Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Humanity's Internal Impulses for Development
Goethe and the Crisis of the Nineteenth Century
GA 171

30 October 1910, Dornach

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Humanity's Internal Impulses for Development, tr. SOL
  1. Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit

Sechzehnter Vortrag

Sixteenth Lecture

[ 1 ] Wir haben an einzelnen Beispielen, die einfach das Studium der physischen Welt ergibt, zu erhärten versucht gewisse Wahrheiten, die sich über das innere Leben des fünften nachatlantischen Zeitraums und über die Entwickelung des Zeitraumes aus den Quellen heraus, welche die Geisteswissenschaft eröffnet, ergeben. Wir haben insbesondere gestern darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, zu beachten, daß auch im äußeren Leben wohl zu bemerken ist, wie eine gewisse Krisis im Laufe des 19. Jahrhunderts eintritt. Ich habe ja öfter darauf hingewiesen, wie gerade die Mitte des 19. Jahrhunderts die Krisis des Materialismus darstellt, und wir haben gestern an einem besonderen Beispiele aus naheliegender Gegend zeigen können, wie gewisse Hinweise — nur Hinweise, aber doch immerhin Hinweise — auf Einsichten, die nur durch die Anthroposophie kommen können, vorhanden waren, wie aber diese Einsichten wie begraben sind, ich möchte sagen, geschichtlich begraben sind, so wie eine geologische Erdschichte begraben ist und eine andre über ihr liegt. Und so würde man vielfach im geistigen Leben der neueren Zeit nachweisen können, wie der Drang, der Trieb nach einer tieferen Einsicht, so wie sie durch Anthroposophie eröffnet wird, vorhanden war, insbesondere vorhanden war aus gewissen Voraussetzungen früherer Zeiten heraus im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und wie dann, herbeigeführt durch die großen Fortschritte der Naturwissenschaft, eine andere Schichte, eine ganz entgegengesetzte Schichte menschlichen Vorstellens, menschlichen Denkens sich darübergelagert hat, so daß heute dasjenige, was schon da war, außerordentlich schwer bloßzulegen ist. Und diejenigen Menschen, die heute ihre Begriffe, ihre Vorstellungen nur aus der obersten Schichte, welche die untere zudeckt, schöpfen, die tappen merkwürdig in Finsternis über dasjenige, was schon da war. Dabei ergeben sich ganz groteske Dinge.

[ 1 ] Using specific examples that simply arise from the study of the physical world, we have attempted to substantiate certain truths that emerge from the inner life of the fifth post-Atlantean epoch and from the development of that epoch, as revealed by the sources opened up by spiritual science. In particular, we pointed out yesterday how important it is to note that even in external life, it is clearly evident how a certain crisis arose in the course of the 19th century. I have, after all, often pointed out how the very middle of the 19th century represents the crisis of materialism, and yesterday we were able to show, using a specific example from a nearby region, how certain indications—merely indications, but indications nonetheless—of insights that can come only through anthroposophy were present, yet how these insights are, as it were, buried, I would say, historically buried, just as one geological stratum is buried and another lies above it. And so one could demonstrate in many ways in the spiritual life of more recent times how the urge, the drive toward a deeper insight—such as that opened up by anthroposophy—was present, particularly arising from certain preconditions of earlier times during the first half of the 19th century, and how then, brought about by the great advances in the natural sciences, another layer—a completely opposite layer of human imagination and human thought—has settled over it, so that today what was already there is extraordinarily difficult to uncover. And those people who today derive their concepts and ideas solely from the uppermost layer—which covers the lower one—are, strangely enough, groping in the dark regarding what was already there. This gives rise to quite grotesque things.

[ 2 ] Gerade wenn man Troxler ansieht, der auch von Geburt ein Schweizer ist, der lange Zeit in der Schweiz gelehrt hat, ihn im ganzen Zusammenhange des europäischen Geisteslebens betrachtet, wie ich ihn hineinzustellen versuchte in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel», so sieht man an ihm, wie zwar ihm noch nicht gegeben waren die Dinge, die jetzt durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie erst herauskommen können, wie er aber, ich möchte sagen, in gewissen Ideen, konkreten Ideen darauf hinarbeitete. In gradliniger Entwickelung, wenn es diese in der menschlichen Entwickelung gäbe, aber die ist eben dem Menschengeschlechte nicht gegeben, hätte sich eine wirkliche geistige Vertiefung ergeben können, wie sie heute herausgeholt werden muß aus den Quellen, welche die Geisteswissenschaft hat. Dann würde Geisteswissenschaft heute am allerwenigsten hierzulande wie eine fremde Pflanze erscheinen, sondern sie würde denjenigen Menschen, die nur das Geistesleben des 19. Jahrhunderts in einem seiner bedeutendsten Vertreter kennen würden, wie eine Fortsetzung des Geisteslebens erscheinen. Und wenn in der Aarauer Aura ein solcher im schweizerischen Geistesleben drinnenstehender Mensch im Mai 1916 reden würde, so würde er etwa sagen: Mit dieser Anthroposophie kommt vor allen Dingen uns Schweizern gar nichts Fremdes ins Land, sondern wir begrüßen in dieser Anthroposophie einen alten Bekannten; war es uns doch sogar gegeben, eine schöne, herrliche Definition der Anthroposophie von unserem Landsmann Troxler zu hören. — Das wäre im Zusammenhange mit dem ganzen geschichtlichen Leben gerade hierzulande dasjenige, was wahr wäre, wenn man es sagte. Aber statt dessen wurde in dieser Aarauer Aura in der Schrift, von der ich Ihnen schon gestern gesprochen habe, allerdings ein anderes gesagt. Da wird zunächst diese Geisteswissenschaft, um sie sozusagen so recht als eine quantite negligeable hinstellen zu können, mit anderen Dingen zusammengeworfen. Es wird gesagt: «Der Überblick darf nur das Nötige zur Charakteristik heranziehen» — der Überblick, der nämlich gegeben werden soll in dieser Rede.

[ 2 ] Especially when one looks at Troxler, who was also Swiss by birth and taught in Switzerland for a long time, and considers him within the broader context of European intellectual life—as I attempted to do in my latest book, The Enigma of Man— one can see in him that, although the insights now emerging through spiritual science or anthroposophy were not yet available to him, he was nevertheless—I would say—working toward them in certain concrete ideas. In a linear course of development—if such a thing existed in human evolution, though it is precisely not given to the human race—a genuine spiritual deepening might have emerged, the kind that must now be drawn from the sources available to spiritual science. Then spiritual science would hardly appear today, especially in this country, as a foreign plant; rather, it would appear to those people who are familiar only with the spiritual life of the 19th century through one of its most significant representatives as a continuation of that spiritual life. And if, in the atmosphere of Aarau, such a person—deeply rooted in Swiss spiritual life—were to speak in May 1916, he might say something like this: “With this anthroposophy, above all else, nothing foreign is entering our country, we Swiss; rather, we welcome in this anthroposophy an old acquaintance; for we were even granted the opportunity to hear a beautiful, magnificent definition of anthroposophy from our compatriot Troxler.” — In the context of the entire historical life of this country in particular, that would be the truth if one were to say it. But instead, in this Aarau atmosphere, in the text I spoke to you about yesterday, something quite different was said. First of all, this spiritual science is lumped together with other things in order, so to speak, to portray it as a quantite negligeable. It is said: “The overview may draw only on what is necessary for its characterization”—the overview that is to be provided in this speech.

[ 3 ] «Unter diesen Bewegungen, die samt und sonders Einwanderer in unser Land sind, wären als die wohlbekanntesten zu nennen die Christian Science, volkstümlich genannt die Gesundbeter, die Mazdaznan, die Theosophen und endlich die Anthroposophen mit ihrem gewaltigen Tempelbau in Dornach.»

[ 3 ] “Among these movements, all of which consist of immigrants to our country, the best known are Christian Science—commonly known as the ‘faith healers’—Mazdaznan, the Theosophists, and finally the Anthroposophists with their massive temple in Dornach.”

[ 4 ] Wir sehen also, während es so schön der Wirklichkeit entsprechen würde, daß man gerade in Anthroposophie hier einen alten Bekannten begrüßen würde, wird diese Anthroposophie als ein Eindringling erklärt. Das, sehen Sie, ist nur so ein symptomatischer Ausdruck, der aber nicht vertausendfältigt, sondern vermillionenfältigt werden könnte in unserer Zeit, so ein symptomatischer Ausdruck dafür, wie unsere Zeit die Anlage hat dazu, die Unwahrheit zu sagen. Das ist gerade dasjenige, was man studieren sollte in den Impulsen, die unserer Zeitkultur zugrunde liegen: wie die Anlage zur Unwahrheit in unserer Zeit ist. Selbstverständlich kommt man ja sehr bald darauf, einzusehen, warum der Mann in diesem Falle die Unwahrheit sagt. Er kennt selbstverständlich die Wahrheit nicht und hat keine Ahnung von dieser Wahrheit, denn er wird vermutlich von Troxler nicht viel gelesen haben. Aber das ist gerade das Charakteristikon unserer Zeit, daß die Allerunberufensten sich hinstellen und Lehrer, Aufklärer des Volkes werden, und daß dies notwendigerweise verbunden sein muß mit dem Verbreiten der Unwahrheit. Der Mangel an Gedanken, der ist dasjenige, was solchen Dingen zugrunde liegt.

[ 4 ] So we see that, while it would so beautifully correspond to reality to welcome an old acquaintance here in anthroposophy, this very anthroposophy is declared to be an intruder. That, you see, is just one such symptomatic expression—one that could be multiplied not a thousandfold, but a millionfold in our time—a symptomatic expression of how our age is predisposed to tell untruths. This is precisely what one should study in the impulses underlying our contemporary culture: how the predisposition to untruth manifests in our time. Of course, one very quickly comes to realize why the man is telling a lie in this case. He obviously does not know the truth and has no idea about this truth, for he has presumably not read much of Troxler. But this is precisely the defining characteristic of our time: that the most unqualified people step forward and become teachers and enlighteners of the people, and that this must necessarily be connected with the spreading of falsehood. A lack of thought is what underlies such things.

[ 5 ] Nun handelt es sich darum, diese Dinge in einem tieferen Zusammenhange zu sehen. Erstens zu sehen, daß diese Dinge schon herauskommen aus Impulsen, wie wir sie im Laufe dieser Woche besprochen haben, und daß sie durchschaut werden müssen von unseren Freunden, damit unsere Freunde mit der Geisteswissenschaft sich in richtiger Art in unser heutiges Leben hineinstellen können. Denn es ist ja nicht zu leugnen, daß manchem es recht schwer wird, nach der Lage seines Lebens sich heute zu behaupten als Geisteswissenschafter, als Bekenner der Geisteswissenschaft gegenüber dem, was in der äußeren Welt spielt, und was naturgemäß, wie man immer mehr und mehr sehen kann, naturgemäß in dieser Geisteswissenschaft nichts finden kann, was er versteht. Zunächst muß man hineinsehen in einen größeren Zusammenhang. Wir haben charakterisiert vor einiger Zeit, wie so ganz unzutreffend gegenüber der Wirklichkeit dasjenige ist, was Theoretiker, naturwissenschaftliche Theoretiker heute zu sagen haben über die ihnen ja vorliegenden großen Fortschritte in der Tatsachenwelt. Dasjenige, was an Tatsachen von der Naturwissenschaft an die Oberfläche des Daseins gebracht worden ist, ist ja wirklich nur zu bewundern, ist ja wirklich ein großes Ergebnis. Was aber gesagt worden ist über den Kampf ums Dasein, über die Selektion, über all die Probleme, welche mit dem Geburts- und Verwandtschaftsproblem zusammenhängen, das alles ist so unzutreffend wie möglich, was heute von Naturwissenschaftern schon anerkannt wird. Das habe ich ja sogar ausgeführt in dem öffentlichen Vortrag in Basel.

[ 5 ] The point now is to view these matters in a deeper context. First, to recognize that these matters arise from the impulses we have discussed over the course of this week, and that our friends must gain insight into them so that, through spiritual science, they can properly engage with our life today. For it cannot be denied that many find it quite difficult, given their life circumstances, to assert themselves today as spiritual scientists—as adherents of spiritual science—in the face of what is happening in the outer world, and what, as one can see more and more clearly, naturally finds nothing in this spiritual science that it can understand. First of all, one must look into a broader context. Some time ago, we described how completely at odds with reality is what theorists—specifically, natural-science theorists—have to say today about the great advances in the world of facts that are, after all, available to them. The facts that natural science has brought to the surface of existence are truly admirable; they are indeed a great achievement. But what has been said about the struggle for existence, about natural selection, and about all the problems related to the issues of birth and kinship—all of that is as inaccurate as possible, a fact that is already acknowledged by natural scientists today. I even elaborated on this in my public lecture in Basel.

[ 6 ] Aber all das hängt wiederum zusammen durch die Art und Weise, wie gewisse alte Überlieferungen heraufgekommen sind in der neueren Zeit, mit der jetzigen Gestalt dieser alten Überlieferungen. Es hängt innig damit zusammen. Die neuere Zeit hat ja bewiesen, daß sie für das Bildungsleben die alte Zeit braucht. Für den Geisteswissenschafter ist das nicht weiter wunderbar, denn der Geisteswissenschafter weiß ja, daß sich gewisse Impulse in jedem Zeitalter wiederholen. Also müssen sich natürlich auch Impulse, die in einer anderen Form im fünften nachatlantischen Zeitraum eingreifen in die Entwickelung der Menschheit, als Wiederholungen ergeben auch des vierten nachatlantischen Zeitraums. Dieser vierte nachatlantische Zeitraum hat begonnen, wie wir wissen, im 8. vorchristlichen Jahrhundert und endet im 15. nachchristlichen Jahrhundert, und seit diesem 15. nachchristlichen Jahrhundert haben wir eine ganz neue Zeit, wie man das sogar äußerlich erkennen kann, was wir ja gestern durch einige Beispiele belegten. Aber gewisse Dinge, die im vierten nachatlantischen Zeitraum gespielt haben, sie wiederholen sich auf einer anderen Stufe in unserem Zeitraum. Und ich möchte sagen: ÄAußerlich hat ja dieser fünfte nachatlantische Zeitraum durchaus gezeigt, daß er sogar bewußt herübertragen muß gewisse Dinge aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum. Haben wir denn nicht gesehen, wie im 15. Jahrhundert griechische Gelehrte ausgewandert sind nach dem Westen Europas und die alte griechische Gelehrsamkeit in einer neuen Form zunächst nach Italien und dann in das übrige Europa gebracht haben? Dasjenige, was da aufgeblüht ist in dem europäischen Geistesleben durch die Impulse, die aus den Überlieferungen von einer älteren Zeit her sich ergeben haben, das nennt man ja die Renaissance. Und mehr als man glaubt, ist das heutige Leben noch abhängig von der Renaissance.

[ 6 ] But all of this, in turn, is connected to the way in which certain ancient traditions have resurfaced in modern times, and to the current form of these ancient traditions. It is intimately connected to this. Modern times have, after all, proven that they need the ancient era for cultural life. For the scholar of the humanities, this is not particularly surprising, for the scholar of the humanities knows that certain impulses recur in every age. Thus, naturally, impulses that intervene in the development of humanity in a different form during the fifth post-Atlantean epoch must also emerge as repetitions of those from the fourth post-Atlantean epoch. This fourth post-Atlantean epoch began, as we know, in the 8th century B.C. and ended in the 15th century A.D., and since that 15th century A.D. we have entered a completely new era, as can even be recognized outwardly—a fact we demonstrated yesterday with a few examples. But certain events that took place in the fourth post-Atlantean epoch are repeating themselves on a different level in our own epoch. And I would like to say: Outwardly, this fifth post-Atlantean epoch has certainly shown that it must even consciously carry over certain things from the fourth post-Atlantean epoch. Have we not seen how, in the 15th century, Greek scholars emigrated to Western Europe and brought ancient Greek scholarship in a new form first to Italy and then to the rest of Europe? What blossomed in European intellectual life as a result of the impulses arising from the traditions of an earlier time is what we call the Renaissance. And modern life is still more dependent on the Renaissance than one might think.

[ 7 ] Aber auch in anderer Weise kann man überall zeigen, wie in bezug auf gewisse Dinge dieser fünfte nachatlantische Zeitraum bauen wollte auf den vierten nachatlantischen Zeitraum. Ist es nicht eine merk würdige Tatsache, daß Pico de Mirandola in jener Zeit, in der man noch über das Christentum freier sprechen konnte als heute, im 15. Jahrhundert es unternommen hat, die bedeutendsten Gelehrten von ganz Europa nach Rom einzuladen, um sich mit ihnen zu unterhalten über neunhundert Thesen, welche im wesentlichen zeigen sollten, wie man zu einer für die kommende Zeit geeigneten Weltanschauung kommen könne. Es ist selbstverständlich aus Gründen, die naheliegend sind, aus dieser Sache nichts Rechtes geworden. Aber dieser Pico de Mirandola, der ganz drinnensteckte im Griechentum, er hat versucht, das Christentum in seiner ganzen tiefen Weisheit dadurch zu erhärten, daß er den Plato, die platonische Philosophie herangezogen hat, und er glaubte, daß man mit Hilfe des Plato, des griechischen Philosophen, also des größten philosophischen Genies des vierten nachatlantischen Zeitraumes, das Christentum beweisen könne. So wollte er eine Verbindungsbrücke schaffen zwischen Plato und dem Christentum. Man möchte sagen, welch wunderschöne Perspektive hätte sich daraus ergeben, wenn solche Dinge hätten Erfolg haben können, wenn nicht eben eine andere geologische Schichte sich darübergelagert hätte, wenn wir heute in Europa hätten ein von platonischer Philosophie durchzogenes, durchdrungenes, freies echtes Christentum!

[ 7 ] But there are other ways to demonstrate everywhere how, with regard to certain matters, this fifth post-Atlantean epoch sought to build upon the fourth post-Atlantean epoch. Is it not a remarkable fact that Pico de Mirandola, at a time when one could still speak more freely about Christianity than today, in the 15th century, undertook to invite the most eminent scholars from all over Europe to Rome in order to discuss with them nine hundred theses, which were essentially intended to show how one might arrive at a worldview suitable for the coming age. Of course, for reasons that are obvious, nothing concrete came of this endeavor. But this Pico de Mirandola, who was deeply immersed in Greek culture, attempted to reinforce Christianity in all its profound wisdom by drawing upon Plato and Platonic philosophy, and he believed that, with the help of Plato—the Greek philosopher, that is, the greatest philosophical genius of the fourth post-Atlantean epoch—Christianity could be substantiated. In this way, he sought to build a bridge between Plato and Christianity. One might say what a wonderful prospect would have resulted from this if such endeavors had succeeded—if only another geological layer had not been deposited on top of it—if we in Europe today had a free, authentic Christianity permeated and infused with Platonic philosophy!

[ 8 ] Aber dem ist ja wiederum etwas anderes vorangegangen. Dem ist etwas vorangegangen, was im tiefsten Sinne zusammenhängt mit vielen Eigentümlichkeiten des neueren Geisteslebens. Wirft man nämlich einen Blick auf die Entstehung des Christentums, wirft man einen Blick auf diejenige Zeit, in welcher jenes hohe Wesen, das wir als den Christus kennengelernt haben, das sich verkörperte in einem menschlichen Leibe, und auf die Zeit, in der sich dann ausbreitete jenes menschliche Empfindungsleben, das sich an dieses größte Ereignis der Erdenentwickelung angliederte, an das Mysterium von Golgatha, das dem Erdenleben allein einen Sinn gibt — wirft man einen Blick auf diese Zeit der ersten Ausbreitung des Christentums, dann bemerkt man, daß bei denjenigen, die zunächst als ein kleines Häuflein von Menschen dieses Christentum nach Europa gebracht haben, einzeine waren — sie wurden dann, namentlich von ihren Gegnern, die Gnostiker genannt —, welche in dem Glauben gelebt haben, daß die höchsten Ideen, die höchste Weisheit dazu notwendig sei, um das bedeutungsvollste Ereignis in der Erdenentwickelung der Menschheit verständlich zu machen.

[ 8 ] But this, in turn, was preceded by something else. It was preceded by something that is, in the deepest sense, connected to many peculiarities of modern spiritual life. For if we cast a glance at the origins of Christianity—if we look at the time when that exalted Being whom we have come to know as the Christ incarnated in a human body, and at the time when that human life of feeling began to spread—a life of feeling linked to this greatest event in Earth’s evolution, to the Mystery of Golgotha, which alone gives meaning to earthly life—if one looks at this time of Christianity’s initial spread, then one notices that among those who initially brought Christianity to Europe as a small group of people, there were some—who were later called Gnostics, particularly by their opponents—who lived in the belief that the highest ideas and the highest wisdom were necessary to make the most significant event in the earthly development of humanity comprehensible.

[ 9 ] Wir wissen, es ist eine Verkennung der heutigen Geisteswissenschaft, wenn man sie mit der Gnosis zusammenwirft. Darauf kommt es ja nicht an. Gnosis ist eben etwas, was in den ersten christlichen Jahrhunderten gelebt hat, dann auch begraben worden ist wie eine alte geologische Schichte, und es kann nicht wiederum in der alten Form aufleben; da würde es ja einen luziferischen Charakter annehmen. Dasjenige, was heute Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ist, muß völlig aus unserer Zeit, und gerade dies muß völlig aus unserer Zeit herausgeboren werden, muß völlig rechnen mit all den großen Fortschritten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Also zusammengeworfen darf nicht werden Geisteswissenschaft mit der Gnosis; aber anerkannt muß werden, daß die Gnostiker versuchten, aus höchsten Ideen heraus über ein geistiges Werden des Weltenalles das Mysterium von Golgatha zu begreifen. Und es ist eine tiefe Weisheitsanstrengung in den gnostischen Systemen. Wir sehen überall, wenn man geisteswissenschaftlich die Sache untersucht, wie das Christentum auftritt, ich möchte sagen, getragen von dem gnostischen Vehikel, wie es erscheint herausgeboren aus einer breiten Weisheit. Es gehört nun zu den Eigentümlichkeiten der abendländischen Entwickelung vom Beginne unserer Zeitrechnung bis in unsere Zeit herein, daß sich diese Entwickelung mit aller Macht entgegenstemmte gegen die Weisheit, in die das Christentum getaucht war. Gewissermaßen waren die Gnostiker diejenigen, welche man am meisten bekämpfte. Daher ist nur weniges von ihren Schriften auf die Nachwelt gekommen, und das meiste, was man über die Gnostiker weiß, kennt man ja nur aus den Schriften derjenigen, die sie angeblich widerlegt haben. Sie haben sie aber nicht widerlegt, sondern sie haben sie nur ausgemerzt, sie haben nur die eigentliche Weisheit zurückgedrängt. Das ist das Eigentümliche, das zurückgedrängt werden sollte durch die europäischen Impulse das eigentlich Weisheitsvolle. Und darinnen liegt schon der Ursprung davon, daß heute selbst wohlwollende Leute sagen: Nun ja, diese Anthroposophen, wenn man sie mit Bezug auf ihr idealistisches, ihr ethisches Streben betrachtet, so mag ja das noch angehen; aber dasjenige, was sie über Weltenentwickelung, über Menschheitsentwickelung erforschen wollen, das geht — so sagen selbst wohlwollende Leute — in die Regionen der ärgsten Phantastik hinein. — Um ein solches Urteil möglich zu machen, dazu mußten erst die Weisheitsquellen, die auch in der Gnostik flossen, zurückgedrängt werden, damit die spätere europäische Menschheit den Glauben haben könne: Den Seinigen gibt’s der Herr im Schlafe, — und man so schön predigt damit, daß man sagt, das Allerhöchste muß einfach sein. Man meint aber eigentlich nur, es müsse bequem sein, es müsse nicht nötig sein, daß man irgendwie Nachdenken aufwendet, um jene Regionen zu finden oder erst eine geistige Entwickelung gar aufwendet, um zu finden jene Regionen, aus denen der Menschheit Tiefstes hervorgequollen ist.

[ 9 ] We know that it is a misunderstanding of today’s spiritual science to conflate it with Gnosticism. That is not the point, after all. Gnosticism is simply something that was lived in the first centuries of Christianity, then buried like an ancient geological layer, and it cannot be revived in its old form; for then it would take on a Luciferic character. What is today spiritual science or anthroposophy must arise entirely from our own time—and precisely this must be born entirely out of our own time—and must fully take into account all the great advances of the scientific worldview. Thus, spiritual science must not be conflated with Gnosticism; but it must be acknowledged that the Gnostics attempted, based on the highest ideas and through a spiritual understanding of the evolution of the universe, to comprehend the Mystery of Golgotha. And there is a profound effort of wisdom in the Gnostic systems. When we examine the matter from the perspective of spiritual science, we see everywhere how Christianity appears—I would say, carried by the Gnostic vehicle—as if born out of a broad wisdom. Now, one of the peculiarities of Western development from the beginning of our era right up to the present day is that this development opposed with all its might the wisdom in which Christianity was steeped. In a sense, the Gnostics were the ones who were most fiercely opposed. Consequently, very little of their writings has survived to posterity, and most of what is known about the Gnostics is derived solely from the writings of those who purported to have refuted them. Yet they did not refute them; rather, they merely eradicated them, and they merely suppressed the true wisdom. That is the peculiar thing—that which was to be suppressed by European influences: the very essence of wisdom. And therein lies the very origin of why even well-meaning people today say: Well, these anthroposophists—if one considers them in terms of their idealistic and ethical aspirations, that may still be acceptable; but what they seek to investigate regarding the evolution of the worlds and the evolution of humanity—even well-meaning people say—ventures into the realms of the wildest fantasy.” —For such a judgment to be possible, the sources of wisdom that also flowed in Gnosticism first had to be suppressed, so that later European humanity could hold the belief: The Lord grants His gifts in sleep—and people preach this so beautifully by saying that the Supreme must simply be. But what they really mean is that it must be convenient; it must not be necessary to expend any thought at all to find those realms, or even to undertake any spiritual development in order to discover those realms from which humanity’s deepest essence has welled up.

[ 10 ] Und so sehen wir denn das Abendland sich geradezu unter diesem Prinzip der Zurückdrängung des Gnostischen entwickeln. Aber nicht ganz hat man dieses gnostische Element zurückgedrängt. Man hat es zurückgedrängt gegenüber dem Volk, gegenüber den breiten Massen, denen es ja, wie wir gestern haben auseinandersetzen können, sogar versagt war, die Bibel in die Hand zu bekommen bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst. Aber man hat doch in einem gewissen Sinne herüberbekommen die alte Weisheit, die nun eben einmal da war. Man hat sie herüberbekommen und fortleben lassen, wie wir ja das auch schon angedeutet haben, in gewissen okkulten Brüderschaften, die namentlich ihre Ausbreitung fanden innerhalb der Bildung Westeuropas, okkulte Verbrüderungen, die bis auf die neueren Zeiten herauf sich entwickelt haben, die zum Teil in älteren Formen sich forterhalten haben, zum Teil in dem, was sich selber heute die moderne Freimaurerei nennt. Wir wissen, daß solche okkulten Verbrüderungen dieses oder jenes Namens in der Tat ein gewisses Wissen, ein gewisses Weisheitsgut verwahren, aber nur durch Tradition verwahren, daß sie nicht bestrebt sind, dieses Weisheitsgut wirklich lebendig zu pflegen. Bis in die neuere Zeit herein, bis zum Anbruche der fünften nachatlantischen Zeit war es ja auch leicht, solches Weisheitsgut in den Kreisen jener okkulten Brüderschaften zu behalten, welche sich abschlossen von der äußeren Welt und ihre Leute sich auswählten, die sie zulassen wollten, denen sie dasjenige gaben von diesem Weisheitsgut, was sie ihnen geben wollten. Bis in die neuere Zeit war es verhältnismäßig leicht. Heute ist ja das auch schon schwieriger, und es gibt eine ausgebreitete Literatur, wie Sie wissen, in welcher die verschiedenen Grade, in die man, wie man sagt, eingeweiht wird, mit ihren Ritualien, mit ihren sogenannten Geheimnissen mitgeteilt werden. Insbesondere gibt es eine ausgebreitete englische, eine ausgebreitete französische Literatur auf diesem Gebiete.

[ 10 ] And so we see the West developing precisely under this principle of suppressing Gnosticism. But this Gnostic element has not been entirely suppressed. It was suppressed among the people, among the broad masses, who—as we were able to discuss yesterday—were even denied access to the Bible until the invention of the printing press. But in a certain sense, the ancient wisdom that simply existed has nevertheless been preserved. It was preserved and allowed to live on, as we have already indicated, within certain occult brotherhoods that spread particularly within the cultural sphere of Western Europe—occult fraternities that have developed right up to modern times, some of which have persisted in older forms, and others in what today calls itself modern Freemasonry. We know that such occult brotherhoods, whatever their names may be, do indeed preserve a certain body of knowledge, a certain treasure of wisdom—but they preserve it only through tradition; they do not strive to keep this treasure of wisdom truly alive. Up until modern times, up until the dawn of the fifth post-Atlantean epoch, it was, after all, easy to keep such a treasure of wisdom within the circles of those occult brotherhoods, which shut themselves off from the outside world and selected for themselves the people they wished to admit, to whom they gave whatever portion of this treasure of wisdom they chose to bestow. Until relatively recently, it was relatively easy. Today, however, this has become more difficult, and as you know, there is a vast body of literature in which the various degrees of what is called “initiation”—with their rituals and so-called secrets—are revealed. In particular, there is a vast body of English and French literature in this field.

[ 11 ] Im ganzen darf man allerdings sagen: Dasjenige, was in diesen entsprechenden Büchern dieser Literatur geschrieben ist, wird niemandem ganz besonders viel Nutzen bringen. Obzwar es heute genügend viel Leute gibt, welche diese Literatur studieren, sogar «mit heißem Bemühn» studieren, so bleiben die Studierenden solcher Literatur doch zum großen Teil solche, die da sagen können: «Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor», obzwar diese Leute es oftmals gar nicht verschmähen — zwar nicht oft «mit sauerm Schweiß», aber doch mit großem Pomp — zu sagen, was sie nicht wissen. Denn diese Literatur ist so abgefaßt, daß derjenige, der nicht besondere Schlüssel hat, doch nicht in sie eindringen kann. Das beruht darauf, daß in den Zeiten, in denen man nicht mehr einen unmittelbaren Zugang hatte zu den alten, durch Hellseherkraft gewonnenen gnostischen Einsichten, diese Dinge rein äußerlich auch in solchen inneren okkulten Brüderschaften überliefert worden sind. Gewiß, einzelne Menschen hat es durch alle Jahrhunderte gegeben, wenn auch nur eine beschränkte Anzahl, welche gewisse Geheimnisse, die mit diesen alten Weisheiten verbunden sind, kannten. Aber diese Leute haben zu gleicher Zeit die Art der Mitteilungen so gewählt, daß sie nicht zu dem gewöhnlichen Verstande sprachen, der immer mehr und mehr in der Menschheit heraufkam, sondern daß sie durch allerlei Zeichen und Symbole sprachen. Und so ist es denn immer mehr und mehr üblich geworden in jenen okkulten Brüderschaften, dasjenige, was man als ein altes Wissen bewahrte, durch Zeichen und Symbole, durch ganz bestimmte Symbole mitzuteilen. Und über diese Symbole und ihre Bedeutung zu schweigen, wurde ja denjenigen, die bis zu einem gewissen Grade wirklich eingeweiht waren, streng auferlegt. So daß es eigentlich für solche okkulte Verbrüderungen immer ein ziemlich großes Heer derer gab, welche die Symbole kannten, aber nicht verstanden. Die fingen dann an, die Symbole zu deuten. Da kommt nichts Besonderes dabei heraus; denn nur, wenn man die Symbole wirklich lesen lernt, kommt etwas Besonderes dabei heraus. Dann gab es eine engbegrenzte kleinere Zahl von Leuten, — die nun wirklich die Symbole lesen lernten. Diese Leute gelangten schon zu einer gewissen Einsicht, zu einer gewissen Weisheit, welche in dem Stil gehalten war wie die alte Weisheit, die ja noch, wie wir wissen, aus atavistischem menschlichen Hellsehen hervorgegangen war. Wie diese alte Weisheit wirklich war, darüber können wir uns am besten verständigen, wenn wir noch einmal etwas genauer uns eine Sache vor die Seele führen, die ich schon berührt habe in den letzten Wochen. Betrachten wir da einerseits die naturwissenschaftliche Forschung in der neueren Zeit. Ich meine weniger die naturwissenschaftliche Weltanschauung als die Art und Weise, wie diese naturwissenschaftliche Forschung vor sich geht. Da müssen wir sagen: Da werden in den entsprechenden Anstalten, Laboratorien, Kabinetten, Sternwarten, Kliniken und so weiter die Tatsachen der Natur untersucht. Gewiß, es ist im Laufe der Zeit Großartigstes bei diesen Dingen herausgekommen, und immer wieder und wiederum muß betont werden, daß Geisteswissenschaft die Fortschritte der Naturwissenschaft voll anerkennt. Es ist Großartiges, Gewaltiges herausgekommen. Aber das, was herausgekommen ist, das beruht doch nur, ich möchte sagen, auf der Ausmünzung eines glücklichen Tappens im Dunkeln. Wer sich einläßt auf den Gang der naturwissenschaftlichen Forschung, der wird das schon bemerken. Dagegen spricht nicht die Tatsache, daß diese naturwissenschaftliche Forschung die großen technischen Fortschritte erzeugt hat, von denen heute unser ganzes Menschenleben beeinflußt ist. Auch diese technischen Fortschritte beruhen ja darauf, daß gewissermaßen doch schon eine weise Leitung darin liegt, daß in den letzten Jahrhunderten gewisse Dinge sich enthüllt haben, die dann angewendet werden konnten zu unseren technischen Fortschritten. Wozu aber all diese naturwissenschaftliche Forschung nicht geführt hat, das ist die Enthüllung gewisser Geheimnisse, die sich aussprechen können durch dasjenige, was man in Laboratorien, Kliniken, Sternwarten erforschen kann. Gewiß, man konnte da herausbekommen, wie man dies oder jenes Pulver macht, wenn man im Geiste der neueren Zeit «naturwissenschaftert», man konnte herausbekommen, wie man diese oder jene Maschine macht, man konnte dann diese oder jene Maschine zu einer wahrhaftig grandiosen Vollendung bringen. Das konnte man alles. Aber ersehnte Geheimnisse über das Dasein enthüllten sich nicht. Man kann wissen in der neueren Zeit, wie jene chemische Zusammensetzung auf den menschlichen Körper wirkt, welche man Phenacetin nennt. Man kann es wissen, weil man es ausprobiert hat. Und all das, was man heute im technischen Fortschritte versucht, ist eine Anwendung des Ausprobierten. Es geht gar nicht die Forschung darauf aus, Geheimnisse wirklich zu enthüllen. Sie stellt manchmal Hypothesen auf, diese Forschung; aber Hypothesen führen niemals zur Enthüllung von Geheimnissen, sondern nur zum Hineintragen dessen in die Natur, was man ohnedies schon gedacht hat. So haben wir auf der einen Seite in der neueren Zeit eine Naturwissenschaft, welche zwar emsig, gewissenhaft forscht, von der man viel lernen kann, welche aber ungeeignet ist, hineinzudeuten in die Geheimnisse des Daseins. Man kann außerordentlich viel leisten mit dieser Naturwissenschaft, aber gar nichts wissen von den Zusammenhängen des Daseins. Das ist auf der einen Seite.

[ 11 ] All in all, however, it can be said that what is written in these books of this genre will not be of much use to anyone. Although there are plenty of people today who study this literature—even “with great effort”—the students of such literature remain, for the most part, those who can say: “Here I stand, poor fool that I am, and I am just as wise as before,” even though these people often do not shy away from—admittedly not often “with bitter sweat,” but still with great pomp—stating what they do not know. For this literature is written in such a way that anyone who lacks the necessary keys cannot penetrate it. This is because, in times when people no longer had direct access to the ancient Gnostic insights gained through clairvoyance, these things were also handed down, purely outwardly, within such inner occult brotherhoods. Certainly, there have been individual people throughout the centuries—albeit only a limited number—who knew certain mysteries connected with this ancient wisdom. But at the same time, these people chose a mode of communication that did not speak to the ordinary intellect, which was becoming increasingly prevalent among humanity, but rather spoke through all manner of signs and symbols. And so it became more and more common in those occult brotherhoods to communicate what was preserved as ancient knowledge through signs and symbols—through very specific symbols. And remaining silent about these symbols and their meanings was strictly required of those who were truly initiated to a certain degree. As a result, there was actually always a rather large group within such occult brotherhoods who knew the symbols but did not understand them. They then began to interpret the symbols. Nothing special comes of this; for only when one truly learns to read the symbols does something special emerge. Then there was a very limited, smaller number of people—who actually did learn to read the symbols. These people did attain a certain insight, a certain wisdom, which was in the same vein as the ancient wisdom that, as we know, had emerged from atavistic human clairvoyance. We can best understand what this ancient wisdom was really like if we once again bring to mind in greater detail a subject I have already touched upon in recent weeks. Let us consider, on the one hand, scientific research in modern times. I am referring less to the scientific worldview than to the way in which this scientific research is conducted. Here we must say: In the relevant institutions, laboratories, research facilities, observatories, clinics, and so on, the facts of nature are investigated. Certainly, over time, magnificent achievements have emerged from these endeavors, and it must be emphasized time and again that spiritual science fully acknowledges the advances of natural science. Magnificent, monumental achievements have emerged. But what has emerged is based, I would say, solely on the outcome of a fortunate groping in the dark. Anyone who follows the course of scientific research will already have noticed this. This is not contradicted by the fact that this scientific research has produced the great technological advances that influence our entire human life today. After all, these technological advances are also based on the fact that, in a sense, there is already a wise guidance at work in the way that certain things have been revealed over the past few centuries, which could then be applied to bring about our technological progress. But what all this scientific research has not led to is the revelation of certain mysteries that can be expressed through what can be investigated in laboratories, clinics, and observatories. Certainly, one could figure out how to make this or that powder by engaging in “scientific inquiry” in the spirit of modern times; one could discover how to build this or that machine, and one could then bring this or that machine to a truly magnificent level of perfection. All of that was possible. But the longed-for mysteries of existence did not reveal themselves. In modern times, one can know how a certain chemical compound—called phenacetin—affects the human body. One can know this because it has been tested. And everything that is attempted today in the name of technical progress is an application of what has already been tested. Research is not at all aimed at truly unveiling mysteries. This research sometimes formulates hypotheses; but hypotheses never lead to the unveiling of mysteries, but only to the imposition upon nature of what one had already conceived anyway. Thus, on the one hand, in recent times we have a natural science that, while conducting diligent and conscientious research from which one can learn a great deal, is ill-suited to interpreting the mysteries of existence. One can achieve an extraordinary amount with this natural science, but know absolutely nothing about the interconnections of existence. That is on the one hand.

[ 12 ] Auf der anderen Seite hat man gewisse Glaubenswahrheiten, Wahrheiten der religiösen Bekenntnisse. In diesen religiösen Bekenntnissen wird gesagt — nehmen wir etwas ganz Gewöhnliches —, die Menschenseele sei unsterblich. Es wird etwas gesagt über die Natur der Gottheit und so weiter, aber nichts wird getan, um diese Wahrheiten auf wirkliche Objekte anzuwenden, etwa auf eine Seele, die man nun erforschen will, von der man im Konkreten reden will. Begriffe und Ideen sucht man, die dem Menschen sozusagen wohltun, die ihm gefallen, an denen er sich ja auch erbauen kann; die sucht man. Aber diese Ideen sind auf nichts anwendbar von dem, was konkret da ist, sondern diese Ideen sollen sich ja gerade auf etwas, was nicht da ist, beziehen. Man vermeidet es, diese Ideen auf etwas anzuwenden, was wirklich seinerseits in seinem unmittelbaren Leben erforscht wird. So daß die religiösen Bekenntnisse mit ihren Glaubenswahrheiten heute über etwas sprechen, wovon eigentlich niemand eine konkrete Vorstellung hat, wovon er sich höchstens einredet, daß er eine konkrete Vorstellung hat. Wenn einmal ein Mensch ganz gescheit reden will über solche Dinge, so redet er so, wie ich es Ihnen vorgestern angeführt habe von einem bedeutenden Theologen der Gegenwart, der sagt: Du Naturwissenschafter, da hast du den Menschen der Natur; ich behalte den Menschen der Freiheit! — Aber wenn man dann seine Reden verfolgt, so gibt er einfach alles der Naturwissenschaft hin, indem er sogar sagt, der Mensch der Natur ist so, daß ihm durch die Natur seine Freiheit genommen wird. Ich möchte wissen, von was er dann überhaupt noch redet. Er bleibt in dem, was ihm durch Worte überliefert worden ist. Und mehr hat solch ein Mensch auch nicht als dasjenige, was ihm an Worten überliefert worden ist.

[ 12 ] On the other hand, there are certain truths of faith, truths of religious creeds. These religious creeds state—to take a very common example—that the human soul is immortal. They say something about the nature of the deity and so on, but nothing is done to apply these truths to real objects—such as a soul that one now wishes to investigate, about which one wishes to speak in concrete terms. People seek concepts and ideas that, so to speak, do them good, that please them, and from which they can indeed derive edification; that is what they seek. But these ideas are not applicable to anything that actually exists; rather, they are meant to refer precisely to something that does not exist. One avoids applying these ideas to anything that is actually being explored in one’s immediate life. Thus, religious creeds, with their truths of faith, speak today of something of which no one actually has a concrete conception—something about which one, at most, convinces oneself that one has a concrete conception. If a person ever wants to speak sensibly about such things, he speaks as I cited to you the day before yesterday from a prominent contemporary theologian, who says: “You, natural scientist, there you have the human being of nature; I retain the human being of freedom!” — But if you then follow his arguments, he simply surrenders everything to the natural sciences, even going so far as to say that the human being of nature is such that his freedom is taken away from him by nature. I would like to know what he is even talking about anymore. He remains confined to what has been handed down to him through words. And such a person has nothing more than what has been handed down to him in words.

[ 13 ] Nun, solche Dinge, die unterscheiden sich ganz gewichtig von dem, was die alte gnostische Weisheit eigentlich war; aber sie haben ihre Denkweise, ihre Vorstellungsart auch übertragen auf dasjenige, was sich vielfach theoretisch oder sonstwie auftun will in der neueren Zeit. Denn überall in solchen okkulten Gesellschaften oder in nichtokkulten Gesellschaften, die aber okkulte Kreise in sich schließen, redet man von einer sogenannten Esoterik. Aber was man in dieser Esoterik oftmals mitgeteilt erhält, ist auch nichts anderes, als was sich nicht auf irgend etwas Konkretes, das man erfassen kann, bezieht, sondern was nachgebildet ist den religiösen Wahrheiten, wie sie ohne Objekt heute vielfach gelehrt werden. Dadurch wird eine esoterische Wahrheit nicht esoterisch, daß man mit einem gewissen sehr in die Länge gezogenen Gesichte, das einen sentimental-erhabenen Ausdruck markiert, davon spricht: Oh, das ist abgrundtief esoterisch, das darf man nicht sagen ... denn ...! — Was man so oftmals nicht sagen darf, hat keinen sehr reichlichen Inhalt. Wenn man in die älteren Zeiten zurückgeht, da gab es allerdings Dinge, die recht esoterisch waren, und die nicht mitgeteilt wurden von gewissen einzelnen, die sie besaßen, denjenigen, die nicht für reif gehalten wurden. Das waren aber wahrhaftig nicht abstrakte Wahrheiten, sondern das waren sehr, sehr konkrete Wahrheiten. Eine Vorstellung von der Konkretheit solcher Wahrheiten kann sich die äußere Welt heute ja nur mehr verschaffen, wenn sie zu den letzten Ausläufern dieser älteren Wahrheiten hinschaut. Und diese Ausläufer finden sich gerade beim Abglimmen, gewissermaßen in der Abenddämmerung des vierten nachatlantischen Zeitraums. Bei Paracelsus findet man schon allerdings noch manche Hindeutung, letzte Ausläufer, schwache Ausläufer der alten tieferen Einsichten; aber er redet da, wo er in solchen Ausläufern der alten tieferen Einsichten redet, keineswegs abstrakt, er redet sehr konkret, so konkret, daß man sieht, wie bei ihm das geistige Leben zusammenfließt mit dem natürlichen Leben in der Vorstellung. Er redet zum Beispiel, indem er vom Menschen spricht, von Salz, Quecksilber, Schwefel. Sie können ja darüber nachlesen in meiner Schrift: «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens.» Er redet also von äußeren natürlichen Dingen, aber er redet von dem tieferen Charakter dieser äußeren natürlichen Dinge. Er redet in einem Sinne, wie es heute gar nicht möglich ist, von diesen Dingen zu reden, wie man wieder reden wird, wenn diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, die wir treiben, eine entsprechende Fortsetzung erfährt. Da wird man wiederum hineingraben mit demjenigen, was nicht im Wolkenkuckucksheim schweben soll, sondern was sich wirklich versenken soll in die Geheimnisse der Natur; man wird wieder reden in der allerkonkretesten Weise. Das waren auch nur Ausläufer eines alten Wissens, von denen Paracelsus noch redete.

[ 13 ] Well, such things differ quite significantly from what ancient Gnostic wisdom actually was; but they have also applied their way of thinking and their mode of conception to whatever seeks to emerge—whether theoretically or otherwise—in more recent times. For everywhere in such occult societies—or in non-occult societies that nonetheless include occult circles—people speak of what is called “esotericism.” But what is often communicated in this “esotericism” is nothing other than concepts that do not refer to anything concrete that can be grasped, but are modeled after religious truths as they are often taught today without any concrete object. An esoteric truth does not become esoteric simply because one speaks of it with a certain drawn-out expression that conveys a sentimental and sublime air, saying: “Oh, that is profoundly esoteric; one must not say that… because…!” — What one is so often forbidden to say does not have very much substance. If we go back to earlier times, there were indeed things that were truly esoteric, and these were not communicated by certain individuals who possessed them to those who were not considered ready. But these were truly not abstract truths; rather, they were very, very concrete truths. Today, the outer world can only gain a sense of the concreteness of such truths by looking to the final vestiges of these older truths. And these vestiges are found precisely as the fourth post-Atlantean epoch is drawing to a close, so to speak, in its twilight. In Paracelsus, however, one can still find many hints—the last, faint echoes of the old, deeper insights; but when he speaks of these echoes of the old, deeper insights, he does not speak abstractly at all; he speaks very concretely—so concretely, in fact, that one can see how, in his thought, spiritual life flows together with natural life. For example, when he speaks of human beings, he speaks of salt, mercury, and sulfur. You can read more about this in my work: Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life. So he speaks of external, natural things, but he speaks of the deeper nature of these external, natural things. He speaks in a way that makes it impossible to speak of these things today—but in which we will speak again once this spiritual science or anthroposophy that we are pursuing finds a fitting continuation. Then we will once again delve into that which is not meant to float in a fantasy world, but which is truly meant to immerse itself in the mysteries of nature; we will speak again in the most concrete way possible. These were merely the outgrowths of an ancient knowledge that Paracelsus still spoke of.

[ 14 ] Sie verstehen, worum es sich handelt, wenn man dieses alte Wissen charakterisieren will. Da handelt es sich darum, daß man wirklich nicht nur den Blick hinwendet in ein Nirgendheim, wenn man recht geistige Begriffe entwickeln wollte, sondern daß man mit seinen Begriffen auch das natürliche Dasein durchdrang, gewissermaßen im Wasserglas, das man erwärmt, und aus dem sich, wenn es sich wieder abkühlt, Salz zum Boden setzt, den geistigen Vorgang schaute, jenen geistigen Vorgang, der sich auch in unserem menschlichen Organismus selber vollzieht. Indem Sie alle mir zuhören, geschieht in Ihnen — da ich voraussetze, daß das nicht wahr ist, was jener Pfarrer in Aarau gesagt hat, sondern voraussetze, daß Sie selbst denken, wenigstens die weitaus meisten —, da geschieht in Ihnen etwas ganz Ähnliches wie in diesem Wasserglase, das aufgelöstes Salz enthält und das so behandelt wird, daß sich das aufgelöste Salz zu Boden setzt. Und nur, wenn man diesen ganzen Kreislauf der Phänomene, aber wie sie geistig sind, durch die verschiedenen Sphären verfolgen kann, dann spricht man von wirklichem gnostischen Wissen. Und wiederum hat Paracelsus etwas ganz anderes gesehen, als was heute der Chemiker oder Physiker sieht, wenn Schwefel verbrennt. Denn was da geschieht, wenn Schwefel verbrennt, das wird, wenn Sie nun nach Hause gehen, sich schlafen legen und das verschlafen, was Sie hier durchdacht haben, wiederum in Ihnen allen geschehen. Und so war es für Paracelsus, daß er in der äußeren Natur überall gesehen hat das Geistige in den Vorgängen — aber wie gesagt: nur letzte Ausläufer noch. Das war die alte Esoterik, die wirklich starkmütig genug war, sich mit Ideen zu durchdringen, die realwertig waren, die ins äußere Dasein eingriffen. Daher aber war diese alte Esoterik verbunden mit der höchsten menschlichen Tätigkeit, die für das soziale Leben entfaltet wurde. Es lag eine gewisse Macht in der alten Esoterik; denn derjenige, der über die geistige Welt etwas verstand, der konnte etwas. Heute können viele Leute etwas, denn sie lernen von der Naturwissenschaft das Können in einer hohen Vollendung; aber sie verstehen die Sache nicht, und diejenigen, die es verstehen, das heißt, die die Worte nachreden, die vom Verständnis kommen, die können nichts, die wollen gern, daß die Geheimnisse «Geheimnisse» bleiben, wie ich Ihnen gestern andeutete. Gewiß, diese Zeit mußte kommen, weil die Menschheit auch in moralischer Beziehung eine Krisis durchzumachen hatte, und weil gewisse Geheimnisse wieder erobert werden müssen aus der menschlichen Freiheit heraus, die ja erst in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum Platz gegriffen hat.

[ 14 ] You understand what is meant when one seeks to characterize this ancient knowledge. It is a matter of not merely turning one’s gaze toward some nowhere in the hope of developing truly spiritual concepts, but rather of using those concepts to penetrate natural existence—as it were, in a glass of water that is heated, and from which, as it cools again, salt settles to the bottom—observing the spiritual process, that very spiritual process that also takes place within our own human organism. As you all listen to me—since I assume that what that pastor in Aarau said is not true, but rather that you think for yourselves, at least the vast majority of you—something quite similar is happening within you as in that glass of water containing dissolved salt, which is treated in such a way that the dissolved salt settles to the bottom. And only when one can trace this entire cycle of phenomena—but as spiritual phenomena—through the various spheres can one speak of true Gnostic knowledge. And once again, Paracelsus saw something entirely different from what today’s chemist or physicist sees when sulfur burns. For what happens there when sulfur burns will, when you go home, lie down to sleep, and sleep through what you have thought through here, happen again within all of you. And so it was for Paracelsus that he saw the spiritual in the processes everywhere in external nature—but as I said: only the final vestiges remain. That was the old esotericism, which was truly bold enough to imbue itself with ideas that were of real value, that intervened in external existence. Consequently, however, this old esotericism was connected to the highest human activity, which was developed for social life. There was a certain power in the old esotericism; for whoever understood something of the spiritual world was capable of achieving something. Today, many people are capable of doing things, for they learn from the natural sciences how to perform tasks with a high degree of mastery; but they do not understand the matter, and those who do understand—that is, those who parrot words derived from understanding—are incapable of anything; they would prefer that the mysteries remain “mysteries,” as I hinted to you yesterday. Certainly, this time had to come, because humanity also had to go through a crisis in moral terms, and because certain mysteries must be reclaimed out of human freedom, which has only taken hold in our fifth post-Atlantean epoch.

[ 15 ] Aber die Wahrheit läßt sich nicht aufhalten. Und in dem, was ich Ihnen vorgestern andeutete, daß gewisse Leute jetzt schon sehen, wie Rauch, der entwickelt wird, sensitiv wird und nachlebt dem Ton, wie selbst Flammen dem Ton nachleben, in dem liegt der Anfang zu einer Erkenntnis, zu der die Zeit kommen muß, zu einer Erkenntnis, die münden wird bei dem, was zum Beispiel Goethe in der Beschwörung des Geistes andeutet. Denn der Anfang dazu ist das doch, dieses Umgestaltetsehen des Rauches, das ich Ihnen vorgestern andeutete. Aber die Menschen würden heute gewisse Dinge nur mißbrauchen. Gerade die wichtigen Dinge, die noch innerhalb unseres fünften nachatlantischen Zeitraums herauskommen müssen, sie müssen langsam nur herauskommen, weil heute die Menschen doch stark Mißbrauch treiben würden. Auf solche Dinge werde ich noch in der folgenden Zeit hinzudeuten haben. Namentlich auf die Beziehungen werde ich hinzudeuten haben, welche gegenwärtig bestehen zwischen der Geisteswissenschaft und verschiedenen Wissenszweigen, zum Beispiel der Medizin. Und dann möchte ich in der folgenden Zeit noch sprechen über ein sehr wichtiges Thema, über das sogenannte Karma des menschlichen Berufes, denn die Auffassung der verschiedenen Berufe, die wird sich für die folgende Zeit, und zwar schon für eine sehr bald folgende Zeit wesentlich ändern müssen. Würden die Menschen das, was man Beruf nennt, weiterhin so auffassen, wie es sich aus der Denkweise unserer Gegenwart heraus ergibt, so würde das wahrhaftig zu einem sozialen Chaos führen müssen. Doch davon in späteren Vorträgen.

[ 15 ] But the truth cannot be stopped. And in what I hinted at to you the day before yesterday—that certain people can already see how smoke, as it rises, becomes sensitive and responds to sound, just as flames themselves respond to sound—therein lies the beginning of an insight that must come in due time, an insight that will lead to what Goethe, for example, alludes to in The Invocation of the Spirit. For the beginning of this is, after all, this transformed perception of smoke that I hinted at to you the day before yesterday. But people today would only misuse certain things. Precisely the important things that must still emerge within our fifth post-Atlantean epoch—they must emerge only gradually, because people today would, after all, abuse them greatly. I will have to point to such things in the time to come. In particular, I will have to point out the relationships that currently exist between spiritual science and various branches of knowledge, such as medicine. And then, in the coming period, I would also like to speak about a very important topic: the so-called karma of the human profession; for the conception of the various professions will have to change significantly in the coming period—and indeed, very soon. If people were to continue to view what is called a “profession” in the way that stems from our present-day way of thinking, it would truly lead to social chaos. But more on that in later lectures.

[ 16 ] Heute will ich aber auf etwas anderes noch hinweisen. Es haben sich gerade im vierten nachatlantischen Zeitraum immer mehr und mehr die Dinge so gestaltet, daß man sorgfältig anfing zu hüten das, was man über die geistigen Zusammenhänge namentlich der Natur und des Menschendaseins wußte, und diese Usance, die hat sich fortgepflanzt in jene okkulten Verbrüderungen hinein, von denen ich gesprochen habe. Diese okkulten Verbrüderungen waren — wie schon angedeutet — in der Regel ganz unfähig, selber etwas über die geistigen Zusammenhänge zu finden; aber sie haben gewisse alte Geheimnisse fortgepflanzt. Und diejenige Menschheit, die heute solchen okkulten Verbrüderungen fern steht, die oftmals gar nicht einmal etwas ahnt davon, daß es immerhin solche okkulten Verbrüderungen gibt, die würde erstaunt sein, wenn sie wirklich verstehen würde, was in mancher Formel, überhaupt in manchem lebt, das innerhalb dieser okkulten Verbrüderungen vorhanden ist, und wie immerhin einige Menschen in solchen okkulten Verbrüderungen, die sich dann der Masse, die ihnen zur Verfügung steht, zu ihren Zwecken bedienen, vorhanden sind, welche gewisse von alters her überlieferte Geheimnisse auch über das physische Dasein kennen. Gewiß, das meiste dieser Kenntnisse ist ausgeflossen in die Reihe der unglückseligen Alchimisten, der unglückseligen anderen Menschen, die unter diesem oder jenem Namen gerade in der Übergangszeit der vierten zur fünften nachatlantischen Zeit existierten, welche so ähnliche Leute waren wie der, von dem als seinem Vater Faust sagte: «er war ein dunkler Ehrenmann ..., der, in Gesellschaft von Adepten, sich in die schwarze Küche schloß, und, nach unendlichen Rezepten, das Widrige zusammengoß», und dann das oder jenes mit diesem Widrigen, Zusammengegossenen tat, wie Sie das ja aus dieser Faust-Szene wissen. Das war eine Zeit, die viel probierte, der aber zum großen Teil die wirkliche Weisheit schon verlorengegangen war. Diese wirkliche Weisheit hat sich aber immerhin hineingeflüchtet in manche okkulte Brüderschaft.

[ 16 ] Today, however, I would like to draw attention to something else. Especially during the fourth post-Atlantean epoch, events unfolded in such a way that people began to carefully guard what they knew about the spiritual connections, particularly those between nature and human existence, and this practice carried over into those occult brotherhoods I have spoken of. These occult brotherhoods were—as already indicated—generally quite incapable of discovering anything about spiritual connections on their own; but they have preserved certain ancient mysteries. And those people today who stand apart from such occult brotherhoods—who often do not even suspect that such occult brotherhoods exist at all—would be astonished if they truly understood what lives in many a formula, indeed in many things, that exist within these occult brotherhoods, and how, after all, there are some people within such occult brotherhoods—who then make use of the masses at their disposal for their own purposes—who know certain secrets handed down from ancient times, even concerning physical existence. Certainly, most of this knowledge has been lost among the ranks of the unfortunate alchemists, those other unfortunate people who existed under this or that name precisely during the transition from the fourth to the fifth post-Atlantean epoch—people so similar to the one of whom Faust said, referring to his father: “He was a dark man of honor … who, in the company of adepts, locked himself in the black kitchen and, following endless recipes, concocted the calamitous mixture,” and then did this or that with this calamitous concoction, as you know from this scene in Faust. That was an age that experimented extensively, but in which true wisdom had, for the most part, already been lost. This true wisdom, however, had at least found refuge in certain occult brotherhoods.

[ 17 ] Nun gibt es ein Gesetz, das man wohl beachten muß, wenn solche Dinge überhaupt in Betracht gezogen werden. Dieses Gesetz, das könnte man etwa in der folgenden Weise charakterisieren. Man kann sagen: Solche Dinge, wie das Fortleben der Weisheit bei den Menschen, das ist nicht an die Gesetze des Toten gebunden, sondern an die Gesetze des Lebendigen. Daher muß auch immer Leben vorhanden sein in der Fortentwickelung dieser Dinge. Diese Dinge können gar nicht so einfach fortgepflanzt werden durch Tradition, denn dann ersterben sie, und dann muß sich notwendigerweise das, was das Gute an ihnen ist, in das Schlimme verwandeln. — Und zunächst war der Impuls, leben zu lassen die okkulte Weisheit bei diesen okkulten Brüderschaften, nicht vorhanden. Alles, was man tat, war: bewahren eine gewisse okkulte Weisheit, sie vor der Welt behüten und sich ihrer bedienen da, wo man es wollte, und dann höchstens sich in den Besitz einer gewissen Macht setzen durch allerlei auch atavistisch-mediale Machinationen oder dergleichen. Es muß durchaus eingesehen werden, daß diese Dinge immer schlechter und schlechter werden, wenn sie nicht vom unmittelbaren Leben ergriffen werden. Daher müssen sich okkulte Wahrheiten am schlechtesten fortpflanzen in denjenigen okkulten Gesellschaften, die diese okkulten Wahrheiten bewahren, sie ihren Leuten gradweise in Symbolen geben, aber sie nicht lebendig bearbeiten. Das Gute, das lebt, hat eben schon die Eigenschaft alles Lebendigen, daß es nach einiger Zeit absterben muß, wenn ihm nicht neues Leben eingepflanzt wird. Aber es bestand auch in der rein traditionellen Bewahrung der okkulten Weisheit in diesen okkulten Verbrüderungen eine gewisse Versuchung. Derjenige, welcher lebendig verbunden ist mit den geistigen Welten, bei dem braucht diese Versuchung nicht in gleichem Maße da zu sein. Der aber, bei dem schon erstorben ist in einer gewissen Weise der lebendige Zusammenhang, bei dem kann diese Versuchung, die ich meine, sehr leicht eintreten. Und so blieben gewisse okkulte Verbrüderungen durchaus nicht frei von dem Einflusse einer solchen Versuchung. Solche okkulten Verbrüderungen haben genug Graduierte und Adepten, welche dasjenige, was sie durchschauten an menschlicher Weisheit, in den Dienst des menschlichen Egoismus stellten, sei es des Egoismus des einzelnen, sei es des Egoismus von Gruppen.

[ 17 ] Now there is a law that one must certainly observe when such matters are even considered. This law could be characterized in the following way. One might say: Matters such as the survival of wisdom among human beings are not bound by the laws of the dead, but by the laws of the living. Therefore, life must always be present in the further development of these things. These things cannot simply be passed down through tradition, for then they would die out, and then, inevitably, what is good in them would turn into something bad. — And at first, the impulse to keep occult wisdom alive within these occult brotherhoods was not present. All they did was preserve a certain occult wisdom, shield it from the world, and make use of it wherever they saw fit—and then, at most, seize a certain power through all manner of atavistic-mediumistic machinations or the like. It must be fully understood that these things become worse and worse if they are not embraced by immediate life. Therefore, occult truths are least likely to thrive in those occult societies that preserve these truths, impart them to their members gradually through symbols, but do not work with them in a living way. That which is good and alive possesses the very nature of all living things: it must die after a certain time unless new life is breathed into it. But there was also a certain temptation inherent in the purely traditional preservation of occult wisdom within these occult fraternities. For those who are vitally connected to the spiritual worlds, this temptation need not be present to the same degree. But for those in whom the living connection has, in a certain sense, already withered away, the temptation I am referring to can very easily arise. And so certain occult brotherhoods were by no means free from the influence of such a temptation. Such occult brotherhoods have enough graduates and adepts who have placed what they perceived of human wisdom in the service of human egoism, be it the egoism of the individual or that of groups.

[ 18 ] Namentlich wurde es immer mehr und mehr üblich bei gewissen okkulten Verbrüderungen, zu verknüpfen dasjenige, was man aus der okkulten Weisheit heraus haben kann, mit allerlei politischen Gesichtspunkten, mit politischen Impulsen. Und man muß sagen: Durchaus eng verquickt haben solche okkulten Verbrüderungen dasjenige, was sie oftmals getrieben haben, mit eng umrissenen politischen Tendenzen. Und bei okkulten Verbrüderungen ist es geradezu ein Charakteristikon der neueren Zeit, daß sie mit politischen Tendenzen dasjenige verquickt haben, was ihnen gegeben war aus gewissen Erkenntnissen von Zusammenhängen heraus. — Es ist ja außerordentlich schwer, über diese Dinge in der Gegenwart zu reden, weil diese Dinge sogleich mißverstanden werden, und es wird wirklich erst eine gewisse Vorbereitungszeit notwendig sein, um gewisse Dinge überhaupt aussprechen zu können. Aber darauf kann schon gedeutet werden, daß okkulte Verbrüderungen durchaus sich gerade damit beschäftigen, Mittel und Wege zu finden, um die politischen Angelegenheiten der neueren Zeit in ihr Fahrwasser zu bringen, in ihrem Sinne zu gestalten, trivial würde man sagen: politisch Einfluß zu gewinnen. Und das haben sie in hinlänglicher Weise reichlich gewonnen. Und wenn einmal die Zusammenhänge aufgedeckt werden zwischen manchem, was in der neueren Zeit im politischen Leben geschehen ist, und den Quellen in den okkulten Verbrüderungen, aus denen heraus es geschehen ist durch allerlei Kanäle, welche die Öffentlichkeit heute nicht bemerkt, dann wird man sonderbare Entdeckungen machen. Denn die Menschen reden heute mehr als je davon, daß sie auf ihre Freiheit pochen. Aber gar mancher, der da heute sich vor die Welt hinstellt und von seiner Freiheit redet, große Deklamationen über seine Freiheit hält, ist durchaus alles eher als frei. Er ahnt nur nicht, wie er an den verschiedenen Gängelfäden gezogen wird von dieser oder jener sogenannten okkulten Seite her. Und es würde ein interessantes Kapitel abgeben, einmal zu schildern, wie diese oder jene sogenannte maßgebende Persönlichkeit ihre großen Ideen scheinbar aus der eigenen Seele heraus in die Welt hinein spielt, wie sie auch gefeiert wird von Tausenden und aber Tausenden, wie ganze Gruppen von Zeitungen für diese Persönlichkeit schreiben, es würde interessant sein, zu zeigen, wie diese Maschinerie wirkt, die aus gewissen okkulten Verbrüderungen heraus an den Fäden zieht, und wie die betreffende maßgebende Persönlichkeit durch ihre eigene Individualität recht unmaßgeblich dabei erschiene. Denn das muß schon einmal betont werden, daß gewisse okkulte Verbrüderungen die Weisheitsquellen, die einstmals so erschlossen worden sind, wie ich es Ihnen in den letzten Wochen angedeutet habe, schon kennen, aber daß diese Weisheitsquellen vielfach mißbraucht werden. Und immer werden sie mißbraucht, wenn sie in einer solchen Weise angewendet werden, wie ich jetzt andeutete. Gerade in einem Zeitalter, in dem, wie im fünften nachatlantischen Zeitraum bisher — Sie können das erkennen aus all den Betrachtungen, die wir gerade in diesen Wochen angestellt haben — das okkulte Wissen zurückging und die Menschen gewissermaßen für das äußere Leben von den okkulten Zusammenhängen abgeschnitten wurden, mußten diejenigen Okkultisten, welche das alte überlieferte okkulte Wissen mißbrauchten, in einem gewissen Sinne um so stärker, aber im schädlichen Sinne wirken. Denn die Menschen waren da gar nicht gewappnet. Daher aber kommt es, daß man, wo ehrliches okkultes Wissen auftritt, so viele Mittel und Wege sucht, dieses unmöglich zu machen. Ehrliches okkultes Wissen, das einfach die Wahrheit vertritt, das ist höchst unbequem für diejenigen, die mit okkultem Wissen im Verborgenen fischen wollen. Gerade bei uns konnte man das an einem Beispiele sehen, das ja noch nicht zu den bedeutsamsten Beispielen gehört, aber das doch einiges veranschaulichen kann. Als von seiten der Theosophischen Gesellschaft der Alcyone-Humbug entrollt wurde, da war damit etwas von weitgehenden Absichten verknüpft. Da wollte man sehr viel damit. Daß die Leute an den Alcyone glaubten, das war nur das Mittel zum Zweck. Den eigentlichen Zweck wollte man in etwas ganz anderem sehen. Daher aber auch kam es den Leuten so wenig sympathisch vor, als von unserer Seite energisch dieser Alcyone-Humbug zurückgewiesen worden ist, denn man merkte, daß die Sache durchschaut wird, und das, sehen Sie, ist für die im trüben fischenden Okkultisten das Allerunsympathischste, wenn sie merken, daß irgend jemand ihre Pläne durchschaut, wirklich die Dinge durchschaut und auch nicht geneigt ist, mitzugehen, sondern einen ehrlichen, aufrichtigen Weg zu gehen. Wenn Sie daher unsere ganze Bewegung studieren, wie sie sich jetzt seit zwei mal sieben Jahren entwickelt hat, so werden Sie sehen, daß immer versucht wird, den rechten Weg zwischen öffentlicher Mitteilung und zwischen dem Betrieb der geistigen Wissenschaft zu halten, und sogar ein großer Wert gelegt wird darauf, daß wirklich vor die Menschen hingetreten wird und dasjenige, was einem die Menschen heute gestatten zu sagen, wirklich auch gesagt wird. Und ferner wird ein besonderer Wert darauf gelegt, daß unsere Freunde verstehen, wie nicht aus der Willkür heraus, sondern aus der Notwendigkeit der Zeit heraus sich heute die Forderung ergibt, mit einem gewissen okkulten Wissen vor die Menschheit hinzutreten. Und da ist es schon notwendig, anzuknüpfen auch an solche bedeutenden Geister wie es Troxler war, der da in einer schönen Weise ausgesprochen hat die Sehnsucht nach einer solchen geistigen Erkenntnis, wie sie in der Anthroposophie gelegen ist. Aber daß diese Anthroposophie sich erheben muß aus der oberen geologischen Schichte, die sich darübergelagert hat, das fühlten viele, viele Menschen.

[ 18 ] In particular, it became increasingly common among certain occult brotherhoods to link what one can derive from occult wisdom with all manner of political perspectives and political impulses. And it must be said: such occult brotherhoods have very closely intertwined what they have often pursued with narrowly defined political tendencies. And in the case of occult brotherhoods, it is a defining characteristic of recent times that they have intertwined political tendencies with what was given to them through certain insights into interrelationships. — It is, of course, extraordinarily difficult to speak about these matters at the present time, because they are immediately misunderstood, and a certain period of preparation will indeed be necessary before certain things can even be articulated. But it can already be hinted at that occult brotherhoods are indeed concerned precisely with finding ways and means to steer the political affairs of modern times in their direction, to shape them according to their own vision—or, to put it simply, to gain political influence. And they have gained this in ample measure. And once the connections are uncovered between many of the events that have taken place in political life in recent times and the sources within the occult brotherhoods—from which these events have unfolded through all manner of channels that the public does not notice today—then strange discoveries will be made. For people today speak more than ever of insisting on their freedom. But quite a few who stand before the world today and speak of their freedom, delivering grand speeches about it, are anything but free. They simply have no idea how they are being pulled by various strings from this or that so-called occult source. And it would make for an interesting chapter to describe how this or that so-called influential figure seemingly projects their grand ideas into the world from the depths of their own soul, how they are celebrated by thousands upon thousands, how entire groups of newspapers write in support of this figure; it would be interesting to show how this machinery works—how certain occult fraternities pull the strings from behind the scenes—and how the influential figure in question would appear quite insignificant in the process due to his own individuality. For it must be emphasized that certain occult brotherhoods are already familiar with the sources of wisdom that were once tapped, as I have hinted to you in recent weeks, but that these sources of wisdom are frequently abused. And they are always abused when they are applied in the manner I have just described. Especially in an age in which, as has been the case so far in the fifth post-Atlantean epoch — as you can see from all the reflections we have made in recent weeks — occult knowledge has declined and people have, so to speak, been cut off from occult connections in their outer lives; those occultists who misused the ancient, traditional occult knowledge had to exert an even stronger influence—but in a harmful sense. For people were completely unprepared for this. This is why, whenever genuine occult knowledge emerges, so many means and ways are sought to render it impossible. Genuine occult knowledge, which simply represents the truth, is highly inconvenient for those who wish to exploit occult knowledge in secret. Here in our own context, this could be seen in an example that, while not among the most significant, can nevertheless illustrate a great deal. When the Theosophical Society exposed the Alcyone hoax, it was linked to far-reaching intentions. They wanted to achieve a great deal with it. The fact that people believed in Alcyone was merely a means to an end. The actual purpose lay in something entirely different. But that is also why people found it so unsympathetic when we vigorously rejected this Alcyone hoax, for they sensed that the matter was being seen through—and that, you see, is the most unpalatable thing for occultists fishing in murky waters when they realize that someone has seen through their plans, truly sees through things, and is not inclined to go along with them, but rather to follow an honest, sincere path. If, therefore, you study our entire movement as it has developed over the past two times seven years, you will see that we have always sought to maintain the right balance between public communication and the practice of spiritual science, and that great importance is even placed on truly stepping before people and actually saying what people today allow us to say. Furthermore, special emphasis is placed on ensuring that our friends understand how the demand to present a certain occult knowledge to humanity today arises not out of caprice, but out of the necessity of the times. And here it is indeed necessary to draw upon such significant minds as Troxler, who so beautifully expressed the longing for the kind of spiritual knowledge found in anthroposophy. But many, many people sensed that this anthroposophy must rise up from the upper geological layer that has accumulated on top of it.

[ 19 ] Gewiß, man könnte leicht glauben, es wäre pessimistisch geschildert, wenn immer wieder und wiederum gerade von diesem Orte aus darauf hingewiesen wird, wie das geistige Leben unserer Zeit in eine Art von Sackgasse gekommen ist und dieses Kommen in eine Sackgasse zeigt: es muß Rettung und Hilfe durch die Geisteswissenschaft kommen. Aber wer das für übertrieben, für radikal oder zu pessimistisch hält, der studiert nicht die Sehnsuchten, die in den letzten Zeiten bei den besten Menschen des 19. Jahrhunderts und Beginn des 20. Jahrhunderts aufgetreten sind. Wenn Sie irgendeine Schrift von Troxler in die Hand nehmen, so werden Sie sehen: bei ihm leben solche Sehnsuchten ganz besonders; aber er konnte wenigstens noch, wenn auch nicht in der Gestalt der heutigen Geisteswissenschaft, auf eine Anthroposophie hinweisen. Die spätere Zeit konnte es nicht mehr. Ich habe Ihnen öfter von Herman Grimm gesprochen, der ja gewissermaßen ein halber Schweizer ist, da seine Mutter aus der Schweiz herstammte; ich habe auch in der letzten Zeit wieder darauf aufmerksam gemacht, wie Herman Grimm dasjenige, was die Leute heute schon aus der Schule mitbringen als Kant-Laplacesche Hypothese, so charakterisiert hat, daß er sagt, Gelehrte künftiger Zeiten werden viel Mühe haben, um zu verstehen, wie diese Phantasterei von einem gewissen Zeitalter hat angenommen werden können. Dieser Herman Grimm, er konnte natürlich nicht zu einer Geisteswissenschaft kommen, dazu war das Ende des 19. Jahrhunderts nicht geeignet. Aber er sah die Sackgasse, in die sich das neuere Geistesleben hineinbewegte. Und interessant, unendlich interessant ist es, zu sehen, wie solche Menschen, solche feinorganisierten Geister, solche an Goethe herangewachsenen Geister, wie die von etwas fortwährend sprechen, das sie eigentlich nicht kennen, das aber kommen muß. Sie sprechen fortwährend von etwas, was kommen muß. Die Antwort wäre das, was die Geisteswissenschaft der Menschheit geben konnte. Aber davon wissen sie nichts. Aber sie sprechen aus ihren Sehnsuchten heraus in starken Worten, in solchen Worten, welche noch manches von dem an Radikalismus überbieten, was hier von diesem Orte aus gesagt worden ist, die aber dadurch gerade wiederum zeigen, daß die Dinge nicht falsch aufgefaßt worden sind.

[ 19 ] Certainly, one might easily think it is a pessimistic portrayal when, time and again, it is pointed out—precisely from this place—that the spiritual life of our time has reached a kind of impasse, and that this impasse reveals that salvation and help must come through spiritual science. But anyone who considers this exaggerated, radical, or too pessimistic has not studied the longings that have arisen in recent times among the finest minds of the nineteenth and early twentieth centuries. If you pick up any of Troxler’s writings, you will see that such longings are particularly vivid in his work; but he was at least still able—albeit not in the form of today’s spiritual science—to point toward anthroposophy. Later generations were no longer able to do so. I have often spoken to you about Herman Grimm, who is, in a sense, half-Swiss, since his mother was from Switzerland; and I have also recently drawn attention once again to how Herman Grimm characterized what people today learn in school as the Kant-Laplace hypothesis, saying that scholars of future generations will have great difficulty understanding how this fantasy could have been accepted by a certain era. This Herman Grimm, of course, could not turn to the humanities; the end of the 19th century was not conducive to that. But he saw the dead end into which modern intellectual life was heading. And it is interesting—infinitely interesting—to see how such people, such finely organized minds, such minds shaped by Goethe, speak constantly of something they do not actually know, but which must come. They speak constantly of something that must come. The answer would be what spiritual science could offer humanity. But they know nothing of it. Yet they speak from their longings in strong words—words that in some respects surpass even the radicalism expressed here in this very place—but which, precisely because of this, demonstrate that their understanding of these matters is not mistaken.

[ 20 ] Herman Grimm, der feinsinnige Betrachter des menschlichen Geisteslebens, namentlich von seiner künstlerischen Seite her, er hat oftmals seinen Blick gewendet auf die Frage: Wohin soll das nun führen, wenn man sieht, was in der letzten Zeit geworden ist? Gewiß, er hat sich dann immer wieder getröstet: Es wird eine Zeit kommen, wo man Goethe verstehen wird, wo man sich immer mehr und mehr in ihn einleben wird. Aber auf der anderen Seite sind ihm oftmals auch andere Gedanken gekommen. Er hat würdigen können die großen Aufschwünge, die großen Fortschritte, die gekommen sind im 19. Jahrhundert; aber er hat andererseits auch die Schattenseiten dieser Fortschritte gesehen. In einem Essayband, der 1890 erschienen ist, ist eine interessante Stelle, die gerade, ich möchte sagen, diese Empfindungen ausspricht. Da sagt Herman Grimm:

[ 20 ] Herman Grimm, the perceptive observer of human spiritual life—particularly from its artistic perspective—often turned his attention to the question: Where is this all leading, given what has come to pass in recent times? Certainly, he repeatedly consoled himself with the thought: A time will come when people will understand Goethe, when they will become more and more attuned to him. But on the other hand, other thoughts often crossed his mind as well. He was able to appreciate the great surges of progress that occurred in the 19th century; but he also saw the dark side of this progress. In a collection of essays published in 1890, there is an interesting passage that, I would say, expresses precisely these feelings. There, Herman Grimm says:

[ 21 ] «Die Welt erfüllt der Drang nach Erreichung eines unbekannten Zieles, dem zu Liebe die ungeheueren Anstrengungen gemacht werden, deren Zeuge wir sind.»

[ 21 ] “The world is driven by the urge to achieve an unknown goal, for the sake of which the tremendous efforts we witness are being made.”

[ 22 ] Also ein unbekanntes Ziel; dasjenige, was er sieht, sind ihm vielfach Anstrengungen zu einem unbekannten Ziele. Er sagt:

[ 22 ] So, an unknown goal; what he sees are, in many cases, efforts toward an unknown goal. He says:

[ 23 ] «Es ist, als empfänden alle Völker der Erde, jedes in seiner Art, Vorbedingungen für einen allgemeinen geistigen Ringkampf, sich vom Vergangenen als maßgebender Macht zu befreien und zur Aufnahme eines Neuen sich tauglich zu machen. Erfindungen und Entdeckungen, meist unerhörter Art und oft von umfassenden augenblicklichen Folgen begleitet, befördern diesen Zustand unseres erwartungsvollen Fortmarschierens in geschlossenen Massen. Wohin?» — fragt Herman Grimm. Sie sehen, diese Fragen sind schon gestellt! — «Wohin? Es belebt uns ein Gefühl, als ob die gebrachten Opfer später einmal, jedes einzelne als gering, alle zusammen als unentbehrlich erscheinen müßten.»

[ 23 ] “It is as if all the peoples of the earth, each in its own way, were sensing the preconditions for a universal intellectual struggle—to free themselves from the past as a dominant force and to prepare themselves to embrace something new. Inventions and discoveries, mostly of an unprecedented nature and often accompanied by far-reaching, immediate consequences, are driving this state of our expectant march forward in united masses. “Where to?”—asks Herman Grimm. You see, these questions have already been posed!—“Where to? We are animated by a feeling as if the sacrifices made will one day appear—each one individually as insignificant, but all together as indispensable.”

[ 24 ] Und jetzt gibt er in abstrakten Worten dasjenige an, was er allein über das Ziel zu sagen weiß:

[ 24 ] And now he expresses in abstract terms the only thing he knows to say about the goal:

[ 25 ] «Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu einem Reiche von Brüdern zu machen, die nur den edelsten Beweggründen nachgebend gemeinsam sich weiterbewegen.»

[ 25 ] “The goal is to transform all of humanity, in its final form, into a kingdom of brothers who, guided solely by the noblest motives, move forward together.”

[ 26 ] Aber wenn so ersehnt wird, die Menschheit in einem Reiche der Brüderlichkeit zu vereinen, was, wie wir ja aus Vorträgen auch gesehen haben, die in der letzten Zeit gehalten worden sind, für den physischen Plan wohl gilt, dann ist dazu notwendig das gemeinsame Band des Verständnisses für ein Allgemein-Menschliches. Dieses Allgemein-Menschliche ist aber nicht vorhanden, wenn nicht Geisteswissenschaft verbreitet werden kann; denn die neuere Entwickelung ging dahin, die Menschheit zu zersplittern. Dann sagt Herman Grimm weiter:

[ 26 ] But if there is such a longing to unite humanity in a realm of brotherhood—which, as we have seen from lectures given recently, certainly applies to the physical plane—then this requires the common bond of an understanding of what is universally human. However, this universal humanity does not exist unless spiritual science can be disseminated; for recent developments have tended to fragment humanity. Herman Grimm goes on to say:

[ 27 ] «Wer die Geschichte nur auf der Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen.»

[ 27 ] “Anyone who follows history solely on a map of Europe might believe that mutual, widespread slaughter is bound to fill our immediate future.”

[ 28 ] Wir lesen diese Dinge heute mit besonderem Gefühle, wenn ein Mensch 1890 die Geschicke Europas ansieht und zu dem Gefühle kommt:

[ 28 ] We read these things today with a special sense of emotion when, in 1890, one looks at the fate of Europe and comes to the conclusion:

[ 29 ] «Wer die Geschichte nur auf der Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen; während der, der sie am Globus studiert» — das heißt im Zusammenhang der Erde mit der ganzen Welt —, «sich der Gewißheit hingeben darf, daß vielmehr die Stunde herannahe, wo die in gleichen Gedanken höchsten geistigen Strebens vereinten germanischen Völker all den ungezählten Millionen Asiens und Afrikas und was der Erdkreis sonst beherbergt, den Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens erschließen werden.»

[ 29 ] “Anyone who follows history only on a map of Europe might believe that mutual, widespread slaughter is bound to fill our immediate future; whereas those who study it on a globe” — that is, in the context of the Earth and the entire world —, “may be assured that, on the contrary, the hour is drawing near when the Germanic peoples, united in the same spirit of the highest intellectual aspirations, will open the way to the true goods of human life for all the countless millions of Asia and Africa and whatever else the globe may harbor.”

[ 30 ] Und jetzt kommt jener Satz, der zeigt, wie Menschen, die heraufkommen gesehen haben, was im 19. Jahrhundert sich in dem Geschicke der Menschheit vorbereitet, sprechen konnten über das, was sie mit offenen Augen angesehen und nicht so verschlafen haben, wie der größte Teil der Menschheit. Da sagt Herman Grimm weiter:

[ 30 ] And now comes the sentence that shows how people who foresaw what was unfolding in the 19th century in the course of human history were able to speak about what they had observed with open eyes—unlike the majority of humanity, who remained oblivious. Herman Grimm goes on to say:

[ 31 ] «Man gestatte diesen Gedanken... .»

[ 31 ] “Let us allow this thought... .”

[ 32 ] Er meint den Gedanken von der Verbrüderung der Völker, wie er ihn eben ausgesprochen hat, und von der Betrachtung der Erde nach dem Globus.

[ 32 ] He is referring to the idea of the brotherhood of nations, as he has just expressed it, and to viewing the Earth as a globe.

[ 33 ] «Man gestatte diesen Gedanken, der mit unseren ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein sollte, das menschlicheLeben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.»

[ 33 ] “Let us entertain this thought, which seems to be at odds with our immense military armaments and those of our neighbors, but which I believe in, and which must enlighten us as to whether it might not be better, all things considered, to abolish human life by a collective decision and to designate an official day of suicide.”

[ 34 ] Ich denke, auf eines könnten solche durchaus ernsten Sätze, die tiefen menschlichen Empfindungen entsprechen, hinweisen: daß Ernst notwendig ist für das Leben in unserer Zeit. Stellen wir uns vor, was alles in der Seele des Menschen vorgeht, der solche Empfindungen äußert! Aber ich weiß, viele lesen solch einen Satz auch und lesen ihn, wie man eben heute Zeitungslektüre liest; sie sind unvermögend, in den Ernst der Zeit hineinzuschauen, weil es bequemer ist, zu schlafen. Aus der Bequemlichkeit, die Forderungen der Zeit zu verschlafen, geht aber das Unverständnis für die Geisteswissenschaft hervor. Je weniger man schlafen will, um so mehr man einsehen will, wie nötig es ist, heute nicht zu schlafen, desto mehr wird man erkennen, daß so etwas, wie die Geisteswissenschaft es will, der Menschheit nötig ist. Für uns aber, die wir in der Geisteswissenschaft stehen, ist es notwendig, daß wir uns wappnen mit diesem Ernst, damit wir das richtige Verhältnis zu derjenigen Welt finden, die diesen Ernst noch nicht hat.

[ 34 ] I think such genuinely serious statements, which reflect deep human feelings, might point to one thing: that seriousness is essential for life in our time. Let us imagine all that is going on in the soul of a person who expresses such feelings! But I know that many people read such a sentence just as one reads a newspaper today; they are unable to look into the gravity of our times because it is more comfortable to sleep. Yet this complacency—sleeping through the demands of our times—gives rise to a lack of understanding of spiritual science. The less one wants to sleep, the more one wants to realize how necessary it is not to sleep today, the more one will recognize that something like what spiritual science advocates is necessary for humanity. For us, however, who are engaged in spiritual science, it is necessary that we arm ourselves with this seriousness so that we may find the right relationship to the world that does not yet possess this seriousness.