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Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171

30 Oktober 1916, Dornach

Sechzehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben an einzelnen Beispielen, die einfach das Studium der physischen Welt ergibt, zu erhärten versucht gewisse Wahrheiten, die sich über das innere Leben des fünften nachatlantischen Zeitraums und über die Entwickelung des Zeitraumes aus den Quellen heraus, welche die Geisteswissenschaft eröffnet, ergeben. Wir haben insbesondere gestern darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, zu beachten, daß auch im äußeren Leben wohl zu bemerken ist, wie eine gewisse Krisis im Laufe des 19. Jahrhunderts eintritt. Ich habe ja öfter darauf hingewiesen, wie gerade die Mitte des 19. Jahrhunderts die Krisis des Materialismus darstellt, und wir haben gestern an einem besonderen Beispiele aus naheliegender Gegend zeigen können, wie gewisse Hinweise — nur Hinweise, aber doch immerhin Hinweise — auf Einsichten, die nur durch die Anthroposophie kommen können, vorhanden waren, wie aber diese Einsichten wie begraben sind, ich möchte sagen, geschichtlich begraben sind, so wie eine geologische Erdschichte begraben ist und eine andre über ihr liegt. Und so würde man vielfach im geistigen Leben der neueren Zeit nachweisen können, wie der Drang, der Trieb nach einer tieferen Einsicht, so wie sie durch Anthroposophie eröffnet wird, vorhanden war, insbesondere vorhanden war aus gewissen Voraussetzungen früherer Zeiten heraus im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und wie dann, herbeigeführt durch die großen Fortschritte der Naturwissenschaft, eine andere Schichte, eine ganz entgegengesetzte Schichte menschlichen Vorstellens, menschlichen Denkens sich darübergelagert hat, so daß heute dasjenige, was schon da war, außerordentlich schwer bloßzulegen ist. Und diejenigen Menschen, die heute ihre Begriffe, ihre Vorstellungen nur aus der obersten Schichte, welche die untere zudeckt, schöpfen, die tappen merkwürdig in Finsternis über dasjenige, was schon da war. Dabei ergeben sich ganz groteske Dinge.

[ 2 ] Gerade wenn man Troxler ansieht, der auch von Geburt ein Schweizer ist, der lange Zeit in der Schweiz gelehrt hat, ihn im ganzen Zusammenhange des europäischen Geisteslebens betrachtet, wie ich ihn hineinzustellen versuchte in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel», so sieht man an ihm, wie zwar ihm noch nicht gegeben waren die Dinge, die jetzt durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie erst herauskommen können, wie er aber, ich möchte sagen, in gewissen Ideen, konkreten Ideen darauf hinarbeitete. In gradliniger Entwickelung, wenn es diese in der menschlichen Entwickelung gäbe, aber die ist eben dem Menschengeschlechte nicht gegeben, hätte sich eine wirkliche geistige Vertiefung ergeben können, wie sie heute herausgeholt werden muß aus den Quellen, welche die Geisteswissenschaft hat. Dann würde Geisteswissenschaft heute am allerwenigsten hierzulande wie eine fremde Pflanze erscheinen, sondern sie würde denjenigen Menschen, die nur das Geistesleben des 19. Jahrhunderts in einem seiner bedeutendsten Vertreter kennen würden, wie eine Fortsetzung des Geisteslebens erscheinen. Und wenn in der Aarauer Aura ein solcher im schweizerischen Geistesleben drinnenstehender Mensch im Mai 1916 reden würde, so würde er etwa sagen: Mit dieser Anthroposophie kommt vor allen Dingen uns Schweizern gar nichts Fremdes ins Land, sondern wir begrüßen in dieser Anthroposophie einen alten Bekannten; war es uns doch sogar gegeben, eine schöne, herrliche Definition der Anthroposophie von unserem Landsmann Troxler zu hören. — Das wäre im Zusammenhange mit dem ganzen geschichtlichen Leben gerade hierzulande dasjenige, was wahr wäre, wenn man es sagte. Aber statt dessen wurde in dieser Aarauer Aura in der Schrift, von der ich Ihnen schon gestern gesprochen habe, allerdings ein anderes gesagt. Da wird zunächst diese Geisteswissenschaft, um sie sozusagen so recht als eine quantite negligeable hinstellen zu können, mit anderen Dingen zusammengeworfen. Es wird gesagt: «Der Überblick darf nur das Nötige zur Charakteristik heranziehen» — der Überblick, der nämlich gegeben werden soll in dieser Rede.

[ 3 ] «Unter diesen Bewegungen, die samt und sonders Einwanderer in unser Land sind, wären als die wohlbekanntesten zu nennen die Christian Science, volkstümlich genannt die Gesundbeter, die Mazdaznan, die Theosophen und endlich die Anthroposophen mit ihrem gewaltigen Tempelbau in Dornach.»

[ 4 ] Wir sehen also, während es so schön der Wirklichkeit entsprechen würde, daß man gerade in Anthroposophie hier einen alten Bekannten begrüßen würde, wird diese Anthroposophie als ein Eindringling erklärt. Das, sehen Sie, ist nur so ein symptomatischer Ausdruck, der aber nicht vertausendfältigt, sondern vermillionenfältigt werden könnte in unserer Zeit, so ein symptomatischer Ausdruck dafür, wie unsere Zeit die Anlage hat dazu, die Unwahrheit zu sagen. Das ist gerade dasjenige, was man studieren sollte in den Impulsen, die unserer Zeitkultur zugrunde liegen: wie die Anlage zur Unwahrheit in unserer Zeit ist. Selbstverständlich kommt man ja sehr bald darauf, einzusehen, warum der Mann in diesem Falle die Unwahrheit sagt. Er kennt selbstverständlich die Wahrheit nicht und hat keine Ahnung von dieser Wahrheit, denn er wird vermutlich von Troxler nicht viel gelesen haben. Aber das ist gerade das Charakteristikon unserer Zeit, daß die Allerunberufensten sich hinstellen und Lehrer, Aufklärer des Volkes werden, und daß dies notwendigerweise verbunden sein muß mit dem Verbreiten der Unwahrheit. Der Mangel an Gedanken, der ist dasjenige, was solchen Dingen zugrunde liegt.

[ 5 ] Nun handelt es sich darum, diese Dinge in einem tieferen Zusammenhange zu sehen. Erstens zu sehen, daß diese Dinge schon herauskommen aus Impulsen, wie wir sie im Laufe dieser Woche besprochen haben, und daß sie durchschaut werden müssen von unseren Freunden, damit unsere Freunde mit der Geisteswissenschaft sich in richtiger Art in unser heutiges Leben hineinstellen können. Denn es ist ja nicht zu leugnen, daß manchem es recht schwer wird, nach der Lage seines Lebens sich heute zu behaupten als Geisteswissenschafter, als Bekenner der Geisteswissenschaft gegenüber dem, was in der äußeren Welt spielt, und was naturgemäß, wie man immer mehr und mehr sehen kann, naturgemäß in dieser Geisteswissenschaft nichts finden kann, was er versteht. Zunächst muß man hineinsehen in einen größeren Zusammenhang. Wir haben charakterisiert vor einiger Zeit, wie so ganz unzutreffend gegenüber der Wirklichkeit dasjenige ist, was Theoretiker, naturwissenschaftliche Theoretiker heute zu sagen haben über die ihnen ja vorliegenden großen Fortschritte in der Tatsachenwelt. Dasjenige, was an Tatsachen von der Naturwissenschaft an die Oberfläche des Daseins gebracht worden ist, ist ja wirklich nur zu bewundern, ist ja wirklich ein großes Ergebnis. Was aber gesagt worden ist über den Kampf ums Dasein, über die Selektion, über all die Probleme, welche mit dem Geburts- und Verwandtschaftsproblem zusammenhängen, das alles ist so unzutreffend wie möglich, was heute von Naturwissenschaftern schon anerkannt wird. Das habe ich ja sogar ausgeführt in dem öffentlichen Vortrag in Basel.

[ 6 ] Aber all das hängt wiederum zusammen durch die Art und Weise, wie gewisse alte Überlieferungen heraufgekommen sind in der neueren Zeit, mit der jetzigen Gestalt dieser alten Überlieferungen. Es hängt innig damit zusammen. Die neuere Zeit hat ja bewiesen, daß sie für das Bildungsleben die alte Zeit braucht. Für den Geisteswissenschafter ist das nicht weiter wunderbar, denn der Geisteswissenschafter weiß ja, daß sich gewisse Impulse in jedem Zeitalter wiederholen. Also müssen sich natürlich auch Impulse, die in einer anderen Form im fünften nachatlantischen Zeitraum eingreifen in die Entwickelung der Menschheit, als Wiederholungen ergeben auch des vierten nachatlantischen Zeitraums. Dieser vierte nachatlantische Zeitraum hat begonnen, wie wir wissen, im 8. vorchristlichen Jahrhundert und endet im 15. nachchristlichen Jahrhundert, und seit diesem 15. nachchristlichen Jahrhundert haben wir eine ganz neue Zeit, wie man das sogar äußerlich erkennen kann, was wir ja gestern durch einige Beispiele belegten. Aber gewisse Dinge, die im vierten nachatlantischen Zeitraum gespielt haben, sie wiederholen sich auf einer anderen Stufe in unserem Zeitraum. Und ich möchte sagen: ÄAußerlich hat ja dieser fünfte nachatlantische Zeitraum durchaus gezeigt, daß er sogar bewußt herübertragen muß gewisse Dinge aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum. Haben wir denn nicht gesehen, wie im 15. Jahrhundert griechische Gelehrte ausgewandert sind nach dem Westen Europas und die alte griechische Gelehrsamkeit in einer neuen Form zunächst nach Italien und dann in das übrige Europa gebracht haben? Dasjenige, was da aufgeblüht ist in dem europäischen Geistesleben durch die Impulse, die aus den Überlieferungen von einer älteren Zeit her sich ergeben haben, das nennt man ja die Renaissance. Und mehr als man glaubt, ist das heutige Leben noch abhängig von der Renaissance.

[ 7 ] Aber auch in anderer Weise kann man überall zeigen, wie in bezug auf gewisse Dinge dieser fünfte nachatlantische Zeitraum bauen wollte auf den vierten nachatlantischen Zeitraum. Ist es nicht eine merk würdige Tatsache, daß Pico de Mirandola in jener Zeit, in der man noch über das Christentum freier sprechen konnte als heute, im 15. Jahrhundert es unternommen hat, die bedeutendsten Gelehrten von ganz Europa nach Rom einzuladen, um sich mit ihnen zu unterhalten über neunhundert Thesen, welche im wesentlichen zeigen sollten, wie man zu einer für die kommende Zeit geeigneten Weltanschauung kommen könne. Es ist selbstverständlich aus Gründen, die naheliegend sind, aus dieser Sache nichts Rechtes geworden. Aber dieser Pico de Mirandola, der ganz drinnensteckte im Griechentum, er hat versucht, das Christentum in seiner ganzen tiefen Weisheit dadurch zu erhärten, daß er den Plato, die platonische Philosophie herangezogen hat, und er glaubte, daß man mit Hilfe des Plato, des griechischen Philosophen, also des größten philosophischen Genies des vierten nachatlantischen Zeitraumes, das Christentum beweisen könne. So wollte er eine Verbindungsbrücke schaffen zwischen Plato und dem Christentum. Man möchte sagen, welch wunderschöne Perspektive hätte sich daraus ergeben, wenn solche Dinge hätten Erfolg haben können, wenn nicht eben eine andere geologische Schichte sich darübergelagert hätte, wenn wir heute in Europa hätten ein von platonischer Philosophie durchzogenes, durchdrungenes, freies echtes Christentum!

[ 8 ] Aber dem ist ja wiederum etwas anderes vorangegangen. Dem ist etwas vorangegangen, was im tiefsten Sinne zusammenhängt mit vielen Eigentümlichkeiten des neueren Geisteslebens. Wirft man nämlich einen Blick auf die Entstehung des Christentums, wirft man einen Blick auf diejenige Zeit, in welcher jenes hohe Wesen, das wir als den Christus kennengelernt haben, das sich verkörperte in einem menschlichen Leibe, und auf die Zeit, in der sich dann ausbreitete jenes menschliche Empfindungsleben, das sich an dieses größte Ereignis der Erdenentwickelung angliederte, an das Mysterium von Golgatha, das dem Erdenleben allein einen Sinn gibt — wirft man einen Blick auf diese Zeit der ersten Ausbreitung des Christentums, dann bemerkt man, daß bei denjenigen, die zunächst als ein kleines Häuflein von Menschen dieses Christentum nach Europa gebracht haben, einzeine waren — sie wurden dann, namentlich von ihren Gegnern, die Gnostiker genannt —, welche in dem Glauben gelebt haben, daß die höchsten Ideen, die höchste Weisheit dazu notwendig sei, um das bedeutungsvollste Ereignis in der Erdenentwickelung der Menschheit verständlich zu machen.

[ 9 ] Wir wissen, es ist eine Verkennung der heutigen Geisteswissenschaft, wenn man sie mit der Gnosis zusammenwirft. Darauf kommt es ja nicht an. Gnosis ist eben etwas, was in den ersten christlichen Jahrhunderten gelebt hat, dann auch begraben worden ist wie eine alte geologische Schichte, und es kann nicht wiederum in der alten Form aufleben; da würde es ja einen luziferischen Charakter annehmen. Dasjenige, was heute Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ist, muß völlig aus unserer Zeit, und gerade dies muß völlig aus unserer Zeit herausgeboren werden, muß völlig rechnen mit all den großen Fortschritten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Also zusammengeworfen darf nicht werden Geisteswissenschaft mit der Gnosis; aber anerkannt muß werden, daß die Gnostiker versuchten, aus höchsten Ideen heraus über ein geistiges Werden des Weltenalles das Mysterium von Golgatha zu begreifen. Und es ist eine tiefe Weisheitsanstrengung in den gnostischen Systemen. Wir sehen überall, wenn man geisteswissenschaftlich die Sache untersucht, wie das Christentum auftritt, ich möchte sagen, getragen von dem gnostischen Vehikel, wie es erscheint herausgeboren aus einer breiten Weisheit. Es gehört nun zu den Eigentümlichkeiten der abendländischen Entwickelung vom Beginne unserer Zeitrechnung bis in unsere Zeit herein, daß sich diese Entwickelung mit aller Macht entgegenstemmte gegen die Weisheit, in die das Christentum getaucht war. Gewissermaßen waren die Gnostiker diejenigen, welche man am meisten bekämpfte. Daher ist nur weniges von ihren Schriften auf die Nachwelt gekommen, und das meiste, was man über die Gnostiker weiß, kennt man ja nur aus den Schriften derjenigen, die sie angeblich widerlegt haben. Sie haben sie aber nicht widerlegt, sondern sie haben sie nur ausgemerzt, sie haben nur die eigentliche Weisheit zurückgedrängt. Das ist das Eigentümliche, das zurückgedrängt werden sollte durch die europäischen Impulse das eigentlich Weisheitsvolle. Und darinnen liegt schon der Ursprung davon, daß heute selbst wohlwollende Leute sagen: Nun ja, diese Anthroposophen, wenn man sie mit Bezug auf ihr idealistisches, ihr ethisches Streben betrachtet, so mag ja das noch angehen; aber dasjenige, was sie über Weltenentwickelung, über Menschheitsentwickelung erforschen wollen, das geht — so sagen selbst wohlwollende Leute — in die Regionen der ärgsten Phantastik hinein. — Um ein solches Urteil möglich zu machen, dazu mußten erst die Weisheitsquellen, die auch in der Gnostik flossen, zurückgedrängt werden, damit die spätere europäische Menschheit den Glauben haben könne: Den Seinigen gibt’s der Herr im Schlafe, — und man so schön predigt damit, daß man sagt, das Allerhöchste muß einfach sein. Man meint aber eigentlich nur, es müsse bequem sein, es müsse nicht nötig sein, daß man irgendwie Nachdenken aufwendet, um jene Regionen zu finden oder erst eine geistige Entwickelung gar aufwendet, um zu finden jene Regionen, aus denen der Menschheit Tiefstes hervorgequollen ist.

[ 10 ] Und so sehen wir denn das Abendland sich geradezu unter diesem Prinzip der Zurückdrängung des Gnostischen entwickeln. Aber nicht ganz hat man dieses gnostische Element zurückgedrängt. Man hat es zurückgedrängt gegenüber dem Volk, gegenüber den breiten Massen, denen es ja, wie wir gestern haben auseinandersetzen können, sogar versagt war, die Bibel in die Hand zu bekommen bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst. Aber man hat doch in einem gewissen Sinne herüberbekommen die alte Weisheit, die nun eben einmal da war. Man hat sie herüberbekommen und fortleben lassen, wie wir ja das auch schon angedeutet haben, in gewissen okkulten Brüderschaften, die namentlich ihre Ausbreitung fanden innerhalb der Bildung Westeuropas, okkulte Verbrüderungen, die bis auf die neueren Zeiten herauf sich entwickelt haben, die zum Teil in älteren Formen sich forterhalten haben, zum Teil in dem, was sich selber heute die moderne Freimaurerei nennt. Wir wissen, daß solche okkulten Verbrüderungen dieses oder jenes Namens in der Tat ein gewisses Wissen, ein gewisses Weisheitsgut verwahren, aber nur durch Tradition verwahren, daß sie nicht bestrebt sind, dieses Weisheitsgut wirklich lebendig zu pflegen. Bis in die neuere Zeit herein, bis zum Anbruche der fünften nachatlantischen Zeit war es ja auch leicht, solches Weisheitsgut in den Kreisen jener okkulten Brüderschaften zu behalten, welche sich abschlossen von der äußeren Welt und ihre Leute sich auswählten, die sie zulassen wollten, denen sie dasjenige gaben von diesem Weisheitsgut, was sie ihnen geben wollten. Bis in die neuere Zeit war es verhältnismäßig leicht. Heute ist ja das auch schon schwieriger, und es gibt eine ausgebreitete Literatur, wie Sie wissen, in welcher die verschiedenen Grade, in die man, wie man sagt, eingeweiht wird, mit ihren Ritualien, mit ihren sogenannten Geheimnissen mitgeteilt werden. Insbesondere gibt es eine ausgebreitete englische, eine ausgebreitete französische Literatur auf diesem Gebiete.

[ 11 ] Im ganzen darf man allerdings sagen: Dasjenige, was in diesen entsprechenden Büchern dieser Literatur geschrieben ist, wird niemandem ganz besonders viel Nutzen bringen. Obzwar es heute genügend viel Leute gibt, welche diese Literatur studieren, sogar «mit heißem Bemühn» studieren, so bleiben die Studierenden solcher Literatur doch zum großen Teil solche, die da sagen können: «Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor», obzwar diese Leute es oftmals gar nicht verschmähen — zwar nicht oft «mit sauerm Schweiß», aber doch mit großem Pomp — zu sagen, was sie nicht wissen. Denn diese Literatur ist so abgefaßt, daß derjenige, der nicht besondere Schlüssel hat, doch nicht in sie eindringen kann. Das beruht darauf, daß in den Zeiten, in denen man nicht mehr einen unmittelbaren Zugang hatte zu den alten, durch Hellseherkraft gewonnenen gnostischen Einsichten, diese Dinge rein äußerlich auch in solchen inneren okkulten Brüderschaften überliefert worden sind. Gewiß, einzelne Menschen hat es durch alle Jahrhunderte gegeben, wenn auch nur eine beschränkte Anzahl, welche gewisse Geheimnisse, die mit diesen alten Weisheiten verbunden sind, kannten. Aber diese Leute haben zu gleicher Zeit die Art der Mitteilungen so gewählt, daß sie nicht zu dem gewöhnlichen Verstande sprachen, der immer mehr und mehr in der Menschheit heraufkam, sondern daß sie durch allerlei Zeichen und Symbole sprachen. Und so ist es denn immer mehr und mehr üblich geworden in jenen okkulten Brüderschaften, dasjenige, was man als ein altes Wissen bewahrte, durch Zeichen und Symbole, durch ganz bestimmte Symbole mitzuteilen. Und über diese Symbole und ihre Bedeutung zu schweigen, wurde ja denjenigen, die bis zu einem gewissen Grade wirklich eingeweiht waren, streng auferlegt. So daß es eigentlich für solche okkulte Verbrüderungen immer ein ziemlich großes Heer derer gab, welche die Symbole kannten, aber nicht verstanden. Die fingen dann an, die Symbole zu deuten. Da kommt nichts Besonderes dabei heraus; denn nur, wenn man die Symbole wirklich lesen lernt, kommt etwas Besonderes dabei heraus. Dann gab es eine engbegrenzte kleinere Zahl von Leuten, — die nun wirklich die Symbole lesen lernten. Diese Leute gelangten schon zu einer gewissen Einsicht, zu einer gewissen Weisheit, welche in dem Stil gehalten war wie die alte Weisheit, die ja noch, wie wir wissen, aus atavistischem menschlichen Hellsehen hervorgegangen war. Wie diese alte Weisheit wirklich war, darüber können wir uns am besten verständigen, wenn wir noch einmal etwas genauer uns eine Sache vor die Seele führen, die ich schon berührt habe in den letzten Wochen. Betrachten wir da einerseits die naturwissenschaftliche Forschung in der neueren Zeit. Ich meine weniger die naturwissenschaftliche Weltanschauung als die Art und Weise, wie diese naturwissenschaftliche Forschung vor sich geht. Da müssen wir sagen: Da werden in den entsprechenden Anstalten, Laboratorien, Kabinetten, Sternwarten, Kliniken und so weiter die Tatsachen der Natur untersucht. Gewiß, es ist im Laufe der Zeit Großartigstes bei diesen Dingen herausgekommen, und immer wieder und wiederum muß betont werden, daß Geisteswissenschaft die Fortschritte der Naturwissenschaft voll anerkennt. Es ist Großartiges, Gewaltiges herausgekommen. Aber das, was herausgekommen ist, das beruht doch nur, ich möchte sagen, auf der Ausmünzung eines glücklichen Tappens im Dunkeln. Wer sich einläßt auf den Gang der naturwissenschaftlichen Forschung, der wird das schon bemerken. Dagegen spricht nicht die Tatsache, daß diese naturwissenschaftliche Forschung die großen technischen Fortschritte erzeugt hat, von denen heute unser ganzes Menschenleben beeinflußt ist. Auch diese technischen Fortschritte beruhen ja darauf, daß gewissermaßen doch schon eine weise Leitung darin liegt, daß in den letzten Jahrhunderten gewisse Dinge sich enthüllt haben, die dann angewendet werden konnten zu unseren technischen Fortschritten. Wozu aber all diese naturwissenschaftliche Forschung nicht geführt hat, das ist die Enthüllung gewisser Geheimnisse, die sich aussprechen können durch dasjenige, was man in Laboratorien, Kliniken, Sternwarten erforschen kann. Gewiß, man konnte da herausbekommen, wie man dies oder jenes Pulver macht, wenn man im Geiste der neueren Zeit «naturwissenschaftert», man konnte herausbekommen, wie man diese oder jene Maschine macht, man konnte dann diese oder jene Maschine zu einer wahrhaftig grandiosen Vollendung bringen. Das konnte man alles. Aber ersehnte Geheimnisse über das Dasein enthüllten sich nicht. Man kann wissen in der neueren Zeit, wie jene chemische Zusammensetzung auf den menschlichen Körper wirkt, welche man Phenacetin nennt. Man kann es wissen, weil man es ausprobiert hat. Und all das, was man heute im technischen Fortschritte versucht, ist eine Anwendung des Ausprobierten. Es geht gar nicht die Forschung darauf aus, Geheimnisse wirklich zu enthüllen. Sie stellt manchmal Hypothesen auf, diese Forschung; aber Hypothesen führen niemals zur Enthüllung von Geheimnissen, sondern nur zum Hineintragen dessen in die Natur, was man ohnedies schon gedacht hat. So haben wir auf der einen Seite in der neueren Zeit eine Naturwissenschaft, welche zwar emsig, gewissenhaft forscht, von der man viel lernen kann, welche aber ungeeignet ist, hineinzudeuten in die Geheimnisse des Daseins. Man kann außerordentlich viel leisten mit dieser Naturwissenschaft, aber gar nichts wissen von den Zusammenhängen des Daseins. Das ist auf der einen Seite.

[ 12 ] Auf der anderen Seite hat man gewisse Glaubenswahrheiten, Wahrheiten der religiösen Bekenntnisse. In diesen religiösen Bekenntnissen wird gesagt — nehmen wir etwas ganz Gewöhnliches —, die Menschenseele sei unsterblich. Es wird etwas gesagt über die Natur der Gottheit und so weiter, aber nichts wird getan, um diese Wahrheiten auf wirkliche Objekte anzuwenden, etwa auf eine Seele, die man nun erforschen will, von der man im Konkreten reden will. Begriffe und Ideen sucht man, die dem Menschen sozusagen wohltun, die ihm gefallen, an denen er sich ja auch erbauen kann; die sucht man. Aber diese Ideen sind auf nichts anwendbar von dem, was konkret da ist, sondern diese Ideen sollen sich ja gerade auf etwas, was nicht da ist, beziehen. Man vermeidet es, diese Ideen auf etwas anzuwenden, was wirklich seinerseits in seinem unmittelbaren Leben erforscht wird. So daß die religiösen Bekenntnisse mit ihren Glaubenswahrheiten heute über etwas sprechen, wovon eigentlich niemand eine konkrete Vorstellung hat, wovon er sich höchstens einredet, daß er eine konkrete Vorstellung hat. Wenn einmal ein Mensch ganz gescheit reden will über solche Dinge, so redet er so, wie ich es Ihnen vorgestern angeführt habe von einem bedeutenden Theologen der Gegenwart, der sagt: Du Naturwissenschafter, da hast du den Menschen der Natur; ich behalte den Menschen der Freiheit! — Aber wenn man dann seine Reden verfolgt, so gibt er einfach alles der Naturwissenschaft hin, indem er sogar sagt, der Mensch der Natur ist so, daß ihm durch die Natur seine Freiheit genommen wird. Ich möchte wissen, von was er dann überhaupt noch redet. Er bleibt in dem, was ihm durch Worte überliefert worden ist. Und mehr hat solch ein Mensch auch nicht als dasjenige, was ihm an Worten überliefert worden ist.

[ 13 ] Nun, solche Dinge, die unterscheiden sich ganz gewichtig von dem, was die alte gnostische Weisheit eigentlich war; aber sie haben ihre Denkweise, ihre Vorstellungsart auch übertragen auf dasjenige, was sich vielfach theoretisch oder sonstwie auftun will in der neueren Zeit. Denn überall in solchen okkulten Gesellschaften oder in nichtokkulten Gesellschaften, die aber okkulte Kreise in sich schließen, redet man von einer sogenannten Esoterik. Aber was man in dieser Esoterik oftmals mitgeteilt erhält, ist auch nichts anderes, als was sich nicht auf irgend etwas Konkretes, das man erfassen kann, bezieht, sondern was nachgebildet ist den religiösen Wahrheiten, wie sie ohne Objekt heute vielfach gelehrt werden. Dadurch wird eine esoterische Wahrheit nicht esoterisch, daß man mit einem gewissen sehr in die Länge gezogenen Gesichte, das einen sentimental-erhabenen Ausdruck markiert, davon spricht: Oh, das ist abgrundtief esoterisch, das darf man nicht sagen ... denn ...! — Was man so oftmals nicht sagen darf, hat keinen sehr reichlichen Inhalt. Wenn man in die älteren Zeiten zurückgeht, da gab es allerdings Dinge, die recht esoterisch waren, und die nicht mitgeteilt wurden von gewissen einzelnen, die sie besaßen, denjenigen, die nicht für reif gehalten wurden. Das waren aber wahrhaftig nicht abstrakte Wahrheiten, sondern das waren sehr, sehr konkrete Wahrheiten. Eine Vorstellung von der Konkretheit solcher Wahrheiten kann sich die äußere Welt heute ja nur mehr verschaffen, wenn sie zu den letzten Ausläufern dieser älteren Wahrheiten hinschaut. Und diese Ausläufer finden sich gerade beim Abglimmen, gewissermaßen in der Abenddämmerung des vierten nachatlantischen Zeitraums. Bei Paracelsus findet man schon allerdings noch manche Hindeutung, letzte Ausläufer, schwache Ausläufer der alten tieferen Einsichten; aber er redet da, wo er in solchen Ausläufern der alten tieferen Einsichten redet, keineswegs abstrakt, er redet sehr konkret, so konkret, daß man sieht, wie bei ihm das geistige Leben zusammenfließt mit dem natürlichen Leben in der Vorstellung. Er redet zum Beispiel, indem er vom Menschen spricht, von Salz, Quecksilber, Schwefel. Sie können ja darüber nachlesen in meiner Schrift: «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens.» Er redet also von äußeren natürlichen Dingen, aber er redet von dem tieferen Charakter dieser äußeren natürlichen Dinge. Er redet in einem Sinne, wie es heute gar nicht möglich ist, von diesen Dingen zu reden, wie man wieder reden wird, wenn diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, die wir treiben, eine entsprechende Fortsetzung erfährt. Da wird man wiederum hineingraben mit demjenigen, was nicht im Wolkenkuckucksheim schweben soll, sondern was sich wirklich versenken soll in die Geheimnisse der Natur; man wird wieder reden in der allerkonkretesten Weise. Das waren auch nur Ausläufer eines alten Wissens, von denen Paracelsus noch redete.

[ 14 ] Sie verstehen, worum es sich handelt, wenn man dieses alte Wissen charakterisieren will. Da handelt es sich darum, daß man wirklich nicht nur den Blick hinwendet in ein Nirgendheim, wenn man recht geistige Begriffe entwickeln wollte, sondern daß man mit seinen Begriffen auch das natürliche Dasein durchdrang, gewissermaßen im Wasserglas, das man erwärmt, und aus dem sich, wenn es sich wieder abkühlt, Salz zum Boden setzt, den geistigen Vorgang schaute, jenen geistigen Vorgang, der sich auch in unserem menschlichen Organismus selber vollzieht. Indem Sie alle mir zuhören, geschieht in Ihnen — da ich voraussetze, daß das nicht wahr ist, was jener Pfarrer in Aarau gesagt hat, sondern voraussetze, daß Sie selbst denken, wenigstens die weitaus meisten —, da geschieht in Ihnen etwas ganz Ähnliches wie in diesem Wasserglase, das aufgelöstes Salz enthält und das so behandelt wird, daß sich das aufgelöste Salz zu Boden setzt. Und nur, wenn man diesen ganzen Kreislauf der Phänomene, aber wie sie geistig sind, durch die verschiedenen Sphären verfolgen kann, dann spricht man von wirklichem gnostischen Wissen. Und wiederum hat Paracelsus etwas ganz anderes gesehen, als was heute der Chemiker oder Physiker sieht, wenn Schwefel verbrennt. Denn was da geschieht, wenn Schwefel verbrennt, das wird, wenn Sie nun nach Hause gehen, sich schlafen legen und das verschlafen, was Sie hier durchdacht haben, wiederum in Ihnen allen geschehen. Und so war es für Paracelsus, daß er in der äußeren Natur überall gesehen hat das Geistige in den Vorgängen — aber wie gesagt: nur letzte Ausläufer noch. Das war die alte Esoterik, die wirklich starkmütig genug war, sich mit Ideen zu durchdringen, die realwertig waren, die ins äußere Dasein eingriffen. Daher aber war diese alte Esoterik verbunden mit der höchsten menschlichen Tätigkeit, die für das soziale Leben entfaltet wurde. Es lag eine gewisse Macht in der alten Esoterik; denn derjenige, der über die geistige Welt etwas verstand, der konnte etwas. Heute können viele Leute etwas, denn sie lernen von der Naturwissenschaft das Können in einer hohen Vollendung; aber sie verstehen die Sache nicht, und diejenigen, die es verstehen, das heißt, die die Worte nachreden, die vom Verständnis kommen, die können nichts, die wollen gern, daß die Geheimnisse «Geheimnisse» bleiben, wie ich Ihnen gestern andeutete. Gewiß, diese Zeit mußte kommen, weil die Menschheit auch in moralischer Beziehung eine Krisis durchzumachen hatte, und weil gewisse Geheimnisse wieder erobert werden müssen aus der menschlichen Freiheit heraus, die ja erst in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum Platz gegriffen hat.

[ 15 ] Aber die Wahrheit läßt sich nicht aufhalten. Und in dem, was ich Ihnen vorgestern andeutete, daß gewisse Leute jetzt schon sehen, wie Rauch, der entwickelt wird, sensitiv wird und nachlebt dem Ton, wie selbst Flammen dem Ton nachleben, in dem liegt der Anfang zu einer Erkenntnis, zu der die Zeit kommen muß, zu einer Erkenntnis, die münden wird bei dem, was zum Beispiel Goethe in der Beschwörung des Geistes andeutet. Denn der Anfang dazu ist das doch, dieses Umgestaltetsehen des Rauches, das ich Ihnen vorgestern andeutete. Aber die Menschen würden heute gewisse Dinge nur mißbrauchen. Gerade die wichtigen Dinge, die noch innerhalb unseres fünften nachatlantischen Zeitraums herauskommen müssen, sie müssen langsam nur herauskommen, weil heute die Menschen doch stark Mißbrauch treiben würden. Auf solche Dinge werde ich noch in der folgenden Zeit hinzudeuten haben. Namentlich auf die Beziehungen werde ich hinzudeuten haben, welche gegenwärtig bestehen zwischen der Geisteswissenschaft und verschiedenen Wissenszweigen, zum Beispiel der Medizin. Und dann möchte ich in der folgenden Zeit noch sprechen über ein sehr wichtiges Thema, über das sogenannte Karma des menschlichen Berufes, denn die Auffassung der verschiedenen Berufe, die wird sich für die folgende Zeit, und zwar schon für eine sehr bald folgende Zeit wesentlich ändern müssen. Würden die Menschen das, was man Beruf nennt, weiterhin so auffassen, wie es sich aus der Denkweise unserer Gegenwart heraus ergibt, so würde das wahrhaftig zu einem sozialen Chaos führen müssen. Doch davon in späteren Vorträgen.

[ 16 ] Heute will ich aber auf etwas anderes noch hinweisen. Es haben sich gerade im vierten nachatlantischen Zeitraum immer mehr und mehr die Dinge so gestaltet, daß man sorgfältig anfing zu hüten das, was man über die geistigen Zusammenhänge namentlich der Natur und des Menschendaseins wußte, und diese Usance, die hat sich fortgepflanzt in jene okkulten Verbrüderungen hinein, von denen ich gesprochen habe. Diese okkulten Verbrüderungen waren — wie schon angedeutet — in der Regel ganz unfähig, selber etwas über die geistigen Zusammenhänge zu finden; aber sie haben gewisse alte Geheimnisse fortgepflanzt. Und diejenige Menschheit, die heute solchen okkulten Verbrüderungen fern steht, die oftmals gar nicht einmal etwas ahnt davon, daß es immerhin solche okkulten Verbrüderungen gibt, die würde erstaunt sein, wenn sie wirklich verstehen würde, was in mancher Formel, überhaupt in manchem lebt, das innerhalb dieser okkulten Verbrüderungen vorhanden ist, und wie immerhin einige Menschen in solchen okkulten Verbrüderungen, die sich dann der Masse, die ihnen zur Verfügung steht, zu ihren Zwecken bedienen, vorhanden sind, welche gewisse von alters her überlieferte Geheimnisse auch über das physische Dasein kennen. Gewiß, das meiste dieser Kenntnisse ist ausgeflossen in die Reihe der unglückseligen Alchimisten, der unglückseligen anderen Menschen, die unter diesem oder jenem Namen gerade in der Übergangszeit der vierten zur fünften nachatlantischen Zeit existierten, welche so ähnliche Leute waren wie der, von dem als seinem Vater Faust sagte: «er war ein dunkler Ehrenmann ..., der, in Gesellschaft von Adepten, sich in die schwarze Küche schloß, und, nach unendlichen Rezepten, das Widrige zusammengoß», und dann das oder jenes mit diesem Widrigen, Zusammengegossenen tat, wie Sie das ja aus dieser Faust-Szene wissen. Das war eine Zeit, die viel probierte, der aber zum großen Teil die wirkliche Weisheit schon verlorengegangen war. Diese wirkliche Weisheit hat sich aber immerhin hineingeflüchtet in manche okkulte Brüderschaft.

[ 17 ] Nun gibt es ein Gesetz, das man wohl beachten muß, wenn solche Dinge überhaupt in Betracht gezogen werden. Dieses Gesetz, das könnte man etwa in der folgenden Weise charakterisieren. Man kann sagen: Solche Dinge, wie das Fortleben der Weisheit bei den Menschen, das ist nicht an die Gesetze des Toten gebunden, sondern an die Gesetze des Lebendigen. Daher muß auch immer Leben vorhanden sein in der Fortentwickelung dieser Dinge. Diese Dinge können gar nicht so einfach fortgepflanzt werden durch Tradition, denn dann ersterben sie, und dann muß sich notwendigerweise das, was das Gute an ihnen ist, in das Schlimme verwandeln. — Und zunächst war der Impuls, leben zu lassen die okkulte Weisheit bei diesen okkulten Brüderschaften, nicht vorhanden. Alles, was man tat, war: bewahren eine gewisse okkulte Weisheit, sie vor der Welt behüten und sich ihrer bedienen da, wo man es wollte, und dann höchstens sich in den Besitz einer gewissen Macht setzen durch allerlei auch atavistisch-mediale Machinationen oder dergleichen. Es muß durchaus eingesehen werden, daß diese Dinge immer schlechter und schlechter werden, wenn sie nicht vom unmittelbaren Leben ergriffen werden. Daher müssen sich okkulte Wahrheiten am schlechtesten fortpflanzen in denjenigen okkulten Gesellschaften, die diese okkulten Wahrheiten bewahren, sie ihren Leuten gradweise in Symbolen geben, aber sie nicht lebendig bearbeiten. Das Gute, das lebt, hat eben schon die Eigenschaft alles Lebendigen, daß es nach einiger Zeit absterben muß, wenn ihm nicht neues Leben eingepflanzt wird. Aber es bestand auch in der rein traditionellen Bewahrung der okkulten Weisheit in diesen okkulten Verbrüderungen eine gewisse Versuchung. Derjenige, welcher lebendig verbunden ist mit den geistigen Welten, bei dem braucht diese Versuchung nicht in gleichem Maße da zu sein. Der aber, bei dem schon erstorben ist in einer gewissen Weise der lebendige Zusammenhang, bei dem kann diese Versuchung, die ich meine, sehr leicht eintreten. Und so blieben gewisse okkulte Verbrüderungen durchaus nicht frei von dem Einflusse einer solchen Versuchung. Solche okkulten Verbrüderungen haben genug Graduierte und Adepten, welche dasjenige, was sie durchschauten an menschlicher Weisheit, in den Dienst des menschlichen Egoismus stellten, sei es des Egoismus des einzelnen, sei es des Egoismus von Gruppen.

[ 18 ] Namentlich wurde es immer mehr und mehr üblich bei gewissen okkulten Verbrüderungen, zu verknüpfen dasjenige, was man aus der okkulten Weisheit heraus haben kann, mit allerlei politischen Gesichtspunkten, mit politischen Impulsen. Und man muß sagen: Durchaus eng verquickt haben solche okkulten Verbrüderungen dasjenige, was sie oftmals getrieben haben, mit eng umrissenen politischen Tendenzen. Und bei okkulten Verbrüderungen ist es geradezu ein Charakteristikon der neueren Zeit, daß sie mit politischen Tendenzen dasjenige verquickt haben, was ihnen gegeben war aus gewissen Erkenntnissen von Zusammenhängen heraus. — Es ist ja außerordentlich schwer, über diese Dinge in der Gegenwart zu reden, weil diese Dinge sogleich mißverstanden werden, und es wird wirklich erst eine gewisse Vorbereitungszeit notwendig sein, um gewisse Dinge überhaupt aussprechen zu können. Aber darauf kann schon gedeutet werden, daß okkulte Verbrüderungen durchaus sich gerade damit beschäftigen, Mittel und Wege zu finden, um die politischen Angelegenheiten der neueren Zeit in ihr Fahrwasser zu bringen, in ihrem Sinne zu gestalten, trivial würde man sagen: politisch Einfluß zu gewinnen. Und das haben sie in hinlänglicher Weise reichlich gewonnen. Und wenn einmal die Zusammenhänge aufgedeckt werden zwischen manchem, was in der neueren Zeit im politischen Leben geschehen ist, und den Quellen in den okkulten Verbrüderungen, aus denen heraus es geschehen ist durch allerlei Kanäle, welche die Öffentlichkeit heute nicht bemerkt, dann wird man sonderbare Entdeckungen machen. Denn die Menschen reden heute mehr als je davon, daß sie auf ihre Freiheit pochen. Aber gar mancher, der da heute sich vor die Welt hinstellt und von seiner Freiheit redet, große Deklamationen über seine Freiheit hält, ist durchaus alles eher als frei. Er ahnt nur nicht, wie er an den verschiedenen Gängelfäden gezogen wird von dieser oder jener sogenannten okkulten Seite her. Und es würde ein interessantes Kapitel abgeben, einmal zu schildern, wie diese oder jene sogenannte maßgebende Persönlichkeit ihre großen Ideen scheinbar aus der eigenen Seele heraus in die Welt hinein spielt, wie sie auch gefeiert wird von Tausenden und aber Tausenden, wie ganze Gruppen von Zeitungen für diese Persönlichkeit schreiben, es würde interessant sein, zu zeigen, wie diese Maschinerie wirkt, die aus gewissen okkulten Verbrüderungen heraus an den Fäden zieht, und wie die betreffende maßgebende Persönlichkeit durch ihre eigene Individualität recht unmaßgeblich dabei erschiene. Denn das muß schon einmal betont werden, daß gewisse okkulte Verbrüderungen die Weisheitsquellen, die einstmals so erschlossen worden sind, wie ich es Ihnen in den letzten Wochen angedeutet habe, schon kennen, aber daß diese Weisheitsquellen vielfach mißbraucht werden. Und immer werden sie mißbraucht, wenn sie in einer solchen Weise angewendet werden, wie ich jetzt andeutete. Gerade in einem Zeitalter, in dem, wie im fünften nachatlantischen Zeitraum bisher — Sie können das erkennen aus all den Betrachtungen, die wir gerade in diesen Wochen angestellt haben — das okkulte Wissen zurückging und die Menschen gewissermaßen für das äußere Leben von den okkulten Zusammenhängen abgeschnitten wurden, mußten diejenigen Okkultisten, welche das alte überlieferte okkulte Wissen mißbrauchten, in einem gewissen Sinne um so stärker, aber im schädlichen Sinne wirken. Denn die Menschen waren da gar nicht gewappnet. Daher aber kommt es, daß man, wo ehrliches okkultes Wissen auftritt, so viele Mittel und Wege sucht, dieses unmöglich zu machen. Ehrliches okkultes Wissen, das einfach die Wahrheit vertritt, das ist höchst unbequem für diejenigen, die mit okkultem Wissen im Verborgenen fischen wollen. Gerade bei uns konnte man das an einem Beispiele sehen, das ja noch nicht zu den bedeutsamsten Beispielen gehört, aber das doch einiges veranschaulichen kann. Als von seiten der Theosophischen Gesellschaft der Alcyone-Humbug entrollt wurde, da war damit etwas von weitgehenden Absichten verknüpft. Da wollte man sehr viel damit. Daß die Leute an den Alcyone glaubten, das war nur das Mittel zum Zweck. Den eigentlichen Zweck wollte man in etwas ganz anderem sehen. Daher aber auch kam es den Leuten so wenig sympathisch vor, als von unserer Seite energisch dieser Alcyone-Humbug zurückgewiesen worden ist, denn man merkte, daß die Sache durchschaut wird, und das, sehen Sie, ist für die im trüben fischenden Okkultisten das Allerunsympathischste, wenn sie merken, daß irgend jemand ihre Pläne durchschaut, wirklich die Dinge durchschaut und auch nicht geneigt ist, mitzugehen, sondern einen ehrlichen, aufrichtigen Weg zu gehen. Wenn Sie daher unsere ganze Bewegung studieren, wie sie sich jetzt seit zwei mal sieben Jahren entwickelt hat, so werden Sie sehen, daß immer versucht wird, den rechten Weg zwischen öffentlicher Mitteilung und zwischen dem Betrieb der geistigen Wissenschaft zu halten, und sogar ein großer Wert gelegt wird darauf, daß wirklich vor die Menschen hingetreten wird und dasjenige, was einem die Menschen heute gestatten zu sagen, wirklich auch gesagt wird. Und ferner wird ein besonderer Wert darauf gelegt, daß unsere Freunde verstehen, wie nicht aus der Willkür heraus, sondern aus der Notwendigkeit der Zeit heraus sich heute die Forderung ergibt, mit einem gewissen okkulten Wissen vor die Menschheit hinzutreten. Und da ist es schon notwendig, anzuknüpfen auch an solche bedeutenden Geister wie es Troxler war, der da in einer schönen Weise ausgesprochen hat die Sehnsucht nach einer solchen geistigen Erkenntnis, wie sie in der Anthroposophie gelegen ist. Aber daß diese Anthroposophie sich erheben muß aus der oberen geologischen Schichte, die sich darübergelagert hat, das fühlten viele, viele Menschen.

[ 19 ] Gewiß, man könnte leicht glauben, es wäre pessimistisch geschildert, wenn immer wieder und wiederum gerade von diesem Orte aus darauf hingewiesen wird, wie das geistige Leben unserer Zeit in eine Art von Sackgasse gekommen ist und dieses Kommen in eine Sackgasse zeigt: es muß Rettung und Hilfe durch die Geisteswissenschaft kommen. Aber wer das für übertrieben, für radikal oder zu pessimistisch hält, der studiert nicht die Sehnsuchten, die in den letzten Zeiten bei den besten Menschen des 19. Jahrhunderts und Beginn des 20. Jahrhunderts aufgetreten sind. Wenn Sie irgendeine Schrift von Troxler in die Hand nehmen, so werden Sie sehen: bei ihm leben solche Sehnsuchten ganz besonders; aber er konnte wenigstens noch, wenn auch nicht in der Gestalt der heutigen Geisteswissenschaft, auf eine Anthroposophie hinweisen. Die spätere Zeit konnte es nicht mehr. Ich habe Ihnen öfter von Herman Grimm gesprochen, der ja gewissermaßen ein halber Schweizer ist, da seine Mutter aus der Schweiz herstammte; ich habe auch in der letzten Zeit wieder darauf aufmerksam gemacht, wie Herman Grimm dasjenige, was die Leute heute schon aus der Schule mitbringen als Kant-Laplacesche Hypothese, so charakterisiert hat, daß er sagt, Gelehrte künftiger Zeiten werden viel Mühe haben, um zu verstehen, wie diese Phantasterei von einem gewissen Zeitalter hat angenommen werden können. Dieser Herman Grimm, er konnte natürlich nicht zu einer Geisteswissenschaft kommen, dazu war das Ende des 19. Jahrhunderts nicht geeignet. Aber er sah die Sackgasse, in die sich das neuere Geistesleben hineinbewegte. Und interessant, unendlich interessant ist es, zu sehen, wie solche Menschen, solche feinorganisierten Geister, solche an Goethe herangewachsenen Geister, wie die von etwas fortwährend sprechen, das sie eigentlich nicht kennen, das aber kommen muß. Sie sprechen fortwährend von etwas, was kommen muß. Die Antwort wäre das, was die Geisteswissenschaft der Menschheit geben konnte. Aber davon wissen sie nichts. Aber sie sprechen aus ihren Sehnsuchten heraus in starken Worten, in solchen Worten, welche noch manches von dem an Radikalismus überbieten, was hier von diesem Orte aus gesagt worden ist, die aber dadurch gerade wiederum zeigen, daß die Dinge nicht falsch aufgefaßt worden sind.

[ 20 ] Herman Grimm, der feinsinnige Betrachter des menschlichen Geisteslebens, namentlich von seiner künstlerischen Seite her, er hat oftmals seinen Blick gewendet auf die Frage: Wohin soll das nun führen, wenn man sieht, was in der letzten Zeit geworden ist? Gewiß, er hat sich dann immer wieder getröstet: Es wird eine Zeit kommen, wo man Goethe verstehen wird, wo man sich immer mehr und mehr in ihn einleben wird. Aber auf der anderen Seite sind ihm oftmals auch andere Gedanken gekommen. Er hat würdigen können die großen Aufschwünge, die großen Fortschritte, die gekommen sind im 19. Jahrhundert; aber er hat andererseits auch die Schattenseiten dieser Fortschritte gesehen. In einem Essayband, der 1890 erschienen ist, ist eine interessante Stelle, die gerade, ich möchte sagen, diese Empfindungen ausspricht. Da sagt Herman Grimm:

[ 21 ] «Die Welt erfüllt der Drang nach Erreichung eines unbekannten Zieles, dem zu Liebe die ungeheueren Anstrengungen gemacht werden, deren Zeuge wir sind.»

[ 22 ] Also ein unbekanntes Ziel; dasjenige, was er sieht, sind ihm vielfach Anstrengungen zu einem unbekannten Ziele. Er sagt:

[ 23 ] «Es ist, als empfänden alle Völker der Erde, jedes in seiner Art, Vorbedingungen für einen allgemeinen geistigen Ringkampf, sich vom Vergangenen als maßgebender Macht zu befreien und zur Aufnahme eines Neuen sich tauglich zu machen. Erfindungen und Entdeckungen, meist unerhörter Art und oft von umfassenden augenblicklichen Folgen begleitet, befördern diesen Zustand unseres erwartungsvollen Fortmarschierens in geschlossenen Massen. Wohin?» — fragt Herman Grimm. Sie sehen, diese Fragen sind schon gestellt! — «Wohin? Es belebt uns ein Gefühl, als ob die gebrachten Opfer später einmal, jedes einzelne als gering, alle zusammen als unentbehrlich erscheinen müßten.»

[ 24 ] Und jetzt gibt er in abstrakten Worten dasjenige an, was er allein über das Ziel zu sagen weiß:

[ 25 ] «Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu einem Reiche von Brüdern zu machen, die nur den edelsten Beweggründen nachgebend gemeinsam sich weiterbewegen.»

[ 26 ] Aber wenn so ersehnt wird, die Menschheit in einem Reiche der Brüderlichkeit zu vereinen, was, wie wir ja aus Vorträgen auch gesehen haben, die in der letzten Zeit gehalten worden sind, für den physischen Plan wohl gilt, dann ist dazu notwendig das gemeinsame Band des Verständnisses für ein Allgemein-Menschliches. Dieses Allgemein-Menschliche ist aber nicht vorhanden, wenn nicht Geisteswissenschaft verbreitet werden kann; denn die neuere Entwickelung ging dahin, die Menschheit zu zersplittern. Dann sagt Herman Grimm weiter:

[ 27 ] «Wer die Geschichte nur auf der Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen.»

[ 28 ] Wir lesen diese Dinge heute mit besonderem Gefühle, wenn ein Mensch 1890 die Geschicke Europas ansieht und zu dem Gefühle kommt:

[ 29 ] «Wer die Geschichte nur auf der Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen; während der, der sie am Globus studiert» — das heißt im Zusammenhang der Erde mit der ganzen Welt —, «sich der Gewißheit hingeben darf, daß vielmehr die Stunde herannahe, wo die in gleichen Gedanken höchsten geistigen Strebens vereinten germanischen Völker all den ungezählten Millionen Asiens und Afrikas und was der Erdkreis sonst beherbergt, den Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens erschließen werden.»

[ 30 ] Und jetzt kommt jener Satz, der zeigt, wie Menschen, die heraufkommen gesehen haben, was im 19. Jahrhundert sich in dem Geschicke der Menschheit vorbereitet, sprechen konnten über das, was sie mit offenen Augen angesehen und nicht so verschlafen haben, wie der größte Teil der Menschheit. Da sagt Herman Grimm weiter:

[ 31 ] «Man gestatte diesen Gedanken... .»

[ 32 ] Er meint den Gedanken von der Verbrüderung der Völker, wie er ihn eben ausgesprochen hat, und von der Betrachtung der Erde nach dem Globus.

[ 33 ] «Man gestatte diesen Gedanken, der mit unseren ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein sollte, das menschlicheLeben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.»

[ 34 ] Ich denke, auf eines könnten solche durchaus ernsten Sätze, die tiefen menschlichen Empfindungen entsprechen, hinweisen: daß Ernst notwendig ist für das Leben in unserer Zeit. Stellen wir uns vor, was alles in der Seele des Menschen vorgeht, der solche Empfindungen äußert! Aber ich weiß, viele lesen solch einen Satz auch und lesen ihn, wie man eben heute Zeitungslektüre liest; sie sind unvermögend, in den Ernst der Zeit hineinzuschauen, weil es bequemer ist, zu schlafen. Aus der Bequemlichkeit, die Forderungen der Zeit zu verschlafen, geht aber das Unverständnis für die Geisteswissenschaft hervor. Je weniger man schlafen will, um so mehr man einsehen will, wie nötig es ist, heute nicht zu schlafen, desto mehr wird man erkennen, daß so etwas, wie die Geisteswissenschaft es will, der Menschheit nötig ist. Für uns aber, die wir in der Geisteswissenschaft stehen, ist es notwendig, daß wir uns wappnen mit diesem Ernst, damit wir das richtige Verhältnis zu derjenigen Welt finden, die diesen Ernst noch nicht hat.