblicke Fäden, geistige Fäden, geistige Ströme von der Seele A zu der Seele K, von der Seele K zu der Seele Z in der verschiedensten Weise. Und man kommt durchaus nicht aus, wenn man im allgemeinen von einem solchen gewissermaßen sinnlich unterschiedenen Zusammenhang spricht zwischen den Seelen, sondern man kommt nur dadurch zurecht, daß man an individuelle Fäden, individuelle Strömungen zwischen den einzelnen Seelen denkt. Wir sind wirklich umgeben von einer geistigen Welt ebenso wie von einer physischen. Daß dies herauskomme, das hätte man erwarten können. Und darüber ist am allerwenigsten herausgekommen. Durch die ganzen sechzig, siebzig Jahre, seit man versucht hat, auf materialistischem Wege in die geistige Welt hineinzukommen, durch diese ganze Zeit hindurch ist am wenigsten über die lebendigen Beziehungen der Menschen untereinander herausgekommen. Immer gingen sozusagen die Manifestationen, die Offenbarungen auf die Geister Verstorbener zurück. Auf diesem Wege konnte es auch nicht anders kommen. Denn warum? Was war denn eigentlich geschehen, indem man also versuchte, in die geistige Welt hineinzukommen?

[ 13 ] Those among the humanities scholars who had no expectations of the whole endeavor had their good reasons. And these good reasons became evident precisely in the success that resulted from this entire endeavor—I would say, this desire to enter—into the spiritual world. If you take everything that has come about in this way—if you go through everything that has come to light, from the most primitive beginnings of amateur mediums and amateur séances to the most subtle achievements that certain scholars have produced in this field— you will find that the vast majority of what has come about through this path consists of experiences gathered in which way, which those through whom they were obtained claimed to have received them from the spirits of deceased people. By far the majority was described as originating from the spirits of deceased people; very little can be found that was not described as coming from the spirits of deceased people. This was indeed a great surprise to those versed in spiritual science who had viewed this development with a certain degree of goodwill. That the mediums would say they had received what they brought to light from the spirits of deceased people—that was what was most surprising of all; for it was the last thing one could have expected when truly considering the course of human history. One should have expected something entirely different. What one had to expect was that this path would have led to knowledge of the spiritual world that surrounds us as living beings, that is present to us as living beings. That is what one should have expected. One would have expected to discover, by conducting experiments in this way, how one person affects another, how people of the present are linked to one another by secret threads that are inscrutable to external science, and how things arise in one soul that originate from a completely different soul. Indeed, a web of spiritual connections stretches from soul to soul. And as we stand within the world, it is not merely the case that, for example, when we stand here, we see the light here, the surroundings, and people as they appear outwardly, in their physical form; but because we are immersed in the world, at every moment threads—spiritual threads, spiritual currents—flow from soul A to soul K, from soul K to soul Z, in the most varied ways. And one cannot do justice to this by speaking in general terms of a sort of sensually discernible connection between souls; rather, one can only grasp it by thinking of individual threads, individual currents between the individual souls. We are truly surrounded by a spiritual world just as we are by a physical one. One might have expected this to come to light. And yet this is precisely what has been least revealed. Throughout the entire sixty or seventy years since attempts began to enter the spiritual world by materialistic means—throughout this entire period—the least that has come to light concerns the living relationships among human beings. The manifestations, the revelations, were always, so to speak, attributed to the spirits of the deceased. Given this approach, it could not have turned out any other way. Why? What actually happened when people tried to enter the spiritual world?

[ 14 ] Man hatte im Grunde genommen nichts anderes erlangt, als daß man erkannt hatte, was zum Vorschein kommt, wenn man gerade die besten Eigenschaften der neueren Zeit aus dem menschlichen Bewußtsein ausschaltet und den Menschen zurückführt auf frühere Zeiten, auf unterbewußte Seelenzustände. Das, was bis in die neuere Zeit herein von diesen unterbewußten Seelenzuständen geblieben war, das war jetzt bloßgelegt, das war herausgekommen. Denken Sie also, daß durch lange Zeiten hindurch sich vorbereitet und dann in den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich entwickelt hat ein ganz bestimmtes Bewußtsein, welches die geistige Welt zudeckte, und daß dadurch abgenommen hat die Fähigkeit eines unmittelbaren Zusammenhanges mit der geistigen Welt. Aber man hatte nichts getan, um neue Kräfte zu neuen Zusammenhängen mit der geistigen Welt zu entwickeln. Es waren also nur die alten herausgekommen. Diese alten, die gingen auf das, womit sie schon früher verbunden waren, auf das, was nicht das unmittelbar Lebendige in der gegenwärtigen Umgebung ist, sondern auf das Tote, auf die Toten, weil der Mensch dadurch, daß er sich im Sinne der drei bis vier letzten Jahrhunderte und noch weiter zurück entwickelt hat, seine ganze Seele so gestimmt hat, daß diese Seele eigentlich für das Tote, für die Erkenntnis des Toten besonders gebildet ist. Hier in der materiellen Welt erkennt man durch die Art der Erkenntnis der neueren Zeit das Tote. Durch die Kräfte, die man aus den tieferen Untergründen der Seele hervorholt, erkennt man auch nicht das Lebendige, sondern das Tote. So zeigte sich durch alle die Veranstaltungen nicht ein Gang zur Lebendigkeit des Geistigen, sondern ein Gang zu dem, was tot ist, nur natürlich dann zu demjenigen, was man in der geistigen Welt als Totes findet.

[ 14 ] Essentially, nothing more had been achieved than the realization of what emerges when one removes precisely the best qualities of modern times from human consciousness and leads people back to earlier times, to subconscious states of mind. What had remained of these subconscious states of mind right up into modern times had now been laid bare; it had come to the surface. So consider that over the course of long ages, a very specific consciousness had been in the making and then developed over the last three to four centuries, a consciousness that veiled the spiritual world, and that as a result, the capacity for a direct connection with the spiritual world had diminished. But nothing had been done to develop new powers for new connections with the spiritual world. Thus, only the old ones had emerged. These old forces drew upon what they had already been connected to in the past—not upon what is immediately alive in the present environment, but upon the dead, upon the deceased—because, through the way humanity has developed over the last three to four centuries and even further back, people have attuned their entire soul in such a way that this soul is actually particularly suited to the dead, to the knowledge of the dead. Here in the material world, the mode of cognition of modern times leads to a recognition of the dead. Through the forces drawn from the deeper recesses of the soul, one perceives not the living, but the dead. Thus, all these events revealed not a path toward the vitality of the spiritual, but a path toward what is dead—and naturally, toward that which is found as dead in the spiritual world.

[ 15 ] Und welcher Art ist dieses Tote? Dieses Tote ist nicht so, daß es die menschlichen Wesen sind, die unsere Zeitgenossen sind, das heißt die Seelen, die, geistig genommen, unsere Zeitgenossen sind. Wenn wir also ein so gemeintes Experiment, wie es charakterisiert worden ist, nehmen, sagen wir, das 1870 angestellt worden ist, so setzte man sich dadurch nicht mit der lebendigen Gegenwart in Beziehung durch dieBloßlegung der unterbewußten Seelenkräfte, also auch nicht zu den lebenden Seelen von 1870, sondern zu demjenigen, was geblieben war, also nur zu den Resten, die sich losgelöst hatten von der lebenden, fortwirkenden Seele, zu dem, was noch fortwirkte von Resten, die sich allmählich auflösen im irdischen Dasein. Uminterpretiert wurden die Dinge allerdings so, daß die Medien angaben, sie stünden im Verhältnis zu den gegenwärtig lebenden Toten. Das war aber nur uminterpretiert. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um das, was die Seelen waren im entsprechenden Augenblicke, sondern um das, was sie vor Zeiten waren, beziehungsweise was aus dem, was sie vor Zeiten waren, geworden ist, nachdem es sich gerade losgelöst hatte von den Seelen. Wenn Sie sich erinnern, wie ich dasjenige erklärt habe, was Goethe in der Lemurenszene darstellt, so werden Sie wissen, daß vieles fortlebt von dem, was sich im Tode loslöst von der Seele. Und mit dem, also mit dem wirklich Toten, das nicht mit der lebendigen Seele fortlebt, konnte man sich in Beziehung setzen durch diesen materialistischen Gang in die geistige Welt hinein.

[ 15 ] And what kind of “dead” is this? This “dead” is not the same as human beings who are our contemporaries—that is, the souls who, spiritually speaking, are our contemporaries. So if we take an experiment of the kind described—say, one conducted in 1870—it did not establish a connection with the living present through the revelation of subconscious soul forces, and thus not to the living souls of 1870, but to what had remained—that is, only to the remnants that had become detached from the living, still-active soul, to what still remained active from remnants that gradually dissolve in earthly existence. However, these things were reinterpreted in such a way that the mediums claimed they were in contact with the dead who were currently living. But that was merely a reinterpretation. In reality, it was not a matter of what the souls were at that particular moment, but rather of what they had been in times past—or, more precisely, what had become of what they had been in times past after it had just detached itself from the souls. If you recall how I explained what Goethe depicts in the Lemur scene, you will know that much of what detaches from the soul at death lives on. And it was possible to relate to that—that is, to what is truly dead and does not live on with the living soul—through this materialistic journey into the spiritual world.

[ 16 ] Erlangte man so durch die zeitgenössische äußere Wissenschaft eine Erkenntnis des Materiellen, das heißt des Toten, so erlangte man durch diese spirituelle Sehnsucht, die aber auf materialistischem Wege befriedigt werden sollte, auch nichts anderes als eine Erkenntnis des Übersinnlichen, aber Toten. Die zeitgenössische materialistische Wissenschaft fand nur das äußere Tote; diese scheinbar spirituelle, in Wirklichkeit aber, nach ihrer Methode, doch materialistische Wissenschaft fand das übersinnliche Tote. Aber an diesem übersinnlichen Toten konnte man etwas sehr Bedeutsames lernen, etwas ungeheuer Bedeutsames. Man konnte daran lernen, daß wirklich um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zeitalter abgeschlossen war, daß die Menschheit der Entwickelung neuer Kräfte bedarf, wenn sie eintreten will in das wirklich Lebendige; daß eine Zeitlang bloß Kräfte zu ihrem Höhepunkt gebracht worden waren, die nur zum Toten führen, auf allen Gebieten zum Toten führen, zur Erkenntnis, zur Anbetung des Toten führen.

[ 16 ] Just as contemporary external science provided an understanding of the material—that is, of the dead—so too did this spiritual longing, which was to be satisfied through materialistic means, yield nothing other than an understanding of the supersensible, yet dead. Contemporary materialistic science found only the external, lifeless world; this seemingly spiritual science—which, in reality, however, was still materialistic according to its method—found the supersensory, lifeless world. But from this supersensory, lifeless world, one could learn something very significant, something immensely significant. One could learn from it that an era had truly come to a close around the middle of the 19th century; that humanity needs to develop new forces if it wishes to enter into what is truly alive; that for a time, only those forces had been brought to their peak that lead only to the dead—in all areas to the dead—leading to the knowledge and worship of the dead.

[ 17 ] Solche Dinge würdigt man nur dann vollkommen, wenn man sie nicht bloß in ihren abstrakten Erkenntniswerten auf die Seele wirken läßt, sondern wenn man sie in ihrer tief moralischen Bedeutung nimmt, wenn sie gewissermaßen einen moralischen Eindruck auf die Seele machen. Denn es zeigt sich uns ja doch, daß zwar das, worinnen es die moderne Menschheit so herrlich weit gebracht hat, diese Menschheit wirklich auf eine gewisse Höhe, zu der sie kommen sollte, geführt hat, daß aber alle diese Kräfte nur geeignet sind, zu dem Toten zu führen. Nach und nach würde der Inhalt des menschlichen Seelenlebens nur auf das Tote gerichtet sein können. Für den, der den Werdegang der Menschheit empfinden kann, ist es ohne weiteres klar, wie tonangebende Strömungen des neueren Empfindens mehr oder weniger sogar zu einem Kultus des Toten führen, zu einer Anbetung des Toten; denn das, was angebetet wird in bezug auf die äußere materielle Naturordnung, in der es so herrlich weit gebracht worden ist, das ist doch auch nur ein Kultus des Toten. Warum wird man nun so ergriffen von den letzten Gesängen von Hamerlings «Homunkulus»? Weil, nachdem Hamerling in seinem «Homunkulus» gezeigt hat, wie die moderne Menschheit wirklich zu einer Art Homunkeltum hinzielt, er zeigt, was es gegenüber den großen kosmischen Geheimnissen bedeutet, daß der Mensch sich durch rein mechanische Kräfte erheben will über Erdenschwere. Der letzte Gesang in Hamerlings «Homunkulus» zeigt uns in einer Zeit, als es noch keine Zeppeline gab, in einer Zeit, als das alles noch Zukunft war, schon den lenkbaren Luftballon; aber er macht uns zugleich aufmerksam, was in der menschlichen Kulturentwickelung mit dieser äußersten Mechanisierung, das heißt Abtötung, Homunkulusierung des Lebens verbunden ist.

[ 17 ] One can fully appreciate such things only when one does not merely allow their abstract intellectual value to affect the soul, but rather when one grasps their profound moral significance—when, so to speak, they make a moral impression on the soul. For it is evident to us, after all, that while the achievements in which modern humanity has made such magnificent progress have indeed led this humanity to a certain height—one it was meant to reach—all these forces are, in fact, only capable of leading to death. Little by little, the content of human spiritual life would be directed solely toward death. For anyone who can sense the course of human development, it is immediately clear how the dominant currents of modern sensibility lead, to a greater or lesser extent, even to a cult of the dead, to a worship of the dead; for what is worshipped in relation to the external, material order of nature—in which such magnificent progress has been made—is, after all, nothing more than a cult of the dead. Why, then, are we so moved by the final songs of Hamerling’s Homunkulus? Because, after Hamerling has shown in his Homunkulus how modern humanity is truly heading toward a kind of homunculus-like state, he reveals what it means—in the face of the great cosmic mysteries—for human beings to seek to rise above earthly gravity through purely mechanical forces. The final canto of Hamerling’s Homunkulus shows us, at a time when there were no zeppelins yet—a time when all this was still in the future—the steerable balloon; but at the same time, it draws our attention to what is connected in the development of human culture with this extreme mechanization—that is, the deadened, homunculized state of life.

[ 18 ] Ausgestorben ist aber das geistige Wissen niemals; es wird immer doch da oder dort bewahrt. Einzelne Menschen gibt es immer in jedem Zeitalter, welche das geistige Wissen haben können. So wurde es auch durchgerettet durch die Zeit, in der das geistige Wissen am wenigsten tonangebend war: durch die Zeit vom 15. bis ins 19, Jahrhundert. Wie ein dünner Faden wurde es durchgerettet, dieses geistige Wissen. Und diejenigen, von denen ich Ihnen gesagt habe, daß sie sich nichts versprochen haben von dem materialistischen Weg in die geistige Welt hinein, waren der Ansicht, daß die neuere Art des Empfindens und Denkens, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, fortgebildet und weiterentwickelt werden kann, so daß aus der scharfsinnigen materialistischen Wissenschaftsmethode allmählich sich ein Wissen ergibt, das eindringlich genug wirken kann, um unter die Oberfläche der Dinge in den Geist hineinzukommen. Und das soll die eigentliche geisteswissenschaftliche Methode sein: auf demselben Weg in die geistige Welt hineinzukommen, wie man seit drei bis vier Jahrhunderten in die Natur hineinkommt. Dazu handelt es sich nur darum, wirklich das weiterzuentwickeln, was sich die Menschheit an Wissensgewohnheiten in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, in entsprechender Weise und mit genug Anstrengung, mit Nicht-sich-zurückhalten-Lassen durch Denkbequemlichkeiten, das, was man so als Denkgewohnheiten entwickelt hat, weiterzuentwickeln. Darum handelt es sich.

[ 18 ] Spiritual knowledge, however, never dies out; it is always preserved here and there. In every age, there are always a few individuals who are capable of possessing spiritual knowledge. Thus it was preserved even through the period when spiritual knowledge was least influential: from the 15th to the 19th century. Like a thin thread, this spiritual knowledge was preserved. And those of whom I have told you—who did not expect anything from the materialistic path into the spiritual world— were of the opinion that the newer way of feeling and thinking, as it has developed over the last few centuries, can be refined and further developed, so that from the incisive materialistic scientific method, knowledge will gradually emerge that is powerful enough to penetrate beneath the surface of things and into the spirit. And this is to be the true method of spiritual science: to enter the spiritual world in the same way that we have been entering the natural world for the past three to four centuries. To this end, it is simply a matter of truly further developing what humanity has cultivated in terms of habits of knowledge over the past few centuries—in an appropriate manner and with sufficient effort, without allowing oneself to be held back by intellectual laziness—to further develop what has been cultivated as habits of thought. That is what is at stake.

[ 19 ] Nun kann aber die Frage aufgeworfen werden: Warum gibt es denn so viele Menschen, welche, trotzdem sie etwas gewußt haben von der geistigen Welt, geschwiegen haben über dieses Wissen? — Denn das muß einmal immer wieder und wiederum betont werden: da war das geistige Wissen schon immer. Es muß sich in verschiedener Weise entwickeln in den verschiedenen Zeitaltern; aber da war es immer. Warum haben denn manche Leute eine solche Scheu, das geistige Wissen mitzuteilen? In unserem Kreise wird es mitgeteilt, weil die Einsicht in die Notwendigkeit des Mitteilens alles übrige überwiegt. Aber es können ja nur gewisse Teile dieses geistigen Wissens mitgeteilt werden, und dies aus einem ganz bestimmten Grunde. Sehen Sie, in einer anderen Form war ja das geistige Wissen, wenn auch mit einer unbewußteren oder unterbewußteren Art, auch vor dem Mysterium von Golgatha vorhanden. Der Mensch kam in mehr instinktiver Art in Zusammenhang mit der geistigen Welt, als er heute, zu seinem Heile, kommen kann. Und ein großer Teil der Menschheit wurde überhaupt nicht zugelassen. Es wurden nur diejenigen zugelassen, die man entsprechend vorbereiten konnte. Und wie bereitete man sie vor? Auf eine Weise bereitete man sie vor, an die man heute gar nicht so recht denkt, wenn man von Vorbereitung für Wissenschaft oder Erkenntnis spricht. Heute ist man der Ansicht, daß man sich um die moralischen Qualitäten desjenigen, den man zum Wissen zuläßt, eigentlich erst in zweiter Linie zu kümmern hat; jedenfalls ist man nicht der Ansicht, daß das Wissen als solches abhängt von den moralischen Qualitäten. Das war in der alten Zeit durchaus nicht der Fall in bezug auf die Mitteilung des Wissens. Niemandem teilte man in den alten Zeiten, in denen das Wissen durch Mysterien mitgeteilt worden ist, irgend etwas mit, was in Betracht kam an Wissen, der nicht durch entsprechende moralische Zucht strengster Art gegangen war. Über das höchstens mathematische Wissen, mit dem man nicht viel Unfug treiben kann, und über das literarische Wissen kam man ohne eine strenge moralische Zucht nicht hinaus. Denn es wurden den Leuten nur die Dinge mitgeteilt, die als ihnen entsprechend angesehen wurden, nachdem sie eine gewisse moralische Zucht durchgemacht hatten, eine strenge moralische Zucht. Voraus ging die Erziehung zum Guten; dann kam die Mitteilung der Weisheit. Und Conditio sine qua non war diese Erziehung zum Guten. Das wurde vor allen Dingen in erster Linie eingehalten: die Erziehung zum moralischen Mut. Denn man war überzeugt — ich kann das heute der Kürze der Zeit wegen nicht auseinandersetzen —, daß das Gedeihen in der Welt durch das Wissen nur dadurch herbeigeführt werden kann, wenn das, was ein wissender Mensch tun kann, von einem guten Menschen getan wird. Das war Überzeugung. Es war, so unwahrscheinlich es aussieht heute, wo man die alten Zeiten nur für barbarisch hält und von den neuen die Meinung hat, daß man es so herrlich weit gebracht hat — allerdings, so weit, daß man jetzt Tausende jede Woche in Blut tränkt —, in diesen alten Zeiten Überzeugung, daß man das Wissen in seiner Wirkung nur angewendet haben wollte von Leuten, die durch die strengste moralische Zucht gegangen waren. Die anderen sollten nur instinktiv handeln, unter der Anleitung derjenigen, welche durch moralische Zucht gegangen sind.

[ 19 ] But now the question may be raised: Why are there so many people who, even though they knew something about the spiritual world, remained silent about this knowledge? — For this must be emphasized again and again: spiritual knowledge has always existed. It must develop in various ways throughout the different ages; but it has always been there. Why, then, are some people so reluctant to share spiritual knowledge? In our circle, it is shared because the understanding of the necessity of sharing outweighs everything else. But only certain parts of this spiritual knowledge can be shared, and this is for a very specific reason. You see, spiritual knowledge did indeed exist in a different form—albeit in a more unconscious or subconscious manner—even before the Mystery of Golgotha. Human beings came into contact with the spiritual world in a more instinctive way than they can today, for their own good. And a large part of humanity was not admitted at all. Only those who could be properly prepared were admitted. And how were they prepared? They were prepared in a way that we hardly think of today when we speak of preparation for science or knowledge. Today, the view is that one need only concern oneself with the moral qualities of those admitted to knowledge as a secondary consideration; in any case, it is not believed that knowledge as such depends on moral qualities. That was by no means the case in ancient times with regard to the transmission of knowledge. In those ancient times, when knowledge was imparted through mysteries, no one was taught anything of significance—anything that could be considered knowledge—unless they had undergone the strictest moral discipline. At most, one could acquire mathematical knowledge—with which one cannot cause much mischief—and literary knowledge; but one could not go beyond that without strict moral discipline. For people were taught only those things that were deemed appropriate for them after they had undergone a certain moral discipline—a strict moral discipline. First came education in goodness; then came the imparting of wisdom. And this education in goodness was a conditio sine qua non. Above all else, this was upheld first and foremost: the education in moral courage. For people were convinced—I cannot elaborate on this today due to time constraints—that flourishing in the world through knowledge can only be achieved if what a knowledgeable person is capable of doing is done by a good person. That was their conviction. As improbable as it may seem today—when people regard the olden days as nothing but barbaric and believe that the modern era has achieved such magnificent progress—admittedly, progress to the point where thousands are now drenched in blood every week—in those olden days, there was a conviction that knowledge should be applied in practice only by people who had undergone the strictest moral discipline. The others were to act only instinctively, under the guidance of those who had undergone moral discipline.

[ 20 ] Die neuere Zeit taugt nicht dazu, einen solchen Grundsatz ohne weiteres anzuwenden. Stellen Sie sich vor: Wie soll ein solcher Grundsatz heute in unserer Zeit verwirklicht werden, wo jeder so schnell wie möglich das, was er weiß, sagt oder gar drucken läßt, und wo man das nicht aufhalten kann? Man soll sich nur ja keinen Illusionen hingeben, daß in dieser Beziehung irgend etwas, irgendeine soziale Einrichtung Einhalt tun könnte! Heute gilt Öffentlichkeit. Was muß daher an die Stelle dieses alten Grundsatzes treten, nur den Menschen mit moralischer Zucht zum Wissen kommen zu lassen? An die Stelle dieses alten Grundsatzes muß der treten, daß das Wissen selber, das mitgeteilt wird, eine gewisse Kraft in sich habe, nämlich die Kraft, durch sich selber das Gute hervorzubringen, richtig durch sich selber das Gute hervorzubringen. Dahin muß sich alle geisteswissenschaftliche Bewegung richten. Gewissermaßen muß alles Wissen, das durch die Geisteswissenschaft in die Welt kommt, so geordnet werden, daß es durch sich selbst, durch seine eigene Kraft das Gute erzeugt. Sie werden sagen, die Versuche, die gemacht worden sind mit dem geisteswissenschaftlichen Lehrgut in der neueren Zeit, haben vielfach dieses Resultat nicht gezeitigt. Gewiß, noch nicht, weil alles sich durch seine verschiedenen Hindernisse hindurcharbeiten muß. Das geheime Fühlen des Guten in der Geisteswissenschaft ist es auch vielfach, welches bewirkt, daß diese Geisteswissenschaft nicht allein logisch bekämpft wird, sondern gehaßt wird. Nun werden Sie sagen: Ja, aber wollen denn nicht im Grunde genommen alle vernünftigen Menschen das Gute? — So wie man es heute vielfach auffaßt, könnte man sagen: Nun ja, alle vernünftigen Menschen wollen das Gute. Aber darauf kommt es nicht an, daß jemand meint, er wolle das Gute, oder er wünsche das Gute, sondern daß er es wirklich will; daß er es wahrhaftig will, darauf kommt es an. Wenn man die Errungenschaften der modernen Kultur gerade mit Bezug auf ihre moralischen Defekte in Betracht zieht, in bezug auf diejenigen moralischen Defekte, die sozusagen im Leblosen wirken, wird man finden, daß die Welt schon eine Weisheit braucht, welche, indem sie Weisheit ist, zugleich das Gute wirkt. Denn die materialistische Wissenschaft ist gleichgültig gegenüber Gut und Böse. Sie braucht das, was sie in die Materie hineinformt, ebensogut zum Bösen wie zum Guten; sie dient dem Bösen ganz gleich wie dem Guten.

[ 20 ] Modern times are not conducive to applying such a principle without further ado. Just imagine: How is such a principle to be put into practice today, when everyone is quick to say—or even publish—what they know, and when there is no way to stop it? One must certainly not delude oneself into thinking that anything—any social institution—could put a stop to this! Today, public disclosure is the norm. What, then, must take the place of this old principle of allowing only those with moral discipline to acquire knowledge? This old principle must be replaced by the idea that the knowledge itself, as it is communicated, possesses a certain power—namely, the power to bring about the good through itself, truly to bring about the good through itself. This is the direction toward which the entire spiritual science movement must be directed. In a sense, all knowledge that comes into the world through spiritual science must be organized in such a way that it brings about the good through itself, through its own power. You will say that the attempts made in recent times with the teachings of spiritual science have often failed to produce this result. Certainly not yet, because everything must work its way through various obstacles. It is often this secret sense of the good in spiritual science that causes it not only to be logically opposed, but also to be hated. Now you will say: Yes, but don’t all reasonable people, after all, want the good? — As it is often understood today, one might say: Well, yes, all reasonable people want the good. But what matters is not that someone thinks they want the good or wishes for the good, but that they truly want it; that they genuinely want it—that is what matters. If one considers the achievements of modern culture precisely in light of their moral defects—those moral defects that, so to speak, operate within the inanimate—one will find that the world needs a wisdom which, by virtue of being wisdom, simultaneously brings about the good. For materialistic science is indifferent to good and evil. It needs what it shapes into matter just as much for evil as for good; it serves evil just as much as it serves good.

[ 21 ] Da haben wir wiederum einen solchen Punkt, wo man vielleicht, wenn man die Welt im Großen überblickt in ihrem Werdegang, die Notwendigkeit der Geisteswissenschaft schon einsehen kann. Es genügt nicht, daß man im engsten Kreise sich abschließt und sich eine Weltanschauung bildet aus dem engsten Kreise heraus; denn die engsten Kreise sind eingefaßt in das große Netz des menschlichen Werdens. Von allem übrigen abgesehen, sehen wir uns die Konsequenz der europäischen Kultur in den letzten drei Jahren an, sehen wir uns sie so an, wie wir sie ansehen werden, wenn wir nicht moralische Vogel-StraußPolitik betreiben, sondern wenn wir mit wirklichem, für alles in unserer Umgebung lebendigem, mit bebendem Herzen auffassen das, was sie uns bringt. Dadurch, daß wir, der eine oder andere, geschützt sind gegen das, was heute gegen Europa wütet, dadurch sollen wir uns keineswegs abwenden von dem Furchtbaren, in das die neuere Kultur hineingeschleudert worden ist; denn das ist da. Und eine Erscheinung darf doch bedacht werden.

[ 21 ] Here again we have one of those points where, perhaps, if one takes a broad view of the world and its development, one can already recognize the necessity of spiritual science. It is not enough to shut oneself off within the narrowest of circles and form a worldview based solely on that circle; for even the narrowest circles are woven into the vast web of human development. Leaving everything else aside, let us look at the consequences of European culture over the past three years; let us look at them as we will see them not if we pursue a moral “head-in-the-sand” policy, but if we grasp with a heart that is truly alive to everything around us—a heart that trembles—what it brings us. Just because some of us are protected from what is currently raging against Europe does not mean we should turn away from the horror into which modern culture has been hurled; for it is there. And a phenomenon must surely be considered.

[ 22 ] Es ist in der letzten Zeit ein in seiner Art gutes Buch geschrieben worden, welches sich bemüht, die heute weltbewegenden Fragen, die seit zwei Jahren weltbewegenden Fragen auch vom Standpunkte des menschlichen Fühlens und des moralischen Empfindens zu beurteilen. Es ist ein Buch erschienen in der allerletzten Zeit, das gut ist, das mit einem gewissen umfassenden Blick zeigen will, wodurch man herauskommen kann aus dem Irrgewebe des Blutes und des Hasses, in dem die moderne Kultur sich befindet. Dieses Buch ist von jenem Chinesen geschrieben, auf den ich schon als auf eine wichtige Persönlichkeit eine Reihe unserer Freunde vor vier oder fünf Jahren hingewiesen habe, als sein erstes Buch über die europäischen Verhältnisse erschienen ist. Und das Buch, das jetzt erschienen ist von Ku Hung-Ming, dem feingebildeten Chinesen, dieses Buch ist gut, dieses Buch hat viel Objektives. Dieses Buch zeigt einen Menschen, der nicht in den Fehler verfällt, in den heute viele verfallen; dieses Buch zeigt einen Menschen, der von diesen Fehlern abseits steht. Heute haben viele Meinungen, heute äußern viele diese oder jene Meinung über unsere Zeitverhältnisse — der größte Teil desjenigen, was geäußert wird, ist nicht dazu da, um auszusagen das, was man wirklich meint, sondern um sich zu betäuben gegenüber dem, was wirklich ist. Wir sehen Ströme von Haß hinfluten über die Welt. Warum werden sie in die Welt gesetzt? Warum wird dies oder jenes gesagt? Denken Sie, daß diejenigen, die da sagen, der Papst solle zum Beispiel das Verdammungsurteil über ein ganzes Volk aussprechen, die das energisch fordern, die glauben, das wirklich aus irgendwelchen objektiven Ereignissen erkennen zu können — glauben Sie, die haben die Ruhe objektiver Erkenntnis? Das ist gesagt, um sich zu betäuben, gerade um sich das nicht zu gestehen, was man sich gestehen sollte. Ein großer Teil desjenigen, was heute gesagt wird, ist gesagt, um sich zu betäuben. Weil man sich das, was man sich eigentlich eingestehen sollte, nicht eingestehen will, so sagt man dies oder jenes, das nur hinweghelfen soll über dasjenige, was man sich nicht sagen will.

[ 22 ] A book has recently been written—a good one in its own right—that endeavors to assess the issues currently shaking the world, issues that have been shaking the world for the past two years, from the perspective of human feeling and moral sensibility. A book has been published very recently that is good, one that seeks to show, with a certain comprehensive perspective, how we can find our way out of the tangled web of bloodshed and hatred in which modern culture finds itself. This book was written by that Chinese author whom I already pointed out to a number of our friends four or five years ago as an important figure, when his first book on European conditions was published. And the book that has now been published by Ku Hung-Ming, the highly educated Chinese scholar—this book is good; this book contains much that is objective. This book presents a person who does not fall into the error into which many fall today; this book presents a person who stands apart from these errors. Today, many people have opinions; today, many express this or that opinion about the conditions of our time—but the vast majority of what is expressed is not intended to convey what one truly means, but rather to numb oneself to what is actually real. We see torrents of hatred flooding across the world. Why are they unleashed upon the world? Why is this or that said? Do you think that those who say, for example, that the Pope should pronounce a sentence of damnation on an entire people—those who demand this vehemently, who believe they can truly discern this from some objective events—do you think they possess the serenity of objective insight? This is said to numb oneself, precisely to avoid admitting what one ought to admit. Much of what is said today is said to numb oneself. Because one does not want to admit what one should actually admit, one says this or that, which is only meant to help one get past what one does not want to tell oneself.

[ 23 ] Nach dieser Methode geht jener Chinese Ku Hung-Ming nicht vor. Aber er sagt eines, Er sagt: Wenn man sieht, was sich in Europa entwickelt hat, was in Europa geschehen ist und welche Kräfte in Europa wirken, so kann man nicht anders, als sich sagen: Es hat so kommen müssen, wie es gekommen ist. Der Materialismus in seiner einseitigen Ausbildung, wie er im 19. Jahrhundert sich entwickelt hat, der mußte zu diesen Konsequenzen führen. Aber er muß noch weiter führen; er muß zum endlichen Untergange der europäischen Kultur führen. Und ganz überzeugt ist dieser Chinese Ku Hung-Ming, daß es zum Untergange der europäischen Kultur kommen müsse, wenn die Europäer sich nicht bequemen — so sagt er —, eigentlich so zu werden, wie die Chinesen sind; wenn nicht Chinesentum über Europa sich ausbreitet. Das einzige Heil der europäischen Kultur ist, daß die Europäer Chinesen werden, das heißt, in der Seele Chinesen werden. — Und vieles, was er sagt, ist tief eindringlich. Man sollte es nicht leicht nehmen, daß ein sehr weiser Mann der Gegenwart doch keinen anderen Ausweg für die europäische Kultur findet, als daß sie nun endlich all das, was in ihr selbst sich ad absurdum geführt hat, einlaufen läßt in das gute chinesische Prinzip. Ich will nicht im weiteren ausführen, wie sich Ku HungMing die Verchinesierung Europas denkt; denn ohne weiteres wird es ja für uns einzusehen sein, daß wir nicht Chinesen werden können, daß wir nicht auf den Standpunkt der Chinesenkultur zurückkommen können. Und wenn es keinen anderen Ausweg gäbe als den, den Ku HungMing sieht, dann wäre das noch immer der bessere Ausweg, als auf demselben Weg weiterzuschreiten, auf dem die europäische Kultur gegangen ist. Es wäre noch immer besser. Besser wäre es, Chinese zu werden, als auf dem Weg weiterzuschreiten, den die materialistische Kultur gegangen ist, denn unaufhaltsam würde dies sein. Man glaube nicht, daß dieses durch alte Mittel aufzuhalten ist.

[ 23 ] That Chinese man, Ku Hung-Ming, does not follow this method. But he does say one thing: He says, “When one sees what has developed in Europe, what has happened in Europe, and what forces are at work in Europe, one cannot help but conclude: Things had to turn out the way they did.” Materialism, in its one-sided form as it developed in the 19th century, was bound to lead to these consequences. But it must lead even further; it must lead to the ultimate downfall of European culture. And this Chinese man, Ku Hung-Ming, is utterly convinced that the downfall of European culture is inevitable unless the Europeans are willing—as he puts it—to actually become like the Chinese; unless Chinese culture spreads throughout Europe. The only salvation for European culture is for Europeans to become Chinese—that is, to become Chinese in spirit. —And much of what he says is deeply compelling. One should not take lightly the fact that a very wise man of our time can find no other way out for European culture than for it to finally allow everything within itself that has been reduced to absurdity to flow into the sound Chinese principle. I do not wish to elaborate further on how Ku Hung-Ming envisions the “Sinicization” of Europe; for it will readily be apparent to us that we cannot become Chinese, that we cannot return to the standpoint of Chinese culture. And if there were no other way out than the one Ku HungMing sees, that would still be the better way out than continuing down the same path that European culture has taken. It would still be better. It would be better to become Chinese than to continue down the path that materialistic culture has taken, for this would be unstoppable. Do not believe that this can be halted by old methods.

[ 24 ] Geisteswissenschaft ist im Grunde genommen immer ein wenig der Anschauung von Ku Hung-Ming gewesen, nur just in bezug auf das Chinesentum nicht, sondern in bezug auf den ersten Teil seines Satzes nur, und sie hegt daher als ihr großes Ideal, herauszuholen aus der geistigen Welt ein Wissen, das in diese geistige Welt hineinführt, aber zugleich durch seine eigene Kraft die Menschen gut machen kann, durch seine eigene Kraft moralisch wirkt, moralische Impulse erzeugt. So würde man als Geisteswissenschafter nicht antworten wie Ku HungMing: Werdet Chinesen! — sondern: Versuchet auf geisteswissenschaftlichem Wege diejenige Befruchtung der anderen Kultur herbeizuführen, die eben nur auf geisteswissenschaftlichem Wege herbeizuführen ist. — Aber dieses Hinstreben zu neuen Quellen menschlichen Wissens und Wirkens ist der Menschheit, ist der europäischen Menschheit notwendig, durchaus notwendig. Man möchte die bittersten Tränen vergießen, wenn man gegenüber vielem, was uns heute entgegentritt, gerade solch ein Buch liest wie das von Ku Hung-Ming; denn ernster, als viele glauben, sind diese unsere gegenwärtigen Zeiten. Und vieles ist unter den Menschen, das die Menschen trennt; und von der Trennung der Seelen kommt alles das, was wir an Furchtbarem erleben. Diese Trennung wird nur überwunden werden durch ein Wissen, das den Menschen jenseits aller Trennungen erfaßt, durch ein Wissen, das für jeden Menschen ist, weil diejenigen Trennungen, von denen die Menschen heute ihre Gefühle bilden, nur hier in der physischen Welt ihre Geltung haben, wirklich nur hier in der physischen Welt ihre Geltung haben. Wenn man sieht, was sich heute ergießt an Sympathie und Antipathie, und wenn man sieht, wie das, was sich in Sympathie und Antipathie ergießt, nur von dem Ungeistigen kommt, so sieht man in dem, was sich in Sympathie und Antipathie ergießt, zugleich die Verleugnung des Spirituellen.

[ 24 ] Spiritual science has, in essence, always been somewhat in line with Ku Hung-Ming’s view—not specifically with regard to Chinese culture, but only with regard to the first part of his statement—and it therefore holds as its great ideal the extraction from the spiritual world of a knowledge that leads into that spiritual world, but at the same time, through its own power, can make people good, exert a moral influence, and generate moral impulses. Thus, as a scholar of the humanities, one would not respond as Ku Hung-Ming did: “Become Chinese!”—but rather: “Attempt, through the path of the humanities, to bring about that enrichment of the other culture which can only be achieved through the path of the humanities.” — But this striving toward new sources of human knowledge and activity is necessary for humanity, for European humanity—absolutely necessary. One is moved to shed the bitterest tears when, in the face of so much that confronts us today, one reads a book such as that by Ku Hung-Ming; for our present times are more serious than many believe. And there is much among people that divides them; and from the separation of souls comes all that we experience as terrible. This separation will be overcome only through a knowledge that encompasses humanity beyond all divisions, through a knowledge that is for every human being, because those divisions upon which people base their feelings today are valid only here in the physical world—truly, only here in the physical world. When one observes the outpouring of sympathy and antipathy today, and when one sees how this outpouring of sympathy and antipathy arises solely from the non-spiritual, one recognizes in it, at the same time, a denial of the spiritual.

[ 25 ] Aller Völkerhaß zum Beispiel ist zu gleicher Zeit ein Kampf gegen den Geist. Und weil unsere Zeit so sehr geneigt ist, gegen den Geist zu kämpfen, hat diese unsere Zeit auch so viel Talent zum Völkerhaß. Dies ist eines der tiefsten Geheimnisse unserer gegenwärtigen geistigen Kultur. Daher aber auch kann es nur einen Ausweg geben durch das lebendige Ergreifen des Geistes.

[ 25 ] All hatred of other peoples, for example, is at the same time a struggle against the spirit. And because our age is so inclined to fight against the spirit, it also possesses such a great capacity for ethnic hatred. This is one of the deepest mysteries of our current spiritual culture. But for this very reason, there can be only one way out: through a living embrace of the spirit.

[ 26 ] Bedenken Sie nur, in dem Augenblicke, wo wir einschlafen, mit unserem Ich und unserem astralischen Leib unseren physischen Leib und unseren Ätherleib verlassen, in diesem Augenblicke sind wir in einer Welt, wo das alles nicht ist, was heute zur Sympathie und Antipathie führt; in diesem Augenblicke sind wir vereint, in diesem Augenblicke, der auf das Einschlafen folgt, sind wir vereinigt mit denjenigen, die wir aus unserem Zeitbewußtsein heraus mit tiefster Antipathie bedenken. Wir müssen durch ihre Seelen durchziehen im Reiche der Durchgänglichkeit. Wir können noch so schmettern und Tiraden des Hasses gegen den oder jenen schleudern — schlafen wir ein, sind wir im Schlafe, so müssen wir in der Region der Durchgänglichkeit durch die Seelen derjenigen ziehen, die wir hassen. Solche Erkenntnisse über das wahrhaft Wirkliche müssen erst unter die Menschen kommen. Das sind ja nur elementarische Dinge. Aber tritt man immer mehr und mehr ein in diese Erkenntnis des wahrhaft Wirklichen, dann hat dieses Eintreten schon die Kraft, die Impulse des Guten zu erzeugen. Denn was Haß, was unbegründete Antipathie in der Welt wirklich bedeuten, das lernt man erst kennen, wenn man deren Hinaufwirken in die geistige Welt durchschaut. Wer im Geistigen den Haß kennt, der legt ihn schon ab, es sei denn, daß er sich direkt in die Dienste gewisser böser Mächte begeben will.

[ 26 ] Just consider this: at the very moment we fall asleep, our ego and our astral body leave our physical body and our etheric body; at that very moment, we find ourselves in a world where none of the things that today give rise to sympathy and antipathy exist; at that very moment we are united; in that moment following the falling asleep, we are united with those whom we regard with the deepest antipathy in our temporal consciousness. We must pass through their souls in the realm of permeability. No matter how loudly we may rant and hurl tirades of hatred against this or that person—once we fall asleep, once we are asleep, we must pass through the souls of those we hate in the realm of permeability. Such insights into what is truly real must first reach humanity. These are, after all, only elementary matters. But as one delves deeper and deeper into this understanding of what is truly real, this very process already has the power to generate impulses of goodness. For one only comes to know what hatred and unfounded antipathy truly mean in the world when one sees through their upward effect into the spiritual world. Whoever recognizes hatred in the spiritual realm will already cast it aside, unless they wish to place themselves directly in the service of certain evil forces.

[ 27 ] Da durch die Gelegenheit der Johannesbauvereins-Versammlung eine größere Zahl der Freunde als sonst hier an diesem Orte beisammen sind, so wollte ich über diese ernsten Fragen gerade heute sprechen. Diejenigen, die meine letzten Vorträge gehört haben, werden auch das heute Besprochene einfügen können in das vorher Betrachtete, und es wird gewissermaßen, wenn es auch nur episodisch ist, dennoch aufklärend wirken können für manche Impulse, die in unserem weltgeschichtlichen Werden der Gegenwart sich abspielen.

[ 27 ] Since a larger number of friends than usual are gathered here today on the occasion of the Johannesbauverein meeting, I wanted to speak about these serious issues specifically today. Those who have heard my recent lectures will be able to connect what is discussed today with what has been considered previously, and it may, in a sense—even if only in an episodic way—serve to shed light on some of the forces at work in the unfolding of our present-day world history.