Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171

15 Oktober 1916, Dornach

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Im Laufe unserer letzten Betrachtungen versuchte ich, eine Art Charakteristik zu geben über die in der neueren Evolution vorhandenen Entwickelungsimpulse, die man sorgfältig ins Auge fassen muß, wenn man verstehen will, was eigentlich um einen herum geschieht, welche geistigen Kräfte tätig und wirksam sind, und wie man selbst sich hineinstellen soll in der rechten Weise, je nach dem Platze, auf dem man steht, in den Zusammenhang der neueren Evolution. Ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, wie innerhalb des Menschen-Gesamtorganismus selbst eine Tatsache vorhanden ist, eine Entwickelungstatsache, welche begreiflich erscheinen läßt dasjenige, was eigentlich innerhalb unseres fünften nachatlantischen Zeitraums als Entwickelungsimpulse der Menschheit vorhanden ist. Ich sagte, es ist ein gewisses Auseinandergehen des in der menschlichen Gesamtorganisation tätigen Lebensäthers und des festen, erdigen Elements. Dieses Auseinandergehen war noch nicht vorhanden während des vierten nachatlantischen Zeitraums, während des griechisch-lateinischen Zeitraums. Da war ein viel intensiveres Verbundensein des im Menschen vorhandenen Erdigen mit dem Lebensäther vorhanden, als das jetzt der Fall ist im normalen Menschenzustand. Erdiges — fassen wir nur den Ausdruck ganz richtig ins Auge, ich habe es ja schon öfter erwähnt — ist eigentlich im Menschen, man kann sagen, nur 5 bis 6 Prozent in Wirklichkeit vorhanden, denn im übrigen, weit über 90 Prozent, ist ja der Mensch eigentlich eine Wassersäule, was gewöhnlich nicht richtig berücksichtigt wird. Dieses erdige Element, vor allen Dingen das im Menschen vorhandene metallische Element, das ist stärker gebunden gewesen während des vierten nachatlantischen Zeitraums an den Lebensäther, der jetzt der Träger selbständiger, frei aufsteigender, frei aus der Seele aufsteigender Imaginationen ist, während das sich von ihm absondernde feste, erdige Element dazu führt, die äußeren Erscheinungen, wie man sagt, die Phänomene, wie ich es gestern charakterisierte, rein aufzufassen.

[ 2 ] Mit Hilfe der Ihnen ja oft geschilderten geisteswissenschaftlichen, also intimen inneren Methode kann man auch, ich möchte sagen, innerlich experimentell nachweisen, daß diese Tatsache richtig ist. In unserer äußeren geistigen Kultur berücksichtigt man ja wenig das intime Verständnis für Menschheitserscheinungen. Und so glaubt man sehr leicht, wenn man eine griechische Statue ansieht oder ein griechisches Drama oder die Gesänge des Homer auf sich wirken läßt, daß man sie so ohne weiteres verstehe. Allein das ist gar nicht der Fall. Derjenige, der gewöhnt ist, wenn ich so sagen darf, mit okkultistischen Methoden zu arbeiten, der weiß, daß man sich gewissermaßen auf das Griechentum doch erst einstellen muß, weil der Grieche vermöge der anderen Organisation, die ich eben angedeutet habe, dieses innigeren Durchdringens von Lebensäther mit dem erdigen Element im Menschen, dasjenige, was um ihn war, anders anschaute als der moderne Mensch der fünften nachatlantischen Periode. Ich will nur ein paar Beispiele herausheben, die sich dadurch ergeben, daß man sich eben in anderer Weise einstellt.

[ 3 ] Nehmen wir an, es macht jemand wirklich das durch, was Goethe glaubte, und mit Recht glaubte, in Italien durchgemacht zu haben, und was er dann aussprach mit den Worten, er sei nun dahintergekommen, welches das eigentliche Kunstgeheimnis der Griechen war: daß sie der Natur in einer geheimnisvollen Weise nachschufen, wie es die neuere Menschheit nicht mehr in demselben Grade imstande ist. Ja, Goethe war nicht ohne weiteres davon überzeugt, daß er so die Griechen nachfühlen kann wie heute einer, der mit dem Baedeker reist und die griechischen Kunstwerke anschaut oder in ein Museum geht und die griechischen Kunstwerke anschaut und glaubt, ohne weitere Einstellung dieses Griechentum auch zu verstehen. Wenn man versucht, ich möchte sagen durch Probieren, durch eine Art Probieren sich wirklich einzustellen auf dasjenige, was ganz klar verlangt ein griechisches Kunstwerk, ein plastisches oder ein dichterisches, übrigens auch was griechische Philosophie verlangt, wenn man sich wirklich darauf einstellt und dann okkultistisch mit den Ihnen sattsam bekannten intimen Seelenmethoden prüft, nachprüft, dann findet man, daß man in der Tat experimentell hergestellt hat, wenn auch nur in einem schwachen Nachklang, jene innigere Verbindung zwischen dem Lebensäther in einem selbst und dem erdigen Elemente, und man fühlt dieses, ich möchte sagen, intim-feine Anders-Konstruiertsein ausströmen über den ganzen Organismus. Und hat man sich wirklich auf griechische Kunst oder auf griechische Philosophie eingestellt, sich durch seinen ganzen Menschen eingestellt, und kann die innere Einstellung dann prüfen, da merkt man, daß man ja bei dieser anderen Einstellung eine Farbe ganz anders sieht oder Wärme ganz anders empfindet, als heute der Mensch Farbe sieht oder Wärme empfindet. Solche an das Seelenleben gebundenen Experimente liebt nur der moderne Mensch nicht. Versteht man den Äschylos oder den Heraklit oder auch nur den Aristoteles wirklich, dann sieht man auch mit dem Verständnis, das man entgegenbringt dem Herakliit, dem Äschylos, dem Sophokles, dem Aristoteles, eine Farbe anders. Man merkt dann: Während man in der gegenwärtigen Konstitution der fünften nachatlantischen Zeit Blau einfach sieht, Blau als eine Schattierung, als einfache Schattierung, sieht man gewissermaßen dann das Blau als etwas Komplizierteres: Wie wenn ein Schleier da wäre, der hinter sich hätte Finsternis, Dunkelheit, und man kann sondern die Finsternis, das Dunkle, von dem darüber gewobenen Trüben, wie man sagt. Das Blaue wird komplizierter, aber auch andere Empfindungen werden komplizierter. Wenn man mit der Hand auf einen warmen Gegenstand auftrifft, so empfindet man das, wie wenn sich etwas breiten würde, sich ausdehnend über die Hand. Aktiver wird auch das ganze sinnliche Wahrnehmen. Und jetzt weiß man, wie anders die Griechen sinnlich wahrgenommen haben. Das weiß man früher gar nicht, daß die Griechen wirklich anders die Natur rings um sich herum angeschaut haben als die heutigen Menschen. Im besonderen, wer solches Experiment nicht anstellen kann, weiß nichts vom Griechentum. Fängt er aber an, auf diese Weise etwas zu wissen, dann liest er gewisse Zusammenhänge erst in rechtem Lichte. Vorher hat man immer ein dunkles Gefühl, daß man eigentlich griechische Dichterstellen, wenn Farben auftreten, nicht recht versteht. Gewiß, mit dem grobklotzigen Verständnis, das heute die Menschen den Dingen entgegenbringen, merken sie das nicht; aber wenn man richtig verstehen will in allen feinen Nuancen, so merkt man das. Man merkt, daß der Grieche anders von Farben, überhaupt von seiner Umgebung sprach. Und in dieses Anders-Sprechen lebt man sich hinein auf diese feine, intime Weise, die ich beschrieben habe.

[ 4 ] Sie sehen also, es ist gewissermaßen experimentell möglich, das festzustellen, was ich Ihnen gestern als den andersartigen Zusammenhang zwischen dem Lebensäther und dem erdigen Element in unserem Gesamtorganismus bezüglich der fünften nachatlantischen Kulturperiode beschrieben habe. Und dieses Vorrücken der Evolution, das drückt sich aus in den verschiedenen Impulsen, die ich Ihnen geschildert habe. Je innerlicher und immer innerlicher man die menschliche Evolution in den charakterisierten Zeiträumen betrachtet, desto klarer wird einem der Charakter der Impulse, die ich angedeutet habe. Diese Impulse leben sich aus in der äußeren Kultur; nicht nur in der Erkenntniskultur, auch in der sozialen Kultur. Und nur der Umstand, daß eben der Mensch, wenn er nicht an die Geisteswissenschaft herankommt, drinnensteht innerhalb der polarisch einander entgegenwirkenden Impulse, das macht, daß man eigentlich so wenig weiß von dem, was da eigentlich waltet. Nun aber erstreckt dasjenige, was schon eine große Bedeutung, eine immense Bedeutung für die äußere Kultur hat, diese Bedeutung in einer viel intensiveren Weise in die unbewußt oder bewußt wirkenden okkulten Entwickelungsmomente hinein. Und darauf wollen wir auch heute noch einen Blick werfen.

[ 5 ] Wir haben im wesentlichen unterschieden, gestern und schon früher, zwischen dem einen Impuls, der auf dem Gebiete der Erkenntnis und auf dem Gebiete des sozialen Lebens sein Hauptaugenmerk darauf verwendet, die Verwandelung, die im physischen Anschauen merkbare Verwandelung der Naturkräfte und Naturwesen zu beobachten. Das hat sich ja in der neueren Zeit voll ausgebildet. Man prüfte, wie Wärme sich in Arbeit verwandelt, wie die Naturkräfte ineinander sich verwandeln, wie sich ein Wesen im Laufe der Evolution umwandelt in seinen Formen. Man prüfte, wie die Wesen physisch entstehen: Verwandelung und Geburt also, und damit verbunden war die Glückseligkeit oder das Streben nach Glückseligkeit oder in der größten Einseitigkeit als Nützlichkeit. Der diesem entsprechende andere Impuls war das Aufsuchen des Bösen, des Leidens, des Schmerzes, das Hinlenken der Aufmerksamkeit auf den Tod, das soziale Suchen nach Erlösung des Menschen, nach Befreiung.

[ 6 ] Es ist nun dies, was sich im sozialen, im gewöhnlichen Erkenntnisleben auslebt, weiter hineinwirkend, sagte ich schon, in die Impulse, die dann in den mehr oder weniger übersinnlichen Kräften und menschlichen Bestrebungen zum Ausdruck kommen. Einen ganz bestimmten Charakter trägt das okkulte Streben, das gewissermaßen beeinflußt wird von diesem Impuls. Und dieses okkulte Streben, ich habe ja schon teilweise charakterisiert, wie es sich äußert: Es äußert sich darinnen, daß nun auch das Spirituelle gezogen werden soll in den Dienst des äußeren Lebens, des äußeren physischen Daseins. Ein besonders abstoßendes Beispiel dieses Ziehens des spirituellen Lebens in den Dienst des äußeren physischen Daseins war ja das vor einigen Jahren errichtete «Büro Julia», und ich konnte selbst nachprüfen, wie die Menschen den Impuls empfangen haben gerade durch dieses «Büro Julia», das William Stead errichtet hat, okkulte Offenbarungen in den Dienst des gewöhnlichen Lebens zu stellen, des äußeren physischen Lebens, wie es verfließt zwischen Geburt und Tod. Ich fand da oder dort, merk würdigerweise, vor Vorträgen in verschiedenen Städten Zettel, in denen man mir sagte, das Medium des «Büro Julia» hätte wieder und wiederum den oder jenen angewiesen, sich an mich zu wenden, um Auskünfte über das oder jenes zu erlangen, und dasjenige, um was es sich handelte, waren ja wirklich immer Dinge des sehr äußerlichen Lebens. Und auch sonst benachrichtigte einen immer wiederum das «Büro Julia» auf ähnliche Weise. Das ist ein Beispiel. Viele Beispiele könnten angeführt werden, die vorläufig schon genügend zeigen, wie es sich darum handelte, spirituelles Manifestieren in den Dienst des gewöhnlichen physischen Lebens zu stellen, in den Dienst des Materialismus mit seinem Prinzip der Nützlichkeit des gewöhnlichen physischen Daseins. Und im Grunde genommen verfolgt ja dasjenige, was man Spiritismus nennt, ganz diese Richtung, wobei ich durchaus jetzt nicht kritisieren will die Geltung der oder jener spiritistischen Phänomene. Aber den Leuten, die sich dem Spiritismus zuwenden, handelt es sich ja gerade darum, auf äußere, materiell anschauliche Weise die Geisterwelt zur Erkenntnis zu bringen, das heißt, das Geistige selber auf materielle Weise zu begreifen.

[ 7 ] Und diesem Begreifen des Geistigen auf materielle Weise ist ja, wie Sie wissen, die Wissenschaft heute, auch die ernste Wissenschaft viel geneigter als denjenigen Methoden, die von unserer Geisteswissenschaft beschrieben werden. Wie viele Namen von angesehenen Gelehrten werden immer wieder und wiederum mit Recht aufgezählt, die sich interessiert haben für das oder jenes, was beweisend sein soll für das Wirken und Weben des Geistes als äußeres Experiment, als Experiment, das so ähnlich vollzogen werden kann wie ein Experiment, das man gewöhnt ist im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett anzustellen. Gelehrte haben sich oftmals als unfähig erwiesen, diese Dinge wirklich wissenschaftlich zu prüfen. Sie haben gestrebt, möchte ich sagen, nach einer äußeren experimentellen, anschaulichen Weise, die sie gewöhnt waren von den heutigen materialistischen Methoden. Aber sie haben sich oftmals außerordentlich naiv erwiesen, durchaus nicht weniger naiv als ein Laienpublikum. Ein Mann sagte mir einmal, er habe einen sehr bedeutenden Gelehrten getroffen, und der habe ihm erzählt, was er alles mit einem Medium erlebt hat. Dabei wurde diesem Gelehrten ein sehr einfaches, allbekanntes Taschenspielerkunststückchen gezeigt, und er hatte keine Ahnung, wie dieses Taschenspielerkunststückchen entsteht. Nun soll man nicht denken, daß solch ein naiver Gelehrter, der keine Ahnung hat, wie das einfachste Taschenspielerkunststückchen zustande kommt, nicht betrogen werden solle in seiner Naivität von all den Kniffen und Pfiffen, die ja aus den unterbewußten Regionen gerade Medien entfalten. Die Medien sind jedenfalls zumeist viel weniger naiv und viel klüger nicht nur als der Durchschnittsgelehrte, sondern manchmal als recht hervorragende Gelehrte. Denn eskommt dabei nicht auf die bewußte Klugheit an, sondern auf die unterbewußte und unbewußte Klugheit, und dann kommt es an auf der anderen Seite auf die Leichtgläubigkeit gerade diesen Dingen gegenüber. Würde man zur Untersuchung wirklich alle Finessen der Experimentierkunst anwenden, welche man anwendet bei den einfacheren Dingen der Biologie oder der Physik oder der Chemie oder der Astronomie, so würde man schon nicht so oft in die Falle gehen. Aber bei der Naivität, die gerade Gelehrte haben, ist es gar nicht zu verwundern, daß auch Gelehrte sich in unserer heutigen Zeit viel beschäftigen mit allerlei Untersuchungen, wie die Pferde oder Hunde rechnen, wie die Hunde sogar religiöse Fragen lösen. Was auf diesem Gebiete diskutiert wird, zeigt so recht die Naivität, mit der der heutige, an das materialistische Untersuchen allein gewöhnte Mensch an diese Dinge herangeht. Da sehen Sie, wie der Trieb, der im Materialismus in dem bloßen Nützlichkeitsprinzip sich äußert, in dem Prinzip, zu untersuchen die Verwandelung der Naturkräfte und die Geburtsverhältnisse, wie dieser Trieb hineinspielt in das Verhältnis, das sich der Mensch zur geistigen Welt bildet. Nun spielt er auch in anderer Beziehung hinein. Man wird immer mehr und mehr versuchen, aus diesem Triebe heraus hinter alle Naturgeheimnisse, die sich auf die Verwandelung und die Geburt beziehen, zu kommen. Sehen wir doch heute schon eine sich Wissenschaft nennende Bestrebung immer deutlicher und deutlicher auftauchen, welche das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl, das der materialistische Darwinismus gebracht hat, auf den Menschen anwenden will. So daß aus diesem Impuls wirklich einmal das Ideal hervorgehen wird, Gesetze zu finden, wie der passendste Mann auserlesen werden kann für die passendste Frau, um die passendste Nachkommenschaft zu erzielen.

[ 8 ] Solche Dinge werden heute schon besprochen, werden heute schon diskutiert, ich glaube, Eugenik nennt man diese Wissenschaft, die da im Aufstreben ist. Solche Dinge bilden schon durchaus ernsthafte Anregungen. Das aber wird immer stärker und stärker werden. Man wird immer mehr und mehr das menschliche soziale Leben seines spirituellen Charakters entkleiden wollen und es aufbauen wollen auf rein äußeren sinnlichen und sinnlich-natürlichen Verhältnissen. Unter dem Einflusse dieses Triebes ist ja auch die Psychoanalyse entstanden, jene sonderbare Wissenschaft, welche es sich zur Aufgabe macht, gewisse unterbewußte Kraftkomplexe herauszuholen aus dem menschlichen Gesamtorganismus, aber im wesentlichen ganz naturgemäß hauptsächlich mit sexuellen oder mit Triebverhältnissen rechnet, die den sexuellen Verhältnissen mehr oder weniger nahe oder doch entfernt verwandt sind. Man kann nämlich den Blick der Untersuchung und die Aufmerksamkeit zwar bloß lenken auf das physisch-sinnliche Geschehen. Aber in dem physisch-sinnlichen Geschehen, das sich in Verwandlung und Geburt ausdrückt und das in der Glückseligkeit, in der Nützlichkeit angestrebt wird, darinnen sprechen sich deshalb doch okkulte Kräfte aus, liegt doch okkultes Streben. Aber durch die Art, wie man mit Verleugnung des Spirituellen sich doch dem Spirituellen nähert durch diesen Pol, kommt man in die Nähe von gewissen geistigen Wesenheiten, die wirken, trotzdem man sie nicht schauen will, trotzdem man sie nicht berücksichtigen will, die hereinwirken in das Bestreben der Wissenschaft, in das Bestreben des Aufstellens sozialer Ideale. Das aber sind Wesenheiten, von denen gesagt werden muß, daß ihre höheren Fähigkeiten eine gewisse Ähnlichkeit haben mit den niederen Triebfähigkeiten der Menschen. Es sind eigentümliche geistige Wesenheiten, in deren Nähe man kommt, deren höhere Fähigkeiten also, deren eigentliche Denk-, Vernunft- und Wahrnehmungsfähigkeiten ein Anziehungsband haben zu dem menschlichen Sexuellen oder sonstigem niederem Triebhaften. Indem man also hantiert mit alle dem, was sich auf Verwandlung, Geburts- und Glückseligkeitsverhältnisse bezieht in der angedeuteten Weise, lebt man gewissermaßen in einer psychischen Aura solcher Wesen, bei denen die höheren Fähigkeiten eine gewisse Verwandtschaft haben zu unsern niederen Fähigkeiten. Daher werden die niederen Fähigkeiten des Menschen durch diese Verwandtschaft angeregt, und daher ist es auch, daß die Psychoanalyse, die doch aus materiellen Anschauungen heraus entspringt, eigentlich handelt unter dem Einflusse von solchen Wesenheiten, die hauptsächlich anregen den Blick für die Berücksichtigung des niederen Trieblebens.

[ 9 ] Also durch den Pol I (siehe Seite 275) gelangt der Mensch in den Bereich von solchen Wesenheiten, deren höhere Fähigkeiten mit seinen niederen Fähigkeiten verwandt sind, so daß er in die Gelegenheit kommt, in dieser Sphäre, in diesen Sphärenarten vor allen Dingen die Aufmerksamkeit auf seine niederen Triebfähigkeiten zu richten. Daher der Grundcharakter so vielen Strebens heute, welches, man möchte sagen, die ganze Welt nur unter dem Gesichtspunkte, unter dem Aspekte der niederen Triebe sehen will. Und es ist dennoch ein Weg — wenn auch ein weiter Weg — von den materialistischen psychoanalytischen Theorien Freuds bis hinauf zu dem Geistvollsten, Größten, Bedeutendsten, das in unserer Zeit geleistet worden ist auf diesem Gebiete, bis zu den Schriften des außerordentlich geistvollen Laurence Oliphant, der in seinen sehr interessanten Büchern «Sympneumata» und «Scientific Religion» etwas geliefert hat, was zunächst außerordentlich interessant und sympathisch ist, aber das nur, ich möchte sagen, die sublimierteste Bestrebung ist, die ganze Welt, das ganze Weltgeschehen, auch das geistige Weltgeschehen unter den Aspekt des Sexuellen zu stellen. Wenn das auch bei Oliphant außerordentlich fein und geistvoll und edel und sympathisch auftritt, es ist, sage ich, dennoch ein Weg von Freud zu Oliphant. Man lernt außerordentlich viel, wenn man «Sympneumata», «Scientific Religion» studiert. Aber man muß eben durchaus sich klar sein darüber, daß sich auch in diesen ganz vorzüglichen Büchern der eine Pol ausdrückt von dem, was charakterisiert worden ist. Denn da, wo dieser Pol ganz besonders waltet, da handelt es sich immer darum, nicht eigentlich aus den gegenwärtigen menschlichen Fähigkeiten heraus, aus den normalen geistigen Fähigkeiten des Menschen heraus aufzusteigen in die geistigen Welten, sondern es handelt sich darum, nur den einen Trieb auszubilden, den Trieb nach den Phänomenen, nach dem Äußeren, Physischen. Daher konnte beides entstehen, was auch wirklich entstanden ist.

[ 10 ] Bei gewissen okkulten oder okkultismusähnlichen Vereinigungen mystischen oder maurerischen Charakters des Westens sehen wir solche Eigenschaften auftreten. Da sehen wir überall, wie eine gewisse Abneigung besteht, aus den unmittelbaren, gegenwärtigen Eigenschaften der Menschen heraus, aus den normalen Eigenschaften der Menschen heraus in die geistigen Welten aufzusteigen, und viel mehr die Neigung, die normalen Eigenschaften der Menschheit der Gegenwart dazu zu verwenden, sie mehr in den Dienst der sinnenfälligen Utilität, der Nützlichkeit zu stellen. Dagegen tritt das Bestreben auf, das Geistige, das man nicht unmittelbar suchen will, auf andere Weise zu befriedigen. Das heißt, man kommt dazu, das Geistige da aufzugreifen, wo es noch vorhanden ist in alter atavistischer Form, es da hervorzuholen. Immer reger wird der Trieb werden, zu dem, was man auf medialem Wege für die Nützlichkeit erringt, durch allerlei okkulte Verbrüderungen auch das andere hinzuzugesellen, was man «uralte Weisheit» nennt, die einstmals atavistisch in die Menschheit eingezogen ist, oder was gewisse, auf früherer Entwickelungsstufe zurückgebliebene Völker sich bewahrt haben aus früheren Zeiten.

[ 11 ] Wir sehen daher, wie die außerordentlich bedeutsamen, aus dem Osten stammenden Befähigungen der Blavatsky zuerst zusammengeknüpft werden sollten mit westlichen Bestrebungen. Nachdem das nicht geglückt war, nachdem das geschehen war, daß Blavatsky, wie ich erwähnt habe, in der einen Gesellschaft des Westens solche Bedingungen gestellt hat, daß sie nicht erfüllt werden konnten, nachdem sie aus einer anderen Gesellschaft des Westens ausgeschlossen worden war, da wurde das Ganze dann so gelenkt — das ist eine lange Geschichte, die man ja auch einmal ausführlicher hier erzählen wird —, daß gewissermaßen in ihre Psyche eingegossen wurde Indisches oder Indisch-Ähnliches. So will man überhaupt zusammenkoppeln das, bei dem man stehenbleiben will, die Beschränkung auf das Utilitätsprinzip, mit dem, was aus anderen Fähigkeiten der Menschen eines anderen Zeitalters übernommen werden kann. Nur daß sich selbstverständlich dann die Ergebnisse dieser Fähigkeiten eines anderen Zeitalters anbequemen müssen den modernen Bedürfnissen, jenen modernen Bedürfnissen, die ich gestern geschildert habe, und die namentlich dem Machtprinzip, dem Prinzip entsprechen, durch allerlei Satzungen Macht zu sammeln. Und so handelt es sich denn sehr häufig, gerade bei solchen okkulten Verbrüderungen — und etwas Ähnliches hatte auch die Theosophische Gesellschaft immer deutlicher und deutlicher angestrebt —, um das Gewinnen von Macht, gerade durch das Aufnehmen desjenigen, was aus alten atavistischen menschlichen Fähigkeiten sich als ein Ergebnis zeigen kann. Dieser Trieb, den ich damit schildere, der wird dann in die Eigenartigkeit der modernen Zeit gestellt, so daß, was zuweilen aus ganz anderem entspringt, im Gewande der neuen Zeit auftritt. Zur Machtentfaltung kann man es dann benützen, aber nicht zu einem im Sinne unserer Zeit gehaltenen Erkennen oder heilsamen sozialen Leben.

[ 12 ] Diejenigen, die übrigens darinnenstehen in alten Zusammenhängen, die lebendig darinnenstehen, die wirklich mit-Zurückgeblieben sind in früheren Zusammenhängen, in früheren Kulturperioden, die reden ganz anders über die Impulse dieser Kulturepochen als diejenigen, die sie aufnehmen auf dem Umwege durch allerlei Organisationen des einen Poles von Impulsen. Ich habe schon erwähnt, was für ein bedeutsames Buch Ku Hung-Ming geschrieben hat in Anknüpfung an die unmittelbaren Zeitereignisse der Gegenwart. Ku Hung-Ming ist ein gebildeter Chinese, ein Chinese, der anscheinend wirklich an der Spitze der gegenwärtigen chinesischen Bildung steht. Nun, nicht nur, daß in solchen westlichen okkulten Verbrüderungen allerlei Indisches, dilettantisches und sonstiges althergebrachtes Zeug gefunden wird, daß nur Tradition aufgebracht wird zur Machtentfaltung, ohne daß die Dinge innerlich ergriffen werden — auch mit dem Chinesischen ist dies ja der Fall. Denn die Chinesen sind, wie ich öfter auseinandergesetzt habe, Nachkommen der letzten atlantischen Entwickelungsphase, und das, was sie erlangt haben in der nachatlantischen Zeit, das trägt überall ein Gepräge des Zurückweisens in atlantische Eigentümlichkeiten, wenn auch herüberübersetzt in die nachatlantische Zeit. Dadurch steht ein solcher Mensch wie Ku Hung-Ming in einem ganz anderen geistigen Zusammenhang darinnen als der Europäer. Man kann sagen, während die Europäer das alles nicht sehen, was um sie herum ist, sieht er, durch seine Unabhängigkeit von dem, was innerhalb Europas lebt, namentlich in der unmittelbaren Gegenwart, gewisse Dinge selbstverständlich viel genauer, viel intensiver. Daher sollte man in Europa das Buch von Ku Hung-Ming: «Der Geist des chinesischen Volkes und der Ausweg aus dem Krieg», wohl berücksichtigen; manches darin sollte wirklich angeschaut werden, weil es durch den eben erwähnten Umstand unbefangener ist als im Grunde genommen alles, was in Europa selber geurteilt wird. So kennt Ku Hung-Ming aus seinem Darinnenstehen im Chinesentum noch die eigentümliche Folge, die sich ergibt dadurch, daß China, wie so vieles Alte, sich bewahrt hat die strenge Grenze zwischen Ungebildeten und Gebildeten. Die ist, wie Ku Hung-Ming schildert, durch die Sprache bewirkt, und zwischen den Ungebildeten, die im Grunde eine eigene Sprache sprechen, und den Gebildeten ist der Halbgebildete nicht dazwischen, der eine so große Rolle in Europa spielt seit jener Zeit, wo die letzten Reste des alten Wissens verschwunden sind, wo noch die höchste Bildung auf dem Lateinischen beruhte. Das hat sich China selbstverständlich erhalten und dieses wird sich noch lange erhalten, daß ein offener Gegensatz ist zwischen Ungebildeten und Gebildeten, und nicht die Halbgebildeten dazwischen sind. Daher hat ein solcher Chinese wie Ku Hung-Ming ein scharfes Auge für alles dasjenige, was bewirkt wird durch die Halbgebildeten, und in einem Aufsatze, der sich auch in diesem Buche findet, spricht er sehr schön gerade über dieses. Er sagt: «Die gesprochene oder Umgangssprache ist zum Gebrauch für die Ungebildeten und die Schriftsprache ist nur für die wirklich Gebildeten bestimmt. Auf diese Weise gibt es keine Halbgebildeten. Das ist der Grund, weshalb die Chinesen dabei beharren, zwei Sprachen zu haben. Die Folgen der Halbbildung sieht man deutlich im heutigen Europa und Amerika, wo, seit das Lateinische abgekommen ist, der scharfe Unterschied zwischen Umgangs- und Schriftsprache verschwunden ist; seitdem ist eine Klasse Halbgebildeter erstanden, die das Recht hat, sich derselben Sprache wie die wirklich Gebildeten zu bedienen...»

[ 13 ] Ich bitte, auch da selbstverständlich zu berücksichtigen, daß ich nicht mit diesem Chinesen übereinstimmen will, daß ich nicht dasselbe sagen will; sondern ich will nur darauf aufmerksam machen, wie er gewisse Dinge unbefangener anschaut. Vergleichen Sie die folgende Stelle mit vielem, was Sie heute lesen können. Es soll hier nicht behauptet werden, daß die Halbgebildeten keine Berechtigung haben. Die europäische Kultur hat sie mit Notwendigkeit hervorgebracht, selbstverständlich gehören sie zur europäischen Kultur. Trotzdem gilt das, was Ku Hung-Ming sehr schön sagt:

[ 14 ] «Seitdem ist eine Klasse Halbgebildeter erstanden, die das Recht hat, sich derselben Sprache wie die wirklich Gebildeten zu bedienen, die von Zivilisation, Freiheit, Neutralität, Militarismus und Panslawismus redet, ohne die wirkliche Bedeutung dieser Worte im geringsten zu verstehen. Anstatt zu sagen, der preußische Militarismus sei eine Gefahr für die Zivilisation, wäre es meiner Meinung nach richtiger, die Halbgebildeten, die Rotte halbgebildeter Menschen in der heutigen Welt für die wirkliche Gefährdung der Zivilisation anzusehen.»

[ 15 ] Sie sehen, daß schon auch andere Urteile möglich sind von jemandem, der den Dingen anders gegenübersteht, als diejenigen Urteile, die heute oftmals gefällt werden; denn das Urteil hat viel für sich, daß heute von Halbgebildeten viel geredet wird über Freiheit, Zivilisation, Neutralität und so weiter, ohne daß man sich die Mühe gibt, diese Dinge in irgendeiner Weise tiefer zu verstehen. Das sieht der Chinese, und er sieht auch mit Recht, daß an den gegenwärtigen Zuständen und Ereignissen die Halbgebildeten in allen Gebieten Europas einen großen Teil der Schuld tragen. Diese Zusammenhänge wird man später viel mehr einsehen. Aber es wäre gut, wenn wenigstens einige Menschen sie schon jetzt einsehen würden.

[ 16 ] Aber dieser Chinese sieht auch manches andere außerordentlich gut. Und das ist das Eigentümliche, daß auch der Verstand eines solchen Chinesen — man kann es an ihm sehen, an Ku Hung-Ming, der eine alte atavistische Kultur sich bewahrt und darauf den modernen entwickelten Verstand anwendet —, daß auch dieser Verstand, ich möchte sagen, Intimeres wirkt. Man sieht das an dem, was ihm da in der europäischen Kultur gefällt. Ihm gefällt zum Beispiel mancherlei ganz und gar nicht. Die europäische Ordnung ist ja im Grunde genommen für ihn Anarchie; bloß der Schutzmann, der Polizeimann, der gefällt diesem Chinesen außerordentlich, Man sieht, daß er in manches außerordentlich gut hineinschaut; aber an einem besonderen Beispiel will ich Ihnen klarmachen, wie dieser Chinese in europäische Zustände hineinschauen kann. Da sagt er: Ja, die Europäer haben, was China niemals entwickelt hat, Advokaten, andere Leute, welche sich in das soziale, in das staatliche, in das öffentliche Leben hineinbegeben, es sogar bis in die höchsten Spitzen in der Verwaltung und Verfassung dieses öffentlichen Lebens bringen. Was tun diese Menschen? Sie brauchen nach den europäischen Verhältnissen den Schutzmann. Dem Schutzmann gibt man fünfzehn Schilling die Woche und sagt ihm, er sei notwendig für die gesellschaftliche Ordnung. Von diesen fünfzehn Schilling ernährt er sich notdürftig. Was muß er entwickelt haben, meint Ku Hung-Ming, damit er sich überhaupt nicht in einer schönen Nacht einmal verwandelt in einen Anarchisten, dieser Schutzmann, wozu er immer Anlage haben wird durch seine Entlohnung, was muß er denn haben? Er muß einen gewissen Ehrbegriff, den man ihm beigebracht hat, haben, und dieser Ehrbegriff muß ihn dazu anleiten, das Gefühl zu haben, für seine fünfzehn Schillinge die Gesellschaft zu retten. Denn das hat man ihm eingebleut. Man sagt ihm: Er ist dazu notwendig. — Aber was wird denn dadurch erreicht? Jene Advokaten und sonstigen Leute, die ihn angestellt haben, meint Ku Hung-Ming, die brauchen ihn. Er braucht die ganze Sache nicht, aber die anderen brauchen ihn, und zwar brauchen sie ihn dazu, damit er ihre Tausende und Zehntausende und Hunderttausende und Millionen großen Werte sichert. Hätten sie ihn nicht, dem sie fünfzehn Schillinge geben, so würden ihnen ihre Millionen werte nicht bleiben können. Nun ja, das ist ihr eigentlicher Zweck, sie brauchen ihn für sich, sagt dieser Chinese, so daß man ihm eigentlich, dem Schutzmann, etwas einbleuen muß, was ihn hinwegtäuscht über den eigentlichen Zweck: daß er eigentlich zum Schutz der Besitzer da ist. Das heißt, wenn so etwas entfaltet wird, so beruht eigentlich nach seiner Ansicht ein großer Teil der europäischen Kultur auf Betrug. Ja, Ku HungMing nennt das Betrug. Und so kommt er denn wirklich dazu, von seinem Gesichtspunkte aus ein Urteil zu fällen — ich habe es schon angedeutet —, das doch zum mindesten überlegt werden sollte. Er sagt:

[ 17 ] «Ich glaube wirklich, daß die Völker Europas die Lösung des großen Zivilisationsproblems nach diesem Krieg hier in China finden werden» — denn von all den Rezepten, die die Europäer selber angeben, verspricht er sich gar nichts. — «Es gibt hier in China, ich sage es nochmals, ein unschätzbares, aber bisher unverdächtigtes Erbe von Zivilisation, nämlich den wahren Chinesen. Er besitzt das Geheimnis einer neuen Zivilisation, das die Völker Europas nach diesem großen Krieg brauchen werden, nämlich das, was ich die Religion des guten Bürgers genannt habe, deren erster Grundsatz ist, zu glauben, daß die menschliche Natur gut ist; an die Macht der Güte zu glauben, an die Macht und Wirksamkeit dessen, was der Amerikaner Emerson das Gesetz der Liebe und Gerechtigkeit nennt. Was ist aber das Gesetz der Liebe?»

[ 18 ] Tatsächlich sagt er also, es sei notwendig, daß die europäischen Völker den Chinesen herbeirufen, dasjenige, was im Chinesen die Grundlage einer neuen Zivilisation ist. Nun, den Chinesen können wir schon innerhalb Europas nicht brauchen, wollen ihn auch nicht herbeirufen, aber es handelt sich darum, zu verstehen, wie von einem gewissen Gesichtspunkte aus solche Urteile gerade aus einer atavistischen Geisteskultur wohl entstehen können und sogar für gewisse Dinge viel unbefangener sind als die Urteile, welche unter dem entgegengesetzten Pole in Europa selber entstehen.

[ 19 ] Der andere Pol, den ich als den zweiten Pol bezeichnete und von dem ich sagte, daß seine Beziehungen nach dem Bösen, Leiden, Schmerz, Tod, Erlösung oder Befreiung gelegt sind, der strebt nach Überwindung desjenigen, was gerade für den anderen das Heil ist. Nach Überwindung desjenigen strebt dieser zweite Pol, was sich für den Menschen entwikkelt zwischen Geburt und Tod, was sich für den Menschen entwickelt so, daß er dieses sich Entwickelnde anschauen kann mit den äußeren Sinnen. Während sich durch den ersten Pol die bloße Utilität entwikkelt, die Utilität, der Gott des echten Bourgeois, entwickelt sich unter dem zweiten Pol der Sakramentalismus im weitesten Umfange. Das heißt, es entwickelt sich ein Leben, welches sucht, die Wirklichkeit vom Geistigen aus anzuschauen, und unter dieser Anschauung der Wirklichkeit vom Geistigen aus diese Wirklichkeit selbst mehr oder weniger verschwinden zu lassen. Das ist mehr im Anfange, was der zweite Pol anstrebt, während das andere, was der erste Pol anstrebt, in Europa ziemlich weit gediehen ist. Der erste Pol strebt an, im chemischen Laboratorium Stoffe zu erzeugen, die dann verwendet werden können in der mannigfaltigsten Weise für die äußere Utilität, für die wirkliche Utilität oder für die eingebildete Utilität. Der zweite Pol wird immer mehr und mehr anstreben, nicht diese äußere Utilität zu verwirklichen, sondern die äußere Welt mehr symbolisch, mehr so zu behandeln, daß das Geistige in ihr zum Ausdrucke kommt. Selbst in dem sozialen und in dem staatlichen Leben wird man versuchen, symbolische Zusammenhänge, bedeutsame Zusammenhänge zu suchen. So wie, wenn nun die okkulten Kräfte in Betracht kommen, der erste Pol in die Nähe von Wesen führt, deren höhere Geisteskräfte mit des Menschen niederen Trieben verwandt sind, so führt dieser andere Pol mit seinem Sakramentalismus in die Nähe von Wesen, deren niedere Kräfte mit den höheren Menschenkräften verwandt sind, mit den Kräften der menschlichen Vernunft, des menschlichen Verstandes, der menschlichen psychischen Organisation, der menschlichen spirituellen Organisation. Also der andere Pol führt in die Nähe, in die Gesellschaft geistiger Wesenheiten, deren niedere Fähigkeiten verwandt sind mit den menschlichen höheren Fähigkeiten. Die Folge davon wird sein, daß, wenn es auf die Entfaltung okkulter Kräfte aus diesem Pole heraus, aus diesem polarischen Impuls heraus, ankommt, ein Streben entstehen wird, welches versuchen wird, loszureißen die höheren übersinnlichen Glieder der Menschennatur von dem sinnlichen Menschen.

[ 20 ] Aber dann, indem der Mensch sich losreißt zum imaginativen, zum visionären Leben, kommt er hinein in eine Aura, in welcher geistige Wesenheiten Triebe entwickeln, die ihre niederen Triebe sind. Dadurch wird eine eigentümliche Erscheinung hervorgerufen, die darinnen besteht, daß der Mensch gewissermaßen besonders stark ausbilden will immer mehr und mehr wird er dazu getrieben werden — eine gewisse Zuschauerrolle, durch die er ein Verbindungsglied abgibt zwischen übersinnlichen und untersinnlichen Wesenheiten. Es wird also hier besonders stark entwickelt dasjenige, wodurch der Mensch ein Verbindungsglied zwischen der übersinnlichen und der untersinnlichen Welt wird. Der Mensch wird das Verbindungsglied, und er entwickelt in sich den Drang, sich gewissermaßen zum Werkzeug zu machen, daß gewisse übersinnliche Wesenheiten auf die untersinnlichen Kräfte, auf diejenigen Kräfte wirken, welche verborgen liegen in den sinnlichen Erscheinungen, in den sinnlichen Phänomenen. In den sinnlichen Phänomenen liegen Kräfte, die ähnlich sind den heute schon vorhandenen Elektrizitäts-, magnetischen und anderen Kräften. Nun will sich der Mensch, der sich einseitig diesem Impulse hingibt, über die sinnliche Welt, über die Welt der Phänomene unmittelbar hinwegsetzen. Dadurch aber gerät er gerade in die Gefahr, eine Brücke abzugeben, ein Verbindungsband zu geben mit der übersinnlichen Welt der höheren Hierarchien, die ihre Kräfte heruntersenden in die untersinnliche Welt. Der Trieb, im Sakramentalismus, in der symbolischen Handlung etwas zu entwickeln, das ist dieser selbe Trieb. Denn immer, wenn Sakramentalismus auftritt, wenn die symbolische Handlung auftritt, da strömen die Kräfte aus den oberen Welten in die unteren Welten und wieder zurück. Einseitig in diesem Strömen der übersinnlichen Welt nach der untersinnlichen Welt, gewissermaßen mit Ausschaltung der sinnlichen Welt, geht dieser andere polarische Impuls. Es ist daher natürlich, daß immer mehr und mehr innerhalb dieses Impulses II (siehe Seite 275, rechts) das Bedürfnis entstehen wird, sich zum Träger geistiger Wesenheiten oder geistiger Kräfte zu machen.

[ 21 ] Es ist natürlich eine mißliche Sache, wenn man auf Einzelheiten in dieser Beziehung eingehen soll. Aber nach alle dem, was wir bis jetzt besprochen haben, werden ja solche Andeutungen, wie ich sie Ihnen gegeben habe, schon genügen können, um zu zeigen, wie auf der einen Seite die Utilität, auf der anderen Seite der Sakramentalismus sich entwickeln können. Auf der einen Seite die Utilität, das Bourgeois-Ideal; auf der anderen der Sakramentalismus mit dem, was als menschliche Seelenstimmung zum Sakramentalismus oder zum Symbolismus gehört, als dessen Ideal der Pilger steht.

I II
Verwandlung Das Böse, Leiden
Geburt
Glückseligkeit (Nützlichkeit)
Tod
Erlösung (Befreiung)
Utilität Sakramentalismus
Freud übersinnliche Welt
Laurence Oliphant untersinnliche Welt

[ 22 ] Wir sehen, worinnen die Synthese bestehen muß, diese Synthese, die beide Einseitigkeiten vereinigt, indem sie sie zugleich überwindet. Man würde in der Folgezeit des fünften nachatlantischen Zeitraums auf der einen Seite die Menschen bekommen, die nur auf die Nützlichkeit hinarbeiten und auch alle spirituellen Kräfte nur in den Dienst der Nützlichkeit stellen, und auf der anderen Seite eine Sorte von Menschen, die mit ihrem ganzen Geist nur in der spirituellen Sphäre drinnen sein wollen und alles dasjenige, was dem physischen Leben angehört, nicht so, wie die Naturkräfte walten, behandeln wollen, sondern sakramentalisch behandeln wollen, gewissermaßen sakramentalisch arrangieren wollen.

[ 23 ] Heute stehen noch die verschiedenen Ideale, welche die Menschen aufstellen, ohne daß die Menschen es wissen, unter dem Einflusse dieser beiden polarischen Impulse. Es wird immer mehr und mehr zum Wesen des geisteswissenschaftlichen Strebens gehören, einzusehen, wie in das, wovon man es heute vielfach nicht glaubt, hineinspielen diese polarischen Impulse. Für denjenigen, der die Dinge durchschaut, ist in einer großen Menge von Bestrebungen auf der einen Seite vorhanden dasjenige, was ich als den Impuls I charakterisiert habe; aber auch schon leuchtet vielfach herein dasjenige, was ich in den Bestrebungen gezeigt habe des Impulses II.

[ 24 ] In dieses ganze Getriebe war dann H.P.Blavatsky eigentlich hineingestellt. Ausgegangen ist sie von Bestrebungen, von Kräften vielmehr, die unter dem ImpulsII standen. Unter diesem Impuls II ist in ihr alles dasjenige entstanden, was sie getrieben hat nach der sakramentalischen Seite, die sie ja auch in einer gewissen Weise ausgebildet hat; und unter dem Einflusse des Impulses I ist alles dasjenige entstanden, was dann zur Vermaterialisierung desjenigen geführt hat, was man die Theosophische Gesellschaft nennt. Es würde heute zu weit führen, noch einmal alles über die Persönlichkeit der Blavatsky, um die ein Wirbelsturm des einen und des andern Impulses in besonderer Stärke sich entfacht hat, die sie in alle ihre einzelnen bedeutsamen Manifestationen wie in ihre Irrtümer geführt haben, auseinanderzusetzen. Es ist heute auch nicht mehr die Zeit, um völlig zu Ende zu führen dasjenige, was wir jetzt begonnen haben. Wir werden am nächsten Sonnabend, wenn wir uns wieder zusammenfinden, hier weiter fortsetzen.