Humanity's Internal Impulses for Development
Goethe and the Crisis of the Nineteenth Century
GA 171
28 October 1910, Dornach
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Humanity's Internal Impulses for Development, tr. SOL
Vierzehnter Vortrag
Fourteenth Lecture
[ 1 ] Solch eine Szene im «Faust» wie die, welche den Faust führt zum Anschauen des Erdgeistes, sie kann in unserer Zeit sehr wohl die Gedanken auslösen, die sich anschließen sollten an manche Betrachtungen, die wir in der letzten Zeit hier angestellt haben. Faust hat vor sich den Erdgeist. Und wir sehen, daß er aus der Anschauung gewisser die Meditation erregender Dinge, die ihm, wie es da heißt im «Faust», aus dem Buche von Nostradamus werden, in jenen Zustand versetzt wird, durch den ihm das anschaulich werden kann, was als Erdgeist zu ihm spricht. Nun, ich habe ja über diese Dinge hier schon gesprochen und will heute nur ausgehen von dem Gedanken an den Erdgeist. Unsere gegenwärtige Zeitbildung wird mit solch einer Szene ja sehr bald fertig, indem sie eine für diese gegenwärtige Zeitbildung sehr bequeme Formel immer wieder und wiederum wiederholt. Diese gegenwärtige Zeit sagt einfach: Nun ja, dem Dichter gestattet eben die Phantasie, dasjenige, was niemals eine Wirklichkeit sein kann, vor unsere Seele hinzuzaubern. — Für Goethe enthielt eine solche Formel den Gipfelpunkt alles Trivialen, denn für Goethe lag in all dem, was er über die Beziehung des Faust zum Erdgeist entwickeln wollte, eine tiefe, eine bedeutungsvolle Wirklichkeit. Und nur wie diese Wirklichkeit jetzt ganz im Sinne Goethes vorzustellen ist, davon möchte ich einleitungsweise einige Worte sprechen.
[ 1 ] A scene in Faust such as the one that leads Faust to behold the Earth Spirit can very well, in our time, trigger thoughts that should follow on from some of the reflections we have made here recently. Faust has the Earth Spirit before him. And we see that, through the contemplation of certain things that stir his meditation—things that, as it says in Faust, come to him from the book of Nostradamus—he is brought into that state through which what speaks to him as the Earth Spirit can become vivid to him. Well, I have already spoken about these things here, and today I wish only to take as my starting point the idea of the Earth Spirit. Our contemporary mindset dispenses with such a scene very quickly by repeatedly resorting to a formula that is very convenient for it. This contemporary mindset simply says: Well, the poet’s imagination simply allows him to conjure up before our souls that which can never be reality. — For Goethe, such a formula represented the pinnacle of all that is trivial, for in everything he sought to develop regarding Faust’s relationship to the Earth Spirit lay a deep, meaningful reality. And I would like to say a few words by way of introduction about how this reality can now be conceived entirely in the spirit of Goethe.
[ 2 ] Goethe war schon in der Zeit, als er die Szene über den Erdgeist niedergeschrieben hatte, in all dem, was man damals — ich habe das schon erwähnt — wissen konnte über gewisse Zusammenhänge des Menschen mit der geistigen Welt, wohl unterrichtet; er hatte sich sorgfältig darüber unterrichtet. Und ob er nun mehr oder weniger sich diese Dinge zum ganz deutlichen Bewußtsein gebracht hat, ob er sie mehr oder weniger in völlig deutlichen Worten hätte aussprechen können, so wie wir diese Dinge heute aussprechen, darauf kommt es ja, wenn man Rücksicht nimmt auf die Zeit, in der Goethe lebte, nicht an. Aber darauf kommt es an, daß er völlig im Sinne richtiger Anschauungen die Szene gedichtet hat. Wenn man sich das in Wirklichkeit vorstellen will, so kann das in der folgenden Art geschehen. Man muß sich vorstellen: Durch dasjenige, was dem Faust an Anschauungen wird aus diesem sogenannten Buch des Nostradamus, wird im Zusammenhange mit Seelenübungen, die Faust selbstverständlich schon früher gemacht hat, der Ätherleib freigelegt, losgetrennt zum Teil von dem physischen Leib, wie es zu einer Anschauung der geistigen Welt notwendig ist. Dadurch aber wird der Mensch in einen ätherischen Zusammenhang gebracht mit der Außenwelt und er erlebt wirklich das Dasein, die Wirksamkeit geistiger Wesenheiten, die in der ätherischen Welt allein sich verkörpern können, deren Verkörperung nicht bis zur physischen Welt herunterkommt. Das ist der Fall bei dem, was sich Goethe unter dem Erdgeiste vorstellt, eine geistige Wesenheit, welche nur herunterkommt bis zur ätherischen Welt. So muß sich also Faust bereit machen, das Leben und Weben der ätherischen Welt in diesem Augenblicke zu schauen. Und das tut er. Es ist also wirklich ein Zusammenspielen des Erdgeistes mit dem ätherisch freigewordenen Leibe des Faust. Dies ist selbstverständlich, so wie ich es jetzt beschrieben habe, ein für die äußere Sinneswelt unwahrnehmbarer Vorgang, ein Vorgang, der nur geistig erlebt werden kann.
[ 2 ] Even at the time he wrote the scene about the Earth Spirit, Goethe was well-informed about everything that could be known at the time—as I have already mentioned—regarding certain connections between human beings and the spiritual world; he had carefully educated himself on the subject. And whether he had brought these things into more or less clear consciousness for himself, or whether he could have expressed them in more or less completely clear words, just as we express these things today—that is, after all, irrelevant when one takes into account the time in which Goethe lived. But what matters is that he composed the scene entirely in accordance with correct insights. If one wishes to imagine this in reality, it can be done in the following way. One must imagine: Through the insights Faust gains from this so-called Book of Nostradamus—in conjunction with spiritual exercises that Faust had, of course, already undertaken earlier—his etheric body is revealed and partially separated from the physical body, as is necessary for a perception of the spiritual world. Through this, however, the human being is brought into an etheric connection with the external world and truly experiences the existence and activity of spiritual beings who can incarnate only in the etheric world, whose incarnation does not extend down to the physical world. This is the case with what Goethe conceives of as the Earth Spirit, a spiritual being that descends only as far as the etheric world. Faust must therefore prepare himself to behold the life and activity of the etheric world at this very moment. And that is what he does. It is thus truly an interplay between the Earth Spirit and Faust’s body, which has been liberated into the etheric realm. This is, of course, as I have now described it, a process imperceptible to the external sensory world—a process that can only be experienced spiritually.
[ 3 ] Nun haben in der Zeit, die unserem fünften nachatlantischen Zeitraum vorangegangen ist, die Menschen, die noch mehr als die späteren gewußt haben von dem Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, bei denen aber doch schon das alte hellseherische Vermögen mehr oder weniger abgeklungen war, in der verschiedensten Weise gesucht nach Surrogaten, könnte man sagen, eines Verkehres mit der geistigen Welt. Denken Sie doch einmal daran, daß also Faust ein Bild und Worte empfängt aus dem Buch von Nostradamus. Dadurch, daß er diese Worte denkt, also die Gedankenformen bildet, dadurch bahnt er gewissermaßen seiner Seele den Weg zu dem Erdgeiste hin. Goethe durfte das darstellen, weil er wußte, daß das einer Wirklichkeit entspricht. In Wahrheit, kann man sagen, war die Zeit, in der der historische Faust gelebt hat, allerdings nicht mehr dazu angetan, daß Menschen so ohne weiteres einen solchen geistigen Zusammenhang erleben konnten. Denn schon früher, schon als der vierte nachatlantische Zeitraum, die griechisch-lateinische Kultur zu Ende ging mit dem 14. Jahrhundert, schon da versuchten die Menschen durch Surrogate den Zusammenhang zu gewinnen mit der geistigen Welt.
[ 3 ] Now, in the period preceding our fifth post-Atlantean epoch, people—who knew even more than those who came later about humanity’s connection to the spiritual world, but in whom the ancient clairvoyant abilities had already more or less faded—sought in various ways what one might call surrogates for communication with the spiritual world. Just consider, for example, that Faust receives an image and words from the Book of Nostradamus. By thinking these words—that is, by forming these thought-forms—he paves the way, so to speak, for his soul to reach the Earth Spirit. Goethe was able to depict this because he knew it corresponded to reality. In truth, one might say that the era in which the historical Faust lived was, however, no longer conducive to people being able to experience such a spiritual connection so readily. For even earlier—as the fourth post-Atlantean epoch, the Greco-Latin culture, was drawing to a close in the 14th century—people were already attempting to establish a connection with the spiritual world through surrogates.
[ 4 ] Über diese Surrogate, von denen Beschreibungen vorhanden sind, kann selbstverständlich die heutige aufgeklärte Welt sich nicht genug tun mit Spott und Hohn und Lachen und mit der Selbstbespiegelung, wie wir es so herrlich weit gebracht haben. Aber man braucht ja nicht zu hören auf diese ganz gescheiten, diese ungeheuer gescheiten Menschen der Gegenwart, die über solche Dinge selbstverständlich hinaus sind nach ihrer Meinung. Man kann sich einmal vergegenwärtigen, wie die Menschen, bei denen abgeklungen ist diese Fähigkeit, bei denen sie nicht mehr so lebendig vorhanden war wie früher, wie die Menschen an der Wende des vierten zum fünften nachatlantischen Zeitraumes bemüht waren, durch Surrogate sich den Weg zu bahnen zum Anschauen gewisser geistiger Vorgänge, die eigentlich in ihrer Wahrheit nur übersinnlich geschaut werden können. Und das geschah vielfach durch äußere Mittel. Sagen wir, solch ein Mann, der da versuchte, Anschauungen über die geistige Welt zu gewinnen, und der nicht die starke Kraft in sich aufrufen konnte, um rein geistig diese Anschauungen zu gewinnen, er tat das so, daß er gewisse Substanzen nahm, diese verbrannte und einen durch die Mischung ganz bestimmter verbrennender Substanzen hervorgerufenen Rauch in bestimmte Bewegungen brachte, die er hervorrief durch ganz bestimmte, wiederum überlieferte Formeln. Er hatte bestimmte, wie man sie nennen kann, Zauberformeln. Er entwickelte also aus bestimmten Substanzen, die er verbrannte, einen Rauch, besprach den Rauch, sprach also bestimmte Worte, die ja auch überliefert waren und die, sagen wir, ähnlich sein konnten den Worten, die der Faust in dem Buch des Nostradamus findet, er sprach diese Worte hinein in den Rauch: der Rauch nahm ganz bestimmte Formen an. Würde er rein geistig sich der geistigen Welt haben nähern können, so würde er den Rauch nicht gebraucht haben. Aber das konnte er vielleicht nicht. Daher sprach er in den Rauch bestimmte Zauberformeln hinein. Durch solche Zauberformeln, wenn sie in der richtigen Weise gesprochen sind, kann der Rauch gleich bestimmte Formen annehmen, und waren die Formeln die richtigen, so war nicht bloß das erreicht, daß der Rauch bestimmte Formen annahm, sondern diese Formen gestatteten dann auch den geistigen Wesen, die nicht bloß geistig sich ihm nähern konnten, in seine Sphäre hereinzukommen. Der Rauch war gewissermaßen dasjenige, was der Betreffende formte durch seine Formeln; und die Formen, die der Rauch annahm, die machten durch ihre Gestaltung es möglich, daß die betreffenden geistigen Wesenheiten elementarischer Natur einzogen in diese Gestaltungen, in diese Formen des Rauches, und also da waren. Wir sehen, es ist ein Surrogat, ein Festhalten desjenigen, was man rein geistig nicht festhalten kann durch die physische Materie. .
[ 4 ] Of course, today’s enlightened world cannot get enough of mocking, scoffing, and laughing at these surrogates—for which descriptions exist—and of reflecting on just how wonderfully far we’ve come. But one need not listen to these very clever—these incredibly clever—people of the present, who, in their own opinion, have of course moved beyond such things. One can imagine how people—in whom this ability had waned, in whom it was no longer as vividly present as it once was—how people at the turn of the fourth to the fifth post-Atlantean epoch strove to use surrogates to pave the way for perceiving certain spiritual processes that, in truth, can only be perceived supersensually. And this often took place through external means. Let us say that such a man, who was attempting to gain insights into the spiritual world and who could not summon the strong inner power to gain these insights purely spiritually, he did so by taking certain substances, burning them, and directing the smoke—produced by the mixture of very specific burning substances—into specific movements, which he evoked through very specific, traditional formulas. He had what one might call specific magic formulas. So he produced smoke from certain substances that he burned, incanted over the smoke—that is, he spoke certain words that had also been handed down and that, let’s say, might have been similar to the words that Faust finds in the Book of Nostradamus—he spoke these words into the smoke: the smoke took on very specific forms. If he had been able to approach the spiritual world purely through his mind, he would not have needed the smoke. But perhaps he was unable to do so. That is why he spoke certain magic formulas into the smoke. Through such magical formulas, when spoken in the correct manner, the smoke can immediately take on specific forms; and if the formulas were correct, not only was the smoke made to take on specific forms, but these forms then also allowed the spiritual beings—who could not approach him purely spiritually—to enter his sphere. The smoke was, so to speak, what the person in question shaped through his incantations; and the forms that the smoke took—through their very structure—made it possible for the spiritual beings of an elemental nature to enter into these formations, into these forms of smoke, and thus to be present there. We see that it is a surrogate, a means of retaining through physical matter that which cannot be retained purely spiritually. .
[ 5 ] Goethe hat vermieden, ein solches Surrogat darzustellen; er hätte ebensogut Faust ein anderes Buch nehmen lassen können, in dem zusammengestellt waren jene Kräuter, die man miteinander zu verbrennen hat, damit eine solche Rauchsäule entstehen würde, um auf diese Weise dann den Erdgeist herankommen zu lassen. Das hat er vermieden. Er wollte die Szene mehr geistig gestalten. Aber selbstverständlich waren Goethe diese Surrogate auch wohl bekannt. Wie gesagt, heute lacht man darüber, daß so etwas irgendeine Bedeutung haben könnte.
[ 5 ] Goethe avoided depicting such a surrogate; he could just as easily have had Faust pick up another book containing a compilation of those herbs that must be burned together to produce such a column of smoke, thereby summoning the Earth Spirit. He avoided doing that. He wanted to render the scene in a more spiritual way. But of course, Goethe was well aware of these substitutes as well. As I said, today people laugh at the idea that something like that could have any significance.
[ 6 ] Nun liegt ein Merkwürdiges vor, ein ganz Merkwürdiges liegt vor. Das 19. Jahrhundert ist eigentlich dahin gekommen, nach und nach alle Anschauungen vom Geistigen zu verlieren, ja sogar die Anschauung von der Lebenskraft, die im Lebensäther verankert ist, überhaupt von allem, was im Äther verankert ist, zu verlieren. Es ist dieses 19. Jahrhundert mit seiner materialistischen Anschauung dahin gekommen, das Leben selber nur wie einen Ausfluß des Materiellen zu betrachten, einen lebendigen Organismus nur wie eine kompliziertere Maschine gleichsam anzuschauen. Gewiß, das lag in der Tendenz des 19. Jahrhunderts, das Leben auszutreiben aus der Anschauung der Dinge. Nun ist das Merkwürdige, daß dieses Leben sich wiederum, nachdem man es ausgetrieben hatte, hereinstiehlt in die Betrachtungsweisen, hereinstiehlt in einer Weise, mit der wiederum das Denken des 19. und des 20. Jahrhunderts bisher nichts anzufangen weiß. Es ist interessant, zu beobachten, wie, man möchte sagen, nachdem durch die eine Türe Geist und Leben von der Forschung ausgetrieben worden sind, sie von der anderen Türe hereinkommen, und zwar auf eine Weise eben, mit der die Forschung nichts Rechtes anzufangen weiß. Da denken heute, allerdings in recht verkehrter Weise, schon gewisse Menschen nach darüber, ob nicht vielleicht das Leblose auch lebt. Aus dem Lebendigen hat man sozusagen das Leben ausgetrieben; aber heute schon fühlt man sich wiederum gedrängt, nachzudenken darüber, ob nicht das Unlebendige auch lebt. Man sagt zum Beispiel so: Dasjenige, was sich als Lebendiges zeigt und was doch auch keine anderen Lebensgesetze haben kann als das Unlebendige, das hat — mehr oder weniger — ein Gedächtnis. — Jetzt, wo alles durcheinandergeworfen wird, schreibt man auch den Tieren, den Pflanzen Gedächtnis zu. Gedächtnis, sagt man, habe das Lebendige. Man will dieses Gedächtnis nicht als irgend etwas, was von einem Geistigen herstamme, gelten lassen; also ist man bemüht, dieses Gedächtnis auch im Leblosen aufzufinden. Wie macht man das? Nun, man sagt: Was ist Gedächtnis? Gedächtnis besteht darinnen, daß ein sogenanntes Lebewesen einem Reiz ausgesetzt ist, und wenn dieses Lebewesen ein zweites Mal demselben Reiz ausgesetzt ist, dann ist die Wiederholung eine solche, der man anmerkt, daß das Lebewesen schon früher einmal demselben Reiz ausgesetzt war. Es geht schneller mit der Auffassung, mit der Einverleibung des Reizes; man merkt, es ist etwas geblieben in dem Lebewesen, welches es das zweite Mal geeignet macht, in schnellerer Weise, in leichterer Weise auf den Reiz zu reagieren als das erste Mal. — Nun frägt man sich: Ist das bloß eine Eigenschaft des Lebendigen, in dieser Art Gedächtnis zu haben? Dann würde man ja dem Lebendigen besondere Eigenschaften zuschreiben müssen, die man nicht ihm zuschreiben will; also kann man vielleicht auch beim Unlebendigen, beim bloß Physischen finden, daß es Gedächtnis hat. Und da findet man, daß, sagen wir, ein Magnet, also Eisen, das man in einer gewissen Weise behandelt hat, so daß es magnetisch geworden ist, anderes Eisen anzieht, und man kann nun durch gewisse Vorgänge messen, mit welcher Kraft Eisen angezogen wird, wenn der Magnet, sagen wir eine bestimmte Summe von Kraft übermittelt hat. Das kann man messen, wieviel man tun mußte, um das Eisen zu magnetisieren, damit es anderes Eisen anzieht.
[ 6 ] Now we are faced with something strange, something truly strange. The 19th century has, in fact, come to the point where it has gradually lost all conceptions of the spiritual—indeed, even the conception of the life force anchored in the life ether, and indeed of everything anchored in the ether. With its materialistic outlook, the 19th century had come to regard life itself merely as an outgrowth of the material world, to view a living organism, as it were, merely as a more complex machine. Certainly, this was part of the 19th-century tendency to drive life out of the way of looking at things. Now the curious thing is that this life, after having been driven out, creeps back into ways of thinking—creeps back in a way that the thinking of the 19th and 20th centuries has so far been unable to come to terms with. It is interesting to observe how—one might say—after spirit and life have been driven out of research through one door, they come back in through the other, and in a way that research simply does not know how to handle. Today, certain people are already pondering—albeit in a rather misguided way—whether perhaps the inanimate also lives. Life has, so to speak, been driven out of the living; but today people already feel compelled once again to consider whether the non-living might also be alive. For example, people say something like this: That which manifests itself as living—and yet cannot have any other laws of life than the non-living—possesses—to a greater or lesser extent—a memory. — Now that everything is being thrown into confusion, people are even attributing memory to animals and plants. Memory, they say, is possessed by the living. They do not want to accept this memory as something derived from a spiritual source; thus, they strive to find this memory in the inanimate as well. How does one do that? Well, one asks: What is memory? Memory consists in the fact that a so-called living being is exposed to a stimulus, and when this living being is exposed to the same stimulus a second time, the repetition is such that one can tell the living being had already been exposed to the same stimulus before. The process of perceiving and internalizing the stimulus is faster; one notices that something has remained within the living being, which enables it to react to the stimulus the second time more quickly and more easily than the first time. — Now one asks: Is this merely a property of living things—to possess this kind of memory? If so, one would have to ascribe special properties to living things that one does not wish to ascribe to them; thus, perhaps one can also find that non-living things—merely physical objects—possess memory. And there one finds that, say, a magnet—that is, iron that has been treated in a certain way so that it has become magnetic—attracts other iron, and one can now measure, through certain procedures, the force with which the iron is attracted when the magnet has transmitted, say, a certain amount of force. One can measure how much effort was required to magnetize the iron so that it attracts other iron.
[ 7 ] Nun findet man sehr interessante Tatsachen. Absolut richtige Tatsachen findet man,wenn man einmal Eisen magnetisiert und es dadurch bis zu einer gewissen Kraft bringt. Man wartet dann, magnetisiert dann wiederum: Jetzt braucht man weniger Kraft anzuwenden, um dasEisen zu derselben magnetischen Kraft zu bringen, zu derselben Reaktion wie das erste Mal, und das dritte Mal noch weniger. Also sagen die Leute: Seht ihr, der Magnet hat dasjenige schon, was man eben bei höheren Wesenheiten komplizierter im Gedächtnisse findet. — Dasselbe kann man nachweisen bei anderen Kräften, die an den leblosen Substanzen haften, zum Beispiel, wenn man einen ganz elastischen Körper deformiert. Man kann ihn durch Aufwendung einer gewissen Kraft deformieren; er geht dann wieder zurück, und im Zurückschnellen, im Herstellen seiner früheren Form entwickelt er eine bestimmte Reaktionskraft, die eine bestimmte Stärke hat, die man wiederum durch Apparate messen kann. Das zweite Mal braucht man keine so starke Kraft anzuwenden, damit dasbetreffende elastische Stück auseinanderschnellt und sich wieder zusammenfaltet. Und so kann man sagen: Also auch in der Auffassung von elastischer Kraft sind die leblosen Wesenheiten mit einem gewissen Gedächtnisse behaftet.
[ 7 ] Now, one discovers some very interesting facts. One finds facts that are absolutely correct once one magnetizes iron and thereby brings it up to a certain level of magnetic force. You wait, then magnetize it again: Now you need to apply less force to bring the iron to the same magnetic strength, to the same reaction as the first time, and even less the third time. So people say: See, the magnet already possesses what is found in a more complex form in the memory of higher beings. — The same can be demonstrated with other forces inherent in inanimate substances; for example, when one deforms a highly elastic body. One can deform it by applying a certain force; it then returns to its original shape, and as it snaps back, restoring its former form, it develops a specific reactive force of a certain strength, which in turn can be measured using instruments. The second time, one does not need to apply such a strong force for the elastic object in question to spring apart and fold back together. And so one can say: Thus, even in the concept of elastic force, inanimate entities are endowed with a certain “memory.”
[ 8 ] Sehr, sehr merkwürdig ist dieser Gedankengang. Von den Tieren will man nicht, daß sie durch eine besondere Kraft ein Gedächtnis haben; da hat man das Geistleben ausgetrieben. Nun stiehlt es sich herein, indem man den Magneten, elastische Körper, also das Leblose, mit Gedächtnis sich behaftet denkt. Aber man ist viel weiter gegangen. Eine besondere Eigenschaft des Lebendigen findet man ja, wie Sie wissen, in der Schattenseite alles Lebendigen, in der Möglichkeit, krank zu werden. Nun hat man wiederum nachgedacht: Kann denn nicht vielleicht auch das Unlebendige, das Leblose erkranken? — Und da waren eigentlich gewisse Leute außerordentlich froh, die sozusagen aus dem Lebendigen das Leben austreiben wollten, daß sie in der Lage waren, zu zeigen: Ja, das Leblose kann auch krank werden! Das ist nicht bloß ein Privilegium des Lebendigen, daß es krank wird, sondern das Leblose kann auch krank werden.
[ 8 ] This line of thought is very, very strange. We do not want animals to possess memory through some special power; we have banished spiritual life from them. Now it creeps back in when we imagine that magnets, elastic bodies—that is, inanimate objects—possess memory. But people have gone much further. As you know, a particular characteristic of the living is found in the dark side of all living things—in the possibility of becoming ill. Now people have reflected further: Could it not perhaps be that the non-living, the inanimate, might also fall ill? — And there were actually certain people who were extraordinarily pleased—those who, so to speak, wanted to drive life out of the living—that they were in a position to demonstrate: Yes, the lifeless can also become ill! It is not merely a privilege of the living to become ill; the lifeless can also become ill.
[ 9 ] Es war ein Chemiker, Erdmann, der zuerst bemerkt hat an gewissen Zinnstücken an einem Gebäude, daß diese Zinnstücke ganz merk würdige Erscheinungen zeigten. Wenn das solch ein Zinnstück etwa ist (es wird gezeichnet), so bekamen sie etwas wie solche Blasen, die in dieser Weise aufgeworfen sind; darunter ist es hohl. Wenn man dann diese Blasen drückte, war das Zinn darunter staubig, es war wie Staub an der Stelle. Und siehe da, das ging weiter. Wir haben Mitteilungen, die da besagen, daß es nicht bei Erdmanns Beobachtungen blieb, sondern wir finden folgende Schilderung zum Beispiel. «Später» — also nach Erdmann — «hat sich der Chemiker Dr.Fritzsche von neuem mit diesem Problem» — mit der Zinnpest — «beschäftigt, nachdem er in Sankt Petersburg von dem Chef eines Handelshauses darauf aufmerksam gemacht worden war, daß ganze Blöcke reinen Metalls, die mit dem Schiff versandt werden sollten, einfach zerfielen. Da sich um die gleiche Zeit in einem Militär-Magazin Uniformknöpfe in graues Pulver umwandelten, und damals in Sankt Petersburg ein äußerst strenger Winter herrschte, so kam Dr. Fritzsche auf den Gedanken, daß es vielleicht die Kälte sei, die das Zinn angreift. Im Jahre 1893 führte man die Teilnehmer der in der alten Stadt Nürnberg tagenden NaturforscherVersammlung nach dem neuen Postgebäude, dessen aus Zinnplatten hergestelltes Dach auf unerklärliche Weise zerfallen war. Aber niemand von all den damals anwesenden Chemikern und Ärzten wußte Rat. Ein ähnlicher Zerfall zeigte sich an dem Dach des alten berühmten Rathauses zu Rothenburg ob der Tauber und in noch vielen sonstigen Fällen. In neuerer Zeit hat nun Professor Dr. Ernst Cohen vom van’t Hoff-Laboratorium der Universität Utrecht diesen Zerfall der Metalle aufs genaueste untersucht und dabei gefunden, daß es sich tatsächlich um eine Krankheit, und zwar um eine Infektionskrankheit handelt.»
[ 9 ] It was a chemist named Erdmann who first noticed that certain pieces of tin on a building exhibited quite remarkable phenomena. When a piece of tin like this (as shown in the drawing) was examined, it had something like these blisters, raised in this manner; and it is hollow underneath. When one pressed these blisters, the tin underneath was powdery; it was like dust in that spot. And lo and behold, it went on. We have reports stating that it did not stop with Erdmann’s observations; rather, we find the following description, for example. “Later”—that is, after Erdmann—“the chemist Dr. Fritzsche once again took up this problem”—the tin plague—“after the head of a trading house in Saint Petersburg had brought to his attention that entire blocks of pure metal, which were to be shipped by boat, were simply disintegrating. Since, around the same time, uniform buttons in a military depot had turned into gray powder, and an extremely harsh winter was prevailing in Saint Petersburg at the time, Dr. Fritzsche came to the conclusion that it might be the cold that was corroding the tin. In 1893, participants at the naturalists’ conference held in the old town of Nuremberg were taken to the new post office building, whose roof—made of tin plates—had inexplicably disintegrated. But none of the chemists and physicians present at the time knew what to make of it. A similar deterioration was observed on the roof of the famous old town hall in Rothenburg ob der Tauber and in many other cases as well. More recently, Professor Dr. Ernst Cohen of the van’t Hoff Laboratory at the University of Utrecht has investigated this deterioration of metals in great detail and found that it is in fact a disease—specifically, an infectious disease.”
[ 10 ] Also man ist dazu gelangt, der bloßen Substanz des Zinns eine Krankheit zuzuschreiben, und man nennt diese Krankheit die Zinnpest. Man spricht also heute schon in diesen Kreisen von der Zinnpest. Besonders interessant aber sind solche Erscheinungen: Es gibt eine Münze, eine Zinnmedaille, die stellt folgendes dar (es wird eine Münze gezeichnet). Also einfach einen Kopf stellt sie dar, in Wirklichkeit ist es Balthasar Bekker, der ein Reformator war. Diese Medaille ist 1692 gegossen. Auf dieser Medaille finden Sie überall solche Erhöhungen, richtige blatternförmige Erhöhungen, die man betupfen kann, dann springen sie ab. Und darunter ist das Ganze, was unter diesen Erhöhungen ist, staubig geworden, staubartig geworden. Man spricht in diesem Falle von der Zinnpest. Das Merkwürdigste aber, was den Leuten besonders zupaß gekommen ist, das ist, daß, wenn man den Staub nun nur an den Fingern haften hat und ihn auf ein anderes Zinn überträgt, das ganz gut ist, so wird dieses Zinn von derselben Krankheit befallen. Das heißt, man hat es nach den Ansichten der Leute mit einer ganz bestimmten Art von Krankheit, und zwar mit einer Infektionskrankheit zu tun, mit einer Krankheit, die durch Infektion übertragen werden kann. Daher sagen solche Menschen heute bereits unter dem Eindrucke solcher Tatsachen das Folgende.
[ 10 ] So people have come to attribute a disease to the very substance of tin, and they call this disease “tin plague.” So even today, people in these circles speak of the “tin plague.” But what is particularly interesting are phenomena like this: There is a coin, a tin medal, that depicts the following (a coin is drawn). It simply depicts a head; in reality, it is Balthasar Bekker, who was a reformer. This medal was cast in 1692. On this medal, you’ll find these raised areas everywhere—actual scab-like raised areas—that you can dab with your finger, and they’ll flake off. And underneath, the entire area beneath these raised areas has become dusty, powdery. In this case, people refer to it as “pewter plague.” But the strangest thing—and what has particularly struck people—is that if you simply have the dust on your fingers and transfer it to another piece of pewter that is otherwise in good condition, that pewter becomes afflicted with the same disease. This means that, according to popular belief, we are dealing with a very specific type of disease—namely, an infectious disease, a disease that can be transmitted through infection. Therefore, influenced by such facts, people today are already saying the following:
[ 11 ] «In neuester Zeit hat man erkannt, daß es auch bei anderen Metallen Infektionskrankheiten gibt. Beim Aluminium kennt man sogar zwei verschiedene Formen von Infektionskrankheiten, von denen bei der einen der Infektionsträger im Wasser zu suchen ist.» «Wahrscheinlich wird die Lehre von den Metallkrankheiten», schreibt Dr. Neuburger, «die gegenwärtig noch im Beginne ihrer Entwickelung steht, in Zukunft einen besonderen Zweig der Wissenschaft darstellen... .»
[ 11 ] “It has recently been recognized that infectious diseases also exist in other metals. In the case of aluminum, there are even two different forms of infectious diseases, one of which is transmitted through water.” “The study of metal-related diseases,” writes Dr. Neuburger, “which is currently still in its infancy, will likely constitute a distinct branch of science in the future... .”
[ 12 ] Also denken Sie, man wird später nicht bloß Menschenärzte, Tierärzte, sondern auch «Metallärzte» anstellen müssen! Das Leblose erkrankt auch; das ist etwas, was nun schon in die heutige Wissenschaft eingezogen ist. Das Leblose erkrankt auch.
[ 12 ] So you think that in the future we will have to hire not only human doctors and veterinarians, but also “metal doctors”! Inanimate objects can also fall ill; this is something that has already found its way into modern science. Inanimate objects can also fall ill.
[ 13 ] Das Lebendige empfindet; es hat nicht nur Gedächtnis und die Fähigkeit, krank zu werden, sondern es empfindet! Es ist ja die einfachste Tatsache des über die Pflanze hinausgehenden Lebendigen, daß es empfindet. Nun, mit dem «Empfinden», da machen sich auch schon die Leute in einer merkwürdigen Weise heute Gedanken. Man ist seit langer Zeit schon aufmerksam darauf geworden, daß nicht nur etwas, was wie ein Lebendiges geboren wird, den Schall zum Beispiel empfindet, sondern daß etwas, was ganz unlebendig ist, richtig Empfindung für den Schall hat. Das ist nun ganz besonders interessant. Man braucht nur zu lesen, was John Tyndall schreibt:
[ 13 ] Living beings feel; they not only have memory and the ability to become ill, but they feel! After all, the simplest fact about living beings beyond the plant realm is that they feel. Well, when it comes to “feeling,” people today are already pondering this in a curious way. It has long been recognized that it is not only something born as a living being that perceives sound, for example, but that something entirely non-living also has a genuine perception of sound. This is particularly interesting. One need only read what John Tyndall writes:
[ 14 ] «Bei einem Schlag auf den Tisch fällt eine 45 cm hohe Rauchsäule zu einem buschigen Strauß zusammen, dessen Stengel nur 2,5 cm lang ist.»
[ 14 ] “When you tap the table, a 45-centimeter-high column of smoke collapses into a bushy bouquet with stems only 2.5 centimeters long.”
[ 15 ] Also John Tyndall, der Physiker, beobachtet eine Rauchsäule, 45 Zentimeter hoch. Nicht etwa durch den Schlag auf denselben Tisch, wo die Rauchsäule ist, sondern durch einen Schlag auf einen ganz anderen Tisch, nur durch den Schlag fällt die Rauchsäule zusammen, verwandelt ihre Form, wird etwas wie eine Kakteenstaude, aber ganz niedrig. Und John Tyndall ist der ernsthaftigen Meinung, daß die Rauchsäule den Schall wahrgenommen und durch den Schall ihre Gestalt verändert hat. Er sagt weiter:
[ 15 ] So John Tyndall, the physicist, observes a column of smoke 45 centimeters high. Not by striking the same table where the column of smoke is, but by striking a completely different table—simply by the impact, the column of smoke collapses, changes its shape, and becomes something like a cactus bush, but very short. And John Tyndall is seriously of the opinion that the column of smoke perceived the sound and changed its shape as a result of the sound. He goes on to say:
[ 16 ] «Auch der Stimme gehorcht die Rauchsäule. Ein Husten wirft sie nieder, und zu dem Klange einer Spieluhr tanzt sie. Bei einzelnen Tönen sammelt sich nur die Spitze der Rauchsäule zu einem Bukett. Bei anderen bildet sich der Strauß auf halber Höhe, während bei gewissen Tönen von passender Höhe die Säule sich zu einer geballten Wolke zusammenzieht, die kaum mehr als 2,5 cm über dem Ende des Brenners steht. — Nicht nur einzelne Worte, sondern jedes Wort und jede Silbe der angeführten Spenserschen Verse versetzt einen wirklich empfindlichen Rauchstrahl in die größte Unruhe.»
[ 16 ] “The column of smoke obeys the voice as well. A cough brings it down, and it dances to the sound of a music box. With certain notes, only the tip of the column gathers into a bouquet. With others, the bouquet forms halfway up, while with certain notes of the right pitch, the column contracts into a dense cloud that stands barely more than 2.5 cm above the end of the burner. — Not only individual words, but every word and every syllable of the quoted verses by Spenser sets a truly sensitive stream of smoke into the greatest turmoil.”
[ 17 ] Da haben Sie den modernen Physiker, der der Rauchsäule Empfindung zuschreibt, der, nachdem man vergessen hat alles dasjenige, all die Rezepte, die alte Zauberer in die Rauchsäule hineingesprochen haben, um sie zu anderer Gestaltung zu bringen, dieSachen wiederum bemerkt. John Tyndall, ein gewöhnlicher Physiker der Jetztzeit, des fünften nachatlantischen Zeitraums, beobachtet, wie eine Rauchsäule durch einen Schall zusammenstürzt, sich zu einem Busch formt, wie sie sogar, wenn eine Spieluhr spielt, tanzt. Er beobachtet, wie sie ganz bestimmten Spenserschen Versen folgt, wie sie sich da formt. Wir haben den Physiker, der im Grunde genommen sich nur in etwas elementarerer, anfänglicherer Weise genau so verhält zu der Rauchsäule, wie sich der alte verachtete Zauberer verhalten hat:
[ 17 ] There you have the modern physicist, who attributes sensation to the column of smoke—who, after we have forgotten all those things, all those incantations that ancient magicians spoke into the column of smoke to transform it into a different form, has noticed these things once again. John Tyndall, an ordinary physicist of the present day, of the fifth post-Atlantean epoch, observes how a column of smoke collapses in response to a sound, takes the shape of a bush, and even dances when a music box plays. He observes how it follows very specific verses by Spenser as it takes shape. We have the physicist who, in essence, behaves toward the column of smoke in exactly the same way—albeit in a more elementary, more rudimentary manner—as the old, despised sorcerer did:
[ 18 ] «Noch packender ist das Verhalten der empfindlichen Wasserstrahlen gegenüber dem Schall.»
[ 18 ] “Even more fascinating is how these sensitive water jets react to sound.”
[ 19 ] Also nicht bloß eine Rauchsäule beobachtet man heute, sondern auch den Wasserstrahl. Tyndall beschreibt diese fesselnde Erscheinung in seinem Buche, in dem eben angeführten Buche auf den Seiten 316 bis 326, und schließt mit den Worten:
[ 19 ] So today we observe not only a column of smoke, but also a jet of water. Tyndall describes this fascinating phenomenon in his book—the one just mentioned—on pages 316 through 326, and concludes with the words:
[ 20 ] «Die Empfindlichkeit dieses Strahles ist erstaunlich, sie kann sich mit der des Ohres selbst messen.» Also nicht nur das Ohr hört, das heißt, nimmt den Schall wahr, sondern der Wasserstrahl nimmt den Schall sogar wahr und verändert sich unter seinem Einflusse, daß seine Empfindlichkeit sich mit dem Ohre messen kann:
[ 20 ] “The sensitivity of this jet is astonishing; it can rival that of the ear itself.” So it is not only the ear that hears—that is, perceives sound—but the water jet also perceives sound and changes under its influence, to the extent that its sensitivity can rival that of the ear:
[ 21 ] «Stellt man die beiden Stimmgabeln auf einen entfernten Tisch» — also nicht auf denselben Tisch, sondern auf einen anderen Tisch — «und läßt die Schwebungen allmählich ausklingen, so setzt der Strahl seinen Rhythmus beinahe solange fort, als man noch etwas hören kann. Wäre der Strahl noch empfindlicher, so würde er sich sogar dem Ohre überlegen zeigen; eine staunenswerte Tatsache, wenn man die wunderbare Feinheit dieses Organs in Betracht zieht.»
[ 21 ] “If one places the two tuning forks on a table some distance away”—that is, not on the same table, but on a different table—“and allows the beats to gradually fade away, the beam continues its rhythm almost as long as one can still hear anything. If the beam were even more sensitive, it would even prove superior to the ear—an astonishing fact, considering the marvelous delicacy of this organ.”
[ 22 ] Aber noch weiter. Ein gewisser Leconte hat in Amerika bei einer musikalischen Soiree eine merkwürdige Entdeckung gemacht, die er in derselben Weise beschreibt:
[ 22 ] But let's go even further. A certain Leconte made a curious discovery at a musical soirée in America, which he describes as follows:
[ 23 ] «Kurz nachdem die Musik angefangen hatte, bemerkte ich, daß die Flamme Schwingungen zeigte» — die Gasflamme —, «die mit den hörbaren Schwebungen der Musik vollkommen übereinstimmten. Dieses Phänomen mußte jedem... auffallen, hauptsächlich als die starken Töne des Cellos hinzutraten.»
[ 23 ] “Shortly after the music began, I noticed that the flame was vibrating”—the gas flame—“in perfect harmony with the audible overtones of the music. This phenomenon must have been noticeable to everyone... especially when the powerful notes of the cello came in.”
[ 24 ] Er beobachtet also die Flamme, wie sie die musikalischen Töne hört, und wie sie sie in sich selber nachformt.
[ 24 ] He thus observes the flame as it “hears” the musical notes and recreates them within itself.
[ 25 ] «Es war außerordentlich interessant zu beobachten, wie vollständig genau sogar die Triller dieses Instrumentes von der Flamme wiedergegeben wurden. Für einen Tauben wäre die Harmonie sichtbar geworden. Im Laufe des Abends, als der Gasverbrauch in der Stadt abnahm und dadurch der Druck gesteigert wurde, ward die Erscheinung deutlicher. Das Hüpfen der Flamme steigerte sich allmählich, wurde etwas unregelmäßig und ging endlich in ein anhaltendes Flackern über, wobei der charakteristische Ton gehört wurde, der anzeigt, daß mehr Gas ausströmt, als verbrannt werden kann. Ich stellte dann durch einen Versuch fest, daß die Erscheinung nur dann eintrat, wenn das Ausströmen des Gases so geregelt war, daß die Flamme dem Flackern nahe kam. Ich überzeugte mich ferner durch einen Versuch, daß die Wirkungen sich nicht zeigten, wenn man den Boden und die Wände des Zimmers durch wiederholte Stöße erschütterte.»
[ 25 ] “It was extraordinarily interesting to observe how precisely even the trills of this instrument were reproduced by the flame. To a deaf person, the harmony would have become visible. As the evening wore on, when gas consumption in the city decreased and the pressure consequently increased, the phenomenon became more distinct. The flame’s flickering gradually intensified, became somewhat irregular, and finally turned into a sustained flicker, accompanied by the characteristic sound indicating that more gas was escaping than could be burned. I then determined through an experiment that the phenomenon occurred only when the flow of gas was regulated so that the flame approached a state of flickering. I also confirmed through an experiment that the effects did not occur when the floor and walls of the room were shaken by repeated impacts.”
[ 26 ] Also nicht durch die Erschütterung kam es, sondern durch die Wahrnehmung des Schalles durch die Flamme.
[ 26 ] So it wasn't caused by the vibration, but by the flame's perception of the sound.
[ 27 ] «Daraus geht hervor, daß die Schwankungen der Flamme nicht von indirekten Schwingungen herrührten, die durch das Mittel der Wände dem Brenner mitgeteilt sein mochten, sondern durch den direkten Einfluß der Tonwelle der Luft auf die Flamme erzeugt waren.»
[ 27 ] “This shows that the fluctuations of the flame did not result from indirect vibrations that might have been transmitted to the burner through the walls, but were caused by the direct influence of sound waves in the air on the flame.”
[ 28 ] Man darf dabei erwähnen, daß auch die elektrische Bogenlampe in so außerordentlich feiner Weise auf den Schall reagiert, daß man schon mehrfach daran gedacht hat, diese Erscheinung zur telephonischen Übertragung auszunützen.
[ 28 ] It is worth noting that the electric arc lamp also responds to sound in such an extraordinarily sensitive manner that there have been several attempts to exploit this phenomenon for telephone transmission.
[ 29 ] Da sehen Sie also, wie bei der anderen Türe für das Unlebendige dieselben Eigenschaften hereinkommen sollen, die man beim Lebendigen ausgetrieben hat!
[ 29 ] So there you see how, in the case of the other door—the one for the non-living—the very same qualities that have been driven out of the living are supposed to enter!
[ 30 ] Es ist wahrhaftig sehr, sehr interessant, welchen kuriosen Gang die allem Geistesleben entfremdete Denk- und Gesinnungsart dieses 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit herein durchgemacht hat. Die Forscher selber mit ihrem Denken können eigentlich im Grunde nichts dafür, denn sie suchen nicht systematisch. Wenn sich ihnen so etwas aufdrängt, dann verwerfen sie es. In den seltensten Fällen suchen sie nach solchen Dingen systematisch. Aber die Tatsachen selber sprechen zu laut, so daß selbst die widerstrebenden Forscher zu solchen merkwürdigen Einsichten kommen. Nun fällt den Forschern, die das bemerken, in der Regel heute gar nicht ein, in anderem als recht materialistischen Sinne gerade solche Dinge zu deuten. Sie sagen natürlich: Nun ja, wenn das Unlebendige auch empfinden kann, sogar krank werden kann, Gedächtnis entwickeln kann, dann braucht man ja dem Lebendigen nicht irgend etwas Besonderes zuzuschreiben; dann ist das Lebendige nur ein komplizierteres Unlebendiges.
[ 30 ] It is truly very, very interesting to see the curious path that the 19th-century way of thinking and mindset—which was alienated from all spiritual life—has taken, right up to the present day. The researchers themselves, with their way of thinking, are not really to blame for this, because they do not conduct systematic research. When something like this presents itself to them, they dismiss it. Only in the rarest of cases do they systematically seek out such things. But the facts themselves speak so loudly that even the most reluctant researchers arrive at such strange insights. Now, it generally does not occur to researchers who notice this today to interpret such things in any sense other than a strictly materialistic one. They say, of course: Well, if the inanimate can also feel, can even become ill, can develop memory, then there is no need to attribute anything special to the living; then the living is merely a more complex form of the inanimate.
[ 31 ] Immer mehr und mehr werden diejenigen Dinge, die so zu der andern Türe wieder hereinkommen, das Denken bedrängen, dieses Denken, das ohnedies schon so außerordentlich bedrängt erscheint, betrachtet man es heute mit dem gesunden Blick, der einem ersteht, wenn man eine gewisse Anschauung von den Tatsachen der geistigen Welt auch hat. Denn das ist besonders ein Kennzeichen dieses 19. Jahrhunderts und der Zeit bis in unsere Tage herein, daß man gewissermaßen der Fülle der Erscheinungen gegenüber nicht aufkommen kann mit den Gedanken, die einem zur Verfügung stehen. Denn dasjenige, was die landläufige Forschung heute gegenüber solchen Dingen zu sagen hat, das ist doch nichts anderes als, man darf sagen, die jämmerlichste Hilflosigkeit. Aber ein Zug zeigt sich darin: da ist auf der einen Seite das Überhandnehmen einer Fülle von Tatsachen, die dahin drängen, die Gedankenkreise zu erweitern, auf der anderen Seite eben die gekennzeichnete Hilflosigkeit derjenigen, die nicht wollen an die Geisteswissenschaft herantreten, um sich von ihr etwas zu unterrichten, die vollendete Hilflosigkeit eben derjenigen, die das nicht wollen gegenüber den andringenden Tatsachen. Und da ist es interessant, gewisse Zeiterscheinungen nun zu betrachten. Man wird sie verstehen, wenn man sie in das Licht zu setzen vermag von alledem, was wir gerade in den letzten Wochen hier betrachtet haben.
[ 31 ] More and more, those things that come back in through the other door will weigh on our thinking—this thinking that already seems so extraordinarily burdened when viewed today with the clear-eyed perspective that arises when one also has a certain understanding of the facts of the spiritual world. For this is a particularly distinctive feature of the 19th century and the period extending to the present day: that, faced with the abundance of phenomena, one cannot, so to speak, keep up with the thoughts at one’s disposal. For what conventional research has to say today in the face of such things is, one might say, nothing other than the most pitiful helplessness. But one trend is evident here: on the one hand, there is the overwhelming abundance of facts that urge us to expand our spheres of thought; on the other hand, there is precisely the aforementioned helplessness of those who do not wish to approach spiritual science to learn from it—the utter helplessness of precisely those who refuse to do so in the face of these pressing facts. And here it is interesting to consider certain contemporary phenomena. One will understand them if one is able to view them in the light of all that we have been examining here in recent weeks.
[ 32 ] Lassen Sie uns zunächst heute vorbereitend einige Tatsachen anführen. Vor allen Dingen sei die Tatsache ins Auge gefaßt, wie durch die anstürmende naturwissenschaftliche Weltanschauung, wie man sagt, namentlich die Theologie aller Religionsbekenntnisse, wenn sie sich überhaupt noch einlassen will in eine Auseinandersetzung mit dem, was von der Naturwissenschaft her sich geltend macht, in arge Bedrängnis kommt. In alten Zeiten, in gar nicht weit zurückliegenden Zeiten sprach die Theologie gewisse Wahrheiten aus, Wahrheiten unter anderem über die geistigen Welten, aber, sagen wir, auch Wahrheiten über die menschliche Seele. Diese Wahrheiten braucht man nicht anzufechten. Wir wissen ja, wie gerade durch geisteswissenschaftliche Forschung die Wahrheiten, die in der Theologie traditionell die Menschen übernommen haben, wiederum befestigt werden. Aber die Theologen selber lassen sich in der Regel nicht darauf ein, einen Ausgleich zu schaffen mit dem, was als naturwissenschaftliche Weltanschauung heranstürmt. Sie finden das nicht bequem, nicht eigentlich bequem. Und so kommt es vielfach, daß die Theologen zwar den Worten nach die alten Wahrheiten aussprechen, aber das Objekt, den Gegenstand, den nimmt die Naturwissenschaft in Anspruch. Die Naturwissenschaft ist gekommen und stellt ihre Dinge über die menschliche Seele auf, handelt von der menschlichen Seele, nimmt sozusagen das Objekt, die Seele, den Theologen weg. Die Theologen reden auch noch, aber sie haben das Objekt nicht mehr. Das ist gerade das Eigentümliche der Geisteswissenschaft, daß sie sich wohl einläßt mit der Naturwissenschaft; und nur dann ist sie wirklich Geisteswissenschaft, wenn sie sich voll einläßt mit der Naturwissenschaft.
[ 32 ] Let us begin today by presenting a few facts by way of introduction. Above all, let us consider the fact that, as a result of the onslaught of the scientific worldview—as they say—theology of all religious denominations, if it is still willing to engage in a debate with what science asserts, finds itself in serious distress. In times past—times not so long ago—theology articulated certain truths, truths concerning, among other things, the spiritual worlds, but also, let us say, truths about the human soul. There is no need to challenge these truths. We know, after all, how research in the spiritual sciences serves to reaffirm the truths that people have traditionally accepted from theology. But theologians themselves generally do not engage in the task of reconciling these truths with the scientific worldview that is rapidly gaining ground. They do not find this convenient—not really convenient. And so it often happens that while theologians may verbally articulate the old truths, the object—the subject matter—is claimed by the natural sciences. The natural sciences have arrived and place their own concepts above the human soul; they deal with the human soul, taking, so to speak, the object—the soul—away from the theologians. Theologians still speak, but they no longer have the object. This is precisely what is distinctive about spiritual science: that it engages fully with natural science; and it is only truly spiritual science when it engages fully with natural science.
[ 33 ] Diese Sache, die ich damit andeute, bekommt einen ernsten Charakter, wenn man sieht, wie dieses Nichtwollen eines Ausgleiches mit der Naturwissenschaft, welche einfach die Seele und andere geistige Gebiete annektiert, wie dieses Nicht-schaffen-Wollen eines Ausgleiches zu ganz grotesken Erscheinungen führt. Einigen von Ihnen, die mit waren auf dieser Reise in den letzten Tagen, habe ich schon solche grotesken Erscheinungen vorgeführt. Ich will heute einige noch einmal zeigen.
[ 33 ] The issue I am alluding to here takes on a serious character when one sees how this refusal to strike a balance with the natural sciences—which simply annex the soul and other spiritual realms—leads to quite grotesque phenomena. I have already demonstrated such grotesque phenomena to some of you who have been with me on this journey over the past few days. Today I would like to show a few more.
[ 34 ] Da ist ein Theologe; wer es ist, darauf ist weniger Wert zu legen. Man braucht heute nur in eine Buchhandlung zu gehen und in irgendeiner Sprache ein paar Bücher zu nehmen, beliebig welche, womöglich solche, welche bestimmt sind, das «Volk» aufzuklären, die also irgendwelcher Sammlung angehören, die das Volk aufklären soll: beim dritten, das man in die Hand bekommt, meistens schon beim zweiten, ja sogar oft beim ersten zeigt es sich, daß jener Mangel, den ich eben charakterisiert habe, ein ganz verbreiteter in der Gegenwart ist. Es kommt dabei also gar nicht auf Namen an, aber auf die Art und Weise, wie das, um was es sich da handelt, in weitesten Kreisen wirkt, darauf kommt es an. Denn es rinnt heute durch alle populären, gerade durch die populären Schriften, und überall tönt uns entgegen der Widerhall desjenigen, was da leibt und lebt. Da ist ein Theologe, der hält Vorträge, einen ganzen Zyklus von Vorträgen, zuerst über naturwissenschaftliche, dann über ethische, ästhetische Weltanschauung oder Lebensgestaltung. Er geht dazu über, allerlei andere Erscheinungen noch zu bemerken, um in seiner Weise dann zu zeigen, wie er zu dem, was er nun das Christentum, das sich selbstverständlich dann das richtige Christentum nennt — jedes solches Reden ist das richtige Christentum, und die anderen alle sind falsche Christentümer —, wie er zu seinem Christentum kommt. Da spricht er zuerst von der naturwissenschaftlichen Weltanschauung und sagt: Den Menschen als Naturwesen, den Menschen als Natur, den muß man der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise überlassen; der Theologie, der religiösen Betrachtung gehört der «Mensch der Freiheit» an. — Das könnte man, wenn es so als Worte gebraucht wird, ja allenfalls noch gelten lassen. Wenn hinter diesem «Menschen der Freiheit» etwas steckt, und der Mann nun an eine reinliche Scheidung ginge, so könnte man das ja gelten lassen. Dann sagt er: Es sei für die Theologen wirklich von Übel, wenn sie der Naturwissenschaft nicht ihr volles Recht lassen. Man soll der Naturwissenschaft ihr volles Recht lassen, man soll den Menschen eben teilen: den Menschen der Natur der Naturwissenschaft übergeben, den Menschen der Freiheit behält die Theologie.— Auf diese Weise kann man Kompromisse schließen! Frägt sich nur, ob es möglich ist, den Menschen wie einen Laib Brot, ein Stück Brot, in zwei Teile zu teilen. Solch ein Theologe spricht ja ungefähr, so, nicht wahr, wie sich das Verhältnis zwischen Hänschen und Karlchen gestaltete, als sie ein Stück Brot vom Vater bekamen. Hänschen fragt: Wie soll ich teilen? Da sagt der Vater: Recht christlich. Hänschen fragt: Wie teilt man denn christlich? Nun, sagt der Vater, da behältst du dir das kleinere Stück und gibst dem Karlchen das größere Stück. Ach, dann soll lieber das Karlchen teilen! sagt das Hänschen,
[ 34 ] There is a theologian; who he is is of little importance. All one needs to do today is go to a bookstore and pick up a few books in any language—any books at all, preferably those intended to enlighten the “people,” that is, books belonging to some series designed to enlighten the people: by the third book you pick up—usually by the second, and often even by the first—it becomes clear that the shortcoming I have just described is quite widespread today. It is not a matter of names, but of the way in which the subject at hand affects the broadest circles; that is what matters. For today it permeates all popular writings—especially the popular ones—and everywhere we hear the echo of that which lives and breathes there. There is a theologian who gives lectures—a whole series of lectures—first on scientific, then on ethical and aesthetic worldviews or ways of life. He goes on to observe all sorts of other phenomena in order to show, in his own way, how he arrives at what he now calls Christianity—which, of course, he then calls the true Christianity—as if every such discourse were the true Christianity, and all the others were false forms of Christianity—how he arrives at his own Christianity. First, he speaks of the scientific worldview and says: Human beings as natural beings, human beings as nature—these must be left to the scientific approach; the “human being of freedom” belongs to theology, to religious contemplation. — One could, if these words are used in this way, perhaps still accept that. If there were something behind this “human being of freedom,” and if the man were to make a clear-cut distinction, then one might accept that. Then he says: It is truly detrimental for theologians if they do not grant natural science its full due. One should grant natural science its full due; one should simply divide humanity: hand over the human being of nature to natural science, while theology retains the human being of freedom. — That’s how you can reach compromises! The only question is whether it’s possible to divide a human being—like a loaf of bread, a piece of bread—into two parts. Such a theologian speaks, after all, in much the same way as the relationship between Hans and Karl developed when their father gave them a piece of bread. Hans asks: “How should I divide it?” Then the father says: “In a truly Christian way.” Hänschen asks: “How does one share in a Christian way?” “Well,” says the father, “you keep the smaller piece for yourself and give Karlchen the bigger piece.” “Oh, then Karlchen should do the sharing!” says Hänschen,
[ 35 ] Nun ja, das bemerkt man dann auch manchmal, wenn der Mensch aufgeteilt wird zwischen den Theologen und der Naturwissenschaft. Aber nicht alle sind so, daß sie in dieser Weise teilen wollen, sondern manche so, daß sie schiedlich-friedlich abkommen wollen. Und da die Naturwissenschafter schon sehr mächtig geworden sind, so wollen die Theologen nicht recht anbinden mit der Naturwissenschaft; da denken sie denn an eine andere Gestaltung des Kompromisses. Da finden wir denn bei einem Vortragszyklus, der gehalten worden ist vor nicht langer Zeit, eine ganz merkwürdige Art, solchen Kompromiß zu schließen: den Menschen der Natur abzugeben an die Naturwissenschaft, den Menschen der Freiheit behält man für die Theologen. — Ob man so teilen kann, das ist eben die Frage! Denn da müßte man zunächst fragen, wenn man nun wirklich einen Teil des Menschen der Naturwissenschaft gibt, ob in diesem Menschen der Natur nicht schon ein Teil des andern drinnensteckt — er steckt ja, wie wir wissen, schon in Wirklichkeit drinnen —, ob es also geht, ob man nicht das Brot so teilen müßte, daß man zu dem einen Teil das Mehl, zu dem anderen das Wasser macht. Dann sind aber beide Teile kein Brot mehr. So würde es sich aber verhalten, wenn man richtig teilt: wenn man der Naturwissenschaft das gibt, was sie wirklich brauchen kann, so ist das nicht ein richtiger Mensch, sondern ein Abstraktum, wie das Mehl kein Brot ist. Aber solches zu durchschauen, dazu ist das heutige zeitgemäße Denken wahrhaftig wenig geeignet. Und so sehen wir denn, wie mit Emphase zum Beispiel folgendes verkündet werden kann in unserer Zeit.
[ 35 ] Well, yes, you do notice that sometimes, when people are torn between theologians and natural scientists. But not everyone wants to draw a line in this way; rather, some want to come to an amicable agreement. And since the natural scientists have already become very powerful, the theologians are reluctant to fully align themselves with the natural sciences; so they consider a different form of compromise. In a series of lectures held not long ago, we find a quite peculiar way of reaching such a compromise: to hand over the “human being of nature” to the natural sciences, while reserving the “human being of freedom” for the theologians. — Whether such a division is possible—that is precisely the question! For one would first have to ask, if one is indeed giving part of the human being to the natural sciences, whether there isn’t already a part of the other within this natural human being—it is, as we know, already there in reality—and whether it is therefore possible to divide the bread in such a way that one part consists of flour and the other of water. But then neither part would be bread anymore. That is precisely what would happen if one were to divide things correctly: if one gives natural science what it can truly use, then that is not a real human being, but an abstraction—just as flour is not bread. But today’s contemporary way of thinking is truly ill-suited to seeing through such things. And so we see how, for example, the following can be proclaimed with such emphasis in our time:
[ 36 ] Es wird ausgeführt, indem über das naturalistische Lebensprinzip gesprochen wird, daß der Naturwissenschaft der Mensch der Natur übergeben werden soll, weil er der Naturwissenschaft gehört, und die Theologie soll sich den Menschen der Freiheit behalten. Und nun wird gesagt, wie es sich denn verhält mit diesem Menschen als Natur. Da finden wir denn, daß das Folgende gesagt wird:
[ 36 ] By discussing the naturalistic principle of life, it is argued that natural science should be entrusted with human beings as part of nature, because they belong to natural science, while theology should retain human beings as beings of freedom. And now the question is raised as to how this human being, as nature, is to be understood. There we find the following statement:
[ 37 ] «Der Mensch, wie er uns in der Zoologie entgegentritt, der zweibeinige, aufrechtwandelnde, mit dem fein ausgebildeten Rückgrat und Gehirn ausgestattete homo sapiens, ist ebenso gut wie irgend ein anderes organisches oder anorganisches Gebilde Bestandteil der Natur, ist aus derselben Masse, denselben Energien, denselben Atomen zusammengesetzt, von derselben Kraft durchwirkt und durchwaltet; jedenfalls ist das ganze körperliche Leben des Menschen, mag es noch so verwickelt sein, in seiner ganzen Zusammensetzung naturwissenschaftlich bestimmt, gesetzmäßig geordnet wie alles andere lebendige und unlebendige Wesen der Natur. Es besteht insoweit gar kein Unterschied zwischen dem Menschen und einer Qualle, einem Wassertropfen oder einem Sandkorn.»
[ 37 ] “Human beings, as we encounter them in zoology—the bipedal, upright-walking Homo sapiens, endowed with a finely developed spine and brain—are just as much a part of nature as any other organic or inorganic entity; they are composed of the same matter, the same energies, the same atoms, and are permeated and governed by the same force; in any case, the entire physical life of human beings, however complex it may be, is, in its entirety, determined by the natural sciences and ordered by laws just like every other living and non-living entity in nature. In this respect, there is no difference whatsoever between human beings and a jellyfish, a drop of water, or a grain of sand.”
[ 38 ] So spricht ein Theologe, indem er die Menschen der heutigen Zeit aufklärt. Aber der Mensch hat Empfindung. Nun ist es unangenehm, mit diesen heutigen Naturwissenschaftern anzubinden, denn das ist schon eklig: sie entdecken Empfindungen sogar im Unlebendigen. Da gibt man ihnen schon lieber nach, und deshalb sagt man als Theologe auch das Folgende:
[ 38 ] This is how a theologian speaks when enlightening the people of today. But human beings have feelings. Now, it’s unpleasant to get into a debate with today’s natural scientists, because it’s downright repulsive: they even discover feelings in inanimate objects. So one would rather give in to them, and that is why, as a theologian, one also says the following:
[ 39 ] «Die seelischen Funktionen, welche der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, unterliegen einer ebenso strengen Gesetzmäßigkeit wie die körperlichen Vorgänge; und die Empfindungen, die wir haben, sowie die Vorstellungen, die wir bilden, sind uns durch die Natur ebenso gut aufgezwungen wie die Nervenprozesse, die zu Lust- und Unlustempfindungen führen, Sie sind ebenso gut mechanische Vorgänge wie die einer Dampfmaschine.»
[ 39 ] “The mental functions that are accessible to scientific observation are subject to laws just as strict as those governing physical processes; and the sensations we experience, as well as the ideas we form, are just as much imposed on us by nature as the neural processes that lead to feelings of pleasure and displeasure. They are just as much mechanical processes as those of a steam engine.”
[ 40 ] Das sind theologische Vorträge, meine lieben Freunde, theologische Vorträge! Nun behält sich der Mann nämlich den Menschen der Freiheit! Sie sehen, den Menschen der Natur gibt er gutwillig ab. Er behält sich den Menschen der Freiheit. Was wird nun, nachdem er geteilt hat mit den Naturforschern? Das können wir aus folgenden Sätzen schon des ersten Vortrages ersehen, was nun wird, denn er sagt:
[ 40 ] These are theological lectures, my dear friends, theological lectures! For the man reserves for himself the human being of freedom! You see, he willingly relinquishes the human being of nature. He reserves for himself the human being of freedom. What happens now, after he has shared his views with the natural scientists? We can already see from the following sentences in the very first lecture what happens next, for he says:
[ 41 ] «Der Mensch als Natur» — also der, den er der Naturforschung gegeben hat — «verliert als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit; alles, was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden.»
[ 41 ] “Man as nature”—that is, the concept he has presented to the natural sciences—“loses his independence and freedom as a component of nature; everything he experiences, he endures, and he must endure it entirely in accordance with the laws of nature.”
[ 42 ] Also indem er den Naturforschern den Menschen der Natur gibt, verliert der Mensch die Freiheit. Er behält sich den Menschen der Freiheit; aber die hat er gar nicht mehr, denn indem er den Menschen der Natur den Naturforschern gibt, verliert er die Freiheit. Er behält also nichts mehr zurück in Wirklichkeit. So hat der gute Theologe, der nun zwölf theologische Vorlesungen hält, gar nichts, worüber er redet. Das merkt man auch am Schluß sehr gut, denn er hat nichts anderes als einen mit ungeheurem Pomp vorgebrachten Wortschwall. Den Menschen der Natur hat er abgegeben an die Naturforschung; den Menschen der Freiheit hat er sich zwar behalten, aber nur dem Namen nach, denn der Mensch der Natur verliert nämlich seine Freiheit. Er verliert sie auch redlich, wenn der Naturforscher über ihn kommt.
[ 42 ] So by giving the natural man to the natural scientists, man loses his freedom. He reserves the free man for himself; but he no longer possesses that freedom at all, for by giving the natural man to the natural scientists, he loses his freedom. In reality, therefore, he retains nothing. Thus, the good theologian, who is now giving twelve theological lectures, has absolutely nothing to talk about. This becomes very clear at the end, for he has nothing but a torrent of words delivered with immense pomp. He has ceded the human being of nature to natural science; he has indeed retained the human being of freedom, but only in name, for the human being of nature actually loses his freedom. He loses it completely when the natural scientist takes over.
[ 43 ] Nun ist das ein Mensch, der es durchaus ehrlich meint. Man kann ja wirklich sagen, so wie es in der berühmten Rede von Shakespeare heißt: Brutus ist ein ehrenwerter Mann; ehrenwerte Männer sind sie alle! — Warum sollte man denn ihnen das nicht zugestehen? Aber auf einer sonderbaren Gesinnung kann man doch solche Leute ertappen. Warum ist er denn eigentlich, da er doch Theologe sein will, gar so freigiebig, daß er alle Objekte einer Betrachtung des Menschlichen abgibt? Ja, das verrät er in einer sonderbaren Weise. Da sagt er nämlich:
[ 43 ] Now, this is a man who is entirely sincere. One can truly say, as in Shakespeare’s famous speech: “Brutus is an honorable man; they are all honorable men!” — Why shouldn’t one grant them that? But one can still catch such people in a peculiar mindset. Why, since he wants to be a theologian, is he so generous as to give up all objects of human contemplation? Yes, he reveals this in a peculiar way. For he says:
[ 44 ] «Man muß sogar noch weitergehen. Diese naturgesetzliche Bestimmtheit des Menschen betrifft nicht nur seine körperlichen, sondern auch seine seelischen Funktionen. Das war es immer, was wir Theologen nicht zugeben wollten, weil wir den naturwissenschaftlichen Seelenbegriff mit dem theologischen verwechselten und unangenehme Folgen daraus für den Glauben befürchteten.»
[ 44 ] “One must go even further. This determinism of human beings according to the laws of nature concerns not only their physical functions but also their mental functions. That is what we theologians have always been reluctant to admit, because we confused the scientific concept of the soul with the theological one and feared the unpleasant consequences this would have for the faith.”
[ 45 ] Er ist nun endlich so weit, daß er nicht mehr unangenehme Folgen befürchtet. Aber wodurch erlangt er das? Nun, er erlangt das so:
[ 45 ] He has finally reached the point where he no longer fears unpleasant consequences. But how does he achieve this? Well, he achieves it as follows:
[ 46 ] «Diese entstehen aber gerade dann, wenn man die Wissenschaft nicht zu ihrem vollen Resultat kommen läßt; denn man verscherzt sich dann das Zutrauen denkender Menschen.»
[ 46 ] “But these arise precisely when science is not allowed to reach its full conclusion; for then one forfeits the trust of thinking people.”
[ 47 ] Da haben wir ihn! Er will das Zutrauen denkender Menschen, das heißt, der wenigen, die heute denken! Und er ist auch sonst ein ehrenwerter Mann — ehrenwerte Männer sind sie ja alle —, denn er kritisiert also gewisse materialistische Auswüchse der Gegenwart. Er berichtet, was alles nicht nur an materialistischen Denken, sondern an materialistischen Lebensgestaltungen in unserer Gegenwart lebt, und er will nun endlich eine Theologie, die all dem gewachsen ist. Er zeigt, allerdings in einer merkwürdigen Weise, wie wenig er, ganz nach dem Muster der Menschen der Gegenwart, die durchaus abhängig sind nicht von der Naturwissenschaft, sondern von der naturwissenschaftlichen Denkungsweise, die vielfach herrscht, wie wenig er gewachsen ist den heranstürmenden Tatsachenwelten. Und das ist es, worauf es ankommt: daß die Leute nicht gewachsen sind den heranstürmenden Tatsachenwelten. Dasjenige, was den Menschen heute nämlich fehlt, das ist die Fähigkeit, mit den Gedanken wirklich die Summe der Tatsachen, die das Leben bietet, zu beherrschen. Die Gedanken reißen überall ab. Statt daß die Gedanken nach dem Glauben dieser Menschen in einer Linie fortlaufen, sehen wir, daß sie anknüpfen, abreißen, dann wieder anknüpfen, wieder abreißen — es reißen die Gedanken alle Augenblicke ab. So sehen wir auch hier solche abreißenden Gedanken. Da kommt er denn einmal noch auf den Menschen der Natur zurück, und sagt von diesem Menschen der Natur:
[ 47 ] There he is! He wants the trust of thinking people—that is, the few who actually think today! And he is also an honorable man in other respects—after all, they are all honorable men—for he criticizes certain materialistic excesses of the present. He describes not only the materialistic thinking but also the materialistic ways of life that prevail in our time, and he now finally wants a theology that is up to the task of addressing all of this. He shows—albeit in a peculiar way—how little he, following the pattern of people today who are thoroughly dependent not on the natural sciences but on the scientific way of thinking that prevails in so many cases, how little he is equipped to deal with the onslaught of the factual world. And that is what matters: that people are not equipped to deal with the surging worlds of facts. For what people lack today is the ability to truly master, through thought, the sum of the facts that life presents. Thoughts break off everywhere. Instead of thoughts continuing in a straight line, as these people believe, we see that they connect, break off, then connect again, break off again—thoughts break off at every moment. So here, too, we see such breaking-off thoughts. Then he returns once more to the “man of nature” and says of this “man of nature”:
[ 48 ] «Er wird kraft einer mechanischen Notwendigkeit, kraft einer höchsten Verfügung, die er nicht versteht, in das Verhängnis dieser Erscheinungswelt hineingeboren.»
[ 48 ] “He is born into the fate of this phenomenal world by virtue of a mechanical necessity, by virtue of a supreme decree that he does not understand.”
[ 49 ] Schöner Ausspruch von einem Theologen! Der Mensch wird in das Verhängnis dieser Erscheinungswelt hineingeboren, nämlich: kraft einer mechanischen Notwendigkeit, kraft einer höchsten Verfügung, die er nicht versteht. Das ist eins und dasselbe: mechanische Notwendigkeit, höchste Verfügung! Da haben Sie den Gedanken: mechanische Notwendigkeit — er reißt ab, und ein anderer Gedanke, der zwar das Gegenteil behauptet, wird als eine nähere Erklärung dieses Gedankens angeführt. Solches kann man oftmals bei unsern Zeitgenossen verfolgen im Kleinen. Man kann sie verfolgen, diese Leute, bei der völligen Unfähigkeit zum Gedankenentwickeln. Da sagt der betreffende Mann noch einmal an einer Stelle seiner Vorträge, daß der Mensch nicht sollte versucht sein, in den Menschen der Natur irgend etwas Geistiges hineinzutragen, sondern der Mensch der Natur, der muß sich eben der Natur fügen:
[ 49 ] What a beautiful statement from a theologian! Human beings are born into the fate of this phenomenal world—namely, by virtue of a mechanical necessity, by virtue of a supreme decree that they do not understand. These are one and the same: mechanical necessity and supreme decree! There you have the idea: mechanical necessity—it breaks off, and another idea, which claims the opposite, is presented as a more detailed explanation of that idea. One can often observe this on a small scale among our contemporaries. One can observe these people in their complete inability to develop a thought. At one point in his lectures, the man in question states once again that one should not be tempted to introduce anything spiritual into the natural human being, but rather that the natural human being must simply submit to nature:
[ 50 ] Die kreatürliche Gebundenheit, die Daseinsschranken und so weiter, «sie sind eine Quelle von Lebenshemmungen, Leiden, Übeln, ja zuletzt des Todes. Ihnen gegenüber verweist das Christentum auf eine zukünftige Erlösung. Innerhalb des irdischen Lebens können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden.»
[ 50 ] Physical limitations, the constraints of existence, and so on, “are a source of obstacles to life, suffering, evil, and ultimately death. In the face of these, Christianity points to a future salvation. Within earthly life, they cannot and must not be cast aside.”
[ 51 ] Darüber lesen natürlich heute die Leute hinweg: «Können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden.» Wer so denkt in einem ernsten Zusammenhange, der kann schon nicht denken. Denn was heißt es denn, wenn ich sage: Ja, lieber Mann, auf den Mond hinauf kannst und darfst du nicht fliegen. — Wenn man nämlich nicht kann, so ist es schon unnötig, daß man nicht darf, und wer die beiden Begriffe zusammenstellt: «Können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden», der kann nicht denken, das heißt, er lebt in vollständiger Gedankenlosigkeit.
[ 51 ] Of course, people today skim right over this: “They cannot and are not allowed to be shaken off.” Anyone who thinks this way in a serious context is already incapable of thinking. For what does it mean when I say: “Yes, my dear man, you cannot and are not allowed to fly to the moon.” — For if one cannot do something, it is already unnecessary to say that one must not; and anyone who combines these two concepts—“They cannot and must not be shaken off”—cannot think; that is to say, he lives in complete thoughtlessness.
[ 52 ] Das ist aber auch ein Hauptcharakteristikon unserer Zeit, diese vollständige Gedankenlosigkeit! Doch ist der Mann ein ehrenwerter Mann, und er meint es wirklich gut in vieler Beziehung. Deshalb sagt er, daß der Materialismus sich in unserer Zeit tief eingefressen hat, und daß es anders werden muß. Nun aber scheint es, daß, indem er dies ausspricht, er schon eine heillose Angst kriegt. Sie wissen ja, er will mit den Naturforschern nicht anbinden! Und dann erst mit der ganzen Zeit anbinden! Schrecklicher Gedanke natürlich! Man sollte der Zeit sagen, sie sei beherrscht vom Materialismus, die Dinge müßten anders werden. In dem Vortrage, in dem er sich ausspricht über all die Dinge: Sportismus, Komfortismus, Mammonismus, da sagt er:
[ 52 ] But this—this complete lack of reflection—is also a defining characteristic of our time! Yet this man is a man of honor, and he truly means well in many respects. That is why he says that materialism has taken deep root in our time, and that things must change. But now it seems that, just by saying this, he is already overcome by a hopeless fear. You know, after all, that he doesn’t want to pick a fight with the natural scientists! And then to pick a fight with the whole era! A terrible thought, of course! One should tell the times that they are dominated by materialism, that things must change. In the lecture in which he speaks out about all these things—sportism, comfortism, mammonism—he says:
[ 53 ] Die Dinge, die bis jetzt waren, «dürfen nicht mehr Endziel sein. Es darf keinen Kaufmann mehr geben, für den der Gelderwerb Selbstzweck ist; Lebensgenuß darf nicht mehr Inhalt des Lebens werden; es darf keine Menschen mehr geben, die nur ihrer Gesundheit leben.»
[ 53 ] The things that have been true until now “must no longer be the ultimate goal. There must no longer be any merchants for whom the acquisition of wealth is an end in itself; the enjoyment of life must no longer be the substance of life; there must no longer be any people who live solely for their health.”
[ 54 ] Also, was will man noch mehr haben! Dann aber sagt er:
[ 54 ] Well, what more could you want! But then he says:
[ 55 ] «Das heißt, es soll alles Bisherige getan werden, es muß aber etwas anderes dabei gedacht werden.»
[ 55 ] “That is to say, everything that has been done so far should be done, but a different approach must be taken.”
[ 56 ] Nun, dann werden wir es erreichen! Dann werden wir ganz gewiß über die Schäden der Zeit hinauskommen, wenn alles so getan wird wie bisher, aber die Menschen sich nur etwas anderes dabei denken! Man darf überzeugt sein, daß diese Vorlesungen, die in einer Sammlung erscheinen, «Wissenschaft und Bildung», selbstverständlich auf allen Gebieten des Wissens Einzelnes darstellen, daß sie eine geistige Nahrung sein werden für Tausende und aber Tausende von Menschen unserer Zeit. Kann doch im Vorworte gesagt werden.
[ 56 ] Well, then we will achieve it! Then we will most certainly overcome the ravages of time, if everything is done as it has been so far, but people simply have a different idea in mind! One can be confident that these lectures, which appear in a collection titled “Science and Education,” naturally present specific insights into all fields of knowledge and will serve as intellectual nourishment for thousands upon thousands of people of our time. This can certainly be stated in the preface.
[ 57 ] «Der Inhalt dieses Büchleins besteht aus zwölf Reden, die ich im letzten Winter» — ich will die Stadt nicht nennen, darauf kommt es nicht an, es ist eine typische Erscheinung, in jeder Stadt kann so etwas stattfinden — «in... vor einer mehr als tausendköpfigen Zuhörerschaft gehalten habe.»
[ 57 ] “The content of this little book consists of twelve speeches that I gave last winter”—I won’t name the city; it doesn’t matter—it’s a typical occurrence; something like this can happen in any city—“in... before an audience of more than a thousand people.”
[ 58 ] So gehen heute die verkrüppelten, verkümmerten, korrumpierten Gedanken von amtlicher Stelle, von privilegierter Stelle — denn es ist einer der berühmtesten Theologen der Gegenwart, der so spricht — in die Menschen der Gegenwart hinein und leben in ihnen; was Wunder, daß derlei Dinge herauskommen, wie sie heute von den Menschen eben herauskommen! Wie wenige Menschen sind aber geneigt, die Übel der heutigen Zeit wirklich an den Wurzeln zu erfassen. Da gehen die braven Lämmer unserer Zeit an diese Dinge heran, lassen in allen Sprachen solche Dinge erscheinen, kaufen sich das und glauben, dadurch als geistige Nahrung dasjenige aufzunehmen, was die moderne Zeit hervorbrachte. Nur die äußerste Brutalität, die, wenn sie auch eine unbewußte Brutalität ist, herrührt aus einem vollständigen Mangel an Selbstbewußtsein, und die herbeigeführt wird durch einen unbewußten Mißbrauch der amtlichen Macht, die führt zu diesen Dingen. Und es wäre ganz falsch, wenn man Vogel-Strauß-Politik diesen Dingen gegenüber beobachten würde. Denn dann würde man niemals mit den rechten Impulsen dasjenige aufnehmen können, was man als Geisteswissenschaft aufnehmen muß, so daß es wirken kann im Verlaufe der Kulturentwickelung unserer Zeit.
[ 58 ] Thus, today, the crippled, stunted, and corrupted thoughts emanating from official circles, from privileged circles—for it is one of the most famous theologians of our time who speaks thus—penetrate the people of our time and live within them; is it any wonder that such things come out of people today as they do! But how few people are inclined to truly grasp the evils of our time at their roots. The docile lambs of our age approach these things, allow such writings to appear in every language, buy them, and believe that in doing so they are absorbing as spiritual nourishment what the modern age has produced. Only the most extreme brutality—which, even if it is an unconscious brutality, stems from a complete lack of self-awareness and is brought about by an unconscious abuse of official power—leads to these things. And it would be entirely wrong to adopt a head-in-the-sand policy toward these things. For then one would never be able to take in—with the right impulses—what one must take in as spiritual science, so that it can take effect in the course of the cultural development of our time.
[ 59 ] Wie viele werden auch unter Ihnen sitzen, die das für übertrieben halten werden, was ich sage, und was ich durch Beispiele nur deshalb belege, weil es selbstverständlich viele geben kann, die das für eine Übertreibung halten. Es ist keine Übertreibung! Es ist etwas, was für den, der wirklich mit geschärften Blicken unsere Zeit studiert, diese Zeit allein in dem rechten Lichte erscheinen läßt und vor allen Dingen zeigt, was alles notwendig sein wird von einer gesunden Geist-Erkenntnis her, um diese Zeit einigermaßen über ihre furchtbaren Abwege hinwegzuführen.
[ 59 ] There will surely be many among you who will consider what I am saying to be an exaggeration—and I am illustrating this with examples precisely because there are, of course, many who might regard it as such. It is no exaggeration! It is something that, for those who truly study our times with keen insight, casts these times in their proper light and, above all, reveals what will be necessary—based on a sound spiritual understanding—to guide these times, to some extent, away from their terrible missteps.
[ 60 ] Denn neben einem solchen intellektuellen Mißbrauch der Denkkraft liegt gleich die moralische Verirrung. Aus solchen Winkeln heraus tönt die Gegnerschaft der Geisteswissenschaft, die aber das Gehör von Tausenden und aber Tausenden hat. Kann man glauben, daß Leute, die in dieser Weise nicht denken können,Geisteswissenschaftüberhaupt irgendwie zu beurteilen vermögen? Da ist es denn kein Wunder, wenn man auch solche Stimmen über Geisteswissenschaft hört, wie man sie vor kurzer Zeit hören konnte. Ich will heute nur das eine anführen, was die ganze geistige Auffassung des Betreffenden charakterisieren kann, der solche Dinge vorbringt
[ 60 ] For alongside such an intellectual abuse of the power of thought lies moral aberration. It is from such perspectives that opposition to spiritual science is voiced—opposition that, however, finds an audience among thousands upon thousands. Can one believe that people who are incapable of thinking in this way are at all capable of judging spiritual science in any way? It is therefore no wonder that one hears such voices regarding spiritual science as were heard not long ago. Today I wish to cite just one example that characterizes the entire spiritual outlook of the person who puts forward such ideas
[ 61 ] Das eine ist: er führt zwei Schriften unmittelbar nebeneinander an, nämlich den Vortrag von Pfarrer Riggenbach, und den Vortrag von mir, den ich im Januar in Liestal gehalten habe. Nun, wenn man diese zwei Dinge nebeneinanderlegt, handelt es sich nicht bloß darum, daß eine Diskussion geführt wird über dies oder jenes, sondern daß in meinem Vortrag nachgewiesen wurde, daß der Pfarrer Riggenbach überhaupt ganz falsch unterrichtet war, daß er Klatsch nachgesprochen hat. Nebeneinander diese beiden Dinge zu nennen, als ob es Rede und Widerrede wäre, als ob der betreffende Vortrag von mir solches enthielte, das heißt nicht, einen Irrtum oder ein Mißverständnis zu begehen, das sieht schon ganz ähnlich einer bewußten Fälschung.
[ 61 ] One point is this: he cites two texts side by side—namely, Pastor Riggenbach’s lecture and the lecture I gave in Liestal in January. Now, when one compares these two things side by side, it is not merely a matter of a discussion about this or that, but rather that my lecture demonstrated that Pastor Riggenbach was completely misinformed to begin with, that he was repeating gossip. To mention these two things side by side, as if they were a statement and a rebuttal, as if my lecture in question contained such elements—that is not merely a mistake or a misunderstanding; it looks very much like a deliberate falsification.
[ 62 ] Aber weiter, nachdem der betreffende Mann grauenhaftes Zeug über die Anthroposophie erzählt hat, sagt er dann:
[ 62 ] But then, after the man in question has said some horrible things about anthroposophy, he goes on to say:
[ 63 ] «Wir erkennen jetzt auch, in welchem Sinne gerade Dr. Steiner zu der Behauptung kommen kann: wir sind nicht gegen das Christentum, wir sind sogar schließlich die eigentlichen Christen. Christus war in den Augen der Anthroposophen ein solcher, der die höheren Mächte erschaute; Dr.Steiner, der Lehrer, wird auch glauben, daß er diese Mächte erschaut und an ihnen teilnimmt. Aber auch jeder unter uns soll ja dieser Kräfte teilhaftig werden können, wenn er sich mit genügender Ausdauer im Schauen übt. So kommt es denn wieder auf die nämliche Forderung heraus, die schon der erwähnte russische Mystiker Solowjow erhoben hat: wir könnten und sollten Alle Christusse sein, übrigens eine Forderung, die schon jeder Mystiker, der so freundlich war, auf das Christentum Rücksicht zu nehmen, erhoben hat...» «Alte Weisheit in neuem Gewande...»
[ 63 ] “We now also recognize in what sense Dr. Steiner, in particular, can arrive at the assertion: we are not against Christianity; indeed, we are ultimately the true Christians. In the eyes of anthroposophists, Christ was one who beheld the higher powers; Dr. Steiner, the teacher, will also believe that he beholds these powers and participates in them. But each one of us, too, should be able to share in these powers if we practice contemplation with sufficient perseverance. So it all comes down again to the very same demand already made by the aforementioned Russian mystic Soloviev: we could and should all be Christs—a demand, incidentally, that every mystic who has been kind enough to take Christianity into consideration has already made...” “Ancient wisdom in a new guise...”
[ 64 ] Also das genaue Gegenteil von dem, was gesagt wird, von dem, was der Nerv unserer Geisteswissenschaft mit Bezug auf das Christentum ist. Unmittelbar vor sich liegend — denn er zitiert ja — hat der Mann die Broschüre, worin das ausgeführt wird, und doch sagt er dieses! Was ist das für eine moralische Verfassung? Welchen Dingen steht man da in der Gegenwart gegenüber? Ist man da nicht angewiesen darauf, sich wirklich den vollständig klarsten Blick anzueignen, damit man weiß, was die Stimmen wert sind, denen man allerdings begegnen muß und immer wieder begegnen muß, denen man aber jedenfalls nicht das entgegenbringen darf, daß man sie als ehrlich gemeint ansehen kann.
[ 64 ] So, the exact opposite of what is being said—of what lies at the heart of our spiritual science with regard to Christianity. Right in front of him—since he is, after all, quoting from it—the man has the pamphlet in which this is explained, and yet he says this! What kind of moral state of mind is this? What kinds of things are we facing in the present? Are we not obliged to cultivate a truly crystal-clear perspective so that we know the value of the voices we inevitably encounter—and must encounter again and again—but to which we must under no circumstances respond by regarding them as sincere?
[ 65 ] Ich meine den Vortrag, der am 22. Mai dieses Jahres beim Schweizerischen Reformtag in Aarau gehalten worden ist über neuere Mystik und freies Christentum. Schönes freies Christentum! Nun, in diesem Vortrage wurde uns auch noch ein anderes nachgesagt. Dieses andere, das ist nun etwas erheiternder. Da wird nämlich gesagt:
[ 65 ] I am referring to the lecture given on May 22 of this year at the Swiss Reformation Day in Aarau on modern mysticism and free Christianity. Beautiful, free Christianity! Well, in that lecture, we were also attributed with something else. This other thing is actually a bit more amusing. It says, in fact:
[ 66 ] «Nie aber könnten des weitern wir beistimmen dem Aufgeben und Verachten des menschlichen Denkens und Sinnens, wie es die Mystik fordert.»
[ 66 ] “But we could never agree to abandon and despise human thought and reasoning, as mysticism demands.”
[ 67 ] Und darunter werden wir auch registriert. Also gehen Sie durch alles dasjenige, was bei uns getrieben wird, und schauen Sie sich das daraufhin an, daß es ein Aufgeben jedes Denkens und jedes Sinnens ist! Sie haben also immer nur die Bestrebung gehabt: nichts zu denken; denn das hat der Mann am Schweizerischen Reformtag in Aarau gesagt; das wäre überhaupt die Hauptaufgabe dieser Art von Mystik: das Denken zum Stillstand zu bringen, das Denken nicht anzuwenden. — Man kann ja schließlich, nicht wahr, nichts anderes glauben, als daß dem Mann sein eigenes Denken wahrscheinlich ausgegangen ist, als er die Dinge verfolgt hat, und daß er eben dasjenige schildert, was bei ihm eingetreten ist, als er die Dinge in die Hand bekommen hat. Und so wie bei jenem Theologen, von dem ich Ihnen zuerst gesprochen habe, so merken wir auch an diesem Theologen, der vielleicht nur deshalb von kleinerem Kaliber zu sein braucht, weil er es nicht zu einer so hohen Stellung gebracht hat wie der andere, bei diesen Theologen merken wir zum Beispiel auch, daß sie bei der Teilung in etwas merkwürdiger Weise zufrieden geworden sind. Nur sollten sie uns nicht zwingen — nachdem sie alles der Naturwissenschaft abgeben und sich eben nur den «Menschen der Freiheit» zurückbehalten, den ihnen aber die Naturwissenschaft nimmt —, nun auch nichts anderes zurückzubehalten als dasjenige, was siein ihrer «Bescheidenheit» suchen.
[ 67 ] And we, too, are counted among them. So go through everything that is being done here, and look at it from the perspective that it is a renunciation of all thinking and all reflection! You have therefore always had but one aspiration: to think nothing; for that is what the man said at the Swiss Reformation Day in Aarau; that would, in fact, be the main task of this kind of mysticism: to bring thinking to a standstill, not to engage in thinking. — After all, one can’t help but believe that the man probably ran out of his own thoughts as he pursued these matters, and that he is simply describing what happened to him when he got his hands on these things. And just as with that theologian I first mentioned to you, we also notice in this theologian—who may be of lesser caliber simply because he did not rise to as high a position as the other—we notice, for example, that they have become satisfied in a somewhat peculiar way with this division. However, they should not force us—after they have ceded everything to the natural sciences and retained for themselves only the “human being of freedom,” which the natural sciences then take away from them—to retain nothing else but what they seek in their “modesty.”
[ 68 ] Solche Dinge muß man schon als das Gegenbild desjenigen vor die Seele hinstellen, was in der Geisteswissenschaft lebt und pulst; denn sonst kommt man ihr gegenüber doch nicht zu rechten Empfindungen. Ich wollte Ihnen heute also zeigen, wie heraufkommen die Impulse in der gegenwärtigen und geschichtlichen Tatsachenwelt, um gewissermaßen Grundlagen zu haben, welche zeigen, wie sich ausgleichen können die entgegengesetzten Impulse, von denen ich sprach: das GlückSuchen, Erlösung-Suchen, Geburt-Suchen, Tod-Suchen, Verwandtschaft-Suchen, Böses-Suchen und so weiter. Diese Betrachtung, die uns in gewisse Tiefen des Lebens führen wird, werden wir dann morgen weiter fortsetzen.
[ 68 ] One must hold such things before one’s mind as the antithesis of what lives and pulsates in spiritual science; for otherwise one cannot arrive at the right feelings toward it. So today I wanted to show you how these impulses arise in the present and historical world of facts, in order to have, so to speak, a foundation that shows how the opposing impulses I spoke of—the seeking of happiness, the seeking of salvation, the seeking of birth, the seeking of death, the seeking of kinship, the seeking of evil, and so on—can balance one another out. We will continue this reflection, which will lead us into certain depths of life, tomorrow.
