Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171
28 Oktober 1916, Dornach
Vierzehnter Vortrag
[ 1 ] Solch eine Szene im «Faust» wie die, welche den Faust führt zum Anschauen des Erdgeistes, sie kann in unserer Zeit sehr wohl die Gedanken auslösen, die sich anschließen sollten an manche Betrachtungen, die wir in der letzten Zeit hier angestellt haben. Faust hat vor sich den Erdgeist. Und wir sehen, daß er aus der Anschauung gewisser die Meditation erregender Dinge, die ihm, wie es da heißt im «Faust», aus dem Buche von Nostradamus werden, in jenen Zustand versetzt wird, durch den ihm das anschaulich werden kann, was als Erdgeist zu ihm spricht. Nun, ich habe ja über diese Dinge hier schon gesprochen und will heute nur ausgehen von dem Gedanken an den Erdgeist. Unsere gegenwärtige Zeitbildung wird mit solch einer Szene ja sehr bald fertig, indem sie eine für diese gegenwärtige Zeitbildung sehr bequeme Formel immer wieder und wiederum wiederholt. Diese gegenwärtige Zeit sagt einfach: Nun ja, dem Dichter gestattet eben die Phantasie, dasjenige, was niemals eine Wirklichkeit sein kann, vor unsere Seele hinzuzaubern. — Für Goethe enthielt eine solche Formel den Gipfelpunkt alles Trivialen, denn für Goethe lag in all dem, was er über die Beziehung des Faust zum Erdgeist entwickeln wollte, eine tiefe, eine bedeutungsvolle Wirklichkeit. Und nur wie diese Wirklichkeit jetzt ganz im Sinne Goethes vorzustellen ist, davon möchte ich einleitungsweise einige Worte sprechen.
[ 2 ] Goethe war schon in der Zeit, als er die Szene über den Erdgeist niedergeschrieben hatte, in all dem, was man damals — ich habe das schon erwähnt — wissen konnte über gewisse Zusammenhänge des Menschen mit der geistigen Welt, wohl unterrichtet; er hatte sich sorgfältig darüber unterrichtet. Und ob er nun mehr oder weniger sich diese Dinge zum ganz deutlichen Bewußtsein gebracht hat, ob er sie mehr oder weniger in völlig deutlichen Worten hätte aussprechen können, so wie wir diese Dinge heute aussprechen, darauf kommt es ja, wenn man Rücksicht nimmt auf die Zeit, in der Goethe lebte, nicht an. Aber darauf kommt es an, daß er völlig im Sinne richtiger Anschauungen die Szene gedichtet hat. Wenn man sich das in Wirklichkeit vorstellen will, so kann das in der folgenden Art geschehen. Man muß sich vorstellen: Durch dasjenige, was dem Faust an Anschauungen wird aus diesem sogenannten Buch des Nostradamus, wird im Zusammenhange mit Seelenübungen, die Faust selbstverständlich schon früher gemacht hat, der Ätherleib freigelegt, losgetrennt zum Teil von dem physischen Leib, wie es zu einer Anschauung der geistigen Welt notwendig ist. Dadurch aber wird der Mensch in einen ätherischen Zusammenhang gebracht mit der Außenwelt und er erlebt wirklich das Dasein, die Wirksamkeit geistiger Wesenheiten, die in der ätherischen Welt allein sich verkörpern können, deren Verkörperung nicht bis zur physischen Welt herunterkommt. Das ist der Fall bei dem, was sich Goethe unter dem Erdgeiste vorstellt, eine geistige Wesenheit, welche nur herunterkommt bis zur ätherischen Welt. So muß sich also Faust bereit machen, das Leben und Weben der ätherischen Welt in diesem Augenblicke zu schauen. Und das tut er. Es ist also wirklich ein Zusammenspielen des Erdgeistes mit dem ätherisch freigewordenen Leibe des Faust. Dies ist selbstverständlich, so wie ich es jetzt beschrieben habe, ein für die äußere Sinneswelt unwahrnehmbarer Vorgang, ein Vorgang, der nur geistig erlebt werden kann.
[ 3 ] Nun haben in der Zeit, die unserem fünften nachatlantischen Zeitraum vorangegangen ist, die Menschen, die noch mehr als die späteren gewußt haben von dem Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, bei denen aber doch schon das alte hellseherische Vermögen mehr oder weniger abgeklungen war, in der verschiedensten Weise gesucht nach Surrogaten, könnte man sagen, eines Verkehres mit der geistigen Welt. Denken Sie doch einmal daran, daß also Faust ein Bild und Worte empfängt aus dem Buch von Nostradamus. Dadurch, daß er diese Worte denkt, also die Gedankenformen bildet, dadurch bahnt er gewissermaßen seiner Seele den Weg zu dem Erdgeiste hin. Goethe durfte das darstellen, weil er wußte, daß das einer Wirklichkeit entspricht. In Wahrheit, kann man sagen, war die Zeit, in der der historische Faust gelebt hat, allerdings nicht mehr dazu angetan, daß Menschen so ohne weiteres einen solchen geistigen Zusammenhang erleben konnten. Denn schon früher, schon als der vierte nachatlantische Zeitraum, die griechisch-lateinische Kultur zu Ende ging mit dem 14. Jahrhundert, schon da versuchten die Menschen durch Surrogate den Zusammenhang zu gewinnen mit der geistigen Welt.
[ 4 ] Über diese Surrogate, von denen Beschreibungen vorhanden sind, kann selbstverständlich die heutige aufgeklärte Welt sich nicht genug tun mit Spott und Hohn und Lachen und mit der Selbstbespiegelung, wie wir es so herrlich weit gebracht haben. Aber man braucht ja nicht zu hören auf diese ganz gescheiten, diese ungeheuer gescheiten Menschen der Gegenwart, die über solche Dinge selbstverständlich hinaus sind nach ihrer Meinung. Man kann sich einmal vergegenwärtigen, wie die Menschen, bei denen abgeklungen ist diese Fähigkeit, bei denen sie nicht mehr so lebendig vorhanden war wie früher, wie die Menschen an der Wende des vierten zum fünften nachatlantischen Zeitraumes bemüht waren, durch Surrogate sich den Weg zu bahnen zum Anschauen gewisser geistiger Vorgänge, die eigentlich in ihrer Wahrheit nur übersinnlich geschaut werden können. Und das geschah vielfach durch äußere Mittel. Sagen wir, solch ein Mann, der da versuchte, Anschauungen über die geistige Welt zu gewinnen, und der nicht die starke Kraft in sich aufrufen konnte, um rein geistig diese Anschauungen zu gewinnen, er tat das so, daß er gewisse Substanzen nahm, diese verbrannte und einen durch die Mischung ganz bestimmter verbrennender Substanzen hervorgerufenen Rauch in bestimmte Bewegungen brachte, die er hervorrief durch ganz bestimmte, wiederum überlieferte Formeln. Er hatte bestimmte, wie man sie nennen kann, Zauberformeln. Er entwickelte also aus bestimmten Substanzen, die er verbrannte, einen Rauch, besprach den Rauch, sprach also bestimmte Worte, die ja auch überliefert waren und die, sagen wir, ähnlich sein konnten den Worten, die der Faust in dem Buch des Nostradamus findet, er sprach diese Worte hinein in den Rauch: der Rauch nahm ganz bestimmte Formen an. Würde er rein geistig sich der geistigen Welt haben nähern können, so würde er den Rauch nicht gebraucht haben. Aber das konnte er vielleicht nicht. Daher sprach er in den Rauch bestimmte Zauberformeln hinein. Durch solche Zauberformeln, wenn sie in der richtigen Weise gesprochen sind, kann der Rauch gleich bestimmte Formen annehmen, und waren die Formeln die richtigen, so war nicht bloß das erreicht, daß der Rauch bestimmte Formen annahm, sondern diese Formen gestatteten dann auch den geistigen Wesen, die nicht bloß geistig sich ihm nähern konnten, in seine Sphäre hereinzukommen. Der Rauch war gewissermaßen dasjenige, was der Betreffende formte durch seine Formeln; und die Formen, die der Rauch annahm, die machten durch ihre Gestaltung es möglich, daß die betreffenden geistigen Wesenheiten elementarischer Natur einzogen in diese Gestaltungen, in diese Formen des Rauches, und also da waren. Wir sehen, es ist ein Surrogat, ein Festhalten desjenigen, was man rein geistig nicht festhalten kann durch die physische Materie. .
[ 5 ] Goethe hat vermieden, ein solches Surrogat darzustellen; er hätte ebensogut Faust ein anderes Buch nehmen lassen können, in dem zusammengestellt waren jene Kräuter, die man miteinander zu verbrennen hat, damit eine solche Rauchsäule entstehen würde, um auf diese Weise dann den Erdgeist herankommen zu lassen. Das hat er vermieden. Er wollte die Szene mehr geistig gestalten. Aber selbstverständlich waren Goethe diese Surrogate auch wohl bekannt. Wie gesagt, heute lacht man darüber, daß so etwas irgendeine Bedeutung haben könnte.
[ 6 ] Nun liegt ein Merkwürdiges vor, ein ganz Merkwürdiges liegt vor. Das 19. Jahrhundert ist eigentlich dahin gekommen, nach und nach alle Anschauungen vom Geistigen zu verlieren, ja sogar die Anschauung von der Lebenskraft, die im Lebensäther verankert ist, überhaupt von allem, was im Äther verankert ist, zu verlieren. Es ist dieses 19. Jahrhundert mit seiner materialistischen Anschauung dahin gekommen, das Leben selber nur wie einen Ausfluß des Materiellen zu betrachten, einen lebendigen Organismus nur wie eine kompliziertere Maschine gleichsam anzuschauen. Gewiß, das lag in der Tendenz des 19. Jahrhunderts, das Leben auszutreiben aus der Anschauung der Dinge. Nun ist das Merkwürdige, daß dieses Leben sich wiederum, nachdem man es ausgetrieben hatte, hereinstiehlt in die Betrachtungsweisen, hereinstiehlt in einer Weise, mit der wiederum das Denken des 19. und des 20. Jahrhunderts bisher nichts anzufangen weiß. Es ist interessant, zu beobachten, wie, man möchte sagen, nachdem durch die eine Türe Geist und Leben von der Forschung ausgetrieben worden sind, sie von der anderen Türe hereinkommen, und zwar auf eine Weise eben, mit der die Forschung nichts Rechtes anzufangen weiß. Da denken heute, allerdings in recht verkehrter Weise, schon gewisse Menschen nach darüber, ob nicht vielleicht das Leblose auch lebt. Aus dem Lebendigen hat man sozusagen das Leben ausgetrieben; aber heute schon fühlt man sich wiederum gedrängt, nachzudenken darüber, ob nicht das Unlebendige auch lebt. Man sagt zum Beispiel so: Dasjenige, was sich als Lebendiges zeigt und was doch auch keine anderen Lebensgesetze haben kann als das Unlebendige, das hat — mehr oder weniger — ein Gedächtnis. — Jetzt, wo alles durcheinandergeworfen wird, schreibt man auch den Tieren, den Pflanzen Gedächtnis zu. Gedächtnis, sagt man, habe das Lebendige. Man will dieses Gedächtnis nicht als irgend etwas, was von einem Geistigen herstamme, gelten lassen; also ist man bemüht, dieses Gedächtnis auch im Leblosen aufzufinden. Wie macht man das? Nun, man sagt: Was ist Gedächtnis? Gedächtnis besteht darinnen, daß ein sogenanntes Lebewesen einem Reiz ausgesetzt ist, und wenn dieses Lebewesen ein zweites Mal demselben Reiz ausgesetzt ist, dann ist die Wiederholung eine solche, der man anmerkt, daß das Lebewesen schon früher einmal demselben Reiz ausgesetzt war. Es geht schneller mit der Auffassung, mit der Einverleibung des Reizes; man merkt, es ist etwas geblieben in dem Lebewesen, welches es das zweite Mal geeignet macht, in schnellerer Weise, in leichterer Weise auf den Reiz zu reagieren als das erste Mal. — Nun frägt man sich: Ist das bloß eine Eigenschaft des Lebendigen, in dieser Art Gedächtnis zu haben? Dann würde man ja dem Lebendigen besondere Eigenschaften zuschreiben müssen, die man nicht ihm zuschreiben will; also kann man vielleicht auch beim Unlebendigen, beim bloß Physischen finden, daß es Gedächtnis hat. Und da findet man, daß, sagen wir, ein Magnet, also Eisen, das man in einer gewissen Weise behandelt hat, so daß es magnetisch geworden ist, anderes Eisen anzieht, und man kann nun durch gewisse Vorgänge messen, mit welcher Kraft Eisen angezogen wird, wenn der Magnet, sagen wir eine bestimmte Summe von Kraft übermittelt hat. Das kann man messen, wieviel man tun mußte, um das Eisen zu magnetisieren, damit es anderes Eisen anzieht.
[ 7 ] Nun findet man sehr interessante Tatsachen. Absolut richtige Tatsachen findet man,wenn man einmal Eisen magnetisiert und es dadurch bis zu einer gewissen Kraft bringt. Man wartet dann, magnetisiert dann wiederum: Jetzt braucht man weniger Kraft anzuwenden, um dasEisen zu derselben magnetischen Kraft zu bringen, zu derselben Reaktion wie das erste Mal, und das dritte Mal noch weniger. Also sagen die Leute: Seht ihr, der Magnet hat dasjenige schon, was man eben bei höheren Wesenheiten komplizierter im Gedächtnisse findet. — Dasselbe kann man nachweisen bei anderen Kräften, die an den leblosen Substanzen haften, zum Beispiel, wenn man einen ganz elastischen Körper deformiert. Man kann ihn durch Aufwendung einer gewissen Kraft deformieren; er geht dann wieder zurück, und im Zurückschnellen, im Herstellen seiner früheren Form entwickelt er eine bestimmte Reaktionskraft, die eine bestimmte Stärke hat, die man wiederum durch Apparate messen kann. Das zweite Mal braucht man keine so starke Kraft anzuwenden, damit dasbetreffende elastische Stück auseinanderschnellt und sich wieder zusammenfaltet. Und so kann man sagen: Also auch in der Auffassung von elastischer Kraft sind die leblosen Wesenheiten mit einem gewissen Gedächtnisse behaftet.
[ 8 ] Sehr, sehr merkwürdig ist dieser Gedankengang. Von den Tieren will man nicht, daß sie durch eine besondere Kraft ein Gedächtnis haben; da hat man das Geistleben ausgetrieben. Nun stiehlt es sich herein, indem man den Magneten, elastische Körper, also das Leblose, mit Gedächtnis sich behaftet denkt. Aber man ist viel weiter gegangen. Eine besondere Eigenschaft des Lebendigen findet man ja, wie Sie wissen, in der Schattenseite alles Lebendigen, in der Möglichkeit, krank zu werden. Nun hat man wiederum nachgedacht: Kann denn nicht vielleicht auch das Unlebendige, das Leblose erkranken? — Und da waren eigentlich gewisse Leute außerordentlich froh, die sozusagen aus dem Lebendigen das Leben austreiben wollten, daß sie in der Lage waren, zu zeigen: Ja, das Leblose kann auch krank werden! Das ist nicht bloß ein Privilegium des Lebendigen, daß es krank wird, sondern das Leblose kann auch krank werden.
[ 9 ] Es war ein Chemiker, Erdmann, der zuerst bemerkt hat an gewissen Zinnstücken an einem Gebäude, daß diese Zinnstücke ganz merk würdige Erscheinungen zeigten. Wenn das solch ein Zinnstück etwa ist (es wird gezeichnet), so bekamen sie etwas wie solche Blasen, die in dieser Weise aufgeworfen sind; darunter ist es hohl. Wenn man dann diese Blasen drückte, war das Zinn darunter staubig, es war wie Staub an der Stelle. Und siehe da, das ging weiter. Wir haben Mitteilungen, die da besagen, daß es nicht bei Erdmanns Beobachtungen blieb, sondern wir finden folgende Schilderung zum Beispiel. «Später» — also nach Erdmann — «hat sich der Chemiker Dr.Fritzsche von neuem mit diesem Problem» — mit der Zinnpest — «beschäftigt, nachdem er in Sankt Petersburg von dem Chef eines Handelshauses darauf aufmerksam gemacht worden war, daß ganze Blöcke reinen Metalls, die mit dem Schiff versandt werden sollten, einfach zerfielen. Da sich um die gleiche Zeit in einem Militär-Magazin Uniformknöpfe in graues Pulver umwandelten, und damals in Sankt Petersburg ein äußerst strenger Winter herrschte, so kam Dr. Fritzsche auf den Gedanken, daß es vielleicht die Kälte sei, die das Zinn angreift. Im Jahre 1893 führte man die Teilnehmer der in der alten Stadt Nürnberg tagenden NaturforscherVersammlung nach dem neuen Postgebäude, dessen aus Zinnplatten hergestelltes Dach auf unerklärliche Weise zerfallen war. Aber niemand von all den damals anwesenden Chemikern und Ärzten wußte Rat. Ein ähnlicher Zerfall zeigte sich an dem Dach des alten berühmten Rathauses zu Rothenburg ob der Tauber und in noch vielen sonstigen Fällen. In neuerer Zeit hat nun Professor Dr. Ernst Cohen vom van’t Hoff-Laboratorium der Universität Utrecht diesen Zerfall der Metalle aufs genaueste untersucht und dabei gefunden, daß es sich tatsächlich um eine Krankheit, und zwar um eine Infektionskrankheit handelt.»
[ 10 ] Also man ist dazu gelangt, der bloßen Substanz des Zinns eine Krankheit zuzuschreiben, und man nennt diese Krankheit die Zinnpest. Man spricht also heute schon in diesen Kreisen von der Zinnpest. Besonders interessant aber sind solche Erscheinungen: Es gibt eine Münze, eine Zinnmedaille, die stellt folgendes dar (es wird eine Münze gezeichnet). Also einfach einen Kopf stellt sie dar, in Wirklichkeit ist es Balthasar Bekker, der ein Reformator war. Diese Medaille ist 1692 gegossen. Auf dieser Medaille finden Sie überall solche Erhöhungen, richtige blatternförmige Erhöhungen, die man betupfen kann, dann springen sie ab. Und darunter ist das Ganze, was unter diesen Erhöhungen ist, staubig geworden, staubartig geworden. Man spricht in diesem Falle von der Zinnpest. Das Merkwürdigste aber, was den Leuten besonders zupaß gekommen ist, das ist, daß, wenn man den Staub nun nur an den Fingern haften hat und ihn auf ein anderes Zinn überträgt, das ganz gut ist, so wird dieses Zinn von derselben Krankheit befallen. Das heißt, man hat es nach den Ansichten der Leute mit einer ganz bestimmten Art von Krankheit, und zwar mit einer Infektionskrankheit zu tun, mit einer Krankheit, die durch Infektion übertragen werden kann. Daher sagen solche Menschen heute bereits unter dem Eindrucke solcher Tatsachen das Folgende.
[ 11 ] «In neuester Zeit hat man erkannt, daß es auch bei anderen Metallen Infektionskrankheiten gibt. Beim Aluminium kennt man sogar zwei verschiedene Formen von Infektionskrankheiten, von denen bei der einen der Infektionsträger im Wasser zu suchen ist.» «Wahrscheinlich wird die Lehre von den Metallkrankheiten», schreibt Dr. Neuburger, «die gegenwärtig noch im Beginne ihrer Entwickelung steht, in Zukunft einen besonderen Zweig der Wissenschaft darstellen... .»
[ 12 ] Also denken Sie, man wird später nicht bloß Menschenärzte, Tierärzte, sondern auch «Metallärzte» anstellen müssen! Das Leblose erkrankt auch; das ist etwas, was nun schon in die heutige Wissenschaft eingezogen ist. Das Leblose erkrankt auch.
[ 13 ] Das Lebendige empfindet; es hat nicht nur Gedächtnis und die Fähigkeit, krank zu werden, sondern es empfindet! Es ist ja die einfachste Tatsache des über die Pflanze hinausgehenden Lebendigen, daß es empfindet. Nun, mit dem «Empfinden», da machen sich auch schon die Leute in einer merkwürdigen Weise heute Gedanken. Man ist seit langer Zeit schon aufmerksam darauf geworden, daß nicht nur etwas, was wie ein Lebendiges geboren wird, den Schall zum Beispiel empfindet, sondern daß etwas, was ganz unlebendig ist, richtig Empfindung für den Schall hat. Das ist nun ganz besonders interessant. Man braucht nur zu lesen, was John Tyndall schreibt:
[ 14 ] «Bei einem Schlag auf den Tisch fällt eine 45 cm hohe Rauchsäule zu einem buschigen Strauß zusammen, dessen Stengel nur 2,5 cm lang ist.»
[ 15 ] Also John Tyndall, der Physiker, beobachtet eine Rauchsäule, 45 Zentimeter hoch. Nicht etwa durch den Schlag auf denselben Tisch, wo die Rauchsäule ist, sondern durch einen Schlag auf einen ganz anderen Tisch, nur durch den Schlag fällt die Rauchsäule zusammen, verwandelt ihre Form, wird etwas wie eine Kakteenstaude, aber ganz niedrig. Und John Tyndall ist der ernsthaftigen Meinung, daß die Rauchsäule den Schall wahrgenommen und durch den Schall ihre Gestalt verändert hat. Er sagt weiter:
[ 16 ] «Auch der Stimme gehorcht die Rauchsäule. Ein Husten wirft sie nieder, und zu dem Klange einer Spieluhr tanzt sie. Bei einzelnen Tönen sammelt sich nur die Spitze der Rauchsäule zu einem Bukett. Bei anderen bildet sich der Strauß auf halber Höhe, während bei gewissen Tönen von passender Höhe die Säule sich zu einer geballten Wolke zusammenzieht, die kaum mehr als 2,5 cm über dem Ende des Brenners steht. — Nicht nur einzelne Worte, sondern jedes Wort und jede Silbe der angeführten Spenserschen Verse versetzt einen wirklich empfindlichen Rauchstrahl in die größte Unruhe.»
[ 17 ] Da haben Sie den modernen Physiker, der der Rauchsäule Empfindung zuschreibt, der, nachdem man vergessen hat alles dasjenige, all die Rezepte, die alte Zauberer in die Rauchsäule hineingesprochen haben, um sie zu anderer Gestaltung zu bringen, dieSachen wiederum bemerkt. John Tyndall, ein gewöhnlicher Physiker der Jetztzeit, des fünften nachatlantischen Zeitraums, beobachtet, wie eine Rauchsäule durch einen Schall zusammenstürzt, sich zu einem Busch formt, wie sie sogar, wenn eine Spieluhr spielt, tanzt. Er beobachtet, wie sie ganz bestimmten Spenserschen Versen folgt, wie sie sich da formt. Wir haben den Physiker, der im Grunde genommen sich nur in etwas elementarerer, anfänglicherer Weise genau so verhält zu der Rauchsäule, wie sich der alte verachtete Zauberer verhalten hat:
[ 18 ] «Noch packender ist das Verhalten der empfindlichen Wasserstrahlen gegenüber dem Schall.»
[ 19 ] Also nicht bloß eine Rauchsäule beobachtet man heute, sondern auch den Wasserstrahl. Tyndall beschreibt diese fesselnde Erscheinung in seinem Buche, in dem eben angeführten Buche auf den Seiten 316 bis 326, und schließt mit den Worten:
[ 20 ] «Die Empfindlichkeit dieses Strahles ist erstaunlich, sie kann sich mit der des Ohres selbst messen.» Also nicht nur das Ohr hört, das heißt, nimmt den Schall wahr, sondern der Wasserstrahl nimmt den Schall sogar wahr und verändert sich unter seinem Einflusse, daß seine Empfindlichkeit sich mit dem Ohre messen kann:
[ 21 ] «Stellt man die beiden Stimmgabeln auf einen entfernten Tisch» — also nicht auf denselben Tisch, sondern auf einen anderen Tisch — «und läßt die Schwebungen allmählich ausklingen, so setzt der Strahl seinen Rhythmus beinahe solange fort, als man noch etwas hören kann. Wäre der Strahl noch empfindlicher, so würde er sich sogar dem Ohre überlegen zeigen; eine staunenswerte Tatsache, wenn man die wunderbare Feinheit dieses Organs in Betracht zieht.»
[ 22 ] Aber noch weiter. Ein gewisser Leconte hat in Amerika bei einer musikalischen Soiree eine merkwürdige Entdeckung gemacht, die er in derselben Weise beschreibt:
[ 23 ] «Kurz nachdem die Musik angefangen hatte, bemerkte ich, daß die Flamme Schwingungen zeigte» — die Gasflamme —, «die mit den hörbaren Schwebungen der Musik vollkommen übereinstimmten. Dieses Phänomen mußte jedem... auffallen, hauptsächlich als die starken Töne des Cellos hinzutraten.»
[ 24 ] Er beobachtet also die Flamme, wie sie die musikalischen Töne hört, und wie sie sie in sich selber nachformt.
[ 25 ] «Es war außerordentlich interessant zu beobachten, wie vollständig genau sogar die Triller dieses Instrumentes von der Flamme wiedergegeben wurden. Für einen Tauben wäre die Harmonie sichtbar geworden. Im Laufe des Abends, als der Gasverbrauch in der Stadt abnahm und dadurch der Druck gesteigert wurde, ward die Erscheinung deutlicher. Das Hüpfen der Flamme steigerte sich allmählich, wurde etwas unregelmäßig und ging endlich in ein anhaltendes Flackern über, wobei der charakteristische Ton gehört wurde, der anzeigt, daß mehr Gas ausströmt, als verbrannt werden kann. Ich stellte dann durch einen Versuch fest, daß die Erscheinung nur dann eintrat, wenn das Ausströmen des Gases so geregelt war, daß die Flamme dem Flackern nahe kam. Ich überzeugte mich ferner durch einen Versuch, daß die Wirkungen sich nicht zeigten, wenn man den Boden und die Wände des Zimmers durch wiederholte Stöße erschütterte.»
[ 26 ] Also nicht durch die Erschütterung kam es, sondern durch die Wahrnehmung des Schalles durch die Flamme.
[ 27 ] «Daraus geht hervor, daß die Schwankungen der Flamme nicht von indirekten Schwingungen herrührten, die durch das Mittel der Wände dem Brenner mitgeteilt sein mochten, sondern durch den direkten Einfluß der Tonwelle der Luft auf die Flamme erzeugt waren.»
[ 28 ] Man darf dabei erwähnen, daß auch die elektrische Bogenlampe in so außerordentlich feiner Weise auf den Schall reagiert, daß man schon mehrfach daran gedacht hat, diese Erscheinung zur telephonischen Übertragung auszunützen.
[ 29 ] Da sehen Sie also, wie bei der anderen Türe für das Unlebendige dieselben Eigenschaften hereinkommen sollen, die man beim Lebendigen ausgetrieben hat!
[ 30 ] Es ist wahrhaftig sehr, sehr interessant, welchen kuriosen Gang die allem Geistesleben entfremdete Denk- und Gesinnungsart dieses 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit herein durchgemacht hat. Die Forscher selber mit ihrem Denken können eigentlich im Grunde nichts dafür, denn sie suchen nicht systematisch. Wenn sich ihnen so etwas aufdrängt, dann verwerfen sie es. In den seltensten Fällen suchen sie nach solchen Dingen systematisch. Aber die Tatsachen selber sprechen zu laut, so daß selbst die widerstrebenden Forscher zu solchen merkwürdigen Einsichten kommen. Nun fällt den Forschern, die das bemerken, in der Regel heute gar nicht ein, in anderem als recht materialistischen Sinne gerade solche Dinge zu deuten. Sie sagen natürlich: Nun ja, wenn das Unlebendige auch empfinden kann, sogar krank werden kann, Gedächtnis entwickeln kann, dann braucht man ja dem Lebendigen nicht irgend etwas Besonderes zuzuschreiben; dann ist das Lebendige nur ein komplizierteres Unlebendiges.
[ 31 ] Immer mehr und mehr werden diejenigen Dinge, die so zu der andern Türe wieder hereinkommen, das Denken bedrängen, dieses Denken, das ohnedies schon so außerordentlich bedrängt erscheint, betrachtet man es heute mit dem gesunden Blick, der einem ersteht, wenn man eine gewisse Anschauung von den Tatsachen der geistigen Welt auch hat. Denn das ist besonders ein Kennzeichen dieses 19. Jahrhunderts und der Zeit bis in unsere Tage herein, daß man gewissermaßen der Fülle der Erscheinungen gegenüber nicht aufkommen kann mit den Gedanken, die einem zur Verfügung stehen. Denn dasjenige, was die landläufige Forschung heute gegenüber solchen Dingen zu sagen hat, das ist doch nichts anderes als, man darf sagen, die jämmerlichste Hilflosigkeit. Aber ein Zug zeigt sich darin: da ist auf der einen Seite das Überhandnehmen einer Fülle von Tatsachen, die dahin drängen, die Gedankenkreise zu erweitern, auf der anderen Seite eben die gekennzeichnete Hilflosigkeit derjenigen, die nicht wollen an die Geisteswissenschaft herantreten, um sich von ihr etwas zu unterrichten, die vollendete Hilflosigkeit eben derjenigen, die das nicht wollen gegenüber den andringenden Tatsachen. Und da ist es interessant, gewisse Zeiterscheinungen nun zu betrachten. Man wird sie verstehen, wenn man sie in das Licht zu setzen vermag von alledem, was wir gerade in den letzten Wochen hier betrachtet haben.
[ 32 ] Lassen Sie uns zunächst heute vorbereitend einige Tatsachen anführen. Vor allen Dingen sei die Tatsache ins Auge gefaßt, wie durch die anstürmende naturwissenschaftliche Weltanschauung, wie man sagt, namentlich die Theologie aller Religionsbekenntnisse, wenn sie sich überhaupt noch einlassen will in eine Auseinandersetzung mit dem, was von der Naturwissenschaft her sich geltend macht, in arge Bedrängnis kommt. In alten Zeiten, in gar nicht weit zurückliegenden Zeiten sprach die Theologie gewisse Wahrheiten aus, Wahrheiten unter anderem über die geistigen Welten, aber, sagen wir, auch Wahrheiten über die menschliche Seele. Diese Wahrheiten braucht man nicht anzufechten. Wir wissen ja, wie gerade durch geisteswissenschaftliche Forschung die Wahrheiten, die in der Theologie traditionell die Menschen übernommen haben, wiederum befestigt werden. Aber die Theologen selber lassen sich in der Regel nicht darauf ein, einen Ausgleich zu schaffen mit dem, was als naturwissenschaftliche Weltanschauung heranstürmt. Sie finden das nicht bequem, nicht eigentlich bequem. Und so kommt es vielfach, daß die Theologen zwar den Worten nach die alten Wahrheiten aussprechen, aber das Objekt, den Gegenstand, den nimmt die Naturwissenschaft in Anspruch. Die Naturwissenschaft ist gekommen und stellt ihre Dinge über die menschliche Seele auf, handelt von der menschlichen Seele, nimmt sozusagen das Objekt, die Seele, den Theologen weg. Die Theologen reden auch noch, aber sie haben das Objekt nicht mehr. Das ist gerade das Eigentümliche der Geisteswissenschaft, daß sie sich wohl einläßt mit der Naturwissenschaft; und nur dann ist sie wirklich Geisteswissenschaft, wenn sie sich voll einläßt mit der Naturwissenschaft.
[ 33 ] Diese Sache, die ich damit andeute, bekommt einen ernsten Charakter, wenn man sieht, wie dieses Nichtwollen eines Ausgleiches mit der Naturwissenschaft, welche einfach die Seele und andere geistige Gebiete annektiert, wie dieses Nicht-schaffen-Wollen eines Ausgleiches zu ganz grotesken Erscheinungen führt. Einigen von Ihnen, die mit waren auf dieser Reise in den letzten Tagen, habe ich schon solche grotesken Erscheinungen vorgeführt. Ich will heute einige noch einmal zeigen.
[ 34 ] Da ist ein Theologe; wer es ist, darauf ist weniger Wert zu legen. Man braucht heute nur in eine Buchhandlung zu gehen und in irgendeiner Sprache ein paar Bücher zu nehmen, beliebig welche, womöglich solche, welche bestimmt sind, das «Volk» aufzuklären, die also irgendwelcher Sammlung angehören, die das Volk aufklären soll: beim dritten, das man in die Hand bekommt, meistens schon beim zweiten, ja sogar oft beim ersten zeigt es sich, daß jener Mangel, den ich eben charakterisiert habe, ein ganz verbreiteter in der Gegenwart ist. Es kommt dabei also gar nicht auf Namen an, aber auf die Art und Weise, wie das, um was es sich da handelt, in weitesten Kreisen wirkt, darauf kommt es an. Denn es rinnt heute durch alle populären, gerade durch die populären Schriften, und überall tönt uns entgegen der Widerhall desjenigen, was da leibt und lebt. Da ist ein Theologe, der hält Vorträge, einen ganzen Zyklus von Vorträgen, zuerst über naturwissenschaftliche, dann über ethische, ästhetische Weltanschauung oder Lebensgestaltung. Er geht dazu über, allerlei andere Erscheinungen noch zu bemerken, um in seiner Weise dann zu zeigen, wie er zu dem, was er nun das Christentum, das sich selbstverständlich dann das richtige Christentum nennt — jedes solches Reden ist das richtige Christentum, und die anderen alle sind falsche Christentümer —, wie er zu seinem Christentum kommt. Da spricht er zuerst von der naturwissenschaftlichen Weltanschauung und sagt: Den Menschen als Naturwesen, den Menschen als Natur, den muß man der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise überlassen; der Theologie, der religiösen Betrachtung gehört der «Mensch der Freiheit» an. — Das könnte man, wenn es so als Worte gebraucht wird, ja allenfalls noch gelten lassen. Wenn hinter diesem «Menschen der Freiheit» etwas steckt, und der Mann nun an eine reinliche Scheidung ginge, so könnte man das ja gelten lassen. Dann sagt er: Es sei für die Theologen wirklich von Übel, wenn sie der Naturwissenschaft nicht ihr volles Recht lassen. Man soll der Naturwissenschaft ihr volles Recht lassen, man soll den Menschen eben teilen: den Menschen der Natur der Naturwissenschaft übergeben, den Menschen der Freiheit behält die Theologie.— Auf diese Weise kann man Kompromisse schließen! Frägt sich nur, ob es möglich ist, den Menschen wie einen Laib Brot, ein Stück Brot, in zwei Teile zu teilen. Solch ein Theologe spricht ja ungefähr, so, nicht wahr, wie sich das Verhältnis zwischen Hänschen und Karlchen gestaltete, als sie ein Stück Brot vom Vater bekamen. Hänschen fragt: Wie soll ich teilen? Da sagt der Vater: Recht christlich. Hänschen fragt: Wie teilt man denn christlich? Nun, sagt der Vater, da behältst du dir das kleinere Stück und gibst dem Karlchen das größere Stück. Ach, dann soll lieber das Karlchen teilen! sagt das Hänschen,
[ 35 ] Nun ja, das bemerkt man dann auch manchmal, wenn der Mensch aufgeteilt wird zwischen den Theologen und der Naturwissenschaft. Aber nicht alle sind so, daß sie in dieser Weise teilen wollen, sondern manche so, daß sie schiedlich-friedlich abkommen wollen. Und da die Naturwissenschafter schon sehr mächtig geworden sind, so wollen die Theologen nicht recht anbinden mit der Naturwissenschaft; da denken sie denn an eine andere Gestaltung des Kompromisses. Da finden wir denn bei einem Vortragszyklus, der gehalten worden ist vor nicht langer Zeit, eine ganz merkwürdige Art, solchen Kompromiß zu schließen: den Menschen der Natur abzugeben an die Naturwissenschaft, den Menschen der Freiheit behält man für die Theologen. — Ob man so teilen kann, das ist eben die Frage! Denn da müßte man zunächst fragen, wenn man nun wirklich einen Teil des Menschen der Naturwissenschaft gibt, ob in diesem Menschen der Natur nicht schon ein Teil des andern drinnensteckt — er steckt ja, wie wir wissen, schon in Wirklichkeit drinnen —, ob es also geht, ob man nicht das Brot so teilen müßte, daß man zu dem einen Teil das Mehl, zu dem anderen das Wasser macht. Dann sind aber beide Teile kein Brot mehr. So würde es sich aber verhalten, wenn man richtig teilt: wenn man der Naturwissenschaft das gibt, was sie wirklich brauchen kann, so ist das nicht ein richtiger Mensch, sondern ein Abstraktum, wie das Mehl kein Brot ist. Aber solches zu durchschauen, dazu ist das heutige zeitgemäße Denken wahrhaftig wenig geeignet. Und so sehen wir denn, wie mit Emphase zum Beispiel folgendes verkündet werden kann in unserer Zeit.
[ 36 ] Es wird ausgeführt, indem über das naturalistische Lebensprinzip gesprochen wird, daß der Naturwissenschaft der Mensch der Natur übergeben werden soll, weil er der Naturwissenschaft gehört, und die Theologie soll sich den Menschen der Freiheit behalten. Und nun wird gesagt, wie es sich denn verhält mit diesem Menschen als Natur. Da finden wir denn, daß das Folgende gesagt wird:
[ 37 ] «Der Mensch, wie er uns in der Zoologie entgegentritt, der zweibeinige, aufrechtwandelnde, mit dem fein ausgebildeten Rückgrat und Gehirn ausgestattete homo sapiens, ist ebenso gut wie irgend ein anderes organisches oder anorganisches Gebilde Bestandteil der Natur, ist aus derselben Masse, denselben Energien, denselben Atomen zusammengesetzt, von derselben Kraft durchwirkt und durchwaltet; jedenfalls ist das ganze körperliche Leben des Menschen, mag es noch so verwickelt sein, in seiner ganzen Zusammensetzung naturwissenschaftlich bestimmt, gesetzmäßig geordnet wie alles andere lebendige und unlebendige Wesen der Natur. Es besteht insoweit gar kein Unterschied zwischen dem Menschen und einer Qualle, einem Wassertropfen oder einem Sandkorn.»
[ 38 ] So spricht ein Theologe, indem er die Menschen der heutigen Zeit aufklärt. Aber der Mensch hat Empfindung. Nun ist es unangenehm, mit diesen heutigen Naturwissenschaftern anzubinden, denn das ist schon eklig: sie entdecken Empfindungen sogar im Unlebendigen. Da gibt man ihnen schon lieber nach, und deshalb sagt man als Theologe auch das Folgende:
[ 39 ] «Die seelischen Funktionen, welche der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, unterliegen einer ebenso strengen Gesetzmäßigkeit wie die körperlichen Vorgänge; und die Empfindungen, die wir haben, sowie die Vorstellungen, die wir bilden, sind uns durch die Natur ebenso gut aufgezwungen wie die Nervenprozesse, die zu Lust- und Unlustempfindungen führen, Sie sind ebenso gut mechanische Vorgänge wie die einer Dampfmaschine.»
[ 40 ] Das sind theologische Vorträge, meine lieben Freunde, theologische Vorträge! Nun behält sich der Mann nämlich den Menschen der Freiheit! Sie sehen, den Menschen der Natur gibt er gutwillig ab. Er behält sich den Menschen der Freiheit. Was wird nun, nachdem er geteilt hat mit den Naturforschern? Das können wir aus folgenden Sätzen schon des ersten Vortrages ersehen, was nun wird, denn er sagt:
[ 41 ] «Der Mensch als Natur» — also der, den er der Naturforschung gegeben hat — «verliert als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit; alles, was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden.»
[ 42 ] Also indem er den Naturforschern den Menschen der Natur gibt, verliert der Mensch die Freiheit. Er behält sich den Menschen der Freiheit; aber die hat er gar nicht mehr, denn indem er den Menschen der Natur den Naturforschern gibt, verliert er die Freiheit. Er behält also nichts mehr zurück in Wirklichkeit. So hat der gute Theologe, der nun zwölf theologische Vorlesungen hält, gar nichts, worüber er redet. Das merkt man auch am Schluß sehr gut, denn er hat nichts anderes als einen mit ungeheurem Pomp vorgebrachten Wortschwall. Den Menschen der Natur hat er abgegeben an die Naturforschung; den Menschen der Freiheit hat er sich zwar behalten, aber nur dem Namen nach, denn der Mensch der Natur verliert nämlich seine Freiheit. Er verliert sie auch redlich, wenn der Naturforscher über ihn kommt.
[ 43 ] Nun ist das ein Mensch, der es durchaus ehrlich meint. Man kann ja wirklich sagen, so wie es in der berühmten Rede von Shakespeare heißt: Brutus ist ein ehrenwerter Mann; ehrenwerte Männer sind sie alle! — Warum sollte man denn ihnen das nicht zugestehen? Aber auf einer sonderbaren Gesinnung kann man doch solche Leute ertappen. Warum ist er denn eigentlich, da er doch Theologe sein will, gar so freigiebig, daß er alle Objekte einer Betrachtung des Menschlichen abgibt? Ja, das verrät er in einer sonderbaren Weise. Da sagt er nämlich:
[ 44 ] «Man muß sogar noch weitergehen. Diese naturgesetzliche Bestimmtheit des Menschen betrifft nicht nur seine körperlichen, sondern auch seine seelischen Funktionen. Das war es immer, was wir Theologen nicht zugeben wollten, weil wir den naturwissenschaftlichen Seelenbegriff mit dem theologischen verwechselten und unangenehme Folgen daraus für den Glauben befürchteten.»
[ 45 ] Er ist nun endlich so weit, daß er nicht mehr unangenehme Folgen befürchtet. Aber wodurch erlangt er das? Nun, er erlangt das so:
[ 46 ] «Diese entstehen aber gerade dann, wenn man die Wissenschaft nicht zu ihrem vollen Resultat kommen läßt; denn man verscherzt sich dann das Zutrauen denkender Menschen.»
[ 47 ] Da haben wir ihn! Er will das Zutrauen denkender Menschen, das heißt, der wenigen, die heute denken! Und er ist auch sonst ein ehrenwerter Mann — ehrenwerte Männer sind sie ja alle —, denn er kritisiert also gewisse materialistische Auswüchse der Gegenwart. Er berichtet, was alles nicht nur an materialistischen Denken, sondern an materialistischen Lebensgestaltungen in unserer Gegenwart lebt, und er will nun endlich eine Theologie, die all dem gewachsen ist. Er zeigt, allerdings in einer merkwürdigen Weise, wie wenig er, ganz nach dem Muster der Menschen der Gegenwart, die durchaus abhängig sind nicht von der Naturwissenschaft, sondern von der naturwissenschaftlichen Denkungsweise, die vielfach herrscht, wie wenig er gewachsen ist den heranstürmenden Tatsachenwelten. Und das ist es, worauf es ankommt: daß die Leute nicht gewachsen sind den heranstürmenden Tatsachenwelten. Dasjenige, was den Menschen heute nämlich fehlt, das ist die Fähigkeit, mit den Gedanken wirklich die Summe der Tatsachen, die das Leben bietet, zu beherrschen. Die Gedanken reißen überall ab. Statt daß die Gedanken nach dem Glauben dieser Menschen in einer Linie fortlaufen, sehen wir, daß sie anknüpfen, abreißen, dann wieder anknüpfen, wieder abreißen — es reißen die Gedanken alle Augenblicke ab. So sehen wir auch hier solche abreißenden Gedanken. Da kommt er denn einmal noch auf den Menschen der Natur zurück, und sagt von diesem Menschen der Natur:
[ 48 ] «Er wird kraft einer mechanischen Notwendigkeit, kraft einer höchsten Verfügung, die er nicht versteht, in das Verhängnis dieser Erscheinungswelt hineingeboren.»
[ 49 ] Schöner Ausspruch von einem Theologen! Der Mensch wird in das Verhängnis dieser Erscheinungswelt hineingeboren, nämlich: kraft einer mechanischen Notwendigkeit, kraft einer höchsten Verfügung, die er nicht versteht. Das ist eins und dasselbe: mechanische Notwendigkeit, höchste Verfügung! Da haben Sie den Gedanken: mechanische Notwendigkeit — er reißt ab, und ein anderer Gedanke, der zwar das Gegenteil behauptet, wird als eine nähere Erklärung dieses Gedankens angeführt. Solches kann man oftmals bei unsern Zeitgenossen verfolgen im Kleinen. Man kann sie verfolgen, diese Leute, bei der völligen Unfähigkeit zum Gedankenentwickeln. Da sagt der betreffende Mann noch einmal an einer Stelle seiner Vorträge, daß der Mensch nicht sollte versucht sein, in den Menschen der Natur irgend etwas Geistiges hineinzutragen, sondern der Mensch der Natur, der muß sich eben der Natur fügen:
[ 50 ] Die kreatürliche Gebundenheit, die Daseinsschranken und so weiter, «sie sind eine Quelle von Lebenshemmungen, Leiden, Übeln, ja zuletzt des Todes. Ihnen gegenüber verweist das Christentum auf eine zukünftige Erlösung. Innerhalb des irdischen Lebens können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden.»
[ 51 ] Darüber lesen natürlich heute die Leute hinweg: «Können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden.» Wer so denkt in einem ernsten Zusammenhange, der kann schon nicht denken. Denn was heißt es denn, wenn ich sage: Ja, lieber Mann, auf den Mond hinauf kannst und darfst du nicht fliegen. — Wenn man nämlich nicht kann, so ist es schon unnötig, daß man nicht darf, und wer die beiden Begriffe zusammenstellt: «Können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden», der kann nicht denken, das heißt, er lebt in vollständiger Gedankenlosigkeit.
[ 52 ] Das ist aber auch ein Hauptcharakteristikon unserer Zeit, diese vollständige Gedankenlosigkeit! Doch ist der Mann ein ehrenwerter Mann, und er meint es wirklich gut in vieler Beziehung. Deshalb sagt er, daß der Materialismus sich in unserer Zeit tief eingefressen hat, und daß es anders werden muß. Nun aber scheint es, daß, indem er dies ausspricht, er schon eine heillose Angst kriegt. Sie wissen ja, er will mit den Naturforschern nicht anbinden! Und dann erst mit der ganzen Zeit anbinden! Schrecklicher Gedanke natürlich! Man sollte der Zeit sagen, sie sei beherrscht vom Materialismus, die Dinge müßten anders werden. In dem Vortrage, in dem er sich ausspricht über all die Dinge: Sportismus, Komfortismus, Mammonismus, da sagt er:
[ 53 ] Die Dinge, die bis jetzt waren, «dürfen nicht mehr Endziel sein. Es darf keinen Kaufmann mehr geben, für den der Gelderwerb Selbstzweck ist; Lebensgenuß darf nicht mehr Inhalt des Lebens werden; es darf keine Menschen mehr geben, die nur ihrer Gesundheit leben.»
[ 54 ] Also, was will man noch mehr haben! Dann aber sagt er:
[ 55 ] «Das heißt, es soll alles Bisherige getan werden, es muß aber etwas anderes dabei gedacht werden.»
[ 56 ] Nun, dann werden wir es erreichen! Dann werden wir ganz gewiß über die Schäden der Zeit hinauskommen, wenn alles so getan wird wie bisher, aber die Menschen sich nur etwas anderes dabei denken! Man darf überzeugt sein, daß diese Vorlesungen, die in einer Sammlung erscheinen, «Wissenschaft und Bildung», selbstverständlich auf allen Gebieten des Wissens Einzelnes darstellen, daß sie eine geistige Nahrung sein werden für Tausende und aber Tausende von Menschen unserer Zeit. Kann doch im Vorworte gesagt werden.
[ 57 ] «Der Inhalt dieses Büchleins besteht aus zwölf Reden, die ich im letzten Winter» — ich will die Stadt nicht nennen, darauf kommt es nicht an, es ist eine typische Erscheinung, in jeder Stadt kann so etwas stattfinden — «in... vor einer mehr als tausendköpfigen Zuhörerschaft gehalten habe.»
[ 58 ] So gehen heute die verkrüppelten, verkümmerten, korrumpierten Gedanken von amtlicher Stelle, von privilegierter Stelle — denn es ist einer der berühmtesten Theologen der Gegenwart, der so spricht — in die Menschen der Gegenwart hinein und leben in ihnen; was Wunder, daß derlei Dinge herauskommen, wie sie heute von den Menschen eben herauskommen! Wie wenige Menschen sind aber geneigt, die Übel der heutigen Zeit wirklich an den Wurzeln zu erfassen. Da gehen die braven Lämmer unserer Zeit an diese Dinge heran, lassen in allen Sprachen solche Dinge erscheinen, kaufen sich das und glauben, dadurch als geistige Nahrung dasjenige aufzunehmen, was die moderne Zeit hervorbrachte. Nur die äußerste Brutalität, die, wenn sie auch eine unbewußte Brutalität ist, herrührt aus einem vollständigen Mangel an Selbstbewußtsein, und die herbeigeführt wird durch einen unbewußten Mißbrauch der amtlichen Macht, die führt zu diesen Dingen. Und es wäre ganz falsch, wenn man Vogel-Strauß-Politik diesen Dingen gegenüber beobachten würde. Denn dann würde man niemals mit den rechten Impulsen dasjenige aufnehmen können, was man als Geisteswissenschaft aufnehmen muß, so daß es wirken kann im Verlaufe der Kulturentwickelung unserer Zeit.
[ 59 ] Wie viele werden auch unter Ihnen sitzen, die das für übertrieben halten werden, was ich sage, und was ich durch Beispiele nur deshalb belege, weil es selbstverständlich viele geben kann, die das für eine Übertreibung halten. Es ist keine Übertreibung! Es ist etwas, was für den, der wirklich mit geschärften Blicken unsere Zeit studiert, diese Zeit allein in dem rechten Lichte erscheinen läßt und vor allen Dingen zeigt, was alles notwendig sein wird von einer gesunden Geist-Erkenntnis her, um diese Zeit einigermaßen über ihre furchtbaren Abwege hinwegzuführen.
[ 60 ] Denn neben einem solchen intellektuellen Mißbrauch der Denkkraft liegt gleich die moralische Verirrung. Aus solchen Winkeln heraus tönt die Gegnerschaft der Geisteswissenschaft, die aber das Gehör von Tausenden und aber Tausenden hat. Kann man glauben, daß Leute, die in dieser Weise nicht denken können,Geisteswissenschaftüberhaupt irgendwie zu beurteilen vermögen? Da ist es denn kein Wunder, wenn man auch solche Stimmen über Geisteswissenschaft hört, wie man sie vor kurzer Zeit hören konnte. Ich will heute nur das eine anführen, was die ganze geistige Auffassung des Betreffenden charakterisieren kann, der solche Dinge vorbringt
[ 61 ] Das eine ist: er führt zwei Schriften unmittelbar nebeneinander an, nämlich den Vortrag von Pfarrer Riggenbach, und den Vortrag von mir, den ich im Januar in Liestal gehalten habe. Nun, wenn man diese zwei Dinge nebeneinanderlegt, handelt es sich nicht bloß darum, daß eine Diskussion geführt wird über dies oder jenes, sondern daß in meinem Vortrag nachgewiesen wurde, daß der Pfarrer Riggenbach überhaupt ganz falsch unterrichtet war, daß er Klatsch nachgesprochen hat. Nebeneinander diese beiden Dinge zu nennen, als ob es Rede und Widerrede wäre, als ob der betreffende Vortrag von mir solches enthielte, das heißt nicht, einen Irrtum oder ein Mißverständnis zu begehen, das sieht schon ganz ähnlich einer bewußten Fälschung.
[ 62 ] Aber weiter, nachdem der betreffende Mann grauenhaftes Zeug über die Anthroposophie erzählt hat, sagt er dann:
[ 63 ] «Wir erkennen jetzt auch, in welchem Sinne gerade Dr. Steiner zu der Behauptung kommen kann: wir sind nicht gegen das Christentum, wir sind sogar schließlich die eigentlichen Christen. Christus war in den Augen der Anthroposophen ein solcher, der die höheren Mächte erschaute; Dr.Steiner, der Lehrer, wird auch glauben, daß er diese Mächte erschaut und an ihnen teilnimmt. Aber auch jeder unter uns soll ja dieser Kräfte teilhaftig werden können, wenn er sich mit genügender Ausdauer im Schauen übt. So kommt es denn wieder auf die nämliche Forderung heraus, die schon der erwähnte russische Mystiker Solowjow erhoben hat: wir könnten und sollten Alle Christusse sein, übrigens eine Forderung, die schon jeder Mystiker, der so freundlich war, auf das Christentum Rücksicht zu nehmen, erhoben hat...» «Alte Weisheit in neuem Gewande...»
[ 64 ] Also das genaue Gegenteil von dem, was gesagt wird, von dem, was der Nerv unserer Geisteswissenschaft mit Bezug auf das Christentum ist. Unmittelbar vor sich liegend — denn er zitiert ja — hat der Mann die Broschüre, worin das ausgeführt wird, und doch sagt er dieses! Was ist das für eine moralische Verfassung? Welchen Dingen steht man da in der Gegenwart gegenüber? Ist man da nicht angewiesen darauf, sich wirklich den vollständig klarsten Blick anzueignen, damit man weiß, was die Stimmen wert sind, denen man allerdings begegnen muß und immer wieder begegnen muß, denen man aber jedenfalls nicht das entgegenbringen darf, daß man sie als ehrlich gemeint ansehen kann.
[ 65 ] Ich meine den Vortrag, der am 22. Mai dieses Jahres beim Schweizerischen Reformtag in Aarau gehalten worden ist über neuere Mystik und freies Christentum. Schönes freies Christentum! Nun, in diesem Vortrage wurde uns auch noch ein anderes nachgesagt. Dieses andere, das ist nun etwas erheiternder. Da wird nämlich gesagt:
[ 66 ] «Nie aber könnten des weitern wir beistimmen dem Aufgeben und Verachten des menschlichen Denkens und Sinnens, wie es die Mystik fordert.»
[ 67 ] Und darunter werden wir auch registriert. Also gehen Sie durch alles dasjenige, was bei uns getrieben wird, und schauen Sie sich das daraufhin an, daß es ein Aufgeben jedes Denkens und jedes Sinnens ist! Sie haben also immer nur die Bestrebung gehabt: nichts zu denken; denn das hat der Mann am Schweizerischen Reformtag in Aarau gesagt; das wäre überhaupt die Hauptaufgabe dieser Art von Mystik: das Denken zum Stillstand zu bringen, das Denken nicht anzuwenden. — Man kann ja schließlich, nicht wahr, nichts anderes glauben, als daß dem Mann sein eigenes Denken wahrscheinlich ausgegangen ist, als er die Dinge verfolgt hat, und daß er eben dasjenige schildert, was bei ihm eingetreten ist, als er die Dinge in die Hand bekommen hat. Und so wie bei jenem Theologen, von dem ich Ihnen zuerst gesprochen habe, so merken wir auch an diesem Theologen, der vielleicht nur deshalb von kleinerem Kaliber zu sein braucht, weil er es nicht zu einer so hohen Stellung gebracht hat wie der andere, bei diesen Theologen merken wir zum Beispiel auch, daß sie bei der Teilung in etwas merkwürdiger Weise zufrieden geworden sind. Nur sollten sie uns nicht zwingen — nachdem sie alles der Naturwissenschaft abgeben und sich eben nur den «Menschen der Freiheit» zurückbehalten, den ihnen aber die Naturwissenschaft nimmt —, nun auch nichts anderes zurückzubehalten als dasjenige, was siein ihrer «Bescheidenheit» suchen.
[ 68 ] Solche Dinge muß man schon als das Gegenbild desjenigen vor die Seele hinstellen, was in der Geisteswissenschaft lebt und pulst; denn sonst kommt man ihr gegenüber doch nicht zu rechten Empfindungen. Ich wollte Ihnen heute also zeigen, wie heraufkommen die Impulse in der gegenwärtigen und geschichtlichen Tatsachenwelt, um gewissermaßen Grundlagen zu haben, welche zeigen, wie sich ausgleichen können die entgegengesetzten Impulse, von denen ich sprach: das GlückSuchen, Erlösung-Suchen, Geburt-Suchen, Tod-Suchen, Verwandtschaft-Suchen, Böses-Suchen und so weiter. Diese Betrachtung, die uns in gewisse Tiefen des Lebens führen wird, werden wir dann morgen weiter fortsetzen.
