Reflections on Contemporary History I
Ways to Form Objective Judgments
GA 173a
4 December 1916, Dornach
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Reflections on Contemporary History, Volume I, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Da wir heute einen einzelnen Vortrag haben, so darf es wohl auch eine Art eingeschobener sein — mit Betrachtungen, die vielleicht herausfallen aus dem fortlaufenden Gange, die aber als episodische immer auch wiederum eingeschoben werden müssen. Wir werden ja dann am nächsten Sonnabend mit unseren fortlaufenden Betrachtungen weiterfahren.
[ 1 ] My dear friends! Since we have a single lecture today, it may well be a sort of interlude—with reflections that perhaps stray from the ongoing series, but which, as episodic in nature, must always be inserted here and there. We will, of course, continue with our ongoing reflections next Saturday.
[ 2 ] Durch all die Auseinandersetzungen, die wir hier schon seit Jahren pflegen, ging als ein roter Faden hindurch, wie sehr es darauf ankommt, daß der einzelne, der in der Lage ist, von den Impulsen der Geisteswissenschaft ergriffen zu werden, dies auch insofern werde, als er ein Empfinden, ein Gefühl dafür bekommt, wie sich diese Geisteswissenschaft in alles das hineinstellt, was die Menschheit bisher in ihrer Entwicklung an die Oberfläche befördert hat — an die Oberfläche des Geisteslebens, im Grunde aber allen Lebens, denn es ist nur eine triviale Anschauung, daß das Geistesleben eine Sache für sich sein könne. In Wahrheit ist alles scheinbar materialistische Leben in der Welt nichts anderes als eine Wirkung des geistigen Lebens.
[ 2 ] A common thread running through all the discussions we have been having here for years is how crucial it is that the individual who is capable of being moved by the impulses of spiritual science be able to do so to the extent that they develop a sense, a feeling for how this spiritual science relates to everything that humanity has brought to the surface in its development thus far—to the surface of spiritual life, but ultimately to all of life, for it is merely a trivial view to think that spiritual life could be a thing unto itself. In truth, all seemingly materialistic life in the world is nothing other than an effect of spiritual life.
[ 3 ] Zunächst sieht man den Zusammenhang des materiellen Lebens mit dem geistigen Leben wenig ein, wenn man, wie es heute so vielfach der Fall ist, das geistige Leben nur in einer Summe von abstrakt-philosophischen, abstrakt-wissenschaftlichen und abstrakt-religiösen Vorstellungen sieht. Denn das wird Ihnen ja aus den bisherigen Betrachtungen hinlänglich hervorgegangen sein, daß auch die religiösen Vorstellungen der Gegenwart in alleräußerstem Maße betroffen sind von der Abstraktion, von demjenigen, was an Vorstellungen und an Empfindungen entfaltet wird, ohne daß unmittelbar wirklich spirituelles Leben darinnen pulsiert. Solche abstrakte Geisteskultur kann nicht in das wirkliche, äußere Leben eingreifen. Nur diejenige Geisteskultur, [die aus dem Spirituellen schöpft], kann in das äußere Leben eingreifen. Und sie wird immer stärker und stärker eingreifen müssen in der zukünftigen Entwicklung der Menschheit, wenn diese nicht völlig in die Dekadenz kommen will. Das sehen heute noch die wenigsten Menschen ein, weil die wenigsten ein Empfinden dafür haben, was das Geistige eigentlich ist. Nun habe ich ja öfter betont, daß es außerordentlich schwierig ist, gerade in diesen Tagen darüber zu sprechen, wie sich Geisteswissenschaft hineinstellt in die verschiedensten, uns heute ja so schmerzlich berührenden Erscheinungen der Gegenwart.
[ 3 ] At first glance, it is difficult to see the connection between material life and spiritual life if, as is so often the case today, one views spiritual life merely as a collection of abstract philosophical, abstract scientific, and abstract religious concepts. For it will surely have become abundantly clear to you from the preceding remarks that even contemporary religious ideas are affected to the utmost degree by abstraction—by those ideas and feelings that are developed without any genuine spiritual life pulsating within them. Such an abstract spiritual culture cannot intervene in real, external life. Only that spiritual culture [which draws from the spiritual] can intervene in external life. And it will have to intervene more and more strongly in the future development of humanity if humanity is not to fall completely into decadence. Very few people recognize this today, because very few have a sense of what the spiritual actually is. Now, I have often emphasized that it is extraordinarily difficult, especially in these days, to speak about how spiritual science relates to the most diverse phenomena of the present that affect us so painfully today.
[ 4 ] Wir haben vor einigen Jahren gewissermaßen zu unserem Geleitspruch das Goethe’sche Wort gewählt: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.» Wir haben es wirklich nicht aus so oberflächlichen Impulsen heraus gewählt, wie man heute oftmals solche Wahlen trifft, sondern wir haben diesen unseren Leitspruch gewählt aus dem Bewußtsein heraus, daß der Mensch in seiner ganzen Seele, in seinem ganzen Gemüte in einer gewissen Weise vorbereitet sein muß, wenn er Geisteswissenschaft in der richtigen Art in seine Seele aufnehmen und wirklich zum Impulse seines Lebens machen will. Die gesamte Vorbereitung, die ein Mensch braucht, um gerade heute in der richtigen Weise in die Geisteswissenschaft einzudringen, kann umfaßt werden mit dem Ausspruche: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit.» Man muß dann allerdings das Wort «Wahrheit» ernst und würdig in jeder Beziehung nehmen. Nun sind wir ja — zunächst rein äußerlich gesehen — mit dem, was sich charakterisiert durch diesen Leitspruch, hineingekommen in eine Entwicklung namentlich des europäischen, aber auch des gesamten Erdenlebens, die gezeigt hat, wie wenig die Seelen ergriffen sind gerade in unserer heutigen, so vielgepriesenen Zeitkultur von dem, was eigentlich in diesem Geleitspruche ausgedrückt werden soll.
[ 4 ] A few years ago, we chose, so to speak, Goethe’s words as our motto: “Wisdom lies only in truth.” We certainly did not choose it out of such superficial impulses as often motivate such choices today; rather, we chose this motto out of the awareness that a person must be prepared in a certain way—in their entire soul, in their entire being—if they wish to take spiritual science into their soul in the right way and truly make it the driving force of their life. The entire preparation a person needs to enter into spiritual science in the right way, especially today, can be summed up in the saying: “Wisdom lies only in truth.” One must, however, take the word “truth” seriously and with dignity in every respect. Now, we have—at first glance, purely from an external perspective—entered, through what is characterized by this motto, into a phase of development—namely of European life, but also of life on Earth as a whole—that has shown how little souls are moved, especially in our present-day, much-praised contemporary culture, by what this motto is actually meant to express.
[ 5 ] Was ich in solcher Art sage, meine lieben Freunde, bitte, fassen Sie das durchaus nicht so auf, als ob es gemünzt wäre gerade auf unsere anthroposophischen Kreise. Das ist ganz und gar nicht der Fall — damit würden Sie mich ganz mißverstehen. Geisteswissenschaft ist ja etwas, was, wenigstens zunächst, in ideeller Weise sein Verhältnis zu der gesamten Zeitkultur erkennen muß. Und wenn von mancherlei gesprochen wird, was es in dieser Zeitkultur gar sehr unmöglich macht, sich in richtiger Weise zur Geisteswissenschaft zu stellen, so ist natürlich damit am allerwenigsten jener Kreis gemeint, der als anthroposophischer ja in bewußter Art versucht, in die spirituellen Bedürfnisse der Gegenwart, in das, was der Gegenwart heilsam sein muß, einzudringen — bei rechter Würdigung alles dessen, was diese Gegenwart hervorgebracht hat.
[ 5 ] What I am saying here, my dear friends, please do not take it to mean that it is directed specifically at our anthroposophical circles. That is by no means the case—you would be completely misunderstanding me if you thought so. Spiritual science is, after all, something that—at least initially—must recognize its relationship to the culture of the times in an ideal sense. And when we speak of certain things that make it very difficult within this culture of the times to approach spiritual science in the right way, then of course this is least of all meant to refer to that circle which, as an anthroposophical one, consciously strives to penetrate the spiritual needs of the present—that which must be healing for the present—while giving due recognition to all that the present has brought forth.
[ 6 ] Wir sind hineingeraten — rein äußerlich betrachtet selbstverständlich, es liegen ja innere Notwendigkeiten zugrunde, die durchaus nicht etwa unvorhergesehen gekommen sind —, wir sind hineingeraten in ein Zeitalter, in dem die Menschen im allgemeinen innerhalb des jetzigen Geisteslebens, das an die Oberfläche dringt und jedem vor die Seelenaugen tritt, keineswegs geneigt sind, Wahrheit katexochen, Wahrheit in ihrer allerursprünglichsten und reinsten Bedeutung, zu nehmen. Was die Menschen heute ganz selbstverständlich am allermeisten interessiert, das rücken sie ja keineswegs — auch nicht für die innersten Impulse ihrer eigenen Seele, auch nicht oder zumeist nicht einmal in Feiertagsaugenblicken ihres Empfindens — in das Licht der Wahrheit, sondern sie sehen es, gerade heute, in unserer Gegenwart, unter dem Blickwinkel der Zugehörigkeit zu irgendeiner Volks- oder sonstigen Gemeinschaft. Bewußt und unbewußt urteilen die Menschen heute nach solchen Gesichtspunkten, und je kürzer ihr Urteil gebildet wird, das heißt, je weniger an wirklichen Einsichten in ein solches Urteil einbezogen wird, desto bequemer ist das der heutigen, der unmittelbar heutigen Seele. Daher trifft man so vielfach auf ganz unmögliche Beurteilungen des Großen und des Einzelnen in der Gegenwart, weil diese Urteile auf keine Sachkenntnis gegründet sind — auch gar nicht gegründet sein wollen — und weil diese immer danach streben, abzulenken von demjenigen, worum es sich eigentlich handelt, und auf etwas ganz anderes hinzulenken, worum es sich eben gar nicht handelt.
[ 6 ] We have found ourselves—from a purely external perspective, of course, since there are inner necessities underlying this that were by no means unforeseen— we have found ourselves in an age in which people, in general, within the current spiritual life that is coming to the surface and presenting itself to everyone’s inner eye, are by no means inclined to accept truth katexochen—truth in its most primordial and purest sense. What interests people most of all today, quite naturally, they by no means—not even for the innermost impulses of their own souls, nor even, or at least not usually, in the festive moments of their feelings—place in the light of truth; rather, they view it, especially today, in our present time, from the perspective of belonging to some national or other community. Consciously and unconsciously, people today judge according to such criteria, and the more hastily their judgment is formed—that is, the fewer genuine insights are incorporated into such a judgment—the more comfortable it is for the soul of today, the soul of the immediate present. This is why one so often encounters utterly untenable assessments of the great and the individual in the present, because these judgments are not based on any factual knowledge—nor do they even seek to be—and because they always strive to divert attention from what is actually at stake and to direct it toward something entirely different, which is not at all the issue.
[ 7 ] Man spricht heute — unter uns sollte es ja selbstverständlich sein, daß wir uns zunächst zur Klarheit bringen müssen, was einen richtigen Beurteilungsmaßstab abgibt für das, was um uns herum vorgeht —, man spricht heute zum Beispiel von den Gegensätzlichkeiten der Völker; man fällt also Urteile über die Völker. Wenn man als der Angehörige eines Volkes spricht, fällt man Urteile über die andern Völker, und man versteht denjenigen nicht, der kein solches Urteil fällt, sondern einfach das beurteilt, was real ist. Und wenn man solche Urteile über die Völker fällt, trifft man ja niemals etwas Reales niemals! Wer aber das Reale beurteilt — nämlich die Wirklichkeiten und dabei dies oder jenes sagen muß über diese oder jene Regierung, über diesen oder jenen Mann in der Regierung, über etwas, was sich innerhalb dieser oder jener Politik abgespielt hat, ob er es nun in einem mehr alltäglichen Zusammenhang sagt oder ob er es auf einen höheren Beurteilungsstandpunkt hinaufrückt — man beurteilt ihn so, als ob er etwas ganz anderes im Sinn hätte, als er tatsächlich hat. Wie leicht kann man es antreffen, daß jemand ein Urteil abgibt über irgendeinen Staatsmann der Gegenwart, der verwickelt ist in die gegenwärtigen Angelegenheiten. Wenn dieser Staatsmann einem bestimmten Volk angehört und ein Urteil über ihn abgegeben wird gegenüber jemanden, der nun auch diesem Volk angehört, dann fühlt sich der Betreffende getroffen, denn er bezieht das, was auf die Wirklichkeit gemünzt ist, nicht auf diese Wirklichkeit, sondern auf — ja irgend etwas, was nicht zu definieren ist, was überhaupt keine Definition hat, wenn man es nicht in geisteswissenschaftlicher Wirklichkeit betrachtet —, er bezieht es auf sein Volk, wie er sagt, oder auf irgendein anderes Volk.
[ 7 ] People speak today—and among ourselves it should go without saying that we must first clarify what constitutes a proper standard of judgment for what is happening around us—people speak today, for example, of the contrasts between peoples; they thus pass judgment on peoples. When one speaks as a member of a nation, one passes judgment on other nations, and one fails to understand those who do not pass such judgments but simply assess what is real. And when one passes such judgments on nations, one never—never!—hits upon anything real. But whoever assesses reality—namely, the facts, and in doing so must say this or that about this or that government, about this or that man in the government, about something that has taken place within this or that political context, whether one says it in a more everyday context or elevates it to a higher level of assessment — one judges him as if he had something entirely different in mind than he actually does. How often does it happen that someone passes judgment on a contemporary statesman who is involved in current affairs? If this statesman belongs to a particular people and a judgment is passed on him in the presence of someone who also belongs to that same people, then the person in question feels targeted, because he does not relate what is based on reality to that reality itself, but rather to—well, something that cannot be defined, that has no definition at all unless viewed within the reality of the spiritual sciences—he relates it to his people, as he says, or to some other people.
[ 8 ] Und so kommt es denn, daß merkwürdige Urteile heute durch die Welt schwirren: Leute aus bestimmten Völkern beurteilen andere Völker, ohne einzusehen, daß ein solches Urteil überhaupt keinen Inhalt hat, daß es gar nicht hinausgeht über die Worte und es dadurch nicht zu irgendeinem erlebten Inhalte kommt. Bedenken Sie doch nur, was alles notwendig ist, um ein Urteil über ein ganzes Volk abzugeben! Und wieviel wird heute über ganze Völker geurteilt, meine lieben Freunde! Nicht nur das, sondern man engagiert sich innerlich mit seinem Urteil, ohne daß man die nötigen Unterlagen kennt, selbst von den allernotdürftigsten Unterlagen auch nur eine Ahnung hat. Nun ist es ja richtig, daß man nicht von jedem verlangen kann, daß er die Unterlagen kennt, aber man kann von jedem verlangen, daß er dann, wenn er urteilt, seine Urteile bewußt mit einer gewissen Reserve abgibt, daß er sie nicht als absolute Urteile in die Welt hineinstellt. Aber selbst wenn man nicht so weit geht, so muß man sich klar darüber sein, welcher Unterschied besteht zwischen einem inhaltsvollen Urteile, einem inhaltsvollen Satze, und einem inhaltsleeren Satze. Und man kann sagen: Heute besteht die große Sünde unserer Kultur darin, in inhaltslosen Sätzen zu leben, ohne sich klarzumachen, wie inhaltslos diese Sätze sind. Mehr als zu irgendeiner anderen Zeit erleben wir heute, daß gilt: Mit Worten läßt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten. — Aber wir erleben mehr, wir erleben, daß mit Worten, die inhaltslos sind, Geschichte gemacht wird, Politik gemacht wird, und das ist gerade das Betrübliche, daß so wenig Neigung besteht, dieses einzusehen. Nur selten trifft man auf eine wirkliche Empfindung dafür, worum es sich eigentlich handelt auf diesem Gebiet.
[ 8 ] And so it happens that strange judgments are circulating throughout the world today: People from certain nations judge other nations without realizing that such a judgment has absolutely no substance, that it does not go beyond mere words and therefore does not lead to any lived experience. Just consider what is required to pass judgment on an entire people! And how much judgment is passed today on entire peoples, my dear friends! Not only that, but people commit themselves wholeheartedly to their judgments without knowing the necessary background information—without even having the slightest inkling of even the most meager details. Now, it is true that one cannot expect everyone to be familiar with the source material, but one can expect everyone, when passing judgment, to consciously express their judgments with a certain degree of reserve—not to present them to the world as absolute judgments. But even if one does not go that far, one must be clear about the difference between a judgment with substance, a statement with substance, and a statement devoid of substance. And one can say: Today, the great sin of our culture lies in living in statements devoid of substance, without realizing just how devoid of substance these statements are. More than at any other time, we are experiencing today that the following holds true: Words are excellent for arguing; words can be used to construct a system. — But we experience more than that; we experience that history is made and politics are conducted with words that are devoid of content, and that is precisely what is so distressing—that there is so little inclination to recognize this. Only rarely does one encounter a genuine sense of what is actually at stake in this area.
[ 9 ] Auf eine solche Empfindung kann man schon heute treffen, aber man trifft sie selten. So konnte ich in diesen Tagen auf Sätze stoßen, die ein Empfinden für das große Manko unserer Zeit enthalten:
[ 9 ] One can encounter such a sentiment even today, but it is rare. For example, I have recently come across statements that express a sense of the great shortcoming of our time:
Aber mit Staunen hören wir nun von den Propheten der neuen Zeit, daß die alten Worte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur «Händlerideale» waren und durch neue ersetzt werden sollen. So neulich von Professor Kjellen, [...]
But we are now hearing with astonishment from the prophets of the new age that the old words—liberty, equality, fraternity—were merely “commercial ideals” and are to be replaced by new ones. As Professor Kjellen recently stated, [...]
[ 10 ] —ich bemerke ausdrücklich, weil das schon in der Gegenwart so notwendig ist: der Professor ist kein Deutscher, sondern ein Schwede, also ein Neutraler—
[ 10 ] —I make a point of noting this, because it is already so necessary in the present: the professor is not German, but Swedish, and thus a neutral—
[...]der in seiner Schrift über «Die Ideen von 1914» den alten Worten von 1789 die neuen von 1914 entgegenhält. Er nennt sie: Ordnung, Pflicht, Gerechtigkeit. Genau besehen sind diese angeblich neuen Worte allerdings auch recht alte, abgebrauchte Worte. Was sich in dieser Gegenüberstellung offenbart, ist der uralte Kampf, der das menschliche Geistesleben charakterisiert, der Kampf zwischen einer inneren Welt freier persönlicher Betätigung und der äußeren Welt des starren Gesetzes, der Zwangsmaßregeln. Schon zur Zeit Christi hat die Gerechtigkeit als Gesetzeserfüllung ihr Gegenwort in der Barmherzigkeit gefunden, so wie die Pflicht in der Liebe, wie die gesetzliche Ordnung in der freiwilligen Nachfolge.
Allerdings denkt auch Professor Kjellen nicht an eine unbedingte Abschaffung der mit dem Absterben des «Ancien Régime» überflüssig gewordenen Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern an eine Synthese zwischen ihnen und den neuen Worten von 1914: Ordnung, Pflicht und Gerechtigkeit. Auch diese Synthese wäre aber nichts Neues, denn sie hat doch wohl in dem England des 18. und 19. Jahrhunderts schon so weit eine Verwirklichung erfahren, als es die Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen zuläßt.
Daß in der Gegenwart diese Synthese nicht mehr wirksam ist, beweist nur, daß alle Werte und Gegenwerte mitsamt ihrer zeitweiligen Synthese zur Phrase werden, sobald der göttliche Funke erlischt, der sie wahr und lebendig macht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bedeuten eine der Formeln, die durch das soziale Gewissen ihre wirkende Kraft erhalten Ordnung, Pflicht und Gerechtigkeit hingegen setzen, um wirksam zu sein, die suggestive Macht einer Autorität voraus. Und da erst, nicht in der Herrschaft einer bestimmten Formel, offenbart sich der Mangel, der das Schicksal der modernen Menschheit im Tiefsten entscheidet: für die Herrschaft der befreienden Werte fehlt bei der Mehrzahl die Kraft des sozialen Gewissens, für die Herrschaft der von außen bindenden Werte die Autorität.
Werte, die nicht tief in der Entwicklung verankert sind, können sehr rasch zur Phrase werden und dem Mißbrauch verfallen.
[...]who, in his essay on “The Ideas of 1914,” contrasts the old words of 1789 with the new ones of 1914. He calls them: order, duty, justice. On closer inspection, however, these supposedly new words are actually quite old and worn-out. What this juxtaposition reveals is the age-old struggle that characterizes human spiritual life: the struggle between an inner world of free personal activity and the outer world of rigid law and coercive measures. Even in Christ’s time, justice as the fulfillment of the law found its counterpart in mercy, just as duty found its counterpart in love, and legal order in voluntary discipleship.
However, Professor Kjellen does not envisage an unconditional abolition of the terms “freedom,” “equality,” and “fraternity”—which have become superfluous with the demise of the “Ancien Régime”—but rather a synthesis between them and the new terms of 1914: “order,” “duty,” and “justice.” But even this synthesis would be nothing new, for it had already been realized to some extent in 18th- and 19th-century England, to the extent that the imperfection of all human institutions allows.
The fact that this synthesis is no longer effective in the present merely proves that all values and counter-values, together with their temporary synthesis, become mere phrases as soon as the divine spark that makes them true and alive is extinguished. Liberty, equality, and fraternity represent one of the formulas that derive their effective power from social conscience; order, duty, and justice, on the other hand, require the suggestive power of authority in order to be effective. And it is only there—not in the dominance of a particular formula—that the deficiency which most profoundly determines the fate of modern humanity is revealed: for the rule of liberating values, the majority lacks the power of social conscience; for the rule of values imposed from without, it lacks authority.
Values that are not deeply rooted in human development can very quickly become mere platitudes and fall prey to abuse.
[ 11 ] Und so weiter.
[ 11 ] And so on.
[ 12 ] Ich sage, man trifft manchmal ganz nah eine solche Empfindung. Aber ich selber brauche ja nicht besonders erstaunt zu sein, daß mir solche Worte sozusagen wie aus einer Oase in der Wüste des gegenwärtigen Phrasenlebens entgegentreten, denn die Worte sind von einer alten Freundin von mir, von Rosa Mayreder, niedergeschrieben und finden sich in der «Internationalen Rundschau» im Novemberheft 1916 und weisen auf vieles hin, was ich mit dieser Persönlichkeit vor vielen Jahren gesprochen habe. Daher brauche ich nicht besonders überrascht zu sein, daß mir dies entgegentritt, aber in einer gewissen Beziehung war ich doch erfreut zu hören, wie eine solche Persönlichkeit weiterdenkt, wenn sie sich auch nicht aufschwingen kann zu einer geisteswissenschaftlichen Auffassung der Welt. Selbst wenn sie bei der unfruchtbaren Kritik stehenbleibt, so muß sie doch sagen:
[ 12 ] I would say that one sometimes comes very close to such a feeling. But I myself need not be particularly surprised that such words strike me, so to speak, like an oasis in the desert of today’s life of clichés, for the words were written by an old friend of mine, Rosa Mayreder, and can be found in the November 1916 issue of the Internationale Rundschau; they point to much of what I discussed with her many years ago. Therefore, I need not be particularly surprised that this has come to my attention, but in a certain sense I was nevertheless pleased to hear how such a person continues to think, even if she cannot rise to a spiritual-scientific view of the world. Even if she remains stuck in unproductive criticism, she must still say:
Alle Probleme der äußeren Weltgestaltung lassen sich auf eines zurückführen — auf das Machtproblem.
All problems related to shaping the external world can be traced back to one thing—the problem of power.
[ 13 ] Würde man dies nur beachten, meine lieben Freunde, so würde man heute viel weniger in Phrasen leben, als man es tut.
[ 13 ] If only we would keep this in mind, my dear friends, we would rely much less on empty phrases today than we do.
Im Zentrum aller Händel und Wirren, die in den menschlichen Zuständen herrschen, steht der Kampf einzelner Gruppen und Personen um die Macht. Dieser Kampf um die Macht zwischen ganzen Völkergrup‚pen oder Staatsgebilden ist jenseits aller Phrasen die wahre Ursache jedes Krieges. Krieg ist von dem Streben nach Macht nicht zu trennen; wer den Krieg als solchen bekämpfen will, müßte vorher das Prinzip der Macht entwerten — wie es ja sehr logisch das Urchristentum getan hat. Die Gestalt aber, unter welcher das Machtprinzip in der Gegenwart auftritt, ist schlimmer als je eine zuvor, denn sie bedroht die menschliche Seele in ihren schönsten und edelsten Eigenschaften. Man kann sie als die Mechanisierung des Lebens durch die technisch-öconomische Naturbeherrschung bezeichnen. Es ist das tragische Schicksal des Menschen, daß er immer der Sklave seiner eigenen Schöpfungen wird, weil er deren Folgen nicht im voraus zu berechnen vermag. Und so geschieht es, daß er auch dort, wo er mit seinem Scharfsinn und seiner Erfindung die elementaren Gewalten, denen er hilflos gegenüberstand, in seinen Dienst zwingt, nur wieder der Sklave der unberechenbaren Wirkungen wird, die sie durch ihre Verbindung mit dem Machtprinzip gewinnen. Die moderne Technik, die das menschliche Leben um so vieles erleichtert, wie die moderne Ökonomik, die seine materiellen Mittel so unendlich vermehrt, kehren sich als Werkzeuge des modernen Imperialismus gegen das Wesen der Person, indem sie die Menschen, zur seelenlosen Masse zusammengeballt, in das Räderwerk der Interessen stoßen, die das zivilisierte Leben treiben. Auch der Mensch wird Material und Maschinenbestandteil; soweit er sich dazu eignet, soweit kann er sich behaupten. Was die verflossene Kulturepoche an seelischen Werten aufbaute, muß aber dabei zugrunde gehen.
[...]Gegenwärtig ist diese Kultur nur mehr in den Staaten lebendig, die außerhalb der imperialistischen Konkurrenz liegen oder auf dem Lande und in kleinen Städten, wo es noch Muße und Ruhe gibt, Proportion zwischen Leistungsfähigkeit und Beanspruchung, jene unerläßlichen Voraussetzungen einer schönen Lebenskultur, die in den Zentren der modernen Zivilisation von dem mörderischen Wirbel des Übermaßes zerstampft werden.
At the heart of all the strife and turmoil that prevail in human affairs lies the struggle for power waged by individual groups and persons. This struggle for power between entire ethnic groups or political entities is, beyond all rhetoric, the true cause of every war. War is inseparable from the pursuit of power; anyone who wishes to combat war as such would first have to devalue the principle of power—as early Christianity, quite logically, did. The form in which the principle of power manifests itself today, however, is worse than any that has come before, for it threatens the human soul in its most beautiful and noble qualities. It can be described as the mechanization of life through the technical and economic domination of nature. It is the tragic fate of humankind that it always becomes a slave to its own creations, because it is unable to foresee their consequences. And so it happens that even where, through his ingenuity and inventiveness, he subjugates the elemental forces against which he once stood helpless, he merely becomes once again a slave to the unpredictable effects that these forces gain through their connection with the principle of power. Modern technology, which makes human life so much easier, and modern economics, which so infinitely increases man’s material resources, turn—as tools of modern imperialism—against the very essence of the person by herding people, condensed into a soulless mass, into the machinery of interests that drive civilized life. Human beings, too, become material and components of machinery; to the extent that they are suited to this, to that extent can they assert themselves. But the spiritual values that the past cultural epoch built up must perish in the process.
[...] At present, this culture survives only in countries that lie outside the sphere of imperialist competition, or in the countryside and in small towns, where there is still leisure and tranquility, a balance between productivity and demands—those indispensable prerequisites for a beautiful way of life that are being trampled underfoot in the centers of modern civilization by the murderous whirlwind of excess.
[ 14 ] Nun, meine lieben Freunde, solche Stimmen sind doch wiederum ein Beweis dafür, daß das, was der Gegenwart fehlt, von manchen eingesehen wird — viele sind es ja nicht gerade! Aber wenn es sich darum handelt, den lebendigen Impuls der Geisteswissenschaft zu ergreifen, dann schreckt man davor zurück. Man will das nicht, was vor allem geeignet ist, die Wirklichkeit, wie sie ist, zu erfassen; man will das nicht an sich herankommen lassen. Das aber hängt im wesentlichen damit zusammen, daß ein gewisser Grundimpuls des Strebens fehlt, und das ist schon in mancher Beziehung, meine lieben Freunde, der Grundimpuls nach der Wahrheit hin. Der Trieb, die Wahrheit zu suchen in Phrasen, die man aufnimmt und mit denen man sich — meinetwillen noch so enthusiasmiert — durchdringt: damit kann man niemals die Wahrheit finden. Um die Wahrheit zu finden, muß man den Sinn für die Tatsachen haben, gleichgültig, ob diese auf dem physischen Plan oder in der geistigen Welt zu suchen sind. Aber man beobachte nur das Leben, man beobachte, ob heute der Trieb nach Wahrheit Schritt gehalten hat mit dem Scharfsinn, der in die äußere Kultur eingeflossen ist, mit den ungeheuer bewundernswerten Fortschritten, in denen sich diese äußere Kultur verkörpert. Man kann im Gegenteil sagen: In gewisser Beziehung haben die Menschen den guten Willen verloren hinzuschauen, ob das, was in der Wirklichkeit da ist, auch irgendwie im Wahren wurzelt. Man muß sich aber dieses Gefühl für die Wahrheit im alltäglichen Leben aneignen, sonst wird man es nicht hinauftragen können in das Begreifen der geistigen Welten.
[ 14 ] Well, my dear friends, such voices are, after all, further proof that some people do recognize what is lacking in the present—though there certainly aren’t many of them! But when it comes to seizing the living impulse of spiritual science, people shy away from it. People do not want what is best suited to grasp reality as it is; they do not want to let it come near them. But this is essentially connected to the fact that a certain fundamental impulse of striving is missing, and in many respects, my dear friends, that is the fundamental impulse toward truth. The impulse to seek the truth in phrases that one absorbs and with which one imbues oneself—no matter how enthusiastic one may be about them—will never lead to the truth. To find the truth, one must have a sense for the facts, regardless of whether they are to be found on the physical plane or in the spiritual world. But just observe life; observe whether, today, the drive for truth has kept pace with the acumen that has flowed into external culture, with the tremendously admirable advances in which this external culture is embodied. On the contrary, one could say: In a certain sense, people have lost the willingness to examine whether what actually exists is in any way rooted in truth. Yet one must cultivate this sense of truth in everyday life; otherwise, one will not be able to carry it up into an understanding of the spiritual worlds.
[ 15 ] Damit Sie sehen, was ich meine, möchte ich Ihnen an einem Beispiel begreiflich machen, daß auf den Wogen der gegenwärtigen Zivilisation nicht nur die phrasenhafte Lüge, sondern die tatsächliche Lüge wallt und wogt und als Lüge ins Leben eingreift. Sehen Sie, meine lieben Freunde, man kann jetzt zurückblicken auf mancherlei Geschehnisse, die ganz Europa durchbeben. Man muß Jahrzehnte zurückgehen und in diesen Jahrzehnten genau die Ereignisse in ihren wesentlichen Charakterzügen kennen, wenn man überhaupt ein Urteil haben will über das, was gegenwärtig die Welt durchbebt. Man muß Jahrzehnte zurückgehen, aber man muß ein Auge haben für Wirklichkeiten.
[ 15 ] To help you see what I mean, I would like to use an example to illustrate that on the waves of our present civilization, it is not only the clichéd lie but the actual lie that surges and swells, intervening in life as a lie. You see, my dear friends, we can now look back on various events that are shaking all of Europe to its core. One must go back decades and have a precise understanding of the essential characteristics of the events that occurred during those decades if one is to form any judgment at all about what is currently shaking the world. One must go back decades, but one must also have an eye for reality.
[ 16 ] Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß in gewissen okkulten Bruderschaften des Westens — für mich nachweisbar in den neunziger Jahren — von dem gegenwärtigen Weltenkriege die Rede war und daß dazumal die Schüler dieser okkulten Bruderschaften unterrichtet wurden durch Landkarten, durch die man ihnen gezeigt hat, wie Europa verändert werden sollte durch diesen Weltkrieg. Auf diesen Weltkrieg hat man insbesondere in englischen okkulten Bruderschaften hingewiesen als auf einen solchen, der kommen muß, den man förmlich heranlotste, den man vorbereitete. Dabei weise ich durchaus auf Tatsachen hin; und nur aus gewissen Gründen, die ich schon angedeutet habe, sehe ich davon ab, Ihnen Landkarten aufzuzeichnen, die ich Ihnen leicht aufzeichnen könnte und die in den okkulten Bruderschaften des Westens durchaus figuriert haben.
[ 16 ] I have pointed out to you that in certain occult brotherhoods of the West—as I was able to verify in the 1890s—there was talk of the present world war, and that at that time the students of these occult brotherhoods were taught using maps that showed them how Europe was to be transformed by this world war. This world war was pointed out, particularly in English occult brotherhoods, as one that was bound to come—one that was literally brought about, one that was prepared for. I am referring entirely to facts here; and only for certain reasons, which I have already hinted at, do I refrain from showing you maps that I could easily draw for you and that certainly featured in the occult brotherhoods of the West.
[ 17 ] Nun rechneten diese okkulten Bruderschaften und alles, was sich an sie angliederte, durchaus mit großen Umwälzungen, welche vorzugehen haben — ich sage jeden Satz mit vollem Bedacht —, welche vorzugehen haben zwischen der Donau und dem Ägäischen Meere und dem Schwarzen Meere und der Adria, vorzugehen haben im Zusammenhang mit dem großen europäischen Krieg, auf den sie hindeuteten. Und einer der Sätze, den ich in gewissem Sinne wörtlich zitieren will, einer der Sätze, der da figuriert hat, das ist der: Wenn nur ein wenig weiter sein werden die Träume der Panslawisten, dann wird sich zunächst auf dem Balkan mancherlei verwirklichen, was und man meinte im Sinne dieser okkulten Bruderschaften —, was im Sinne der europäischen Entwicklung ist.
[ 17 ] Now, these occult brotherhoods and everything associated with them were certainly anticipating major upheavals that are to take place—I say every sentence with the utmost deliberation—that are to take place between the Danube and the Aegean Sea, the Black Sea, and the Adriatic Sea, and that are to take place in connection with the great European war to which they alluded. And one of the statements that I would like to quote verbatim, in a certain sense—one of the statements that appeared there—is this: “If the dreams of the Pan-Slavists go just a little further, then various things will first come to pass in the Balkans—things that, in the view of these occult brotherhoods—are in the interest of European development.”
[ 18 ] Das ist ein großes Netz [von Verflechtungen], möchte ich sagen, auf das ich zunächst Ihre Seele hinweisen will. Von den panslawistischen Träumen wurde in diesen okkulten Bruderschaften immer und immer wieder gesprochen. Nicht von Kulturträumen, die selbstverständlich voll begründet wären — und wer hätte denn gründlicher hingewiesen auf dasjenige, was in der Seele des Ostens ist, als gerade wir in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung —, nicht von Kulturträumen, aber von politischen Träumen sprach man, von politischen Umwälzungen. Nun, sehen Sie, da diese panslawistischen "Träume eine solche Rolle gespielt haben, so kann man sich gewiß ein wenig ansehen die Wirklichkeiten des physischen Planes, die da gewirkt haben und von denen ich nur ein Beispiel anführen will.
[ 18 ] This is a vast network [of interconnections], I would say, to which I would first like to draw your attention. These occult brotherhoods spoke time and time again of Pan-Slavic dreams. Not of cultural dreams, which would of course be fully justified—and who could have pointed out more thoroughly what lies in the soul of the East than we, in our spiritual science movement—not of cultural dreams, but of political dreams, of political upheavals. Well, you see, since these Pan-Slavic “dreams” have played such a role, we can certainly take a brief look at the realities of the physical plane that were at work there, of which I will cite just one example.
[ 19 ] Es gab durch Jahrzehnte hindurch — wirklich durch Jahrzehnte hindurch — ein «Slawisches Wohltätigkeitskomitee», welches unter dem Protektorate der russischen Regierung stand. Nicht wahr, was kann es denn Schöneres geben als ein «Slawisches Wohltätigkeitskomitee» unter dem Protektorate einer mächtigen Regierung — was kann es Schöneres geben? Nun, meine lieben Freunde, ich möchte Ihnen, da ich dieses Komitee erwähnt habe, ein kleines Briefchen vorlesen, das mit diesem Komitee zu tun hat und das datiert ist vom 5. Dezember 1887. In diesem Briefchen steht folgendes:
[ 19 ] For decades on end—truly for decades on end—there was a “Slavic Charity Committee” that operated under the patronage of the Russian government. Isn’t that right? What could be better than a “Slavic Charitable Committee” under the patronage of a powerful government—what could be better? Well, my dear friends, since I have mentioned this committee, I would like to read you a short letter that has to do with it and is dated December 5, 1887. This letter reads as follows:
Der Präsident des Petersburger Komitees der Slawischen Wohltätigkeitsgesellschaft hat sich an den Minister des Äußeren mit der Bitte um Waffen und Munition für die Expedition Nabokov gewendet.
The president of the St. Petersburg Committee of the Slavic Charitable Society has appealed to the Minister of Foreign Affairs, requesting weapons and ammunition for the Nabokov expedition.
[ 20 ] Also nicht um Hemdchen und Höschen für Kinder, sondern um Munition für eine gewisse Expedition, die dazumal zusammenhing mit der Erregung von Revolutionen in den einzelnen Balkanländern! Daraus sehen Sie vielleicht, wie das, was wahrlich Lüge ist, schwimmt im öffentlichen Leben — die realisierte Lüge schwimmt im öffentlichen Leben. Ein Wohltätigkeitskomitee — harmlos selbstverständlich, ja anerkennenswert! Aber dieses betreibt die Geschäfte der verschiedenen mit der russischen Regierung zusammenhängenden revolutionären Komitees, die die Aufgabe haben, in einer gewissen Weise die Balkanstaaten zu durchwühlen. Vielleicht darf ich noch eine kleine Notiz, ein Notizchen hinzufügen — es wäre mir leicht, diese Notiz zu verzehnfachen, zu verzwanzigfachen.
[ 20 ] So not about undershirts and underwear for children, but about ammunition for a certain expedition that, at the time, was linked to the stirrings of revolution in the various Balkan countries! From this, you may perhaps see how what is truly a lie floats about in public life—the realized lie floats about in public life. A charity committee—harmless, of course, indeed commendable! But this committee conducts the business of various revolutionary committees linked to the Russian government, whose task is, in a certain way, to stir up trouble in the Balkan states. Perhaps I may add one more small note, just a brief remark—it would be easy for me to expand this note tenfold, twentyfold.
[ 21 ] An der Spitze einer gewissen Regierung des Balkans stand im Jahre 1914, in dem verhängnisvollen Jahre 1914, ein gewisser Herr Pašič — man wird sich an den Namen wohl noch erinnern. Jener Herr Pašič war etwas früher, als noch die Obrenoviči in Serbien regierten, verbannt aus Serbien in einen andern Balkanstaat. Man kann fragen, was tat er denn da? Nun, ich will keine eigene Kritik über diesen Herrn geben, aber ich möchte Ihnen wiederum ein kleines Briefchen vorlesen. Da heißt es so:
[ 21 ] At the head of a certain Balkan government in 1914—that fateful year of 1914—was a certain Mr. Pašič; one will surely still remember that name. That Mr. Pašič had been exiled from Serbia to another Balkan state somewhat earlier, when the Obrenović dynasty still ruled Serbia. One might ask, what was he doing there? Well, I do not wish to offer my own criticism of this gentleman, but I would like to read you a short letter. It reads as follows:
Geheime Mitteilung des Präsidenten des Komitees der Slawischen Wohltätigkeitsgesellschaft in Petersburg an den Konsulatsverweser in Ruščuk, de dato 3. Dezember 1885 Nr. 4875.
Confidential communication from the President of the Committee of the Slavic Charitable Society in St. Petersburg to the Acting Consul in Ruščuk, dated December 3, 1885, No. 4875.
[ 22 ] Damit Sie nicht glauben, ich erfinde oder erzähle eine Anekdote, gebe ich Ihnen auch die Nummer aus dem Aktenfaszikel — Nr. 4875. Also:
[ 22 ] So that you don't think I'm making this up or telling an anecdote, I'll also give you the number from the file—No. 4875. So:
Auf die Mitteilung des Direktors des Asiatischen Departements habe ich die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren hierbei 6000 Rubel zu übersenden, mit der ergebenen Bitte, diesen Betrag dem serbischen Emigranten Nicola Pašič durch Vermittlung der in Ruščuk lebenden Witwe Natalie Karavelov zu zahlen. Von dem Empfange und der Übergabe der Summe wollen Sie uns gütigst benachrichtigen.
Following the communication from the Director of the Asian Department, I have the honor of hereby sending Your Excellency 6,000 rubles, with the humble request that this amount be paid to the Serbian émigré Nicola Pašič through the intermediary of his widow, Natalie Karavelov, who resides in Ruščuk. Please be so kind as to inform us of the receipt and delivery of the sum.
[ 23 ] Sie sehen, wie auch diejenigen in den verhängnisvollen Ereignissen Europas eine gewisse Rolle spielten, die als die harmlose «Slawische Wohltätigkeitsgesellschaft» wirkten. Wäre es nicht gut, einen Instinkt für die Wahrheit insofern zu haben, als man nicht überall gleich leichtsinnig auf Namen hin — das heißt auf Phrasen hin — die Dinge so nimmt, wie sie sich geben, sondern den Willen entwickelt, sie ein wenig zu untersuchen? Andernfalls urteilt man in höchst leichtfertiger Weise, und Leichtfertigkeit in der Beurteilung ist etwas, was einen immer mehr von der Wahrheit abbringen muß. Gegenüber dieser Tatsache, daß einen Leichtfertigkeit des Urteils von der Wahrheit abbringt, gibt es nie die Entschuldigung, man habe dies oder jenes nicht gewußt, denn das, was wir in unseren Seelen tragen als ein Urteil, ist eine Tatsache und wirkt in der Welt. Und ein jeder sollte sich bewußt sein, daß das, was er in der Seele trägt, in der Welt wirkt. Zumeist ist es ja nur der Widerglanz dessen, was, über den breiten Horizont des Lebens hin wirkend, das Dasein beherrscht.
[ 23 ] You can see how even those who operated as the seemingly harmless “Slavic Charitable Society” played a certain role in Europe’s fateful events. Wouldn’t it be good to have an instinct for the truth, in the sense that one does not everywhere so thoughtlessly take things at face value—that is, based on names, or rather, on catchphrases—but rather develops the will to examine them a little more closely? Otherwise, one judges in a highly reckless manner, and recklessness in judgment is something that must lead one further and further away from the truth. Faced with this fact—that a frivolous judgment leads one away from the truth—there is never any excuse for claiming that one did not know this or that, for what we carry in our souls as a judgment is a fact and has an effect in the world. And everyone should be aware that what they carry in their soul has an effect in the world. For the most part, it is merely a reflection of that which, acting across the broad horizon of life, governs existence.
[ 24 ] Man kann heute — das erwähne ich nur nebenbei — mancherlei Urteile hören über die verschiedenen Beziehungen zwischen den Staaten, was man heute aber, um eine Phrase an die Stelle der Wahrheit zu setzen, «Beziehungen der Völker» nennt. Man kann heute Urteile hören über die Beziehungen der Staaten untereinander, ohne daß derjenige, der diese Beziehungen beurteilt, sich auch nur ein wenig die Mühe macht, sich die Unterlagen dafür zu holen, trotzdem sie manchmal leicht zu finden wären. Selbstverständlich gilt gerade für solche Dinge das, was ich sage, nicht als eine Charakteristik jener, die mit uns hier in der Anthroposophischen Gesellschaft vereinigt sind. Aber wir stehen ja mitten drinnen in der Welt, oder mindestens stehen wir durch einen höchst verhängnisvollen Umstand mitten drinnen in der Welt, indem wir nämlich immer dasjenige auf uns wirken lassen, was gewisse Leute eine Großmacht genannt haben: die Presse! Und diese Wirkung der Presse ist wirklich die verhängnisvollste, die es heute geben kann, denn sie verfälscht und trübt im Grunde genommen alles. Wie wenig würde geschrieben, wenn diejenigen Leute, die schreiben, wirklich berufen wären zu schreiben. Wie viele Leute schreiben heute über das Verhältnis von Rumänien zu Rußland oder von Rumänien zu den andern Staaten! Und es fällt ihnen gar nicht ein, daran zu denken, daß die einfachste Voraussetzung für einen heutigen Menschen, um über dieses Verhältnis etwas Vernünftiges zu sagen, wäre zum Beispiel, die Memoiren des verstorbenen Königs Carol durchzulesen. Wer schreibt, ohne dies getan zu haben, schreibt einfach Dinge, die nicht wert sind, überhaupt gelesen zu werden, auch nicht von den primitivsten Menschen. Die Zeiten sind ernst, deshalb können auch nur ernste Welt- und Lebensanschauungen diesen Zeiten in Wirklichkeit dienen. Und da handelt es sich gerade darum, das ein wenig zu empfinden, was ich schon oftmals als eine notwendige Empfindung charakterisiert habe: vor allen Dingen nicht rasch urteilen, sondern die Dinge nebeneinander stellen und sie betrachten, damit sie uns etwas sagen — sie werden uns im Laufe der Zeit allerlei sagen. Sich bekannt machen mit möglichst vielem — das ist es, was am besten vorbereitet, um wirklich in die schwierigen und verwickelten Verhältnisse des gegenwärtigen Lebens einzudringen.
[ 24 ] Today—and I mention this only in passing—one hears all sorts of opinions about the various relationships between states, which are now referred to, in order to substitute a phrase for the truth, as “relations between peoples.” One can hear opinions today about the relationships between states, without the person judging these relationships making even the slightest effort to obtain the relevant documentation, even though it would sometimes be easy to find. Of course, what I am saying applies precisely to such matters, but it is not a characteristic of those who are united with us here in the Anthroposophical Society. But we are, after all, right in the midst of the world—or at least we find ourselves right in the midst of the world due to a most fateful circumstance, namely, that we constantly allow ourselves to be influenced by what certain people have called a “great power”: the press! And this influence of the press is truly the most fateful influence that can exist today, for it fundamentally distorts and clouds everything. How little would be written if those who write were truly called to write. How many people today write about the relationship between Romania and Russia, or between Romania and other countries! And it never even occurs to them to consider that the simplest prerequisite for a person today to say anything sensible about this relationship would be, for example, to read through the memoirs of the late King Carol. Anyone who writes without having done this is simply writing things that are not worth reading at all, not even by the most primitive of people. These are serious times, which is why only serious worldviews and outlooks on life can truly serve these times. And this is precisely about sensing, even if only a little, what I have often characterized as a necessary sensibility: above all, do not judge hastily, but rather place things side by side and observe them so that they speak to us—they will tell us all sorts of things over time. Familiarizing oneself with as much as possible—that is what best prepares one to truly penetrate the difficult and complex circumstances of contemporary life.
[ 25 ] Sehen Sie, ohne daß ich damit ein Urteil aussprechen will, möchte ich etwas erzählen, einfach erzählen — ich will damit nicht ein Urteil aussprechen, sondern eben gerade andeuten, wie man so etwas, wie ich es jetzt erzählen will, hinstellen sollte neben anderes, was geschieht. Es ist ja bekannt, welche bedeutungsvolle Rolle die rumänische Armee gespielt hat in dem Russisch-Türkischen Kriege. Es trat in diesem Kriege ein Moment ein, in dem der Großfürst Nikolaus — er spielte damals, in diesem Kriege, [wie sein gleichnamiger Sohn heute], eine wichtige Rolle — ungefähr so nach Rumänien schrieb, nachdem man vorher gefordert hatte, durch Rumänien durchmarschieren zu können:
[ 25 ] You see, without intending to pass judgment, I’d like to tell a story—simply tell it—I don’t want to pass judgment, but rather to suggest how something like what I’m about to recount should be viewed in relation to other events. It is, of course, well known what a significant role the Romanian army played in the Russo-Turkish War. There came a moment in that war when Grand Duke Nicholas—who played an important role in that war at the time [just as his son of the same name does today]—wrote something along these lines to Romania, after a demand had previously been made to be allowed to march through Romanian territory:
Kommt uns zu Hilfe, überschreitet die Donau, wie Ihr wollt, unter welchen Bedingungen Ihr wollt; aber kommt rasch, denn die Türken machen uns den Garaus.
Come to our aid; cross the Danube however you wish, on whatever terms you wish; but come quickly, for the Turks are about to finish us off.
[ 26 ] Dann ist durch das Eingreifen der rumänischen Armee, wie ja bekannt ist, für Rußland eine günstige Entscheidung herbeigeführt worden. Danach wollte König Carol von Rumänien auch an der Festlegung der Friedensentscheide teilnehmen. Das ließ man nicht zu, und da er eine ziemlich energische Haltung gegenüber der russischen Regierung einnahm, so konnte man eine sehr merkwürdige Erfahrung machen. In Bukarest hielten sich noch russische Truppen auf, und man konnte sich sehr leicht überzeugen, daß die Absicht bestand — bei solchen Zusammenhängen, wie ich sie Ihnen jetzt angedeutet habe, werden Sie begreifen, daß solche Absichten bestehen konnten —, daß die Absicht bestand, den König zu entfernen. Und als er verlangte, daß die russischen Truppen abziehen, hat ihm der damalige Minister Gor&akov eine außerordentlich brüske, eigentlich scheußliche Antwort gegeben. Da hat er nachgedacht — zuweilen denken solche Menschen auch nach — und hat sich damit getröstet, daß wenigstens der Zar Alexander mit so etwas nicht einverstanden sein werde und daß dieses nur auf Übergriffen des Gorčakov beruhe. So schrieb er denn an den Zaren und bekam von ihm die Antwort, die ich Ihnen in den entscheidenden Sätzen wörtlich vorlesen will:
[ 26 ] Then, as is well known, the intervention of the Romanian army brought about a favorable outcome for Russia. Afterward, King Carol of Romania also wished to participate in the formulation of the peace terms. This was not permitted, and since he adopted a rather forceful stance toward the Russian government, a very curious situation arose. Russian troops were still stationed in Bucharest, and it was very easy to see that the intention existed—given the circumstances I have just outlined to you, you will understand that such intentions could exist—that the intention existed to remove the king. And when he demanded that the Russian troops withdraw, the then-minister Gorčakov gave him an extraordinarily brusque—in fact, appalling—response. So he reflected on the matter—sometimes such people do reflect—and consoled himself with the thought that at least Tsar Alexander would not approve of such a thing and that this was merely the result of Gorčakov’s overreach. So he wrote to the Tsar and received a reply from him, the key passages of which I will read to you verbatim:
Die peinlichen Verhältnisse, die das Verfahren Ihrer Minister geschaffen, konnten das herzliche Interesse nicht ändern, das ich für Sie empfinde; ich bedaure, daß ich die eventuellen Maßregeln andeuten mußte, zu denen mich die Haltung Ihrer Regierung nötigen würde.
The embarrassing circumstances created by your ministers’ actions have not diminished the sincere interest I feel for you; I regret that I had to hint at the possible measures that your government’s stance would force me to take.
[ 27 ] Ich erzähle solch ein Faktum nur, um ein Beispiel zu geben, wie man die Ereignisse der letzten Jahrzehnte nebeneinander stellen sollte, damit einem aus den Ereignissen heraus dieses oder jenes Urteil entgegenspringen kann, denn die Ereignisse allein können zu einem wirklich inhaltsvollen Urteile verhelfen, und es sind schon einmal gerade die Ereignisse der letzten Jahrzehnte von solcher Art, daß sie sich gar nicht summarisch beurteilen lassen, weil viel zu viele Fäden zusammenlaufen. Aber bei jedem Urteil muß man ferner ins Auge fassen, woher die Beurteilungsimpulse kommen, ob gewissermaßen die Perspektive in der richtigen Weise eingestellt ist. In dieser Beziehung kann man die allerschmerzlichsten Erfahrungen machen. Und ich muß gestehen, daß ich selber gegenüber den vielen Unfreundlichkeiten, denen ich in der Gegenwart gerade mit Bezug auf diese Tatsache so häufig begegne, die schmerzliche Empfindung habe, wie wenig Neigung vorhanden ist in der Welt, Urteile perspektivisch einzustellen, in der richtigen Weise perspektivisch einzustellen. Wie wenig wird man verstanden, wie wenig ist auch nur der Wille vorhanden, einen zu verstehen, wenn man versucht, die Dinge so zu beurteilen, daß man für sein Urteil die richtige perspektivische Einstellung zu gewinnen sucht.
[ 27 ] I mention this fact only to give an example of how the events of the last few decades should be viewed in context, so that one or another judgment may emerge from them, for the events alone can lead to a truly meaningful judgment, and the events of the past few decades, in particular, are of such a nature that they cannot be assessed summarily, because far too many threads converge. But with every judgment, one must also consider where the impulses for judgment come from—whether, so to speak, the perspective is properly calibrated. In this regard, one can have the most painful experiences. And I must confess that, in the face of the many unkind remarks I encounter so frequently at present—precisely in connection with this fact—I have the painful realization of how little inclination there is in the world to view judgments from the right perspective, to frame them correctly in perspective. How little one is understood—and how little there is even a willingness to understand one—when one tries to judge things in such a way as to seek the correct perspective for one’s judgment.
[ 28 ] Ich muß gestehen, ohne daß ich jetzt meine eigene Meinung nach der einen oder andern Seite hin aussprechen will: Ich bin außerhalb Deutschlands kaum einem freundlichen Urteile, einem wirklich verständnisvoll-freundlichen Urteil über Deutschland begegnet — wohl Urteilen, die mit einer ungeheuren Sicherheit abgegeben werden, aber einem wirklich verständnisvollen Urteile nicht. Dagegen [begegnete ich] ungeheuer vielen außerordentlich wohlwollenden Urteilen über jene Gebiete, die rings um Deutschland liegen — ich erwähne das nur als Tatsache! Selbstverständlich wundert mich das nicht — niemand soll glauben, daß ich dies als eine Tatsache nehme, über die ich mich wundere. Das ist durchaus nicht der Fall — im Gegenteil, ich wundere mich gar nicht darüber, sondern ich versuche nur zu begreifen, warum es so ist. Aber es handelt sich darum zu bemerken, daß der Wille, sich perspektivisch einzustellen, gar nicht vorhanden ist, daß man nicht einmal ahnt, daß das Urteil eine ganz andere, eine perspektivische Einstellung braucht, wenn man heute zum Beispiel dasjenige, was ringsherum wohnt, beurteilen will — das ahnt man gar nicht einmal. Man ahnt gar nichts davon, was es heißt, daß in dem, was Mitteleuropa umschließt, jeder einzelne Mensch als Individuum angegriffen oder bedroht ist, so daß es sich da um menschliche Angelegenheiten handelt, währenddem es sich ringsherum um staatliche Angelegenheiten, um politische Angelegenheiten handelt; man ahnt gar nichts davon, daß das eine ganz andere Beurteilungsperspektive abgeben muß.
[ 28 ] I must admit—without wishing to express my own opinion one way or the other at this point—that outside of Germany I have hardly ever encountered a favorable judgment, a truly understanding and favorable judgment, about Germany—certainly judgments expressed with tremendous certainty, but not a truly understanding one. On the other hand, [I encountered] an immense number of extraordinarily favorable judgments about the regions surrounding Germany—I mention this merely as a fact! Of course, this does not surprise me—no one should think that I regard this as a fact that surprises me. That is by no means the case—on the contrary, I am not at all surprised by this, but I am merely trying to understand why it is so. But the point is to note that the willingness to adopt a perspective is entirely absent, that one does not even suspect that judgment requires a completely different, perspectival approach when, for example, one wishes to assess what lies all around us today—one does not even suspect this. One has absolutely no inkling of what it means that, within the region encompassing Central Europe, every single person is under attack or threatened as an individual—so that these are human affairs—whereas all around them, the issues at hand are matters of state and politics; one has absolutely no inkling that this requires an entirely different perspective for judgment.
[ 29 ] Man urteilt so auf gleich und gleich, möchte ich sagen, was gar keinen Sinn hat in diesem Falle. Denn man zieht zum Beispiel — wie gesagt, ich will nur über das Formale der Urteile sprechen, ohne eine Meinung abzugeben —, man zieht zum Beispiel nicht in Rechnung bei dem, was man als Urteil in der Welt überall faßt — und jetzt bitte ich durchaus zu berücksichtigen, damit nicht auch hier das eintritt, daß man auf ein Volk bezieht, was gar nicht in bezug auf das Volk gemeint ist —, man zieht nicht in Betracht, daß dasjenige, was man das Britische Reich nennt, ein Viertel der ganzen gegenwärtigen trockenen Erde in seinen Herrschaftsbereich einbezogen hat — ein Viertel, Rußland ein Siebentel — ich nehme die Zahl nicht zu groß —, Frankreich ein Dreizehntel. Das gibt addiert ungefähr die Hälfte der nicht vom Meere bedeckten, trockenen Erde! Ich begreife es, meine lieben Freunde, daß sich das Wohlwollen, das sich dieser Seite zuwendet, selbstverständlich berechnen läßt, indem man es, wie der Mathematiker sagt, mit einem gewissen Quotienten multipliziert, nämlich mit der Größe. Man ist ja selbstverständlich abhängig von dem, was die Hälfte der Erde beherrscht. Ich begreife es. Aber daß man sich das nicht gesteht, sondern daß man allerlei moralische Formeln, das heißt Phrasen braucht, das ist es, was als schlimmer Gedanke in Betracht kommt. In dem Augenblicke, wo man sagen würde, man kann doch nicht anders, als mit der Hälfte der Erde zu gehen, in dem Augenblicke wäre ja alles ganz gut, aber man wird sich wohl hüten, dies zu sagen. Nur nebenbei will ich erwähnen, daß Deutschland ein Dreiunddreißigstel des Bodens der Erde besitzt mit allen seinen Kolonien, die es besessen hat. Diese Dinge sind durchaus zu berücksichtigen.
[ 29 ] One judges like this on an equal footing, I would say, which makes no sense at all in this case. For, for example—as I said, I only want to speak about the formal aspects of judgments without expressing an opinion—for example, one does not take into account, in what is generally understood as a judgment throughout the world—and now I ask you to bear this in mind so that what happens here is not that one applies to a people something that is not at all meant in relation to that people— one does not take into account that what is called the British Empire has incorporated a quarter of the entire present-day landmass into its sphere of influence—a quarter, Russia a seventh—I do not think this figure is too high—and France a thirteenth. Added together, that amounts to roughly half of the landmass not covered by the sea! I understand, my dear friends, that the goodwill directed toward this side can, of course, be calculated by multiplying it—as the mathematician says—by a certain quotient, namely, size. One is, of course, dependent on whatever controls half the earth. I understand that. But the fact that people do not admit this to themselves, but instead resort to all sorts of moral formulas—that is, empty phrases—is what constitutes a troubling thought. The moment one were to say, “We have no choice but to go along with half the world,” everything would be quite all right; but people will be very careful not to say this. Just as an aside, I’d like to mention that Germany owns one thirty-third of the Earth’s land area, including all the colonies it has ever possessed. These things must certainly be taken into account.
[ 30 ] Und nun frage ich Sie, meine lieben Freunde: Muß man in das Urteil so etwas nicht einbeziehen? Was vorhin in dem Aufsatze «Imperialismus» genannt worden ist, das kommt ja natürlich in Betracht als Ausbreitung der Herrschaft über die Territorien der Erde. Der größte Imperialismus ist selbstverständlich der britische Imperialismus — ich meine, darüber kann es keinen Streit geben. Ich rede jetzt nicht von meinen Meinungen, ich rede nur von dem, was auf Tatsachen hinweisen soll. Ich bitte, mich durchaus nicht so zu verstehen, als ob ich irgend jemanden, der einem Volk angehört, in irgendeiner Weise treffen wollte.
[ 30 ] And now I ask you, my dear friends: Shouldn’t such things be taken into account in this assessment? What was mentioned earlier in the essay “Imperialism” naturally comes into consideration as the expansion of dominion over the territories of the earth. The greatest form of imperialism is, of course, British imperialism—I mean, there can be no dispute about that. I am not speaking now of my personal opinions; I am speaking only of what the facts indicate. Please do not misunderstand me as if I were trying in any way to offend anyone who belongs to a particular nation.
[ 31 ] Nimmt man dies zusammen, so braucht es uns nicht zu wundern, daß das Britische Reich — man muß das doch auch wissen und in Erwägung ziehen — den größten Export gehabt hat und selbstverständlich noch hat. Nun trat ein merkwürdiger Umstand ein: Es trat ein Aufholen Deutschlands gegenüber dem britischen Export ein. Wenn man in gar nicht sehr weit zurückliegenden Jahren die Exportzahlen Deutschlands und die Exportzahlen des Britischen Reiches miteinander vergleicht, so war der deutsche Export sehr klein, der britische sehr groß. Aber ich will Ihnen die Exportzahlen für Januar bis Juni 1914 einmal hier auf die Tafel schreiben. Also vom Januar bis Juni 1914, da betrug:
[ 31 ] Taking all this into account, it should come as no surprise to us that the British Empire—and this is something we must also be aware of and take into consideration—had the largest exports and, of course, still does. Now, a curious development occurred: Germany began to catch up with British exports. If one compares Germany’s export figures with those of the British Empire from just a few years ago, German exports were very small, while British exports were very large. But let me write the export figures for January through June 1914 on the board here. So, from January through June 1914, the figures were:
der deutsche Export £1’045’000’000
der britische Export £1’075’000’000
German exports: £1,045,000,000
British exports: £1,075,000,000
[ 32 ] Denken Sie, es wäre, ohne daß der Weltkrieg gekommen wäre, noch ein Jahr hingeflossen über die europäische Entwicklung, dann würde vielleicht beim deutschen Export eine größere Zahl gestanden haben als da unten beim britischen. Das durfte nicht sein!
[ 32 ] Do you think that, had the World War not broken out, another year would have passed in the course of European developments, and then perhaps the figure for German exports would have been higher than the one shown below for British exports? That was not to be!
[ 33 ] Sie sehen, ohne daß man sich mit seinem Gefühl da oder dorthin engagiert, kann man aber doch die Dinge ins Auge fassen. Und viel wichtiger als die subjektiven Sympathien und Antipathien, viel wichtiger aber vor allen Dingen als dasjenige, was durch die Tagespresse pulsiert in so verheerender Weise, ist das, was einzelne immerhin sich um Objektivität bemühende Menschen über die Ereignisse der Gegenwart denken. Sehen Sie, ich will auch vom okkultistischen Standpunkt in der nächsten Zeit noch etwas tiefer auf diese Dinge eingehen, aber ich würde meine Pflicht versäumen, wenn ich einfach so die Dinge okkultistisch beleuchten würde, ohne daß ich auch auf dasjenige hinweisen würde, was auf dem physischen Plan eine Realität ist. So bequem, meine lieben Freunde, kann ich es Ihnen schon nicht machen, daß ich das Urteil sozusagen nur in ein Wolkenkuckucksheim hinaufhebe, damit niemandem ein Leid geschehe, sondern was über geistige Verhältnisse gesagt wird, muß schon ein wenig auch das beleuchten, was man wissen kann und wissen sollte vom physischen Plan. Und so lassen Sie mich denn auf etwas hinweisen, was Sie ja doch vielleicht interessieren wird und was ja bei der nunmehr, wie ich glaube, selbstverständlichen Vorurteilslosigkeit der hier befindlichen Freunde nicht allzu starken Anstoß erregen wird. Sie werden sehen — ich muß eben meine Pflicht gewissenhaft erfüllen und schon auch solche Unterlagen schaffen. Lassen Sie mich jetzt auf etwas hinweisen.
[ 33 ] You see, even without letting one’s feelings get involved in one way or another, one can still take a clear look at things. And far more important than subjective likes and dislikes—and above all, far more important than what is being sensationalized in such a devastating way by the daily press—is what individual people, who at least strive for objectivity, think about current events. You see, I also intend to delve a bit deeper into these matters from an occult perspective in the near future, but I would be neglecting my duty if I were to simply shed light on these matters from an occult standpoint without also pointing out what is a reality on the physical plane. I cannot make it that easy for you, my dear friends, by, so to speak, lifting my judgment up into a cloud cuckoo land so that no harm comes to anyone; rather, whatever is said about spiritual conditions must also shed some light on what one can and should know about the physical plane. And so let me point out something that may well interest you and that, given the now—as I believe—self-evident lack of prejudice among the friends present here, will not cause too great an offense. You will see—I must simply fulfill my duty conscientiously and provide such background information as well. Let me now point out something.
[ 34 ] Es gibt natürlich innerhalb der Gegenwart durchaus Leute, die sich bemühen, scharf auf die Dinge hinzuschauen, sie so in das Blickfeld zu rücken, wie sie sich zugetragen haben. Man könnte zunächst meinen, na ja, alle Leute seien befangen. Aber sehen Sie, es gibt doch Unterschiede in der Befangenheit, und das sollte man doch auch etwas ins Auge fassen, diese Unterschiede in der Befangenheit. Ich möchte — ohne daß ich die Schrift empfehlen oder ein Lob über diese Schrift sagen will — doch nur erwähnen die immerhin interessante Tatsache, daß ein Schriftchen erschienen ist hier in der Schweiz: «Zur Geschichte des Kriegsausbruches, nach den amtlichen Akten der Königlich Großbritannischen Regierung dargestellt» von Dr. Jacob Ruchti. Diese Schrift weicht gar sehr von dem ab, was man heute überall rundherum auf der halben Erde findet über die sogenannte Schuld der Mittelmächte. Sie tritt in streng wissenschaftlicher Form auf — sogar etwas pedantisch wissenschaftlich, wie man es in historischen Seminarien macht — und benützt als Dokumente vorzugsweise diejenigen der britischen Regierung. Sie kommt zu einem Schlusse, den ich nun doch aus Rücksicht nicht hier wiederholen will, weil er sehr abweicht von dem, was man ringsherum um die europäische Mitte überall sonst als Urteil hat. [Aber einen Satz aus dieser Schrift will ich Ihnen doch vorlesen.] Am Schluß steht:
[ 34 ] Of course, there are certainly people today who strive to take a close look at things, to bring them into focus exactly as they happened. At first glance, one might think, well, everyone is biased. But you see, there are differences in that bias, and one should certainly take these differences into account. I would like—without intending to recommend the book or praise it—to simply mention the interesting fact that a small book has been published here in Switzerland: On the History of the Outbreak of War, Presented According to the Official Records of the Royal British Government by Dr. Jacob Ruchti. This work differs greatly from what one finds today all over half the globe regarding the so-called guilt of the Central Powers. It is presented in a strictly scholarly manner—even somewhat pedantically scholarly, as is done in history seminars—and relies primarily on documents from the British government. It reaches a conclusion that I will not repeat here out of consideration, because it differs greatly from the prevailing judgment found everywhere else around the European heartland. [But I would like to read one sentence from this work to you.] At the end it states:
Aber die Geschichte läßt sich auf die Dauer nicht fälschen, die Legende vermag vor der wissenschaftlichen Forschung nicht standzuhalten, das dunkle Gewebe wird ans Licht gebracht und zerrissen, auch wenn es noch so kunstvoll und fein gesponnen war.
But history cannot be falsified in the long run; legend cannot withstand scientific scrutiny; the dark web is brought to light and torn apart, no matter how artfully and finely it was woven.
[ 35 ] Diese Schrift, die also im Historischen Seminar einer schweizerischen Universität entstanden ist, wurde sogar von der Universität Bern preisgekrönt. Es gibt also heute eine von einer schweizerischen Universität preisgekrönte Schrift, welche versucht, die Dinge anders darzustellen, als man sie heute sehr häufig von der Peripherie aus dargestellt findet. Das ist immerhin doch eine Tatsache, die berücksichtigenswert ist, denn niemand wird wagen, das Historische Seminar der Berner Universität anzuklagen, etwa bestochen zu sein oder dergleichen.
[ 35 ] This paper, which was written in the History Department of a Swiss university, even received an award from the University of Bern. So today there is a paper, awarded a prize by a Swiss university, that attempts to present things differently from how they are very often portrayed today from the periphery. That is, after all, a fact worth considering, because no one would dare accuse the Department of History at the University of Bern of, say, being bribed or anything of the sort.
[ 36 ] Ich will noch eine andere Tatsache anführen. Es gibt seit einiger Zeit eine sehr interessante Diskussion zwischen Monsieur Clemenceau, Mister Archer und Georg Brandes — wie jetzt die Leute schreiben, mit einem Akzent [auf der letzten Silbe]; man war es früher vor dem Kriege nicht gewohnt. Georg Brandes ist Däne, dänischer Schriftsteller. Den meisten von Ihnen wird er bekannt sein, weil er einer der gefeiertsten europäischen Schriftsteller ist. Daß ich ihn heute aus besonderer Vorliebe erwähne, meine lieben Freunde, glauben Sie ja nicht, denn er gehört für mich zu den allerunsympathischsten Schriftstellern; er gehört zu den Schriftstellern, die ich am allerwenigsten leiden kann. Nun will ich ohne weitere Einleitung Ihnen den letzten Artikel, den Brandes in Anknüpfung an eine Auseinandersetzung mit Grey, Archer und Clemenceau geschrieben hat, vorlesen, aber, wie gesagt, ich rechne darauf, daß sich das bewahrheite, was ich mit Bezug auf unseren Kreis vorausgesetzt habe, daß man unterscheiden kann und nicht glauben soll, daß ich irgendeinem Volke etwas am Zeuge flicken will — ich sage ja auch nicht meine Meinung, sondern ich lese Ihnen nur vor. Da schreibt Georg Brandes — Brandes mit Akzent, Clemenceau hat [als erster] angefangen, diesen Akzent zu gebrauchen:
[ 36 ] I would like to mention one more fact. For some time now, there has been a very interesting discussion between Monsieur Clemenceau, Mister Archer, and Georg Brandes—as people now write, with an accent [on the last syllable]; this was not customary before the war. Georg Brandes is Danish, a Danish writer. Most of you will be familiar with him, as he is one of the most celebrated European writers. Do not think, my dear friends, that I am mentioning him today out of any particular fondness, for to me he is one of the most unsympathetic writers; he is among the writers I can least stand. Now, without further introduction, I would like to read to you the latest article that Brandes wrote in connection with a dispute with Grey, Archer, and Clemenceau, but, as I said, I am counting on the fact that what I have assumed with regard to our circle will prove true—namely, that one can distinguish and should not believe that I am trying to patch up the reputation of any particular people—after all, I am not expressing my own opinion, but merely reading to you. Georg Brandes writes—Brandes with an accent; Clemenceau was [the first] to start using this accent:
Da ich teils in ausländischen Zeitungen, teils in jenen anonymen Briefen, aus denen die Blüte der dänischen Plebs ihren Duft emporsendet, auch persönlichen Insinuationen begegnet bin, so sei nur folgendes ein für alle Mal bemerkt: Ich habe die Ehre, Mitglied dreier angesehener Londoner Klubs zu sein, war Präsident des einen, Vizepräsident des andern, bin Ehrenmitglied dreier wissenschaftlicher Gesellschaften und Ehrendoktor einer schottischen Universität. Ich bin mithin durch starke Bande an Großbritannien geknüpft, ich bin Englands literarischer und künstlerischer Welt zu tiefem Dank verpflichtet und habe mich stets von britischem Leben und Geist mächtig angezogen gefühlt.
Von seiten des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns habe ich niemals auch nur die kleinste Ehrenbezeugung irgendwelcher Art erhalten, auch nicht das kleinste rote Vögelchen vierter Klasse, ich war weder je Mitglied irgendeines deutschen Vereins noch einer wissenschaftlichen Gesellschaft und habe nie von einer deutschen Universität die kleinste Auszeichnung empfangen.
Since I have encountered personal insinuations—some in foreign newspapers, others in those anonymous letters from which the flower of the Danish plebs sends forth its fragrance—let me simply state the following once and for all: I have the honor of being a member of three prestigious London clubs; I served as president of one and vice president of another; I am an honorary member of three scientific societies and hold an honorary doctorate from a Scottish university. I am thus bound to Great Britain by strong ties; I am deeply indebted to England’s literary and artistic world, and I have always felt powerfully drawn to British life and spirit.
I have never received even the slightest token of honor of any kind from the German Empire or Austria-Hungary—not even the smallest fourth-class red bird; I have never been a member of any German association or scientific society, and I have never received the slightest distinction from a German university.
[ 37 ] Ich habe auch nie gehört, obwohl ich vieles in dieser Richtung gehört habe, daß je irgendeine deutsche Gesellschaft geneigt gewesen wäre, dem Georg Brandes eine Auszeichnung zu geben, wohl aber wacker über ihn zu schimpfen!
[ 37 ] I have also never heard—although I have heard many things along these lines—that any German society has ever been inclined to award Georg Brandes a prize, though they have certainly been eager to rail against him!
Infolge meiner Auslassungen über Nordschleswig schmäht man mich seit fast zwanzig Jahren in der deutschen Presse nach Kräften.
Daß ich also bestochen wäre, Deutschlands Sache zu verfechten, läßt sich eigentlich nicht behaupten.
As a result of my remarks about North Schleswig, I have been viciously attacked in the German press for nearly twenty years.
So it really cannot be claimed that I was bribed to defend Germany’s cause.
[ 38 ] Das stimmt durchaus, das stimmt! Nun, meine lieben Freunde, das ist eine kleine Einleitung. Ich füge noch hinzu: Brandes war ein intimster Freund von Clemenceau. Ich selber habe in Österreich einmal eine Bank gesehen, auf der — wie man mir erzählte — Clemenceau und Brandes, als die beiden auf dem Landsitz einer befreundeten Familie waren, in schönster, liebevollster Eintracht gesessen haben und auf welcher die beiden Namen «Clemenceau und Brandes» eingegraben waren. Man nennt seit dieser Zeit in dieser schönen schlesischen Einsiedelei jene Bank die «Clemenceau-Brandes-Bank». Georg Brandes hat einmal in Budapest einen Vortrag gehalten, bei dem er sagte:
[ 38 ] That’s absolutely true, that’s true! Well, my dear friends, that’s a brief introduction. I’d like to add: Brandes was a very close friend of Clemenceau’s. I myself once saw a bench in Austria on which—as I was told—Clemenceau and Brandes had sat in the most beautiful, affectionate harmony while visiting the country estate of a family of friends, and on which the two names “Clemenceau and Brandes” were engraved. Ever since then, in this beautiful Silesian retreat, that bench has been called the “Clemenceau-Brandes Bench.” Georg Brandes once gave a lecture in Budapest in which he said:
Ich werde, da ich die ungarische Sprache nicht handhaben kann, nicht in ungarischer Sprache zu Ihnen sprechen können, und da ich die deutsche Sprache ebensowenig liebe wie Sie selber, so werde ich auch nicht in deutscher Sprache zu Ihnen sprechen, also in französischer Sprache Ihnen den Vortrag halten.
Since I do not speak Hungarian, I will not be able to address you in Hungarian, and since I am no more fond of the German language than you are, I will not address you in German either; therefore, I will deliver my lecture to you in French.
[ 39 ] Sie sehen, es ist nicht die geringste Veranlassung vorhanden für einen Deutschen, irgendwelche besondere Liebe zu Georg Brandes zu entwickeln. Georg Brandes sagt:
[ 39 ] As you can see, there is not the slightest reason for a German to develop any particular fondness for Georg Brandes. Georg Brandes says:
Daß ich also bestochen wäre, Deutschlands Sache zu verfechten, läßt sich eigentlich nicht behaupten. Wenn ich unparteiisch ausgesprochen habe, was ich für Wahrheit ansehe, so dürfte das doch auf andern Eigenschaften beruhen als darauf, daß ich — wie Herr Clemenceau mir läppischer weise insinuiert— nach Kaisergunst schiele.
So it cannot really be claimed that I have been bribed to champion Germany’s cause. If I have spoken impartially about what I consider to be the truth, that must surely be based on qualities other than the fact that I—as Mr. Clemenceau has so frivolously insinuated—am seeking the Emperor’s favor.
[ 40 ] Ich weiß nicht, ob jetzt, nachdem dieser Satz geschrieben worden ist, der eine oder andere Name gestrichen ist von dieser Bank! Brandes weiter:
[ 40 ] I don't know if, now that this sentence has been written, one or two names have been struck from this list! Brandes continues:
Mr. Archer geht von dem Grundgedanken aus, daß einzig die Zentralmächte (gewisse Männer dieser Mächte) an dem Krieg schuld seien und sich auf ihn vorbereitet hätten. Es ist derselbe Grundgedanke, dem man immer wieder bei den Alliierten begegnet: die unvollkommene Vorbereitung auf den Krieg beweise, daß der eine Teil das Lamm, der andere der Wolf sei.
Meiner Ansicht nach beweist der Mangel an Kriegsbereitschaft einer Festlandsmacht im Sommer 1914 an sich nichts anderes als eine gewisse Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, Unordentlichkeit und mangelnde Voraussicht der verantwortlichen Stellen. Deshalb kann eine Nation sehr wohl darauf gehofft haben, durch Krieg in den Besitz gewaltsam entrissener Provinzen zu gelangen. Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß solch ein Krieg schon längst als eine heilige Pflicht von der öffentlichen Meinung bezeichnet wurde und daß man trotzdem saumselig genug gewesen wäre, sein Militärwesen nicht in Ordnung zu halten.
Und was von einer Landmacht gilt, gilt nicht minder von einer Seemacht.
Mr. Archer proceeds from the basic premise that only the Central Powers (certain men within those powers) were to blame for the war and had prepared for it. It is the same basic premise that one encounters time and again among the Allies: that the inadequate preparation for war proves that one side is the lamb and the other the wolf.
In my view, the lack of preparedness for war on the part of a continental power in the summer of 1914 proves nothing more than a certain carelessness, negligence, disorganization, and lack of foresight on the part of the authorities responsible. For this reason, a nation may very well have hoped to gain possession of provinces that had been forcibly seized through war. It is quite conceivable that such a war had long been regarded by public opinion as a sacred duty, and that, despite this, the authorities had been negligent enough to fail to keep their military affairs in order.
And what applies to a land power applies no less to a naval power.
I.
I.
Am 27. November 1911 wurde im englischen Parlament die Anfrage gestellt, ob das Marokko-Übereinkommen zwischen England und Frankreich vom April 1904, sei es von der französischen oder englischen Regierung, so ausgelegt werden könne, als begreife es unter Umständen militärische Unterstützung zu Lande oder zur See in sich und welches eventuell diese Umstände seien. Die Antwort lief darauf hinaus, daß diplomatische Unterstützung keine militärische oder maritime bedinge. Am selben Tag äußerte Sir Edward Grey: Versuchen wir all den Argwohn in bezug auf heimliche Abmachungen loszuwerden. Wir haben dem Unterhaus alle nicht veröffentlichten Artikel des Übereinkommens mit Frankreich von 1904 vorgelegt. Es bestehen keinerlei andere Verpflichtungen. Wir selbst haben seit Antritt der Regierung nicht eine einzige heimliche Abmachung irgendwelcher Art getroffen. Am 3. August 1914 verlas Sir Edward Grey im Parlament unter anderem folgenden Passus eines Dokuments, das er am 22. November 1912 an den französischen Botschafter in London gesendet hatte: «Sie haben darauf hingewiesen, daß im Falle eine der Regierungen ernsten Grund haben sollte, einen nicht herausgeforderten Angriff einer dritten Macht zu erwarten, es für sie von Gewicht sein könnte zu wissen, ob die betreffende Regierung in diesem Falle auf den bewaffneten Beistand der andern rechnen dürfe. Ich bin darin mit Ihnen einig, daß, sofern eine der Regierungen ernsten Grund haben sollte, einen unprovozierten Angriff einer dritten Macht oder etwas («something») den allgemeinen Frieden Bedrohendes (eine äußerst dehnbare Bestimmung) zu erwarten, sie augenblicklich mit der andern erörtern solle, ob beide Regierungen gemeinschaftlich vorgehen sollen, um dem Angriff vorzubeugen und den Frieden zu erhalten, und welche Maßregeln sie in einem solchen Falle gemeinsam zu treffen hätten.» In derselben Rede heißt es: «Wir sind an der französisch-russischen Allianz nicht beteiligt. Wir kennen nicht einmal die Ausdrücke, in denen sie abgefaßt ist.»
On November 27, 1911, a question was raised in the British Parliament as to whether the Morocco Agreement between Britain and France of April 1904—whether interpreted by the French or British government—could be construed as encompassing, under certain circumstances, military support on land or at sea, and what those circumstances might be. The answer amounted to the fact that diplomatic support did not entail military or naval support. On the same day, Sir Edward Grey stated: “Let us try to dispel all suspicion regarding secret agreements. We have submitted to the House of Commons all the unpublished articles of the 1904 agreement with France. There are no other obligations whatsoever.” We ourselves have not entered into a single secret agreement of any kind since taking office.” On August 3, 1914, Sir Edward Grey read aloud in Parliament, among other things, the following passage from a document he had sent to the French ambassador in London on November 22, 1912: “You have pointed out that, should either government have serious grounds to expect an unprovoked attack by a third power, it might be of importance to it to know whether, in such a case, the government in question could count on the armed assistance of the other. I agree with you that, should either government have serious reason to expect an unprovoked attack by a third power or something (“something”) threatening general peace (an extremely broad definition), it should immediately discuss with the other whether both governments should act jointly to prevent the attack and preserve peace, and what measures they would have to take jointly in such a case.” The same speech states: “We are not party to the Franco-Russian Alliance. We do not even know the terms in which it is drafted.”
[ 41 ] Brandes setzt in Klammern hinzu:
[ 41 ] Brandes adds in parentheses:
(Eine höchst merkwürdige Aussage.)
Im Februar 1913 sagte Lord Hugh Cecil in der Adreßdebatte: Es ist der Glaube ziemlich allgemein verbreitet, daß das Land eine Verpflichtung eingegangen sei, nicht gerade einen Traktat, aber eine Verpflichtung, die sich auf eine vom Ministerium gegebene Versicherung gründe, mit einer bedeutenden bewaffneten Macht in Europa zu operieren. Mr. Asquith unterbrach hier den Redner mit den Worten: «Ich fühle mich zu der Erklärung gezwungen, daß dies unwahr sei.»
Am 24. März 1913 wurde der Premierminister abermals befragt, ob britische Truppen unter gewissen Umständen einberufen werden könnten, um sie am Kontinent zu landen. Er erwiderte: «Wie schon wiederholt hervorgehoben wurde, hat dieses Land keinerlei der Öffentlichkeit und dem Parlament unbekannt gebliebenen Verpflichtungen, die es zur Teilnahme an irgendeinem Kriege treiben könnten.»
Stimmte [...]
(A most curious statement.)
In February 1913, Lord Hugh Cecil said in the Address Debate: “It is a fairly widespread belief that the country has entered into a commitment—not exactly a treaty, but a commitment based on an assurance given by the Ministry—to operate with a significant armed force in Europe.” Mr. Asquith interrupted the speaker at this point, saying: “I feel compelled to state that this is untrue.”
On March 24, 1913, the Prime Minister was again asked whether British troops could, under certain circumstances, be mobilized to land on the continent. He replied: “As has been repeatedly emphasized, this country has no obligations—unknown to the public or to Parliament—that could compel it to participate in any war.”
Agreed [...]
[ 42 ] — so fragt Georg Brandes —
[ 42 ] — as Georg Brandes asks —
[...] diese Antwort mit der Wahrheit überein? Als im folgenden Jahr neuerlich Gerüchte auftauchten, antwortete Sir Edward Grey am 28. April 1914: «Die Sachlage ist jetzt dieselbe, wie sie der Premierminister in seiner Antwort am 24. März 1913 festgestellt hat.» Auf eine abermalige Anfrage am 11. Juni 1914 erwiderte Sir Edward Grey: «Es bestehen keine unveröffentlichten Abmachungen, die das Parlament oder die Regierung in der Freiheit ihrer Entschließungen, ob Großbritannien an einem Kriege teilnehmen solle, hindern oder einschränken würden.»
[...] Does this response correspond to the truth? When rumors resurfaced the following year, Sir Edward Grey replied on April 28, 1914: “The situation is now the same as the Prime Minister stated in his reply of March 24, 1913.” In response to a further inquiry on June 11, 1914, Sir Edward Grey replied: “There are no unpublished agreements that would prevent or restrict Parliament or the government in their freedom to decide whether Great Britain should enter the war.”
[ 43 ] Und Georg Brandes fügt hinzu:
[ 43 ] And Georg Brandes adds:
Das kann man wohl ohne Übertreibung Sophisterei nennen.
Es bestand doch der Brief an M. Cambon vom 22. November 1912, der in dem schrecklichen Kanzleistil der diplomatischen Sprache, aber unzweideutig England zur Teilnahme an jedem militärischen Wagestück verband, zu dem Rußland Frankreich zu bewegen vermöchte.
One can certainly call that sophistry without exaggeration.
After all, there was the letter to M. Cambon dated November 22, 1912, which, though written in the dreadful bureaucratic style of diplomatic language, unambiguously committed England to participating in any military venture that Russia might persuade France to undertake.
[ 44 ] Der Stil ist in der Tat etwas, das einem fürchterlich wehtut.
[ 44 ] Style is, in fact, something that causes you terrible pain.
Und noch merkwürdiger war der Schluß der Rede des Ministers des ÄuBern, der Jautete: «Wenn jedoch irgendeine Verabredung getroffen werden müßte, die es notwendig machen sollte, die Erklärung des Premierministers vom Vorjahr zurückzunehmen oder abzuändern, so müßte sie meiner Meinung nach dem Parlament vorgelegt werden, und ich nehme es als gegeben an, daß dies auch geschehen würde.»
Even more peculiar was the conclusion of the Foreign Minister’s speech, in which he stated: “However, if any agreement were to be reached that would make it necessary to withdraw or amend the Prime Minister’s statement from last year, it would, in my opinion, have to be submitted to Parliament, and I take it for granted that this would indeed happen.”
[ 45 ] Und da fügt Brandes hinzu:
[ 45 ] And Brandes adds:
Die ganze Welt weiß, daß es nicht geschah.
The whole world knows it didn't happen.
II.
II.
Diese aus Parlamentsreden angeführten Stellen beweisen, daß Groß britannien auf einen Krieg mit Deutschland nicht unvorbereitet war.
Mr. Archer betrachtet es als ausgemacht, daß von Deutschlands Seite ein Krieg mit Großbritannien leidenschaftlich herbeigewünscht wurde.
Bekanntlich ist es erwiesen, daß Englands Kriegserklärung von der deutschen Regierung so wenig vorausgeschen war, daß sie Bestürzung erregte. Man mag die deutsche Regierung in diesem Punkt naiv nennen, aber daß sie peinlich überrascht wurde, steht außer Zweifel. Kaiser Wilhelm hatte, wie C. H. Norman schlagend nachgewiesen hat, einigen Grund, auf Englands Neutralität zu hoffen. Er hatte in den Jahren 1900–1901 einer europäischen Koalition vorgebeugt, die England zwingen wollte, den südafrikanischen Republiken unter günstigen Bedingungen Frieden zu gewähren. Er hatte England seine Freundschaft bewiesen, indem er sich weigerte, die Deputation des Burenvolkes, die in ganz Europa gefeiert wurde, in Berlin zu empfangen; er hatte, wie er ausdrücklich in dem bekannten Interview im «Daily Telegraph» 1908 veröffentlichen ließ, die ‚Aufforderung Rußlands und Frankreichs abgelehnt, mit ihnen gemeinsam bei England Schritte zu tun, um dem Burenkriege ein Ende zu machen.
Weder Frankreich noch Rußland haben dem je zu widersprechen gewagt.
These passages, taken from parliamentary speeches, prove that Great Britain was not unprepared for a war with Germany.
Mr. Archer considers it a settled fact that Germany ardently desired a war with Great Britain.
As is well known, it has been proven that England’s declaration of war came so unexpectedly to the German government that it caused consternation. One might call the German government naive on this point, but there is no doubt that it was taken completely by surprise. As C. H. Norman has convincingly demonstrated, Kaiser Wilhelm had some reason to hope for England’s neutrality. In 1900–1901, he had prevented a European coalition that sought to force England to grant peace to the South African republics on favorable terms. He had demonstrated his friendship toward England by refusing to receive in Berlin the Boer delegation, which had been celebrated throughout Europe; he had, as he explicitly stated in the well-known interview published in the Daily Telegraph in 1908, “rejected the request from Russia and France to join them in taking steps with England to bring the Boer War to an end.”
Neither France nor Russia ever dared to contradict this.
[ 46 ] Ich könnte noch manches aus dem Interview jenes «Daily Telegraph» hinzufügen, was noch viel eklatanter sprechen würde als dasjenige, was Georg Brandes hier spricht; aber ich will ja selber nichts hinzufügen!
[ 46 ] I could add a few more things from that Daily Telegraph interview that would speak even more strikingly than what Georg Brandes says here; but I don’t want to add anything myself!
Besonders erpicht auf einen Krieg mit England war also der Kaiser damals nicht. Und daß er sechs Jahre nach der Veröffentlichung jenes Interviews eifrig darauf bedacht gewesen sein sollte, auf einmal mit dem ganzen Erdball in Krieg zu geraten, davon einen denkenden Menschen zu überzeugen, dürfte nicht leicht sein. Seine Regierung hat falsch gerechnet, hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, das ist klar. Aber gewollt hat sie 1914 den Krieg mit England nicht, und der unbeherrschte Volkshaß gegen die Engländer, der in so abstoßender Weise in Deutschland zum Ausbruch kam, entsprang eben der Überraschung, in Großbritannien einem unerwarteten, einem ungemein starken Feind zu begegnen.
Die deutsche Diplomatie tat, was in ihrer Macht stand, um Englands Neutralität noch im letzten Augenblick zu erringen. Sie ging tastend zu Werke. Der deutsche Kanzler bot Sir Edward Goschen an, für die Unverletzlichkeit des französischen Landgebiets einzustehen für den Fall es Deutschland beschieden sein sollte, Frankreich und Rußland zu überwinden. Sir Edward Grey verhielt sich ablehnend, da Deutschland die Zusicherung nicht auch auf die französischen Kolonien ausdehnen wollte.
Nun fragte Fürst Lichnowsky, der deutsche Gesandte in London, ob England zusagen wolle, neutral zu bleiben, wenn die Deutschen die Neutralität Belgiens nicht verletzten. Diese Zusage wollte Sir Edward Grey nicht geben, er wollte freie Hand bewahren. («I did not think, we could give a promise of neutrality on that condition alone.») Ob er diese Zusage geben würde, falls Deutschland die Integrität sowohl Frankreichs als seiner Kolonien zusicherte? Nein, er wolle sich nicht binden. Ob er also selbst die Bedingungen angeben wolle, unter denen er zum Versprechen der Neutralität geneigt wäre? Auch das nicht. («The ambassador pressed me as to whether I could formulate conditions on which we would remain neutral. He even suggested that the integrity of France and her colonies might be guaranteed. I said that I felt obliged to refuse definitely any promise to remain neutral on similar terms, and I could only say that we must keep our hands free.»)
Wenn Sir Edward Grey hinterher behauptete, Fürst Lichnowsky hätte bei diesen Anerbietungen sicherlich seine Vollmacht überschritten, so doch eben nur, weil der britische Minister des Äußern überzeugt ist und bleibt, daß Deutschland damals eine unbezwingliche Lust hatte, sich gleichzeitig mit Rußland, Frankreich, England und Belgien zu schlagen.
The Kaiser was therefore not particularly eager for a war with England at that time. And it would be no easy task to convince any thinking person that, six years after the publication of that interview, he was suddenly eager to go to war with the entire world. His government miscalculated; it didn’t count on the unexpected—that much is clear. But it did not want war with England in 1914, and the unchecked popular hatred of the English, which erupted in such a repulsive manner in Germany, stemmed precisely from the surprise of encountering an unexpected, an extraordinarily strong enemy in Great Britain.
German diplomacy did everything in its power to secure England’s neutrality even at the last moment. It proceeded cautiously. The German Chancellor offered Sir Edward Goschen to guarantee the inviolability of French territory should Germany succeed in defeating France and Russia. Sir Edward Grey rejected the offer, as Germany was unwilling to extend the assurance to the French colonies as well.
Prince Lichnowsky, the German envoy in London, then asked whether England would agree to remain neutral if the Germans did not violate Belgium’s neutrality. Sir Edward Grey refused to give this assurance; he wanted to retain a free hand. (“I did not think we could give a promise of neutrality on that condition alone.”) Would he make such a promise if Germany guaranteed the integrity of both France and its colonies? No, he did not wish to commit himself. Would he, then, be willing to specify the conditions under which he might be inclined to promise neutrality? Not that either. (“The ambassador pressed me as to whether I could formulate conditions on which we would remain neutral. He even suggested that the integrity of France and her colonies might be guaranteed. I said that I felt obliged to refuse definitively any promise to remain neutral on similar terms, and I could only say that we must keep our hands free.”)
When Sir Edward Grey later claimed that Prince Lichnowsky had certainly exceeded his authority in making these offers, it was only because the British Foreign Secretary is and remains convinced that Germany at that time had an insatiable desire to go to war simultaneously against Russia, France, England, and Belgium.
[ 47 ] Nun, meine lieben Freunde, verzeihen Sie, daß ich hier doch eine kleine Einschaltung mache. Es geht Ihnen ja aus dem, was eben gelesen worden ist, hervor, daß es nur eines einzigen Satzes von Grey, eines einzigen Satzes von ihm bedurft hätte, um die Neutralitätsverletzung Belgiens zu verhindern — eines einzigen Satzes! Ich gebe aber Grey keinerlei Schuld, denn er ist der Hampelmann von ganz andern Mächten, von denen ich noch später einmal sprechen möchte — im Gegenteil, ich betrachte ihn als einen ganz ehrlichen, aber außerordentlich stumpfsinnigen Menschen, aber ich weiß nicht, wie weit es gestattet ist, heute solche Urteile abzugeben. Hinzugefügt werden könnte: Es hätte nur eines einzigen Satzes bedurft, so wäre der Krieg im Westen überhaupt unterblieben. Das sind Dinge, die die Welt einmal erfahren wird.
[ 47 ] Well, my dear friends, please forgive me for making a brief digression here. As you can see from what has just been read, it would have taken only a single sentence from Grey—just one sentence from him—to prevent the violation of Belgium’s neutrality—a single sentence! But I do not blame Grey in the least, for he is the puppet of entirely different powers, of which I would like to speak later—on the contrary, I regard him as a thoroughly honest, though extraordinarily dull-witted man, but I do not know to what extent it is permissible to pass such judgments today. One might add: It would have taken just a single sentence, and the war in the West would never have happened at all. These are things the world will one day come to know.
[ 48 ] Ich denke, daß diese Dinge doch einigermaßen schwer ins Gewicht fallen, denn sie sind Tatsachen. Brandes fährt fort:
[ 48 ] I think these things do carry some weight, after all, because they are facts. Brandes continues:
Wie schon früher ausgeführt und wie es dem gesunden Menschenverstand einleuchtet, war Deutschland auf einen deutsch-russischen Krieg gefaßt, falls ein solcher aus dem Einfall Österreichs in Serbien entstehen sollte. Es wollte Frankreich (und auch Belgien) unbehelligt lassen, falls dieses sich neutral verhielte. Allein Frankreich war bekanntlich fest entschlossen, Rußland zu Hilfe zu kommen, eine Politik, über deren Weisheit die Zukunft ihr Urteil fällen wird, die aber vorläufig dahin geführt hat, daß zehn Millionen Menschen die sieben Tage der Woche damit verbringen, einander kläglich hinzumorden.
Das englische Ministerium des Äußern hatte heimlich — ohne Wissen des Parlaments — Großbritannien verpflichtet, Frankreich im Falle eines europäischen Krieges zu Hilfe zu kommen. Englands öffentliche Meinung hätte vielleicht, infolge der neuen, aber starken Sympathien für Frankreich, diese Verpflichtung, wenn sie bekannt gewesen wäre, gebilligt. Doch sicher würde sie den Zwang nicht gebilligt haben, in den England versetzt wurde, wenn sie alles gewußt hätte, sollte doch durch das Verhältnis Frankreichs zu Rußland, der einzigen Macht, die bei einem Krieg nichts zu verlieren hatte, England zum Kriege gezwungen werden. Rußlands Menschenmaterial ist so groß, daß die Verluste an Menschenleben im Krieg nur wenig in Betracht kommen, und würden die nationalen Leidenschaften entfesselt und führte der Krieg zum Siege, so konnte die konservative Regierung dadurch nur befestigt werden.
As has been explained earlier and as common sense would suggest, Germany was prepared for a German-Russian war should one arise from Austria’s invasion of Serbia. It intended to leave France (and Belgium as well) unmolested if they remained neutral. But France, as is well known, was firmly resolved to come to Russia’s aid—a policy on whose wisdom the future will pass judgment, but which has so far led to ten million people spending seven days a week miserably slaughtering one another.
The British Foreign Office had secretly—without Parliament’s knowledge—committed Great Britain to coming to France’s aid in the event of a European war. English public opinion might perhaps, as a result of the new but strong sympathies for France, have approved of this commitment had it been known. Yet it certainly would not have approved of the compulsion to which England was subjected, had it known the full extent of the situation; for, given France’s relationship with Russia—the only power that had nothing to lose in a war—England was to be forced into war. Russia’s manpower is so vast that the loss of human life in war is of little consequence, and if national passions were unleashed and the war led to victory, this could only serve to strengthen the conservative government.
III
III.
[ 49 ] Die öffentliche Meinung in Großbritannien würde, wenn sie um die politische Lage, wie sie war, Bescheid gewußt hätte, erkannt haben, daß der Ausgang des Streites für die Freiheit oder das Heil der Menschheit nichts Gutes verheißen könne. Siegten die Alliierten, so bahnte dies nur eine ungeheure Steigerung der Macht Rußlands an, den Sieg eines Regierungssystems, das dem Großbritanniens entgegengesetzt ist. Für das russische Volk, das als Volk Europas Herz gewonnen hat, würde dieser Sieg keinen Fortschritt verheißen. I. Ich glaube nicht, daß mein geschätzter Widersacher, Mr. Archer, den preußischen Militarismus mehr verabscheuen kann als ich. Er wird bedingt durch die zwei langen und gefährdeten Grenzlinien zwischen Deutschland und Rußland auf der einen und Deutschland und Frankreich auf der anderen Seite.
[ 49 ] Had public opinion in Great Britain been aware of the political situation as it actually was, it would have recognized that the outcome of the conflict could not bode well for the freedom or the welfare of humanity. If the Allies were to prevail, this would merely pave the way for a tremendous increase in Russia’s power—the triumph of a system of government that is the antithesis of Britain’s. For the Russian people, who have won the hearts of Europe, this victory would not promise any progress. I. I do not believe that my esteemed opponent, Mr. Archer, can detest Prussian militarism any more than I do. He is constrained by the two long and vulnerable borderlines between Germany and Russia on the one hand, and Germany and France on the other.
[ 50 ] Bitte, das sagt ein Mensch, der niemals den kleinsten «roten Vogel» bekommen hat, auch nicht vierter Güte!
[ 50 ] Come on, that's coming from someone who's never even caught the tiniest “red bird,” not even a fourth-rate one!
Was ihn Frankreich gegenüber entschuldbar macht, ist die Tatsache, daß die Franzosen Berlin wohl an zwanzigmal besetzten, während die Deutschen nur zweimal in Paris waren. Er wirkt abschreckend durch sein Kastenwesen und seinen Hochmut. Doch viel schlimmer als der Militarismus anderer Länder ist er wohl kaum.
What makes him excusable in the eyes of France is the fact that the French occupied Berlin perhaps twenty times, while the Germans were in Paris only twice. He is off-putting because of his caste system and his arrogance. Yet he is hardly much worse than the militarism of other countries.
[ 51 ] Sagt Georg Brandes, der nicht den geringsten «roten Vogel» hat, nicht einmal vierter Güte!
[ 51 ] So says Georg Brandes, who doesn’t have even the slightest “red bird”—not even a fourth-rate one!
Europa, auch England, beobachtete seinerzeit in der Dreyfus-Affäre mit Besorgnis, welche Formen der französische Militarismus anzunehmen vermag. Was den russischen Militarismus betrifft, so [...]
At the time of the Dreyfus Affair, Europe—including England—watched with concern to see what forms French militarism might take. As for Russian militarism, [...]
[ 52 ] —ich sage das wie Georg Brandes selbstverständlich auch mit vollem Herzen —
[ 52 ] —I say this, like Georg Brandes, of course, with all my heart—
[...] schlachteten die idyllischen und liebenswürdigen Russen, für die mein geehrter Freund Wells so schwärmt und die es auch uns andern angetan haben, im Jahre 1900 kaltblütig die ganze chinesische Bevölkerung in Blagovesensk und Umgebung. Die Kosaken banden die Chinesen an ihren Zöpfen zusammen und trieben sie auf Booten, die sie nicht zu tragen vermochten, auf den Strom hinaus. Wenn die Frauen ihre Kinder an den Strand warfen und flehten, wenigstens diese zu retten, spießten sie die Kleinen auf ihre Bajonette.
«Ärgeres wie diesen Massenmord in Blagovesöensk haben sich auch die Türken niemals zuschulden kommen lassen», schrieb Mr. FE. E. Smith, der vormalige englische Pressezensor im Jahre 1907, in eben dem Jahr, in dem England und Rußland den Traktat vereinbarten, der Persiens Unabhängigkeit gewährleistete und untergrub.
Derselbe englische Schriftsteller hat die Schilderung bestätigt, die der Korrespondent der «Times» seinerzeit vom japanischen Militarismus gab. Am 21. November 1894 stürmte das japanische Heer Port Arthur und vier Tage lang schlachtete die Soldateska die Zivilbevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, mit äußerster Barbarei: «Vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein vergingen die Tage mit Mord, Plünderung und Verstümmelungen, mit jeder denkbaren Art namenloser Grausamkeit, bis der Ort ein solches Bild des Entsetzens war, daß jeder Überlebende mit Schaudern bis an seinen Todestag daran denken wird.»
[...] in 1900, the idyllic and amiable Russians—for whom my esteemed friend Wells raves so much and who have also won over the rest of us—cold-bloodedly slaughtered the entire Chinese population in Blagovesensk and the surrounding area. The Cossacks tied the Chinese together by their braids and drove them out onto the river in boats that were unable to carry them. When the women threw their children onto the shore and begged that at least the children be spared, they impaled the little ones on their bayonets.
“Not even the Turks have ever been guilty of anything worse than this mass murder in Blagovesöensk,” wrote Mr. F. E. Smith, the former British press censor, in 1907—the very year in which England and Russia agreed to the treaty that both guaranteed and undermined Persia’s independence.
The same English writer confirmed the account that the correspondent of The Times gave at the time of Japanese militarism. On November 21, 1894, the Japanese army stormed Port Arthur, and for four days the soldiers slaughtered the civilian population—men, women, and children—with the utmost barbarity: “From dawn until well into the night, the days were filled with murder, looting, and mutilation—with every conceivable form of unspeakable cruelty—until the place presented such a scene of horror that every survivor will remember it with a shudder until the day they die.”
[ 53 ] Diese Dinge, die der Georg Brandes sagt, der nicht den geringsten «roten Vogel» vierter Güte hat, die sind natürlich demjenigen wohlbekannt gewesen, der geschrieben hat: Der Krieg bringt selbst die Schrecken des Krieges, und man soll sich nicht wundern, wenn in dem Krieg die modernen Mittel eben gebraucht werden. — Aber ich hörte neulich, gerade dieser Satz in meiner Broschüre würde mir ganz besonders verübelt. Er kann einem nur verübelt werden von Menschen, die gar nichts wissen von der Geschichte und die nicht wissen, wovon eine solche Sache die Folge ist. Georg Brandes sagt weiter:
[ 53 ] These things that Georg Brandes says—who doesn’t have the slightest “red bird” of the fourth order—were, of course, well known to the person who wrote: “War itself brings the horrors of war, and one should not be surprised if modern means are used in war.” — But I heard recently that this very sentence in my pamphlet was held against me in particular. It can only be held against one by people who know nothing at all about history and who do not know what the consequences of such a thing are. Georg Brandes goes on to say:
Es kommt also nicht so sehr darauf an, von welcher Nationalität der Militarismus seine Färbung erhält. Er ist sich überall ziemlich gleich. Ich wünschte, Mr. Archer läse einen Vortrag, den Dr. Vöhringer am 30. Januar 1915 in Hamburg über Deutsch-Afrika hielt. Er würde daraus erfahren, was die deutschen Bewohner von Kamerun, etwa fünfzig Damen und Herren, die von der Kriegserklärung überrascht wurden, zu leiden hatten, als englische Offiziere sie einsperren ließen und dem Befehl von Schwarzen unterstellten, die sie mißhandelten. Sie litten Hunger und Durst. Baten sie um Wasser, so reichte man es ihnen in Unratkübeln, und ein britischer Offizier sagte: «Gleichviel, ob die deutschen Schweine zu trinken haben oder nicht.» Nicht einmal Waschwasser erhielten sie auf der Reise von Lago[s] bis England.
So it doesn’t really matter which nationality gives militarism its character. It’s pretty much the same everywhere. I wish Mr. Archer would read a lecture that Dr. Vöhringer gave in Hamburg on January 30, 1915, about German Africa. From it, he would learn what the German residents of Cameroon—about fifty men and women who were taken by surprise by the declaration of war—had to endure when British officers had them imprisoned and placed under the command of Black men who mistreated them. They suffered from hunger and thirst. When they asked for water, it was handed to them in garbage pails, and a British officer said, “It doesn’t matter whether the German pigs have something to drink or not.” They were not even given water for washing on the journey from Lago[s] to England.
[ 54 ] Ich habe niemanden gelangweilt in meiner Broschüre mit der Erzählung solcher Tatsachen, aber man hat es mir übelgenommen, daß ich nicht in denselben Ton einstimme, in den überall eingestimmt wird. Nicht das, was ich in der Broschüre gesagt habe, wurde angefochten das ging auch aus dem «sauberen» Brief von Edouard Schur6 hervor —, sondern das, was nicht in der Broschüre steht, was ringsherum gesagt wird. Das ist es, was dieser Broschüre übelgenommen worden ist, daß nicht so geschimpft worden ist, wie ringsherum überall geschimpft wird! Georg Brandes sagt weiter:
[ 54 ] I did not bore anyone in my pamphlet with the account of such facts, but I was criticized for not falling in line with the prevailing sentiment. It was not what I said in the pamphlet that was contested—as was also evident from Edouard Schur’s “polite” letter⁶—but rather what is not in the pamphlet, what is being said all around. That is what this pamphlet was resented for: that it did not rant and rave the way everyone else is ranting and raving all around! Georg Brandes goes on to say:
So sieht der englische Militarismus aus. Ist er um vieles besser als der preußische, wenn das Nationalgefühl bei den Engländern wie bei den anderen Völkerschaften der Erde bis zum Wahnwitz überhitzt ist?
This is what English militarism looks like. Is it really so much better than Prussian militarism, when the English, like other nations of the world, have allowed their national pride to run so high as to border on madness?
IV.
IV.
Möchte[n] nun Mr. Archer und andere hervorragende Männer in und außerhalb Großbritanniens endlich von der ewigen Untersuchung, in die auch ich hineingezerrt wurde, lassen, wer die Schuld an dem Krieg trage und an wem sie durch seinen Ausgang gesühnt werden müsse, und sich lieber der einzig wichtigen und entscheidenden Frage zuwenden, nämlich, wie man den Ausweg aus dieser Hölle finde, von der man in Wahrheit sagen kann, wie es in «Macbeth» heißt:
O horror, horror, horror! Tongue nor heart
Cannot conceive nor name thee.Die Kriegführenden sind unersättlich. Wurde doch in Paris beschlossen, den Handelskrieg bis aufs äußerste fortzuführen, auch wenn der Krieg der Waffen beendet sei. So soll denn die Tollheit nie ein Ende nehmen?
Der Krieg muß ja doch auf alle Fälle mit einer Übereinkunft schließen; und da der Krieg wirtschaftlicher Natur war, muß auch die Übereinkunft eine wirtschaftliche sein. England hat als Freihandelsmacht der ganzen Welt den Weg gewiesen. Abmachungen hinsichtlich der Zollfragen werden unausweichlich sein, und man wird notgedrungen gegenseitige Zugeständnisse machen, größere Freiheit für den Handel anstreben müssen, um schließlich zum Weltfreihandel zu gelangen.
Ein Mann aus dem Lande, das von Anfang an am schwersten unter dem Krieg gelitten hat, ein belgischer Fabrikant aus Charleroi, Mr. Henri Lambert, hat das erlösende, das dem Frieden den Weg bahnende Wort gesprochen, nämlich, daß die einzige kluge und vorausschende Politik, in diesem Fall Zollpolitik, die ist, gerecht zu sein, auch dem Gegenpart das Leben zu gönnen. Er hat darauf hingewiesen, daß eine dauernde Besserung der europäischen Zustände sich nur dann erreichen ließe, wenn der den Frieden suchende Teil zur Abschaffung oder mindestens Herabsetzung der Zölle genötigt würde, doch unter dem Zugeständnis voller gerechter Gegenseitigkeit. Die Abschaffung des Zolls scheint das einzig vernünftige und wirksame Mittel, um die im ökonomischen Wettstreit bekannte Kampfmethode, die die Engländer «dumping» nennen und den Deutschen so leidenschaftlich vorwerfen, auszuschließen.
Zollkonventionen werden auch in dem unwahrscheinlichen Fall unausweichlich sein, daß der Krieg fortgeführt würde bis zu einem den Gegner vernichtenden Sieg, für den noch Millionen und aber Millionen Menschen draußen auf den Walplätzen geopfert werden oder daheim an Wunden, Krankheiten und Entbehrungen zugrunde gehen müßten. Gesetzt, der Sieger beschlösse (wie es die Pariser Wirtschaftskonferenz verlangt) eine solche Benachteiligung des. Überwundenen in bezug auf die Zölle, daß er wirtschaftlich hierdurch auf eine niedrigere Stufe herabgedrückt würde, so wäre dies ein Rückfall der Menschheit zum System der Völkersklaverei!
Der Unterdrückte würde dann selbstverständlich mit aller Kraft danach streben, sich wieder aufzurichten, jeden Zwist zwischen den Siegern ausnützen und sich binnen einem halben Jahrhundert befreit haben. Allianzen halten ja doch kein halbes Jahrhundert vor.
Europas friedliche Zukunft beruht demnach auf dem Freihandel. Der Freihandel ist, wie Cobden sagte, der beste Friedensstifter. Er scheint noch mehr: der einzig mögliche Friedensstifter.
In früheren Zeiten stach man alten Pferden, die eine Tretmühle zu drehen hatten, die Augen aus. So, mit geblendeten Augen gegenüber der Wirklichkeit rings um sie her, drehen nun die unglücklichen Völker Europas notgedrungen und freiwillig die Tretmühle des Krieges.
Would Mr. Archer and other distinguished men in and outside Great Britain now finally let me—and all of us who have been dragged into this endless inquiry—be free from the question of who bears the blame for the war and upon whom that blame must be exacted as a result of its outcome, and instead turn their attention to the only important and decisive question—namely, how to find a way out of this hell, of which one can truly say, as in Macbeth:
O horror, horror, horror! Tongue nor heart
Cannot conceive nor name thee.The belligerents are insatiable. After all, it was decided in Paris to carry the trade war to the very end, even if the war of arms were to end. Is this madness never to end?
The war must, in any case, end with an agreement; and since the war was of an economic nature, the agreement must also be an economic one. As a free-trade power, England has shown the way to the entire world. Agreements regarding tariff issues will be inevitable, and the parties will be compelled to make mutual concessions and strive for greater freedom of trade in order to ultimately achieve global free trade.
A man from the country that suffered most severely from the war from the very beginning—a Belgian manufacturer from Charleroi, Mr. Henri Lambert—has spoken the liberating words that pave the way for peace, namely, that the only wise and far-sighted policy—in this case, tariff policy—is to be fair and to allow one’s counterpart to survive as well. He pointed out that a lasting improvement in European conditions could only be achieved if the party seeking peace were compelled to abolish or at least reduce tariffs—but only on the condition of full and fair reciprocity. The abolition of tariffs seems to be the only reasonable and effective means of eliminating the competitive tactic known in economic competition—which the English call “dumping” and which they so passionately reproach the Germans for.
Tariff agreements will be inevitable even in the unlikely event that the war were to continue until a victory that annihilates the enemy—a victory for which millions upon millions of people would still have to be sacrificed on the battlefields or perish at home from wounds, disease, and deprivation. Suppose the victor were to decide (as demanded by the Paris Economic Conference) to impose such a disadvantage on the vanquished in terms of tariffs that the latter would be economically reduced to a lower level; this would constitute a relapse of humanity into the system of international slavery!
The oppressed would then, of course, strive with all their might to rise again, exploit every dispute among the victors, and have freed themselves within half a century. After all, alliances do not last half a century.
Europe’s peaceful future therefore rests on free trade. Free trade is, as Cobden said, the best peacemaker. It seems to be even more than that: the only possible peacemaker.
In earlier times, old horses that had to turn a treadmill had their eyes gouged out. Thus, with their eyes blinded to the reality all around them, the unfortunate peoples of Europe now turn the treadmill of war—both out of necessity and of their own free will.
[ 55 ] Dies ist ein neutrales Urteil, aber das Urteil eines Menschen, der nicht urteilt nach Phrasen, sondern der in seinem Urteile eine Anzahl von Tatsachen gibt und die Möglichkeit zeigt, diese Tatsachen aneinander in der richtigen Weise abzumessen. Nicht eine Meinung auszusprechen, sondern hinzuweisen auf das, was nottut in unserer Zeit, wenn Wahrheit gesucht werden soll — das war mein Bestreben. Warum sollte es unmöglich sein, das Urteil zu suspendieren, wenigstens in der eigenen Seele, wenn man nicht die Zeit oder nicht den Willen hat, sich in der entsprechenden Weise um die Tatsachen zu kümmern? Geisteswissenschaft kann uns zeigen, daß die Urteile, die heute gefällt werden, die man so häufig in die Worte eingekleidet findet: Wir kämpfen für die Freiheit und das Recht auch der kleinen Nationen —, daß das wirklich die unverantwortlichsten Phrasen sind. Sie sind es allein schon durch ihre Natur, denn wer nur ein wenig die Wirklichkeit kennt, der weiß, daß solches Gerede dasselbe ist, wie wenn ein Haifisch einen Friedensvertrag eingehen wollte mit jenen Seefischchen, die bestimmt sind, von ihm gefressen zu werden. Es wird selbstverständlich nicht gleich verstanden werden — vielleicht erst nach einiger Meditation —, daß vieles Reden von heute ganz genau so ist, wie wenn man sich hinstellen und sagen würde: Warum gehen die Haifische mit den kleinen Fischen, die sie fressen wollen, nicht einen Kontrakt ein über ein «zwischenfischliches» — zwischenstaatlich sagt man nämlich heute —, über ein «zwischenfischliches» Fischrecht? — Jene Leute, die heute davon sprechen, daß ein Friede kommen soll, sagen, daß man mit dem Morden erst aufhören werde, wenn man Aussicht habe, daß nun immer Friede sei. Man kann sich eigentlich nichts Tolleres als diese Anschauung vorstellen: so lange zu morden, bis man es durch das Morden dahin gebracht hat, daß es keinen Krieg mehr geben kann! Man braucht heute kaum mehr ein Okkultist zu sein, um zu wissen: Wenn auf die eine oder andere Weise dieser Krieg in Europa aufgehört haben wird, so wird nur eine geringe Anzahl von Jahren vergehen, und es wird ein viel wütenderer, viel verheerenderer Krieg außerhalb Europas die Welt durchzittern.
[ 55 ] This is a neutral judgment, but the judgment of a person who does not judge based on clichés, but who, in his judgment, presents a number of facts and demonstrates the possibility of weighing these facts against one another in the proper way. My aim was not to express an opinion, but to point out what is necessary in our time if truth is to be sought. Why should it be impossible to suspend judgment—at least within one’s own soul—if one lacks the time or the will to engage with the facts in the appropriate manner? Spiritual science can show us that the judgments passed today—which are so often couched in the words, “We are fighting for the freedom and rights of even the small nations”—are in fact the most irresponsible of phrases. They are so simply by their very nature, for anyone who knows even a little about reality knows that such talk is the same as if a shark were to try to conclude a peace treaty with those little sea fish that are destined to be eaten by it. Of course, it will not be understood immediately—perhaps only after some reflection—that much of today’s talk is exactly the same as if one were to stand up and say: Why don’t the sharks enter into a contract with the little fish they intend to eat regarding an “inter-fish”—as one says today, “interstate”—“inter-fish” fishing rights? — Those people who speak today of the need for peace to come say that the killing will only stop when there is a prospect that peace will now reign forever. One can hardly imagine anything more absurd than this view: to keep killing until, through the very act of killing, one has brought about a situation where there can be no more war! Today, one hardly needs to be an occultist to know: Once this war in Europe has come to an end in one way or another, only a few years will pass before a far more furious, far more devastating war outside Europe will shake the world to its core.
[ 56 ] Aber wer kümmert sich heute um diejenigen Dinge, die auf Wirklichkeit gründen? Man hört sich lieber an, wenn Staatsmänner deklamieren, man müsse dies oder jenes erreichen zur Freiheit und zum Rechte auch der kleinen Nationen. Man hört es sich sogar an, wenn dem Titel nach zum Präsidenten gewordene Advokaten — die ja zwar ganz geschickte Advokaten sein mögen, um auf «rumänische» Art Prozesse zu führen —, [wenn solche Advokaten] reden und dabei [prächtig] wie ein Osmanen-Fürst in der Toga auftreten, was man nur nicht bemerkt, weil man in diesem Falle von «Republik» spricht. Was soll man dazu sagen, wenn die Menschen sich Vorlesungen anhören, die solche Leute halten über künstlerische und literarische Dinge wie zum Beispiel über die Beziehungen der Sagen und Mythen und der literarischen Stoffe von West- und Mitteleuropa — ganz abgesehen von solchen Tatsachen, wie ich sie schon neulich erwähnte, nämlich, daß jener Maeterlinck unter lautem Beifall Goethe, Schiller, Lessing und noch einige andere — ich weiß schon nicht, wen alles — «mittelmäßige Geister» genannt hat! Aber, meine lieben Freunde, ich will Ihr Urteil nicht im geringsten beeinflussen; nur aufmerksam machen will ich, daß zu Urteilen Perspektiven notwendig sind und daß zu einem Urteil, wenn es Wahrheit sein soll, wirklich ganz andere Dinge dazu gehören, als man heute vielfach anwendet.
[ 56 ] But who today cares about things based on reality? People would rather listen to statesmen declaiming that this or that must be achieved for the sake of freedom and the rights of even the smallest nations. People even listen when lawyers who have become presidents by title—who may well be quite skilled at conducting trials in the “Romanian” style—speak, appearing [magnificently] in their togas like an Ottoman prince, a fact that goes unnoticed only because in this case we speak of a “republic.” What is one to say when people listen to lectures given by such individuals on artistic and literary matters—such as the relationships between the legends, myths, and literary materials of Western and Central Europe—not to mention facts like those I mentioned recently, namely that Maeterlinck, to loud applause, called Goethe, Schiller, Lessing, and a few others—I don’t even know who all—“mediocre minds”! But, my dear friends, I do not wish to influence your judgment in the least; I merely wish to point out that perspectives are necessary for judgment, and that a judgment, if it is to be true, truly requires quite different elements than those often applied today.
[ 57 ] Man muß sich darüber doch klar sein — darauf sei nochmals hingewiesen —, daß die in Mitteleuropa zusammengedrängte Bevölkerung unter einem ganz andern Gesichtswinkel zu beurteilen ist, weil da die Menschen existentiell bedrängt sind, während dasjenige, was ringsherum ist — nur soweit es kriegführende Mächte sind selbstverständlich — für eine lange Zeit noch, wenigstens bis gewisse Zustände eintreten, falls der Krieg noch jahrelang dauert — nur staatlich und politisch beurteilt werden muß. Für Mitteleuropa handelt es sich um das Geistesgut, um die Seelenentwicklung, um das, was in Jahrhunderten produziertes Geistesgut ist. Es wäre der purste Unsinn zu glauben, daß es sich ringsherum um ein Ähnliches handeln könnte; das würde nur eine Gedankenlosigkeit darstellen, wenn man so etwas aussprechen würde. Gewiß, überall ist mancherlei zu tadeln, aber es ist etwas anderes, ob man — um jetzt Großes mit Kleinem zu vergleichen — die Dinge tadelt, die sich in einer eingeschlossenen Festung oder bei einem Belagerungsheer ringsherum zutragen. Aber ich habe noch kein Urteil gehört aus der Peripherie, das auf solche Dinge irgendwie Rücksicht nehmen würde.
[ 57 ] One must be clear about this—and this should be emphasized once again—that the population crammed together in Central Europe must be assessed from a completely different perspective, because the people there are under existential pressure, whereas what surrounds them—only insofar as they are belligerent powers, of course—must be judged solely in terms of state and politics for a long time to come, at least until certain conditions arise, should the war continue for years to come—must be judged solely in terms of state and politics. For Central Europe, what is at stake is the intellectual heritage, the development of the soul, and the intellectual legacy produced over centuries. It would be utter nonsense to believe that the situation all around us could be anything like that; to say such a thing would simply be thoughtless. Certainly, there is much to criticize everywhere, but it is quite another matter whether—to compare the big with the small—one criticizes the things that take place within a besieged fortress or among a besieging army all around it. But I have not yet heard a judgment from the periphery that would take such things into account in any way.
[ 58 ] Und um nicht einseitig zu sein, möchte ich zum Schlusse doch noch auf etwas hinweisen. Man tut sich da, wo man gerecht sein will, immer etwas darauf zugute, beide Seiten gleich zu beurteilen, indem man sagt: Na ja, da ist es so, da ist es so und so weiter. Aber man stellt sich nie die Frage: Ist es denn da und da auch wirklich so? Eine schweizerische Zeitung hat neulich Artikel veröffentlicht, welche in einer ganz abstrakten Weise darauf hinwiesen, da und dort werde dies und das gesagt, da und dort werde gelogen und so weiter, um nach beiden Seiten gerecht zu sein. Wenn aber das nicht wahr wäre, was da gesagt worden ist? Da wurde über die Verlogenheit im Weltkrieg gesprochen, aber dieser Artikel ist selbst ganz verlogen — gerade durch die Art und Weise, wie in ihm gesprochen wird. Ich will Ihnen nun etwas vorlesen — ich möchte sagen, ich tue es mit Angst und Beben —, was herausgegriffen ist aus einer beliebigen deutschen Zeitschrift, um den Unterschied zu charakterisieren, denn das, was ringsherum geschrieben wird, ist ja hinlänglich bekannt, und es ist hinlänglich bekannt, daß dies wahrhaftig nicht aus einem Wohlwollen gegen die Völker Mitteleuropas geschrieben wird. Denn selbst dort, wo man, ich möchte sagen weniger gepfefferte Urteile findet, da findet man noch immer hinlänglich viel von mehr als Unfreundlichem gegenüber dem Volkstum, das ja doch Goethe, Schiller, Lessing und so weiter hervorgebracht hat.
[ 58 ] And so as not to be one-sided, I would like to point out one more thing in closing. When one wants to be fair, one always takes some credit for judging both sides equally by saying: Well, it’s like this here, it’s like that there, and so on. But one never asks oneself: Is that really the case here and there? A Swiss newspaper recently published articles that, in a completely abstract way, pointed out that this and that were being said here and there, that lies were being told here and there, and so on, in order to be fair to both sides. But what if what was said there weren’t true? The articles spoke of the hypocrisy of the World War, but the articles themselves are completely hypocritical—precisely because of the way they are written. I will now read something to you—I should say, I do so with fear and trembling—that has been excerpted from a random German magazine to illustrate the difference, for what is written all around us is, after all, well known, and it is well known that this is truly not written out of goodwill toward the peoples of Central Europe. For even where one finds, I might say, less scathing judgments, one still finds more than enough that is far from friendly toward the national character that, after all, produced Goethe, Schiller, Lessing, and so on.
[ 59 ] Da ist mir also «zufällig» ein Artikel über Menschenwürde von Alexander von Gleichen-Rußwurm in die Hände gefallen. Er ist dadurch veranlaßt, daß man — Sie werden ja vielleicht davon gehört haben — die Deutschen Barbaren genannt hat, sogar in der Peripherie jetzt noch Barbaren nennt. Von Gleichen-Rußwurm nimmt keinen besonderen Anstoß daran, daß man das Wort Barbaren gebraucht — im Gegenteil, er zeigt ganz nett, was die Griechen, die Römer unter «Barbaren» verstanden haben und sicher nicht einmal so etwas Schlimmes meinten. Aber darauf will ich nicht eingehen. Er spricht sich über die verschiedenen Völker aus; es ist wirklich ein Artikel, wie man ihn zahlreich heute finden kann, geschrieben von Leuten in Mitteleuropa, die äquivalent wären zum Beispiel mit Maeterlinck — Sie verzeihen! Gleichen-Rußwurm unterscheidet zwischen Völkern und Regierungen, und er tut das zuweilen mit Worten — ich teile sie nur mit, ich spreche sie nicht selber aus —, er tut das mit Worten, die ja schon schrecklich sind, wenn der Betreffende sich als Mitglied des Volkes beleidigt fühlt, aber ich glaube, es ist niemand unter uns, der so fühlt; wir sind alle Anthroposophen und können so etwas verstehen.
[ 59 ] So I “happened” to come across an article by Alexander von Gleichen-Rußwurm on human dignity. It was prompted by the fact that—as you may have heard—Germans have been called barbarians, and are still called barbarians even in the periphery. Von Gleichen-Rußwurm takes no particular offense at the use of the word “barbarians”—on the contrary, he quite nicely explains what the Greeks and Romans understood by “barbarians” and that they certainly didn’t even mean anything that bad by it. But I don’t want to go into that. He discusses the various peoples; it’s really the kind of article one finds in abundance today, written by people in Central Europe who would be comparable, for example, to Maeterlinck—please forgive me! Gleichen-Rußwurm distinguishes between peoples and governments, and he does so at times with words—I’m merely relaying them; I’m not uttering them myself—he does so with words that are, of course, terrible if the person in question feels offended as a member of the people, but I believe there is no one among us who feels that way; we are all anthroposophists and can understand such things.
[ 60 ] Ich lese ja auch nicht die Worte vor, die der Betreffende über die Regierungen spricht, sondern ich lese den Artikel vor — ich würdeihn sonst nicht vorlesen, wenn er mir nicht gerade in die Hände gekommen wäre —, ich lese ihn vor, um zu zeigen, daß Gleichen-Rußwurm, der kein so berühmter Mann, aber an Intelligenz etwa gleichwertig wie Maeterlinck ist, nicht davor zurückschreckte, innerhalb der Festung den eigenen Leuten wahrhaftig nicht Sand in die Augen zu streuen, sondern auszusprechen, was ein mutiger und ernsthaft denkender Mensch zu sagen hat. Nur ist es selbstverständlich, daß dasjenige, was innerhalb der Festung gesagt wird, eigentlich den Umkreis nicht berühren sollte, weil es ihn im Grunde genommen gar nichts angeht. Wenn man einigermaßen taktvoll denkt, so wird man einsehen, was ich damit sagen will. Nun, Gleichen-Rußwurm sagt:
[ 60 ] I’m not reading aloud the words that the person in question says about governments, but rather I’m reading the article aloud—I wouldn’t be reading it aloud otherwise if it hadn’t just fallen into my hands— I’m reading it aloud to show that Gleichen-Rußwurm, who is not such a famous man but is roughly Maeterlinck’s equal in intelligence, did not shy away from truly not pulling the wool over the eyes of his own people within the fortress, but rather from saying what a courageous and serious-minded person has to say. Of course, it goes without saying that what is said within the fortress should not actually reach the outside world, because, strictly speaking, it is none of its business. If one thinks with a modicum of tact, one will understand what I mean by this. Well, Gleichen-Rußwurm says:
Durch traurige Ausnahmegeschöpfe und deren Taten, wo und wie sie der Krieg entfesselt haben mag, läßt sich nicht ohne weiteres auf das psychische Allgemeinbefinden einer ganzen Nation schließen.
Das russische Volk ist gutmütig und sanft, was auch die ihm stammesfremden Kosaken begehen mögen. Die verbrecherische Regierung des Zarentums hat den Krieg heraufbeschworen, aber der größte Dichter des Landes, Tolstoj, der uns immer verehrungswürdig bleiben wird, hat in ergreifenden Worten Abscheu vorm Krieg gepredigt.
Die Greueltaten des französischen Pöbels, die Torheit seiner Minister und die bildungsfernen Äußerungen der Pariser Journalisten und Schriftsteller machen nicht ungeschehen, daß Frankreich das Vaterland des Heiligen der Nächstenliebe ist, Vincent de Paul, der heute noch manche Nachfolger hat, und verhindern keineswegs, daß der größere Teil des Volkes ebenso arbeitsam wie friedlich gesinnt ist.
England bleibt Shakespeares Heimat, es hat der Welt zarte Dichter, opfervolle Philanthropen, Philosophen von höchstem Wert geschenkt, trotzdem wird es von Lügnern und Falschspielern regiert, und die Engländer, die am selbstbewußtesten von ihrer Kultur denken, haben durch ihre Art der Kriegsführung die Krone scheußlichsten modernen Barbarentums gezeitigt.
Italiens charakterlose Banditenregierung verdient Verachtung. Auch den Freunden des Landes war alles, was mit dem dritten Italien zusammenhing, unangenehm und widerlich, aber von der alten Kultur, dem künstlerischen Sinn und der Schönheit des Landes haben wir seit Goethe so reiche Schätze erhalten, daß wir sie unvergessen und weiter fruchtbringend in unserem Herzen bewahren.
Der Haß unserer Feinde hat vielleicht das Wertvollste an unserem Wesen gerettet. Die Bitternis, die uns jetzt zuteil wurde, die Erkenntnis einer unerhörten Abneigung von allen Seiten her, gleicht der Warnung, die der Sklave dem Triumphator zuraunen mußte: «Gedenke, daß du sterblich bist!»
Sie bewahrt uns davor, auch wenn niedriger Mund sie ausspricht, daß Hochherzigkeit nicht zur Überhebung führt, schöne Siegesfreude nicht zur «Hybris» entartet, zu der Vermessenheit, vor der griechische Dichter ihre Helden warnen.
Schiller, um die Würde der Menschen besorgt, meinte, daß adlige Menschen nicht nur mit dem zahlen, was sie tun, sondern mit dem, was sie sind.
Ein adliges Volk tut aber desgleichen.
One cannot readily draw conclusions about the general psychological well-being of an entire nation based on a few tragic outliers and their actions, wherever and however the war may have unleashed them.
The Russian people are good-natured and gentle, regardless of what the Cossacks—who are of a different ethnic background—may do. The criminal government of the Tsarist regime brought about the war, but the country’s greatest poet, Tolstoy, who will always remain worthy of our reverence, preached his abhorrence of war in moving words.
The atrocities of the French mob, the folly of its ministers, and the uneducated remarks of Parisian journalists and writers do not undo the fact that France is the homeland of the saint of charity, Vincent de Paul—who still has many followers today—nor do they in any way prevent the majority of the people from being both hardworking and peace-loving.
England remains Shakespeare’s homeland; it has given the world tender poets, self-sacrificing philanthropists, and philosophers of the highest caliber; yet it is ruled by liars and cheats, and the English, who are the most self-assured about their culture, have, through their manner of waging war, brought forth the crown of the most hideous modern barbarism.
Italy’s spineless bandit government deserves contempt. Even to the country’s friends, everything associated with the Third Italy was unpleasant and repulsive; yet since Goethe, we have received such rich treasures from the country’s ancient culture, artistic sensibility, and beauty that we keep them unforgotten and continue to cherish them fruitfully in our hearts.
The hatred of our enemies may well have saved what is most precious about our very being. The bitterness now inflicted upon us, the realization of an unprecedented aversion from all sides, resembles the warning that the slave had to whisper to the triumphant conqueror: “Remember that you are mortal!”
It protects us—even when uttered by a lowly mouth—from allowing magnanimity to lead to arrogance, and from letting the joy of victory degenerate into “hubris,” that very presumption against which Greek poets warned their heroes.
Schiller, concerned for human dignity, believed that noble people are judged not only by what they do, but by what they are.
A noble people, however, acts in the same way.
[ 61 ] Sie sehen, man kann sehr abfällige Urteile haben über diejenigen, die beteiligt sind an den gegenwärtigen Ereignissen, und braucht nicht darauf zu verfallen, ganze Völker zu schmähen. Aber Urteile von solcher Art — sie könnten verhundertfacht werden —, sie sind einfach vorhanden! Und wenn man einmal statistisch vergleichen wird, wie vom August 1914 an über andere Völker geurteilt worden ist in Mitteleuropa und wie im Umkreise, dann wird sich eine merkwürdige geistesgeschichtlich-kulturgeschichtliche Erkenntnis ergeben — mittlerweile ist man ja weit davon entfernt.
[ 61 ] As you can see, one can hold very disparaging views about those involved in current events without resorting to denigrating entire peoples. But judgments of this kind—which could be multiplied a hundredfold—simply exist! And once a statistical comparison is made between how other peoples were judged in Central Europe from August 1914 onward and how they were judged in the surrounding regions, a remarkable insight into the history of ideas and cultural history will emerge—though we are still a long way from that.
[ 62 ] Mr. Leadbeater beschäftigt sich mittlerweile damit, die Verbrecherstatistik von Deutschland und England miteinander zu vergleichen und schreibt mit großen Buchstaben im «Theosophist», wie vielmal mehr Verbrecher Deutschland als England hat. Dann weist ihm ein Leser in einer der nächsten Nummern nach, daß er bei seiner Statistik vergessen hat, eine Zahl einzusetzen — sie ist einfach unter einer andern Rubrik angeführt —, eine Zahl, welche das alles aus der Welt schlägt. Ich glaube, er berücksichtigt für England nur 12000 Verbrecher und vergißt 146000; für Deutschland führt er aber alle an. Aber während der Artikel mit dieser Statistik, die er angibt, um Deutschland als das Land der größeren Zahl der Verbrecher hinzustellen, mit ganz großen Buchstaben im «Theosophist» ist, steht die Widerlegung ganz hinten mit sehr kleinen Buchstaben, mit winzig kleinen Buchstaben. Solche Statistiken werden einmal durch andere Statistiken ersetzt werden, und dann wird sich doch einiges von dem bewahrheiten, was diese bernische Preisschrift «Zur Geschichte des Kriegsausbruchs» sagt:
[ 62 ] Mr. Leadbeater is now busy comparing crime statistics from Germany and England and writes in large print in The Theosophist about how many times more criminals there are in Germany than in England. Then, in one of the subsequent issues, a reader points out to him that he forgot to include a figure in his statistics—it is simply listed under a different heading—a figure that completely invalidates his argument. I believe he counts only 12,000 criminals for England and overlooks 146,000; for Germany, however, he lists them all. But while the article presenting these statistics—which he cites to portray Germany as the country with the greater number of criminals—appears in very large print in The Theosophist, the rebuttal is tucked away at the very back in very small print—in minuscule letters. Such statistics will one day be replaced by other statistics, and then some of what this Bernese prize-winning essay, “On the History of the Outbreak of War,” says will indeed prove to be true:
Aber die Geschichte läßt sich auf die Dauer nicht fälschen, die Legende vermag vor der wissenschaftlichen Forschung nicht standzuhalten, das dunkle Gewebe wird ans Licht gebracht und zerrissen, auch wenn es noch so kunstvoll und fein gesponnen war.
But history cannot be falsified in the long run; legend cannot withstand scientific scrutiny; the dark web is brought to light and torn apart, no matter how artfully and finely it was woven.
[ 63 ] Meine lieben Freunde, ich mußte schon solche Dinge vorausschikken, wenn ich über manches von dem ein nächstes Mal sprechen will, was ja einige erschnen und was, wie ich nochmals bemerke, eben durchaus nicht so bequem gemacht werden darf, wie man es sich vielleicht vorstellt. Ich habe ja nicht nötig, diese oder jene Meinung abzugeben; der Okkultist gewöhnt sich daran, rein, unverfälscht die Tatsachen anzusehen und sie hinzustellen. Und ich weiß sehr gut, was — selbstverständlich niemand aus diesem Kreise, denke ich — aber mancher Außenstehende besonders heute gleich erwidern würde wegen Greueltaten und so weiter — allerlei Dinge, die man billigerweise, eben ohne die nötige Perspektive, immer wieder und wiederum erzählt und aufgreift. Ich kenne und weiß diese Einwände, aber ich weiß auch, wie kurzsichtig es ist, sie zu machen, und wie wenig derjenige, der sie macht, eine Ahnung hat, wie die Dinge eigentlich liegen und wie sich die verschiedenen Schuldfragen verteilen.
[ 63 ] My dear friends, I had to preface things in this way if I am to speak next time about certain matters—some of which have already come to light and which, as I would like to point out once again, certainly cannot be handled as conveniently as one might imagine. After all, I have no need to express this or that opinion; the occultist becomes accustomed to viewing the facts purely and unadulteratedly and presenting them as they are. And I know very well what—certainly no one from this circle, I think—but many outsiders, especially today, would immediately counter regarding atrocities and so on—all sorts of things that are, quite understandably, without the necessary perspective, recounted and taken up again and again. I am familiar with and aware of these objections, but I also know how short-sighted it is to raise them, and how little the person raising them has any idea of how things actually stand and how the various questions of guilt are distributed.
[ 64 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, als wir den Streit hatten — wenn man es so nennen kann — mit Mrs. Besant, da brachte es diese fertig, uns alle Schuld zuzuweisen. Sie hat dazumal — nach der Angabe eines ihr bis dahin Ergebenen, aber nun von ihr Abgefallenen — nach dem Prinzip gehandelt: Wenn jemand von einem andern angefallen wird und der Angefallene schreit «zu Hilfe, zu Hilfe», so sagt man dem nach Hilfe Schreienden, er tue etwas Unberechtigtes, denn er lasse sich nicht freiwillig abschlachten. — So etwa war der Einwand, den dazumal Mrs. Besant gemacht hat. Aber von ähnlicher Qualität sind auch manche Urteile, die in der Gegenwart gefällt werden; sie sind nicht mehr wert als diese. Man kann in dieser Beziehung die allermerkwürdigsten Erfahrungen machen. Gutwillige, wohlwollende Menschen, die im gewöhnlichen Leben nie ein solches Urteil fällen würden, wie sie es über das fällen, wovon sie — pardon! — nichts wissen, nämlich über politische Dinge — diesen Menschen fehlt Klarheit in ihren Urteilen. Und darum handelt es sich, meine lieben Freunde: um die Grundbedingung für eine Urteilsfindung überhaupt, nicht um die Abgabe dieses oder jenes Urteils in dieser oder jener Richtung.
[ 64 ] You see, my dear friends, when we had that dispute—if you can call it that—with Mrs. Besant, she managed to place all the blame on us. At that time—according to the account of someone who had been devoted to her until then but had since fallen away from her—she acted according to the following principle: If someone is attacked by another and the victim cries out “Help, help!” then one tells the person crying for help that he is doing something unjustified, because he is not allowing himself to be slaughtered voluntarily. — That, more or less, was the objection Mrs. Besant raised at the time. But some judgments passed in the present are of a similar nature; they are worth no more than that. One can have the most remarkable experiences in this regard. Well-meaning, benevolent people who, in ordinary life, would never pass such a judgment as they do on matters about which they—pardon me! — know nothing about, namely political matters — these people lack clarity in their judgments. And that is what this is all about, my dear friends: the fundamental condition for forming a judgment at all, not the passing of this or that judgment in this or that direction.
[ 65 ] Nächsten Sonnabend werden wir uns also wiederum um 7 Uhr hier treffen.
[ 65 ] So next Saturday, we'll meet here again at 7 o'clock.
