Humanity's Internal Impulses for Development
Goethe and the Crisis of the Nineteenth Century
GA 171
14 October 1910, Dornach
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Humanity's Internal Impulses for Development, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh Lecture
[ 1 ] Wenn Sie überdenken, was in den letzten Betrachtungen hier vorgebracht worden ist, so wird Ihnen klar sein, daß die Evolution der neueren Menschheit in sich zwei, man könnte sagen, entgegengesetzte Impulse zu ihrer Weiterentwickelung birgt, zwei entgegengesetzte Impulse, welche in gewisser Weise durch dasjenige, was Geisteswissenschaft in diese Evolution hineinbringen soll, vermieden werden müssen. Wir haben ja die beiden Impulse in der verschiedensten Art kontrastiert. Wir haben gezeigt, wie der eine Impuls, nachdem er sich lange vorbereitet hat durch verschiedene Kräfte, die wir aufgezeigt haben und die in den über- oder untersinnlichen Welten wurzeln, für das menschliche Denken und Trachten sich zusammengeschlossen hat in dem, was man nennen kann die physische Verwandtschaft der Wesen und Kräfte — also Verwandtschaft haben wir gesagt —, und dasjenige, was sich diesem Sinnen und Trachten nach der Verwandtschaft der Wesen beigesellt, namentlich für die Betrachtung des menschlichen Daseins, wenn man das Wort so gebraucht, wie wir es gebraucht haben, ist Geburt. Als eine Art soziales Ideal gewissermaßen steht zur Seite diesem Sinnen und Trachten nach der physischen Verwandtschaft und der physischen Herkunft der Wesen das, was wir Glückseligkeit genannt haben, die sich insbesondere im 19. Jahrhundert zu dem Prinzip der bloßen Nützlichkeit gesteigert hat. Auf der anderen Seite haben wir gesehen, daß dem entgegensteht ein anderer Impuls, der weniger gerichtet ist darauf, wie der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, als vielmehr darauf, nachzusinnen dem Problem: Wie geht der Mensch durch die Todespforte? Also an Stelle der Geburt tritt das Sinnen und Trachten nach dem Verständnis des Todes auf. An die Stelle der physischen Verwandtschaft der Kräfte und Wesen tritt die Betrachtung des Bösen, des Schmerzes, des Leidens in der Welt. Und wie eine Art sozialen Ideals gesellt sich diesem zu das, was wir nennen können die Erlösung vom oder im Dasein, die Befreiung und so weiter.
[ 1 ] If you reflect on what has been presented here in the preceding considerations, it will become clear to you that the evolution of modern humanity contains within itself two—one might say—opposing impulses toward its further development, two opposing impulses that, in a certain sense, must be averted by what spiritual science is meant to contribute to this evolution. We have, after all, contrasted these two impulses in a variety of ways. We have shown how one impulse, after a long period of preparation through various forces that we have identified—forces rooted in the supersensible and subsensible worlds—has coalesced for human thinking and striving into what might be called the physical kinship of beings and forces—that is, kinship, as we have said— and that which joins this sense and striving for the kinship of beings—namely, for the contemplation of human existence, if one uses the word as we have used it—is birth. As a kind of social ideal, so to speak, standing alongside this sense and striving for the physical kinship and physical origin of beings is what we have called happiness, which, particularly in the 19th century, has been elevated to the principle of mere utility. On the other hand, we have seen that this is countered by another impulse, one directed less toward how a person enters existence through birth than toward pondering the problem: How does a person pass through the gate of death? Thus, in place of birth, the contemplation and pursuit of an understanding of death takes center stage. The physical interconnection of forces and beings is replaced by a contemplation of evil, pain, and suffering in the world. And as a kind of social ideal, this is accompanied by what we might call redemption from or within existence, liberation, and so on.
[ 2 ] Wir haben gesehen, daß nach dem links Angedeuteten (siehe Schema Seite 238) mehr hinstrebt die Kultur des Westens, nach dem rechts hier Angedeuteten hinstrebt die Kultur des Ostens, insoferne diese Kulturen nicht sich befruchtet fühlen mit dem allgemein menschlichen Sinnen und Trachten, mit dem allgemein menschlichen Ideal, sondern sich dem überlassen, was ihnen gewissermaßen vermöge ihrer Volks- und klimatischen und sonstigen lokalen Eigentümlichkeiten zukommt. Wir haben gesehen, wie unter dem Einfluß dieser allgemeinen Impulse auch gewissermaßen einzelne Begriffe und Ideen eine bestimmte Färbung, Nuance annehmen. Wir haben gesehen, wie so richtig paßt in die Hauptimpulse, die sich in der westlichen Kultur vorbereiten, das, was genannt werden kann Kampf ums Dasein, Auslese des Passendsten und so weiter, und wie dem entgegengestellt worden ist im Osten, und zwar in nicht minder wissenschaftlicher Weise, als im Westen der Kampf ums Dasein auftrat, dasjenige, was man nennen kann gegenseitige Hilfeleistung der Wesen. Und ich habe Ihnen auseinandergesetzt, wie das, was man erreichen wollte im Westen durch das einseitige Prinzip des Kampfes ums Dasein, der auf den Unterlagen ruht, die ich Ihnen das letzte Mal auseinandergesetzt habe, führen sollte zum Verständnis der Entwickelung der Lebewesen. Man sagte, das, was im Kampfe ums Dasein am besten besteht, lebt fort, das, was am schlechtesten besteht, geht unter, so daß gewissermaßen das besser Bestehende, also das relativ Vollkommene, sich herausentwickelt aus dem Unvollkommenen. Was da der Kampf ums Dasein bedeutet, das bedeutet für diejenigen Wissenschaften des Ostens, deren wirklich bedeutungsvolle Resultate Kropotkin in seinem Buche zusammengefaßt hat, das ich Ihnen neulich zitierte, die gegenseitige Hilfeleistung. Da ist man der Ansicht, daß diejenigen Arten der Tiere die besten Entwickelungschancen nach der Vollkommenheit hin haben, innerhalb deren Reihen am besten das Prinzip der gegenseitigen Hilfeleistung ausgebreitet ist.
[ 2 ] We have seen that Western culture tends more toward what is indicated on the left (see diagram on page 238), while Eastern culture tends toward what is indicated on the right here, insofar as these cultures do not feel enriched by universal human sensibilities and aspirations, by the universal human ideal, but rather leave themselves to whatever, so to speak, befalls them by virtue of their ethnic, climatic, and other local characteristics. We have seen how, under the influence of these general impulses, certain concepts and ideas also take on a specific hue or nuance, so to speak. We have seen how perfectly what might be called the “struggle for existence,” “survival of the fittest,” and so on, fits into the main impulses taking shape in Western culture, and how this has been countered in the East—in a manner no less scientific than the way the struggle for existence emerged in the West—by what might be called the “mutual aid of beings.” And I have explained to you how what the West sought to achieve through the one-sided principle of the struggle for existence—which rests on the foundations I outlined to you last time—was intended to lead to an understanding of the evolution of living beings. It was said that whatever fares best in the struggle for existence survives, while whatever fares worst perishes, so that, in a sense, the better-adapted—that is, the relatively perfect—emerges from the imperfect. What the struggle for existence means in this context is, for those Eastern sciences whose truly significant findings Kropotkin summarized in his book—which I quoted to you recently—mutual aid. It is believed that those animal species have the best chances of evolving toward perfection within whose ranks the principle of mutual aid is most widely established.
[ 3 ] Und so könnten wir vieles anführen, welches bezeugen würde, wie diese beiden polaren Impulse wirklich gewissermaßen in die Menschheitsevolution heute hineingekommen sind. Das ist es, was wir, ich möchte sagen, mit sehenden Augen betrachten müssen; denn soll Geisteswissenschaft ihre Aufgabe erfüllen, dann kommt es darauf an, daß beide Einseitigkeiten vermieden werden, beide Polaritäten zu einer Ganzheit zusammenwirken. Dasjenige also, was ich zeichnen werde auch im weiteren Verlaufe heute und morgen — heute vorbereitend, morgen wollen wir dann zu den Konsequenzen schreiten —, das wird nicht in dem Sinne gezeichnet, als ob es sich unter allen Umständen wie durch eine mechanische Notwendigkeit in die Welt hineinstellen müßte, sondern so ist es gemeint, daß die Evolution hintendiert nach diesen Dingen, und daß gerade vermieden werden muß, was die einseitige Ausgestaltung dieser beiden Pole bringen könnte. Erkennt man nicht, was gewissermaßen, wenn das Wort nicht gepreßt wird, ins Dasein will, so kann man auch nicht den richtigen Weg finden, um die Synthese, die Zusammenfassung, die allein durch Geisteswissenschaft erreicht werden kann, ins Leben zu rufen.
[ 3 ] And so we could cite many examples that would attest to how these two polar impulses have, in a sense, truly entered into human evolution today. This is what we must, I would say, observe with discerning eyes; for if spiritual science is to fulfill its task, it is essential that both one-sidednesses be avoided and that both polarities work together to form a whole. What I will outline in the course of today and tomorrow—today as a preparation, and tomorrow we will then proceed to the consequences— is not presented as if it were compelled to enter the world under all circumstances as though by a mechanical necessity; rather, it is meant to show that evolution tends toward these things, and that we must specifically avoid what the one-sided development of these two poles might bring about. If one does not recognize what, so to speak—without forcing the word—wants to come into being, then one cannot find the right path to bring into being the synthesis, the unification, that can be achieved solely through spiritual science.
[ 4 ] Wenn wir zunächst alles dasjenige, was gleichsam von diesen Abstraktionen hier (siehe Schema Seite 238) getragen ist, ins Auge fassen, so müssen wir sagen: Das (links) ist ein geistiger Kulturimpuls, der ins Leben will, und der seine volle Begründung hat in der einen Tendenz der fünften nachatlantischen Kulturepoche. Ich habe Ihnen gezeigt, wie diese fünfte nachatlantische Kulturepoche den Menschen so entwickelt hat, daß dieser Mensch auf der einen Seite nach dem streben muß, was Goethe das Urphänomen nennt, die reine, hypothesenfreie, unphantastische Betrachtung desjenigen, was die äußeren Naturerscheinungen den Sinnen darbieten: die Urphänomene. Das ist das eine. Das andere (rechts) sind immer mehr und mehr aus den Tiefen der Menschenseele in freier Gestaltung dieser Menschenseele heraufziehende Imaginationen. Diese Imaginationen, sie werden sich, man möchte sagen, mit innerer Seelennotwendigkeit gewissen Menschen unseres fünften nachatlantischen Zeitraums ergeben. Geradeso wie die Menschen dieses fünften nachatlantischen Zeitraums immer mehr und mehr dazu veranlagt sein werden, auf der einen Seite unbefangen die Natur und ihre Phänomene zu betrachten, nach Urphänomenen zu suchen statt nach Hypothesen, so werden auf der anderen Seite Menschen besonders dazu veranlagt sein, Imaginationen, welche tiefer in die geistige Welt hineinführen können, aus ihren Seelen aufsteigen zu lassen.
[ 4 ] If we first consider everything that is, as it were, supported by these abstractions here (see diagram on page 238), we must say: That (on the left) is a spiritual cultural impulse that seeks to come to life, and which finds its full justification in the single tendency of the fifth post-Atlantean cultural epoch. I have shown you how this fifth post-Atlantean cultural epoch has developed human beings in such a way that, on the one hand, they must strive for what Goethe calls the “primordial phenomenon”—the pure, hypothesis-free, non-fantastical observation of what external natural phenomena present to the senses: the primordial phenomena. That is one aspect. The other (on the right) consists of imaginations rising more and more from the depths of the human soul, freely shaped by that soul. These imaginations will, one might say, arise with an inner necessity of the soul in certain people of our fifth post-Atlantean epoch. Just as the people of this fifth post-Atlantean epoch will be increasingly inclined, on the one hand, to observe nature and its phenomena with an open mind, seeking primordial phenomena rather than hypotheses, so, on the other hand, certain people will be particularly inclined to allow imaginations—which can lead deeper into the spiritual world—to rise from their souls.
[ 5 ] Man ahnt heute noch gar nicht, wohin die Menschheit in dieser Beziehung steuert. Man kann sich dem, wohin also gesteuert wird, widersetzen, aber man wird es dadurch nicht aufhalten und nicht sein Kommen ins Dasein verhindern. Immer mehr und mehr werden die Menschen aufhören, allerlei Hypothesen über die Naturerscheinungen zu erfinden; sie werden sich wirklich rein dem hingeben, was eine geistvolle Darstellung der Phänomene ist, wie sie Goethe in seinen physikalischen Betrachtungen angestellt hat. So schön sagt Goethe einmal: Man mache nicht über die Naturerscheinungen Hypothesen, die Bläue des Himmels selber ist die Theorie; man suche nur nichts hinter den Erscheinungen, wenn sie rein aufgefaßt werden. — All das Nachdenken über allerlei Atomgestaltungen, über Atomkonstruktionen, wird aufhören, die Sinne werden rein gerichtet sein auf die Phänomene und sie nur so zusammenstellen, diese Phänomene, daß sie sich selbst erklären. Das steht allerdings heute erst im Anfange, aber es wird immer weiter und weiter sich entwickeln. Heute steht es im Anfange, und diejenigen, welche zum Beispiel in den letzten Jahrzehnten Chemie studiert haben, die wissen ja, was da für Atomkonstruktionen, rein hypothetisch, aufgebaut worden sind. Solche Dinge werden oftmals durch allerlei monistische und sonstige Laienvereine den Menschen aufgebunden noch lange, nachdem sie von der Wissenschaft sogar längst überwunden sind. Gerade mit Bezug auf die Hypothese über Atomkonstruktionen gibt es ja eine weitgehende Diskussion, und es ist nicht uninteressant, gerade sich das einmal sozusagen vor die Seele zu führen, was da diskutiert worden ist. Denn es bekommen die meisten Menschen doch noch ein leises Gruseln vor dem Erfolge der Wissenschaft auf diesem Gebiete, wenn gesprochen wird davon: das Atom dieses Stoffes sieht so aus, das Atom jenes Stoffes sieht so aus und so weiter. Die Menschen denken dann nicht daran, daß das reine Hypothesen sind, reine Gedankendinge, die da aufgetischt werden. Insbesondere war ja in der letzten Zeit van’t Hoff einer derjenigen Chemiker, welche kühne stereometrische Formen aufgebaut haben, um das Atom zu begreifen. Und wir wissen ja — wenigstens die meisten von uns werden das wissen —, daß auch Theosophen einer gewissen Richtung diesen Unfug des Aufbaues des Atomes reichlich mitgemacht haben. Eine tolle Wissenschaft, die keine Wissenschaft jemals sein kann, die sogenannte okkulte Chemie, ist aufgebaut worden und hat unter denjenigen, die sich von der vermeintlichen Wissenschaft aus der Theosophie oder dergleichen nähern wollen, ja gerade ganz besondere Anerkennung gefunden. Aber van’t Hoff ist nicht unangefochten geblieben. Gerade einsichtige Chemiker wie zum Beispiel Kolbe haben sich gegen diese, wie Kolbe sagt, Halluzinationen van’t Hoffs gewendet.
[ 5 ] Even today, we have no idea where humanity is headed in this regard. One can resist the direction in which we are being steered, but this will not stop it or prevent its coming into being. More and more, people will cease to invent all sorts of hypotheses about natural phenomena; they will truly devote themselves purely to what constitutes a spiritual interpretation of the phenomena, as Goethe did in his physical observations. As Goethe so beautifully put it once: One should not formulate hypotheses about natural phenomena; the blue of the sky itself is the theory; one should simply seek nothing behind the phenomena when they are perceived purely. — All this speculation about all manner of atomic configurations and atomic structures will cease; the senses will be directed purely toward the phenomena and will arrange these phenomena in such a way that they explain themselves. Admittedly, this is still in its infancy today, but it will continue to develop further and further. Today it is in its infancy, and those who, for example, have studied chemistry in recent decades know full well what kinds of atomic structures—purely hypothetical—have been constructed. Such ideas are often peddled to the public by all sorts of monist and other lay associations long after they have been long since superseded by science. Precisely with regard to the hypothesis of atomic structures, there is, after all, a wide-ranging discussion, and it is not uninteresting to reflect on what has been discussed there. After all, most people still get a slight shiver down their spine at the achievements of science in this field when people talk about it: “The atom of this substance looks like this, the atom of that substance looks like that,” and so on. People don’t stop to think that these are mere hypotheses, mere figments of the imagination, that are being presented to them. In particular, van’t Hoff was recently one of those chemists who devised bold stereometric models in an attempt to understand the atom. And we know—at least most of us do—that even Theosophists of a certain school have gone along with this nonsense of constructing the atom to a great extent. A wild “science”—which can never truly be science—known as “occult chemistry” has been developed and has, in fact, found quite special recognition among those who wish to approach this supposed science from the perspective of theosophy or similar doctrines. But van’t Hoff has not remained unchallenged. It was precisely discerning chemists, such as Kolbe, who turned against what Kolbe calls van’t Hoff’s “hallucinations.”
[ 6 ] Sie sehen daraus übrigens, daß nicht nur das Geistige mit dem Ausdruck von Halluzinationen belegt wird, sondern daß schon auch die Naturforscher untereinander diesen Ausdruck auf ihre wechselseitigen Ergebnisse zuweilen anwenden. Ja, Kolbe, der bei den reinen Erscheinungen stehenbleiben will in der Chemie, der hat sogar den schönen Ausspruch gebraucht und gesagt: Der van’t Hoff, der reitet den chemischen Pegasus, den er wohl als Naturforscher entlehnt haben wird von der seinem Laboratorium befreundeten Tierarzeneischule, und findet da bei diesem Reiten des chemischen Pegasus alle möglichen kühnen stereometrischen Formen. — Man kann dieses innere Getriebe der Wissenschaft immer nur andeuten. Es würde viele, viele Vorträge erfordern, wollte man zeigen, auf welchen Voraussetzungen dies beruht, was heute den Laien wie eine Gewißheit vorgehalten wird. Alle diese Dinge, diese Spekulationen, mit denen insbesondere die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in bezug auf die äußere Natur gewirtschaftet hat, das wird alles nach und nach wegbleiben müssen; denn es wird sich immer mehr und mehr gerade die Wissenschaft davon überzeugen, daß diese Spekulationen durch die Folge der Erscheinungen nirgends gerechtfertigt werden, daß man immer die mannigfaltigsten Hypothesen aufstellen kann, und für eine jede ebenso wie gegen eine jede sich so Mannigfaltiges sagen läßt. Die reine Erfassung der Phänomene auf der einen Seite, das wird ein berechtigter Impuls sein.
[ 6 ] Incidentally, you can see from this that the term “hallucination” is not only applied to the spiritual realm, but that even natural scientists themselves sometimes use this term to describe their mutual findings. Indeed, Kolbe, who wishes to confine himself to pure phenomena in chemistry, even used that lovely phrase, saying: “Van’t Hoff rides the chemical Pegasus—which, as a natural scientist, he must have borrowed from the veterinary school affiliated with his laboratory—and in this ride on the chemical Pegasus, he discovers all manner of bold stereometric forms.” — One can only ever hint at this inner workings of science. It would require many, many lectures to show the premises on which this is based—what is today presented to the layperson as a certainty. All these things, these speculations with which the second half of the 19th century in particular dealt with regard to external nature—all of that will gradually have to fade away; for science itself will become increasingly convinced that these speculations are in no way justified by the sequence of phenomena, that one can always propose the most diverse hypotheses, and that just as much can be said in favor of each as against it. The pure observation of phenomena, on the one hand, will be a legitimate impulse.
[ 7 ] Auf der anderen Seite aber wird ebensogut in dieser fünften nachatlantischen Zeit, die, wie wir gehört haben, viele Jahrhunderte noch dauern wird, die menschliche Seele dazu veranlagt sein, Imaginationen zu bilden. Viele werden diese Imaginationen für bloße Phantasie halten, für bloße Phantasiegebilde. Aber diese Imaginationen werden von der Menschenseele erzeugt werden, um diese Menschenseele allmählich zu führen in das Reich der geistigen Welt. Daß dies in der fünften nachatlantischen Zeit besteht, das beruht auf einer gewissen Tatsache, auf einer Tatsache, welche von der Geisteswissenschaft durchschaut werden kann, welche sich noch lange nicht — aber später wird das der Fall sein — der äußeren Physiologie ergeben wird, welche aber doch von Geisteswissenschaft schon jetzt ins Auge gefaßt werden kann. Die ganze menschliche Gesamtkonstitution des Organismus ist tatsächlich gegenüber der Gesamtkonstitution der griechisch-lateinischen Periode, die im 8. vorchristlichen Jahrhundert begann, im 15. nachchristlichen Jahrhundert schloß, wirklich eine andere geworden. Das läßt sich heute allerdings erst erkennen durch das schauende Bewußtsein; aber es läßt sich eben erkennen.
[ 7 ] On the other hand, however, in this fifth post-Atlantean epoch—which, as we have heard, will last for many centuries to come—the human soul will be just as inclined to form imaginations. Many will regard these imaginations as mere fantasy, as mere figments of the imagination. But these imaginations will be generated by the human soul in order to gradually lead that human soul into the realm of the spiritual world. That this is the case in the fifth post-Atlantean epoch is based on a certain fact—a fact that can be discerned by spiritual science, a fact that is still far from being acknowledged by external physiology (though this will be the case later), but which can nevertheless already be taken into account by spiritual science. The entire human constitution of the organism has in fact become truly different from that of the Greco-Latin period, which began in the 8th century B.C. and ended in the 15th century A.D. This can, of course, only be recognized today through the contemplative consciousness; but it can indeed be recognized.
[ 8 ] Der Mensch besteht ja im wesentlichen aus demselben erdartigen, wasserartigen, luftartigen, wärmeartigen Elemente wie die äußere Natur. Er wird durchdrungen ebenso vom Lichtartigen, er wird durchdrungen vom Chemisch-Gesetzlichen, er wird durchdrungen vom Lebendigen wie die äußere Natur. Also von dem grob Physischen wie von dem Atherischen wird der Mensch durchdrungen; nur feine Verschiedenheiten stellen sich heraus in der menschlichen Konstitution in den aufeinanderfolgenden Zeiträumen der menschlichen Entwickelung. So sehr die Menschen heute im allgemeinen in der Natur an Evolution glauben, so wenig sind sie geneigt, auf die feinere Gestaltung innerhalb der Evolution einzugehen. Der Leib des Menschen in der Verbindung mit Seele und Geist war doch ganz anders in der griechisch-lateinischen Periode als während unserer jetzigen fünften nachatlantischen Periode. Der Hauptunterschied liegt darinnen, daß während der griechischlateinischen Zeit dasjenige, was als erdartiges Element bezeichnet werden kann, also dasjenige, welches im Gegensatze zu dem wäßrigen Elemente die erdartige Konstitution, den festen Zusammenhalt hat, insofern dies im menschlichen Organismus ist, eng an dasjenige gebunden war, was man den Lebensäther nennen kann. So daß man also sagen kann, wenn man die alte — heute ja angefochtene, aber was geht uns das an? — Bezeichnung Erde und Lebensäther beibehält: Es fand ein enges Zusammenwirken des Lebensäthers mit dem erdartigen, also mit dem festen Elemente im Menschen während der griechisch-lateinischen Entwickelung bis ins 15. Jahrhundert statt. Und die Eigentümlichkeit des gegenwärtigen Menschen besteht darinnen, daß eine Lockerung eintritt zwischen dem Lebensäther und dem erdartigen Elemente. Also eine Lockerung tritt ein. Der Lebensäther beim heutigen Menschen ist nicht mehr so fest verbunden mit dem erdartigen Elemente, als er verbunden war mit diesem während der griechisch-lateinischen Kulturepoche.
[ 8 ] Human beings essentially consist of the same earth-like, water-like, air-like, and heat-like elements as the external natural world. They are permeated just as much by the light-like, by chemical laws, and by the living as the external natural world is. Thus, human beings are permeated by both the grossly physical and the etheric; only subtle differences emerge in the human constitution across the successive periods of human evolution. As much as people today generally believe in evolution in nature, they are just as reluctant to delve into the finer nuances within that evolution. The human body, in its connection with soul and spirit, was, after all, quite different in the Greco-Latin period than it is during our present fifth post-Atlantean period. The main difference lies in the fact that during the Greco-Latin period, what can be described as the earth-like element—that is, the element which, in contrast to the watery element, possesses the earth-like constitution and solid cohesion—was, insofar as it is present in the human organism, closely bound to what can be called the life-ether. So one can say—if one retains the old terms “earth” and “life ether” (which are contested today, but what does that matter to us?)—that there was a close interaction between the life ether and the earth-like, that is, the solid element in human beings during the Greco-Latin period of development up through the 15th century. And the distinctive feature of modern human beings is that a loosening is taking place between the life ether and the earth-like element. So a loosening is taking place. The life ether in modern human beings is no longer as firmly connected to the earth-like element as it was during the Greco-Latin cultural epoch.


[ 9 ] Diese Dinge lassen sich feststellen. Ich will aber heute Ihre Gedanken mehr auf ein anderes Gebiet lenken und gerade auf dieses morgen wiederum zurückkommen, um Ihnen einiges Begründende da zu sagen für diese Tatsache, die ich eben angeführt habe: daß sich dasjenige, was der Mensch in seinem Gesamtorganismus wegen des Lebensäthers, der in ihm ist, erlebt, in unserer Zeit viel mehr, als das in der griechischlateinischen Zeit der Fall war, trennt von dem, was infolge des erdartigen Elementes erlebt wird. Dadurch aber wird es herbeigeführt, daß die Erlebnisse vermöge des erdartigen Elementes bedingen das reine Hinschauen auf die äußere Welt. Gerade weil das erdartige Element herausgelockert wird, wird das Hinschauen auf die durch Hypothese ungetrübten Urphänomene ermöglicht. Und weil der Lebensäther sich absondert, wird in diesem abgesonderten Lebensäther erlebt werden können dasjenige, was den Menschen durchdringt mit Imaginationen, die da wurzeln in der übersinnlichen Welt. Gerade durch diese Lockerung ist dies der Fall.
[ 9 ] These things can be established. But today I would like to direct your thoughts more toward another area and return to this very topic tomorrow, in order to offer you some supporting arguments for the fact I have just mentioned: that what a human being experiences throughout their entire organism due to the life ether within them is, in our time, much more distinct from what is experienced as a result of the earth-like element than was the case in the Greco-Roman era. This, however, brings about the situation where experiences arising from the earth-like element necessitate a pure observation of the external world. Precisely because the earth-like element is being loosened, it becomes possible to observe the primordial phenomena unclouded by hypothesis. And because the life ether is separating, it will be possible to experience within this separated life ether that which permeates the human being with imaginations rooted in the supersensible world. It is precisely through this loosening that this is the case.
[ 10 ] Nun, bei denjenigen Kulturen, die von den westlichen Ideen beherrscht sind (siehe Schema Seite 252), neigt die menschliche Organisation, weil sich diese immer einseitig ausbildet, mehr dahin, die Aufmerksamkeit auf dasjenige zu lenken, was vermöge des erdartigen Elementes im Menschen erlebt wird. Bei denjenigen Kulturen, die nach dem Bösen, dem Tod, der Befreiung, der gegenseitigen Hilfeleistung hingeneigt sind, da neigt die Natur durch ihre natürlichen Anlagen dazu, die Aufmerksamkeit mehr auf dasjenige zu richten, was infolge des Lebensäthers erlebt werden kann. Das sind die beiden Einseitigkeiten: die Einseitigkeit des Westens, die mehr infolge des irdischen, des erdartigen Elementes im Menschen erlebt wird, die Einseitigkeit des Ostens, die mehr infolge des einseitigen Erlebens im Lebensäther erlebt wird.
[ 10 ] Now, in those cultures that are dominated by Western ideas (see diagram on page 252), human organization—because it always develops in a one-sided manner—tends more toward directing attention to what is experienced through the earth-like element in human beings. In cultures inclined toward evil, death, liberation, and mutual aid, nature, through its inherent tendencies, tends to direct attention more toward what can be experienced as a result of the life ether. These are the two one-sided tendencies: the one-sided tendency of the West, which is experienced more as a result of the earthly, earth-like element in human beings, and the one-sided tendency of the East, which is experienced more as a result of the one-sided experience in the life ether.
[ 11 ] In tiefste Geheimnisse der Evolution unseres Zeitraumes führen uns gerade diese Betrachtungen hinein. Und sie müssen wohl ins Auge gefaßt werden, denn dadurch droht gewissermaßen der Menschheit die einseitige Geltendmachung von polar einander entgegengesetzten Impulsen. Heute ist diese Evolution, des einen und des anderen, noch nicht besonders weit, aber für den, der nicht gegenüber dem Leben VogelStrauß-Politik treiben will, sich betäuben will gegenüber dem Anblick der Wirklichkeit, doch schon deutlich wahrnehmbar, wenn er nur die Begriffe hat, um die Dinge zu beherrschen. Es entwickelt sich auf der einen Seite immer mehr und mehr der Drang, nur das Sinnlich-Wirkliche gelten zu lassen, auf der anderen Seite der Drang, nur dasjenige, was aus der imaginativen Welt kommt, gelten zu lassen als das Berechtigte nicht nur in der Erkenntnis — da vielleicht sogar noch am wenigsten —, aber in alle dem, was das Leben durchdringt und durchgestaltet, was man gerade ins soziale Leben eindrängen will. Darinnen entwikkeln sich diese Dinge. Es ist für die eine Gruppe, die links stehende (Seite 252), schon deutlich zu sehen; für die andere Gruppe sind wir erst sehr im Beginne einer anderen Einsicht. Der eine Impuls geht dahin, wenigstens für die Erkenntnis das imaginative Leben zu bekämpfen und nur gelten zu lassen das bloße Phänomen. Sie sehen diese Tendenz rein ausgesprochen, wenn Sie all dasjenige ins Auge fassen, was Darwin selbst geschrieben hat. Denn Hypothesen, Theorien hat ja erst der Haeckelismus in den Darwinismus hineingebracht. Bei Darwin haben wir immer die Sehnsucht, die Phänomene zu beschreiben. Er zieht nur die großen Linien aus den Voraussetzungen heraus, auf die ich Sie neulich aufmerksam gemacht habe, und er zieht die großen Linien nach dem, was das Leben anstrebt innerhalb dieser Kulturgemeinschaft, nun wiederum nur das äußere Physische gelten zu lassen und immer mehr und mehr den Blick nur auf das äußere Physische zu richten, zu bekämpfen die imaginative Welt, auszumerzen die imaginative Welt, auszumerzen auch aus dem sozialen Leben. Und so entsteht, ich möchte sagen, aus diesem Begriffskomplex heraus ein ganz bestimmtes Menschenideal, ein Menschenideal, das sich in alles hineinfrißt und alles durchdringen will, das den Menschen in einer bestimmten Weise zu einem Erkennenden machen will, einem solchen Erkennenden, der die äußere physische Welt überschaut, aber mit Bezug auf alles dasjenige, was in die geistige Welt hineinführt, ablehnend sich verhält. Manchmal täuscht er sich darüber hinweg, daß er sich eigentlich ablehnend verhält, indem er allerlei Worte prägt für sonderbare Begriffe, die geistig, oftmals sogar mystisch sein sollen, die aber in Wirklichkeit doch auf nichts anderes hinauslaufen als auf dasjenige, was ich jetzt charakterisiert habe.
[ 11 ] It is precisely these reflections that lead us into the deepest mysteries of evolution in our time. And they must certainly be taken into account, for they threaten humanity, in a sense, with the one-sided assertion of polar, mutually opposing impulses. Today, this evolution—of both impulses—has not yet progressed very far, but for those who do not wish to bury their heads in the sand when it comes to life, who do not wish to numb themselves in the face of reality, it is already clearly perceptible—provided they possess the concepts necessary to grasp these matters. On the one hand, there is an ever-increasing urge to accept only the sensually real; on the other hand, there is an urge to accept only that which comes from the world of the imagination as legitimate—not only in knowledge (where this may be least evident), but in everything that permeates and shapes life, particularly in what one seeks to introduce into social life. This is where these things are developing. For one group—the one on the left (page 252)—this is already clearly visible; for the other group, we are only just at the very beginning of a different insight. One impulse is to combat the imaginative life, at least in the realm of knowledge, and to accept only the mere phenomenon. You can see this tendency expressed quite clearly when you consider everything that Darwin himself wrote. For it was Haeckelism that first introduced hypotheses and theories into Darwinism. With Darwin, we always find the desire to describe the phenomena. He merely draws the broad outlines from the premises to which I recently drew your attention, and he draws these broad outlines based on what life strives for within this cultural community—namely, to accept only the external physical reality and to focus more and more exclusively on the external physical, to combat the imaginative world, to eradicate the imaginative world, and to eradicate it from social life as well. And so, I would say, a very specific ideal of humanity emerges from this complex of concepts—an ideal that seeks to eat its way into everything and permeate everything, that seeks to make human beings, in a certain way, into knowers—knowers who survey the external physical world but adopt a dismissive attitude toward everything that leads into the spiritual world. Sometimes he deludes himself into thinking that he is not actually adopting a dismissive attitude, by coining all sorts of words for strange concepts that are supposed to be spiritual, often even mystical, but which in reality amount to nothing other than what I have just characterized.
[ 12 ] Das ist zum Beispiel bei der Bergsonschen Philosophie der Fall. Gewiß, bei der Bergsonschen Philosophie glauben heute viele, sie sei eine Art Mystik und stelle sich als eine Art Mystik in das gegenwärtige Leben herein. Aber nicht darauf kommt es an, was man über etwas meint, sondern was in der Realität herauskommt. Und gerade nicht zu einer Widerlegung, sondern zu einer Stütze einer bloß positivistischen Weltanschauung wird dennoch diese vermeintliche Mystik führen.
[ 12 ] This is the case, for example, with Bergson’s philosophy. Certainly, many people today believe that Bergson’s philosophy is a kind of mysticism and that it intrudes into contemporary life as such. But what matters is not what one thinks about something, but what actually results in reality. And this supposed mysticism will nevertheless lead not to a refutation, but to a support of a purely positivist worldview.
[ 13 ] Gewiß, es liegen in diesem Kulturimpuls alle Elemente, das Urphänomenale herbeizuführen; aber es bereitet sich darin auch die Einseitigkeit vor, alles Imaginative zum Phantasieprodukt zu stempeln und es vom sogenannten Wissenschaftlichen auszumerzen, und das mit Bezug auf den Menschen als einem Erkennenden.
[ 13 ] Certainly, this cultural impulse contains all the elements necessary to bring about the primordial phenomenal; but it also gives rise to the one-sided tendency to label everything imaginative as a product of the imagination and to eradicate it from what is called science—and this with regard to human beings as knowing beings.
[ 14 ] Auch mit Bezug auf den Menschen als einem Handelnden, als einem sozialen Wesen, bereitete sich das vor, daß immer mehr und mehr das Prinzip der bloßen Nützlichkeit des Erlebens und Handelns in dem, was äußerlich wahrnehmbar ist, was äußerlich da ist, was für den Menschen Wert hat zwischen Geburt und Tod, in den Vordergrund tritt, und alles andere gewissermaßen nur dazu da sein soll, damit in der richtigen Weise in eine glückseligmachende Welt oder in eine Nützlichkeitswelt eingespannt ist, was in der Sinneswelt da ist. Gesetze, Ideale werden gemacht, um gewissermaßen das Sinnlich-Wirkliche besser genießen zu können. Diesen Zug, man kann ihn sowohl bei den Ütopisten wie auch bei den Sozialisten des Westens deutlich wahrnehmen. Überall dringt. er durch, ich möchte sagen von Moras bis Comte, von Adam Smith bis Karl Marx, überall tritt er in der Theorie auf. Aber er tritt auch in den Lebensgewohnheiten auf, er durchsetzt das soziale Fühlen, das soziale Denken, aber auch das Handeln. Und man kann sagen: Das Ideal vom Menschen, das sich herausbildet unter dem Einflusse dieser Impulse, die hier durch ein paar Abstraktionen notdürftig angedeutet sind, das ist das Gespenst, könnte man sagen, des Bourgeois, der wie eine Art Ideal spukt überall da, wo der charakterisierte einseitige Impuls einseitig sich ins Dasein treiben will. Nur eine Hinwegtäuschung über Wesentlichstes ist es, wenn heute der Sozialist oftmals meint, er sei nicht mehr beherrscht von dem Bourgeois-Ideal. Er strebt oftmals gerade erst recht dem Bourgeois-Ideal zu, indem er für sich auch haben will nach und nach, was dem Bourgeois zuteil wurde durch die Zeit, in welcher der Bourgeois eben heraufgekommen ist. Der Bourgeois erkennt die Sinnenwelt und betrachtet dasjenige, was für ihn geltend ist. Begriffe und Ideen sind nur dazu da, die Sinnenwelt mit Klammern zusammenzuhalten. Der Bourgeois erlebt sich in dem, was für die Zeit zwischen Geburt und Tod wesentlich ist, und betrachtet alles übrige, was an sozialen Einrichtungen, an sozialen Idealen ausgedacht werden kann, insoweit, als es fördern kann dasjenige, was zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist.
[ 14 ] Even with regard to human beings as agents, as social beings, the groundwork was laid for the principle of the mere utility of experience and action—in what is externally perceptible, what is externally present, what has value for human beings between birth and death—to come increasingly to the fore, and everything else is, as it were, meant to exist solely so that what is present in the sensory world may be properly harnessed to a world that brings happiness or to a world of utility. Laws and ideals are created, as it were, to better enjoy the sensory-real. This tendency can be clearly perceived among both the utopians and the socialists of the West. It permeates everything—I would say from Mora to Comte, from Adam Smith to Karl Marx—it appears everywhere in theory. But it also appears in everyday habits; it permeates social feeling, social thought, and also action. And one can say: The ideal of humanity that takes shape under the influence of these impulses—which are here only roughly indicated by a few abstractions—is, one might say, the specter of the bourgeois, which haunts, like a kind of ideal, wherever this characterized, one-sided impulse seeks to drive itself one-sidedly into existence. It is nothing but a delusion about the most essential things when socialists today often believe they are no longer dominated by the bourgeois ideal. They often strive all the more toward the bourgeois ideal by gradually seeking for themselves what the bourgeoisie attained during the very period in which the bourgeoisie first rose to prominence. The bourgeois recognizes the sensory world and considers what is relevant to him. Concepts and ideas exist only to hold the sensory world together with brackets. The bourgeois experiences himself in what is essential for the period between birth and death, and regards everything else—whatever social institutions or social ideals may be conceived—only insofar as it can promote that which is enclosed between birth and death.
[ 15 ] Viele, die heute tief drinnenstecken in diesem Ideale des Bourgeoistums, werden sich in ihrem Bewußtsein furchtbar dagegen wehren. Aber auf sie ist anwendbar, vielleicht nur variiert, dasselbe, was der Mephisto sagt: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.» So merken die Menschen oftmals dasjenige nicht, wovon sie am meisten beeinflußt sind.
[ 15 ] Many who are today deeply entrenched in this ideal of bourgeoisie will, in their minds, fiercely resist it. But what Mephisto says applies to them as well—perhaps in a slightly different form: “The little people never sense the devil, even if he had them by the collar.” Thus, people often fail to notice the very thing that influences them the most.
[ 16 ] Nun, ich habe Ihnen das letzte Mal charakterisiert, wie auch das Spirituelle, wenn man das erreicht hätte, was gewisse Kreise mit der Blavatsky wollten, was aber dann durchkreuzt worden ist, wie auch das Geistige in den Dienst des reinsten Bourgeois-Ideales hätte gestellt werden sollen: Da hätten eben errichtet werden sollen Auskunftsstellen, in denen man die Medien benützt hätte, damit man auf diese Weise «durch Geistes Kraft und Mund» so manches Börsen- und sonstige Geheimnis für das Leben erfahren hätte. Daß übrigens dieser Drang nicht gar so ohne Widerhall in den Herzen der gegenwärtigen Menschen ist, dafür ließen sich sogar viele dokumentarische Beweise anführen; denn die Briefe sind nicht so selten, die bei mir einlaufen von Leuten, die immer wieder und wiederum schreiben, sie seien um ihr Vermögen gekommen und ich möchte ihnen für diese oder jene Lossorte angeben, aus Kundgebungen der geistigen Welt heraus, welche Nummer gezogen werden wird, und ähnliche Dinge. Sie lachen darüber, aber diese Dinge sind nicht so ganz selten, und vor allen Dingen aus solchen Gesellschaftskreisen heraus, daß Sie oftmals staunen würden, wenn man Ihnen die Titel anführen würde der Menschen, die solches und ähnliches schreiben.
[ 16 ] Well, last time I described to you how, had certain circles achieved what they wanted with Blavatsky—which was ultimately thwarted—the spiritual realm would have been placed in the service of the purest bourgeois ideal, just as the mental realm would have been: Information centers would have been set up in which mediums would have been used so that, in this way, “through the power and voice of the spirit,” one could have learned many a stock market secret and other mysteries of life. Incidentally, there is plenty of documentary evidence to show that this urge is not entirely without resonance in the hearts of people today; for it is not uncommon for me to receive letters from people who write again and again, claiming they have lost their fortunes and asking me to tell them, based on revelations from the spiritual world, which number will be drawn for this or that lottery, and similar things. You may laugh at this, but such occurrences are not entirely uncommon—and especially among certain social circles—so much so that you would often be astonished if you were told the names of the people who write such things and similar requests.
[ 17 ] Also auch das Spirituelle, die Kraft, hineinzuschauen in die geistige Welt, sie wird nicht ins Auge gefaßt von diesem einseitigen Impuls so, daß man hineinkommen soll in die geistige Welt, sondern daß man, wenn es schon solche Kräfte gibt, sie hereinfaßt in die physische Welt, um die physische Welt mit Bezug auf das Prinzip der Nützlichkeit zu fördern. Das ist eine Einseitigkeit. Ich will sie zunächst heute abstrakt schildern, morgen wird es konkreter sein.
[ 17 ] So even the spiritual—the power to look into the spiritual world—is not conceived by this one-sided impulse as a means of entering the spiritual world, but rather, if such powers do exist, as a means of bringing them into the physical world in order to advance the physical world in accordance with the principle of utility. That is a one-sided view. I want to describe it abstractly today; tomorrow it will be more concrete.
[ 18 ] Die andere Einseitigkeit, welche der Evolution der fünften nachatlantischen Periode droht, ist diese, welche eben in einseitiger Weise unter dem Einfluß jener Begriffe und Ideen steht, wo die großen Errungenschaften der phänomenalen Welt mehr abgelehnt werden, dafür aber die Pflege der Imaginationen vor allen Dingen in Aussicht genommen wird. Das steht noch viel mehr am Anfange als die andere Einseitigkeit. Aber wer die Entwickelung des russischen Geisteslebens kennt, der kennt auch die mannigfaltigen Einseitigkeiten auf diesem Gebiete. Denn innerhalb mancher östlicher Kreise bildet sich immer mehr und mehr die Anlage zu bedeutsamen Imaginationen heraus. Welche Gestalt solche Imaginationen annehmen, davon kann sich jeder überzeugen, der — was ich empfehlen möchte — den ersten Band der Übersetzung Solowjows liest; in den «Drei Gesprächen», am Schluß des Bandes, da werden Sie finden, wie diesem bedeutendsten russischen Philosophen wirklich bedeutende, bedeutsame Imaginationen aufgehen, Dieses Hineindringen in die geistige Welt, wenn es auch vielfach einseitig, wenn es auch vielfach schief ist — darauf kommt es jetzt nicht an, sondern darauf kommt es an, daß das sich als gewisse Anlage herausbildet. Das ist charakteristisch für den anderen einseitigen Impuls unserer Evolution der fünften nachatlantischen Periode. Da wird sich mehr ein Leben herausbilden, welches wenig Wert legt auf die Weltenphänomene, dagegen immer mehr und mehr Wert legt auf dasjenige, was der Mensch an Imaginationen aus sich selbst heraussetzt, Imaginationen, die sich oftmals bis zum visionären Leben steigern können. Da wird sich eine besondere Vorliebe für solches visionär gestaltete Leben mit all dem herausbilden, was solches im Gefolge hat.
[ 18 ] The other form of one-sidedness that threatens the evolution of the fifth post-Atlantean period is the one that is one-sidedly influenced by those concepts and ideas in which the great achievements of the phenomenal world are rejected, while the cultivation of the imagination is prioritized above all else. This is still in its very early stages, much more so than the other one-sidedness. But anyone familiar with the development of Russian intellectual life is also familiar with the manifold one-sidednesses in this area. For within many Eastern circles, the predisposition toward significant imaginings is emerging more and more. Anyone who reads—as I would recommend—the first volume of Soloviev’s translation can see for themselves the form such imaginings take; in the “Three Conversations,” at the end of the volume, you will find how truly significant, profound imaginations arise in this most important Russian philosopher. This penetration into the spiritual world—even if it is often one-sided, even if it is often skewed—that is not what matters now; what matters is that this is emerging as a certain predisposition. This is characteristic of the other one-sided impulse in our evolution during the fifth post-Atlantean period. A way of life will emerge that attaches little value to worldly phenomena, but instead places ever greater value on the imaginations that human beings bring forth from within themselves—imaginations that can often rise to the level of a visionary life. A particular preference will develop for such a visionary way of life, along with everything that accompanies it.
[ 19 ] Dasjenige, was unter dem westlichen Impulse steht, das sieht ab von den geistigen Zusammenhängen, geht auf das Physisch-Sinnliche; was da das einzelne ist, muß daher die geistigen Zusammenhänge, weil sie ja nur physisch zutage treten sollen, in die physischen Kräfte aufnehmen, das heißt es muß möglichst in die Machtorganisation des sozialen Lebens das Geistige hineinfließen. Daher strebt diese einseitige Machtorganisation nach großen Imperien, nach mächtigen Organisationen, welche die einzelne Individualität vernichten. Wenn solche Dinge heute erst im Anfange sind und sie daher derjenige, der sie nicht sehen will, nicht sehen kann, so tut das nichts für die Erkenntnis des Wahrhaftigen. Im Osten dagegen ist das Geistige unmittelbar im einzelnen individuellen Menschen gegeben. Der Mensch kann ja nur in seiner Individualität das Geistige real machen hier in der physischen Welt. Daher strebt alles dasjenige, was unter dem Einfluß dieser Impulse steht, zur Auflösung der äußeren Machtorganisationen, zur Auflösung alles dessen, was durch Verträge, Gesetze, Staatsorganiisationen und so weiter die Menschen zusammenhalten will, strebt viel mehr zu dem Sektiererischen, zu dem Vereinzelten hin, zur Negation der äußeren Machtorganisation. Solche Dinge kaschieren sich oftmals. Wenn aber im Osten heute große Machtzusammenhänge, Machtorganisationen auftreten, so ist das zunächst nur eine Reaktion gegen das eigentliche Prinzip des Ostens, lauter kleine Gemeinschaften mit sektiererischem Charakter zu bilden, nicht nur auf dem Gebiete des religiösen Lebens, sondern auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens, der Ansichten über das gewöhnlichste, alltäglichste Zusammenleben. Das strebt alles nach Auflösung des Imperialistischen. Und das Menschheitsideal, das sich da heranbildet, das ist dasjenige des Menschen, der durch das Leben gehen will, um sich vom Leben zu befreien, um als ein möglichst Starker durch den Tod hindurchzugehen, um als ein möglichst Starker die Impulse des Bösen zu überwinden, Befreiung zu suchen von dem, was nur Gültigkeit hat zwischen Geburt und Tod. Das wird innerhalb dieser Kulturgemeinschaften angestrebt: durch das Leben zu gehen so, daß sich der Mensch ganz auf die in seinem Innern sich losringende imaginative Welt stellen kann, gewissermaßen eine Art Kosmos, seelischen Kosmos in seinem Innern ausbildet, unbekümmert um die äußeren Zusammenhänge. Während einerseits äußere Zusammenhänge immer wichtiger und wichtiger sein werden, während man immer mehr träumen wird von äußeren Zusammenhängen und immer mehr und mehr die Seligkeit in äußeren Zusammenhängen suchen wird, wird andrerseits immer auftreten das «Durchgehenwollen» durch das menschliche Leben. Während im Westen das Menschheitsideal der Bourgeois ist, ist im Osten das menschheitliche Ideal — ich kann zunächst kein anderes Wort bilden als — der Pilger, wie man in manchen deutschen Dialekten sagt: der «Bilcher», der durch das Leben pilgert, der das Leben auch als eine Pilgerschaft ansieht, und der im Grunde genommen pilgert, bis er durch das Tor des Todes geht, um da mit starker Seele, die alle Erlebnisse getragen hat, in die rechte Befreiung einzugehen. Wenn er sich einseitig ausbilden wird, dieser Impuls, wird er das feste Stehen in dem anderen Impuls verleugnen.
[ 19 ] That which is driven by Western impulses disregards spiritual connections and focuses on the physical and sensory; what is individual there must therefore incorporate spiritual connections—since they are meant to manifest only physically—into physical forces; that is, the spiritual must flow as much as possible into the power structure of social life. Consequently, this one-sided power structure strives for vast empires and powerful organizations that destroy individuality. Even if such developments are only in their infancy today—and thus cannot be seen by those who refuse to see them—this does nothing to advance the recognition of truth. In the East, by contrast, the spiritual is present directly within each individual human being. After all, it is only through their individuality that human beings can make the spiritual a reality here in the physical world. Therefore, everything under the influence of these impulses strives toward the dissolution of external power structures—toward the dissolution of everything that seeks to bind people together through treaties, laws, state organizations, and so on—and strives much more toward sectarianism, toward isolation, and toward the negation of external power structures. Such things are often concealed. But when large power structures and organizations emerge in the East today, this is initially merely a reaction against the very principle of the East—namely, to form numerous small communities of a sectarian nature, not only in the realm of religious life but also in the realm of social life and in views regarding the most ordinary, everyday coexistence. All of this strives toward the dissolution of the imperialist order. And the ideal of humanity that is taking shape there is that of the human being who wishes to go through life in order to free himself from life, to pass through death as strong as possible, to overcome the impulses of evil as strong as possible, and to seek liberation from that which has validity only between birth and death. This is what is sought within these cultural communities: to go through life in such a way that the human being can devote himself entirely to the imaginative world struggling within him—in a sense, forming a kind of cosmos, a spiritual cosmos within himself—unconcerned with external circumstances. While, on the one hand, external circumstances will become increasingly important, and while people will dream more and more of external circumstances and seek bliss in them more and more, on the other hand, the “desire to pass through” human life will always arise. While in the West the ideal of humanity is the bourgeois, in the East the ideal of humanity is—I can’t think of another word for it at the moment—the pilgrim, as they say in some German dialects: the “Bilcher,” who makes a pilgrimage through life, who regards life itself as a pilgrimage, and who, in essence, continues on this pilgrimage until he passes through the gate of death, so that there, with a strong soul that has borne all his experiences, he may enter into true liberation. If this impulse develops one-sidedly, it will deny a firm grounding in the other impulse.
[ 20 ] Das sind die beiden Einseitigkeiten: auf der einen Seite das bloße Leben in dem Phänomen, in den Erscheinungen, auf der anderen das bloße Leben in den Imaginationen, die nicht anknüpfen wollen an das äußere Leben. Und was droht, weil in der Welt alles aufeinanderstoßen muß, das ist, daß diese beiden einseitigen Impulse miteinander in Kampf treten, immer mehr und mehr in den Kampf treten. Dieser Kampf wird überhaupt eine der Signaturen des fünften nachatlantischen Zeitraums sein. Von der einen Seite immer mehr und mehr das Bestreben, Zwangsorganisationen zu schaffen, von der anderen Seite das Bestreben, die Zwangsorganisationen aufzulösen. Die Sache tritt nur jetzt noch nicht so hervor, weil man immer die Vorstellung hat, das sei eine Wirklichkeit, was zum Beispiel im russischen Osten heute sich als ein scheinbar großes Reich entfaltet. Aber bei solchen Dingen stößt man ja viel mehr auf Schlagworte und auf falsche Vorstellungen als auf das, was wirklich ist. Es gibt keine größeren Gegensätze in Wirklichkeit als zwischen demjenigen, was sich im Imperialismus des europäischen und amerikanischen Westens vorbereitet, und demjenigen, was sich vorbereitet im Osten, sogar bis in den Osten Asiens hinein. Das sind volle Gegensätze. Und auch was den Westen in vieler Beziehung belebt, was man da das nationale Prinzip nennt, das betrachtet man heute als etwas gleiches oder ähnliches mit dem, was man im Osten den Panslawismus nennt. Es gibt keinen größeren Unsinn als dieses; denn der Panslawismus ist alles eher als etwas Nationales. Er ist nur scheinbar durch die Schlagworte des Westens zu etwas Nationalem auch für die Panslawisten selber gestempelt; er ist in Wirklichkeit dasjenige, was gerade auflösen wird das Nationale. So paradox diese Dinge heute noch erscheinen, weil man dasjenige, was total voneinander verschieden ist, heute oftmals als etwas gleiches bezeichnet, so paradox das erscheint, was ich zu sagen habe, so tief innerlich in den wirklich bewegenden Kräften ist es begründet. [An die Tafel geschrieben: ]
[ 20 ] These are the two one-sidednesses: on the one hand, life confined to phenomena and appearances; on the other, life confined to imaginations that refuse to connect with external life. And what looms as a threat—because everything in the world must inevitably clash—is that these two one-sided impulses will enter into conflict with one another, engaging in ever-increasing conflict. This conflict will, in fact, be one of the defining characteristics of the fifth post-Atlantean epoch. On the one hand, there will be an ever-increasing drive to create coercive organizations; on the other, a drive to dissolve them. The issue simply isn’t yet so apparent, because people still hold the notion that what is unfolding today in the Russian East, for example, as a seemingly vast empire, is a reality. But with such matters, one encounters far more slogans and false notions than what is actually real. In reality, there are no greater contrasts than those between what is taking shape in the imperialism of the European and American West and what is taking shape in the East, extending even into East Asia. These are complete opposites. And even what animates the West in many respects—what is called there the “national principle”—is today regarded as something identical or similar to what is called “Pan-Slavism” in the East. There is no greater nonsense than this; for Pan-Slavism is anything but a national phenomenon. It is only seemingly branded as something national—even by the Pan-Slavists themselves—through the catchphrases of the West; in reality, it is precisely what will dissolve the national. As paradoxical as these things may still seem today—because what is completely different from one another is often described as the same thing—and as paradoxical as what I have to say may appear, it is deeply rooted in the truly driving forces. [Written on the blackboard: ]
| I | II |
|---|---|
| Verwandtschaft | Das Böse (Leiden, Schmerz) |
| Geburt Glückseligkeit (Nützlichkeit) |
Tod Erlösung (Bestimmung) |
| Kampf um Dasein | Gegenseitige Hilfeleistung |
| Bourgeois | Indituality |
| I | II |
|---|---|
| Kinship | Evil (Suffering, Pain) |
| Birth Bliss (Usefulness) |
Death Salvation (Destiny) |
| Struggle for Existence | Mutual Aid |
| Bourgeois | Individuality |
[ 21 ] So sehen wir, wie zwei einseitige Impulse die synthetische Evolution bedrohen und mit klaren Sinnen gefaßt werden müssen, weil alle Beeriffe und Ideen und Ideale, sei es auf Erkenntnis, sei es auf sozialem Gebiete, nur richtig aufgestellt werden können für die Zukunft, wenn man sich dieser Impulse wirklich bewußt ist, wenn man weiß, daß denkt man nun nach über Recht oder Moral oder Religion oder irgendeine Naturerscheinung — diese zwei Begriffe aus dem Unterbewußten der Menschenseele immer heraufstreben und einem die Begriffe gestalten wollen. Wenn man so die Entwickelung vom vierten nachatlantischen Zeitraum, dem griechisch-lateinischen, bis herauf in unsern fünften nachatlantischen Zeitraum ins Auge faßt, kann man sagen, wiie das, was ich Ihnen ja morgen als Faktum näher begründen will, notwendigerweise in der Kultur als tonangebend heraufkommen muß. Wenn man charakteristische Erscheinungen ins Auge faßt, so kann man dieses sehen. Nehmen Sie zum Beispiel einmal eine solche Erscheinung, wie etwa ein Drama Calderons, der zwar 1681 gestorben ist, der aber ganz in seinem Schaffen Nachwirkungen darstellt desjenigen, was vierter nachatlantischer Zeitraum ist, griechisch-lateinischer Zeitraum. Fassen wir zum Beispiel folgende Darstellung von Calderon ins Auge: Der Held dieser Darstellung, Cyprianus, ist ein wissensdurstiger heidnischer Magier, der alles dasjenige studiert hat, was ein heidnischer Magier seiner Zeit studieren kann. Also dieses im Beginne des 17. Jahrhunderts geschriebene Drama stellt uns diesen Cyprianus dar, aber noch ganz im Sinne der vierten nachatlantischen Kultur, als einen heidnischen Magier, der alles durchstudiert hat «mit heißem Bemühn», und der über religiöse, über Fragen der Naturerkenntnis nun tief nachdenkt, der da wissen will, «was die Welt im Innersten zusammenhält». Und während er nach solchem Wissen strebt, erscheint ihm geistig-leiblich ein böser Dämon, der ihm verspricht, ihn wirklich einzuführen in die Welt, die er sucht, ihn finden zu lassen, «was die Welt im Innersten zusammenhält», Dieser böse Dämon, der ihm in Menschengestalt erscheint, bewirkt es, daß in Cyprianus auch die Liebe, die er bis dahin nicht gekannt hat, angefacht wird, Liebessehnsucht. Der böse Dämon entfacht in einem jungen Mädchen ebenfalls diese Liebessehnsucht, um eine Kollision mit der Cyprianischen Liebessehnsucht herbeizuführen. Und so werden wir denn im Drama zu Justine geführt, die eine wahre Christin ist. Aber der Dämon kommt an sie heran und will sie mit Faust beziehungsweise Cyprianus zusammenbringen. Sie widersteht, und der Dämon hat über sie keine Gewalt. — Das ist in Calderons Gesinnung, denn sie ist eine Christin. Da ergreift der Dämon einen Ausweg. Die Justine — Gretchen — selber kann er nicht an Cyprianus heranbringen; also nimmt er von ihr ein Phantom heraus. Das gliedert er heraus, und dieses Phantom in Menschengestalt bringt er jetzt dem Cyprianus, der nun glaubt, die Justine in seinen Armen zu haben. Aber sie zeigt sich sehr bald als eine Spukgestalt. Jetzt redet der Cyprian ungefähr so ähnlich den bösen Dämon an: Böse Gestalt, weiche von mir oder verwandle diese Spukgestalt in einen Menschen von Fleisch und Blut! — Aber der böse Dämon hat keine Gewalt über sie, nicht nur, weil Justine eben erst in der Beichte war, sondern weil sie überhaupt eine Christin ist. Und als Cyprianus das sieht, beschließt er denn auch, sich nach dem Christentum zu sehnen — er ist bisher ein heidnischer Magier —, und der Dämon kann das nicht verhindern. Nachdem er lange Prüfungen durchgemacht hat, kennengelernt hat durch ein Jahr die Geheimnisse der Natur und des Geisteswesens in der Natur, aber auch das christliche Prinzip, den christlichen Impuls sich eingefügt hat, da erscheint er gerade in derselben Zeit, in der der Vater der Justine und die Justine als Christen zum Tode verurteilt worden sind. Und er erscheint jetzt bei diesen und verlangt, Christ zu werden. Sie sterben auch zusammen. Und es erscheint der Dämon, auf einer Schlange reitend, und verkündigt noch, wie derjenige, der also den Christus-Impuls in sich aufnehmen kann, erlöst werden kann.
[ 21 ] Thus we see how two one-sided impulses threaten synthetic evolution and must be grasped with clear minds, because all concepts, ideas, and ideals—whether in the realm of knowledge or in the social sphere— can only be properly established for the future if one is truly aware of these impulses, if one knows that—whether one is now reflecting on law, morality, religion, or any natural phenomenon—these two concepts are always striving upward from the subconscious of the human soul and seek to shape one’s concepts. If one thus considers the development from the fourth post-Atlantean epoch—the Greco-Latin epoch—up to our fifth post-Atlantean epoch, one can see how what I intend to substantiate in more detail for you tomorrow as a fact must necessarily emerge as the dominant force in culture. If one considers characteristic phenomena, one can see this. Take, for example, a work such as a drama by Calderón, who died in 1681 but whose entire body of work reflects the lingering effects of the fourth post-Atlantean epoch—the Greco-Latin epoch. Let us consider, for example, the following work by Calderón: The hero of this play, Cyprianus, is a pagan magician thirsty for knowledge who has studied everything a pagan magician of his time could study. Thus, this drama, written at the beginning of the 17th century, presents Cyprianus—still entirely in the spirit of the fourth post-Atlantean culture—as a pagan magician who has studied everything “with fervent effort” and who now reflects deeply on religious matters and questions of natural knowledge, seeking to know “what holds the world together at its very core.” And as he strives for such knowledge, an evil demon appears to him—both spiritually and physically—promising to truly initiate him into the world he seeks, to let him discover “what holds the world together at its very core,” This evil demon, who appears to him in human form, causes love—which he had not known until then—to be kindled within Cyprianus: a longing for love. The evil demon also kindles this longing for love in a young girl in order to bring about a clash with Cyprianus’s longing for love. And so, in the drama, we are led to Justine, who is a true Christian. But the demon approaches her and wants to bring her together with Faust—or rather, Cyprianus. She resists, and the demon has no power over her. — This is in keeping with Calderón’s view, for she is a Christian. So the demon seizes upon a way out. He cannot bring Justine—Gretchen—herself to Cyprian; so he extracts a phantom from her. He separates it out, and this phantom in human form he now brings to Cyprian, who now believes he has Justine in his arms. But she very soon reveals herself to be a ghostly apparition. Now Cyprian addresses the evil demon in roughly these words: “Evil spirit, depart from me, or transform this ghostly apparition into a human being of flesh and blood!” — But the evil demon has no power over her, not only because Justine has just been to confession, but because she is a Christian in the first place. And when Cyprianus sees this, he decides to turn to Christianity—he has been a pagan magician until now—and the demon cannot prevent it. After undergoing long trials, having spent a year learning the mysteries of nature and the spiritual essence within nature, but also having internalized the Christian principle and the Christian impulse, he appears at precisely the same time that Justine’s father and Justine herself have been sentenced to death as Christians. And he now appears before them and demands to become a Christian. They die together as well. And the demon appears, riding a serpent, and proclaims once more how the one who can thus take in the Christ impulse within himself can be redeemed.
[ 22 ] Ich brauche natürlich nicht zu sagen, denn ich habe es schon, indem ich mich versprach, vielfach angedeutet, daß wir in diesem Calderonschen Cyprianus einen richtigen Vorboten des Faust haben. Aber ein charakteristischer Unterschied ist da, und diesen charakteristischen Unterschied wollen wir ins Auge fassen. Nicht wollen wir uns halten an dasjenige, was mancher sich ganz besonders gescheit dünkende Asthetiker über dieses Drama geäußert hat: daß es doch den modernen ästhetischen Sinn beleidigt, wenn Calderon zuletzt noch nach dem Tode von Justine und Cyprian den Dämon auf der Schlange reitend auftreten läßt, denn es genüge schon, wenn man ihn in dem Hin- und Widerspielen der Leidenschaft bis zur Tragik, zum Rein-Menschlichen hat auftreten sehen. Es brauche nun nicht der Dämon aufzutreten und das zu besiegeln. — Man kann das den ganz gescheiten Leuten der Gegenwart überlassen, die nur nicht wissen, daß die Leute dazumal, auch Calderon, sich interessiert haben für das, was dann der böse Dämon selber erlebt. Aber wie gesagt, darauf will ich mich nicht einlassen, ich will auf einen anderen Unterschied, der nun wirklich real in Betracht kommt, aufmerksam machen. Wenn man so die Justine erlebt, selbstverständlich mit den Unterschieden, die auftreten mußten, denn das eine ist ein spanisches Drama des 17. Jahrhunderts und das andere ist der Goethesche «Faust», wenn man die Dinge ins Auge faßt und sieht gewisse Ähnlichkeiten — mit Unterschieden — der Justine mit dem Gretchen zum Beispiel, so wird man unbedingt sagen: diese Gretchengestalt ist sehr ähnlich der Justinengestalt in der künstlerischen Veranlagung, in allem. Aber in der ganzen Entwickelung des Dramas ist ein beträchtlicher, wichtiger Unterschied. Cyprianus und Justine erleben gemeinschaftlich den physischen Tod, den physischen Märtyrertod, und damit schließt das Calderonsche Drama. Dann ist nur noch der Dämon auf der Schlange reitend, der das besiegelt, der das ausspricht: den Sinn davon.
[ 22 ] Of course, I need not say—for I have already hinted at it many times, even if only by slip of the tongue—that we have in Calderón’s Cyprianus a true precursor of Faust. But there is a characteristic difference, and let us examine this characteristic difference. Let us not dwell on what certain aesthetes—who consider themselves particularly clever—have said about this drama: that it offends the modern aesthetic sensibility when Calderón, after the deaths of Justine and Cyprian, has the demon appear riding a snake, for it is enough to have seen him emerge through the ebb and flow of passion—all the way to tragedy, to the purely human. There is no need for the demon to appear and seal that outcome. — One can leave that to the very clever people of the present, who simply do not know that people back then—including Calderón—were interested in what the evil demon himself then experienced. But as I said, I do not wish to get into that; I want to draw attention to another difference that is truly worth considering. When one experiences Justine in this way—of course, with the differences that were bound to arise, since one is a 17th-century Spanish drama and the other is Goethe’s Faust—and when one takes a close look and sees certain similarities—along with differences—between Justine and Gretchen, for example, one will inevitably say: this figure of Gretchen is very similar to that of Justine in her artistic disposition, in every respect. But throughout the entire development of the drama, there is a considerable, significant difference. Cyprianus and Justine experience physical death together—a physical martyr’s death—and with that, Calderón’s drama comes to a close. Then there remains only the demon riding the serpent, who seals the outcome and articulates its meaning.
[ 23 ] Bei Goethe sehen wir etwas ganz anderes. Da geht, wenn wir den ganzen «Faust» jetzt mit seinem ersten und zweiten Teil nehmen, während des Verlaufs des Dramas am Ende des ersten Teiles Gretchen durch die Pforte des Todes, und Faust entwickelt sich weiter. Und am Schlusse sehen wir, wie Faust und Gretchen zusammengeführt werden. Aber das Gretchen, das lange in der geistigen Welt oben ist als Seele, wird an Faust herangeführt. Das ist das Kühne, Große, Gewaltige, daß Goethe auch bei Fausts Ende doch Faust und Gretchen wieder zusammenführt, aber Gretchen als vor langer Zeit schon durch die Todespforte gegangene Seele. Der Mann, der Dichter der fünften nachatlantischen Zeit in Goethe ist viel geistiger als der Dichter in Calderon, der noch den Nachklang bedeutet der vierten nachatlantischen Zeit. Gewiß, hineinschauen in die geistige Welt, das konnte Calderon wohl besser als Goethe. Daher stehen auf der einen Seite Justine und Cyprianus, beide gleichzeitig durch die Pforte des Todes als physische Menschen gehend, auf der anderen Seite die geistige Welt: auf der Schlange der Dämon reitend, und sonstige auch geistige Vorgänge. Aber ich möchte sagen, die beiden sind reinlich geschieden. Und das ist überhaupt das Bedeutsame: Geistige und physische Welt sind beim vierten nachatlantischen Zeitraum, wo enge Verbindung ist zwischen dem Lebensäther und dem Erdigen, strenge geschieden. Jetzt treten die beiden Anschauungen auseinander, dasjenige, was zwischen Geburt und Tod erlebt wird, und dasjenige, was in der geistigen Welt erlebt wird. Aber es muß dafür die Beziehung, das Verhältnis auch gesucht werden. Das drückt sich so wunderbar großartig, gewaltig auch darinnen aus, daß Faust und Gretchen gar nicht gleichzeitig sterben, und dennoch der Schluß des zweiten Teiles des «Faust» Faust und Gretchen zusammenführt: geistige und physische Welt werden dichterisch ineinander verwoben; nachdem sie erst auseinandertreten, werden sie miteinander verwoben. Da haben Sie gerade in dieser Faust-Schöpfung einen der ersten großen Versuche für den fünften nachatlantischen Zeitraum, die zwei Dinge miteinander zu verbinden: die physische Welt der Phänomene, der Erscheinungen, und die geistige Welt der Imaginationen. Und das bildete für Goethe gerade die Schwierigkeit — man kann das aus seinen Gesprächen mit Eckermann ersehen —, die gewaltige Schlußimagination hinzustellen, die das längst durch die Pforte des Todes gegangene Gretchen mit dem Faust wiederum zusammenbringt, und so die ganze Welt, die Faust nach dem Tode des Gretchens erlebt hart, diese Welt der physischen Erlebnisse, die Faust nach ihrem Tode erlebt hat, auch bedeutungsvoll macht für das Gretchen. Gewiß, Faust ist ja auch tot, als er das Gretchen trifft, aber man sieht, daß die Wirksamkeit des Gretchens gedacht ist im Zusammenhange mit Faust, während alle diese Erlebnisse Fausts vom Anfang des zweiten Teils bis zu dem Tode, den er selbst durchmacht am Schlusse, im Zusammenhang mit dem, was oben in der geistigen Welt, in der ja schon Gretchen ist, gedacht sind.
[ 23 ] With Goethe, we see something entirely different. If we consider the entire Faust—both the first and second parts—we see that, as the drama unfolds, Gretchen passes through the Gate of Death at the end of the first part, while Faust continues to develop. And at the end, we see how Faust and Gretchen are reunited. But Gretchen, who has long been in the spiritual world above as a soul, is brought back to Faust. This is what is bold, grand, and powerful: that even at the end of Faust, Goethe reunites Faust and Gretchen, but presents Gretchen as a soul who passed through the gate of death long ago. The man, the poet of the fifth post-Atlantean epoch in Goethe, is far more spiritual than the poet in Calderón, who still represents the echo of the fourth post-Atlantean epoch. Certainly, Calderón was better able than Goethe to look into the spiritual world. Hence, on the one hand, there are Justine and Cyprianus, both passing through the gate of death as physical human beings at the same time; on the other hand, there is the spiritual world: riding the serpent of the demon, and other spiritual events as well. But I would like to say that the two are clearly separated. And that is what is significant: in the fourth post-Atlantean epoch, where there is a close connection between the life ether and the earthly realm, the spiritual and physical worlds are strictly separated. Now the two perspectives diverge: that which is experienced between birth and death, and that which is experienced in the spiritual world. But the relationship between them must also be sought. This is expressed so wonderfully, magnificently, and powerfully in the fact that Faust and Gretchen do not die at the same time, and yet the conclusion of the second part of Faust brings Faust and Gretchen together: the spiritual and physical worlds are poetically interwoven; after they first drift apart, they are woven together. Here, in this creation of Faust, you have one of the first great attempts of the fifth post-Atlantean epoch to unite these two things: the physical world of phenomena and appearances, and the spiritual world of imaginations. And this was precisely the difficulty for Goethe — as can be seen from his conversations with Eckermann — to create the powerful final vision that reunites Gretchen, who has long since passed through the gates of death, with Faust, and thus to make the entire world that Faust experiences after Gretchen’s death—this world of physical experiences that Faust has lived through since her death—meaningful for Gretchen as well. Certainly, Faust is also dead when he meets Gretchen, but one sees that Gretchen’s influence is conceived in connection with Faust, whereas all of Faust’s experiences—from the beginning of the second part to the death he himself undergoes at the end—are conceived in connection with what lies above in the spiritual world, where Gretchen already resides.
[ 24 ] So stellte schon Goethe zunächst dichterisch einen Geist dar, der da versucht, die zwei Einseitigkeiten miteinander zu verbinden, eine Synthesis herauszugestalten. Und gerade das kann man bei Goethe so bewußt finden. Man denke sich einmal, wie Goethe seinerseits ja auch gestrebt hat nach einer Erkenntnis der Verwandtschaft der Lebewesen, aber nicht, indem er eine bloß physische Ordnung gesucht hat, sondern indem er versuchte, durch Imaginationen diese Verwandtschaften zu befruchten, die sich ihm in der Anschauung ergeben hat. Das tritt so schön hervor im «Faust», wo wir sehen, wie Goethe dichterisch dasjenige, was ihm ja schon aufgegangen war über den Zusammenhang der lebendigen Wesen, den Faust ausdrücken läßt in den schönen Worten in «Wald und Höhle», die ich oft angeführt habe:
[ 24 ] Goethe, for his part, initially depicted—in poetic form—a spirit that seeks to unite these two one-sidednesses and to fashion a synthesis. And it is precisely this that one can so clearly discern in Goethe. Just consider how Goethe, for his part, also strove to gain an understanding of the kinship among living beings—not by seeking a merely physical order, but by attempting to enrich, through his imagination, the kinships that had revealed themselves to him in contemplation. This comes across so beautifully in Faust, where we see how Goethe poetically has Faust express—in the beautiful words from “Forest and Cave” that I have often quoted—what Goethe himself had already grasped about the interconnectedness of living beings:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely allow me to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into its deep bosom
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the quiet thicket, in the air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, crashing down, sweeps aside
Neighboring branches and trunks, crushing them as it falls,
And the hill thunders with a dull, hollow roar at its fall,
Then you lead me to the safe cave, show me
Myself, and within my own breast
Secret, profound wonders unfold.
[ 25 ] Da sehen wir die Welt der Phänomene rein aufgefaßt, aber als eine Gabe jenes erhabenen Geistes, dem sich Faust nähern will. Bewußt werden muß sich die Menschheit immer mehr und mehr, daß die äußere Natur nicht bespekuliert werden darf, denn wird sie bespekuliert, so werden sinnlose Theorien sich immer mehr und mehr Durchgang verschaffen, daß vielmehr die äußere Natur rein angeschaut werden muß, daß aber die Geheimnisse an dieser äußeren Natur aufgehen den Menschen der fünften nachatlantischen Zeit, indem aus der Seele aufsteigen Imaginationen, welche den Geist der Natur enthüllen werden. Von zwei Seiten her wird der Mensch dasjenige kennenlernen, was sein Erkennen, sein Wissen und sein soziales Leben erbildet: von seiten eines immer weiter und weitergehenden Erkennens der äußeren Zusammenhänge der unmittelbaren sinnlichen Welt, und von seiten des Fassens von wirklichen, aus der geistigen Welt stammenden Imaginationen. Diese Betrachtungen wollen wir dann morgen weiter fortsetzen. Ich wollte heute vorzugsweise vorbereitende Begriffe geben, und morgen wollen wir dann mehr in das Konkrete des geistigen Lebens übergehen.
[ 25 ] Here we see the world of phenomena viewed in its pure form, but as a gift from that sublime spirit to which Faust seeks to draw near. Humanity must become increasingly aware that external nature must not be speculated upon, for if it is speculated upon, senseless theories will gain more and more ground; rather, external nature must be purely contemplated, and the mysteries of this external nature will be revealed to the people of the fifth post-Atlantean epoch as imaginations rise from the soul to unveil the spirit of nature. From two directions, human beings will come to know what constitutes their cognition, their knowledge, and their social life: on the one hand, through an ever-expanding understanding of the external interrelationships of the immediate sensory world, and on the other hand, through the grasping of real imaginations originating in the spiritual world. We will then continue these reflections tomorrow. Today I wanted primarily to introduce preparatory concepts, and tomorrow we will then move more into the concrete aspects of spiritual life.
