Das Karma des Berufes des Menschen
in Anknüpfung an Goethes Leben
GA 172
27 November 1916, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Wenn wir versuchen, auf die Frage zunächst einzugehen, die wir das letzte Mal andeuteten: Wie kann der gegenwärtige Mensch ein mögliches Verhältnis zu dem Christus gewinnen? — so drängt sich ja selbstverständlich vielen der Einwand auf, daß ja sehr viele Menschen in der Gegenwart ihr Verhältnis zu dem Christus haben. Über diesen Einwand habe ich schon öfter gesprochen, und wir wissen ja, daß er insofern nicht gelten kann, als er sich eigentlich bei genauerer Betrachtung entpuppt als ein recht egoistischer Einwand, der nur gemacht werden kann, wenn man sich auf den Standpunkt stellt: Ich habe meinen befriedigenden Glauben, und alles übrige geht mich nichts an. — Daß im allgemeinen die Menschheit heute nicht auf einem befriedigenden Standpunkt steht gegenüber der Christus-Wesenheit, das aber ist allzu augenscheinlich erkennbar aus den Ereignissen unserer Zeit, als daß man viele Worte darüber sprechen müßte. Die Antwort, die auf diesen Einwand gegeben werden soll, kann sich ja jeder selbst geben, der sich sagt, es müsse zu dem Grundelement des Christus-Bekenntnisses gehören, daß Christus für alle Menschen gestorben und auferstanden ist, für alle Menschen in gleicher Weise, und daß es niemals im Namen des Christus sein kann, wenn sich Mensch gegen Mensch um äußerer Güter willen wendet. Man kann sich abwenden von diesem allgemeinen Menschenschicksal und sich in egoistischer Weise bloß auf sein Bekenntnis konzentrieren. Gewiß, dann aber berücksichtigt man nicht, daß der Eintritt des Mysteriums von Golgatha etwas ist, was vor allen Dingen die menschliche Gemeinschaft angeht. Nun werden wir einiges anzuführen haben, das ja uns aufmerksam machen kann darauf, worinnen das Wesentliche des Weges zu dem Christus besteht; denn selbstverständlich muß den Weg zum Christus mit den Mitteln, welche der heutigen Zeit angemessen sind, eine jegliche Seele selber finden.
[ 2 ] Wenn wir zunächst versuchen, in tieferem Sinne zu verstehen, was das Christus-Wesen für die Erde bedeutet, so müssen wir uns zuerst bekanntmachen damit, daß es wesentlich ist für das Christus-Ereignis, daß das Mysterium von Golgatha einmal in einem bestimmten Zeitpunkte, also in der Zeit und im Raume, sich ereignet hat. Wenn wir dies ins Auge fassen, so werden wir sogleich gegen eine allgemeine Anschauung, die auch die unsrige sein muß, einen Widerspruch finden, den man, weil er ein berechtigter Widerspruch ist, nicht hinwegdiskutieren soll, ein Widerspruch, der zunächst anerkannt werden muß, wenn man ihn für seine Seele beseitigen will. Nicht wahr, das Mysteriium von Golgatha kann nur dasjenige sein, was wir immer betont haben: der Sinn der Erdenentwickelung, wenn dieses Mysterium von Golgatha innere, wirkliche Wahrheit hat. Alles dasjenige aber, was sich in der Zeit und im Raume zuträgt, wir wissen es, gehört dem Gebiete der Maja, der großen Täuschung an, gehört also nicht der wirklichen, ewigen Wesenhaftigkeit der Dinge an. Und so stehen wir vor dem bedeutungsvollen Widerspruch, daß das Mysterium von Golgatha der Maja, der großen Täuschung angehört. Das ist ein bedeutungsvoller Widerspruch, den man sich zunächst in seiner vollen Gültigkeit vor die Seele führen muß.
[ 3 ] Nun gehen wir, da ja das Mysterium von Golgatha sich in der Zeit abgespielt hat, der die Entwickelung des Menschengeschlechtes auf Erden angehört, einmal auf dieseEntwickelung des Menschengeschlechtes auf der Erde ein. Wir wissen ja, wie es sich für diese Entwickelung des Menschengeschlechtes darum handelt, daß der Mensch aus früheren Welten herübergekommen ist, und daß er, so wie wir das in der «Geheimwissenschaft im Umriß» angegeben haben, in einem bestimmten Zeitpunkte dem unterworfen war, was man die luziferische Verführung, Versuchung nennen kann. Wir haben dies, was luziferische Versuchung, Verführung ist, öfters in dem Sinne, wie die geisteswissenschaftliche Forschung das eben andeutet, betrachtet; wir wissen, daß es in einem großartigen Bilde am Beginne des Alten Testamentes zum Ausdruck gebracht worden ist, in dem Bilde vom sogenannten Sündenfall, von Luzifer als der Schlange im Paradiese, das als eines der gewaltigsten Bilder dasteht innerhalb der religiösen Urkunden.
[ 4 ] Wenn wir die Zeit, welche die Menschheitsevolution durchmacht von der luziferischen Versuchung an bis zu dem Mysterium von Golgatha überblicken, so ist sie ja für uns eine Zeit, in welcher die Menschen von einer ursprünglichen, von früheren planetarischen Stufen herübergewachsenen, also atavistischen hellseherischen Offenbarung, durch welche ihnen die geistigen Welten vor dem Seelenauge standen, allmählich herabgestiegen sind, so daß sie in den Jahrhunderten, die dem Mysterium von Golgatha vorangingen, nicht mehr in der Lage waren, so hinaufzuschauen zu den geistigen Welten wie früher, sondern daß sie nur noch Nachklänge hatten an die alten Erkenntnisse von den geistigen Welten.
[ 5 ] Lassen wir nun einmal für eine verhältnismäßig kurze Erdenzeit — wir können nicht zurückgehen bis zur luziferischen Verführung — die Aufeinanderfolge sozusagen der absteigenden Stufen der Menschheitsevolution bis zum Mysterium von Golgatha vor unserer Seele vorbeiziehen. Da finden wir dasFolgende. Wenn wir weit genug zurückgehen, finden wir dasjenige, was früher die Menschen als eine atavistische Weisheit hatten, als ein wirkliches Anschauen der geistigen Welten, ausgedrückt im Nachklang religiöser Weltanschauungen dadurch, daß die Menschen verehrten, was mehr oder weniger ein bedeutungsvoller, hochangesehener Vorfahre war. Das heißt, wir finden in den verschiedenen Gegenden der Erde religiöse Kulte, die wir als Ahnenkulte bezeichnen können. Solche Ahnenkulte sind ja noch geblieben bei mehr oder weniger auf früheren Stufen der Entwickelung stehengebliebenen Menschen. Menschen also verehren oder schauen verehrend auf zu einem Ahnen. Was liegt diesem Aufschauen zu Ahnen eigentlich zusrunde? Was ist die Realität dieses Aufschauens zu Ahnen in alten Zeiten, in jenen ältesten Zeiten, zu denen noch die Geschichte zurückblicken kann? Sagen wir: Da geht es in graue. Zeiten zurück; dann haben wir eine gewisse Epoche, in der Ahnenkulte da sind (siehe Schema Seite 203).
[ 6 ] Solche Ahnenkulte gründeten sich nicht etwa, wie die heutige oberflächliche Wissenschaft glaubt, darauf, daß die Leute sich einbildeten, sie müßten zu einem Vorfahren hinaufschauen, sondern die ältesten Ahnenkulte waren durchaus so, daß die Menschen in gewissen Zeiten ihres Lebens eine unmittelbare Anschauung des Ahnen hatten. Derjenige, der hinaufblickte zu einem Ahnen-Gott, kam in gewissen Zeiten seines Lebens, in Zuständen zwischen Wachen und Schlafen, wie sie ja in der älteren Menschheitsentwickelung durchaus vorhanden waren, dazu, mit dem, was er als seinen Ahnen verehrte, wirklich zusammenzusein. Der Ahne erschien ihm nicht bloß in einem Traume, sondern in einer traumhaften Vorstellung, die etwas Reales bedeutete für ihn. Und diejenigen Menschen gehörten zusammen zu einem Ahnendienst, denen eben ein gemeinschaftlicher Ahne erschien. Dasjenige, was die Menschen im Geiste schauten, war allerdings eine ins Erhabene hinaufgesteigerte Menschengestalt; aber hinter dieser Menschengestalt verbarg sich noch etwas ganz anderes. Will man erkennen, was sich eigentlich hinter dieser Geistgestalt verbarg, so muß man sich das Folgende vor Augen führen: Der Ahne war einmal gestorben; er ging von der Erde ab als eine, wie gesagt, hochangesehene Persönlichkeit, die viel Gutes gewirkt hatte für eine menschliche Gemeinschaft. Der Ahne war durch die Pforte des Todes gegangen, war also, während die Menschen zu ihm aufsahen, auf dem Wege zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Was von dem Ahnen sahen denn da die Menschen, wenn sie zu ihm aufblickten?
[ 7 ] Wir wissen ja, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, so ist er noch eine kurze Zeit in seinem Ätherleib; dann wird dieser Ätherleib abgelegt. Aber das Ablegen bedeutet, daß der Ätherleib in die geistigen Welten, in die Ätherwelt übertritt. Der Mensch in seinem Ich und seinem astralischen Leib entwickelt sich weiter; der Ätherleib geht über in die Ätherwelt. Da der betreffende Mensch Konsistentes getan hatte auf Erden, blieb die Erinnerung des Ätherleibes lange. Den ÄÄtherleib ihres Ahnen nahmen die Leute in ihrem alten atavistischen, traumhaften Hellsehen wahr, verehrten dasjenige, was sich ihnen offenbarte durch diesen Ätherleib. Aber zwischen dem Tod und einer neuen Geburt kommt dieser Ätherleib in Berührung mit den Geistern der höheren Hierarchien, vor allen Dingen mit den Geistern aus der Hier“archie der Archai, der Zeitgeister. Und weil der Betreffende eine für die Menschheitsentwickelung bedeutsame Persönlichkeit war, so verband er sich mit dem Zeitgeist, der die Menschheitsentwickelung um ein Stück vorwärts brachte.
[ 8 ] Dasjenige, was sich durch dieses, sagen wir meinetwillen, Gespenst der Vorfahren kundgab, das war im Grunde genommen der Zeitgeist, einer der Zeitgeister, so daß die älteste religiöse Kultverehrung dem Zeitgeist dargebracht wurde. Überall, wo wir zurückgehen bis in die Zeiten, die noch als graue Zeiten die Geschichte sehen kann, finden wir, daß die Menschen verehrten die ätherischen Leiber ihrer Vorfahren als Offenbarungsmittel der Zeitgeister. Also indem wir zu den Ahnenkulten zurückgehen, haben wir die Verehrung der Zeitgeister, der Archai.
[ 9 ] Dann stiegen dieMenschen weiter herunter und fingen an, diejenigen Gottheiten zu verehren, welche uns bekannt sind aus den verschiedenen Mythologien und die wir ja kennen als Erzengel; selbst in der griechischen Mythologie Zeus und so weiter, sie haben den Wert von ErzengelErscheinungen. In den ältesten Zeiten blickten die Menschen hinauf zu den Zeitgeistern; dann blickten sie hinauf zu denjenigen Geistern, die nun nicht mehr Zeitgeister sind, sondern die gleichwertig sind mit den Geistern, welche auch die Führung der Volksstämme haben, zu den Erzengeln. So daß wir sagen können: der Polytheismus folgt auf den Ahnenkult, und die Menschen verehren Archangeloi.
[ 10 ] Dann kommt das Zeitalter, in dem die Menschen noch weiter heruntersteigen, das Zeitalter, in dem schon nach und nach das Ich des einzelnen Menschen geboren werden soll. Und wir finden, daß die fortgeschrittensten Nationen verhältnismäßig früh, andere später — die Ägypter zum Beispiel schon im zweiten Jahrtausend, vorderasiatische Völker später — zum Monotheismus übergehen, das heißt beginnen, nicht mehr Erzengel, Archangeloi, sondern Angeloi, jeder seinen Angelos, zu verehren. Sie steigen herunter von dem höheren Polytheismus zu dem niedrigeren Monotheismus. Nach dem, was gestern ausgeführt worden ist, wird Ihnen das nicht mehr fremdartig erscheinen, was ich jetzt sage, und Sie werden einsehen, daß sich die Menschen von dem Hochmut werden kurieren müssen, der die ganzeReligionswissenschaft durchtränkt: daß dasjenige, was man gewöhnlich Monotheismus nennt, herabschauen darf auf den Polytheismus als die untergeordnete Religion. Denn so ist es nicht, sondern es verhält sich so, wie jetzt die Sache dargestellt wurde.
[ 11 ] Warum konnten denn diese alten Völker noch Archai, Archangeloi, Angeloi verehren? Sie konnten sie verehren aus dem Grunde, weil sie noch die Überbleibsel hatten oder die Nachklänge der alten atavistischhellseherischen Kunst. Daher konnten sie sich erheben zu demjenigen, was übermenschlich war; sie konnten gewissermaßen hinauswachsen über das Menschliche, sich erheben zu dem Übermenschlichen. Und in den alten Mysterien wurde dieses Hinaufheben zu dem Übermenschlichen ganz besonders kultiviert. Da wurden die Menschen dazu gebracht, das in sich zu entwickeln, was über das Menschliche hinausging, wodurch sich die Menschenseele erhob ins Reich der Geistigkeit. Aber nun kam die Zeit, in welcher das menschliche Ich, wie es hier lebt zwischen Geburt und Tod, für die Menschen geboren wurde. Das war die Zeit, welche gleich liegt dem Hereintreten des Mysteriums von Golgatha. Wäre das Mysterium von Golgatha nicht gekommen, dann wären die Menschen degeneriert; sie würden heruntergestiegen sein von der Verehrung der Angeloi zu der Verehrung der nächstuntergeordneten Hierarchie, des Menschen selber. Und wir brauchen ja nur uns zu erinnern, wie sich die römischen Cäsaren als Götter haben verehren lassen, wie sie wirklich für das Volk Götter waren, so wissen wir, daß zur Zeit des Mysteriums von Golgatha die Menschen in ihrer Degeneration so weit waren, nun nicht mehr Archai oder Archangeloi oder Angeloi anzubeten, sondern den Menschen selber. In dieser Zeit mußte, um die Menschen davor zu retten, den Erdenmenschen anzubeten, der Gottmensch erscheinen.
Archai (Zeitgeister) — Ahnenkult
Archangeloi — Polytheismus
Angeloi — Monotheismus
Mensch — Gottmensch
[ 12 ] Daß der Gottmensch in die Geschichte eintrat, das bedeutet eine wesentlich neue Art, sich zum religiösen Leben zu stellen. Denn wo waren denn gefunden Angeloi-, Archangeloi-, Archai-Verehrung, wo war schließlich auch noch die Menschenverehrung der römischen Cäsaren gefunden? Im Menschen selber; denn keiner verehrte den Cäsaren durch den Cäsaren, sondern durch sich selber selbstverständlich; das war im Menschen selber entsprungen, das kam aus der menschlichen Seele heraus. Der Christus mußte als historische Tatsache in die Menschheitsentwickelung eintreten, er mußte wie die Naturerscheinungen selber von außen wahrgenommen werden, er mußte auf einem ganz anderen Weg an die Menschen herantreten, als die Götter der alten Religionen an den Menschen herangetreten waren. «Wo zwei in meinem Namen vereint sind, bin ich mitten unter ihnen» — das ist ein wichtiger Satz des Christentums, denn er bedeutet, daß man zwar auf dem Wege der bloß individuellen Mystik Angeloi, Archangeloi, auch noch Archai finden kann, daß man auf dem Weg der individuellen Mystik aber nicht den Christus finden kann. Diejenigen, die individuelle Mystik pflegen wollen, so wie das oftmals auch unter Theosophen geschildert wird, die kommen in der Regel auch nur bis zum Angelos. Sie verinnerlichen nur diesen Angelos mehr, machen ihn manchmal noch sogar um etwas egoistischer, als die anderen Menschen ihren Gott machen. Den Christus findet man auf andere Weise, nicht bloß durch Entwickelung des Innern, sondern dann, wenn man sich vor allen Dingen bewußt ist, daß der Christus der menschlichen Gemeinschaft angehört, der ganzen menschlichen Gemeinschaft angehört.
[ 13 ] Nun kommen wir zu einer sehr bedeutsamen Unterscheidung, von der man zugeben muß, daß sie nur sehr schwer in die Menschenseele hineingeht. Aber man muß einmal sich zu ihr aufschwingen. Wenn wir einem Menschen gegenübertreten im Leben, so stehen wir als Mensch dem anderen Menschen gegenüber in der Maja. Geradeso wie wir von den Naturerscheinungen nur die Maja vor uns haben, so haben wir auch von dem anderen Menschen nur die Maja vor uns. Innerhalb der Maja steht uns der Mensch gegenüber, erstens als dieser einzelne Mensch, als der er unseren äußeren Sinnen und dem, was mit der äußeren Sinnlichkeit zusammenhängt, erscheint; dann steht er uns gegenüber als der Angehörige seiner Familie, seines Volkes, als der Angehörige seiner Zeit. Würde man voll ihn überblicken, so würde man hinter ihm sehen den Angelos, den Archangelos, den Arch£g; aber die alle drücken sich aus in dem, was der Mensch ist. Denn der Mensch ist in gewissem Sinne dadurch, daß Archangeloi, Archai hinter ihm stehen, der Angehörige von bestimmten Menschengruppen. Er steht mit anderen Worten dadurch in der Vererbungslinie, in den Vererbungsverhältnissen drinnen. Es ist nur eine Kurzsichtigkeit, die menschlich begreiflich ist, daß wir nicht immer, wenn wir einen Menschen vor uns haben, auch bewußt ihn beurteilen nach dieser seiner Zugehörigkeit, denn unbewußt tun wir das fortwährend. Wir stehen einander unbewußt in dieser Differenzierung gegenüber, die durch diese drei Hierarchien notwendigerweise in die Menschheit hineingebracht werden muß. Aber der Christus verlangt mehr; der Christus verlangt noch anderes. Der Christus verlangt in Wirklichkeit: Wenn du einem Menschen gegenübertrittst, dann sollst du ihn so ansehen, daß dasjenige, als was er dir in der äußeren Welt erscheint, nicht der ganze, volle Mensch ist; du sollst ihn so ansehen, daß seinWirkliches nicht bloß von Archai, Archangeloi, Angeloikommt, sondern von höheren Geistern, die nun nicht mehr der Erdenentwickelung angehören, auch nicht der planetarischen Entwickelung — denn die beginnt mit den Archai, wie Sie aus der «Geheimwissenschaft im Umriß» wissen —, sondern mit den höheren himmlischen Geistern; daß mit dem Menschen in die Maja etwas hereintritt, was überirdisch ist.
[ 14 ] Das, was ich jetzt ausgesprochen habe, muß man vollständig in das Fühlen übertragen, nicht als einen Begriff lassen, wenn man es voll verstehen will. Man muß sich klar sein darüber, daß mit jedem Menschen uns etwas gegenübertritt, das überirdischer Natur ist und mit irdischen Menschenmitteln nicht begriffen werden kann. Dann stellt sich für jeden Menschen jene intime Ehrfurcht vor allem Menschlichen ein. Aber vor dem Mysterium von Golgatha waren die Menschen so, daß sie allmählich dieses Übermenschliche verloren hatten, daß sie heruntergestiegen waren bis zum Menschen. Das Übermenschliche hatten sie verloren. Denn in dem Augenblicke — fassen Sie diesen Satz wohl! —, wo sich der Mensch wie ein römischer Cäsar als Gott verehren läßt, verliert er seine Menschlichkeit und sinkt in die Untermenschlichkeit herunter. Er hört auf, Mensch zu sein, wenn er sich als etwas Übermenschliches verehren läßt im sozialen Leben. Den Menschen drohte also, ihre Menschlichkeit zu verlieren; und sie wurde ihnen wiedergegeben durch die Erscheinung des Christus auf Erden. Lesen Sie den Karlsruher Zyklus, in dem ich über diese Frage gesprochen habe, wie wirklich jedem einzelnen Menschen etwas mitgeteilt wird dadurch, daß der Christus auf der Erde war.
[ 15 ] So ist dadurch mit Christus das gekommen, daß man anerkennt in jedem Erdenmenschen, auch wenn er ein Sünder und Zöllner ist, mit denen sich Christus deswegen zusammensetzt, daß man anerkenne in jedem Erdenmenschen den Christus, der hinter ihm ist, daß man anerkenne in jedem Erdenmenschen die Wahrheit des Wortes: «Was du dem geringsten meiner Brüder tust, das hast du mir getan.» — Wie gesagt, man muß diesen Begriff ganz in die Empfindung umsetzen, dann erst wird man auf seine volle Wahrheit kommen. Denn vor dem, was man also sieht, versinken alle Begriffe und Vorstellungen, die die Menschen trennen, und etwas, was allen Menschen gemeinschaftlich ist, geht als eine Aura über die Erde hin, wenn man sich dazu bekennt, jetzt nicht bloß zu suchen bis zu dem Arch&, sondern hinauf zu suchen bis zu demjenigen, was über dem Arch& steht, wenn man einem Menschen gegenübertritt.
[ 16 ] Wenn wir noch einmal den Blick zurückwenden zu den alten Mysterien, so finden wir, daß in diesen alten Mysterien der Mensch versuchte, sich zu erheben über sich selbst, um mit seiner Seele hineinzuwachsen in die geistige Welt. Aber dadurch, daß die luziferische Versuchung einmal da war, ist das nur bis zu einem gewissen Grade möglich. Dann verliert man sozusagen bei diesem Aufstiege die Möglichkeit, weiter hinaufzusteigen. Man kann nichts mehr hinauftragen in die höhere Welt. Warum ist das so? Die Antwort auf diese Frage wird uns, wenn wir den tieferen Sinn der luziferischen Versuchung ins Auge fassen. Was will denn eigentlich Luzifer mit der Menschheit? Wir haben das öfter betont. Die Menschheit lebt in der Maja, in dem, was nur ein Spiegel der Welt ist, nicht die wirkliche Welt. Was will denn Luzifer? Der Mensch kann sich in diesem Spiegel einige Stufen über sich erheben bis zu dem Arche hinauf. Dann aber muß er von Luzifer übernommen werden, wenn er noch weiter ins Geistige hinauf will, dann muß er gewissermaßen Luzifer zu seinem Führer machen, der das Licht ist, das ihn weiterführen kann. Wäre es bei der luziferischen Evolution geblieben, wäre kein Christus in die Menschheitsevolution eingetreten, so würden von der Zeit an, in der das Mysterium von Golgatha hätte sein sollen — aber dann nicht gewesen wäre —, die Menschen in den Mysterien sich hoch entwickelt haben, so weit, daß ihnen die Archai offengelegen hätten. Dann aber würden sie in die luziferische Welt eingetreten sein. Dann aber würde auf der Erde alles das geblieben sein, was von höheren Göttern, wie zum Beispiel von den Exusiai, eingesetzt worden war in die Erdenentwickelung als das Irdisch-Menschliche, als alles dasjenige, was auf der Erde irdisch-menschlich ist. Die Menschen hätten sich sozusagen ganz asketisch vergeistigt und würden asketisch vergeistigt, mit Zurücklassung der Leiblichkeit, in die geistige luziferische Welt eingetreten sein. Die Seelen der Menschen hätten ihre Erlösung gefunden, aber die Erde wäre zwecklos gewesen. Die Leiber hätten den Seelen niemals den Dienst leisten können, den sie eigentlich leisten sollen. Daß das verhindert wurde, darin liegt die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha.
[ 17 ] Wir müssen nun noch einmal zurückschauen auf die Evolution vor dem Mysterium von Golgatha, wenn wir die Sache ganz gut verstehen wollen. Luzifer hatte vom Anfange der Erdenentwickelung an die Absicht, den Menschen von der Erde hinauszuführen in seine geistigen Reiche, Luzifer hatte kein Interesse an der übrigen Erdenentwickelung; er wollte nur dasjenige für sich haben, was die höheren Götter hereingestellt haben mit den Menschen; das wollte er als Seele hinausführen aus.der Erdenentwickelung, nachdem es einmal verweilt hatte in der irdischen Form, die von den Exusiai, von den Geistern der Form kommt. Er wollte also die Seelen hinausführen und die Erde ihrem Schicksal überlassen. Warum sind denn die Menschen in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha nicht diesem Drang des Luzifer gefolgt, sie in eine lichtvolle Welt zu führen? Warum sind sie nicht gefolgt? Warum sie nicht gefolgt sind, das können Sie entnehmen aus manchen Andeutungen, die ich auch hier in diesen Vorträgen schon gegeben habe. Sie sind nicht gefolgt, weil von den höheren Göttern etwas eingeführt worden ist in die Erdenentwickelung, welches verhindert, daß der Mensch, ich möchte sagen, so leicht wird in seiner Entwickelung, daß er unmittelbar dem Luzifer folgen kann.
[ 18 ] Eingeführt wurde, wie ich Ihnen gezeigt habe, vor Zeiten in die Erdenentwickelung dasjenige, was man die achte Sphäre nennt. Die achte Sphäre besteht ja darinnen, in einem ihrer Aspekte, daß der Mensch einen solchen Zug und Hang bekommt zu seiner niedrigen Natur, daß Luzifer nicht die höhere Natur aus dieser niederen Natur herausholen kann. Jedesmal, wenn Luzifer in alten Zeiten wiederum seine Anstrengungen gemacht hat, die Menschen zu vergeistigen, da waren die Menschen zu sehr gewöhnt an das Fleisch, um zu folgen dem Luzifer. Hätten sie nicht den Hang gehabt zum Fleische, zu der physischen Natur, sie wären dem Luzifer gefolgt. Sehen Sie, das ist eines der großen Geheimnisse des Weltendaseins, daß eigentlich ein Göttliches eingepflanzt worden ist der menschlichen Natur, damit diese menschliche Natur gleichsam größere Schwere hat, als sie gehabt hätte, wenn dieses Göttliche nicht eingepflanzt worden wäre, das Göttlich-Notwendige. Wenn es nicht eingepflanzt worden wäre, hätten die menschlichen Seelen dem Luzifer Folge geleistet. Wenn wir zurückgehen in alte Zeiten, finden wir überall, daß die Religionen es darauf anlegen, daß die Menschen verehren dasjenige, was irdisch ist, was irdischen Zusammenhang gibt, was in Fleisch und Blut lebt, damit der Mensch schwer genug ist, nicht hinausgeführt zu werden in das Weltenall. Und da für solche Dinge, wo es sich schon um das Menschliche und Kosmische gemeinschaftlich handelt, nicht nur eine irdische Einrichtung da ist, sondern auch überall die kosmische Einrichtung da sein muß, so geschah dasjenige, was Sie ja auch in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt finden; es geschah das, daß in einer gewissen Zeit, wie Sie wissen, nicht nur die Erde gestaltet wurde und die Erde in ihrer Bahn um die Sonne herumging, sondern daß die Erde als ihren Trabanten den Mond bekam.
[ 19 ] Was heißt denn das: die Erde bekommt den Mond als Trabanten? Die Erde bekommt den Mond als Trabanten heißt nichts anderes als: die Erde bekam eine Kraft, durch welche sie den Mond in ihrer Nähe halten kann, ihn anziehen kann. Würde die Erde diese Kraft zum Anziehen des Mondes nicht haben, dann würde das geistige Korrelat dieser Kraft auch nicht den Menschen an seine niedere Natur fesseln; denn von dem Geistigen aus gesehen ist dieselbe Kraft, die den Menschen an seine niedere Natur fesselt, diejenige Kraft, mit welcher die Erde den Mond anzieht. So daß man sagen kann: Der Mond ist in das Weltenall gesetzt als Gegner des Luzifer, um das Luziferische zu verhindern. Ich habe auf dieses Geheimnis schon einmal hier hingedeutet. Ich habe darauf hingedeutet, daß man in der Zeit des Materialismus im 19. Jahrhundert diese Wahrheit geradezu ins Gegenteil verkehrt hat in dem Sinnettschen «Geheimbuddhismus»: der Mond wird geradezu als etwas bezeichnet, das den Menschen feindlich ist. In Wahrheit ist er ihm nicht feindlich, sondern in Wahrheit hindert er ihn, der luziferischen Versuchung zu verfallen, als das kosmische Korrelat desjenigen, was im Menschen das Halten an seiner niederen Natur ist. Um diese niedere Natur mit zu vergeistigen, nicht herauszureißen die Seelen aus der niederen Natur, sondern um die niedere Natur mit zu vergeistigen, dazu bedurfte es einer Einrichtung, die unterbewußt war, denn im Bewußtsein konnte sich das nicht abspielen, sonst wäre der Mensch zum Tiere herabgesunken, sonst wäre er ja bewußt der niederen Natur gefolgt. Es mußte in der niederen Natur etwas sein, das ihm unbewußt war, daß er nicht folgte, sondern als Mensch, als Wesen auf der Erde demjenigen eben folgte, was als Göttliches in seine niedere Natur einfloß. Insbesondere der Gott des Alten Testaments war darum besorgt, der Jahve-Gott, daß der Mensch auf der Erde blieb, und er hängt in dieser geheimnisvollen Weise mit dem Monde zusammen, was Sie ja auch in der «Geheimwissenschaft im Umriß» ausgeführt finden. Sie können daraus ermessen, wie materialistisch es war, den Mond geradezu als die achte Sphäre zu bezeichnen, während die achte Sphäre jene Kraft ist, jene Sphäre ist, die den Mond anzieht. Und Blavatsky hat dann unter ihrer Verführung eine ganz besondere Tücke entwickelt, indem sie durch ihre «Geheimlehre», die «Secret Doctrine», den Jahve-Gott verleumdet hat als einen bloßen Mond-Gott, und den Luzifer an seine Stelle setzen wollte, indem sie den Luzifer als den Freund des Geistes hinstellen wollte, der er ja in dem Sinne ist, wie ich es auseinandergesetzt habe. Den Jahve-Gott wollte sie hinstellen als den Gott der bloßen niederen Natur, während dasjenige der niederen Natur eingepflanzt war, was Gegnerschaft des Luzifer war.
[ 20 ] Sie sehen, wie gefährlich es ist, Wahrheiten hinzustellen, die in ihr Gegenteil verkehrt werden können. Blavatsky war verführt durch gewisse Wesen, die ein Interesse daran hatten, sie zu verführen, an die Stelle des Christus den Luzifer zu setzen, und das sollte dadurch erreicht werden, daß man über die achte Sphäre geradezu dieses Gegenteil der Wahrheit in die Welt setzte und den Jahve-Gott verleumdete, indem man ihn bloß als den Gott der niederen Natur hinstellte. So arbeiteten diejenigen Weltenmächte, die den Materialismus befördern wollten, auch durch dasjenige, was man so Theosophie nannte, für diesen Materialismus, denn der Materialismus wäre selbstverständlich in seine schlimmsten Abgründe verfallen, wenn man zu dem Glauben gekommen wäre, der Mond wäre wirklich in dem Sinne, wie Sinnett oder Blavatsky es erklärt hatten, die achte Sphäre, und man müsse das Christentum durchaus bekämpfen.
[ 21 ] Nun ging es aber nur, den Widerpart des Luzifer in die niedere Natur zu verlegen, solange der Mensch sein Ich nicht in der Weise entwickelt hatte, wie es zur Zeit des Mysteriums von Golgatha geschah. Das unterschätzt man ja zu sehr, wie das Ich herabgedämpft war in alten Zeiten. Es war herabgedämpft. Das Ich trat erst hervor in den Jahrhunderten gegen das Mysterium von Golgatha hin. Da ging es nicht mehr, bloß in die unterbewußte, in die unbewußte Natur dasjenige hineinzuverlegen, was gegen den Luzifer strebt; da mußte etwas kommen, was der Mensch in sein Bewußtsein aufnehmen kann: der Christus, der die Fortentwickelung des Jahve-Gottes ist. Der Christus mußte kommen, damit nun bewußt durch das Sich-Bekennen zum Christus der Mensch sich widersetzt der bloßen Vergeistigung, wie sie von seiten des Luzifer angestrebt wird. Denn Christus ist herabgestiegen für alle Menschen. Nur dadurch aber, daß wir den Zusammenhang fühlen mit allen Menschen, gehören wir der Erde an; dadurch gehören wir wirklich der Erde an. Im Zusammenhange mit den Menschen und in dem, was wir aufbringen für den Zusammenhang mit den Menschen, für den vollen, ganzen Zusammenhang, liegt das tiefere Verständnis für den Christus.
[ 22 ] Sehen Sie, solange die Menschen lebten mit noch nicht voll entwikkeltem Ich vor dem Mysterium von Golgatha, da gingen sie durch die Pforte des Todes in die geistige Welt; sie kamen da in Zusammenhang mit Archai, Archangeloi, Angeloi. Aber weil sie hier auf der Erde noch nicht das volle Ich entwickelt hatten, brauchten sie auch, nachdem sie durch die Pforte des Todes geschritten waren, nicht bewußt den Zusammenhang zu entwickeln mit den höheren geistigen Wesenheiten. Durch die atavistischen Mächte, die in ihnen lagen, wurde das geordnet. Aber seit dem Mysterium von Golgatha — nicht durch das Mysterium von Golgatha, sondern seit dieser Zeit — ist es für die Menschen wesentlich anders geworden. Sehen wir uns an, wie es anders geworden ist!
[ 23 ] Der Mensch tritt durch die Pforte des Todes, andere Menschen treten auch durch die Pforte des Todes; oder aber: ein Mensch tritt durch die Pforte des Todes, andere bleiben hier auf Erden zurück. Dadurch, daß ein Mensch durch des Todes Pforte eintritt, bleibt er ja Mensch, und nicht kann sich unser Verhältnis zu ihm Ändern, wenn wir in rechtem Zusammenhang mit ihm sein wollen. Nun aber bedenken wir: Der Mensch, indem er hinaufsteigt in die geistigen Welten — heute, da wir nach dem Mysterium von Golgatha leben —, steigt durch die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai hinauf, und da er jetzt in der Zeit ist, in der sich hier auf Erden sein Ich entwickelt hat, hat er auch ein Bewußtsein für die anderen Hierarchien, die darüberstehen. Das heißt, er entwickelt bewußt dasjenige, was ihm an Kräften eingeflößt wird von noch höheren Wesenheiten, als die Archai sind. Was heißt denn aber das? Nehmen wir einen bestimmten Fall, nehmen wir an, einem Menschen stirbt hinweg ein sehr lieber Mensch; er bleibt hier zurück. Derjenige, der durch des Todes Pforte gegangen ist, behält allerdings zunächst, wie Sie wissen, durch Jahre den Zusammenhang mit gewissen Neigungen, mit gewissen Richtungen, die er hier im Leben gehabt hat; aber dadurch, daß er ein Ich hier im Leben entwickelt hat als Mensch, wird, indem er durch des Todes Pforte gegangen ist, ihm sogleich etwas bewußt für die Perspektive in die nächste Inkarnation hinein. Entscheiden tut sich das ja in dem, was ich in den Mysterien genannt habe die Mitternacht des Daseins; aber es tritt schon etwas in das menschliche post-mortem-Bewußtsein, indem der Mensch durchgegangen ist durch den Tod. Wenn aber ein Mensch also in diesem Zustande ist, so lebt in ihm dasjenige, was ihn schon abbringt von dem, in das er hineingeboren war im letzten Leben, Sagen wir, er war im letzten . Leben einer bestimmten Volksgemeinschaft angehörig. Derjenige, der hier zurückgeblieben ist, gehört dieser Volksgemeinschaft im physischen Leib weiter an. Denjenigen, der gestorben ist, überkommt schon die einer ganz anderen Volksgemeinschaft angehörige Kraft. Wie kann das Band zwischen dem, der hier lebt und dem, der gestorben ist, ein reales sein, das über den Tod ungeschwächt hinausgeht? Dann, wenn der, der hier ist, ein Verständnis hat für dasjenige, was über Angeloi, Archangeloi, Archai hinausgeht, das heißt: über dasjenige hinausgeht, was man an Neigungen seines Zusammenhanges mit Menschheitsgemeinschaften hier entwickeln kann. Würde jemand hier zurückbleiben, sagen wir, als Angehöriger eines gewissen Volkes, und ihm hinsterben ein Mensch, der sich ja schon vorbereitet, einem anderen Volke anzugehören, so würde das Band der Liebe zu dem Toten nicht ein ungetrübtes sein können. Dadurch, daß die beiden sich zu Christus bekennen, den Christus verstehen in dem, was über alle Differenzierungen der Menschen hinausgeht, dadurch allein kann das Band ein überirdisches sein. Denn was sagte Johannes, als der Christus Jesus zur Taufe herankam? «Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt» — ein Wort, vor dessen ganzer Bedeutung man erblassen könnte, wenn man es in seiner vollen Schwere nimmt.
[ 24 ] Man kann die Frage aufwerfen: Warum hat denn der Christus gesiegt, und nicht der Mithras? In der Zeit, in der das Christentum sich ausbreitete von dem Osten nach dem Westen, da breitete sich zu gleicher Zeit der Mithras-Dienst aus, die ganze Donau herauf bis nach Westeuropa, bis nach Frankreich und Spanien hinein. Aber der Christus-Dienst hat gesiegt über den Mithras-Dienst. Warum? Weil der Mithras-Dienst herausgewachsen war aus dem Hinaufsteigen über Angeloi, Archangeloi, Archai, und durch dieses Hinaufsteigen erreichen wollte den Welterleuchter und Weltregierer. Aber was ist der Christus dagegen? Der Christus ist dagegen derjenige, welcher auf sich genommen hat für die Erdenentwickelung alles dasjenige, was mit Angeloi, Archangeloi, Archai verbunden ist, was den Menschen an die Erde fesselt. Er trägt der Welt Sünden, das heißt diejenigen Sünden, die durch die menschlichen Differenzierungen in die Welt gekommen sind. Er ist ein Wesen, demgegenüber man sich sagen muß: Ich gehöre einer einzelnen Menschengemeinschaft an; dadurch aber, daß ich einer einzelnen Menschengemeinschaft angehöre, das heißt etwas angehöre, was mit dem Irdischen zusammenhängt, trenne ich mich ab von dem Himmlischen. Davon kann mich nur ein Wesen erlösen, das nichts mit einer Menschendifferenzierung zu tun hat. Nur dadurch, daß ich den Christus in mir verstehe, der mich hinausführt über die Erdendifferenzierungen, der mich empfinden lehrt, daß das, was Erdendifferenzierung bewirkt, Leiden ist, todbringend ist, nur dadurch finde ich wieder meinen Zusammenhang mit den geistigen Welten. Alles, was in die Menschheit gefahren ist dadurch, daß die Differenzierungen eingetreten sind, das ist abgenommen worden der Menschheit dadurch, daß der Christus in die Welt getreten ist. Daher konnte der Christus kein Gott Mithras sein, der den Menschen hinaufführt über sich selbst, sondern der Gott, der herunterstieg auf die Erde und die Sünden der Differenzierungen hinwegnimmt, hinwegfegt. Mithras jagt durch die Welt, das Schwert in der Hand, das er der niederen Natur in die Seite stößt, um sie zu ertöten; unter ihm stirbt die niedere Natur. Der Christus stellt sich dar als das Lamm Gottes, das die niedere Natur an sich nimmt, um diese niedere Natur zu erlösen.
[ 25 ] Viel liegt in diesem Gleichnis, unendlich viel liegt in diesem Gleichnis! Deshalb ist der Christus-Gedanke nicht zu trennen von dem Todesgedanken und dem Auferstehungszedanken. Nur wenn wir wissen, daß dasjenige, was den Menschen auf die Erde hereinführt, das Todbringende ist, daß aber mehr im Menschen ist, als was den Menschen in die Erdenatmosphäre hereinführt, daß das im Menschen ist, was der Christus ist, der ihn wieder herausführt — «In Christo morimur» —, dann verstehen wir den Christus, dann wissen wir uns mit ihm vereint. Daher konnten die Darstellungen der alten Götter triumphierende Wesenheiten darstellen; daher konnte den Christus nur darstellen das Zusammenbringen des Menschen mit Leiden und Tod, denn er erleidet dasjenige, was in den Differenzierungen des Menschen über den Erdenball hingeht. Dadurch wird der Christus derjenige, der den Menschen durch den 'Tod führt, der den Menschen zurückführt in die geistige Welt; dadurch wird er aber auch dasjenige göttliche Wesen, dem man sich nähern darf auf der Erde, indem man überschreitet die Maja oder die Täuschung. Wie der Christus geboren ist hier aus dem Schoße der Maja, so müssen wir uns ihm nähern, indem wir selber die Maja überschreiten, das heißt, an ihn appellieren bei alledem, was in die Maja hereinragt und nicht Maja ist, sondern höhere Wirklichkeit.
[ 26 ] Die Menschheit wird noch lange Zeit brauchen auf der Erde, wenn sie sich zunächst diesem Christus-Dienste zuwenden soll; aber man wird anfangen müssen, das Christentum wieder ernst zu nehmen. Am wenigsten ernst wird es genommen von seiten der Theologen aus; denn diese Theologen streiten sich oft darüber, ob Christus Wunder gewirkt hat, ob er Dämonen ausgetrieben hat zum Beispiel durch Wunder. Nun, es ist ganz überflüssig zu streiten, ob der Christus Dämonen ausgerrieben hat, wenn wir nur an der richtigen Stelle lernen, dort die Dämonen jetzt auszutreiben, wo wir sie jetzt zunächst austreiben können, wenn wir lernen, ihm dieWunder nachzumachen.Wir vermögen noch wenig — das ist das Schicksal, das Karma unseres Zeitalters —, im höheren Sinne wiederum Dämonen auszutreiben, wie es das Altertum konnte aus dem Atavismus heraus. Aber die Dämonen können wir beginnen zunächst auszutreiben, von denen wir gestern gesprochen haben; diese Dämonen sind da, und negativer Aberglaube ist es, zu meinen, daß sie nicht da sind. Wodurch treiben wir sie aus? Die Menschheit wird sich überzeugen, daß sie ausgetrieben werden, wenn dasjenige, was heute ein unheiliger Dienst ist, ein heiliger Dienst wird, das heißt, durchtränkt wird mit dem Christus-Bewußtsein. Das heißt mit anderen Worten: zum Sakramentalismus übergehen, wenn in dasjenige, was der Mensch verrichtet, das Bewußtsein einzieht, daß überall hinter ihm der Christus ist, und daß er nichts anderes machen soll in der Welt als dasjenige, bei dem der Christus ihm helfen kann. Denn macht er etwas anderes, so muß der Christus ihm helfen; das heißt: der Christus wird in den menschlichen Taten gekreuzigt und weiter gekreuzigt. Die Kreuzigung ist nicht bloß eine einzige Tat, die Kreuzigung ist eine fortschreitende Tat. So oft wir nicht die Dämonen austreiben durch das, was in unserer Seele lebt, indem wir die äußere mechanische Handlung zunächst zu einer heiligen machen, so lange kreuzigen wir den Christus. Denn von da aus muß unsere Erziehung zu dem wahren Christentum gehen. Dasjenige, was in den alten Kulten des Christentums symbolisch gepflogen wurde, das muß die ganze Welt ergreifen; was bloß auf dem Altar vollzogen wurde, das muß die ganze Welt ergreifen. Die Menschheit muß lernen, die Natur so zu behandeln, wie die Götter selber die Natur behandelt haben: nicht in uninteressierter Weise Maschinen bauen, sondern bei allen Verrichtungen einen Gottesdienst erfüllen, Sakramentalismus in alles bringen.
[ 27 ] Anfänge wird man schon mit mancherlei machen können. Vor allen Dingen an zwei Punkten können heute die Menschen beginnen, Sakramentalismus zu entwickeln. Das ist erstens an dem Punkt der Erziehung und des Unterrichtes. Wenn wir jeden Menschen, der durch die Geburt in die Welt hereingeht, so betrachten, daß er seine Kraft des Christus mit hereinbringt und wir dadurch vor dem aufwachsenden Menschen die rechte Ehrfurcht haben, und daraufhin die ganze Erziehung und namentlich den Unterricht einrichten, das heißt, in dem Unterrichte einen Sakramentalismus verwirklichen — darüber können wir uns ja einmal deutlicher aussprechen —, wenn wir ein Sakramentales verwirklichen, wenn wir in dem Erziehen und Unterrichten einen Gottesdienst sehen, aber es auch zu einem Gottesdienst machen, dann beginnen wir dasjenige, was die Religionen Taufe nennen, zu spiritualisieren. Und wenn wir versuchen, dasjenige, was wir unsere Erkenntnis nennen, so zu unserem Bewußtsein zu bringen, daß, indem unsere Seele sich mit Ideen über die geistige Welt anfüllt, wir das Bewußtsein haben: Das Geistige geht da in uns über, wir vereinigen uns mit dem Geistigen —, wenn wir das als eine Kommunion ansehen, wenn wir verwirklichen können wahre Erkenntnis — das Denken ist die wahre Kommunion der Menschheit, Sie finden den Satz schon 1887 ausgesprochen —, wenn wir das verwirklichen können: dann wird dasjenige, was das symbolische Altarsakrament war, zu einem allgemeinen sakramentalen Erleben der Erkenntnis. Nach dieser Richtung muß die Verchristung der Menschen gehen; dann werden Sie darauf kommen, daß überall im Leben für alles dasjenige, was mit dem Christus zusammenhängt, in der Tat die Wirklichkeit einzieht in die Maja, und daß, die Wirklichkeit so anzusehen, wie sie die neuere Wissenschaft ansieht mit ihrer Weltanschauung, unchristlich ist, im eminentesten Sinne unchristlich ist.
[ 28 ] Es ist merkwürdig, wie leicht sich heute die Menschen hineinfinden können in alles dasjenige, was unchristlich ist, und wie wenig sie sich hineinfinden können in dasjenige, was als Christentum der heutigen Zeit angemessen ist. Es ist ja noch wenig, was man sieht, das, ich möchte sagen, wie aus einem dunklen Triebe heraus entgegenarbeitet dem Materialismus, aber es ist schon einiges da; nur geht es auf falschen Wegen, indem es sich, statt zur Geisteswissenschaft sich zu wenden, in einer konfusen Weise zu den alten Religionen wendet. Verzeihen Sie, daß ich dabei etwas mir Naheliegendes erwähne, aber es geschieht ja solches nur, um zu exemplifizieren. Ich habe vielleicht auch schon hier aufmerksam gemacht darauf, daß eine Persönlichkeit der Gegenwart, die ich in ihrer Jugend sehr gut kannte, Hermann Bahr, jetzt eben daran geht, das Geistige wiederum zu suchen. Hermann Bahr sucht es zunächst nicht bei der Geisteswissenschaft; für die interessiert er sich nur ein ganz klein wenig. Wenn Sie sein sehr schönes, geistreiches Buch über den «Expressionismus» nehmen, so werden Sie sehen, daß er sich schon ein bißchen interessiert für die Geisteswissenschaft, aber er hat zunächst bis zu diesem Buche — das kann man aus dem Buche selbst ersehen sich nur soweit unterrichtet über die Geisteswissenschaft, daß er das Buch von Levy durchgelesen hat über meine Weltanschauung und ihre Gegner. Er hat noch nicht den Weg gefunden, wirklich tiefer einzugehen. Aber interessant ist es doch, daß er einen Roman geschrieben hat, in dem ein Held ist, der alles kennenlernt: Chemische Laboratorien der Gegenwart und so weiter, er hatte bei Ostwald in Leipzig «gehört», hat sich ein bißchen umgetan bei den Theosophen in London und so weiter, ein Held, der so durchläuft durch alles das, was die Gegenwart an spirituellen Sensationen gibt, der sich auch an den Spiritismus heranmacht; dann läßt er sich von jemandem — ich weiß schon nicht von wem — Übungen geben, esoterische Übungen, die er eine Zeitlang macht. Aber er ist ungeduldig, er macht sie nur kurze Zeit, bekommt keine Resultate, da läßt er auch diese, wie er überhaupt alles gleich läßt. Dann macht er merkwürdige Erlebnisse durch; und das Interessanteste ist für mich gewesen, daß kurioserweise in diesem Buch manches anklingt, was gerade in den allerletzten Zeiten ich in Vorträgen — sogar über aktuelle Ereignisse — gesagt habe, trotzdem ich Hermann Bahr seit achtundzwanzig Jahren nicht gesehen habe, nur kurz einmal, in der Zwischenzeit, wo aber jedenfalls nicht von Weltanschauungsfragen die Rede war. Nun aber hat Hermann Bahr in der letzten Zeit auch ein Drama aufführen lassen, das heißt: «Die Stimme.» Man braucht dieses Drama nicht zu verteidigen, aus dem einfachen Grunde nicht zu verteidigen, weil Hermann Bahr eben nicht den Weg, der ihm zu schwierig ist, in die Geisteswissenschaft sucht, sondern zurückfällt in den orthodoxen, oder sagen wir, in den neueren Katholizismus; aber er sucht immerhin spirituelles Leben. Und es ist interessant, wie der Held dieses Dramas das spirituelle Leben sucht. Der Held dieses Dramas ist verheiratet mit einer Dame, welche die Tochter ist einer sehr orthodoxen Mutter und selber sehr orthodox ist, aber ihr Christentum ernst nimmt, tief ernst nimmt, über den Ernst, der von einem Menschen gefordert werden kann, hinaus nimmt. Der Mann aber, der der Held des Dramas ist, der ist ein Schüler Ostwalds, Haeckels, ein ganz materialistischer Mensch. Da Frau und Schwiegermutter ihr Christentum ernst nehmen, so ist ihnen natürlich das ein großer Schmerz, daß der Mann Ostwaldianer und Haeckelianer ist und nichts von einer geistigen Welt wissen will; und die Frau grämt sich darüber so, daß sie aus Gram stirbt. Aber während ihrer Krankheit hat sie die entschiedene Empfindung: sie will hinsterben, um von der geistigen Welt aus dem Mann zu helfen. Sie ist gestorben, die Frau. Nach ihrem Tode ist der Mann einmal in einem Eisenbahnzug. Er hat oftmals schon, so wie aus unbekanntem Dämmerdunkel heraus, so etwas gehört, wie wenn ihm die verstorbene Frau dies oder jenes zurufen würde. Da ist er einmal im Eisenbahnwagen, in einem Schlafwagen, und da hört er besonders stark die Stimme der Frau. Darüber wird er fast wahnsinnig, und er stürmt aus dem Zug heraus. Wie ein Wahnsinniger gebärdet er sich — glaube ich — im Wartesaal auf einer Station. Und da hört er dann, daß der ganze Zug, in dem er war, zugrunde gegangen ist durch ein Eisenbahnunglück. Verwundete bringt man und so weiter. Er sieht, daß er durch die Stimme der Frau gerettet worden ist, weil er herausgegangen ist aus dem Zug, in dem er sonst zugrunde gegangen wäre. Das ist das erstemal, daß die Stimme der Frau mit den realen Verhältnissen in Zusammenhang kommt. Ich will das nicht verdammen; ich will nur erzählen, was ein Mensch der Gegenwart heute schreibt. Nun wird er dadurch, daß er ja durch ein offenbares Wunder, durch ein Nachwirken des Wesens dieser Frau über den Tod hinaus, gerettet worden ist, zu neuem Nachdenken veranlaßt über den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt. Dann aber ereignet es sich später noch öfter, daß die Frau sich ihm kundgibt, und durch eine intime Beziehung zwischen seiner Seele und der Seele der verstorbenen Frau wird er nun im wahren Sinne zum Christentum zurückgeführt, kommt hinaus über die materialistische Weltanschauung.
[ 29 ] Jedenfalls sehen wir, wenn wir auch gerade dieses Drama nicht zu verteidigen brauchen, daß es heute auch schon Menschen gibt, welche dahin streben, in das Leben hineinzubringen die Anschauung, daß in der großen Täuschung, in der Maja, eine Wahrheit der geistigen Welt aufgehen kann. Erst die reine Erfassung des Christentums wird die Brücke schlagen zwischen dem Leben hier auf der Erde und dem Leben in der geistigen Welt. Aber das Bedürfnis nach dieser Welt, es haben das schon viele, viele Menschen, die allerdings noch ein kleines Häuflein sind im Verhältnis zu der großen Zahl derer, die heute entweder in den traditionellen Religionen stecken, die ja auch dem Materialismus verfallen sind, wenn sie es auch nicht zugeben, oder die direkt im Materialismus das wirkliche Zusammenhängen mit der geistigen Welt nicht haben. Wie gesagt, das Drama von Bahr wollen wir nicht verteidigen, aber auf das eine kann es uns hinweisen: daß der Mensch nicht hinauskommt über das Problem des Todes, wenn er das Christentum wirklich verstehen will; denn zu dem Interessantesten in diesem Drama gehört es immerhin, daß es ausgeht von jener Beziehung zwischen Menschenseele und Menschenleib, die über das Tor des Todes hinwegführt. Ein Grundfehler liegt allerdings in all diesen Dingen: daß man statt zum Christentum zu führen, wozu Geisteswissenschaft, wie wir sie verstehen, den wirklichen Anfang machen will, wiederum zu einem einzelnen Bekenntnisse zurückführen will.
[ 30 ] Wenn die Menschen nur einmal so verstehen wollten den Christus, wie ich es heute angedeutet habe — und wenn wir noch öfter hier reden können, so werde ich das genauer ausführen —, wenn die Menschen so verstehen könnten den Christus, wie das heute in den allerersten primitivsten Andeutungen eben gezeigt worden ist, dann würden die Empfindungen, die Vorstellungen, die über den Christus entwickelt werden, wirklich zu allen Menschen getragen werden können, denn der Christus ist nicht bloß für diejenigen gestorben, die sich zu einem jetzigen christlichen Bekenntnisse bekennen, sondern er ist gestorben und auferstanden für alle Menschen. Und man darf nicht ein bestimmtes Religionsbekenntnis mit dem Christus-Wesen zusammenbringen, sondern jedes Religionsbekenntnis ist mit dem Christentum zusammenzubringen. Würden die Menschen verstehen, den Christus so aufzufassen, wie es angedeutet worden ist, dann würde das Christentum über die ganze Erde verbreitet werden. Denn etwas anderes ist die Christus-Offenbarung und die Jesus-Offenbarung.
[ 31 ] Gehen wir als Missionare in fremde Gegenden, oder auch zu einheimischen Menschen, und wollen ihnen den Jesus-Dienst aufzwingen in irgendeinem Bekenntnisse, dann werden sie uns nicht verstehen, sintemal oftmals dasjenige, was diese Leute wissen, sogar über das hinausragt,was ihnen von dem oder jenem Missionar gebracht werden soll. Denn ich möchte wissen, was zum Beispiel ein Türke sagen würde, wenn ihm ein neuerer Protestant die Christus-Auffassung beibringen wollte, die er als neuerer protestantischer Pastor hat, diese Christus-Auffassung, welche davon handelt — bei den neueren protestantischen Pastoren ist das ja schon so —, nun ja, daß es einen Sokrates gab, dann einen, der etwas mehr war als Sokrates: der Christus, der Mensch, nicht wahr, der besondere Mensch, aber eben der Mensch, oder jene konfusen Dinge, die sonst über den Christus im neueren Protestantismus heute gesagt werden. Der Türke würde ihm sagen: Was, so etwas erzählst du, und du willst Christ sein? Lies dir doch nach im Koran die 19. Sure: da steht ja viel mehr über den Christus drinnen, als was du uns erzählst! Die Türken wissen nämlich viel mehr über den Christus Jesus, als die neueren protestantischen Pastoren von dem Christus Jesus vertreten, weil im Koran viel mehr drinnensteht, weil der Christus Jesus viel mehr an die Göttlichkeit herangeführt wird im türkischen Glaubensbekenntnis als im neueren protestantischen Glaubensbekenntnis. Das weiß man nur nicht, weil man es heute noch wenig dahin bringt, die religiösen Urkunden wirklich zu lesen und oberflächliches Zeug reden will über alle möglichen Religionen.
[ 32 ] Die Jesus-Offenbarung wird auch über die Menschen kommen in der richtigen Weise. Aber dazu müssen sie selber kommen. Und sie werden dazu kommen, wenn sie die genügende Anzahl von Inkarnationen durchgemacht haben. Für die Christus-Offenbarung ist heute jeder reif bis zu einem gewissen Grade. Diesen Unterschied muß man machen. Aber es sind viele Mächte an der Arbeit, um wirkliche Christus-Offenbarung und auch wirkliche Geisteswissenschaft nicht aufkommen zu lassen. Und da brauchen Sie sich ja nur zu erinnern an mancherlei, was ich in der letzten Zeit gesagt habe über allerlei okkult sich nennende Bestrebungen, die ich charakterisiert habe.
[ 33 ] Und nun möchte ich eigentlich in diesem Augenblicke den heutigen Vortrag schließen. Ich werde nur noch einen kleinen Anhang geben dazu. Aus einem ganz bestimmten Grunde möchte ich das nicht zu dem Vortrag selber rechnen. Sie werden gleich sehen, aus welchem Grunde. Dasjenige nämlich, was ich im Vortrage sage, sage ich ohne alle Reserve, aber was ich jetzt sagen werde, werde ich vorläufig mit einiger Reserve zu sagen haben und daher trenne ich es von dem Vortrage ab. Aber ich messe ihm doch eine gewisse Wichtigkeit bei gerade im Zusammenhang mit unseren jetzigen Betrachtungen, und deshalb will ich es schon heute erwähnen.
[ 34 ] Ich habe ausgeführt, daß in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Hochflut des Materialismus da war, daß dazumal diejenigen Menschen, die etwas wußten von der Notwendigkeit, daß immer geistiges Leben in der Menschheit sein sollte — ich skizziere das nur voraus —, daran dachten, der Menschheit beizubringen, daß wirklich in unserer Umgebung geistige Wesenheiten, geistige Wirkungen sind. Aber es spalteten sich, sagte ich, dazumal die maßgebenden Okkultisten in solche, welche sagten: Die Menschheit kann die Dinge noch nicht aufnehmen — und in andere, welche sagten in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Menschheit könnte schon in elementarer Weise in die wichtigsten Begriffe des geistigen Lebens eingeführt werden. — Die letzteren sind heute geradezu fast auf eine kleine Zahl zusammengeschmolzen, die für den Unterricht sind, für das Verbreiten der Lehre. Es gehört aber zu unserer anthroposophischen Bewegung die Überzeugung, daß es auf die Verbreitung der Lehre, so wie wir das machen, heute ankommt, daß dadurch der Menschheit das Geistesgut überliefert werden muß. Dazumal tauchte die Frage in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zuerst auf, aber die wurden sozusagen überstimmt, die dieser Ansicht waren, und so kam man überein, einen anderen Weg einzuschlagen, den Weg durch den Spiritismus. Man versuchte, auf dem Wege der Mediumschaft zu zeigen, daß solche Persönlichkeiten, welche als Medien angesehen werden können — ich habe ja die Dinge hier charakterisiert —, Kundgebungen aus der geistigen Welt hereinbekommen können, und daß man dadurch Zusammenhang mit den Reichen des Geistes bekommen kann. Ich habe auch schon gesagt: Der ganze Versuch ist mißlungen. Denn wäre er gelungen, dann hätte sich herausgestellt so etwas Ähnliches, wie ich es neulich für diejenigen, die dabei waren, in dem Vortrage in Bern ausgesprochen habe: man hätte erkannt, wie die verschiedenen Stufen des Zusammenhanges mit den Toten sind. Aber auf das wollte man sich nicht einlassen. Und so kam man denn zu einer vollständig mißglückten Sache. Die Medien gaben alle an in der primitivsten, in der elementarsten Weise: sie stünden unmittelbar mit irgendwelchen Toten in Verbindung, und die Menschen wollten immer unmittelbar Kundgebungen von irgendwelchen Toten durch die Medien hereinbekommen. Merken Sie wohl, damit ist nicht gesagt, daß wenn ein Medium da ist und man mit einem Medium experimentiert, dasjenige, das durch das Medium kommt, nicht irgendeine Vermittelung zu einem Toten abgeben könnte. Aber ein anderes ist es, ob es eine unbewußte, eine wirkliche, rechte Vermittelung ist und ob es überhaupt eine mögliche Vermittelung sein kann. Dasjenige, was man erwartet hat, war nämlich etwas ganz anderes; was man erwartet hat, war, daß man erkennen würde durch die Medien, daß auch dem Menschen fortwährend geistige Kräfte, ebenso wie sinnliche Kräfte, einfließen, daß man also vorzugsweise das Feld des Geistigen in der unmittelbaren Umgebung sucht, nicht in der Kundgebung dieser oder jener einzelnen Toten.
[ 35 ] Da sich nun das Ganze als ein Mißgriff herausgestellt hat, haben die ernsthaften Okkultisten ihre Hand zurückgezogen von diesem spiritistischen Versuch, und die Menschheit muß jetzt büßen dafür, indem sich der Medien bemächtigt haben alle möglichen okkulten Menschen, okkultistischen Menschen, welche nicht rein okkultistische Pfade verfolgen, sondern Pfade zu irgendeinem speziellen Menschenzwecke. Ich habe es ja öfter ausgeführt: Derjenige, der ein wirklicher Okkultist sein will, kann nicht nur einem speziellen Menschenzwecke dienen, sondern nur dem allgemeinen menschlichen Zweck, allgemein-menschlichen Zielen, und er darf vor allen Dingen niemals schlechte Mittel anwenden, unrichtige Mittel anwenden, um zu irgendwelchen Zielen zu gelangen. Aber was nennt man heute nicht alles Okkultismus! Was man heute alles Okkultismus nennen kann, davon könnten Sie einen Begriff bekommen, wenn Sie den Bericht lesen würden, welcher Ihnen wiedergibt die Reden, welche Mrs. Besant und Mr. Leadbeater auf der letzten Theosophischen Convention abgehalten haben, wo die gegenwärtigen Ereignisse dargestellt werden als der große Kampf zwischen den Lords of Light, auf deren Seite selbstverständlich Mrs. Besant und Mr.Leadbeater stehen, und den Lords of Darkness, und worinnen ausgesprochen wird, daß jeder, der als Neutraler, als wirklicher Neutraler für sich steht, nicht Partei nimmt für irgendeine Seite — selbstverständlich für die Lords of Light, auf deren Seite Mrs. Besant und Mr. Leadbeater stehen —, daß der ein Verräter ist. Aber es wurde‘ja allerlei anderes noch in dieser Versammlung erzählt. So zum Beispiel hat da Leadbeater aus einer profunden okkulten Erkenntnis heraus erzählt, daß vor dem Jahre 1870 Bismarck nach Frankreich gegangen ist und im Norden, im Süden, im Osten und Westen von Frankreich magnetische Zentren eingerichtet hat. Während des Krieges 1870/71 haben diese magnetischen Zentren, die Bismarck zuerst in Frankreich eingerichtet hat, gewirkt, sonst wäre dazumal der Krieg mit Frankreich verlorengegangen. Das lassen sich die Leute heute wirklich erzählen auf theosophischen Versammlungen! Ja, sie hören es sich an! Man kann nur staunen darüber oder irgend etwas anderes noch tun, wenn man vernimmt, daß solche Dinge angeführt werden. Aber wie gesagt, es gibt mancherlei Okkultismus in der Gegenwart.
[ 36 ] Dasjenige, was wichtig ist, ist, daß nun, nachdem der ernsthafte Okkultismus sich zurückgezogen hat von dem Spiritismus, daß da sich des ganzen Spiritismus bemächtigt haben eben solche Menschen, welche Sonderzwecke verfolgen. Und man kann ja sehr leicht irgendwelche Sonderzwecke verfolgen. Ich bitte, jetzt festzuhalten für das, was ich sagen will, daß es dies gibt, daß also der Spiritismus durch den ehrlichen Versuch in die Welt gebracht worden ist, zu prüfen die gegenwärtige Menschheit, ob sie reif ist, geistige Wahrheiten aufzunehmen, daß der Versuch mißglückt ist, und daß dann alle möglichen Strömunsen und okkulten Brüderschaften und einzelne Menschen, namentlich von Amerika aus, versucht haben, die ganze Mediumschaft immer im einzelnen in die Hand zu bekommen, um dadurch gewisse Sonderzwecke zu verfolgen. Nun, das was ich im Anschlusse daran erzählen will, das erzähle ich, weil mir gestern unser lieber Freund, Herr Heywood-Smith, den Bericht gegeben hat über das Buch von den Erfahrungen des Sir Oliver Lodge. Ich wiederhole, ich erzähle es mit aller Reserve, weil ich zunächst nur einen Bericht vor mir habe, aus dem man allerdings schon viel entnehmen kann, aber ich will mir vorbehalten, wenn ich das Buch selber gehabt haben werde, auf mancherlei noch zurückzukommen. Aber ich halte die Sache an sich nicht für unwichtig und möchte heute davon sprechen. Sollte der Bericht nicht richtig sein, so würde ich selbstverständlich — und deshalb spreche ich mit Reserve — die Dinge auch richtigstellen, die infolge des falschen Berichtes heute gesagt würden.
[ 37 ] Nicht wahr, es ist eine außerordentlich bedeutungsvolle Tatsache, daß eine der allerangesehensten Persönlichkeiten des wissenschaftlichen England, Sir Oliver Lodge, der große Naturforscher Oliver Lodge, der ja allerdings verschiedene Bücher schon geschrieben hat, worin er sich bekannt hat zur Anerkennung einer geistigen Welt, daß Sir Oliver Lodge ein solches Buch schrieb, das Dinge enthält, das, wenn es so genommen werden würde, wie Sir Oliver Lodge meint, eigentlich zum Allerbedeutsamsten gehören müßte, was man sagen kann in der gegenwärtigen Zeit. Die Tatsache ist diese:
[ 38 ] Sir Oliver Lodge hatte einen Sohn, der 1889 geboren war und der, als der Krieg ausbrach, sich dem Kriegsdienste zur Verfügung stellte, während Lodge und seine Gattin selber in Australien waren, und der dann im März 1915 — der Sohn, Raymond Lodge — an eine sehr gefährliche Stelle der Kriegsführung kam und, man kann sich denken, an dieser gefährlichen Stelle — er kam auch in die Nähe von Ypern den Eltern mancherlei Sorge machte. Nun bekam Sir Oliver Lodge eine im August 1915 geschriebene Botschaft von Mrs. Piper aus Amerika. Von Mrs.Piper, einem amerikanischen Medium, bekam er eine Botschaft, eine Botschaft, welche einen merkwürdigen Inhalt hatte, der etwa also, wie es hier mitgeteilt ist, so lautete: Myers wird teilnehmen an Ihnen in dem, was das Schicksal über Sie verhängt und wird Sie beschützen. — Aber dieses wurde gekleidet in eine klassische Form, in ein Horaz-Wort. Also Sir Oliver Lodge bekam von einem amerikanischen Medium im August — im August war sie geschrieben — die Mitteilung, daß Myers, der früher Vorsitzender war der Society for Psychical Research in London, aber vor vierzehn Jahren gestorben ist, daß Myers bei einem schweren Fall, welcher treffen soll Sir Oliver Lodge, ihn beschützen und ihm beistehen werde, also zu seinem Schutze arbeiten wird. Ich bitte, Rücksicht zu nehmen darauf, daß nichts steht in dieser Mitteilung, als daß bei einem schweren Fall Myers beistehen werde dem Sir Oliver Lodge.
[ 39 ] Nun fiel im September 1915 der Sohn Raymond Lodge, und da bezog Sir Oliver Lodge zunächst in seinen Gedanken die Mitteilung, daß Myers ihm beistehen werde, auf den Tod des Sohnes. Nun kam die Familie des Sir Oliver Lodge in Zusammenhang mit allerlei Medien; mehrere Medien sind zugleich aufgetreten. Diese Medien, die brachten allerlei Botschaften. Diese Botschaften liefen jetzt nach und nach alle darauf hinaus: Dein Sohn, oder euer Sohn — es wurden auch mit Lady Lodge diese Sitzungen abgehalten — ist mit Myers zusammen; Myers hilft ihm, und eurem Sohn ist jetzt alles daran gelegen, daß ihr von ihm erfahrt, und daß namentlich Sir Oliver Lodge dadurch einen Zusammenhang mit der geistigen Welt erhält. — Wenn man sich die verschiedenen Kundgebungen der einzelnen Medien durchliest, so wie sie hier zunächst wiedergegeben sind, so merkt man überall ganz genau: es sind überall interessante Steigerungen drinnen; es tritt alles in einem ganz bestimmten Momente auf. Es werden Frageni gestellt und so weiter, und beantwortet von den Medien; der Verlauf ist außerordentlich interessant. Und sogar bis zu dem kommt es, daß ein Bild von Raymond Lodge, das man nicht kannte in der Familie, aufgefunden wird dadurch, daß der Sohn, der verstorbene Sohn, auf dieses Bild hinweist, es beschreibt, und es wird dann so gefunden, wie er es beschrieben hat. Kurz, es scheint in diesem Buche mit außerordentlicher Genauigkeit und Exaktheit das zusammengestellt worden zu sein, was man ja in sehr vielen spiritistischen Sitzungen bekommen kann und was führen kann zu dem, was da erzählt ist. Sir Oliver Lodge war ja schon immer etwas dafür, solche Dinge zu treiben; seine Söhne haben das offenbar nicht gern gehabt; aber durch das, was da vorgekommen ist, sind auch sie überzeugt worden. In aller ausführlichen Weise scheint nun Sir Oliver Lodge geschrieben zu haben, wie diese Brücke durch die verschiedenen Medien zu seinem Sohne hinübergezogen worden ist.
[ 40 ] Das Wichtige, was da vorliegt, das ist das, daß eine so angesehene Persönlichkeit veranlaßt wird, auf dem Wege des Mediumismus hinüberzukommen in die geistige Welt. Ich muß sagen: So viel ich bis jetzt weiß über die verschiedenen Sitzungen, bieten die Sitzungen an sich nichts übermäßig Neues. — Aber etwas anderes ist sehr wichtig: daß eine Persönlichkeit allerersten Ranges der Gegenwart, eine wissenschaftliche Persönlichkeit, die, wenn sie in dieser Weise schreibt, auf das Intellektuelle der Menschen einen großen Einfluß gewinnen kann, daß eine solche Persönlichkeit getrieben wird, in dieser Weise zu schreiben. Das ist sehr wichtig, denn dadurch werden viele Leute zum Mediumismus getrieben, getrieben auf diesen Weg, der auf diese Weise den Zusammenhang mit der geistigen Welt sucht.
[ 41 ] Es liegt natürlich auch da nichts anderes vor, als was der Mißgriff war damals, als man durch den Spiritismus das erreichen wollte, was ich Ihnen ja beschrieben habe. Aber nun, ich bitte Sie, verfolgen Sie die Sache etwas genauer. In der ersten Mitteilung von dem Medium Piper, die Sir Oliver Lodge bekommt aus Amerika herüber, steht nur etwas von einem Faktum, das eintreten werde und demgegenüber Myers ihn beschützen wird. Schön, dieses Faktum konnte in der verschiedensten Weise eintreten. Nehmen wir an, der Sohn wäre nicht gefallen, so wäre es mit dieser Mitteilung durchaus vereinbar, daß man sagt: Nun ja, du bist darauf hingewiesen worden, daß Myers von der geistigen Welt aus deinen Sohn hier beschützt vor dem Tod auf dem Schlachtfelde. — Daß man, nachdem der junge Raymond Lodge an einer gefährdeten Stelle des Schlachtfeldes war, das in Amerika drüben auch gewußt haben kann, das werden Sie nicht weiter bezweifeln, und daß man daher so sprechen konnte, wie manchmal ein altes Orakel gesprochen hat: Myers wird den Sohn beschützen — und sich nachher hätte darauf berufen können, wenn der Sohn durchgekommen wäre: Er hat ihn beschützt, indem er ihn durchgebracht hat; wenn der Sohn aber fällt, man das darauf beziehen kann, daß der Myers nun von der geistigen Welt aus den Sohn zusammenbringt, in eine Verbindung bringt mit dem Vater; das ist auch möglich. Also die Mitteilung war zunächst sehr schlau gehalten. Von Amerika herüber wurde die Sache eingefädelt; dann — solche Brüderschaften erstrecken sich selbstverständlich sehr weit —, dann wurde herangebracht an Lady Lodge das nächste Medium. Man braucht gar nicht zu wissen, auf welchem Wege eine solche — wie es hier genannt wird — anonyme Sitzung zustande kommt. Da wird zunächst so vorgegangen, wie bei den Sitzungen vorgegangen wird. Aber jetzt ist bereits die Trauerkunde längst da; Lady Lodge hat in ihrer eigenen Psyche alle die Nachwirkungen dieser Trauerkunde. Das kann ja eben gezeigt werden, daß dasjenige, was in einer Seele lebt, hinübergeht in die andere Seele und durch das Medium spricht. Außerdem, in der Seele der Lady Lodge hat natürlich in der Weise, wie wir das kennen, der Sohn über den Tod hinaus fortgelebt. Dasjenige, was also durch das Medium zustande gebracht worden ist, ist lediglich die Wiedergabe desjenigen, was in der Seele derLady Lodge. war, oder in den Seelen der anderen Familienmitglieder. Man kann es sogar sehr schön schon aus dem Protokoll studieren, weil sich das abstuft je nach dem Charakter derjenigen, die als Maßgebende bei diesen Sitzungen sitzen. Auch der Name Myers tritt auf bei Medien, dieMyers nicht gekannt haben. Das ist aber nicht weiter wunderbar, denn Sir Oliver Lodge war sehr gut befreundet mit Myers, hat mit ihm zusammen gearbeitet und so weiter, kurz, würde Sir Oliver Lodge so experimentieren, daß er, abgesehen von dem persönlichen Interesse, das er an dem Sohne nimmt, bloß nachweisen wollte, wie man es zuerst wollte, daß geistige Wirkungen in unserer Umgebung sind, dann wäre ja alles gut. Aber dieser Pfad ist ja verlassen worden.
[ 42 ] Es handelt sich also um nichts Geringeres, als selbstverständlich darum, daß von irgendeiner Seite her — auch diese Seite wird das Buch ganz klarlegen, ich will heute darüber noch kein Urteil fällen —, daß von irgendeiner Seite her benützt werden soll Sir Oliver Lodge, um Sonderzwecke, ganz bestimmte Sonderzwecke zu erreichen. Gerade dies wird höchst wahrscheinlich ein charakteristischer Fall sein für einen Vorstoß, den wiederum eine sehr trübe okkulte Brüderschaft macht, um durch die Konstellationen, die hier eingetreten sind, möglichst was man immer will — auch die Wissenschaft zu erobern für den Spiritismus, der immer sehr gern als wissenschaftlich gelten will und durch den man sehr leicht ganz besondere Sonderzwecke erreichen will.
[ 43 ] Es war ja von einer anderen Stätte in Amerika, um nur ein Beispiel zu erwähnen, versucht worden, die Reinkarnation dem Menschen auszutreiben. Was hat man getan? Man hat in der Zeit, in der schon das eingetreten war, was ich charakterisiert habe, der Spiritismus verlassen war von den ernsthaften Okkultisten, man hat ich glaube, Langsdorff hieß der betreffende Mann — allerlei Sitzungen veranstaltet in den verschiedensten Orten, in denen die Medien immer in Zusammenhang gebracht worden sind mit Toten, und die Toten haben überall davon gezeugt, daß gar keine Rede davon ist, daß man hier wartet auf eine künftige Wiederverkörperung. So hat man gerade von da aus die Lehre von den wiederholten Erdenleben bekämpft. Man kann ungeheuer viel erreichen, wenn man die Sache als Kundgebungen der Toten an die Menschen herankommen läßt.
[ 44 ] Weil ich in der letzten Zeit über diese Dinge gesprochen habe, und weil mir dies zunächst ein ganz besonders hervorragendes Beispiel zu sein scheint, habe ich es sehr rasch vor Ihnen wenigstens mit ein paar Gedanken besprechen wollen. Denn, was wird die Welt erfahren? Die Welt wird erfahren, daß ein großer Gelehrter sich zum Spiritismus bekannt hat, wird das Buch lesen und höchstwahrscheinlich — das zeigt schon diese Probe — finden, daß noch niemals der Spiritismus so gut begründet worden ist, wie gerade in diesem Buche. Und wahrscheinlich — wie gesagt, ich spreche heute diesen Anhang mit Reservatio aus, weil ich mir vorbehalte, darauf zurückzukommen, wenn ich das Buch selber gelesen habe —, wahrscheinlich wird eben nichts anderes vorliegen als der Versuch einer sogenannten Brüderschaft des linken Pfades, gerade auf diesem Wege ganz besondere Dinge zu erreichen. Es ist nicht gleich durchsichtig, aber es gibt ja namentlich zahlreiche Brüderschaften, welche auf diese Weise ihre Sonderzwecke erreichen wollen; und man erreicht mehr auf diese Weise, als man gewöhnlich glaubt. Doch auch von diesen Dingen werden wir ja noch weiter sprechen.
