Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band I
Wege zu einer objektiven Urteilsbildung
GA 173a
4 Dezember 1916, Dornach
Erster Vortrag
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Da wir heute einen einzelnen Vortrag haben, so darf es wohl auch eine Art eingeschobener sein — mit Betrachtungen, die vielleicht herausfallen aus dem fortlaufenden Gange, die aber als episodische immer auch wiederum eingeschoben werden müssen. Wir werden ja dann am nächsten Sonnabend mit unseren fortlaufenden Betrachtungen weiterfahren.
[ 2 ] Durch all die Auseinandersetzungen, die wir hier schon seit Jahren pflegen, ging als ein roter Faden hindurch, wie sehr es darauf ankommt, daß der einzelne, der in der Lage ist, von den Impulsen der Geisteswissenschaft ergriffen zu werden, dies auch insofern werde, als er ein Empfinden, ein Gefühl dafür bekommt, wie sich diese Geisteswissenschaft in alles das hineinstellt, was die Menschheit bisher in ihrer Entwicklung an die Oberfläche befördert hat — an die Oberfläche des Geisteslebens, im Grunde aber allen Lebens, denn es ist nur eine triviale Anschauung, daß das Geistesleben eine Sache für sich sein könne. In Wahrheit ist alles scheinbar materialistische Leben in der Welt nichts anderes als eine Wirkung des geistigen Lebens.
[ 3 ] Zunächst sieht man den Zusammenhang des materiellen Lebens mit dem geistigen Leben wenig ein, wenn man, wie es heute so vielfach der Fall ist, das geistige Leben nur in einer Summe von abstrakt-philosophischen, abstrakt-wissenschaftlichen und abstrakt-religiösen Vorstellungen sieht. Denn das wird Ihnen ja aus den bisherigen Betrachtungen hinlänglich hervorgegangen sein, daß auch die religiösen Vorstellungen der Gegenwart in alleräußerstem Maße betroffen sind von der Abstraktion, von demjenigen, was an Vorstellungen und an Empfindungen entfaltet wird, ohne daß unmittelbar wirklich spirituelles Leben darinnen pulsiert. Solche abstrakte Geisteskultur kann nicht in das wirkliche, äußere Leben eingreifen. Nur diejenige Geisteskultur, [die aus dem Spirituellen schöpft], kann in das äußere Leben eingreifen. Und sie wird immer stärker und stärker eingreifen müssen in der zukünftigen Entwicklung der Menschheit, wenn diese nicht völlig in die Dekadenz kommen will. Das sehen heute noch die wenigsten Menschen ein, weil die wenigsten ein Empfinden dafür haben, was das Geistige eigentlich ist. Nun habe ich ja öfter betont, daß es außerordentlich schwierig ist, gerade in diesen Tagen darüber zu sprechen, wie sich Geisteswissenschaft hineinstellt in die verschiedensten, uns heute ja so schmerzlich berührenden Erscheinungen der Gegenwart.
[ 4 ] Wir haben vor einigen Jahren gewissermaßen zu unserem Geleitspruch das Goethe’sche Wort gewählt: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.» Wir haben es wirklich nicht aus so oberflächlichen Impulsen heraus gewählt, wie man heute oftmals solche Wahlen trifft, sondern wir haben diesen unseren Leitspruch gewählt aus dem Bewußtsein heraus, daß der Mensch in seiner ganzen Seele, in seinem ganzen Gemüte in einer gewissen Weise vorbereitet sein muß, wenn er Geisteswissenschaft in der richtigen Art in seine Seele aufnehmen und wirklich zum Impulse seines Lebens machen will. Die gesamte Vorbereitung, die ein Mensch braucht, um gerade heute in der richtigen Weise in die Geisteswissenschaft einzudringen, kann umfaßt werden mit dem Ausspruche: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit.» Man muß dann allerdings das Wort «Wahrheit» ernst und würdig in jeder Beziehung nehmen. Nun sind wir ja — zunächst rein äußerlich gesehen — mit dem, was sich charakterisiert durch diesen Leitspruch, hineingekommen in eine Entwicklung namentlich des europäischen, aber auch des gesamten Erdenlebens, die gezeigt hat, wie wenig die Seelen ergriffen sind gerade in unserer heutigen, so vielgepriesenen Zeitkultur von dem, was eigentlich in diesem Geleitspruche ausgedrückt werden soll.
[ 5 ] Was ich in solcher Art sage, meine lieben Freunde, bitte, fassen Sie das durchaus nicht so auf, als ob es gemünzt wäre gerade auf unsere anthroposophischen Kreise. Das ist ganz und gar nicht der Fall — damit würden Sie mich ganz mißverstehen. Geisteswissenschaft ist ja etwas, was, wenigstens zunächst, in ideeller Weise sein Verhältnis zu der gesamten Zeitkultur erkennen muß. Und wenn von mancherlei gesprochen wird, was es in dieser Zeitkultur gar sehr unmöglich macht, sich in richtiger Weise zur Geisteswissenschaft zu stellen, so ist natürlich damit am allerwenigsten jener Kreis gemeint, der als anthroposophischer ja in bewußter Art versucht, in die spirituellen Bedürfnisse der Gegenwart, in das, was der Gegenwart heilsam sein muß, einzudringen — bei rechter Würdigung alles dessen, was diese Gegenwart hervorgebracht hat.
[ 6 ] Wir sind hineingeraten — rein äußerlich betrachtet selbstverständlich, es liegen ja innere Notwendigkeiten zugrunde, die durchaus nicht etwa unvorhergesehen gekommen sind —, wir sind hineingeraten in ein Zeitalter, in dem die Menschen im allgemeinen innerhalb des jetzigen Geisteslebens, das an die Oberfläche dringt und jedem vor die Seelenaugen tritt, keineswegs geneigt sind, Wahrheit katexochen, Wahrheit in ihrer allerursprünglichsten und reinsten Bedeutung, zu nehmen. Was die Menschen heute ganz selbstverständlich am allermeisten interessiert, das rücken sie ja keineswegs — auch nicht für die innersten Impulse ihrer eigenen Seele, auch nicht oder zumeist nicht einmal in Feiertagsaugenblicken ihres Empfindens — in das Licht der Wahrheit, sondern sie sehen es, gerade heute, in unserer Gegenwart, unter dem Blickwinkel der Zugehörigkeit zu irgendeiner Volks- oder sonstigen Gemeinschaft. Bewußt und unbewußt urteilen die Menschen heute nach solchen Gesichtspunkten, und je kürzer ihr Urteil gebildet wird, das heißt, je weniger an wirklichen Einsichten in ein solches Urteil einbezogen wird, desto bequemer ist das der heutigen, der unmittelbar heutigen Seele. Daher trifft man so vielfach auf ganz unmögliche Beurteilungen des Großen und des Einzelnen in der Gegenwart, weil diese Urteile auf keine Sachkenntnis gegründet sind — auch gar nicht gegründet sein wollen — und weil diese immer danach streben, abzulenken von demjenigen, worum es sich eigentlich handelt, und auf etwas ganz anderes hinzulenken, worum es sich eben gar nicht handelt.
[ 7 ] Man spricht heute — unter uns sollte es ja selbstverständlich sein, daß wir uns zunächst zur Klarheit bringen müssen, was einen richtigen Beurteilungsmaßstab abgibt für das, was um uns herum vorgeht —, man spricht heute zum Beispiel von den Gegensätzlichkeiten der Völker; man fällt also Urteile über die Völker. Wenn man als der Angehörige eines Volkes spricht, fällt man Urteile über die andern Völker, und man versteht denjenigen nicht, der kein solches Urteil fällt, sondern einfach das beurteilt, was real ist. Und wenn man solche Urteile über die Völker fällt, trifft man ja niemals etwas Reales niemals! Wer aber das Reale beurteilt — nämlich die Wirklichkeiten und dabei dies oder jenes sagen muß über diese oder jene Regierung, über diesen oder jenen Mann in der Regierung, über etwas, was sich innerhalb dieser oder jener Politik abgespielt hat, ob er es nun in einem mehr alltäglichen Zusammenhang sagt oder ob er es auf einen höheren Beurteilungsstandpunkt hinaufrückt — man beurteilt ihn so, als ob er etwas ganz anderes im Sinn hätte, als er tatsächlich hat. Wie leicht kann man es antreffen, daß jemand ein Urteil abgibt über irgendeinen Staatsmann der Gegenwart, der verwickelt ist in die gegenwärtigen Angelegenheiten. Wenn dieser Staatsmann einem bestimmten Volk angehört und ein Urteil über ihn abgegeben wird gegenüber jemanden, der nun auch diesem Volk angehört, dann fühlt sich der Betreffende getroffen, denn er bezieht das, was auf die Wirklichkeit gemünzt ist, nicht auf diese Wirklichkeit, sondern auf — ja irgend etwas, was nicht zu definieren ist, was überhaupt keine Definition hat, wenn man es nicht in geisteswissenschaftlicher Wirklichkeit betrachtet —, er bezieht es auf sein Volk, wie er sagt, oder auf irgendein anderes Volk.
[ 8 ] Und so kommt es denn, daß merkwürdige Urteile heute durch die Welt schwirren: Leute aus bestimmten Völkern beurteilen andere Völker, ohne einzusehen, daß ein solches Urteil überhaupt keinen Inhalt hat, daß es gar nicht hinausgeht über die Worte und es dadurch nicht zu irgendeinem erlebten Inhalte kommt. Bedenken Sie doch nur, was alles notwendig ist, um ein Urteil über ein ganzes Volk abzugeben! Und wieviel wird heute über ganze Völker geurteilt, meine lieben Freunde! Nicht nur das, sondern man engagiert sich innerlich mit seinem Urteil, ohne daß man die nötigen Unterlagen kennt, selbst von den allernotdürftigsten Unterlagen auch nur eine Ahnung hat. Nun ist es ja richtig, daß man nicht von jedem verlangen kann, daß er die Unterlagen kennt, aber man kann von jedem verlangen, daß er dann, wenn er urteilt, seine Urteile bewußt mit einer gewissen Reserve abgibt, daß er sie nicht als absolute Urteile in die Welt hineinstellt. Aber selbst wenn man nicht so weit geht, so muß man sich klar darüber sein, welcher Unterschied besteht zwischen einem inhaltsvollen Urteile, einem inhaltsvollen Satze, und einem inhaltsleeren Satze. Und man kann sagen: Heute besteht die große Sünde unserer Kultur darin, in inhaltslosen Sätzen zu leben, ohne sich klarzumachen, wie inhaltslos diese Sätze sind. Mehr als zu irgendeiner anderen Zeit erleben wir heute, daß gilt: Mit Worten läßt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten. — Aber wir erleben mehr, wir erleben, daß mit Worten, die inhaltslos sind, Geschichte gemacht wird, Politik gemacht wird, und das ist gerade das Betrübliche, daß so wenig Neigung besteht, dieses einzusehen. Nur selten trifft man auf eine wirkliche Empfindung dafür, worum es sich eigentlich handelt auf diesem Gebiet.
[ 9 ] Auf eine solche Empfindung kann man schon heute treffen, aber man trifft sie selten. So konnte ich in diesen Tagen auf Sätze stoßen, die ein Empfinden für das große Manko unserer Zeit enthalten:
Aber mit Staunen hören wir nun von den Propheten der neuen Zeit, daß die alten Worte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur «Händlerideale» waren und durch neue ersetzt werden sollen. So neulich von Professor Kjellen, [...]
[ 10 ] —ich bemerke ausdrücklich, weil das schon in der Gegenwart so notwendig ist: der Professor ist kein Deutscher, sondern ein Schwede, also ein Neutraler—
[...]der in seiner Schrift über «Die Ideen von 1914» den alten Worten von 1789 die neuen von 1914 entgegenhält. Er nennt sie: Ordnung, Pflicht, Gerechtigkeit. Genau besehen sind diese angeblich neuen Worte allerdings auch recht alte, abgebrauchte Worte. Was sich in dieser Gegenüberstellung offenbart, ist der uralte Kampf, der das menschliche Geistesleben charakterisiert, der Kampf zwischen einer inneren Welt freier persönlicher Betätigung und der äußeren Welt des starren Gesetzes, der Zwangsmaßregeln. Schon zur Zeit Christi hat die Gerechtigkeit als Gesetzeserfüllung ihr Gegenwort in der Barmherzigkeit gefunden, so wie die Pflicht in der Liebe, wie die gesetzliche Ordnung in der freiwilligen Nachfolge.
Allerdings denkt auch Professor Kjellen nicht an eine unbedingte Abschaffung der mit dem Absterben des «Ancien Régime» überflüssig gewordenen Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern an eine Synthese zwischen ihnen und den neuen Worten von 1914: Ordnung, Pflicht und Gerechtigkeit. Auch diese Synthese wäre aber nichts Neues, denn sie hat doch wohl in dem England des 18. und 19. Jahrhunderts schon so weit eine Verwirklichung erfahren, als es die Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen zuläßt.
Daß in der Gegenwart diese Synthese nicht mehr wirksam ist, beweist nur, daß alle Werte und Gegenwerte mitsamt ihrer zeitweiligen Synthese zur Phrase werden, sobald der göttliche Funke erlischt, der sie wahr und lebendig macht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bedeuten eine der Formeln, die durch das soziale Gewissen ihre wirkende Kraft erhalten Ordnung, Pflicht und Gerechtigkeit hingegen setzen, um wirksam zu sein, die suggestive Macht einer Autorität voraus. Und da erst, nicht in der Herrschaft einer bestimmten Formel, offenbart sich der Mangel, der das Schicksal der modernen Menschheit im Tiefsten entscheidet: für die Herrschaft der befreienden Werte fehlt bei der Mehrzahl die Kraft des sozialen Gewissens, für die Herrschaft der von außen bindenden Werte die Autorität.
Werte, die nicht tief in der Entwicklung verankert sind, können sehr rasch zur Phrase werden und dem Mißbrauch verfallen.
[ 11 ] Und so weiter.
[ 12 ] Ich sage, man trifft manchmal ganz nah eine solche Empfindung. Aber ich selber brauche ja nicht besonders erstaunt zu sein, daß mir solche Worte sozusagen wie aus einer Oase in der Wüste des gegenwärtigen Phrasenlebens entgegentreten, denn die Worte sind von einer alten Freundin von mir, von Rosa Mayreder, niedergeschrieben und finden sich in der «Internationalen Rundschau» im Novemberheft 1916 und weisen auf vieles hin, was ich mit dieser Persönlichkeit vor vielen Jahren gesprochen habe. Daher brauche ich nicht besonders überrascht zu sein, daß mir dies entgegentritt, aber in einer gewissen Beziehung war ich doch erfreut zu hören, wie eine solche Persönlichkeit weiterdenkt, wenn sie sich auch nicht aufschwingen kann zu einer geisteswissenschaftlichen Auffassung der Welt. Selbst wenn sie bei der unfruchtbaren Kritik stehenbleibt, so muß sie doch sagen:
Alle Probleme der äußeren Weltgestaltung lassen sich auf eines zurückführen — auf das Machtproblem.
[ 13 ] Würde man dies nur beachten, meine lieben Freunde, so würde man heute viel weniger in Phrasen leben, als man es tut.
Im Zentrum aller Händel und Wirren, die in den menschlichen Zuständen herrschen, steht der Kampf einzelner Gruppen und Personen um die Macht. Dieser Kampf um die Macht zwischen ganzen Völkergrup‚pen oder Staatsgebilden ist jenseits aller Phrasen die wahre Ursache jedes Krieges. Krieg ist von dem Streben nach Macht nicht zu trennen; wer den Krieg als solchen bekämpfen will, müßte vorher das Prinzip der Macht entwerten — wie es ja sehr logisch das Urchristentum getan hat. Die Gestalt aber, unter welcher das Machtprinzip in der Gegenwart auftritt, ist schlimmer als je eine zuvor, denn sie bedroht die menschliche Seele in ihren schönsten und edelsten Eigenschaften. Man kann sie als die Mechanisierung des Lebens durch die technisch-öconomische Naturbeherrschung bezeichnen. Es ist das tragische Schicksal des Menschen, daß er immer der Sklave seiner eigenen Schöpfungen wird, weil er deren Folgen nicht im voraus zu berechnen vermag. Und so geschieht es, daß er auch dort, wo er mit seinem Scharfsinn und seiner Erfindung die elementaren Gewalten, denen er hilflos gegenüberstand, in seinen Dienst zwingt, nur wieder der Sklave der unberechenbaren Wirkungen wird, die sie durch ihre Verbindung mit dem Machtprinzip gewinnen. Die moderne Technik, die das menschliche Leben um so vieles erleichtert, wie die moderne Ökonomik, die seine materiellen Mittel so unendlich vermehrt, kehren sich als Werkzeuge des modernen Imperialismus gegen das Wesen der Person, indem sie die Menschen, zur seelenlosen Masse zusammengeballt, in das Räderwerk der Interessen stoßen, die das zivilisierte Leben treiben. Auch der Mensch wird Material und Maschinenbestandteil; soweit er sich dazu eignet, soweit kann er sich behaupten. Was die verflossene Kulturepoche an seelischen Werten aufbaute, muß aber dabei zugrunde gehen.
[...]Gegenwärtig ist diese Kultur nur mehr in den Staaten lebendig, die außerhalb der imperialistischen Konkurrenz liegen oder auf dem Lande und in kleinen Städten, wo es noch Muße und Ruhe gibt, Proportion zwischen Leistungsfähigkeit und Beanspruchung, jene unerläßlichen Voraussetzungen einer schönen Lebenskultur, die in den Zentren der modernen Zivilisation von dem mörderischen Wirbel des Übermaßes zerstampft werden.
[ 14 ] Nun, meine lieben Freunde, solche Stimmen sind doch wiederum ein Beweis dafür, daß das, was der Gegenwart fehlt, von manchen eingesehen wird — viele sind es ja nicht gerade! Aber wenn es sich darum handelt, den lebendigen Impuls der Geisteswissenschaft zu ergreifen, dann schreckt man davor zurück. Man will das nicht, was vor allem geeignet ist, die Wirklichkeit, wie sie ist, zu erfassen; man will das nicht an sich herankommen lassen. Das aber hängt im wesentlichen damit zusammen, daß ein gewisser Grundimpuls des Strebens fehlt, und das ist schon in mancher Beziehung, meine lieben Freunde, der Grundimpuls nach der Wahrheit hin. Der Trieb, die Wahrheit zu suchen in Phrasen, die man aufnimmt und mit denen man sich — meinetwillen noch so enthusiasmiert — durchdringt: damit kann man niemals die Wahrheit finden. Um die Wahrheit zu finden, muß man den Sinn für die Tatsachen haben, gleichgültig, ob diese auf dem physischen Plan oder in der geistigen Welt zu suchen sind. Aber man beobachte nur das Leben, man beobachte, ob heute der Trieb nach Wahrheit Schritt gehalten hat mit dem Scharfsinn, der in die äußere Kultur eingeflossen ist, mit den ungeheuer bewundernswerten Fortschritten, in denen sich diese äußere Kultur verkörpert. Man kann im Gegenteil sagen: In gewisser Beziehung haben die Menschen den guten Willen verloren hinzuschauen, ob das, was in der Wirklichkeit da ist, auch irgendwie im Wahren wurzelt. Man muß sich aber dieses Gefühl für die Wahrheit im alltäglichen Leben aneignen, sonst wird man es nicht hinauftragen können in das Begreifen der geistigen Welten.
[ 15 ] Damit Sie sehen, was ich meine, möchte ich Ihnen an einem Beispiel begreiflich machen, daß auf den Wogen der gegenwärtigen Zivilisation nicht nur die phrasenhafte Lüge, sondern die tatsächliche Lüge wallt und wogt und als Lüge ins Leben eingreift. Sehen Sie, meine lieben Freunde, man kann jetzt zurückblicken auf mancherlei Geschehnisse, die ganz Europa durchbeben. Man muß Jahrzehnte zurückgehen und in diesen Jahrzehnten genau die Ereignisse in ihren wesentlichen Charakterzügen kennen, wenn man überhaupt ein Urteil haben will über das, was gegenwärtig die Welt durchbebt. Man muß Jahrzehnte zurückgehen, aber man muß ein Auge haben für Wirklichkeiten.
[ 16 ] Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß in gewissen okkulten Bruderschaften des Westens — für mich nachweisbar in den neunziger Jahren — von dem gegenwärtigen Weltenkriege die Rede war und daß dazumal die Schüler dieser okkulten Bruderschaften unterrichtet wurden durch Landkarten, durch die man ihnen gezeigt hat, wie Europa verändert werden sollte durch diesen Weltkrieg. Auf diesen Weltkrieg hat man insbesondere in englischen okkulten Bruderschaften hingewiesen als auf einen solchen, der kommen muß, den man förmlich heranlotste, den man vorbereitete. Dabei weise ich durchaus auf Tatsachen hin; und nur aus gewissen Gründen, die ich schon angedeutet habe, sehe ich davon ab, Ihnen Landkarten aufzuzeichnen, die ich Ihnen leicht aufzeichnen könnte und die in den okkulten Bruderschaften des Westens durchaus figuriert haben.
[ 17 ] Nun rechneten diese okkulten Bruderschaften und alles, was sich an sie angliederte, durchaus mit großen Umwälzungen, welche vorzugehen haben — ich sage jeden Satz mit vollem Bedacht —, welche vorzugehen haben zwischen der Donau und dem Ägäischen Meere und dem Schwarzen Meere und der Adria, vorzugehen haben im Zusammenhang mit dem großen europäischen Krieg, auf den sie hindeuteten. Und einer der Sätze, den ich in gewissem Sinne wörtlich zitieren will, einer der Sätze, der da figuriert hat, das ist der: Wenn nur ein wenig weiter sein werden die Träume der Panslawisten, dann wird sich zunächst auf dem Balkan mancherlei verwirklichen, was und man meinte im Sinne dieser okkulten Bruderschaften —, was im Sinne der europäischen Entwicklung ist.
[ 18 ] Das ist ein großes Netz [von Verflechtungen], möchte ich sagen, auf das ich zunächst Ihre Seele hinweisen will. Von den panslawistischen Träumen wurde in diesen okkulten Bruderschaften immer und immer wieder gesprochen. Nicht von Kulturträumen, die selbstverständlich voll begründet wären — und wer hätte denn gründlicher hingewiesen auf dasjenige, was in der Seele des Ostens ist, als gerade wir in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung —, nicht von Kulturträumen, aber von politischen Träumen sprach man, von politischen Umwälzungen. Nun, sehen Sie, da diese panslawistischen "Träume eine solche Rolle gespielt haben, so kann man sich gewiß ein wenig ansehen die Wirklichkeiten des physischen Planes, die da gewirkt haben und von denen ich nur ein Beispiel anführen will.
[ 19 ] Es gab durch Jahrzehnte hindurch — wirklich durch Jahrzehnte hindurch — ein «Slawisches Wohltätigkeitskomitee», welches unter dem Protektorate der russischen Regierung stand. Nicht wahr, was kann es denn Schöneres geben als ein «Slawisches Wohltätigkeitskomitee» unter dem Protektorate einer mächtigen Regierung — was kann es Schöneres geben? Nun, meine lieben Freunde, ich möchte Ihnen, da ich dieses Komitee erwähnt habe, ein kleines Briefchen vorlesen, das mit diesem Komitee zu tun hat und das datiert ist vom 5. Dezember 1887. In diesem Briefchen steht folgendes:
Der Präsident des Petersburger Komitees der Slawischen Wohltätigkeitsgesellschaft hat sich an den Minister des Äußeren mit der Bitte um Waffen und Munition für die Expedition Nabokov gewendet.
[ 20 ] Also nicht um Hemdchen und Höschen für Kinder, sondern um Munition für eine gewisse Expedition, die dazumal zusammenhing mit der Erregung von Revolutionen in den einzelnen Balkanländern! Daraus sehen Sie vielleicht, wie das, was wahrlich Lüge ist, schwimmt im öffentlichen Leben — die realisierte Lüge schwimmt im öffentlichen Leben. Ein Wohltätigkeitskomitee — harmlos selbstverständlich, ja anerkennenswert! Aber dieses betreibt die Geschäfte der verschiedenen mit der russischen Regierung zusammenhängenden revolutionären Komitees, die die Aufgabe haben, in einer gewissen Weise die Balkanstaaten zu durchwühlen. Vielleicht darf ich noch eine kleine Notiz, ein Notizchen hinzufügen — es wäre mir leicht, diese Notiz zu verzehnfachen, zu verzwanzigfachen.
[ 21 ] An der Spitze einer gewissen Regierung des Balkans stand im Jahre 1914, in dem verhängnisvollen Jahre 1914, ein gewisser Herr Pašič — man wird sich an den Namen wohl noch erinnern. Jener Herr Pašič war etwas früher, als noch die Obrenoviči in Serbien regierten, verbannt aus Serbien in einen andern Balkanstaat. Man kann fragen, was tat er denn da? Nun, ich will keine eigene Kritik über diesen Herrn geben, aber ich möchte Ihnen wiederum ein kleines Briefchen vorlesen. Da heißt es so:
Geheime Mitteilung des Präsidenten des Komitees der Slawischen Wohltätigkeitsgesellschaft in Petersburg an den Konsulatsverweser in Ruščuk, de dato 3. Dezember 1885 Nr. 4875.
[ 22 ] Damit Sie nicht glauben, ich erfinde oder erzähle eine Anekdote, gebe ich Ihnen auch die Nummer aus dem Aktenfaszikel — Nr. 4875. Also:
Auf die Mitteilung des Direktors des Asiatischen Departements habe ich die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren hierbei 6000 Rubel zu übersenden, mit der ergebenen Bitte, diesen Betrag dem serbischen Emigranten Nicola Pašič durch Vermittlung der in Ruščuk lebenden Witwe Natalie Karavelov zu zahlen. Von dem Empfange und der Übergabe der Summe wollen Sie uns gütigst benachrichtigen.
[ 23 ] Sie sehen, wie auch diejenigen in den verhängnisvollen Ereignissen Europas eine gewisse Rolle spielten, die als die harmlose «Slawische Wohltätigkeitsgesellschaft» wirkten. Wäre es nicht gut, einen Instinkt für die Wahrheit insofern zu haben, als man nicht überall gleich leichtsinnig auf Namen hin — das heißt auf Phrasen hin — die Dinge so nimmt, wie sie sich geben, sondern den Willen entwickelt, sie ein wenig zu untersuchen? Andernfalls urteilt man in höchst leichtfertiger Weise, und Leichtfertigkeit in der Beurteilung ist etwas, was einen immer mehr von der Wahrheit abbringen muß. Gegenüber dieser Tatsache, daß einen Leichtfertigkeit des Urteils von der Wahrheit abbringt, gibt es nie die Entschuldigung, man habe dies oder jenes nicht gewußt, denn das, was wir in unseren Seelen tragen als ein Urteil, ist eine Tatsache und wirkt in der Welt. Und ein jeder sollte sich bewußt sein, daß das, was er in der Seele trägt, in der Welt wirkt. Zumeist ist es ja nur der Widerglanz dessen, was, über den breiten Horizont des Lebens hin wirkend, das Dasein beherrscht.
[ 24 ] Man kann heute — das erwähne ich nur nebenbei — mancherlei Urteile hören über die verschiedenen Beziehungen zwischen den Staaten, was man heute aber, um eine Phrase an die Stelle der Wahrheit zu setzen, «Beziehungen der Völker» nennt. Man kann heute Urteile hören über die Beziehungen der Staaten untereinander, ohne daß derjenige, der diese Beziehungen beurteilt, sich auch nur ein wenig die Mühe macht, sich die Unterlagen dafür zu holen, trotzdem sie manchmal leicht zu finden wären. Selbstverständlich gilt gerade für solche Dinge das, was ich sage, nicht als eine Charakteristik jener, die mit uns hier in der Anthroposophischen Gesellschaft vereinigt sind. Aber wir stehen ja mitten drinnen in der Welt, oder mindestens stehen wir durch einen höchst verhängnisvollen Umstand mitten drinnen in der Welt, indem wir nämlich immer dasjenige auf uns wirken lassen, was gewisse Leute eine Großmacht genannt haben: die Presse! Und diese Wirkung der Presse ist wirklich die verhängnisvollste, die es heute geben kann, denn sie verfälscht und trübt im Grunde genommen alles. Wie wenig würde geschrieben, wenn diejenigen Leute, die schreiben, wirklich berufen wären zu schreiben. Wie viele Leute schreiben heute über das Verhältnis von Rumänien zu Rußland oder von Rumänien zu den andern Staaten! Und es fällt ihnen gar nicht ein, daran zu denken, daß die einfachste Voraussetzung für einen heutigen Menschen, um über dieses Verhältnis etwas Vernünftiges zu sagen, wäre zum Beispiel, die Memoiren des verstorbenen Königs Carol durchzulesen. Wer schreibt, ohne dies getan zu haben, schreibt einfach Dinge, die nicht wert sind, überhaupt gelesen zu werden, auch nicht von den primitivsten Menschen. Die Zeiten sind ernst, deshalb können auch nur ernste Welt- und Lebensanschauungen diesen Zeiten in Wirklichkeit dienen. Und da handelt es sich gerade darum, das ein wenig zu empfinden, was ich schon oftmals als eine notwendige Empfindung charakterisiert habe: vor allen Dingen nicht rasch urteilen, sondern die Dinge nebeneinander stellen und sie betrachten, damit sie uns etwas sagen — sie werden uns im Laufe der Zeit allerlei sagen. Sich bekannt machen mit möglichst vielem — das ist es, was am besten vorbereitet, um wirklich in die schwierigen und verwickelten Verhältnisse des gegenwärtigen Lebens einzudringen.
[ 25 ] Sehen Sie, ohne daß ich damit ein Urteil aussprechen will, möchte ich etwas erzählen, einfach erzählen — ich will damit nicht ein Urteil aussprechen, sondern eben gerade andeuten, wie man so etwas, wie ich es jetzt erzählen will, hinstellen sollte neben anderes, was geschieht. Es ist ja bekannt, welche bedeutungsvolle Rolle die rumänische Armee gespielt hat in dem Russisch-Türkischen Kriege. Es trat in diesem Kriege ein Moment ein, in dem der Großfürst Nikolaus — er spielte damals, in diesem Kriege, [wie sein gleichnamiger Sohn heute], eine wichtige Rolle — ungefähr so nach Rumänien schrieb, nachdem man vorher gefordert hatte, durch Rumänien durchmarschieren zu können:
Kommt uns zu Hilfe, überschreitet die Donau, wie Ihr wollt, unter welchen Bedingungen Ihr wollt; aber kommt rasch, denn die Türken machen uns den Garaus.
[ 26 ] Dann ist durch das Eingreifen der rumänischen Armee, wie ja bekannt ist, für Rußland eine günstige Entscheidung herbeigeführt worden. Danach wollte König Carol von Rumänien auch an der Festlegung der Friedensentscheide teilnehmen. Das ließ man nicht zu, und da er eine ziemlich energische Haltung gegenüber der russischen Regierung einnahm, so konnte man eine sehr merkwürdige Erfahrung machen. In Bukarest hielten sich noch russische Truppen auf, und man konnte sich sehr leicht überzeugen, daß die Absicht bestand — bei solchen Zusammenhängen, wie ich sie Ihnen jetzt angedeutet habe, werden Sie begreifen, daß solche Absichten bestehen konnten —, daß die Absicht bestand, den König zu entfernen. Und als er verlangte, daß die russischen Truppen abziehen, hat ihm der damalige Minister Gor&akov eine außerordentlich brüske, eigentlich scheußliche Antwort gegeben. Da hat er nachgedacht — zuweilen denken solche Menschen auch nach — und hat sich damit getröstet, daß wenigstens der Zar Alexander mit so etwas nicht einverstanden sein werde und daß dieses nur auf Übergriffen des Gorčakov beruhe. So schrieb er denn an den Zaren und bekam von ihm die Antwort, die ich Ihnen in den entscheidenden Sätzen wörtlich vorlesen will:
Die peinlichen Verhältnisse, die das Verfahren Ihrer Minister geschaffen, konnten das herzliche Interesse nicht ändern, das ich für Sie empfinde; ich bedaure, daß ich die eventuellen Maßregeln andeuten mußte, zu denen mich die Haltung Ihrer Regierung nötigen würde.
[ 27 ] Ich erzähle solch ein Faktum nur, um ein Beispiel zu geben, wie man die Ereignisse der letzten Jahrzehnte nebeneinander stellen sollte, damit einem aus den Ereignissen heraus dieses oder jenes Urteil entgegenspringen kann, denn die Ereignisse allein können zu einem wirklich inhaltsvollen Urteile verhelfen, und es sind schon einmal gerade die Ereignisse der letzten Jahrzehnte von solcher Art, daß sie sich gar nicht summarisch beurteilen lassen, weil viel zu viele Fäden zusammenlaufen. Aber bei jedem Urteil muß man ferner ins Auge fassen, woher die Beurteilungsimpulse kommen, ob gewissermaßen die Perspektive in der richtigen Weise eingestellt ist. In dieser Beziehung kann man die allerschmerzlichsten Erfahrungen machen. Und ich muß gestehen, daß ich selber gegenüber den vielen Unfreundlichkeiten, denen ich in der Gegenwart gerade mit Bezug auf diese Tatsache so häufig begegne, die schmerzliche Empfindung habe, wie wenig Neigung vorhanden ist in der Welt, Urteile perspektivisch einzustellen, in der richtigen Weise perspektivisch einzustellen. Wie wenig wird man verstanden, wie wenig ist auch nur der Wille vorhanden, einen zu verstehen, wenn man versucht, die Dinge so zu beurteilen, daß man für sein Urteil die richtige perspektivische Einstellung zu gewinnen sucht.
[ 28 ] Ich muß gestehen, ohne daß ich jetzt meine eigene Meinung nach der einen oder andern Seite hin aussprechen will: Ich bin außerhalb Deutschlands kaum einem freundlichen Urteile, einem wirklich verständnisvoll-freundlichen Urteil über Deutschland begegnet — wohl Urteilen, die mit einer ungeheuren Sicherheit abgegeben werden, aber einem wirklich verständnisvollen Urteile nicht. Dagegen [begegnete ich] ungeheuer vielen außerordentlich wohlwollenden Urteilen über jene Gebiete, die rings um Deutschland liegen — ich erwähne das nur als Tatsache! Selbstverständlich wundert mich das nicht — niemand soll glauben, daß ich dies als eine Tatsache nehme, über die ich mich wundere. Das ist durchaus nicht der Fall — im Gegenteil, ich wundere mich gar nicht darüber, sondern ich versuche nur zu begreifen, warum es so ist. Aber es handelt sich darum zu bemerken, daß der Wille, sich perspektivisch einzustellen, gar nicht vorhanden ist, daß man nicht einmal ahnt, daß das Urteil eine ganz andere, eine perspektivische Einstellung braucht, wenn man heute zum Beispiel dasjenige, was ringsherum wohnt, beurteilen will — das ahnt man gar nicht einmal. Man ahnt gar nichts davon, was es heißt, daß in dem, was Mitteleuropa umschließt, jeder einzelne Mensch als Individuum angegriffen oder bedroht ist, so daß es sich da um menschliche Angelegenheiten handelt, währenddem es sich ringsherum um staatliche Angelegenheiten, um politische Angelegenheiten handelt; man ahnt gar nichts davon, daß das eine ganz andere Beurteilungsperspektive abgeben muß.
[ 29 ] Man urteilt so auf gleich und gleich, möchte ich sagen, was gar keinen Sinn hat in diesem Falle. Denn man zieht zum Beispiel — wie gesagt, ich will nur über das Formale der Urteile sprechen, ohne eine Meinung abzugeben —, man zieht zum Beispiel nicht in Rechnung bei dem, was man als Urteil in der Welt überall faßt — und jetzt bitte ich durchaus zu berücksichtigen, damit nicht auch hier das eintritt, daß man auf ein Volk bezieht, was gar nicht in bezug auf das Volk gemeint ist —, man zieht nicht in Betracht, daß dasjenige, was man das Britische Reich nennt, ein Viertel der ganzen gegenwärtigen trockenen Erde in seinen Herrschaftsbereich einbezogen hat — ein Viertel, Rußland ein Siebentel — ich nehme die Zahl nicht zu groß —, Frankreich ein Dreizehntel. Das gibt addiert ungefähr die Hälfte der nicht vom Meere bedeckten, trockenen Erde! Ich begreife es, meine lieben Freunde, daß sich das Wohlwollen, das sich dieser Seite zuwendet, selbstverständlich berechnen läßt, indem man es, wie der Mathematiker sagt, mit einem gewissen Quotienten multipliziert, nämlich mit der Größe. Man ist ja selbstverständlich abhängig von dem, was die Hälfte der Erde beherrscht. Ich begreife es. Aber daß man sich das nicht gesteht, sondern daß man allerlei moralische Formeln, das heißt Phrasen braucht, das ist es, was als schlimmer Gedanke in Betracht kommt. In dem Augenblicke, wo man sagen würde, man kann doch nicht anders, als mit der Hälfte der Erde zu gehen, in dem Augenblicke wäre ja alles ganz gut, aber man wird sich wohl hüten, dies zu sagen. Nur nebenbei will ich erwähnen, daß Deutschland ein Dreiunddreißigstel des Bodens der Erde besitzt mit allen seinen Kolonien, die es besessen hat. Diese Dinge sind durchaus zu berücksichtigen.
[ 30 ] Und nun frage ich Sie, meine lieben Freunde: Muß man in das Urteil so etwas nicht einbeziehen? Was vorhin in dem Aufsatze «Imperialismus» genannt worden ist, das kommt ja natürlich in Betracht als Ausbreitung der Herrschaft über die Territorien der Erde. Der größte Imperialismus ist selbstverständlich der britische Imperialismus — ich meine, darüber kann es keinen Streit geben. Ich rede jetzt nicht von meinen Meinungen, ich rede nur von dem, was auf Tatsachen hinweisen soll. Ich bitte, mich durchaus nicht so zu verstehen, als ob ich irgend jemanden, der einem Volk angehört, in irgendeiner Weise treffen wollte.
[ 31 ] Nimmt man dies zusammen, so braucht es uns nicht zu wundern, daß das Britische Reich — man muß das doch auch wissen und in Erwägung ziehen — den größten Export gehabt hat und selbstverständlich noch hat. Nun trat ein merkwürdiger Umstand ein: Es trat ein Aufholen Deutschlands gegenüber dem britischen Export ein. Wenn man in gar nicht sehr weit zurückliegenden Jahren die Exportzahlen Deutschlands und die Exportzahlen des Britischen Reiches miteinander vergleicht, so war der deutsche Export sehr klein, der britische sehr groß. Aber ich will Ihnen die Exportzahlen für Januar bis Juni 1914 einmal hier auf die Tafel schreiben. Also vom Januar bis Juni 1914, da betrug:
der deutsche Export £1’045’000’000
der britische Export £1’075’000’000
[ 32 ] Denken Sie, es wäre, ohne daß der Weltkrieg gekommen wäre, noch ein Jahr hingeflossen über die europäische Entwicklung, dann würde vielleicht beim deutschen Export eine größere Zahl gestanden haben als da unten beim britischen. Das durfte nicht sein!
[ 33 ] Sie sehen, ohne daß man sich mit seinem Gefühl da oder dorthin engagiert, kann man aber doch die Dinge ins Auge fassen. Und viel wichtiger als die subjektiven Sympathien und Antipathien, viel wichtiger aber vor allen Dingen als dasjenige, was durch die Tagespresse pulsiert in so verheerender Weise, ist das, was einzelne immerhin sich um Objektivität bemühende Menschen über die Ereignisse der Gegenwart denken. Sehen Sie, ich will auch vom okkultistischen Standpunkt in der nächsten Zeit noch etwas tiefer auf diese Dinge eingehen, aber ich würde meine Pflicht versäumen, wenn ich einfach so die Dinge okkultistisch beleuchten würde, ohne daß ich auch auf dasjenige hinweisen würde, was auf dem physischen Plan eine Realität ist. So bequem, meine lieben Freunde, kann ich es Ihnen schon nicht machen, daß ich das Urteil sozusagen nur in ein Wolkenkuckucksheim hinaufhebe, damit niemandem ein Leid geschehe, sondern was über geistige Verhältnisse gesagt wird, muß schon ein wenig auch das beleuchten, was man wissen kann und wissen sollte vom physischen Plan. Und so lassen Sie mich denn auf etwas hinweisen, was Sie ja doch vielleicht interessieren wird und was ja bei der nunmehr, wie ich glaube, selbstverständlichen Vorurteilslosigkeit der hier befindlichen Freunde nicht allzu starken Anstoß erregen wird. Sie werden sehen — ich muß eben meine Pflicht gewissenhaft erfüllen und schon auch solche Unterlagen schaffen. Lassen Sie mich jetzt auf etwas hinweisen.
[ 34 ] Es gibt natürlich innerhalb der Gegenwart durchaus Leute, die sich bemühen, scharf auf die Dinge hinzuschauen, sie so in das Blickfeld zu rücken, wie sie sich zugetragen haben. Man könnte zunächst meinen, na ja, alle Leute seien befangen. Aber sehen Sie, es gibt doch Unterschiede in der Befangenheit, und das sollte man doch auch etwas ins Auge fassen, diese Unterschiede in der Befangenheit. Ich möchte — ohne daß ich die Schrift empfehlen oder ein Lob über diese Schrift sagen will — doch nur erwähnen die immerhin interessante Tatsache, daß ein Schriftchen erschienen ist hier in der Schweiz: «Zur Geschichte des Kriegsausbruches, nach den amtlichen Akten der Königlich Großbritannischen Regierung dargestellt» von Dr. Jacob Ruchti. Diese Schrift weicht gar sehr von dem ab, was man heute überall rundherum auf der halben Erde findet über die sogenannte Schuld der Mittelmächte. Sie tritt in streng wissenschaftlicher Form auf — sogar etwas pedantisch wissenschaftlich, wie man es in historischen Seminarien macht — und benützt als Dokumente vorzugsweise diejenigen der britischen Regierung. Sie kommt zu einem Schlusse, den ich nun doch aus Rücksicht nicht hier wiederholen will, weil er sehr abweicht von dem, was man ringsherum um die europäische Mitte überall sonst als Urteil hat. [Aber einen Satz aus dieser Schrift will ich Ihnen doch vorlesen.] Am Schluß steht:
Aber die Geschichte läßt sich auf die Dauer nicht fälschen, die Legende vermag vor der wissenschaftlichen Forschung nicht standzuhalten, das dunkle Gewebe wird ans Licht gebracht und zerrissen, auch wenn es noch so kunstvoll und fein gesponnen war.
[ 35 ] Diese Schrift, die also im Historischen Seminar einer schweizerischen Universität entstanden ist, wurde sogar von der Universität Bern preisgekrönt. Es gibt also heute eine von einer schweizerischen Universität preisgekrönte Schrift, welche versucht, die Dinge anders darzustellen, als man sie heute sehr häufig von der Peripherie aus dargestellt findet. Das ist immerhin doch eine Tatsache, die berücksichtigenswert ist, denn niemand wird wagen, das Historische Seminar der Berner Universität anzuklagen, etwa bestochen zu sein oder dergleichen.
[ 36 ] Ich will noch eine andere Tatsache anführen. Es gibt seit einiger Zeit eine sehr interessante Diskussion zwischen Monsieur Clemenceau, Mister Archer und Georg Brandes — wie jetzt die Leute schreiben, mit einem Akzent [auf der letzten Silbe]; man war es früher vor dem Kriege nicht gewohnt. Georg Brandes ist Däne, dänischer Schriftsteller. Den meisten von Ihnen wird er bekannt sein, weil er einer der gefeiertsten europäischen Schriftsteller ist. Daß ich ihn heute aus besonderer Vorliebe erwähne, meine lieben Freunde, glauben Sie ja nicht, denn er gehört für mich zu den allerunsympathischsten Schriftstellern; er gehört zu den Schriftstellern, die ich am allerwenigsten leiden kann. Nun will ich ohne weitere Einleitung Ihnen den letzten Artikel, den Brandes in Anknüpfung an eine Auseinandersetzung mit Grey, Archer und Clemenceau geschrieben hat, vorlesen, aber, wie gesagt, ich rechne darauf, daß sich das bewahrheite, was ich mit Bezug auf unseren Kreis vorausgesetzt habe, daß man unterscheiden kann und nicht glauben soll, daß ich irgendeinem Volke etwas am Zeuge flicken will — ich sage ja auch nicht meine Meinung, sondern ich lese Ihnen nur vor. Da schreibt Georg Brandes — Brandes mit Akzent, Clemenceau hat [als erster] angefangen, diesen Akzent zu gebrauchen:
Da ich teils in ausländischen Zeitungen, teils in jenen anonymen Briefen, aus denen die Blüte der dänischen Plebs ihren Duft emporsendet, auch persönlichen Insinuationen begegnet bin, so sei nur folgendes ein für alle Mal bemerkt: Ich habe die Ehre, Mitglied dreier angesehener Londoner Klubs zu sein, war Präsident des einen, Vizepräsident des andern, bin Ehrenmitglied dreier wissenschaftlicher Gesellschaften und Ehrendoktor einer schottischen Universität. Ich bin mithin durch starke Bande an Großbritannien geknüpft, ich bin Englands literarischer und künstlerischer Welt zu tiefem Dank verpflichtet und habe mich stets von britischem Leben und Geist mächtig angezogen gefühlt.
Von seiten des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns habe ich niemals auch nur die kleinste Ehrenbezeugung irgendwelcher Art erhalten, auch nicht das kleinste rote Vögelchen vierter Klasse, ich war weder je Mitglied irgendeines deutschen Vereins noch einer wissenschaftlichen Gesellschaft und habe nie von einer deutschen Universität die kleinste Auszeichnung empfangen.
[ 37 ] Ich habe auch nie gehört, obwohl ich vieles in dieser Richtung gehört habe, daß je irgendeine deutsche Gesellschaft geneigt gewesen wäre, dem Georg Brandes eine Auszeichnung zu geben, wohl aber wacker über ihn zu schimpfen!
Infolge meiner Auslassungen über Nordschleswig schmäht man mich seit fast zwanzig Jahren in der deutschen Presse nach Kräften.
Daß ich also bestochen wäre, Deutschlands Sache zu verfechten, läßt sich eigentlich nicht behaupten.
[ 38 ] Das stimmt durchaus, das stimmt! Nun, meine lieben Freunde, das ist eine kleine Einleitung. Ich füge noch hinzu: Brandes war ein intimster Freund von Clemenceau. Ich selber habe in Österreich einmal eine Bank gesehen, auf der — wie man mir erzählte — Clemenceau und Brandes, als die beiden auf dem Landsitz einer befreundeten Familie waren, in schönster, liebevollster Eintracht gesessen haben und auf welcher die beiden Namen «Clemenceau und Brandes» eingegraben waren. Man nennt seit dieser Zeit in dieser schönen schlesischen Einsiedelei jene Bank die «Clemenceau-Brandes-Bank». Georg Brandes hat einmal in Budapest einen Vortrag gehalten, bei dem er sagte:
Ich werde, da ich die ungarische Sprache nicht handhaben kann, nicht in ungarischer Sprache zu Ihnen sprechen können, und da ich die deutsche Sprache ebensowenig liebe wie Sie selber, so werde ich auch nicht in deutscher Sprache zu Ihnen sprechen, also in französischer Sprache Ihnen den Vortrag halten.
[ 39 ] Sie sehen, es ist nicht die geringste Veranlassung vorhanden für einen Deutschen, irgendwelche besondere Liebe zu Georg Brandes zu entwickeln. Georg Brandes sagt:
Daß ich also bestochen wäre, Deutschlands Sache zu verfechten, läßt sich eigentlich nicht behaupten. Wenn ich unparteiisch ausgesprochen habe, was ich für Wahrheit ansehe, so dürfte das doch auf andern Eigenschaften beruhen als darauf, daß ich — wie Herr Clemenceau mir läppischer weise insinuiert— nach Kaisergunst schiele.
[ 40 ] Ich weiß nicht, ob jetzt, nachdem dieser Satz geschrieben worden ist, der eine oder andere Name gestrichen ist von dieser Bank! Brandes weiter:
Mr. Archer geht von dem Grundgedanken aus, daß einzig die Zentralmächte (gewisse Männer dieser Mächte) an dem Krieg schuld seien und sich auf ihn vorbereitet hätten. Es ist derselbe Grundgedanke, dem man immer wieder bei den Alliierten begegnet: die unvollkommene Vorbereitung auf den Krieg beweise, daß der eine Teil das Lamm, der andere der Wolf sei.
Meiner Ansicht nach beweist der Mangel an Kriegsbereitschaft einer Festlandsmacht im Sommer 1914 an sich nichts anderes als eine gewisse Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, Unordentlichkeit und mangelnde Voraussicht der verantwortlichen Stellen. Deshalb kann eine Nation sehr wohl darauf gehofft haben, durch Krieg in den Besitz gewaltsam entrissener Provinzen zu gelangen. Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß solch ein Krieg schon längst als eine heilige Pflicht von der öffentlichen Meinung bezeichnet wurde und daß man trotzdem saumselig genug gewesen wäre, sein Militärwesen nicht in Ordnung zu halten.
Und was von einer Landmacht gilt, gilt nicht minder von einer Seemacht.
I.
Am 27. November 1911 wurde im englischen Parlament die Anfrage gestellt, ob das Marokko-Übereinkommen zwischen England und Frankreich vom April 1904, sei es von der französischen oder englischen Regierung, so ausgelegt werden könne, als begreife es unter Umständen militärische Unterstützung zu Lande oder zur See in sich und welches eventuell diese Umstände seien. Die Antwort lief darauf hinaus, daß diplomatische Unterstützung keine militärische oder maritime bedinge. Am selben Tag äußerte Sir Edward Grey: Versuchen wir all den Argwohn in bezug auf heimliche Abmachungen loszuwerden. Wir haben dem Unterhaus alle nicht veröffentlichten Artikel des Übereinkommens mit Frankreich von 1904 vorgelegt. Es bestehen keinerlei andere Verpflichtungen. Wir selbst haben seit Antritt der Regierung nicht eine einzige heimliche Abmachung irgendwelcher Art getroffen. Am 3. August 1914 verlas Sir Edward Grey im Parlament unter anderem folgenden Passus eines Dokuments, das er am 22. November 1912 an den französischen Botschafter in London gesendet hatte: «Sie haben darauf hingewiesen, daß im Falle eine der Regierungen ernsten Grund haben sollte, einen nicht herausgeforderten Angriff einer dritten Macht zu erwarten, es für sie von Gewicht sein könnte zu wissen, ob die betreffende Regierung in diesem Falle auf den bewaffneten Beistand der andern rechnen dürfe. Ich bin darin mit Ihnen einig, daß, sofern eine der Regierungen ernsten Grund haben sollte, einen unprovozierten Angriff einer dritten Macht oder etwas («something») den allgemeinen Frieden Bedrohendes (eine äußerst dehnbare Bestimmung) zu erwarten, sie augenblicklich mit der andern erörtern solle, ob beide Regierungen gemeinschaftlich vorgehen sollen, um dem Angriff vorzubeugen und den Frieden zu erhalten, und welche Maßregeln sie in einem solchen Falle gemeinsam zu treffen hätten.» In derselben Rede heißt es: «Wir sind an der französisch-russischen Allianz nicht beteiligt. Wir kennen nicht einmal die Ausdrücke, in denen sie abgefaßt ist.»
[ 41 ] Brandes setzt in Klammern hinzu:
(Eine höchst merkwürdige Aussage.)
Im Februar 1913 sagte Lord Hugh Cecil in der Adreßdebatte: Es ist der Glaube ziemlich allgemein verbreitet, daß das Land eine Verpflichtung eingegangen sei, nicht gerade einen Traktat, aber eine Verpflichtung, die sich auf eine vom Ministerium gegebene Versicherung gründe, mit einer bedeutenden bewaffneten Macht in Europa zu operieren. Mr. Asquith unterbrach hier den Redner mit den Worten: «Ich fühle mich zu der Erklärung gezwungen, daß dies unwahr sei.»
Am 24. März 1913 wurde der Premierminister abermals befragt, ob britische Truppen unter gewissen Umständen einberufen werden könnten, um sie am Kontinent zu landen. Er erwiderte: «Wie schon wiederholt hervorgehoben wurde, hat dieses Land keinerlei der Öffentlichkeit und dem Parlament unbekannt gebliebenen Verpflichtungen, die es zur Teilnahme an irgendeinem Kriege treiben könnten.»
Stimmte [...]
[ 42 ] — so fragt Georg Brandes —
[...] diese Antwort mit der Wahrheit überein? Als im folgenden Jahr neuerlich Gerüchte auftauchten, antwortete Sir Edward Grey am 28. April 1914: «Die Sachlage ist jetzt dieselbe, wie sie der Premierminister in seiner Antwort am 24. März 1913 festgestellt hat.» Auf eine abermalige Anfrage am 11. Juni 1914 erwiderte Sir Edward Grey: «Es bestehen keine unveröffentlichten Abmachungen, die das Parlament oder die Regierung in der Freiheit ihrer Entschließungen, ob Großbritannien an einem Kriege teilnehmen solle, hindern oder einschränken würden.»
[ 43 ] Und Georg Brandes fügt hinzu:
Das kann man wohl ohne Übertreibung Sophisterei nennen.
Es bestand doch der Brief an M. Cambon vom 22. November 1912, der in dem schrecklichen Kanzleistil der diplomatischen Sprache, aber unzweideutig England zur Teilnahme an jedem militärischen Wagestück verband, zu dem Rußland Frankreich zu bewegen vermöchte.
[ 44 ] Der Stil ist in der Tat etwas, das einem fürchterlich wehtut.
Und noch merkwürdiger war der Schluß der Rede des Ministers des ÄuBern, der Jautete: «Wenn jedoch irgendeine Verabredung getroffen werden müßte, die es notwendig machen sollte, die Erklärung des Premierministers vom Vorjahr zurückzunehmen oder abzuändern, so müßte sie meiner Meinung nach dem Parlament vorgelegt werden, und ich nehme es als gegeben an, daß dies auch geschehen würde.»
[ 45 ] Und da fügt Brandes hinzu:
Die ganze Welt weiß, daß es nicht geschah.
II.
Diese aus Parlamentsreden angeführten Stellen beweisen, daß Groß britannien auf einen Krieg mit Deutschland nicht unvorbereitet war.
Mr. Archer betrachtet es als ausgemacht, daß von Deutschlands Seite ein Krieg mit Großbritannien leidenschaftlich herbeigewünscht wurde.
Bekanntlich ist es erwiesen, daß Englands Kriegserklärung von der deutschen Regierung so wenig vorausgeschen war, daß sie Bestürzung erregte. Man mag die deutsche Regierung in diesem Punkt naiv nennen, aber daß sie peinlich überrascht wurde, steht außer Zweifel. Kaiser Wilhelm hatte, wie C. H. Norman schlagend nachgewiesen hat, einigen Grund, auf Englands Neutralität zu hoffen. Er hatte in den Jahren 1900–1901 einer europäischen Koalition vorgebeugt, die England zwingen wollte, den südafrikanischen Republiken unter günstigen Bedingungen Frieden zu gewähren. Er hatte England seine Freundschaft bewiesen, indem er sich weigerte, die Deputation des Burenvolkes, die in ganz Europa gefeiert wurde, in Berlin zu empfangen; er hatte, wie er ausdrücklich in dem bekannten Interview im «Daily Telegraph» 1908 veröffentlichen ließ, die ‚Aufforderung Rußlands und Frankreichs abgelehnt, mit ihnen gemeinsam bei England Schritte zu tun, um dem Burenkriege ein Ende zu machen.
Weder Frankreich noch Rußland haben dem je zu widersprechen gewagt.
[ 46 ] Ich könnte noch manches aus dem Interview jenes «Daily Telegraph» hinzufügen, was noch viel eklatanter sprechen würde als dasjenige, was Georg Brandes hier spricht; aber ich will ja selber nichts hinzufügen!
Besonders erpicht auf einen Krieg mit England war also der Kaiser damals nicht. Und daß er sechs Jahre nach der Veröffentlichung jenes Interviews eifrig darauf bedacht gewesen sein sollte, auf einmal mit dem ganzen Erdball in Krieg zu geraten, davon einen denkenden Menschen zu überzeugen, dürfte nicht leicht sein. Seine Regierung hat falsch gerechnet, hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, das ist klar. Aber gewollt hat sie 1914 den Krieg mit England nicht, und der unbeherrschte Volkshaß gegen die Engländer, der in so abstoßender Weise in Deutschland zum Ausbruch kam, entsprang eben der Überraschung, in Großbritannien einem unerwarteten, einem ungemein starken Feind zu begegnen.
Die deutsche Diplomatie tat, was in ihrer Macht stand, um Englands Neutralität noch im letzten Augenblick zu erringen. Sie ging tastend zu Werke. Der deutsche Kanzler bot Sir Edward Goschen an, für die Unverletzlichkeit des französischen Landgebiets einzustehen für den Fall es Deutschland beschieden sein sollte, Frankreich und Rußland zu überwinden. Sir Edward Grey verhielt sich ablehnend, da Deutschland die Zusicherung nicht auch auf die französischen Kolonien ausdehnen wollte.
Nun fragte Fürst Lichnowsky, der deutsche Gesandte in London, ob England zusagen wolle, neutral zu bleiben, wenn die Deutschen die Neutralität Belgiens nicht verletzten. Diese Zusage wollte Sir Edward Grey nicht geben, er wollte freie Hand bewahren. («I did not think, we could give a promise of neutrality on that condition alone.») Ob er diese Zusage geben würde, falls Deutschland die Integrität sowohl Frankreichs als seiner Kolonien zusicherte? Nein, er wolle sich nicht binden. Ob er also selbst die Bedingungen angeben wolle, unter denen er zum Versprechen der Neutralität geneigt wäre? Auch das nicht. («The ambassador pressed me as to whether I could formulate conditions on which we would remain neutral. He even suggested that the integrity of France and her colonies might be guaranteed. I said that I felt obliged to refuse definitely any promise to remain neutral on similar terms, and I could only say that we must keep our hands free.»)
Wenn Sir Edward Grey hinterher behauptete, Fürst Lichnowsky hätte bei diesen Anerbietungen sicherlich seine Vollmacht überschritten, so doch eben nur, weil der britische Minister des Äußern überzeugt ist und bleibt, daß Deutschland damals eine unbezwingliche Lust hatte, sich gleichzeitig mit Rußland, Frankreich, England und Belgien zu schlagen.
[ 47 ] Nun, meine lieben Freunde, verzeihen Sie, daß ich hier doch eine kleine Einschaltung mache. Es geht Ihnen ja aus dem, was eben gelesen worden ist, hervor, daß es nur eines einzigen Satzes von Grey, eines einzigen Satzes von ihm bedurft hätte, um die Neutralitätsverletzung Belgiens zu verhindern — eines einzigen Satzes! Ich gebe aber Grey keinerlei Schuld, denn er ist der Hampelmann von ganz andern Mächten, von denen ich noch später einmal sprechen möchte — im Gegenteil, ich betrachte ihn als einen ganz ehrlichen, aber außerordentlich stumpfsinnigen Menschen, aber ich weiß nicht, wie weit es gestattet ist, heute solche Urteile abzugeben. Hinzugefügt werden könnte: Es hätte nur eines einzigen Satzes bedurft, so wäre der Krieg im Westen überhaupt unterblieben. Das sind Dinge, die die Welt einmal erfahren wird.
[ 48 ] Ich denke, daß diese Dinge doch einigermaßen schwer ins Gewicht fallen, denn sie sind Tatsachen. Brandes fährt fort:
Wie schon früher ausgeführt und wie es dem gesunden Menschenverstand einleuchtet, war Deutschland auf einen deutsch-russischen Krieg gefaßt, falls ein solcher aus dem Einfall Österreichs in Serbien entstehen sollte. Es wollte Frankreich (und auch Belgien) unbehelligt lassen, falls dieses sich neutral verhielte. Allein Frankreich war bekanntlich fest entschlossen, Rußland zu Hilfe zu kommen, eine Politik, über deren Weisheit die Zukunft ihr Urteil fällen wird, die aber vorläufig dahin geführt hat, daß zehn Millionen Menschen die sieben Tage der Woche damit verbringen, einander kläglich hinzumorden.
Das englische Ministerium des Äußern hatte heimlich — ohne Wissen des Parlaments — Großbritannien verpflichtet, Frankreich im Falle eines europäischen Krieges zu Hilfe zu kommen. Englands öffentliche Meinung hätte vielleicht, infolge der neuen, aber starken Sympathien für Frankreich, diese Verpflichtung, wenn sie bekannt gewesen wäre, gebilligt. Doch sicher würde sie den Zwang nicht gebilligt haben, in den England versetzt wurde, wenn sie alles gewußt hätte, sollte doch durch das Verhältnis Frankreichs zu Rußland, der einzigen Macht, die bei einem Krieg nichts zu verlieren hatte, England zum Kriege gezwungen werden. Rußlands Menschenmaterial ist so groß, daß die Verluste an Menschenleben im Krieg nur wenig in Betracht kommen, und würden die nationalen Leidenschaften entfesselt und führte der Krieg zum Siege, so konnte die konservative Regierung dadurch nur befestigt werden.
III
[ 49 ] Die öffentliche Meinung in Großbritannien würde, wenn sie um die politische Lage, wie sie war, Bescheid gewußt hätte, erkannt haben, daß der Ausgang des Streites für die Freiheit oder das Heil der Menschheit nichts Gutes verheißen könne. Siegten die Alliierten, so bahnte dies nur eine ungeheure Steigerung der Macht Rußlands an, den Sieg eines Regierungssystems, das dem Großbritanniens entgegengesetzt ist. Für das russische Volk, das als Volk Europas Herz gewonnen hat, würde dieser Sieg keinen Fortschritt verheißen. I. Ich glaube nicht, daß mein geschätzter Widersacher, Mr. Archer, den preußischen Militarismus mehr verabscheuen kann als ich. Er wird bedingt durch die zwei langen und gefährdeten Grenzlinien zwischen Deutschland und Rußland auf der einen und Deutschland und Frankreich auf der anderen Seite.
[ 50 ] Bitte, das sagt ein Mensch, der niemals den kleinsten «roten Vogel» bekommen hat, auch nicht vierter Güte!
Was ihn Frankreich gegenüber entschuldbar macht, ist die Tatsache, daß die Franzosen Berlin wohl an zwanzigmal besetzten, während die Deutschen nur zweimal in Paris waren. Er wirkt abschreckend durch sein Kastenwesen und seinen Hochmut. Doch viel schlimmer als der Militarismus anderer Länder ist er wohl kaum.
[ 51 ] Sagt Georg Brandes, der nicht den geringsten «roten Vogel» hat, nicht einmal vierter Güte!
Europa, auch England, beobachtete seinerzeit in der Dreyfus-Affäre mit Besorgnis, welche Formen der französische Militarismus anzunehmen vermag. Was den russischen Militarismus betrifft, so [...]
[ 52 ] —ich sage das wie Georg Brandes selbstverständlich auch mit vollem Herzen —
[...] schlachteten die idyllischen und liebenswürdigen Russen, für die mein geehrter Freund Wells so schwärmt und die es auch uns andern angetan haben, im Jahre 1900 kaltblütig die ganze chinesische Bevölkerung in Blagovesensk und Umgebung. Die Kosaken banden die Chinesen an ihren Zöpfen zusammen und trieben sie auf Booten, die sie nicht zu tragen vermochten, auf den Strom hinaus. Wenn die Frauen ihre Kinder an den Strand warfen und flehten, wenigstens diese zu retten, spießten sie die Kleinen auf ihre Bajonette.
«Ärgeres wie diesen Massenmord in Blagovesöensk haben sich auch die Türken niemals zuschulden kommen lassen», schrieb Mr. FE. E. Smith, der vormalige englische Pressezensor im Jahre 1907, in eben dem Jahr, in dem England und Rußland den Traktat vereinbarten, der Persiens Unabhängigkeit gewährleistete und untergrub.
Derselbe englische Schriftsteller hat die Schilderung bestätigt, die der Korrespondent der «Times» seinerzeit vom japanischen Militarismus gab. Am 21. November 1894 stürmte das japanische Heer Port Arthur und vier Tage lang schlachtete die Soldateska die Zivilbevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, mit äußerster Barbarei: «Vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein vergingen die Tage mit Mord, Plünderung und Verstümmelungen, mit jeder denkbaren Art namenloser Grausamkeit, bis der Ort ein solches Bild des Entsetzens war, daß jeder Überlebende mit Schaudern bis an seinen Todestag daran denken wird.»
[ 53 ] Diese Dinge, die der Georg Brandes sagt, der nicht den geringsten «roten Vogel» vierter Güte hat, die sind natürlich demjenigen wohlbekannt gewesen, der geschrieben hat: Der Krieg bringt selbst die Schrecken des Krieges, und man soll sich nicht wundern, wenn in dem Krieg die modernen Mittel eben gebraucht werden. — Aber ich hörte neulich, gerade dieser Satz in meiner Broschüre würde mir ganz besonders verübelt. Er kann einem nur verübelt werden von Menschen, die gar nichts wissen von der Geschichte und die nicht wissen, wovon eine solche Sache die Folge ist. Georg Brandes sagt weiter:
Es kommt also nicht so sehr darauf an, von welcher Nationalität der Militarismus seine Färbung erhält. Er ist sich überall ziemlich gleich. Ich wünschte, Mr. Archer läse einen Vortrag, den Dr. Vöhringer am 30. Januar 1915 in Hamburg über Deutsch-Afrika hielt. Er würde daraus erfahren, was die deutschen Bewohner von Kamerun, etwa fünfzig Damen und Herren, die von der Kriegserklärung überrascht wurden, zu leiden hatten, als englische Offiziere sie einsperren ließen und dem Befehl von Schwarzen unterstellten, die sie mißhandelten. Sie litten Hunger und Durst. Baten sie um Wasser, so reichte man es ihnen in Unratkübeln, und ein britischer Offizier sagte: «Gleichviel, ob die deutschen Schweine zu trinken haben oder nicht.» Nicht einmal Waschwasser erhielten sie auf der Reise von Lago[s] bis England.
[ 54 ] Ich habe niemanden gelangweilt in meiner Broschüre mit der Erzählung solcher Tatsachen, aber man hat es mir übelgenommen, daß ich nicht in denselben Ton einstimme, in den überall eingestimmt wird. Nicht das, was ich in der Broschüre gesagt habe, wurde angefochten das ging auch aus dem «sauberen» Brief von Edouard Schur6 hervor —, sondern das, was nicht in der Broschüre steht, was ringsherum gesagt wird. Das ist es, was dieser Broschüre übelgenommen worden ist, daß nicht so geschimpft worden ist, wie ringsherum überall geschimpft wird! Georg Brandes sagt weiter:
So sieht der englische Militarismus aus. Ist er um vieles besser als der preußische, wenn das Nationalgefühl bei den Engländern wie bei den anderen Völkerschaften der Erde bis zum Wahnwitz überhitzt ist?
IV.
Möchte[n] nun Mr. Archer und andere hervorragende Männer in und außerhalb Großbritanniens endlich von der ewigen Untersuchung, in die auch ich hineingezerrt wurde, lassen, wer die Schuld an dem Krieg trage und an wem sie durch seinen Ausgang gesühnt werden müsse, und sich lieber der einzig wichtigen und entscheidenden Frage zuwenden, nämlich, wie man den Ausweg aus dieser Hölle finde, von der man in Wahrheit sagen kann, wie es in «Macbeth» heißt:
O horror, horror, horror! Tongue nor heart
Cannot conceive nor name thee.Die Kriegführenden sind unersättlich. Wurde doch in Paris beschlossen, den Handelskrieg bis aufs äußerste fortzuführen, auch wenn der Krieg der Waffen beendet sei. So soll denn die Tollheit nie ein Ende nehmen?
Der Krieg muß ja doch auf alle Fälle mit einer Übereinkunft schließen; und da der Krieg wirtschaftlicher Natur war, muß auch die Übereinkunft eine wirtschaftliche sein. England hat als Freihandelsmacht der ganzen Welt den Weg gewiesen. Abmachungen hinsichtlich der Zollfragen werden unausweichlich sein, und man wird notgedrungen gegenseitige Zugeständnisse machen, größere Freiheit für den Handel anstreben müssen, um schließlich zum Weltfreihandel zu gelangen.
Ein Mann aus dem Lande, das von Anfang an am schwersten unter dem Krieg gelitten hat, ein belgischer Fabrikant aus Charleroi, Mr. Henri Lambert, hat das erlösende, das dem Frieden den Weg bahnende Wort gesprochen, nämlich, daß die einzige kluge und vorausschende Politik, in diesem Fall Zollpolitik, die ist, gerecht zu sein, auch dem Gegenpart das Leben zu gönnen. Er hat darauf hingewiesen, daß eine dauernde Besserung der europäischen Zustände sich nur dann erreichen ließe, wenn der den Frieden suchende Teil zur Abschaffung oder mindestens Herabsetzung der Zölle genötigt würde, doch unter dem Zugeständnis voller gerechter Gegenseitigkeit. Die Abschaffung des Zolls scheint das einzig vernünftige und wirksame Mittel, um die im ökonomischen Wettstreit bekannte Kampfmethode, die die Engländer «dumping» nennen und den Deutschen so leidenschaftlich vorwerfen, auszuschließen.
Zollkonventionen werden auch in dem unwahrscheinlichen Fall unausweichlich sein, daß der Krieg fortgeführt würde bis zu einem den Gegner vernichtenden Sieg, für den noch Millionen und aber Millionen Menschen draußen auf den Walplätzen geopfert werden oder daheim an Wunden, Krankheiten und Entbehrungen zugrunde gehen müßten. Gesetzt, der Sieger beschlösse (wie es die Pariser Wirtschaftskonferenz verlangt) eine solche Benachteiligung des. Überwundenen in bezug auf die Zölle, daß er wirtschaftlich hierdurch auf eine niedrigere Stufe herabgedrückt würde, so wäre dies ein Rückfall der Menschheit zum System der Völkersklaverei!
Der Unterdrückte würde dann selbstverständlich mit aller Kraft danach streben, sich wieder aufzurichten, jeden Zwist zwischen den Siegern ausnützen und sich binnen einem halben Jahrhundert befreit haben. Allianzen halten ja doch kein halbes Jahrhundert vor.
Europas friedliche Zukunft beruht demnach auf dem Freihandel. Der Freihandel ist, wie Cobden sagte, der beste Friedensstifter. Er scheint noch mehr: der einzig mögliche Friedensstifter.
In früheren Zeiten stach man alten Pferden, die eine Tretmühle zu drehen hatten, die Augen aus. So, mit geblendeten Augen gegenüber der Wirklichkeit rings um sie her, drehen nun die unglücklichen Völker Europas notgedrungen und freiwillig die Tretmühle des Krieges.
[ 55 ] Dies ist ein neutrales Urteil, aber das Urteil eines Menschen, der nicht urteilt nach Phrasen, sondern der in seinem Urteile eine Anzahl von Tatsachen gibt und die Möglichkeit zeigt, diese Tatsachen aneinander in der richtigen Weise abzumessen. Nicht eine Meinung auszusprechen, sondern hinzuweisen auf das, was nottut in unserer Zeit, wenn Wahrheit gesucht werden soll — das war mein Bestreben. Warum sollte es unmöglich sein, das Urteil zu suspendieren, wenigstens in der eigenen Seele, wenn man nicht die Zeit oder nicht den Willen hat, sich in der entsprechenden Weise um die Tatsachen zu kümmern? Geisteswissenschaft kann uns zeigen, daß die Urteile, die heute gefällt werden, die man so häufig in die Worte eingekleidet findet: Wir kämpfen für die Freiheit und das Recht auch der kleinen Nationen —, daß das wirklich die unverantwortlichsten Phrasen sind. Sie sind es allein schon durch ihre Natur, denn wer nur ein wenig die Wirklichkeit kennt, der weiß, daß solches Gerede dasselbe ist, wie wenn ein Haifisch einen Friedensvertrag eingehen wollte mit jenen Seefischchen, die bestimmt sind, von ihm gefressen zu werden. Es wird selbstverständlich nicht gleich verstanden werden — vielleicht erst nach einiger Meditation —, daß vieles Reden von heute ganz genau so ist, wie wenn man sich hinstellen und sagen würde: Warum gehen die Haifische mit den kleinen Fischen, die sie fressen wollen, nicht einen Kontrakt ein über ein «zwischenfischliches» — zwischenstaatlich sagt man nämlich heute —, über ein «zwischenfischliches» Fischrecht? — Jene Leute, die heute davon sprechen, daß ein Friede kommen soll, sagen, daß man mit dem Morden erst aufhören werde, wenn man Aussicht habe, daß nun immer Friede sei. Man kann sich eigentlich nichts Tolleres als diese Anschauung vorstellen: so lange zu morden, bis man es durch das Morden dahin gebracht hat, daß es keinen Krieg mehr geben kann! Man braucht heute kaum mehr ein Okkultist zu sein, um zu wissen: Wenn auf die eine oder andere Weise dieser Krieg in Europa aufgehört haben wird, so wird nur eine geringe Anzahl von Jahren vergehen, und es wird ein viel wütenderer, viel verheerenderer Krieg außerhalb Europas die Welt durchzittern.
[ 56 ] Aber wer kümmert sich heute um diejenigen Dinge, die auf Wirklichkeit gründen? Man hört sich lieber an, wenn Staatsmänner deklamieren, man müsse dies oder jenes erreichen zur Freiheit und zum Rechte auch der kleinen Nationen. Man hört es sich sogar an, wenn dem Titel nach zum Präsidenten gewordene Advokaten — die ja zwar ganz geschickte Advokaten sein mögen, um auf «rumänische» Art Prozesse zu führen —, [wenn solche Advokaten] reden und dabei [prächtig] wie ein Osmanen-Fürst in der Toga auftreten, was man nur nicht bemerkt, weil man in diesem Falle von «Republik» spricht. Was soll man dazu sagen, wenn die Menschen sich Vorlesungen anhören, die solche Leute halten über künstlerische und literarische Dinge wie zum Beispiel über die Beziehungen der Sagen und Mythen und der literarischen Stoffe von West- und Mitteleuropa — ganz abgesehen von solchen Tatsachen, wie ich sie schon neulich erwähnte, nämlich, daß jener Maeterlinck unter lautem Beifall Goethe, Schiller, Lessing und noch einige andere — ich weiß schon nicht, wen alles — «mittelmäßige Geister» genannt hat! Aber, meine lieben Freunde, ich will Ihr Urteil nicht im geringsten beeinflussen; nur aufmerksam machen will ich, daß zu Urteilen Perspektiven notwendig sind und daß zu einem Urteil, wenn es Wahrheit sein soll, wirklich ganz andere Dinge dazu gehören, als man heute vielfach anwendet.
[ 57 ] Man muß sich darüber doch klar sein — darauf sei nochmals hingewiesen —, daß die in Mitteleuropa zusammengedrängte Bevölkerung unter einem ganz andern Gesichtswinkel zu beurteilen ist, weil da die Menschen existentiell bedrängt sind, während dasjenige, was ringsherum ist — nur soweit es kriegführende Mächte sind selbstverständlich — für eine lange Zeit noch, wenigstens bis gewisse Zustände eintreten, falls der Krieg noch jahrelang dauert — nur staatlich und politisch beurteilt werden muß. Für Mitteleuropa handelt es sich um das Geistesgut, um die Seelenentwicklung, um das, was in Jahrhunderten produziertes Geistesgut ist. Es wäre der purste Unsinn zu glauben, daß es sich ringsherum um ein Ähnliches handeln könnte; das würde nur eine Gedankenlosigkeit darstellen, wenn man so etwas aussprechen würde. Gewiß, überall ist mancherlei zu tadeln, aber es ist etwas anderes, ob man — um jetzt Großes mit Kleinem zu vergleichen — die Dinge tadelt, die sich in einer eingeschlossenen Festung oder bei einem Belagerungsheer ringsherum zutragen. Aber ich habe noch kein Urteil gehört aus der Peripherie, das auf solche Dinge irgendwie Rücksicht nehmen würde.
[ 58 ] Und um nicht einseitig zu sein, möchte ich zum Schlusse doch noch auf etwas hinweisen. Man tut sich da, wo man gerecht sein will, immer etwas darauf zugute, beide Seiten gleich zu beurteilen, indem man sagt: Na ja, da ist es so, da ist es so und so weiter. Aber man stellt sich nie die Frage: Ist es denn da und da auch wirklich so? Eine schweizerische Zeitung hat neulich Artikel veröffentlicht, welche in einer ganz abstrakten Weise darauf hinwiesen, da und dort werde dies und das gesagt, da und dort werde gelogen und so weiter, um nach beiden Seiten gerecht zu sein. Wenn aber das nicht wahr wäre, was da gesagt worden ist? Da wurde über die Verlogenheit im Weltkrieg gesprochen, aber dieser Artikel ist selbst ganz verlogen — gerade durch die Art und Weise, wie in ihm gesprochen wird. Ich will Ihnen nun etwas vorlesen — ich möchte sagen, ich tue es mit Angst und Beben —, was herausgegriffen ist aus einer beliebigen deutschen Zeitschrift, um den Unterschied zu charakterisieren, denn das, was ringsherum geschrieben wird, ist ja hinlänglich bekannt, und es ist hinlänglich bekannt, daß dies wahrhaftig nicht aus einem Wohlwollen gegen die Völker Mitteleuropas geschrieben wird. Denn selbst dort, wo man, ich möchte sagen weniger gepfefferte Urteile findet, da findet man noch immer hinlänglich viel von mehr als Unfreundlichem gegenüber dem Volkstum, das ja doch Goethe, Schiller, Lessing und so weiter hervorgebracht hat.
[ 59 ] Da ist mir also «zufällig» ein Artikel über Menschenwürde von Alexander von Gleichen-Rußwurm in die Hände gefallen. Er ist dadurch veranlaßt, daß man — Sie werden ja vielleicht davon gehört haben — die Deutschen Barbaren genannt hat, sogar in der Peripherie jetzt noch Barbaren nennt. Von Gleichen-Rußwurm nimmt keinen besonderen Anstoß daran, daß man das Wort Barbaren gebraucht — im Gegenteil, er zeigt ganz nett, was die Griechen, die Römer unter «Barbaren» verstanden haben und sicher nicht einmal so etwas Schlimmes meinten. Aber darauf will ich nicht eingehen. Er spricht sich über die verschiedenen Völker aus; es ist wirklich ein Artikel, wie man ihn zahlreich heute finden kann, geschrieben von Leuten in Mitteleuropa, die äquivalent wären zum Beispiel mit Maeterlinck — Sie verzeihen! Gleichen-Rußwurm unterscheidet zwischen Völkern und Regierungen, und er tut das zuweilen mit Worten — ich teile sie nur mit, ich spreche sie nicht selber aus —, er tut das mit Worten, die ja schon schrecklich sind, wenn der Betreffende sich als Mitglied des Volkes beleidigt fühlt, aber ich glaube, es ist niemand unter uns, der so fühlt; wir sind alle Anthroposophen und können so etwas verstehen.
[ 60 ] Ich lese ja auch nicht die Worte vor, die der Betreffende über die Regierungen spricht, sondern ich lese den Artikel vor — ich würdeihn sonst nicht vorlesen, wenn er mir nicht gerade in die Hände gekommen wäre —, ich lese ihn vor, um zu zeigen, daß Gleichen-Rußwurm, der kein so berühmter Mann, aber an Intelligenz etwa gleichwertig wie Maeterlinck ist, nicht davor zurückschreckte, innerhalb der Festung den eigenen Leuten wahrhaftig nicht Sand in die Augen zu streuen, sondern auszusprechen, was ein mutiger und ernsthaft denkender Mensch zu sagen hat. Nur ist es selbstverständlich, daß dasjenige, was innerhalb der Festung gesagt wird, eigentlich den Umkreis nicht berühren sollte, weil es ihn im Grunde genommen gar nichts angeht. Wenn man einigermaßen taktvoll denkt, so wird man einsehen, was ich damit sagen will. Nun, Gleichen-Rußwurm sagt:
Durch traurige Ausnahmegeschöpfe und deren Taten, wo und wie sie der Krieg entfesselt haben mag, läßt sich nicht ohne weiteres auf das psychische Allgemeinbefinden einer ganzen Nation schließen.
Das russische Volk ist gutmütig und sanft, was auch die ihm stammesfremden Kosaken begehen mögen. Die verbrecherische Regierung des Zarentums hat den Krieg heraufbeschworen, aber der größte Dichter des Landes, Tolstoj, der uns immer verehrungswürdig bleiben wird, hat in ergreifenden Worten Abscheu vorm Krieg gepredigt.
Die Greueltaten des französischen Pöbels, die Torheit seiner Minister und die bildungsfernen Äußerungen der Pariser Journalisten und Schriftsteller machen nicht ungeschehen, daß Frankreich das Vaterland des Heiligen der Nächstenliebe ist, Vincent de Paul, der heute noch manche Nachfolger hat, und verhindern keineswegs, daß der größere Teil des Volkes ebenso arbeitsam wie friedlich gesinnt ist.
England bleibt Shakespeares Heimat, es hat der Welt zarte Dichter, opfervolle Philanthropen, Philosophen von höchstem Wert geschenkt, trotzdem wird es von Lügnern und Falschspielern regiert, und die Engländer, die am selbstbewußtesten von ihrer Kultur denken, haben durch ihre Art der Kriegsführung die Krone scheußlichsten modernen Barbarentums gezeitigt.
Italiens charakterlose Banditenregierung verdient Verachtung. Auch den Freunden des Landes war alles, was mit dem dritten Italien zusammenhing, unangenehm und widerlich, aber von der alten Kultur, dem künstlerischen Sinn und der Schönheit des Landes haben wir seit Goethe so reiche Schätze erhalten, daß wir sie unvergessen und weiter fruchtbringend in unserem Herzen bewahren.
Der Haß unserer Feinde hat vielleicht das Wertvollste an unserem Wesen gerettet. Die Bitternis, die uns jetzt zuteil wurde, die Erkenntnis einer unerhörten Abneigung von allen Seiten her, gleicht der Warnung, die der Sklave dem Triumphator zuraunen mußte: «Gedenke, daß du sterblich bist!»
Sie bewahrt uns davor, auch wenn niedriger Mund sie ausspricht, daß Hochherzigkeit nicht zur Überhebung führt, schöne Siegesfreude nicht zur «Hybris» entartet, zu der Vermessenheit, vor der griechische Dichter ihre Helden warnen.
Schiller, um die Würde der Menschen besorgt, meinte, daß adlige Menschen nicht nur mit dem zahlen, was sie tun, sondern mit dem, was sie sind.
Ein adliges Volk tut aber desgleichen.
[ 61 ] Sie sehen, man kann sehr abfällige Urteile haben über diejenigen, die beteiligt sind an den gegenwärtigen Ereignissen, und braucht nicht darauf zu verfallen, ganze Völker zu schmähen. Aber Urteile von solcher Art — sie könnten verhundertfacht werden —, sie sind einfach vorhanden! Und wenn man einmal statistisch vergleichen wird, wie vom August 1914 an über andere Völker geurteilt worden ist in Mitteleuropa und wie im Umkreise, dann wird sich eine merkwürdige geistesgeschichtlich-kulturgeschichtliche Erkenntnis ergeben — mittlerweile ist man ja weit davon entfernt.
[ 62 ] Mr. Leadbeater beschäftigt sich mittlerweile damit, die Verbrecherstatistik von Deutschland und England miteinander zu vergleichen und schreibt mit großen Buchstaben im «Theosophist», wie vielmal mehr Verbrecher Deutschland als England hat. Dann weist ihm ein Leser in einer der nächsten Nummern nach, daß er bei seiner Statistik vergessen hat, eine Zahl einzusetzen — sie ist einfach unter einer andern Rubrik angeführt —, eine Zahl, welche das alles aus der Welt schlägt. Ich glaube, er berücksichtigt für England nur 12000 Verbrecher und vergißt 146000; für Deutschland führt er aber alle an. Aber während der Artikel mit dieser Statistik, die er angibt, um Deutschland als das Land der größeren Zahl der Verbrecher hinzustellen, mit ganz großen Buchstaben im «Theosophist» ist, steht die Widerlegung ganz hinten mit sehr kleinen Buchstaben, mit winzig kleinen Buchstaben. Solche Statistiken werden einmal durch andere Statistiken ersetzt werden, und dann wird sich doch einiges von dem bewahrheiten, was diese bernische Preisschrift «Zur Geschichte des Kriegsausbruchs» sagt:
Aber die Geschichte läßt sich auf die Dauer nicht fälschen, die Legende vermag vor der wissenschaftlichen Forschung nicht standzuhalten, das dunkle Gewebe wird ans Licht gebracht und zerrissen, auch wenn es noch so kunstvoll und fein gesponnen war.
[ 63 ] Meine lieben Freunde, ich mußte schon solche Dinge vorausschikken, wenn ich über manches von dem ein nächstes Mal sprechen will, was ja einige erschnen und was, wie ich nochmals bemerke, eben durchaus nicht so bequem gemacht werden darf, wie man es sich vielleicht vorstellt. Ich habe ja nicht nötig, diese oder jene Meinung abzugeben; der Okkultist gewöhnt sich daran, rein, unverfälscht die Tatsachen anzusehen und sie hinzustellen. Und ich weiß sehr gut, was — selbstverständlich niemand aus diesem Kreise, denke ich — aber mancher Außenstehende besonders heute gleich erwidern würde wegen Greueltaten und so weiter — allerlei Dinge, die man billigerweise, eben ohne die nötige Perspektive, immer wieder und wiederum erzählt und aufgreift. Ich kenne und weiß diese Einwände, aber ich weiß auch, wie kurzsichtig es ist, sie zu machen, und wie wenig derjenige, der sie macht, eine Ahnung hat, wie die Dinge eigentlich liegen und wie sich die verschiedenen Schuldfragen verteilen.
[ 64 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, als wir den Streit hatten — wenn man es so nennen kann — mit Mrs. Besant, da brachte es diese fertig, uns alle Schuld zuzuweisen. Sie hat dazumal — nach der Angabe eines ihr bis dahin Ergebenen, aber nun von ihr Abgefallenen — nach dem Prinzip gehandelt: Wenn jemand von einem andern angefallen wird und der Angefallene schreit «zu Hilfe, zu Hilfe», so sagt man dem nach Hilfe Schreienden, er tue etwas Unberechtigtes, denn er lasse sich nicht freiwillig abschlachten. — So etwa war der Einwand, den dazumal Mrs. Besant gemacht hat. Aber von ähnlicher Qualität sind auch manche Urteile, die in der Gegenwart gefällt werden; sie sind nicht mehr wert als diese. Man kann in dieser Beziehung die allermerkwürdigsten Erfahrungen machen. Gutwillige, wohlwollende Menschen, die im gewöhnlichen Leben nie ein solches Urteil fällen würden, wie sie es über das fällen, wovon sie — pardon! — nichts wissen, nämlich über politische Dinge — diesen Menschen fehlt Klarheit in ihren Urteilen. Und darum handelt es sich, meine lieben Freunde: um die Grundbedingung für eine Urteilsfindung überhaupt, nicht um die Abgabe dieses oder jenes Urteils in dieser oder jener Richtung.
[ 65 ] Nächsten Sonnabend werden wir uns also wiederum um 7 Uhr hier treffen.
