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Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171

25 September 1916, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Wir haben uns damit beschäftigt, zu zeigen, wie in dem geschichtlichen Werden der Menschheit diejenigen geistigen Kräfte mitspielen, die wir in unserer Art als luziferische und ahrimanische Kräfte oder Mächte bezeichnen. Wir haben gesehen, wie das, was im Weltenwerdegang hinübergetragen werden soll aus einem Zeitalter in das andere, hinübergetragen wird durch solche Mächte, und wir haben uns bemüht zu zeigen, wie in den Trieben, in den Begierden, in den Erkenntnissehnsuchten, auch in den Impulsen des sozialen Lebens der Menschen das vorhanden ist, was im Konkreten nur dann gefaßt werden kann, wenn man diese übersinnlichen, dem weltgeschichtlichen Werden zugrunde liegenden Kräfte kennt. So wie das hat ausgesprochen werden sollen für unseren fünften nachatlantischen Zeitraum, so hat es sich, wie wir gesehen haben, vorbereitet seit dem 15. Jahrhundert. Wir haben gesehen, welche neuen Fähigkeiten der Menschheit heraufgezogen sind seit diesem 15. Jahrhundert, was sich im gesamten Kulturorganismus Europas seit jener Zeit entwickelt hat.

[ 2 ] Wenn wir nach einem Geiste blicken wollen, der in konzentriertester und schärfster Weise zum Ausdruck gebracht hat, welches die menschlichen Impulse unserer Zeit sein sollen, so können wir auf Goethe blicken, und wir haben schon erwähnt, daß er sowohl mit seiner Naturanschauung wie mit seiner imaginativen Welt das zum Ausdrucke gebracht hat, was den Anfang bilden kann des fünften nachatlantischen Zeitraums. Und ich muß Sie heute daran erinnern, daß ich öfter darauf aufmerksam gemacht habe, wie Goethe das, was er als die Kulturimpulse, Erkenntnisimpulse, Gefühlsimpulse, Willensimpulse angesehen hat, was er als notwendig für die Wirksamkeit der Menschen in der Zukunft sich hat denken müssen, in intimer Weise zum Ausdruck gebracht hat in jenem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, in das er hineingeheimnißt hat dasjenige, was er wußte, man könnte sagen, aus den geistig verborgen wirkenden Kräften, die seit dem 15. Jahrhundert in der Menschheit tätig sind und durch etwa zwei Jahrtausende tätig sein werden. Sie wissen ja auch, wie wir in unseren Mysterien in einer ausführlichen Weise versucht haben, dasjenige lebendig zu machen, was Goethe durchschaut hat, als er dieses Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie dichtete. In diesen Mysterien sollte das, was Goethe beseelte, was aber die ganze fünfte nachatlantische Kulturmenschheit als höchstes Geistesgut beseelen soll, so zum Ausdruck gebracht werden, wie es eben wiederum hundert Jahre nach Goethe zum Ausdruck gebracht werden kann.

[ 3 ] Solche Tiefen einer Menschenseele, wie sie zugrunde liegen einer so großen, gewaltigen Dichtung wie das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, trotzdem es eine symbolische Dichtung ist, solche großen Impulse, wie sie Goethes «Faust» als Menschheitsdichtung zugrunde liegen, die weisen uns immer wieder und wiederum hin auf tiefe, unter der Oberfläche des Bewußtseins liegende Kräfte. Das wirkt in einer solchen Seele aus den Tiefen alter Kulturimpulse heraus. Und über solche Kulturimpulse, wie sie bei Goethe, ich möchte sagen, eine gewisse Vergeistigung erfahren haben, möchte ich heute im Zusammenhange mit dem gestern Ausgeführten etwas sprechen.

[ 4 ] Wir müssen da zurückgehen wiederum bis in jene Zeit, in der gewissermaßen im Keime die Impulse gelegt worden sind für die fünfte nachatlantische Zeit; wir müssen vor das 15. Jahrhundert zurückgehen, weil solche Dinge, die dann geistig fortwirken, lange vorher vorbereitet werden müssen. Wie sich im europäischen Seelenleben und im europäischen sozialen Leben in dem Streben nach dem Wahren, Schönen, Guten des europäischen Lebens die normal fortwirkenden göttlich-geistigen Kräfte verschlingen mit den ahrimanisch-luziferischen Mächten für unser Zeitalter, das kann man nur erkennen, wenn man zurückgeht bis in die Zeiten, wo gewissermaßen die ersten Anstöße gegeben werden. Solche ersten Anstöße der früheren Zeiten, wir haben sie gestern kennengelernt. Wir wollen heute noch einen solchen Anstoß kennenlernen aus der Mitte des Mittelalters; wir wollen kennenlernen, wie in der Mitte des Mittelalters sich herausgebären gewisse geistige Tendenzen aus dem menschlichen Werden. Dabei werde ich den historischen Hintergrund nur andeuten können. Den historischen Hintergrund kann ja heute jeder aus jedem Konversationslexikon sich nachlesen.

[ 5 ] Zurückverweisen muß ich, um die Konfiguration der Kulturimpulse, die dann in Goethe eine gewisse Vergeistigung erfahren haben, zu schildern, auf jene Zeit, in der aus dem europäischen Wollen heraus, und zwar aus den christlichen Impulsen des europäischen Wollens heraus der Wille entstanden ist zu den Kreuzzügen. In dieser Zeit, als der Wille in der europäischen Kulturmenschheit entstanden ist, die heiligen Stätten zu besuchen, gab es harte Zusammenstöße im gesamten europäischen Leben zwischen dem, was man luziferische und was man ahrimanische Mächte nennt. Das heißt, in die fortwirkenden guten, wahrhaft christlichen Impulse wirkten gewissermaßen von jenen Seiten her, die gestern charakterisiert worden sind, diese anderen Mächte hinein in der Art, wie solche Mächte zugelassen werden von der weisheitsvollen Weltenlenkung, damit dasjenige, was in der weisheitsvollen Weltenlenkung der Gegenwart geschieht, in der entsprechenden Weise konfiguriert werde von den aus der Vergangenheit hereinwirkenden anderen Impulsen, die sich mit den Gegenwartsimpulsen immer durchkreuzen in der Art, wie wir ja dies öfter besprochen haben.

[ 6 ] Wir sehen in dieser Zeit unter vielem, das, wenn man es betrachtet, ich möchte sagen, zum Frohmachen der Menschenseele ist, wie unter vielem, was da entsteht, bald nachdem die Kreuzzüge ihre ersten Erfolge errungen haben, begründet wird im Jahre 1119 der Orden der Tempelherren. Fünf französische Ritter unter der Führung von Hugo de Payens tun sich zusammen und begründen an der geheiligt gehaltenen Stätte, auf der sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, einen Orden, der sich ganz weihen soll dem Dienste des Mysteriums von Golgatha, und der sein erstes wichtigstes Ordenshaus unmittelbar neben der Stätte hat, wo einst der Salomonische Tempel gestanden hat, so daß gewissermaßen zusammenwirken konnte an dieser Stätte uraltheilige, für das Christentum vorbereitete Weisheit und die salomonische Weisheit, mit allen Empfindungen und allen Gefühlen, die in höchstem Maße aus der heiligsten Begeisterung für das Mysterium von Golgatha und seinen Träger entstanden sind. Neben den gewöhnlichen, damals üblichen Mönchsgelübden, der Pflicht des Gehorsams gegenüber den geistlichen Oberen, verpflichteten sich die ersten Tempelherren, in intensivster Weise mitzuwirken dazu, hereinzubeziehen in den Bereich europäischer Machtentfaltung die Stätten, auf denen sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat. An nichts sollten sie denken — so war es in den geschriebenen und namentlich in den ungeschriebenen Ordensregeln enthalten —, als wie sie in ihrem Herzen, in ihrer Seele ganz sich erfüllen können mit dem geheiligten Geheimnis von Golgatha, und wie sie dienen können mit jedem Tropfen ihres Blutes der Hereinbeziehung der geheiligten Stätte in den Machtbereich des europäischen Willens. In jedem Augenblick ihres Lebens sollten sie denken, sollten sie empfinden, daß sie ganz nur dieser Aufgabe gehören, und daß sie nichts scheuen werden, um diese Aufgabe mit all der Kraft, die jedem einzelnen zur Verfügung steht, zu verwirklichen. Ihr Blut sollte ihnen nicht selber gehören, sondern einzig und allein der Aufgabe, die wir gekennzeichnet haben. Und wenn sie einer dreifachen Übermacht gegenüberstehen — so war ihnen befohlen —, dürfen sie nicht fliehen; jeder Templer muß seine Stelle behaupten, auch wenn drei Ungläubige ihm diese Stelle streitig machen wollen. Und in jedem Augenblick ihres Lebens mußten sie denken, daß das Blut, das in ihren Adern rinnt, nicht ihnen gehört, sondern ihrer großen geistigen Aufgabe. Was sie an Vermögen erwerben sollten, das sollte keinem einzelnen gehören. Nicht der einzelne sollte irgendeinen Besitz haben, sondern nur der ganze Orden. Vom einzelnen sollte derjenige, der aus der Reihe der Feinde einen besiegt, kein anderes Gut erbeuten als die hanfene Schnur, die um die Lenden gegürtet war, das Zeichen ihrer freiwillig übernommenen Arbeit für dasjenige, was man dazumal als das Heil für den europäischen Geist ansah. Eine große, gewaltige Aufgabe, weniger dem Nachdenken als dem tiefen Empfinden, war gestellt, eine Aufgabe, die dahin ging, das Seelenleben als individuelles, als persönliches nur deshalb zu stärken, damit dieses einzelne Seelenleben ganz aufgehen könne in dem fortlaufenden Strom der christlichen Entwickelung.

[ 7 ] Das war gewissermaßen der Stern, der den Tempelrittern bei allem, was sie dachten, fühlten, unternahmen, voranleuchten sollte. Damit war ein Impuls in Seelen gegeben, welcher in seiner weiteren Wirksamkeit bei der weiteren Ausdehnung des 'Templerordens von Jerusalem aus über die europäischen Länder zu einer gewissen Durchgeistigung, Durchchristung des europäischen Lebens hätte führen sollen. Begreiflich kann es erscheinen bei dem schier unermeßlich großen Eifer, der in diesen Tempelherrenseelen bestand, daß diejenigen Mächte, welche die Entwickelung zurückzuhalten haben, sie so zu lenken haben, daß die Seelen der Menschen von der Erde abgelenkt werden, erdenfremd werden, gewissermaßen geführt werden zu einem besonderen Planeten, damit die Erde entvölkert werde, daß die Mächte, die dieses wollten, ganz besonders sich heranmachen wollten an die Seelen, die also empfanden und fühlten wie die Tempelritter. Diese Seelen, die ganz sich hingeben wollten dem Geistigen, an sie konnten leicht jene Kräfte kommen, welche das Geistige von der Erde wegheben wollen, die nicht wollen, daß das Geistige auf der Erde ausgebreitet werde, daß der Geist das Erdensein durchdringe. Und immer ist ja die Gefahr vorhanden, daß die Seelen erdenfremd und erdenmüde werden, und daß die Menschheit auf der Erde mechanisiert werde.

[ 8 ] Da haben wir auf der einen Seite gewaltig aufstrebendes geistiges Leben, von dem wir voraussetzen dürfen, daß die luziferische Versuchung ihm nahestehen kann, weil da ein guter Anhaltspunkt ist für die luziferische Versuchung. Dann haben wir aber in derselben Zeit, in welcher der Templerorden rasch sich ausbreitete über die verschiedenen christlichen Länder Europas, im Westen Europas die Möglichkeit scharfen Einsetzens ahrimanischer Mächte. Denn in der Zeit, in welcher der Templerorden durch seine Tätigkeit zu großem Ansehen und auch zu großem Reichtum — als Orden, nicht als einzelner Templer — gekommen war und sich ausgebreitet hatte auch über den Westen Europas, in dieser Zeit des ausgehenden 13., des beginnenden 14. Jahrhunderts, da haben wir im Westen herrschend einen Mann, eine menschliche Persönlichkeit, welche, man kann geradezu sagen, in der Seele eine Art Begeisterung empfand durch die moralische Macht oder respektive unmoralische Macht des Goldes; eine Persönlichkeit, die geradezu in einseitiger Weise die Vermaterialisierung der Weisheit aus dem Golde heraus zu ihrer Inspiration bilden konnte. Erinnern Sie sich an das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, wo der goldene König zum Repräsentanten der Weisheit geworden ist! Es kann allerdings, weil in den einzelnen Stoffen auch geistige Kräfte stecken denn der Stoff ist immer nur scheinbar, geistige Kräfte stecken dahinter, wenn sie auch der Materialist nicht wahrzunehmen vermag —, es kann geradezu das Gold zum Inspirator werden. Eine hochbegabte, mit außerordentlicher, mit höchster Klugheit ausgestattete Persönlichkeit ist zugänglich dieser Inspiration durch das Gold mit geradezu ärgster ahrimanischer Weisheit. Das ist der von 1285 bis 1314 in Frankreich regierende König Philipp der Schöne, Philipp IV. Philipp IV. der Schöne kann geradezu ein genial-habsüchtiger Mensch genannt werden, ein Mensch, der den instinktiven Drang in sich verspürte, nichts anderes anzuerkennen in der Welt als das, was mit Gold aufgewogen werden kann, und niemandem wollte Philipp der Schöne eine Macht über das Gold zugestehen als nur allein sich selber. Geradezu alles, was an Macht durch das Gold bewirkt werden kann, wollte er in seinen Machtwillen hineinzwingen. Das wurde bei ihm zur großen, welthistorischen Marotte.

[ 9 ] Das führte dahin, daß bei dem an sich nicht sehr bedeutungsvollen Anlaß, als der Papst Bonifatius den französischen Geistlichen verbot, Steuern zu bezahlen an den französischen Staat, Philipp IV. der Schöne ein Gesetz machte, welches verbot, Gold und Silber aus Frankreich auszuführen. Alles Gold und Silber, das in Frankreich ist, sollte in Frankreich verbleiben nach seinem Willen; aber er sollte die Macht haben über alles Gold und Silber. Das war, man könnte sagen, seine Idiosynkrasie. Daher versuchte er, für sich das Gold und das Silber zu behalten und den übrigen Leuten, die er regierte, nur Scheinwerte zu geben, das heißt, er ließ die Münzen so schlecht wie möglich prägen, um in seinem Gold- und Silberschatze zurückzubehalten dasGold und den Münzen nur möglichst wenig beizugesellen. Aufruhr und Empörung des Volkes gerade über solche Maßnahmen konnten ihn nicht abhalten, in dieser Weise immer weiterzugehen. So daß, als er einen letzten Versuch machte, möglichst wenig Gold und Silber den Münzen beizumischen, er sich, durch eine Volksempörung veranlaßt, in die Tempelstätte der Templer flüchten mußte. Da hatte er bei den Templern, durch seine Gewaltmaßregeln dazu veranlaßt, seinen Schatz, seinen Goldschatz verbergen lassen. Er war erstaunt, wie schnell die Templer den Volksaufruhr beruhigen konnten. Aber er war zu gleicher Zeit von Furcht erfüllt, weil er gesehen hatte, wie groß die moralische Macht der Templer über das Volk war, und wie wenig er, der nur vom Golde inspiriert war, vermochte gegenüber der moralischen Macht der Templer, die dazumal auch schon reiche Schätze hatten, die ungeheuer reich waren, aber nach ihrer Ordensregel allen Reichtum ihres Ordens in den Dienst geistigen Wirkens, geistigen Schaffens stellen mußten.

[ 10 ] Wenn eine Leidenschaft so stark wird, wie bei Philipp dem Schönen die Gold- und Silbergier war, dann preßt sie in der menschlichen Seele starke Kräfte aus, Kräfte, die einen starken Einfluß haben auf die Willensentfaltung gegenüber den übrigen Menschen. Beim Volke hatte Philipp der Schöne wenig Einfluß; um so mehr aber bei denjenigen, die seine Kreaturen waren, und das war denn doch ein großes Heer. Und er verstand seine Macht zu gebrauchen, dieser Philipp der Schöne. Als der Papst Bonifatius einst nicht seinen Willen tun wollte, das heißt, die Geistlichen in Frankreich möglichst viel bezahlen lassen wollte, da zettelte Philipp IV. der Schöne eine Verschwörung an gegen den Papst Bonifatius, und der Papst Bonifatius konnte nur noch von seinen Anhängern befreit werden. Er starb aus Gram sehr bald darauf. Das war zu derselben Zeit, als Philipp IV. der Schöne es unternahm, überhaupt die Kirche ganz und gar in die Gewalt des Königtums zu bringen, die Kirchenoberen nur zu Knechten der vom Golde regierten königlichen Gewalt zu machen. Deshalb brachte er es zustande, daß der Papst nach Avignon übersiedelte, und es begann unter Philipp dem Schönen die in der Geschichte oftmals genannte europäische «babylonische Gefangenschaft» der Päpste, die vom Jahre 1309 bis 1377 dauerte.

[ 11 ] Eine völlige Kreatur in den Händen Philipps IV. des Schönen von Frankreich war der Papst Clemens V., der vorher Bischof von Bordeaux gewesen war und dann in Avignon residierte, der nach und nach durch den gewaltigen Willen Philipps des Schönen so weit gekommen war, daß er gar nicht mehr einen eigenen Willen hatte, sondern wirklich seine kirchliche Gewalt nur dazu verwendete, um Philipp dem Schönen zu dienen, allem, was Philipp der Schöne wollte. Und Philipp der Schöne wollte vor allen Dingen, wie aus einer tiefen Leidenschaft heraus, sich zum Herren aller Reichtümer, die damals verfügbar waren, machen. Kein Wunder, daß er — vor allem, nachdem er gesehen hatte, welch andere Bedeutung das Gold auch haben kann in anderen Händen — vor allen Dingen diese anderen Hände vernichten wollte, die Hände der Templer, um ihr Gold zu erbeuten und sich in den Besitz ihres Goldes zu setzen, in den Besitz aller ihrer Schätze. Nun sagte ich: Solch eine Leidenschaft, die auf eine solch materielle Weise angeregt wird und die so intensiv ist, die erzeugt zugleich in der Seele starke Machtkräfte; sie erzeugt aber auch, wenn auch nach dem Ahrimanischen hin gehende, Erkenntnisse. Und so konnte es sein, daß in der Seele Philipps IV. des Schönen gewisse Erkenntnisse aufgingen, ich möchte sagen, von nachgeordneter Art, von derjenigen Weise des Erkennens, die wir aufflammen gesehen haben in herbster, abscheulicher Weise in den mexikanischen Mysterien. Was man bewirken kann, wenn man in der richtigen Weise Leben überwindet in der Welt, wenn auch in anderer Weise als die mexikanischen Eingeweihten, wenn auch nicht in so unmittelbarer, sondern mittelbarer Weise, das ging Philipp IV. dem Schönen auf. Und wie aus tief unterbewußten Impulsen heraus fand er die Mittel, aus dem Töten von Menschen heraus unterbewußte Impulse der Menschheitsentwickelung einzuverleiben. Dazu brauchte er seine Opfer. Und in einer ganz merkwürdigen Weise stimmte zusammen dieser teuflische Instinkt Philipps IV. des Schönen mit demjenigen, was sich auf der anderen Seite im Schoße der Templer notwendigerweise entwickelte durch ihr den gekennzeichneten Dingen geweihtes Leben.

[ 12 ] Selbstverständlich, wo so etwas Edles, Großes auftritt wie bei den Templern, da gliedert sich auch an dieses Große, Edle manches Ungehörige an, vielleicht auch manches Unmoralische; und daß es selbstverständlich auch Templer gegeben hat, denen man allerlei vorwerfen kann, das soll nicht bestritten werden. Aber im Sinne der Tempelrittergründung war das nicht. Im Sinne der Tempelrittergründung war zuerst das, was die Templer für Jerusalem geleistet hatten, und dann das, was zur Verchristung der ganzen europäischen Kultur geleistet werden konnte. Denn allmählich breiteten sich die Templer aus in einflußreichen Gesellschaften über England, Frankreich, Spanien und einen Teil Italiens, über Mitteleuropa, überall breiteten sich die Templer aus. Und bei einzelnen Templern bildete sich in einem höchsten Grade aus dieses ganze Erfülltsein der Seele mit dem Empfinden von dem Mysterium von Golgatha, mit dem Empfinden von all dem, was mit dem christlichen Impulse zusammenhängt. Stark und intensiv wurde die Kraft dieses Verbundenseins mit dem Christus in den Templern. Das war ein richtiger Templer, der gewissermaßen nichts mehr von sich wußte, sondern, wenn er empfand, den Christus in sich empfinden ließ, wenn er dachte, den Christus in sich denken ließ, wenn er begeistert war, den Christus in sich begeistert sein ließ. Waren es vielleicht wenige, aber gegenüber der gesamten Masse des Tempelrittertums war es immerhin eine stattliche Anzahl von Männern, in denen dieses Ideal eine völlige Umwandelung, eine ganze Metamorphose des Seelenlebens bewirkt hat, die Seele wirklich oft und oft herausgebracht hat aus dem Leibe, sie lieben hat lassen in der geistigen Welt.

[ 13 ] Dadurch war etwas ganz Merk würdiges im Kreise der Templer vor sich gegangen; etwas ganz großartigGewaltiges war dadurch im Kreise der Templer vor sich gegangen, ohne daß diese Templer gekannt hätten die Regeln der christlichen Initiation durch etwas anderes als durch den Opferdienst. Zuerst in den Kreuzzügen, dann in dem geistigen Wirken in Europa, wurde ihre Seele von der intensiven Hingabe an die christlichen Impulse und an das Mysterium von Golgatha so inspiriert, daß das Resultat war das Erleben der christlichen Einweihung bei vielen Templern, bei einer stattlichen Anzahl der Templer. Und wir haben das welthistorische Ereignis vor uns, daß auf weltgeschichtlichem Untergrunde einer Reihe von Männern aus den Untergründen, aus dem Schoße des menschlichen Werdens heraus die christliche Einweihung erwächst, das heißt, das Schauen derjenigen geistigen Welten, die dem Menschen zugänglich werden sollen durch die christliche Einweihung.

[ 14 ] Das fordert immer Gegenkräfte heraus, Gegenkräfte, die ja in der damaligen Zeit reichlich vorhanden waren. Das, was also in die Welt tritt, wird nicht nur geliebt, es wird auch unbändig gehaßt. Weniger Haß als die Begierde, hinwegzuräumen von der Welt eine solche Gesellschaft und ihr ihre Schätze, die ihr reichlich zugeflossen waren und die sie nur verwenden sollte im Dienst des Geistes, zu entwenden, das lebte in Philipp IV. dem Schönen.

[ 15 ] Nun ergibt sich immer für eine solche Initiation, wie sie jetzt die Folge war bei einer Reihe der Tempelritter, auch die Möglichkeit, nicht nur zu sehen das Beseligende, das Göttliche, sondern auch die luziferischen und ahrimanischen Kräfte zu sehen. Alles das, was dem Göttlichen entgegenwirkt, alles das, was den Menschen in die ahrimanische Welt hinunterzieht und in die luziferische Welt hinaufzieht, all das erscheint neben dem Einblick in die normalen geistigen Welten dem, der eine solche Initiation durchmacht. All die Leiden und all die Versuchungen und all die Anfechtungen, die an den Menschen herankommen durch die dem Guten gegnerischen Mächte, denen steht der also Initiierte gegenüber, und er hat schon Augenblicke, in denen vor seinem geistigen Blicke, vor dem Seelenblicke schwindet die gute geistige Welt, und er sich wie gefangen sieht von dem, was Macht über ihn gewinnen will, und sich in den Händen sieht der ahrimanisch-luziferischen Mächte, die ihn ergreifen wollen, die sich seines Willens, Denkens, Fühlens, Empfindens bemächtigen wollen. Das sind ja die aus den Schilderungen derjenigen, die in die geistige Welt hineingesehen haben, genugsam bekannten geistigen Anfechtungen. Und es war so mancher aus dem Kreise der Tempelritter, der einen tiefen Blick hineintun konnte in das Mysterium von Golgatha und seine Bedeutung, der einen tiefen Blick hineintun konnte in die christliche Symbolik, wie sie sich herausgebildet hatte durch die Entwickelung des Abendmahles, der den tiefen Hintergrund dieser Symbolik schauen konnte. Mancher, der infolge seiner christlichen Initiation hineinschauen konnte in das, was an christlichen Impulsen durch das geschichtliche Werden der europäischen Völker ging, mancher, der in diese Dinge hineinschauen konnte, sah aber auch anderes. Er erlebte es sozusagen an eigener Seele, weil es als Anfechtung über ihn kam, die er immer wieder überwand; die sich ihm zeigte, weil er erkennen mußte, wessen eine menschliche Seele fähig sein kann, wenn sie sich dessen auch nicht bewußt wird. Der Initiierte wird sich dessen bewußt und sucht zu überwinden, was im Uhnterbewußten sonst bleibt. So lernte manch solcher Tempelritter kennen jenen teuflischen Drang, der sich des menschlichen Wollens und Fühlens bemächtigt, herabzuwürdigen das Mysterium von Golgatha. Und in den Traumbildern, von denen solch ein Initiierter heimgesucht werden kann, erschien manchem visionär — das war bei der Art, wie diese Initiation entstanden war, durchaus möglich, namentlich da ja die luziferischen Kräfte versuchend an der Seite standen — gewissermaßen die Kehrseite der Verehrung des Symbols des Kruzifixus. Er sah in der Vision, wie die menschliche Seele fähig werden konnte, zu verunehren das Kreuzessymbolum, zu verunehren die heilige Handlung der Konsekration der Hostie; er sah jene menschlichen Kräfte, welche dahin drängen, ins alte Heidentum wiederum zurückzuführen, anzubeten das, was die Heiden angebetet haben und zu verachten den christlichen Fortschritt. Wie dieMenschenseele solchen Anfechtungen erliegen kann, das wußten diese Menschen, weil sie es bewußt überwinden mußten. Und Sie schauen da hinein in dieses Seelenleben, von dem wenig erzählt die äußere Geschichte.

[ 16 ] So ein rechtes Wissen, wenn auch nur instinktiver Art, von diesen Tatsachen des Seelenlebens hatte durch seine ahrimanische Gold-Initiation auch Philipp IV. der Schöne. Der wußte etwas davon, bis zu dem Grade sogar, daß er es seinen Kreaturen mitteilen konnte. Und nun wurde, nachdem man eine grausame Gerichtsprozedur heraufbeschworen hatte, durch die man allerlei Untersuchungen angestellt hatte, etwas in Szene gesetzt, was von vornherein beschlossen war. Man machte, angestiftet von Philipp IV. dem Schönen, mit den Kreaturen, die zu der Untersuchung herangezogen waren gegen die Templer, Anschläge. Aller möglichen Laster, von denen man wußte, daß sie sie nicht hatten, wurden sie angeklagt. Man hat sie eines Tages in Frankreich überfallen, um sie alle einzusperren, und nachdem man sie eingesperrt hatte, hat man sich möglichst schnell aller ihrer Schätze gleich bemächtigt, sie alle konfisziert.

[ 17 ] Man machte nun Gerichtsprozeduren, in denen, ganz unter dem Einflusse Philipps IV. des Schönen, die Folter in ausgiebigstem Maße angewendet wurde. Alle nur auftreibbaren Tempelritter wurden den schlimmsten Folterungen unterworfen. So wurde hier die Folter angewendet zu ähnlichen Überwindungen des Lebens, wie Sie sie ja in ihrer Bedeutung kennengelernt haben. Möglichst viele Leute zu foltern, das gehörte mit in die Intentionen Philipps des Schönen. Und die Folterung wurde in der grausamsten Weise vollzogen, so daß eine große Zahl, ja die größte Zahl der gefolterten Tempelritter bis zur Bewußtlosigkeit gefoltert wurden. Das wußte Philipp IV. der Schöne, was da herauskommt, wenn das Bewußtsein getrübt wurde, wenn diese Leute auf der Folter liegen unter den entsetzlichsten Qualen; er wußte: da kommen die Bilder der Anfechtungen heraus! Und nun wurde unter Anstiftung Philipps IV. des Schönen eine Katechisierung zusammengestellt, ein Katechismus von Suggestionsfragen, so daß man die Fragen so stellte, daß immer in der Frage herausgefordert wurde die Antwort, und die Antwort gegeben aus dem durch die Folter getrübten Bewußtsein. Die Frage wurde gestellt: Habt ihr die Hostie verleugnet und bei der Konsekration nicht die Konsekrationsworte gesprochen? — Und die Tempelritter gestanden das, weil ihr Bewußtsein getrübt war durch die Folter, weil die dem Guten entgegenstehenden Mächte aus ihren Visionen heraus sprachen. Und sie klagten sich an, während sie in ihrem bewußten Leben dem Kreuzessymbolum, dem Kruzifixus, die höchste Verehrung entgegenbrachten, daß sie es bei der Aufnahme anspeien; und sie klagten sich an aller der schlimmsten Verbrechen, die in dieser Zeit sonst als Anfechtungen in ihrem Unterbewußtsein lebten. Und so stellte man zusammen aus dem, was die Tempelritter gestanden haben auf der Folter, daß diese Tempelritter angebetet hätten ein Idol statt des Christus, ein Idol eines Menschenkopfes, dessen Augen leuchtend werden, daß sie bei ihrer Aufnahme widerwärtigen Prozeduren schlimmster geschlechtlicher Art unterworfen würden, daß sie die Wandlung nicht in der richtigen Weise vollziehen, daß sie die schlimmsten geschlechtlichen Laster treiben, daß sie eben bei ihrer Aufnahme abschwören das Mysterium von Golgatha; und man hatte die ganze Katechisierung so eingerichtet, daß selbst der Großmeister des Templerordens unter der Folter gezwungen worden ist, aus dem Unterbewußten heraus diese Zugeständnisse zu machen.

[ 18 ] Es ist eines der traurigsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, aber eines derjenigen Kapitel der Menschheitsgeschichte, die man nur verstehen kann, wenn man sich klar ist darüber, daß hinter dem Schleier dessen, wovon die Geschichte erzählt, wirksame Kräfte stehen, und daß das Menschenleben wahrhaftig ein Kämpfen ist. Es wäre eine Leichtigkeit — ich will jetzt alles übrige, was noch zu erzählen wäre, weglassen wegen der kurzen Zeit — zu zeigen, wie alle Scheingründe dafür sprachen, die Templer zu verurteilen. Manche blieben bei den Geständnissen, manche flüchteten; ein großer Teil wurde verurteilt, und wie gesagt, selbst der Großmeister, Jakob Bernhard von Molay, wurde durch die Folter gezwungen, in der gekennzeichneten Weise auszusagen. Und so kam es denn, daß Philipp IV. der Schöne von Frankreich es dahin bringen konnte, seine Kreatur, den Papst Clemens V. zu überzeugen — es war nicht schwierig! —, daß die Templer alle die schändlichsten Laster begangen hätten, daß sie die unchristlichsten Ketzer seien. Alles das segnete der Papst Clemens V. auch mit seinem Segen, und es wurde von Clemens V. der Templerorden aufgehoben, vernichtet. Vierundfünfzig Tempelritter, auch Jakob Bernhard von Molay, wurden verbrannt. In den übrigen europäischen Ländern wurde ihnen bald danach auch der Prozeß gemacht, in England, in Spanien, dann auch bis nach Mitteleuropa, Italien herein.

[ 19 ] So sehen wir, wie hineindringt mitten in die europäische Entwickelung dasjenige, was die Auffassung des Mysteriums von Golgatha und seiner Wirksamkeit durch den Templerorden war. Im tieferen Sinne müssen die Dinge doch angesehen werden als von einer gewissen Notwendigkeit bedingt. So aufzunehmen die Impulse von Weisheit, Schönheit, Stärke, wie die Templer das wollten, dazu war die Menschheit zu der Templer Zeiten noch nicht reif. Und außerdem war es durch Gründe, die wir auch noch kennenlernen werden später, durch Gründe, die in der gesamten europäischen Geistesentwickelung liegen, bedingt, daß nicht in der Form, in der die Templer sich in die geistige Welt hineinleben, diese geistige Welt errungen werden sollte. Sie wäre zu schnell errungen worden, wie es luziferische Art ist. Und wir sehen wirklich einen der bedeutungsvollsten Zusammenstöße Luzifers und Ahrimans: Luzifer nur die Templer gleichsam hindrängend, in ihr Unglück hineindrängend; Ahriman durch die Inspiration Philipps IV. des Schönen wirksam. Wir sehen ein bedeutsames Zusammenstoßen in der Weltgeschichte.

[ 20 ] Dasjenige aber, was in den Templern lebte und wirkte, das konnte nicht ausgerottet werden. Geistiges Leben kann nicht ausgerottet werden. Geistiges Leben lebt und webt fort. Mit den Templern, gerade mit jenen vierundfünfzig, die dazumal verbrannt worden waren durch Philipp IV., war allerdings manche Seele in die geistige Welt hinaufgezogen, die auf der Erde noch manches gewirkt hätte im Sinne der Templer, und auch Schüler herangezogen hätte, die in demselben Sinne gewirkt hätten. Aber es sollte anders kommen. Durch jene Erfahrungen, die die Seelen durchgemacht hatten unter den furchtbarsten Folterqualen, unter dem Einflusse des unter der Folter erpreßten Visionsgeständnisses, lebten sich diese Seelen in die geistige Welt hinauf. Und ihre Impulse, die nun zwischen ihrem Tode und ihrer nächsten Geburt, ihrer nächsten Inkarnation auf die Seelen ausgehen, die herunter gekommen sind seither, und auch auf die Seelen, die noch oben sind und auf ihre Inkarnation warten seit jener Zeit, die sollten verwandelt werden aus der Art und Weise der Wirksamkeit in der physischen Erdenwelt in geistige Wirksamkeit. Und zum Inspirationsprinzip für viele sollte das werden, was jetzt von diesen Templerseelen kam, die auf diese elende Art hingemordet worden sind und die noch erleben mußten vor ihrem Tode, vor dem Verbrennungstode, ein Furchtbarstes, das ein Mensch erleben kann. Es sollten aus diesen Erlebnissen gewaltige Impulse in menschliche Seelen herunterfließen. Und bei mancher menschlichen Seele könnten wir dieses nachweisen.

[ 21 ] Wir wollen auch heute mehr im Erkenntnis- und geistigen Gebiete bleiben, wie ich das in den anderen Fällen tat, wo ich in den letzten Tagen Beispiele gegeben habe. Inspiration auch des kosmischen Wissens der Templer, sie wurde immer gegeben. Daß schließlich das Volk nach und nach auch die Templer als Ketzer angesehen, nachdem sie gefoltert und verbrannt worden waren, das ist ja nicht zu verwundern; daß das Volk auch geglaubt hat, daß sie alles mögliche Schändliche getrieben haben, das ist nicht zu verwundern. Ich weiß nicht, wenn es jemand gefallen würde, das Teufels-Spiel, das gerade vorhin aufgeführt worden ist, in welchem Mephisto, die Lemuren, die Dick- und Dürrteufel auftreten, als besonders ketzerisch zu verdammen, ob sich nicht zahlreiche Menschen aus dem Volk finden würden, die das auch als etwas Ketzerisches ansehen würden! Nur daß man nicht mehr dieselben Mittel in der heutigen, etwas wehleidigeren Zeit anwendet, wie sie PhilippIV. der Schöne von Frankreich anwandte.

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[ 22 ] In so manche Seele ist das kosmische Wissen, das diese Templer gehabt haben, hineingegangen. Viele Beispiele könnte man anführen, wie die Templer-Inspiration in die Seelen gezogen ist. Ich will Ihnen nur eine Stelle vorlesen aus dem 1838 erschienenen Gedichte «Ahasver» von Julius Mosen. Ich habe Ihnen Mosen schon öfter — Sie können das in den Zyklen nachlesen — als einen recht tiefen Geist angeführt, Julius Mosen, den tiefsinnigen Dichter der tiefsinnigen Dichtung auch des «Ritter Wahn». Im dritten Teil des «Ahasver» führt gleich im ersten Gesange Mosen seinen Ahasver nach derjenigen Stätte der Erde hin, wo auf Ceylon und den angrenzenden Inseln die Gegend zu suchen ist, die wir in unserer Geisteswissenschaft in der Kosmologie als die Gegend bezeichnen, wo sich ungefähr die lemurische Entwickelung abgespielt hat. Diese Gegend der Erde, die ist auf eine besondere Weise ausgezeichnet. Sie wissen, daß es einen gewissen Punkt gibt — nicht den geographischen Nordpol, sondern einen gewissen Punkt, den magnetischen Nordpol. Die Magnetnadeln weisen überall nach dem magnetischen Nordpol hin. Gewisse Linien kann man als magnetische Meridiane ziehen; die fallen mit dem magnetischen Nordpol zusammen. Oben in Nordamerika, wo der magnetische Nordpol liegt, da sind die Linien ziemliche Kreise, aber gerade Kreise. Merkwürdigerweise gerade in der Gegend, die wir als die lemurische bezeichnen, wird diese Linie eine verschlungene Schlangenlinie. Die magnetischen Kräfte verschlingen sich dort schlangenförmig. Solche Dinge beachtet man heute viel zu wenig. Derjenige, der auf das Lebendige unserer Erde sieht, der weiß aber, daß der Magnetismus wie eine die Erde belebende Kraft ist, daß er im Norden gerade geht und sich schlängelt gerade in dem Gebiete, wo das alte Lemurien war. Denken Sie, wie tiefsinnig Julius Mosen, als er seinen Ahasver hinführt nach dieser Gegend im ersten Gesang der dritten Frist — er teilt ein in Fristen —, wie er da sagt:

Vom Südpol aus in ganz geradem Gange
Zieht die magnet’sche Linie sich vor,
Doch plötzlich krümmt sie sich wie eine Schlange

Vor Indien und seinem Archipele —
Dort vor dem Kerker, wo gebunden sitzt
Die ewge Mutter, Weh in tiefster Seele.

Die Linie möcht’ zum Kreise sich verkürzen
Und in sich selbst hinein geheimnisvoll
Mit einemmal in einen Wirbel stürzen.

Der große Geist hielt dort zuerst umschlungen
Sein armes Weib, dort sind aus ihrer Glut
Die Erddämonen allzumal entsprungen.

Als so die erste Schöpfung ausgedampft,
Hat er, der Große, unnennbare Geist
Im Zorn das Brautbett in das Meer gestampft.

[ 23 ] Und so geht es weiter. Wir sehen da auftauchen eine Inspiration mitkosmischem Wissen, wunderbar ahnend. Die Weisheit lebt weiter, die unter Schmerzen, unter Qualen, unter Verfolgungen, unter furchtbarsten Sünden nur in die Welt einziehen konnte; aber vergeistigt lebt sie weiter.

[ 24 ] Und suchen wir eine der schönsten Vergeistigungen dieser Weisheit, die, wie beschrieben, in die Weltenentwickelung Europas eingezogen ist, so finden wir sie eben in alle dem, was wirken und leben will in den gewaltigen Imaginationen Goethes. Goethe wußte um das Geheimnis der Templer. Und nicht umsonst hat er das Gold in der Weise, wie er es verwendet hat, verwendet in seinem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie und gefordert, daß die Schlange das Gold verzehre und sich dann opfere, damit das Gold entrissen werde den Mächten, von denen Goethe wahrhaftig wußte, daß es nicht bei ihnen sein darf, bleiben darf. Mit Gold ist selbstverständlich hier auch all dasjenige gemeint, wofür das Gold reales Symbolum ist. Und lesen Sie das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie von Goethe noch einmal, und versuchen Sie zu fühlen, wie Goethe das Geheimnis vom Golde kannte und wie er durch die Art und Weise, wie er das Gold durch das Märchen fließen ließ, zeigt, daß er in alte Zeiten zurückblickt. Ich darf vielleicht da das persönliche Geständnis einfügen, daß, als ich mir zum ersten Male gerade die Frage nach dem Golde in Goethes Märchen in den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts vorlegte, mir der Sinn des Goetheschen Märchens von der grünen Schlange und der schönen Lilie durch die Fortentwickelung des Goldes in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie aufging. Durch die Art und Weise, wie Goethe das Gold durch dieses Märchen fließen läßt, zeigt er, wie er zurückblickt in die Zeiten, in denen die Weisheit — für die auch das Gold steht, daher der goldene König der Weisheit — solchen Verfolgungen ausgesetzt war, wie die geschilderten waren. Nun versuchte er zu zeigen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In die Zukunft der osteuropäischen Kultur sah Goethe instinktiv hinein. Er sah hinein in das Unberechtigte der Art, wie dort das Sünden- und Todesproblem wirkte. Und wenn man vielleicht nicht ganz ungeeignet bezeichnen wollte, welcher Nationalität der Mensch ist, der dann zum Tempel und zur schönen Lilie geführt wird, der zuerst wie ohne Mark auftritt, wie gelähmt: nach dem, was wir über die Kultur des Ostens, namentlich die russische Kultur in den letzten Tagen sagen mußten, werden Sie es nicht als ungereimt erachten, russischer Nationalität diesen Menschen zu finden, und Sie werden Goethes Instinkt damit ziemlich treffen. Es ist das Geheimnis des europäischen Werdens im fünften nachatlantischen Zeitraum ebenso darinnen, wie es Goethe in seiner Zeit in seinen «Faust» hineingeheimnissen konnte, insbesondere — das wissen wir aus seinen eigenen Mitteilungen — wie es im zweiten Teil seines «Faust» darinnen ist. Gerade an Goethe läßt sich zeigen, und wir haben es für verschiedene Punkte schon getan, es soll in der Zukunft für andere Punkte noch gezeigt werden, daß er anhebt, mit jenem Denken und mit jener Art die Welt anzusehen und in die Welt sich hineinzufühlen, wie es die Grundforderung des fünften nachatlantischen Zeitraums ist.

[ 25 ] Ein richtiger Fortsetzer des Tempelherrenlebens, aber in Vergeistigung, so wie ich es charakterisiert habe, ist doch in Goethe da. Nur wird erst langsam und allmählich gerade dieser Goetheanismus in das menschliche Verständnis hineinkommen können. Für gewisse Punkte, sagte ich, habe ich schon gezeigt, wie in dem Goetheanismus geradezu der Impuls für alles Geisteswissenschaftliche liegt. Aus Goethe heraus kann alles Geisteswissenschaftliche entwickelt werden. Und in einem öffentlichen Vortrage, den ich vor kurzer Zeit gehalten habe, habe ich gezeigt, wie in Goethes Metamorphosenlehre die erste elementare wissenschaftliche Begründung der Reinkarnationslehre, der Lehre von den wiederholten Erdenleben liegt. Denn, wie Goethe die Metamorphosenlehre beginnt und zeigt, wie das Blatt sich in die Blüte verwandelt, wie ein Organ in verschiedenen Formen erscheint, darin liegt beschlossen, wenn man es durchdringend durchführt, das, was ich nun auch hier schon ausführte: daß des Menschen Haupt ein umgewandelter übriger Leib sei und der übrige Leib ein noch nicht umgewandeltes menschliches Haupt. Metamorphose im äußersten Maße, die unmittelbar so der Wissenschaft zur Reinkarnationserkenntnis, zur Erkenntnis der wiederholten Erdenleben werden wird! Aber Goethe ist noch wenig verstanden worden; Goethe muß sich erst einleben in die Menschheitskultur. Und nicht nur Jahrhunderte, Jahrtausende werden nötig sein, um vieles zu ergründen, was in Goethe liegt. Denn im Grunde genommen gibt es heute noch nicht einmal eine Grundlage für ein Goethe-Studium durch eine wirklich im Goetheschen Stile selbst gehaltene Goethe-Monographie oder -Biographie.

[ 26 ] Sehen wir, was innerhalb der modernen Kultur in einzelnen Fällen wir können ja nur einzelne Beispiele anführen — geleistet worden ist für das Verständnis der Gesamtpersönlichkeit Goethes. Herman Grimm hat zum Beispiel mit Recht gesagt: Da hat ein gewisser Mister Lewes ein Buch geschrieben — es war eine Zeitlang das allerberühmteste Buch über Goethe, sogar das allerbeste, kann man sagen —, ein Buch, das handelt von einer gewissen Persönlichkeit, die 1749 in Frankfurt am Main geboren sein soll, einen Frankfurter Ratsherrn zum Vater haben soll, die dann so sich entwickelt, daß ihr Goethes Jugendleben angedichter wird, der allerlei anderes von Goethe angedichtet wird, der Goethes Werke zugeschrieben werden, die auch in demselben Jahre nach Italien reiste, in dem Goethe nach Italien gereist ist, die auch in demselben Jahre stirbt, in dem Goethe stirbt — aber Goethe ist es nicht, sondern es ist ein Phantasiegeschöpf des Mister Lewes!

[ 27 ] Dann haben wir ein verhältnismäßig auch gutes Buch, in dem mit einem Riesenfleiße, besser als vieles andere, was über Goethe geschrieben worden ist, Goethes Leben und Schaffen beschrieben wird, aber ganz erfüllt von der ersten bis zur letzten Seite mit Haß und Abneigung: das Buch des Jesuiten Baumgartner, ein ausgezeichnetes Buch, aber eben ein jesuitisches Buch, ein Goethe-gegnerisches Buch, ein Buch, das jedenfalls besser geschrieben ist als alle die zahlreichen Bücher, die über Goethe geschrieben worden sind im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in das 20. Jahrhundert herein, von denen eine große Anzahl unangenehm zu genießen sind, weil man immerfort niesen muß: man bekommt in die Nase den Bibliothekstaub und den Schulgelehrtenstaub, welcher noch anhaftert diesen Büchern, die von Schulfüchsen über Goethe — sie nennen es Goethe — geschrieben worden sind, manchmal nicht ohne besonderen schulfüchsigen Hochmut geschrieben worden sind, aber muffig zu genießen, entweder wegen des Bibliothekstaubs oder wegen der Luft, die man einatmen muß, wenn man ahnt, wie oft der Betreffende, der da über «Faust» schreibt, bei dieser oder jener Goethe-Stelle das Grimmsche oder ein anderes Wörterbuch aufgeschlagen hat, um dieses oder jenes Wort bei Goethe zu entziffern, und dergleichen mehr. Man könnte sagen: Oh, schauervoll, höchst schauervoll, was auf diesem Gebiete geschrieben worden ist!

[ 28 ] Ein Buch ragt allerdings ganz außerordentlich hervor. Es ist das Buch, in dem die Goethe-Vorlesungen von Herman Grimm enthalten sind, die er in den siebziger Jahren an der Berliner Universität gehalten hat. Herman Grimm war allerdings ein Geist, welcher den besten Willen und die wunderbarsten Traditionen hatte, um sich in Goethe einzuleben. Und so ist denn sein Buch ein geistvolles, ein ausgezeichnetes Buch, ein Buch, das herausgewachsen ist aus der Goethe- Atmosphäre. Es ist ja Herman Grimm aufgewachsen in dem Zeitalter, das überall noch Goethesche Traditionen hatte. Aber dieses Buch zeigt gerade wiederum Bedeutsames. Es ist nämlich in gewisser Beziehung wiederum gar nicht das Buch, das ganz aus den Goetheschen Traditionen herausgewachsen ist; es ist sowohl goethisch wie in gewisser Beziehung auch ungoethisch. Denn Herman Grimm schreibt einen Stil nicht wie Goethe, sondern Herman Grimm schreibt merkwürdigerweise einen solchen Stil, daß man sagen kann: sein Buch ist wie von einem Amerikaner, von einem Deutschamerikaner geschrieben. — Und man kann Herman Grimms Vorlesungen geradezu dem Stile nach ein amerikanisch geschriebenes Buch nennen, nur daß es in deutscher Sprache geschrieben ist; aber der Stil ist amerikanisch. Es ist jener Stil, den Herman Grimm sich herangebildet hat, indem er Emerson als einer der begeistertsten Anhänger studiert, gelesen, verdaut, übersetzt hat, sich ganz in ihn hineingefunden hat. Nun findet sich dieser Herman Grimm in diesen amerikanischen Emerson-Stil hinein, so daß er ihn handhabt, so daß er auch dafür begeistert wird. Und wie er alles Amerikanische in sich nachleben lassen kann, das sehe man nur einmal, indem man Herman Grimms Roman «Unüberwindliche Mächte» liest. Enthusiasmus für das Amerikanische und damit wunderbar Internationales ist auch ausgegossen über die Goethe-Vorträge, über das Goethe-Buch Herman Grimms.

[ 29 ] Aber trotz allem und alledem wird vieles, vieles an geistigem Leben hinfließen müssen, bis Goethe und ähnliche Geister richtig verstanden worden sind. Und werden sie einmal richtig verstanden, dann müssen sie auch noch anders verstanden werden, als Herman Grimm Goethe verstand. Ich muß immer wieder und wiederum daran denken, als ich einmal in einem Gespräch mit Herman Grimm war und nur einiges von dem Wege andeuten wollte, wie man allmählich in die geistige Welt hineinkommen könnte: unvergeßlich wird mir immer bleiben Herman Grimms Bewegung seines rechten Armes — ablenkend; er wollte das beiseite schieben. Er schuf, man möchte sagen, einen Goethe, der wunderbar herrlich von außen anzusehen ist; man sieht nur nicht ihm ins Herz hinein. Aber so, wie er wandelt durch das geschichtliche Werden, wie er dasteht, wie er da geht, wie er mit Menschen in Beziehungen kommt, wie menschliche Beziehungen in seine Werke hineinfließen, wie die zeitgenössische Weltanschauung in seine Werke hineinfließt, so wandelt dieser Herman Grimmsche Goethe vor unserem geistigen Blick doch vorbei wie ein Gespenst, wie ein Gespenst, das durch die Welt hinhuscht, nicht vom Lebendigen erfaßt. Und erst, wenn man den Goetheanismus zur Geisteswissenschaft vertieft haben wird, erst dann wird Goethe verstanden werden können. Vieles wird sich finden aus Goethe, was Goethe selber nicht aussprechen konnte. Der richtig verstandene Goethe führt schon zur Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft ist nur ausgebildeter Goetheanismus.

[ 30 ] Und von frühester Zeit an hat Goethe auch verstanden, wie das Christentum ein Lebendiges ist. Wie hat er sich gesehnt nach einem möglichen Ausdruck für die Durchchristung des modernen Weltanschauens. In der neueren Zeit arbeitet Geisteswissenschaft schon, diese Durchchristung zu finden. Das lag noch nicht in seinem Zeitalter. Aber nehmen wir sein Gedicht «Die Geheimnisse», wo der Bruder Markus hingeführt wird zu dem Tempel, auf dem das Rosenkreuz am Tore ist, und sehen wir uns das Ganze an: wie da christliche Stimmung in diesem Fragment «Die Geheimnisse» ist, jene christliche Stimmung, die daher stammt, daß das Symbolum des Kreuzes zum Bild des Lebens wird durch die lebendig es umschlingenden Rosen! Und wie läßt Goethe — er hat sich ja selber im hohen Alter zu Eckermann ausgesprochen — seinen «Faust» auslaufen in christliche Vorstellungen! Eine Zeit wird kommen, wo man in einem gar viel regsameren Sinne, in einem viel intensiveren Sinne dieses Ausklingen des Faust-Gedankens und das Zusammenklingen des Faust-Gedankens mit dem Christentum einfügen wird, wenn Goethe auch weit davon entfernt war, von sich aus das zu tun, denn er war bescheiden, innerlich bescheiden in solchen Dingen. Er war auf dem Wege, den er seinen Bruder Markus gehen läßt, zu dem Kreuze, von Rosen umwunden. Darinnen liegt schließlich doch dasjenige, was aus solcher Weisheit fortfließen soll, wie sie von den Tempelherren — aber nur in einem zu raschen Tempo und auf eine mehr für die physische Entwickelung berechnete Weise — angestrebt war.

[ 31 ] Aber immer mehr und mehr brach auch die Sehnsucht nach voller Verchristung der Weisheitsschätze des Kosmos und des Erdenwerdens durch, und nach voller Verchristung des irdischen Lebens, solcher Verchristung des irdischen Lebens, daß der Erde Leiden, der Erde Schmerz und der Erde Trauer wie das Erdenkreuz erscheint, das allein aber seinen Trost, seine Erhebung, seine Erlösung findet in dem Rosensymbolum des Kruzifixus. Und in immer wieder und wiederum von dieser Seite inspirierten Menschen, in denen fortlebte dasjenige, was mit dem Verbrennen der Tempelritter getötet werden sollte, in Menschen, die davon inspiriert waren, lebte immer wieder das hohe Ideal, daß an die Stelle dessen, was in die Menschen Streit und Hader bringt, dasjenige treten muß, was das Gute auf die Erde bringen kann, so wie es vorgestellt werden kann, dieses Gute, unter dem Symbolum des Kreuzes in der Verbindung mit den Rosen.

[ 32 ] Es wurde mir gerade heute von einem unserer Mitglieder überreicht das Buch «Schutt» von Anastasius Grün, und ich habe hier wiederum dieselben Verse, die ich schon vor Zeiten vorgelesen habe zur Bekräftigung, wie dieses Geheimnis, das auch hier gemeint ist, nicht etwa bloß von uns so aufgebracht worden ist, sondern immer wieder und wiederum auflebte. Anastasius Grün, der österreichische Dichter, hat seine Dichtungen «Schutt» geschrieben, deren achte Auflage schon 1847 erschienen ist. Da dichtete er in seiner Art über den Werdegang der Menschheit, und ich will heute wiederum die Stelle vorlesen, die ich schon vor Jahren vorgelesen habe zum Beweise dafür, welche Rolle die Vorstellung vom Rosenkreuz in der sich entwickelnden Menschheit bei den in der neueren Zeit in gekennzeichneter Art inkarnierten Menschen spielt. Anastasius Grün wendet hin seinen Blick nach Palästina; er wendet hin seinen Blick auch nach anderen Gegenden der Erde, nachdem er beschrieben hat, wie über die Erde vieles hingezogen ist an wüstem Kampf und Streit. Nachdem er vieles, was Kampf und Streit bewirkt, gesehen und es dargestellt hat in dem Gedichte, nachdem der in einer gewissen Weise großartige Seher Anastasius Grün das beschrieben hat, wendet er seinen Blick nach einer Gegend der Erde, die er also beschreibt. Ich kann nicht das Ganze vorlesen, es würde zu lange dauern. Der Blick ist zunächst auf eine Gegend der Erde gewendet, durch welche die Pflugschar gezogen wird:

Einst, da begab sich’s, daß im Feld die Kinder
Ausgruben gar ein formlos, eisern Ding;
Als Sichel deucht’s zu grad und schwer die Finder,
Als Pflugschar fast zu schlank und zu gering.

Sie schleppen’s mühsam heim gleich selt’'nem Funde,
Die Eltern sehn es, — doch sie kennen’s nicht.
Sie rufen rings die Nachbarn in der Runde,
Die Nachbarn sehn es, — doch sie kennen’s nicht.

Da ist ein Greis, der in der Jetztwelt Tage
Mit weißem Bart und fahlem Angesicht
Hineinragt, selbst wie eine alte Sage;
Sie zeigen’s ihm, — er aber kennt es nicht.

Wohl ihnen allen, daß sie’s nimmer kennen!
Der Ahnen Torheit, längst vom Grab verzehrt,
Müßt’ ihnen noch im Aug’ als Träne brennen.
Denn was sie nimmer kannten, — war ein Schwert!

Als Pflugschar soll’s fortan durch Schollen ringen,
Dem Saatkorn nur noch weist’s den Weg zur Gruft;
Des Schwertes neue Heldentaten singen
Der Lerchen Epopö’n in sonn’ger Luft! —

Einst wieder sich’s begab, daß, als er pflügte,
Der Ackersmann wie an ein Felsstück stieß,
Und, als sein Spaten rings die Hüll’ entfügte,
Ein wundersam Gebild aus Stein sich wies.

Er ruft herbei die Nachbarn in der Runde,
Sie sehn sich’s an, — jedoch sie kennen’s nicht!
Uralter, weiser Greis, du gibst wohl Kunde?
Der Greis besieht’s — jedoch er kennt es nicht.

[ 33 ] Also beim Pflügen wurde etwas ausgegraben, und selbst der alte Greis kennt es nicht.

Ob sie’s auch kennen nicht, doch steht’s voll Segen
Aufrecht in ihrer Brust, in ew’gem Reiz,
Und blüht sein Same rings auf allen Wegen;
Denn was sie nimmer kannten, — war ein Kreuz!

Sie sahn den Kampf nicht und sein blutig Zeichen,
Sie sehn den Sieg allein und seinen Kranz.
Sie sahn den Sturm nicht mit den Wetterstreichen,
Sie sehn nur seines Regenbogens Glanz!

[ 34 ] Daß es immer wieder erkannt wird, das Kreuz, selbst in einer Gegend, wo es schon verschollen war und nur noch als Steinkreuz aus der Erde gezogen ist, wo die Kultur schon so abgezogen ist, daß sich eine unchristliche Kultur entwickelt hat, will Anastasius Grün sagen. Da wird ein Kreuz gefunden: in der innersten Brust erkennt man es, wenn es auch nach der Tradition selbst der älteste Greis nicht kennt.

Ob sie’s auch kennen nicht, doch steht’s voll Segen
Aufrecht in ihrer Brust, in ew’gem Reiz,
Und blüht sein Same rings auf allen Wegen;
Denn was sie nimmer kannten, — war ein Kreuz!

Sie sahn den Kampf nicht und sein blutig Zeichen,
Sie sehn den Sieg allein und seinen Kranz.
Sie sahn den Sturm nicht mit den Wetterstreichen,
Sie sehn nur seines Regenbogens Glanz!

Das Kreuz von Stein, sie stellen’s auf im Garten,
Ein rätselhaft, ehrwürdig Altertum,
Dran Rosen rings und Blumen aller Arten
Empor sich ranken, kletternd um und um.

So steht das Kreuz inmitten Glanz und Fülle
Auf Golgatha, glorreich, bedeutungsschwer;
Verdeckt ist’s ganz von seiner Rosen Hülle,
Längst sieht vor Rosen man das Kreuz nicht mehr.

[ 35 ] Aber da ist es! Da ist das Kreuz! Da sind die Rosen!

[ 36 ] Den Sinn der Geschichte erkennt man nur, wenn man den Blick richtet auf das, was lebt in dem Geistigen, was das menschliche Werden durchzieht, wenn man aber auch den Sinn lenken will auf das, was uns zeigt, unter welchen Auspizien, unter welchen Zeichen die Dinge in die Weltgeschichte eintreten. Ich denke, man kann fühlen den tieferen Zusammenhang von dem, was für die spätere Zeit von uns charakterisiert worden ist, und dem, was heute charakterisiert worden ist in dem Ideal der Templer und ihrem Schicksal in der Welt am Anfange des 14. Jahrhunderts.